Ist „das System“ reformierbar? Perspektiven aus Mexiko

Mexikanische Friedensbewegung:
Wer kann das „System“ verändern?
Wenn die Opfer öffentlich sprechen und der Dialog beginnt.
Alfons Vietmeier schreibt aus Mexiko – Stadt im Juli 2011

Etwas für Mexiko bisher Undenkbares ereignete sich am Vormittag des 23. Juni. Im historischen Stadtschloss begannen Vertreter der neuen Friedensbewegung (“Bewegung für Frieden in Menschenwürde und Gerechtigkeit”) einen öffentlichen Dialog mit der Regierung. Er wurden die drei Stunden life im Fernsehen bundesweit übertragen. Beim Regierungsantritt vor dreieinhalb Jahren hatte die “öffentliche Gewalt” den Krieg erklärt dem “organisierten Verbrechen”. Letzteres ist inzwischen ein riesig gewachsener Wirtschaftszweig geworden mit Milliardenumsatz im Umfeld des Drogenhandels. Krieg beinhaltet Tote, inzwischen sin des über 40.000; viele wurden umgebracht in Kämpfen unter den Drogenkartellen, aber es gibt auch zu viele zivile Opfer. Sind diese Menschen bloß “unvermeidbare Nebenkosten”, wie sie im technokratischen Jargon genannt werden? Verzweifelte Mütter und Väter, Ehepartner, Verlobte, sie alle haben Ermordete zu beklagen. Ungezählte Opfer wurden zudem “irgendwo” verscharrt; immer neue Massengräber werden gefunden.
Wird der Schmerz der Angehörigen und die wachsende Empörung unter vielen einfach nur runtergeschluckt oder können und müssen sie rausgeschrien werden?! Genau hier ist der Auslöser der neuen Friedensbewegung zu sehen. Immer mehr Opfer geben Zeugnis, bewegen sich und schaffen eine Bewegung. An ihrer Spitze steht der Poet Javier Sicilia, der selbst einen Sohn verloren hat. Er ist glaubwürdig und kann Betroffenheit, Trauer und Wut in Worte fassen, die wiederum andere Opfer bewegen, ihren inneren Schmerz rauszulassen. Das bezieht inzwischen Tausende ein. Ein “dumpfes Empfinden” in der Gesellschaft, dass dieser Krieg eigentlich ein Wahnsinn ist, wird sprachfähig und dialogfähig: Vielleicht konnte nur ein Poet genau diese Veränderung bewirken.
Das machte den politischen Dialog einzigartig: Opfer gaben zuerst einmal ausführlich Zeugnis. Der Staats- und Regierungschef, mit Innen- und Sicherheitsminister und anderen hohen Beamten des Sicherheitskabinetts hörten zu und antworteten. Es stiessen extrem verschiedene Logiken aufeinander: Sachrationalität gegen Betroffenheit, Gemeinsinn – Argumente gegen Systemzwänge. Es wurde jedoch zumindest argumentiert, zugehört und vor allem eine weiterführende Agenda vereinbart. Damit ist noch keine Lösung da, aber es gab einen Beginn. Zugleich ist die Skepsis groß: Sind wirklich Veränderungswille und Veränderungsmöglichkeiten vorhanden?
Zu einen gibt es die äusseren Bedingungen. Die mexikanische Regierung hängt fast total vom “Big Brother” im Norden ab: 70 % der Drogen werden in den USA konsumiert. Wenn Bedarf ist, dann gibt es eben auch Produktion und Handel: Das entspricht der kapitalistischen Marktlogik. Und damit gibt es auch Gewinn: die Milliardenumsätze werden durch die dortigen Banken in den Finanzkreislauf gebracht. Zugleich beinhaltet ein Krieg auch Waffenhandel und damit erneut unglaublich viel Gewinn. Ein Nationalstaat ist in solchem Kontext schon lange nicht mehr souverän. Im Alleingang kann Mexiko dieses riesige Problem nicht lösen.
Bei dieser Erkenntnis werden jedoch schnell zentrale Mitursachen des Problems nicht genügend aufgegriffen. Im Dialogprozess haben das sehr deutlich Mütter und Väter von ermordeten Jugendlichen ausgedrückt: “Ist unser derzeitiger Staat mit seinen überforderten Strukturen überhaupt noch fähig, reale Zukunftsmöglichkeiten zu schaffen für Millionen von jungen Leuten?”
