Die Abkehr von allen Kreuzzugs – Ideen

Anläßlich der Untaten eines Massenmörders in Norwegen hat der Religionsphilosophische-Salon unmittelbar einen Diskussionsbeitrag publiziert. Heute bieten wir einige weitere kritische Gedanken zu dem Thema:

„Die Kirchen müssen sich offiziell von allen Kreuzzugs – Ideologien lösen und sich öffentlich von ihnen abkehren“

Der Mittelalter Historiker, Prof. Gerd Althoff, Münster, hat sich in einem Beitrag für die „Berliner Zeitung“ (1.August 2011, S. 27) mit dem Weltbild des norwegischen Massenmörders Anders Behring Breivik auseinandergesetzt. Prof. Althoff weist darauf hin, dass Breivik durchaus mit dem Gedankengut der Templer vertraut gewesen sein kann, „dass er irgendwelche Vorstellungen von der Ideologie der Kreuzfahrer hatte“, schreibt Althoff. Wenn das so ist, dann gab es nach wie vor christlich inspirierte militante Impulse, die zum Massenmord geführt haben. Mit anderen Worten: Dann gibt es noch – auf welche diffuse Weise auch immer – Inspirationen zur tötenden Gewalt, die aus dem Christentum selbst stammen.
Die heute übliche Unterstellung, einzig „der Islam“ sei gewalttätig, ist also falsch. Prof. Althoff fragt: „Haben wir im Westen genügend Sorgfalt aufgewendet, das Kapitel unserer Vergangenheit, das von religiös legitimierter Gewalt handelt, als das zu bezeichnen, was es war: ein Irrweg, der die wesentlichen Gebote des Christentums missachtete? Es ist aus heutiger Sicht ein Skandal, wenn man liest, dass die Päpste den Kreuzfahrern die Erlaubnis gaben, Ungläubige zu töten. Papst Urban II. (1088 – 1099) hatte in seinen Predigten den Rachepsalm 79 in den Mittelpunkt gestellt“.
„Die Verantwortung der Päpste für die legitimierenden Grundlagen der Gewaltanwendung ist nie herausgearbeitet worden…Für das Töten im Dienste und im Auftrag der Kirche stellten die Päpste Belohnung in Aussicht, die die Aufnahme in den Himmel ermöglichten“. Nebenbei: Ähnelt diese Ideologie nicht stark einer bestimmten fundamentalistischen Ideologie heute in sogen. muslimischen Kreisen?

Prof. Althoff bemerkt, es habe in der Forschung wie auch in der Lehre der Kirche daran gefehlt, die erschreckenden Seiten kirchlich legitimierter Gewaltanwendung kritisch zu bearbeiten. „Hat sich die römisch – katholische Kirche wie die westliche Traditionskritik im allgemeinen intensiv darum gekümmert, dieses problematische Erbe zu analysieren und dann abzulehnen? Oder hat man nicht vielmehr durch Untätigkeit Raum gelassen für eine Legitimierung und Heiligung von Gewalt, in der Gott angeblich auf einer Seite stand?“

Selbst wenn heute das konkrete Wissen über Kreuzfahrer und die Segnung der Gewalt durch die Kirche nicht ausgeprägt ist: Die Ahnung, dass es religiös/ christlich legitimierte tötende Gewalt geben kann, ist schlimm genug. Die gewalttätige Subkultur in Europa zehrt offenbar von diesen Legitimierungen der Gewalt, wenn sie etwa zum „Kampf der Kulturen“ aufruft.
Im Blick auf künftige interreligiöse Begegnungen in München oder in Assisi im Herbst 2011 wäre es angebracht, nicht bloß fromme Worte aus diplomatischer Höflichkeit auszutauschen oder gar bloß versunken gemeinsam zu schweigen, wie es der Papst für Assisi vorschlägt. Dringend geboten wäre das päpstliche Bekenntnis: „Wir lehnen alle irgendwie christlich motivierte Gewalt ab! Wir betonen: Auch der Katholizismus ist ab sofort einzig der Gewaltfreiheit verpflichtet. Wir bedauern zutiefst die Verirrungen, die im Mittelalter Päpste begangen, als sie Gewalttäter segneten“.
Damit würde sich der Katholizismus entschieden auf die Seite der Menschenrechte stellen und damit ausdrücken: Menschenrechte, also Demokratie und Respekt, gelten immer und überall; sie sind grundlegend wichtiger als religiöse Gebote aus einzelnen kirchlichen Traditionen.

Ein Weg in die Heiterkeit? Beim Lesen des „Feldweg“ von Martin Heidegger

Ein Weg in die Heiterkeit?
Beim Lesen von „Der Feldweg“ von Martin Heidegger

Am 26. Juli 2011 haben wir in unserem „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon“ den wohl kürzesten Text Martin Heideggers „Der Feldweg“ gelesen und interpretiert, unterstützt und beraten von dem Heidegger Spezialisten Michael Braun, Berlin.

Ein Teilnehmer schickt uns einige persönlichen Beobachtungen und Reflexionen.

„Der Feldweg“ (1948 geschrieben) weckt den Eindruck, als würde er sich in einer leichten, schnell zugänglichen Lektüre erschließen.
Tatsächlich nimmt Heidegger in einfachen Worten den Leser mit auf seinen seit Jugendzeiten vertrauten Spaziergang gleich hinter dem Schloss von Messkirch.

Einzelne Worte erscheinen merk – würdig: „der Feldweg half“, eine „hohe Eiche grüßt“: Die Natur wird nicht als fremdes Gegenüber erlebt, sie steht im Gespräch mit dem nachdenklichen Menschen. Natur und Mensch können noch „kommunizieren“.

Es ist ein „karges Land“, durch den der Feldweg führt. Ist diese Kargheit bereits Metapher für das karge Leben insgesamt? Heidegger spricht später, in „Holzwege“, von der „dürftigen Zeit“ der Seins – Vergessenheit.

Welche Worte in dem Text gelten unmittelbar als solche in einem noch vordergründigen Verständnis, welche müssen „tiefer“ verstanden werden?

Kann man einer ersten, „schlichen“ Lektüre vertrauen? Dann erzeugt die meditierende Lektüre des Feldweges eine gewisse Geborgenheit, eine Sehnsucht nach Verwurzelung, einen Wunsch, wesentlich zu leben, achtsam zu sein auf die Natur, den Wechsel der Jahreszeiten, die Erinnerung zu pflegen, den göttlichen Gott zu suchen (von ihm spricht Heidegger im Verweis auf Meister Eckart).

