Selbstbestimmung: Die Grundbewegung des geistigen Lebens

Selbstbestimmung: Die Grundbewegung des geistigen Lebens

Einige Hinweise anlässlich eines Gesprächs im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin am 28.3. 2014.

Von Christian Modehn

Der Begriff Selbstbestimmung (bzw. Autonomie) gehört zwar nicht zur gängigen Alltagssprache heute. Aber er ist als Leitidee unthematisch, oft ungewusst und wenig umgrenzt, präzisiert, jedoch im menschlichen Leben, im Denken und Handeln, allgegenwärtig. Ein einfaches Beispiel: Beginnt Selbstbestimmung nicht schon mit der Entscheidung, an dieser Veranstaltung an diesem Abend teilzunehmen und damit andere Veranstaltungen auszuschließen, also zu lassen, indem man sie nicht für so bedeutend oder wertvoll für das eigene Leben einschätzt? Dahinter  steht unthematisch die Erkenntnis: Dieses und jenes Thema interessiert mich eigentlich, es bringt mich möglicherweise weiter in meinem Fragen und in meiner Suche nach sinnvollem Leben. Es kann mich vielleicht zu einer weiteren Autonomie führen.

Selbstbestimmung geschieht ständig, wir wollen für uns selbst und möglichst aus uns selbst unser „Gesetz“ uns geben für dieses unser Leben.

Selbstbestimmung in diesem inneren Sinne als Praxis der eigenen geistigen Verfügung auch die Grundlage für alle Kraft der politischen und sozialen Bewegungen, die Selbstbestimmung und Autonomie als Zustand, als  Ziel erkämpfen, etwa die Frauenbewegungen oder die Kämpfe um Anerkennung und Respekt für homosexuelles Leben und Lieben bis zu den Völkern, die – etwa am Ende der offiziellen Kolonialzeit – um ihre Selbstbestimmung ringen.

Das ist der Sinn des gemeinsamen und des einsamen Philosophierens: Schauen und kritisch betrachten, was wir „immer schon“ leben und denken. Dann kann dieses Lebendige deutlicher, d.h. begrifflich klarer, gesehen werden. Dabei kommt man nie an ein Ende, weil wir stets unserem eigenen Dasein eine neue Gestalt, eine neue Form und einen neuen Sinninhalt geben, die dann wieder zu neuen Erkenntnissen führen usw. Alles dieses Handeln steht aber immer unter dem bleibenden Anspruch, ein wahres Verstehen meiner Selbst zu vollziehen.

Unmittelbar zum Thema: Der Berliner Philosoph

Volker Gerhard sagt ganz klar: „Selbstbestimmung, Autonomie, bezeichnet die Fähigkeit, nach eigener Einsicht zu handeln“. Und damit wird deutlich: Dieses Thema beschreibt das zentrale Ziel menschlichen Lebens: Ich will ich selbst sein in einer Gemeinschaft Gleichberechtigter, die auch jeweils sie selbst sind und sein können.

Es geht also um die Selbstgestaltung und Regulierung des eigenen,  individuellen Lebens. Autonomie als Lebensziel wird so zu einem Elementarbegriff der menschlichen Kultur. Diese Ziel wird im Laufe des Lebens erweitert, ergänzt, korrigiert.

In der Moderne wird die Idee der Autonomie, die aktive Selbstgesetzgebung und damit die Bestimmung meines Lebens durch mich selbst, also Selbstbestimmung, zum obersten Wert im Leben, dem es nachzustreben gilt. Selbst Menschen, die die Selbstbestimmung anderer bekämpfen und zu vernichten trachten, argumentieren für sich selbst in ihrem Tun noch mit dem Anspruch, darin sich selbst bestimmen zu dürfen. Selbstbestimmung ist also meines Erachtens das, was Philosophen transzendental notwendig nennen. D.h. Selbstbestimmung ist ein Begriff, den man noch braucht und beansprucht, selbst dann, wenn man ihn verneint. Nur ein anderes Beispiel zur weiteren Illustration: Das gilt etwa für die größten Lügner, die noch in der Lüge beanspruchen, die Wahrheit zu sagen. Lügner kommen nicht ohne den Anspruch der formellen Wahrheit aus, dieser Anspruch ist in unserem Geist also „unabwerfbar“ angelegt.

Selbstbestimmung ist also im Blick auf unsere menschliche geistige Verfassung vom Menschen selbst als Idee gar nicht mehr zu beseitigen, Selbstbestimmung ist sozusagen selbst noch in der Leugnung eine notwendige Idee.

Um weiteres Profil zu gewinnen:

Wir müssen an der Stelle an Kant erinnern. An seinen Aufsatz in der Berlinischen Monatsschrift von 1784: Da wird der persönliche Schritt in ein aufgeklärtes Leben, das zu einem autonomen Leben führt, vom Mut des einzelnen abhängig gemacht. Da geht der Philosoph Kant also ins Psychologische über, eine interessante Perspektive! Im „Eisler Kant Lexikon“ heißt es u.a.: Mut ist die Fassung des Gemüts, die Gefahr mit Überlegung zu übernehmen“…. Der Mut kann auch durch Vernunft erweckt und so wahre Tapferkeit sein („moralischer Mut“); er bildet als solcher das Wesen der Tugend.

In der Berlinischen Monatsschrift von 1784 schreibt Kant: „Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung“. Ohne Mut kein eigenes, aufgeklärtes Leben, ohne Aufklärung keine Autonomie und Selbstbestimmtheit.