Mexiko ist ein Land voller junger Menschen: Mehr als die Hälfte der 112 Millionen Bevölkerung ist jünger als 30 Jahre und davon befinden sich 29 Millionen befinden im schulpflichtigen Alter. Jedoch dieses Schulsystem knirscht an allen Ecken. Ein wichtiger Faktor dabei ist die Lehrergewerkschaft im öffentlichen Schulsystem. Sie ist die zahlenmässig grösste und politisch mächtigste in Lateinamerika. In Mexiko ist sie Staat im Staate, ohne interne Demokratie und mit einer hochkorrupten Funktionärsklique. Diese bestimmt die Staatssekretäre im Erziehungsministerium, diese dann die Schulräte, diese dann Schulrektoren, etc. So schaffen sie es, Planstellen zu verschachern, Kontrollen der Lehrerqualität unterbinden, etc. Damit das funktioniert wurde eine eigene politische Partei geschaffen (“Nueva Alianza – Neue Alianz”). Sie ist der Verhandlungsarm mit der Regierung, die seit dem Beginn ihrer Amtszeit ohne Parlamentsmehrheit ist, und deshalb zur Regierungfägigkeit solche “Zünglein an der Waage” benötigte. Deshalb wurde das Erwähnte als “politischer Pakt” diskret vereinbart und durchgezogen. Durch gezielte Indiskretion kam er in diesen Tagen ans Licht der Öffentlichkeit. Und es gibt erneut Grund, dass immer mehr “…die Schnauze voll” haben.
Und was ist dann nach der Schulpflicht? In diesen Tagen suchen über eine Million junger Leute nach ihrem Schulabschluss einen Arbeitsplatz. An formaler Arbeitsmöglichkeit (mit Vertrag, Versicherung, etc.) sind jedoch nur weniger als ein Drittel des realen Bedarfs vorhanden und zumeist schon ausgehandelt unter Bekannten. Dabei hatte der jetzige Regierungschef im Wahlkampf sich als “Präsident der Arbeitsplätze” propagiert. Also zwei Drittel der Schulabgänger versuchen “irgendwie und irgendwo” zu jobben: im Millionenheer der Schattenwirtschaft als Schwarzarbeit in den Millionenstädten oder ohne Papiere als Gastarbeiter in die USA. Aber dort ist seit 2 Jahren wegen der Finanzkrise die Luft raus aus dem Arbeitsmarkt. Also, wohin und was?! Ein Teufelskreis wird sichtbar: warum nicht jobben in der organisierten Kriminalität?!
Das Schul- und Bildungssystem und vor allem auch das Wirtschaftssystem sind Schlüsselthemen im Dialogprozess über das Gewaltproblem. Wenn zur Gewalt neue Lösungen gefunden werden müssen, dürfen Systemveränderungen in Bildung und Wirtschaft nicht tabuisiert werden. Das ist kompliziert, denn es sind gewichtige Machtinteressen im Spiel. Genau deshalb ist die Skepsis auf allen Seiten groß.
Ernst gemeinte Dialogprozesse sind nicht einfach. In Deutschland wurde ein solcher in Stuttgart bezüglich “S 21” begonnen. Die deutsche Katholische Kirche hat jetzt ebenfalls einen Dialogprozeß eingeläutet. Systemveränderungen sind bitter notwendig! Sind sie jedoch auf dem Dialogweg möglich? Wird es Ergebnisse geben? Welche?
Wer über solche Zusammenhänge nachdenkt, dem kommt der Mythos vom Sisyphos im Sinn. Der Überhebliche, der es wagte ins “Göttersystem” sich einzumischen, wurde bestraft, einen Felsblock den Gipfel hoch zu rollen, ohne je es zu erreichen. Ist Gesellschaftserneuerung und damit verbundene Systemveränderung, ob Kirchen-, Gewerkschaft-, Verkehrs-, Wirtschafts-, Finanzssystem oder welches auch immer, solch eine Sisyphusarbeit und damit letztlich absurd?
Danach wurde der Poet und sozialer Kämpfer Sicilia in verschiedenen Interviews gefragt. Und er antwortete im folgendem Sinn: “Sicher denke ich manchmal so und die philosophischen Reflexionen von Albert Camus kommen mir in den Sinn. Aber dann kommt im Innern hoch: Nein! Als Mensch, Bürger und Christ mache ich nicht etwas letzlich Absurdes! Mich inspiriert dann Galilei mit seinem trotzigen: ‘Und sie bewegt sich doch!’ Unsere so fatale Realität ist bewegbar, wenn auch unser Weg lang ist und voller Steinbrocken, die beseite geschafft werden müssen. Dann spüre ich und weiss es immer klarer: Wir sind betroffen und empört und das sind immer mehr. Zudem vernetzen wir uns immer besser. Bei Gesprächen untereinander in unseren Friedensmärschen erinnern wir uns an eine afrikanische Weisheit, die seit langem unseren Basisgemeinden langem Atem schenkt: Viele kleine Leute, an vielen kleinen Orten, die viele kleine, aber vernünftige Dinge tun, werden das Antlitz dieser Welt verändern!”

