Die Auferstehung Jesu von Nazareth verstehen

Ein Hinweis zu Karfreitag und Ostern von Christian Modehn

1. Diese Hinweise sind ein Vorschlag, selbstständig nachzudenken über eines der wichtigen Themen unseres Lebens: Sterben und Tod und dann…? Es wird auch hier ein Vorschlag gemacht, besonderer Art, die Oster-Texte des Neuens Testaments zu verstehen, also auch denkend und damit in einer gewissen Weise vernünftig zu deuten. Die Sprache hier ist nüchtern. Es gilt die Überzeugung: Auch die Klarheit der Worte, ohne Überschwang, kann spirituelle Wirkungen haben, sogar tröstend sein…Ohne klares Verstehen kein Verstehen des Daseins. Und wohl auch kein Trost, der währt!
2. Diese Hinweise sind wichtig in diesen Zeiten, in denen sich immer mehr Menschen von den Kirchen abwenden, sei es aus Frustration über den immer noch vorherrschenden Dogmatismus etwa in evangelikalen und katholischen Kreisen. Sei es, weil so viele Menschen, die sich irgendwie „noch“ als Christen verstehen, ohne anregende argumentierende Denk-Hilfe allein gelassen werden in ihrer Suche nach einer nachvollziehbaren, also vernünftigen Antwort auf die eben genannten „wichtigen Themen unseres Lebens, Sterben und Tod“…
3. Die Auferstehung Jesu von Nazareth ist zweifellos die zentrale, alles bestimmende Überzeugung der Christen. Von dieser Überzeugung leben sie ja, oder zumindest einige, die sich Christen nennen. Aber sie ist eine Überzeugung, die sich nur schwierig argumentativ erschließen lässt. Aber wer die grundlegende, aber vielleicht existenziell noch diffuse Überzeugung hat, als sterblicher Mensch von der Auferstehung Jesu betroffen zu sein, sollte sich auch in der Klarheit des Denkens, Sprechens und Bekennens ausdrücken. Wie sonst könnte die Auferstehung einen zentralen Platz in der Lebensgestaltung haben, die insgesamt wert darauf legt, auch nachvollziehbar für sich selbst und für andere, also mit Argumenten, „Rechenschaft“ von dieser Haltung zu geben. Kein mysteriöses Wundergerede also im Zusammenhang der Auferstehung! Sie lässt sich begründet aussprechen. Diese Erkenntnis „Gnosis“ zu nennen, ist das übliche Todschlagargument der so genannten „Orthodoxen“ aller Konfessionen.
4. Dabei ist angesichts der Bedeutung des Themas klar, dass sich viele verführen lassen, in Enthusiasmus oder im frommen Wahn, mysteriöse Auferstehungs-Erzählungen in vielen Formen im Anschluss an die Evangelien zu verbreiten: Etwa: Jesus sei leibhaftig aus dem Grab auferstanden. Sein Grab müsse leer gewesen sein. Er sei leibhaftig der Gemeinde erschienen. Oder er sei gar nicht gestorben, sondern nach der Kreuzigung noch irgendwohin geflüchtet… Der religiösen Phantasie sind bei dem Thema keine Grenzen gesetzt, zumal, wenn man die Auferstehungsberichte der Evangelisten in einem wörtlichen Sinne eben falsch deutet und oberflächlich diese Texte liest wie Informationen über ein historisches, greifbares Ereignis. Dabei sind die vielfachen und unterschiedlichen Erzählungen über den Auferstandenen in den vier Evangelien nur ausschmückende Bilder für eine Erfahrung und damit für eine neue Einsicht, die den Jüngern Jesu nach dessen Tod geschenkt wurde. Und diese aus der Einsicht folgende Überzeugung für eine christliche Lebenshaltung, die man auch Lebensphilosophie nennen könnte, wie es die ersten Christen taten, ist eigentlich sehr einfach:
5. Wer in aller Kürze den Inhalt der Überzeugung der Jünger Jesu wissen will: Dieser Jesus von Nazareth hatte in seinem Leben schon eine tiefe Verbundenheit mit dem, was er die göttliche Wirklichkeit nannte; er hatte Anteil an diesem göttlichen, ewigen Leben. Und die Auferstehung Jesu bedeutet: Diese innige Verbundenheit mit Gott führt ihn über den Tod hinaus in die ewige Gegenwart Gottes. Diese eine entscheidende Überzeugung lebt in der Gemeinde der Jünger. Sie meinen dann sagen zu können: Dieser Jesus lebt. Entscheidend ist auch: Sie entdecken dabei durch die Erinnerung an Jesus: Auch wir Menschen haben Anteil an dieser ewigen göttlichen Präsenz, die unser inneres geistiges, seelisches Wesen bestimmt. Diese Erkenntnis der Verbindung der Menschen mit dem Ewigen wird den Jüngern einige Zeit nach dem Tod Jesu geschenkt. Auferstehung bedeutet also: Das Ewige, Göttliche, im Menschen überwindet den Tod. Das war bei dem Menschen Jesus von Nazareth so, das ist so bei allen Menschen. Warum? Weil alle Menschen „Kinder Gottes“ sind. Der Gedanke an eine Schöpfung durch Gott ist also ganz zentral. Wenn dann von „leiblicher“ Auferstehung die Rede ist, dann nur um zu zeigen: Dieses Ewige, Göttliche, im Menschen, ist eine Art einmalige Prägung, so wie jedes menschliche Geschöpf auch eine einmalige Prägung hat.