Nur am Rande noch erwähnt: Volker Gerhardt weist in seinem Lexikonbeitrag „Selbstbestimmung“ (Enzyklopädie der Philosophie, Meiner Vl.,  Band III)  darauf hin, dass Selbstbestimmung schon in der griechischen Antike gedacht wurde. Das Thema, der Topos ist damals ansatzweise da. Schon bei Platon: „Die Bürger sollen die Eigengebietenden sein: „aut- epiaktikoi“. Im Leben des Sokrates wird deutlich: Es gibt die Möglichkeit der Herrschaft über sich selbst mit dem Ziel der Selbstgenügsamkeit. Schließlich Aristoteles: „Man muss wissen, wer man selbst ist, wenn man handeln will“. Dann wird an Pico de la Mirandola erinnert, (a.a.O. S.241): Er denkt an die biblische Schöpfung durch Gott; in einem Mythos lässt er Gott zum Menschen sagen: „Du sollst deine Natur ohne Beschränkung nach deinem freien Ermessen, dem ich dich (also Gott) überlassen habe, selbst bestimmen“. D.h.: Der Mensch soll sich von sich aus selbst  frei zu der von ihm selbst gewonnen Form ausbilden.

Wie komme ich zur Selbstbestimmung? Da muss auf das zentrale geistige Phänomen hingewiesen werden: Es gibt eine Art Aufruf zur Selbstbestimmung in mir, sie geschieht in der Prüfung dessen, was mir gesagt wird oder vorgeschriebenen wird mit meinen tatsächlichen Wahrheitsbewusstsein.

Zwei Fragerichtungen sind da wichtig:

Ist das mir von außen Vorgeschriebene vernünftig, ist es Ausdruck des Willens aller, etwa in einem Staat, oder ist es Ausdruck diktatorischer Willkür.

Und wenn ich mein persönliches „Anliegen“ betrachte, das Lebensziel, das ich mir gesetzt habe: Ist es wirklich mein eigenes Anliegen, das ich da verfolge, oder habe ich Sprüche der Gesellschaft, der Werbung, schon soweit übernommen, dass ich diese Fremdbestimmung gar nicht mehr merke.

– Im Prozess der Findung von Selbstbestimmung gerate ich in eine tiefe Fragebewegung hinein, werde in mich selbst geführt, mich kritisch zu betrachten.

– Autonomie und Selbstbestimmung gelebt sind sichtbarer Ausdruck menschlicher Freiheit, und sie sind das Ziel menschlicher Freiheit. In der Autonomie, geleistet durch aktive Selbstbestimmung, will ich das Glück, das gelingende Leben, leben.

– Es gibt kein subjektiv geleistete Streben nach Autonomie vom existentiellen „Nullpunkt“ aus: Ich bin immer schon in eine Kultur z.B. hineingesetzt, hineingestellt, in eine bestimmte Sprache, in eine Gesellschaft usw…Der individuelle Spielraum ist zwar da, aber es ist immer ein begrenzter Spielraum. Diesen begrenzten Lebensspielraum sollen wir gestalten nach unseren eigenen Vorstellungen, damit wir es selbst sind, die unser begrenztes Leben leben und gelebt haben und dadurch in Selbstachtung existieren können.

– Tatsache ist aber auch, dass alles autonome Handeln des Subjekts stets auch von einem Lassen geprägt ist, darauf hat Martin Seel ausführlich hingewiesen. Indem ich mich für A entscheide, kann ich eben nicht B oder C tun, d.h. ich muss B und C lassen, beiseite lassen. Alles Tun, also auch alle aktive Selbstbestimmung, ist immer auch lassen.

– Bei Kant ist wichtig die Verbindung von Autonomie und Moralität: Autonomie kann nie nur MEINE Autonomie sein. Es gibt nur die gemeinsame und allgemeine und deswegen vernünftige Autonomie. Es gibt einen Maßstab für das, was gemeinsame Autonomie werden kann. Das Kriterium ist sicher der Kategorischer Imperativ. Also, verkürzt, die Frage: Kann meine Maxime allgemeines Gesetz werden? Auf Autonomie insistieren hat nichts mit einem Kult der Individualität als abgekapselter Gestalt des Ich zu tun, hat nichts mit egozentrischer Fixierung und Glorifizierung zu tun. Autonom können immer nur letztlich alle sein in einer Gesellschaft, einem Staat, einer Kirche.

– Autonomie braucht Gesetze: Das ist wohl der Fehlschluss der sogen. Autonomen heute, die offenbar ihre eigenen Gesetze absolut nehmen und die Gesetze anderer, so problematisch sie im einzelnen auch sein mögen, bekämpfen mit Gewalt. Der wahrhaft autonome Mensch schafft sich in einem langem Prozess der Verständigung mit anderen Gesetze, die immer weiter natürlich ausgebaut und korrigiert werden müssen im Sinne Autonomie für alle in Gerechtigkeit.

– Diese Gesetze können nur in einem demokratischen und nicht einem diktatorischen Staat entstehen, (an dem Unterschied beider Staatsformen müssen wir festhalten, selbst wenn Demokratie ewig verbesserlich bleibt, so ist doch etwa der qualitative Unterschied zwischen den Staat Nordkorea und Schweden oder Holland evident).

– In den Gesetzen finde ich eine Grenze meiner Selbstbestimmung in Bezug auf die legitime Selbstbestimmung der anderen. Wenn etwas gesetzlich erlaubt ist, wird man niemanden existentiell kaputt machen können und dürfen, der sich innerhalb des Erlaubten bewegt. Da darf man nicht die eigene Moralität mit den allgemeinen Gesetzen verbinden.

