Eine große Weite des Denkens: Liberale Theologie als Impuls, vernünftig zu glauben

Große Weite des Denkens
Die liberale Theologie ermutigt die Menschen, sich die eigene religiöse Erfahrung von niemandem nehmen zu lassen, auch nicht von den Kirchen. Den Abschied von alten Dogmen eingeschlossen
Von Christian Modehn

In der empfehlenswerten Zeitschrift „Publik – Forum“ erschien im Juli 2013 ein kleiner Essay, der auf die lange Zeit eher selten beachtete liberale Theologie aufmerksam machte. Dieser Beitrag ist keine theologiegeschichtliche Studie. Sondern der Versuch, angesichts der tief greifenden Umbrüche im religiösen Bewusstsein sehr vieler, vor allem nachdenklicher und kritischer Menschen darauf hinzuweisen: Es gibt eine Form der Spiritualität und des christlichen Glaubens, die sich von belastenden Vorgaben der Dogmatik, der rigiden Morallehre von Dogmatikern und Herren der Kirche befreien kann. Es gibt also eine christliche Spiritualität, die wieder das Elementare pflegt und den Glaubenden wirklich alle Freiheit zutraut, die je eigene Gestalt des Glaubens zu suchen und zu leben. Nur der je – eigene Glaube, kritsich reflektiert und verantwortet, kann „authentisch“ sein.
Dieser Beitrag hat unter dogmatisch orientierten (katholischen) Theologen etliche Kritik hervorgerufen, es wurde mir sogar „Beliebigkeit“ unterstellt, wobei dann der Beitrag selbst offenbar gar nicht gelesen wurde. Es gibt aber auch sehr viele ermunternde Stellungnahmen, sie machen deutlich: Die Sehnsucht nach einer liberalen Glaubensform ist auch in Deutschland da, die Glaubenden wollen nicht länger alte Formeln nachsprechen, sie wollen argumentativ verstehen, wie das Göttliche sich in ihnen selbst zeigt, sie wollen auch im Denken und Fühlen frei sein, wenn sie glauben.
Leider ist es so, dass dieser Sehnsucht nach liberal – theologischen Überzeugungen und liberal – christlichen Glaubensgemeinschaften und Kirchen in Deutschland keine kirchliche Realität entspricht. Die Kirchen sind hierzulande immer noch offiziell darauf bedacht, lieber die Dogmen von Chalzedon und Ephesus ( 4. bzw 5. Jh. ) hoch zu halten und einzuschärfen und einzupauken (nur Platoniker verstehen sie), als das Wesentliche des christlichen Glaubens freizulegen und es modern, in neuen Worten gewagt und experimentell und vielleicht auch in neuen Bekenntnissen zu formulieren. Dass diese rigide dogmatische Haltung Menschen aus den Kirchen treibt, hat sich inzwischen wohl etwas herumgesprochen.

Ich biete hier zum Nachlesen den TEXT Liberale Theologie als Glaubenshilfe:

Nicht Gehorsam, schon gar nicht Unterwürfigkeit, sondern Freiheit und Selbstbestimmung – das sind wichtige Tugenden heutiger Christen. Kein kirchenamtlicher Eingriff, keine inhaltlichen Vorgaben von oben werden diesen Wandel der Mentalität beseitigen können. Die Religiosität hat sich heute individualisiert. Damit verändert sich zugleich die gesamte religiöse Landschaft.

Wenn Christen heute ihren subjektiven Glauben absolut wichtig nehmen, dann verdanken sie diese Einsicht einer theologischen Grundhaltung, von der öffentlich bislang eher wenig die Rede ist: der liberalen Theologie. Sie inspiriert die Geister, ohne viel von sich zu reden. »Die liberale Theologie ist eine Emanzipationsbewegung, die sich gleichermaßen auf kirchliches Dogma wie auf kirchliche Institutionen bezieht. Beide werden als Machtinstrumente wahrgenommen, die die religiöse Autonomie des Einzelnen behindern«, schreibt Miriam Rose, evangelische Theologieprofessorin an der Universität Jena.

Im 19. Jahrhundert prägten dogmatisch-strenge Obrigkeiten und ihre Hof-Theologen den eher diffamierend gemeinten Titel »liberale Theologie«, um die religiöse Selbstbestimmung des Einzelnen anzuprangern. Für den unendlichen Wert der Religiosität eines jeden Menschen setzten sich im 19. Jahrhundert und zu Beginn des 20. Jahrhunderts die »Gründerväter« dieser theologischen Haltung ein: Friedrich Schleiermacher, Adolf von Harnack oder Ernst Troeltsch.

Heute ist liberale Theologie »ein offener Begriff«, wie Miriam Rose sagt, nicht etwa eine verbrämte Ideologie à la FDP oder sogenannter neoliberaler Bewegungen. Das theologische Projekt ist eindeutig: Jeder Mensch soll sich auf dem richtigen Weg wissen, wenn er seine eigene Spiritualität entwickelt und lebt. In dieser großen Weite des Denkens kommt es nicht infrage, auf festgefügten Identitäten zu bestehen und feste Grenzen zu ziehen; denn das führt letzten Endes nur zur Gewalttätigkeit.

Für den Durchbruch liberal-theologischen Denkens sorgte ein kleines Buch, es wurde vor genau fünfzig Jahren veröffentlicht: »Honest to God« (»Gott ist anders«), so sein Titel. Es wurde millionenfach verbreitet und – wie die Diskussionen zeigten – auch gelesen. Verfasst hat es der anglikanische Bischof John A. T. Robinson (1919-1983). Er löste damit eine Art religiöses Erdbeben aus. Traditionelle Gottesbilder brachen zusammen. Es wurde Raum frei für eine neue, eine ehrliche Sprache über den Unendlichen und Ewigen.
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John A. T. Robinson zeigte im Anschluss an die Theologen Paul Tillich und Rudolf Bultmann, dass Gott nicht im Jenseits zu suchen ist. Der Ewige sei vielmehr in uns Menschen als »die Tiefe der Existenz« lebendig. Viele Menschen waren davon in ihrem eigenen religiösen Gefühl längst überzeugt; sie hatten nur nicht den Mut, es auszusprechen.

In den vergangenen fünfzig Jahren hat sich immer mehr die Einsicht verbreitet: Das dogmatisch vorgestellte Gottesbild der Kirchen darf meinem eigenen nicht widersprechen. Die religionssoziologischen Untersuchungen sind deutlich: Selbst »treue« Kirchgänger können dem Dogma von der Dreifaltigkeit Gottes oder der Lehre, Jesus sei eine Person mit zwei Naturen, einer göttlichen und einer menschlichen, nicht mehr zustimmen. Nur im Falle einer Überprüfung ihres Glaubens durch kirchliche Behörden sprechen die Verdächtigten die offiziellen Bekenntnisformeln aus dem 4. Jahrhundert brav nach.

Führt die liberale Theologie zu einem Glaubensabbruch? Zu einem Zerfall kirchlicher Glaubensgemeinschaft? Nein. Die liberale Theologie kann den christlichen Glauben als elementare Religiosität sogar retten in einer Welt untergehender Kirchlichkeit. Denn an ein Ende der Kirchenaustritte ist in Deutschland wohl nicht zu denken. In Frankreich, Spanien und Portugal »vergreist« die katholische Kirche. In Skandinavien geht fast niemand mehr sonntags zum lutherischen Gottesdienst. Trotzdem gibt es die gemeinsame spirituelle Überzeugung, dass das Göttliche – wie es die Mystik aufzeigt – eine Art »Seelenfunke« in jedem Menschen ist. Der eine erlebt Gott als inspirierende Kraft, die andere fühlt, wie die Göttin ihr nahe ist; ein anderer mit Zen-Praxis bekennt: Eigentlich sei Gott namenlos, vielleicht sogar ein »Nichts«. Und alle haben recht.

Liberale Theologinnen und Theologen unterstützen die Menschen, wenn sie sagen: »Lasst euch diese Erfahrung von niemandem nehmen, aber sprecht gemeinsam darüber.« Darum bleiben Gemeinden wichtig: als »Orte des geselligen religiösen Austauschs«, wie es Friedrich Schleiermacher ausdrückte. »Liberale Theologie drängt immer darauf, dass sich die individuelle Freiheit weder mit Beliebigkeit noch mit egoistischer Selbstverwirklichung verwechseln darf. Die Freiheit kann, wo sie sich selbst richtig versteht, nur als verantwortliche und kommunikative Freiheit gelebt werden«, sagt der Berliner liberale evangelische Theologe Wilhelm Gräb. Aber in einer »liberalen Gemeinde« kann jeder und jede gleichberechtigt den eigenen Glauben darlegen in der Gewissheit, respektiert zu werden.

In einer Gemeinde der liberal-theologischen »Remonstranten-Kirche« in Holland sprach zum Beispiel kürzlich ein neues Mitglied sein persönliches Bekenntnis aus: »Ich glaube zwar nicht an Gott, aber Jesus von Nazareth ist sehr wichtig für mich.« Die Gemeinde applaudierte und erklärte: »So wie du bist, bist du willkommen.«

Natürlich können liberale Gemeinden nicht unkritisch jegliche Überzeugung gutheißen. Zurückgewiesen werden Ansichten, die die Menschenrechte verletzen. Gefordert wird Offenheit fürs (Streit-)Gespräch. Aber wenn es zum Konflikt kommt zwischen offizieller kirchlicher Lehre und persönlicher Glaubensüberzeugung, gibt die liberale Theologie der persönlichen Einsicht den Vorzug. Darin zeigt sich ihr rebellischer Geist. Die Menschenrechtserklärungen betonen, dass die Würde der Person »unantastbar und heilig« sei. Liberale Theologinnen und Theologen übertragen diese Sicht auch auf den einzelnen Glaubenden mit seiner persönlichen Religiosität.

Der liberale Theologe Wilhelm Gräb betont: »Wenn die Menschen der Gegenwart sich in den Lebensproblemen der Alten, also der Christen von einst, nicht mehr wiedererkennen, etwa in bestimmten altkirchlichen Dogmen wie der Trinitätslehre oder der Zweinaturenlehre über Jesus Christus, dann sollten Theologie und Kirche den Glauben an diese Dogmen auch nicht mehr lehren und predigen.«

Mit anderen Worten: Haben Dogmen und Lehrsätze nicht mehr die ursprüngliche Kraft, Lebensorientierung zu bieten und wirksam mit dem Göttlichen zu verbinden, dann lassen wir sie beiseite und vertrauen auf unsere eigene religiöse Erfahrung.

