Böhmen – Ein Land der Ketzer: Anläßlich der Buchmesse 2026 in Frankfurt

Böhmen – Ein Land der Ketzer: Anläßlich der Buchmesse 2026 in Frankfurt.

Ein Hinweis auf Tschechien, Ehrengast der Buchmesse
Von Christian Modehn

Dieser Hinweis hat zwei Teile:
Erstens: Eine allgemeine Reflexion über Ketzer
Zweitens: Ketzer in Böhmen

ERSTER TEIL: Eine allgemeine Reflexion über Ketzer

1.
Anläßlich der Buchmesse 2026 in Frankfurt unser Hinweis zum Thema „Religionen und Philosophien in Tschechien“. Das Motto der Buchmesse: „Tschechien: „Ein Land an der Küste“ ist inspiriert von einem Spruch in Shakespeares „Das Wintermärchen“ oder auch von Ingeborg Bachmanns Gedicht „Böhmen liegt am Meer“. Durchaus ein treffender Titel für „die“ ironische, skurrile, surrealistische, manchmal absurde (siehe die Erzählungen von Bohumil Hrabal, „Die Bafler“) Mentalität in Böhmen und Tschechien insgesamt. Eine etwas gewagte These, gewiss, aber ein Beitrag zu einer umfassenderen Reflexion…

2.
Wir konzentrieren uns hier auf Böhmen und lassen Mähren und Tschechisch-Schlesien, also die zweite und dritte Region Tschechiens, beiseite.
Und folgen einer für Böhmens Geschichte und Gegenwart typischen Perspektive: Böhmen ist für uns ein Land der (vielfältigen) Ketzer. Auf diese Spur brachte uns die Studie des tschechischen Philosophen Jan Patocka „Ketzerische Essays zur Philosophie der Geschichte“. Patocka war ein wichtiger Gegner des Kommunistischen Regimes, er war einer der Sprecher der „Charta 77“. Sein Text wurde 1975 als Samisdat, im Selbstverlag im Untergrund, veröffentlicht; es liegt in einer Neu – Übersetzung bei Suhrkamp vor (2010).

3.
Für uns gilt das Wort „Ketzer“ über das übliche Verständnis eines religiösen, kirchlichen „Abweichlers“ („Häretikers“) hinaus. Wenn Diktaturen ihrer Ideologie („die heilige Parteilinie“) religiöse, unantastbare Werte zusprechen, dann sind die Oppositionellen durchaus Ketzer zu nennen. Oder wenn sich Minderheiten gegen einen absolut vorherrschenden kulturellen , künstlerischen, sozialen Trend wenden, kann man sie Ketzer (gemeint als Metapher, als bildhaften Vergleich) nennen. Insofern kann man etwa Künstler der „Berliner Sezession“ (Max Liebermann) oder der „Wiener Sezession“ (Gustav Klimt) Ketzer gegen den damals für selbstverständlich gehaltenen Trend nennen. Sezession heißt bekanntlich Abspaltung.
Mit anderen Worten: Das Wort Ketzer sollte nicht nur für explizit religiöse Abweichler, „Häretiker“, „Schismatiker“ usw. gebraucht werden.
Manche religiösen Reformer beginnen als sehr radikale Reformer, wenn nicht als Ketzer ihres kirchlichen Systems, wie etwa Franz von Assisi. Sie lassen sich dann aber von den Herrschern des Systems, im Fall von Franz von Assisi von den Päpsten (etwa Innozens III.) wieder auf die offizielle Linie kirchlicher Dogmatik zurückbringen. Hingegen ließ sich etwa der Prediger Petrus Valdes (gestorben 1218), ein Zeitgenosse von Franz von Assisi), nicht auf einen Kompromiss mit den Päpsten ein. Seine ketzerische Waldenserkirche besteht bis heute als eigenständige, sehr angesehene Konfession ins Italien.

4.
Bei aller Pluralität ihrer Forderungen sagen die zu Ketzern erklärten Minderheiten laut und explizit Nein zur herrschenden Ideologie: Sie denken und fordern Neues, suchen leidenschaftlich und radikal die universell geltende Wahrheit oder die Wahrheit des Ursprungs einer humanen oder religiösen Idee…
Auch wenn sich Ketzer und KetzerInnen zunächst noch auf eine vorherrschend – bestehende, überlieferte Ideologie beziehen, sie haben diese vertraute Welt überschritten, transzendiert. Dadurch leben KetzerInnen in einer Art Niemandsland: Sie befinden sich nicht mehr in ihrer alten geistigen „Heimat“ und sind noch nicht in einer neuen „Welt“ angekommen. Für die Herrscher bedrohlich werden die KetzerInnen, wenn sie eine breite Bewegung von Sympathisanten und Anhängern versammeln und die angebliche „Einheit“ des Herrschaft – Systems zu überwinden suchen.

