Die Neokatechumenalen oder: Wenn man den Katechismus als Theologie betrachtet

Die Neokatechumenalen oder: Wenn man den Katechismus als Theologie betrachtet
Von Christian Modehn.  Siehe auch: Eine aktuelle Ergänzung, geschrieben im Juni 2018, speziell zum Thema Neokatechumenale und Judentum, klicken Sie hier.

Wir wurden in den letzten Tagen mehrfach aufgefordert, unsere früheren Informationen und Dokumentationen über eine Gruppe der sogenannten „Neuen Geistlichen Gemeinschaften“ innerhalb der römischen Kirche wieder zugänglich machen, schließlich machen sich, so wurde uns berichtet, nicht nur das Opus Dei und die Legionäre Christi, sondern auch die sogenannten Neokatechumenalen Gemeinschaften „immer mehr breit“, so wörtlich ein Freund aus Köln; der berichtet, dass ein neokatechumenaler Priester alsbald (Weih) Bischof in Köln werden wird; er wurde von Papst Franziskus, dem armen und angeblich progressiven, ernannt.
Wir kommen dieser Anfrage nach, obwohl wir klarstellen: Wir sind ein philosophischer Salon, aber aufgrund der – in unserer Sicht oft unvernünftigen – Zustände in den Religionen heute immer wieder verpflichtet, Religions – Kritik zu betreiben, als eine Form kritischer Bildung. Unter diesem Blickwinkel sind auch die folgenden drei Beiträge zu verstehen; sie wurden im Jahr 2000, 2006 und 2011 veröffentlicht. Das meiste des dort Gesagten ist nach wie vor gültig, wenn auch die weltweite Integration der Neokatechumenaen weltweit auch als offiziell römische, also offiziell anerkannte „Bewegung“ inzwischen viel weiter fortgeschritten ist, etwa: In manchen Bistümern sind junge (oder „mittel-alterliche“) Priester fast ausschließlich Mitglieder des Neokatechumenats. Die Neokatechumenalen im allgemeinen sind theologisch so unglaublich „bescheiden“ zu sagen: „Unsere Theologie ist der römische Katechismus“. Da ahnt der Beobachter, wohin sich der römische Katholizismus entwickelt, wenn alsbald fast nur noch Neokatechumenale oder Legionäre Christi und Leute von „Das Werk“ oder die Priester vom „Inkarnierten Wort“ oder die „Kleinen Grauen“ (das sind die Brüder vom Heiligen Johannes) usw. usw. die Gemeinden leiten und die Bistümer führen…Man muss kein Prophet sein: Diese finanziell äußerst starken und im Machtanspruch – auch gegenüber Journalisten – nicht zimperlichen Bewegungen werden „das Gesicht der römischen Kirche“ weiter ganz wesentlich verändern bzw., je nach Blickwinkel, entstellen in Richtung: „Der Katechismus ist unsere Theologie und wer ihm nicht folgt, ist nicht katholisch“. Zu einem Beitrag für den WDR klicken Sie bitte hier.

….. Es folgen nun drei Beiträge, in der ursprünglichen (Sende-) Form des Radios bzw. der Zeitschrift. Noch einmal: Das copyright liegt beim Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon.

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1.
Wer glaubt, fragt nicht (2000)
Die neokatechumalen Gemeinschaften (NDR)
Von Christian Modehn

24 O TÖNE, insgesamt ca. 13 30“ lang.
EIN SPRECHER

EIN HINWEIS im August 2013:
Hier handelt es sich auch um ein Manuskript aus dem Jahre 2000, das für eine Hörfunkproduktion verwendet wurde. Die sogen. O Töne sind hier nicht vollständig ausgeschrieben, sondern nur stichwortmäßig zusammengefasst nur als Orientierung für den Producer.
Ich habe leider nicht die Zeit, diese O Töne noch vollständig auszuschreiben. Ich biete den Text dennoch an, weil er auch auf diese Weise durchaus noch einen informierenden Wert hat, vor allem durch die Vielzahl der betroffenen Interviewpartner.

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Sie haben exotisch klingende Namen: Focolarini oder Communione e liberazione, Opus Dei oder neokatechumenale Gemeinschaften: Gruppen, die seit mehr als 30 Jahren das Leben der Katholischen Kirche bestimmen. Weltweit haben sie mehrere Millionen Mitglieder und Sympathisanten. Es sind vor allem Laien, Frauen und Männer, die in diesen Gruppen ein intensives religiöses Leben suchen. Auch in Norddeutschland machen diese Kreise von sich reden, zum Beispiel die Neokatechumenalen Gemeinschaften. Christian Modehn hat Anhänger und Kritiker dieser Gruppen getroffen, seiner Sendung gab er den Titel „Wer glaubt, fragt nicht“.

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1.O TON. Bruno Caldana. 0 18“
„Ich war ein Ehebrecher. Und ich hab gesehen, wie Gott mich geliebt hat. Fand die Möglichkeit, eines Tages der Versuchung zu widerstehen“.

Hundertmal hat Bruno Caldana schon diese Geschichte erzählt. Bei religiösen Vorträgen und Katechesen, in Beratungsgesprächen und Interviews. Bruno Caldana berichtet gern von seiner gottlosen Vergangenheit, das gehört nun einmal zu seinem Amt als katholischer Laien-Prediger. Seit 13 Jahren lebt der gebürtige Römer mit seiner Familie in Hannover. Wenn er nachmittags seine Arbeit als Buchhalter beim Malteser Hilfsdienst beendet hat, kümmert er sich um den Aufbau der neokatechumenalen Gemeinschaft. Diese „geistliche Bewegung“ will er in Deutschland fördern und verbreiten; aus Dankbarkeit, wie er sagt; denn im Neokatechumenat wurde er ein neuer Mensch.

2.O TON, Bruno Caldana 0 22“
„Gott, durch die Kirche und durch das Neokatechumenat, Gott hat uns gerettet, verhindert, daß wir uns trennten, Familie wiederaufgebaut. Haben gesehen, wie Gott uns geholfen hat, uns gegenseitig zu vergeben“. .

Rita und Bruno Caldana gehören heute im Bistum Hildesheim zum Leiterkreis des Neokatechumenats. Der erste Wortteil, das „neo“, bedeutet neu; und katechumenal bezeichnet die Glaubensunterweisung: Neokatechumenale Gruppen wollen also neu den Glauben lehren, nicht den Heiden, sondern, wie sie sagen, den lau und lax gewordenen Katholiken. Vor 35 Jahren wurde das Neokatechumenat von Kiko Arguello, einem Künstler aus Madrid, und der ehemaligen Nonne Carmen Hernandez gegründet. Heute sind die Neokatechumenalen nach eigenen Angaben in 105 Nationen, in 800 Bistümern und 5.000 Pfarrgemeinden vertreten. Eine Million Katholiken sollen mit dieser Gemeinschaft verbunden sein. Sie alle haben ein Ziel: Jeder Katholik soll sozusagen wieder hundertprozentig glauben und bekennen, was der Papst und die Kirchenlehre vorschreibt. Darum bieten sie Kurse an, bei denen sogenannte Sonntagschristen zu eifrigen Missionaren ausgebildet werden. Hartmut Berkowsky nimmt seit 12 Jahren an diesen Unterweisungen teil.

3. O TON, Hartmut Berkowsky 0 37“
„Auf der einen Seite bin ich Geschäftsführer bei Maltesern, wo ich humanitäre Aufgabe wahrgenommen. Humanitär helfen. Aber ich denke, nicht das, was eigentlich wichtig ist. Erfahren, daß ich den Menschen, denen ich begegne, daß ich da Gott begegne. Was ihr den geringsten getan hat, das habt ihr mir getan. Wahlspruch für mein Leben geworden, wo ich draufzugehe“.

Wer sich einer neokatechumenalen Gruppen anschließt, möchte seinen ganzen Alltag christlich gestalten. Arbeit, Kunst, Politik, alles soll kirchlichen Grundsätzen entsprechen. Bruno Caldana kommt ein wenig ins Schwärmen, wenn er an die neokatechumenalen Jugendgruppen in seiner Heimatstadt Rom denkt. Sie verbringen die Freizeit mit gottesdienstlichen Feiern:

4. O Ton, Bruno Caldana 0 38“
„Dadurch werden viele Jugendliche von falschen Wegen abgehalten. Hunderte, die warten, Eucharistie zu feiern. Anstatt ins Kino zu gehen, zu Disco… viele Jugendliche werden durch Disco auch abgelenkt“.

„Es gibt kein Glück auf dieser Welt“, schreibt der Gründer Kiko Arguello seinen Getreuen, „alles in dieser Welt sei nun einmal eitler Wahn“.
Gottesdienst und Glaubensunterweisung gelten als Ausweg gegenüber den Verlockungen der Konsumgesellschaft. Auch Propst Klaus Funke, der katholische Stadtdekan für Hannover, bietet Jugendlichen am Samstag abends ins Gemeindehaus von Sankt Clemens eine Alternative zu den Vergnügungen des Wochenendes. Propst Funke:

5. O TON, Propst Funke 0 19“ (Glocke im Hintergrund)
„Die neokatechumenale Idee ist wie so ein Zeichen, ja, man könnte sagen des Himmels, daß Gott selber Menschen stößt auf Realitäten, die wir so in unseren Gemeinden gar nicht mehr wahrnehmen und erleben“.

Propst Funke ist seit etwa 10 Jahren ein enger Freund und Vertrauter der Neokatechumenalen: Ihn beeindruckt, wie sich die Mitglieder dieser Gemeinschaft vorbehaltlos in den Dienst des Papstes stellen:

6. O TON, Propst Funke 0 30“
„Das Neokatechumenat lebt von Itineranten, das sind Laien, die sich bereit erklären, für die Sache Jesu vom Papst in alle Welt schicken zu lassen vom Papst. Per Los gezogen am Tag der Heiligen Familie. Da stehen Familien. Du kannst uns hinschicken, es ist vorbereitet; es gibt eine Menge Anfragen, und sie gehen dahin“.

Missionare, die per Los-Entscheid in alle Welt gesandt werden: Seit 1986 ist dies gängige Praxis; der Papst ist immer dabei, er hat daran sein Wohlgefallen! Auch das Ehepaar Caldana aus Rom wurde zusammen mit ihren vier Kindern im Rahmen einer Verlosung als Itineranten-Paar, also wie Wandermissionare, nach Hannover entsandt. Es hätte genauso gut Wladywostok, Tokyo oder Lima sein können; in Deutschland mußten die Caldanas selber sehen, wie sie mit der neuen Kultur und Sprache zurecht kommen. Inzwischen haben sie in ihren neo-katechumenalen Unterweisungen einen Schwerpunkt entdeckt: Rita Caldana:

7. 0 TON, Rita Caldana 0 19“
„Europa neu evangelisieren: Das heißt, daß wir Menschen alle gegen den Teufel, das heißt, wie Paulus sagte, gegen das Böse kämpfen müssen, nicht gegen kleine Sachen, das heißt es ist ein grosser Kampf“.

Die Frommen kämpfen gegen den Teufel, die Guten gegen das Böse: Auf welcher Seite die Neokatechumenalen stehen, ist klar. Propst Funke meint bei den Neokatechumenalen sozusagen positives, heilsames Dynamit gefunden zu haben:

8. O TON, Propst Funke 0 39“
„Was mich an dieser Idee eben so fasziniert, ist: echte Alternative zu dem Alltag, den ich sonst in den Gemeinden erlebe. Ich will diesen Alltag nicht diskriminieren; er ist die eine Seite der Volkskirche. Aber daneben, kann man sagen, ist das wie so ein bißchen Dynamit. In diesem Alltag. Manchmal krachend aufflackert. Macht deutlich, daß sich Dynamit in der Botschaft Jesu verbirgt, was wir eigentlich verschweigen oder unentdeckt lassen“.

Um im Bild zu bleiben: Nicht immer sind die Veranstaltungen des Neokatechumenates Dynamit; manchmal sind sie sehr langweilig, davon konnte sich Pfarrer Albrecht Przyrembel aus dem Bistum Hildesheim überzeugen; er hat an neokatechumenalen Unterweisungen teilgenommen; dabei fühlte er sich an die schlichte Theologie des 16. Jahrhunderts, an die Zeiten des Konzils von Trient, erinnert:

9. O TON, Przyrembel 0 41“
„Das ist der Katechismus von Trient. Bei dieser Gemeindekatechese war ich dabei, um Erfahrungen zu sammeln. Da waren Tafelbilder wie ich sie in der Grundschule gebrauche. Aber eben mit Erwachsenen Menschen nicht.. das waren irgendwelche Bilder, das waren ganz einfache, fertige Antworten. Wie im Katechismus: Wozu bin ich auf Erden. Was muß ich tun, um in den Himmel zu kommen. Was für Menschen eine Hilfe ist. Es gibt ja eine Neuauflage der alten Katechismen.

Die neokatechumenalen Missionare rühmen sich selbst, keine eigene Theologie zu entwickeln für das Gespräch mit den angeblich lauen und abständigen Katholiken; sie wollen sich keiner neuen, modernen Sprache bedienen. Bruno Caldana:

10. O TON, Caldana 0 15“
„Unsere Theologie ist das Katechismus der katholischen Kirche. Weil Gott ist derjenige, der uns lehrt, Gott gibt uns Antworten. Ich bin der Meinung, daß Gott da ist, um uns Antworten zu geben“.

Wenn sich einmal Protestanten in die neokatechumenalen Kurse verirren, wird ihnen deutlich gemacht: die volle christliche Wahrheit gibt es nur im römischen Katholizismus. Einen jungen Protestanten haben die Caldanas einmal nach Rom begleitet:

11. O TON, Caldana, 0 12“
„Bei der Pilgerfahrt hat er direkt erfahren, diese Figur des Papstes hat ihn so stark beeindruckt, daß er zur katholischen Kirche konvertiert hat“:

Konvertieren, also sich bekehren, das ist nicht nur Pflicht der Protestanten. Vor allem Katholiken werden aufgefordert, sich als Sünder zu bekennen und von einem unmoralischen Lebenswandel Abstand zu nehmen. Randgruppen und Minderheiten sollen die offizielle katholische Morallehre respektieren. Propst Funke:

12. O TON Funke 0 58“
„Homosexualität kommt in der Natur vor, ist aber nicht natürlich. Entspricht nicht der eigentlich Veranlagung des Menschen. Will nicht von Schuld erst einmal reden. In der Bibel gibt es keine positive Stellungnahme. Immer kritisch und sündhaft. Erst recht, wenn sie praktiziert wird. Jeder der darunter leidet, wie der Geldgierige, der Sture und kommt: Tut mir leid, ich komm davon nicht weg. der findet immer den barmherzigen Gott. Nur wer eben versucht aus einer Unvollkommenheit eine Vollkommenheit zu machen, der scheitert“.

Die Neokatechumenalen fühlen sich gedrängt, diese Wahrheiten den katholischen Pfarr-Gemeinden Deutschlands mitzuteilen. An der amtlichen, römischen Kirchenlehre wollen sie kein I Tüpfelchen verändert sehen. Sie bieten sich den Seelsorgern an, um in der Glaubensunterweisung zu helfen, wie sie das nennen. Pfarrer Hans-Joachim Osseforth aus der Diözese Hildesheim hatte vor einigen Jahren dieses Angebot aufgegriffen:

13. O TON Osseforth 0 32“
„Ich habe nach einer gewissen Zeit erlebt, daß sie sich ein bißchen besser dünkten als die normale Gemeinde. Ich muß mich bekehren, dann auch die Gemeinde. Ich wurde als Unbekehrter als nicht richtig Glaubender angesprochen, kommt diskriminierend immer rüber“.

Erfahrungen, die keineswegs nur in Niedersachsen gemacht werden. Ein Berliner, der katholische Dekan Pfarrer Bernhard Obst erinnert sich an seine Begegnungen mit neokatechumenalen Missionaren:

14. O TON, Obst
„Ich wurde dann nur noch indoktriniert.. bis zur Beleidigungen. Ich sollte mich erst bekehren. Das war peinlich Bat sie dann, die Wohnung zu verlassen. Ich hätte doch rechte als Hausherr und müßte mich von ihnen nicht beleidigen lassen“.

