Eine kleine Philosophie der Sehnsucht.

Thesen und Hinweise von Christian Modehn. Vorgestellt im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon am 15.12. 2017.

Es handelt sich um einige Elemente für eine kleine Phänomenologie der Sehnsucht:

Zuerst möchte ich den Gebrüdern Grimm widersprechen. Sie definierten Sehnsucht, im Rückgang auf mittelhochdeutschen Gebrauch, als „sensuht“, das heißt dann bei Ihnen: Als „Krankheit des schmerzlichen Verlangens“[, so in ihrem „Deutschen Wörterbuch“.

Für mich ist Sehnsucht nicht immer, eher selten, eine Krankheit. Sondern der Grundvollzug geistiger, seelischer und vernünftig-kritischer Lebendigkeit.

Sehnsucht ist ein ständiges Verlangen nach einem „Mehr im Leben“, als Überwindung alles Banalen und Flachen, des jeweiligen persönlichen wie gesellschaftlichen Status Quo. Diese Überwindung gelingt nicht immer. Aber diese Sehnsuchts – Bewegung und Suche ist unverzichtbar. Darin steckt auch Hoffnung, die freilich nie eine Garantie des Gelingens ist.

Unser geistiges Leben ist von einer ständigen Unzufriedenheit bestimmt: Alles, was wir erreichen, ist nicht das Endziel. Alles, was wir meinen verstanden zu haben, enthüllt weitere Probleme. Kein Mensch ist zu durchschauen. Jeder bleibt (Gott sei Dank) geheimnisvoll, um jeden und jede muss man sich weiter bemühen…Das Gelingen ist so selten. Aber es soll gelingen, obwohl man weiß, dass es nicht jetzt „ganz“ gelingen wird. Das ist Sehnsucht.

Einmal im Jahr gibt es ein Fest, etwas rundum Schönes und gute Stimmung Förderndes: Weihnachten. Aber wie oft erlebt man oft auch eine Enttäuschung, und das große Fest ist wieder vorbei. Ist es nur der Kommerz, der uns dazu treibt, irgendwie uns doch weiterhin auf Weihnachten (oder einen Geburtstag etc.) zu beziehen und da obligatorisch zu feiern? Warum feiern nicht unser Leben an einem jeden beliebigen Tag im Regen oder bei Sonnenschein?

Es ist normal angesichts der unerfüllten Sehnsucht zu wissen: Wir Menschen sind gebrochene, zerrissene Wesen. Wir finden kaum zur Einheit. Ganzheit ist ein Traum. Sehnsucht nach dem Schlaraffenland ist idiotisch. Also: Immer stellt sich das Gefühl ein: „Etwas fehlt“. Das ist gut so, es ist dies die Offenbarung unseres Wesens. Die Suche geht weiter, das Hoffen als tätiges Suchen geht weiter. Beim nächsten Mal wird vieles besser, hoffen wir. Letzter Hintergrund ist die Suche nach dem Friedensreich. Bloch nennt das „Heimat“. Ein „Land“, wo noch niemand war, nach dem wir aber verlangen, wenn wir nicht ganz abgestumpft sind. Diese Spannung ist bester Ausdruck des Menschen.

Ernst Bloch sagt in dem Ergänzungsband zur Gesamtausgabe, S. 367, aus einem Gespräch mit Adorno, moderiert von dem bekannten Horst Krüger: „Jede Kritik an Unvollkommenheit, an Unvollendetem, Unerträglichen, nicht zu Duldenden, setzt zweifellos schon die Vorstellung von einer möglichen Vollkommenheit und die SEHNSUCHT nach einer möglichen Vollkommenheit voraus. Es gäbe sonst gar keine Unvollkommenheit, wenn in dem Prozess nicht etwas wäre, das nicht sein sollte – wenn in dem Prozess die Vollkommenheit nicht umginge (also anwesend wäre, CM), und zwar als kritisches Moment. Aber diese Hoffnung ist das Gegenteil von Sicherheit und naivem Optimismus…“

Die Romantik als eine vielschichtige geistige Bewegung von ca. 1790 bis ca. 1840 hat die Sehnsucht energisch als Zentrum geistigen Lebens thematisiert, vor allem als Sehnsucht nach dem Unendlichen, dieses Unendliche muss nicht immer Gott oder das Göttliche sein, dieses ist eher das Nicht-Endliche oder „Über-Endliche“. Diese Sehnsucht findet für die Romantiker Ausdruck im Gefühl, das sie oft stark abgrenzen von der (bei ihnen) eher verachteten Vernunft und Aufklärung.

Da setzt die Romantik bzw. Sehnsuchts-Kritik an, etwa bei HEGEL, in seiner Kritik an Novalis etwa, in Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie, III, Werkausgabe, S. 418. Diese Sehnsucht bei ihm habe keine „Substanz, sie verglimmt in sich und hält sich auf diesem Standpunkt fest“. Hegel spricht von der Extravaganz der Subjektivität, die „häufig zum Verrücktsein führt“ (ebd.) Diese Kritik Hegels ist sicher aus den polemischen Zusammenhängen damals zu erklären.

Die Sehnsucht nach Gott ist offenbar bei allen Menschen vorhanden, wird selbstverständlich je verschieden artikuliert. Aber wenn sich im Erleben des einzelnen diese Sehnsucht nicht erfüllt, kommt dies zur Ablehnung des Göttlichen. In jedem Fall: Auch der Atheismus hat seine Basis in der Sehnsucht nach dem Unendlichen oder auch Nicht-Endlichen.

Weil Sehnsucht als geistiges und auch körperliches Unterwegssein gilt, als unaufhörliches Fragen nach dem Gründenden und Tragenden, wird das erreichte Ziel eigentlich eher wie Stillstand wahrgenommen. Stillstand will die Sehnsucht nicht. Kann sie meditieren?

In jedem Fall: Sehnsucht ist der Widerstand gegen das Erlahmen. Leben wir aber schon in einer Welt, die das Erlahmen bereits fördert und die Sehnsucht gar nicht mehr aufkommen lässt? Andererseits: Ist das Planen und Vollziehen des Bösen auch eine Form von „umgelenkter Sehnsucht“?

