Homoehe ist selbstverständlich: Positionen der Kirche der Remonstranten

„Homoehe“ ist für Remonstranten selbstverständlich
Ein Hinweis zur aktuellen Diskussion, oder: Von der „Gnade der theologischen Neuinterpretation“
Von Christian Modehn

Eine aktuelle Meldung zuerst: Innerhalb der vielfältigen „Gay Pride 2013“ Veranstaltungen in Amsterdam findet am Freitag, den 2. August 2013, um 19 Uhr auf dem Rembrandtsplein ein Konzert statt, „Strijders vorr liefde“ ist der Titel. Bei diesem „event“ stehen zwei Menschen im Mittelpunkt, die es gewagt haben, sich offen zu ihrer Homosexualität zu bekennen: Sam Opia, auch Leticia genannt, ist eine der ersten Personen im afrikanischen Uganda, die sich als „transgender Frau“ bekennt, in dem christlich geprägten Uganda bedeutet diese „Untat“: lebenlänglich ins Gefängnis! Auch Robbie Rogers wird in Amsterdam dabei sein, der erfolgreiche Fußballer hat sich in einem noch immer homophoben Milieu (auch der Fans!) geoutet. Bei der Amsterdamer Gaypride 2013 wird an die Verletzung von Menschenrechten nachdrücklich erinnert; die Remonstranten – Kirche unterstützt dieses Projekt auch finanziell. (verfasst am 18.7.2013).

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Welche Position hat die protestantische Kirche der Remonstranten zur sogen. „Homoehe“ ? Diese Frage wurde uns in den vergangenen Tagen häufig gestellt; offenbar hat die neueste „Orientierungshilfe“ des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland“ (EKD) breite Irritationen verursacht: Der Rat der EKD hat im Juni 2013 unter dem Titel “Zwischen Autonomie und Angewiesenheit. Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken“ Vorschläge unterbreitet, die Ehe neu zu verstehen, ohne dabei die umfassende und gerechte Gleichberechtigung homosexueller Menschen zu vernachlässigen. Diese Schrift hat nicht nur unter konservativen Kreisen innerhalb der EKD Widerspruch gefunden, vor allem in der römisch katholischen Kirche wird aufs heftigste gegen diese Orientierungshilfe polemisiert; es wird von bischöflicher Seite aus mit dem Abbruch der angeblich guten ökumenischen Beziehungen zwischen Protestanten und Katholiken gedroht. Auf diese Weise will man die freie theologische Debatte offenbar machtvoll unterbinden und den römischen Kurs für alle christlichen Kirchen durchsetzen. Interessante Perspektiven jedenfalls zum bevorstehenden Luther – Jubiläum… Selbst die sonst eher noch vernünftig erscheinende Wochenzeitschrift „Christ in der Gegenwart“ aus dem katholischen Herder Verlag redet jetzt, in der Ausgabe vom 7. Juli 2013, in wilder und unvernünftiger Wut, möchte man sagen. Das Blatt unterstellt der EKD, blind „Zeittrends“ hinterherzulaufen. Ein paar Zeilen vor dieser Anklage wurde den um volle Gleichberechtigung der Homosexuellen bemühten Organisationen gar „subtile, kollektive Gehirnwäsche“ unterstellt. Uns scheint, wieder einmal in religionskritischem Zusammenhang unseres Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salons: Diejenigen, die sich auf „das“ biblische Eheverständnis berufen, haben kein Verständnis für eine kritische –historische Lektüre der Bibel; sie klammern sich an die wenigen biblischen Verse in AT und NT, die sich mit der Verbindung von Mann und Frau befassen. Aus dem -sehr offen formulierenden – biblischen Spruch „Gott schuf die Menschen als Mann und Frau“ leiten sie gar die Ausschließlichkeit der heterosexuellen Ehe ab. Diese Texte sind bekanntlich nicht nur vor mindestens 2000 Jahren geschrieben, in einer Welt, die noch keine Sexualwissenschaft und Psychologie usw. kannte. Darüber sind in diesen Erzählungen frommer Menschen vor 2000 Jahren und früher vor allem jedoch mit götttlicher Vollmacht ausgestattete Plädoyers enthalten, die Liebe als das Höchste hochzuschätzen…Die Bibel ist also kein Ehekompendium für heterosexuelle Eheleute, sondern eine Aufforderung zu Liebe und Gerechtigkeit. Das vergessen alle, die heute die Hetero Ehe für das höchste Gut halten.
Wir wollen uns auf diese Polemik konservativer und ach so biblischer Kreise nicht weiter einlassen, diese Polemik wirkt sehr parteiisch, wird wohl auch mit parteipolitischen Optionen etwa für die CDU (Wahl im September 2013!) gefüttert.
Die protestantische und freisinnige Kirche der Remonstranten hat im Jahr 1986 ihre Kirchenordnung nach einer etwa zehnjährigen Diskussion verändert, um dem gewandelten Verständnis von Homosexualität endlich auch theologisch – kirchlich Rechnung zutragen und um Gerechtigkeit für Menschen unterschiedlicher sexueller Orientierung zu realisieren: Seit 1986 also ist es für die Remonstranten selbstverständlich, dass homosexuelle Paare den kirchlichen Segen in den Remonstranten Kirchen erhalten können, auch in einem Sonntagsgottesdienst, ganz offiziell als normale Feier.Homopaare können also ihre „Ehe“ kirchlich feiern. Noch einmal: Diese kirchliche Feier ist selbstverständlich und wird als solche nicht in Frage gestellt. Die Homosexualität ist für Remonstranten normal, wie es auch Sexualwissenschaftler und Psychologen betonen, Homosexualität ist nur eine seltener vorkommende Form von Sexualität.
Die Remonstranten waren 1986 also die erste Kirche weltweit, die sich für diese offizielle Segnung entschieden hatte, sie bietet diese kirchliche Feier auch homosexuellen Paaren an, die nicht der Remonstranten Kirche angehören.
Entscheidend ist, dass die neue Kirchenordnung der Remonstranten jetzt alle Beziehungen zwischen Menschen, ob nun hetero – oder homosexuell, einfach nur „Levensverbintenis“ nennt, also, wörtlich übersetzt:„Lebenskontrakt“ bzw. „Lebensvertrag“ nennt. Auf den Begriff „Ehe“ wird verzichtet, weil er zu exklusiv noch an die Verbindung zwischen Heterosexuellen erinnert. „Der Grundgedanke dabei war, dass alle Theologie eben auch von der Gnade der Neuinterpretation (etwa der Bibel) lebt“, so in dem empfehlenswerten Buch „Coming Out Churches“, Meinema Verlag, 2011, Seite 68). „Gnade der Neuinterpretation“ dieses Wort mögen sich etwa die Gegner der EKD Studie einmal „auf dem Mund zergehen lassen“.
Dieser Schritt der Remonstranten, homosexuelle Menschen als absolut gleichwertig in jeder Hinsicht zu sehen, wurde damals – wie nicht anders zu erwarten bei Christen, die Bibelsprüche immer dann wörtlich nehmen, wenn es ihnen ideologisch passt – heftig kritisiert. Aber es gab auch vereinzelte katholische Stimmen, die der Veränderung der Kirchenordnung der Remonstranten zustimmten, wie etwa vonseiten des damaligen Studentenpfarrers in Amsterdam, des Jesuiten Pater Jan van Kilsdonk. Er bezeichnete die Homosexualität ausdrücklich als „eine Erfindung des Schöpfers“,
Der niederländische Gesetzgeber hat dann im Jahr 2001 als erstes Land der Welt überhaupt die bürgerliche Ehe auch für homosexuelle Menschen geöffnet, das war 15 Jahre nach dem Beschluss der Remonstranten. Nebenbei: Die Remonstranten gehören selbstverständlich zum „Ökumenischen Rat der Kirchen in Holland“, sie sind Mitglied im „Weltrat der Kirchen in Genf“…
Inzwischen hat der Allgemeine Sekretär der Remonstranten, der Theologe Tom Mikkers, zusammen mit dem Reformierten Pastor Wiellie Elhorst, ein Buch publiziert, das einen landesweiten Überblick bietet zur Möglichkeit der Segnung von Lesben und Schwulen: „Coming out churches“ ist der Titel, (siehe oben). Denn inzwischen sind neben den Remonstranten auch etliche Gemeinden der offiziellen Protestantischen Kirche der Niederlande (PKN) „zum Segen bereit“, sowie grundsätzlich die Kirche der Mennoniten (Doopgezinde in NL), die „Apostolisch Genootschap“ und die „Vrijzinnige Geloofsgemeenscap NPB“. Hinzukommen auch die „Basisgemeiden“ wie „Dominikus“ , „de Duif“ oder die „Studentenecclesia“ (gegründet von Huub Oosterhuis) in Amsterdam.
Die Remonstranten haben sich jedenfalls gefreut, als sie im Jahr 2010 von dem landesweit hochgeschätzten (und gar nicht immer kirchlch gesinnten) Verein zur homosexuellen Emanzipation (COC) einen Preis der Anerkennung erhielten. Aber die Remonstranten wissen auch, dass sich die Verfolgung und Unterdrückung von Homosexuellen, etwa in christlich geprägten Staaten Afrikas, wie Uganda, Nigeria oder Simbabwe, auf offizielle Texte der Kirchen in Europa berufen kann. Denn in diesen Texten wird noch immer – direkt oder indirekt – ein minderer Status, eine größere Wertlosigkeit, homosexuellen Lebens hoch tönend fortgeschrieben. Diese verheerende, weil oft genug – indirekt -tödliche Wirkung angeblich so frommer und bibeltreuer Texte aus europäischen Kirchen, vor allem aus Rom, sollte man nicht vergessen.
In Holland waren es die Eltern homosexueller Kinder, die endlich kirchlichen Respekt für ihre Töchter und Söhne forderten. Bei den Remonstranten haben sie offene Ohren gefunden, eine Kirche, die zu tiefgreifenden Reformen in der Lage ist. Schließlich geht es ausschließlich darum, die Liebe zwischen zwei Menschen allseitig zu fördern und zu unterstützen.