Eine Frauengruppe der Gemeinde Bruder Klaus in Berlin-Neukölln hatte sich auf die Neo-Katechumenalen eingelassen, in aller Offenheit und guten Glaubens. Wie hätte es auch anders sein können: Über diese neuen Missionare gibt es keine allgemein zugänglichen Broschüren, Bücher oder Zeitschriften. Die Neokatechumenalen sind sozusagen öffentlich nicht greifbar; sie lieben die Verschwiegenheit. In der Gruppe gab es schon bald erhebliche Spannungen; zwei Frauen, die lieber ungenannt bleiben wollen, erläutern die Probleme:

15. O TON, zwei Frauen hintereinander. 1 23“
„Wenn man mit ihnen spricht, daß ist DER Weg, man bedrängt auch, geht bis zur Beschimpfung, Teufel spricht aus einem. Tut weh! Wir haben sie im Frauenkreis gehabt, Unruhe, sie sind das Salz der Erde, und sie haben die Kinder besser im Griff. Da wird morgens schon Schriftlesung. Also es war sehr schwer. Ich persönlich halte das nicht aus, ich geh nicht mehr hin“.

Die neokatechumenalen Missionare lassen sich nicht beirren; sie ziehen weiter. Haben sie sich aber einmal in einer Pfarrei niedergelassen, gibt es oft Unruhe und Irritationen: Denn die Neokatechumenalen feiern am Samstagabend separat ihre eigene Gruppen Messe im Saal, manchmal hinter verschlossenen Türen; auch die Osternacht zelebriert der neokatechumenale Kreis für sich allein, ohne die Teilnahme der Ortsgemeinde. Kein Wunder, daß solche Abgrenzung von „den anderen“, den „gewöhnlichen Katholiken“, wenig Symapthie findet. Pfarrer Osseforth erinnert sich an einen neokatechumenalen Glaubenskurs:

16.O TON, Osseforth 0 38“
„Wir haben in der Gemeinde mit über 25 Leuten angefangen, am Schluß nach 4 Monaten waren nur noch 4 dabei; das Ende ist Wochenende, wo man sich entschließt, ob man weitermachen will.. Alle wollten nicht mehr mitmachen, zu einengend. Man muß Bußgottesdienste machen, man wird gezwungen zu beichten. Es floß dann mit ein, daß Gott nur auf dem Weg des Neokatechumenats die Menschen in die Freiheit führt. Das ist zu eng. Das geht nicht“.

In Hannover wird jetzt seit 12 Jahren für den neokatechumenalen Weg geworben: Bisher haben sich trotz intensiver Bemühungen erst 11 Erwachsene der Gemeinschaft angeschlossen. Die Kategorie „Erfolg“ haben die Neokatechumenalen in Deutschland jedenfalls aus ihrem Vokabular gestrichen, und sie fühlen sich dabei sogar sehr wohl. Rita Caldana:

17. O TON, Rita Caldana 0 10“
„Erfolg existiert nicht im Christentum. Weil Jesus Christus auch kein Erfolg gehabt hat. Oder: nur das Kreuz. Und wir sind in die richtige Platz“.

Die Neokatechumenalen stehen sozusagen auf der Seite Jesu, nehmen an seinem Leiden am Kreuz teil, und trösten sich damit, daß wenigstens der Zusammenhalt in der eigenen Gruppe gut funktioniert: Propst Funke:

18. O TON, Funke 0 34“
„Innerhalb der Gemeinschaften gibt es ein unwahrscheinlich intensives Anteilnehmen am Schicksal jedes einzelnen. Was ich erlebt habe, Güterteilung, Autos, Wohnungstausch. Kinderbetreuung, Vertretungen, bei Nöten, grossem geldlichen Einsatz, das ist erstaunlich“.

Das Neokatechumenat zählt nach eigenen Angaben weltweit mehr als 15. 000 solcher offenbar vorbildlichen Gruppen, Lebensgemeinschaften und Freundeskreise. Aber, sie alle sind untereinander vernetzt, betont Pfarrer Osseforth:

19. O TON Osseforth, 0 41“
„Das ist viel zentralistischer als der normale hierarchische Aufbau der katholischen Kirche. Sehr zentral gesteuert. Gut durchstrukturiert. Der oberste Chef ist Kiko, das ist der Jesus des Neokatechumenates. Alles, was Kiko gemacht hat, ist gut. Seine Bilder sind wie Ikonen. Nur diese zählen etwas auf unserem Weg. Das halte ich auch für eine Engführung“.

Der feste Zusammenhalt in einer von Befehlen und Gehorchen geprägten Gemeinschaft übt für viele junge Menschen immer noch eine faszinierende Wirkung aus. Aus den neokatechumenalen Familien, die oftmals 8 oder 10 Kinder zählen, entschliessen sich immer wieder junge Männer, Priester zu werden. Propst Funke:

20. O TON Funke 0 32“.
„Das Neokatechumenat hat in aller Welt jetzt vierzig Priesterseminare. Weil aus den Gemeinschaften so viele Priester werden wollen, daß man nur neidisch werden. So was habe ich in meinem Seminar nicht erlebt, an Freude am Glauben, grundsätzlich positiven Haltung zur Kirche“.

Bei dem zunehmendem Mangel an Priestern freuen sich zahlreiche Bischöfe vor allem im Osten Europas über den geistlichen Nachwuchs, den die Neokatechumenalen bereit stellen. In Berlin gibt es seit mehr als 10 Jahren ein neokatechumenales Priesterseminar mit 30 Studenten. Einige dieser Theologen arbeiten inzwischen als Kapläne in Berliner Gemeinden; aber länger als ein Jahr erträgt kaum eine Gemeinde diese jungen, aber extrem konservativ denkenden Priester. Vielleicht ist dies ein Grund, daß der sonst eher wohlwollende Berliner Kardinal Georg Sterzinsky vorsichtig Distanz andeutet:

21. O TON, Sterzinsky, 0 35“
„Ich mach da nur mit, damit ich auch eingreifen kann oder mitsprechen kann; daß es nicht einen Wildwuchs gibt. Kaderschulung in der Missionierung. Wir bleiben bei 30 Studenten. Weil ich nicht meine, daß man mit Klerikern in den Osten starten sollten.

Prominente katholische Kirchenführer haben sich deutlich vom Neokatechumenat distanziert: Der englische Kardinal Hume nannte diese Gemeinschaft schlicht und einfach fundamentalistisch; Kardinal Martini von Mailand warnt ausdrücklich vor den Neokatechumenalen, in manchen Bistümern der Vereinigten Staaten sind sie offiziell unerwünscht. Kiko Arguello, der Gründer der Neokatechumenalen, macht aus Kritikern einfach nur „Verfolger“. Für ihn und seine Gemeinschaft ist die ganze Kirche in Gute und weniger gute Mitglieder aufgespalten. Das konnte Pfarrer Osseforth beobachten:

22. O TON, Osseforth, 0 29“
„Sie sondieren auch ganz klar. Sie sagen sofort, der Bischof uns nicht so liebt, wie wir das wollen, der ist nicht katholisch. Wird diskriminiert. Immer: der Papst unterstützt uns doch. Viele Bischöfe tun das auch.Viele Bischöfe, die kritisch sind, das sind dann die Nichtbekehrten“.

Die neokatechumenalen Gemeinschaften haben in fast allen Bistümern Deutschlands Fuß gefaßt, auch in der Diözese Hildesheim. Aber allzu großer Beliebtheit erfreuen sie sich nicht, betont Pfarrer Osseforth:

23. O TON, Osseforth, 1 00“
„Es gibt kritische Interessiertheit, haben einzelnen geholfen, die versaut waren, aber es ist nicht die Erneuerungsbewegung“.

Der Papst sieht das anders: Er ist begeistert von dem Eifer dieser aufdringlich für die römische Kirchenlehre werbenden Missionare; er freut sich über die Bereitschaft der neokatechumenalen Jugendlichen, geradezu massenhaft päpstliche Veranstaltungen zu besuchen. Allein beim katholischen Weltjugendtreffen in Paris im Jahre 1998 waren 50.000 neokatechumenale Jugendliche hilfreich in der Organisation; sie waren vor allem die öffentlich sichtbaren Papst-Fans und Jubel-Rufer in den überfüllten Veranstaltungen. Auch in diesem Jahr, dem Heiligen Jahr in Rom, wird man die Neokatechumenalen nicht übersehen können. Sie gelten längst – neben dem Geheimbund Opus Deials die Stoßtruppen des Vatikans. Sie verändern das Gesicht der katholischen Kirche. Viele Beobachter haben den Eindruck: Sie machen aus der Kirche, der vielfältig lebendigen Gemeinschaft der Glaubenden, ein starre Institution der Indoktrination und Besserwisserei.

Wie kommen Katholiken dazu, sich dieser kämpferischen, zentralistischen und dogmatisch erstarrten Gemeinschaft anzuschließen? Pater Karl Hermann Lenz aus dem Pallottiner Orden hat sich mit dieser fundamentalistisch genannten Gemeinschaft befaßt:

23. O TON Pater Lenz. 0 55“
„Daß sie bei Teilen der Kirchenleitung eine Beliebtheit haben, in Zeiten der Unsicherheit, Johannes Paul der zweite wir stehen an deiner Seite. Mensch da haben wir noch Leute, die wirklich kirchentreu sind-
Zulauf wegen Gruppe, Verbindlichkeit, klare Antworten bekommt, ist ja was Grosses. Spirituelles Wachstum, da gibt es ja auch viel zu wenig in den Gemeinden“.

Copyright:Christian Modehn

……….

Deutschlandfunk 2011
Studiozeit: Aus Religion und Gesellschaft
„Das Vertrauen ist erschüttert – die neuen geistlichen Gemeinschaften in der Krise“
Von Christian Modehn

1. Spr.: Berichterstatter
2. SPR.: Zitator und Übersetzer
O TÖNE, zus. ca. 10 00“.

1. SPR.:
Die katholische Kirche liebt die Einheitlichkeit. Weltweit wird das gleiche Glaubensbekenntnis gesprochen, überall werden die Messen nach den gleichen liturgischen Vorschriften gefeiert. Der Pluralismus zeigt sich vor allem in der Vielfalt der Lebensformen. Mönche und Arbeiterpriester in Fabriken sind sehr verschieden, auch Missionare und Einsiedler haben wenig gemein. Pluralität der Lebensformen war viele Jahrhunderte auf Kleriker und Ordensleute begrenzt. Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil, also seit 50 Jahren, gestalten vor allem Laien, Frauen wie Männer, „neue religiösen Gemeinschaften“. Allein in Deutschland sind 70 unterschiedliche Gruppen vertreten; weltweit sollen mindestens 500.000 Katholiken dazu gehören. Der katholische Theologe und Religionssoziologe Professor Michael Ebertz aus Freiburg im Breisgau hat diesen Trend untersucht:

7. O TON, Ebertz, 0 26“.
Im Grunde könnte man sagen: Diese so genannten neuen geistlichen Gemeinschaften sind Nachfolger eigentlich so dieser Ordensleute und sie steigern, sie erhöhen die Vielfalt, die Komplexität, innerhalb der Kirche, weil wir in diesen geistlichen Gemeinschaften auch sehr gegensätzliche Positionen finden. Man könnte sagen, von der fundamentalistischen bis hin zu einer sehr ökumenisch, also auch den evangelischen Christen gegenüber sehr aufgeschlossenen Gemeinschaften.

1. SPR.:
Dazu gehört etwa die „Gemeinschaft Sant Egidio“, die sich für den Dialog der Weltreligionen einsetzt; auch die Gruppen der „Focolarini“ nehmen Protestanten als Mitglieder auf. Konservativ und auf die traditionelle katholische Identität bedacht sind die Gemeinschaften der „Neokatechumenalen“ und der „Charismatiker“, des „Opus Dei“ und der „Legionäre Christi“. Sie haben jeweils mehr als 50.000 Mitglieder. Viele von ihnen leben in eigenen Häusern zusammen, also wie in einem Kloster; die meisten aber wohnen „inmitten der Welt“, wie sie gern sagen. Bei den Gruppentreffen mindestens einmal in der Woche pflegen sie die Verbundenheit untereinander.
Zur Theologie dieser so unterschiedlichen Kreise meint Professor Ebertz:

6. O TON, Michael Ebertz, 0 26“.
Sie unterwerfen sich dem hierarchischen Anspruch der Bischofs – und der Papstkirche. Sie setzen ganz auf die religiöse Karte und interpretieren das Evangelium und die christliche Tradition in einem sehr entschiedenen Sinne. Man könnte auch sagen, sie sprechen damit die religiösen Virtuosen unter den Katholikinnen und Katholiken an. Also alle, die etwas mehr wollen als das Übliche, was in den Pfarrgemeinden abläuft.

1. SPR.:
Darum bietet ihnen die Messe am Sonntag noch nicht „ausreichend geistliche Nahrung“, wie sie sagen, und die üblichen Bibelkreise am Abend erscheinen ihnen zu oberflächlich. Sie wollen ihren Glauben in eigenen Veranstaltungen intensiv pflegen. Und dabei entstehen dann Konflikte:

1. O TON, Pater Gerhard Pöter, 0 08“
Die Charismatiker in der Gemeinde, die machten, was sie wollten. Also in der Gemeinde hatte ich überhaupt nichts zu melden. Die haben das Ganze dirigiert.

1. SPR.:
Pater Gerhard Pöter aus dem Dominikaner Orden berichtet über seine Erfahrungen mit katholischen Charismatikern. Sie glauben, besondere Gnadengaben des Heiligen Geistes empfangen zu haben. In der Gemeinde, die Pater Gerhard Pöter leitet, fühlten sie sich darum als die „besseren Christen“.

2. O TON, Pater G. Pöter, Fortsetzung von 1.OTON, 0 20“
Wenn die ein Studium machten, natürlich nicht mit mir oder mit einem anderen von unserem Orden, ein Studium mit irgendeinem Führer der charismatischen Bewegung, die also ganz oben gesteuert werden, dann kamen diese Leute in die Gemeinde, die grüßten noch nicht einmal den Priester. Nein! Die machten das völlig parallel. Wenn der Priester nicht charismatisch ist, dann machen die eben ihre Sache alleine.

1. SPR.:
Pater Pöter arbeitet seit 30 Jahren als Pfarrer im zentralamerikanischen Staat El Salvador. Er hat dort erlebt, wie sich in dieser Zeit das Profil der katholischen Kirche grundlegend veränderte. Anstelle der sozial – kritischen „Basisgemeinden“ wollen sich nun konservativ geprägte Laien und die mit ihnen verbundenen Priester für die klassischen Glaubenslehren einsetzen. Sie sprechen von „totaler Übereignung an Gott und die Kirche“.
So denken auch die Gruppen des Neo – Katechumenats; sie möchten unbedingt allen Katholiken noch einmal „neu“ die gesamte Kirchenlehre ausführlich erklären. Der katholische Pfarrer Hans Joachim Osseforth aus Hannover hat die Neokatechumenalen persönlich kennen gelernt:

3. O TON, Pfr. Hans Jochim Osseforth, 0 15”.
Man musste einen Bußgottesdienst mitmachen von 2 Stunden, man wird fast gezwungen zu beichten. Das floss dann also doch sehr stark mit ein, dass Gott eigentlich weitgehend nur auf dem Weg des Neokatechumenates die Menschen in die Freiheit führt. Und dann merkte ich: Das ist einfach zu eng, das geht nicht.

1. SPR.:
Genauso wichtig wie die radikal gelebte Frömmigkeit ist die enge Bindung an den Gründer des Neokatechumenats, den Spanier „Kiko“ Argüello, betont Pfarrer Osseforth:

4. O TON, 0 20“.
Erst reingehen bei:
Der oberste Chef ist Kiko, das ist also der Gründer, der ideelle Gründer, das ist, sage ich mal, der Jesus des Neokatechumenats. Und alles, was Kiko gemacht hat, ist von vornherein schon gut. Da darf man auch nichts kritisieren, das halte ich dann auch für eine Engführung.

1. SPR.:
Gegen diese „Engführung“ eines autoritär geprägten Glaubens gab es schon häufig Widerspruch innerhalb der Kirche. Jetzt melden sich auch Katholiken in Japan Wort. In dem buddhistisch geprägten Land nähmen die neokatechumenalen Missionare keine Rücksicht auf die Eigenheiten der dortigen Kirche, heißt es. In der katholischen Zeitung „Katorikku Shimbun“ hat Leo Ikenaga, der Erzbischof von Osaka, kürzlich geschrieben:

2. SPR.:
Wo diese geistliche Gemeinschaft der neokatechumenalen Missionare aktiv ist, beobachten wir Verwirrung, Konflikte, Spaltung und Chaos in unserer japanischen Kirche.

