Wie Heilige gemacht werden: Der Klerus spricht sich selber heilig

Am 1. November wird in den katholischen Kirchen der Heiligen gedacht, „alle sind zur Heiligkeit berufen“, so wird behauptet. Wir bieten zur persönlichen Lektüre einen Kurzbeitrag, der am 1.11. 2013 im WDR gesendet wurde.

Wenn der Klerus sich selber heilig spricht
Ein Kommentar von Christian Modehn, gesendet in WDR 5 „Diesseits von Eden“ am 1. 11. 2013

„Zur Heiligkeit sind alle in der Kirche berufen“, erklärt das Zweite Vatikanische Konzil. Aber Jesus selber lehrte, dass viele zwar zur Heiligkeit berufen, aber nur wenige auserwählt sind. Darum muss genau geprüft werden, ob die Erwählten absolut tugendhaft und fromm lebten. Zudem muss nachgewiesen werden, dass bei Anrufung des potentiellen Heiligen auch Wunder passiert sind. Diese mühevolle Arbeit leistet das päpstliche Ministerium für „die Angelegenheiten der Heiligsprechung“. Im Jahr 2001 waren dort 126 Mitarbeiter tätig, darunter 2 Frauen. Alle anderen sind Priester. Und wen sprechen diese Kleriker heilig? Fast ausschließlich Angehörige ihres eigenen Standes. Wenn Frauen als himmlische Fürsprecherinnen offiziell angefleht werden dürfen, sind es Jungfrauen, Nonnen oder Witwen. Heilige Hausfrauen oder heilige, lebensfrohe Singles gibt es nicht. Eine „heilige Hure“ kam nur als Kinofilm einmal vor. Wenn die Kleriker sich also selber heilig sprechen, fördern sie nur die Aufwertung ihres ehrwürdigen Standes. Die einfachen Christen, die Laien, sollen Priester und Bischöfe in prächtigen Bildern hoch auf den Altären bewundern oder ihren Leichnam in einem Glassarg verehren. Wenn es so viele heilige Kleriker gibt, dann werden schon mal von den päpstlichen Beamten „kleinere“ Untugenden übersehen: Etwa, dass der Opus Dei Gründer, der heilige José Maria Escriva, ein Freund des Diktators Franco war. Oder dass der heilige Pater Pio mit Mussolini eng verbandelt war. Wen wundert es, dass schon früher problematische Gestalten heilig wurden: Etwa der Gründer des Piaristenordens, Pater José von Calasanza: Er wurde im 18. Jahrhundert nicht nur heilig gesprochen, sondern im 20. Jahrhundert auch noch zum Patron katholischer Volksschulen erklärt, obwohl er nachweislich pädophile Priester in seinem Orden duldete und schützte. Wahrscheinlich hatte der Orden genug Geld, um die Heiligsprechung durchzusetzen. Denn der Vatikan verdient gut an seinen Heiligen. Ein Heiligsprechungs – Prozess kostet heute mindestens 50.000 Euro, oft 300.000 Euro. Zu aufwendig sind die vielen Recherchen und die langwierigen Überprüfungen der vorgeblichen Wundertaten, heißt es. Martin Luther wusste genau, warum er diese Art von Heiligenverehrung für die evangelische Kirche nicht wollte.

Albert Camus – Sein Unglaube und sein Glaube: Zum 100. Geburtstag am 7. November 2013

Albert Camus: Zu seinem 100. Geburtstag.
Ein Beitrag, der vielfach vergessene Aspekte im Leben und Denken von Albert Camus freilegt.

Das vorliegende Manuskript gehört zu einer Ra­dio­sen­dung von NDR Kultur am 20. Okt. 2013. Die Form entspricht der für Hörfunkproduktionen üblichen Struktur. Red.:Dr. Claus Röck NDR
Das Manuskript ist ausschließlich zu privatem Gebrauch bestimmt!

„Das Leben ist ein Geheimnis“
Albert Camus – ein frommer Ungläubiger
Von Christian Modehn

1. SPR.: Berichterstatter
2. SPR.: Berichterstatter
3. SPR.: Zitator Camus.

1.SPR.:
Das Flanieren in Paris hat einen besonderen Reiz im so genannten „Intellektuellen – Viertel“ rund um Saint Germain des Prés, auf der Rive Gauche, dem linken Ufer der Seine. Dann erinnert man sich, vielleicht im Café „Deux Magots“ verweilend, an die glorreichen Jahre nach der Befreiung von der Naziherrschaft. Da wurde in der „Brasserie Lipp“ oder dem Musikclub „Tabou“ ausgelassen gefeiert und heftig debattiert: Philosophen und Journalisten, Literaten und Künstler wollten sich übertreffen mit ihren Visionen für eine bessere Welt.

2.SPR.:
Im Herbst 1943 hatte sich der Schriftsteller Albert Camus in Paris niedergelassen. Seine Bücher „Der Fremde“ und „Der Mythos des Sisyphus“ waren gerade erschienen und hatten begeisterte Aufnahme gefunden, auch bei den Intellektuellen. Der Philosoph Jean Paul Sartre und seine Gefährtin Simone de Beauvoir ließen jedoch den jungen Autor spüren, dass er nicht ganz zu ihnen passte. Hatte doch Camus den Makel, keine berühmte Pariser Elitehochschule besucht zu haben. Er galt als „Algerien – Franzose“ und war somit eine Art Emporkömmling aus der fernen Kolonie. Dort wurde er am 7. November 1913 in dem Dorf Mondovi geboren: Die Verhältnisse zu Hause waren äußerst bescheiden. In seinem autobiographischen Roman „Der erste Mensch“ erinnert er sich an die Kindheit:

3. SPR.:
Ich war immer inmitten einer Armut aufgewachsen, die so nackt war wie der Tod.

1.SPR.:
Der junge Camus wurde früh mit der brutalen Sinnlosigkeit des Lebens konfrontiert: Sein Vater, zu Beginn des Ersten Weltkrieges an die französische Front abkommandiert, erliegt schon wenige Wochen später seinen Verletzungen. Der arme Mann aus der Kolonie: Er war nichts als Kanonenfutter. Das Entsetzen darüber klingt selbst in Camus distanzierter Sprache an:

3.SPR.:
Der Vater hatte Frankreich nie vorher gesehen. Er sah es. Und wurde gleich getötet.

2. SPR.:
Die Großmutter kümmert sich um die beiden Kinder, Albert und Lucien; die Mutter, stark behindert, ist kaum in der Lage, korrekt zu sprechen. Zu alledem leidet Albert Camus an der Tuberkulose, mit dieser Krankheit wird er sein ganzes Leben zu kämpfen haben.

