Ein pädophiler Nuntius in der Dominikanischen Republik… und das Konkordat

8. Sep 2013 | von | Themenbereich: Dominikanische Republik, Forschungsprojekte, Religionskritik

Ein pädophiler Nuntius und das Konkordat
Zur jüngsten Entwicklung in der Dominikanischen Republik

Bitte beachten Sie am Ende dieses Beitrags einen weiteren Beitrag von Matthias Katsch, vom „Eckigen Tisch“ vom 12. 9. 2013.

Der (vorläufigen) Vollständigkeit wegen, publiziert am 27.9. 2014: Der pädophile EX – Nuntius Josef Wesolowski ist am 24. 9. 2014 im Vatikan verhaftet worden. Er hatte sich nach Bekanntwerden seiner pädophilen Aktivitäten, die wir weiter unten schon vor einem Jahr dokumentierten, in den Vatikan zurückgezogen und dort versteckt. Erst Ende Juni 2014 (!) kümmerte sich die vatikanische Justiz um ihren führenden klerikalen EX – Diplomaten (mit Vatikanischem Pass) und versetzte ihn in den Laienstand. Weil Herr Wesolowski, nun als Laie, sich bei Spaziergängen in Rom umsah und dort von der Presse beachtet wurde, kümmerte sich die vatikanische Justiz doch etwas stärker um ihn: So wurde er wegen Fluchtgefahr am 24. 9. 2014 verhaftet, aber nicht ins Gefängnis gesteckt, sondern „wegen Krankheit“ bloß unter Hausarrest gestellt. Viele tausend pädopornographische Filme wurden auf seinem Laptop imzwischen gefunden, berichtet „Der Tagesspiegel“ am 27.9.2014. Spazierengehen in Rom und Filmegucken geht also nicht mehr im Vatikanischen Justizpalast. Der Vatikan hat die Auslieferungsgesuche der Dominikanischen Republik sowie des Heimatlandes Polen zurückgewiesen. Beobachter haben den Eindruck, dass Papst Franziskus sich persönlich darum kümmerte, dass der Herr Diplomat Wesolowski wenigstens unter Hausarrest gestellt wird.
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Aktuelle Ergänzung am 13. 9. 2013:
Die Zeitung El Nuevo Diario, Santo Domingo, meldet am 12.9.2013:
Wir nennen nur kurz die neuen Fakten:
– Der Nuntius Wesolowski soll nach neuesten Untersuchungen 7 männliche Kinder und Jugendliche mißbraucht haben. Jetzt melden sich auch die Eltern beim Staatsanwalt.Die Jungen wurden von der Staatsanwältin Yeni Berenice Reinoso in ihrem Büro befragt.
– Er hat die Jungen selbst (ohne weitere Begleitung) in der (touristischen) Altstadt kennengelernt und dann in das wenige Kilometer entfernte „Boca Chica“ gefahren. Diese Gebiet hat insgesamt nicht den besten Ruf als touristischer Ort, um es einmal sehr milde auszudrücken.
– Der abgesetzte Nuntius soll sich seit dem 4. August 2013 bereits im Vatikan befinden. Der Kardinal von Santo Domingo, Lopez Rodriguez, soll ihn im Vatikan schon im Juli angezeigt haben, so auch die Tageszeitung Listin Diario, St. Domingo.
– Vatikan Sprecher Pater Lombardi SJ hat bestätigt, dass sich die zuständige Glaubenskongregation des „Falls“ annimmt. Er bestätigte weiter, dass auch die Gerichte der Dominikanischen Republik einbezogen werden sollen…
– Auch der dominikanische Botschafter beim Vatikan, Victor Manuel Grimaldi Céspedes, wurde vom Staatssekretarit (Msgr. Becciu) informiert.
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Der zeitlich früheste Beitrag, der das Ereignis um den Nuntius auch breiter in die Kirchenpolitik der Dominikanischen Republik plazierte, vom 8.9.2013:
Die Leser der Beiträge unseres Religionsphilosophischen Salons wissen, dass im Rahmen des Forschungsprojektes „Religionskritik“ wir auch die Entwicklung in Lateinamerika, vor allem in der Dominikanischen Republik, beobachten und studieren. Dazu liegen bekanntlich auf dieser website mehrere Beiträge vor.