Diese liberale Haltung ist keine Arroganz »wild gewordener Subjektivisten«, wie die Hüter der alten Lehre polemisieren. Es wird lediglich ernst gemacht mit der Überzeugung, dass nur das, was ich vor meinem intellektuellen Gewissen vertreten kann, mir wirklich auch im Glauben weiterhilft. Alles andere wäre ideologische Indoktrinierung.
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In den offenen Gesellschaften Europas und Amerikas folgen viele Christen einer liberal-theologischen Haltung. Sie lassen sich nicht irritieren, wenn sich in Zeiten sogenannter pastoraler Neuorientierungen und »Strukturanpassungen« die Kirchen zu bürokratischen Organisationen entwickeln und mehr auf die Techniken der Managementberatung vertrauen als auf die Freiheit des Geistes. Als selbstständig Glaubende gehen sie ihren eigenen Weg.

Die Wirklichkeit Gottes können sie auch außerhalb der Gottesdienste erfahren, zumal, wenn die Liturgie sprachlich aus der mittelalterlichen Welt stammt und rituell erstarrt ist. Musik können sie als eine Sprache Gottes erleben; längst sind in vielen Gemeinden die Kantoreien beliebter als Bibelkreise. Genauso kann das Geschenk der Gnade sich auch in der achtsamen Betrachtung von Kunst ereignen. Ein Gespräch über ein Picasso-Gemälde oder eines von Casper David Friedrich kann spirituell hilfreicher sein als eine Sonntagspredigt.

Liberale Christen, die ihre eigene Glaubenserfahrung ernst nehmen, deuten die Institution Kirche mehr als eine offene Bewegung denn als eine starre Organisation. Christ kann man auf viele Weisen sein. Wer sich zum Beispiel für die Begleitung einsamer oder kranker Menschen entscheidet, aber nicht (mehr) »zur Kirche« geht, ist selbstverständlich ein vollwertiger Christ –, wobei liberale Theologinnen und Theologen freilich an solchen Wertungen keinerlei Interesse haben.

Leider sind liberale Theologinnen und Theologen sowie liberal-theologische Gemeinden eher bescheiden organisiert. Neben den Remonstranten sind in Holland auch die Mennoniten eine ausdrücklich »freisinnige« Kirche. In Frankreich hat der liberale Protestantismus eine lange Tradition, die Gemeinde L’Oratoire du Louvre in Paris ist eines seiner Zentren. In Deutschland haben es Gemeinden schwer, sich angesichts starker Kirchenbehörden ausdrücklich zur liberalen Theologie zu bekennen. Die Remberti-Gemeinde in Bremen ist eine der wenigen.

In der römisch-katholischen Kirche ist es nahezu unmöglich, offiziell und öffentlich liberaltheologische Positionen zu vertreten. Dem Theologen Karl Rahner und seiner »transzendentalen Theologie« waren liberale Gedanken nicht fremd, etwa wenn er immer wieder betonte, die Dogmen sollten als Äußerungen der subjektiven Glaubenswelt verstanden werden. Die Chancen, als Katholik zugleich liberal zu sein, steigen, je weiter die geografische Entfernung zum Vatikan ist. Die lateinamerikanische Befreiungstheologie und ihre Spiritualität etwa kann man durchaus als Ausdruck einer liberalen Theologie bezeichnen. Denn dort sind subjektive oder regionale Äußerungsformen des Glaubens akzeptiert. So ließ der Dichterpriester Ernesto Cardenal in den 1980er-Jahren die Bauern von Solentiname in Nicaragua frei aussprechen, wie sie ihren eigenen Glauben erleben: Ostern als »Aufstand« oder die Geburt des göttlichen Kindes als Erfahrung im Heute.

Die liberale Theologie und ihre Spiritualität wird an Bedeutung gewinnen. Einfach deshalb, weil sich die Kirchen in ihren angeblich ewigen Wahrheiten immer mehr einschließen und den Glauben zu einer Frage von Moral, Macht und Herrschaft verformen. Demgegenüber, sagt der Theologe Wilhelm Gräb, atmeten die Menschen auf, wenn sie hörten: »Allein schon dein Grundvertrauen, deine Lebenszuversicht ist ein Zeichen deiner Verbundenheit mit Gott.«
Copyright:christian modehn und publik – forum.

Wer zweifelt wird selig. Warum Skepsis dem Glauben hilft

Viele Interessierte, auch HörerInnen, fragen nach dem Manuskript einer Ra­dio­sen­dung mit dem Titel „Wer zweifelt wird selig“. Der Beitrag wurde im HR2 am 24. Februar 2013 und im Kulturradio des RBB am 11.August 2013 gesendet. Ich biete hier zum Nachlesen den noch ungekürzten Text; die für Hörfunkproduktionen übliche Form wurde beibehalten.