Wird Gott als Ziel erreicht, „hat“ man „ihn“ in Formeln und Dogmen, ist eher der Abgott. Die Suche nach dem göttlichen Gott ist wichtiger, als Verlangen, Gott zu haben, zu besitzen etc…Dies ist heute noch in vielen Religionen Realität. Religionen fördern nicht das Fragen, nicht das Suchen, nicht die ständige Sehnsucht. Sie wollen Gehorsam und Stillstand. Darum ist aller Fundamentalismus und Dogmatismus ein Irrtum und eine Schaden für die Seele, weil die geistige Lebendigkeit gestört wird. Stille stehen kann nur sinnvoll sein als Unterbrechung einer Sehnsuchts/Frage-Bewegung.

Im Verlangen der Sehnsucht nach Gott, dem “tragenden Sinn” etc., ist das Gesuchte unthematisch schon (fragmentarisch) anwesend. Sehnsucht nach Gott lebt vom Vorverständnis des Göttlichen, das in uns ist. Der katholische Theologe und Philosoph Karl Rahner spricht von der Offenheit des Geistes für Gott. Also förmlich vom Vorverständnis „des“ Menschen von Gott. Es gibt dieses Ahnen, diese Vermutung: “Das muss doch etwas sein, das mehr ist als der banale Alltag. Weil wir dieses Darüber hinaus über den Alltag in uns haben, sind wir Wesen des Transzendierens“….

Thomas von Aquin, 14. Jahrhundert, sprach vom desiderium naturale, der natürlichen, also der allgemein menschlichen Sehnsucht nach Gott. Ist dies ein fremder Gedanke heute? Er will sagen: Der Mensch ist ständige Sehnsucht nach Sinn. So als, würden sich alle unterschiedlichen Sehnsüchte in einer großen zentrale Sehnsucht bündeln.

Der Begriff Vorverständnis ist die zentrale Kategorie in der Hermeneutik, in der Lehre vom verstehen, wie sie etwa Hans Georg Gadamer („Wahrheit und Methode“) entwickelt hat. Wir können uns nur fragend auf die vielen Phänomene der Welt einlassen, wenn wir immer schon eine Ahnung, ein noch unthematisches Verstehen der gesuchten Sache haben. Alles was wir kennen und lieben und wissen, das hat sich schon in einem Vorverständnis in uns vorgefunden. Die Frage: Gibt es noch das Neue, das „total Überraschende“? Sofern wir dieses „umwerfend Plötzliche“ verstehen und aussagen, ist es doch nicht total neu. Total Neues gibt es nicht, es gibt nur die Korrektur des Vorverständnisses….

Der kanadische Philosoph Carles Taylor, Montréal, sagt: „Man verkürzt heute das Nachdenken über den Menschen um den metaphysischen Hunger (ich sage: Sehnsucht). Dieser Hunger, diese Sehnsucht, nach etwas Größerem, Höherem, kurz nach Transzendenz kann die Ausrichtung eines Lebens gänzlich verändern. Es gibt das tiefe Unbehagen zu artikulieren gegen eine Welt, die sich selbst abschließt. Die tiefste Aufgabe der Philosophie ist, gegen die Verflachung der Welt vorzugehen“. (Interview in: Herder Korrespondenz, 20014, Seite 397.

Es ist interessant, dass Ignatius von Loyola, der Gründer des Jesuitenordens, von den Leuten, die in den Orden aufgenommen werden wollte, vor allem verlangte: Ob sie eine Sehnsucht nach der Sehnsucht haben, sich auf Jesus Christus zu beziehen. Abgesehen davon: Sehr schön wird von der Sehnsucht nach der Sehnsucht gesprochen.

Im Stundenbuch von Rilke, Bd I, 1975, S. 294 lässt Rilke Gott zum Menschen sagen:

Gott spricht zu jedem nur, eh er ihn macht,
dann geht er schweigend mit ihm aus der Nacht.
Aber die Worte, eh jeder beginnt,
diese wolkigen Worte, sind:
Von deinen Sinnen hinaus gesandt,
geh bis an deiner Sehnsucht Rand;
gib mir Gewand. (geschrieben am 4.10.1899 in Berlin-Schmargendorf !)

Ein Kommentar: Der Mensch soll Gott ein Gewand geben, das heißt der Mensch soll Gott sichtbar machen in der Welt. Aber Gott will, dass wir bis an den Rand unserer Sehnsucht gehen.

Heinrich Böll denkt an die Gebrochenheit des Menschen in der Welt und die Sehnsucht, dass der einzelne wahr – genommen wird und sagt: : „Die Tatsache, dass wir eigentlich alle wissen, auch wenn wir es nicht zugeben, dass wir hier auf der Erde nicht zuhause sind, nicht ganz zuhause sind. Dass wir also noch woanders hingehören und von woanders herkommen. Ich kann mir keinen Menschen vorstellen, der sich nicht, jedenfalls zeitweise, tageweise oder auch nur augenblicksweise, klar darüber wird, dass er nicht ganz auf diese Erde gehört. Und das hat nicht nur soziale und gesellschaftliche Gründe. Es sind auch die Schwierigkeiten, sich mitzuteilen, sich darzustellen…. Der Wunsch, die Sehnsucht, erkannt zu werden, (also grundsätzlich bejaht zu werden CM) führt in eine andere Welt“ …(Karl – Josef Kuschel, Weil wir uns auf dieser Erde nicht ganz zu Hause fühlen“ (Piper, 1986, S. 65 f).

Zu Erich FROMM:

Der Mensch sucht danach, Machtlosigkeit, Verlorenheit, Isoliertsein zu überwinden. Er will sich zu Hause fühlen. Dies ist das Bedürfnis nach Bezogenheit und nach Transzendenz. Dies sind existentielle, psychische Bedürfnisse. Sie können sich als Sehnsucht äußern. Der Mensch hat physiologische Bedürfnisse und existentielle Bedürfnisse. Es gibt menschliche und unmenschliche Bedürfnisse.

Das Problem ist: Gibt es außer dem angeborenen Wunsch nach Freiheit auch eine instinktive Sehnsucht nach Unterwerfung? Und wenn es diese nicht gibt, wie ist dann die Anziehungskraft zu erklären, welche die Unterwerfung unter einen Führer heute auf so viele ausübt? Unterwirft man sich nur einer offenen Autorität, oder gibt es auch eine Unterwerfung unter internalisierte Autoritäten, wie die Pflicht oder das Gewissen, unter innere Zwänge oder anonyme Autoritäten wie die öffentliche Meinung?