6. Aber spätestens, als die Kirchen im 20. Jahrhundert nach langen theologischen Reifungsprozessen offiziell die Kremation erlaubten, wussten sie: Der irdische Leib dieses irdischen Menschen ist vergänglich, ist Staub. Lebendig bleibt das Ewige im Menschen, und dieses ist, wie der Geist und die Seele etwas Unsichtbares. Der Geist als Geist des Menschen, die Seele als Seele im Menschen, sind als solche unsichtbar, aber dennoch wirklich. Und deswegen verstehbar und in vernünftigen Worten sagbar.
7. Manchmal sind es Arbeiten von Künstlern, die an ein nachvollziehbares Verstehen der Auferstehung Jesu erinnern: Zur Zeit (vom 1.3. bis 30.6. 2019) wird in der „Gemäldegalerie der staatlichen Museen zu Berlin“ die Ausstellung der Renaissance-Künstler „Mantegna und Bellini“ gezeigt. Ich möchte auf ein vom Format her eher kleines, aber religionsphilosophisch und theologisch sehr wichtiges Bild von Andrea Mantegna (1431-1506) hinweisen; es hängt leider eher am Rande der Ausstellung, im Umfeld der Darstellungen vom Tod Marias, der Mutter Jesu. Die Frage ist für Mantegna: Wie wird die verstorbene Mutter Jesu Anteil haben an dem, was in christlicher Lehre allgemein „das ewige Leben“ genannt wird? Der italienische Meister Andrea Mantegna hat darauf eine ungewöhnliche Antwort: Er zeigt auf einem kleinen Gemälde auf Holz (aus dem Jahr 1461): Christus steht im Himmel, von Engeln umgeben, und hält in seinen Händen so etwas wie eine Art kleine Statue: Sie steht senkrecht, und zeigt eine kleine Gestalt, weiß gekleidet: Dies ist die sinnliche Anschaulichkeit der Seele Marias. Darum wählte Mantegna auch als Titel für seine Arbeit: „Christus mit der Seele Marias“: Mantegna will sagen: Die Seele Marias ist nach ihrem Tod im Himmel. Christus hält diese Seele eng bei sich. Die Seele der verstorbenen Maria lebt weiter: Dies ist die Auferstehungsbotschaft des Malers Andrea Mantegna. Warum hören spirituelle Menschen nicht so oft auf die spirituellen Einsichten der Künstler? Darin ist Mantegna als Künstler der Renaissance – zweifellos inspiriert von klassischen philosophischen Vorstellungen. Aber warum soll nicht ein lernbereites Gespräch zwischen griechischer Antike und Bibel auch im 15. Jahrhundert stattfinden?
8. Die Auferstehung wird also gedeutet als ewiges, „himmlisches“ Fortleben der individuellen Seele: Dies muss für dogmatische Kreise in der Kirche schon damals eher eine Provokation gewesen sein, wird doch bis heute immer wieder betont: Es gebe nach dem Tod ein ganzheitliches, auch leibliches Weiterleben: Darum ist auch die Vorstellung populär bis heute, es gebe ein himmlisches Wiedersehen der Verstorbenen im Himmel: Sie findet noch heute ihren Ausdruck in Todesanzeigen in katholischen Wochenblättern, etwa es wenn bei der Todesnachricht eines Katholiken in Berlin- Reinickendorf heißt: „Wir freuen uns auf ein Wiedersehen im Himmel“. Wird da die fromme Spekulation nicht übertrieben?
