“Willkommenskulturen. Beispiel POLEN“. Ein Gastbeitrag von Kerem Schamberger , MEDICO – International:

Für philosophische Reflexionen ist es selbstverständlich, umfassend nach den Dimensionen der Hilfsbereitschaft jetzt im Krieg gegen die Ukraine zu fragen: Wer ist der andere, die andere? Gibt es Hierarchien im Umgang mit den anderen hinsichtlich der Solidarität des Westens, etwa Polens? Dringende Fragen, zu denen der Autor Kerem Schamberger von MEDICO-International Stellung nimmt. Der Religionsphilosophische Salon Berlin dankt für die Möglichkeit, diesen wichtigen Beitrag auch hier zu publizieren. Und dadurch für eine umfassendere Aufklärung beitzutragen. Christian Modehn.

1.

In Warschau packt die ukrainische Künstlerin Yulia Krivich in einem Nebengebäude des Museum of Modern Art zusammen mit anderen Freiwilligen Lunchpakete für die Ankommenden. Sie erzählt uns von ihrer Mutter, die in der Zentralukraine lebt. Seit Russland 2014 die Krim annektierte, habe diese einen Koffer mit dem Nötigsten in der Ecke stehen, um im Zweifel schnell fliehen zu können. Ob sie das nun getan habe? Nein, schüttelt Yulia Krivich den Kopf, noch nicht. Dann widmet sie sich wieder den Lunchpaketen. Schließlich sind Millionen von Ukrainer:innen auf der Flucht Richtung Westen.
Eine Woche lang waren wir – meine medico-Kollegin Karoline Schaefer und ich – in Polen unterwegs. Zuerst in Warschau, dann an der polnisch-belarussischen Grenze und weiter im Süden an der ukrainischen Grenze. Auf mehr als 1.500 Kilometern konnten wir uns einen Einblick verschaffen, wie die polnische Gesellschaft ihre Türen geöffnet hat. Bisher sind mehr als zwei Millionen Kriegsflüchtlinge ins Land gekommen. Das Gros der Hilfe leisten Organisationen und Aktivist:innen der polnischen Zivilgesellschaft. Sie werden von Frei[1]willigen und Organisationen aus anderen Ländern unterstützt. Der Staat ist hingegen kaum präsent, auch nicht am Warschauer Hauptbahnhof. Tausende kommen hier täglich an. Im ersten Stock wurden Bettenlager errichtet, in denen Menschen oft tagelang verharren, weil sie nicht wissen, wohin. Freiwillige organisieren die Verteilung des Allernötigsten: Essen, Hygieneartikel, Powerbanks.

2. Die Regierung benutzt die Hilfe

Momentan geht eine Welle der Solidarität durch die polnische Gesellschaft. Sie schließt an den vergangenen Herbst an, als viele polnische Aktivist:innen in der Grenzregion zu Belarus Hilfe für die in den Wäldern umherirrenden Geflüchteten leisteten – gegen den Willen des polnischen Grenzschutzes und trotz der Kriminalisierungsversuche durch die rechte PiS-Regierung. Oft sind es dieselben Gruppen und Organisationen, die nun die Erstversorgung für die Flüchtenden aus der Ukraine organisieren. Viele von ihnen sind sauer: „Die Regierung benutzt die breite gesellschaftliche Solidarität für ihre eigene Agenda, für den Stolz auf die ‚polnische Nation‘. Es ist viel Propaganda“, sagt jemand. Das gehe so weit, dass die PiS nun Druck auf die EU ausübe, die gegen Polen verhängten Strafgelder aufzuheben, weil sie sich so vorbildlich um die Flüchtlinge kümmerten. Wie absurd das werden kann, erzählen uns Aktivist:innen in der Stadt Lublin im Osten des Landes. Dort unterhält die polnische Organisation Homo Faber eine Notfallhotline für Flüchtlinge aus der Ukraine. Mehr als 1.000 Anrufe täglich nehmen sie entgegen, rund um die Uhr. Die Regierung hat die Nummer ohne vorherige Rücksprache auf ihre eigenen Webseiten gestellt und nicht mal angegeben, dass Homo Faber sie zusammen mit ukrainischen Freiwilligen betreibt. „Wir sind es leid, von der Regierung benutzt zu werden“, sagt eine Mitarbeiterin. Es sei unklar, wie lange sie die enorme Arbeitsbelastung durchhalten können. Alle seien am Ende ihrer Kräfte.
Richtige und falsche Geflüchtete
Besonders sichtbar wird die humanitäre Krise in den Vereinsräumen von Ukrainski Dom, einer Organisation, die schon vor Jahren von in Polen lebenden Ukrainer:innen gegründet wurde. Vor dem kleinen Haus im Zentrum von Warschau stehen Dutzende geflohene Ukrainer:innen Schlange, um eine SIM-Karte zum Telefonieren zu erhalten oder – noch wichtiger – eine Unterkunft vermittelt zu bekommen. Das ist gerade die Hauptaufgabe des Vereins, berichten uns zwei Mitarbeiter:innen. Seit Kriegsbeginn hätten sie nur wenig geschlafen, auch aus Sorge um ihre Verwandten in der Ukraine. Und sie erzählen von Unterschieden in der Hilfsbereitschaft. Unterkünfte gebe es vor allem für ukrainische Frauen und Kinder, aber nicht für andere Gruppen von Flüchtlingen. Auch andere Aktivist:innen, mit denen wir sprechen, kritisieren, dass der Solidaritätsbegriff in der polnischen Mehrheitsbevölkerung etwa Rom:nja-Familien, Schwarze und andere People of Colour oft ausklammert. Der Fokus von LAMBDA, einer traditionsreichen queeren Organisation in Warschau, ist es deswegen, in dieser Krisensituation den „Ausgeschlossenen unter den Ausgeschlossenen“ zu helfen: Die Aktivist:innen vermitteln Wohnungen, geben Gutscheine für Kleidung und andere Dinge des täglichen Bedarfs aus und bieten kostenlosen Sprachunterricht für die Geflüchteten an – explizit für alle.

3. Wie extrem die faktische Ungleichbehandlung von Geflüchteten ist, wird im Białowieża-Wald im polnisch-belarussischen Grenzgebiet deutlich.

Dort versuchten Ende letzten Jahres mehrere Tausend Menschen aus dem Nahen Osten nach Europa zu gelangen und noch immer halten sich dort Menschen auf der Flucht versteckt. Hier ist der Staat sehr wohl präsent. Aber nicht, um zu helfen, im Gegenteil. Auf dem Weg zur Grenze passieren wir zwei Polizeikontrollen, die schauen, was oder vielmehr wen wir im Wagen haben. Am Ziel treffen wir eine Aktivistin der von medico unterstützten Grupa Granica, einer sozialen Bewegung, die Menschen­rechts­ver­letz­ungen dokumentiert und sich für Flüchtlinge einsetzt, die es auf polnischen Boden geschafft haben. Die Frau erzählt uns, dass die Notrufe von Geflüchteten aus dem Grenzwald aktuell wieder mehr werden. Auf der belarussischen Seite warten nach wie vor Hunderte Menschen. Deren Situation verschlechtert sich zusehends.
Diejenigen, die es über die Grenze geschafft haben und die Grupa Granica kontaktieren, sind total erschöpft und benötigen oftmals medizinische Versorgung. Viele kommen aus afrikanischen Ländern, einige haben zuvor in Russland oder Belarus studiert. „Es ist absurd, man wacht auf, und auf einmal sieht man zwei Menschen aus Ruanda im Wald“, sagt die Aktivistin. Wenn der Grenzschutz sie aufgreift, werden sie in eines von derzeit sieben geschlossenen Auffanglagern in ganz Polen gebracht. Die Grupa Granica nennt diese „Detention Center“, die Bedingungen seien allerdings noch schlechter als in polnischen Gefängnissen. Etwa 2.000 Menschen sitzen dort derzeit ein. Nur Psycholog:innen und Anwält:innen können die Insassen besuchen. Und davon gibt es viel zu wenige. Für die Aktivistin ist die Ungleichbehandlung von Ukrainer:innen einerseits und Menschen aus dem Nahen Osten und afrikanischen Ländern andererseits kaum auszuhalten. „Das ist purer Rassismus“, sagt sie.

4.

Fluchthilfe als Spektakel
Szenenwechsel. Der Kontrast von der Situation in den abgeriegelten Wäldern zu der Atmosphäre am Grenzübergang in Medyka an der polnisch-ukrainischen Grenze könnte kaum größer sein. Zehntausende Menschen, überwiegend Frauen und Kinder, passieren hier täglich den Schlagbaum. Fast alle sind erschöpft, tagelange Flucht liegt hinter ihnen. Was sie auf polnischer Seite erwartet, gleicht einem Jahrmarkt. Bunte Zelte, blinkende Girlanden, ein Pianist, der auf seinem Klavier „New York, New York“ spielt und an jeder Ecke Kamerateams aus der ganzen Welt. Daneben Hunderte NGO-Mitarbeiter:innen und Ehrenamtliche, die sich mit ihren Hilfsangeboten gegenseitig überbieten. Unter ihnen sind auch religiöse Sekten, Prediger:innen, messianische Christ:innen, die „den Juden dabei helfen wollen nach Israel zu kommen“, Selbstdarsteller:innen und mit Marsz Niepodległości sogar eine rechtsextreme polnische Organisation. Im vergangenen Jahr ist sie noch mit „Polen den Polen“-Transparenten aufmarschiert, die „richtigen“ Flüchtlinge aber heißt sie hier willkommen. Und dann ist da noch der polnische Grenzschutz. Anders als an der belarussischen Grenze hilft er hier den Geflüchteten beim Tragen der Koffer.
Zwei Animateure im Mickey-Maus- und Leoparden-Kostüm kommen uns entgegen. Als wir sie fotografieren, bitten sie uns, sie auf Facebook zu markieren, damit man sieht, wo sie sind. Es ist bezeichnend, dass sich am Grenzübergang Medyka als Hotspot der Medienaufmerksamkeit auch die meisten NGOs konzentrieren. Wo weniger Kameras präsent sind, sei es in Chelm oder Hrebenne, wird die Hilfe weitgehend allein von der lokalen Bevölkerung getragen. Dass es auch anders gehen kann, zeigt der Grenzübergang Budomierz. Dort arbeiten Aktivist:innen, NGOs und die örtliche Stadtverwaltung in enger Absprache zusammen. Der Bürgermeister, sein Stellvertreter und die örtlichen Stadträte kommen jeden Tag mehrmals vorbei und helfen mit. Und zwar nicht nur, wenn Fotograf:innen und Kamerateams dabei sind. Das könnte die Basis einer Hilfs- und Aufnahmeinfrastruktur sein, die auch bei andauerndem Krieg und fortgesetzter Flucht trägt und willkommen heißt.

5.