Wer zweifelt wird selig
Warum Skepsis dem Glauben hilft
Von Christian Modehn

1. musikal. Zusp., bleibt 0 07“ freistehen

1. O TON: Michael Braun, 0 20“
Fragen ist Bewegung, Antwort ist Stillstand. Das ist das ganz Entscheidende. Wenn wir aber die Antworten als Fragen verstehen, dann sind wir immer wieder auf dem Weg, Neues zu entdecken und damit auch neue Wege zu beschreiten.
1. SPR.:
Für Michael Braun kann menschliches Leben nur gelingen, wenn dem Fragen keine Grenzen gesetzt werden und zweifelnde Unruhe den Geist bestimmt. Als Philosoph meint er nicht das eher banale, alltägliche Fragen, etwa nach der Uhrzeit oder dem Wetter. Wer philosophisch fragt, geht in die Tiefe, immer auf der Suche nach seiner Wahrheit, die seinem Leben einen Sinn geben kann. Als praktischer Philosoph in Berlin begleitet Michael Braun Menschen, die sich aus ihrer alltäglichen Routine befreien wollen und eine neue, eine geistvolle Lebendigkeit wünschen. Der philosophische Fragen, der Zweifel, kann sie dorthin führen:
2. O TON, Michael Braun, 0 29“
Das Fragen selbst ist auch eine Form der Orientierung: zu wissen dass, der Boden, den man gewonnen hat, kein Boden ist, auf dem man sich immer absolut sicher sein kann, sondern den man auch neu hinterfragen muss. Denn wir sind nun einmal Menschen und es ist eine irrige Vorstellung, wenn wir glauben, wir könnten über das, was uns umgibt, wie wir leben, klare Antworten, unumstößliche Antworten finden.
2. SPR.:
Viele Menschen sind schon froh, wenn sie eine geistige Basis oder einen inneren Halt finden, der sie für ein paar Jahre glücklich leben lässt. Aber diese Antworten zeigen sich nicht „blitzartig“ und unmittelbar, sondern erst nach einem langen Prozess des beständigen Prüfens. Es ist das Pro und Contra, das Hin und Her, in dem sich die Gewissheiten zeigen, die das Leben ermöglichen und letztlich „tragen“. Diese existentielle Sicherheit muss vom einzelnen mit langem Atem und viel Geduld förmlich „erarbeitet“ werden, betont der Philosoph Michael Braun: ,
3. O TON, Michael Braun, 0 49“
Skepsis meint nichts anderes, wie das immer wieder neue Betrachten einer Sache von allen Seiten. Also ständig die Perspektiven auf etwas zu wechseln. Und das ist, glaube ich, etwas ganz Zentrales, was man sehen muss, dass wir immer in unserer Sicht auf die Dinge eine Richtung haben. Und
wenn wir diese eine Richtung immer verfolgen, dann lernen wir eine Sache niemals von einem anderen Standpunkt aus kennen. Also sind wir, wenn wir der Welt näher kommen wollen, eigentlich aufgerufen, eine Sache von so vielen wie möglichen Seiten zu betrachten und zu sehen, wie sie sich dort für uns darstellen, ohne sie festzustellen. Insofern würde ich sagen, dass die skeptische Haltung eine ganz zentrale Lebenshaltung ist.
1. musikal. Zusp., noch einmal 0 07“ freistehen lassen.
1.SPR.:
Erst seit dem 16. Jahrhundert wird Skepsis als eine individuelle Lebenshaltung weiterer Kreise betrachtet. Im antiken Griechenland bildeten Skeptiker nur eine kleine Gruppe radikaler Denker: Sie zweifelten an jeglicher Erkenntnis und fühlten sich deswegen auch von jeder Entscheidung befreit, weil ja „alles gleichgültig“ erscheint. Auf diese Weise glaubten sie, gleichsam über allen Erkenntnissen schwebend, ihre seelische Ruhe, die Ataraxía, zu erlangen.
2.SPR.:
In der Neuzeit mussten skeptische Denker um ihr Leben bangen, wenn sie öffentlich ihre Meinung äußerten. Descartes, der aus Frankreich stammende Philosoph, konnte erst im liberalen Holland seine Einsicht publizieren, dass erst der methodische Zweifel an allen Traditionen zur letzten Gewissheit führt. Immanuel Kant wollte Ende des 18. Jahrhunderts den Autoritäten in Staat und Religion nicht länger zugestehen, für alle bedeutsamen Fragen über die einzig mögliche Antwort zu verfügen. Als Philosoph der Aufklärung zweifelt Kant auch an der religiösen Begründung ethischer Gebote, berichtet der katholische Theologe und Philosoph Professor Michael Bongardt:
4. O TON, Michael Bongardt, 0 38“,
Für Kant ist es keine Begründung einer Regel zu sagen: Die hat Gott gesetzt. Ein göttliches Gebot können wir ohnehin nicht als solches erkennen. Wer kann uns mit Sicherheit sagen, dass ein Gebot von Gott kommt und nicht von Menschen erfunden ist, die dann halten sagen: Es kommt von Gott. Aber, so sagt Kant sehr selbst bewusst: Selbst wenn es ein göttliches Gebot wäre, wären wir verpflichtet, nur das zu tun, was wir selber kraft eigener Vernunft für gut halten.
1.SPR..
Kant hat die Menschen gelehrt, voller Stolz der eigenen Vernunft zu folgen. Denn sie zeigt im Fragen und Zweifeln ihre belebende und durchaus reinigende Kraft. Sie löst das naive Denken auf, befreit vom „Kinderglauben“. Prüfe die Dogmen und gehe dann deinen Weg, lehrte Kant. In dieser Haltung können heute skeptische Philosophen Jesus von Nazareth schätzen lernen und als ein Vorbild anerkennen, betont Michael Braun:
5. O TON, Michael Braun, 0 30“.
…weil Jesus eigentlich auch auf eine gewisse Art und Weise nichts anderes getan hat als skeptisch zu sein gegenüber dem, was ihm in seiner Welt begegnet ist; ob es für die Lebensvollzüge der Menschen Sinn macht. Und der dann seinen eigenen Stil gefunden hat. Aber eben nicht so gefunden hat, dass er absolut festgeschrieben ist, sondern dass er eine Möglichkeit des immer wieder neuen Betrachtens alter Gesetze eröffnet hat.
1. SPR.:
Aber Zweifel und Skepsis konnten und wollten die Kirchenführer nicht als Tugenden anerkennen. Sie forderten schon seit Jahrhunderten die Gläubigen auf, das „Opfer des Verstandes“ zu bringen, wenn sie fromm sein wollten. Alle Gestirne drehten sich um unsere Erde, behaupteten die religiösen Führer und verbrannten eher Wissenschaftler auf dem Scheiterhaufen als selber kritisch zu fragen und zu forschen. Die Bücher von Descartes wurden auf den Index verbotener Texte gesetzt.
2. SPR.:
Bis ins 18. Jahrhundert war es untersagt, die einzelnen Bücher der Bibel als literarische Zeugnisse einer vergangenen Kultur zu lesen und mit wissenschaftlichen Methoden kritisch zu befragen. Dabei hatte es sich längst herumgesprochen: Nicht alle so genannten Paulusbriefe des Neuen Testaments hat der Apostel Paulus selbst verfasst. Und wenn Maria, die Mutter Jesu, Jungfrau genannt wird, muss man nicht an eine biologische Jungfräulichkeit denken. Theologen wollten seit dem 19. Jahrhundert als Wissenschafter an den Universitäten respektiert werden. Deswegen mussten sie die stets fragende, die skeptische Haltung des Forschers übernehmen. Ein naives und wortwörtliches Ernstnehmen eines Bibelverses ist nicht mehr möglich, betont Jens Schröter von der evangelisch – theologischen Fakultät der Berliner Humboldt Universität:
6. O TON, Jens Schröter, 0 56“.
Ich denke, dass es fundamental ist für jede Art von Überzeugung philosophischer oder religiöser Überzeugung, dass sie sich selber hinterfragt, dass sie ihre Grundlagen auf den Prüfstand stellt, um eine wirklich fundierte intellektuell und ethisch auch belastbare Position zu gewinnen. Und das ist für die Theologie sehr wichtig. Deshalb ist auch die akademische Theologie für die Kirche so wichtig, weil sie genau dieses tut: Sie stellt immer wieder die entscheidenden Fragen, wie der christliche Glaube sich in einer bestimmten Zeit so äußern kann, dass es überzeugend ist und dazu muss er auch immer die Fragen nach seinem eigenen Fundament in uneingeschränkter Weise zulassen. Deswegen kommt der Frage und der Skepsis in der Theologie eine ganz grundlegende Funktion zu.
1. SPR.:
Was heute selbstverständlich klingt, ist tatsächlich eine Revolution des Denkens: Der Vernunft in ihrem Prüfen und Fragen wird zugetraut, die Bedeutung religiöser Texte verständlich zu machen. Aber es klingt bei vielen frommen Leuten doch noch immer wie eine unerträgliche Provokation, wenn Theologen sagen: Die menschliche Vernunft des Wissenschaftlers ist imstande, den religiösen Bereich erschließen. Heftige Vorbehalte dagegen gibt es vor allem in der Orthodoxie und im Katholizismus. Und evangelikale Kreise in Amerika lehren auch heute: „Die Welt wurde in 6 Tagen erschaffen“. Viele Gläubige fühlen sich in Gott nur geborgen, wenn sie sich fraglos an die amtlich vorgegebenen Lehren klammern, wie Bruno Caldera, ein „Laien – Missionar“ der katholischen „Neokatechumenalen Gemeinschaft“, freimütig bekennt:
7. O TON, Bruno Caldera., 0 14“
Unsere Theologie ist der Katechismus der katholischen Kirche. Gott ist derjenige, der uns lehrt, derjenige, der uns Antwort gibt. Ich bin der Meinung, dass Gott da ist, um uns Antworten zu geben.
2. SPR.:
Die Neokatechumenalen gehören zu den so genannten „neuen geistlichen Gemeinschaften“; sie sind stolz darauf, ihren Glauben von skeptischen Fragen möglichst freizuhalten. Darum binden sie ihr Denken gern an eine Institution, die ihnen unwiderruflich klar „die“ Wahrheit vorgibt, betont Pater Klaus Einsle vom Orden der „Legionäre Christi“:
8. O TON, Klaus Einsle, 0 30“.
Wir wissen, dass Christus die Kirche gegründet hat mit einer bestimmten Struktur, mit einer bestimmten Hierarchie und diese Hierarchie ihre Funktion hat. Und in dem Sinn haben wir ein ganz krampfloses und positives Verhältnis zum Papst, den Christus bewusst eingesetzt hat. Und die Kirche ist für uns das Lehramt und die Bischöfe, die in Einheit mit dem Lehramt sind. Da würde ich sagen, dass unsere Denkart sehr die des Lehramtes ist.
1. SPR.:
Die Kirchenführung ist stolz auf diese Gemeinschaften, hat der katholische Theologe Ferdinand Kerstiens beobachtet:
21. O TON, Ferdinand Kerstiens, 0 18“
Solche Gruppierungen sind immer bei der Hierarchie beliebt, weil sie keine Schwierigkeiten machen, weil sie keine kirchlichen Strukturen in Frage stellen, weil sie keine kirchlichen Gesetze in Frage stellen, weil Sachen wie Zölibat und Priestertum der Frau und solche Fragen bei ihnen nicht diskutiert werden.
2. musikal. Zusp., 0 07“ freistehen lassen.
1. SPR.:
Aber sind Zweifel und Gottesglaube einander tatsächlich so fremd? Kann es denn der Würde des Menschen entsprechen, die eigene Vernunft zu verabschieden, wenn man religiös sein will? Heute gehen weltweit glaubende Menschen ihren eigenen Weg: Sie fühlen sich dabei in guter Gesellschaft und berufen sich auf einzelne Aussagen der Tradition, etwa auf den Apostel Paulus. Er hat seine Gemeinde in Thessaloniki ausdrücklich ermahnt:
2. SPR.:
„Prüfet alles, das Gute behaltet“.
1.SPR.:
Und manche Theologen sehen sogar in dem Mönch und Wüstenbewohner Evagrius Ponticus aus dem 4. Jahrhundert einen Bundesgenossen, er lehrte:
2.SPR.:
„Sei ein Türhüter deines Herzens und lass keine Gedanken ohne eigene Befragung herein.“
1. SPR.:
Es ist ein Trend in der weiten christlichen Ökumene, wenn heute Gläubige den Zweifel und die Skepsis als spirituelle Tugenden entdecken. Diese Christen wissen: Nur konsequentes Fragen und Suchen führt zum Kern, zum Mittelpunkt, des religiösen Glaubens. Der katholische Theologe Paul Michael Zulehner aus Wien betont:
9. O TON, Paul Zulehner, 1 07“.
Wir müssen weg von unseren alten, bekannten abgedroschenen Aussagen und von dem, was wir für richtig gehalten haben, auch weg von der Macht versessenen Kirche, als wären wir diejenigen, die das Heil der Menschen in der Hand haben. Die Dogmen sind im Grund genommen wie die Laternen, die uns auf dem Weg durch die dunkle Nacht leuchten und nur Betrunkene halten sich daran fest, hat Karl Rahner mal ein bisschen salopp über die Dogmen gesagt. Also, sie sind gut, aber sie sind kein Ersatz des Glaubens und für das Leben.
Und Glaubenlernen heißt Fragen lernen, sich selber in Frage zu stellen. Ich hab einmal gesagt, wenn wir mal Zeit haben, machen wir einen Katechismus, der nur aus Fragen besteht. Und das Eigentliche der Evangelisierung heute ist nicht das Drucken von Weltkatechismen. Im Grunde genommen müsste es so sein, dass die Menschen wieder die richtigen Fragen zu stellen lernen. Und ich glaube: Das geht nur, wenn der Mensch radikal frei ist, also im Zustand des Risikos lebt, das ist der Akt des Zweifels.
1.SPR.:
Skeptiker stellen Fragen, die in die Tiefe gehen und dabei Wichtiges von Zweitrangigem trennen. Nur als Skeptiker können Gläubige prüfen, ob sie tatsächlich den Unendlichen und Ewigen meinen, wenn sie von ihrem „lieben Gott – Vater“ sprechen. Sie distanzieren sich also von ihren frommen Vorstellungen und bloß erbaulichen Bildern, die sie im Laufe des Lebens wie eine Selbstverständlichkeit herausgebildet haben. Darauf weist der evangelische Theologe und Psychotherapeut Günter Funke aus Berlin hin:
10. O TON, Günter Funke, 0 23
Ich glaube: Halte nicht zu sehr an deinen Vorstellungen fest, denn viele Menschen haben sehr viel Lebendigkeit ihren Vorstellungen geopfert. Und natürlich, wenn ich irgendwo mal beginne, Lebendigstes für Vorstellungen zu opfern: Dann werden die Vorstellungen damit überhöht, sie bekommen einen Stellenwert, den die biblische Tradition Götzen nennt.
2. SPR.:
Mit methodischem, konsequenten Fragen und Zweifeln können die „Götzen“ vertrieben werden: Die naive Überzeugung etwa, dass Gott immer auf meiner Seite steht und mir zu Diensten ist oder das Gefühl, dass er gerade mir Erfolg, Macht und Einfluss garantiert; dass Gott mich eigens erwählt hat, in diesem wohlhabenden Teil der Erde zu leben und so weiter: Im kritischen Zweifel kann „der liebe Gott“ nicht länger der „himmlische Garant“ aller meiner Wünsche bleiben:
11. O TON, Günter Funke, 0 35“
Eine Gotteserfahrung ist immer auch eine Erschütterung. Was wird erschüttert? Es wird zunächst einmal erschüttert mein bisheriges Wissen oder, wir können es auch so sagen, meine bisherigen Vorstellungen von etwas, was ich für Gott gehalten habe. D.h.: Eine elementare Gotteserfahrung führt immer zu einem Nullpunkt. Im Grunde wird mir ein Halt in der Welt genommen. Und eine Gotteserfahrung ist ein innerer Bildersturm. Also: Dieses nicht mehr wissen, wer Gott ist, ist Glaube.
2. musikal. Zusp., 0 07“ freistehend.
1. SPR.:
Erst wenn im Bildersturm die selbst gemachten Gottesvorstellungen verschwinden, kann der Glaube des einzelnen authentisch werden. Aber lässt sich in dieser skeptisch – frommen Haltung auch Gemeinde bilden? Können sich suchende Menschen mit ihren Zweifeln sonntags zum gemeinsamen Gottesdienst versammeln?
2. SPR.:
Eine protestantische Kirche in Holland hat sich für diesen Weg entschieden: Seit 400 Jahren treffen sich Zweifler und Skeptiker in der Kirche der Remonstranten, sie ist Mitglied im Ökumenischen Weltrat der Kirchen. Remonstrance bedeutet Einspruch, auch Widerspruch: Remonstrantische Protestanten widersprechen der Vorherrschaft uralter Dogmen! Sie wollen zuerst der Menschlichkeit Jesu von Nazareth entsprechen, betont der aus Deutschland stammende Pfarrer Reinhold Philipp von der Remonstranten – Gemeinde in Den Haag:
12. O TON, Reinhold Philipp, 0 49“
Jeder ist willkommen. Und ich denke, dass bei uns nicht einer sagt: So ist es! Ich denke, dass wir miteinander auf der Suche sind. So erfahre ich die Gottesdienste, die Gesprächsgruppen. Niemand weiß genau: Das ist der Weg, so müssen wir gehen. Sondern im Gespräch, im Austausch der Gedanken, lernen wir voneinander und gehen wir miteinander den Weg. Wir haben neulich noch ein neues Mitglied begrüßt. Inzwischen hat sie eine wichtige Funktion sogar im Kirchenrat, und sie hat ihr Glaubensbekenntnis in einem Gottesdienst ausgesprochen. Und fängt damit an: Ich glaube eigentlich nicht an Gott, aber: Jesus spielt mir eine wichtige Rolle als Vorbild. Aber es wurde akzeptiert, da ist viel Offenheit.
1. SPR.:
Auch im Katholizismus bilden sich Gemeinden der Skeptiker und Zweifler: Eine entsprechende Pfarrei leitet der Theologe Tomás Halík in Prag. Er ist auch in Deutschland als theologischer Autor hoch geschätzt, etwa wegen seines Buches „Nachtgedanken eines Beichtvaters“. Haliks Publikationen sind von seiner Gemeindepraxis in der Prager „Salvatorkirche“ inspiriert.
13. O TON, Tomas Halik, 0 31“.
Ich möchte diese Leute begleiten auch als ein Suchender; auch mein Glaube ist immer ein Weg. Und ich versuche, immer tiefer und tiefer zu gehen. Aber Christentum, das ist keine billige Sicherheitslehre. Das ist eine Herausforderung, mit dem Geheimnis zu leben, das ist nicht leicht. Und auch durch die Krisen und Nächte durchgehen, das ist immer ein Weg zur Reife.
1. SPR.:
Wer im Einklang mit seiner Vernunft, also „reif“, glauben will, entwickelt die Kraft der Unterscheidung. Für Tomas Halik ist einzig und allein entscheidend das göttliche Geheimnis, das alles Gründende, die letzte Dimension, die von den Menschen nur berührt, niemals aber gefasst oder definiert werden kann. Von diesem „abgründigen Grund“ allen Lebens sind viele Menschen bewegt, selbst wenn sie sich ungläubig oder atheistisch nennen, hat Tomas Halik beobachtet:
14. O TON: Tomas Halik, 0 38“
Ich kann mit einigen so genannten Ungläubigen sehr gut verstehen und mit einigen Gläubigen nicht. Also Glaube ist etwas tiefer als eine Überzeugung, eine Ideologie. Und es mag so sein, dass für einige ihr Glaube sitzt nur in diesem Bewusstsein! Wenn sie Menschen besser kennen, sie spüren, dass sie haben ein verschlossenes Herz und ihr Glaube ist nur oberflächlich.
1. SPR.:
Tomas Halík liebt deutliche Worte: Suchen und Zweifeln ist für ihn nichts Geringeres als ein göttliches Gebot! Er beruft sich dabei auf eine Weisung des Apostels Paulus. Von ihm überliefert die Apostelgeschichte diese Worte:
2. SPR.:
Gott ist derjenige, der allen Menschen das Leben und den Atem und alles gibt. Er, der Schöpfer, will, dass die Menschen Gott suchen, ob sie ihn ertasten oder finden könnten.
1.SPR.:
Für Tomas Halik ist dieser Text so entscheidend, dass er in seinem Buch „Geduld mit Gott“ mit einem dicken Ausrufezeichen noch hinzufügt:
2. SPR.
Das ist eine starke Behauptung: Der Sinn der Schöpfung ist das religiöse Suchen!
1. SPR.:
Fragen, Suchen und Zweifeln werden heute als ein göttliches Geschenk, ein „Charisma“, erlebt. Denn sie halten den Geist lebendig halten und damit dem Menschen die nötige Vitalität schenken. Diesen bewegenden, Unruhe stiftenden Geist entdeckt Halik auch außerhalb der christlichen Konfessionen:
15. O TON, Tomas Halik, 0 33“
Ich bin überzeugt, dass heute die Grenze ist nicht zwischen den Gläubigen und Nichtgläubigen. Aber zwischen Suchenden und Verbleibenden. Es gibt die Gläubigen, die sind ganz zufrieden mit ihrer Situation und Weg. Es gibt auch die Atheisten, die sind ganz zufrieden. Es gibt auch die Zweifelnden, die sind mit den Zweifeln zufrieden, und die sind nicht imstande, über ihre Zweifel zu zweifeln.
1. SPR.:
Am Zweifel zweifeln können: In diesem merk –würdigen Satz hat die skeptische Spiritualität ihren Mittelpunkt. Denn die Einsicht drängt sich auf: Mit dem Zweifeln wird das Denken gerade nicht beendet! Zweifeln führt gerade nicht in die Verzweiflung! Der Zweifel ist nicht der Schlusspunkt geistigen Lebens, weil sich die Menschen ihre Skepsis noch einmal gedanklich beziehen können und dabei entdecken: Es ist ja der Geist selbst, der unseren Zweifel trägt und erst ermöglicht. Es wird erlebt, dass der Geist größer und umfassender ist als Zweifel und Skepsis. Fragen, Suchen und Zweifeln sind also nichts als die Lebensformen des Geistes. Auf diese Erkenntnis bezieht sich der Berliner protestantische Theologe Professor Wilhelm Gräb:
16. O TON, Wilhelm Gräb, 1 05“
Der Zweifel, der in Wahrheit auf den Glauben geht, das sind diese Erfahrungen, in denen mein Lebenssinn sich mir verdunkelt, wo ich unsicher darüber werde, ob ich auf dem richtigen Weg bin, wo sich mir Erfahrungen der Verlorenheit und eben einer tiefen Selbstverunsicherung einstellen, wo ich revoltiere: Das sind die Situationen also existentiellen Zweifels. Das sind die Kämpfe, in die es einzutreten gilt, gewissermaßen zu einer Erneuerung derjenigen Lebensgewissheit zu finden, die mich ja nicht gänzlich verlassen hat. Also ich mich dessen zu erinnern beginne, was doch auch gut war in meinem Leben und auch jetzt noch mir Freude zu machen in der Lage ist. Also das Positive dann auch wieder zu sehen. Da kann auch die biblische Tradition wichtig werden als ermutigende Ansprache, als Zusage.
1. SPR.:
Denn Christus hat seiner Gemeinde zugesagt, dass der heilige Geist alle in die Wahrheit einführt, wobei einführen oder einweisen als ein Prozess, als ein Geschehen zu begreifen sind:
17. O TON, Wilhelm Gräb, 0 45“.
Die Rede vom Hl. Geist legt sich theologisch immer genau dann nahe, wenn wir eben in die Beschreibung solcher Erfahrung einzutreten versuchen, die an uns geschehen; für die wir uns zwar vorbereiten, auf die wir uns einstellen können, aber deren Gelingen wir nicht in der Hand haben.
Das alles sind alles Auslegungen, dieses uns tragenden dieses Grundvertrauens, dieser Gewissheit, aus Quellen unserer Lebenskraft zu schöpfen, die uns ohne all unser Zutun und Leisten immer schon zu fließen. das ist das selige Leben.
3. musikal. Zusp., 0 07“ freistehend.
1. SPR.:
Im Zweifel wird also eine letzte, unverfügbare geistige Basis erreicht: Unser menschliches Dasein verdankt sich einer absoluten schöpferischen Wirklichkeit, dem alles gründenden Geheimnis des Lebens. Das ist durchaus ein Konsens unter skeptischen Theologen. Günter Funke, Theologe und Therapeut, betont:
18. O TON, Günter Funke, 0 36“.
Dieses Leben, das uns in diesem Augenblick in sich selbst hält, haben wir uns selber nicht gegeben und nicht gemacht. Das ist doch jedem vernünftigen Menschen irgendwo zu vermitteln: Das Leben habe ich nicht gemacht. Wir können nicht einmal Leben im Reagenzleben machen, weil das Leben immer schon da ist. D.H. Wir können im Reagenzglas, so sage ich es immer, dem Leben eine Chance geben, auch dort noch zu erscheinen. Aber der Mensch kann kein Leben schaffen. Weil er in allem Leben – Schaffen immer schon wieder schon auf dieses Leben zurückgreifen muss, um etwas zu schaffen.
1. SPR.:
Gläubige Menschen fühlen sich gerade wegen des Zweifels oder auch durch den Zweifel in Gott, dem Geheimnis, geborgen. Sie haben erfahren: Gott und nur Er ist größer als alles Denken. Kann dann noch ein einzelner Mensch meinen, persönlich im Besitz endgültiger und für alle geltender Wahrheiten zu sein? Der glaubende Mensch, zum Skeptiker geworden, lernt die Grenzen seines Daseins zu akzeptieren und auch die Begrenztheiten seines Erkennens. Er wird also genötigt, seine eigene Position immer zu relativieren. Aber gerade das sei doch eine enorme Chance, meint der Tübinger Theologe Hermann Haering:
19. O TON, Hermann Häring, 1 03“.
Ich bin Relativist, man so will, weil ich weiß, ich hab nicht die ganze Wahrheit. Und nicht, weil ich die andere Meinung als Bedrohung, sondern als Ergänzung, als Erweiterung, als eine andere Perspektivierung meiner eigenen erfahre. Deshalb verstehe ich nicht, dass manche Leute Relativismus so schlimm finden. Jeder, der die Wahrheit in einer Organisation sieht, der kann keine Abweichung dulden, für den ist die Wahrheit in der Sprachregelung. Aber das Problem, dass man eben meint, diese Organisation sei die Wahrheit. Ich halte bei Gott viel von der katholischen Kirche oder von den christlichen Kirchen. Aber sie sind nicht die Wahrheit, sondern sie haben sie weiter zu tragen. Es gibt ein rabbinischen Spruch, der sagt: Ein Schriftwort, das nicht 99 Auslegungen zulässt, hat die Wahrheit Gottes nicht.
1. SPR.:
Und alle verschiedenen Auslegungen haben ihr gutes Recht. Erst sie zusammen genommen spiegeln in etwa die Fülle göttlicher Wahrheit; und die drückt sich in einem vielstimmigen Chor aus! Das Erleben von vielen individuellen Stimmen belebt das kirchliche Miteinander. So wächst aus dem Geist des Fragens und Suchens, des Zweifelns und der Skepsis, eine neue, eine ökumenische Bewegung, vielleicht auch eine neue Kirche, betont der Wiener Theologe Paul Michael Zulehner:
20. O TON, Paul Zulehner, 0 35“.
Und wir müssten öffentlich sagen, was wird da aus dem Alten neu geboren in diese neue Zeit, in die Gott uns hinweggeführt hat. Da braucht es so etwas wie einen ekklesialen Ultraschall. Was kommt da auf uns zu? Es kommt sicher auf uns zu eine Kirche, die ganz nahe an den Fragen der Menschen ist. Ich glaube, das ist der Beginn dessen. Wenn nicht die Urfragen der Menschheit, wie eben auch jene, ob der Tod stärker ist als die Liebe, auf der Tagesordnung der Kirche stehen, dann werden wir, auch wenn wir uns noch so modernisieren, strukturell aus sein.
3. musikal. Zusp., zum Ausklang noch einmal freistehend.