– In den Gesetzen muss den moralischen Vorstellungen unterschiedlicher Menschen entsprochen werden. Gesetze sind nie ohne Moral, aber sie dürfen nie nur einer bestimmten Moral einer Partei oder einer Religion entsprechen. In den Gesetzen der Demokratie finden sich wenigstens auf kleinem,  gemeinsamen Nenner verschiedene Moralitäten wieder.

– Zum tiefen Verständnis von Autonomie gehört aber wohl auch die  „passive Hinnahme“ von etwas, das nicht meiner eigenen unmittelbaren (selbstbestimmenden) Aktivität entspringt. Beispiel: Der künstlerische Prozess: Dem Künstler geht kein anderer zur Hand. Es „geschieht“ mit ihm etwas im schöpferischen Prozess. Da fallen dem Künstler Einsichten zu. Im schöpferischen Prozess ist der Künstler nicht mehr Herr seiner selbst. Aber seine Werke können dann doch besprochen und beurteilt werden, etwa als Kitsch oder Fälschung entlarvt werden.

– Das passive Berührtsein von einem geschenkten Ereignis/einer Einsicht kann auch im Erleben der Kunst geschehen. Es gibt die Momente der Gabe, des Beschenktseins von etwas und mit etwas, das ich nicht aus mir gemacht habe.  Kunst ist etwas, das ins Mysterium des Lebens hineinreicht. Das reicht auch an den Geniebegriff heran. Ein „klassisches“ Genie ist nie autonom, nie Herr seiner selbst.  Kant sagte: Das Genie ist ein eigentümlicher Geist. Der Künstler weiß letztlich nicht ganz genau, was er schöpferisch vollzieht..

– Es gibt hier auch die Beziehung zur Religion: „Vom Kunstwerk wird man ergriffen“, sagt Schiller.

– Von der Erfahrung einer transzendenten Wirklichkeit wird man ergriffen. Aber muss danach darüber sprechen und kritischen Fragen standhalten. Bekennen allein genügt nicht.

Andererseits: Wenn ich mich dann religiös, konfessionell usw.  explizit binde, dann darf mein elementares menschliches Bedürfnis nach  Autonomie nicht außer acht gelassen werden. Insofern gilt: In einer Gesellschaft autonomer Menschen muss auch die Religion freiheitlich und eben nicht der Selbstbestimmung zuwider sein. Kant spricht ausdrücklich von vernünftiger Religion in seiner Aufklärungsschrift und natürlich auch in „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“.

– Unsere Vernunft tritt auch der verfassten Religion kritisch gegenüber und prüft: Fördert sie meine Autonomie oder nicht?

Danach entscheiden wir unsere Zustimmung zu dieser Religion, zumindest heute, in Zeiten, wo Religionsfreiheit in einigen Staaten als Recht existiert und nicht bloß proklamiert wird.

– Wenn die Erfahrung autonomen Handelns grundlegend ist für das geistig-leibliche Dasein des Menschen, wenn es ohne diese Erfahrung von elementarer Autonomie nichts gibt im Leben als Freiheit- und Menschsein ist Freiheit: Dann zehrt alles geistige Leben von dieser Kraft der inneren Autonomie. Man darf wohl soweit denken und sagen: Darin zeigt sich etwas Heiliges, zu Ehrendes, zu Pflegendes um seiner selbst willen. Hans Joas schreibt: „Für Durkheim ist der Glaube an die Autonomie der Vernunft des Individuums das Dogma des Sakralitätssystems des Individuums“ (Hans Joas, Sakralität der Person, Suhrkamp Verlag, 2011, S 95).

– Worauf die Debatte über Autonomie hinausläuft: Es gibt eine Erfahrung von Evidenz, also der unbezweifelten Gewissheit, dass wir immer schon Autonomie als höchsten Wert wollen, dass wir Selbstbestimmung für uns und alle Menschen wollen.

Es gibt etwa Studien amerikanischer Historiker, wie etwa Lynn Hunt, die zeigt: Wie unter den freieren Bürgern etwa im 18. Jh. ein Widerwille entstand, Folter zu sehen, Folterer zu schätzen. Es ist dann für diese Menschen nicht länger evident, dass, wie kulturell behauptet, Folter normal und gut ist. Es entwickelt sich eine evidente Abscheu, die in der Überzeugung gipfelt: Auch die Gefolterten haben ein Anrecht auf Selbstbestimmung. Da sollten wir wohl Menschenwürde sagen!

– Wir gelangen also durch die Reflexion auf die Selbstbestimmung bzw. Autonomie zum Begriff der universalen Menschenwürde eines jeden.  Das ist eine Idee, die es festzuhalten gilt, auch wenn so vieles faktisch auch heute in einem Zeitalter, das Aufklärung sucht, dagegen spricht. Diese Hochschätzung der Autonomie verbindet Menschen aller Konfessionen und Atheismen. Dieser Glaube an die allem voraus liegende Autonomie als Sakralität der Person ist sozusagen die Basis- Religion der Menschheit. Das sah Emile Durkheim so. Wir Menschen stehen also vor aller konfessionellen Spaltung auch in einem Raum gemeinsamer Autonomie/Sakralität der Person.

Copyright: Christian Modehn, Berlin. Religionsphilosophischer Salon.  29.3. 2014

 

 

 

 

 

Was hat das Denken mit dem Glauben zu tun?

