Die Zerstörer der Demokratie in den USA: Weiße, nationalistische Evangelikale.

Die mächtigen und gefährlichen christlichen Unterstützer von Donald Trump.
Ein Hinweis von Christian Modehn am 20.12.2023

1. Zur Einstimmung:

Die „weißen evangelikalen Nationalisten der USA“ zerstören die Demokratie in den USA und darüberhinaus. Sie wollen eine Theokratie errichten. Ihr hoch verehrter Mr. Trump soll ab 2024 wieder herrschen. Das ist keine „Verschwörungstheorie“, sondern die objektive Erkenntnis von demokratisch gesinnten Religionswissenschaftlern und Politologen in den USA. (Ein Hinweis auf eine wichtige Studie: siehe Fußnote 1).

Zerstörerische Fundamentalisten sind also nicht nur in islamistischen Kreisen (und anderen Religionen mit ultra-orthodoxen Tendenzen) zu finden. Auch ein rechtsextremer christlicher Glaube ist gefährlich für die Menschheit, für alle, die niemals auf Demokratie und Geltung der Menschenrechte verzichten wollen.

– „Wenn Trump wiederkommt, dann bleibt er für immer. Die USA würden in eine Diktatur hinein schlaf-wandeln.“ Sagt Liz Cheney, Politikerin der Republikaner und Tochter des früheren US-Vizepräsidenten Dick Cheney. (Quelle: BR, 16.12.2023)

– „Die Vorstellungen, wie eine zweite Amtszeit Donald Trumps ausfallen könnte, reichen von schlimmen Szenarien bis hin zu ganz schlimmen Szenarien.“ Sagte der USA-Politik-Experte Thomas Jäger (UNI Köln). (Quelle: ebd.)

– „Was würde eine zweite Amtszeit von Donald Trump für die USA bedeuten? In der Debatte gibt es jene Analysten, die eine Diktatur vorhersagen und jene, die Anarchie erwarten. Alle sind sich einig, dass die Politik eines weiteren Trump-Mandates ganz anders aussieht  als die erste“ . (Rosa Balfour, Direktorin des Thinktanks Carnegie Europe, in: Tagesspiegel 21.Dez. 2023, Seite 8).

2. Die Verehrer und Förderer von Mr. Trump

Es sind die „weißen Amerikaner“ mit ihrem festen fundamentalistischen Glauben, die Evangelikalen, die die reaktionäre, antidemokratische Politik Mr. Trumps und seiner Republikaner heftig förderten und jetzt wieder versuchen durchzusetzen.
Wer sind Evangelikale im allgemeinen?
Zu ihnen gehören etwa 650 Millionen Christen weltweit, so Thomas Johnson, Autor des Films „Die Evangelikalen in der Eroberung der Welt“ (Quelle: RFI, 24.1.2023).
Für die Evangelikalen ist die Bibel das wichtigste Buch der Bücher, dem es inhaltlich wortwörtlich zu folgen gilt. Taufen finden bevorzugt im Erwachsenenalter statt, erst dann kann der Mensch erkennen: Die Evangelikalen sind die treibende Kraft der christlichen Mission. Und ihrer rechten politischen Mission wollen diese Frommen absolut dienen. Auch die Mega-Churches in den USA und viele „Pfingstgemeinden“ („Pentecostals“) mit ihren Mitgliedern aus der Latino – Community sind theologisch evangelikal bestimmt.

3. Eine lange Tradition:

Seit etwa 1945 sind die Evangelikalen in den USA politisch wirksam, vor allem seit den Zeiten des international äußerst umtriebigen Predigers Billy Graham. Evangelikale haben auch Ronald Reagan an die Macht gebracht und auch George W. Bush sowie danach … Mr. Trump. Weiße, nationalistische Evangelikale waren „von zentraler Bedeutung für die Organisation von Christen, die bei der Erstürmung des Capitols am 6. Januar 2021 auftauchten und auch spirituelle Kriegsführung betrieben“, so der Religionswissenschaftler Matthew D. Taylor (zit., siehe Fußnote 1)

4. Evangelikale wählen Trump

Angesichts derWahlen in den USA 2024 am 5. November 2024 muss besondere kritische Aufmerksamkeit den Evangelikalen in den USA gelten, ohne dabei das antidemokratische Verhalten der Evangelikalen in Brasilien (Bolsonaro!), Chile, Guatemala, Nigeria etc. zu vernachlässigen.
Etwa ein Viertel der amerikanischen Bevölkerung versteht sich als „evangelikal“. 2020 haben 78 Prozent der weißen Evangelikalen für Trump gestimmt, 17 Prozent der weißen Evangelikalen für Biden. Atheisten und Agnostiker haben zu 11 Prozent für Trump gestimmt, 83 Prozent für Biden. 44 Prozent aller Katholiken haben für Trump gestimmt, 51 Prozent für Biden. (Source: Survey of U.S. adults conducted Sept. 30-Oct.5, 2020).

5. Lobbyarbeit

Mr. Trump genießt auch jetzt, Ende 2023, das absolute Vertrauen der Evangelikalen, selbst und wenn oder gerade weil Prozesse gegen ihn geführt werden. Diese Prozesse offenbaren den „bösen Staat“… In Iowa (Cedar Rapids) wurde er kürzlich stürmisch gefeiert: Trump sei der einzige, der eine gute Arbeit leiste. „Wir glauben, dass er die Salbung Gottes erhalten hat“, so der Evangelikale Stan Herndon (Quelle: La Croix, Paris, 14.12.2023). Es gibt zahllose Trump – Unterstützer Vereine, wie etwa das „Renewal Project“ , das evangelikale Pastoren vereint, die für Trump eintreten wollen. Der wichtigste Lobby-Verein für Trump ist sicher die „Alliance Defending Freedom“…
Der Republikaner Ron DeSantis (Florida), auch er ein Reaktionärer, hat demgegenüber eher schlechte Aussichten für eine evangelikale Unterstützung zum Präsidentenamt…

6. Die Forschungen von Sarah Posner

Zur Bedeutung der US Evangelikalen zumal für die erste Präsidentschaft von Mr. Trump hat die bekannte Investigative – Journalistin und Autorin Sarah Posner (sarahposner.com) eine viel beachtete Studie veröffentlicht: Der Titel: „Unholy“. Der präzise Untertitel: „How White Christian Nationalist powered the Trump Presidency, and the devasting legacy they left behind“. Das Buch ist im Verlag Random House, New York, im Jahr 2020 erschienen.
Die ausführliche Recherche von Sarah Posner handelt von der Geschichte und dem Aufstieg Mr. Trumps. Diese Evangelikalen haben dabei einen Präsidenten an die Macht gebracht, der im allgemeinen als der „gottloseste US – Präsident der jüngeren Zeit“ bezeichnet wird. (https://www.nzz.ch/feuilleton/evangelikale-in-den-usa-woher-ruehrt-ihr-grosser-einfluss-ld.1695702)

7. „Demokratie ist nicht immer gut“

Über die jüngsten Entwicklungen hat die Spezialistin für diese Fragen Annika Brockschmidt, in der „Zeit“ („Christ und Welt“, am 7. Dezember 2023 S.4) einen wichtigen Beitrag verfasst. Sie erinnert an Mike Johnson etwa, er sagte 2019 in einer Baptistenkirche in Louisiana: „Ihr wollte nicht in einer Demokratie leben. Herrschaft der Mehrheit nicht immer eine gute Sache“. (S. 4). Annika Brockschmidt kommentiert: „Mike Johnson ist ein Vertreter einer radikalen theologischen Tradition, die einen Gottesstaat anstrebt.“
Seit dem 25. Oktober 2023 Ist Johnson Sprecher des Repräsentantenhauses der USA!

8. Gegen die säkulare Gesellschaft

Sarah Posner zeigt, dass diese geradezu hysterische Verehrung für Trump durch die Evangelikalen das Ergebnis intensiver politischer und religiöser Lobbyarbeit seit fünf Jahrzehnten ist. Die Autorin erinnert an den Einfluss, den in der Frühzeit der Religiösen Rechten etwa Paul Weyrich (1942 – 2008) spielte, er ist u.a. der Mitbegründer der einflußreichen konservativen „Heritage Foundation“.
Zwei typische Zitate zur Ideologie von Paul Weyrich:

– „Wir unterscheiden uns von früheren Generationen von Konservativen… Wir arbeiten nicht mehr daran, den Status quo zu erhalten. Wir sind Radikale, arbeiten daran, die gegenwärtige Machtstruktur dieses Landes zu kippen.“ (Quelle: Soloma, John. Ominous Politics: The New Conservative Labyrinth (1984), Hill and Wang Publ., New York).