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Buchhinweise:
Tomas Halik, Nachtgedanken eines Beichtvaters. Glauben in Zeiten der Ungewissheit. Herder Verlag, 2012, 320 Seiten.

Wilhelm Gräb, Religion als Deutung des Lebens. Gütersloher Verlagshaus, 2006, 208 Seiten.

Paul Michael Zulehner, Eine Antwort des Glaubens. Martin Kolosz im Gespräch mit Paul M. Zulehner und Petra Steinmair-Pösel, Studien Verlag, Innsbruck, 2011, 108 Seiten

Wenn Ungläubige von Gläubigen (etwas) lernen wollen: Entwicklungen im Atheismus

Wenn Ungläubige von Gläubigen (etwas) lernen wollen
Entwicklungen im Atheismus
Von Christian Modehn

Zu den Interessen des „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin“ gehört zentral die Auseinandersetzung mit philosophischen Haltungen und Lehren, die sich „atheistisch“ nennen. Es ist deutlich, dass der organisierte Atheismus ein sehr vielfältiges Bild zeigt: Das Spektrum reicht weit hinaus über die etablierten, „klassischen“ (oftmals zu Beginn des 20. Jahrhunderts gegründeten) Gruppen wie Freidenker oder „Rationalisten“. Sie sind in vielen Ländern organisiert und haben häufig in ihren eigenen Reihen eine Pluralität philosophischer Überzeugungen: Es gibt dort rigorose, dogmatische und kämpferische Atheisten, die Horst Groschopp vom Humanistischen Verband Deutschlands einmal „Krawallatheisten“ nannte (es gibt bekanntermaßen auch „Krawall – Religiöse“ weltweit); es gibt Agnostiker, säkulare Humanisten oder einfach nur solche, die, ohne lange nachzudenken, Atheismus „normal“ finden, wie zahlreiche Interviews im Osten Deutschlands belegen.
Neu ist heute, dass es einige Bildungszentren und Akademien explizit atheistischen Interesses gibt: Etwa das große Zentrum „School of life“, das der (moderate) Atheist, der Philosoph und Autor Alain de Botton, in London begründet hat. Filialen dieser „School of life“ gibt es inzwischen auch in Deutschland, etwa in Hamburg. Da hätten die Kirchen mal drauf kommen sollen, ihre eigenen Zentren anstelle von Pfarreien etwa mit dem lebendig klingenden Namen „school of life“ auszustatten. Auch die „atheistische Kirche“ (mit einem eigenen Gebäude) in London ist wohl im Umfeld der Anregungen Alain de Bottons entstanden.
Sein neues Buch mit dem Titel „Religion für Atheisten“ verdient viel Aufmerksamkeit, auch bei Menschen, die sich nicht als Atheisten bezeichnen. Es ist kulturell gesehen in unseren Breiten doch so: Wer den Glauben an Gott (entschieden) ablehnt, fühlt sich ja oft auf der richtigen, der intellektuell „korrekten“ Seite: Die Naivität des Kinderglaubens hat der Atheist abgelegt, die Wissenschaften will er vollständig respektieren, er ist also mündig… und die anderen, die Religiösen, gelten dann, mit Verlaub gesagt, als dumm. Diese überhebliche Haltung will der Philosoph Alain de Botton überwinden. Er meint: Ohne die uralten Weisheitslehren der Religionen könne kein moderner Mensch leben, auch kein Gottloser. Aber die religiösen Menschen haben nun keinen Grund, sich sofort als Sieger im Streit um Gott zu wähnen. Denn Alain de Botton, ein bekennender Atheist, will vor allem den begrenzten Horizont seiner ungläubigen Freunde erweitern. Deswegen hat er sein neues Buch „Religion für Atheisten“ genannt. Aber auch religiöse Menschen können aus dem Buch viele Anregungen empfangen.
Alain de Botton, 54 Jahre alt, ist in der Schweiz groß geworden. Wenn er als Kind nach dem lieben Gott fragte, reagierten seine Eltern empört. Solche Fragen gehörten sich nicht in einer gebildeten, atheistischen Familie. Alain de Botton lebt heute in London als freischaffender philosophischer Schriftsteller, Provokationen, im Sinne von „Herausrufen“ aus unbefragten Traditionen, liebt er über alles. Wer das Religiöse pauschal ablehnt, so betont er, sei in Gefahr, seine umfassende Menschlichkeit zu ignorieren. Denn jeder, der die Frage nach dem Sinn des Lebens stellt, wird über alles Irdische hinaus verwiesen; er gelangt staunend zum Geheimnis des Lebens und sollte meditative Übungen der Stille und Achtsamkeit schätzen lernen. De Botton schreibt: „Wenn Gott tot ist, laufen die Menschen Gefahr, sich für den Mittelpunkt der Welt zu halten, was ihnen ganz und gar nicht gut tut. Sie bilden sich ein, Herr ihres eigenen Schicksals zu sein und ignorieren den Tod“.
Philosophie ist für Alain de Botton keine abstrakte Spekulation, sondern konkrete Lebenshilfe mit einem klaren Programm: Die Atheisten, Agnostiker sowie die Skeptiker und Zweifler sollen die religiösen Traditionen aus der herkömmlichen Verbindung mit dem Göttlichen herauslösen, also förmlich Religiöses ohne Gott genießen. „Indem wir den religiösen Aberglauben ablehnen, sollten wir aufpassen, dass wir nicht in Versuchung geraten, unsere Sehnsüchte zu ignorieren, die von den Religionen erkannt wurden und denen würdevoll Rechnung getragen wird. Denn in den Religionen ist so vieles enthalten, was schön, anrührend und weise ist“.
Der Philosoph zeigt also ganz pragmatisch, wie sich die Atheisten der Traditionen des Judentums, Christentums und des Buddhismus, so wörtlich, „bedienen“ können. Darin ist er durchaus verwandt religiösen Menschen, die sich eine „Patchwork“ Spiritualität selbst „zusammenbauen“, „Patchwork Religion“ als Titel ist längst alles andere als ein negativ gefärbter Begriff.. De Botton weiß genau, dass auch religiöse Menschen ihren Glauben als nützlich fürs Leben einsetzen. Niemals existiert Religion um ihrer selbst willen! Warum sollten sich Atheisten da anders verhalten? So lobt de Botton etwa die Gemeinden der Frommen: Er deutet sie als Orte kommunikativen Miteinanders über alle sozialen und kulturellen Grenzen hinweg. Und genau solche Gemeinden fehlen den Atheisten, betont er. Deswegen sollten z.B. neue Arten von Restaurants eröffnet werden, in denen die Gäste direkt aufgefordert werden, mit fremden Menschen dort ins Gespräch zu kommen; so könnte Solidarität und Freundschaft entstehen. Selbst der katholischen Marienverehrung mit ihren zahllosen Darstellungen der lächelnden Mutter mit dem lieblichen Kind kann der Atheist etwas abgewinnen: „Es geht darum, was uns die Jungfrau Maria über die menschliche Natur verrät, was uns dabei über unsere emotionalen Bedürfnisse enthüllt wird. Maria im Christentum oder Isis im Alten Ägypten kanalisieren unsere Erinnerungen an frühkindliche Geborgenheitsgefühle. Sie sind eine Antwort auf die Bedürfnisse der menschlichen Seele“.
De Botton versteht sich, durchaus anspruchsvoll, als eine Art Reformer des kulturellen Lebens: Kultur muss für ihn prinzipiell Lebenshilfe und Orientierung sein. Die Gemälde und Skulpturen sollten uns beispielsweise nicht nur unter kunsthistorischen Gesichtspunkten interessieren: Sie sollten uns seelisch berühren und spirituelle Impulse freisetzen, genauso wie die Werke der großen Literatur: Sie können uns genauso wie die Bibel trösten und Sinnangebote bieten. Und die Kunstmuseen möchte de Botton als säkulare Heiligtümer deuten. „Deshalb kann man oft hören, dass Kunstmuseen unsere neuen Kirchen geworden sind… Überdies scheinen die Stunden, die wir in Museen zubringen, einen fast ähnlichen seelischen Nutzen zu bringen wie der Besuch eines Gottesdienstes“.
Eher selten hat ein bekennender atheistischer Philosoph den religiösen Traditionen so viele Inspirationen abgewinnen können. Alain de Botton ist von einem grenzenlosen, manchmal überschwänglichen Enthusiasmus geprägt, wenn er das eher feindselige Gegeneinander von Glaubenden und Unglaubenden überwinden will. So stehen sich dann nur noch Gläubige gegenüber: die einen mit Gott, die anderen ohne Gott. Vielleicht entsteht dann eine neue, eine friedlichere Kultur. Religiöse Menschen werden sich vielleicht an die alte theologische Lehre erinnern, die da heißt: Wer sich in seinem praktischen Alltagsleben an alte religiöse Weisheiten hält, wird beinahe wie von selbst in eine spirituelle Welt geführt, in der Gott nicht mehr fern ist. Zum Buch: Alain de Botton, „Religion für Atheisten“. Vom Nutzen der Religion für das Leben. S. Fischer Verlag Frankfurt M., 2012, 320 Seiten, 21,99 Euro.
Von dem umfassenden philosophischen Werk des Franzosen Michel Onfray ist auch in Deutschland oft die Rede. Er hat (Jahrgang 1959) als freier Philosoph und Autor vieler internationale verbreiteter Bücher vor einigen Jahren die „Université Populaire de Caen“ (Normandie) gegründet. Dort bietet er seit vielen Jahren für inzwischen viele tausend Teilnehmer grundlegende philosophische Kurse, die alle auf die philosophische Grundthese (Grunddogma) Onfrays hinauslaufen, der strikten Ablehnung des Göttlichen und des (göttlichen) Geheimnisses; so wiederum ganz aktuell in einem Interview mit der empfehlenswerten Zeitschrift „Philosophie Magazine“, Eté 2013, Paris, Seite 63. „Es gibt keine Gottheit, weil es keine Transzendenz gibt, und auch keine andere Welt als diese hier. Ich setze mich auch vom Agnostizismus ab; ich wage zu versichern, dass es nicht ein „Danach“ (Jenseits) gibt“ (ebd). Onfray hat nichts dagegen, wenn man ihn einen dogmatischen Atheisten nennt; er selbst bezeichnet sich als einen „radikalen Atheisten“. Wie tragfähig diese Position auch philosophisch ist, steht noch dahin; denn es gilt ja nun zu beweisen, dass es Gott (welchen Gott nimmt er eigentlich an als Grund der Ablehnung?) eben nicht gibt… Eine solche Haltung schließt aber nicht aus, dass Onfray im Bereich menschlicher Weisheit durchaus einige wertvolle Anregungen bietet, etwa im Umfeld der Interpretation von Epikur: „Als Schüler Epikurs lobe ich seine Askese, die darin besteht, den elementaren Dingen zu gehorchen. Wenn man ein Dach hat, etwas zu essen und sich zu wärmen, braucht man da wirklich noch mehr? Entscheidend bleibt für mich, wir brauchen vor allem den Willen, um glücklich zu sein“ (ebd. 61).
In dem genannten Beitrag des Magazine Philosophie kommt übrigens der in Deutschland nahezu unbekannte Autor und Initiator zahlreicher ökologischer Bewegungen Pierre Rabhi zu Wort. Rabhi, 1938 in Algerien geboren, ist in muslimischer Tradition groß geworden, seit 1954 lebt er in Frankreich; er ist einer der deutlichsten Förderer eines alternativen, d.h. eines bescheidenen Lebensstils. Pierre Rabhi, der spirituelle Meister eines anderen Lebens, betont: “Im Moment der erlebten Gegenwart gibt es eine Ewigkeit“ (ebd. 63). Onfray hält nichts davon…
Nun wird der militante Atheismus auch durch den erfolgreichen Rapper Baba Brinkman (USA, geb. in Kanada) verbreitet. Er ist stolz darauf, in seinem umfassenden Glauben an den Naturwissenschaftler Charles Darwin das Genre „Atheistenrap“ geschaffen zu haben, er ist der Texter, den Sound macht Jamie Simmonds, GB. Baba Brinkman meint im Ernst, Charles Darwin sei nicht nur ein Naturwissenschaftler mit bestimmten Hypothesen; sondern er sei ein umfassender Lehrmeister für das ganze menschliche Leben, daraus schließt er: „Man könnte mich als philosophischen Naturalisten bezeichnen, der findet, alles hat eine faktische Ursache… Jetzt bin ich nicht mehr Agnostiker, jetzt bin ich Atheist, umgestimmt durch Darwins Theorie, sie war einfach am überzeugendsten, weil sie schlüssige Gründe für unser Verhalten findet“. Dass die Evolutionstheorie von Darwin doch nicht ganz so allumfassend und rundherum Lebens
orientierend sein kann, gesteht dann Brinkman (in einem empfehlenswerten Interview mit Evelyn Finger in: DIE ZEIT vom 14. August 2103, Seite 56) ein: „Die Evolutionstheorie handelt im Grunde nur (!) von Fortpflanzung und Überlebenskampf. Darum kommt so viel Sex in meiner Show vor“. Deutlich wird, dass der atheistische Entertainer, wie so viele andere auch, offenbar doch starke finanzielle Interessen hat: “Meine Nische ist unverschämtes, intellektuelles Entertainment. Vielleicht wird aus meiner Nische mal was Großes… Geist und Witz zählen ja auch im Überlebenskampf der Stärksten (fittest)“ (ebd).
Die drei Beispiele zeigen einmal mehr, wie weit der religiöse Wandel – selbst in den USA – reicht. Atheistisches Entertainment wird wohl bald zum Teil der gängigen Unterhaltungskultur gehören. Wenn religiöse Menschen nicht die Kraft haben, argumentativ mit den so vielfältigen Vertretern des Atheismus ins Gespräch zu kommen, wird es bei einem ignoranten, bis feindlichen Gegeneinander unterschiedlicher Lebensentwürfe bleiben. Voraussetzung für ein sinnvolles Gespräch wäre: Keine Position hat von vornherein recht. Es geht einzig darum, „den Menschen“, seine Strukturen, seine Verhaltensweisen und Sehnsüchte nach Orientierung bzw. Sinn angemessen zu verstehen.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer-Salon Berlin.