ZWEITER TEIL: Ketzer in Böhmen

5.  JAN HUS
Böhmen als Land der Ketzer: Mit unserer These leugnen wir nicht: Auch andere Länder, Frankreich, Italien, Deutschland, sogar Spanien haben ihre eigene Ketzergeschichte.
Böhmen ist aber seit Jahrhunderten durch eine herausragende, international bekannte und bis heute geschätzte Ketzer – Gestalt bestimmt, durch den katholischen Priester und Theologen Jan Hus (1370-1415). Er hat in Prag für eine grundlegende Kirchenreform geworben – mit dem Maßstab des Evangeliums, der Urkirche. Er verurteilte den herrschenden, dekadenten Klerus und die Machtstruktur der Papst – Kirche. Jan Hus predigte auf Tschechisch, so fand er viele Anhänger für sein Projekt der Kirchenreform. Er glaubte, auf dem Konzil in Konstanz die Herren der Kirche von seiner Theologie überzeugen zu können: Aber, der ideologische Machterhalt war den Bischöfen und Kardinälen wichtiger: Jan Hus wurde am 6.Juli 1415 während des Konzils in Konstanz verbrannt. „Was die Konzilsväter in Konstanz wirklich in Angst versetzte war der breite gesellschaftliche Widerhall der aufrührerischen Lehren“, schreibt der Hus – Spezialist Pavel Soukoup in seinem Buch „Jan Hus“, Kohlhammer Verlag, 2014, Seite 202. Der Märtyrertod von Jan Hus verstärkte nur die Zustimmung zu seiner Lehre: Der „Hussitismus“ wurde zur prägenden Bewegung in Böhmen, sie wirkte über Jahrhunderte. (S. 211).

6.
Eine zentrale Forderung von Jan Hus: Auch Laien müssen an der Kelch – Kommunion teilhaben, bis heute kein nebensächliches Thema: Das Privileg der Priester, die Kelchkommunion zu praktizieren, sollte aufgehoben werden. Die Kleriker ie wollten sich auf diese Weis als „Besondere“, „Höhergestellte“ gegenüber den zweitklassigen Laien definieren.
Es war die umfassende Kirchenkritik von Hus, die in Böhmen leidenschaftlich begrüßt wurde: Und einen Erfolg – trotz aller Verfolgung – hatten die Hussiten: In Böhmen standen sich bis ins 17. Jahrhundert zwei Katholische Kirchen gegenüber: Die Kirche des Reformators Jan Hus verstand sich als katholische Landeskirche, sie hatte eine eigene Kirchenverwaltung … und daneben die offizielle, vom Haus Habsburg beherrschte römische – katholische Kirche mit ihrer eigenen Kirchenorganisation. „Die Hussiten führten bewusst und mit Absicht eine von Rom praktisch unabhängige Existenz. Sie betrachteten sich als einen Teil der katholischen Kirche, doch als den momentan einzig rechtmäßigen Teil.“ (Soukup, S. 217)
Eine breite Bewegung der Hussiten nannte sich „Utraquisten“, ein Titel wegen ihres Insistierens auf den Empfang des Abendmahls in beiden Gestalten der Kommunion, Brot UND Wein. Der Begriff Utraquisten bezieht sich auf das lateinische Wort utraque, was „beide“ (Gestalten) bedeutet. „Bei den Hussiten spielte die entscheidende Rolle, dass sie das Lehramt der institutionellen Kirche anzweifelten“ (ebd.). Das heißt: Die vom Papst geführte Kirche war für die Hussiten nicht mehr fürs „Seelenheil“ zuständig.