1. SPR.:
Vier japanische Bischöfe reisten im Dezember vergangenen Jahres nach Rom. Sie wollten den Papst bitten, mit einem Machtwort die Aktivitäten der aufdringlich werbenden neokatechumenalen Missionare wenigstens für die nächsten fünf Jahre zu unterbinden. Benedikt XVI. hörte sich zwar die Klagen an. Aber ein Ende dieser Missionstätigkeit wollte er nicht verfügen. Schließlich kann er die „neuen geistlichen Gemeinschaften“ nicht verprellen, betont Professor Ebertz:

20. O TON, 0 22“,
Das sind sozusagen innerkirchliche Bio – oder Soziotope, die fruchtbar sind im Blick auf die Rekrutierung, die Gewinnung, von Priesternachwuchs. Und das sind natürlich der Kirche liebste Kinder, die nicht so kompromißlerisch sind, nicht so im Grunde eine Religion light, ein Katholischsein light, pflegen, sondern auch ein Bekenntnis ablegen und dazu stehen. Und Sünde Sünde nennen.

1. SPR.:
Darum ist es nicht erstaunlich, dass die neuen geistlichen Gemeinschaften auch die offizielle kirchliche Approbation erhalten haben. Aber gelegentlich müssen sie doch ermahnt werden, treu „zur Kirche zu stehen“. Benedikt XVI. erklärte Mitte Januar dieses Jahres im „Saal Paul VI.“:

5. O TON, Benedikt XVI. , auf Italienisch 0 47“.
2. SPRECHER:
Die Kirche hat im Neokatechumenalen Weg ein besonderes Geschenk des heiligen Geistes erkannt. Deswegen muss sich diese Gemeinschaft in großer Harmonie mit der ganzen kirchlichen Gemeinschaft befinden. So gesehen, muss sie sich auch in tiefer Gemeinschaft mit den Bischöfen und allen Mitgliedern der Ortskirchen befinden.

1. SPR.:
Benedikt XVI. will unbedingt diese „intensiv“ Frommen unter die Aufsicht der Hierarchie stellen. Schon als Leiter der römischen Glaubensbehörde hatte er sich dafür eingesetzt, abwegig erscheinende Lehren aus den Kreisen neuer geistlicher Gemeinschaften zu korrigieren:

9. O TON Ratzinger, 0 39“. in Aigen.1991
So sind wir verfahren bei einer Ordensgemeinschaft, die in Mallorca sich gebildet hatte unter dem Namen Identes.

1. SPR.:
…berichtete Kardinal Ratzinger 1991 bei einem Vortrag im österreichischen Aigen – Schlägl:

(FORTSETZUNG)
Der Gründer war ein etwas geistig verworrener und theologisch schwärmerisch und träumerischer Mann, so dass seine Gründung absolut unmöglich erschien und unakzeptabel auch mit Disziplin und Lehre der Kirche unvereinbare Elemente enthielt. Aber wir dann einen Weg gefunden haben, der dahin ging, dass der Gründer selbst den Großmut fand, sich ganz von seiner Gründung zu trennen, die dann neu konstruiert werden konnte.

1. SPR.:
Die neuen geistlichen Führer und Gründergestalten lassen sich von ihren Anhängern „Vater“ oder „Hirte“ nennen; sie verstehen sich als „Wegweiser zum wahren Glauben“. Der Züricher Philosoph Gonsalv Mainberger hat einen dieser „von Gott begnadeten Meister“, den Pater Marie – Dominique Philippe, etliche Monate unmittelbar an der Universität Fribourg erlebt.

8. O TON, Gonsalv Mainberger, 0 35“.
Philippe habe ich erfahren in seiner Art Messe zu lesen, das war jedes Mal eine ekstatische oder pseudomystische Angelegenheit. Er zitterte und hat jedes Mal ein Gotteserlebnis konstruiert. Pathetisch! Ausdruck seiner inneren Ergriffenheit, mit der er dann auf die Menschen losging. Und dann merkte ich, er verlangt Unterwerfung. Das wollte ich nicht. Es wird Gefolgschaft abverlangt, und ich wollte das nicht.

1. SPR.:
Unterwerfung und Gefolgschaft: Diese Stichworte kehren immer wieder, wenn man die Geschichte der von Pater Philippe gegründeten geistlichen Gemeinschaften studiert. Die Nonnen seines französischen Ordens, die „Soeurs de la compassion“, hielten junge Schwestern aus Rumänien und der Slowakei Monate lang wie Gefangene in ihren Klöstern. Alle persönlichen Gegenstände, selbst die Ausweise wurden ihnen abgenommen. Erst als die Gerichte einschritten, besserte sich die Lage. Auch der internationale Orden der „Brüder vom heiligen Johannes“ ist eine Gründung Pater Philippes. Die Brüder wurden wegen ihres autoritären und politisch äußerst rechtslastigen Verhaltens selbst dem konservativen Kardinal Lustiger suspekt; er hat diese Mönche aus Paris vertrieben. Die Nachrichten Agentur KIPA aus der Schweiz schrieb im Juni 2006:

2. SPR.:
Papst Benedikt XVI hat die kirchlich umstrittene „Gemeinschaft vom heiligen Johannes“, eine Gründung Pater Philippes mit 500 Mitgliedern, zu mehr Sorgfalt bei der Aufnahme neuer Mitglieder ermahnt.

1. SPR.:
Die Kirchenführung hat heute kein ungebrochen positives Verhältnis mehr zu den sich machtvoll gebärdenden geistlichen Gemeinschaften. Offenbar haben Papst und Bischöfe aus früheren Fehlern gelernt. Der größte Irrtum war wohl die mehr als 50 Jahre dauernde Unterstützung für den mexikanischen Pater Marcial Maciel, den Gründer der Ordensgemeinschaft der „Legionäre Christi“ und der Laien – Gemeinschaft „Regnum Christi“. Maciel hatte schon als 20 Jähriger in Mexiko sein eigenes Kloster gegründet, in dem er als Oberhaupt mit 12 – bis 14 jährigen Knaben zusammen lebte. Als Leiter seiner Gemeinschaften in Rom verpflichtete er schon in den fünfziger Jahren seine Mitglieder zum Stillschweigen über alle internen Vorgänge. Und das mit gutem Grund: Pater Maciel neigte ständig zu sexuellen Übergriffen an Knaben und Seminaristen. Erst im Jahr 1997 fanden sieben mexikanische Opfer den Mut, von den Schandtaten Maciels öffentlich zu sprechen. Sie sind inzwischen Priester und Professoren; sie zeigten Maciel bei Papst Johannes Paul II. und Kardinal Ratzinger an. Aber die Beschwerde wurde in Rom völlig ignoriert. Über die Gründe äußert sich der in Mexiko lebende katholische Theologe Alfons Vietmeier:

14. O TON, Vietmeier, 0 36“.
Das hing damit zusammen, dass das Angebot des Ordens war: Wir haben stramm Rom treue, gehorsame Priester, und aus einer rechtskatholischen Oberschicht, die politisch dann auch wiederum antikommunistisch und antisozialistisch war und ist. Und insofern gewisse Stimmungslagen eines aus Polen stammenden Papstes traf, der genau das suchte, in einer Welt, die laut offizieller Logik in Rom und einschließlich unseres jetzigen Papstes in den Wirren der Zeit unterzugehen droht.

1. SPR.:
Die „Legionäre Christi“ und die Laiengemeinschaft „Regnum Christi“ haben zusammen etwa 65.000 Mitglieder weltweit. Während der Vatikan die Vorwürfe ignorierte, berichteten in Spanien, den USA und vor allem in Mexiko alle großen Medien ausführlich über die Verbrechen Maciels. Der in Mexiko Stadt lehrende Historiker Professor Enrique Dussel kennt die Legionäre Christi sehr gut:

11. O TON, Prof. Henrique Dussel. 0 26“.
2.SPR..
Ihr Gründer ist ein Päderast, er ist obendrein korrupt und bestechlich. Das stimmt absolut. Es gibt mehr als 10 Zeugnisse von Leuten aus den letzten 15 Jahren, die bestätigen, dass er korrupt ist. Aber Papst Johannes Paul II. wollte diese Frage nicht erörtern. Dabei handelt sich um die Korruption in der Kirche, das ist ein sehr, sehr großes Problem.

1. SPR.:
Und der ebenfalls in Mexiko – Stadt lebende kolumbianische Schriftsteller Fernando Vallejo betont:

10. O TON, Fernando Vallejo. 0 21“.
2.SPR.:
Natürlich, die Legionäre Christi kenne ich sehr gut. Der Orden ist sicher eine der machtvollsten Organisationen der Katholische Kirche. Was ich zuallererst kritisiere ist die Verlogenheit seiner Kirche und vor allem auch, dass der Papst keinen Prozess gegen Maciel führt. Ich würde Pater Maciel den Prozess machen vor allem wegen seiner Lügen und seiner Scheinheiligkeit.

1. SPR.:
Die Legionäre Christi haben über viele Jahrzehnte alle Vorwürfe gegen ihren geliebten „Vater“ pauschal zurückgewiesen. Pater Klaus Einsle von der Düsseldorfer Legionärs – Zentrale betonte noch im Jahr 2005:

12. O Ton Einsle, 0 15“.
Unser Ordensgründer hat nie wirklich Zeit damit verloren, sich zu verteidigen. Warum, weil er innerlich ein ganz reines Gewissen hat. Das war für uns eine große Lehre, dass man nicht so viel Zeit damit verbringen muss, sich zu rechtfertigen.

1.SPR.:
So konnten sie verschwiegen mit ihrem pädophilen Ordensvater unter einem Dach leben; im Vatikan hatte er viele Freunde:

18. O TON, P. Einsle 0 22“.
Schon seit 10 oder 12 Jahren gewährte uns der damalige Kardinal Ratzinger jeweils eine kleine Gesprächszeit mit ihm persönlich. Das war eine sehr, sehr herzliche, verbundene Atmosphäre. Er hat auch öfters unser Haus besucht, er kennt uns sehr gut. Und bin sicher, dass er uns auch sehr schätzt, dass da eine große Verbundenheit da ist.

1. SPR.:
Auch mit Papst Johannes Paul II. und prominenen Kardinälen war Pater Marcial Maciel eng befreundet. Die angesehene Wochenzeitung „National Catholic Reporter“ aus den USA hat nachgewiesen, wie Maciel seine vatikanischen Freunde zu Weihnachten mit großzügigen Geldgeschenken bedachte. Besonders eng verbunden war der „geistliche Meister“ mit dem damaligen Staatssekretär Kardinal Angelo Sodano. Alfons Vietmaier aus Mexiko betont:

17. O TON, Vietmeier, 0 24“.
Es haben unzählige Bischöfe Flugscheine bezahlt bekommen, Stipendien für Priesterstudien bezahlt bekommen, die Synoden in Rom sind erheblich mitfinanziert worden von den Legionarios. Es gibt also dort eine Vernetzung, die ganz klar bis zu Papst Johannes Paul II geht, der ganz eindeutig das favorisiert hat.

1.SPR.:
Wie konnten so viele Kirchenführer das wahre Gesicht Pater Maciels Jahrzehnte lang ignorieren? Der Jesuitenpater Klaus Mertes, der vor einem Jahr die pädophilen Verbrechen im Berliner Canisius Kolleg offen benannt hat, meint:

19. O TON, Pater Klaus Mertes, 0 27“
Es gibt einen Typ von Pädophilen, der andere Menschen verzaubern kann. Es ist ganz schwierig, sich diesem Zauber zu entziehen. Und in dem Moment, wo man in dem Beziehungszauber drin ist, wird auch das Hinüberreichen und Herüberreichen von Geld und Bestochenwerden schon gar nicht mehr als solches erlebt. Das ist sozusagen Teil des Beziehungszaubers, der von einem ausgeht.

1.SPR.:
Pater Maciel hat bis zum Jahr 2004 zahlreiche Päpste, Bischöfe und Kardinäle „bezaubert“. Erst vor 7 Jahren trat er als Ordensoberer mit dem gar nicht so geistlichen Titel „Generaldirektor“ zurück. 2006 ist er in den USA im Alter von 86 Jahren gestorben.
Seit einem Jahr ist die neue Führung der Legionäre Christi und des Regnum Christi entmachtet. Der Papst hat an die Spitze beider Gemeinschaften einen päpstlichen Delegaten gesetzt, den Kirchenrechtler Kardinal Velasio de Paolis. Er soll diese Gemeinschaften „reinigen“ , wie es heißt, also grundlegend reformieren. Neun Monate lang wurde die beiden geistlichen Gemeinschaften Pater Maciels in päpstlichem Auftrag untersucht, es wurde geprüft, wie weit z.B. pädophile Tendenzen bei Mitgliedern des ganzen Ordens zu finden sind. Benedikt XVI. nannte zum Abschluss der Untersuchungen allerdings nur einen Hauptschuldigen. Er erklärte am 1. Mai 2010:

2. SPR.:
Das sehr schwerwiegende und objektiv unmoralische Verhalten von Pater Maciel, das durch unbestreitbare Zeugenaussagen belegt ist, äußert sich bisweilen in Gestalt von wirklichen Straftaten und offenbart ein gewissenloses Leben ohne echte religiöse Gesinnung

1. SPR.:
Aber wegen dieser Straftaten kann Marcial Maciel nicht mehr gerichtlich belangt werden, bis zu seinem Tod hat der Vatikan ihn gedeckt und geschützt…Neben den zahlreichen pädophilen Verbrechen ist nun auch noch erwiesen: Der Pater ist auch Vater von mindestens 5 Kindern. Seine Freundinnen waren Angehörige der so genannten „obersten Oberschicht“ in verschiedenen Ländern Lateinamerikas. Sie beschenkten ihren Liebhaber überaus reichlich. Das Vermögen des Ordens wird heute auf 25 Milliarden US Dollar geschätzt. Der Theologe Alfons Vietmeier in Mexiko über diesen pädophilen Frauenheld, der selbst noch seine eigenen Söhne sexuell missbrauchte:

13. O TON, Alfons Vietmeier, 0 27“.
Eine solche deutlich als Heiliger herausgestellte Figur bricht zusammen, und damit bricht auch eine kirchliche Glaubwürdigkeit zusammen. Und das erschüttert die Grundfesten einer Kirche, die immer stramm auf Moral hin gearbeitet hat, die immer die Werte der Familie, der Enthaltsamkeit hoch gehalten hat, und das bricht wie ein Kartenhaus zusammen.

1.SPR.:
In Deutschland reagieren die Legionäre Christi gelassen auf diese Enthüllungen, sie haben sich mit ein paar Worten die Untaten Maciels bedauert! Der Orden hat bisher nur zwei deutsche Niederlassungen: In Düsseldorf ist die Zentrale, in Bad Münstereifel befindet sich das Noviziat und ein „Knabenseminar“, eine „Apostolische Schule“ für 12 bis 14 jährige Jungs. Als Kardinal Joachim Meisner am 26. Oktober 2010 dieses Knabenseminar besuchte, erklärte er abschließend auch gegenüber den Legionären:

2. SPR.:
Ich sage nicht: Werdet gut . Sondern BLEIBT gut. .

1. SPR.:
Die Laiengemeinschaft Regnum Christi hat prominente Mitglieder, berichtet einer ihrer Freunde, der Journalist Hubert Gindert:

20. O TON, Hubert Gindert, 0 19“,
Fürst Löwenstein, der ist also eng verbunden mit Regnum Christi. Christiana von Habsburg Lothringen, das ist die Schwester von Fürst Löwenstein, die ist also auch sehr eng verbunden mit Regnum Christi. Ja. Ich hab den Eindruck, dass bei diesen Gemeinschaften der Adel verhältnismäßig stark repräsentiert ist
KÜRZUNGSMÖGL. ENDE.