Die Hetero (Ehe) Paare verlieren gar nichts, schon gar nicht werden sie diskriminiert oder gar verfolgt und ins Elend getrieben, wenn es auch Homo (Ehe) Paare gleichberechtigt gibt und diese heiraten und Kinder adoptieren und erziehen.

Copyright: Christian Modehn, religionsphilosophischer salon berlin.

Biographie – Beratung in Berlin

Wir weisen gern auf eine neue Website unseres philophischen Freundes Hernan Silva in Berlin hin, als Philosoph und Theologe befasst er sich seit einigen Jahren auch mit der Arbeit an der eigenen Biograpie, dazu bietet er auch Kurse an, wie selbstverständlich die Einzelberatung in Lebenskrisen oder bei der Suche nach tieferer Selbsterkenntnis. Hernan Silva hat seine Ausbildung als Biographie Berater bei Hellmuth ten Siethoff (Schüler von Bernard Lievegoed) in Deutschland und Frankreich erhalten. Er ist Deutsch – Peruaner und in verschiedenen, auch anthroposophischen Bildungszentren engagiert.
Um die neue website zu lesen, klicken Sie bitte hier.

Ein Haus der Philosophie: Das Collège International de Philosophie in Paris besteht 30 Jahre

Ein Haus des Denkens: Das Collège International de Philosophie in Paris lebt seit 30 Jahren
Von Christian Modehn

Davon können wir in Deutschland, in Berlin vor allem, der Metropole, nur träumen: Ein philosophisches Kolleg, unabhängig, aber staatlich (etwas) subventioniert, ein Ort des Gesprächs und vor allem der Forschung, offen für alle, die sich für Philosophie interessieren: In Paris feierte Anfang Juni 2013 das „Collège International de Philosophie“ (CIPh) seinen 30. Geburtstag mit einer großen, 14 Tage dauernden Vortragsreihe über Themen, die nicht unbedingt zum Kanon der „klassischen Themen“ gehören, wie „Migration der Ideen“, „Obsessionen einer umfassenden Gesundheir“, Kunst und Politik usw. Die Auswahl der Themen zeigt, dass das CIPh in Paris sich für die vielfältigen Verbindungen philosophischen Denkens mit aktuellen Fragen der Gesellschaft interessiert.
Das CIPh steht außerhalb der Universitäten, es ist aber auch keine Art höherer Volkshochschule: Es will sich jetzt besonders um die Fortbildung der Philosophie Lehrer an den französischen Gymnasien kümmern, in Frankreich ist Philosophie bekanntlich reguläres Unterrichtsfach für zwei Jahre bis zum Abitur. Daneben ist das CIPh ein Ort, wo „philosophische Neuentdeckungen“ dem französischen Publikum vorgestellt werden, Judith Butler, Hilary Putnam, Stanley Cavell haben dort gesprochen und sich einer größeren französischen Öffentlichkeit „präsentiert“. Der Einfluss des Gründungsmitglieds Jacques Derrida (neben François Châtelet, Jean-Pierre Faye und Dominique Lecourt) war in den ersten Jahren seit 1983 deutlich zu spüren; kürzlich hat der Philosoph und Schriftsteller Jean – Pierre Faye in einer eher polemischen Schrift („Lettres sur Derrida, Edition Germina) den angeblichen „Übereinfluß“ Derridas auf das CIPh kritisiert und verurteilt. Faye ist auch in Deutschland bekannt geworden durch sehr polemische Interpretationen des Philosophen Martin Heidegger. Jetzt werden auch philosophische Stimmen laut, die wünschen, dass das CIPh doch stärker auf die „realen Lebensfragen“ der vielen kritischen Zeitgenossen bezogen bleibt, also in gewisser Weise den selbst gewählten „höchsten Anspruch“ etwas reduziert… zugunsten, ja, einer größeren „Popularität“.
So wurde der 30. Geburtstag dieser weltweit wohl einmaligen Einrichtung eher im Schatten von Streit und Polemik, vor allem über die Rolle Derridas gefeiert. Dabei wurde eher ignoriert, dass diese freie philosophische Forschungs- und Bildungsstätte im 5. Pariser Arrondissement, in der Rue Descartes (!) Nr. 1, heute mit extremer Finanznot zu kämpfen hat. „Le Monde“ berichtete kürzlich, dass der französische Staat nur noch 290.000 Euro pro Jahr beisteuert, Sparmaßen sind notwendig, so erscheint die Hauszeitschrift nur noch in digitaler Fassung. Das CIPh ist in einer Zeit entstanden, als eine linke Regierung (unter Staatspräsident Mitterrand) noch Verständnis hatte für akademische Experimente und die Gründung strukturell neuer Institute; damals glaubten auch die Politiker noch, die philosophische Analyse könne entscheidende Hilfe sein zur Aufklärung des politischen Umfeldes. Heute gibt es in vielen europäischen Ländern Ethikkommitees, zu denen auch einige Philosophen gehören. Aber Philosophen als politische Ratgeber, das ist wohl selbst in Frankreich zu „platonisch“ gedacht…Trotzdem: Philosophie hat in Frankreich eine vergleichsweise beachtliche Bedeutung, etwa in den Medien, z.B. bei ARTE oder France Culture, und die inzwischen weltweite Bewegung der „philosophischen Cafés“ hat ja bekanntlich in Paris ihren Ursprung, im „Café des Phares“ an der Place de la Bastille. Auch die philosophischen Monatszeitschriften, an Kiosken verbreitet und viel gelesen, zeigen Philosophie von der interessanten Seite: Sie laden ein zum eigenen Philosophieren. In dieses Umfeld einer lebendigen Philosophie gehört entschieden auch das „Collège International de Philosophie“.
Wann wird es in Berlin ein Philosophisches Kolleg geben, ähnlich wie es Literaturhäuser und Literarische Colloquien und Kunstakademien gibt? Warum wird noch nicht einmal über diese Frage öffentlich diskutiert? Wo wären die Sponsoren für ein unabhängiges Berliner Collège de Philosophie? Anstelle in Museen ewig zu investieren, sich dort als Sponsor aufzuwerten für alle Ewigkeit, wäre eine Investion in lebendiges philosophisches Denken unserer Meinung viel menschenfreundlicher und sicher auch so angesehen in der Öffentlichkeit wie das Geschenk eines bedeutenden Kunstwerkes an ein Museum….

Copyright: Christian Modehn Berlin.