7. Hussiten – eine Landeskirche 
Die ersten böhmischen Ketzer, die Hussiten, konnten zunächst nur überleben, weil sie sich auch militärisch und politisch behaupten konnte: Der niedere wie der höhere tschechische Adel sowie auch die Bürger der Städte unterstützten die „Ketzer.“ So wurde diese Reformkirche zunächst nicht in den Untergrund gedrängt. „Im Gegenteil, die Hussiten konnten die öffentliche Ausübung ihrer Religion behaupten und entwickelten ihre Form der Kirchenreform letztendlich zu einer eigenständigen Konfession“, so Pavel Soukup (S. 217).
Nach der Niederlage der protestantischen und hussitischen Stände gegen die katholische Macht der Habsburger unter Kaiser Ferdinand II. in der Schlacht am Weißen Berg 1620 wird die hussitischen Kirche zerschlagen, die katholische – habsburgische, von Jesuiten betriebene Gegen – Reformation hatte sich brutal durchgesetzt. Die hussitischen Geistlichen mussten auf kaiserlichen Befehl Böhmen verlassen.
Nach der Schlacht auf dem Weißen Berg bei Prag errichteten die habsburgischen Sieger dort eine Kirche zu Ehren der Jungfrau Maria, deutlicher Ausdruck für den Sieg der triumphierenden Kirche…, darauf weist der katholische Theologe Tomas Halik hin in seinem Buch „Geduld mit Gott, Freiburg i.Br. 2007, S. 120: Und : „In den von Habsburgern beherrschten Ländern fraß der Holzwurm des Formalismus, der Äußerlichkeit und der Scheinheiligkeit still und unauffällig am Gebäude des alten (katholischen) Glaubens (S. 92).
Historiker der „Nationalen Wiedergeburt“ im 19. Jahrhundert bezeichneten die der Schlacht am Weißen Berg folgende Ära – nach einem Roman von Alois Jirásek – als „dunkle Zeit“, der Zeit des „Austro – Katholizismus“ als Herrschaft des Klerikalismus. So wurde die Bindung der Böhmen an die katholische Kirche ausgelöscht…
Auch wenn die Päpste Johannes Paul II und Franziskus ihr tiefes Bedauern über das Schicksal Jan Hus` in Konstanz geäußert haben: Eine Rehabilitierung hat es nicht gegeben. So bleibt also in der Sicht der römischen Kirchen Jan Hus doch ein Ketzer…

8. Die „Tschechoslowakisch – Hussitische Kirche“
Die sich von Jan Hus inspirierte Kirche wurde im 17. Jahrhundert ausgelöscht. Aber die Erinnerung an den „Ketzer“ des 15. Jahrhunderts blieb lebendig: 1920 hat sich wieder eine neu gegründete Kirche auf Hus bezogen: Die „Tschechoslowakisch – Hussitischen Kirche“ ist ein eigener Weg aus der offiziellen katholischen Kirche in Tschechien, sie ist eine Initiative römisch – katholischer Priester, vor allem Karel Farsky muss erwähnt werden: Diese hussitische Kirche feiert seit 1920 ihre Gottesdienste nicht mehr auf Latein, sondern auf Tschechisch, das Zölibatsgesetz gilt nicht mehr, auch die Frauenordination wird dann selbstverständlich… Schon 1921 hatte diese Hussistische Kirche 525.000 Mitglieder, 1930 waren es 793.000. „Die Tschechoslowakisch – Hussitische Kirche konnte sich durch das Wahlprinzip für geistliche Ämter und die Laienbeteiligung an der Kirchenverwaltung sehr plausibel als Kirche der neuen Zeit (also der Tschechischen REPUBLIK) darstellen.. Sie war von dem Anspruch geprägt, eine Kirche der Demokratie zu sein.“ (Prof. Martin Schulze Wessel, in: „Handbuch der Religions – und Kirchengeschichte der böhmischen Länder und Tschechiens im 20.Jahrhundert“, München 2009, S. 139.) Als ein richtungweisender Interpret des Evangeliums wurde von dieser Kirche ausdrücklich Jan Hus erwähnt. Für die katholische Kirche hat die Tschechoslowakisch – Hussitische Kirche einen „ketzerischen Charakter“ (S. 145).
Was als ketzerische Tat gegen Rom und die katholischen Herrscher in Wien begann, wurde vom kommunistischen Staat ausgenutzt und führte mit der kommunistischen Herrschaft zu einer Nähe etlicher Mitglieder der Hussitischen Kirche an die herrschende Partei. Heute ist diese gegen Rom rebellische Hus – Kirche leider nur eine Minderheit unter den ebenfalls zahlenmäßig schwach dastehenden anderen Konfessionen. Die „Tschechoslowakische Hussitische Kirche“ ist Mitglied im ökumenischen Weltrat der Rat in Genf. Die offizielle Website der Tschechoslowakischen Hussitischen Kirche (auf Tschechisch: Církev československá husitská): ccsh.cz
Zur aktuellen Religionsstatistik der gesamten Republik Tschechien: Die aktuellsten und offiziellen Daten zur Religionsstatistik in Tschechien stammen aus der Volkszählung (Zensus 2021), die vom Tschechischen Statistischen Amt (CZSO) durchgeführt wurde:
„Nicht gläubig / Konfessionslos“: 47,8 %. „Keine Angabe“ 30,1. „Gläubig, aber keiner Kirche zugehörig“: 9,1 %: Ein interessantes Bekenntnis!
…„Gläubig und Mitglied einer Religionsgemeinschaft“: 13,1 %. Und da gilt es die Unterschiede zu beachten:
Zur Römisch-katholischen Kirche wollen 9,3 % (ca. 741.000 Mitglieder) gehören. Die katholische Kirche ist trotz Verluste die mit Abstand größte Glaubensgemeinschaft im Land.
Die Orthodoxe Kirche hat ca. 40.000 Mitglieder,
die Evangelische Kirche hat 33.000 Mitglieder,
die Tschechoslowakisch – Hussitischen Kirche ca. 23.000.
Zum Islam bekennen sich ca. 10. 000 Menschen, zum Judentum 3.000…
Die nächste Volkszählung (mit Veröffentlichung der entsprechenden Religionsstatistik) soll 2031 stattfinden.