Darüber hinaus wird der Leser in tiefere, zum Teil schockierende Fragen „geschleudert“: Heidegger spricht von Wanderungen, auf denen „alle Ufer zurückbleiben“. Oder: „Wachsen heißt, der Weite des Himmels sich öffnen und zugleich in das Dunkel der Erde wurzeln“. In einer Heimat verwurzelt sein, d.h. die konkrete Endlichkeit in einem zugewiesenen Lebensraum annehmen, UND: in die Weite des Himmels sich öffnen, also eine eigene Form des Transzendierens über alles Begrenzte leben.

In dieser Verbundenheit mit Immanenz und Transzendenz wird das „Einfache“ erlebt. Da stellt sich besinnliches Denken ein, wird die Herrschaft des Rechnens und Verfügens und Machens unterbrochen. In der technischen Welt, so Heidegger, denken die Menschen, der Lärm der Apparate sei die „Stimme Gottes“. Die Technik, absolut genommen, kann das Göttliche ersetzen und verdrängen.

Auf den Feldweg wird der Denkende befreit von den Üblichkeiten der herrschenden Kultur. Das Gehen auf diesem eher unspektakulären Weg kann eine letzte Heiterkeit fördern. „Die wissende Heiterkeit ist ein Tor zum Ewigen“. Das heißt: Dieser philosophische Text ist keine „abstrakte Abhandlung“, viele Menschen halten ja Philosophie irrtümlich für „abstrakte Abhandlungen“. Nein: „Der Feldweg“ erschließt Lebensmöglichkeiten, er IST Philosophie für ein „besseres“, eigentliches Leben. Und dieses Leben ist voller Fraglichkeit, die ausgehalten werden soll: „Spricht die Seele? Spricht die Welt? Spricht Gott?“. Danach zu fragen und zu suchen ALS Dasein ist, wenn man so will, der Auftrag des Feldweges als des Daseins – Weges. Philosophieren kann also eine Lebenshaltung sein, daran lag ja den antiken und spätantiken Philosophen sehr viel.

Wir empfehlen anschließend an den „Feldweg“ den Vortrag „Gelassenheit“ ( 1955) zu lesen, auch dieser Text ist als Einzelausgabe preiswert im Neske Verlag erschienen.
copyright: christian modehn, berlin.

10 Jahre „Homoehe“ in Deutschland: Über Freunde Gottes, Feinde des Respekts und den Aufruf zur Ausgrenzung

10 Jahre so genannte Homoehe in Deutschland:
Über die Freunde Gottes, die Feinde des Respekts und den Aufruf zur Ausgrenzung.

Seit 10 Jahren, seit dem 1. August 2001, gibt es in Deutschland die so genannte Homoehe. Wir haben im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon schon mehrfach auf das Thema „Homosexualität und Religion/Katholizismus“ hingewiesen. Religionskritik ist nun einmal ein Schwerpunkt religionsphilosophischer Arbeit.
Wir haben in einem eigenen Beitrag etwa daran erinnert, dass die katholische Kirche gern und offenbar ohne theologische Probleme weltweit Autos segnet und Tiere segnet, selbstverständlich auch Wohnungen und Objekte, wie eine Orgel, von Waffensegnungen (einst?) ganz zu schweigen, nicht aber homosexuell lebende/liebende Menschen. Einmal abgesehen von der Frage, ob es überhaupt noch einige Katholiken geben sollte, die ihre Liebe in einem katholischen Rahmen segnen lassen wollen: Dieser Zustand: Autosegnung JA, Segnung von homosexuellen Paaren NEIN, ist eine Diskriminierung, damit werden de facto und ohne große Worte Homosexuelle zu Menschen zweiter Klasse gemacht, d.h. sie sind „nicht des Segens Gottes würdig“. Ein paar Hunde sind es durchaus in Tiersegnungen…
Wir haben schon früher aus der großen Fülle amtlicher Äußerungen der römischen Kirche gegen homosexuell Liebende/Lebende Menschen nur einige besonders merkwürdige (!) Äußerungen dokumentiert, etwa in unserem Beitrag im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon: „Homosexuelle kommen nicht in den Himmel“.

Nun also 10 Jahre so genannte Homoehe in Deutschland.
Nur ein paar Hinweise: Auf das Wort „so genannte“ Homoehe kommt alles an, denn tatsächlich haben heterosexuelle Eheleute immer noch mehr Rechte.

Tatsächlich hat das Gesetz zur „Lebenspartnerschaft registrierter Homosexueller“ einige Schritte in Richtung vollständiger Gleichberechtigung gebracht, etwa im Bereich von Finanzen und Erbrecht.

Es ist jedoch eindeutig, dass eine wirkliche Homo – Ehe, wie sie etwa in den Niederlanden oder in Spanien besteht, durch konservative Kräfte, der CDU und der katholischen Kirchenführung, verhindert wurde und verhindert wird. Indem man homosexuellen Menschen die Möglichkeit nimmt, Kinder in ihrer Homo Familie großzuziehen, werden sie, ohne dass man es noch ausdrücklich sagt, zu Menschen zweiter Klasse gemacht.
Dabei zeigen Studien eindeutig, dass Kinder in so genannten Homoehen nicht mehr „beeinträchtigt“ aufwachsen als Kinder in Heteroehen. Aber diese Tatsachen wollen konservative Kreise nicht sehen.

10 Jahre so genannte Homoehe in Deutschland hat also den Respekt vor den „anderen“ nicht gerade gefördert. Bestenfalls kann von einer müden Toleranz, fast im Sinne von Gleichgültigkeit, die Rede sein. Die großen CSD Termine sind ja oft ins Karnevaleske abgedriftet, da werden Kostümierte beguckt und begafft wie wundersame Tierchen im Zoo…Schwieriger ist es, wenn sich Homosexuelle in ihrer Arbeitsstelle outen.
Interessant ist weiterhin, dass bisher nur ca. 20.000 homosexuelle Frauen und Männer die Registrierung ihrer Lebenspartnerschaft vollzogen haben. Offenbar sind viele Homosexuelle der Meinung, dass sie einem klassischen, nun einmal heterosexuell geprägten Ehe- Ideal nach außen hin nicht entsprechen wollen.