Die politische Sehnsucht: Niemals darf die politische Dimension der Sehnsucht vergessen werden. Sie ist wohl die Basis aller Reflexionen zur Sehnsucht. Auch die Frühromantik hatte explizit progressive politische Ziele! Die Sehnsucht nach der besseren und gerechteren Gesellschaft (siehe Bloch) lebt immer auch von religiösen Motiven. Ohne die Sehnsucht nach einem besseren Leben würden die Verarmten in den Ländern Afrikas und Lateinamerikas kaum überleben. Religionen, Kirchen, können diese revolutionäre Sehnsucht beruhigen und stilllegen! Stichwort: “Opium des Volkes“.

Die 300.000 Menschen etwa in den riesigen Slums von Nairobi, Kenia, die dort vom Land hin geflüchtet waren, haben die Sehnsucht nach der Heimat, ihrer Heimat, der Natur, bewahrt. Sie sehnen sich nach einem Leben außerhalb der Müllberge und der Krankheiten. Aber wahrscheinlich verhungern sie vorher schon im Dreck.

Diese total inhumanen Zustände weltweit, mit dem Schrei der Sehnsucht nach Menschenwürde und Menschenrechten, darf niemand vergessen, der sich hier im reichen Europa der schönen Sehnsucht in gemütlichen Weihnachtsstuben und dem Sing Sang von „Stille Nacht“ hingibt, und eben auch singt: „Alles schläft“… Aufwachen kann nur, wer Weihnachten aus dem eher regressiven und theologisch dumm machenden Sing Sang der Weihnachtssongs befreit und Weihnachten als Fest der Menschenrechte feiert. „Gott wird Mensch“, heißt es klassisch theologisch zu Weihnachten. Das heißt: Jeder Mensch ist von göttlichem, absoluten Wert! Daran müssen wir … politisch arbeiten. Die innere Kraft dazu, um es mal pathetisch zu sagen, finden Menschen, die sich an den vernünftigen Kern der Weihnachtserzählung halten, im Glauben, im Glauben daran, dass eine gerechte Welt möglich ist. Und dies kann man je mal denkend feiern, etwa am 25. 12. , ohne Regression, ohne das vom Konsumrausch verdorbene Trallala der banalen “Weihnachten”.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Schwierigkeiten mit Weihnachten … und wie sie überwunden werden.

Hinweise von Christian Modehn am 18.12.2017

Meine schon früher, am 6.12.2017,  veröffentlichten Hinweise zu den theologischen und religiösen Schwierigkeiten mit Weihnachten haben einiges Interesse und einige Nachfragen gefunden.

Weihnachten wird ja auch heute von vielen, aufgrund von früherer Indoktination und volkstümlicher Frömmigkeit, gefördert durch die üblichen Weihnachtslieder, als „Kommen Gottes in die Welt“ verstanden: Also etwa so: Gott greift punktuell mal in die Welt ein und sendet seinen göttlichen Sohn in der Gestalt des Kindes in der Krippe usw. Ich nenne nur zwei Beispiele:

Im Gemeindebrief (Dezember 2017) einer katholischen Gemeinde in Berlin-Schöneberg schreibt der Pfarrer, ein Dr. theol.: „An einem Punkt in Raum und Zeit trat Gott selber als Kind in unsere Welt“. Die Frage ist: War er, Gott, vorher etwa nicht da? Eine angesehene ökumenische Zeitschrift stellt Ende 2017 die merkwürdige (ich meine: falsche) Frage: „Wie kommt Gott in die Welt?“ Und ein von mir eigentlich geschätzter Theologe gibt dann darauf eine knappe Antwort: „Durch die Menschwerdung des Sohnes Gottes kommt Gott in die Welt“. Wieder dieses mysteriöse Geschehen, Gott kommt mal plötzlich in die Welt…

Ich möchte hingegen vorschlagen: Wer Weihnachten verstehen will als die Geburt des Jesus von Nazareth, muss nicht vom punktuellen Eingreifen Gottes in der Geschichte sprechen und nicht von einem datierbaren Wunder (etwa so: „unter Kaiser Augustus kommt Gott auf die Erde“). Vielmehr: Jesus von Nazareth ist deswegen ein bedeutender Mensch, weil er zur Menschheit und damit zur Welt gehört, die von Gott geschaffen ist. Das heißt: In der von Gott geschaffenen Welt und Menschheit ist Gott von Anbeginn anwesend. Darin hat der Philosoph Hegel recht und mit ihm ein breiter Strom der mystischen Philosophie wie Meister Eckart: Wenn die Welt von Gott her „stammt“, dann bleibt sie auch als Welt mit Gott eng verbunden, ist eins mit ihm. Eine völlig eigenständige Welt neben Gott wäre aber eine Art zweiter Gott. Das würde die Sache noch komplizierter machen…

Nur weil die Welt und die Menschheit mit Gott immer schon verbunden sind und mit ihm eins sind, also Gott selbst in Welt und Menschheit anwesend ist, kann es die bedeutende Gestalt Jesu von Nazareth geben, dem manche so hohe Qualitäten zusprechen, dass sie ihn „wunderbar“, „Retter“ nennen, sogar metaphorisch „göttlich“ finden. Göttlich wie gesagt in Anführungszeichen, denn Jesus von Nazareth IST nicht Gott. Seine Gestalt ist für viele so berührend, dass sie seinem Lebensentwurf folgen und in diesem Nachfolgen ihre persönliche Rettung, ihr Heil, sehen. Jesus von Nazareth ist also erlösendes Vorbild. Weihnachten ist dann nichts anderes als eine festliche Erinnerung an dieses Vorbild, dem man in der Praxis entsprechen kann und sollte. Tolle Lieder alter Art, „Vom Himmel hoch, da komm ich her“ oder „Stille Nacht“ usw. erscheinen dann bestenfalls als hübsche Unterhaltung, als kurze Flucht in angeblich heile Kinderwelten, diese Flucht mag ja verständlich sein bei der Frustration über diese Welt.