Kardinal Woelki in der Kritik

Neues zu Kardinal Woelki (5. August 2013)

Der „Religionsphilosophische Salon“ befasst sich vom Thema her sozusagen „notgedrungen“ (und der Salon – Tradition verpflichtet) gelegentlich auch mit Religionskritik. Es gehört auch zum philosophischen „Geschäft“, die religiöse Realität heute im Blick zu behalten, zumal in Berlin, wo unser Salon seit 6 Jahren „beheimatet“ ist und mit bisher 65 Veranstaltungen in die Öffentlichkeit getreten ist, als eine „unabhängige philosophische Basisinitiative“. Theologisch sind wir an der liberalen protestantischen Tradition besonders interessiert.
Nun werden wir angesichts einer interessanten Publikation in „Der Tagesspiegel“ vom 5. August 2013, zur Lektüre dieses Beitrags von Claudia Keller klicken Sie bitte hier gefragt, wie denn am einfachsten die früher im „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon“ publizierten Beiträge über Kardinal Rainer Maria Woelki zu finden sind. Wir bieten wegen dieser vielfältigen Fragen einen Link zum Thema „Mit Bischof Woelki ins Getto“ (2011) und einen Beitrag (von 2012) über den wissenschaftlichen Umgang des Dr. theol. Woelki (Dr. Titel erworben an der römischen Opus Dei Universität Santa Croce) mit dem maßgeblichen Konzils – Theologen Prof. KARL RAHNER SJ, zur Lektüre dieses Beitrags klicken Sie bitte hier.
Wir hoffen auf diese Weise, das kritische Bewußtsein zu fördern. In dem empfehlenswerten Beitrag von Claudia Keller drückt sich auch die Enttäuschung einer Journalistin aus, die offenbar monatelang Kardinal Woelki für einen „progressiven Bischof“ gehalten hatte und dies auch schrieb, weil er etwa die nette Geste zeigte, einmal offiziell mit Homosexuellen wenigstens zu reden. Dabei sagte er inhaltlich: Ihr seid ja ganz liebe Menschen, und schön, wenn ihr als Freunde Verantwortung füreinander übernehmt. Aber die eigentliche Lehre ist und bleibt: Die offizielle Lehre ist gegen eure praktizierte (!) Liebe und Sexualität. Mit anderen Worten: Wir Bischöfe sind so frei, euch die prakizierte Liebe zu verbieten, erst recht die völlig normale Homoehe und die selbstverständliche Kinderadoption durch Homo – Eheleute.
Interessant und bedenkenswert ist u.a. ein Zitat in dem Tagesspiegel Beitrag von Claudia Keller. Da äußert eine ältere Katholikin die treffende Erkenntnis angesichts der weiten Wege, um überhaupt noch eine katholische Messe zu erreichen, wenn immer mehr Gemeinden „aufgelöst“ werden: Sie sagt also: „Dann gehen wir eben zu den Protestanten“. Ein Satz, eine Idee, ein Vorschlag, der im Umfeld des Luther Jubiläums 2017 mindestens eine Veranstaltung in einer katholischen Akademie (Berlin) verdiente… Wir haben schon vor 2 Jahren geschrieben: Man muss nicht Opus Dei Mitglied sein, um genauso wie das Opus Dei zu denken und zu handeln, zumal, wenn man an der Opus Dei Universität einen Dr. Theol. erworben hat.
Gern weisen wir – ebenfalls nur aufgrund einiger Nachfragen – darauf hin, dass im Erzbistum Poitiers, Frankreich, unter Bischof Albert Rouet das Experiment gewagt wurde, möglichst alle vorhandenen Kirchengebäude (in den Dörfern etwa) weiterhin für katholische Gottesdienstes zu nutzen, selbstverständlich mit Sonntags – Gottesdiensten, die dann von Laien offiziell geleitet werden. Dieses „Modell Poitiers“ (bedingt auch dort durch den Mangel an zölibatär lebenden Priestern) fand viel Beachtung in Deutschland, aber aufgrund dogmatischer Erstarrung hier keine „Übersetzung“ und „Umsetzung“. Der viel beachtete Bericht über das Modell Poitiers „Laien leiten Sonntagsgottesdienste“ erschien in der empfehlenswerten Zeitschrift PUBLIK FORUM. Zur Lektüre dieses Beitrags klicken Sie bitte hier. Der Link zu Publik – Forum: Klicken Sie hier.
copyright: Religionsphilosophischer Salon

Warum brauchen wir eine vernünftige Religion? Zur Aktualität der „liberalen Theologie“ im Rahmen einer Sommerschule

Warum brauchen wir eine vernünftige Religion?
Zur Aktualität der „liberalen Theologie“

Die erste „Kleine theologische Sommerschule“ am 20. Juli 2013.

Von Christian Modehn

Eine „Sommerschule“ bei wahrlich sommerlicher Hitze: 23 TeilnehmerInnen waren dabei und folgten der Einladung des „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin“ und des „Forum der Remonstranten Berlin, um entspannt nachzudenken, zu diskutieren über religionsphilosophische und theologische Themen. „Kleine theologische Sommerschule“ war der Titel, wir trafen uns in der „Kunstgalerie Fantom“ in der Hektorstr. 9, also gerade nicht in einem kirchlichen (Gemeinde-)Haus, sondern an einem der vielen Orte, wo kreatives Leben sich künstlerisch Ausdruck verschafft. Ein offener Raum für offene Diskussionen…
Als Referent und Gesprächspartner war Prof. Wilhelm Gräb, praktischer Theologe an der Humboldt Universität zu Berlin, dabei. Er vertritt explizit die „liberale Theologie“ und steht dadurch auch religionsphilosophischen Ansätzen und Interessen sehr nahe. Die TeilnehmerInnen waren sehr dankbar, dass Herr Gräb dabei war!