Der Papst: Oberster Bischof und Staatschef. Zu einem neuen Buch von Corrado Augias

Der folgende Text ist eine „etwas längere Fassung“ eines Beitrags für NDR INFO am 10.7. 2011.

Buchbesprechung:
Die Geheimnisse des Vatikan
Von Christian Modehn

In einigen Wochen, Ende September, wird Papst Benedikt XVI. Berlin, Erfurt und Freiburg im Breisgau besuchen. Dabei wird eine Frage viel zu selten diskutiert: In welcher Funktion unternimmt eigentlich der Papst seine so genannten „apostolischen Reisen“, die er auch gern „Pilgerfahrten“ nennt. Wann tritt der Papst als spirituelles, geistliches Oberhaupt der katholischen Kirche auf? Und wann äußert er sich als ein Politiker von höchstem Rang, nämlich als Repräsentant des „Heiligen Stuhls“ in Rom, dem der Staat Vatikanstadt untersteht. Ist der Papst also in erster Linie Theologe und Seelsorger oder doch mehr Diplomat und Politiker? Auf diese Fragen gibt ein neues Buch Antwort, es hat den Titel: „Die Geheimnisse des Vatikan“

Mit seinem Buch „Die Geheimnisse des Vatikan“ will der italienische Journalist Corrado Augias keine finsteren Schauergeschichten verbreiten. Entscheidend ist der Untertitel „Eine andere Geschichte der Papststadt“. Der vielseitig gebildete Autor bietet einen gründlichen Einblick in die Geschichte Roms und der Vatikanstadt. Aber immer sind seine Beschreibungen der Renaissance Paläste oder der barocken Prunk – Kirchen von der zentralen Frage geleitet: Wie äußerte sich dort politischer Einfluss und geistliche Macht der Päpste? Seit dem frühen Mittelalter hatte das Papsttum ein doppeltes Gesicht: Der Bischof von Rom wollte als maßgebliches Staatsoberhaupt in allen ethischen Fragen das Leben aller Menschen weltweit bestimmen; gleichzeitig wollten die Päpste auch als die fürsorglich agierenden Hirten der Gläubigen erscheinen.

Die Pointe dieses umfangreichen Buches ist: Jeder Papst verhält sich je nach Situation einmal als geistliches Oberhaupt, ein anderes Mal als hochrangiger Politiker und Diplomat. Wehren Päpste das Priestertum der Frauen in der Kirche ab, sprechen sie als theologische Lehrmeister. Wollen sie, etwa in den Gremien der Vereinten Nationen, die Geburtenkontrolle verbieten, dann sprechen sie als Staatsmänner. Welche der beiden Funktionen ein Papst in den Vordergrund stellt, wird einzig von dem Kalkül geleitet: Was fördert die kirchliche Macht im Vatikan und was bringt die katholische Kirche voran? Diese Überlegungen waren maßgeblich für den Umgang Papst Pius XII. mit der Nazi Diktatur in Deutschland. Auch heute denken Kirchenfürsten in Kategorien der Überlegenheit und Unterordnung: Der Autor zitiert Erzbischof Rino Fisichella, er organisiert jetzt in päpstlichem Auftrag die „Neuevangelisierung Europas“:

„Der Staat muss Einmischungen der Kirche aufgreifen. Die Kirche hingegen, die sich auf höhere Prinzipien beruft, kann niemals Einmischungen des Staates akzeptieren“.