Die von medico seit Ende 2021 in Polen geförderte Grupa Granica kümmert sich seit Kriegsbeginn zusätzlich um Geflüchtete aus der Ukraine. Dabei konzentrieren sich die Aktivist:innen auf Rom:nja, Schwarze und andere People of Color ohne ukrainischen Pass, die ansonsten kaum Schutz erhalten. Gleichzeitig arbeitet die Gruppe weiter daran, die nach wie vor dramatische Situation der Flüchtlinge aus dem Nahen Osten an der polnisch-belarussischen Grenze und in den geschlossenen Camps zu verbessern. Daneben unterstützt medico den Verein Asmaras World, der benachteiligten Geflüchteten ohne ukrainischen Pass sichere Transportmittel für die Weiterreise zur Verfügung stellt und ihnen in Deutschland beim Zugang zu Versorgung, bei der Suche nach Unterkünften und in asyl- und aufenthaltsrechtlichen Fragen hilft.
Spendenstichwort: Flucht und Migration

Dieser Beitrag erschien zuerst im medico-Rundschreiben 1/2022. Das Rundschreiben schickt Ihnen MEDIO INTERNATIONAL gerne kostenlos zu. Jetzt abonnieren! Dort veröffentlicht am 05. April 2022

Kerem Schamberger:
Kerem Schamberger ist Kommunikationswissenschaftler und in der Öffentlichkeitsarbeit von medico international für den Bereich Flucht und Migration zuständig.
Twitter: @KeremSchamberg
Facebook: Kerem Schamberger
Instagram: keremschamberger
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Frankreichs Katholiken wählten am 10.4. 2022 rechtsextrem

Hinweise zum ersten Wahlgang.
Von Christian Modehn am 10.4. 2022, mit einer Ergänzung am 14.4.2022, siehe unten!

Eine Aktualisierung am 20.4.2022: LINK

1.
29 % der französischen Katholiken haben für Emmanuel Macron gestimmt, 27 % für Marine Le Pen (dagegen nur 23 % aller Wähler) und 10% der Katholiken für den sehr Rechtsradikalen Eric Zemmour (dagegen: nur 7% aller Wähler). Selbst die konservative Kandidatin Pécresse hat unter Katholiken noch 7 % der Stimmen erhalten, gegen 4,8 % im nationalen Durchschnitt. Also: Mehr als 41 % der Katholiken haben rechtsextrem bzw. sehr konservativ rechts gewählt.
2.
Interessanter noch ist das Wahlverhalten der so genannten praktizierenden Katholiken, also jener, die sonntags, einmal pro Monat, die Messe besuchen, wie man in Kirchenkreisen jetzt sagt.
Und das ist der Schock: Sogar 16 % der frommen, Messe besuchenden Katholiken haben den sehr Rechtsextremen Eric Zemmour gewählt, und das hat bestimmt nichts mit einer Sympathie für dessen jüdische Konfession zu tun, wie mir Leute in Paris berichten.
Der Religions-Soziologe Prof. Philippe Portier, Paris, betont angesichts dieses Wahlergebnisses: „ Es gibt bei den Katholiken Frankreichs jetzt eines sehr klare Entwicklung, nicht mehr zu zögern, um extrem rechts zu wählen. Früher bremste noch die Bindung an die offizielle soziale Kirchenlehre diese Wahlentscheidung. Diese Bremse der Kirchenlehre als Ablehnung des Rechtsradikalen gilt jetzt gar nicht mehr. Seit 2012 hat sich die Entscheidung für die Rechtsextremen verdreifacht“.
3.
Die extreme Rechte hat unter Katholiken also sehr viel Zustimmung gefunden, 41 % stehen rechts(extrem). Und das liegt an daran, dass es innerhalb des französischen Katholizismus seit Jahren eine breite rechte und rechtsextreme Mentalität gibt, die sich etwa zeigte bei den leidenschaftlichen Demonstrationen gegen die „Ehe für alle“, also auch für Homosexuelle. Diese von vielen Tausend Katholiken mit gestalteten und von einigen Bischöfen unterstützten Demonstrationen traten unter dem Motto auf „Manif pour tous“, Demo für alle. Aber gemeint war: Demo gegen die Ehe von Homosexuellen, gegen den Wandel der Gesetze bei dem Wandel der ethischen Vorstellungen … und der Emanzipation. Man muss daran erinnern, dass zur französischen Bischofskonferenz etliche sehr konservative, wenn nicht rechtsextreme Bischöfe gehören, wie etwa die Bischöfe von Toulon-Fréjus und Bayonne.
Tatsächlich befindet sich der französische Katholizismus seit Jahren in einem Niedergang, in einer tödlichen Krise, nicht nur, was die Anzahl der noch einsatzfähigen Priester (unter 75 Jahren!) in den Gemeinden angeht, den Rückgang in der Teilnahme an der Messe und die vielen jetzt dokumentierten und freigelegten pädo-sexuellen Verbrechen durch Priester.
4.
Interessant ist, dass angesichts dieser starken Rechtslastigkeit, dass 14 Prozent der Katholiken für den wichtigsten Kandidaten der Linken, Jean-Luc Mélenchon, gestimmt haben, 2 % für den Kommunisten Fabien Roussel und 2 % für die Sozialistin Anne Hidalgo, für den „Grünen“ Yannick Jabot stimmten 3 % der Katholiken. Betrachtet man die immer kleiner werdende Gruppe der praktizierenden Katholiken, dann haben insgesamt 24 % eher linke, sozialistische bzw. grüne Kandidaten gewählt.
5.
Wichtig ist, dass in dem von armen Leuten bewohnten Département Seine-Saint Denis z.B. der Linke Kandidat Mélenchon bis zu 6o Prozent der Stimmen erhielt. Das heißt: Die Menschen am Rande, die Armen und arm Gemachten, haben weder in Macron noch in Le Pen ein Vertrauen.
6.
Wenn Emmanuel Macron am 24. 4.2022 wieder zum Präsidenten gewählt werden sollte, dann auch von Bürgern, die ihn nur aus Abwehr gegen die Rechtsextreme Le Pen gewählt haben. Macron wird also keine breite Masse in der Bevölkerung hinter sich haben, also Leute, die seine neoliberale und durchaus auch nationale Politik explizit unterstützen. Macron ist ein Präsident der sozusagen nur das kleinere Übel ist. Das war für Präsident Hollande schon so, und es ist wahrscheinlich ein Grundübel des französischen Wahlsystems, dass Frankreich Präsidenten erlebt, die eigentlich nur von einer Minderheit explizit gewollt sind, zumal wenn man den Anteil der Nichtwähler mit berücksichtigt. Das macht viele Franzosen traurig/depressiv bekanntermaßen und ist auch die Ursache für die vielen Turbulenzen, die die Innenpolitik und Sozialpolitik dort erlebt.

Quelle: Tageszeitung „La Croix“ vom 11.4.2022. Die Statistiken beziehen sich auf eine Umfrage am Sonntag 19.4.2022 des Meinungsforschungsinstitutes IFOP.

Ergänzung am 14.4.2022:

Die oben genannte Umfrage zeigt auch: Der rechtsradikale Präsidentschaftskandidat Eric Zemmour erhielt 7 % der Stimmen der „nicht-praktizierenden“ Katholiken, 10 % von „gelegentlich praktizierenden“ Katholiken und tatsächlich 16 % der regelmässig an den Messen teilnehmenden Katholiken.
Darauf hat Yann Raison du Cleuziou, Politologieprofessor an der Universität von Bordeaux hingewiesen. LINK

Diesen Trend bewertet der Politologe: Immer mehr praktizierende Katholiken lehnen die Werte der säkularisierten Gesellschaft ab, die Kirche erlebt seiner Meinung nach eine désécularisation, eine Ent-Säkularisierung, als Rückzug aus der Moderne. Bei Zemmour und Le Pen fühlen sich diese Katholiken, national gesinnt und an alten Werten hängend, wohl, also gegen die Öffnung der Ehe für alle; gegen Neubestimmung der Euthanasie, gegen Schwangerschaftsabbruch sowieso usw..
Natürlich, es gibt noch praktizierende Katholiken, die für Macron oder Mélenchon gestimmt haben, aber diese Kreise sind erstaunlich schweigsam, so, als würden sie sich schämen, sich nicht dem neuen rechtsradikalen katholischen Trend der Ablehnung der Moderne und der säkularen Werte (repräsentiert in Le Pen und Zemmour) anzuschließen.
Yann Raison du Cleuziou weist darauf hin, dass vor der Wahl die Bischöfe offiziell Verständnis zeigten für „le vote blanc“, also für die Abgabe eines leeren Stimmzettels als Protest … und Ausdruck der Hilflosigkeit bzw. der zunehmenden Gettoisierung des Katholizismus. Vote Blanc heißt also: Authentisch Katholische Werte gibt es bei keinem Kandidaten mehr zu finden, in bischöflicher Sicht.
Der Politologe kommt zu der Erkenntnis, dass die Katholische Kirche in Frankreich insgesamt derart minoritär geworden ist, dass fast nur noch Gegner der modernen Gesellschaft sich in der Kirche als „Engagierte“ aufhalten. Darauf haben wir in verschiedenen Beiträgen in www.religionsphilosophischer-salon.de bereits seit Jahren hingewiesen.

Mit anderen Worten: Der französische Katholizismus wird langsam aber sicher zur kleinen Minorität, wertend gesagt: zur Sekte. Es ist absehbar, dass es in Frankreich insgesamt bald nur noch 2.000 Priester mehr gibt, die jünger als 65 Jahre sind. Und weil man am Klerus, am Zölibat etc. festhält, sieht es düster aus für die Kirche. Mit anderen Worten: Das Festhalten am Zölibat und der Klerusherrschaft fördert den Niedergang der Kirche und vielleicht auch das Verschwinden des christlichen Glaubens in Frankreich. “Wird die Kirche zum Grab Gottes“, fragte Nietzsche einst. Die Antwort mit Blick auf Frankreich (aber auch Holland, Irland usw.) heißt: Ja, Nietzsche hat wohl recht.

Die Bischofskonferenz selbst ist jetzt so ängstlich, dass sie nicht in der Lage ist, in ihrer Stellungnahme zur Wahl am 24.4. 2022 überhaupt die Namen der beiden Präsidentschaftskandidaten zu nennen, im Unterschied zu 2002 etwa sprechen die Bischöfe keine klare Warnung aus vor Le Pen. Man möchte meinen: Die Bischöfe halten beide Kandidaten für gleichermaßen ungeeignet – aus klerikaler Sicht. So bleiben die Bischöfe vor dem 2. Wahlgang 2022 bei der “großartigen” Empfehlung,  jeder Katholik möge doch selbst überlegen. Das ist ja grundsätzlich richtig, aber angesichts eines möglichen Sieges von Le Pen doch sehr verzagt und “diplomatisch”. LINK

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Patriarch Kyrill muss endlich verurteilt werden.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 11.4.2022

Sind Europas Christen auch ohnmächtig gegenüber dem Putin-Ideologen Kyrill?

Patriarch Kyrill, Chef der Russisch-Orthodoxen Kirche und wie Putin KGB Mitglied,  ist der  große Unterstützer des russischen Präsidenten Wladimir Putin und dessen Angriffskrieges..

 

Allmählich wächst die Distanz: Einige orthodoxe Gemeinden in Europa, mit dem russischen Patriarchen verbunden, trennen sich von ihren Bindungen an diesen Kriegstreiber Kyrill., er nennt sich „seine Heiligkeit“.

Seit dem 23.2.2022 haben wir auf dieser Website sieben Beiträge über den Kriegstreiber und Putin-Freund, Patriarch Kyrill, veröffentlicht. Der Inhalt dieser Hinweise ist deutlich: Kyrill ist als Putin-Ideologe und ehemaliges KGB Mitglied ein wichtiger Kriegstreiber.