1.SPR.:
Aber er will sich den widerwärtigen Bedingungen des Daseins nicht unterwerfen: Er liebt die Welt, und er liebt die Menschen. Schon in einem seiner frühesten Essays mit dem Titel „Sommer in Algier“ schreibt Camus:

3. SPR.:
Wenn es eine Sünde gegen das Leben gibt, so besteht diese Sünde darin, auf ein anderes, jenseitiges Leben zu hoffen und sich der unerbittlichen Größe dieses jetzigen Lebens zu entziehen. Ich behaupte, dass ich am Glück der Engel im Himmel keinen Geschmack finde.

2.SPR.:
Seine philosophischen Interessen helfen ihm, seine eigene, einmalige Lebenshaltung zu entwickeln. Er studiert den Kirchenvater Augustin und gleichzeitig den antiken Philosophen Plotin. In Algier widmet er beiden Denkern seine philosophische Lizenziatsarbeit. Und gleich danach macht er seine ersten Versuche als Schriftsteller. Er sieht seine Berufung als Künstler darin, anderen zu helfen, den Lebenssinn inmitten des Unsinns zu entdecken.

1.SPR.:
Als Journalist in Paris weiß er sich dieser Mission verpflichtet. Die Zeitung Combat stand, wie der Name sagt, ganz im Dienst des Kampfes gegen die deutsche Besetzung. Heftig wurden dabei auch Kollaborateure attackiert, jene Franzosen, die sich unter dem Nazi – freundlichen Regime des Marschall Pétain so recht wohl fühlten.

2. SPR.:
Nach der Befreiung Frankreichs durch die Alliierten im August 1944 beginnt aber für Albert Camus ein neuer Kampf, diesmal gegen totalitäres Denken, nun auch in Friedenszeiten. In seinem Roman „Die Pest“ lässt Camus den Arzt Dr. Rieux eine ihm selbst so wichtige Überzeugung aussprechen:

3. SPR..
Diese Freude über das Ende der Pest ist immer wieder bedroht, und die Pest und das schlimmste Übel können jederzeit wiederkommen.

1.SPR.:
Camus tritt leidenschaftlich ein für die Rechte der Menschen, zumal der kleinen Leute; blinden Terror und staatliche Gewalt will er bedingungslos bekämpfen, egal, ob sie von Faschisten oder von Kommunisten verübt werden.
Und genau daran zerbricht die Freundschaft mit Sartre und seinem Kreis, zu dem auch die Philosophen Maurice Merleau – Ponty und Francis Jeanson gehörten. Sie sind überzeugt, die gerechte Welt beginne hinter dem eisernen Vorhang. Die sonst so kritischen Köpfe haben viel Verständnis für die Sowjetunion; sie können es ertragen, dass eine systematische Auslöschung der Opposition politisch notwendig erscheint. Straflager seien nichts anderes als ein notwendiges Mittel, um den guten Zweck des Kommunismus zu befördern.

2. SPR.:
Albert Camus ist über so viel Verblendung entsetzt. Und er ist nicht bereit, um der Freundschaft mit einigen Intellektuellen willen auf sein Mitgefühl für die unschuldigen Opfer zu verzichten. Er ist einer der wenigen Intellektuellen in Paris, die sich mit den Arbeiterprotesten in Ost – Berlin oder Budapest solidarisieren. Seine ehemaligen Freunde wissen nun: Camus gehört nicht mehr zu ihrer Clique. Er ist ein sozialistischer Demokrat; ein Rebell, kein Revolutionär. Darum gilt er nun als Ausgestoßener und Verfemter. Um so mehr verehren ihn seine Leser weltweit: Seine Romane „Die Pest“ und „Der Fremde“ werden in mehr als 45 Sprachen millionenfach verbreitet.

1. SPR.:
Aber äußere Erfolge können ihn kaum trösten. Die Stadt Paris erscheint ihm kalt und fremd. Ein Leben inmitten von Steinwüsten wird ihm zur Last. Er zieht sich in kleinere Städte zurück, nach Avignon oder Angers, erst kurz vor seinem Tod findet er seine wirkliche Heimat inmitten der Schönheit der Provence.

2. SPR.:
Das Leben in den anonymen Großstädten kann Camus nur bestehen mit seiner humanistischen Spiritualität. Sie folgt keiner speziellen Tradition; sie ist sein eigenes, sein schöpferisches Werk. Leitend ist die Überzeugung: Niemand sollte sich einreden lassen, das wahre menschliche Leben beginne erst in ferner Zukunft, etwa in der klassenlosen Gesellschaft oder –religiös formuliert – im Himmel. Wer heute leidet, will trotz allem jetzt sinnvoll leben.

3. SPR.:
Der einzelne Mensch erlebt, dass er sinnvoll leben will, das gehört zu seinem Wesen. Gleichzeitig aber erleben wir, wie unsere Versuche, dem Leben Sinn zu geben, auch wieder scheitern und uns in Verderben ziehen können.

1.SPR.:
Diese Doppelbödigkeit des Lebens ist für Camus bestimmend: Es gibt auf dieser Welt nie das vollständig Gute, es gibt nur die Mischung aus Ja und Nein, aus Glück und dem „Absurden“.

2.SPR.:
In dem Essay „Der Mythos des Sisyphos“ zeigt Camus, wie der Mensch in einer offenbar aussichtslosen Lage doch noch selbst seinen Sinn finden kann: Auch wenn Sisyphus den Stein wieder und wieder auf den Berghang hinaufwälzt und dieser dann am Gipfel sofort wieder hinunterrollt: Sisyphos ist stolz, von so viel Sinnlosigkeit überhaupt zu wissen, also auf sie zu schauen und nicht wie ein Tier an sie gekettet zu sein. Immer bin ich es, der diese Leistung vollbringt. Ich stehe also über dem Mechanismus der Monotonie von Hinauf und Hinunter. Camus schreibt:

3. SPR.:
In diesem Widerstand zeigt sich eine stille Freude. Alles ist gut. Man muss sich Sisyphus als einen glücklichen Menschen vorstellen. Das Absurde hat nur Sinn in dem Maße, indem man ihm gerade nicht zustimmt .

1.SPR.:
Die Erfahrung von Absurdität und Sinnlosigkeit schließt menschliche Entwicklung und Reifung gerade nicht aus. Denn der Mensch kann immer seine schöpferische Kraft entwickeln und für sein eigenes Leben sinnvolle Horizonte erschließen. Diese Fähigkeit des Geistes befreit aus existentieller Bedrängnis. Camus hat dafür eine Art Formel:

3.SPR.:
Schöpferisch sein, bedeutet zweimal zu leben.