– Und: „Der wahre Feind ist die säkulare humanistische Denkweise, die alles zerstören will, was in dieser Gesellschaft gut ist.“ (Quelle: Freedom Writer, Institute for First Amendment Studies, October 1995).
Erstaunlich ist, dass Weyrich römischer Katholik war, allerdings wechselte er später zu der mit Rom verbundenen, aber eigenständigen konservativen libanesischen Kirche der Melkiten. Sie erschien ihm nicht als so progressiv wie die offizielle römisch – katholische Kirche nach dem 2. Vatikanischen Konzil.

9. Evangelikale wollen eine Theokratie

Die Evangelikalen wollen Gott, ihren Gott, in den absoluten, den alles bestimmenden Mittelpunkt der Politik des Weißen Hauses stellen, sie sind Theokraten. Und das heißt konkret: Die uralten Werte und der fundamentalistisch verstandene christliche Glauben bzw. die Weisungen der Bibel sollen auch politisch herrschen. Also: Absolutes Abtreibungsverbot; Diskriminierung aller Forderungen von „LGBTQ – Menschen“.
Dabei ist es diesen sich sonst so religiös – moralisch gebenden Evangelikalen egal, dass ihr hochverehrter Mr. Trump dreimal verheiratet war, dass er sexuell äußerst freizügig lebt, dass er wegen etlicher Verbrechen angeklagt ist usw.
In Trump glauben die weißen Evangelikalen endlich einen Präsidenten zu haben, der ihre eigenen Ziele definitiv durchsetzt: Gott soll herrschen im Weißen Haus – und zwar durch seinen Gesandten, Mr. Trump. Wie stolz waren die Evangelikalen, als sie im Juli 2017 Trump im Oval Office des Weißen Hauses segnen und für ihn beten durften. Wenn schon Trump selbst nicht religiös oder christlich ist, so freut er sich doch offensichtlich – abergläubisch ?- über einen himmlischen Beistand durch Bittgebete der Evangelikalen. (Siehe auch: https://www.welt.de/politik/ausland/article166594384/Gebet-im-Oval-Office-Pastor-legt-Trump-die-Hand-auf.html) (Im Buch von Sarah Posner: S 247.f.)

10. Die Feinde der Demokratie

Sarah Posner schreibt: „Die weiße evangelikale und nationalistische Trump-Basis ist zutiefst ungläubig: Das heißt: Diese Evangelikalen glauben nicht an die Realität, nicht an die Wahrheit, nicht an die Demokratie. “ (S. 267). (Übersetzung: C.M.)

11. Was sagen die Kirchenzentralen der Evangelikalen in Deutschland über ihre Glaubensbrüder/-schwestern) in den USA und deren Kampf für TRUMP?

Soweit wir in der Zeitschrift der Evangelikalen in Deutschland, der Zeitschrift „EINS, dem Magazin der Evangelischen Allianz in Deutschland“, sehen können, gibt es keine öffentliche und veröffentlichte Abgrenzung der deutschen Evangelikalen von den USA Evangelikalen und ihrem Kampf für Trump. (Siehe auch: https://ead.de/). Ist es peinlich, sich mit diesen „Glaubensbrüdern“ in den USA auseinanderzusetzen?

……….

Fußnote 1:
„In Gottes Namen“, ein aktuelle Studie über die radikale Rechte vor allem der weißen Evangelikalen. In „Die Zeit“, Beilage „Christ und Welt“ vom 7. Dezember 2023, S. 4, ein Beitrag von Annika Brockschmidt, Autorin des Buches „Amerikas Gotteskrieger. Wie die Religiöse Rechte die Demokratie gefährdet“. Rowohlt Verlag 2021, 3. Auflage 2022. 416 Seiten, Paperback, 16 Euro.

Fußnote 2:
Man weist zurecht darauf hin, dass an der Basis der katholischen Kirche, zumal im globalen Süden, sehr viele praktische Initiativen zeigen: Diese Katholiken (oft Ordensleute, viele „Laien“) wollen die Menschenrechte praktisch verteidigen, etwa in der Unterstützung von Flüchtlingen und Obdachlosen. Siehe etwa den Hinweis auf Kardinal Ramazzini, Guatemala. LINK.
……….

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Leidenschaftlich für die Menschenrechte: Kardinal Álvaro Ramazzini, Guatemala

Ein anderes Gesicht der katholischen Kirche heute
Ein Hinweis von Christian Modehn

Einen Hinweis auf eine religionsphilosophische Reflexion zum Thema „Religiöse Verteidiger der Menschenrechte“  finden Sie unter Nr.10.

1.

In Deutschland und in ganz Europa sind die meisten Menschen auf ganz begrenzte Gebiete der Verletzung von Menschenrechten und damit von Unterdrückung und Krieg fixiert. Es gibt sozusagen wichtige Leidende und eher unwichtige Leidende. Selbstverständlich ist es keine Frage: Das Leiden der Menschen in der Ukraine oder in Israel und den Gebieten der Palästinenser ist heftig und brutal.
Aber es gibt Menschen, die in ihrem Leiden in der weiten Öffentlichkeit eher vergessen werden. Wenn man allein die Themen der Talkshows der letzten Monate wahrnimmt: Haben Sie in den letzten Monaten, ja in den letzten Jahren, einmal eine Talkshow in der ARD oder im ZDF gesehen, die sich mit dem Leiden und den Kämpfen der Menschen in El Salvador oder Guatemala beschäftigt hat oder vielleicht mit dem Elend und dem Sterben der Menschen in Haiti?

2.

Angesichts der vielen pädosexuellen Verbrechen des katholischen Klerus und der abzulehnenden hierarchischen Klerus – Struktur ignoriert die breite Öffentlichkeit auch die Tatsache: Es gibt auch einige Kleriker, sogar Kardinäle, die hervorragende und hochzuschätzende Verteidiger der Menschenrechte und der Menschenwürde sind. Das muss einfach um der Objektivität willen öffentlich gemacht werden.
Haben Sie etwa im Tagesspiegel jemals einen Bericht über Alvaro Ramazzini aus Guatemala gelesen? Den Namen sollte man sich merken, er ist Kardinal und Bischof in der Provinzstadt Huehuetenango… Bitte forschen Sie, wo und wie dieser hervorragende Kämpfer für die Demokratie und die Menschenrechte, zumal der Indigenas, lebt. Jahrzehnte lang wurden in Guatemalas Bürgerkrieg die einheimischen Bevölkerungen der Indigenas verfolgt und getötet.Mehr als zwei Millionen Guatemalteken sind unter schwierigsten Umständen durch Mexiko in die USA geflüchtet und die meisten leben dort ohne PapiereAuch Jugendliche und Kindern ohne Begleitung fliehen aus ihrer „Heimat“…   LINK

Nebenbei: Die Stadt Ravensburg hat mit Huehuetenago eine Partnerschaft!
Guatemala steht an 135. Stelle (von 191) auf dem„Index der menschlichen Entwicklung“.

Auch die Biographie von Alvaro Ramazzini sollte man studieren… LINK    Oder: LINK.  Oder: LINK.

3.

Hier nur einige Zitate von Kardinal Ramazzini aus der jüngsten Zeit, sie wurden in katholischen Publikationen – und damit eher für einen begrenzten Leserkreis – verbreitet.

4.

Kardinal Ramazzini sagte: „Wenn man die Zeitungen in Deutschland und anderswo in Europa aufschlägt, bekommt man leider den Eindruck, dass unser kleines Land für den Rest der Welt gar nicht existiert. Wir brauchen aber internationale Unterstützung im aktuellen Kampf für Demokratie und Gerechtigkeit. Dafür will ich werben. Die Welt darf uns nicht aus den Augen verlieren.“
Es gibt in Guatemala einen Pakt der Korrupten, diese Leute wollen niemals die Macht verlieren. Dazu sagt Kardinal Ramazzini:
„In erster Linie ist das Justizsystem gemeint, das nur noch wenig mit seinen eigentlichen Aufgaben zu tun hat. Mehrere Richter und Mitarbeiter der Generalstaatsanwaltschaft haben wegen ständiger Drohungen das Land verlassen. Nun erleben wir eine Hexenjagd der Justizbehörden gegen den neu gewählten Präsidenten und seine Partei. Das System wird offensichtlich von Kräften manipuliert, die keine Veränderung wollen.“ (Quelle KNA: 29.9.2023).
Die Amtsübergabe an den neuen, demokratischen Präsidenten Bernardo Arevalo und seiner Vizekandidatin Karin Herrera von der Semilla – Partei soll am 14. Januar 2024 stattfinden. Das Datum ist umstritten, weil die Generalstaatsanwaltschaft unter Leitung der Katholikin Consuelo Porras und dem Leiter der Sonderstaatsanwaltschaft Rafael Curruchiche die Ergebnisse der Wahl diskreditieren! Die tun alles, dass die gewählten demokratischen Politiker ihr Amt NICHT antreten können.
Kardinal Ramazzini kämpft gegen die Willkür der Generalstaatsanwaltschaft! Der Kirchenzeitung „Tag des Herrn“ (17. Dezember 2023, Seite 5) sagte er: „In der Tat bin ich im Konflikt mit der katholischen guatemaltekischen Generalstaatsanwältin…In letzter Zeit bin ich mehrfach auf die Strasse gegangen und habe mit demonstriert für die Akzeptanz der Wahlergebnisse.“
5.