Vom Genuss, der Pflicht und dem Glauben: Hinweise zu den drei Lebensentwürfen von Sören Kierkegaard

Vom Genuss, der Pflicht und dem Glauben
Einige Hinweise zu den drei Lebensentwürfen von Sören Kierkegaard
Von Christian Modehn

Dieser Beitrag ist der dritte in der Reihe Forschungsprojekte, es handelt sich also um „offene“ Texte, die der weiteren Vertiefung bedürfen

Ein biographischer Hinweis:
Sören Kierkegaard (1813 – 1855) kann als Initiator einer existenzphilosophischen Haltung, wenn nicht der „Existenzphilosophie“ angesehen werden. Seine Werke sind nicht Ausdruck einer akademischen Universitätsphilosophie, sie sind nicht in Vorlesungen und Seminaren entstanden. Kierkegaard ist in der Hinsicht einer der ersten „freien Philosophen“, Nietzsche oder Wittgenstein sind weitere „Beispiele“. Kierkegaards Arbeiten sind sehr eng verbunden mit den eigenen Lebenserfahrungen: Leiden, Freude, Schmerz, Engagement usw. werden von ihm immer in Bezug auf persönliche Erlebnisse reflektiert. Im Zentrum steht: Der einzelne soll als einzelner erkennen, dass nur er /sie allein die eigene Existenz übernehmen muss, die Lebenswahl leisten und dann das je eigene Leben gestalten muss.
Zur Biographie nur einige Hinweise: 1837 lernt Kierkegaard das Mädchen Regine Olsen kennen; die leidenschaftliche Liebe führt dazu, dass sie sich verloben (1840); schon 1841 bricht Kierkegaard diese Verbindung: Will er sich „nur noch“ der Philosophie widmen? Dieses Ereignis prägt unauslöschlich sein ganzes Werk. Fühlte er sich nach dem Ende der Beziehung, der Verlobung, erst wieder frei, sein Werk zu schaffen? Er sah in der Ehe vor allem auch eine „spirituelle Gemeinschaft“ der Liebe. Glaubte er, mit Regine Olsen könne er diese seine Vorstellung von Ehe nicht gestalten? Diese Fragen werden seit vielen Jahrzehnten diskutiert….
Seit 1843 verfasst Kierkegaard seine umfangreichen Bücher, sie werden z. T. unter Pseudonymen veröffentlicht. Er wurde berühmt und hoch angefeindet auch als Kritiker der dänischen Staatskirche; er galt als Antiklerikaler … um des authentischen christlichen Glaubens willen, wobei er selbst behauptete, das Authentische erkannt zu haben. Zu seiner Bestattung kam eine sehr große Zahl von Menschen. „Grüße alle, ich habe sie sehr geliebt“, sagte er kurz vor seinem frühen Tod. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde Kierkegaard – in Deutschland – wieder entdeckt und wieder gelesen.

Der philosophische Kontext:
Es ist eigentlich selbstverständlich, dennoch ist es wichtig, sich manchmal daran zu erinnern: Der philosophische Kontext, in dem sich ein Philosoph denkend bewegt, ist niemals ein künstlicher Kontext, so, als handle es sich um eine Art interne Debatte von Spezialisten, fast spielerischer Art. Das philosophische Denken eines einzelnen ist immer auch Ausdruck einer Grundstimmung, die gerade in der Gesellschaft lebt, mit ihren speziellen Schwerpunkten, also Hoffnungen, Ängsten usw. So ist auch die Philosophie Kierkegaards bezogen auf eine Grunderfahrung: Es geht um die Abweisung und Überwindung des Systems, vor allem des Systems der Philosophie Hegels. Hegel hatte den Anspruch, sozusagen das Ganze, und das heißt für ihn immer: Welt UND Gott in einen systematischen Zusammenhang zu bringen. Dabei aber, so meinte Kierkegaard, wird der einzelne als einzelner in seinem Recht und seiner Würde nicht respektiert. Er wird abgewertet zu einem „Element“ in einer auf Fortschritt hin ausgelegten Weltgeschichte, so der wiederholte Vorwurf Kierkegaards. Dabei wird u. E. freilich nur der Blick auf Hegels Geschichtsphilosophie fixiert; die absolute Geltung des Subjekts etwa in Hegels „Phänomenologie des Geistes“ wird dabei u.E. nicht gesehen, aber das ist ein anderes Thema…
Deutlich wird nur, wie „eng“ der Blick Kierkegaards auf Hegel sein kann. Aber gerade diese „Verengung“ hat dann doch produktive Erkenntnisse befördert.
Im ganzen ist die Philosophie Kierkegaards ein druchaus neues, bislang unbekanntes Plädoyer, die einmalige „Innerlichkeit“ des einzelnen ernst zu nehmen; es handelt sich um eine Art Enthüllung der „feinen Dimensionen“ der inneren Geistigkeit des einzelnen. Noch einmal: Deswegen kann Kierkegaard als ein Initiator der Existenzphilosophie gelten, die sich nach einer Unterbrechung von knapp 100 Jahren wieder in Heidegger, Jaspers, Sartre und Camus zu Wort meldete.
Das ist das Aufregende und Anregende in den – manchmal schwierigen, manchmal allzu ausführlich wirkenden („langen“) Arbeiten Kierkegaards: Es geht also um das Thema einer existentiellen Lebensgestaltung des einzelnen.

In seiner ersten großen und erfolgreichen Publikation „Entweder – Oder“ von 1843 zeigt Kierkegaard zwei grundlegende Lebensentwürfe, auch in seinem späteren Werk kommt er wieder darauf zurück; verändert und erweitert um einen dritten Lebensentwurf, den religiösen.

In „Entweder – Oder“ wird der erste Lebensentwurf der ästhetische genannt. Dabei handelt es sich etwa um eine gewählte, also durch Entscheidung zustande gekommene Daseinsform nicht etwa nur von Dichtern und Künstlern, sondern auch von Menschen, denen der Genuss des Schönen der absolute Lebensmittelpunkt ist. Manche moderne Interpreten sprechen gar von „unterhaltungsfreudigen Hedonisten“. Kierkegaard selbst erwähnt Epikur als Beispiel: „Diese Lebenshaltung will (nur) das Leben genießen“ („Entweder Oder“). Diese Ästheten genießen das Schöne, die Welt. Sie sind durchaus verführerisch, lassen sich verführen, sie beziehen das Erlebte in der Selbstreflexion auf sich, ohne es dabei tief an sich heran zu lassen. So führt der Genuss, meint Kierkegaard, zu einem Kreisen um sich selbst. Wer sich selbst genießt, will in der Außenwelt überhaupt nur noch Anlässe des Genießens suchen. Alles Genießen wird also ein „Inneres Sich Selbst Genießen“; als Beispiel dafür sieht Kierkegaard etwa Mozarts Don Giovanni: “Statt eine Wirklichkeit (für die man sich entscheidet), liebt Don Giovanni die Unverbindlichkeit und Offenheit der vielen Möglichkeiten (etwa der vielen Beziehungen zu Frauen). Zu ihnen tritt er so wenig wirklich in ein Verhältnis, dass er dabei vielmehr nur sich selbst sieht: Der Ästhet ist verliebt in seine Einzigkeit“ (Odo Marquard, Der Einzelne, S. 128). „Das Ästhetische ist die Unmittelbarkeit, die genüsslich die Unmittelbarkeit bleiben will. Darum gehört zu dieser ästhetischen Lebensform zweierlei, nämlich die Langeweile und Schwermut; da wird gefühlt, dass das Ästhetische nichtig ist“.
Später, in seinem Buch „Die Krankheit zum Tode“ (1849), nennt Kierkegaard diese Haltung „die Sünde, dass man dichtet, ohne zu sein“. Auf diese Weise, darauf weist Odo Marquard hin (in: Der Einzelne, Reclam, S., 122), „hat das Ästhetische einen negativen Klang“.
Aber darauf kommt bei Kierkegaard alles an: Die ästhetische Existenzform scheitert, weil sie aus dem Individualismus, dem Genießen, dem „Epikuräismus“, nicht herausfindet: „Es gibt für diese Existenz kein allgemein Verbindliches; deshalb verwirklicht der Einzelne nur das, was der eigenen Erfüllung dient“ (Wesche, „Kierkegaard“, S. 51). Kierkegaard schreibt in „Entweder – Oder“: “Hier haben wir eine Lebensanschauung, die da lehrt: Gesundheit sei das kostbarste Gut, darum alles sich drehe. Die gleiche Anschauung ist, das höchste sei Schönheit“.
Warum scheitert dieses Lebensmodell im Sinne Kierkegaards? Der Mensch will diesen Lebensinhalt, den Genuss, ganz und gar in der eigenen Lebenszeit unbedingt realisieren, „vergisst aber, dass die Erfüllung dieses Wunsches nicht in unserer eigenen Macht liegt“, so in „Entweder – Oder“. Denn der Mensch ist nicht Herr der eigenen Lebenszeit.