1.SPR.:
Denn es gibt neben dem unmittelbaren, alltäglichen Leben noch das reflektierte, das geistige Leben. Und das ist größer als alle Aussichtslosigkeit oder Gebundensein an schlimme Umstände. Deswegen kommt für Camus auch der Suizid nicht in Betracht. So sehr er selbst mit der Versuchung des Selbstmordes zu kämpfen hatte, etwa als er die Untreue seiner ersten großen Liebe durchmachen musste. Hand an sich zu legen, lehnt er aber grundsätzlich ab: Denn das würde bedeuten, sich dem Absurden zu unterwerfen.

2. SPR.:
Camus, der 1960 bei einem Autounfall aus dem Leben gerissen wurde und dessen Werk unvollständig blieb, hat eine Antwort auf die Frage: Unter welchen Bedingungen sich Menschen der Erfahrung von Sinnlosigkeit widersetzen können Und er verweist auf die ihm eigene Spiritualität: Dieser Begriff war Mitte des Zwanzigsten Jahrhunderts noch auf die enge Kirchenwelt begrenzt, deswegen verwendete ihn Camus auch nicht. Aber seine Äußerungen sind klar: In der tiefen Verbundenheit mit der Natur findet er den Grund seines geistigen Lebens, seine Spiritualität: Er denkt dabei vor allem an die Welt des Mittelmeeres mit ihrer Kraft der Sonne und der unendlichen Weite des See , vor allem aber auch an die Stille der Natur im Abseits der Städte. Er schreibt:

3. SPR.:
Es ist meine schwere Bestimmung, auf heidnischem Boden in einer christlichen Epoche geboren zu sein. In diesem Sinne fühle ich mich den Werten der antiken, griechischen Welt näher als dem Christentum. Griechenland ist für mich nur noch ein langer strahlender Tag und auch eine von Blüten bedeckte Insel, die unablässig auf einem Meer des Lichts dahin treibt. Dieses Licht gilt es festzuhalten.

1.SPR.:
In seinen Romanen und Essays beschreibt Camus, wie im Erleben der Schönheit eine Dimension des Heiligen berührt wird. Für ihn ist dies kein Rückfall in romantische Gefühle, sondern eine moderne Weltsicht, die den Menschen aus der Verkapselung in Individualismus und Egoismus befreien kann. Diese sinnstiftende Gabe der Natur kann nur wahrnehmen, wer sich der Welt geradezu andächtig zuwendet und die Natur nicht dem technischen Zugriff unterwirft. In der Profitgier entstehen nur verwüstete Landschaften. In seinem Buch „Licht und Schatten“ schreibt er – beinahe mystisch bewegt – von einem Besuch in Palma de Mallorca:

3. SPR.:
Wenn ich dort in den Höfen voller grüner Pflanzen und runder grauer Säulen stehen blieb, verschmolz ich mit diesem Geruch des Schweigens. Ich verlor meine Grenzen und war nichts anderes mehr als der Klang meiner Schritte oder jener Vogelschwarm, dessen Schatten ich in der Höhe auf den sonnigen Mauern wahrnahm. Im Schweigen dort fand ich eine neue und doch vertraute Köstlichkeit.

2.SPR.:
Dabei weiß Camus durchaus, dass die Natur doppeldeutig erlebt wird. Die Sonne schenkt zwar Leben; sie kann aber auch mit ihrer unbezähmbaren Kraft vieles vernichten. Nur mit Klugheit und Maß kann sich der Mensch der Natur aussetzen. Dann aber wird er reich beschenkt, gelegentlich sogar in Großstädten, die eigentlich keinen Raum bieten für erhebende Natur – Erfahrungen. In dem von ihm als abweisend und hässlich erlebten Prag wurde Camus eine besondere Erfahrung geschenkt:

3. SPR.:
In einem Barockkloster am Rande der Stadt, ließen die Lieblichkeiten des Augenblicks, der gemächliche, helle Ton der Glocken, die vom Turm auffliegenden Tauben und auch ein Duft von Kräutern ein tränenerfülltes Schweigen in mir entstehen. Es brachte mich der Erlösung auf Haaresbreite nahe.

1.SPR.:
Erlösung erwartet Camus nicht in religiösen Zeremonien der Kirchen. Nur inmitten des Lebens, in einem geschenkten Augenblick der Stille gelingt es, eine Spur der Transzendenz zu sehen. In seinen „Carnets“, den „Tagebuch Notizen“, beschreibt er seine spirituelle Haltung:

3. SPR..
Das Wort Atheismus hat keinen Sinn für mich. Bei mir ist es so: Ich glaube zwar nicht an Gott, ich bin aber auch kein Atheist“.

2.SPR.:
Camus lebt – paradox – in gottloser Frömmigkeit, er kennt die Ahnung des Heiligen, er liebt das Erhabene in der Natur und weiß, dass da jedes Wort nur Fragment ist. Aber er erlebt, wie der Mensch in eine dauerhafte Gegenwart gestellt wird: Die Last der Vergangenheit wird dann ausgeblendet und die Aufgaben der Zukunft werden zurückgestellt. Nur die Gegenwart ist im Naturerleben „da“. Wer dies achtsam erlebt, wird in die Zeitdimension der langen Dauer gehoben, in einen gedehnten, sozusagen stehenden Augenblick. Der fließende Zeitstrom ist überwunden und die Ahnung wird geweckt, was Ewigkeit meinen könnte. Von der Schönheit der Natur unterstützt, wird dabei das Geheimnis allen Lebens berührt. Selbst noch der Mörder Mersault, der Protagonist in dem Roman „Der Fremde“, kann sich in seiner Zelle kurz vor seiner Hinrichtung durch den Anblick der Natur geborgen, wenn nicht gerettet fühlen.

3. SPR.:
Ich bin mit den Sternen über dem Gesicht wach geworden. Geräusche vom Lande stiegen zu mir herauf. Gerüche von Nacht, Erde und Salz erfrischten meine Schläfen. Der wunderbare Frieden dieses schlafenden Sommers drang in mich ein wie eine Flut.

1. SPR.:
Aber für Camus ist Spiritualität kein Selbstzweck. Immer geht es ihm darum, Widerstandsreserven zu wecken inmitten des Alltags. Auch der politische Kampf für die Rechte der Unterdrückten kann niemals auf eine geistvolle Lebensphilosophie verzichten. Wie sollte man denn sonst die vielen kleinen, die vielen frustrierenden Schritte hin zu einer Verbesserung der Welt überhaupt leisten können?