Den Abschied feiern
Die neuen Tempel der Trauer 
Von Christian Modehn

Wer geht schon gern zum Bestatter? Von den Erben gutbetuchter Immobilienhändler einmal abgesehen oder den Nichten und Neffen millionenschwerer Hollywood-Stars. Die meisten Menschen machen einen großen Bogen um Bestattungsunternehmen: Bleich sind die Fenster, grau die Vorhänge. Sie verwehren den Blick ins Innere der Geschäfte; schließlich ist hier „Pietät“ angesagt. Manche dieser Läden heißen „Abschied“ oder „Heimkehr“. Neben den Urnen verbreiten Schwarz-Weiss-Fotos von Friedhofsengeln einen kalten Charme. Im Halbdunkel der Bestatter Büros glaubt der Besucher einen morbiden, leicht süßlichen Geruch zu spüren. Er legt sich wie ein Schleier auf die ausgestellten Särgen und die weisse Totenwäsche.
Ganz anders das Haus der Begegnung in Hannover Buchholz: Im Foyer stehen Kaffeehaus Tische, sie laden ein zu verweilen, eine Tasse Tee zu trinken, Zeitschriften zu lesen, mit den Mitarbeiterinnen zu plaudern. Die Herbstsonne erfüllt den hell ausgemalten Raum. In der Mitte einige Skulpturen afrikanischer Künstler, umgeben von Birken und Lorbeer – Bäumen, die fast bis an die Decke reichen. In Bodenvasen sind frische Blumen. Ein Bestattungshaus der besonderen Art! Friedrich Pagel schaut hier öfter mal vorbei: 

Ich kenne ja einige Bestattungssachen, zum Beispiel meine Eltern, meine Schwiegereltern und und und. Wie das da so gelaufen ist, man ging rein, man war froh, wenn man wieder draussen war. Und hier ist das so offen, und auch die Gestaltung ist so wunderbar drin. Allein schon, wenn man reinkommt:  Der Empfangsraum. Ich sag mal so: Jeder Spaziergänger könnte hier reinkommen. Es sind immer Ausstellungen hier usw. Kein Bedrückungsgefühl, kein Nichts. Sondern man kann hier frei offen rein, mit freiem Herzen.

Friedrich Pagel hat sich mit den Bestattern angefreundet. Vor allem Andrea Condag hat ihm beigestanden in tiefstem Schmerz, war ihm nahe wie eine liebe Verwandte. Denn die Pagels hatten es besonders schwer: Der einzige Sohn war nach langer Krankheit an Krebs gestorben, die Eltern hatten ihn gepflegt. Sie waren am Ende ihrer Kräfte. In dieser Situation war die Bestatterin die einzige Stütze:  
 
Sie hat uns zu Hause aufgesucht. Und die ganze Art, wie sie das gebracht hat, war für uns eine enorme Erleichterung. Auch in seelischer Art. Und dann die Form der Bestattung, die Trauerfeier. Man konnte erst mal die eigenen Wünsche vorbringen, was an Musik oder sonst irgendwie. Und dann die Trauerrede, die sie gehalten hat. So wunderbar. Wir haben von hier eine Erleichterung erfahren, kann man sich gar nicht vorstellen.

Das Haus der Begegnung in Hannover bietet zwar alle üblichen Dienstleistungen eines Bestatters. Aber jeder Besucher ist willkommen, selbst wenn der „Trauerfall“ weit zurückliegt. Alle zwei Monate gibt es eine neue Ausstellung, an manchen Abenden wird Poesie vorgetragen, kleine Kammer-Konzerte sind meditative Pausen im Alltag, am Totensonntag gibt es eigene Gedenkveranstaltung, Auch Kurse zum kreativen Umgang mit Blumen und Pflanzen werden angeboten. Bei einem seiner Besuche hat Friedrich Pagel sein Herz ausgeschüttet: Seine Frau ist inzwischen so schwer erkrankt, dass es geboten ist, die eigene Bestattung zu planen:

Meine Frau, die ist nicht in der Lage mehr, Entscheidungen zu treffen. Denn sie hat Alzheimer. Sie kann keine Entscheidungen mehr treffen. Aber ich weiss, dass dann von hier es entsprechen gestaltet wird. Das ist eine Beruhigung. Sollte meine Frau vor mir sterben, dann weiss ich, dass ich von hier gut betreut werde und auch in entsprechender Form getröstet werde über alles.

Bestatter, die trösten: Das ist etwas anderes als das sanfte Klopfen auf die Schulter; das ist anspruchsvoller als nur ein paar Sätze zu murmeln, wie „Kopf hoch“! „Es wird schon wieder“. Im Haus der Begegnung in Hannover ist eine eigene Trauer – Begleiterin angestellt, sie ist evangelische Theologin. Auch als Rednerin für „konfessionsfreie Abschiedsfeiern“ steht sie zur Verfügung. Menschen, die aus der Kirche ausgetreten sind, nehmen das Angebot gerne an. Der religiöse Umbruch, wie etwa der Abschied von den Konfessionen, ist in einem Bestattungshaus besonders deutlich zu spüren. Andrea Condag:

Es ist ja so, dass Kirche ihre Aufgabe in dem Maße gar nicht mehr wahrnehmen kann, wie es früher geschehen ist. Die Gemeinden werden halt immer grösser und die Betreuung durch die Pastorinnen und Pastoren kann in dem Ausmaß nicht mehr gewährleistet  werden. Und insofern denke ich, dass der Bestatter da wirklich eine sehr wichtige Funktion einnimmt. Im seelsorgerlichen Bereich gerade dann auch, zumindest im Betreuungsbereich. Für Angehörige dazusein, Zeit zu haben ist ein ganz wichtiger Faktor.
 