Nun hat der Päpstliche Nuntius in der Dominikanischen Republik, der aus Polen stammende Erzbischof Josef Wesolowski, am 21. August 2013 seinen hohen Posten (auch als Doyen des Diplomatischen Corps) verloren; er hat plötzlich das Land verlassen, über den neuen Aufenthaltsort (Vatikan, Rom ?) wird bisher (am 8.9.2013) nur spekuliert.

An dem Ereignis sind mehrere Fakten interessant:

1.Bisher wurde von Nuntius Josef Wesolowski immer als einem „mutmaßlichen“ pädophilen Täter gesprochen. Jetzt berichtet „El Nuevo Diario“ am 7. 9. 2013, dass im Fernsehprogramm „Color Vision“ in Santo Domingo die Journalistin Nuria Piera einen 13 jährigen Jungen aus dem Stadtteil Montesinos interviewt hat. Die Staatsanwältin Yeni Berenice Reynoso habe die Journalistin begleitet. Der Junge hat offen berichtet, wie der Nuntius ihn – aber auch andere Jungen – in den bekannten Badeort „Boca Chica“ (nahe der Hauptstadt Santo Domingo) in ein Haus gebracht hat. Dort hat der Junge 500 dominikanische Pesos erhalten, das sind umgerechnet 9 Euro (in Worten: neun). Der Knabe musste vor dem Nuntius masturbieren und dieser filmte das Geschehen auf seinem Handy. Auf die Frage der Journalistin, ob sich denn die Eltern nicht über die Geldzuwendungen gewundert hätten, sagte der Junge: Er arbeite in der Touristenzone als Schuhputzer (! sic), das Masturbieren hätte er aus ökonomischen Gründen gemacht. Mehrmals habe der Nuntius auch andere Knaben in dieses Haus in Boca Chica gefahren, um sie zum Masturbieren incl. Filme zu veranlassen. Inzwischen befindet sich der Junge aus dem Interview unter dem Schutz des Staatsanwaltes.

2.
Auch ein weiterer Priester aus Polen, Alberto Gil, hat offenbar Knaben in der Dominikanischen Republik missbraucht. Er befindet sich z.Z. in Polen und hat wohl keine Absichten zurückzukehren

3.
Der Präsident des „Evangelischen Kirchenrates“ in Santo Domingo, Pastor Fidel Lorenzo, hat inzwischen ein interessantes Detail über den Nuntius in der Tageszeitung El Caribe mitgeteilt. Der protestantische Pastor hat den Nuntius Anfang Juli 2013 gesprochen, man war in der US amerikanischen Botschaft von Santo Domingo zusammengekommen anlässlich der Feierlichkeiten zur Unabhängigkeit der USA am 4. Juli. Dort habe der Nuntius im Gespräch mit dem Pastor berichtet, wie äußerst nervös er sei, wenn in die Nuntiatur Briefe aus dem Vatikan eintreffen. Er habe große Angst, dass in einem dieser Briefe er aufgefordert werde, die Dominikanische Republik zu verlassen.

4.
Daran ist wichtig: Spätestens seit Juni 2013 wussten die päpstlichen Behörden in Rom von den pädophilen Attacken des Nuntius, Erzbischof Wesolowski. Offenbar versuchte der Vatikan in der alten bekannten Manier, das „Problem“ intern und ohne Öffentlichkeit zu lösen.

5.
Pastor Fidel Lorenzo, ein allseits geschätzter Theologe, wird nun wegen der Veröffentlichung der Gespräche mit dem Nuntius heftig von der klerikalen katholischen Macht in Santo Domingo angegriffen. Denn er hat auch darauf hingewiesen, dass der Staatsanwalt, der mit dem Fall des pädophilen Nuntius beauftragt ist, dem Opus Dei sehr nahe steht. Francisco Dominguez Brito, dieser Staatsanwalt, Opus Dei Freund und Erzkatholik, sei ungeeignet, so sagt der Pastor, unbefangen die Untaten zu untersuchen.