2.SPR.:
Wer die neue, die gerechtere Welt aufbauen will, muss immer auch Nein sagen zu den alten Verhältnissen. Diese Dialektik zwischen Ja und Nein ist entscheidend. Und Camus sieht darin eine Art Urkraft des menschlichen Geistes! In seinem Buch „Der Mensch in der Revolte“ hat er diesen Gedanken weiter entfaltet.

3. SPR.:
Der Revoltierende kämpft für eine Unversehrtheit seines Wesens Und die Bewegung der Revolte beruht auf der kategorischen Zurückweisung eines als unerträglich empfundenen Leidens.

1.SPR.:
Der Mensch muss rebellieren, einfach nur, weil er Mensch ist, das gehört zu seinem Wesen! Dabei ist die Rebellion oder die Revolte grundlegend verschieden von der Revolution. Diese lässt sich von brutaler Macht und tötender Gewalt leiten. Die Einheitspartei im Kommunismus wie im Faschismus maßt sich an, Hort der Wahrheit zu sein und deswegen Menschen auslöschen zu dürfen. Auch in der westlichen Welt, mit ihrer Lust am unbegrenzten Konsumieren und Vernichten der natürlichen Ressourcen, sieht Camus nichts als zerstörerischen Nihilismus, es ist die Ideologie: Alles auf dieser Erde ist letztlich wertlos und deswegen zu verbrauchen.

2. SPR.:
Nur der Rebell, also der „Mensch in der Revolte“, kann dem herrschenden Nihilismus Einhalt gebieten: Camus findet Bündnispartner, denn es gilt, eine breite Bewegung der Solidarität aufzubauen, mit kritischenGewerkschaften vor allem. Er sieht, wie sich rebellische Menschen unterstützen, wenn sie ein gemeinsames, humanes Projekt haben. Camus formuliert diese Einsicht in einer weithin bekannten Formel:

3. SPR.:
Ich empöre mich. Also sind wir!

1. SPR.:
Ein denkwürdiges und anspruchsvolles Wort: Das Lebens Motto von Camus! Denn wenn das Leben wesentlich Protest ist gegen Ungerechtigkeit und Rebellion gegen den Nihilismus, dann erlebt man Außergewöhnliches: Der einzelne weitet sich auf die anderen hin, es entstehen Verabredungen, es wächst Gemeinschaft. Camus betont:

3. SPR.:
In der Revolte zeigt sich eine Bejahung des Lebens; diese Zustimmung übersteigt den Einzelnen. Sie zieht ihn aus seiner Einsamkeit und gibt ihm einen Grund zum handeln. Der Revoltierende kämpft für eine Unversehrtheit seines Wesens. In der Revolte übersteigt sich der Mensch.

2.SPR.:
Auch wenn Camus immer wieder betont, nicht an den Gott der Christen und ihrer Kirchen zu glauben, so ist er alles andere als ein militanter Feind der Religionen. Er meint zwar, die Theologen wüssten zu viel von der göttlichen Wirklichkeit und dem Geheimnis des Lebens. Dennoch ist es für ihn wichtig, mit den Christen zu diskutieren. So folgte er gern einer Einladung der Dominikaner Mönche in Paris und er läuterte ihnen seine religionsphilosophische Haltung:

3. SPR.:
Ich möchte festhalten, dass ich mich nicht im Besitz irgendeiner absoluten Wahrheit fühle, aber auch niemals von dem Grundsatz ausgehen werde, die christliche Wahrheit sei eine Illusion. Vielmehr möchte ich Ihnen sagen, dass die Welt heute ein echtes Zwiegespräch nötig hat.

1.SPR.:
Camus ist überzeugt: Die Zeit ist gekommen, dass sich Ungläubige wie Gläubige vereinen in ihrer Rebellion gegen jegliche Verachtung menschlichen Lebens. Seine christlichen Freunde hat er mehrfach aufgefordert, über die eigenen Dogmen hinauszublicken zugunsten elementarer Lebenserfahrungen. In seinem Buch Licht und Schatten schreibt Camus:

3. SPR.:
Die Welt ist schön. Außerhalb dieser schönen Welt gibt es kein Heil und keine Rettung.

2.SPR.:
Aber der Mensch wird sterben, was kann dann über den Tod hinwegtrösten? 1957 notiert Camus :

3. SPR.:
Wenn ich einmal sterbe, dann wird dieser schöne Ort wie Tipasa am Mittelmeer noch weiter seine Fülle und Schönheit verbreiten. Darin finde ich meinen Trost. Wir entscheiden uns für die treue Erde, das kühne und nüchterne Denken, die klare Tat, die Großzügigkeit des wissenden Menschen. Im Lichte bleibt die Welt unsere erste und letzte Liebe.

1.SPR.:
Wenige Tage vor der Verleihung des Literatur – Nobelpreises im Dezember 1957 in Stockholm formulierte er noch einmal das, was ihn trägt:

3. SPR.:
Wie viele andere Menschen von heute bin ich des Mäkelns und der Bosheit, mit einem Wort, des Nihilismus müde. Was zu verurteilen ist, sollte verurteilt werden! Aber kurz und bündig. Was hingegen noch gelobt zu werden verdient, sollte ausführlich gelobt werden. Schließlich bin ich ja deswegen Künstler. Denn selbst das Werk, das verneint, bejaht doch noch indirekt etwas und ehrt auch so das armselige und herrliche Leben, unser Leben.

Literaturhinweis:
Unter den Werken Albert Camus verdient die neue Übersetzung von „Hochzeit des Lichts“ (übersetzt von Peter Gan und Monique Lang), erschienen im Arche Verlag, Hamburg – Zürich, 2013, besondere Beachtung, zumal im Blick auf das Thema Spiritualität.

„Ich zweifle, also bin ich“. Über die Skepsis

Ich zweifle, also bin ich
Prüfen und fragen. Wie wir Gewissheit finden
Von Christian Modehn
Veröffentlicht in der empfehlenswerten Zeitschrift PUBLIK FORUM am 27.9. 2013

Ein Gefühl breitet sich aus, es droht unsere Seele zu vergiften: Allzu oft fühlen wir uns betrogen und belogen. Politiker, als Vorbilder gerühmt, werden als korrupt enttarnt. Berühmte Demokraten sind nur selten Verteidiger der Menschenrechte. Religiöse Führer nennen sich spirituell, sind in Wahrheit aber an persönlicher Bereicherung interessiert. Was wir gutgläubig für Realität hielten, entlarvt sich als trügerische Kulisse. Gibt es keine Gewissheit mehr, keine Zuverlässigkeit und Wahrheit? Ist Sein nur Schein und Wirklichkeit nichts als Fälschung?