Warum brauchen wir eine vernünftige Religion? war das Thema. Leitend ist die Erkenntnis: Ohne vernünftige Argumente kann heute kein nachdenklicher Mensch mehr zu der Dimension geführt werden, die mit Gott bzw. dem göttlichen Geheimnis gemeint ist und dem Bezogensein auf dieses Geheimnis, eben dem Glauben. Religiöse Sprache und damit auch religiöse Texte (wie die Bibel) sind Ausdruck dieser Bezogenheit des Menschen auf das Göttliche IN ihm, dem Menschen selbst.

Es ist hier in der Kürze nicht möglich, sozusagen ein Resumée der vier Stunden unserer Sommerschule zu bieten. Wichtig war schon die Methode, die Gesprächsform: Prof. Gräb erläuterte in einem Interview von 15 Minuten seine Sicht zum jeweiligen Thema. Danach äußerten sich die TeilnehmerInnen mit Fragen und eigenen Beiträgen. „Auch ich habe dabei wie alle anderen gelernt“, sagte Wilhelm Gräb am Ende der Veranstaltung. Eine theologische Sommerschule als Ort des gemeinsamen Lernens, dieser Perspektive werden wir weiter folgen.
Wir können hier nur einige Einsichten mitteilen, sie können zur weiteren Reflexion und Forschung anregen.

Zum Thema der ersten Stunde: „Zur Frage nach dem Sinn des Lebens“: Wichtig ist die Erkenntnis, dass wir Menschen immer schon (meist unthematisch, ohne den Sinn schon benennen zu können) in einem Sinnzusammenhang leben. Jedes alltägliche Leben geschieht im Horizont eines Sinns, der, tief genug reflektiert, auf einen grundlegenden und umfassenden Lebenssinn für mich verweisen kann. Gerade in den sich immer wieder einstellenden Erfahrungen der Sinnlosigkeit, der tiefen existentiellen Irritation, spüren wir eigentlich einen Mangel des zuvor erlebten Sinnes. Und wir wollen über das Nachdenken und emotionale Spüren diesen Zustand wieder neu erlangen und beziehen uns so auf den eigentlich positiv erfahrenen Sinn. Die Bindung an einen positiven Sinn in meinem Leben kann ich eigentlich nicht „los werden“. Wir sind offenbar in den Sinnhorizont (unabwerfbar) hineingestellt.

Zum Thema der zweiten Stunde: „Was heißt religiös sein?“:
Wer im Denken und im intensiven Spüren und Erleben seines Lebens inmitten der Sinnbezüge das Geheimnis berührt, das „alles letztlich Gründende“, aber niemals Zudefinierende, kann erkennen: Dieses Geheimnis kann das alles Leben und alles Geistige Belebende sein. Ich kann mich frei darauf beziehen, etwa poetisch im Gedicht, nicht immer nur positiv gestimmt, oft eher fragend und zweifelnd. Ich kann diese Bezogenheit auch künstlerisch ausdrücken, in der Malerei, in der Musik. Ich kann vor diesem Geheimnis auch schweigend verweilen oder tanzend oder in der erotischen Ekstase. Wenn ich mich frei auf das „berührte Lebensgeheimnis“ beziehe, es bejahe und akzeptiere, dann beginnt mit dieser Entscheidung der Glaube.

Zum Thema der dritten Stunde: „Mein Glaube und die Lehren der Kirchen“. Für die liberale Theologie, als einer Theologie der Freiheit und Befreiung, wie der Name sagt, steht immer der individuell geprägte Glaube des einzelnen im Mittelpunkt. Nur das, was ich wirklich als meine religiöse Lebenshaltung gestalte und auslege, ist orientierend für mich. Anregungen können mir durchaus offizielle „kanonische“ Texte der Kirchen geben, aber sie sind eben auch Ausdruck der religiösen Überzeigungen früherer Glaubender, nicht Wort eines Gottes, der aus Himmelshöhen auf Menschen einredet. Inspirierend und „öffnend“ in der Selbstwahrnehmung und Selbstkritik ist das Gespräch in der Gemeinde /Gemeinschaft/ im “Salon“ über „je meinen“ Glauben, der vielleicht „unser gemeinsame Glaube“ wird, wenn er das nicht schon ist.
In jedem Fall wird in der liberalen Theologie die dogmatische Indoktrination oder die moralische Bestimmung von autoritären Strukturen zurückgewiesen bzw. im historischen Kontext gedeutet und relativiert. Das ist kein banaler „Relativismus“, sondern die Anerkennung des Umstandes, dass für mich eben nur das orientierend sein kann und hilfreich, das mit meiner eigenen Selbsterfahrung verbunden ist.

Zum Thema der vierten Stunde: „Was ist vernünftige Spiritualität?“ Jeder Mensch lebt als Mensch (als Leib – Seele – Geist (= spiritus!)- Einheit „immer schon“ seine je eigene Spiritualität. Dies ist eine Lebenshaltung, ein sich auf eine bestimmte Art im Leben „Halten“. Insofern leben wir in einer spirituellen Welt, weil jeder irgendwie immer schon spirituell ist und lebt. Auch der Fußball, der Sport usw. kann zum Mittelpunkt des Lebens werden. Jeder hat also immer schon irgendwo seinen „absoluten Mittelpunkt“ im Leben. Darüber könnten also alle spirituellen Menschen ins Gespräch kommen und sich dabei auch (selbst) kritisch austauschen.
Eine christliche Spiritualität in der Sicht liberaler Theologie ermuntert den oder die einzelne(n) den je eigenen spirituellen Weg zu gehen, die je eigene „religiöse Methode und Ausdrucksform“ zu finden, sich auf das göttliche Geheimnis zu beziehen: Z.B.: Für den einen sind Gottesdienste wichtig, für die andere musikalische Erfahrungen, für den anderen der diakonische ehrenamtliche Einsatz hier oder in der sogen. Dritten Welt oder die Zen-Meditation usw… Entscheidend ist nicht, ob meine Spiritualität in der Sicht irgendwelcher Kirchenoberer korrekt und richtig ist; entscheidend ist, ob es wirklich meine eigene Form des Lebens, des geistigen, d.h. spirituellen Lebens, ist.

Sich darüber herrschaftsfrei und in gegenseitiger Wertschätzung auszutauschen, wäre eigentlich Sache der christlichen Gemeinden. In unserem Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon und dem Forum der Remonstranten Berlin versuchen wir das.

PS:
Die Sommerschule wurde durch die finanzielle Hilfe der RemonstrantenKirche (NL) mit ermöglicht. Dafür herzlichen Dank!

Luis Bunuel vor 30 Jahren gestorben: „Nur auf das Geheimnis kommt es an“

Luis Bunuel vor 30 Jahren gestorben: Nur auf das „Geheimnis“ kommt es an.
Ein Hinweis von Christian Modehn

Am 29. Juli 1983 ist der spanische Filmemacher Luis Bunuel in Mexiko – Stadt gestorben, geboren wurde er am 22. Februar 1900 in Calanda, Spanien.
Warum ist es heute wichtig, an Bunuel zu erinnern? Einige Hinweise:
Unvergessen bleibt in Bunuels Film „Die Milchstraße“ eine Szene, die wie ein Gemälde sich im Gedächtnis festsetzen kann, sie wird als eine Art Schlüssel verstanden fürs Begreifen einer dogmatisch erstarrten Religion: Die Kellner eines sehr feinen französischen Restaurants streiten sich beim Eindecken der Tische über die Zweinaturenlehre: Ist Christus wahrer Gott und wahrer Mensch in einer Person? Kann es Atheismus überhaupt geben? Der Oberkellner, bestens informiert über alle Dogmen der römischen Kirche, bestreitet das. Dann klopfen zwei Clochards an, sie sind auf dem Pilgerweg nach Santiago de Compostela, haben Hunger, bitten um Brot: Der dogmatisch versierte Oberkellner schickt sie wütend weg, natürlich finden die beiden Clochards keine Liebe, kein Erbarmen in ihrer Not. Dann geht der Streit um die Dogmen des 4. Jahrhunderts unter den Kellnern ungestört weiter.
Unvergessen in demselben Film auch die Szene bei einem Schulfest einer katholischen Privatschule, auch dort landen die beiden armen Pilger, werden allerdings freundlich bewirtet: Stolz führt die Direktorin auf einer Bühne ihre Schülerinnen vor, sie sind vielleicht 8 Jahre alt: Der Reihe nach zitieren sie absolut korrekt die amtlich formulierten Verfluchungen der römischen Kirche gegenüber den Irrlehrern und Abweichlern… Indoktrination statt Bildung: Wo passiert das heute? In konfessionellen Schulen aller Couleur, in Hochschule, in Medien usw.
Bunuel selbst hat ein Jesuitengymnasium besucht, als Jugendlicher fügte er sich den Normen der explizit leibfeindlichen Erziehung, sein Betragen dort wurde gelobt; er war auch Messdiener. Der Bruch mit der engen Welt des Katholizismus begann mit dem Umzug nach Madrid, seine entscheidende Prägung erlebte er in Paris.
Religionskritik, verstanden als Kritik am Katholizismus, ist eine entscheidende Dimension im Werk Luis Bunuels. Viele Aussagen erscheinen heute, 60 oder 50 Jahre später, als wenig provokativ, so sehr ist seine damalige Religionskritik heute Allgemeingut geworden: Aber wer würde leugnen, dass auch Bunuel mit seinen Arbeiten einen entscheidenden Anteil hat an der Bildung eines religionskritischen Bewusstseins so vieler Europäer? Dabei hat Bunuel keineswegs pauschal alle Repräsentanten der Kirche kritisiert und der Doppelmoral beschuldigt. Bei den Dreharbeiten seines Dokumentarfilmes „Las Hurdes“ (1932) zeigt er das miserable, menschenunwürdige Leben so vieler Bewohner einer entlegenen Region: Einige Pfarrer dort, so sieht es Bunuel, stehen aber aufseiten der Armen, Bunuel hat dies ausdrücklich geschätzt. Auch wenn er klarmacht: Die Kirchen verraten ihren Auftrag, wenn sie den Armen nicht den Weg zum sozialen Aufstand zeigen. „Befreiungstheologische Ansätze“ sind bei dem Katholiken Bunuel nicht zu übersehen.