Wer gegen Putins Krieg kämpft, muss gegen Kyrill kämpfen. Das heißt: Er muss von der Ökumene angeklagt und aus der ökumenischen Gemeinschaft ausgeschlossen werden. Kyrill hat nicht im entferntesten Verständnis oder oder gar Sympathien für die demokratische Welt und die Menschenrechte. Er ist, so möchte man meinen, völlig benebelt, auch von den Weihrauchschwaden die durch seine Kathedralen schweben…

In den obersten Gremien der Kirchen, im Vatikan mit Papst Franziskus, in katholischen Bischofskonferenzen, in protestantisch geprägten ökumenischen Räten (wie dem ÖRK in Genf) herrscht hingegen vornehme Sanftheit gegen ein hartes Vorgehen gegen Kyrill. Papst Franziskus will sehnsüchtig diese andere Heiligkeit (Kyrill) alsbald treffen, er träumt noch immer davon, wie wichtig eine theologischer Versöhnung mit dieser nationalistischen orthodoxen Kirche ist…

Offenbar kann man noch immer (am 11.4.2022) davon ausgehen, dass es sogar eine große russisch-orthodoxe Delegation beim Welttreffen/bei der Vollversammlung des ÖRK in Karlsruhe, Anfang September 2022, geben soll. Wahrscheinlich wollen die Ökumeniker bei dieser Tagung ganz sanft, wie üblich, die frommen Putin – Ideologen aus Moskau von ihrem Weg ein bißchen abbringen…Aber dann wird es schon zu spät sein; dann wird die halbe Ukraine von Putin zerstört sein, mit Unterstützung des Patriarchen und seiner Untergebenen.  Kyrill muss jetzt, sichtbar für die Welt, vor allem die leidende Ukraine, von den Christen weltweit angeklagt und isoliert werden. Er ist alles andere als eine Heiligkeit…

Nebenbei, aber nicht unwichtig: Die Russisch-orthodoxe Kirche zahlte 2020 und 2021 als ihren freiwlligen Beitrag dem “Ökumenischen Weltrat der Kirchen” in Genf (ÖRK) eher einen sehr bescheidenen Betrag (in Schweizer Franken umgerechnet); der finanzielle Beitrag ist bescheiden, wenn man etwa das Luxusleben des Millionärs Patriarch Kyrill betrachtet: 2020 wurden 10.229CHF an den ÖRK überwiesen ; 2021 waren es 10.618CHF. Mit anderen Worten: Wenn die Russisch.orthodoxe Kirche aus dem ÖRK ausgeschlossen wird, wäre dies für diese ökumenische Weltorganisation kein finanzieller Verlust. Quelle: LINK

Inzwischen muss am 11.4.2022 von weiteren Ungeheuerlichkeiten des Putin-Ideologen Patriarch Kyrill berichtet werden:

1.
Den kürzlich verstorbenen sehr rechtsextremen Politiker, Antisemiten und Rassisten Wladimir Schirinowski würdigte der Patriarch als „talentierten und leidenschaftlichen russischen Patrioten“. Kyrill gibt sogar zu, „gute und persönliche Beziehungen zu Schirinowski seit vielen Jahren gehabt zum haben.“ Kyrill attestierte dem Verstorbenen „Gelehrsamkeit, Kenntnisse der Weltgeschichte wie der nationalen Geschichte und der internationalen Beziehungen“. (Quelle: Tagespost, 7.4.2022).
Man lese Beiträge über Schirnowski in der kritischen, demokratischen Presse, um sich von den Lügen des Patriarchen zu überzeugen.

2.
In seiner Sonntagspredigt vom 10.4.2022 sagte der Patriarch u.a.:
“Möge der Herrgott uns allen in dieser schweren Zeit für unser Vaterland helfen, uns zu vereinen, auch um die Staatsorgane herum”, sagte das Kirchenoberhaupt .Und er fuhr fort: “Dann wird unser Volk echte Solidarität und die Fähigkeit haben, äußere und innere Feinde abzuwehren und unser Leben so zu gestalten, dass in diesem Leben so viel Gutes, Wahrheit und Liebe wie möglich gibt”, so Kyrills Predigt. (Quelle: KNA und DOM RADIO, 10.4.2022)

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Putin – der Nihilist.

Ein philosophischer Hinweis von Christian Modehn am 10.4.2022.

Ergänzung am 10.5.2022. Nach der Rede Putins am 9. Mai 2022: 

– Putins Rede ist eine einzige Lüge.

– Putin zeigt einmal mehr, dass er von der Lüge total beherrscht ist. Weiß er noch, dass er lügt? Die totale Lüge ist ein Zeichen des Nihilisten.

– Putin will einen Krieg gegen die Ukraine (und den Westen), der sich in die lange Dauer, in die Länge zieht. So kommen immer mehr Menschen ums Leben. Aber das ist ihm egal. So werden immer weniger Menschen in Afrika z.B. Weizen aus der Ukraine beziehen können. So werden die Nerven aller Demokraten weltweit immer mehr strapaziert. Alle reden nur noch von Putin. Die Welt wird insofern “klein”, fixiert auf einen Verbrecher, falls Mister Trump, auch ihn nennen viele einen Verbrecher, nicht wieder das Feld beherrscht.

– So wird einmal mehr evident: Wer nach “dem” Bösen”fragt, verstehe dies bitte als eine personale Bezeichnung, bezogen auf einen Menschen, es geht um den bösen Menschen. Was denn sonst? Wer glaubt denn noch an metaphysische Kräfte DES (neutral  verstandenen) BÖSEN? Etwa an die Erbsünde? Soll den denn der Verbrecher Putin ein Beispiel für die Relevanz der Erbsünde (Adam und Eva) sein? Wie lächerlich, diese Vorstelling.

– Es sind immer nur Menschen, die sich in ihrer Freiheit entscheiden, total böse zu werden. Das erleben wir auch bei Putin. Und seinen Getreuen, auch in den Kirchen, wie dem so genannten Patriarchen Kyrill I. Er darf sich immer noch Christ und sogar seine Heiligkeit nennen. Die Kirchen des Westens sind zu schwach, zu ängstlich, diesen Kriegstreiber aus der Ökumene der Christen raus zu schmeißen.

– Und auch Papst Franziskus hat Verständnis für Putin, der in päpstlicher Sicht von der Nato bedroht ist. Sind das erste Anzeichen päpstlicher Verkalkung? Wahrscheinlich, und ein bißchen verständlich bei einem Alter von 85 Jahren… So wird eine Weltkirche, eine Organisation mit 1,4 Milliarden Mitgliedern,  “regiert”? LINK

…………..

1.
Philosophische Kommentare zu Putin, seinem Krieg gegen die Ukraine und die Demokratien der westlichen Welt insgesamt, sind zwar nicht zahlreich, können aber eigene Relevanz haben. Denn philosophierend versuchen wir die Gegenwart auf den Begriff zu bringen. Jetzt im Krieg Russlands gegen die Ukraine muss man die wichtigste ethische und menschliche Haltung des obersten Kriegsherren Wladimir Putin freilegen.
2.
Ein Begriff ist dabei entscheidend: Der Nihilismus. Dass mit Nihilismus etwas grundlegend anderes gemeint als mit dem philosophischen und religiös/mystischen Begriff NICHTS versteht sich von selbst und muss hier nicht entwickelt werden.