1. SPR.:
Inzwischen wurden aus allen Häusern der Legionäre Christi die Fotos des „geliebten Vaters Maciel“ entfernt. Auch die Aufnahmen, die ihn zusammen mit seinem „lieben Förderer“ Papst Johannes Paul II. zeigen, mussten verschwinden. Maciels Bücher dürfen nicht mehr vertrieben werden. Ist das die große „Reinigung“ innerhalb einer Ordensgemeinschaft? Das Ziel hat der Papst schon vorgegeben: : Einzig der Ordensgründer soll schuldig gesprochen werden, alle anderen werden entlastet. Nur so kann die Kirche weiter auf eine finanziell starke wie missionarisch aktive Organisation setzen. Der Papst braucht die neuen geistlichen Gemeinschaften, meint Professor Ebertz:

16. O TON: Michael Ebertz, 0 46“.
Wenn wir auf dieses Rechts – oder auch fundamentalistische Spektrum auch dieser Gemeinschaften schauen, dann ist es natürlich auch hier die Idee einer Religion totale. Also eines christlichen Staates, eines christlichen Gottesstaates. Die Idee einer Verchristlichung der Gesellschaft mit der Grundidee, dass für jeden Daseinsbereich, ob das nun die Familie ist, die Schule, die Wirtschaft ist, der Staat ist, dass christlich – katholische Vorzeichen entstehen. Das ist schon Stoßrichtung. Einige dieser fundamentalistischen Kreise der geistlichen Gemeinschaften, die sitzen z.T. auch an wichtigen Stellen in Kirche und Gesellschaft, die sind z.B. Massenmedien, die sind da präsent, und machen ihr Ding. Und die sitzen natürlich auch in Schaltstellen der Hierarchie unter Bischöfen oder sie sind in Rom, in der Kurie.

1. SPR.:
Die neuen geistlichen Gemeinschaften werden nicht zu unrecht die immer einsatzbereiten „Stoßtrupps“ des Papstes genannt; sie sind personell und finanziell in der Lage, Priesterseminare zu bauen oder kirchliche Fernsehsender zu bezahlen. Sie organisieren zusammen mit konservativen Parteien Massenveranstaltungen, etwa in Madrid die Proteste gegen die „staatliche Liberalisierung der Sexualmoral“. Sie sind auch in Scharen dabei, wenn der Papst zu katholischen Weltjugendtagen einlädt. Professor Ebertz:

21. O TON, Michael Ebertz. 0 43“.
Je stärker sich das Top – Management der katholischen Kirche mit diesen fundamentalistischen Gemeinschaften sich verbündet, um so stärker tendiert letztlich das Ergebnis eines solchen Managements in die Mitte und der reformorientierte Katholizismus hat das Nachsehen. Das ist eine Strategie, glaube ich, die langfristig dahinter steht. Von daher muss mal also überhaupt sagen, dass die römisch – katholische Kirche im Feld des Religiösen übrigens weltweit eher versucht, das Konservative Spektrum zu besetzen und sich gar nicht auf eine Konkurrenz mit dem linken oder liberalen religiösen Spektrum einlässt.

Copyright: Christian Modehn

………………………….

2.
Eine Gruppe mit Sonderstatus, PUBLIK FORUM
Die Neokatechumenalen
Von Christian Modehn

Seit fast 5 Jahren ist der „Neokatechumenale Weg“, eine äußerst umstrittene „geistliche Gemeinschaft“, offiziell päpstlich anerkannt: Nach zuverlässigen Schätzungen sind heute mehr als eine Million Katholiken mit dieser Gruppierung verbunden, vor allem Laien, die als Missionare von Tür zu Tür gehen und für ihre Glaubensunterweisungen werben. Sie unterstellen, die getauften Katholiken seien noch gar nicht richtig katholisch und auf neuen Katechismus Unterricht angewiesen, darum „das Neo“ in ihrem Titel. Immer wenn es päpstliche Massenkundgebungen gibt, sind diese Kreise dabei, mit ihren Fähnchen jubelnd und winkend, vor allem aber organisatorisch im Hintergrund. Sie kennen keine Mühe und haben genug Geld, 100.000 Getreue und mehr aus aller Welt z.B. nach Köln (zum Weltjugendtag) oder Rom (zu diversen Heiligsprechungen) oder Valencia (zum Welt – Familienkongress) zu transportieren. Am 29. Juni 2002 wurde der Eifer für die Kirche honoriert: Diese weltweit missionierende Gemeinschaft wurde offiziell approbiert, fand das Wohlgefallen durch den Päpstlichen Rat für die Laien . Die „Neos“, wie sie mit kritischem Unterton weltweit genannt werden, haben ihr Ziel erreicht: Sie gelten von nun an als authentisch römisch – katholisch. Damit ging der „inbrünstige Wunsch des Heiligen Vaters“, Johannes Paul II., in Erfüllung. Er liebte diese offensiv für den römischen Katechismus werbenden Katholiken „ganz inniglich“, wie es viele seiner Aussagen belegen.
Diese und viele weitere Informationen zum „Neokatechumenalen Weg“, so der offizielle Titel, sind dem Theologen Bernhard Sven Anuth zu verdanken: Er hat in einer umfangreichen Studie auch den neuen Rechtscharakter dieser Gruppierung untersucht und dabei festgestellt: Für die offizielle päpstliche Anerkennung wurde eine neue, eine eigene kirchliche Rechtsform geschaffen, die sich umständlich „Itinerarium katholischer Ausbildung“ nennt. Unter diesem Titel ist die neokatechumenale Gruppierung keiner bestehenden katholischen Gemeinschafts – und Rechtsform zugeordnet. Sie ist ein „Novum“. Und genau das wollten die Leiter, die sich in schlicht „Initiatoren“ nennen, also der Maler Francisco „Kiko“ Argüello und die Theologin Carmen Hernandez. Sie regieren seit der Gründung diese Gruppierung im Jahre 1962 unumschränkt. In dem neuen päpstlichen Statut gibt es für römische Verhältnisse ungewöhnliche Bestimmungen. Z.B.: „Eine Absetzung des Internationalen Teams des Neokatechumenalen Weges oder eines seiner Mitglieder durch den Päpstlichen Rat für die Laien ist im neuen päpstlichen Statut nicht vorgesehen“ (B.S. Anuth). Das heißt: Die Leitung der eine Million umfassenden Bewegung kann unkontrolliert agieren. Papst Benedikt XVI. hat vor einem Jahr verfügt, dass diese Kreise auf ihre eigenen stundenlangen Messfeiern als Konkurrenz zu den Pfarrgemeinden verzichten sollen, dass sie sich überhaupt stärker in die Gemeinden einfügen: Prompt betonte der Verantwortliche der „Neos“ in den USA das Gegenteil: „Der Brief akzeptiert das Prinzip, dass wir besondere Feiern am Samstagabend abhalten“, so Giuseppe Gennarini. Dabei werden diese Kreise nicht müde zu betonen, Benedikt XVI. sei ein sehr guter Freund: Tatsächlich hatte er schon als Erzbischof von München die „Neos“ zugelassen. Und bei einem großen Treffen der neuen geistlichen Bewegungen zu Pfingsten 2006 waren diese Gruppen ausdrücklich beteiligt. So könnte man meinen, die sanfte Kritik Benedikt XVI. an allzu eigenmächtigem Verhalten der Neos diene vor allem der Beruhigung der weiten Kreise der Kritiker.
In zahllosen Dokumenten, Publikationen und persönlichen Zeugnissen werden die Neos nicht nur kritisiert, sondern als Irrweg beschrieben: Von einer „Parallelkirche“ sprechen die Kritiker und ehemaligen Mitglieder, weil die Neokatechumenalen die eigene Gruppe über alles stellen. Von sozialer Abstinenz ist die Rede, weil sich alles um die Lehren des römischen Katechismus, nicht aber auch um sozial-politisch wirksame Projekte dreht. Von Spaltung der Gemeinden wird berichtet, weil sich die neokatechumenalen Missionare gern als besserwisserische Elite aufführen. Sie wollen den getauften Katholiken einreden, sie würden nur über den tatsächlich 12 bis 15 Jahre dauernden Katechismus Kurs ihr Heil erlangen. Etliche Mitglieder, meist Ehepaare, werden bewusst unvorbetreitet und „arm“ in völlig entlegene Regionen der Welt als Missionare entsandt: Italiener nach Kasachtan, Spanier nach Finnland usw. Seminaristen aus diesen Kreisen werden über die 60 eigenen Priesterseminare weltweit willkürlich verteilt, bei dieser „Auswahl“ gehe es zu, „wie auf dem Viehmarkt“, berichtet einer der es wissen muss, der Kölner Neo-Priester Ansgar Puff. ( Anuth, S. 195, Fußnote 799).
Finanzielle Interessen der Leitungsebenen können selbst für einen seriösen Forscher nur erahnt werden, bei dem Thema werden keinerlei Auskünfte erteilt. Nur vereinzelt berichten Ehemalige: „Die meisten Mitglieder geben das Geld ihrer Gruppe gern und merken gar nicht, dass zum Bespiel der Gründer Kiko immer mit einem riesengroßen BMW durch die Gegend fährt“. Fraglos ist, dass z.B. nach der finanziellen Pleite des Erzbistums Berlin das Priesterseminar der Neokatechumenalen in der Hauptstadt von Spenden der Anhänger finanziert wird. Da muss ganz ordentlich „geopfert“ werden…Zahlreiche Stiftungen finanzieren das Werk, genaue Informationen wurden B.S. Anuth verweigert, wie er mehrfach betont. Die Stiftungen gelten in Deutschland als gemeinnützig. So können Spender Steuer sparen und der Staat meint, die Neos seien nützlich für die Allgemeinheit der Gesellschaft und des Staates.
Auch die kostspieligen Treffen mit Bischöfen aus Europa im Wiener Hotel Interconti (1993) oder aus Amerika im New Yorker Sheraton (1997) wurden von Mitgliedern bezahlt, und sicher auch das äußerst aufwendig gestaltete neue Zentrum am See Genetareth. Ein pompöses Bauwerk, das u.a. auch dem Dialog mit den Juden dienen soll: Wobei die Neokatechumenalen ausdrücklich die ultra-orthodoxe Lubawitsch-Bewegung als Gesprächspartner rühmen, weil „sie messianische Juden sind“.
Wird das Neokatechumenat kritisiert, werden die Überbringer der Botschaft normalerweise diffamiert. Eine Auseinandersetzung über die Neos findet in kirchlichen Kreisen, etwa in Katholischen Akademien, nicht statt. Weil diese Kreise viele junge Priester „liefern“, wird über alles „Neokatechumenale“ offiziell geschwiegen. Selbst Gemeindemitglieder aus Pfarreien mit noekatechumenalen Priestern wagen nur anonym Auskunft zu erteilen. Die Neos verbreiten Angst.
Sie haben gewagte Ansprüche, wollen etwa das säkulare Europa bekehren. In den Texten der Führer dieser Gruppierung wird die moderne Gesellschaft aber abgelehnt , wenn nicht verteufelt. Keine gute Ausgangsbasis für einen Dialog. In der weiten Ökumene haben bisher sehr wenige begriffen, wie die Gruppen der Neos das Angesicht der Katholischen Kirche insgesamt bereits verändert haben.

. . . . . . . . . . . . . .
3.
Deutschlandfunk 2001
Studiozeit, Red. Hartmut Kriege
— Ein Manuskr. für eine Ra­dio­sen­dung, unkorrigiert–
„Das Sanierungsprogramm Gottes“
Die Neokatechumenalen
Eine Sendung von Christian Modehn

29 O TÖNE, incl. von 2 musikal. Zuspielungen.

1. O TON Zusp,. Pfarrer Ansgar Puff, 0 41″
„Ich bin Pastor in 3 Pfarrgemeinden am Rand der Innenstadt von Düsseldorf. Und bei uns gibt es kein Missionsgebiet, jeder von uns hier hat mal was von Christus gehört. Aber unsere Gemeinden strahlen auch nicht das Evangelium aus. In einer solchen Situation ist es wichtig, neu zu evangelisieren. Das bedeutet erstens einen Schwerpunkt auf die Erwachsenenkatechese zu legen, zweitens kleine kirchliche Gemeinschaften zu bilden. Und drittens systematisch die Fernstehenden anzusprechen. Und um diese drei Ziele zu erreichen, gibt es ein sehr gutes Instrument, ein katechetisches Instrument, in der Hand der Gemeinde und des Pfarrers, und das ist der neokatechumenaler Weg“.

Pfarrer Ansgar Puff gehört seit etlichen Jahren zur Gemeinschaft des Neokatechumenats. Der Name aus dem Griechischen ist Programm: Die Mitglieder dieser neuen geistlichen Bewegung halten „Katechesen“, also Glaubensunterweisungen. Sie wenden sich überwiegend an getaufte Christen. „Neu“ ist vor allem die lange Dauer der Schulungen: Nach geltendem Kirchenrecht wird ein Ungetaufter höchstens zwei Jahre lang im katholischen Glauben unterwiesen. Bei den Neokatechumenalen vergehen viele Jahre, ehe man als ein „richtiger Katholik“ gelten kann: Das unterstützt Paul Josef Cordes; er ist Kurienbischof in Rom und ein enger Förderer des Neokatechumenats:

2. O TON, 0 21″ Bischof Cordes.
„Als ich zum ersten Mal gehört habe, daß das über zehn Jahre dauert: da habe ich gedacht, das kann doch nicht wahr sein, das kann man doch heute keinem Menschen mehr zumuten, 10 Jahre irgendetwas mit Regelmässigkeit zu tun. Das ist gegen alle Gesetze der Erwachsenenbildung“. —-APPLAUS bleibt!

Diesem neokatechumenalen Weg zum Glauben folgen Katholiken in 105 Staaten, in 800 Bistümern und 5.000 Pfarrgemeinden, mindestens 200.000 Gläubige werden auf diese Weise erreicht. Überall wollen sie innerhalb der Pfarrgemeinden ihre eigenen Gruppen aufbauen. So manch ein Geistlicher ist zunächst einmal froh, wenn sich ehrenamtliche Mitarbeiter anbieten: Auch bei Pfarrer Klaus Spors in Berlin-Hellersdorf hatten sich die Neokatechumenalen gemeldet, als ein Kaplan aus dieser Gemeinschaft seinen Dienst antreten wollte:

3. O TON, 0 24″ Spors.
„Dann hab ich auch mal gefragt, gerade auch als der Kaplan da war: ich möchte doch mal irgendein Schriftstück oder irgendeine Ordnung dieses Vereins haben, oder so. Das gäbe es nicht, und die Satzungen seien noch nicht fertig und die seien in Rom in Arbeit. Dieses ganze Gelaber, wenn einer irgendwas nicht sagen will und wenn man vor allem Dinge sich nicht festlegen will“.

Von Rom aus steuert Kiko Arguello diese internationale Gemeinschaft: Der Künstler aus Spanien gründete 1964 in Madrid das Neukatechumenat. Mit dessen bislang geheimen Strukturen hat sich Pfarrer Hans Joachim Osseforth aus Hannover intensiv befaßt:

4. Zusp., 0 43″
„Das ist viel zentralistischer als der normale hierarchische Aufbau der katholischen Kirche. Das ist innerhalb der Kirche noch mal eine sehr zentral gesteuerte geistliche Bewegung, die sehr eng ist, die sehr gut durchstrukturiert ist. Der oberste Chef ist Kiko, das ist also der Gründer, das ist, sage ich mal, der Jesus des Neokatechumenats. Und alles, was Kiko gemacht hat, ist von vornherein schon gut. Da darf man auch nichts kritisieren, auch seine Schriften, seine Bilder oder so. Die wie heilige Ikonen behandelt werden, so daß man sagt: nur diese Bilder sind eigentlich die richtigen, nur diese Bilder gelten was. die uns begleiten auf unserem Weg, das halte ich dann auch für eine Engführung“.

Mit dem Papst stehen Kiko und seine Leute in bestem Einvernehmen; Johannes Paul der Zweite entsendet selbst Laienmissionare aus dieser Gemeinschaft in alle Welt. In Deutschland wollen die Neokatechumenalen auch mit ihren Liedern die Menschen zum Glauben bewegen:

5. O TON, Lied insgesamt: 0 45″. bleibt ca. 010″ freistehen, dann wegziehen.

Rita ist eine von vielen neokatechumenalen Missionare: Sie stammt aus Italien und wurde zusammen mit ihrem Mann nach Hannover entsandt; dort bietet sie ihre sogenannten Glaubens-Kurse an:

6. O TON, Rita 0 19″
„Europa neu evangelisieren, das heißt, daß wir Menschen alle gegen den Teufel, das heißt, wie Paulus sagt, daß wir gegen das Böse in die Welt kämpfen, nicht gegen kleine Sachen, die uns stören. Das heißt, das ist ein grosse Kampf“.