Wer diese Fragen stellt, befindet sich in guter Gesellschaft: Es sind die Philosophen, besonders die Skeptiker, die hier Auswege und Hilfen bieten: »Hätten Sie doch mehr gezweifelt und öfter deutlich nachgefragt, dann wären Sie der Wahrheit nähergekommen.« Gewissheit im Leben zu finden ist, philosophisch gesehen, eine Mühe, aber sie »lohnt« sich. Naturwissenschaftler sind längst mit der Einsicht vertraut, dass sie in der Forschung niemals endgültige Wahrheiten erlangen, nur fragend und zweifelnd kommen sie weiter. Sie wissen, dass »physikalische Theorien nur hypothetischen Charakter erreichen können«, so der Philosoph Karl Popper (1902-1994). Im Berufsalltag kann man sich ja damit abfinden, dauerhaft im Zweifel zu leben. Aber gilt das auch für unsere Existenz, für das geistige Leben, für die Frage nach dem Sinn meines Lebens?

Das gilt schon einmal zweifelsfrei: Ohne lebendiges Vertrauen in die Wirklichkeit können wir gar nicht leben. Aber dieses Vertrauen haben wir immer schon, es begleitet unser Dasein oft unbewusst. Wenn wir mit anderen sprechen, sind wir »wie von selbst« überzeugt, dass sie uns verstehen. An Verabredungen glauben wir einfach. Auf die Liebe unserer Partner vertrauen wir. Darin zeigt sich schon das Grundvertrauen. Geistiges Leben kann niemals darauf verzichten. Aber Grundvertrauen muss begründet werden, es ist etwas anderes als Gutgläubigkeit. Skeptische Philosophen machen den Vorschlag: »Schaut um euch, versucht, möglichst vieles wahrzunehmen und auf die Wahrheit hin zu prüfen.« Sie beziehen sich auf das griechische Wort skeptein. Es bedeutet: Um sich blicken, genau hinsehen, sich nicht alles einreden lassen, also Zweifeln lernen, nie aufhören mit konsequentem Fragen. »Und dieses Fragen ist Bewegung! Sich auf Dauer an Antworten zu klammern ist Stillstand. Wenn wir aber die Antworten als Aufforderung zu weiterem Fragen verstehen, dann sind wir wieder auf dem Weg, Neues zu entdecken und lebendig zu bleiben«, sagt Michael Braun. Er arbeitet als praktischer Philosoph in Berlin. »Menschliches Leben kann nur gelingen, wenn dem Fragen keine Grenzen gesetzt werden und zweifelnde Unruhe unseren Geist bestimmt.«
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Aber: Ständiges Fragen und Zweifeln als Lebenshaltung, kann das gut gehen? Wird da nicht zu viel Misstrauen gefördert? Fühlen wir uns angesichts der Fülle von Verlogenheit und Betrug nicht schnell am Rande der Verzweiflung? Skeptische Philosophen wollen den Einzelnen nicht überfordern. Sie wissen genau, wie wenig wir in unserem kurzen Leben wirklich sicher wissen können. Darum gilt der moderne skeptische Vorschlag: »Suche dir in deinem Alltag die Bereiche aus, die dich leidenschaftlich interessieren, wo du die Kraft hast, genau hinzusehen und zu prüfen, etwa Gesundheit, Ernährung, Friedenspolitik, je nachdem. Überlasse andere Bereiche den anderen, aber tauscht euch darüber aus.«

Die Philosophen bleiben dabei: Skepsis und Zweifel können zu einer tragenden Gewissheit im Leben führen. Und die entdecken wir nur, wenn wir den Mut finden, immer wieder am Zweifel selbst zu zweifeln. Die Formulierung befremdet vielleicht. Es kommt darauf an, unseren Zweifel, unsere Skepsis selbst zum Thema zu machen. Hannah Arendt (1906-1975), die Philosophin und Politologin, plädiert dafür. Sie folgt dem Lehrmeister der modernen Skepsis, dem Franzosen René Descartes (1596-1650), wenn sie schreibt: »Wenn alles zweifelhaft geworden ist, so bleibt doch das Zweifeln selbst in uns unbezweifelbar wirklich.« Diese Einsicht ist entscheidend: Ich muss gleichsam nachdenkend mein Zweifeln noch einmal anschauen. In dieser Bezogenheit, Reflexion genannt, entdecke ich eine neue tragende Gewissheit: Sosehr ich auch weiterhin an einzelnen Tatsachen und Behauptungen, an Thesen und Programmen zweifeln muss: Im Zweifel selbst beziehe ich mich auf meinen Geist. Er ist das Bleibende, sozusagen das »Medium«, in dem sich alles Leben bewegt. Aber mein Geist ist nichts Individuelles oder für mich Exklusives. Mein Geist hat Teil am allgemeinen Geist, dem »universalen Geist« der Menschheit, wie die antiken Philosophen der Stoa zum Beispiel sagten.

Die Konsequenzen dieser Einsicht sind erheblich: Mein kritischer Geist, meine Vernunft, bleibt mir, selbst wenn alle Lehren und Meinungen, die ich irrtümlich für Wahrheit hielt, sich als Schein enthüllen. Unser Geist bleibt uns dann wie ein »tragendes Netz« erhalten, wie eine sichere Basis in unserem Menschsein. Darum betont Hannah Arendt: Der populäre Spruch von Descartes »Ich denke, also bin ich« ist noch gar nicht der Weisheit letzter Schluss. Denn Descartes schreibt viel provozierender: »Ich zweifle, also bin ich! Das heißt: Sie, die da zweifeln, Sie sind es selbst, die da zweifeln. Dabei spüren Sie: Ich lebe. Das ist so wahr, dass Sie daran nicht zweifeln können.«