Ein Nihilist glaubt unbedingt an die Allmacht der Zerstörung. Wenn er andere tötet, geschieht dies in Gleichgültigkeit und Gewissenlosigkeit. Andere Menschen, alles Lebendige, sind für den Nihilisten nichts als wertlose Objekte, die dem Täter zur Verfügung stehen und vernichtet werden können. Der Nihilist gibt vor, dass ihn Ideologien leiten, wie Nationalismus, Antisemitismus, Rassismus usw., tatsächlich aber ist für ihn die Lust an der Zerstörung, das Hinabstürzen von Allem ins Nichts, ins total Leere, entscheidend. Aus „diplomatischen“ Gründen bekennen das Nihilisten nicht so deutlich, sie verschleiern ihre Destruktivität noch mit vielen Worten, ein letzter Rest von moralischem Bewusstsein?
3.
Erich Fromm, der Psychoanalytiker und Philosoph, hat den Nihilisten den Nekrophilen genannt, den Menschen, der alles Tote mehr liebt als das Lebendige und die lebenden Menschen. Für Erich Fromm gibt es zwei entscheidende menschliche Existenzformen: Die Biophilie und die Nekrophilie, in ähnlicher Form lässt sich die Existenz auch im Modus des Habens (Besitzers, Herrschers) oder im Modus des Seins (Leben, Lieben) aussagen. In totalitären Systemen lebt der Herrscher seinen Sadismus aus in dem „Wunsch, andere leiden zu machen oder sie leiden zu sehen.. Das Ziel dieser Sadisten ist, andere aktiv zu verletzen, zu demütigen, in Verlegenheit zu bringen oder sie in peinlichen oder demütigenden Situationen zu sehen“ (Erich Fromm, zitiert in Rainer Funk, Mut zum Menschen, Stuttgart 1978, S. 65). Dafür gibt es zahlreiche Beispiele, zuletzt etwa den monströsen surrealen Tisch, an den sich demokratische Politiker offenbar ohne weiteres setzten, der belorussische Diktator wurde von Putin zur gleichen Zeit an einem gemütlichen runden, kleinen Tisch empfangen….
4.
Hier wird vorgeschlagen, nicht so sehr den im ganzen auch hilfreichen psychologischen Interpretationsvorschlägen von Erich Fromm zu folgen, sondern eher den philosophischen Begriffen … und Putin als einen Nihilisten zu verstehen, als einen Menschen, der von der Lust am Nichts , also von einer lange geplanten totalen Vernichtung des Lebendigen, des Demokratischen, beherrscht ist. Diese nihilistische Destruktivität als Hauptmerkmal gilt, selbst wenn Putin noch viel von der alten Ideologie der „russischen Welt“ phantasiert oder von der orthodoxen Religion oder sogar von den Werten des Christentums (gegen den angeblich atheistischen Westen) spricht.
5.
An den Taten erkennt man den Nihilisten, nicht an seinen Worten.
In Putins Angriffskrieg gegen den selbständigen Staat Ukraine fällt auf: Die von ihm heiß begehrten, angeblich russischen Regionen im Osten der Ukraine, vor allem die Städte dort, werden von ihm im Krieg total zerstört, Städte also, die er angeblich mag und für sein Imperium nutzen will. Welch ein Widerspruch!
Es sind barbarische Taten, die da sein Militär begeht.
Putin als Sadisten freut es offenbar, dass in der geplanten Zerschlagung der Ukraine zugleich auch die „Kornkammer des Planeten“, wie es treffend heißt, vernichtet wird und dadurch „ein Hurrikan des Hungers“ (so UN-Generalsekretär Guterres) erzeugt wird. Der russische Diktator verkündet gleichzeitig einen Getreide-Exportstopp aus Russland bis zum 30.6. 2022, eine weitreichende Hungerkatastrophe zumal unter den Menschen in Nordafrika (Käufer russischen Weizens) wird bewusst vorbereitet. Stalin hatte schon einmal eine der schlimmsten Hungerkatastrophen realisiert: 1933 verhungerten in der Ukraine auf seinen Befehl dreieinhalb Millionen Menschen, „Holodomor“ wird das totale Verbrechen genannt.. Auch Stalin war ein Nihilist. Dass ihm seine kommunistische Ideologie nichts bedeutete, zeigte sich an seinem Pakt mit dem Faschisten Hitler.
Diese Haltung des Zynismus hat Putin mit Stalin gemeinsam: Selbst wenn Putin von Völkerfreundschaft die Rede ist, gilt jegliche Handlung dem „Trachten nach Bereicherung und Ausweitung des eigenen politischen Einflusses“ (Mischa Gabowitsch, „Putin kaputt?“, Berlin 2013, S. 64).
Über die nihilistische Mentalität Putins und seines Regime schreibt Katja Gloger in ihrem wichtigen Buch „Putins Welt“, München 2022, S. 135. Sie zitiert die russische Journalistin Jewgenija Albaz: „Um des Geldes willen ist alles erlaubt. Dieses Regime geht davon aus, dass jeder gierig und käuflich ist. Dass niemand Ehre und Würde empfindet“.
„Die russischen Eliten nehmen sich den sadistischen Genuss heraus, den verarmten Massen ihr Dolce Vita zu demonstrieren – um ihre Dominanz zu demonstrieren. In Russland lebten 2017 russische 131 Milliardäre, 180.000 Dollar Millionäre…Acht Prozent der Russen leben unter der Armutsgrenze, im Öl – und Gas – Imperium können manche Bürger von einem Gasanschluss nur träumen…. Ein Drittel der männlichen Bevölkerung lebt nicht lange genug, um einen Rentenanspruch zu stellen…“ (zit. Liza Alexandrova-Zorina, Lettre international, Winter 2017,S.44)
6.
Der Nihilist lebt im Selbst-Widerspruch des Lügners. Angeblich liebt er Dinge und Menschen, die er aber total zerstört. Angeblich ist Putin ein in der Kindheit getaufter orthodoxer Christ, aber den Hungertod von Millionen nimmt er in Kauf, die Gräueltaten seines Militärs . Alle seine Erklärungen zu den Kriegsverbrechen der russischen Truppen in der Ukraine sind eine Lüge, sie wollen verwirren, das klare Denken kaputt machen. Lüge ist das geistige Grundübel, also das geistige Verbrechen der Nihilisten.
Die Russland-Spezialistin und Journalistin Katja Gloger schreibt über den typischen nihilistischen Umgang mit Wahrheit und Lüge im Putin Reich: „Die Grenze zwischen Fakten und Fiktion verschwimmt: Fakten sind Fiktion und Fiktion wird zu Fakten…So schaffen Russlands Medien eine neue, konfuse Realität, der sich kaum nicht jemand anziehen kann…Eine Wanne voller Blut jeden Abend im russischen Fernsehen ist eine politische Realität geworden, sagt der ehemalige Spindoktor des Kreml, Gleb Pawlowskij“, (in „Putins Welt“, München 2022,S. 107).
Immanuel Kant schreibt: „Die Lügenhaftigkeit ist an sich böse. Die Lüge ist zu nichts gut, in welcher Absicht immer; sie ist an sich selbst böse und verwerflich. Lügenhaftigkeit ist “Nichtswürdigkeit, wodurch dem Menschen aller Charakter abgesprochen wird”, zit. In Kant-Lexikon, Rudolf Eisler, https://www.textlog.de/32495.html.
7.
Noch einmal: Der Nihilismus von Putin und seinen Leuten, den Milliardären, Oligarchen und Militärs, zeigt sich in deren permanenten Lügen-Propaganda. Sie ist so dreist und irrational, dass man lachen könnte, wären die Lebensbedingungen der Menschen in dem selbständigen Staat Ukraine nicht so verheerend. An die Lügen hatte sich Putin schon früh gewöhnt und sie als seine Lebensstrategie entwickelt: Zum Putin-Krieg gegen die Ukraine 2014 hat der russische Philosoph Michail Ryklin in „Lette International“ Herbst 2014, Seite 141, geschrieben: Schon damals folgte Putin der alten, lügnerischen Masche., die er als Zögling des KGB gelernt hatte zum Zweck des Machterhalts der Diktatur: „Die Grundlage für diesen Krieg liefert die totale Desinformation mitsamt nachfolgender Bezichtigung des Gegners jener Verbrechen, die man selbst ihm gegenüber begangen hat“. Und weiter schreibt Ryklin im Jahr 2014 !: „Je schlimmer die Torturen sind, welche die Ukraine zu ertragen hat, um so größer ist in Putins Sicht die Schuld der Ukraine selbst daran… Der Putinismus tötet mit seiner Berührung all das Lebendige, was in seinen Untertanen noch enthalten ist“ (ebd).

Putins Krieg ist nicht nur ein Krieg gegen die Ukraine, es ist ein totaler Krieg, der die ganze Welt in eine Zerrüttung führt, ökonomisch, ökologisch, friedensethisch, religiös. Putin und seine “Getreuen” vernichten eine halbwegs noch geordnete Form der Ernährung selbst der ärmeren Länder, Putin zuerstört Vertrauen, beeinflusst die westlichen Demokratien, er will mit allen Tricks und aller Gewalt will diese Demokratien schädigen, etwa in seiner Unterstützung für Trum oder Marine le Pen. Kann man sagen: Mit Putin wird es nie Frieden geben? Bestenfalls einen Waffenstillstand als Pause vor dem nächsten Krieg? Wer mit diesem Putin noch heute, Ende April 2022 noch eng freundschaftlich ergeben und verbunden ist, wie ein gewisser Herr Gerhard Schröder in Hannover, sollte der nicht auch als Partner eines Kriegsverbrechers gelten, wie viele politische Beobachter zurecht sagen?

Für die Philosophie ist die Lüge, zumal die permanente Lüge, der Gipfel menschlicher Verkommenheit.
8.
Es wird jetzt immer wieder auch von Literaten darauf hingewiesen, dass sich in der geistigen Substanz von Putin und den Seinen „ein großes Nichts“ offenbart. Dies betont die tschechische Schriftstellerin Magdalena Platzová. Sie meint dann leicht ironisch, „dieses große Nichts sei etwas, das man am besten mit Wodka runterspült“. Aber: Zu dem großen Nichts in Putin kommt die Autorin durch die Beobachtung der bekannten russischen Puppe Matrjoschka: Diese Matrjoschka ist “ein Großrussland, in das die anderen Länder hübsch ordentlich nach Größe eingeordnet werden: Armenier, Georgier, Ukrainer, Kasachen, Litauer, Esten und andere. Und wenn sich die große Puppe leert, ist sie hohl wie ein Fass. Ein großes Nichts. (Quelle: iLiteratura (Tschechien), 01.04.2022, Perlentaucher, 5.4.2022). Tatsächlich wird im populären Putin Kult dieser Diktator auch schon als Matrjoschka verkauft…
9.
Noch einmal muss betont werden: Putin (und seine Getreuen) als Nihilisten zu bewerten, steht in keinem Widerspruch zu dem vom Diktator nach außen hin gezeigten Bekenntnis zur russischen Orthodoxie. Man denke nur an diese inszenierten Fotos: Putin im Gebet in der Kathedrale, im vertrauensvollen, freundschaftlichen Gespräch mit Patriarch Kyrill (auch er einst KGB-Mitarbeiter), Putins Pilgerfahrten zum heiligen Berg Athos (Griechenland), seine Bereitschaft, prächtige Kathedralen der russischen Orthodoxie in Frankreich zu finanzieren etc. Der christliche Glaube bewegt Putin jedenfalls nicht persönlich, „innerlich“, denn sonst hätte er auf sein mörderisches Treiben verzichtet. Und sein Intimus, der Patriarch Kyrill von Moskau, hat es wohl bisher versäumt, Putin an seine Christen-Pflichten zu erinnern. Vielleicht glaubt der Patriarch selbst nur an die Macht und die Macht des Geldes, über auch der reichlich verfügt. Aber die vielen gläubigen Leute auf dem Land sehen die Fernseh-Bilder des staatlichen Fernsehens, andere Informationsmöglichkeiten haben sie nicht, und sie freuen sich, wie ihr Präsident betet, von Weihrauchwolken umhüllt ist und vor allem den einstigen KGB Kollegen, Patriarch Kyrill, brüderlich umarmt.
Und die russisch-orthodoxe Kirchenführung ist mit diesem Nihilisten Putin Und das aufs engste verbunden. Und das ist der Skandal: Die westlichen Kirchen denken offenbar nicht daran, Patriarch Kyrill als den besonderen Kriegstreiber SOFORT aus der Ökumene offiziell zu werfen. Und das ist eine Schande für alle anderen Kirchen, die noch christlich sein wollen. Immerhin hat jetzt der katholische Bischof von Münster Felix Genn den Putin-Patriarchen Kyrill I. „eine Schande für unseren christlichen Glauben genannt“. (Quelle: https://www.domradio.de/artikel/bischof-genn-kritisiert-russisch-orthodoxen-patriarchen)