6. Das Konkordat auflösen
In der Dominikanischen Republik werden seit einigen Monaten immer deutlicher Forderungen laut, das Konkordat zwischen dem Heiligen Stuhl (Vatikan) und der Dominikanischen Republik zu kündigen Es wurde am 6. August 1954 wirksam unter dem Diktator Leonidas Trujillo, einem der widerwärtigsten und brutalsten Diktatoren Lateinamerikas überhaupt. Trujillo war ein Freund von Staatschef Franco (und der USA), er konnte Papst Pius XII. gewinnen, ihm gewogen zu sein, denn in dem Konkordat wurde die Kirche als Staatskirche anerkannt mit zahllosen finanziellen Privilegien anerkannt. Ausdrücklich heißt es Artikel III: „Der Dominikanische Staat erkennt an, dass die Kirche den Charakter einer perfekten Gesellschaft (societas perfecta) hat…“ Wie perfekt sie ist, sieht man auch jetzt… Dieses Konkordat mit dem Tyrannen besteht bis heute (Trujillo brauchte die römische Kirche als religiöse Stütze für den Ausbau seiner umfassenden Macht). Nun verlangen Gruppen von kritischen „Laizisten“ und auch Protestanten das Ende dieses Vertrages. Die dominikanischen Bischöfe haben dieses Ansinnen erwartungsgemäß zurückgewiesen. Aber die Forderungen nach einer Kündigung des Konkordates verstummen nicht, vor allem, weil nur unter Verzicht auf das Konkordat der pädophile Nuntius bestraft werden kann, sagt Pastor Fidel Lorenzo. Aber der Opus Dei Freund und zuständige Staatsanwalt hat bereits angekündigt, dass selbstverständlich im Falle von Wesolowski das angeblich gängige „Diplomatenrecht“ gelte, also: Nichts wird passieren. Wesolowski wird vielleicht alsbald in einem Archiv des Vatikans Papiere sortieren.

7. Peinlich für Papst Franziskus
Der pädophile Nuntius (und sein Helfer und Landsmann, Pater Alberto Gil) waren dem Papst Franziskus offenbar lange Zeit bekannt. Erst als die Presse den „Fall“ freilegte, begann man in Rom, zuzugeben, dass „da was wäre“. Der Kardinal von Santo Domingo, Erzbischof Nicolas de Jesus Lopez Rosdriguez, (77 Jahre alt und immer noch im Amt) hat schon im Juni 2013 eine „Eingabe“ in „Sachen Wesolowski“ in Rom gemacht. Der „Fall“ war also bekannt. Bisher ist ungeklärt, wie viele Minderjährige der Nuntius und sein priesterlicher Landsmann missbraucht hat. Für das ohnehin nicht gute Ansehen der katholischen Kirche in Santo Domingo – zumindest bei nachdenklichen Menschen- sind diese Freilegungen eine Katastrophe…

8. Peinlich für die Katholische Kirche in der Dominikanischen Republik.
Die Macht des Klerus (nicht alle Priester sind dort konservativ, es gibt etwa einzelne progressive, kritische Jesuiten und andere Ordensleute) ist im Lande sehr groß. Vor allem der Kardinal Nicolas de Jesus greift immer wieder in die Tagespolitik ein, manchmal durchaus vernünftig zu sozialen Fragen. Aber zusammen mit konservativen Parteien ist es den Bischöfen gelungen, dass im Land das rigideste Verbot von Abtreibungen besteht. Die Moralapostel, allen voran der Kardinal, haben auch immer wieder die Entwicklung einer homosexuellen Kultur attackiert, selbst schwule Bars wurden in Santo Domingo durch den Einfluss des Kardinals geschlossen; die AIDS Hilfe im Land verfügt kaum über die nötigen Gelder, vor dem Gebrauch von Kondomen wird von katholischer Seite immer wieder verboten, und das in einem Land mit einer sehr hohen Quote an HIVpositiven Menschen. Da nützt es wenig, wenn dann ein paar aufgeschlossene Nonnen (kranke) Ex – Prostituierte betreuen. Prävention und sexuelle Vernunft ist nicht Sache des Klerus dort.

9. Ein homosexueller Botschafter wird vom Kardinal beleidigt:
Wie tief reaktionär der Kardinal denkt und politisch unmittelbar mitbestimmen will (und auch kann, wie die Geschichte zeigt) wurde kürzlich deutlich, als die US-Regierung ihren neuen Botschafter in Santo Domingo präsentierte. Es handelt sich um James Brewster; der demokratische Diplomat hatte sich kürzlich als „Gay“ geoutet, er war einer engsten Mitarbeiter von Staatspräsident Obama.
Darauf erklärte Kardinal Lopez Rodriguez, dieser schwule Botschafter sei als schwuler Mann NICHT willkommen im Land. Man könnte das Rassismus nennen…..Und der Kardinalsfreund, Monsignore Pablo Cedano, sagte bei der Pressekonferenz sogar, der neue Botschafter Brewster werde bald spüren, dass er unerfreuliche Erfahrungen im Land machen werde…Dann werde wohl in die USA zurückkehren. Ob diese politischen Anmaßungen des oberen Klerus nun – nach den Erschütterungen durch den Nuntius – bescheidender werden, ist möglich.