Das geistvolle Leben erschließt sich über das Zweifeln oder die Skepsis. Sie bringen unserem Leben Transparenz und Klarheit, vielleicht auch eine Unerschütterlichkeit und Ruhe. Darin sahen schon die ersten Skeptiker das Ziel ihres Zweifels, wie Pyrrhon von Elis (360-270 vor Christus). Wer aber die Skepsis heute – im Sinne Descartes’ – einübt, kann auch seine eigene Spiritualität und seinen Glauben neu erleben. So kann sogar der Mönch und Wüstenbewohner Evagrius Ponticus aus dem 4. Jahrhundert ein Bundesgenosse werden, wenn er betont: »Sei ein Türhüter deines Herzens und lass keine Gedanken ohne eigene Befragung herein.« Und der Apostel Paulus schärfte seiner Gemeinde in Thessaloniki ein: »Prüfet alles, das Gute behaltet.« Tomas Halik, katholischer Theologe in Prag und viel beachteter Autor, entspricht dieser Haltung: »Mein Glaube ist immer ein Weg. Und ich versuche, immer tiefer und tiefer zu gehen. Das Christentum ist keine billige Sicherheitslehre. Das ist eine Herausforderung, mit dem Geheimnis zu leben, das ist nicht leicht. Und auch durch die Krisen und Nächte der Unsicherheit zu gehen.«

Christen sollten also immer wieder neu prüfen, ob sie tatsächlich den Unendlichen und Ewigen meinen, wenn sie von ihrem »lieben Gott-Vater« sprechen. Nur im konsequenten Fragen erkennen sie ihre begrenzten frommen Vorstellungen oder bloß erbaulichen Bilder von Gott, die sie im Laufe des Lebens wie eine Selbstverständlichkeit herausgebildet haben. Der evangelische Theologe und Psychotherapeut Günter Funke aus Berlin betont: »Halte nicht zu sehr an deinen Vorstellungen fest. Viele Menschen haben sehr viel Lebendigkeit ihren Vorstellungen geopfert. Wenn ich irgendwo beginne, Lebendiges für Vorstellungen zu opfern und wichtig zu nehmen, dann werden die Vorstellungen damit überhöht, sie bekommen einen Stellenwert, den die biblische Tradition Götzen nennt.«

Im konsequenten Fragen und Zweifeln werden »Götzenbilder« gestürzt, im kritischen Zweifel kann »der liebe Gott« nicht länger der »himmlische Garant« aller meiner Wünsche bleiben. Wenn der Zweifel mich von allzu schlichten religiösen Vorstellungen befreit, dann ist das – religiös gesehen – eine Tat des Geistes. Einige Theologen nennen den Heiligen Geist deswegen auch einen skeptischen Heiligen Geist. Der katholische Theologe Paul Michael Zulehner aus Wien betont: »Die Dogmen sind im Grund genommen wie die Laternen, die uns auf dem Weg durch die dunkle Nacht leuchten, und nur Betrunkene halten sich daran fest. Für mich gilt auch: Glauben lernen heißt Fragen lernen. Ich hab einmal gesagt: Wenn ich Zeit habe, schreibe ich einen Katechismus, der nur aus Fragen besteht. Wir müssen wieder lernen, die richtigen Fragen zu stellen. Aber das geht nur, wenn der Mensch radikal frei ist, also im Zustand des Risikos lebt. Und das ist der Akt des Zweifels.«
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Dabei ist die kritische Theologie hilfreich. Sie befreit vom wortwörtlichen Verstehen der Bibel und deutet die Wunder Jesu als heilsame seelische Erfahrungen; sie lehrt, was die Jungfrauengeburt bedeutet oder die Himmelfahrt Jesu. Jens Schröter, Professor für Neues Testament an der Humboldt-Universität in Berlin, betont: »Es ist fundamental für jede religiöse Überzeugung, dass sie ihre Grundlagen auf den Prüfstand stellt, um eine wirklich fundierte intellektuell und ethisch überzeugende Position zu gewinnen. Deshalb stellt die akademische Theologie immer wieder die entscheidenden Fragen, wie der christliche Glaube sich in einer bestimmten Zeit so äußern kann, dass er überzeugend ist. Deswegen kommt der Frage und der Skepsis in der Theologie eine ganz grundlegende Funktion zu.«

Ein religiöser Mensch, der über den Zweifel am Zweifel seine tragende Gewissheit gefunden hat, wird dann theologischen »Neuentdeckungen« unbefangen begegnen. Er weiß: Auch im wissenschaftlichen Fragen äußert sich der Heilige Geist. Und der ist skeptisch.

copyright: Religionsphilosophischer-salon.de Christian Modehn

Diderot Museum wird eingeweiht: Die Stadt Langres feiert die Aufklärungsphilosophie

Diderot Museum wird am 6. Oktober 2013 eingeweiht
Langres feiert die Aufklärungsphilosophie
Von Christian Modehn

Endlich wird ein bedeutendes „philosophisches Museum“ in Frankreich eröffnet. Am 6. Oktober 2013 ist es so weit: Als ein Geschenk zum 300. Geburtstag des Philosophen Denis Diderot wird in Langres, der hübschen kleinen Stadt in der Region „Champagne – Ardenne“, das Diderot Museum eingeweiht: In Langres wurde der Philosoph und Autor am 5. Oktober 1713 geboren, dort hat er seine Jugendzeit verbracht und später von Paris aus häufig diese Stadt besucht, In Paris ist er, wenige Jahre vor der Revolution, am 31. Juli 1784 gestorben.
Das neue Museum in Langres ist in einem repräsentativen Gebäude aus dem 18. Jahrhundert untergebracht. Es hat den offiziellen Titel „Maison des Lumières Denis Diderot“: Damit wird von vornherein Diderot in die Zeit der Aufklärung hineingestellt. Er ist – zusammen mit d Alembert – als Herausgeber der berühmten „Enzyklopädie“ einer der großen anregenden Denker in der vielfältig orientierten Aufklärung. Für die „Enzyklopädie“ hat er ca. 3.500 Artikel verfasst, allerdings ohne Namensnennung. Nach seiner Verhaftung durch das autoritäre Regime 1749 hatte er sich verpflichten müssen, kein philosophisches Werk zu veröffentlichen. In seinen „Philosophischen Gedanken“ hatte Diderot noch 1746 geschrieben: „Gegenüber dem barbarischen Glaubenseifer bin ich für eine Religion, die die Menschen als vernünftige Wesen behandelt und ihnen nicht zumutet, etwas zu glauben, das über ihre Vernunft geht und dieser nicht gemäß ist“.
In dem „Philosophen – Salon“ (rund um Baron Holbach) in der Rue des Moulins in Paris trafen sich viele maßgebliche Denker der Zeit, darunter auch – vorübergehend – J. J. Rousseau. Hegel fand bei Diderot wesentliche Anregungen, etwa zum Thema Herrschaft und Knechtschaft und zur Erfahrung des entfremdeten, „zerrissenen Bewußtseins“. Er hat erkannt, dass im Denken Diderots die Revolution vor – gedacht und vor- bereitet wurde in der Ausarbeitung einer rebellischen Mentalität. Diderot ist zudem als Schriftsteller auch Autor zahlreicher Theaterstücke; Dialoge, Träume, durchaus auch „Unterhaltung“, all das gehört auch zum geradezu „bunten“ Werk Diderots. Er hat einen weiten Wirkungskreis, bis hin zu Katharina II. in Rußland; nach Preußen zu Friedrich II. hat er dann doch nicht reisen wollen, weil er selbst einem „aufgeklärten Absolutismus“ nicht vertrauen konnte.
Diderot hat seine Kindheit in Langres verbracht, die Stadt bietet zahlreiche entsprechende Erkundungen und Spaziergänge. Das neuen Museum wird zu aktuellen Fragen inspirieren: Was bedeute Aufklärung damals, was verdanken wir heute immer noch der Aufklärung, wie kann man mit den immer noch heftigen Gegnern der Aufklärung heute umgehen? Welchen Einfluss haben Diderot und die Aufklärungsphilosophie auf die Französische Revolution und die Formulierung der Menschenrechte?
Religionsphilosophisch ist Diderots Werk nach wie vor anregend; er versuchte, die Wirklichkeit Gottes (des Göttlichen) für den Verstand zu „retten“ angesichts der radikalen materialistischen Kritik und der Problematik, die mit der historischen Bindung des Christentums an begrenzte historische Quellen gegeben ist. „Zu seinen Lebzeiten hat Diderot keinen antireligiösen Einfluss ausgeübt, außer durch die Enzykopädie…“ schreibt der Philosph Y.Beleval. Diderot kämpft gegen die kirchliche Obrigkeit, gegen den damals so selbstverständlichen Aberglauben im Volk, von seinem mutigen Protest gegen den Feudalismus einmal abgesehen. Wie nicht anders zu erwarten, wurde die Enzyklopädie von Papst Clemens VII. 1759 auf die Liste der verbotenen Bücher, den Index, gesetzt. Erst nach Diderots Tod wurden seine Romane „Rameaus Neffe“ und „Jacob, der Fatalist“, veröffentlicht.