In einem freundlichen hellen Saal wird die Trauerfeier gestaltet, bevor die Beisetzung stattfindet. Trauerkultur muss alle Hektik vermeiden: Die Angehörigen können in kleinen Zimmern am offenen Sarg Abschied nehmen von ihrem Verwandten, dem Freund, dem Nachbarn. Sie können ungestört ihrer Trauer Ausdruck geben, können weinen, klagen, schreien, oder einfach nur still dasitzen. Manche suchen auch das Gespräch mit den Mitarbeiterinnen. Andrea Condag:  

Wir haben in diesem Haus ganz vielfältige Möglichkeiten, auf individuelle Wünsche  von Angehörigen einzugehen. Wir haben die verschiedenen Abschiedsräume, in denen man sich unheimlich viel Zeit nehmen kann. Wir bieten eben die Möglichkeit, wenn ein Verstorbener hier aufgebahrt wird, dass Angehörige sich den ganzen Tag, das ganze Wochenende Zeit nehmen können, um hier Abschied nehmen zu können, im gleichen Raum, mit dem Verstorbenen zusammen.

Mit dem Tod leben. Ihn aus der Tabuzone des Verdrängens und Verschweigens befreien: Darin sehen die Mitarbeitern im Haus der Begegnung ihre wichtigste Aufgabe. Darum sind Volkshochschulen und Gymnasien, Gemeindekreise, Elternvereine oder Künstlergruppen immer als Besucher willkommen. Ingo Meyer-Wahlers ist der Geschäftsführer: 

Vor kurzem hatten wir eine Kindergruppe hier, wurde sehr positiv aufgenommen von den kleinen Kindern,  die natürlich gar nicht wissen, was ist das eigentlich, ein Bestattungsunternehmen. Dabei waren Erzieherinnen, dabei waren die Eltern, die hier durch die Räumlichkeiten gegangen sind. Hier treffen sie wirklich Trauernde, die auch hier waren in dem Haus zum Zeitpunkt dieser Veranstaltung, die also hier Gespräche geführt  haben. Und in einem anderen Raum haben wir ein Theaterstück aufgeführt. Das ist die Begegnung in der klassischen Form, aber so ist auch die gewollt. Wir wollen hier tatsächlich eine Plattform bieten für gesellschaftliche Gruppierungen, die sich hier austauschen können. Dass man einfach sagt: Dieses Haus ist für uns Normalität, das ist  Kultur wird angeboten in diesem Haus. Und der Rahmen ist tatsächlich das Bestattungsunternehmen.

Kaffeehaus Musik in einem Berliner Salon der besonderen Art: Leichter Weißwein wird serviert; ältere Damen bevorzugen ein Glas Tee, sie halten sich auch an den Apfelkuchen. Die etwas Jüngeren greifen zu den Kanapees. Die Stimmung ist fröhlich, aber nicht ausgelassen: 40 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Sozialstationen und Pflegeeinrichtungen haben gerade an einem „Informations-Nachmittag“  teilgenommen: Sie wurden durch das Haus der Begegnung in Berlin-Charlottenburg geführt. Jetzt sitzen sie in einem Raum, der wie ein gemütliches Café wirkt:

Kaffee-Haus-Musik beim Bestatter: Die Firma Ahorn-Grieneisen hat sich für ein neues Konzept entschieden. Nicht nur in Hannover, auch in Leipzig, Halle und Berlin, wurden in den letzten Monaten neue, großzügig angelegte Häuser für eine neue Kultur des Abschieds, des Sterbens und des Todes errichtet: In der architektonischen Form sind sie alle ähnlich: Neben den kleinen Bistrots für Empfänge gibt es immer auch ein lichtes Foyer, das einen meditativen  Charme hat; die kleinen Springbrunnen und die uralten Steine erinnern vielleicht an einen buddhistischen Garten. In jedem Fall: Ein Ort zum Verweilen, Plaudern, Nachdenken ist entstanden. Das kommt bei den Besuchern an:  

Es wirkt alles sehr warm, von den Farben her auch, dass man sich gleich wohlfühlt. Nicht überfrachtet. Und es tröstet einfach die Atmosphäre drumrum;  dass sich Menschen Mühe gegeben haben in der Gestaltung, und da sind und Wärme und Zuspruch geben wollen, Trost geben wollen. Wenn sie rauskommen, dass sie doch wieder lächeln können. Und ins Leben gehen. Und das denke ich, ist hier gut gelungen.

Frau Scholz berichtet von unmittelbaren Eindrücken. Im Keller befinden sich das Sarglager und die Kühlräume für die Leichen. Parterre gibt es den grossen Abschiedsraum, den manche auch Kapelle nennen: Hier ist ausreichend Platz für 100 Trauernde. Die Stühle können individuell auch zu kleinen Runden zusammengestellt werden. Ein Altar steht zur Verfügung, auf den auch ein Kreuz gestellt werden kann. Musik kann von CD-Playern zugespielt werden, selbst dezente Filmaufnahmen sind möglich. Hier fanden schon Trauerfeiern für buddhistische Mönche statt. Der Weihrauch-Duft hat dann noch tageslang das ganze Haus erfüllt. Auch Muslime kommen gern hierher, betont der deutsche Imam Mohammed Herzog: 

Bei uns ist ja wichtig die dreimalige Waschung, die Einbettung in drei weisse Tücher. Das findet im Erdgeschoss statt. Und wenn die Angehörigen gerne wünschen, dass sie ihren Toten noch mal sehen möchten, dann wird er hier in einem Raum aufgebahrt. Wird gross in Anspruch genommen. Also die Moslime nehmen das schon in Anspruch. Wenn wir Moslime etwas hier haben, dann ist klar, dass in diesem Raum dann kein Kreuz hängt, dann nehmen wir es ab. Wenn ein Buddhist eine Beerdigung hat, wird es auch abgenommen, dann kommen ihre Sachen rein. So wie, die Angehörigen es gerne wünschen.   
Mariachi-Musik. Eine mexikanische Band zu Gast im Berliner Haus der Begegnung. Sie spielt Lieder, die in Mexiko die Trauerfeiern umrahmen.