10.
Die „Bewegung für eine laikale Kultur in der Dominikanischen Republik“ hatte nach der Kritk am Botschafter noch an den Nuntius geschrieben, doch diesen allzu sehr von Macht versessenen Kardinal bitte abzuberufen und in Pension zu schicken. Nun ist aber erst mal der Nuntius selbst entschwunden; er hat sich als Diplomat des Heiligen Stuhls den Richtern im Lande selbst – wohl definitiv – entzogen. Da sieht man einmal mehr, wie diplomatisch raffiniert es doch ist, dass Nuntien gleichzeitig Diplomaten UND Priester sind, sie wählen halt die Rolle, die gerade am besten passt und ihnen weiterhilft … etwa auch in Richtung Straflosigkeit. Der Vatikan als politische staatliche Macht UND gleichzeitig und als religiöses Zentrum: Diese in vieler Hinsicht problematische Melange erlebt man dieser Tage einmal mehr. Es sieht so aus, dass an diesem „Doppelgesicht“ der römischen Kirche wohl auch Papst Franziskus festhalten will (muss).

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Josef Wesolowski, geboren am 15. Juli 1948 in Nowy Targ, Polen, wurde 1972 vom damaligen Erzbischof von Krakau und späteren Papst Johannes Paul II., Karol Wojtyla, zum Priester geweiht. Seinen ersten Posten als Nuntius trat er in Bolivien an.
Nach mehreren Stationen in Zentralasien wurde er im Januar 2008 von Papst Benedikt XVI. in die Dominikanische Republik versetzt.

In jedem Fall hat selbst der Konservative Kardinal von Santo Domingo längst die Flucht nach vorn angetreten, indem er sich „über einen Sprecher“ (sic) „entschuldigend an die möglichen (!) Opfer und deren Familien gewendet hat“.

Copyright: Religionsphilosophischer Salon 2013.

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Der Beitrag von Matthias Katsch, mitgteilt am 12.9.2013:
Sehr geehrter Herr Modehn,
vielen Dank für die gute Zusammenfassung der bisher bekannten Fakten über diesen Fall, die wir gerne weitergeben.
Ein Hinweis sei mir gestattet: die Bezeichnung des Nuntius als „pädophil“ ist nicht nur eine Verkürzung und wahrscheinlich sachlich nicht richtig. Die wenigsten kirchlichen Missbrauchstäter sind im klinischen Sinne pädophil, also ausschließlich auf nicht geschlechtsreife Kinder fixiert.
Aber vor allem: bei den Tätern handelt es sich in den aller meisten Fällen um eigentlich hetero− oder homosexuell veranlagte Männer, die ihre unreife Sexualität als Machtspiel an Kindern und Jugendlichen ausagieren.
Dies ist wichtig, wenn wir über die organisatorischen Konsequenzen aus den fortdauernden Skandalen nachdenken: die Kirche braucht reife, gestandene Männer und Frauen als Seelsorger und keine verklemmten Scheinheiligen!
Interessant an dem Vorgang finde ich außerdem:
…, ein kleines Land, das im Ruf steht ein Paradies für kinderschändende Touristen aus aller Welt zu sein, wehrt sich. Das ist ungewöhnlich und wichtig. Ich werde die Hinweise an die Organisation ECPAT (www.ecpat.de) weitergeben, die sich u.a. mit Sex−Tourismus beschäftigt.
…, sowohl der abgetauchte Nuntius wie ein zuvor geflüchteter Priester (Wojciech Gil, alias Padre Alberto) stammen aus Polen. Es gibt Hinweise, dass die „Lawine“ der Aufklärung auch in Polen langsam in Gang kommt. Deshalb wäre es wichtig, diese Informationen auch dort hin gelangen zu lassen. Vielleicht haben Sie Kontakte dorthin.

Mit besten Grüßen Matthias Katsch

Copyright: Religionsphilosophischer Salon, Berlin.

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