Mit der rechtlichen Verbesserung vor 10 Jahren wurden die Mentalitäten der heterosexuellen Mehrheit nicht besser. Vorurteile, Ablehnung und Hass gibt es immer noch. Die Gewalt gegen schwule Männer hat zugenommen, selbst in liberalen Städten wie in Berlin…

Was uns im religionsphilosophischen Salon besonders interessiert: Es gibt immer gesellschaftlich relevante und durchaus öffentlich noch respektierte Kräfte, die mit ihren Äußerungen dafür sorgen, dass Respekt gar nicht erst aufkommen kann. Wir denken an die immer wiederholten Sätze katholischer Bischöfe auch in jüngster Zeit, Homosexualitität sei abartig und der einzelne homosexuell lebende und deswegen auch selbstverständlich homosexuell liebende Mensch sei ein Sünder. Leitlinie auch der deutschen Bischöfe ist (darin sind sie treue Repetitoren vatikanischer Lehre) der Satz: „Homosexuelle Handlungen sind auf keinen Fall zu billigen“, so heißt es im immer noch gültigen Katechismus der Katholischen Kirche, veröffentlicht im Jahr 1993. Das Zitat steht im § 2357 dieses Katechismus. Was heißt „homosexuelle Handlungen sind in keinem Fall (!) zu billigen“? Sollen diese Handlungen und also diese so Handelnden verfolgt, bestraft, ausgegrenzt, attackiert werden? Werden vielleicht Menschen aufgerufen, ihre Nichtbilligung auch gewaltsam auszudrücken? Bestimmte katholische Kreise, etwa in Polen oder orthodoxe Kreise in Russland, tun das ja. Und in einigen lateinamerikanischen Ländern, wie der Dominikanischen Republik, haben Kirchenfürsten, wie der Kardinal Lopez Rodriguez, so viel Einfluss, etwa für die Schließung von gay bars in Santo Domingo zu sorgen oder kritische schwule Journalisten abzusetzen…(siehe etwa: Clave Digital, Lunes, 19 de junio 2006) „Für Kardinal Lopez Rodriguez ist Homosexualität eine Epidemie, die die moralische Basis der Gesellschaft zerstört“. Diese Beispiele könnten endlos verlängert werden, man müsste Afrika oder die Philippinen heranziehen usw. In 80 Ländern werden Homosexuelle heute noch beeinträchtigt, verfolgt, getötet (wie im Iran).

Wenn katholische Bischöfe im aufgeklärten (?) Deutschland sagen, wie Bischof Franz – Josef Overbeck, Essen, (in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung vom 30. 7. 2011, Seite 8): “Praktizierte Homosexualität ist nach Überzeugung der katholischen Kirche objektiv sündhaft“, dann steckt in dieser Aussage doch die Aufforderung, diese objektiv Sündigen wieder auf den angeblich richtigen Weg zu bringen, etwa durch „Umpolung“ oder durch physische und psychische Einschüchterung. Solche Äußerungen eines Bischofs bergen ein Gewaltpotential in sich, selbst wenn Bischof Overbeck in einem Nebensatz sagt: „auch wenn homosexuellen Menschen mit Achtung zu begegnen ist“.
Mit Achtung begegnen – solche pastoralen Formulierungen finden sich übrigens in katholisch – theologischen Büchern, die vom Umgang mit Schwerverbrechern handeln…
Tatsächlich muss man das ganze Umfeld dieser zumindest indirekt gewalttätigen Ideologie weiter ausleuchten, etwa wenn Sodomie (ein anderes Wort für Homosexualität im Katechismus) als „himmelschreiende Sünde“ (im § 1867) tituliert und im gleichen Paragraphen auf eine Stufe mit dem Mord Kains an Abel gestellt wird!
Man muss nur im Katechismus einmal hin und her, sozusagen quer lesen, um sehr befremdlich erscheinende Verbindungen zu sehen. Zum Beispiel: Inkonsequent ist es auch für gebildete Theologen, wenn im Katechismus in § 2358 gesagt wird: „Homosexuelle Menschen haben diese Veranlagung nicht selbst gewählt“. Wie kann aber etwas nicht selbst Gewähltes, also „Zugewiesenes, Verfügtes“, also eine nicht der Freiheit des einzelnen überlassene „Struktur“, wie kann es da noch Sünde geben? Wie kann jemand, der nicht anders leben und lieben kann (!), dann noch ein Sünder sein? Im klassischen katholischen Sündenbegriff gehört wesentlich FREIHEIT zur sündigen Tat. So ist der Katechismus selbst also inkonsequent und unsicher in der eigenen Einschätzung. Ist das etwa ein Lichtblick?
Man könnte natürlich fragen: Gibt es denn keine dringenderen Themen? Das Hungersterben jetzt am Horn von Afrika ist sicher aktuell dringender; von der „Bevölkerungsexplosion“ und der Geburtenregelung ganz abgesehen oder dem Waffenhandel oder der Gier der Finanzmärkte…
ABER: Beim Thema „Respekt und völlige Gleichberechtigung von Homosexuellen weltweit“ geht es um die menschliche Kultur, um die vollständige Achtung von Menschen, die nicht der herrschenden Mehrheit entsprechen, aber Anspruch auf volle Gleichberechtigung haben. Am Thema „Respekt für Homosexuelle“ zeigt sich auch das ethische Niveau einer Gesellschaft, zeigt sich auch das ethische Niveau einer Kirche.

copyright:christian modehn, berlin.

„Wo war Gott in Norwegen am 22. Juli ?“

Gott und die Katastrophe in Norwegen am 22. 7.2011

Wir werden noch am 26.7. oft gefragt, „wo denn Gott gewesen sei“ bei den Anschlägen am 22.7.2011 in Oslo und auf der Insel Utöya. Warum hat „Er“ nicht eingegriffen und verhindert, dass 70 Menschen getötet und viele schwer verletzt wurden?
Voraussetzung für eine Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie ist: Gott ist ein Name, der wesentlich auf ein Unbedingtes, auf ein Geheimnis hinweist. Deswegen ist Gott nie „zu fassen“ und „festzulegen“. Menschen können immer mit dem Unbedingten, diesem Geheimnis des Lebens, verbunden sein und sich in allen (!) Situationen darauf beziehen, denkend, vertrauend, „Zuflucht nehmend“, wie auch Buddhisten sagen, sich dem ungreifbaren Lebensgrund überlassen…
Aber dieses göttliches Lebensgeheimnis führt nicht zum völligen Verstummen.
Deutlich ist: Der Täter, hat aus ideologischen Gründen gehandelt, er ist ein Rechtsradikaler, voller Hass auf „den Islam“ und „den Marxismus“; er ist ein Mensch, der die Identität, die Abgrenzung von anderen, die Herabsetzung „der anderen“, fanatisch durchsetzen will.

– Warum hat Gott nicht eingegriffen und die Unschuldigen geschützt?. Eine Frage, die immer wieder bei Katastrophen gestellt wird.