Weitere Biographische Hinweise und detaillierte Würdigungen zu den zahlreichen großen Filmen Bunuels sind anderweitig verfügbar.
Unser Interesse im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin führt uns zu einigen Hinweisen zur spirituellen Dimension von Bunuels Arbeiten. Schon der „Andalusische Hund“ (1929), später „Nazarin“ (1959) oder Viridiana (1961) zeigen die Scheinheiligkeit der Kirche. Viridiana durfte viele Jahre in Spanien nicht aufgeführt werden, das sehr katholische Regime von General Franco folgte selbstverständlich den Weisungen der Bischöfe. Auch „Der Würgeengel“ (1962) ist ein Meisterwerk, selten wurde so bedrückend das Erleben des Eingeschlossenseins, des Nicht aus dem Raum Treten Könnens, gezeigt. Die Menschen haben nur eine sehr begrenzte Kapazität, human zu bleiben, zeigt Bunuel, die meisten werden Bestien in Extremsituationen.
Über die surrealistische Dimension seiner (vor allem früheren) Filme ist viel geschrieben worden, in „Die Milchstraße“ (1968/1969) (La voie lactée) wird diese Weise des Erzählens noch einmal in einem „Spätwerk“ deutlich.
Uns erscheint vor allem ein Aspekt wichtig und heute überaus aktuell:
Die menschliche Wirklichkeit in ihrer Tiefe wie in ihrer Unentwirrbarkeit deutet Bunuel wesentlich als „Geheimnis“, als das „Nicht – Auflösbare“, „Niemals Zu – Erklärende“. „Ich habe nicht die Gnade, die den Glauben ermöglicht, empfangen. Was mich interessiert, das ist das Leben mit seinen Unklarheiten und Widersprüchen. Dieses Geheimnis ist schön“, so in einem Interview in Toulouse im Jahr 1964.
Die katholische Welt als Atmosphäre und (Un) Kultur hat Bunuel sein ganzes Leben begleitet, manche Kritiker meinen, die katholische Religion sei gar eine Art „Obsession“ gewesen. Was er der Kirche als Institution vorwirft: Sie erklärt mit ihren Lehren und Dogmen viel zu viel (sie weiß zu viele „Theoretisches“). „Die Leute wollen immer eine Erklärung für alles. Das ist das Ergebnis einer Erziehung während vieler Jahrhunderte. Bei allem, was die Menschen nicht verstehen, laufen sie dann zu Gott“. (ebd).
Bunuel Haltung ist deutlich: Die Menschen sollten lieber staunen und fragen, sie sollten ihre Phantasie lebendig halten und in der Bewegung des Suchens bleiben und ahnen, dass das Leben eigentlich immer Geheimnis ist und bleiben muss.
Man sollte daher in der Religion, in den Kirchen, das Wunderbare, das Geheimnis des Lebens, nicht mit der banalen Griffigkeit historisch datierbarerer, einzelner Wunder verwechseln! Mit der Banalisierung und „Vermassung“ von Wunderorten und wundertätigen Heiligen wird das nie auslotbare, nie umfassbare Geheimnis geradewegs ins Endliche hineingezogen; das göttliche Geheimnis ist „ganz woanders“. Man darf (eher schaurig) „Mysteriöse“s nicht mit „dem Geheimnis“ (dem „Mysterium“) verwechseln.
Das Wunder als Mysterium ist ein Erlebnis, ein Widerfahrnis, im Alltäglichen,. Dort lebt es als solches ohne weitere Erklärungen und Auflösungen. Das Geheimnis macht das menschliche Dasein erst wertvoll. Die Filme Bunuels sind eine Art Einweisung, die Tiefe des Lebens wahrzunehmen, der Surrealismus kann die Realität in der Tiefe ahnbar machen.

Copyright: christian modehn, religionsphilosophischer-salon.de

Ja und Nein zu den Menschenrechten: Aktuelles zur katholischen Kirche in Brasilien

Ja und Nein zu den Menschenrechten: Ein aktuelles Lehrstück aus Brasilien

Unser Beitrag über die „Universalität der Menscherechte“ hat viel Interesse gefunden. Aus aktuellem Anklass weisen wir nun auf die Kämpfe um die Geltung der Menschenrechte in Brasilien jetzt, am 24. Juni 2013, hin:

Es sind Millionen Menschen, die im Juni 2013 für einen grundlegenden Wandel in Brasilien eintreten, hin zu mehr Gerechtigkeit, mehr Respekt vor den Armen und sehr viel weniger Korrruption; diese Menschen fordern ein Ende der allseitigen Bevorzugung der Reichen: Ein Aufbruch, wenn nicht eine Revolution findet statt. Diese Menschen wollen nicht länger die fest etablierte Koalition aus Feudalherren im Nordosten (mit der Duldung sklavenähnlicher Zustände, der ökologischen Katastrophen usw.) und der Politiker, Medienbosse und Gewerkschaftsführer im reichen Süden hinnehmen. Diese Menschen können sich mit der Rücknahme der Preiserhöhungen im öffentlichen Nahverkehr, einer unbeholfenen Geste der Regierung, nicht begnügen.
Die überwiegende Mehrheit der Demonstranten sind friedliche Bürger, die nichts anderes fordern als Gerechtigkeit. Sie fühlen sich betrogen, als neuer Mittelstand in einen Konsumrausch getrieben worden zu sein, der ihnen nur hohe Verschuldung brachte…Die Schwäche der brasilianischen Gesellschaft und des Staates wird jetzt vor aller Augen offen gelegt und als ein überwindbarer (!) Fehler des Systems dargestellt. Bisher hatten sich alle Beobachter, auch die Brasilianer in ihrer grenzenlosen Geduld, damit abgefunden, in Brasilien eine der am wenigsten egalitären Gesellschaften der Welt sehen zu müssen. Nur ein Beispiel: Das Mindestgehalt beträgt etwa 240 Euro im Monat. „Die Preise für die Transportmittel sind denen in Frankreich ähnlich“, betont Jean – Jacques Kourliandsky, Forscher am geopolitischen Forschungs – Institut „Iris“ in Frankreich.
Nun erreicht uns ein Hinweis eines brasilianischen Freundes: Inzwischen hat die Brasilianische Bischofskonferenz CNBB am 21. Juni 2013 erklärt, dass sie „Solidarität und Unterstützung“ den Demonstrierenden gewährt, „damit das Land mit weniger Ungleichheit lebt“. Ausdrücklich wird die Gewalt auf der Straße angeklagt; ebenfalls wird ausdrücklich die Korruption und die Intoleranz kritisiert zurückgewiesen.
Diese Worte werden von vielen Beobachtern jedoch als unglaubwürdig betrachtet, pflegt doch die katholische Kirche entgegen ihrer großen Worte nach außen, in die Gesellschaft hinein, keine Toleranz nach Innen, also innerhalb der Kirche: „Die katholische Kirche „tut immer so als ob“, schreibt unser Freund aus Sao Salvador Bahia, der lieber ungenannt bleiben möchte, sie „tut so als ob“ sie die Menschenrechte absolut und umfassend verteidigen würde. Unser Freund weist darauf hin: Ein bekannter brasilianischer Priester, der offen die Liebe homosexueller Menschen verteidigt und vernünftig und richtig findet, wurde noch am 29. April 2013 exkommunziert, also kurz vor den offiziellen Lobeshymnen der Bischöfe für die Menschenrechte. Nicht mehr katholisch sein soll also der Priester Roberto Francisco Daniel (48 Jahre) aus dem Bistum Bauru im Staat Sao Paulo. Für einen englischsprachigen background Artikel klicken Sie bitte hier. In vielen theologischen Zeitschriften der USA, Spaniens usw. wurde auf diese Exkommunikation hingewiesen, in Deutschland leider nur selten. Der Pfarrer hatte sich geweigert, seine theologische Position zurückzunehmen und öffentlich Abbitte zu leisten. Er hatte dringend gefordert, dass die Kirche ihre Haltung zur Homosexualität verändert. „Die Liebe kann in allen Formen aufbrechen“, betonte Pater Daniel, der in Bauru sehr beliebt ist und dort Padre Beto genannt wird. Seine Konsequenz: „Ich kann nicht mehr in einer Institution leben, die die Freiheit der Meinung nicht respektiert“. Der Bischof von Bauru sagte: “Pater Beto verstößt gegen die katholische Moral und die Dogmen“. Bischof Caetano Ferrari beruft sich dabei auf den § 1364 des Kirchenrechts.
Diese Entscheidung in Bauru gibt nun all denen Recht, die lesbische und schwule Menschen gern diskriminieren und verprügen und oft auch töten, gerade in der von Machismo geprägten Kultur Lateinanerikas: Das ist auch in Brasilien immer noch Realität. Die Feinde der Menschenrechte, also auch die verblendeten Feinde homosexuellen Lebens, können nun also auf ihre Art, darin den Bischöfen folgend, exkommunizieren, also wörtlich übersetzt, eben aus der Gemeinschaft, der Gesellschaft, ausstoßen.
Sind die brasilianischen Bischöfe wirklich so blind, dass sie diese Zusammenhänge nicht sehen? Die kirchliche Mitschuld an dem Verbrechen der gesellschaftlich hoch gepuschten Homophobie gilt keineswegs ja nur für Brasilien, sondern für Polen, Rußland, Griechenland, für die katholischen Diktatoren in Afrika (Der Diktator und bekennende Katholik Mugabe, Simbabwe, ist häufiger Gast im Vatikan) oder auf den „vorbildlich“ katholischen Philippinen.
Die FAZ meldet am 24.6. 2013, dass es Gesetzesvorhaben in Brasilien gibt, Homosexualität als Krankheit zu definieren und – wie früher schon in den USA – „weg- zu therapieren“. Kranke werden abgeschoben, ausgegrenzt, „exkommuniziert“. Damit wird an die Macht der Medien erinnert, die zu einem großen Teil in den Händen pfingstlerischer Millionäre und fundamentalistischer Prediger sind. Die „Universale Kirche vom Reich Gottes“ spielt da eine entscheidende Rolle. Manche naive Beobachter in Europa nennen diese Finanzunternehmern „Frei-Kirchen“. Sie haben einige Millionen Mitlieder, weil sie Reichtum als höchste Gnade verheißen und als erstrebensert darstellen. Und es wird berichtet, dass die katholische Kirche Brasiliens diese pfingstlerische Begeisterungsspiritualität mit den ewigen Alleluja Rufen in den katholischen Glauben integriert;die Katholiken sollen also auch jubeln und „lallen“ (Glossolalie). Und diese sogen. pfingstlerische Begeisterung geht so weit, dass ein ursprpünglicher Befreiungstheologe, Leonardo Boff, diese Pfingstkirchen jetzt ausdrücklich lobt. So weit geht die Verzweiflung darüber, dass das ursprüngliche Projekt ganzheitlicher Befreiung vom Vatikan verboten wurde. Jetzt jubilieren und lallen enthusiastisch die Armen und der Mittelstand… und die Befreiungstheologie ist am Verschwinden…
Ob Papst Franziskus, der Freund „der“ Armen, davon gehört hat? Wird er bei den katholischen Weltjugendtagen in Rio de Janeiro Mitte Juli 2013 davon sprechen? Wird er sich entschuldigen, für die vielen tödlichen Konsequenzen der Exkommunikationen von Minderheiten seiner Kirche?

copyright: Christian Modehn