Der religiöse Zauber rund um Weihnachten hat nur Sinn, wenn er an das eine und das einzige Wunder erinnert: Dies ist die Schöpfung der Welt und der Menschen durch Gott. Und damit ist jeder und jede schon immer von Göttlichem berührt. Jesus von Nazareth erinnert nur uns nur an diese allgemeine spirituelle „Struktur“ von Welt und Menschheit. Dass es in der Welt de facto immer noch so trostlos aussieht, geht einzig zu Lasten der Menschen, die sich egoistisch verkrampfen und nicht in der Weite des Geistes leben, die etwa in der authentischen Lehre der Menschenrechte ausgesprochen wird.

Wenn man das klassische Bild von Weihnachten noch verwenden will, das da heißt „Gott wird Mensch“, dann bedeutet das in vernünftiger Sicht konkret: Gott „will“, dass wir die Menschenrechte respektieren und von egoistischer, nationalistischer Enge befreit leben. Insofern ist Weihnachten kein Fest der frömmelnden, aber eigentlich nicht mehr nachvollziehbaren Songs, sondern ein Fest der Menschenrechte und der „göttlichen“ Würde eines jeden Menschen. Das haben die Kirchen sehr sehr selten deutlich so gesagt. Und die Konsumwelt erstickt diese Erkenntnis, so dass sie beinahe verschwunden ist.

Zusammenfassend: Die Regression, das Absinken in kindliche Vorstellungen, dominiert zu Weihnachten also. Und daran sind die Kirchen selbst schuld, weil sie kein vernünftig nachvollziehbares Verstehen von Weihnachten anbieten, sondern, sorry, auf dummen Wiederholungen von seit Jahrzehnten bekannten mythologisch wirkenden Sprüchen und Liedchen verharren. Wer Weihnachten feiert, möge bitte das Denken abschalten, könnte die kirchliche Maxime heißen.

Welch ein Jammer, welch eine theologische Schande, wenn man bedenkt, wie viel Energie etwa der einst noch weltweit geschätzte katholische Theologe Karl Rahner SJ darauf verwendete um zu zeigen: Die Schöpfung, also das, was Theologen „Natur“ nennen, ist „immer schon“ von göttlicher Gnade umfangen. „Gott“ ist also auch für Rahner immer schon „in der Welt“. So auch der Titel der berühmten Rahner Festschrift. Und da zeigen sich universale Perspektiven: Gott ist immer schon lebendig in allen Menschen aller Religionen. Jesus von Nazareth offenbart „nur“ diese allgemeine und universale Struktur von Welt und Menschen. Das ist eine andere Perspektive, als diese dummen Songs „Leise reiselt der Schnee“ oder „O Tannenbaum“ uns vorgaukeln. Mit anderen Worten: Die Kirchen sind aufgrund ihrer Abwehr von vernünftiger, allgemein verständlicher Theologie schuld, dass Weihnachten total unter Niveau gefeiert wird. Das ließe sich ändern, wenn endlich Pfarrer und Prediger auf dem Niveau der Theologie predigen würden und nicht bequemer weise alte Sprüche wiederholen.

Was aber wäre gewonnen bei einer vernünftigen, geistvollen Deutung von Weihnachten? Die Menschen bräuchten nur noch an das eine und einzige (!) Wunder ihrer Existenz zu glauben, dass Gott die Welt geschaffen hat und in ihnen lebt. Dies wäre die Antwort auf die radikale philosophische Frage: „Warum ist überhaupt etwas und nicht viel mehr nichts?“

Das Ewige ist immer schon in uns und unter uns. Wir sollten der „göttlichen Bedeutung“ des Menschseins entsprechen, also die Menschenrechte realisieren. Das ist Weihnachten. Und das ist sehr politisch, man denke an die Abweisung der Flüchtlinge aus nationalistischem und egoistischem Wahn der reichen Europäer, die sich einmauern. Das ist allerdings schwieriger, als Stille Nacht zu singen.

Meditative Momente der Schönheit und Ruhe ergeben sich allerdings in der neuen Deutung von Weihnachten wie selbst. Es sind Augenblicke der Herzlichkeit, des Verstehens, des Zuhörens, des gemeinsamen Speisens in Ruhe, der Runde der Freundschaft mit Fremden und Flüchtlingen, des reifen Umgangs mit sich und anderen. Das wäre Gottesdienst. Es ist das Erlebnis von Kunst, die diesen Namen verdient und vielleicht auch das leise Summen von Liedern, die schön und ohne Banalität den Widerschein des Ewigen spürbar machen. Vielleicht ist es Schubert, Vielleicht Leonhard Cohen? Vielleicht Jazz? Jeder hat seine Musik der Stille zur Weihnacht.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Auf der Suche nach dem verlorenen Gott: Religiöse Fragen französischer SchriftstellerINNen von heute

Ein Hinweis von Christian Modehn anlässlich der Frankfurter Buchmesse 2017.

Am Ende dieses Beitrags befindet sich ein wichtiger Hinweis auf die Arbeiten des Theologen Jean – Pierre Jossua, Paris, zur religiösen Bedeutung der Poesie.

Der weltanschauliche Pluralismus in Frankreich ist „bunter“ als in anderen Ländern. In jeder Religion gibt es zudem noch eine große innere Vielfalt. Das gilt auch für den Katholizismus, zu dem sich heute nicht einmal mehr die Hälfte aller Franzosen bekennt. Diese Pluralität gilt für den Islam und die ebenfalls zahlenmäßig starken Religionen Judentum und Buddhismus. Jeder zweite Franzose nennt sich „agnostisch“, unentschieden im Ja oder Nein zu Gott. Das gilt für viele Schriftsteller. Die Gottesfrage ist für sie zwar nicht ganz tot, aber entscheidend ist die Freiheit, das Passende aus religiösen Traditionen auszuwählen. Religionssoziologen urteilen: Franzosen „basteln“ ihre eigene Spiritualität. Die Übersichtlichkeit von einst ist vorbei.

Bis 1960 standen „die“ katholischen Autoren, Mauriac, Bernanos, Mounier, Marcel, „den“ atheistischen Schriftstellern Sartre, de Beauvoir, Gide, Génet gegenüber.