Die entscheidende Frage ist aber: Kann man sich bei klarer Vernunft Gott vorstellen, als einen „Jemand“, der mal hier und mal dort eingreift? Also völlig willkürlich handelt, indem er beispielsweise die Jugendlichen auf Utöya schützt, aber aus welchen Gründen auch immer die jetzt in Somalia verhungernden Hunderttausend eben nicht himmlisch eingreifend versorgt. Sollte dieser Gott im Ernst ausnahmsweise mal dem fanatischen Mörder auf Utöya das Gewehr aus dem Arm schlagen? Aber nicht den fundamentalistischen Terroristen, die den Transport von Hilfsgütern zu den krepierenden Menschen in Somalia und den angrenzenden Ländern jetzt verweigern?
Mit anderen Worten: Die Vorstellung, Gottes starker Arm greift auf Erden mal hier, mal dort helfend ein, ist philosophisch nicht vertretbar. „Willkürlich“ und „göttlich“ lassen sich philosophisch nicht in Einklang bringen.
Hingegen wird in der katholischen theologischen Tradition behauptet, Gott könne die von ihm geschaffenen Naturgesetze auch wieder durchbrechen, etwa bei Heilungswundern in Lourdes. Da wird letztlich der willkürlich handelnde Gott verehrt: Der Herrn Schulz wird plötzlich geheilt, Frau Müller aber nicht. Wie „begrenzt“ dieser die Naturgesetze durchbrechende Gott dann aber doch handelt, sieht man daran: Abgetrennte Organe, etwa die fehlende Hand, der fehlende Arm, sind auch in Lourdes nicht nachgewachsen.

– Gibt es also nichts „Wunderbares“?

Das einzig Erstaunliche ist philosophisch betrachtet: „Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?“. Wer sich auf diese Frage denkend einlässt, erreicht das Wunderbare, das Geheimnis des Lebens, der Existenz. Er nimmt wahr, dass diese Welt endlich, begrenzt, ist, dass er Teil dieser endlichen Welt ist; dass er aber als Mensch denkend und meditierend das Unbedingte berühren kann, ohne es umgreifen zu können, ohne es manipulieren zu können. Der Philosoph Martin Heidegger nennt dieses „Gründende“ etwa das „Sein“. Auch Heidegger spricht von „Geheimnis“, dem man eben nicht mit einem Wunderglauben begegnen kann.

– Welchen Gott verehrt ein mörderischer Täter?
Soweit man das jetzt auch schon im Blick auf Norwegen sagen kann: Der mutmaßliche Täter war tief überzeugt, Gott auf seiner Seite zu haben, absolut recht zu haben. Er handelte aus einem rechtsradikalen Wahn, der wie eine absolute, religiöse Überzeugung erscheint.
Aber: Dieser Wahn, „die Wahrheit zu haben“, entsteht nicht automatisch, er wird auch erzeugt, wird gemacht, gelehrt, verbreitet, auch gepredigt, z.B. wann immer eine Kirche oder Religionsgemeinschaft ihren Anhängern einredet und „einbläut“: Nur sie seien auf dem einzigen richtigen, gottgewollten Weg. Dann wird der Boden für Terrorismus vorbereitet: „Wir sind die Guten, auf der anderen Seite stehen die Falschen, die Bösen, die Irrenden, die Gottlosen“.
Worte wie „allein selig machend, allein wahr, die wahre Kirche“ usw. sind gefährlich. Das schließt aber nicht aus, dass ein einzelner Frommer seinen Glauben als den für ihn ganz persönlich einzig wahren Glauben pflegt. Sozusagen als seine subjektive Wahrheit. Aber diese Überzeugung ist völlig privat. Sie sollte nicht als die für einen Staat und eine Gesellschaft allein geltende Wahrheit durchgesetzt werden. Mission und Terror waren schon oft verbunden, man denke an den Völkermord, der im Namen des Evangeliums an den indianischen Völkern Amerikas begangen wurden. In der Wahnphantasie des Täters in Norwegen am 22.7. 2011 kommt bezeichnenderweise das Wort „Kreuzritter“ vor…

– Darf also Gott im öffentlichen Leben keine Rolle spielen?
Der Philosoph Immanuel Kant hat Entscheidendes gesagt: Das Unbedingte, Gott, spricht im Gewissen; das Unbedingte, Gott, „spricht“ im Kategorischen Imperativ. Darum: Jedes einzelne menschliche Handeln muss sich stets prüfen, ob es allgemeines Gesetz werden kann.
Das Unbedingte, Gott, spricht in der philosophischen Einsicht, den anderen Menschen niemals als Mittel für meine persönlichen Zwecke zu missbrauchen. Nicht nur Toleranz, sondern Respekt vor dem Leben jedes anderen ist die Basis. (Darum ist, nebenbei gesagt, das zugelassene Massensterben in Somalia jetzt auch Ausdruck für ein respektloses Umgehen der reichen Nationen mit diesen arm gemachten Menschen dort). Respekt als Maßstab gesellschaftlichen Miteinanders soll eingeübt und gelehrt werden, das ist die philosophische Haltung.
Gott ist also primär im Bereich der Ethik zu entdecken, so Kant, und nicht in Spekulationen, ob Gott denn hier oder besser dort himmlisch eingreifen sollte. Solchen „Wunderglauben“ hat Kant als spinös und unvernünftig zurückgewiesen. Philosophen tun das noch heute.

Darüber sollte man diskutieren:
Wir brauchen keine an Wundern orientierte Frömmigkeit; wir brauchen nicht den Glauben an einen Gott, der einige freundlicherweise rettet, viele andere aber unfreundlicherweise nicht rettet.
Wir brauchen Religionskritik, um den wahren Gott vor den weit verbreiteten und kirchlich gepflegten infantilen Gottes – Vorstellungen zu schützen.
Wie brauchen weniger Religionen, die die Wahrheit gepachtet haben und von Abgrenzungen und Ausgrenzungen leben.
Wir brauchen Bildung, Kritik und Selbstkritik, Einübung ins Mitgefühl…Und das rigorose gesetzliche Verbot, privat Waffen zu besitzen.
Das stellen wir zur Diskussion: Die tiefe, persönliche und intellektuelle Kenntnis der Menschenrechte ist in der heutigen Welt wichtiger als die Kenntnis religiöser Traditionen. Über die Menschenrechte erkennen sich Menschen als „Brüder und Schwestern“ und werden angehalten, diese Erkenntnis politisch „umzusetzen“.

Was in jedem Fall außer Frage steht: Das Mitgefühl mit den Hinterbliebenen. Die geistige Hilfe, die Mitmenschen ihnen bieten, trotzdem weiter Ja zum Leben zu sagen.. auch angesichts der Katastrophe, darauf kommt es an.
copyright: christian modehn berlin. religionsphilosophischer-salon.