9. Die spirituellen Oppositionellen der Samtenen Revolution
„Samtene Revolution“ ist der Name für die Überwindung der kommunistischen Herrschaft in der Tschechoslowakei im November und Dezember 1989. Der Prager katholische Theologe, Philosoph und Autor Tomas Halik weist nachdrücklich daraufhin: Diese „Samtene Revolution“ in Prag wurde von Intellektuellen vorangebracht, die selbst individuell einzelne Weisheiten des Evangeliums wichtig fanden, aber diese Demokraten waren kirchlich – amtlich nicht gebunden, also in gewisser Weise – aus Sicht der offiziellen Kirche – waren sie auch Ketzer: „In den letzten Jahren des kommunistischen Regimes wuchs die Zahl der Sympathisanten für die katholische Kirche besonders unter den jungen Leuten, den Künstlern, der Intelligenz des Landes. Sie identifizierten sich zum Großteil nicht zu hundert Prozent mit der Lehre und den Inhalten der kirchlichen Dogmatik, aber für sie bot das Christentum eine politische wie philosophische Alternative zur herrschenden kommunistischen Macht“. (Tomas Halik, in “ Postsäkular“, „Kunst und Kirche“, 01/2013, S. 5.). Siehe auch unseren Hinweis: LINK https://religionsphilosophischer-salon.de/12118_die-samtene-revolution-1989-in-der-tschechoslowakei-nur-noch-eine-ferne-erinnerung_denkbar
Wichtig ist: Menschen, die außerhalb der Kirche stehen, aber Weisheiten des Evangeliums sehr wichtig finden, können eine „Samtene Revolution“ vollbringen!

10.
Tomas Halik geht also mit guten Gründen so weit zu betonen: „Das Lebendigste der tschechischen Kultur der letzten zwei Jahrhunderte fand außerhalb des traditionellen, offiziellen und institutionellen Raums der Kirche statt“, (Tomas Halik: „Geduld mit Gott“. Herder Verlag, 2007, S. 93). Die führenden Intellektuellen nannten sich Atheisten oder Agnostiker, aber Halik legt allen Wert darauf zu differenzieren: „Unter der Etikette von Agnostizismus und Atheismus findet man eine sehr große Bandbreite sehr differenzierter Meinungen und Überzeugungen. Atheisten wenden sich oft von einem Bild Gottes ab, an das auch ich nicht glauben würde, weil es nur eine Karikatur Gottes ist“ (Tomas Halik, S. 7, in „Kunst und Kirche“, Heft 1/2013.
Die politischen Ketzer Böhmens zugunsten der Demokratie 1989 waren also auch religiöse Ketzer: Weder der erste Staatspräsident der tschechischen Republik Tomas Masaryk noch Václav Havel waren Atheisten: „Jeder ist auf seine Art und Weise sehr offen für die transzendente Dimension des Lebens, insbesonders für deren ethische Konsequenzen. Aber niemand war bereit, ihre Erfahrung der Transzendenz in der traditionellen Sprache der Kirche auszusprechen. Vaclav Havel spricht etwa über den Horizont der Horizonte statt von Gott“, (in Geduld mit Gott, S. 94. ) Halik nennt diese – für die offizielle Kirche – ketzerische Spiritualität hochschätzend: „scheue Frömmigkeit“( ebd.). Ein Begriff, den man sich merken muss, wenn über Säkularisierung und „Atheismus“ in Europa gesprochen wird.