10.
Wenn hier also Putin als Nihilist vorgestellt wird, dann ist nicht der „russische Nihilismus“ gemeint, der unter der Regierungszeit von Zar Alexander II. (1855-1881) in Kreisen oppositioneller Intellektueller lebendig war. Für diese Kreise waren Attentate und das Projekt „Zarenmord“ in gewisser Weise die Voraussetzung, um eine neue, menschenfreundlichere Gesellschaft zu schaffen. Nihilismus als Selbstbezeichnung einiger kritischer Intellektueller war damals eine kulturell-politische Bewegung durchaus emanzipatorischer Art, sie wurden auch Radikaldemokraten genannt. Man denke an Alexander Herzen, Nikolai Gawrilowitsch Tschernyschewski….
11.
Hingegen sieht Philosophie das Stichwort Nihilismus als Ausdruck für eine Haltung, dass alle Werte NICHTS sind, dass das Leben NICHTS ist, also sinnlos. Vor allem auf den russischen Dichter Iwan Sergejewitsch Turgenjew geht der heutige philosophische Nihilismus-Begriff zurück; man denke an seinen Roman „Väter und Söhne“ von 1862. Es ist im Roman der angehende Arzt Basarow, der betont:“Es gibt keine moralischen Prinzipien“. Basarow erkennt nichts Wertvolles an und er weiß nichts von Respekt, bewertet alles Lebendige nach Nützlichkeitserwägungen. Bei einem Spaziergang sagt er: „Hoffentlich gibt es in diesen Teichen Frösche… zum Sezieren.“ Er ist ein Mensch, der sich „vor keiner Autorität verbeugt, der kein einziges Prinzip auf Treu und Glauben gelten lässt, gleichgültig welchen Ansehen sich dieses Prinzip auch erfreuen möge“ (Turgenjew, Väter und Söhne).
12.
Putin, so wird in der Presse demokratischer Staaten berichtet, lebt jetzt immer mehr zurückgezogen, als ein Herrscher, der sich isoliert. Aber er hatte und hat ein Team von Ideologen, die ihm die Stichworte für seinen Krieg und seine nihilistische Ideologie liefern. Darauf weist „Le Monde Diplomatique“, Deutsche Ausgabe, April 2022, S. 8 hin : „Wer sind die russischen Falken. Hinter Putin politischer Radikalisierung stehen ultranationalistische Ideologen“ von Juliette Faure. Sie erwähnt einen einschlägigen politisch-religiösen Zirkel, den „Isborsk-Club“, in dem sich antiwestliche reaktionäre Ideologen und Kriegstreiber treffen.
In einem Interview betont Katharina Blum, Leiterin des OIsteuropa-Instituts der FU Berlin: „Zum Klub gehört aber auch jemand wie Tichon, der Metropolit der Russisch-Orthodoxen Kirche ist. Er gilt als Beichtvater von Putin, hat Bücher verfasst und betätigt sich als Regisseur… Orthodoxe Konservative und Monarchisten betonen vor allem die russisch-orthodoxe Kultur. Es ist demnach die Kirche, die Russland eine Identität verleiht. Sie beziehen sich auf das griechisch-orthodoxe Byzanz und sehen sich in der Tradition Dostojewskis, der Moskau als „Drittes Rom“ bezeichnet hat“. (Quelle: https://www.belltower.news/russlands-antiwestliche-ideologien-wichtig-ist-imperiales-denken-128641/ gelesen am 8.4.2022)
13
Putin (und die Seinen) als Nihilisten zu bezeichnen ist eine philosophische Erkenntnis, keine feuilletonistische Unterhaltung. Ein Nihilist geht aufs Ganze, hat den Willen zu zerstören, die anderen, die Feinde sind, zu zerstören und warum nicht auch das Volk, dem er zugehört? Wenn nur er selbst überlebt… Schließlich ist Putin entschlossen, bis 2036 im Amt zu bleiben, also bis ins Greisenalter von 84 Jahren. In der neuen Verfassung, die ihn offiziell bis 2036 regieren lässt, steckt so etwas wie sein Wille zum ewigen Leben, zur totalen Herrschaft … ad aeternum. Dieser Typ wird niemals Ruhe geben und Frieden wahren, solange er nicht mit seinen tödlichen Kriegen seine Ideologie realisiert hat, die Ideologie der totalen Herrschaft.
14.
Zum Schluss eine Erinnerung an Friedrich Nietzsche, der mit großem Elan den Nihilismus studierte und dazu publizierte. Nihilismus war für Nietzsche ein zentraler Begriff seiner Analyse der Moderne. Der Philosoph und Nietzsche Spezialist Prof. Volker Gerhardt schreibt in seinem Buch „Friedrich Nietzsche“ (München 1992), über Nietzsches Einsichten zum nihilistischen Menschen: „In diesem Willen zum Nichts leugnet der Mensch aber alles, was für sein Dasein wesentlich ist. Ja, er wendet sich gegen das Dasein selbst, indem er das durchstreicht, was dem Dasein Ziel und Inhalt gibt. Und so stellt sich hier das Leben gegen das Leben und führt zu einem elementaren Unsinn…“ (S. 155). … „Nihilismus bezeichnet für Nietzsche einen Zustand, in dem der Mensch letztlich nur das Nichts will. Ein solcher Wille zum Nichts kann aber nur ein Ausdruck äußerster Bedrohung oder Verelendung sein“ (S. 154).
15.
Putin hat zwar in seinem nationalistischen Wahn der totalen „Russischen Welt“ immer noch konkrete Ziele, die es zu erobern gilt. Aber diese Eroberung geschieht nur als totale Zerstörung, siehe die Putins Ukraine-Krieg von 2022 vorbereitenden Gräueltaten in Tschetschenien, Georgien, in Syrien oder im Osten der Ukraine und in Libyen usw.. Denn dass er einmal den Mittelmeer-Raum beherrschen will und beherrschen kann, via Syrien und Libyen und Eritrea usw. ist evident, dies macht ihn zum Herrscher des totalen russischen Reiches… Es sei denn, die demokratischen Staaten des Westens können das definitiv verhindern.
16.
Putin als Symbol-Figur des Nihilismus ist insofern auch eine Katastrophe, als er das Fühlen und Denken der Menschen der Welt bestimmt, wenn nicht determiniert: Er erzeugt Angst, nicht nur bei den Leidenden in der Ukraine und bald auch bei den Familien in Russland, die den Tod ihrer Söhne im Krieg bedauern und hoffentlich nicht noch als Helden feiern…
Putin als Nihilist fördert bewusst Irritationen, lässt an jeglicher Aussage zweifeln, sein maßloser Vernichtungswille führt dazu, dass die demokratischen Staaten immer mehr Geld für Rüstung ausgeben müssen … und Waffen sozusagen „das tägliche Brot“ werden, es kommt zu Einschränkungen in den Lebensbedingungen. Putin als Nihilist führt dazu, dass die demokratischen Staaten die Armen und arme Gemachten dieser Welt, etwa in Afrika, vergessen. Die demokratische Welt soll, so will es Putin, zerfallen, im Streit und im Hass gegeneinander, auch dies ist eine Konsequenz seines totalen Nihilismus. Wenn man Demokratie als lebendige Staatsform versteht, als Staat des Streitens um die beste Gestaltung der Menschenrechte, dann ist Putins Hass auf die Demokratie, jetzt auf die jungen Demokratie in der Ukraine, typischer Ausdruck seines Nihilismus.
Ein Nihilist ist der totale Verwirrer und Zerstörer.

Und die russisch-orthodoxe Kirche ist mit diesem Nihilisten aufs engste verbunden. Die westlichen Kirchen denken offenbar nicht daran, Patriarch Kyrill als den besonderen Kriegstreiber SOFORT aus der Ökumene offiziell zu werfen. Und das ist eine Schande für alle anderen Kirchen, die noch christlich sein wollen.
17.
Wie lässt sich Nihilismus überwinden? Diese Frage bewegt in der langen Geschichte die Philosophie. Um nur ein Beispiel zur nennen: Nietzsche sah eine Überwindung des Nihilismus in seiner Idee des „Übermenschen“, der den biederen Spießbürger, den „letzten Menschen“ („letzter Mensch“ im moralischen Sinne) überwinden soll.
Hier aber geht es um die politische und existentielle Frage: Wie kann man einen Nihilisten überwinden bzw. eine ganze Clique, die sich dem Nihilismus als moralischer Verworfenheit hingibt. Diese Nihilisten müssen ihre Macht verlieren, nur so kann die Welt in Frieden UND Demokratie leben. Es geht also im Kampf gegen Putin um einen Kampf gegen den gefährlichsten und barbarischsten unter allen Nihilisten: Dass es Nihilisten als Politiker heute auch anderswo gibt, ist eine Tatsache, und ein anderes Thema.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

 

Gibt es „das“ Böse“? Oder nur „den bösen Menschen“?

Für einen differenzierten Umgang mit „dem moralisch Bösen“.

Ein Hinweis als Diskussionsbeitrag von Christian Modehn.

1.

Es gibt Taten: Folter, Mord, Totschlag und Erschießen Unschuldiger im Krieg, also Taten, die von jedem Menschen verurteilt und bekämpft werden, von Menschen, die sich ihre Menschlichkeit bewahrt haben und ihrem Gewissen entsprechen.
In solcher theoretischen wie praktischen Zurückweisung von Folter, Mord, Totschlag, Erschießen Unschuldiger im Krieg usw. stellt sich, spontan, wie von selbst, bei Menschen mit Gewissen die Erkenntnis ein: Diese Taten sind böse. Sie dürfen nicht sein, sie sollen deswegen verhindert/beendet werden und sie müssen bestraft werden.

2.

Bestimmte Taten bestimmter Menschen, also der Mörder, der hemmungslos mordenden Soldaten, der Politiker und Generäle, die vom sicheren Schreibtisch aus das Morden befehlen, werden von der Vernunft und dem mit ihr korrespondieren Gewissen als böse bewertet: “Diese Taten darf es unter Menschen nicht geben“.
Und genau so wichtig ist die evidente Erkenntnis: Es sind Menschen, Täter, Mörder, die, fast umfassend bestimmt von böser Gesinnung und wegen ihrer freien Entscheidung fürs Böse, als böse Menschen bewertet werden.

3.

Es ist nicht so, dass man, wie so oft in der theologischen und philosophischen Tradition, annehmen muss: Angesichts böser Taten böser Menschen sollte man zuerst und vor allem von „dem Bösen“ sprechen. Dabei wird „das Böse“ als eine objektiv bestehende Macht angenommen, die sozusagen als solche für sich – als „Idee“ etwa – existiert und die dann bei bestimmten Menschen sichtbar wird und sich spürbar durchsetzt. Die Täter werden in diesem traditionellen Denkmodell zu Leuten, die dieses Böse als eine objektive Idee verwirklichen und sichtbar in die Welt setzen.

4.
Einen treffenden Ausdruck für diese traditionelle These bietet die immer noch bestehende Praxis des katholische Exorzismus: Dabei versucht ein speziell ausgebildeter Priester als Teufels-Spezialist durch verschiedene Gebete und Riten, einen Menschen von der (angeblichen) Gewalt des Teufels zu befreien. Der Teufel wird dann als die objektive Macht des Bösen angesehen: Der Teufel bzw. das Böse habe von dem Menschen Besitz ergriffen. Und diese objektive Macht kann durch die Kraft Gottes, vermittelt durch den Priester, aus dem Menschen vertrieben werden.

5.

Ein anderes Beispiel für die traditionelle Bewertung „des Bösen“: Der Theologe Kardinal Karl Lehmann hat auf dem Ökumenischen Kirchentag 2001 in Berlin einen sehr umfangreichen Vortrag gehalten zum Thema: „Ratlos vor dem Bösen?“ Und er begann, selbstverständlich für einen Theologen, sogleich von dem „Geheimnis des Bösen“ zu sprechen, er sprach am Anfang sogar von dem „fast undurchdringlichen Geheimnis des Bösen“, er sprach davon, „das das Böse sich gerne in seinem eigenen Ursprung verbirgt“ usw.
Also: „DAS Böse“ wurde und wird noch immer von vornherein als eine ideelle Realität angenommen, als ein metaphysisches Prinzip, das ins Menschenleben förmlich inkarniert ist.
Nicht der böse Mensch wird dann analysiert, sondern es geht um die metaphysische Frage: Wie kann Gott dieses Prinzip, „das Böse“ , neben sich als dem Allmächtigen zulassen? Ist Gott selbst vielleicht irgendwie auch „ein bißchen böse“ mit einem bösen „Neben-Gott“? Genau dies sind konsequenterweise die Themen, die der traditionell gelehrte Kardinal Lehmann dann „abhandelt“. Aber zur Klärung, der Frage: Wie umgehen mit den sichtbaren und spürbaren bösen Taten böser Menschen (!) und den sich festsetzenden bösen Mentalitäten und Strukturen, findet sich in dieser metaphysischem Spekulation nichts.
Diese traditionelle Reflexion hat für die bösen Täter nur den „Vorteil“, dass sie als solche theologisch und philosophisch gar nicht angeklagt und gegebenenfalls ausgeschaltet werden müssen. Es ist ja „das Böse“, diese „Idee,“ die in den Menschen waltet! „DAS Böse“ muss, wie auch immer, bekämpft werden, also in diesem traditionellen Denken nicht der Böse oder die Böse. Aber „DAS Böse“ zu bekämpfen, ist schon aufrgrund der Allgemeinheit und Unbestimmtheit zum Scheitern bestimmt. Trotzdem wird theologisch davon immer nich geplaudert, wenn das Böse in dieser Optik bekämpft wird, dann nach kirchlicher Vorstellung geistig, spirituell, vor allem sakramental, durch Taufe, Beichte, Kommunion.