Ein ungewöhnlicher Kardinal: Er nimmt an politischen Protest – Demonstrationen teil: „Ich verstehe unter Politik alle Aktivitäten, die auf das Gemeinwohl zielen… Man kann es sich als Christ durchaus bequem machen und es sich in seiner Beziehung zu Gott gutgehen lassen…Der Apostel Jakobus hat die große Herausforderung des Christseins so beschrieben: Der Glaube zeigt sich in Werken, im Tun“. (Tag des Herrn, a.a.O).
6.

Es gibt nach wie vor viele tausend Flüchtenden aus vielen Staaten Lateinamerikas, die sich in den USA ein besseres Leben erhoffen. Die katholische Kirche hat Flüchtlingsherbergen in ganz Guatemala eingerichtet, sie gibt es zwischen der Grenze nach Honduras im Süden und der Grenze nach Mexiko im Norden… Aber unsere Hilfe reicht einfach nicht aus. Es gibt gefährliche Fluchtwege etwa zwischen Kolumbien und Panama. Der Kardinal berichtet: „Auf dem weiteren Fluchtweg Richtung Norden kommt es häufig vor, dass Flüchtlinge ausgeraubt, das Wegzölle von ihnen erpresst, dass Frauen vergewaltigt werden. Zu unseren Aufgaben zählt es, aufzuklären und zu beraten, wie man sich für den Fluchtweg wappnet. Wir empfehlen zum Beispiel Frauen Empfängnisverhütung , denn die Gefahr, auf der Flucht vergewaltigt zu werden, ist sehr hoch“ . Gegen die Gewalt dieser Verbrecher kann offenbar niemand etwas tun…

7.
Kardinal Ramazzini aus Guatemala kritisiert deutlich und angstfrei auch die ökonomische Vorherrschaft Deutschlands, Europas und der USA gegenüber seinem Land. „Bei allen Abkommen, die in den letzten Jahren zwischen einzelnen europäischen Staaten und der EU und den Ländern Lateinamerikas geschlossen wurden, standen die Interessen der europäischen Unternehmer, die mit uns Geschäftsbeziehungen haben, obenan. Die Förderung unserer eigenen wirtschaftlichen Entwicklung steht stattdessen an letzter Stelle. Die Priorität müsste umgekehrt werden. Andernfalls sind wir immer die Verlierer. … Da Europa die Preise (für seine Exportgüter und für Kaffe und Bananen aus Guatemala) festsetzt, haben wir keine Chance aus der wirtschaftlichen Unterentwicklung herauszukommen. Verträge müssten so gestaltet werden, dass nicht immer wieder die Reichen begünstigt werden, wir müssen eine echte Chance bekommen. Und die Entwicklungshilfe stärkt bei uns immer wieder diejenigen, die viel haben, zum Beispiel die reichen Zuckerproduzenten in unserem Land. Die Arbeiter auf den Plantagen arbeiten unter entwürdigend en Bedingungen“ (Zit. Tag des Herrn, a.a.O:)
„Ich wünsche mir, dass die Deutschen ihren internationalen Einfluss geltend machen und die demokratischen Kräfte in unserem Land unterstützen.“ (Dom Radio a.aa.O:)

8.

„Dom Radio“, Köln, stellte am 4.12.2023 die Frage: “Will man Sie einschüchtern oder zum Schweigen zu bringen?“
Kardinal Ramazzini antwortet: „ In einem Land wie Guatemala würde das niemanden erstaunen. In den vergangenen Wochen wurden zahlreiche Studenten und Professoren der Universidad San Carlos verhaftet, weil sie gegen die Wahl des Universitätsrektors protestierten, dessen Gegenkandidaten im Vorfeld ausgeschlossen waren. Das ist also durchaus möglich bei uns.
DOMRADIO.DE: Es war auch nicht das erste Mal, dass Sie bedroht wurden, richtig? Ramazzini antwortet: „Ich habe schon Todesdrohungen bekommen. Vor Jahren gab es den Fall, dass man einem Mann 50.000 US-Dollar Kopfgeld für mich angeboten hat. Aber er nahm das Geld nicht an und machte die Geschichte öffentlich. Als ich Bischof von San Marcos war, wurde ich verfolgt. Aber seit ich im Bistum Huehuetenango bin, gab es keinerlei solcher Vorfälle mehr.“

9.

Ramazzinis Position: „Wir stehen an der Seite der Menschen und wir wollen, dass sich die Menschen begleitet und wahrgenommen fühlen. Denn das ist das zentrale Problem in Guatemala: Wir haben keine richtige Demokratie. Als Kirche wollen wir den Menschen vermitteln, dass sie nicht alleine sind und dass wir uns für ihre Rechte einsetzen… In einem Land, in dem sich die Politiker auf Kosten der Allgemeinheit bereichern, fühlen wir uns verpflichtet, die Hoffnungen des Volkes nicht zu enttäuschen. Die Menschen vertrauen uns und wir dürfen sie nicht enttäuschen.“ (a.a.O).

10.

Für Religionsphilosophen und Religionskritiker ist die Erkenntnis wichtig: Es gibt katholische Kleriker, sogar auch Kardinäle, die die Menschenrechte verteidigen, verteidigen in der Praxis und der Spiritualität. Das ist ziemlich neu, wenn man nur an die heftigen Polemiken der Päpste des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts GEGEN die Menschenrechte denkt!

Die Menschenrechte werden von Kardinal Ramazzini, Guatemala,  nicht aus einer theologischen Motivation verteidigt, sondern aus politischen Überlegungen, aus der völligen Zustimmung zu Demokratie und Menschenrechten aus vernünftigen, poilitischen Überlegungen. Insofern können religiöse Menschen auch zu Verteidigern der Demokratie werden, ein Thema, das Jürgen Habermas sehr beschäftigt.

Entscheidend bleibt in unserer Sicht: Die religiösen Menschen, auch die Kleriker, auch die Kardinäle, lassen sich als Menschen und als Staatsbürger von vernünftigen Überlegungen leiten. Sie wissen: Aus der Bibel (oder genauso auch aus dem Koran) lässt sich keine politische Struktur, keine Demokratie, keine Lehre der universell geltenden Menschenrechte aufbauen. Dazu braucht man die von religiösen Weisungen unabhängige Vernunft. Dass sich die Demokratie auch aus religiösen Weisungen dann unterstützen lässt, etwa dem Nächsten – Liebesgebot Jesu oder den Erzählungen Jesu vom „Barmherzigen Samariter“ , ist auch deutlich.

Aber religiöse Weisungen und Weisheiten haben lediglich eine unterstützende Funktion in der Demokratie! Es gibt ja bekanntlich auch religiöse Weisungen und Weisheiten im Alten wie im Neuen Testament, die sehr konträr zur Demokratie und den Menschenrechten formuliert sind. Diese Unterscheidung zwischen guten und abzulehnenden religiösen Weisungen nimmt fraglos einzig die Vernunft vor, nicht etwa eine aus der Religion entnommene Lehre.

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

 

 

 

 

 

Weihnachtslieder: Verstehen wir, was wir da singen?

Über ein „Opium des Volkes“ und ein „Opium für das Volk“.
Ein Hinweis von Christian Modehn

Die meisten Lieder zur Weihnachtszeit dienen der kurzfristigen Verzauberung der elenden Wirklichkeit. Wer diese „entrückten Momente“ des Wegtretens in eine Traumwelt angemessen und betäubend – hilfreich findet, kann die Lieder selbstverständlich singen. Diese SängerInnen sollen nur nicht meinen, mit dem Wachrufen kurzer Verzauberungen hätten sie verstanden, was die humane Botschaft Jesu von Nazareth ist, schon gar nicht darf diese (!) Verzauberung als Vorschein der messianischen Welt gedeutet werden.

1.
Darf man Lieder gedankenlos singen? Wahrscheinlich. Wie viele dumme Schlager und Songs werden mitgesungen, ohne dabei auf den Inhalt dieser so genannten „Poesie“ zu achten.. Singen macht offenbar vielen Menschen einfach nur Spaß, sie lieben halt mehr die Melodien als den Inhalt. Die süßen oder manchmal harten Klänge wecken dabei diffuse Erinnerungen an die Kindheit, die Jugend, da singt und summt man gerne mit und versinkt im „einst“.