Das Bürgermeisteramt von Langres fordert alle Interessierten auf, sich für weitere Fragen zu wenden an:
Mairie de Langres – Projet Diderot 2013
Place de l’Hôtel de Ville – BP 12, 52200 Langres. Tél. : 03 25 87 77 77.

Das Diderot Museum hat eine eigene website, klicken Sie hier.

Der Religionsphilosophische Salon Berlin ist mit der Salon Kultur der Aufklärung verbunden, weil damals Philosophieren inmitten des Alltags, außerhalb der akademischen Institutionen stattfinden musste. Wir haben in unserem Salon mehrfach über Diderot gesprochen, zu zwei Beiträgen über „Die Nonne“ und sein „revolutionäres Philosophieren“ klicken Sie hier und noch mal hier.

Der Suhrkamp Verlag hat 2013 Diderots „Philosophische Schriften“ veröffentlicht, herausgegeben von Alexander Becker.
Auch „Diderots Enzyklopädie“ liegt jetzt in „Die andere Bibliothek“, Berlin 2013, vor.

Nebenbei:
Einer der wenigen katholischen Bischöfe, die den Geist der philosophischen Aufklärung nicht verachten und die Kritik an Gesellschaft und Kirchenverfassung offen und radikal aussprechen, ist Bischof Jacques Gaillot: Er wurde 1935 in St. Dizier geboren, einer kleinen Stadt, eine gute Stunde (im Auto) von Langres entfernt.
Er wurde im Jahr 1961 in Langres zum Priester geweiht, später wurde er sogar „Generalvikar“ in dem Bistum, also der zweite Mann nach dem dortigen Bischof. Dort hat er die Laien ausbilden und fördern wollen, eine „ecole des ministères“ sollte Laien befähigen, Verantwortung in den Gemeinden zu übernehmen. Dies war die erste Einrichtung dieser Art in Frankreich überhaupt.
Gaillot wurde 1982 zum Bischof von Evreux (Normandie) ernannt, dann aber von Papst Johannes Paul II. 1994 bestraft und abgesetzt, wegen allzu aufklärerischer Forderungen in Kirche und Gesellschaft. Im Gedenkjahr an die Revolution, also 1989, war Bischof Gaillot der einzige katholische Bischof, der an der feierlichen Beisetzung (Umbettung) des republikanischen Abbé Gregoire im Panthéon von Paris teilnahm. Abbé Grégoire wollte eine demokratisch verfasste Kirche inmitten der revolutionären Umbrüche von 1789 und später einrichten, er ist dabei – natugemäß im katholischen System – gescheitert.
Jedenfalls, so meinen wir, kann sich Langres über Diderot und Gaillot, zwei – unterschiedliche – bedeutende aufklärerische Geister, freuen.

copyright: Christian Modehn

Wer sind die Gotteslästerer? Zu einer Stellungnahme des Moskauer Patriarchats.

Wer sind die Gotteslästerer? Zu einer Stellungnahme des Moskauer Patriarchats
Von Christian Modehn für den Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin

„Wenn Gott einen Menschen bestraft, dann ist dieser nicht zu beneiden, er verliert seine Gesundheit und manchmal das Leben“. Mit diesen Worten kommentiert der Sprecher der Russisch – Orthodoxen Kirche in Moskau einen Brief der Künstlerinnen der Gruppe Pussy Riot aus dem Straf – Lager des Putin Regimes. (Unter anderem dokumentiert in: Die ZEIT, Ausgabe vom 2. Okt. 2012, Seite 45).
Zur Erinnerung: Die jungen Musikerinnen von Pussy Riot hatten es gewagt, in der Moskauer „Christ – Erlöser – Kathedrale“ lautstark Religionskritik zu üben. Sie hatten ein Bittgebet vorgetragen und gesungen: „Jungfrau Mutter Gottes, vertreibe Putin“. Und weil sie wussten, wer das Regime in jeder Hinsicht ideologisch – religiös unterstützt, hatten sie hinzugefügt: „Der orthodoxe Patriarch glaubt an Putin, besser sollte der Schweinehund an Gott glauben“. Die Worte sind drastisch, aber nicht falsch. Jeder aufgeklärte Beobachter weiß, dass das Moskauer Patriarchat der orthodoxen Kirche vor allem an Macht und Geld und Einfluss interessiert ist. Auch der Religionsphilosophische Salon hat diese neue Form der Staatshörigkeit, d.h. Regimetreue, einer Kirche dokumentiert, klicken Sie hier.
Nun also befinden sich die Mitglieder der Pussy Riot für 2 Jahre im Straflager. Nadeschda Tolokonnikowa hat in einem Brief jetzt die Lagerbedingungen beschrieben: 16 Stunden werden sie zur Arbeit gezwungen, sie nähen bezeichnenderweise Militäruniformen, die Ernährung sei sehr miserabel; Schläge und Isolationshaft seien normal. Der „Archipel Gulag“ lebt also. Auch unter Putin, dem Demokraten, wie Gerhard Schröder sagt. Und die sich orthodox, also christlich – rechtgläubig nennende Kirche, applaudiert und findet es normal, wenn diese kritischen Künstler Gesundheit und leben verlieren. Schließlich, so meinen diese Ideologen, hätten sie ja Gott beleidigt.
Die philosophische und theologische Frage ist: Lässt sich Gott beleidigen? Oder ist jede so genannte Blasphemie nicht immer zuerst Religionskritik, also Kritik an sich religiös nennenden Institutionen? Und sind die wahren Gotteslästerer nicht jene Popen und Bischöfe, die den Frauen förmlich den Tod wünschen? Haben diese Herren jede Menschlichkeit verloren? Jeder halbwegs gebildete Mensch weiß, dass der Gott der Christen das Leben der Menschen, aller Menschen, will und nicht deren Tod. Das haben die ideologisch verblendeten Popen und Metropoliten in Moskau vergessen. Sie sind nichts als hörige Putin – Beamte geworden.
Die Frage ist: Wie kann man den Künstlerinnen helfen? Wie kann man von außen das Putin Regime kritisieren? Was hat Herr Gerhard Schröder SPD dazu zu sagen?
Dabei denken wir auch an die Verfolgung homosexueller Menschen in Russland, eine Verfolgung, die immer unterstützt wird von einer sich christlich nennenden „orthodoxen“ Kirche.
Die entscheidende Frage hier aber ist: Wann wachen die so genannten ökumenischen Gremien hier in Westeuropa, auch im Weltrat der Kirchen in Genf, auf und ziehen die sich christlich nennende russische Kirche in ein kritisches Gespräch? Was sagen die Theologischen Fakultäten in Deutschland zu diesen Maßlosigkeiten einer sich christlich nennenden Kirche? Muss diese Kirche wirklich noch Mitglied ökumenischer Vereinigungen hier in Europa sein?
In jedem Fall sorgt wohl diese Kirche von Moskau dafür, dass sich nachdenkliche und kritische Menschen von selbst von ihr abwenden. Wenn in 10 Jahren –vielleicht – das Putin Regime überwunden sein könnte, wird auch die Kirche dort erbärmlich dastehen, trotz aller prunkvoll restaurierter Kathedralen und machtvoller Bischofspaläste. Religionskritiker im Geiste Diderots (am 5. Okt. denken wir an seinen 300. Geburtstag) fänden diesen selbstverschuldeten Niedergang dieser Ideologen nicht einmal schlimm.
copyright: Christian Modehn

Welttag der Philosophie: Atheisten und Christen: Was sie voneinander lernen können. Eine Veranstaltung der Urania

Eine Veranstaltung zum Welttag der Philosophie:
Das Thema: Atheisten und Christen, was sie voneinander lernen können.
An der Urania 17. Nahe U Bhf Wittenbergplatz oder Nollendorf Pl.

URANIA – LOFT, am Donnerstag, 21.11.2013 um 19.30 Uhr.
Atheisten und Christen: Was sie voneinander lernen können

In Zusammenarbeit mit dem Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin

Prof. Dr. Michael Bongardt, Vizepräsident der FU Berlin, Institut für vergleichende Ethik, FU Berlin
Prof. Dr. Lutz von Werder, Publizist und Philosoph, Berlin
Dr. Ingolf Ebel, Fachbereichsleiter Philosophie, Urania Berlin, war eigentlich als Moderator, also als Vermittler von kurzen und präzisen Fragen, vorgesehen…

Unwandelbare Überzeugungen sind zumeist wenig inspirierend. Dies gilt besonders auch für die Philosophie und für die Religionen, gilt für Atheisten und Gläubige. Wer meint, definitiv „die“ Wahrheit gefunden zu haben, wird blind für neue Entwicklungen und neigt zu Starre und Intoleranz. Anhand von Fragen wie: „Warum kann sich ein Christ nicht auf die Fragwürdigkeit klassischer Gottesbilder einlassen?“ oder „Warum kann nicht ein Atheist über die Erfahrung religiöser Musik und Kunst ein Gespür für Transzendenz entwickeln?“ soll diskutiert werden, ob aus dem bisherigen Gegeneinander oder schlichtem Ignorieren ein Miteinander werden könnte – in Gleichberechtigung und ohne jede „missionarische“ Absicht. Die Veranstaltung will anregen, einen eigenen Weg der Lebensphilosophie oder der eigenen Spiritualität zu suchen.

Eintritt: 8,00 €, ermäßigt: 7,00 €, Urania-Mitglieder: 5,00 €
Das LOFT der Urania ist über den Haupteingang zu erreichen.

Einen grundlegenden Beitrag von Christian Modehn zu dem Thema finden Sie auf dieser website, klicken Sie hier. Der Beitrag wurde am 24. 11. 2013 publiziert.

Zu weiteren Informationen zum Welttag der Philosophie 2013: Klicken Sie die UNESCO Seite bitte HIER an.

Wir empfehlen das Magazin Philosophie, das auch auf unsere Veranstaltung in der URANIA am 21. 11. 2013 hinweist. Zu weiteren Informationen über diese Zeitschrift klicken Sie hier.

Der nächste Salon am 4. Dezember 2013 wird sich noch einmal in kleinerem Rahmen mit dem Thema befassen unter dem – hoffentlich – provozierenden, Neues denkenden Thema „Der atheistische Christ – der religiöse Atheist“. Für weitere Informationen klicken Sie bitte hier.

Ein pädophiler Nuntius in der Dominikanischen Republik… und das Konkordat

Ein pädophiler Nuntius und das Konkordat
Zur jüngsten Entwicklung in der Dominikanischen Republik

Bitte beachten Sie am Ende dieses Beitrags einen weiteren Beitrag von Matthias Katsch, vom „Eckigen Tisch“ vom 12. 9. 2013.

Der (vorläufigen) Vollständigkeit wegen, publiziert am 27.9. 2014: Der pädophile EX – Nuntius Josef Wesolowski ist am 24. 9. 2014 im Vatikan verhaftet worden. Er hatte sich nach Weiterlesen ⇘