11. Frauen als katholische PriesterInnen in Tschechien
Auf ungewöhnliche KetzerInnen in der katholischen Kirche Tschechiens im 20.Jahrhundert muss hingewiesen werden: Es gab in der Zeit der Kommunistischen Herrschaft katholische Frauen, die sich von dem gültig geweihten römisch – katholischen Bischof Felix Maria Davidek (1921-1988) heimlich und von den Päpsten unerlaubt zu Priesterinnen weihen ließen. Sie wollten im Untergrund tätig die katholische Kirche vor der Auslöschung bewahren: Die bekannteste Priesterin ist Ludmila Javorová, sie ist am 17. September 2026 im Alter von 94 Jahren in Brno (Brünn) gestorben. Die katholische Priesterin Javorová (geweiht 1970) setzte ihr Leben ein für das Überleben der Kirche: Aber ihr Einsatz wurde vom Vatikan nicht anerkannt: Nach der Wende erklärte der Vatikan ihre Priesterweihe für ungültig. Wenn diese hilfreichen KetzerInnen nicht mehr gebraucht werden, lässt der Vatikan sie halt fallen. Denn die Allherrschaft des männlichen Klerus darf nicht gebrochen werden. Frau Javorová akzeptierte – treu katholisch – ihre Degradierung und arbeitete dann als Religions-Lehrerin weiter…

12. Hasek und Hrabal sind spirituelle Dichter
Auch zwei sehr beliebte und hoch – geschätzte Schriftsteller sind auf ihre besondere Art von Ketzerei betroffen: Wir weisen hier nur auf die beiden Dichter Jaroslav Hasek (1883 – 1923) und Bohumil Hrabal: 1914 – 1997) hin, zwei Klassiker der tschechischen Literatur im 20. Jahrhundert.

Jaroslav Haseks Roman „Der brave Soldat Schwejk“ (in 58 Sprachen übersetzt) gilt einem außergewöhnlichen Ketzer. Einem Mann, der auf seine Art Nein sagt zu den herrschenden Mächten: Militarismus, Krieg und Bürokratie. Schwejk sagt Nein gerade auch mit seiner offensiven, gespielten Dummheit: „Melde gehorsamst, ich bin so blöd“. Schwejk, der Mensch inmitten von Unmenschlichkeit, will das System von Krieg und Ungerechtigkeit von Innen sprengen.

Die sehr persönliche, individuelle Spiritualität Bohumil Hrabals entspricht
nicht den dogmatischen Lehren der katholischen oder evangelischen Kirche, betont der Religionswissenschaftler Prof. Paul Hosek (Prag): Er zeigt aber: Hrabal war mit einem evangelischen Pfarrer in Libice nad Cidlinou befreundet, und er hielt in dieser Kirche seit 1980 am 4.Adventssonntag regelmäßig Predigten. Pavel Hošeks interessante Studie hat den ins Englische übertragenen Titel: „The Gospel according to Bohumil Hrabal“. Brno, Centre for the Study of Democracy and Culture 2024, 218 p.  (Siehe Fußnote 1)

13. Die Prager Kneipe als spiritueller Ort
Auch das ist eine Gestalt religiöser Ketzerei auf böhmische Art: Hasek wie auch Hrabal sind als begeisterte Freunde und Stammgäste ihrer Gasthäuser, Kneipen. Sie gehen soweit der Kneipe den Rang heiliger Orte zuzusprechen, Orte der offenen Kommunikation als Konkurrenz zu den immer gleichen Liturgien in den Kirchen und ihren Gemeinden. Es gibt in Prag an der Akademie der Wissenschaften tatsächlich eine Ort für spezielle Studien zur Bedeutung der Kneipen in Böhmen und Prag besonders: In den Studien des Soziologischen Instituts der Tschechischen Akademie der Wissenschaften wird der Kneipenwirt (hospodský) oft in einer Rolle beschrieben, die dem eines Seelsorgers gleicht. Er hört zu, bewahrt Geheimnisse und gibt Ratschläge. Und der Gast des Stammtisches hält sich in seiner Kneipe wie in einem geschützten Bereich auf. Hrabal meint: In der Kneipe kann man für sich allein meditieren oder … wie auch mit der Menge der Gäste förmlich verschmelzen: Das frisch gezapfte Bier hat für Hrabal geradezu eine religiöse Bedeutung. In seinem Werk „Vita nuova“ beschreibt er eine Kneipe mit fast sakralen Worten: „Herr Ober, diese Ihre Gaststätte, das ist keine Spelunke, dieses Ihr Wirtshaus, das ist die (in Prag berühmte, CM) Betlehem-Kapelle, in der jeder Gast zu dem wird, was er einmal war oder sein wollte…“

14.
Man sollte eine Dialektik erkennen:
In diesem Hinweis werden die vom System zu Ketzern herabgewürdigten Menschen ihrerseits in gewisser Weise zu geistig bestimmenden Herrschern: Sie erklären für sich und ihre Gemeinden die Mehrheit der Herrscher des Systems zu Ketzern, zu Ketzern, die die Menschenrechte verraten und verachten. Es waren katholische Dissidenten, verfolgte Priester und Theologen, vom kommunistischen Regime Inhaftierte, die über die Zukunft des christlichen Glaubens nachdachten und geheim ihre Überlegungen als Samisdat (im Selbstverlag) publizierten. Wir erinnern hier nur Oto Madr, auch Josef Zverina würde viel Aufmerksamkeit verdienen. Diese vom Kommunistischen System zu Feinden, zu Ketzern, erklärten Intellektuellen, können ihrerseits die all-herrschenden Parteifunktionäre als Ketzer, nämlich als Feinde der Humanität, erkennen.