Dabei waren katholischen Autoren nicht immer, wie Léon Bloy, treue Verteidiger der Kirchenlehre: Der ursprünglich extrem konservative George Bernanos entwickelte sich zum heftigen Kritiker der spanischen Kirche wegen ihrer Verquickung mit dem Franco-Regime. Es gab weltanschauliche Polemik, aber es wurden auch Brücken gebaut: Die katholische Kulturzeitschrift ESPRIT förderte in den dreißiger Jahren Debatten mit Atheisten. Katholische Autoren wie Paul Claudel wurden (und werden!) auf den großen Bühnen gespielt. Claudel trat in die Öffentlichkeit, als er von seiner plötzlichen Bekehrung in der Kathedrale Notre Dame berichtete.

Auch heute sind öffentliche Bekenntnisse zur eigenen Spiritualität unter Frankreichs Autoren beliebt. Sie sorgen dafür, dass religiöses Fragen und Suchen die Gesellschaft beleben. Jetzt bekennt der umstrittene Autor Michel Houellebecq: Seit jungen Jahren sei für ihn die Philosophie Schopenhauers maßgeblich, diese buddhistisch inspirierte Zustimmung zum leidvollen Leben. Dabei freut sich Houellebecq aber doch, dass sein „Meister“ „die kleinen Momente unvorhergesehenen Glücks, die kleinen Wunder, schätzte“. An Wunderbares glaubt Houellebecq ohnehin: „Ich habe eine Vorstellung von Religion, die der Magie nahe steht. Das Wunder beeindruckt mich“, sagte er 2015 der katholischen Zeitung „La Vie“. Anläßlich seines Romans „Unterwerfung“ habe er den Koran gelesen: Er bekennt: „Nur die Djihadisten sind es, die eine Islamphobie provozieren“.Houellebecq lehnt ausdrücklich den Atheismus ab und bekennt sich zum Agnostizismus. Das schließt sein Interesse für den Katholizismus wiederum nicht aus: Im Dezember 2013 lebte er für ein paar Tage als Gast im Benediktiner – Kloster in Ligugé bei Poitiers: Und freute sich, dass die Mönche ihn gern aufnahmen! In der Tageszeitung „Le Monde“ betonten sie sogar, mit welcher Begeisterung sie die Romane Houellbecqs lesen. Denn dieses spiegeln die Suchbewegungen der französischen Gesellschaft.

Im Kloster Ligugé lebt ein Mönch, der als Schriftsteller und Poet einen guten Ruf hat: Dabei ist Pater Francois Cassingena – Trévedy auch Historiker, Theologe und Komponist. Seine Gedichtssammlungen haben den Titel „Etincelles“ (Funken): „Ich bin überzeugt: In jedem Menschen gibt es etwas Hervorragendes, das man dringend bewahren muss. Der Poet berührt das Mysterium. Er bringt es zur Sprache, er gibt der Sprache die wahre Größe wieder“. Aber im Unterschied zu Houellebecq ist der Dichter- Mönch nicht an der „Unterwerfung“, sondern am Ungehorsam interessiert: „Der wahre Aufstand ist der fundamentale Widerstand gegen Lügen, Idole, Moden… Der Widerstand gegen alles, was in uns verhindert, das Wehen des Geistes, das Licht, den Blick in die Weite zuzulassen.“.

In eine neue Weite des Denkens gelangen, bei der auch christliche Spiritualität Orientierung bietet: Daran arbeitet jetzt der Schriftsteller Emmanuel Carrère: Er hat den viel beachteten Rom „Das Reich Gottes“ verfasst, eine Auseinandersetzung mit dem frühen Christentum als aktuelle Frage, was die damals propagierten Werte heute bedeuten können: „Einst war ich gläubig“, bekennt Carrère, „ich habe aber ein Verkümmern des Glaubens erlebt. An die Auferstehung kann ich heute nicht mehr glauben. Aber allein, dass es Jesus gibt, ist mir jetzt wichtig. In seinem Sinne erhalten die Armen und Schwachen einen privilegierten Zugang zum Reich Gottes“. Entscheidend ist für ihn: „Das Buch Reich Gottes ist vielleicht noch nicht beendet, die Suchbewegung geht weiter“.

An dem Menschen Jesus ist auch der in Deutschland bekannte Poet Yves Bonnefoy interessiert. Für ihn hat Jesus völlig Anteil an der Endlichkeit des Menschen, die Auferstehung kann Bonnefoy nur abweisen. Denn jede Vorstellung einer Verzauberung der Welt oder von einem Jenseits ist eine Art Entfremdung. Bonnefoy will das einfache Leben ohne Illusionen zu Wort bringen. Religiöse Dogmen dürfen nicht im öffentlichen Leben bestimmend sein. Darin ist er ein typischer Verteidiger der französischen laicité, der Trennung von Religionen und Staat.

Einige Schriftsteller beziehen sich noch auf christliche Traditionen, übertragen sie aber in eine weltliche Lebenspraxis: Zum Beispiel: Jean Christoph Rufin. Er ist ein viel gelesener Autor, Mitglied der berühmten Académie Francaise, er arbeitete als Arzt und Menschenrechtsaktivist. Nun hat er sich als überzeugter Agnostiker aufs Pilgern eingelassen, bis nach Santiago de Compostela war er unterwegs: Darüber hat er ein bewegendes, persönliches Buch geschrieben: „Der Jacobsweg entfernte mich spirituell von unwichtigen Dingen, um zum Wesentlichen zu kommen. Ich wollte dem Leben, nicht den beruflichen Verpflichtungen die Priorität geben. Aber mit meinem Buch will ich kein konfessionelles Bekenntnis abgeben.“ Trotzdem muss er eingestehen, dass Spiritualität sein Thema als Schriftsteller wohl werden könnte. Ein schwacher Hinweis für einen möglichen, neuen Glauben.

Heftiger Antiklerikalismus hingegen ist im heutigen Frankreich eher unter Philosophen zu finden, etwa bei Michel Onfray. Aber auch für die viel gelesene Schriftstellerin Virginie Despentes ist heftige Kirchenkritikerin üblich, ihr Eintreten für weitestgehende sexuelle Freizügigkeit ist mit kirchlicher Moral schwer vereinbar. Man denke etwa an ihre Romane „Baise moi“ oder „Das Leben des Vernon Subutex“.