Die neokatechumenale Missionarin Bruna setzt andere Akzente in ihren Vorträgen:

7. O TON, Bruna 0 35″
„Es gibt eine Bombe, die viel grösser ist als die Atombombe, und diese Bombe ist die Abtreibung. Ich weiß nicht, ob sie gelesen haben: Ind er Welt passieren jedes Jahr 40 Millionen Abtreibungen. Viele sagen, daß diese Abtreibungen wird der Grund sein für 3. Weltkrieg. Man meint vielleicht als Strafe, die Menschheit wird bestraft. Aber deswegen!

Auch Toni ist neokatechumenaler Missionar; er will in seinen Vorträgen die traditionelle Lehre vom Priestertum verbreiten:

8. O TON, Toni, 0 40“.
„Warum eine Frau nicht Priester sein kann? Sie kann eine Prophetin sein, wunderbar, sie kann verkündigen, wunderbar! Kann vermitteln. Aber nicht Vorsitzende. Es tut mir leid, daß Jesus ein Mann war. Es tut mir leid, daß Jesus ein Jude war. Vielleicht wolltest du, daß Jesus aus Oberammergau kommt. Aber er kommt nicht aus Oberammergau. er kommt von einem kleinen Dorf in der Wüste. Es tut mir leid, die Kirche benützt den Wein und nicht das Tee oder Bier. Jesus ist ein Mann.

Diese Beiträge der Katechisten kann Pfarrer Ansgar Puff aus Düsseldorf nicht hoch genug einschätzen: Die Missionare würden so heilsam auf die Menschen wirken, meint er:

9. O TON, Puff. 0 29“.
„Es geht nicht darum, daß die Katechisten die besseren Psychologen wären. Aber es geht darum, daß wenn Jesus und die Botschaft seiner Auferstehung die Menschen wirklich erreicht, daß dann ein Prozeß der Heilung beginnt in den Menschen. Das Erstaunliche an dem neokatechumenalen Weg ist, daß es, ich sage es einmal salopp, eine Art Sanierungsprogramm Gottes ist, das ist keine Sache der Psychologie, das ist eine Auswirkung der Gnade, wenn sie so wollen, die Gott einem einem schenkt.

Das Neokatechument ein „Sanierungsprogrmm Gottes“ für die heutige Welt? Ursula Wenzel aus Berlin sieht das anders; sie war Mitglied im Pastoralrat des Erzbistums Berlin; sie hat sich einmal auf diese neokatechumenalen Schulungen eingelassen:

10: O TON, Wenzel. 0 20″
„Man sieht den Menschen nur als grossen Sünder.Vielleicht ist das auch ein den Menschen in eine bestimmte Situation und in eine bestimmte Abhängigkeit bringen. Indem ich ihm sage, wie groß seine Sünde ist, desto besser kann ich in den Weg einbeziehen, und desto gefügsamer ist er dann auch“.

Beobachtungen, die Pfarrer Hans Joachim Osseforth aus Hannover aus eigenem Erleben nur bestätigen kann:

11. O TON Osseforth 0 12″
„Man muß dann einen Bußgottesdienst mitmachen von 2 Stunden. Man wird fast gezwungen zu beichten. Es floß dann also mit ein, daß Gott weithin nur auf dem Wege des Neokatechumenats die Menschen in die Freiheit führt.

Auch Pfarrer Albrecht Przyrembelaus Hannover hat sich auf die Neokatechumenalen Katechesen eingelassen; er hielt einige Wochen durch, bis es ihm zu schlicht und simpel wurde:

12. O TON: Przyrembel. 0 27“
„Da waren denn Tafelbilder, wie ich sie in der Grundschule gebrauche, aber eben mit erwachsenen Menschen nicht. Das waren irgendwelche Bilder, das waren ganz einfache, fertige Antworten, wie der Katechismus früher fragt: Wozu bin ich auf Erden. Was muß ich tun, um dann auch in den Himmel. Was für manche Menschen auch heute noch ne Hilfe ist, es gibt ja ne Neuauflage der alten Katechismen.

Kurien-Bischof Paul Josef verteidigt hingegen diese Art der Glaubensunterweisungen. Ihn stört es ganz und gar nicht, daß die neokatechumenalen Missionare kein Theologiestudium absolviert haben. Er findet es sogar gut, wenn sie fern von der akademischen Welt und ihren Privilegien leben. Überhaupt hat der Bischof Cordes, enger Freund der Neokatechumenalen, etwas gegen kritische Akademiearbeit der Kirchen:

13. O TON, Cordes. 0 31“ endet mit Beifall
„Ich habe also nichts dagegen, daß man staatliche Hilfen in Anspruch nimmt. Aber manchmal habe ich die Sorge, daß wir aufgrund der staatlichen Hilfe anfangen, Bildungspläne zu machen, die mit Glaubensverkündigung auch nicht mehr indirekt etwas zu tun haben.

Nicht kritische Nachdenklichkeit, allein Frömmigkeit zählt bei den Neokatechumenalen: Kurienbischof Cordes:

14. O TON Cordes, 0 18“
„Ich halte es für besser, eine Fastenpredigt zu halten mit Gebet und Aussetzung des Allerheiligsten als sich in einen Konferenzsaal zu setzen und nachzudenken über die Fastenzeit und eine Bildungsveranstaltung zu machen.

Und immer wieder werden die Glaubensunterweisungen für „moderne Heiden“ von „hauseigenen“ Chansons begleitet:

15. O TON, Maria, Tochter deines Sohnes. ca. 0 17″ bis „Tochter deines Sohnes“ zu hören war!!
INSGESAMT: 1 20″

Man stolpert schon über den ersten Vers: „Maria, Tochter deines Sohnes“. Wie geht das? Die Neokatechumenalen antworten: Maria sei die Tochter des ewigen göttlichen Logos im Himmel; sie sei sozusagen die menschliche Tochter des Himmlischen Gottes. Solche Texte werden mit Inbrunst gesungen:

15. O TON, Lied, bei 0 53″: noch einmal hochziehen,

Mit diesen Liedern ziehen die Neokatechumenalen in die Gemeinden Deutschlands… Pfarrer Klaus Spors aus Berlin-Hellersdorf kennt diese Songs; ihm wurde vor 7 Jahren ein Kaplan zugewiesen, der Mitglied des neokatechumenalen Weges war. Pfarrer Spors erinnert sich:

16. O TON, Spors, 0 33″.
„Sie haben die wahre Religion und auch den wahren Katholizismus. Das kling so immer durch. Am eklatantesten war das Ostern 97, mit Ach und Krach habe ich den Kaplan dazu bekommen, in der Pfarrei zu sein und als das fertig war. Dann danach war immer Ostertreffen der Jugend angesagt. Dann hat er das auch gemacht. Dann um halb zwei nachts, haben mir die Jugendlichen gesagt: Er hat gesagt, jetzt kann ich endlich dahin gehen, wo wahres Ostern ist, und dann hat er sich ins Auto gesetzt und ist zu seinem Neokatechumenat gefahren.

Ein Mitglied einer anderen Berliner Gemeinde will aus Angst vor Repressalien lieber anonym bleiben; diese Frau hat neokatechumenale Kapläne aus nächster Nähe erleben können:

17. O TON, Thekla, 0 27“
„Die andere Seite war ein relatives Engagement in der Gemeinde. Begrenzt auf das Notwendige; da wurden Absprachen nicht eingehalteb.Der eine Kaplan kam ständig zu spät zum Religionsunterricht, es gab Ostersonntag keine Predigt, weil er in der Nacht beim Neokatechumenat war. Das Engagement war bei sehr niedrigem Niveau, was die Gemeinde betraf!

Der viel zitierte „Dienst des Priesters“ war nicht mehr als ein schönes Wort: .

18. O TON, Thekla;
0 28″
„Normalerweise sollte es so sein, muß es so sein, daß wenn jemand Priester wird, Gott dient, aber auch dem Nächsten dient, der Gemeinde dient. Und diese Kapläne mit neokatechumenaler Ausbildung haben anderes Selbstbewußtsein. Wenn ich es einmal etwa salopp ausdrücken darf: Freut euch, daß ich Priester geworden bin und erweist mir dabei die gebotene Ehre und Dankbarkeit“.

Von Aufbau der Gemeinde hielt der neokatechumenale Kaplan nicht viel:

19.OTON 0 26″.
„Ich denke, was am schmerzlichsten war, das äusserte sich im stillen Auszug. ein Beispiel ist nur: es gab etwa 20 Jugendliche einer 9. Klasse, die regelmässig zum Religionsunterricht kamen. Nach Ende des Schuljahres mit dem Kaplan kamen noch zwischen 1 und 10. das ist eigentlich das gefährlichste, dieser stille Auszug, wo man sich nicht auflehnt und sagt: Ja ich gehe einfach weiter.

Auch Pfarrer Spors aus der Sankt Martins Gemeinde in Berlin hat die Anwesenheit eines neokatechumenalen Kaplans als Belastung erlebt:

20. O TON. Spors. 0 53″
Dann ging es immer um seinen freien Tag, den er also im Neokatechumenat verbringen wollte, verbringen mußte, ich weiß es nicht. Ich hab gesagt, der freie Tag richtet sich nach der Pfarrei und nicht nach seinen Verpflichtungen. Darauf sagte, er nein, den freien Tag muß er haben. Dann er also immer nicht da war, nicht erreichbar war. Und dann kam plötzlich eine situation, in der er mir sagte, er müßte da alles ganz anders machen und sein Hauptaugenmerk jetzt auf das Neokatechumenat richten. Und darauf sagte ich: nein, das sehe ich nicht ein. Er ist als Kaplan in der Pfarrei und die Pfarrei geht vor. Da müßte er sich nach richten. Dann gab es kleine Auseinandersetzung, daraufhin habe ich den Weihbischof angerufen und gesagt: ich bitte um die Versetzung des Kaplans, das hat keinen Sinn“:

Ursula Wenzel weiß von ihrer Tätigkeit im Berliner Pastoralrat, welche Auswirkungen die Anwesenheit neokatechumenaler Missionare in zahlreichen Gemeinden hat:

21. O TON, Wenzel. 0 18″
„Die Vertreter des neokatechumalen Weges verfolgen ein Ziel. Und das ist nicht unbedingt die Gesamtheit der Gemeinde, sondern nur ihre Mitglieder.Und da muß es zu unterschiedlichen Meinungen kommen, und da muß es auch zu unterschiedlichen Wegen dann führen. Und da ist eigentlich eine Spaltung in der Gemeinde vorhanden“(Stimme oben)

Erfahrungen, die auch anderswo in Deutschland gelten, etwa in Hannover. Dort arbeitet Pfarrer Hans Joachim Osseforth:

22. O TON, Osseforth, 0 36“
„Ich habe nach einer gewissen Zeit erlebt, daß sie sich ein bißchen besser dünkten als die normale Gemeinde. Und immer davon sprachen, daß die Gemeinde wie ich mich wandeln muß. daß ich mich zunächst bekehren muß. Also ich wurde als ein Unbekehrter, nicht richtig Gläubiger angesprochen. Ich habe sie dann gefragt, ob sie das dsikriminierend meinten, das haben sie immer verneint, aber es kommt diskriminierend immer rüber“.

Die neokatechumenale Bewegung hat sich absolut dem Wort der Verkündigung und ausschließlich der Belehrung verschrieben. Der caritative Aspekt, der Einsatz für materiell Notleidende, fehlt völlig. Es ist kein einziges neokatechumenales Projekt für Obdachlose oder Ausländer in Deutschland bekannt! Ursula Wenzel:

23. O TON, Wenzel, 0 18″
Sie sagen, es ist nicht unsere Sache, Dinge zu ändern. Sondern wir müssen uns auf Gott berufen. Und Gott wirds richten. Also dieses Zurückgehen auf Gott, der alles tut. Das ist für mich ne Engführung des Glaubens. Und diakonische Aktivitäten habe ich also noch nicht gesehen“.

Nun werden bald auch die Katholiken im Erzbistum Köln von neokatechumenalen Priestern missioniert werden: Die Konzeption des neue Priesterseminars in Bonn erläutert Pfarrer Ansgar Puff:

24. O TON, PUFF 0 21″
„Es ist ein Diözesanseminar, das bedeutet: es ist nicht ein Seminar des Neokatechumenats, es ist nicht so wie bei Orden, daß das Neokatechumenat ein eigenes Seminar hätte, sondern es ist ein Diözesanseminar, das dem Bischof untersteht und alle, die dort ausgebildet werden, werden inkardiniert in das Erzbistum Köln.

Eine diplomatische Nuance: Neokatechumenale Priester, die nicht in einem neokatechumenalen Seminar ausgebildet werden…Aber diese jungen Pastoren werden dann doch nicht nur im Erzbistum Köln eingesetzt werden:

25. O TON, Puff, 0 17“.
„Dieses Seminar ist missionarisch ausgerichtet und hat da Ziel, neu zu evanglisieren. Und die Mitglieder dieses Seminars werden so ausgebildet, daß sie nicht nur im Erzbistum Köln ihren Dienst tun können, sondern auf Anfrage beispielsweise eines Bischofs aus Lettland, auch in Lettland“.

Die Kostenfrage für Bau und Unterhalt des Seminars ist längst entschieden:

26. O TON, PUFF, 0 26″
„Es wird wahrscheinlich einen kleinen Zuschuß der Diözese geben. Die Verantwortlichen des Seminars, also der Regens und der Spiritual sind angestellt vom Bistum Köln und bekommen natürlich auch ein ganz normales Gehalt wie jeder Priester im Bistum Köln. Ansonsten werden die Studiengebühren und der Lebensunterhalt, und alles, was da notwendig ist, von en Laien des Neokatechumenats aus dem Erzbistum Köln und aus Spenden gedeckt“.

Die Mitglieder der neokatechumenalen Gemeinschaften werden immer wieder zu großzügigen Gaben für die eigene Bewegung gedrängt. Mindestens 10 Prozent des Monatslohns gehen in die Kasse der Bewegung. Bei vielen tausend Mitgliedern weltweit hat man genug Geld: Beobachtungen, die auch Pfarrer Spors aus Berlin anläßlich der Errichtung eines neokatechumenalen Priesterseminars in Berlin-Biesdorf machen konnte:

27. OTON 0 23″
„Es ist in der Kirche so, wo das Geld ist, ist eben auch die Macht. Leider. Geld scheint keine Rolle zu spielen. zum Beispiel ist eindeutig: Die haben das gekauft und total renoviertel, dieses Biesdorfer Ding, und angeblich hat das Bistum nicht einen Pfennig dazugegeben. Und 10 Millionen sind kein Pappenstiel“.

Die Diskussion über das Neokatechumenat wird in Deutschland eher zunehmen. Kiko Arguello und seine Getreuen polarisieren; sie teilen die Kirche in Gute und weniger Gute ein. Beobachtungen von Pfarrer Hans Joachim Osseforth:

28. O TON 0 31″
„Die sondieren auch ganz klar, und die sagen sofort: Aha, der Bischof, der uns nicht so liebt und leidet, wie wir das wollen, der ist nicht mehr so ganz katholisch. Also es wird ganz schön diskriminiert, bei Priestern, bei Bischöfen. Immer mit dem Hinweis: Der Papst unterstützt uns, der Papst hält unsere Bewegung für gut. Und viele Bischöfe tun das auch, das sind dann die lieben Bischöfe, und die Priester und Bischöfe, die etwas kritisch sind, das sind dann die Nichtbekehrten“.

Für Pfarrer Klaus Spors ist nach seinen Erfahrungen klar:

29. O TON. 0 34″
„Also das Neokatechument ist meiner Meinung der Versuch einer geistlichen Richtung in der Kirche, die konservativ geprägt wird, mit einem Alleinvertretungsanspruch auftritt. Und vor allem über die Rekrutierung eines sektenähnlichen Klüngels in der Kirche eine Erneuerung hervorrufen will. Aber alle diese Dinge funktionieren innerhalb einer regulären Seelsorge meiner Meinung nach nicht“.