Diese ästhetische Lebens – Position kann durch eine Entscheidung überwunden werden .. hin zum „ethischen Lebensentwurf“, Kierkegaard spricht von „Stadien“, etwa in dem Buch „Stadien auf des Lebens Weg“ (1845). Dieses Stadium, also dieser Lebensentwurf, will sich auf die allgemeinen Grundsätze der Ethik beziehen und sich aus der Begrenzung des in sich kreisenden, ego- zentrierten Lebensgenusses befreien. Wer ethisch lebt, folgt den Weisungen der „allgemeinen“, der für alle Vernunftwesen gültigen Ethik. Hier denkt Kierkegaard an Kant und seine Lehre vom Kategorischen Imperativ. Kant zeigt, wie sich der einzelne Mensch in seiner unvernünftigen Einzelheit selbst überwinden kann. Darum wird bei Kant, so Kierkegaard, „jeder einzelne Mensch als ein Vertreter DES allgemeinen Menschen gesehen“: Er soll denjenigen Prinzipien folgen, die für diesen allgemeinen Menschen vernünftig erschlossen wurden: „Wer ethisch lebt, arbeitet darauf hin, der allgemeine Mensch zu werden“. Er erlebt es als Pflicht, der „allgemeine Mensch“ zu werden und entschließt sich also, im Befolgen der ethischen Gebote auch nach außen hin, in der Welt, tätig zu sein. Während der ästhetische Mensch dadurch an seine individuelle Vollendung glaubt, „der einzige /wahre/ Mensch zu sein“, so in „Entweder – Oder“. Darum geht der Mensch des ethischen Lebensentwurfes auch Verpflichtungen ein und heiratet, er will eben kein Don Juan sein. Er will nicht genießen, sondern arbeiten, er übernimmt angesehene Ämter und Pflichten. „Er will die bürgerlichen und religiösen Tugenden entwickeln“ („Entweder – Oder“). Aber diese allgemeinen Grundsätze, Tugenden, sind letztlich abstrakte Grundsätze: Wer denen folgt, so Kierkegaard, wird selbst abstrakt, verliert also sein einmaliges Profil.
Insofern plädiert Kierkegaard durchaus für die Ethik, aber er sieht auch klar ihre Gefährdungen, dass abstrakte (bürokratische ?) Prinzipien sich existentiell durchsetzen. Der ethischen Lebenshaltung fehlt in seiner Sicht die Freiheit, auch Möglichkeiten wahrzunehmen, also (ästhetische) Freiheit zu sehen und zu leben. Auch der zweite, der ethische Lebensentwurf scheitert: Denn er führt den Menschen im Gehorsam den Geboten gegenüber zu einem „höchsten Gut“, etwa der Art: „Gott belohnt die Guten im Himmel, weil sie auf Erden keine wirkliche Belohung für ihr Gutsein empfangen können“. Aber in dieser Weise wird das letzte Lebensziel in ein Jenseits verlagert; das lässt den einzelnen in seinem Dasein hier auch unbefriedigt…insofern scheitert auch dieses Lebensmodell.
In den beiden hier nur kurz angedeuteten Lebensformen wird auch deutlich, dass die Existenz, das Dasein bzw. das Leben des Menschen niemals ganz überschaubar oder gar durchschaubar ist.

Die 3. Lebenshaltung: Die religiöse Einstellung
Mehrfach in seinem späteren Werk (etwa in der „Abschließenden unwissenschaftlichen Nachschrift…“ von 1846) spricht Kierkegaard auch von der dritten, für ihn dann entscheidenden Existenzhaltung, der religiösen Dimension im Leben. Schon in „Furcht und Zittern“ (1843) wird die religiöse, in dem Fall die christliche Lebensform beschrieben im Blick auf die Geschichte Abrahams: Er wird von Gott aufgefordert, seinen Sohn Isaac hinzugeben, also eigenhändig abzuschlachten. Abraham willigt in diese Tat ein, wird aber in letzter Minute, nach dem bestandenen Gehorsamkeits – Test, durch Gott vor der Tötung seines Sohnes bewahrt. Kierkegaard schreibt: „Dies ist ein Paradox, das dem Abraham den Isaak wiedergibt, dessen sich kein Denken bemächtigen kann, weil der Glaube erst da beginnt, wo das Denken aufhört“ (so in: „Furcht und Zittern“). Glauben jenseits des rationalen Denkens, Glauben jenseits der Vernunft: Das wurde für Kierkegaard das Leitmotiv seiner Auffassung von der christlichen Religion. Er sieht sie als eine paradoxe Erfahrung ganz eigener und unvorherdenkbarer Art. Im Paradox des Gottmenschen Christus kommen Endliches und Unendliches, Vernünftiges und Geheimnisvolles, zu einer Einheit zusammen. Um zu dieser Annahme der paradoxen Wirklichkeit zu gelangen, muss der Mensch sich von rationalen Herrschaftsformen befreien und sozusagen in das Paradox „springen“.

Es muss darauf hingewiesen werden, dass in dieser religiös – christlichen Position die ethische Orientierung übersprungen wird und beiseite gelegt wird: Was Gott befiehlt, muss sich eben NICHT an die Gesetze der Moral und Ethik halten. Hingegen haben schon früher Philosophen darauf hingewiesen, dass die Wirklichkeit Gottes sich für den Menschen auch innerhalb der vernünftigen Moral bewegen sollte, sonst wäre er kein Gott für die Menschen (er hat sie ja vernünftig geschaffen!), sondern ein wüster Tyrann. Odo Marquard schreibt: „Darf man das Ethische außer Kraft setzen – wie Abraham – um willen einer anderen (göttlichen) Instranz? Ist das Göttliche das Höchste oder gibt es ein Höheres als das Ethische ?“ (S. 138, Der Einzelne).
Kierkegaard meint nun, dass der einzelne religiöse Mensch höher steht als das Allgemeine, also auch das Ethische. Deswegen betont Kierkegaard, im Christlichen werde das Ethische suspendiert, der einzelne Fromme stehe sozusagen völlig unbegleitet durch die Vernunft und damit durch die Regeln der Ethik vor Gott, der sozusagen „willkürlich“ agiert. „Gott ist der, der die menschlichen Ordnungen des Ethischen zerbrechen kann, ihnen gegenüber den Ausnahmezustand der Grenzsituation herbeiführen kann. Darum hat Kierkegaard die Überzeugung, dass dieser Gott eigentlich GRAUSAM ist. (so Marquard, a.a.O, S 142). Der religiös suchende Mensch, der „einzelne“ im Sinne Kierkegaard, kann also in der religiösen Lebensform, angesichts des grausam und willkürlich erlebten Gottes, auch nicht die Befreiung zu sich selbst finden. Odo Marquard interpretiert diese Situation als das „Zunichte – Werden, ganz elementar und radikal verstanden“ (a.a.O. 173). Kierkegaard glaubte gar, diese seine religiös – christliche Einsicht anderen Menschen nicht unmittelbar zugänglich machen zu dürfen, also zumuten zu können. „Dieser Gott ist die Negation der Welt…. das Verhältnis zu diesem Gott ist faktisch unvollziehbar, Gott wird so geradezu wegradikalisiert“, schreibt Odo Marquard (a.a.O., s 179).