Auch die alte theologische Ideologie der Erbsünde muss in dem Zusammenhang genannt werden, also die so genannte totale Verfallenheit aller Menschen seit Anbeginn in einen sündigen Zustand. Die Erbsünde wurde in diesem Mythos von Gott als Strafe verhängt, als die ersten Menschen im Paradies sündigten. Das ist ein Mythos, der keinerlei vernünftige Aufklärung zum Thema Böses erschließt. Man sollte ihn beiseite legen, er hat viel Unsinn bewirkt und seelisches Leiden erzeugt: Etwa: Diese Erbsünde werde in der sexuellen Begegnung und Zeugung/Empfängnis übertragen, so die offizielle Lehre der katholischen Kirche bis heute. Daran wird festgehalten, nur weil dieser heilige Greis Augustinus (gestorben 430) dies einmal gesagt und mit aller Gewalt durchgesetzt hat…Er wollte damit die Kirche und den Klerus als Macht stärken, denn nur der Klerus der Kirche kann die Taufe spenden, die von der Erbsünde befreit…

6.

Der Kampf gegen „das Böse“ wird also für die klassische Reflexion nur metaphysisch, nur religiös, geführt. Entsprechend versteht die Kirche die Bitte, an Gott gewandt, im „Vater Unser“ (Matthäus Evangelium, Kap. 6, 13): “Erlöse uns von dem Bösen“ als Bitte, von der wirksamen Idee und metaphysischen Realität DES (sachlich verstandenen) Bösen erlöst zu werden. Dabei ist diese Deutung einseitig! Auf Altgriechisch heißt es:
ἀλλὰ ῥῦσαι ἡμᾶς ἀπὸ τοῦ πονηροῦ.
O πονηρós bedeutet zweierlei: Die schlechte Eigenschaft von Dingen UND auch die moralisch schlechte, nichtswürdige, boshafte Person. Darum sollte man im Gebet „Vater Unser“ diese Bitte auch so verstehen: Erlöse uns von der bösen und nichtswürdigen Person, etwa dem Diktator, dem Henker, dem Mörder, dem Krieger. So würde Beten politisch analytisch präzise… Nebenbei: Die Bitte „Erlöse uns von dem Bösen“ fehlt in der Überlieferung des „Vater Unser“ im Lukas-Evangelium!

7.

Ich plädiere also dafür, anstelle von „Das Böse“ im ideellen, metaphysischen Sinn nun vor allem und vermehrt DEN und DIE bösen Menschen zu reflektieren und zu analysieren.
Dabei wird nicht geleugnet, dass jeder Mensch in einzelnen seiner Taten auch böse ist, aber diese alltägliche Boshaftigkeit ist etwas anderes als die grausame Tat, wie das(Kriegs-) Verbrechen usw.
Der Philosoph Martin Seel hat in seinem empfehlenswerten Buch „111 Tugenden – 111 Laster“ (Frankfurt M. 2012) gezeigt, dass alle von ihm vorgestellten Tugenden auch zu Lastern werden können und ebenso alle Laster auch zu Tugenden werden können. In diesem “Hin und Her” zwischen Tugend und Laster bewegen sich die Menschen.

Nur ein Laster wird nie eine Tugend: Die Grausamkeit (S. 30-31). „Der Grausame nimmt die Schmerzen seines Gegenüber nicht wahr, oder sie sind ihm gleich – oder er ergötzt sich daran… Er sieht nur sich und seine Begierden und Ideale: Eine Extremform der Egomanie und Bösartigkeit, von der auch staatliche wie nichtstaatliche Vereinigungen befallen sein können…Wer anderen gegenüber habituell grausam ist, ist es zugleich gegen sich selbst. Der Grausame muss eine Härte auch sich selbst gegenüber entwickeln, mit der er die eigenen Regungen under Zartheit und des Mitleids, der zugestandenen Unsicherheit und Schwäche unterdrückt…Sein Tun ist nicht einmal zu seinem Guten“ (S. 31). Hanna Arendt sagt in ihren Vorlesungen “Über das Böse” (München 2015, Seite 42) zum Sadismus als dem Tun des Bösen um des Bösen willen: “Sadismus ist das Laster aller Laster”.

8.

Jeder und jede wird bei diesen Sätzen zu den grausamen Bösen (Sadisten) konkrete Leute nennen, nicht nur Hitler oder Stalin usw., sicher heute auch die jetzige Clique der Führer in der russischen Diktatur. Und man wird sich in dem Zusammenhang fragen, ob die Politiker in Europa, vor allem in Deutschland, die geistige und moralische Kraft hatten, die Bösen (Menschen, Politiker) als solche, etwa in Russland, RECHTZEITIG zu erkennen.

Mit anderen Worten: Wer sich vor allem für DAS Böse als Idee usw. interessiert, übersieht DEN Bösen.

9.

Wer das Böse bekämpfen und überwinden will, muss also konkret den Bösen oder die Bösen verstehen, beim Namen nennen, bekämpfen und überwinden. Wer hingegen auf „DAS Böse“ fixiert bleibt, kann nur noch beten, dass das Böse, das Übel, der Teufel usw. bitte wieder verschwinden.

Wer nur „das Böse“ bekämpfen will, weigert sich, bewusst oder unbewusst, sich auf das politische Analysieren und das politische Handeln einzulassen. Nur dann wird außer Kraft gesetzt das „metaphysische Jammern“, das sich bekanntlich so äußert: „Das Böse hat sich wieder durchgesetzt“. Oder: „Gott hat uns verlassen“, „Die Apokalypse beginnt“, „Der Teufel und der Antichrist beginnen ihre Weltherrschaft“. Gegen solche diffusen Objektivierungen im Erleben böser Taten gilt es zu argumentieren. Sie verhindern den klaren Blick, und der gilt der deutlichen Analyse der bösen Tat eines bösen Menschen.

10.

Zur Erklärung und Vertiefung sollte man sich auf die Erkenntnisse von Immanuel Kant beziehen. Hier nur einige Grundlinien zu dem von Kant selbst als sehr komplex, als sehr schwierig verstandenen Thema „das Böse“.
Für Kant gilt: „Sittlich böse ist nur, was unsere eigene Tat ist“.
Der Ursprung des „Böses Tun“ zeigt sich in der Analyse der menschlichen Freiheit und der aus ihr folgenden Handlung. Es gibt für Kant keinen Naturtrieb im Menschen, böse zu sein.

Das Böses-Tun folgt vielmehr einer Maxime, die sich jemand frei wählt, also einen eigenen, bloß subjektiven Grundsatz, um dann von der allgemeinen Sittlichkeit abzuweichen. Der böse Mensch kennt also die moralischen Gesetze, die zum Guten aufrufen im Gewissen, aber setzt sich in freier Tat von diesen Grundsätzen ab und folgt seinen eigenen bösen Maximen. Dieser Mensch glaubt, für sich selbst Ausnahmen gelten zu lassen hinsichtlich der absoluten Gültigkeit des moralischen Gesetzes. Dieser Mensch, betont Kant, belügt sich selbst. Dabei bietet der kategorische Imperativ eine Art Kompass, der die Entscheidung erleichtert, was gut und was böse ist.

Das Setzen böser Maximen durch die Menschen ist für Kant nicht das Sich-Durchsetzen eines dem Menschen schon bereits vorgegebenen bösen Zustandes. Vielmehr: Das Setzen böser Maximen ist ein Gebrauch der Freiheit.

Aber wer sich für böse Maximen entschieden hat, also dann auch böse handelt und Böses in die Welt setzt, hat für Kant aber noch das Erlebnis einer Pflicht, die ihn aufruft, sich zu bessern. Diese Veränderung der Denkungsart des bösen Menschen ist so umfassend, dass sie Kant eine „REVOLUTION der Denkungsart“ nennt. Diese Änderung entspricht, so wörtlich, der „Heiligkeit der Pflicht“, die fordert, dem Gewissensspruch zu entsprechen. Wer guten Maximen folgt, also dem universalen moralischen Gesetz folgt, lebt als eine Art „neuer Mensch“ dann im Reich der Tugend, und dieses Reich ist so etwas wie das Reich Gottes auf Erden.

Es gibt für Kant also keine böse Natur des Menschen, der Mensch ist für Kant nicht wesentlich, nicht vom Wesen her böse, wie bestimmte (vor allem klassisch-protestantische) Theologen in Treue zu Augustinus aus dem 5. Jahrhundert noch heute sagen.

Es gibt aber für Kant im Menschen einen „Hang“ zur Annahme böser Maximen, einen Hang, nicht moralischen Maximen zu folgen.

11.

Diese Erkenntnisse hat Hannah Arendt vertieft, etwa auch in der genannten Vorlesung aus dem Jahr 1965 “Über das Böse. Eine Vorlesung zu Fragen der Ethik”. Sie legt allen Nachdruck darauf, dass jeder Mensch zum Gespräch mit sich selbst (auch Reflexion genannt) in der Lage ist. In diesem prüfenden Gespräch des Menschen mit seinem eigenen Denken und seinem Tun erlebt der Mensch, wie ihm der eigene Geist, die Vernunft, die Möglichkeit der guten und der bösen Entscheidung freilegt. “Das moralische Gesetz in mir (von dem Kant spricht) erhebt meinen menschlichen Wert, als einer Intelligenz, unendlich, durch meine Persönlichkeit , in welcher das moralische Gesetz mir ein von der Tierheit und selbst von der ganzen Sinnenwwelt unabhängiges Leben offenbart” (ein Zitat, das Arendt auf S. 35 f des genannten Buches bietet, es stammt von Kant selbst aus seiner “Kritik der praktischen Vernunft”, A 289).

Hannah Arendt legt allen Nachdruck darauf, dass das, was Gewissen genannt wird, heute als Bewusstsein seiner selbst verstanden werden sollte, als “die Fähigkeit, mit deren Hilfe wir uns selbst kennen und wahrnehmen” (S. 49). Nur wer zum Gespräch mit sich selbst bereit ist, hat die Chance, Gutes zu tun... “Die größten Übeltäter sind jene, die sich nicht erinnern, weil sie auf das Getane niemals Gedanken verschwendet haben und ohne Erinnerung kann nichts sie zurückhalten” (S. 77). Die schlimmsten Typen sind also “die gedankenlosen Kreaturen” (S. 76). Wer total zum Bösen abgedriftet ist, realisiert das “wurzellose Böse, dann  gibt es keine Person mehr, der man je vergeben könnte” (S. 78).

12.

Zurück zu Kant: Dies sind die Perspektiven, die Kant eröffnet: Der Mensch kann sich in seiner Freiheit entscheiden, er kann gegen sein Gewissen handeln und Böses tun, also etwa aus politischen und wirtschaftlichen Interessen Mord und Totschlag freiwillig begehen. Mit diesem Denken, das als Denken dem verbrecherischen Handeln vorausgeht, wird ein Mensch durch seine Entscheidung ein böser Mensch. Hier ist die Rede von Menschen, die zu einer eigenen Reflexion und zur eigenen freien Entscheidung in der Lage sind, das sind wohl die meisten. Nicht gemeint sind Mörder, die aufgrund einer physischen Abartigkeit etwa ihres Gehirns, zu einem zwanghaften bösen Tun getrieben sind.

13.