2.
Das gilt auch für die Weihnachtslieder, die seit Ende November allerorten erklingen, auf den Weihnachtsmärkten, als akustische Dauerberieselung auch in Kaufhäusern und „shopping – malls.“

3.
Und viele Weihnachtssongs sind auch Kirchen – Lieder, manchmal noch „Choräle“ genannt; sie werden eben auch in Gottesdiensten gesungen: Etwa „Stille Nacht“. Oder „Es ist ein Ros entsprungen“ oder „O du fröhliche…“ „Vom Himmel hoch“, singen wir mit dem Engel, der Frieden verheißt (aber nicht realisiert).

4.
Diese Songs kann man gedankenlos mitsingen und mit-summen oder die Musik an den Ohren kurz vorbei rauschen lassen, vielleicht mit einer Träne im Auge und mit dem Gedanken „Ach, wie schön war doch die Kindheit“…

5.
Diese Erinnerung ist manchmal auch eine Regression, sie beruhigt kurzfristig in diesen verrückten Zeiten („Nicht nur Religion, auch Musik als Opium des Volkes“…).

6.
Aber einige Menschen können sich und sollten sich nachdenklich und kritisch die Frage stellen: Was singe ich da eigentlich im Advent und zu Weihnachten, welche Bedeutung haben die Worte der Lieder?

7.
Kurz zusammengefasst: In den meisten üblichen kirchlichen Weihnachtsliedern wird eine Gestalt des christlichen Glaubens beschworen und verbreitet, den man heute theologisch als hoch umstritten, sogar als irreführend, falsch, als „von vorgestern“ bestimmen sollte. Diese Texte sagen einen christlichen Glauben aus, den ein vernünftig Glaubender heute (und den Typ des Glaubenden gibt es vielleicht noch) nur noch als historische Erinnerung deuten kann.

8.
Im wichtigsten Song zur Weihnachtszeit „Stille Nacht“ heißt es. „Christ, der Retter ist da“. Der Retter soll also „da“ sein, anwesend sein. Hat er als anwesender Retter die Welt verwandelt? Das behaupten ja die Weihnachtslied – SängerInnen.
Aber allein das Bekenntnis zu diesem Retter in der Gestalt des Kindes Jesus rettet eben gar nicht. Das Lied führt in die Irre, weckt falsche Hoffnungen: Denn der Retter ist erst da, erst dann wirksam, wenn Menschen anfangen, diesem Menschen Jesus, dem Weisheitslehrer, praktisch zu folgen und selber Frieden schaffen, selber Gerechtigkeit schaffen und nicht tränenreich singen: Wie schön, „der Retter ist da“, der wird’s schon machen.

9.
In dem katholischen Weihnachtslied „Heiligste Nacht“ (Kathol. Gesangbuch für das Erzbistum Berlin Nr.806) heißt es in der 2. Strophe: „Was uns der Sündenfall Adams geraubt, schenket uns deine Huld, sie tilgt die Sündenschuld, jedem, der glaubt“.
Da wird das uralte theologische Zentrum sehr vieler kirchlicher Weihnachtslieder ausgesprochen: Erlösung durch das Kind in der Krippe ist Befreiung von der Erbsünde, die Adam und Eva begangen haben, so der Mythos aus dem biblischen Buch Genesis. Diese Erbsündenlehre ist inzwischen als theologische Ideologie entlarvt worden, dazu gibt es stapelweise theologische Studien LINK, aber diese Ideologie wird immer noch behauptet von den Kirchenführungen und….zu Weihnachten besungen. Wäre diese Erbsünde besiegt, wäre wohl die Menschheit in einem besseren Zustand. Nein: Die Welt wird nur besser, wenn die Menschen gerecht handeln, und das könnten sie, das sollten sie, die Menschenrechte sind formuliert, aber sie bleiben Papier. Und die Weihnachtssänger schalten lieber Ihre Vernunft aus und singen: Das Jesuskind tilgt die Erbsünde … wie soll man bloß solch einen „Glauben“ bezeichnen?

10.
Auch in dem Lied „Es kam ein Engel hell und klar“ (Kath. Gesangbuch Nr. 138, 4. Strophe) heißt es im traditionellen Sinne der Befreiung von der Erbsünde. „Christ, unser Gott (sic!) der will euch führen aus aller Not … und von allen Sünden machen rein.“

11.
Die meisten dieser kirchlichen Weihnachtslieder verwirren den Geist, führen sozusagen in spinöse seelische und geistige Regionen, in Denkwelten, die Märchenwelten sind. Manche sagen ja: Märchen helfen, Märchen heilen. Aber sie erzeugen eben faktisch Märchenwelten.
Wie sieht denn die Bilanz der Weihnachtsfeste seit ca. 1.700 Jahren aus? Wie die Bilanz der tränenreich gesungenen Weihnachtslieder? Es ist evident: Nicht sehr viel Gutes hat das Singen dieser Songs faktisch, überprüfbar, bewirkt, nicht viel für den Frieden getan, für die Gerechtigkeit. Hilfosigkeit als auch zu Weihnachten.
Bezeichnenderweise werden zu Weihnachten Spenden gesammelt von uns Reichen und Superreichen, um durch Spenden das Elend der Armen zu mindern,. Nicht gerechte Politik ist DAS Weihnachtsthema, sondern Spenden, lächerlich geradezu.

12.
Noch einmal: Die Liste einer theologisch – kritischen Betrachtung der üblichen Weihnachtslieder in beiden so genannten Volkskirchen in Deutschland ließe sich fortsetzen. In diesen Liedern wird ein illusorischer, ein ideologischer vergifteter (Erbsünden-) Glaube besungen, den die Menschen am Heiligabend einfach so mitsingen und irgendwie übernehmen. Wer in seinem Leben mindestens 20 mal Heiligabend Gottesdienste und Messen besucht und diese und andere Songs gehört hat, entwickelt einen naiven, einen unreifen Glauben. Die übliche Form der Weihnachtsgottesdienste kann also für die religiöse, seelische Reifung gefährlich sein.

13.
Man könnte ja auch die Texte des Weihnachtsoratoriums von J.S. Bach analysieren, was da so alles inhaltlich gesungen wird. Aber in dem Fall verhält es sich wohl so wie mit Opern und Operetten: der Text ist eigentlich egal, Hauptsache die Musik stimmt. Und die Musik stimmt bei Bach.

14.
Was also ist Weihnachten für uns als Menschen, die auch zu Weihnachten nicht unsere Vernunft und das kritische Nachdenken auf Eis legen?
Es ist die Geburt eines Weisheitslehrers, der viel Richtiges und Wegweisendes sagte: Liebe zuerst! Gerechtigkeit zuerst! Frieden zuerst. Menschenrechte sind etwas Heiliges. Sie sollten also in den Gottesdiensten gelesen und besprochen werden. Und: Respekt für einen transzendenten Grund allen Seins, der Güte ist und nicht auf sture Befolgung von irgendwelchen Gesetzen Wert legt.
Jesus von Nazareth ein Weisheitslehrer also, der sein Leben hingab im Dienst an der Gerechtigkeit. Und der Menschen ermuntert, seinen Inspirationen, zusammen mit anderen humanen Inspirationen anderer Weisheitslehrer, zu folgen…

Das wäre schon alles, was an Weihnachten zu sagen und singen ist. Aber das als Realität einmal zu erhoffen, ist eine Utopie. Die meisten Menschen und mit ihnen die Kirchen lieben aufgrund der langen üblichen, erstarrten Weihnachtstraditionen das Trallala, den Rausch, das Absinken in ferne Welten der Regression zu Weihnachten. Opium halt. Begleitet vom Konsum – Rausch derer, die mit viel Geld Überflüssiges kaufen. Und manchmal etwas spenden. eher

15.
Der berühmte niederländische Theologe und Poet Huub Oosterhuis aus Amsterdam (+ 2023) hat auch Weihnachtslieder und Weihnachtsgedichte geschrieben, die für ein reifes, kritisches religiöses Bewusstsein sagbar und singbar sind. Oosterhuis hat leider auch in Holland nur eine eher begrenzte Aufnahme, zumal in katholischen Kreisen, gefunden, in Deutschland kennt man ihn auch nicht angemessen. In dem Buch „Du Atem meiner Lieder“ (Herder Verlag, 2009) heißt ein schönes Weihnachtslied von Huub Oosterhuis:

„Jesus, Kind aus Nazareth,
Liebe, sagst du, lässt sich tun,
Wirk in uns, dass wir dich tun, leucht in uns, dass wir dich sehn!

Dass wir unser Leben leben,
Dass wir tun, was nötig ist: Rechte für jedes Menschenskind, Brot für jedes Kind von Menschen
Eine neue Welt in Frieden und der Tod wird nicht mehr sein…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Bittgebete: Sinn und Unsinn!