Das Toten – Gedenken im Alltag pflegen: Ein Anspruch, dem sich das Haus der Begegnung stellt: In Zeiten der Globalisierung gehört dazu auch die Kenntnis von Toten-Riten ausserhalb Europas. Der Arzt Dr. Kay Blumenthal-Barby berichtet in einem Vortrag im vollbesetzten „Haus der Begegnung“ über seine Beobachtungen zur Trauerkultur in Mexiko:

Eine prachtvolle Dame, reich geschmückt,  sie symbolisiert, dass der Tod dort viel leichter genommen wird als hier, dass man sich über ihn lustig macht. Dass man Todesanzeigen für Freunde in die Zeitung setzt, die sich bester Gesundheit erfreuen oder seiner Fußballmanschaft ein schlimmes Schicksal vorhersagt. Nicht genug damit. Kinder sind auf der Strasse am Toten-Köpfe knabbern, da ist Zuckerguss drin. Alles Einstellungen zu Sterben und Tod, die ganz entscheidend den unseren widersprechen. Aber die Menschen erfüllt. Am 2. November beim Totenfest auf den Friedhöfen ihre Toten empfangen und bewirten und gemeinsam feiern und mit ihnen tanzen.
 
So weit wird es in Deutschland nicht kommen. Aber einen neuen, einen weniger verkrampften Umgang mit den Toten wünschen sich die Bestatter vom Haus der Begegnung schon. Der wichtigste Schritt in diese Richtung: Das Aufbahren der Toten in den eigens geschaffenen Abschiedsräumen! Daran liegt dem Bestatter Hans-Jürgen Barth ganz besonders:
 

Wir haben die Erfahrung gemacht, dass es für die Menschen  sehr wichtig ist, diese letzte Begegnung mit einem lieben Menschen zu haben. Und das nicht in einer Atmosphäre wie es oft noch in Berlin ist, auf Friedhöfen, in Kellern, in der Dunkelheit oder teilweise auch hinter Glasscheiben. So wird wirklich hier die Möglichkeit gegeben, auch in Sichthöhe, wir haben extra diese Wagen anfertigen  lassen,  Kontakt zu haben.  Noch mal anzufassen, noch mal zu streicheln, Worte mit dem Verstorbenen zu wechseln. Das geht hier von 5 Minuten bis 5 Stunden. Und diese Zeit können Menschen haben. Menschen haben  Angst vor dem Tod , und die trauen sich im ersten Moment nicht, den Toten noch mal anzufassen. Das können wir begleiten, indem sie Blumen mitbringen. Darf ich denn jetzt. Fass ihn mal an, dann verlieren sie Scheu. Darf ich denn noch mal einen Kuss geben? Natürlich. Wir haben das geklärt, dass das möglich ist. Es gibt auch Leichen, wo es nicht möglich ist, wo es aus hygienischen Vorschriften verboten ist, da müssen wir sagen. Das geht leider nicht. Aber das sind die absoluten Ausnahmen. Und das tut den Menschen gut, noch mal den letzten Kontakt zu haben. 

…Denn nun wissen sie aus eigener Erfahrung: Die Mutter, der Onkel, die Freundin, sind wirklich tot. Sie sind nicht irgendwohin verreist, wie es die Phantasie so gern einredet. Nein! Sie leben wirklich nicht mehr. Definitiv, endgültig! Wer das erfährt, kann menschlich  Abschied nehmen, ohne dabei in Melancholie oder gar depressive Stimmungen zu fallen. Viele tausendmal sieht ein Fernsehzuschauer im Laufe eines Jahres Tote auf dem Bildschirm. Aber alles Sterben im Spielfilm ist nur virtuell oder, wie in Kriegsgebieten, sehr weit weg. Die Abschiedsräume machen den Tod greifbar, dadurch holen sie den Tod mitten ins Leben der noch Lebenden. Rolf-Peter Lange vom Berliner „Haus der Begegnung“:

Wir haben hier einen kleinen Raum, da passen 5 bis 8 10 Personen rein. Die können den Raum gestalten, noch mal den Lieblingsteppich der Großmutter reinlegen, wir hängen ihr Lieblingsbild auf, ein kleiner Nachttisch mit ihrem aufgeschlagenen Buch. Die Lesebrille drauf. Das ist Erinnerung an eine Abschiednahme. Also ganz persönlich, ganz individuell, wo noch einmal heimische Atmosphäre entsteht. Dann sind die Kinder, die Enkelkinder, Freunde, Verwandte da. Wir können Ihnen nicht den Schmerz nehmen, aber wir können versuchen, Ihnen den Schmerz erträglicher zu machen. Indem wir versuchen die Trauersituation zu analysieren und möglichst viel an Individualität und Humanität mit ein zu bringen.

Auch von den Opfern von Unfällen und Katastrophen sollten sich die Angehörigen unmittelbar verabschieden: Daran hat das Haus der Begegnung gedacht und eigens einen Thanatologen angestellt, einen Todeskundigen; er sorgt sich darum, das Aussehen der Leichen zumutbar zu gestalten: Hans – Jürgen Barth:

Das sind so medizinische Eingriffe, mit einigen wenigen Eingriffen das Bild des Verstorbenen verändern kann, wieder positiv gestalten kann. Denn oft sieht der Tod nicht schön aus. Wir bekommen auch oft Verstorbene, die nicht versorgt wurden in den Krankenhäusern, mit offenen Augen, mit offenem Mund. Auch mit Verletzungen teilweise. Man kann mit wenigen Griffen und Tätigkeiten bestimmte Dinge wieder so hinbringen, dass man den Menschen das anvertrauen kann und zumuten kann. Denn sonst ist das für sie schrecklich. Man muss aufpassen, dass der Tote nicht schöner aussieht wie vorher. Das ist so ein bisschen Amerika.  