14. Die sterbende Kirche…
Der katholische Pfarrer Oto Mádr (1917 – 2011) wurde 1951 von den Kommunisten wegen „Spionage für den Vatikan“ verhaftet, bis 1966 saß er in Haft, danach organisierte er die geheime katholische Untergrund – Kirche. Er entwarf schon im Gefängnis das Bild einer Kirche, die sich unter den Bedingungen der Verfolgung nur auf das Wesentliche konzentriert. Berühmt wurde sein Zitat: „Die Kirche braucht wahrhaft geistliche Menschen, wenn sie in einer Situation der Bedrohung bestehen will. Sie kommt ohne Konsistorien (Kirchenbürokratien) aus, ja sogar ohne Bischöfe, ohne Schulen, Krankenhäuser und Presse…“ aus dem theologischen Essay „Ein Wort über diese Zeit“ (Slovo o této době) von Oto Mádr.. Den Text hatte er 1950 im Untergrund der Tschechoslowakei verfasste. https://www.oto-madr.cz/_d/01/struct/Oto-Madr_Wie-Kirche-nicht-stirbt.pdf
Oto Madr gründete 1978 die geheime Zeitschrift Teologické texty („Theologische Texte“) und war der wichtigste theologische Berater des Prager Kardinals František Tomášek.
Der weltweit bekannte katholische Theologe und Philosoph Tomas Halik in Prag hat sich in seinem Buch „Die Zeit der leeren Kirchen“ (Herder – Verlag, 2021) erneut mit seinem „großen Lehrer im Glauben“ Oto Madr (S. 97) auseinandergesetzt. Halik hat die provozierende These Madrs vom „Modus moriendi der Kirche“, von der Art und Weise des Sterbens der Kirche, aufgegriffen. Tomas Halik schreibt: „Ich bin davon überzeugt, dass nur ein Glaube, der stirbt und von den Toten aufersteht, tatsächlich ein christlicher Glaube ist. Ich bin davon überzeug, dass nur eine Kirche, die stirbt und von den Toten aufersteht, tatsächlich eine christliche Kirche ist. Ich bin davon davon überzeugt, dass nur eine Theologien die stirbt und von den Toten aufersteht, tatsächlich eine christliche Theologie ist.“ (S. 96 f.).
Es wäre ein interessantes theologisches Thema: die Gefängnistheologie Dietrich Bonhoeffers („Widerstand und Ergebung“) und die Theologie der sterbenden Kirche Oto Madrs zu vergleichen. Das Thema Bonhoeffer und Madr wäre sehr „spannend“, Katharina Kunter schreibt in dem genannten Buch: In den evangelischen Kirchen“fand das von dem deutschen Theologen Dietrich Bonhoeffer (1906 -1945) in Fragmenten überlieferte Konzept eines religionslosen Christentums und einer weltlichen Interpretation des Evangeliums große Resonanz. Bonhoeffers Briefe wurden sogar von der von Vaclav Havel gegründeten Samsidat- Reihe „Edition Expedition, (Edie Expedite) herausgegeben.“ (S. 733).
Wir können hier nur das sehr marginale Interesse in Deutschland an den vielfältigen Formen kirchlichen Überlebens unter der kommunistischen Herrschaft in der Tschechoslowakei feststellen. Das gründliche „Handbuch der Religions – und Kirchengeschichte der böhmischen Länder und Tschechiens im 20.Jahrhundert“, München, 2009, bietet dazu ausführliche Informationen, die Studien sind aber eher für Spezialisten wichtig.