9. Bescheidener und nachvollziehbarer ist die Überzeugung von einer ewigen Seele, die den Tod überlebt. Mehr lässt sich wohl über das „nach dem Tode, danach…“ nicht sagen. Aber dieses wenige ist schon viel. Vorausgesetzt wird lediglich, dass die Welt und damit die Menschheit Ausdruck und „Werk“ einer unendlich schöpferischen Kraft sind, die man mit dem alten Symbol – Begriff Gott nannte und nennt. Gott wird in diesem Bild als eine eher personal zu deutende Urkraft gesehen, als Schöpfer des Himmels und der Erde. Alle Bilder, welche die schöpferische ewige Urkraft als Baumeister, Handwerker usw. deuten, sind zu banal, sie missachten den Grundsatz der Analogie in allem Reden vom Göttlichen. Wenn Gott als „Schöpfer der Welt“ handelt, dann muss jeder Anthropomorphismus vermieden werden. Dieses Thema kann hier nicht umfassend diskutiert werden, dass dabei selbstverständlich die Evolution eine entscheidende Rolle spielt, ist klar: Gott, wenn man so will, schafft eine in einer Evolution sich entfaltende Welt. Eine theologische Einsicht zur „Schöpfung der Welt“ ist darum der zentrale Mittelpunkt aller Auferstehungstheologie! „Das Bekenntnis zum Schöpferott stellt das Fundament aller weiteren Glaubensaussagen dar„, schreiben Karl Löning und Erich Zenger in ihrem Buch „Als Anfang schuf Gott“(Patmos Verlag, 1997, S. 13). Der katholische Theologe Leonardo Boff nennt den Gott, der die Welt als seine Schöpfung will, „die Urquelle, aus der alle Wesen stammen„. (in: Theologie in gefährdeter Welt, Münster, 2019, S. 47).
10. Es ist religionsphilosophisch wichtig, dass dieses Verstehen der Auferstehung Jesu als des Eintritts in die ewige göttliche Welt von dem Philosophen Hegel unterstützt wird. In den „Vorlesungen über die Philosophie der Religion“ (Band II dieser Vorlesungen in der Suhrkamp Werkausgabe 1969). Da heißt es auf Seite 291: “Gott erhält sich in diesem Prozess (des Sterbens Jesu). Und dieser Prozess ist nur der Tod des Todes. Gott steht wieder auf zum Leben: Es (das Sterben, der Tod) wendet sich somit zum Gegenteil“. Damit wehrt sich Hegel gegen eine auch in Kirchenliedern verbreitete Überzeugung, am Karfreitag sei „Gott selbst tot“. Dieses sie „der höchste Schmerz, dass alles Ewige, alles Wahre nicht ist“.
11. Aber darauf legt Hegel in der Deutung der Auferstehung Jesu Christi allen Nachdruck: „Der Verlauf bleibt aber hier nicht stehen, sondern es tritt eine Umkehrung ein, Gott erhält sich selbst in diesem Prozess…“Nebenbei: Die häufig geäußerte Meinung, Hegel sei mit dem Zitat „Gott selbst ist tot“ aus dem Kirchenlied „O Traurigkeit, o Herzeleid“ (von Johann Rist, 1607-1667) zu einer Art Verkünder des Todes Gottes geworden im Sinne einer nihilistischen Auslöschung des Gottesgedankens, der irrt. Hegel ist kein Nihilist! Sondern: Mit dem Tode des Gottmenschen Jesus Christus, so Hegel, wird zwar die göttliche Dimension des Gottmenschen Jesus Christus in den Tod zwar hineingezogen, aber das Göttliche übersteht den Tod, besiegt den Tod. In den Gemälden von Bellini und Mantegna wird zudem deutlich, wie Jesus Christus nach seinem Tod in die Vorhölle hinabsteigt und dort die Toten zum Leben erweckt. Der verstorbene Christus ist also aktiv, das Göttliche lebt weiter ihn.