Die Mitarbeiter in den Häusern der Begegnung, in Berlin wie in Hannover, in Leipzig wie in Halle, wollen langfristig das Berufs-Bild des Bestatters verändern: Sie wissen genau, dass sie bis heute eher als die technischen, die bürokratischen Fachleute gelten. Oft genug mit dem Image eines korrekten Beamten ausgestattet, der den Trauernden alle äusseren Belastungen, z.B. alle Behördengänge abnimmt. Mit den offenen Angeboten für Trauernde kommen aber auf die Bestatter neue Aufgaben zu. Rolf-Peter Lange:

In dem Augenblick öffnen sich die Menschen, sehen uns als Seelsorger an. Legen ihr
Innerstes  auf den Tisch und es entsteht eine ganz besondere Vertrauenssituation  natürlich auch. Sie haben oftmals niemand. Kinder, Enkelkinder sind weg,  oder sie sind vereinsamt, wenn sie sehr alt, haben niemand! Und wir kommen dann in die Rolle des Seelsorgers, der Vertrauensperson. So endet unsere Tätigkeit  ja auch nicht mit der Beisetzung des Sarges, der Urne. Sondern die Menschen kommen ja auch danach noch mit ihren Sorgen zu uns, weil ja neben der Trauer in der Regel das grosse Problem steht, nun alleine das Leben zu organisieren. Und da kommen 80 Jährige Witwen, die sagen: Ich muss meine Miete überweisen, habe ich nie gemacht,  hat immer mein Mann gemacht. Die kommen zu uns in die Beratungsstelle.  Bringen einen Schwung Post, und sagen, ich weiss hier gar nicht, ich muss die Miete überweisen, also Lebensgestaltende Probleme kommen auf diese Menschen zu, die noch in Trauer sind. Das führt an die Grenzen unserer Kapazität. Wir haben darauf reagiert, dass wir seit Jahren vermittelnd dann tätig werden  Wir vermitteln den Rentenberater, den Notar, wir vermitteln einen Hilfsdienst, wenn ich im Badezimmer ausrutsche,  es kommt ein Notdienst. Wir vermitteln fahrbaren Mittagstisch etc.

„Den Trauernden umfassend beistehen – und alle anderen an den Tod erinnern“: So könnten die neuen Bestatter mit ihren neuen Trauerhäuser ihren Auftrag definieren: Dabei ist deutlich, dass die Dienstleistungen auch ihren Preis haben. Bei Grieneisen Berlin ist das billigste Angebot für 990 Euro zu haben, eine „gehobene Beerdigung“, wie man sagt, kostet schnell 2000 Euro und mehr.

Das ist ein Service, und in diesen Service verpackt ist natürlich auch eine Marketingstrategie. Dass wir sagen, die Menschen sollen ja zu Lebzeiten gerne hier herkommen;  und wir wollen, wenn sie hier Kunst, Kultur erlebt haben, genossen haben. Wir wollen sie auch werben,  dann ihre Trauerfeier hier zu durchführen. Und da wären wir schlechte Geschäftsleute, wenn wir hier abnorme Preise nehmen würden.

Die Trauerkultur in Deutschland ist im Umbruch: Selbst kleinere Bestattungsfirmen erweitern ihre Angebote. Der alte triste Grauschleier wird entfernt, das Design wird sozusagen aufgepeppt: Im Stadtteil Schöneberg zum Beispiel hat das „Berliner Trauer- und Bestattungshaus“ die Büroräume wie gemütliche Wohnzimmer gestaltet. Die Besucher sitzen in Sesseln, können klassische Musik hören, ein Gläschen Wein trinken. Kürzlich wurden 60 bis 80  Teddybärchen in die beiden Schaufenster gestellt. Sie sollen die Passanten auf das tödliche Krebs-Krankheit bei Kindern aufmerksam machen. Etliche bleiben stehen, fragen sich verwundert: Ist das ein neuer Spielzeugladen? Eine Passantin:                                                                                                                                                                                                                                                                                                         

Ich finde es erst mal ein bisschen ungewöhnlich, würde ich sagen, also wenn ich jetzt hier vorbeikomme und ein Angehöriger wäre verstorben, würde ich erst mal denken: Na was haben die hier vor. Vielleicht auch, dass ich denke: Wollen die Tod so ein bisschen verniedlichen. Auf der anderen Seite, wenn man den Menschen begegnet. die hier arbeiten oder die einem entgegen kommen, ist das ja was sehr Persönliches. Also ich könnte mir vorstellen, dass die mich in meiner Trauer ernst nehmen, mich in meinen Fragen, also das kann ich mir gut vorstellen. Ich glaube, dass das die Menschen brauchen. Die brauchen keinen Menschen, der hinter einem Schreibtisch sitzt, und sagt: Welchen Sarg möchten Sie sich aussuchen. Sondern der sagt, kommen sie erst, setzen sie sich erst mal, möchten sie was trinken anbieten, erzählen wie mal, was ist passiert, dann gucken wir mal weiter.