15. Die einsamen Trappisten von Novy Dvur
Angesichts der religiösen Desinteresses in weitesten Kreisen Böhmens werden christliche Minderheiten heute ihrerseits zu Ketzern gegenüber der herrschenden a – religiösen Kultur. Deutliches und sichtbares Zeichen dieser Form christlicher Ketzerei ist das Trappisten – Kloster in Novy Dvúr im Bezirk Karlovy Vary, Karlsbad. Es wurde 2011 feierlich eingeweiht: Die Trappisten sind Mitglieder des sehr strengen, absolut zurückgezogenen „Schweige – Ordens“, sie leisten keine Seelsorge in den Gemeinden, sie predigen nicht außerhalb des Klosters, ihnen ist die soziale Umgebung nicht wichtig. Von 3.15 Uhr nachts bis 19.30 abends beten die 20 Mönche alle drei bis vier Stunden in ihrer neu erbauten Kirche (Architekt: John Pawson). Zur bewussten radikalen Abgrenzung des Klosters von der Umgebung siehe Fußnote 2.
Das Trappisten Kloster befindet sich im Bistum Pilsen, von den dort 117.000 sich katholisch nennenden BewohnerInnen, nehmen weniger als 10.000 Katholiken an den Sonntagsmessen teil. Der Bischof Dr. Tomas Holub nennt etwa 15 bis 18 noch lebendige Pfarreien (von insgesamt 68) im Bistum, überall scheint Kirche, vielleicht auch das Christentum, zu sterben… LINK https://bistum-regensburg.de/news/schwierig-mit-der-kluft-zwischen-glaeubigen-und-nichtglaeubigen-zu-leben-der-pilsener-bischof-dr-tom-holub-ueber-die-katholische-kirche-in-tschechien-6389

Unsere ketzerische Frage ist also: Wenn die 20 Trappisten – Mönche in Novy Dvur völlig abgeschottet In der Einsamkeit leben: Ist das in gewisser Hinsicht eine Ketzerei .. angesichts der Situation im Bistum Pilsen? Dort könnten ja Theologen gebraucht werden, die in einen spirituellen Dialog mit den vielen Atheisten und Agnostikern der Umgebung eintreten…

16. Der demokratrische Widerstand durch Mikulas Minar 
Wir müssen bei unserem Thema auch vom jetzt wieder machtvollen rechtsradikalen Populismus in Tschechien sprechen und dabei an Mikulas Minar (geb. 1993) erinnern, an einen der wichtigen demokratischen Aktivisten mit seiner starken Organisation „Eine Million Augenblicke für Demokratie“…: Mikulas Minar sagt Nein zur Herrschaft des rechten Populismus – im Namen der Demokratie und der Menschenrechte. Von diesem normativen Standpunkt aus erscheinen diese Parteiführer als Ketzer, als Häretiker im Umgang mit den Menschenrechten… Auf der Buchmesse in Frankfurt wird Minar nicht vertreten sein (Stand 29.9.2026).

Die demokratische Bewegung „Eine Million Augenblicke für Demokratie“ organisiert Massen-Demonstrationen, sie setzt sich für Rechtsstaatlichkeit, Freiheit der Medien und die Integration Tschechiens in Europa ein. Schon einmal, 2020, hatte Minar Massen – Proteste gegen den sehr rechten Populisten Andrej Babis organisiert. Bei den Parlamentswahlen 2025 hatte Babis und seine rechtspopulistische ANO – Partei fast 35 Prozent der Stimmen erhalten. Der bekannte, explizite rassistische Politiker Timo Okamura von der rechtsextremen Partei (SPD) wurde Parlaments-Präsident.
Im Jahr 2025 gab Mikulas Minar ein Interview für eine Veröffentlichung des Goethe – Instituts in Prag: https://www.goethe.de/prj/jad/de/ges/26983 , es ging um Umfeld der damals bevorstehenden Wahlen um die Frage: Was würde es bedeuten, wenn ANO, die Partei von Babis, die Wahl gewinne: Minar antwortet u.a.:
„Der erste und vielleicht wichtigste Punkt ist, dass der Premierminister eines Landes ein Vorbild dafür ist, was als normal gilt. Aber ich halte es nicht für normal, dass ein Land von jemandem geführt wird, der falsche Schwüre auf das Wohlergehen seiner Kinder ablegt, wiederholt lügt, seine Meinung nach Bedarf ändert und dabei seine eigene Vergangenheit als Agent der Staatssicherheit leugnet. Das vermittelt den Leuten den Eindruck, es wäre in Ordnung so; das Leben wäre ein Dschungel, wo derjenige gewinnt, der die anderen überlisten kann. Das verzerrt den Charakter der Gesamtgesellschaft und die Seele der Nation.
Der zweite Punkt betrifft das System. Ich fürchte, dass Babiš wieder darum bemüht sein wird, die öffentlich-rechtlichen Medien zu kontrollieren und seinen Einfluss auf die öffentlichen Gelder zu erweitern. Es kann auch passieren, dass er erneut versuchen wird, Macht zu kumulieren und die demokratischen Institutionen zu schwächen – wie er es früher schon getan hat. Ich habe jedoch die Hoffnung, dass die tschechische Zivilgesellschaft ihm das nicht erlauben wird.“ Nun regiert der rechtsextreme Milliardär Babis….