Einen ganz anderen Schwerpunkt hat sich die auch in Deutschland bekannte Theater – Autorin Veronique Olmi in ihrem neuesten Roman vorgenommen: Sie erzählt die Geschichte einer außergewöhnlichen Nonne: In ihrem Roman „Bakhita“ schildert sie das Leben einer, um 1860 geborenen, Sklavin aus dem Sudan: Gequält, vergewaltigt, wie ein Stück Vieh behandelt, hat Bakhita ihre inneren Widerstandsreserven entwickelt: Sie landet noch als Sklavin in Italien, wird befeit und tritt in Venedig in ein Kloster ein: Die Güte und Freundlichkeit der „schwarzen Nonne“ war so überwältigend, dass Bakhita im Jahr 2000 heilig gesprochen wurde. Veronique Olmi bekennt, in einer „sehr katholischen und bürgerlichen Familie groß geworden zu sein. Als junge Frau hat sie sich von der Kirche getrennt. Dann aber begegnet sie dieser ungewöhnlichen Bakhita: „Wo kommt bei der Frau dieses Licht her? Wie kann sie soviel Güte entwickeln bei all dem Leiden. Ihr innerer Widerstand bleibt ein Mysterium

Was mich beim Schreiben des Romans nicht verlassen hat: Ich fühle mich förmlich von dieser Frau beschützt…Diese meine Erfahrung ist noch zerbrechlich…“, bekennt Veronique Olmi. Der Roman hat im September 2017 den Preis des weltweiten Kulturkaufhauses FNAC erhalten.

Die Bindungen muslimischer SchriftstellerInnen in Frankreich (sie stammen oft aus Algerien oder Marokko) an „den“ Islam sind immer kritisch und gebrochen. Leíla Slimani, geboren 1981 in Marokko, hat schon als junge Autorin den hoch angesehenen Goncourt – Preis erhalten. Ihre Stimme wird gehört, zumal sie jetzt über die vielfachen Gründe der sexuellen Unterdrückung, vor allem der Frauen in Marokko, publiziert: Seit 21 Jahren lebt Slimani in Paris. Sie weiß von dem Problem, dass Islam – Kritik von rechtsextremer Seite missbraucht werden könnte. Dennoch fordert sie lautstark die Befreiung der Frauen im Sinne der universalen Menschenrechte, betont allerdings: Die Übermacht der Männer in Marokko sei nicht allein nur dem Islam zuzuschreiben, vielmehr hätte die europäische Kolonialherrschaft diese Macho – Tendenzen verstärkt.

Herrschaft und Brutalität in menschlichen Beziehungen legt unermüdlich Yasmina Reza frei, auch in ihrem neuen Roman mit dem durchaus bezeichnenden Titel „Babylon“: Die „gut“-bürgerlichen Ehen erscheinen als Beziehungen der Lüge. Bei den geringsten Anlässen kann das Wertegefüge zerbrechen. Diese Menschen erscheinen bei Reza als abgründige Wesen, sie entsprechen der üblichen Vorstellung von Babylon, dem Symbol für Verwirrung und Sittenlosigkeit. Mit der Erinnerung an Babylon als dem Nein zu einer göttlich gewollten menschlichen Welt werden letzte Reste einer biblisch geprägten Kultur noch von Ferne beschworen. Aber Religion, Gott, Glaube sind nur als beinahe unerreichbare „Hoffnungsfunken“ zu ahnen.

 

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Poesie als Weg zu Gott

Die ungewöhnlichen Studien des katholischen Theologen Jean-Pierre Jossua, Paris

 Ein französischer Theologe hat sich sein ganzes Leben mit der Suche nach dem Unendlichen, Sinnvollen, vielleicht auch Göttlichen in der modernen Literatur befasst: Das machen viele Theologen. Der Dominikaner Pater Jean – Pierre Jossua (Jahrgang 1930) ist ein ganz besonderer Theologe, der leider in Deutschland weithin unbekannt ist: Pater Jossua ist Dialogpartner für Dichter und Schriftsteller, etwa Yves Bonnefoy. Er will sie nicht belehren, sondern das Gesagte verstehen und das Ungesagte entziffern.

Zahlreiche große Studien sind Ausdruck dieser Haltung. Pater Jossua betont: „Die Poesie ist für unglaublich viele Menschen, und darunter sicher die besten, eine Form spiritueller Bewegung geworden. Poesie könnte für sie sogar die Religion ersetzen, die ihnen sonst wie tot vorkommt. Poesie könnte als ein Weg zu Gott, zum Absoluten, erscheinen. Tatsächlich möchte ich sagen: Die Poesie hat die Funktion des Gebets angenommen. Und das Gebet kann nur gewinnen, wenn es wieder die Form poetischer Qualität entdeckt“.

Von den zahlreichen Studien Jossuas soll hier nur erwähnt werden: „La passion de l infini: Littérature et théologie“. Nouvelles recherches. Paris 2011, Editions du Cerf.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin. Dieser Beitrag wurde im Oktober 2017 in leicht verkürzter Form in “PUBLIK FORUM” veröffentlicht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

“Wahre Meisterwerte”: Ein Salonabend mit Wolfgang Ullrich

Am Freitag, den 26. Januar 2018, wird Dr. Wolfgang Ullrich in unserem Salon sein und mit uns vor allem über sein neuestes Buch “Wahre Meisterwerte” zu sprechen. Diese Veranstaltung ist ausgebucht, das heißt: Es stehen keine Plätze mehr zur Verfügung. Wer sich schriftlich angemeldet hat, ist selbstverständlich willkommen…

Das neue Buch von Wolfgang Ullrich hat den Untertitel “Stilkritik einer neuen Bekenntniskultur”, es ist im Wagenbach Verlag erschienen. Wolfgang Ullrich (Leipzig) ist einer der bedeutendsten Kunsthistoriker, auch Kritiker zeitgenössischer Kunst, er ist Philosoph. Seine zahlreichen Bücher zu den Themen finden weithin viel Beachtung. Wir treffen uns um 19 Uhr in der Kunstgalerie Fantom, Hektorstr. 9. Einige Hinweise zum Buch lesen Sie hier.

Zu der Veranstaltung ist – wegen der begrenzten Anzahl der Plätze  – eine schriftliche Anmeldung NOTWENDIG, mail an: christian.modehn@berlin.de   Der “Eintrittspreis” beträgt für diese Veranstaltung 8 Euro. Übliche Ermäßigungen möglich.