Zum Bestatter gehen….So, als würde man eine Buchhandlung aufsuchen oder das Büro eines Lebensberaters: Das wäre eine Idealvorstellung für ein neues Image des Bestatters. Daran arbeitet der Leiter dieses ungewöhnlichen Trauerhauses „mit den Teddybären im Fenster“.  Marcus Siekmann:

Ich glaube, die Menschen haben hier eher die Möglichkeit,  auch mal nebenbei reinzukommen, und zu sagen: Ich habe eine Frage, können sie mir beantwortet werden. Und sie trauen sich eher in unser Geschäft rein als in andere. Wir müssen den Leuten auch mal vorzeigen, dass ihr Leben nicht damit endet mit der Diagnose, die sie gestellt kriegen. Sondern, dass möglicherweise das Leben erst anfängt, wo sie die Zeit, die sie noch haben, effektiv  nutzen. Auch wenn es das erste und das einzige Mal in ihrem Leben ist, dass sie diese Zeit so bewusst  nutzen. 

Und manche haben dann die Kraft, dass sie ihren eigenen Tod, das eigene Sterben bewusst annehmen, ins Leben integrieren. So verliert das Ende etwas von seinem Schrecken. Manche kommen zu den Bestattern und suchen sich die eigene Urne aus, das erlebt Claudia Marschner immer wieder:

Wenn jemand nicht kreativ genug ist und sich das nicht zutraut, dann haben wir die Möglichkeiten, den Sarg lackieren zu lassen, ihn von einem Siebdrucker bedrucken zu lassen oder von einem Künstler völlig anders umgestalten zu lassen. Aber wenn jemand kommt, der zum Beispiel sagt: Ich bin kreativ genug, gestalte den Sarg selbst, dann ist das auch möglich. Dann wird der einfachste Sarg zur Verfügung gestellt und dann wird hier im Laden oder in Werkstatt kann er dann gestaltet werden. Also ganz konkretes Beispiel, wir hatten mal einen Graffitisprayer, da ist jemand aus dieser ganzen Freundschaftsgruppe gestorben, da war es klar, dass die den natürlich besprühen den Sarg.

Gemeinsam den Sarg bemalen: Ein neues Ritual, das sich im Gedächtnis einprägt. Bestatter sind zunehmend als Gestalter von bescheidenen symbolischen Aktionen gefragt, in denen die Menschen ihre Gefühle angesichts des Todes ausdrücken können. Kondolenzbesuche sind in den Städten heute weitgehend in Vergessenheit geraten; schwarze Trauerbinden auf den Jacken trägt niemand mehr. Die meisten Menschen heute sind eher ratlos, wenn es gilt, die eigene Trauer öffentlich auszudrücken. Das Bestattungshaus „Ahorn Grieneisen“ will mit einer Broschüre die Diskussion vertiefen: „Mut zu einer neuen Trauerkultur“ heisst die neueste Publikation. Einige Vorschläge provozieren vielleicht. Etwa die Empfehlung, am offenen Grab auch mal ein Glas Champagne zu trinken, sozusagen aus Freude darüber, dass das lange, qualvolle Leiden eines Menschen ein Ende hat! Für ein breites Publikum können auch alte Traditionen in neuem Gewand hilfreich sein: Wolfgang Litzenroth vom Hamburger Bestattungshaus „GBI“, dem „Großhamburger Bestattungsinstitut“, ermuntert seine Kunden zum Beispiel immer wieder, eine bewährte Form des Totengedenkens weiter zu pflegen:

Nehmen wir mal das einfache, häufig belächelte Leichenschmaus, in Hamburg heisst das vornehm Kaffee Trinken. Dieses Kaffeetrinken hat ne  Funktion, den Lebenden zu signalisieren: Es gibt noch so was wie Perspektive. Leben geht weiter, Simpel, aus der Situation heraus: Es wird wieder gelacht. Da es gibt Trauergäste, die unterhalten sich über den Verstorbenen, die unterhalten sich über gemeinsame Geschichte. Die treffen sich wieder. Familienzusammenführung ist einer der Aspekte. Man erfährt plötzlich, das Leben geht weiter. Und auch die am tiefsten betroffenen, engsten Angehörigen erfahren das, nehmen das mit wahr.

Die neue Trauerkultur ist in Deutschland noch längst nicht Allgemeingut geworden. Fast jede zweite Beerdigung in Hamburg zum Beispiel findet ohne jede Trauerfeier statt; die Leiche verschwindet sozusagen ohne jede menschliche Anteilnahme. Sie wird verscharrt, sagen manche. Immer mehr Menschen verfügen ihre eigene anonyme Bestattung: Irgendwo landet dann die Urne auf einer Wiese; niemand kennt mehr die letzten Spuren eines Menschen. Die Bestatter beobachten zudem: Viele Angehörige verlangen nur eins:  Bestattungen sollen schnell „über die Bühne“ gehen. Wolfgang Litzenroth vom GBI Hamburg: 
 
Ich bin so weit Realist, dass ich nicht glaube, dass wir eine gesellschaftsweite Entwicklung in Gang setzen können. Aber da wo, wir die Möglichkeit haben, Tod im Gespräch mit anderen zu reflektieren, auf bestimmte Funktionen von Ritualen z.B. hinzuweisen, tun wir das, um einfach ein Bewusstsein zu schaffen aus der Erkenntnis heraus für sich selbst etwas tun zu können. Sie merken, die Ansätze sind sehr bescheiden, wir würden keineswegs so weit gehen, dass wir glauben, Massstäbe setzen zu können, wir wollen im Kleinen agieren, um vielleicht selbst in unserem persönlichen Umfeld eine kleine Veränderung zu erreichen. 

____________________________________________