Copyright: Christian Modehn

Theologe im Widerspruch: Der Berliner Theologe Gregory Baum wird 90 Jahre

Der ökumenische Theologe Gregory Baum wird 90 Jahre

Von Christian Modehn

Er ist einer der letzten noch lebenden Theologen, die das 2. Vatikanische Konzil mit geprägt haben und dort die Debatten und Entscheidungen beeinflussen konnten: Gregory Baum feiert am 20. Juni 2013 seinen 90. Geburtstag in Montréal, Kanada.
Für den Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon gibt es viele Gründe an den vielseitig gebildeten Theologen und Soziologen zu erinnern. Seine Leistungen hinsichtlich der Verständigung zwischen katholischer Kirche und Judentum wurden früher schon auf dieser website dokumentiert, in der Form eines Interviews, das er dem Autor dieses Berichtes in Montréal gab, zur Lektüre klicken Sie hier.
Dabei wird schon deutlich: Gregory Baum ist stets ein Theologe und Soziologe, der für die Öffentlichkeit spricht, der die Sache der Religionen in verständlicher Weise darstellen kann. Man möchte ihn auch einen „journalistisch begabten Theologen“ nennen.
Gregory Baum hat sich seit dem 2. Vatikanischen Konzil als kritische Stimme, wenn nicht gar als „Dissident“ verstanden. Das wird deutlich in seiner umfassenden Vortragstätigkeit (mit entsprechenden Publikationen) etwa zu den Rechten der Frauen in der katholischen Kirche oder zum Thema Respekt und Anerkennung für homosexuelle Katholiken.
Nicht weniger interessant empfinden wir es – als Berliner -, dass Gregory Baum in Berlin am 20. Juni 1923 geboren wurde, am Schiffbauer Damm, wie er berichtete, als Kind einer jüdischen Mutter und eines protestantischen Vaters. Es gehört zur Kultur, auch der religiösen, in Berlin, auch an die großen Theologen zu erinnern, die hier ihre erste Heimat hatten….Von den Nazis vertrieben, fand er zuerst Zuflucht in England, dann landete er 1940 in Kanada; dort konvertierte er zum Katholizismus und trat später in den Augustiner Orden ein. Später heiratete er ….Viele weitere biographische Details und eine Liste seiner zahlreichen Bücher kann man anderweitig lesen. Viele Jahre arbeitete er an der Mc Gill University in Montréal, als Religionssoziologe und Theologe. Er spielt in der Stadt und darüber hinaus in ganz Kanada immer noch eine inspirierende Rolle, etwa durch seine Mitarbeit an der Zeitschrift der Jesuiten dort mit dem Titel „Relations“.
Er ist, wie er mir berichtete, auch mit der Gemeinde Saint Pierre Apotre in Montréal verbunden; dies ist eine der wenigen „offiziellen“ Pfarrgemeinden im Katholizismus, in der homosexuelle Menschen die absolute Mehrheit unter den Gottesdienstteilnehmern stellen; die Gemeinde befindet sich im so genannten „Schwulen Dorf“ von Montréal (Metro „Berry – UCAM“).
Gregory Baum hat den Glauben immer als politische Dimension verstanden, immer bezogen auf die sozialen und politischen Umstände. Die befreiungstheologische Option für die Armen hat er sich zueigen gemacht. Um der Befreiung der Menschen, auch der Katholiken, aus autoritären Strukturen geht es ihm, deswegen kritisiert er den Vatikan, weil, so wörtlich, der keinen Respekt hat vor den evidenten Lebens – Erfahrungen der Menschen von heute, eine Ignoranz, die sich in der fixierten und finsteren Moral – Rigidität vor allem zeigt. „Rom lässt die Katholiken leiden“, hat er einmal geschrieben. Gregory Baum hat vielen Menschen – gerade in seiner Beharrlichkeit als Dissident – doch Inspiration und Lebensmut gegeben, das ist ja in unserer Sicht auch eine Tugend religiöser Menschen. Deswegen darf Gregory Baum auch in Berlin und darüberhinaus in Europa nicht vergessen werden.

copyright: Christian Modehn Berlin

Walter Jens – Für die Freiheit im Katholizismus

Walter Jens – Für die journalistische Freiheit im Katholizismus
Erinnerungen an den Berliner Katholikentag 1980
Von Christian Modehn

1.

Die Erinnerungen an die Beiträge von Walter Jens auch für ein Neuverständnis des christlichen Glaubens und für eine Reform der Kirchen – im Sinne der Aufklärung und der Vernunft ! – sind vielfältig. Sie bleiben anregend, etwa sein Wort über den Prediger, das der „Tagesspiegel“ am 11. Juni 2013 noch einmal zitiert. Walter Jens sagt: “Ein Prediger, der von Gott sprechen will, muss von der Welt reden, von der Lebenswirklichkeit und dem Hier und Heute des Menschen: Hat Jesus von Nazareth anders geredet?“

2.

Wenn der Religionsphilosophische Salon auch an den Religionskritiker Walter Jens (geboren am 8. Mai 1923, gestorben am 9. Juni 2013) erinnert, dann denken wir vor allem an einen – innerhalb des umfangreichen Lebenswerks gesehen – doch eher bescheidenen Artikel von ihm. Dieser Beitrag sorgte aber im Jahr 1980 im katholischen Milieu Deutschlands für viel Beachtung. Auch an diesem Beispiel wird die Kraft des engagierten Aufklärers deutlich: Der Artikel, den Walter Jens unter seinem (schon damals bekannten) Pseudonym „Momos“ am 13. Juni 1980 in der Wochenzeitung „Die Zeit“ veröffentlichte, ist also im Rückblick dann doch alles andere als marginal.

3.

Zur Erinnerung: West – Berlin, in der ersten Juniwoche 1980: Der 86. Deutsche Katholikentag (vom 4. bis 8. Juni) ist ein außergewöhnliches Ereignis: Zum ersten Mal laden kritische Katholiken, vor allem junge Menschen von der Basis, zu einem „Katholikentag von unten“ ein. Die Veranstaltungen dürfen nicht in den Räumen des offiziellen Katholikentages stattfinden, so wollen es die Bischöfe und das Zentralkomitee „der“ deutschen Katholiken. Die „Basis – Katholiken“ finden Zuflucht bei einigen protestantischen Gemeinden. Für den Sender Freies Berlin (SFB) realisiere ich zusammen mit den beiden anderen Filmemachern Wolfgang Fietkau und Wolfgang Tumler einen Film von 30 Minuten Länge: er wird gleich am Sonntag, den 8. Juni, um 17.30 Uhr ausgestrahlt. In dem Film wird aus dem Blickwinkel von Teilnehmern einer Gemeinde (Eschborn bei Frankfurt a.M.) berichtet. Dabei wird selbstverständlich auch über den auch sonst von den Medien stark beachteten „Katholikentag von unten“ berichtet. Vor allem dieser journalistische Respekt in der ARD vor dieser neuen Initiative löst eine wahre Welle der Empörung im offiziellen deutschen Katholizismus aus. Heute würde man das bösartig – polemische Phänomen wohl „shitstorm“ nennen, unter dem besonders der verantwortliche Redakteur Johannes Huthmann zu leiden hatte. Bei ihm sammelten sich hunderte von üblen Beschimpfungen streng konservativer Katholiken. Dies war wohl auch eine Form der Zurückweisung der Pressefreiheit im Katholizismus, sie wurde offensichtlich angefeuert durch den für das Bistum Berlin verantwortlichen Bischof Joachim Meisner und seine Umgebung; Meisner war erst am 17. Mai 1980 offiziell als Bischof von Berlin eingeführt worden, ernannt von Papst Johannes Paul II, arbeitete er zuvor im DDR Bistum Erfurt. Er „residierte“ nun in Ost- Berlin.

4.

Diese etwas ausführliche Vorrede ist nötig, um die Bedeutung des Beitrags von Walter Jens in „Die Zeit“ vom 13. Juni 1980 richtig einschätzen zu können. Jens lobte ausdrücklich, dass die ARD (SFB) die Bilanz des Katholikentages nicht „von den Kardinälen und Funktionären des Zentralkomitees, den großen Meistern jener zugleich ein- und vieldeutigen Kommuniqués, sondern von Teilnehmern ohne großen Rang und glanzvolle Namen gezogen wurde. Eine Bilanz von unten, ein Bilanz im Zeichen der Religion Christi, nicht der christlichen Religion“. Dann weist Walter Jens auf einen Zwiespalt im Katholikentag hin: „Wurde auf der einen Seite (im Film, CM) die Praktik der Oberen getadelt, sich nach außen hin offen zu geben, um nach innen rigoros abzuschotten- nur nicht zu viel Ökumene usw. – so sah sich auf der anderen Seite der gemachte, geplante professionell inszenierte Jugend Rummel attackiert…“. Walter Jens weist außerdem eindringlich darauf hin, wie vom offiziellen Katholikentag jegliches Gespräch mit Homosexuellen zurückgewiesen wurde, während es entsprechende Gespräche und Veranstaltungen auf dem „Katholikentag von unten“ selbstverständlich gab: Dank der evangelischen Freiheit protestantischer Gemeinden.

5.

Der Beitrag von Walter Jens in „Die Zeit“ hat die Herren der offiziellen Kirche zwar nicht zu einer Meinungsänderung bewegen können in Richtung Pressefreiheit. Aber Walter Jens hat mit seiem Beitrag auch mit dafür gesorgt, dass eine von den Kirchenoberen nicht allzu sehr kontrollierte journalistische Arbeit – etwa in der ARD – weiter gestärkt wurde und kritische Journalisten und Redakteure ihre Arbeit weiter machen konnten.

Walter Jens hat vor allem den Christen an der Basis zweifellos Mut gemacht, den Weg „von unten“ weiterzugehen. Und es hat lange gedauert, bis zur Jahrtausendwende, als sich die offiziellen Katholikentagsveranstalter mit den Organisatoren des Katholikentags von unten zu einem friedlichen Nebeneinander und gelegentlichen Miteinander durchringen konnten. Heute haben sogar Homosexuelle einen offiziellen Platz auf dem offiziellen Katholikentag, „aber nur, wenn sie für ihre Lebensform keine Reklame machen“, wie mir der ZDK Pressesprecher Theodor Bolzenius im Interview im Jahr 2006 sagte.
Der Versuch, vor allem durch das konservative Umfeld von Bischof Meisner (seit 1989 Erzbischof von Köln), die Pressefreiheit in der Kirche einzuschränken, hat sich nicht ausgezahlt, wenn man nur auf die Attraktivität der Katholikentage schaut. Gab es 1980 in Berlin ca. 75.000 Dauerteilnehmer, so waren es im Jahr 2000 nur noch 40. 000, im Jahr 2006 nur noch ca. 23. 000. (Quelle: http://fowid.de/fileadmin/datenarchiv/Katholikentage_1968_2008.pdf, gelesen am 11. Juni 2013, 12. 15 Uhr). Was kann daraus geschlossen werden: Ohne umfassende Meinungsfreiheit, ohne gelebte Pluralität, ohne den Mut, dogmatische Fixierungen zu überschreiten, haben Katholikentage wohl keine große Zukunft mehr. Sie werden zu marginalen Ereignissen in der Provinz.

6.

Man muss sich im Rahmen unseres Forschungsprojekts „Philosophische Religionskritik“ an solche Ereignisse erinnern, vor allem an solche Menschen von den Dimensionen eines Lessing, also an Walter Jens, um den Wandel des Religionen und Konfessionen in den letzten 30 Jahren in Deutschland tiefer verstehen zu können und um einige der vielfältigen Ursachen zu begreifen, die zur (Selbst-) Marginalisierung des Katholizismus führen.

Copyright: Religionsphilosophischer Salon Berlin

Esoterische Unvernunft. Anläßlich eines neuen Buches von Bernd Kramer

Wenn die Vernunft nichts mehr gilt
Ein Hinweis auf ein Buch von Bernd Kramer
Von Christian Modehn

Die spirituellen Angebote unter dem weiten Dach der Esoterik sind kaum noch zu überblicken: Wer von „Fremdenergien, etwa von astralen Wesen besetzt“ ist,findet genauso Hilfe wie jemand, der das Hula – Training sucht „nach alten Prinzipien aus Hawaii“. Das „Kartenlegen mit Zukunftsdeutung“ wirkt da schon wie ein leicht angestaubter Klassiker. Die Esoterik – Szene boomt weltweit: 25 Milliarden Euro, so der Trendforscher Eike Wenzel, bezahlen viele tausend Menschen jährlich allein in Deutschland, um geheimes Wissen zu erlangen. Sie wollen in ihre eigene Zukunft schauen oder ihr vorgeburtliches Leben vor etlichen Jahrhunderten erkunden. Diese befremdlich wirkenden, von vielen irrational genannte Welt der Esoterik ist heute selbstverständlicher Teil des Alltags, meint der Journalist Bernd Kramer. Die Welt ist offenbar so so öde, so hoffnungslos, dass man sich in abstruse Sonderwelten flüchtet. Um so dringender sei es, genauer hinzuschauen und sich in diese Welt zu begeben, um sozusagen den Blick von Innen zu gewinnen. Deswegen hat sich Bernd Kramer „under cover“, wie ein Spion, in die Welt der Aura -Vitalisierung und Hellseherei begeben. Seine Erfahrungen hat er jetzt unter dem Titel „Erleuchtung gefällig?“ publiziert.