Dieses gar nicht so demokratische Denkmuster bestimmte über viele Jahrzehnte den Umgang des Vatikans mit den pädophilen Verbrechen durch Priester und Ordensleute, das Motto war: „Unsere Angelegenheiten regeln wir heimlich selbst“. Der Autor erinnert auch an die Verschleierungstaktiken vatikanischer Behörden bei der Aufklärung von Verbrechen im Umfeld der Schweizer Garde im Mai 1998. Augias schreibt:

„Drei Stunden nach dem Mord und noch vor den Ermittlungen, den Verhören usw. verbreitet der Vatikan bereits seine offizielle Version des Tat – Hergangs, so soll jeder Zweifel im Keim erstickt werden: Schuldig soll einzig der Vizekorporal Cédric Tornay sein. Weitere Hintergründe sollen nicht ermittelt werden“.

Das Buch „Die Geheimnisse des Vatikans“ liest sich fast wie ein Krimi, wenn man mit Schicksal der 15 jährigen Emanuela Orlandi konfrontiert wird, der Tochter einer Familie mit vatikanischer Staatsangehörigkeit. Das Mädchen wurde 1983 in Rom entführt. Der Vatikan hat die Ermittlungen des italienischen Staates massiv behindert und sogar terroristische Hintergründe herbeigeredet. Dem Vatikan war es äußerst peinlich, vermutet der Autor mit vielen anderen Beobachtern, öffentlich einzugestehen, dass das Mädchen von einem Priester missbraucht und anschließend ermordet wurde. Augias schreibt:

Diese Beispiele demonstrieren: Es gibt von vatikanischer Seite nicht die geringste Unterstützung bei polizeilichen Ermittlungen, keine Reaktion oder aber absolute Zurückhaltung bei Anfragen der Justiz.

Auch weitere „Geheimnisse“ werden in dem Buch dargestellt: Kein Außenstehender darf z.B. wissen, wie viele Milliarden Euro der italienische Staat jährlich dem Vatikan aufgrund des Konkordates überweist. Kein Journalist hat je erfahren, wie viele kriminelle Transaktionen über die Konten der Vatikanbank abgewickelt wurden.
Darum kann „Die andere Geschichte der Papststadt“ keine Sympathiewerbung für den institutionell verfassten Katholizismus sein. Der Autor lässt seine Enttäuschung über diese Zustände gelegentlich durchblicken. Er erwähnt aber auch die wenigen Katholiken, die den armen, den machtlosen Jesus nicht ganz vergessen haben; er findet diese kritischen Katholiken in den römischen Basisgemeinden und bei Mitgliedern einzelner Ordensgemeinschaften. Im ganzen gesehen aber kann Augias keine Verbindung mehr erkennen zwischen den machtgierigen Herren des Vatikans und der Gestalt, vom dem diese klerikalen Politiker so oft sprechen, von Jesus Christus.
Auch Benedikt XVI. wird sich in Deutschland als liebvoll lächelnder oberster Hirte zeigen … und als gewiefter Diplomat. Dass er im Deutschen Bundestag reden wird, hängt damit zusammen, dass er als „Völkerrechtliches Subjekt“ der Heilige Staat IST, der den Staat Vatikanstadt mit 500 Bürgern, leitet. Es spricht also im Bundestag ein Staatschef! In Lexika wird diese einmalige rechtliche Konstruktion (nirgendwo sonst IST eine lebende Person ein völkerrechtliches Subjekt!) des Heiligen Stuhls und der Vatikanstadt als „absolutistische Monarchie“ beschrieben. Wer also dem geistlichen Oberhaupt, dem Papst folgen will, folgt also gleichzeitig auch einem absolutistischen Herrscher. Er folgt einer Person, die ihm zugleich religiöse Weisungen und politische Vorschriften vorlegt, also etwa an die Gottheit Jesu zu glauben und die absolute Zurückweisung der Geburtenkontrolle zu akzeptieren. Es ist diese Doppelrolle, die heute demokratisch gesinnte Menschen nicht gerade zu Fans des Papsttums macht.