Von der Notwendigkeit der Muße

Von der Notwendigkeit der Muße
Vom zweckfreien Genießen des Daseins
Von Christian Modehn
(Diese „philosophische Meditation“ geht auf eine Ra­dio­sen­dung im NDR Juli 2011 zurück)

Eine meiner Freundinnen beschäftigt sich mit der europäischen Malerei des 19. Jahrhunderts. Sie ist davon so begeistert, dass sie mich gelegentlich zu privaten Führungen in Museen einlädt. Vor einigen Wochen traf ich Karla in der Alten Nationalgalerie auf der Berliner Museumsinsel. „Heute habe ich eine Überraschung für dich“, sagte sie. Und wir gingen gleich los, vorbei an den Arbeiten von Menzel, Feuerbach und den Meistern des Impressionismus. „Jetzt sind wir am Ziel“, sagte sie und wies auf das Gemälde „Der Mönch am Meer“ von Caspar David Friedrich. „Du hast es sicher schon mehrfach in Büchern gesehen“, flüsterte sie mir zu. „Aber jetzt schalte mal ab und schau das Gemälde an“.

Überrascht von ihren pädagogischen Anweisungen setzte ich mich brav auf eine Bank direkt dem Bild gegenüber. Je länger ich mich auf das Gemälde konzentrierte und das Spiel der Farben betrachtete, um so mehr glaubte ich, in die Welt des Bildes einzutreten. War ich mit ihr eins geworden? War ich aus der Zeit ausgestiegen? Später, in der Cafeteria, merkten wir, dass wir eine gute halbe Stunde mit dem Gemälde „Der Mönch am Meer“ verbracht hatten. „Ich wollte, dass du dir mal einen Museumsbesuch in Ruhe und Beschaulichkeit gönnst“, sagte Karla. „Das oberflächliche Rennen von Bild zu Bild ist doch ein Graus. Es bringt keine neuen Erkenntnisse“.

Wir tauschten unsere Eindrücke aus, wie z.B. die Mitte des Bildes von dem bedrohlichen Meer mit dem schwarzen Wolkenhimmel erfüllt ist. „Aber das Dunkel wird vom Licht begrenzt“, meinte Karla, „das ist mir so wichtig. Diese Helligkeit lebt! Sie entsteht, geht auf … und trotzt der Finsternis“. „Und der Mönch?“, fragte ich. „Er ist wie alle Menschen im Ganzen des Kosmos nur eine winzige Gestalt“, sagte sie. Der Mönch stehe zwar aufrecht, sei aber doch leicht gekrümmt. Er wirkt zerbrechlich inmitten einer bedrohlichen Welt.

An diese Unterbrechung des Alltags denke ich noch oft. Es war eine Zeit, ausgefüllt mit stillem Sitzen, Nichtstun und Warten. Ob mir eine kluge Inspiration kommt oder nicht, war mir wohl in dem Augenblick egal. Im Verweilen vor dem Gemälde sammelte sich der Geist, konzentriert einen Punkt hin. Das habe ich selten erlebt. Diese halbe Stunde der Muße war ein Geschenk, alles andere als vergeudete Zeit.

Seit dem Zeit schaue ich die Menschen um mich herum aus einer anderen Perspektive an als zuvor: Die Leute auf der Straße hetzen aneinander vorbei, sie haben offenbar nur eins im Sinn: Bloß keine Zeit zu verlieren! Pünktlich zu sein, damit ihr so genanntes Zeitmanagement nicht durcheinander gerät. Denn „Zeit ist Geld“. Dieser Spruch wurde von dem amerikanischen Politiker und Naturwissenschaftler Benjamin Franklin vor 250 Jahren formuliert; seine Maxime gilt seitdem als Inbegriff der Weisheit für die moderne Gesellschaft.

Auf den 100 Dollar Scheinen ist Franklin, einer der Gründervater der Vereinigten Staaten, abgebildet. So werden die Menschen ständig daran erinnert, die ihnen geschenkte Lebenszeit effektiv zu nutzen, und das heißt: in Geld zu verwandeln. Wie oft hört man im Elternhaus und in der Schule: Trödle nicht herum! Hör auf zu dösen, lass das Träumen am helllichten Tag. Mein Vater forderte: Mach was aus deiner Zeit: Lese, übe Klavier. Meine Tage und Stunden waren schon in der Jugend voll gestopft von Terminen. Nichtstun, Ruhigwerden, Muße, dies waren Fremd -Worte, die nur für Einsiedler und Mönche Gültigkeit hatten. Heute weiß ich: Manchmal dauert es Jahre, ehe man sich aus dieser von Hektik und Stress geprägten Welt befreit. Du musst immer schnell sein, effektiv und erfolgreich. Dieses Dogma gilt heute unerschütterlich weltweit.

Der amerikanische Psychologe Robert Levine hat eine „Landkarte der Zeit“ veröffentlicht; ein Buch, das inzwischen als Standartwerk gilt. Es untersucht die Frage: Wie gestalten Menschen in unterschiedlichen Staaten die eigene Lebenszeit. Am schnellsten, so Robert Levine, laufen die Menschen in West – Europa, Nordamerika und Ostasien. Spitzenleistungen im hastigen Gehen vollbringen Schweizer, Iren und Deutschen, vor allem aber Japaner.

Wenn diese vom Dauerstress geplagten Menschen gefragt werden, wie denn ihre Zukunft aussieht, denken sie an die bevorstehende Arbeit, hat Levine beobachtet. Und Vergangenheit ist für sie vor allem Erinnerung an erledigte Arbeit und erfolgreiche Leistung. Diese Menschen antworten auf die Frage, ob sie Mittwoch in zwei Wochen eine Einladung annehmen können, mit den Worten: „Das klappt, da habe ich noch nichts“. Sie sind glücklich, wenn ein leerer Fleck auf dem Terminkalender gefüllt wird. Der Soziologieprofessor Hartmut Rosa von der Universität Jena hat beobachtet, dass immer mehr Menschen wie in einem sich ständig drehenden Hamsterrad lebten: Das läuft und läuft und erzeugt nur Leerlauf, keiner weiß eigentlich, warum sie das Rad ständig drehen.

Handys und Blackberrys verführen zu permanenter Ruhelosigkeit. Die Journalistin Elisabeth von Thurn und Taxis, 29 Jahre alt, hat kürzlich im „Zeitmagazin“in aller Offenheit ein Bekenntnis abgelegt:

„Nur in einigen wenigen Momenten, im Urlaub, gelingt es mir, das Handy für ein paar Tage auszuschalten. Ich bin eine von diesen Blackberry – Abhängigen. Wenn ich es mal schaffe, in einer freien Minute nicht auf meinen Blackberry zu starren, vermerke ich das als gelungene Meditation“.

Ob ein paar freie Minuten ausreichen, zu einem anderen Lebensstil zu finden, der nicht von permanenter Hektik geprägt ist? Können wir es noch lernen, uns über Zeiträume zu freuen, die nicht gefüllt sind mit Arbeiten und Beschäftigungen oder Freizeitaktivitäten? Mit einem guten Bekannten, der eine philosophische Praxis der Lebensorientierung leitet, habe ich kürzlich über diese Frage gesprochen. Er meinte zu meiner Überraschung: „Das liegt daran, dass wir Langeweile nicht ertragen können“.