Ein Hinweis von Christian Modehn in Zeiten von Kriegen und Vernichtung. Am 2.12.2023.

Einen Kommentar zu diesem Text, verfasst von Heinz G. Liberda, lesen Sie bitte am Ende dieses Hinweises.

1.
Angesichts der vielen politischen Katastrophen, der Kriege, der Zerstörungen, von Politikern inszeniert, sind die Menschen meist sehr hilflos. Sie haben es wie so oft versäumt, in Zeiten, als die Waffen schwiegen, Friedenszeiten genannt, für den Erhalt des Friedens zu arbeiten, Friedenspädagogik zu leisten, Politikern auf die gierigen Finger zu schauen bzw. diese zur Vernunft zu rufen. Auch jetzt stehen die Menschen hilflos da. Oder sie protestieren auf der Straße. Immerhin, ein Zeichen des Widerspruchs, aber mehr wohl nicht.

2.
Fromme Leute, etwa Christen, sehen sich in solchen Situationen der politischen, ökonomischen oder klima-bedingten Hilflosigkeit oft spontan gedrängt, einen letzten Helfer zu mobilisieren: Den als Person gedachten Gott (Vater) im Himmel. „Manchmal hilft nur noch Beten“, heißt es dann oft in einem populären, aber nicht klugen Spruch.

3.
So auch in diesen Wochen des Krieges der Hamas gegen Israel und der folgenden Antwort der Regierung Israels als Krieg gegen die Hamas. In dieser Situation fordert der Papst, fordern Bischöfe, Theologen, zum Beten, zum Bitten, auf. DOM – Radio Köln etwa berichtet am 29.Oktober 2023: „Nach dem gemeinsamen Friedensgebet im Kölner Garten der Religionen mit Vertretern von Christen, Juden und Muslimen äußert sich Kardinal Rainer Maria Woelki zum Krieg im Heiligen Land. Gebete, betont er, seien stärker als alle Waffen.“ Er behauptete in seinem frommen Überschwang (oder auch in seiner theologischen Hilflosigkeit!) weiter: „Wir können nur den Himmel bestürmen, dass Gott ein Einsehen hat und unsere Herzen aus Stein erweicht und uns Herzen aus Fleisch gibt, die Herzen aus Liebe werden und die Herzen zum Frieden führen…Wo wir als Menschen darüber hinaus eben nicht mehr weiterkommen, und dies scheint mir zum Beispiel so eine Situation zu sein, da bin ich wirklich davon überzeugt, dass das Gebet im Letzten stärker ist als alle Waffen.“

4.
„Gebet ist stärker als Waffen?“ Das setzt aber voraus: Gott hat stärkere Waffen, wenn wir ihn im Himmel denn bestürmen… Dann greift er als Gott direkt ein und schafft Frieden. Aber die Wahrheit ist: Gott als Gott hat noch nie in diese Welt eingegriffen, geschweige als Gott direkt Kriege beendet.

5.
Es ist also vom vernünftigen Denken her, der Gabe des schöpferischen Gottes an die Menschen, undenkbar und unmöglich, an dieser durchaus klassisch zu nennenden , immer wieder aufgewärmten Gebetstheologie und Bittgebets-Theologie festzuhalten.

6.
Sind Bittgebete also sinnlos und unvernünftig? Nicht unbedingt, wenn wir denn Beten und Bitten als menschliche Aktion verstehen, also als Selbstgespräch, als Poesie, als meinen „Lebenstext“: Ich spreche in stammelnden, suchenden Worten meine Situation aus, spreche meine Verzweiflung aus, meine Hoffnungslosigkeit: Und dies sage ich als Poesie, als „meinen“ Text, möglicherweise auch anderen, Freunden, Verwandten, in der Gruppe einer Gemeinde, in einem philosophischen Salon…

7.
Und was bedeutet dann Bittgebet als meine Poesie, mein Gedicht, mein „Lebenstext?
Ich sehe meine Situation und die Situation der Welt klarer, ich versinke nicht in Sprachlosigkeit, verbleibe als nicht ohne Reflexion. Und wenn ich christlich geprägt bin oder nach dem Glauben suche: Dann weiß ich: Die göttliche Schöpferkraft, der Ewige, der Unendliche, wie auch immer, lässt trotz des Wahns der Menschheit die Menschen nicht fallen, auch mich nicht, auch dich nicht. Diese Spiritualität ist vernünftig. Aber das ist dann alles: Es geht um das sich Einfühlen und Eindenken in eine metaphysische Geborgensein. Die kann einem niemand nehmen.

8.
Dabei wissen diese aufgeklärt, nachdenklichen Frommen: Kriege sind Taten der Menschen, der Politiker, der Nationalisten, der religiös verrückt gewordenen Fundamentalisten. Kriege sind also Ausdruck einer irregeleiteten Freiheit von Menschen, die sich zu Verbrechern entwickelt haben. Diese menschliche Freiheit ist „Gottes“ Gabe an die Menschen. Was wäre denn, wenn Er/Sie die Menschen nicht frei, auch frei zum Tun des Bösen, geschaffen hätte? Dann wären die Menschen eben Tiere. Und die folgen nur ihren Instinkten, sie sind nicht umfassend frei und kreativ.

9.
Können wir also noch Beten und Bittgebete sprechen? Solange fromme Leute mit ihren Gebeten und mit ihrem Glauben nicht andere schädigen, kann jeder und jede glauben was er/sie will. Aber vernünftig ist unserer Meinung nur: Gebete und Bittgebete sind meine Lebenspoesie, die mir mein Leben – auch angesichts des Unendlichen und Ewigen – deutlich macht. Die göttliche Schöpferkraft ist – religionsphilosophisch gesehen – in uns, dort haben wir sie zu pflegen und nicht einen Himmel zu bestürmen. Gott im Himmel zu bestürmen, umstimmen zu wollen, bestimmen zu wollen, ist anmaßend und theologisch dumm und dreist und human letztlich hilflos. Nur Kardinäle, denen nichts hillfreich Politisches einfällt, fordern zum „Bestürmen des Himmels“ auf…Sie fordern damit zum Aberglauben auf. LINK

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

………………

Ein Kommentar zu diesem Beitrag von Heinz G.Liberda:

„Wie jemand zum Bittgebet steht, hängt oft mit seinem Gottesbild zusammen und dieses
wiederum mit dem „Seelenkostüm“ des Betreffenden, seiner psychologischen Entwicklung.

Wenn wir uns Gott unbegrenzt vorstellen, durch nichts eingeschränkt, dann sind auch sehr
viele Gottesbilder möglich – neben dem eines überpersönlichen Gottes ebenso gut das
biblische Bild vom Vater, der Bitten „hört“ (aber nicht zum „Erhören“ gezwungen werden kann).

Wenn ein erwünschtes Ereignis eintrifft, um das gebetet wurde, dann kann das als Gebetserhörung
geglaubt werden. Nur, das gewünschte Ereignis hätte auch, unbeweisbar, ohne Bitte eintreffen können.
Aber wer glaubt, dass seine Bitte erhört worden ist, kann Gott gegenüber dankbare Freude empfinden.

Wenn nach katastrophalen Ereignissen – wie z.B. den Atombombenabwürfen 1945 („Theodizee“) –
gebetet wird/wurde, dass so etwas nicht nochmals geschieht – wie Gott sei Dank bis jetzt(!) – ist das
eine Gebetserhörung? Liegt jemand nachweisbar falsch, der das glaubt?

Zuletzt eine wichtige Bitte: „Lieber Gott, lass´ alle Menschen – ob sie darum gebetet haben oder nicht –
ein Jenseits erleben, in dem sich Bittgebete erübrigen.“

H. G. L. 18.12.2023

 

Karl Marx als Ökologe: Gegen das permanente Wachstum!

Über das Buch „Systemsturz. Der Sieg der Natur über den Kapitalismus“ des Philosophen Kohei Saito
Ein Hinweis von Christian Modehn am 30.11.2023.

1.
Karl Marx wieder lesen, studieren, diskutieren? Das ist gar keine Frage… Weil die real-sozialistischen, verbrecherischen Regime (Gulag, Lager etc…) Marx angeblich „verwirklichten“, d.h. verfälschten, gibt es keinen Grund, Karl Marx jetzt zu ignorieren, wenn es um heutige Kritik am Kapitalismus und Neoliberalismus geht. Und der Kapitalismus als ökonomische Allmacht muss unbedingt kritisiert werden, das ist die allgemeine Überzeugung der Mehrheit der Menschen: Für sie ist nicht nur Gerechtigkeit für alle, sondern auch das Überleben dieser Welt dringendes Gebot.