 

Weihnachtliche Leerformeln: Erlösung, Heil und Rettung…

Ein Hinweis von Christian Modehn

„Weihnachten hat doch irgendetwas mit dem Christentum zu tun“: Mit diesem Satz formulieren die meisten Menschen in Europa, so Umfrageergebnisse, ihre Antwort auf die Frage: „Was denn nun eigentlich am 24. Dezember oder 25. Dezember gefeiert wird?“. Man gestaltet also ein Fest, dessen Anlass und Inhalt man nicht kennt. Kann man den Menschen, oft noch Kirchenmitgliedern, Vorwürfe machen, dass sie so wenig wissen von Weihnachten? Dass sie zwar manchmal noch an Heiligabend in den Kirchen die uralten Lieder singen mit dem Inhalt „Christ, der Retter ist da“ usw.. Aber es bleibt wohl nur eine ferne diffuse Sehnsucht nach einem Retter, der möglicherweise – wie ein anderes Lied bekennt – aus Himmelshöhen herab auf Erden gekommen ist. Dabei hat das Weihnachts-Fest mehr zu bieten als diffuse Gefühle, wenn man denn die Geburt dieses Jesus von Nazareth als Geburt eines “erlösenden Vorbilds” betrachtet.

Die Frage darf philosophisch und theologisch nicht verdrängt werden : Bricht mit Weihnachten die Erlösung an und das endgültige Heil? Hat das „Heils“ – Versprechen des christlichen Glaubens irgendetwas mit der Erfahrung der Menschen in der Welt zu tun?

Blicken wir um uns und in die Welt: Wo bitte ist da Erlösung sichtbar und spürbar? Herrscht nicht allgemeine Unvernunft? Sind denn nicht so viele Politiker und Wirtschaftsbosse kaum noch zurechnungsfähig?

Dass so viele, selbst ursprünglich noch kirchlich gebildete Menschen dann nicht wissen und vor allem nicht innerlich erfahren, was Weihnachten heißt, ist meines Erachtens Schuld der Kirchen. Sie haben über Jahrzehnte und Jahrhunderte die Bilder der alten Weihnachtslieder und Weihnachtsmythen in den Evangelien einfach so stehen lassen und sie in den Predigten dann nur nacherzählt, ohne diese Mythen zu entmythologisieren. Entmythologisieren bedeutet ja bekanntlich: Den (kleinen) wahren und gültigen Kern der Weihnachtsmythen in nachvollziehbarer, allgemeiner und deswegen vernünftiger Sprache auszusagen.

Was wäre ein allgemeiner, vernünftiger Kern des Weihnachtsfest: Jesus von Nazareth ist als Mensch Inspiration und Vorbild für die eigene Lebensgestaltung. Seine Botschaft: Lebe selbst dein Leben, lass es nicht von anderen gelebt werden. Überprüfe Gesetze und Vorschriften, ob sie dem sinnvollen Lebensentwurf in Freiheit entsprechen. Und vor allem: Lebe die Liebe, zu dir, deinen Nächsten, liebe die Welt, sie ist erhaltenswert und liebe den Sinn deines Lebens. Darin kann sich das Göttliche zeigen. Dann werden Momente der Befreiung, der “Rettung”, erfahrbar, dann ist Weihnachten nicht mehr eine leere Behauptung von Erlösung.

Jesus von Nazareth nahm für diesen Lebensentwurf in Freiheit und Gehorsam nur dem eigenen Gewissen gegenüber (darin hörte er die Sprache des Unendlichen, Gottes) sogar in Kauf, zu scheitern, also getötet zu werden von Menschen, die absolut an unsinnige Gesetze und Vorschriften gebunden waren. Darin ist sein qualvoller Tod doch irgendwie noch ähnlich zum gesammelten, eher friedvollen Tod des Sokrates.

Diesen Jesus als inspirierendes Vorbild gilt es Weihnachten zu feiern.

Vergessen sind die mittelalterlichen hoch komplizierten, von Theologen konstruierten Lehren, Jesus sei gekommen, um Gott Vater mit der heillos sündigen Menschheit zu versöhnen, indem er sich am Kreuz abschlachten lässt. Wenn diese Idee stimmt und die Versöhnung durch den Tod Jesu tatsächlich objektiv stattgefunden hat, dann „müssten die Christen mindestens erlöster aussehen“, wie Nietzsche sagte. Diese Versöhnungs-Theorie ist graue Theorie, die niemanden bewegt. Denn angeblich, so diese „ontologische These“, ist ja das Entscheidende objektiv, sozusagen göttlich, geschehen. Was muss da der Mensch noch tun?

Ist hingegen Jesus ein Vorbild von humanen und gerechten Lebensentwürfen, dann sind der einzelne und die Gemeinschaft in der tätigen Praxis gefordert. Dies ist keine Last. Sondern ein freier Lebensvollzug! Da wird es in dem Sinne absolut wichtig, sozusagen vom Göttlichen (im Gewissensspruch) so gewollt, dass die Menschenrechte respektiert werden, dass eine Kultur des Respektes entsteht, der Achtsamkeit für die eigene Seele und die Seele der anderen. Und natürlich für den “Leib”, also für die menschenwürdige Existenz in einer Gesellschaft, die den Namen Demokratie tatsächlich verdient. Mit Jesus von Nazareth wird förmlich der Blick in eine humane Gegenkultur eröffnet, jenseits von Gier, Effektivitäts – Zwängen, Unruhe und blinder Herrschaft. Diese moderne Gesellschaft nannte Hegel den „Atheismus der sittlichen Welt“, also den Atheismus, der in Gesetz und Brauchtum sich verfestigt hat und keine Öffnung auf Transzendenz mehr zulässt….