Corrado Augias, Die Geheimnisse des Vatikan. Eine andere Geschichte der Papststadt.
Aus dem Italienischen von Sabine Heymann. Verlag C.H. Beck, München 2011, 496 Seiten, 22,95 Euro.

Welche Spiritualität braucht Berlin? Dialog im Radial -System

Termin: 14. September | 20 Uhr
Gastgeber: Ursula Richard, Literaturmanufaktur

Welche spirituellen Formen und Angebote braucht Berlin? Was kann eine urbane Spiritualität leisten?

Auch eine Großveranstaltung mit dem Papst kann nicht darüberhinwegtäuschen, dass die Bindung an die christlichen Kirchen nachlässt und ihnen die Mitglieder abhanden kommen, aber auch der Zulauf zu traditionellen Zentren östlicher Spiritualität ist rückläufig. Mehr als 50 Prozent der BerlinerInnen bezeichnen sich als konfessionslos. Doch gleichzeitig kann man feststellen, dass das Interesse an spirituellen Fragen und Erfahrungen gerade in Großstädten wie Berlin zunimmt. Was braucht Berlin, um diesen Bedürfnissen mehr Raum zu geben? Welche (neuen) Formen und Angebote einer urbanen, undogmatischen Spiritualität sind hilfreich und anschlussfähig? Wie können Respekt, Offenheit und Stille im Miteinander einer Großstadt gelebt werden?

Diese und weitere Fragen werden an diesem Abend näher beleuchtet und diskutiert von der Autorin und Verlegerin Ursula Richard (Autorin u.a. von „Stille in der Stadt“ (Kösel Verlag), dem buddhistischen Lehrer und Arzt Dr. Wilfried Reuter, Christian Modehn, Initiator des religionsphilosophischen Salons Berlin sowie In-Sun Kim, Leiterin des Interkulturellen Hospizes Berlin.

Proteste zum Papstbesuch

Proteste zum Papstbesuch
Priester in Madrid kritisieren den Weltjugendtag und den Papstbesuch
Von Christian Modehn