2.
Marx und sein Werk zu ignorieren, wäre ungefähr genauso, wie wenn Christen jetzt die Bibel, zumal das Neue Testament, beiseite legen würden, nur weil die Institutionen der Kirchen über Jahrhunderte hindurch Verbrechen begangen haben, Ketzer verfolgt und Irrlehrer verbrannt haben und Kriege, gegenseitiges Töten von Christen, richtig fanden. Diese Herren der Kirchen haben das Evangelium und die Gestalt Jesu von Nazareth heftigst missbraucht. Aber das ist kein Grund, das Weisheit Jesu von Nazareth beiseite zu legen, die Bibel muss nur richtig, d.h. kritisch gelesen und verwirklicht werden, sie ist ein Hinweis auf ein humanes Leben für alle.

3.
Das Denken von Karl Marx kann jetzt also einen neuen, auch politischen Aufschwung fördern. Einige höchst überraschende neue Erkenntnisse zum Werk „Das Kapital“ werden über den kleinen Kreis der Forscher für eine breite Öffentlichkeit zugänglich. Der japanische Marx – Forscher Kohei Saito zeigt in seinem Buch „Systemsturz“, dass „es jetzt um eine kühne Neuinterpretation von Marx“ geht (S. 151). Eine solche Neuinterpretation hat „noch niemand vorgelegt “ (S. 112). Sie ist eine grundlegende Korrektur an dem üblichen, vertrauten Marx – Bild: Als hätte sein Denken die Idee der stetigen Steigerung der Produktivkräfte als Mittelpunkt, als sei die umfassendste Industrialisierung und damit die Zerstörung der Natur für ihn alles entscheidend beim Gedanken an einen Sieg des Kommunismus.
Der Marx – Spezialist Saito hingegen entdeckt zusammen mit einem großen internationalen Forscher – Team einen anderen Marx aus den Zeiten der Abfassung des „Kapital“, 1. Band, Veröffentlicht 1868. So wurde Marx zum prominenten Kritiker des Kapitalismus und zwar aus ökologischen Gründen! Das war bislang weitesten Kreisen unbekannt.

4.
Diese Umkehr im Forschen und Denken von Karl Marx wird greifbar in den seit einigen Jahren publizierten, bisher unveröffentlichten „Forschungsnotizen“. Sie erlauben es, „den Fokus auf die in Vergessenheit geratene ökologische Kapitalismuskritik des späten Marx zu richten“ (S. 122). Saito erwähnt eine „enorme Anzahl an Forschungsnotizen von Marx, die sich mit Geologie, Botanik, Chemie, Mineralogie und mehr befassen…So behandelt Marx Themen wie die exzessive Abholzung der Wälder, die Übernutzung fossiler Brennstoffe oder das Artensterben als Widersprüche des Kapitalismus“ (S. 122 f). Diese Erkenntnisse konnte Marx allerdings nicht mehr in seine weiteren Studien zum „Kapital“ einbringen, die Bände 2 und 3 des „Kapital“ wurden von Friedrich Engels nach dem Tod von Marx eigenmächtig herausgegeben.

5.
Im ganzen gesehen hat Marx in seinen sehr umfassenden Forschungsnotizen und Manuskripten eine ökologische Wende und Umkehr in seinem Denken vollzogen. Es geht ihm, so der Marx Forscher Kohei Saito, um die Akzeptanz, Realisierung und Wiederherstellung der „Commons“: Bildung, Natur, Wasser, Menschenrechte sind „Gemeinbesitz“, sie sind gemeinschaftlich produzierte, „organisierte und gemeinschaftlich genutzte Güter, gesellschaftlich geteilter und verwalteter Reichtum, eben Gemeinbesitz“ (S. 108). Commons sind öffentliche Güter… Elektrizität, Wohnung und Gesundheitsversorgung“ (ebd.), die, weil sie öffentliche, nicht private Güter sind, niemals privatisiert werden dürfen und in die gierigen Hände der Kapitalisten geraten dürfen. Sie kaufen diesen genannten Gemeinbesitz auf, machen darauf ihren eigenen Profit, indem sie Commons privatisieren, immer im Zusammenhang mit willigen neoliberalen Regierungen. Diese Menschen verachtende Privatisierungswelle ist in vielen Ländern vor allem des globalen Südens Realität, man denke an die mühevollen Kämpfe der Bürger gegen die Privatisierung des Wassers in Bolivien oder Chile durch Kapitalisten.

6.
In diesem Zusammenhang bringt der Philosoph Kohei Saito eine neue Definition des Kommunismus ein, im Sinne des nun umfassend zu lesenden und zu verstehenden ökologischen Karl Marx. „Marx hatte mit dem Kommunismus niemals eine staatlich verwaltete Einparteiendiktatur im Sinn. Für ihn bedeutete Kommunismus eine Gesellschaft, in der die Produktionsmittel von den Produzenten als Commons (als Gemeinbesitz, Gemeineigentum) gemeinsam verwaltet werden“ (S. 109).

7.
Diese neuen Erkenntnisse zum Werk von Karl Marx verdanken wir einem internationalen Forscher – Team, es gestaltet eine neue Gesamtausgabe der Werkes von Marx und Engels. Sie trägt im Unterschied zur alten Gesamtausgabe (MEGA), unter der Regie der Sozialistischen, Kommunistischen Parteien einst, nun den Titel „MEGA 2“. Die Initiative zu MEGA 2 stammt vom „Internationalen Institut für Sozialgeschichte“ (IISH) in Amsterdam. Das Institut gründete gleich nach dem Zusammenbruch des Kommunismus bzw. Staatssozialismus die „Internationale Marx-Engels-Stiftung (IMES).

8.
Der genannte japanische Philosoph Kohei Saito ist als Forscher an der MEGA 2 Ausgabe beteiligt. „Der Gesamtumfang von MEGA 2 soll bei Fertigstellung über 100 Bände umfassen, darunter auch bisher unveröffentlichtes Material, was eine bisher nie dagewesene Größenordnung darstellt““ (S. 113). In der „Vierten Abteilung“ von „MEGA 2“ werden die ökologisch relevanten „Exzerpte, Notizen, Marginalien“ veröffentlicht:  LINK

9.
Saito betont: Marx ökologische Wendung nach der Publikation des 1. Bandes des „Kapital“ geht in Richtung einer Degrowth – Wirtschaft. „Degrowth“ bezeichnet eine Wirtschaftsordnung in einer Gesellschaft und einem Staat, die von einer gezielten Verringerung des Materialverbrauchs bestimmt ist. „Degrowth“ meint: In der politischen und ökonomischen Praxis Abschied nehmen von der Ideologie, die Welt bräuchte immer mehr und immer stetiges ökonomisches Wachsen. Von dieser Ideologie profitieren nur die reichen Länder und in ihnen vor allem die Reichen. Die Ressourcen des ständigen Wachstums sind begrenzt.
Der japanische Philosoph Saito weist in seinem Plädoyer für „Degrowth“ eine übliche Vorstellung zurück, der Kapitalismus sei mit Degrowth auch noch vereinbar und kompatibel. Saito meint, solches zu behaupten, sei so ähnlich, wie wenn man „ein rundes Dreieck zeichnen wollte“. Denn der Kapitalismus ist erwiesenermaßen die Hauptursache für die Klimakatastrophen, darum muss der Kapitalismus überwunden werden. In welchen Schritten das gelingen kann, beschreibt Saito in seinem Buch „Systemsturz“.