Auch die religiöse Lebensform scheitert als eine für alle Menschen mögliche. Für Kierkegaard steht fest: Das Verhältnis zu Gott ist die Bedingung für das Selbstsein des Menschen. ABER:
Wenn alle drei Lebensformen scheitern, dann stellt sich für Kierkegaard „Verzweiflung“ ein: D. h.: Ich erfahre, dass ich – nach der rationalen Reflexion auf die drei Existenzformen – mich selbst nicht in meinem wahren Sein bestimmen kann. Wer ich bin, bleibt mir unklar und verborgen, wie Kierkegaard sagt. (Wesche S. 41) Ich weiß also gar nicht, was das Leben lebenswert macht.
Diese Verborgenheit des eigenen Lebens, als Verborgenheit des Lebenssinns, nennt Kierkegaard Verzweiflung. Die Rationalität muss ihre eigene Ohnmacht anerkennen, sie kann über kein gesichertes Wissen über das ganze Leben verfügen. Die Lebenszeit wird ohne das Wissen, was sie lebenswert macht, als ein leeres, auf den natürlichen Lebensvollzug reduziertes Leben gelebt; es ist ein =bloßes= Leben, selbst dann, wenn es gesund ist. Dies beschreibt Kierkegaard auch als lebenslanges Sterben, die Verzweiflung ist so die Krankheit zum Tod… “Die Lebenszeit wird als Zeit des Sterbens erfahren“, (Wesche, S. 43). „Es ist die Verzweiflung über ein ungelebtes Leben“, das ist für Kierkegaard: „Grauen und Entsetzen“ (Wesche, S 45). Der „Mensch leidet an der Leere des bloßen Lebens“ (47). Dies ist ein Gefühl der Schwere, „die von der Leere entsteht“.
In der Verzweiflung, die eine Erfahrung der misslingenden Lebensdeutung ist, erscheint die Angst: Ich verberge vor mir selbst dieses Misslingen; ich will nicht wahrhaben, dass mein Leben im Misslingen steht. Ich bewahre also den Schein, die Illusion, gesicherter Lebensdeutung. Diese tiefe Selbst – Täuschung ist für Kierkegaard Angst. „Nicht die Angst vor der Dunkelheit ist ihre Sache, sondern geradezu umgekehrt die Angst, es könne sich die Dunkelheit lichten; eine Dunkelheit, die einem verhüllt, wie und wer man in Wahrheit ist“ (Wesche, S. 61). Angst ist also elementar: Angst vor Selbsterkenntnis. „Sie ist die Flucht vor dem Eingeständnis, dass eine sichere Deutung des Lebens stets misslingt“ (ebd). Davor „drückt“ „man“ sich sozusagen herum. Angst verhindert also eine unbefangene Selbstbetrachtung.
Verzweiflung und Angst sind für Kierkegaard jedoch nicht (wie nihilistisch erscheinende) Endpunkte. Er zeigt die negativen Seiten des Lebens, um dadurch, auch im Leiden daran, doch Kräfte zu sammeln, den eigenen Sinn zu entdecken, und der ist für Kierkegaard der Glaube. „Verzweiflung wird zum Durchgang zum Glauben“ (Wesche, zitiert „Krankheit zum Tode“, S. 141.
Also: Inmitten der Verzweiflung kann es immer noch einen Hinweis auf die Positives, Gesundes, Kierkegaard spricht gar von „Erlösung“, geben. D.h. Inmitten des Negativen wird die Ahnung des Positiven noch wachgerufen…Das bedeutet: Ich muss mich daran halten, und anerkennen, dass es etwas gibt, das noch über die Erfahrungen des Scheiterns der 3 Lebensmodelle hinausgeht. Weil ich ja auch geistig über das Scheitern immer schon hinaus bin.
Kierkegaard empfiehlt, den „Sprung“ zu wagen und in der Lebenspraxis über das Scheitern und die Verzweiflung hinauszugehen. Tilo Wesche spricht da von einem „Dezisionismus“ (S. 148). Schon Platon sprach davon, er nannte es das „schöne Wagnis“. So empfiehlt etwa Sokrates – im Phaidon – hinsichtlich des Mythos von der Unsterblichkeit, der nicht mehr „beweisbar“ ist, „dass es sich aber lohne zu glauben, es verhalte sich so (Wesche S. 148). Das heißt: Kierkegaard ist wie Platon der Meinung, dass angesichts der hier angesprochenen Probleme das theoretische Argument an Grenzen stößt! Die Wahrheit muss im Vollzug als Praxis erfahren und gewagt werden. Der Begriff des Wagnisses – in der Lebenspraxis – d.h. „Ja zum Leben sagen trotz aller Verzweiflung“ – ist wohl der bedeutendste Berührungspunkt des Christen Kierkegaard mit dem Griechen Platon.

Noch weiter bearbeitet werden muss ein Hinweis des Tübinger Philosophen Walter Schulz (1912 – 2000): Er betont: Es gibt für Kierkegaard eine Art Bedrängtwerden im Menschen durch den Leib. Sünde entsteht für Kierkegaard im Zusammenhang von Sexualität. Er hält daran fest, dass die auszeichnende Bestimmung des Menschen der Geist ist; aber der Geist ist nicht der „Allherrscher“, nicht der absolute Geist, sondern er ist eingebunden in den Leib. „Der Geist wird vom Leib ständig bedroht“ (Walter Schulz, in: Philosophie in der veränderten Welt, Seite 394.) Bei Kierkegaard gibt es also ein tiefes Erschrecken über die Gebundenheit des Geistes an den Leib, als Erschrecken über die Sexualität. Dabei ist für ihn klar: „Der Akteur der Sünde ist der Geist, und zwar der Geist, der sich selbst als Gegensatz zum Körper gesetzt hat“ (Walter Schulz, S 396). Für Platon noch war der Leib mit seinen Trieben der „Träger des Bösen“. Aber der Geist hatte für ihn mit diesem Bösen nichts zu tun. Nur der Körper will Befriedigung des Triebes, nicht der Geist. „Der Geist ist zwar willig, aber das Fleisch schwach“, heißt es neo – platonisierend im Neuen Testament.
Anders bei Kierkegaard: Für ihn gibt es eine unzerbrüchliche Einheit von Leib und Geist. Deswegen muss der Mensch wählen zwischen den Regungen des Leibes und der Dynamik des Geistes; aber das ist eine aussichtlose Situation, weil der Geist immer leibgebundener Geist bleibt, hat er keine freie Verfügungsmacht über den Leib. „Der Geist verquält sich unaufhebbar in sich selbst, weil er mit der Diskrepanz von Intellektualität (Geist) und Sexualität nicht zu Ende kommt“ (Walter Schulz, 397) Zusammenfassend sagt Walter Schulz: „Sie (d.h. die Dialektik zwischen Geist und Leib) lebt aus der Einsicht, dass der Mensch nicht nur nicht mit der Welt, sondern auch mit sich selbst nicht ins reine zu kommen vermag. Die menschliche Struktur ist grundsätzlich widersinnig. Ich bin als Leib ein Teil der Welt, als geschlechtlicher Leib, und ich bin als Geist zugleich welttranszendent. Ich kann diesen Widerspruch nicht aufheben, ich muss an diesem Widerspruch leiden. In der Angst erfährt der Mensch – im Sinne Kierkegaards- seine widersinnige Seinsstruktur“ (Schulz, 397f.)

copyright: christian modehn, religionsphilosophischer salon.

Kierkegaard im Berliner „Haus am Waldsee“: Entweder – Oder

ENTWEDER – ODER
Kierkegaard und Künstler im Gespräch
Eine Ausstellung im Haus am Waldsee (bis 22. September 2013)
Hinweise von Christian Modehn

Ein Philosoph und zeitgenössische Künstler im Gespräch: Ein ungewöhnlicher Dialog, der jeden und jede inspiriert, egal man nun von der Kunst her das Werk Kierkegaards ( neu) liest oder nach weiterführenden Spuren aus Kierkegaards Buch „Entweder – Oder“ in den Gemälden, Installationen, Fotoarbeiten sucht. Im bekannten und geschätzten „Haus am Waldsee“ in Berlin – Zehlendorf ist zur Zeit eine Ausstellung zu sehen, die zuvor in Kopenhagen, anlässlich des 200. Geburtstages von Sören Kierkegaard (am 5. 5. 1813 geb.) gezeigt wurde: In der „Nikolaj Kunsthal“ wie im „Haus am Waldsee“ ist Solvej Helweg Ovensen als Kuratorin verantwortlich. Wir empfehlen dringend den Besuch der Ausstellung und die Lektüre des Katalogs, der u.a. auch wichtige Interviews mit dem dänischen Kierkegaard Spezialisten Peter Tudvad (Berlin) und dem Philosophen Boris Groys enthält.
Die Aktualität Kiekegaard ist offensichtlich, weil die „ästhetische Lebenshaltung“ (darsgestellt in „Entweder – Oder“) heute in der westlichen Welt und wohl darüber hinaus die alles bestimmende Orientierung ist: Ichbezogenheit, Egoismus, Freude an der Sinnlichkeit als Freude (nur) an sich selbst, aber nicht an den anderen; Beliebigkeit der (ethischen) Positionen innerhalb (m)eines Lebens, Fraglichkeit der Identität, Leben nach dem Zufallsprinzip usw… Diese Themen werden in „Entweder – Oder“ (und späteren Werken) angesprochen