Aber Langeweile… ist das nicht ein trauriger Zustand, fragte ich. Da sitzt man zum Beispiel auf dem Bahnhof und muss zwei Stunden auf den nächsten Zug warten. Man läuft hin und her, schaut zwanzig mal auf den Fahrplan, versucht dann sogar den architektonischen Charme der schlichten Wartehalle zu entdecken, trinkt einen Tee nach dem anderen im stickigen Bistro, blättert in Illustrierten, schaut immer wieder erwartungsvoll auf den Bahnsteig: Diese zwei Stunden können zur Qual werden, wenn man sich vorstellt, was man alles verpasst: Termine müssen abgesagt, interessante Gespräche verschoben werden. Ist Langeweile nicht immer eine sinnlose Zeit?

„Das muss nicht sein“, meinte der Philosoph. „Wenn wir einmal freie Zeit haben, wenn uns also leere Stunden bevorstehen, wie ich gern sage, dann sollten wir sie zulassen und nicht aus Angst vor dem Untätigsein wieder mit Aktivitäten voll stopfen. Die Langeweile kann wirklich zu einer angenehm langen Weile werden, zu einer ausgedehnten freien Zeit, über die man sich freuen kann. Du hast doch jetzt noch über eine Stunde frei, sagte sie dann unvermittelt. Lies mal nicht, telefoniere mal nicht, mach gar nichts. Genieße diese bevorstehende lange Weile. Geh also in den Park, da ist es ziemlich ruhig. Setz dich auf eine Bank und tu nichts“.

Schon wieder bin ich an einen „Pädagogen“ geraten, dachte ich. Dabei fiel mir aber ein, wie gut mir der Museumsbesuch mit meiner energischen Kunst – Freundin getan hatte. Und so setzte ich mich auf eine Parkbank, umgeben von Rhododendron Sträuchern; eine leicht geschwungene Holzbrücke vor Augen. In dem kleinen See sah ich zwei Entenpärchen schwimmen, und, auch dies, ein paar Amseln piepsten. Und ich erinnere mich an den Gedanken: Jetzt bloß nicht sentimental werden. Darum schloss ich lieber die Augen und saß einfach nur da, still meinem Atmen folgend. Irgendwelche belanglosen Gedanken gingen mir zuerst noch durch den Kopf, doch dann wurde ich ganz ruhig. Ich dachte an nichts mehr. Und, so erinnerte ich mich später, die Zeit insgesamt war für mich stehen geblieben. Ich erlebte reine Gegenwart. Meine Verbindung mit der Zukunft wie auch mit der Vergangenheit war unterbrochen. Ich lebte ganz im Jetzt, in einer langen Weile, die nur Gegenwart bedeutete. Und diese stille Gegenwart war für mich nichts als wirkliches Lebendigsein.

Ich weiß noch, wie ich die Augen öffnete, und ich ein Gefühl der Dankbarkeit spürte, in diesem schönen Park einfach nur da zu sein, leben zu dürfen. Kann man das Leben selbst schmecken? Die Frage hätte ich früher albern gefunden, jetzt konnte ich sie bejahen. Später musste ich an den Philosophen Michael Theunissen denken, er hatte die Erfahrung der Muße und des kreativen Nichtstuns ein Verweilen genannt. Er dachte dabei an unsere Offenheit für das, was unser Leben trägt. Sinngemäß hatte er einmal geschrieben:

Das Verweilen ist der Versuch, ganz präsent, ganz gegenwärtig zu sein. Wenn wir uns auf diese Gegenwart hin sammeln, erleben wir eine Art Glückserfahrung, das Gefühl, aufgehoben, geborgen zu sein. Der Philosoph meinte sogar: Ewiges werde dann sichtbar.

Ich ging zurück zu meinem philosophischen Lehrmeister, um von meinen Eindrücken zu berichten. Er wollte aber gleich noch Grundsätzliches mitteilen: „Wir Menschen brauchen Auszeiten, wie wir heute etwas salopp sagen, also Stunden oder Tage, in denen wir aus der Zeit heraustreten und gewissermaßen außerhalb der Zeit sind“, sagte sie in leidenschaftlichem Ton. Nur so kann sich unser Geist regenerieren und unser Körper neue Vitalität entwickeln“.

Mein Philosoph kam dann fast ins Schwärmen, als er dann von ihrem letzten Urlaub berichtete: „Morgens überlegte ich nur, wohin ich so ungefähr wandern will“, erzählte sie, „aber da gab es auch keinen Druck, keine Pflicht. Manchmal ging ich nur ein paar hundert Meter, weil mich eine Landschaft so begeisterte, dass ich einfach sitzen blieb und nur schaute. Dann war der halbe Tag vorbei. Ich hatte in diesen Stunden das Gefühl, lebendig zu sein. Muße gelingt nur in der Langsamkeit, im eher zögernden als zielstrebigen Gehen, im Innehalten und Verweilen.

Die freie Zeit wie ein Geschenk annehmen. Das gelingt nicht von selbst; offenbar muss man den Umgang mit diesem Geschenk lernen. Muße ist ja nicht nur das stille Sitzen im Museum oder im Park, Muße ist auch das ruhige Gespräch, der Dialog, wo man einander zuhört, wo man sich Pausen gönnt, Zeichen dafür, dass man nachdenkt und gemeinsam eine bessere Erkenntnis sucht. Einfach um zu provozieren, hatte ich kürzlich einen Kollegen gefragt: „Na, hattest du denn heute schon etwas Muße?“ Er schaute mich groß an, dann sagte er. „Heute nicht. Aber gestern, da habe ich ehrenamtlich, wie man so sagt, in einem Hospiz zwei Stunden verbracht. Und bei einer Schwer – Kranken gesessen; still, ohne viele Worte, gelegentlich berührte ich Ihre Hand, manchmal befeuchtete ich ihre Lippen. Das ist für mich Muße! Übrigens, eine wunderbare Zeit auch für mich, eine Zeit zum Nachdenken, eine gute Möglichkeit, sich dem eigenen Tod zu stellen“.

Es gibt viele Möglichkeiten, sich aus dem System der Hektik, der Schnelligkeit, der Atemlosigkeit zu befreien. Aber, so bemerkt der Soziologe Hartmut Rosa, dies gelingt nur mit einer gewissen Anstrengung. Er empfiehlt die so genannte Odysseus Strategie: Wie der Held der griechischen Sage muss man sich in gewisser Weise selbst fesseln, um den unendlichen Möglichkeiten des Freizeit Betriebes und der Unterhaltungsindustrie nicht zu verfallen. Odysseus musste sich vor den verführerischen Fabelwesen, den Sirenen schützen, sie waren seine tödliche Bedrohung. Heute bedrohen uns die vielen Angebote der Unterhaltungsindustrie seelisch, sie lassen uns nicht zum Nachdenken kommen, verhindern jegliche Form der Selbstwahrnehmung, sie beeinträchtigen unsere Lebensqualität erheblich.