10.
In einem Interview vom 8. September 2023 mit Benedikt Namdar für die website MOMENT (des Momentum Instituts in Wien) LINK https://www.moment.at/story/kohei-saito-degrowth-kommunismus sagt der Philosoph Kohei Saito: „Eine einfache Definition ist: Kapitalismus ist ein System konstanten Wachstums, unendlicher Profitsteigerung. Es geht darum, Kapital durch Gewinn zu vermehren.  Die Natur hat Grenzen. Durch das ständige Wachstum verletzen Menschen im Kapitalismus genau diese Grenzen. Denn im Kapitalismus verbrauchen wir zu viele natürliche Ressourcen, emittieren zu viele Treibhausgase. Wenn das passiert, entstehen ökologische Krisen wie die Klimakrise. Benedikt Namdar fragt dann:
Wenn nicht Kapitalismus, was dann?
Darauf Kohei Saito: „Ich schlage einen „Degrowth-Kommunismus“ vor.  Degrowth will unendliches Wachstum stoppen, daher kann es nicht im Kapitalismus stattfinden.
Eine kommunistische Gesellschaft ist in meiner Auffassung eine, die auf Gemeingütern basiert, die wir miteinander teilen. Ich verbinde Degrowth mit Kommunismus, weil wir vermehrt teilen müssen, wenn wir nicht mehr unendlich wachsen und der Kuchen nicht größer wird.
Ich schlage vor, dass Güter wie Internet, Mobilität, Wasser, Elektrizität und andere Gemeingüter werden. Wir sollten diese miteinander teilen und für alle garantieren. Dann hätten wir die Befriedigung von Grundbedürfnissen garantiert und müssten nicht so viel arbeiten, um Bedürfnisse zu befriedigen.
Es geht bei Degrowth vorrangig darum, ständiger Vermehrung von Kapital ein Ende zu machen. Es muss nicht alles weniger werden. Wir sollten bessere Technologien haben, müssen Smartphones nicht aufgeben. Wir sollten Wachstum in gewissen Gebieten haben, aber verringern, was unnötig ist. Wir brauchen keine Ferraris, Privatjets, Kreuzfahrtschiffe oder Kurzstreckenflüge. Wenn wir auf solche Dinge verzichten, müssen wir auch nicht so viel arbeiten. So kann man mehr Zeit mit Aktivitäten verbringen, die einen glücklich machen.
11.
Welche Konsequenzen diese Erkenntnisse für die Praxis haben könne, zeigt Saito auf den Seiten 245 bis 279 seines Buches. Wikipedia schreibt über ihn (gelesen am 30.11.2023): „Saito gehört zu einer Gruppe, die in den Bergen westlich von Tokio Land erwirbt, das kollektiv betrieben werden soll, um der lokalen Gemeinschaft dienlich zu sein. Saito ist Ratsmitglied der Progressiven Internationalen“: LINK: https://progressive.international/
12.
Die New York Times publizierte im Sommer 2023 ein ausführliches Porträt über Kohai Saito LINK. : https://www.nytimes.com/2023/08/23/business/kohei-saito-degrowth-communism.html. Leider ist der Beitrag nur gegen Bezahlung erreichbar, lesbar…
13.
Kohai Saito wurde 1987 geboren, er studierte u.a. in Berlin, an der Humboldt Universität wurde er zum Dr.phil. promoviert, der Philosoph Prof. Andreas Arndt ist sein Doktorvater. Saito ist, wie gesagt, Mitarbeiter an der Herausgabe von MEGA 2, zur Zeit ist er auch „Associate Professor“ an der Universität Tokio. 東京大学, Tōkyō Daigaku, abgekürzt: 東大, Tōdai) ist eine staatliche Universität in Bunkyō und wird generell als die Universität Japans mit dem größten Prestige angesehen.
14.
Wir empfehlen das Buch, es wird die Diskussion über Degrowth (Überwindung des permanenten Wachstums) sehr beleben und ein neues Bild des Kapitalismus-Kritikers Karl Marx fördern und damit ein Ende bereiten, Marx und die Marxisten seien am Abbau und der Zerstörung der Natur bloß um des industriellen Gewinns wegen interessiert.

Kohei Saito, „Systemsturz. Der Sieg der Natur Über den Kapitalismus“. Aus dem Japanischen übersetzt von Gregor Wakounig. 316 Seiten, DTV, 2023, 3. Auflage, 25 Euro.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.
www. religionsphilosophischer-salon.de

 

 

Die Erklärung der Menschenrechte. 75 Jahre jung.

Über die Basis humanen Zusammenlebens aller Menschen.
Ein Hinweis von Christian Modehn am 30.11.2023

1.
Vor 75 Jahren, am 10. Dezember 1948, wurde die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ im Palais de Chaillot von der UN verabschiedet. Die grundlegenden Rechte und Freiheiten aller Menschen fanden damals die Zustimmung von 48 Staaten, 8 Staaten enthielten sich, es waren vor kommunistisch regierte Staaten sowie Südafrika und Saudi-Arabien! Zu aktuellen Entwicklungen siehe die Publikationen von Amnesty International:   LINK  

2.
Der alte Vorwurf, immer wieder neu erhoben, heißt: Diese Menschenrechte seien nicht für alle Menschen, nicht für alle Kulturen, gültig. Sie seien bloß im Westen, in Europa, in einer Kultur entstanden, die vom Christentum und philosophischer Aufklärung geprägt ist, also wegen dieser kulturellen, historischen Herkunft seien die Menschenrechte nur relativ und nicht universell.

3.
Dieser alte und neue Vorwurf ist philosophisch gesehen falsch und entschieden zurückzuweisen und er wurde von vielen Intellektuellen abgewiesen.
Die Antwort: Die Herkunft einer Erkenntnis („Menschenrechte stammen aus Europa“) sagt gar nichts aus über die universelle Bedeutung der Menschenrechte.

4.
„Die westlichen Menschenrechte sind so westlich wie die arabischen Zahlen arabisch sind. DAS SIND UNIVERSELLE WERTE… Die Vorstellung, dass man einen Menschen nicht quälen, nicht schänden und missbrauchen darf, ist überall auf der Welt verbreitet (und von den Opfern dieser Quälereien wird heftigst nach den Menschenrechten verlangt, CM) . Wer die universellen Werte der Menschenrechte anzweifelt, sind in der Regel autoritäre Regime oder kleinere Elitegruppen, die für sich selbst Sonderrechte beanspruchen und andere abwerten“, sagt der Philosoph Hanno Sauer, Prof.für Philosophie in Utrecht und Autor des viel beachteten und empfehlenswerten Buches „Moral“, 2023, Piper Verlag.
Das Zitat ist dem „Tagesspiegel“ entnommen, 22. November 2023, Seite 17.

5.
Für den Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon sind die Zusammenhänge von Religion/Christentum/Kirche Und Menschenrechte besonders wichtig.

Siehe dazu ein wichtiges Interview mit dem protestantischen Theologen Prof. Wilhelm Gräb, Berlin (+2023): Menschenrechte als Grundlage des christlichen Bekenntnisses! LINK.

Und siehe auch den Beitrag von Christian Modehn zu der Frage: Warum kann die katholische Kirche eigentlich nicht glaubwüridig und damit wirksam für die Menschenrechte eintreten? Die Antwort: Weil diese Kirche in ihrer inneren Verfassung und Gesetzlichkeit die Menschenrechte nicht respektiert! LINK

Wir haben für unsere Darstellung „Menschenrechte und damit Demokratie gelten nichts in der katholischen Kirche“ Unterstützung erhalten von dem Kirchenrechtler Prof. Adrian Loretan (Schweiz): Das freut uns, sollte aber bei dem Thema eher eine normale und eigentlich übliche Einschätzung von Wissenschaftlern sein! LINK

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

DER TEXT der Erklärung der Menschenrechte:

Artikel 1 (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit) Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geist der Brüderlichkeit begegnen.


Artikel 2 (Verbot der Diskriminierung) Jeder hat Anspruch auf die in dieser Erklärung verkündeten Rechte und Freiheiten ohne irgendeinen Unterschied, etwa nach Rasse, Hautfarbe, Geschlecht, Sprache, Religion, politischer oder sonstiger Überzeugung, nationaler oder sozialer Herkunft, Vermögen, Geburt oder sonstigem Stand.
Des Weiteren darf kein Unterschied gemacht werden auf Grund der politischen, rechtlichen oder internationalen Stellung des Landes oder Gebiets, dem eine Person angehört, gleichgültig ob dieses unabhängig ist, unter Treuhandschaft steht, keine Selbstregierung besitzt oder sonst in seiner Souveränität eingeschränkt ist.

Artikel 3 (Recht auf Leben und Freiheit) Jeder hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person.

Artikel 4 (Verbot der Sklaverei und des Sklavenhandels) Niemand darf in Sklaverei oder Leibeigenschaft gehalten werden; Sklaverei und Sklavenhandel sind in allen ihren Formen verboten.

Artikel 5 (Verbot der Folter) Niemand darf der Folter oder grausamer, unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung oder Strafe unterworfen werden.

Artikel 6 (Anerkennung als Rechtsperson) Jeder hat das Recht, überall als rechtsfähig anerkannt zu werden.

Artikel 7 (Gleichheit vor dem Gesetz) Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich und haben ohne Unterschied Anspruch auf gleichen Schutz durch das Gesetz. Alle haben Anspruch auf gleichen Schutz gegen jede Diskriminierung, die gegen diese Erklärung verstößt, und gegen jede Aufhetzung zu einer derartigen Diskriminierung.

Artikel 8 (Anspruch auf Rechtsschutz) Jeder hat Anspruch auf einen wirksamen Rechtsbehelf bei den zuständigen innerstaatlichen Gerichten gegen Handlungen, durch die seine ihm nach der Verfassung oder nach dem Gesetz zustehenden Grundrechte verletzt werden.

Artikel 9 (Schutz vor Verhaftung und Ausweisung) Niemand darf willkürlich festgenommen, in Haft gehalten oder des Landes verwiesen werden.