Wir können hier nur einige Hinweise geben, die niemals den Besuch der Ausstellung ersetzen können: Es handelt sich um Arbeiten von 18 KünstlerInnen; diese Arbeiten wurden ausgewählt, weil sie eine Verbundenheit ausdrücken mit dem Denken Sören Kirkegaards, vor allem mit seinem ersten umfangreichen Buch „Entweder – Oder“. Dessen erster Teil wurde bei einem Berlin Aufenthalt geschrieben, nach der Auflösung der Verlobung mit Regine Olsen. Veröffentlicht wurde das Buch 1843 in Kopenhagen.
Der eine Teil der Ausstellung bezieht sich auf Arbeiten zum Thema ästhetischer Lebensentwurf. Der zweite Teil macht deutlich, was ethische Existenz bedeuten könnte.
Zu einigen Arbeiten zum Thema ästhetischer Lebensentwurf (bei Kierkegaard verstanden als Form des Genießens, Sich – Genießens, ja auch des „Epikuräischen“): „Da stehen überwiegend sinnliche, fiktive, spielerische, materielle, rhetorische und theatralische Gesten“, so die Kuratorin im Katalog S. 21.
Alfred Boman etwa zeigt in seinen Gemälden und Plastiken die Beliebigkeit des ästhetischen Lebensentwurfes: „Nichts ist heilig, nichts ist wahr, alles ist virtuell“. Birgit Brenner hat auf ihre umfangreiche Arbeit aus Panzerpappe geschrieben: „Irgendwann, als alles vorbei war“. Diese kulissenartige Installation lässt Gefühle wach werden nach einer verlorenen Liebe. Tom Hillewaere lässt in seiner meditativen Installation einen Gasballon mit angehängtem Filzstift schweben …und dabei Beliebiges schreiben. Alles bleibt unberechenbar, so sah Kierkegaard den Charakter des Ästhetikers; unterlegt ist diese Installation mit dem „Valse Sentimentale“ von Tschaikowsky. Um die Deutung der Identität des einzelnen bemüht sich die Arbeit Broken Mirrors von Lee Yongbaek. „Der Betrachter, der zwischen die beiden Spiegel tritt, begegnet sich selbst. Während er sich der Selbstreflexion hingibt, zerspringt das illusionistische Bild vor seinen Augen in Splitter“. Etwas provozierend sind die Arbeiten des israelischen Künstlers Tal R, er zeigt die erotischen Launen des Ästhetikers durch die unterschiedlichen Formen vieler, sich selbst ironisierender Phalloi. Kierkegaard stellte einmal die Frage: „Ist denn die Vernunft allein getauft, sind die Leidenschaften Heiden?“:
Zu einigen Arbeiten zum ethischen Lebensentwurf: Da steht das bürgerlich – korrekte Leben nach den allgemeinen Grundsätzen des Guten im Mittelpunkt des Buches von Kierkegaard. Die Künstler wenden sich moralischen, „transformationsorientierten Motiven und humanistisch betonten Ansichten“ (ebd) zu. In dem 2. Teil der Ausstellung gibt es etwa Dokumentar – Filme zur Hilfsbereitschaft der reichen Welt, wie mit den Armen in Afrika und deren Armut noch Geschäfte gemacht werden; es gibt Plakate, Interviews. Für religionsphilosophisch Interessierte ist die Installation von Kristine Roepstorff wichtig: „Vita Umbra“ (Schattenleben) nennt sie ihr mechanisches Schattenspiel: Ständig ist unser Bewusstsein in Bewegung, in Gedanken, in Assoziationen…Ein Lichtquelle erzeugt Schatten auf einer Panoramaleinwand, Bilder von Kirchen werden sichtbar; es sind die vielen Kirchen, die sich in einander verschränken und die Frage wecken: Gibt es eine richtige, wahre?

Im ganzen erinnert die Ausstellung an die zentrale Frage Kierkegaards: „Wer bin ich als einzelner? Diese Frage wird heute in ihrer wahren Tiefe gar nicht wahrgenommen, meint der dänische Philosoph und Kierkegaard Spezialist Peter Tudvad, Berlin: „Wenn man heute vom Individuum und dem Einzelnen spricht, tut man das mit verbundenen Augen, womit ich meine, dass wir uns nur rein rhetorisch zu unserer eigenen Individualität bekennen… In der Praxis orientieren wir uns daran, was der Nachbar tut, was wir in den Medien sehen, im Fernsehen, in der Werbung usw.“ (im genannten Ausstellungskatalog S. 33). Das Interview mit Peter Tudvad sollte jeder lesen, der sich neu oder wieder mit Kierkegaard befasst. Tudvad unterstreicht, dabei übernimmt Tudvad die fiktive Rolle eines heutigen Kierkegaard:“ Ich (Kierkegaard) habe mich selbst als religiösen, als einen christlichen Autor verstanden“ (S. 29). „Wir lassen heute die Leidenschaft und den Sinn für das Unendliche vermissen. Wir leben im Jetzt, nicht in dem, was ich, Kierkegaard, Augenblick genannt habe, einem Schnittpunkt zwischen dem Zeitlichen und dem Ewigen“ (32). „Wie ich (Kierkegaard) einmal schrieb, kann man den Geist eines Menschen nach seinem Willen beurteilen, einsam zu sein…immer muss heute =etwas los= sein. Und damit meine ich, dass es sich viele Menschen unmöglich machen, ihren Geist zu entwickeln“ (33).

Haus am Waldsee:
Argentinische Allee 30, 14163 Berlin
Telefon: 030 8018935.

copyright: christian modehn

Ja und Nein zu den Menschenrechten: Aktuelles zur katholischen Kirche in Brasilien

Ja und Nein zu den Menschenrechten: Ein aktuelles Lehrstück aus Brasilien

Unser Beitrag über die „Universalität der Menscherechte“ hat viel Interesse gefunden. Aus aktuellem Anklass weisen wir nun auf die Kämpfe um die Geltung der Menschenrechte in Brasilien jetzt, am 24. Juni 2013, hin:

Es sind Millionen Menschen, die im Juni 2013 für einen grundlegenden Wandel in Brasilien eintreten, hin zu mehr Gerechtigkeit, mehr Respekt vor den Armen und sehr viel weniger Korrruption; diese Menschen fordern ein Ende der allseitigen Bevorzugung der Reichen: Ein Aufbruch, wenn nicht eine Revolution findet statt. Diese Menschen wollen nicht länger die fest etablierte Koalition aus Feudalherren im Nordosten (mit der Duldung sklavenähnlicher Zustände, der ökologischen Katastrophen usw.) und der Politiker, Medienbosse und Gewerkschaftsführer im reichen Süden hinnehmen. Diese Menschen können sich mit der Rücknahme der Preiserhöhungen im öffentlichen Nahverkehr, einer unbeholfenen Geste der Regierung, nicht begnügen.
Die überwiegende Mehrheit der Demonstranten sind friedliche Bürger, die nichts anderes fordern als Gerechtigkeit. Sie fühlen sich betrogen, als neuer Mittelstand in einen Konsumrausch getrieben worden zu sein, der ihnen nur hohe Verschuldung brachte…Die Schwäche der brasilianischen Gesellschaft und des Staates wird jetzt vor aller Augen offen gelegt und als ein überwindbarer (!) Fehler des Systems dargestellt. Bisher hatten sich alle Beobachter, auch die Brasilianer in ihrer grenzenlosen Geduld, damit abgefunden, in Brasilien eine der am wenigsten egalitären Gesellschaften der Welt sehen zu müssen. Nur ein Beispiel: Das Mindestgehalt beträgt etwa 240 Euro im Monat. „Die Preise für die Transportmittel sind denen in Frankreich ähnlich“, betont Jean – Jacques Kourliandsky, Forscher am geopolitischen Forschungs – Institut „Iris“ in Frankreich.
Nun erreicht uns ein Hinweis eines brasilianischen Freundes: Inzwischen hat die Brasilianische Bischofskonferenz CNBB am 21. Juni 2013 erklärt, dass sie „Solidarität und Unterstützung“ den Demonstrierenden gewährt, „damit das Land mit weniger Ungleichheit lebt“. Ausdrücklich wird die Gewalt auf der Straße angeklagt; ebenfalls wird ausdrücklich die Korruption und die Intoleranz kritisiert zurückgewiesen.
Diese Worte werden von vielen Beobachtern jedoch als unglaubwürdig betrachtet, pflegt doch die katholische Kirche entgegen ihrer großen Worte nach außen, in die Gesellschaft hinein, keine Toleranz nach Innen, also innerhalb der Kirche: „Die katholische Kirche „tut immer so als ob“, schreibt unser Freund aus Sao Salvador Bahia, der lieber ungenannt bleiben möchte, sie „tut so als ob“ sie die Menschenrechte absolut und umfassend verteidigen würde. Unser Freund weist darauf hin: Ein bekannter brasilianischer Priester, der offen die Liebe homosexueller Menschen verteidigt und vernünftig und richtig findet, wurde noch am 29. April 2013 exkommunziert, also kurz vor den offiziellen Lobeshymnen der Bischöfe für die Menschenrechte. Nicht mehr katholisch sein soll also der Priester Roberto Francisco Daniel (48 Jahre) aus dem Bistum Bauru im Staat Sao Paulo. Für einen englischsprachigen background Artikel klicken Sie bitte hier. In vielen theologischen Zeitschriften der USA, Spaniens usw. wurde auf diese Exkommunikation hingewiesen, in Deutschland leider nur selten. Der Pfarrer hatte sich geweigert, seine theologische Position zurückzunehmen und öffentlich Abbitte zu leisten. Er hatte dringend gefordert, dass die Kirche ihre Haltung zur Homosexualität verändert. „Die Liebe kann in allen Formen aufbrechen“, betonte Pater Daniel, der in Bauru sehr beliebt ist und dort Padre Beto genannt wird. Seine Konsequenz: „Ich kann nicht mehr in einer Institution leben, die die Freiheit der Meinung nicht respektiert“. Der Bischof von Bauru sagte: “Pater Beto verstößt gegen die katholische Moral und die Dogmen“. Bischof Caetano Ferrari beruft sich dabei auf den § 1364 des Kirchenrechts.
Diese Entscheidung in Bauru gibt nun all denen Recht, die lesbische und schwule Menschen gern diskriminieren und verprügen und oft auch töten, gerade in der von Machismo geprägten Kultur Lateinanerikas: Das ist auch in Brasilien immer noch Realität. Die Feinde der Menschenrechte, also auch die verblendeten Feinde homosexuellen Lebens, können nun also auf ihre Art, darin den Bischöfen folgend, exkommunizieren, also wörtlich übersetzt, eben aus der Gemeinschaft, der Gesellschaft, ausstoßen.
Sind die brasilianischen Bischöfe wirklich so blind, dass sie diese Zusammenhänge nicht sehen? Die kirchliche Mitschuld an dem Verbrechen der gesellschaftlich hoch gepuschten Homophobie gilt keineswegs ja nur für Brasilien, sondern für Polen, Rußland, Griechenland, für die katholischen Diktatoren in Afrika (Der Diktator und bekennende Katholik Mugabe, Simbabwe, ist häufiger Gast im Vatikan) oder auf den „vorbildlich“ katholischen Philippinen.
Die FAZ meldet am 24.6. 2013, dass es Gesetzesvorhaben in Brasilien gibt, Homosexualität als Krankheit zu definieren und – wie früher schon in den USA – „weg- zu therapieren“. Kranke werden abgeschoben, ausgegrenzt, „exkommuniziert“. Damit wird an die Macht der Medien erinnert, die zu einem großen Teil in den Händen pfingstlerischer Millionäre und fundamentalistischer Prediger sind. Die „Universale Kirche vom Reich Gottes“ spielt da eine entscheidende Rolle. Manche naive Beobachter in Europa nennen diese Finanzunternehmern „Frei-Kirchen“. Sie haben einige Millionen Mitlieder, weil sie Reichtum als höchste Gnade verheißen und als erstrebensert darstellen. Und es wird berichtet, dass die katholische Kirche Brasiliens diese pfingstlerische Begeisterungsspiritualität mit den ewigen Alleluja Rufen in den katholischen Glauben integriert;die Katholiken sollen also auch jubeln und „lallen“ (Glossolalie). Und diese sogen. pfingstlerische Begeisterung geht so weit, dass ein ursprpünglicher Befreiungstheologe, Leonardo Boff, diese Pfingstkirchen jetzt ausdrücklich lobt. So weit geht die Verzweiflung darüber, dass das ursprüngliche Projekt ganzheitlicher Befreiung vom Vatikan verboten wurde. Jetzt jubilieren und lallen enthusiastisch die Armen und der Mittelstand… und die Befreiungstheologie ist am Verschwinden…
Ob Papst Franziskus, der Freund „der“ Armen, davon gehört hat? Wird er bei den katholischen Weltjugendtagen in Rio de Janeiro Mitte Juli 2013 davon sprechen? Wird er sich entschuldigen, für die vielen tödlichen Konsequenzen der Exkommunikationen von Minderheiten seiner Kirche?

copyright: Christian Modehn

Menschenrechte gelten universal

Menschenrechte gelten universal

Ein Hinweis anlässlich eines Beitrags von Prof. Heinrich August Winkler, em. der Humboldt Universität Berlin, erschienen in „Die Zeit“ am 20.6.2013. Wie der katholische Bischof von Chur, Vitus Huonder, die Menschenrechte theologisch – „fundamentalistisch“ relativiert, lesen Sie am Ende des Beitrags.

Von Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Vor 20 Jahren fand in Wien eine – von 171 Staaten mit Delegationen besuchte – Konferenz über die Menschenrechte statt, sie endete am 25. Juni 1993. Dabei handelt es sich um ein Ereignis, darin wurden die Menschenrechte zur Leitschnur staatlichen Handels offiziell erklärt. Das ist viel, auch wenn sich so wenige Politiker faktisch daran halten. Ohne solche Erklärungen („IDEALE“) wird Politik zum technokratischen Getue.
Ausnahmsweise sei der Kürze halber wikipedia zitiert werden: „Jeglichem Kulturrelativismus wird mit der Abschlusserklärung die Grundlage entzogen. Diese Weltmenschenrechtskonferenz brachte auch die erste internationale Erklärung hervor, die die Gewalt gegen Frauen thematisierte. Mehrere hundert Menschen- und Frauenrechtsorganisationen beobachteten diesen Menschenrechtsgipfel der UNO“.

Leider fand diese Konferenz – bei der Fülle so vieler Gedenktage – diesmal, 2013, nicht die dem Rang des Ereignisses entsprechende Aufmerksamkeit. Darum weisen wir auf einen Beitrag des Historikers Heinrich August Winkler hin, der zwar nicht aus Anlass dieses 20 jährigen Jubiläums geschrieben wurde. Aber er zeigt in aller Deutlichkeit, diesmal vonseiten eines Historikers, dass die Menschenrechte universale Gültigkeit beanspruchen müssen. Der Artikel erschien in „Die Zeit“ vom 20.6. 2013 mit dem Titel „Das Beste vom Westen“