Das Handeln in Freiheit hat naturgemäß immer persönliche und genauso auch gesellschaftliche Voraussetzungen. Wenn etwa die Geld-Gier oberste Norm für viele Menschen in der Gesellschaft ist oder der Nationalismus und die Sehnsucht nach dem allmächtigen, starken Staat, dann kann der einzelne sich nur mit Mühe diesem Trend entziehen… und nur mit Mühe moralisch gut leben. Man denke etwa an das Eingebundenen der meisten Menschen in die kapitalistische und neoliberale „Ordnung“, an deren Verheißungen in der total gewordenen Werbung und dem Konsumismus. Unter diesen Bedingungen nicht gierig und böse zu werden, ist schwer und gelingt in alternativen Gruppen.
Diese Gewöhnung an das Böses-Tun kann so stark werden, dass für den Täter bzw. die Täter keine Umkehr zur Vernunft und Menschlichkeit möglich erscheint. Im individuellen Bereich werden solche Täter in Rechtsstaaten bestraft und eingesperrt, in der Politik muss der Rechtsstaat im äußersten Fall diese Leute isolieren und ausschalten.
Dabei steht auch fest: Wer Mörder bestraft oder mörderische Politiker ausschaltet, ist als freier Mensch auch selbst immer gefährdet, seine eigene Freiheit zu missbrauchen. Es gibt also nicht einerseits “den Bösen“ und „den Guten“ auf der anderen Seite. Wer aktuell Böse bestraft, war vielleicht selbst einmal böse oder wird böse.

14.

Wer über Böses nachdenkt, sollte den Menschen analysieren und nicht in ideelle metaphysische Welten ausweichen. Diese vernebeln nur die Klarheit im Verstehen oder sie führen zu Ausreden und Entschuldigungen, etwa: „Nicht ich war schuld am Böses-Tun, es war der Teufel, die Erbsünde, die Partei, die Kirche usw., die mich zur Tat angetrieben hat“.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Jegliche Beziehung mit dem Moskauer Patriarchen abbrechen!

Der französische orthodoxe Theologe Jean-Francois Colosimo nennt Patriarch Kyrill einen Mafioso.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 1.4.2022. Siehe auch: LINK

Ergänzt am 7.4.2022: Diese Hinweise zu Patriach Kyrill von Moskau, dem Putin – Freund, sind von besonderer Aktualität: Vom 31. August bis 8. September 2022 wird eine Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen (Genf) in Karlsruhe stattfinden. Das katholische DOM-Radio (Köln) berichtet am 6.4.2022, die Katholische Nachrichten Agentur KNA zitierend: “Die russisch-orthodoxe Kirche will daran teilnehmen und hat bereits eine Delegation von 22 Mitgliedern unter Führung von Außenamtsleiter Metropolit Hilarion Alfejew benannt. Dazu gehört übrigens auch der neue Patriarchalexarch von Afrika, Metropolit Leonid von Klein, der eine Parallelstruktur zum eigentlich für Afrika zuständigen orthodoxen Patriarchat von Alexandria aufbauen soll”.

1.
In der Pariser Wochenzeitung „Réforme“, einer Publikation französischer Protestanten, wird jetzt (am 30.3.2022) ein sehr wichtiges Interview veröffentlicht mir dem orthodoxen Theologen, Historiker und Schriftsteller Jean-Francois Colosimo. Er ist heute Leiter des katholischen Pariser Verlages „Les Editions du Cerf“, zuvor war er Präsident des orthodoxen Studienzentrum St. Serge in Paris. Colosimo bewertet die Verantwortung des Moskauer Patriarchen Kyrill für die Verbrechen im Putin-Krieg gegen die Ukraine als „außerordentlich und erdrückend“.

Wir übersetzen zwei Passagen des Interviews, das Jean-Luc Mouton mit Colosimo geführt hat. Deutlich wird in den Interview der Zeitschrift Réforme u.a.: Kyrill hat es akzeptiert, eine Art „heiliger Diener“ des Putin-Regimes zu sein. Kyrill vertritt die Putin-Ideologie: Der Westen sei von der Dekadenz der Sitten bestimmt, für Kyrill ist der Westen „der spirituelle Feind“, für Putin ist der Westen der militärische Feind. Diese gemeinsame religiös-politische Ideologie ist tödlich in diesem Krieg.

2.
“Der Patriarch: ein Milliardär und Mafioso”:
Der erste Teil einer Übersetzung des Interviews mit dem Orthodoxie-Spezialisten Jean-Francois Colosimo:

„Wir haben es mit Kyrill zu tun als einem kirchlichen Verantwortlichen, der schon vom kommunistischen Regime verdorben wurde und der es akzeptiert hat, Beichtvater des Geheimdienstes FSB zu werden, also der Nachfolgeorganisation des KGB. Kyrill ist der Seelsorger der Oligarchen. Er selbst hat ein Vermögen von zwei Milliarden Dollars geerbt. Er hat von einem Gesetz der Douma, dem russischen Parlament, profitiert, das ihn von Steuern auf Waren befreite, die für die Kirche Russlands importiert werden. Kyrill ist also der erste Importeur von Zigaretten, Parfum und Taschen der Marke Louis Vuitton in Russland. Es reicht, den Stempel des Patriarchats auf die Gegenstände zu setzen, wenn sie an der Grenze ankommen und alles ist von der Steuer befreit. Wir haben es also mit einem Mafioso zu tun, nicht weniger und nicht mehr. In seinen Gottesdiensten ist er umgeben von Schutzpersonal, das aus dem KGB stammt. Er liest in den Gottesdiensten das Evangelium vor Milliardären, die ihr Vermögen auf blutige Weise erworben haben, und der Patriarch spricht sie los von ihren Sünden….
3.
“Alle ökumenischen Verbindungen mit dem Patriarchen von Moskau abbrechen”:

Es wäre gut, dass die Orthodoxe Welt und die ökumenischen Kreise jegliche Beziehung mit dem Patriarchen von Moskau abbrechen. Er repräsentiert heute einen Skandal für das universelle christliche Gewissen. Er ist ist ein „Anti-Ökumeniker“ geworden.
Die gemeinsame Zurückweisung seiner Person gibt uns die Gelegenheit, eine wahre ökumenische Tat zu vollbringen und uns zu sagen: Die Orthodoxen haben Kyrill wirklich nicht verdient, das gilt genauso, dass die Russen den Putin nicht verdient haben. Kein Volk auf dieser Welt braucht Putin. Und keine Kirche dieser Welt braucht Kyrill. Beide Gestalten sind Gespenster, die hervorgegangen sind aus der stalinistischen Epoche…
Kyrill ist verrückt geworden, er hat sich in einen sinnlosen Krieg begeben, er hat Zwietracht in der Orthodoxie geschaffen, er benutzt alle Mittel des Kremls, um den Ehrenprimas Patriarch Bartholomäus von Konstantinopel zu zerbrechen.

Réforme, Hebdo protestante, 53 Av. du Maine, 75014 Paris.

www.reforme.net

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 

 

 

 

 

 Russland und die Ukraine werden vom Papst der unbefleckten Jungfrau Maria geweiht! Eine Form des offiziellen Aberglaubens!

Ein Hinweis von Christian Modehn am 17.3.2022.

Die zentrale Aussage der Predigt von Papst Franziskus am 25.3. 2022 im Petersdom anläßlich der Weihe der Ukraine und Russlands  an die “Gottesmutter Maria” siehe unten, am Ende dieses Beitrags.

Jeder kann sich auf seine Art von dem theologischen Niveau dieser Predigt ansprechen lassen. Merkwürdig ist nur, wenn schon der Papst so viel von Maria spricht als der Retterin in der Not: Warum verschweigt er das Magnificat, das bekannte Gebet der Mutter Jesu von Nazareth. Dort rühmt sie Gott, der, so wörtlich, “die Mächtigen vom Thron stürzt und die Niedrigen erhöht”, so im Lukas Evangelium, Kapitel 1, Vers 52.  Warum wird diese politische Einsicht Marias nicht auf die heutigen Machthaber und Kriegsherren (und den Patriarchen Kyrill) in Russland bezogen? Mein Eindruck ist: Viele fromme Worte und fromme altbekannte Floskeln sind in dieser Papstpredigt. Keine politische Analyse, keine Nennung der Namen der Kriegsverbrecher, alles hübsch diplomatisch und harmlos verkleistert. CM am 3.4.2022.

…………….Am 17.3. 2022 wurde dieser Hinweis publiziert:

1.

Der Krieg Putins gegen die Ukraine ist auch als Völkermord von so ungeheurer Bedeutung, dass die demokratische Welt von einem Kulturbruch, einer prinzipiellen Wende, einer anderen Epoche spricht.

2.

Diese Zeitenwende erfordert ein anderes, ein neues Denken, ein Denken stets im Schatten eines Krieges bzw. nach einem Friedensabschluss im Schatten eines nach wie vor bedrohlichen Russland. Denn dass Russland nach einem Ende Putins eine Demokratie wird, ist wohl angesichts der historisch gewachsenen Mentalitäten dort ausgeschlossen.

3.

Was tut die katholische Kirche mit ihrem Papst in Rom in dieser Zeitenwende, inmitten dieses globalen Umbruchs? Es ist aus der Distanz und vernünftig gesehen, eher eine schwache Leistung: Der Papst greift auf die üblichen alten spirituellen Mittel zurück, die immer schon in Kriegszeiten propagiert wurden. Papst Franziskus wird am 25. März 2022 Russland und die Ukraine der unbefleckten Jungfrau und Gottesmutter weihen, und zwar in einem feierlichen Gottesdienst im Petersdom. Ein Geschehen der Weihe, das man schlicht und einfach nur noch esoterisch nennen muss. Solche Weihen bestimmter Länder oder auch der ganzen Welt (etwa schon im Jahr 2013 durch Papst Franziskus) sind Ausdruck eines zutiefst mysteriösen, manche sagen zurecht abergläubischen Denkens: Die fromme These des Papstes ist: Maria als Himmelskönigin kann von Büßenden und betenden Katholiken im Himmel bestürmt werden. Denn sie hat, so allen Ernstes in der offiziellen katholischen Theologie, viel Einfluß bei dem himmlisch herrschenden, sehr personal gedachten Gott-Vater. Maria kann als Gottesmutter Jesu Christi also förmlich Gott-Vater beeinflussen, doch bitte schön Frieden zu schaffen, in dem Fall in der Ukraine … und letztlich in Europa.

Man könnte leicht auf den Gedanken kommen, dass diese in göttlichen Sphären höchst einflussreiche Jungfrau Maria doch als eine Art Göttin verehrt wird .… Also: Endlich ein weiblicher Gott im Christentum, mütterlich ansprechbar, freundlicher als der strenge Vater-Gott. Man lese bitte in dem Zusammenhang die alten Marien-Lieder in den katholischen Gesangbüchern bis ca. 1970, da wimmelt es förmlich an Vorstellungen von Maria der Göttin…Aus protestantischer Freundlichkeit  Nachlössigkeit wurden diese Fragen ökumenisch-theologisch bis heute nicht bearbeitet. Man lese aber zur Einstimmung das wichtige Buch “Mythos Maria”, von Hermann Kurzke, C.H.Beck Verlag.  LINK.

Diese Weihe Russlands und der Ukraine durch den Papst von Rom ist natürlich auch eine imperiale Geste, denn nur er, der Nachfolger des Apostelfürsten Petrus, weiß sich befugt, einige Länder oder gar die ganze Welt Maria zu weihen und mit seinem Weihwasser den ganzen Globus zu bespritzen, mit banalem Wasser, das er in heiliges Weih – Wasser verwandelt hat.
Ob die orthodoxen Patriarchen über diese imperiale Geste des Papstes, „bloß“ des Patriarchen von Rom in orthodoxer Sicht, begeistert sind, ist sehr die Frage.