Mit künstlichen Tannenzapfen, diesem preiswerten Weihnachtsschmuck, wolle er die Energie bündeln und weitervermitteln, so redete er seinen erstaunten Klienten ein, während er sie auch mit einem schlichten Kamm von negativen Kräften befreite. Bernd Kramer hat sich als Heiler in die bunte Welt der Esoterik –Helfer und Berater begeben: Bei einer so genannten Fachmesse bot er an seinem Stand die von ihm erfundene „Aura – Revitalisierung“ an. Die Veranstalter hatten bei der Anmeldung gar nicht genau wissen wollen, was damit eigentlich gemeint sei, Gott sei Dank: Er selbst wußte es auch nicht. Die Klienten waren froh, neben all den Schamanen und Reinkarnationstherapeuten auch noch dieses Angebot im Programm zu haben. Und die Leute kamen tatsächlich, suchten Hilfe von Stress und seelischer Qual und erzählten einem fremden Mann ihr Leid. Als Teilnehmer einer Aura – Revitalisierung glaubten sie, sich selbst aufzuwerten und dadurch zur himmlischen Welt des Wunderbaren zu gehören. Es war so toll für sie, dass jemand sie ansprach und ernst nahm. Wie auf sich allein gestellt sind diese Menschen, die da einfach bei deiner „Esoterik – Messe“ ernstgenommen werden und der Wirkkraft von umgewidmeten Tannenzapfen glauben.
Bernd Kramer ist es gelungen, mit allerhand Tricks für ein paar Monate angesehenes Mitglied der Esoterik – Szene zu werden. Er hat sich sogar als hell sehender Telefonberater angeboten, über das Internet fanden die Hilfesuchenden ihren Meister. Sie hielten die sanften Worte Bernd Kramers, der nun als „Osiris“ auftrat, geradewegs „vortrefflich“, obwohl er nur standardisierte Floskeln von sich gab und letztlich immer nur mahnte, bei aller Sehnsucht nach himmlischen Antworten doch bitte Geduld zu bewahren. Mit diesen Worten schützen sich alle Esoterikberater vor ausbleibenden Erfolgen: Die Klienten sind schuld, wenn „es nicht klappt“. 19 Frauen, nur Frauen, keine Männer, suchten bei Kramer während eines Monats Hilfe und Beratung. Sie wollten genau wissen, welche Prognosen die Himmlischen bereithalten hinsichtlich neuer Liebesbeziehungen oder der dringend gesuchten Arbeitsstelle.
In seinem „Erleuchtung gefällig?“ beschreibt Bernd Kramer sein Erstaunen, wie schnell er ohne jegliche Kenntnis in der esoterischer Sonderwelt mit ihren eigenen Begriffen und Symbolen Fuß fassen konnte. Vor allem, wie tief verunsichert und hilflos seine Kundschaft war, die offenbar noch die mysteriösesten Sprüche wie Heilslehren und Alltags – Tipps aufnahm. So werden Abhängigkeiten zwischen Guru und Hilfesuchenden gestiftet, und diese bezahlen zum Schluss etliche tausend Euro bloß dafür, dass ihnen jemand zuhört und außerirdische, also in der Sicht der Klienten „richtige, geltende“ Tipps für den Alltag gibt. Diese Menschen, so Kramer, kommen offenbar nicht auf den Gedanken, kompetente Hilfe etwa bei Sozialberatungen oder Psychotherapeuten zu suchen. Sie erwarten letztlich Wunder von einem diffusen Himmel aus Göttern, Elfen und Feen.
Bernd Kramers Buch „Erleuchtung gefällig?“ könnte eine breite Diskussion auslösen, vor allem bei denen, die in den Geheimlehren der Esoterik tatsächlich Orientierung und Hilfe empfangen. Bei Menschen etwa, die sich nach ihrem Kirchenaustritt individuell ihre eigene Spiritualität zusammenbastelten.
Der Autor will bewusst provozieren, wenn er, so wörtlich, die esoterischen Lehren ausdrücklich unecht und lügnerisch nennt oder wenn er behauptet, Esoteriker würden seelischen Wunden wie „mit Watte aus Eisenspänen“ heilen. Bernd Kramer schreibt: „Vor dieser esoterischen Welt graut mir“. Er hält sich hingegen an die viel besprochene Säkularisierung, also die grundlegende Verweltlichung des Bewusstseins. Wie der Philosoph Kant will er gültige wissenschaftliche Erkenntnisse nur für die irdische Wirklichkeit gelten lassen. Überirdisches, esoterisches Wissen kann es deswegen gar nicht geben. Ausdrücklich betont er im Blick auf den „Esoterik – Wahn“: „Lieber glaube ich dann an gar nichts“.
Die Kirchen können sich angesichts dieser journalistisch sozusagen „flott“ und philosophisch und religionswissenschaftlich durchaus noch „ausbaufähigen“ Esoterik Kritik nicht voller Gewissheiten und Freude zurücklehnen. Sie müssen vielmehr erkennen: Auch ihre kirchlichen Lehren und viele christliche Riten und Gottesdienste sind esoterisch: Die Hostie als Leib Christi, der Wein als Blut Christi, die Hostie in der Monstranz, die Wunder, die in Lourdes und Fatima geschehen, die Heilkraft eines Pater Pio, der Papst als Nachfolger Christi usw… Das sind, bei Lichte und von außen (= eben exoterisch) besehen, tatsächlich nun einmal esoterische Lehren. Auch sie verstehen heute viele Menschen nicht mehr, siehe die Statistiken der Kirchenaustritte. Der Unterschied zu vielen heute expliziten esoterischen Praktiken, wie Wünschelruten, Rückführungen, Astrologie usw. ist vielleicht nur der, und dies zu sagen ist für viele sicher eine (heilsame) Provokation: Diese esoterischen Riten und esoterischen Glaubensformen haben sich nicht wie das Christentum als herrschende Mehrheitsreligion durchgesetzt.
Es tut dem Christentum und den Kirchen gut, angesichts des Buches von Bernd Kramer die eigene, tief verwurzelte Esoterik anzuerkennen und, wenn möglich, zu erklären: Welche Rolle die Vernunft im Christentum spielt. Andererseits: Ist unser Alltagsleben nicht immer schon esoterisch geprägt, etwa in den Liebensbeziehungen und der Bewältigung des Alltags.Kommt es vielleicht nur auf das vernünftige, also Vernunft gesteuerte Maß der Esoterik an?

Literaturhinweis:
Bernd Kramer, Erleuchtung gefällig? Ein esoterischer Selbstversuch. Christian Links Verlag Berlin, Mai 2013, 208 Seiten; 16,90 Euro.

Welcher Geist regiert den Staat? Über die Laizität.

Welcher Geist regiert den Staat?
Die Laizität: Plädoyer für ein tolerantes Miteinander
Von Christian Modehn

Etliche LeserInnen dieser website wollten noch einmal einen Text über die „Laizität“ nachlesen, der sich auf eine Ra­dio­sen­dung in NDR – Kultur am 12. 8. 2102 bezieht. Im Folgenden wird die ausführliche, ungekürzte Fassung zur Lektüre angeboten.

Der Pressetext:
Politische Macht darf die Kirche nicht ausüben, „geistlich“ und „weltlich“ müssen im Staat getrennt sein. Diese Überzeugung prägt das europäische Denken seit der Französischen Revolution. „Laizität“, also religiöse Neutralität des Staates, bietet Raum für die freie Entfaltung unterschiedlicher Religionen. Aber wie sollen Staat und Gesellschaft reagieren, wenn Fundamentalisten religiöse Gebote als allgemeine Gesetze durchsetzen? Warum darf die Kirche widersprechen, wenn die Menschenwürde verletzt wird? Braucht der laizistische Staat eine eigene Philosophie oder eine überkonfessionelle „civil religion“, wenn er das friedliche Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen garantieren soll? Der Bibelspruch „Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gebührt und Gott, was Gott gebührt“, muss immer wieder neu interpretiert werden.

……………..

Haben die unterschiedlichen Staaten und Gesellschaften in Europa und Amerika ein gemeinsames Kennzeichen? Soziologen, Politologen und Religionswissenschaftler sind sich in diesem Falle einig: Es ist die Vielfalt der Religionen und Weltanschauungen auf dem Territorium eines Landes. Heute wohnen Buddhisten neben Muslimen, Atheisten arbeiten mit Christen als Kollegen freundschaftlich zusammen. Aber oft ist die religiöse und weltanschauliche Pluralität noch von einem Gegeneinander und nicht vom Miteinander geprägt. Religiös und weltanschaulich gebundene Menschen haben Mühe anzuerkennen, dass ihre Gemeinschaft nur eine von vielen auf der politischen Bühne ist.

Besonderes Erstaunen weckte kürzlich die Äußerung des populären Fernsehpredigers John Hagee in den USA. Er forderte die Atheisten unter seinen amerikanischen Mitbürgern auf, das Land zu verlassen. „Wir wollen euch nicht und werden euch nicht vermissen, sagte er zu den Menschen, die glauben, dass es keinen Gott gibt.

In weiten Teilen der Welt bleibt es nicht bei Polemik und verbalem Schlagabtausch. In Indien kommt es immer wieder zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen Hindus und Muslimen. Im Norden Nigerias töten radikale muslimische Gruppen Mitglieder christlicher Gemeinden. Der Krieg in Syrien beruht auch auf tief sitzenden Feindbildern unter den verschiedenen muslimischen Traditionen.

Immer wenn sich einzelne Religionen absolut wichtig nehmen und ihre Wahrheit unbedingt für alle auch politisch durchsetzen wollen, fließt Blut: Diese Erkenntnis haben Philosophen der Aufklärung vor 300 Jahren verbreitet. Sie betonten schon damals: Nur in republikanischen Staatsformen, in Demokratien, gibt es den angemessenen Rahmen, die Auseinandersetzungen unter den Religionen und Konfessionen friedlich und für alle konstruktiv zu gestalten. Denn nur eine Staatsform, die grundsätzlich das Volk, und nicht einen Diktator, zum Souverän hat, entwickelt ein hohes Ethos in der Gesetzgebung. Nur eine Demokratie will die unantastbare Würde eines jeden Menschen auch politisch durchsetzen.

Zu den Grundrechten gehört auch die Religionsfreiheit: Jeder Bürger soll frei seinen Glauben auch öffentlich bekennen dürfen. Aber dieser Glaube darf wiederum nicht in Widerspruch stehen zu den Menschenrechten, die der Staat zu verteidigen hat. Die jüngsten Diskussionen über die Rechtmäßigkeit der Beschneidung von Jungen sind nur ein Beispiel dafür, dass in Demokratien immer darum gerungen werden muss, ob ein Menschenrecht, etwa die körperliche Unversehrtheit, Vorrang hat vor der Religionsfreiheit, etwa der Gültigkeit uralter religiöser Traditionen. Dieser Streit, so mühsam er ist, gehört zum Wesen der Demokratie. Sie duldet niemals den Stillstand und drängt auf Weiterentwicklung ihrer Gesetze. Nur so kann der Staat Rücksicht nehmen auf die ständigen Wandlungen unterschiedlicher Wertvorstellungen in der Gesellschaft. Gegenüber der Beschneidungsdebatte gibt es noch viel tiefer greifende Probleme:

In Deutschland fordern einige Parteien, vor allem aber Organisationen von Lesben und Schwulen, die Anerkennung der homosexuellen Partnerschaft als einer gleichberechtigten Form von Ehe mit der Möglichkeit der Adoption von Kindern. Während andere Parteien vereint mit der Katholischen Kirche und evangelikalen Protestanten die Ehe ausschließlich zwischen Mann und Frau gelten lassen wollen. Bisher konnte sich diese Position auch in der Gesetzgebung durchsetzen. In Holland und Spanien fand die so genannte Homo – Ehe hingegen die Mehrheit im Parlament, selbst im katholischen Argentinien ist das der Fall. Auch in Deutschland treten Gruppen aus der Zivilgesellschaft für die rechtlich begrenzte Freigabe der aktiven Sterbehilfe ein; während einzelne Verbände von Ärzten und auch Kirchenführer ausschließlich auf palliative Hilfe am Ende des Lebens setzen. Diese Überzeugungen bestimmen bisher die Gesetzgebung in Deutschland. In Holland und Belgien ist hingegen ein Gesetz zur aktiven Sterbehilfe nach langen Debatten im Parlament von der Mehrheit beschlossen worden.

Mit diesen Mehrheitsentscheidungen können sich viele religiös gebundene Menschen oft nicht abfinden. Im Vatikan lehren die päpstlichen Glaubensbehörden, Mehrheitsentscheidungen können nicht nur falsch, sondern ethisch auch verwerflich sein. Darin äußert sich ein tiefes Misstrauen des Vatikans gegenüber der liberalen Demokratie mit ihrer selbstverständlichen Überzeugung, Mehrheitsentscheidungen zu respektieren.

Voller Begeisterung hat Papst Johannes Paul II. den Zusammenbruch kommunistischer Regime gewürdigt. Schließlich hatte er selbst die oppositionelle Bewegung Solidarnosc unterstützt. Aber gleichzeitig klagte der polnische Papst, so wörtlich, über die jetzt herein brechende Diktatur der liberalen Demokratien mit ihrem angeblichen Relativismus. Sie seien darum genauso gefährlich wie der Kommunismus.

Deswegen ermahnen Papst und Bischöfe auch heute immer wieder katholische Politiker, sich für die katholische Moral einzusetzen und gegen Gesetzesvorlagen zu stimmen, die etwa eine Liberalisierung der Abtreibung vorsehen. Im Falle einer Zustimmung wurde den katholischen Abgeordneten in den Vereinigten Staaten von Amerika mit der Exkommunikation gedroht. Diese Auseinandersetzungen erzeugen bei den Politikern eine gewisse Form psychischen Drucks; es wird der Zweifel genährt, ob demokratische Mehrheitsentscheidungen vielleicht doch nur ein versteckter Ausdruck für ein Unrechtssystem sind.

Die kirchlich motivierte Kritik an der Volkssouveränität, also der Demokratie, bleibt im Vergleich zu etlichen Staaten der arabischen Welt eher auf der Ebene der Theorie, vor allem: Sie bleibt gewaltfrei. In einigen muslimisch geprägten Regimen werden die rechtlichen Bestimmungen des Korans aus dem 7. Jahrhundert als oberste politische Norm angesehen. Die Scharia schließt es aus, Ungläubigen die gleichen Rechte zu gewähren wie den Muslimen. In manchen Ländern werden Menschen mit dem Tode bestraft, wenn sie sich als Konvertiten anderen Religionen zuwenden. Demgegenüber erscheint das Verbot, etwa in Saudi – Arabien christliche Gotteshäuser zu bauen, als eine eher geringere Form der Ausgrenzung.

Diese aktuellen Probleme erinnern an die großen Debatten, die seit Mitte des 18. Jahrhunderts das intellektuelle Leben in ganz Europa bestimmten: Wie stark dürfen Religionen den Staat prägen, fragten Schriftsteller und Philosophen. Sie wehrten sich gegen die Behauptung, es sei ein Verbrechen, das Königtum von Gottes Gnaden in Zweifel zu ziehen. Sie lehrten öffentlich: Eine vernünftige politische Ordnung bedarf keiner religiösen Legitimation. Wer dem zustimmte, wurde von den Despoten verfolgt und verbannt. Juden und Protestanten hatten in Frankreich keine Rechte, Atheisten landeten im Gefängnis. Eine einzige Religion, der Katholizismus, herrschte allmächtig im Bündnis mit dem Feudalsystem.

Die Revolution von 1789 beendete dieses Regime. Diesen Moment hatten die Unterdrückten und Rechtlosen in vielen Jahrhunderten ersehnt. Von nun an konnten sich religiöse Minderheiten frei entwickeln, die Erklärung der Menschenrechte fand schließlich weltweit Aufsehen. Die katholische Kirche galt nur noch als eine Religion neben anderen. Die tief sitzende Empörung über die frühere Allmacht der Kirche äußerte das katholisch getaufte Volk sehr zum Erstaunen der Bischöfe gewaltsam: Zentren kirchlichen Lebens, reiche Klöster und üppige Kathedralen wurden in blinder Wut geplündert und demoliert. Schließlich wollte sich die Republik auch spirituell stärken durch neue, kurzfristig erfundene Religionen, etwa den atheistischen Kult der Vernunft.

Der Kampf gegen die Republik wurde sofort zu einem festen Bestandteil katholischer Identität. Historiker betonen, „zwei Frankreich“ stehen sich seit der Revolution feindlich gegenüber: Die republikanisch gesinnten Bürger wollten keiner Konfession irgendein Privileg gestatten. Auf der anderen Seite kämpften die mit Rom verbundenen Katholiken um einen Staat, der kirchliche Vorschriften an die erste Stelle setzt. Nach heftigen Auseinandersetzungen wurde im Jahr 1905 vom Parlament in Paris die Trennung aller Religionen vom Staat beschlossen. Seit der Zeit herrscht in Frankreich die laicité; ein Wort, das schwer zu übersetzen ist. Deutlich ist die Verbindung von laicité mit dem griechischen Wort laós, es bedeutet das normale Volk. Und dieses Volk hat sich nach langen parlamentarischen Debatten durchgesetzt – in der laizistischen Demokratie. Ein Spezialist für diese Fragen ist der Philosoph Charles Taylor, er betont: „Der Staat im Sinne der laicité hat auf Weisung des Volkes zu handeln, vermittelt durch dessen gewählte Repräsentanten. Der Staat hat nicht auf Weisung religiöser Gemeinschaften zu handeln“.

Der demokratische Rechtstaat hat das Gewaltmonopol, als Gegenleistung garantiert er den Religionsgemeinschaften freie Entfaltung. Viele unterschiedliche Religionsgemeinschaften können sich in einem Staat aber nur dann friedlich entfalten, wenn vor dem recht gleichwertig sind und keine Konfession den Anspruch auf Herrschaft erhebt.

Dagegen hat sich die katholische Kirche in Frankreich – im Unterschied zum Protestantismus und dem Judentum – lange Zeit gewehrt. Es war für Katholiken unvorstellbar, dass der Klerus ausschließlich von den Spenden der Gläubigen leben musste. Immerhin setzten sich eher liberale Laizisten in der weiteren Gesetzgebung durch. Sie hatten erkannt: Die Bürger können davon profitieren, wenn sich auch gesellschaftliche Gruppen, wie die Kirchen, um Erziehung und Sozialfürsorge kümmern. Deswegen gibt es im laizistischen Frankreich heute viele katholische Schulen oder Altersheime, sie erhalten beträchtliche staatliche Zuschüsse. Auch am Erhalt der Kirchengebäude beteiligt sich der Staat: Für die Innenausstattung sind die Bistümer zuständig, für die äußeren Mauerwerke die Kommunen.

Die Laizität in Frankreich ist heute zu einem friedlichen Gegenüber von Kirchen und Staat geworden. Die katholische Kirche kann – wie alle anderen Glaubensgemeinschaften auch – öffentlich wirken, etwa durch katholische Rundfunksender und zahlreiche große, angesehene Verlagshäuser.