Wenn Menschen offenbar freie, leere Zeiten so schwer ertragen können: Sollten sie sich dann vielleicht an verhaltenstherapeutische Übungen gewöhnen? Diese Überzeugung hatte kein geringerer als der vielseitig begabte französische Philosoph Blaise Pascal. In seinen Pensées, Gedanken, notierte er im Jahr 1660:

„Als ich es unternommen habe, die ruhelose Geschäftigkeit zu betrachten, denen sich die Menschen zu Hofe und bei Kriege aussetzen, woraus so viele Streitigkeiten, Leidenschaften erwachsen, hab ich mir gesagt: Das ganze Unglück der Menschen rührt aus einem einzigen Umstand her, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer bleiben können“.

Also schließ dich ruhig einmal in deinem Zimmer ein, meide die Welt der Vergnügungen und Unterhaltungen und denke über deine Lebenszeit nach. Ob diese eher rabiate Therapie, wie sie Blaise Pascal vorschlägt, hilfreich ist, um die Muße zu lieben zu lernen, ist fraglich. Der Philosoph Martin Heidegger setzte auf die Kraft der Erkenntnis: Und die beginnt mit dem Satz:

„Die dir gegebene Zeit ist dein Leben. Denn das menschliche Dasein ist zeitlich geprägt, mehr noch: Das Dasein ist selbst Zeit. Deswegen gilt: Sinnlos verbrachte Zeit ist sinnlos verbrachtes Leben“.

Kürzlich sah ich mich genötigt, diese Erkenntnis ein paar Jugendlichen verständlich zu machen. Ich hatte mich erneut auf meine meditative Parkbank an der hübschen Holzbrücke gesetzt und einfach nur die Natur betrachtet. Da kamen drei Jungs, vielleicht 16 Jahre alt, vorbei und grölten: O, da langweilt sich aber einer. Ich rief ihnen zu: Was ist denn für euch Langeweile? Da meinte einer: Wenn uns langweilig ist, gehen wir raus, machen irgendetwas Spontanes, wir müssen ja die Zeit irgendwie totschlagen.

Ich war darüber erst einmal tief bestürzt. Dann sagte ich: Wenn ihr eure Zeit totschlagt, dann schlagt ihr euch irgendwie auch selber tot, den die Zeit ist doch euer Leben. Die drei Jungs starrten mich einige Augenblicke an. Ob sie mich verstanden hatten? Ich will es hoffen. Sie zogen dann kleinlaut weiter.

Darin sind sich Pädagogen einig: Kinder sollten schon früh mit dem Gedanken vertraut gemacht werden: Langeweile muss man nicht vertreiben. Wenn das eine Spiel beendet ist, kommen Kinder oft laut schreiend zu den Eltern oder den Geschwistern und sagen: Ich weiß nicht mehr, was ich machen soll. Da sollte man bloß nicht den Kindern das nächste Spiel zeigen oder gar zu, Zeitvertreib an den Computer schicken. Langeweile können auch Kinder schon aushalten. Sie kommen dann selbst auf neue Ideen, wollen ein Bild malen, ein paar Zeilen krakeln oder einfach nur auf dem Teppich liegen und träumen.

Oder sind diese Überlegungen schon längst überholt, gar naiv und idyllisch? Darüber sprach ich kürzlich mit dem türkischen Psychologen Kazim Erdogan im Berliner Bezirk Neukölln. „Langeweile voller Phantasie gestalten, genau darauf kommt es an, auch hier bei den türkischen und arabischen Jugendlichen“, meinte er. „Nicht die Mädchen, die Jungen müssen lernen, ruhig zu werden; sie müssen lernen, in kleinen Gruppen zu plaudern, zu musizieren, Sport zu treiben, sonst rennen sie bloß auf der Straße rum und dann machen sie irgendwelchen Unsinn“.

Lass die Langeweile zu, fliehe nicht vor ihr, hab keine Angst vor der leeren Zeit. Mit dieser Überzeugung begeleitet die Psychotherapeutin Verena Kast aus Zürich ihre Patienten, die „ausgebrannt sind“, unter burn out leiden und am Dasein zweifeln und verzweifeln, weil sie sich aus dem von Stress geprägten Arbeitsleben nicht befreien können. Der therapeutische Ansatz heißt dann: Hab Mut zur Langeweile. Verena Kast schreibt:

Um mit Langeweile umgehen zu können, müssen wir sie akzeptieren als ein sinnvolles Gefühl, als Übergang, zu neuen Interessen. Wenn es uns gelingt, uns mal darauf zu konzentrieren, dass uns jetzt gar nichts anspricht, dann kann eine neue Idee auftauchen. Dann merken wir plötzlich, wo eigentlich unsere Interessen wären, was uns von Innen her wirklich ansprechen würde. Aber dazu braucht es eben einen Mut zur Langeweile. Das wissen Menschen verhältnismäßig gut, die kreativ sind; die haben etwas gemacht, die haben eine Idee ausgearbeitet. Und dann fällt ihnen zunächst mal nichts ein. Und dann langweilen sie sich. Und sie wissen aber aus Erfahrung: Wenn ich mich auf diese Langeweile konzentriere, dann wird wieder etwas Neues. Darum nutze die Muße, die du jetzt empfindest, lass diese Unterbrechung deines Lebensrhythmus zu, halte jegliche Aktivität fern. Dann lebst du auf.

Die Einsichten von Therapeuten, Philosophen und Soziologen lassen sich in zwei Sätzen zusammenfassen: Ohne Muße ist das Leben nicht lebendig. Ohne das Verweilen hat alles Tun keinen Sinn. Deswegen hat die radikale Forderung „Muße muss sein“ auch ihre Berechtigung. Natürlich ist es problematisch, in Fragen praktischer Lebensgestaltung, also auf dem weiten Feld der Ethik, das Wort Müssen zu verwenden. Nur in Freiheit und ohne Zwang können Menschen ein gutes Leben führen und wahrhaftig werden.

Aber heute haben wir eine extrem belastende Situation: Der Mangel an Muße, an Verweilen, an zweckfreiem Ruhen, führt zu schweren Erkrankungen, vor allem zum so genannten „Seeleninfarkt“. Davon spricht zum Beispiel der Psychotherapeut Joachim Galuska; er hat in Kliniken für psychosomatische Medizin aufgebaut. Mit anderen Therapeuten weist er darauf hin: Auch die Seele braucht intensive Pflege, sie braucht Ruhe, Stärkung; und die beste Medizin, die schon präventiv wirkt, ist die Muße. Ein Infarkt der Seele äußert sich in Depression, Angststörung, Schlaflosigkeit, Sucht. Um diese Seeleninfarkte zu behandeln mussten zum Beispiel im Jahr 2008 fast 29 Milliarden Euro ausgegeben werden.