12. Aber das ist nur die eine Seite: Denn durch die Auferstehung Jesu Christi wird den Menschen bewusst, dass sie alle (und nicht nur die Kirchenmitglieder die Getauften) „Kinder Gottes sind“: Und das ist die Erkenntnis: Wegen dieser universalen „Kindschaft Gottes“ in jedem Menschen ist die „Versöhnung an und für sich vollbracht“ (S. 318). Mit Versöhnung meint Hegel die Erlösung, die eben darin besteht, Gott nicht als etwas Fremdes, sondern als Teil der eigenen Seele und des eigenen Geistes zu begreifen. Nun muss der Mensch diese „an und für sich vollbrachte Versöhnung“ für sich selbst setzen und gestalten: Das heißt, er muss die versöhnte Welt fördern und befördern. Hegel meinte zu seiner Zeit um 1830, die wahre Versöhnung als Folge der Auferstehung realisiere sich „im Feld der Wirklichkeit“, d.h. in dem sittlichen und rechtlichen Staatsleben. (S. 332).
13. Man ist geneigt, angesichts dieser Überlegungen, die eine weitere Unterstützung etwa in der Mystik Meister Eckarts findet oder sogar in einigen Aspekten der Theologie Karl Rahners, zu sagen: Die Erkenntnis von der Auferstehung Jesu und der Auferstehung aller Menschen ist eigentlich etwas einfaches, wenn man sich denn der Überzeugung von der Schöpferkraft Gottes anschließt: Gott setzt die Welt sich gegenüber, sagt Hegel, aber diese Welt bleibt nicht außerhalb Gottes: Diese Welt und die Menschen sind selbständig, aber im Innern, in der Seele, im Geist, ist doch der Unendliche und Ewige anwesend. Damit wird ein neuer nachvollziehbarer Weg vorgeschlagen, die Auferstehung und damit den Tod zu verstehen: Wenn die Seele das Ewige im Menschen, dann ist der Tod, wie man früher treffend sagte, die Heimkehr der individuellen Seele in die göttlichen Wirklichkeit. Mehr lässt sich denkend und vernünftig nicht sagen.
14. Man könnte diese Überlegungen als spekulative Metaphysik abtun. Aber jeder Gedanke, der sich mit der Frage „Was ist mit dem Menschen nach seinem Tod ?“ befasst, ist immer spekulativ und metaphysisch. Selbst die Aussage: „Nach dem Tod alles aus, da könnt ihr meine Asche in die Mülltonne werfen,“ wie dies berühmte Modemacher Karl Lagerfeld einmal sagte, ist eben auch eine metaphysische Aussage; ob sie vernünftig ist, bleibt eine andere Frage.
15. Der Hauptvorwurf bei diesem „einfachen Verstehen der Auferstehung“ ist: Die hier entwickelten Gedanken seien völlig unpolitisch: Dabei ist klar: Diese hier entwickelte Lehre von der Auferstehung ist tatsächlich politisch, weil sie eindeutig den absoluten und bleibenden göttlichen Wert eines jeden Menschen deutlich hervorhebt. Diese Überzeugung ist politisch auch, weil sie die Erkenntnis des „Ewigen, des Göttlichen“ im Menschen gerade zum Handeln auffordert: Etwa einzutreten für die Unterdrückten, denen die Menschenwürde entzogen wird in Diktaturen. „Wer an die Auferstehung glaubt, ist außer Stande, zu einer Gesellschaft, die die Armen zum Tode verurteilt (also vor Hunger sterben lässt) Ja zu sagen“. Protest und Widerstand sind also die politische Haltung derer, die die Auferstehung Jesu von Nazareth verstehen. (Siehe den Befreiungstheologen Gustavo Gutierrez, „Aus der eigenen Quelle trinken. Spiritualität der Befreiung, 1986, S. 131).
16. Nur noch ein Hinweis zum Umgang der Kirchen mit dem schon genannten Lied „O Traurigkeit, o Herzeleid“.
Der ursprüngliche Text heißt:
O große Not!
Gott selbst ist tot,
Am Kreuz ist er gestorben,
Hat dadurch das Himmelreich
Uns aus Lieb‘ erworben.
Diese entscheidende 2. Zeile wurde wohl später als zu anstößig empfunden und umgedichtet und heißt nun: O große Not, Gotts Sohn liegt tot….(Evangelisches Gesangbuch Nr. 80).
Im Katholischen Gesangbuch „Gotteslob“ (Nr. 188) kommt diese 2. Strophe in dieser sprachlichen Form gar nicht mehr vor, ein anderer Text wird nun dem Jesuiten Friedrich von Spee zugeschrieben! Es heißt da: „O höchstes Gut, unschuldigs Blut, wer hätt dies mögen denken, dass der Mensch seinen Schöpfer sollt an das Kreuz aufhenken“.

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin

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