17.
„Böhmen – das Land der Ketzer“: Wir haben gesehen: Es gibt Ketzer, die vom herrschenden politischen und kirchlichen System ausgegrenzt und verfolgt werden, weil sie für die ursprünglich einmal vorhandene Humanität dieser Systeme (etwa: das Evangelium Jesu Christi) eintreten. Und es gibt andererseits Ketzer, die mit Gewalt ihr ideologisches System durchsetzen, das bewusst und ganz offen gegen die universellen Menschenrechte gerichtet ist. Diese Leute und ihre Parteien gelten also auch als Ketzer … für Demokraten. Die Demokraten folgen für ihr Urteil der universellen Norm der Menschenrechte: Diese wahre Norm lehrt das Unterscheiden.

Fußnote 1:
Pavel Hošek: The Gospel according to Bohumil Hrabal. Übersetzung eines Pressetextes aus dem Englischen:
„Das literarische Werk von Bohumil Hrabal zählt zu den bedeutendsten Errungenschaften der tschechischen Kultur des 20. Jahrhunderts. Es wurde in Dutzende Sprachen übersetzt und diente als Vorlage für eine lange Reihe von Spielfilmen und Theateradaptionen. In vielen Ländern der Welt ist Hrabal der bekannteste tschechische Schriftsteller. Seine Bücher wurden aus vielen verschiedenen Blickwinkeln interpretiert, doch die spirituelle Dimension von Hrabals Denken und Werk wurde bislang noch nicht gründlich erforscht. Dabei bilden spirituelle Motive und heilige Symbole einen wichtigen Bestandteil von Hrabals literarischer Spiegelung der Welt. Kürzlich wurden Aufnahmen von Hrabals Adventspredigten in Libice nad Cidlinou entdeckt. Diese Aufnahmen werfen ein völlig neues Licht auf die spirituelle Dimension seines Denkens und Schaffens. Das Buch „Das Evangelium nach Bohumil Hrabal“ basiert auf diesen neu gefundenen Materialien und bietet eine umfassende Deutung der spirituellen Dimension des literarischen Schaffens eines der größten tschechischen Schriftsteller.“

Fußnote 2:
Die rigorose Abwendung von der Welt durch die Mönche eines Klosters in Böhmen: Aus der Website: https://www.novydvur.cz/de/p-167/p-332/. Gelesen am 16.9.2026:
„Die Abtei Nový Dvůr ist nicht für jedermann zugänglich. Das wäre mit dem Klosterleben unvereinbar. Das Geschäft an der Pforte ist für einige Stunden pro Woche, und zwar am Wochenende, geöffnet. Die Kirche ist während der Gottesdient für alle geöffnet, die mit den Mönchen beten möchten. Mit Ausnahme des Bereichs beim Gästehaus sind die Bereiche um das Kloster den Mönchen vorbehalten. Das Kloster steht weder Touristen noch Architekturstudenten offen. Die Touristen kommen, um zu „sehen“, aber das Wesentliche unseres Lebens zählt nicht zu den Dingen, die man „sehen“ kann.
„Die Klöster des kontemplativen Lebens bieten sich als »Oasen« an. […] Diese scheinbar nutzlosen Orte sind daher im Gegenteil so unentbehrlich wie die »grüne Lunge« einer Stadt: Sie tun allen gut, auch denen, die sie nicht besuchen oder nicht einmal etwas von ihrer Existenz wissen.“
Selbst wenn kein Zeuge von unserer Gegenwart Kenntnis nimmt, so dämmen die Mönche durch die Bekräftigung der Transzendenz Gottes mittels einfacher Handlungen wie dem persönlichen Gebet und dem Gottesdienst die Gleichgültigkeit und den Atheismus ein, lassen die Verfolgung verstummen, kämpfen gegen Gewalt jeder Art, bringen Frieden in die gemarterten Herzen, lassen zerrissene Familien zu neuer Einheit finden; die Liste ist endlos. Wer an die Mauern eines Klosters stößt, ohne es betreten zu dürfen, wird bisweilen beeindruckt von der Existenz dieser Mönche, die er nicht „sehen“ konnte, wieder scheiden. Er wird den Wert ihres einsamen Lebens und ihrer inneren Sammlung erahnen.
Indem wir davon absehen, uns gehetzten Besuchern zu zeigen, helfen wir ihnen durch unsere bewusste Zurückhaltung mehr, als wenn wir ihre Neugier befriedigen würden. Wenn jemand sich schwertut, den Sinn dieser Überlegungen zu begreifen, der möge sich davon überzeugen, dass unsere Berufung auch für uns selbst bisweilen schwer zu verstehen und zu akzeptieren ist.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

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