Aber die Muße als Lebenshaltung wird natürlich nicht empfohlen, um die Krankenkassen zu entlasten. Muße muss sein, weil nur sie das Leben in seiner ganzen Fülle erlebbar macht, weil sie erfahrbar macht: Wir Menschen sind weder perfekt funktionierende Robotter noch Arbeitstiere.

„Ora et labora“, bete und arbeite, hieß das Lebensprinzip der Mönche im Mittelalter. Man könnte es modern formulieren: Genieße deine Muße und verweile in der Gegenwart. Und Arbeiten bleibt eine Not – Wendigkeit; aber pflege das zweckfreie Nichtstun. Nur so findest du deine Balance.
Copyright: christian modehn.

Neues zu den Legionären Christi. Juli 2011

Ein Wort zu der neuen Kategorie Legionäre Christi:

Unsere kritischen Studien über den Orden der Legionäre Christi und seinen Gründer Pater Marcial Maciel haben wir vor 8 Jahren begonnen.  Als religionsphilosophischer Salon, auch inspiriert von der französischen Tradition (Voltaire, Diderot, Rousseau usw.), ist es für uns normal, auch religiöse Bewegungen zu beobachten. Der Orden  „Legionäre Christi“ und mit ihm die Laienbewegung „Regnum Christi“ haben in der deutschsprachigen Öffentlichkeit, etwa in Gestalt von kritischen Studien in Buchform, bisher kein Interesse gefunden, im Unterschied zu englisch sprachigen und spanischen/mexikanischen Publikationen. So sind unsere Beiträge viele hundert mal angeklicht, verbreitet und gelesen worden, weil sie die einzige Möglichkeit bieten, sich gründlicher zu informieren. Deswegen haben wir jetzt zur Erleichterung der Recherche eine eigene Kategorie „Legionäre Christi“ eingeführt, dieses Thema ist, das sei allen Philosophen sozusagen als Entschuldigung für diese Plazierung gesagt, ein eminent religions-philosophisch-kritisches.

Wir bitten zu beachten, dass die folgenden Beiträge zu unterschiedlichen Zeiten verfasst wurden.

Christian Modehn am 9.2.2012. Für alle Beiträge: Copyright: Christian Modehn, Berlin.

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Neues zu den Legionären Christi
Verfasst im Juli 2011 Weiterlesen ⇘

Eine lange Nacht der Theologie: Amsterdam kreativ

Kreatives Amsterdam:
Die erste Nacht der Theologie
Von Christian Modehn

Die Amsterdamer lieben die Nacht. Wer hätte das gedacht? Nun haben auch die Theologen aller Konfessionen (!) ihre Liebe zur späten Stunde entdeckt: Sie haben in Amsterdam die „Erste Nacht der Theologie“ Ende Juni gefeiert. Inspiriert wurden sie dabei von den sehr erfolgreichen und längst etablierten „Nächten der Philosophie“ (immer im April!) und den „Nächten der Poesie“. Spät am Abend haben auch die Theologen etwas Appetit, und so wurde ihnen in den prächtigen Räumen der Hermitage (einem Museum nahe am Waterlooplein) ein so genanntes Drei Gang Menu serviert. Aber die Liebe zum leiblichen Genuss war doch nicht so wichtig wie die Liebe zur Theologie: Mehr als zweihundert Theologinnen und Theologen aus dem ganzen Land und vor allem aus allen christlichen Konfessionen hatten sich versammelt, auch eher atheistische Gottesleugner waren vereinzelt dabei. Sie wollten in einem anderen Rahmen diskutieren, plaudern, neue Kontakte knüpfen. Viele Interessierte mussten abgewiesen werden, weil es einfach keinen Platz mehr gab. Das ist erstaunlich in einem Land, das gern als Symbol für die westeuropäische Säkularisierung („Entkirchlichung“) hingestellt wird. Tatsächlich, so wurde auch diesmal deutlich, spielt die Theologie nicht mehr die Rolle wie noch vor 50 Jahren. Theologen wagen heute selten den Schritt in de Öffentlichkeit, heißt es. Aber die versammelten TheologInnen beweisen doch: Die Kreativität ist noch da, man denke etwa an Manuela Kalsky, die Protestantin, die bei den Dominikanern vor allem die multireligiöse Bindung studiert oder an die Bemühungen, die Theologie als kirchenunabhängige Religionswissenschaften des Christentums zu etablieren. Es wurden in der Nacht auch besonders kreative theologische Werke eigens gepriesen und geehrt: Frank Bosmann etwa, der von Tilburg aus als „twitterender und bloggender Theologe“ geehrt wurde oder Marcel Barnard und Gerda van de Haar für ihr Buch „ Die Buch kulturell betrachtet“. Es wurde als das beste theologische Buch von der Jury ausgewählt. Ihre Arbeit bietet eine komplette Übersicht über den Einfluss der Bibel auf die Kunst des 20. Jahrhunderts. Wann erscheint eine deutsche Übersetzung?
Auf musikalische Intermezzi wollten die Theologen nicht verzichten, und sie entdeckten ein originelles Orchester, eine Gruppe von musikalisch hochbegabten Obdachlosen. „Echte Theologie liegt auf der Straße und nicht in einem Museum“, sagten sie, kritische Worte, in Holland willkommen, wie überhaupt die theologische Nacht in dieser Melange aus fröhlichem Speisen und leidenschaftlichem Diskutieren, aus Ernst und Ironie ein typisch holländisches Ereignis war. Man kann aus der Ferne nur neidisch fragen: Ob so etwas auch Theologen in Deutschland einmal organisieren?

Tom Mikkers, Allgemeiner Sekretär der freisinnigen Remonstranten Kirche, ist einer der Inspiratoren und Organisatoren der Nacht der Theologie, er schreibt uns:

„Unsere Nacht der Theologie kennt ähnliche Veranstaltungen, wie die Nacht der Philosophie. Wir haben abends begonnen und das Fest ging bis spät in die Nacht. Die Hermitage ist mehr als ein Museum, sie wird auch genutzt für Staatsbankette, zu dem Gebäude komplex gehört auch das Zentrum der Protestantischen Kirche Amsterdams mit seinen Einrichtungen zur Diakonie. Als Hauptthema hatten wir ausgewählt: „Theologie geht über alles“. Das war vielleicht auch eine Provokation. Wir wollen bald überlegen, wie wir im nächsten Jahr weitermachen, vielleicht sollten wir auch die nichtchristlichen Theologien beim nächsten Mal einbeziehen“.