Aber die französische Republik will unter allen Umständen den Einfluss extremer religiöser Gruppen auf den Staat verhindern. So gab es gerichtliche Auseinandersetzungen mit der so genannten Scientology Church. Sie wurde im Oktober 2009 wegen betrügerischer Aktivitäten zu einer Strafe von 600.000 Euro verurteilt. Ihr so genannter Direktor wurde zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt. Die „Sekte“ selbst aber wurde in Frankreich nicht verboten.

1996 gründete der Staat ein Forschungszentrum, um die Aktivitäten der zahlreichen neuen religiösen Gemeinschaften, Sekten genannt, hinsichtlich ihrer sozialen Praxis und politischen Orientierung kritisch zu beobachten. Das Institut steht auch Menschen zur Seite, die sich gegen die totale Kontrolle des persönlichen Lebens in diesen Gruppen wehren und „aussteigen“ wollen.

Der Gesetzgeber meint die laicité zu schützen, wenn er bestimmte religiöse Symbole in der Öffentlichkeit verbietet. Kreuze haben z.B. in den Räumen des Bürgermeisters nichts zu suchen, unvorstellbar wären sie in Gerichtssälen. Selbst den bayerischen „Herrgottswinkel“, gut platziert in einer Gastwirtschaft, sucht man in den Bistrots vergeblich.

Seit einigen Jahren bemühen sich französische Politiker, die öffentliche Rolle des Islam neu zu bestimmen. Mindestens 3 Millionen Muslime leben in Frankreich. Seit dem 11. September 2001 herrscht – ziemlich pauschal – ein tiefes Misstrauen gegenüber islamischen Gruppen. Inzwischen wurde es muslimischen Frauen verboten, die typischen Kopftücher in den staatlichen Schulen zu tragen. Burkas, „Vollschleier“, sind in der Öffentlichkeit nicht gestattet. Mit diesen Kleidungsvorschriften wollte der Staat jegliche Form muslimischer Werbung im staatlichen Raum ausschließen.

Dabei ist es völlig offen, ob Kopftücher tatsächlich missionarische Wirkungen erzielen können und überhaupt wollen. Aber der französische Staat will nur machtvoll demonstrieren, dass sich Muslime den Gepflogenheiten der französischen Republik auch äußerlich anpassen müssen. Er besteht darauf, dass auch Muslime in Frankreich die Werte der laicité erkennen und verteidigen. Viele Imame haben dem zugestimmt, aber längst nicht alle. Deswegen hat sich der Staat entschlossen, sich selbst um die Gestaltung eines repräsentativen islamischen Dachverbandes zu kümmern, er soll als zentraler Ansprechpartner in Staat und Gesellschaft dienen. Diese Initiative ist für eine Republik schon erstaunlich, die sich eigentlich per Gesetz gar nicht um religiöse Belange kümmern darf.

Um den islamischen Gemeinschaften entgegen zu kommen, will die Regierung unter Francois Hollande Grund und Boden zu erschwinglichen Preisen für den Bau von Moscheen zur Verfügung stellen. Bisher mussten sich viele Gemeinden mit bescheidenen Fabrikhallen für ihre Gottesdienste begnügen. Innenminister Manuel Valls sagte Ende Juni 2012: „Es gilt, das Gesetz über die Laicité aufzuräumen, um so die staatliche Finanzierung neuer Kultstätten vor allem für Muslime zu ermöglichen. So könnte es auch zu einem Ende des Einflusses von fundamentalistischen Gruppen und ausländischen Regierungen zu kommen. Denn diese finanzieren bisher stark den Bau von Moscheen“.

Tatsächlich haben viele Franzosen Angst vor „dem Islam“; rechtsextreme Parteien, wie der Front National, schüren bewusst diese Stimmungen. Ein offener Umgang mit dieser vielschichtigen, keineswegs nur fundamentalistischen Religion kann anders aussehen, etwa in der kanadischen Provinz Québec. Dort verhält sich die Regierung differenzierter gegenüber dem Islam, nach langen und umfassenden Debatten wurde dort den religiösen Minderheiten, etwa auch den Sikhs, Hindus und Buddhisten, Sonderrechte gewährt, das Tragen von Kopftüchern und religiösen Symbolen ist auch in staatlichen Räumen gestattet. Hingegen wurden im Bundesstaat Ontario Versuche zurückgewiesen, einige Gesetze der muslimischen Scharia, etwa im familiären Rechtsstreit, neben der kanadischen Gesetzgebung zuzulassen.

Damit sich die zukünftigen Bürger im Geist des Respekts vor allen Religionen bilden, hat sich der Philosoph Charles Taylor mit Erfolg dafür eingesetzt, dass in allen Schulen der Provinz Québec allgemeine Religionskunde als Pflichtfach unterrichtet wird. Dadurch wurde der bisher übliche konfessionelle Religionsunterricht aufgehoben, er bezog sich auf den stets kleiner werdenden Kreis katholischer Schüler. In Québec wurde diese Entscheidung zugunsten der Religionskunde begrüßt. Dort sind die Bürger überzeugt: Der heutige Staat mit seiner Vielfalt der Religionen braucht einen neuen laizistischen Geist, eine offene laizistische Spiritualität.

Gilt das auch für Deutschland? Können hier die Kirchen noch das Ethos in Gesellschaft und Staat prägen? Sollte dafür nicht die biblische Botschaft herangezogen werden, etwa die Weisung Jesu von Nazareth: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist. Und gebt Gott, was Gottes ist“.

Jesus beantwortet damit die Frage, ob der römische Kaiser Steuern auch von den jüdischen Bewohnern in Judäa verlangen dürfe. Später wurde dieses Wort Jesu als Aufforderung verstanden, die weltliche Macht mit der gleichen Bedeutung zu respektieren wie Gott. Aber sind Kaiser und Gott tatsächlich von gleicher Bedeutung? Dazu der Theologe Wolfgang Huber, der viele Jahre Ratsvorsitzender der EKD war: „Mit diesem Satz Jesu ist nicht eine Gleichrangigkeit der beiden angesprochenen Sphären Weltlich und Geistlich gemeint und erst recht nicht eine beziehungslose Trennung. Vielmehr ist die Unterscheidung dieser beiden Sphären durch einen klaren Vorrang des Göttlichen geprägt“.

Regierungen können die Menschenwürde verachten und mit den Füßen treten, etwa im Faschismus und Kommunismus. Deswegen darf ein Staat niemals als oberster Wert gelten. Alle Bürger müssen sich an „etwas Höheres“ binden: Wer aber Gott als ein Symbol absoluter Menschlichkeit über alles stellt, will damit gerade nicht die Vorherrschaft der Kirchen fördern. Vielmehr soll das Göttliche im Menschen ausschlaggebend sein, und dies ist die göttliche Stimme im Gewissen, sie gilt absolut. Das Gewissen erschließt, was unbedingt in Staat und Gesellschaft zu gelten hat, Wahrheit und Gerechtigkeit.

Von dieser Basis aus kann eine laizistische Spiritualität entwickelt werden. Sie stellt heraus, dass jeder Mensch an sein Gewissen gebunden ist. Darin zeigt sich die vernünftige Autonomie eines jeden Menschen, seine Fähigkeit, selber frei zu entscheiden. Die Menschenrechte haben keinen anderen Sinn, als diesen absoluten Wert zu erklären und zu schützen. Diese von vielen Philosophen geteilte Erkenntnis wird jetzt vertieft durch eine Studie des weltweit geschätzten Sozialphilosophen Hans Joas. Sein neuestes Buch hat den durchaus provozierenden Titel „Die Sakralität der Person“. Alle Staaten und Gesellschaften, so Hans Joas, sollten sich an die Menschenrechte wie an etwas Heiliges gebunden wissen. Jeder Bürger sollte den Menschenrechten mit tiefer Hochachtung und emotional geprägtem Respekt begegnen. Denn in den Menschenrechten wird die absolute Unantastbarkeit aller Menschen unterstrichen, es wird für den absoluten Wert eines jeden plädiert, also für die Sakralität der Person.

Diese ungewöhnliche Qualifizierung der Person befreit die Bedeutung des Sakralen aus den exklusiv religiösen Zusammenhängen. Sakral, heilig, ist der absolut zu respektierende Wert der Menschseins.

Damit hat die laizistische Spiritualität eine innere Mitte gefunden. Sie kann die gemeinsame Basis sein für Glaubende aller Religionen wie auch für Skeptiker und Atheisten. Aber diese Spiritualität muss alle Bemühungen stärken, auf politischer und vor allem rechtlicher Ebene voran zu kommen.

Diese Aufgabe kann heute in Europa nicht mehr allein auf nationaler Ebene gelöst werden. Darauf hat der Europarat in Straßburg mehrfach hingewiesen. Vor vier Jahren hat er ein Dokument zur religiösen Vielfalt Europas publiziert.
Die Laizität, so wird im Europarat betont, hat zwar französische Wurzeln, aber sie ist und bleibt von weltweiter Bedeutung. Der französische Soziologe und protestantische Theologe Jean – Paul Willaime hat an dem wichtigen Dokument des Europarates mitgearbeitet, er betont: „Über alle nationalen Besonderheiten hinaus ist diese Laizität auf europäischer Ebene weder antireligiös noch proreligiös. Sie erlaubt vielmehr den Mitgliedern aller Religionen und Weltanschauungen, sich ohne exklusive Ansprüche am öffentlichen Leben zu beteiligen. Unverzichtbar sind Gewissensfreiheit, moralische Gleichheit aller Bürger und Trennung von Kirche und Staat“.

Nur der demokratische Rechtsstaat kann den Respekt vor der Würde jedes Menschen garantiert. Er garantiert auch die freie Ausübung jeglicher Religion – unter der Voraussetzung, dass jede einzelne Religion aus Überzeugung und nicht bloß aus Taktik den demokratischen Staat als einzigen Gesetzgeber hochschätzt. So einfach also ist die Laizität im 21. Jahrhundert zu beschreiben. Mühsam ist der Weg, sie auch weltweit durchzusetzen.

COPYRIGHT: christian modehn

Literaturhinweise:
Jean Baubérot, Laicité 1905- 2005. Entre passion et raison. Editions du Seuil, Paris, 2004, 281 Seiten.

Jean Baubérot, La laicité à l épreuve. Religions et lobertés dans le monde. Universalis edition, Paris, 2004, 188 Seiten.

Jean Paul Willaime Le retour du religieux dans la sphère publique. Editions Olivétan, Lyon, 2008. 110 Seiten.

Jocelyn Maclure und Charles Taylor, Laizität und Gewissensfreiheit, Suhrkamp Verlag 2011, 146 Seiten.

Hans Joas, Die Sakralität der Person. Eine Genealogie der Menschenrechte. Suhrkamp Verlag, 2011, 303 Seiten.

Wolfgang Huber, Staat und Religion. Vortrag im Berliner Kammergericht am 16. 9.2010. erreichbar unter: 100916.Staat-Religion.Kammergericht.doc

Lob der „Salonchristen“. Eine Korrektur.

Lob der „Salonchristen“
Eine Korrektur
Von Christian Modehn

In der Beilage zur Wochenzeitung „Die Zeit“ mit dem Titel „Christ & Welt“ berichtet Christiane Florin auf Seite 3 der Ausgabe vom 23. Mai 2013, dass Papst Franziskus sich ein „gesundes Maß an Verrücktheit“ für die katholische Kirche wünsche. Sie schreibt, immer jüngste Äußerungen von Papst Franziskus zitierend oder paraphrasierend: „Die Kirche brauche Menschen, die unbequeme Dinge sagten und sich nicht scheuten, die wohlsituierten Verhältnisse zu stören. Die Unverrückten (hingegen) stempelte er, also Papst Franziskus, zu = Salon-Christen = (ab)“.
Nun kann ich mich nur auf die in der Zeitung mitgeteilten Informationen über die päpstliche Kritik an den angeblich wohlsituierten „Salon – Christen“ beziehen. Ich finde allerdings die offenbar hier päpstlich unterstellte logische Verbindung von „Wohlsituiertheit“ und „Salon“ völlig unzutreffend. Richtig wäre es, von einer unheilvollen Verbindung von bürokratischer Struktur bzw. dem Vorrang für finanzielle Interessen innerhalb der Kirche(n) zu sprechen, wenn man denn eine freie Kirche will, die „unbequeme, also verrückte Dinge sagt“. Das muss aber noch einmal festgehalten werden: Verrückte Dinge wünscht sich nun zum ersten Mal, seit Jahrhunderten (?), ein Papst ausdrücklich und erstaunlicherweise. Aber: Wir wollen daran erinnern, dass gerade Salons verrückte Dinge -seit dem 18. Jahrhundert – sagten und auch heute sagen, also solche Dinge, die im Alltagsverstand, als gewagt betrachtet werden, zumal von den Herrschern, die sich bekanntlich Verrücktheiten verbieten im Namen von Ruhe und Ordnung. Verrückte Dinge waren in den Salons Demokratie, Menschenrechte, Religionsfreiheit, Religionskritik usw. Noch einmal: Gerade die „Salons“ waren und sind immer Orte für diese Verrücktheiten im Denken, selbstverständlich auch, wenn es sich um religiöse Fragen handelt. Ein so genanntes „Salon – Christentum“ lebt gerade von der lebendigen und Diskussion gleich berechtiger PartnerInnen. Und wir fragen uns, ob heute etwa katholische Akademien in Deutschland Orte sind, wo die hier skizzierten Verrücktheiten auch in der Theologie diskutiert werden, etwa: Nutzen und Grenzen des Papsttums, Prieterweihe für Frauen als Chance, Homoehe als Bereicherung für die Gesellschaft, ökumenisches Abendmahl praktisch erprobt, liberale Theologie als Chance usw. In unserem Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon können wir nach 5 Jahren Erfahrung bestätigen, dass gerade in einer solchen bescheidenen philosophischen Basisinitiative ungewöhnliche, in der Sicht der Hierarchie auch verrückte Dinge diskutiert wurden, etwa im Blick auf die dogmatisch erstarrten Gottesbilder oder die Kirchenbürokratie, die den Geist tötet, wie der Theologe und Jesuit Karl Rahner so treffend sagte. Wir verteidigen also das Salon – Christentum und die Salon – Christen und dort, selbstverständlich gleichberechtigt willkommen, die „Nicht christen“ oder Atheisten, Menschen, die den freien und unzensierten Disput schätzen. Also: Außerhalb der Gemeinden und in neuen, freien Zusammenschlüssen werden gerade in Salons jene Themen angesprochen, die den Hierarchen als Verrücktheiten erscheinen müssen. Und dabei wird es bleiben, zumal sich immer weniger Menschen an die dogmatischen Vorgaben ihrer Religion halten können und halten wollen. Sie können sich dann also ganz im Sinne des Papstes – endlich einmal – als die so heiß geliebten „Verrückten“ fühlen – und die Verrücktheiten im Salon formulieren. Dabei sind sie dann eigentlich die „Normalen“ und Vernünftigen, wenn man das Feld religiöser dogmatischer Erstarrungen betrachtet.
PS: In einem unserer Salons haben wir uns kürzlich mit der Frage befasst: Können Philosophen Revolutionen auslösen? Zur Lektüre eines kleinen inspirierenden Textes klicken Sie hier.

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Läßt sich Gott beleidigen? Sinn und Unsinn der Blasphemie. Eine Ra­dio­sen­dung NDR Kultur

NDR Kultur am Sonntag, Reihe Glaubenssachen, am 9. Juni 2013 um 8.40 Uhr:

Glaubenssachen

Lässt sich Gott beleidigen?

Sinn und Unsinn der Blasphemie, bitte lesen Sie den ausführlichen Beitrag auf diesem link auf dieser website. klicken Sie hier.

Von Christian Modehn

Fromme Menschen wollen Künstlern, Schriftstellern oder Filmemachern den Prozess machen, wenn die Unantastbarkeit Gottes in Frage gestellt wird. Ist Religionsfreiheit also wichtiger als Meinungsfreiheit? Aber können Menschen den Absoluten und Ewigen in seinem Wesen überhaupt beleidigen und erzürnen? Oder wird nur der oberste Garant einer politischen und kulturellen Ordnung kritisiert und lächerlich gemacht? Im deutschen Strafrecht ist Blasphemie nur noch strafbar, wenn sie den öffentlichen Frieden stört. Und das kommt eher selten vor. Viele Theologen sind heute sogar dankbar, dass Blasphemie Raum schafft für die Frage: Welchen Gott verehre ich wirklich?