Theologisch wichtiger aber ist die Frage: Was soll Maria im Himmel an Gottes Thron bloß tun: Sie muss Gott bitten, dem Kriegstreiber Putin ein Ende zu setzen. Und sie muss Gott bitten, die Kampfbereitschaft des ukrainischen Volkes zu stärken, vielleicht auch die Unterstützung der Nato göttlich abzusegnen. Einige Freunde fragen mich: Geht `s noch, bei dieser Weihe?

4.

Was wäre aber, wenn der Papst – in seinem (Aber)glauben  –  die Ukraine und Russland aus aktuellem Anlass doch besser dem gemeinsamen, dem ukrainisch-russischen Heiligen Wladimir bzw. Wolodymyr, weihen würde? Wladimir bzw. Wolodymyr (Ukrainisch) ist doch der Vorname von Putin wie von Selenskyi. Wladimir/Wolodymyr könnte doch an Gottes Thron Gott um Hilfe bitten oder? Dabei sollte die jüdische Konfession Selenskyis keine Probleme machen? Selenskyi denkt doch inter-religiös!
Immerhin ist doch auch Wladimir/Wolodymyr auch für die katholische, die römische Kirche, ein Heiliger, sein Feiertag ist der 15. Juli.
Wir sagen also mit dem selbstverständlichen kritischen Ton: „Also, heiliger Wladimir, tu was im Himmel!“ Vergessen wir also die Mittlerin zu Gott, die Jungfrau Maria, setzen wir mal auf Wladimir! Vielleicht sollte der Papst alsbald in dessen heilige Stadt Kiew reisen, solange sich Kiew vom russischen Feind schützen kann?

5.

So wird also im 21.Jahrhundert ohne weiteres die uralte Lehre des Bittgebetes wieder belebt, diesmal richtet sich das Bittgebet der verzweifelten Menschen an die Mittlerin Maria, die die Bitten Gott Vater förmlich überreicht. Maria also doch als Mittlerin der Gnaden, eine These, die von Protestanten zurecht abgelehnt wird und manchmal auch von katholischen Theologen abgelehnt wurde. Aber Maria als Gnadenmittlerin wird aber dann doch weiterhin ganz offiziell gelehrt und geglaubt.

6.

Dass Bittgebet als Einflussnahme auf den göttlichen Willen nun längst theologisch obsolet sein sollte, hat sich bis zu Papst Franziskus leider nicht herumgesprochen. Er selbst hat bekanntlich den mysteriösen Kult von „Maria der Knotenlöserin“ aus Augsburg in seiner argentinischen Heimat als Erzbischof propagiert.

7.

Bittgebete im übertragenen, nachvollziehbaren Sinn haben nur die Bedeutung, den einzelnen und die Gruppe in die Stille zu führen, ins Nachdenken, ins Meditieren, ins Debattieren, und vor allem ins gemeinsame Handeln zugunsten der Leidenden. Es geht in der Poesie des Bittgebetes um menschliche Selbstkritik, nicht um Beeinflussung Gottes im Himmel via Maria.
Aber diese noch mögliche kritische Theologie des Betens als persönliche, kritische Poesie im „Angesicht“ des Unendlichen und Ewigen ist in der katholischen Kirche marginal. Alle Welt fleht nach wie vor Maria an, macht Prozessionen, küsst Ikonen, schmettert alte Lieder („Maria breite den Mantel aus…“), alles in der Hoffnung, dass auf diese Weise Frieden eintritt. Wenn der Russe betet, denn betet er für Frieden in Russland, fürs Überleben seiner Soldaten; der Ukrainer bittet um Frieden, also um Sieg, in seinem Land…, und die Deutschen beten vielleicht. „Lieber Gott mach alles gut und lass uns hier bloß ungeschoren davon kommen“.

Das Bittgebet ist also meistens nationalistisch gefärbt, man schaue sich die Gebetbücher der deutschen und der französischen Soldaten im 1. und 2. Weltkrieg an.

8.

Und kritische Theologen sind so wahrhaftig und sagen: Empirisch, historisch nachweisbar, haben diese Gebete und diese Weihen an die heilige Jungfrau bisher de facto keinen Frieden gebracht, sie haben den Krieg nicht verhindert, den Krieg nicht verkürzt.… Man denke daran, dass Papst Pius XII am 31.10. 1942 die ganze Welt (!) dem Unbefleckten Herzen Marias weihte. Der Krieg endete nicht, die Ermordung des europäischen Judentums ging weiter. Gott hat also geschwiegen, wenn man es klassisch-theologisch sagen will, und Marias Mittlerrolle bei Gott Vater hat versagt. Oder will man uns mysteriös einreden: Hätte diese Weihe nicht stattgefunden, dann wäre alles noch viel schlimmer gewesen? Auf diese Weise kommt man in unendliche haltlose Spekulationen, in religiösen Wahn.

9.

Diese Weihe wird am 25.3.  als Verdoppelung nicht nur in Rom, sondern auch im portugiesischen Marien-Wallfahrtsort Fatima vollzogen. In Fatima ist die Jungfrau Maria leibhaftig im Jahr 1917 kleinen Hirtenkindern erschienen, sie hat Botschaften der Bekehrung den Kindern mitgeteilt und auch zum Gebet für Russland aufgefordert. Fatima ist höchst beliebt bei Päpsten, auch bei Franziskus, aber auch höchst umstritten bei kritisch denkenden katholischen Theologen: Das ganze Szenario der so genannten Erscheinung ist zu sehr von Menschen gemacht, von rechten Politikern in Portugal damals gefördert und gewünscht. Zu viel mysteriöses Rätsel- Raten rund um die „Geheimnisse von Fatima“ hat die Jungfrau den Kindern mitgeteilt, Fatima ist ein Ort, der den Niedergang des klaren Denkens dokumentiert, ein missbrauchter Ort, nur noch für den frommen Massentourismus dort, genannt Pilgerreisen, wichtig.

10.

Natürlich kann in einer Demokratie jeder und jede privat glauben, was er/sie will, zum Beispiel: „Im Himmel ist Jahrmarkt“. Oder aktueller, was jetzt Papst Franziskus propagiert: „Die unbefleckte Jungfrau Maria möge von Himmel aus für den Frieden sorgen in der Ukraine“. Damit wird auch die politische Hilflosigkeit der Kirchen dokumentiert. Wer sagt: „Die Kirchen können nur noch Bittgebete beten und Wunder von der Jungfrau Maria im Himmel erwarten“, formuliert nur das Seufzen der elenden, unaufgeklärten, unvernünftigen Kreatur. Eine solche Kirche, die Weihen Russlands und der Ukraine an die Unbefleckte verkündet, ist schlicht und einfach vergreist, was ja vom Personal her auch stimmt.

11.

Zusammenfassend: Wenn der Katholizismus etwas Spirituelles zum Frieden anbieten will: Dann ist das die gründliche Einübung der Meditation, der Stille, des Nachdenkens, des Dialogs, der Bildung, der kritischen Lektüre kritischer Medien, der Hilfsbereitschaft. Der einzelne Fromme kann sich meditativ in seiner Not in einem absoluten Sinngrund geborgen fühlen. Man denke an das bekannte Gedicht und Lied Dietrich Bonhoeffers „Von guten Mächten wunderbar geborgen.“…
Mehr kann ein Christentum nicht sagen, wenn es vernünftig nachvollziehbar bleiben will. Und das muss es, wenn es nicht als spinöser esoterischer, aber protziger und Geld gieriger Verein gelten will.

In Kriegszeiten als Papst auf den Einfluss der Unbefleckten Jungfrau Maria im Himmel zu setzen, ist schlicht und einfach Aberglauben. Und auch das muss man wohl innerhalb einer kritischen katholischen Theologie sagen. Solche Weihen überhaupt in Erwägung zu ziehen und stolz zu propagieren, ist eine Schande für das theologische Niveau im Vatikan. Damit werden die Brücken für einen Dialog mit aufgeklärten, kritischen Bürgern noch viel weiter abgerissen.

…………………………….

Die zentrale Passage in der Papst-Predigt am 25.3. 2022 im Petersdom:

“Denn wenn wir wollen, dass sich die Welt ändert, muss sich zuerst unser Herz ändern. Dazu lassen wir uns heute von der Gottesmutter bei der Hand nehmen. Schauen wir auf ihr unbeflecktes Herz, an dem Gott geruht hat, das einzige Herz eines menschlichen Geschöpfes, auf dem kein Schatten liegt. Sie ist voll der Gnade (vgl. V. 28) und deshalb frei von Sünde. In ihr gibt es keine Spur des Bösen, und deshalb konnte Gott mit ihr eine neue Geschichte des Heils und des Friedens beginnen. Dort hat sich der Lauf der Geschichte gewendet. Gott hat die Geschichte verändert, als er an das Herz Marias klopfte.
Und auch wir klopfen heute, erneuert durch die Vergebung Gottes, an jenes Herz. Gemeinsam mit den Bischöfen und den Gläubigen in der ganzen Welt möchte ich alles, was wir gerade erleben, feierlich zum Unbefleckten Herzen Mariens tragen. Ich möchte die Weihe der Kirche und der ganzen Menschheit an sie erneuern und ihr in besonderer Weise das ukrainische und russische Volk weihen, die sie in kindlicher Zuneigung als ihre Mutter verehren. Es handelt sich dabei nicht um eine magische Formel, sondern um einen geistlichen Akt. Mit diesem Gestus vertrauen sich die Kinder ganz ihrer Mutter an; in der Bedrängnis dieses grausamen und sinnlosen Krieges, der die Welt bedroht, kommen sie zu ihrer Mutter und legen ihr all ihre Ängste und Leiden ans Herz und übereignen sich ihr. Wie Kinder, wenn sie sich fürchten: Sie gehen zu ihrer Mutter und weinen, suchen Schutz. Es geht darum, die kostbaren Güter der Geschwisterlichkeit und des Friedens, alles, was wir haben und was wir sind, in dieses reine und unbefleckte Herz hineinzulegen, in dem Gott widerscheint, damit sie, die Mutter, die der Herr uns gegeben hat, uns beschützen und behüten kann.
„Wir weihen uns Maria, um in diesen Plan einzutreten und bereit zu sein für das, was Gott vorhat“
Von Marias Lippen kam der schönste Satz, den der Engel Gott überbringen konnte: »Mir geschehe, wie du es gesagt hast« (V. 38). Die Muttergottes findet sich hier nicht passiv oder resigniert mit ihrer Situation ab, sondern hegt den lebhaften Wunsch, ganz Gott zu gehören, der »Gedanken des Heils und nicht des Unheils« (Jer 29,11) hegt. Das ist engste Teilnahme an seinem Plan für den Frieden in der Welt. Wir weihen uns Maria, um in diesen Plan einzutreten und bereit zu sein für das, was Gott vorhat. Nachdem die Mutter Gottes ihr Ja gesprochen hatte, machte sie sich auf den langen Weg in eine Bergregion, um ihre schwangere Verwandte zu besuchen (vgl. Lk 1,39). Sie eilte: Ich denke gerne daran, dass die Muttergottes eilte. So ist es immer: die Muttergottes, die eilt, um uns zu helfen und uns zu beschützen.
Möge sie uns heute bei der Hand nehmen und uns über die steilen und mühsamen Pfade der Geschwisterlichkeit und des Dialogs auf den Weg des Friedens führen.
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