Das wäre im richtigen Sinne Weihnachten bzw. eine religiöse und kirchliche Weihnachtsfeier: Menschen aller denkbaren humanen Weltanschauungen im Sinne der Menschenrechte, kommen zu einer Feier zusammen und sprechen über ihr Leben. Sie feiern, tanzen, singen, speisen, trinken. Hören Musik und Poesie, eben auch Geschichten aus der Bibel. Und verpflichten sich, bei einer späteren Feier Weiteres zu bedenken, auch auf einen politischen Weg zu kommen im Sinne einer ökologisch lebensfähigen fairen Welt…In jedem Fall wäre zu bedenken: Dass Jesus von Nazareth aus einem grenzenlosen Vertrauen in den Sinn des Lebens lebte, dass er die Erfahrung machen konnte und weitergeben wollte: Bedenkt, dass wir Menschen „immer schon“ in einem alles gründenden, nicht zu umgreifenden Sinn-Horizont leben. Man könnte dies eine Form von metaphysischer Geborgenheit nennen. Sie hat nichts mit Weltflucht zu tun. Diese Sinnerfahrung sich selbst und anderen zu erschließen, ist wohl das, was Weihnachten unter Erlösung und Rettung verstehen sollte.

Aber diese neue “Weihnachts – Praxis” wird auch in diesem Jahr zu Weihnachten nicht stattfinden. Die Kirchen und ihre Pfarrer können sich zu keiner Unterbrechung der üblichen Weihnachtsfestivitäten, mysteriösen Liedern und Gottesdiensten entscheiden. Ein Freund sagte mir treffend: “Das ist alles theatralisches Trallala. Das ist gepflegte Regression”. Die Kirchen fürchten halt, die Leute treten bei radikalen Neuansätzen aus der Kirche aus und zahlen nicht mehr für die Fortsetzung des üblichen Kirchenbetriebes.

Also weiter so, selbst wenn sogar viele Gottesdienstteilnehmer dann immer noch nicht wissen, wo denn nun diese verheißene Erlösung spürbar ist. Da komme mir keiner mit dem Hinweis, zu Weihnachten werde die Befreiung von der Erbsünde als Tat der Erlösung gefeiert. Diese Erbsündenlehre ist, das sagen Religionswissenschaftler und Historiker, eine kirchliche Ideologie, sie wurde von Augustinus mit Macht durchgesetzt, um den Menschen Angst und Schrecken einzujagen und um den Zwang zu untermauern, dass alle Menschen getauft, d.h. missioniert bzw. kolonisiert werden müssen. An die Befreiung von der Erbsünde glaubt Gott sei Dank fast niemand mehr, auch nicht zu Weihnachten. Das Böse in dieser Welt muss allein durch den Egoismus der Menschen erklärt werden, nicht mit Adam und Eva… Da heißt ja auch, dass sich jeder Mensch auch als fehlerhafter und schuldhafter Mensch begreift. Aber dazu braucht man keine Ideologie der Erbsünde…

Zurück zum Weihnachtsfest bzw. jetzt wohl nur noch Weihnachts – Kommerz -Trubel: Die Menschen brauchen offenbar die Regression in naive kindliche Welten, sie brauchen das Lametta, das „O du fröhliche“ (wer kann da fröhlich sein angesichts von Trump und Co ?), „Leise rieselt der Schnee“ und „Still und starr liegt der See“ (könnte auch eine Horrormeldung sein, man denke an den sehr stillen und starren ökologisch vernichteten Aral-See). Aber wo sind die Grenzen der Regression? Wann wird religiöse Regression zum betäubenden Opium? Brauchen wir Opium, um diese Welt zu ertragen? Warum vertrauen wir der Vernunft nichts mehr zu?

Aber, wie gesagt, Weihnachten hätte Sinn, wenn man sich auf die elementare Erfahrung allein und gemeinsam bezieht: Jesus von Nazareth als inspirierendes Vorbild kann wie ein Gottesgeschenk gelten. Er öffnet den Weg in ein Leben, das zum Sein führt und das Haben verhindert, um einmal die bekannten Begriffe von Erich Fromm zu gebrauchen. Nebenbei: Es gibt freilich noch andere inspirierende Vorbilder in der Religionsgeschichte und Kulturgeschichte. Aber zu Weihnachten denken wir nun einmal an den Menschen Jesus von Nazareth.

PS: Es wäre zynisch zu meinen, dass sich Rettung und Erlösung an Heiligabend und den beiden Weihnachtsfeiertagen sozusagen in der übertriebenen und kaum zu bremsenden bürgerlichen Festtagsfreude abspielen. Weihnachten wäre dann ein Fest, das die Begüterten an drei Tagen besonders glücklich macht und die vielen anderen leer ausgehen lässt. Das ist zwar die Situation unserer Welt heute. Aber so muss es ja nicht bleiben…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Über den Fortschritt: Vieles muss besser werden

Eine Ra­dio­sen­dung von Christian Modehn. NDR Kultur. Reihe “Glaubenssachen”. Am Sonntag, den 21. 1. 2018, um 8.40 Uhr.

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Keine Errungenschaft der Neuzeit wird so heftig kritisiert wie der Fortschritt. Er wird, als totale Herrschaft von Technik und Bürokratie einseitig verstanden, von einigen Philosophen als Niedergang umfassender Menschlichkeit gedeutet. Tatsächlich aber ist entscheidend die Frage: In welcher Hinsicht ist denn etwas besser geworden? Die medizinische Versorgung der Menschheit z.B. ist zwar nicht pauschal besser geworden, wohl aber in vielen einzelnen Bereichen. Und wer fände den Einsatz für einen Fortschritt in der Friedenspolitik abwegig? Religiöse Menschen wünschen sich weitere Reformen, also Fortschritt, in der theologischen Forschung und kirchlichen Organisation.

 

Wir gehören “zu den besten Berliner Salons”

Darf man sich auch mal freuen? Das bekannte und bewährte Berliner Stadtmagazin Tip zählt in seinem Beitrag von Eva Apraku auch unseren Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon zu den “besten Berliner Salons”: Unsere  10 jährige Arbeit hat bisher noch kein philosophisches “Medium” gewürdigt, ein theologisches schon gar nicht, wegen unserer Religionskritik. Und dabei sind wir der Meinung: Lieber 10 philosophische Salons in der Stadt als überschaubare Treffunkte und DIALOG Räume intellektuellen Austauschs zwischen Menschen unterschiedlicher Kulturen und Religionen …. in völliger Gleichberechtigung als… drei große kirchliche Akademien, diese machtvollen, offiziellen Institutionen… Zur Lektüre des ganzen Beitrags im TIP klicken Sie hier.