Im religionsphilosophischen Salon werden die Diskussionen über die konsequente Trennung von Kirche und Staat mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgt. Das ist ein Erbe der philosophischen Aufklärung, das niemals vergessen werden darf, so meinen es viele Teilnehmer unserer Salons. In einer multireligiösen Gesellschaft ist die konsequente Trennung von Kirche und Staat zudem der beste Weg für ein respektvolles Miteinander. Dass auch Jesus sich den Herrschern niemals andiente oder von ihnen finanziell profitierte, dürfte unter bibelfesten Kreisen ohnehin bekannt sein.
In Spanien melden sich jetzt 120 Priester aus dem Erzbistum Madrid zu Wort. Sie kritisieren öffentlich und ohne Angst die hohen Unkosten, die der katholische Weltjugendtag in Madrid (vom 16. bis 21. August 2011) verursachen wird. Mindestens 50 Millionen Euro soll das Treffen mit dem Papst kosten, etwa 25 Millionen will der spanische Staat zur Verfügung stellen. Das berichten verschiedene spanische Tageszeitungen und etwa auch die Amsterdamer Tageszeitung Trouw vom 24. 6. 2011. Dieser Protest gegen die hohen Kosten wie gegen die einseitig spirituelle Dimension de Weltjugendtage erscheint sehr bemerkenswert: Katholische Priester in Madrid haben den Mut zu öffentlicher Papst – und Kirchenkritik, solches wäre wohl in Deutschland, dem Land der Angst, kaum vorstellbar. Rafael Rojo und Eubilio Rodriguez, beide Pfarrer in Madrid, haben in Interviews mit den großen Tageszeitungen ihr Anliegen deutlich gemacht. Wir werden sehen, wann sie ihres Amtes enthoben werden…
In einem eigenständigen Dokument zeigen die Priester, die zum „Foro curas de Madrid“ gehören: Der Kardinal von Madrid, Antonio Rouco Varela, hat Sponsoren für das internationale Jugend – Treffen in Kreisen der allmächtigen Banken und Konzerne gesucht und gefunden. Die Chefetagen geben sich gern religiös generös. Dabei wissen die meisten kritischen Spanier, dass die falsche Finanzpolitik, das Verhalten der Banken vor allem, die tiefe ökonomische un soziale Krise Spaniens mit verursacht hat. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt in Spanien bei über 40 %. Das Dokument der Priester, eine Studie politischer Theologie, konkret, voller Fakten und nicht allgemein und ausgewogen, wie in Kirchenkreisen anderer Länder üblich, ist nachzulesen in der empfehlenswerten website www.atrio.org. Der Titel dieses Dokuments: „Die Mäzene von Rouco“, „Los Mecenas de Rouco“.
Darüber hinaus gibt es ein Bündnis von 45 Vereinen, die gegen die hohen staatlichen Zuschüsse zu dem religiösen Treffen protestieren und entsprechende Demonstrationen im Umfeld des Papstbesuches planen. . Dazu gehören die Basisgemeinen, religionskritische Kreise wie die Freidenker und die Vereine der Lesben und Schwulen und linke politische Organisationen. Sie meinen, es sei mit der Trennung von Kirche und Staat unvereinbar, dass der Staat mit ca 25 Millionen das religiöse Treffen finanziert. Der Sprecher der katholischen Weltjugendtage behauptet hingegen, die Kosten würden von den „Pilgern“ erbracht und eben von den Spendern aus der Finanzwelt.
Die Madrider Priester schreiben: „Die Weltjugendtage sind kein geeignetes Mittel für die so genannte Jugendpastoral. Viele Jugendliche sehen die Kirche als veraltet, mit Privilegien von Geld und Macht, sie bietet keine gültige Antwort mehr für ihr Leben. Man kann nicht die Botschaft des Evangeliums in einem Bündnis mit der Ökonomie und der Politik stark machen. Das verstärkt nur das Image, die Kirche sei eine privilegierte Organisation, die nahe bei der Macht steht“.
Nebenbei: In vielen spanischen Städten finden seit Mitte Mai 2011 sozusagen ständig öffentliche Weltjugendtage statt: Junge Menschen diskutieren auf großen Plätzen über die Zukunft ihres Landes, über die Zukunft Europas über eine gerechte Welt… Es sind jene zumeist nicht konfessionell gebundenen jungen Leute, darunter viele Akademiker, die für sich selbst als Arbeitslose und „Vergessene“ eine bessere Zukunft erwarten. Man darf gespannt sein, wie die jungen Leute des päpstlichen Weltjugendtages im August aus den Kreisen des Opus Dei, der Legionäre Christi, der Charismatiker, der Neokatechumenalen mit diesen jungen Menschen eines ganz anderen Weltjugendtreffens zusammenkommen. Den 120 Pfarrern in Madrid ist klar: Das Weltjugendtreffen wird eine Heerschau extrem konservativer Katholiken sein. Und Nonnen, so wird berichtet, müssen in diesen Tagen in Madrid wieder ihren klassischen Habit tragen, den sie seit dem Konzil in den Schrank gehängt haben. Auch über die Kleiderordnung soll die dogmatische Einheitlichkeit Ausdruck finden. copyright:christian modehn.

Ein philosophischer Sommer – Spaziergang im Salon. „Der Feldweg“

Dem „Feldweg“ Martin Heideggers nachdenken
Michael Braun, unser Gesprächspartner am 26. Juli, schreibt:

Jeder von uns kennt die Momente, da wir uns nach Ruhe und Besinnung sehnen.
Der eine oder andere ist vielleicht sogar der Meinung, Besinnung sei angesichts der weltweit immer drängender werdender Probleme besonders wichtig.
Was aber heißt Besinnung? Ist Besinnung eine Form von Passivität oder vielleicht genau das Gegenteil? Gehen Besinnung und Veränderung vielleicht Hand in Hand?
Diesen und anderen Fragen können wir anhand des Textes „Der Feldweg“ von Martin Heidegger nachgehen. Doch stehen zuerst einmal Ihre Leseerfahrungen und die daraus sich ergebenen Fragen im Mittelpunkt unseres Philosophischen Cafés.