Wir folgen den Inspirationen Prof. Winklers und entwickeln seine Vorschläge weiter:
Sind die Menschenrechte relativ, so könnte man fragen? Ja, heißt die Antwort, wenn man mit dieser Frage daran erinnern will, dass sie in historisch „relativen“, also kulturell durchaus bedingten Umständen entstanden sind, eben in Europa und den USA. Aber sie sind entscheidend gerade NICHT relativ, weil erstens jede Erkenntnis in einem kulturell relativen Umfeld entsteht; im „Allgemeinen und Universalen“ kann keine menschliche Erkennntnis entstehen, weil es diese allgemeinen Ausgangsbedingungen nicht gibt. Der Satz des Thales ist in Griechenland „gefunden“ worden, aber er gilt, wie alle wissen, nicht nur in Griechenland. Er ist universal. So sind auch Menschenrechte formuliert worden in einer bestimmten Zeit und unter bestimmten Bedingungen. Wie sollte es auch anders sein? Aber gerade bei dieser nun einmal notgedrungen „relativen“ Herkunft sind sie universal und gelten also für alle Menschen, alle Wesen, die menschliches Antlitz tragen. Relative Herkunft und universale Gültigkeit schließen einander absolut nicht aus.
Das gilt auch, wenn diese Menschenrechte in den ersten Fassungen von 1776 (Amerika) und 1789 (Frankreich) durchaus aus heutiger Sicht unvollkommene Formulierungen sind. Es fehlt etwa im 19. Jahrhundert noch – fast verständlicherweise möchte man sagen, wegen der kulturellen Begrenzungen – das Menschenrecht der Frauen. Aber unter dem Anspruch, Menschen – Rechte formuliert zu haben, konnte dann eine kontinuierliche Weiterentwicklung dieser Menschenrechte stattfinden; diese Entwicklung ist bis heute nicht an ein Ende gekommen, gerade wenn man an die sozialen oder ökologischen Dimensionen denkt. So geschieht nun einmal Erkenntnis in relativen Bedingungen, in denen allgemeine Aussagen zustande kommen.
Aber die Verteidiger, um nicht zu sagen, die „Erfinder“ der Menschenrechte, haben sich doch selbst so selten an die Menschenrechte gehalten, könnte man berechtigterweise einwenden, man denke an den Kolonialismus. Das stimmt absolut, trotzdem konnten die Verbrecher unter den Politikern der westlichen Welt diese Menschenrechte niemals abschaffen. Die miserable politische Praxis spricht nicht gegen den bleibenden Sinn von Gesetzen.
Aber viele Kulturen sprechen doch gar nicht in den Worten der Menschenrechte, vielleicht die Chinesen, vielleicht einige Inder, vielleicht einige Inouit Völker im hohen Norden Kanadas oder bestimmte Völker indianischer Prägung am Amazonas, könnte man beanstanden. Auch wenn sie die Worte und Begriffe der Menschenrechtserklärung (noch) nicht in ihrer Sprache sprechen, in der Alltagspraxis hingegen, vor allem in der Leid- und Schmerz – Erfahrung, also in dem Erleben, dass etwas (oft sehr vieles) im privaten oder sozialen Leben NICHT sein sollte und sein dürfte, in dieser oft auch unausgesprochenen, aber praktizierten Ablehnung von Missständen, wird die „Idee“ der Menschenrechte als gültig und richtig und unaufgebbar gesetzt. Eltern in Indien haben „Gewissensbisse“, wenn sie ihr jung geborenen Mädchen töten. Chinesen wollen sich frei und unkontrolliert äußern, das muss man heute nicht mehr belegen. Demokraten in arabischen Ländern wollen doch lieber nicht niedergeknüppelt werden, Homosexuelle im Iran nicht geköpft werden: In allen diesen Negativ- Erfahrungen bricht sich der SCHREI nach der Gültigkeit der Menschenrechte durch.
Wir sind Prof. Winkler dankbar, dass er auf den Skandal hinweist, der leider viel zu wenig Empörung hervorruft, wohl aus Ehrfurcht vor dem als fast allwissend geltenden Ex – Kanzler Helmut Schmidt, dass also Prof. Winkler im Blick auf Schmidt darauf hinweist: „Es verbietet sich, die universelle Geltung der Menschenrechte mit dem kultur – relativistischen, besonders engagiert von Helmut Schmidt vertretenen Argument zu bestreiten: Weil die Menschenrechte ein Produkt des Westens seien, so der Ex Kanzler, hätten nur diejenigen Menschen Anspruch auf deren Einhaltung, die in westlichen Demokratien leben. Während andere Kulturkreise, darunter die chinesischen, gewissermaßen strukturell nicht auf die Menschenrechte angelegt seien“. Hinter dieser Meinung, die ja nicht nur Helmut Schmidt vertritt, verbirgt sich wohl eine Ideologie der „Realpolitik“, kann man sagen: D. h. um des Ökonomischen guten Verhältnisses willen werden Menschenrechtsfragen nicht nur heruntergespielt. Sondern es wird – im Blick auf die vielen Menschenrechtsaktivisten ein Schlag ins Gesicht !! – behauptet: „Diese lieben Chinesen legen doch selbst gar keinen Wert auf die Menschenrechte; ihre Führer haben die Freundlichkeit anzuerkennen, dass Menschenrechte eigentlich liberaler Quatsch der Westeuopäer sind“. Mit einer solchen Haltung, von Europäern vertreten, wird sozusagen das Gewissen der Herrscher, oft sind es Diktaturen, beruhigt. Die Wirtschaftsbeziehungen blühen dann vielleicht kurzzeitig und die Aktivisten der Menschenrechte bleiben in den Kerkern.
Diese Politiker, wie Helmut Schmidt, haben einen sehr engen Wirklichkeitssinn, auch darauf weist Prof. Winkler erfreulicherweise hin: „Der Wirklichkeitssinn hat sein notwendiges Gegenstück im Möglichkeitssinn“. Westliche Politiker sollten auch sehr stark die Möglichkeiten abklopfen, die ein deutliches Engagement für die Menschenrechte bewirken könnte. An die Solidarnosc hat kaum jemand geglaubt, auch nicht bestimmte Kreise der SPD, betont Prof. Winkler. Diese kleine Schar der polnischen Verteidiger der Menschenrechte hat letztlich die europäische Geschichte seit 1989 mit verändert.
Von daher müssen wir uns von der tätigen Hoffnung leiten lassen, dass auch die Verteidiger der Menschenrechte heute in der Türkei und in anderen (arabischen) Staaten letztlich der guten Sache der Demokratie (die auch ihre Mängel hat, aber eine bessere Ordnung gibt es wohl nicht) zum dauerhaften Durchbruch verhelfen … und weltweit Tyrannei und Willkür ein definitives Ende hat.
Unsere Freunde im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin weisen gern darauf hin, dass die Stimme der römischen Kirche, immer auch eine Stimme des Vatikans („Wir verteidigen die Menschenrechte“) viel mehr Respekt fände, wenn diese Kirche und der mit ihr verbundene Vatikan – Staat in sich selbst und in der eigenen Gesetzgebung die Menschenrechte als solche anerkennen und gelten lassen würden … und zwar als Kriterium: Welche willkürlich gesetzten Kirchengebote und welche Gesetze innerhalb des päpstlichen Staates Vatikan können Geltung haben und welche nicht. Menschenrechte sind also wie in allen anderen Staaten grundsätzlich positives Recht, in dem Falle gilt das auch für das „Kirchenrecht“. Jesus selbst und sein Evangelium hat kein Kirchenrecht hinterlassen. Weiter wird darauf hingewiesen, dass die Rede von den Armen, die Papst Franziskus so gern als Motto immer wiederholt, nicht davon ablenken darf, Menschenrechte in der Kirche zu verwirklichen. Und: Die Armen, also etwa zwei Milliarden arm gemachter Menschen, freuen sich nicht, wenn sie päpstlich wieder und wieder gerühmt und gelobt werden, sondern wenn für sie (und noch wichtiger: mit ihnen) die Menschenrechte politisch durchgesetzt werden.

Wir weisen darauf hin, dass das Thema Menschenrechte schon oft den „religionsphilosophischen salon berlin“ beschäftigt hat. Der Theologe Prof. Wilhelm Gräb hat die Menschenrechte als Grundlage einer universalen Religion gedeutet, zur Lektüre klicken Sie hier.
Wir haben in dem Zusammenhang auf die Sakralität der Person verwiesen, zur Lektüre klicken Sie hier.
Wir haben im Rahmen unserer Studien zur Dominikanischen Republik darauf hingewiesen, wie unsäglich schwer es dort Haitianer haben, würdevoll zu leben, zur Lektüre klicken Sie hier.

Bischof Vitus Huonder, von Chur in der Schweiz, hat zum Tag der Menschenrechte eine Erklärung aus seiner theologischen Sicht veröffentlicht, der unseres Wissens kein anderer Bischof widersprochen hat. Huonders Beitrag ist ein Beispiel, wie in der katholischen Kirche die Gültigkeit der Menschenrechte gegenüber den religiös, dogmatischen Lehren der Kirche an die zweite, die untergeordnete Stelle rückt. „Religiöse Lehren, also etwa die sogenannten Gottesrechte, zuerst, dann folgen erst die Menschenrechte, also die aktuelle Vernunft“: Dies ist das Motto, dem diese Kirche immer noch folgt, sie beansprucht „die Gottesrechte“ authentisch interpretieren zu dürfen. Solche Überzeugungen werden ja bekanntlich viel exzessiver und brutaler als im Katholizismus auch in anderen Religionen ausgelebt.

Hier die Stellungnahme Bischof Huonders:

Das Wort zum Tag der Menschenrechte (10. Dezember 2011) von Vitus Huonder, Bischof von Chur:
„Brüder und Schwestern im Herrn, die moderne Gesellschaft findet in der Erklärung der Vereinigten Nationen zu den Menschenrechten von 1948 eine Grundlage für ein geordnetes Zusammenleben der Völker und Nationen.1 Für viele staatliche Gemeinschaften ist sie sozusagen die Leitlinie für die eigene Gesetzgebung geworden. Auch in den vielfältigen Beziehungen auf nationaler und internationaler Ebene berufen sie sich darauf.

Die Kirche nimmt die Menschenrechtserklärung zur Kenntnis. Sie misst die Aussagen und Forderungen der Konvention an der Wahrheit der göttlichen Offenbarung. Sie hebt hervor, dass die Menschenrechte mit Blick auf die Würde anzuwenden und zu interpretieren sind, welche der Mensch als Gottes Schöpfung, aber ebenso als Gottes Ebenbild hat. Den Menschenrechten voraus geht daher immer das göttliche Recht. Die Menschenrechte stehen und fallen letztendlich mit dem Respekt vor dem Gottesrecht“. Quelle: kath.net

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