Artikel 10 (Anspruch auf faires Gerichtsverfahren) Jeder hat bei der Feststellung seiner Rechte und Pflichten sowie bei einer gegen ihn erhobenen strafrechtlichen Beschuldigung in voller Gleichheit Anspruch auf ein gerechtes und öffentliches Verfahren vor einem unabhängigen und unparteiischen Gericht.

Artikel 11 (Unschuldsvermutung)
Jeder, der wegen einer strafbaren Handlung beschuldigt wird, hat das Recht, als unschuldig zu gelten, solange seine Schuld nicht in einem öffentlichen Verfahren, in dem er alle für seine Verteidigung notwendigen Garantien gehabt hat, gemäß dem Gesetz nachgewiesen ist.
Niemand darf wegen einer Handlung oder Unterlassung verurteilt werden, die zur Zeit ihrer Begehung nach innerstaatlichem oder internationalem Recht nicht strafbar war. Ebenso darf keine schwerere Strafe als die zum Zeitpunkt der Begehung der strafbaren Handlung angedrohte Strafe verhängt werden.

Artikel 12 (Freiheitssphäre des Einzelnen)   Niemand darf willkürlichen Eingriffen in sein Privatleben, seine Familie, seine Wohnung und seinen Schriftverkehr oder Beeinträchtigungen seiner Ehre und seines Rufes ausgesetzt werden. Jeder hat Anspruch auf rechtlichen Schutz gegen solche Eingriffe oder Beeinträchtigungen.

Artikel 13 (Freizügigkeit und Auswanderungsfreiheit)
Jeder hat das Recht, sich innerhalb eines Staates frei zu bewegen und seinen Aufenthaltsort frei zu wählen.
Jeder hat das Recht, jedes Land, einschließlich seines eigenen, zu verlassen und in sein Land zurückzukehren.

Artikel 14 (Asylrecht)
Jeder hat das Recht, in anderen Ländern vor Verfolgung Asyl zu suchen und zu genießen.
Dieses Recht kann nicht in Anspruch genommen werden im Falle einer Strafverfolgung, die tatsächlich auf Grund von Verbrechen nichtpolitischer Art oder auf Grund von Handlungen erfolgt, die gegen die Ziele und Grundsätze der Vereinten Nationen verstoßen.

Artikel 15 (Recht auf Staatsangehörigkeit)
Jeder hat das Recht auf eine Staatsangehörigkeit.
Niemandem darf seine Staatsangehörigkeit willkürlich entzogen noch das Recht versagt werden, seine Staatsangehörigkeit zu wechseln.

Artikel 16 (Eheschließung, Familie)
Heiratsfähige Frauen und Männer haben ohne Beschränkung auf Grund der Rasse, der Staatsangehörigkeit oder der Religion das Recht, zu heiraten und eine Familie zu gründen. Sie haben bei der Eheschließung, während der Ehe und bei deren Auflösung gleiche Rechte.
Eine Ehe darf nur bei freier und uneingeschränkter Willenseinigung der künftigen Ehegatten geschlossen werden.
Die Familie ist die natürliche Grundeinheit der Gesellschaft und hat Anspruch auf Schutz durch Gesellschaft und Staat.

Artikel 17 (Recht auf Eigentum)
Jeder hat das Recht, sowohl allein als auch in Gemeinschaft mit anderen Eigentum innezuhaben.
Niemand darf willkürlich seines Eigentums beraubt werden.

Artikel 18 (Gedanken-, Gewissens-, Religionsfreiheit) Jeder hat das Recht auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit; dieses Recht schließt die Freiheit ein, seine Religion oder Überzeugung zu wechseln, sowie die Freiheit, seine Religion oder Weltanschauung allein oder in Gemeinschaft mit anderen, öffentlich oder privat durch Lehre, Ausübung, Gottesdienst und Kulthandlungen zu bekennen.

Artikel 19 (Meinungs- und Informationsfreiheit) Jeder hat das Recht auf Meinungsfreiheit und freie Meinungsäußerung; dieses Recht schließt die Freiheit ein, Meinungen ungehindert anzuhängen sowie über Medien jeder Art und ohne Rücksicht auf Grenzen Informationen und Gedankengut zu suchen, zu empfangen und zu verbreiten.

Artikel 20 (Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit)
Alle Menschen haben das Recht, sich friedlich zu versammeln und zu Vereinigungen zusammenzuschließen.
Niemand darf gezwungen werden, einer Vereinigung anzugehören.

Artikel 21 (Allgemeines und gleiches Wahlrecht)
Jeder hat das Recht, an der Gestaltung der öffentlichen Angelegenheiten seines Landes unmittelbar oder durch frei gewählte Vertreter mitzuwirken.
Jeder hat das Recht auf gleichen Zugang zu öffentlichen Ämtern in seinem Lande.
Der Wille des Volkes bildet die Grundlage für die Autorität der öffentlichen Gewalt; dieser Wille muss durch regelmäßige, unverfälschte, allgemeine und gleiche Wahlen mit geheimer Stimmabgabe oder in einem gleichwertigen freien Wahlverfahren zum Ausdruck kommen.

Artikel 22 (Recht auf soziale Sicherheit) Jeder hat als Mitglied der Gesellschaft das Recht auf soziale Sicherheit und Anspruch darauf, durch innerstaatliche Maßnahmen und internationale Zusammenarbeit sowie unter Berücksichtigung der Organisation und der Mittel jedes Staates in den Genuss der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte zu gelangen, die für seine Würde und die freie Entwicklung seiner Persönlichkeit unentbehrlich sind.

Artikel 23 (Recht auf Arbeit, gleichen Lohn)
Jeder hat das Recht auf Arbeit, auf freie Berufswahl, auf gerechte und befriedigende Arbeitsbedingungen sowie auf Schutz vor Arbeitslosigkeit.
Jeder, ohne Unterschied, hat das Recht auf gleichen Lohn für gleiche Arbeit.
Jeder, der arbeitet, hat das Recht auf gerechte und befriedigende Entlohnung, die ihm und seiner Familie eine der menschlichen Würde entsprechende Existenz sichert, gegebenenfalls ergänzt durch andere soziale Schutzmaßnahmen.
Jeder hat das Recht, zum Schutz seiner Interessen Gewerkschaften zu bilden und solchen beizutreten.

Artikel 24 (Recht auf Erholung und Freizeit) Jeder hat das Recht auf Erholung und Freizeit und insbesondere auf eine vernünftige Begrenzung der Arbeitszeit und regelmäßigen bezahlten Urlaub.

Artikel 25 (Recht auf Wohlfahrt)
Jeder hat das Recht auf einen Lebensstandard, der seine und seiner Familie Gesundheit und Wohl gewährleistet, einschließlich Nahrung, Kleidung, Wohnung, ärztliche Versorgung und notwendige soziale Leistungen, sowie das Recht auf Sicherheit im Falle von Arbeitslosigkeit, Krankheit, Invalidität oder Verwitwung, im Alter sowie bei anderweitigem Verlust seiner Unterhaltsmittel durch unverschuldete Umstände.
Mütter und Kinder haben Anspruch auf besondere Fürsorge und Unterstützung. Alle Kinder, eheliche wie außereheliche, genießen den gleichen sozialen Schutz.

Artikel 26 (Recht auf Bildung)
Jeder hat das Recht auf Bildung. Die Bildung ist unentgeltlich, zum mindesten der Grundschulunterricht und die grundlegende Bildung. Der Grundschulunterricht ist obligatorisch. Fach- und Berufsschulunterricht müssen allgemein verfügbar gemacht werden, und der Hochschulunterricht muss allen gleichermaßen entsprechend ihren Fähigkeiten offenstehen.
Die Bildung muss auf die volle Entfaltung der menschlichen Persönlichkeit und auf die Stärkung der Achtung vor den Menschenrechten und Grundfreiheiten gerichtet sein. Sie muss zu Verständnis, Toleranz und Freundschaft zwischen allen Nationen und allen rassischen oder religiösen Gruppen beitragen und der Tätigkeit der Vereinten Nationen für die Wahrung des Friedens förderlich sein.
Die Eltern haben ein vorrangiges Recht, die Art der Bildung zu wählen, die ihren Kindern zuteilwerden soll.

Artikel 27 (Freiheit des Kulturlebens)
Jeder hat das Recht, am kulturellen Leben der Gemeinschaft frei teilzunehmen, sich an den Künsten zu erfreuen und am wissenschaftlichen Fortschritt und dessen Errungenschaften teilzuhaben.
Jeder hat das Recht auf Schutz der geistigen und materiellen Interessen, die ihm als Urheber von Werken der Wissenschaft, Literatur oder Kunst erwachsen.

Artikel 28 (Soziale und internationale Ordnung) Jeder hat Anspruch auf eine soziale und internationale Ordnung, in der die in dieser Erklärung verkündeten Rechte und Freiheiten voll verwirklicht werden können.

Artikel 29 (Grundpflichten)
Jeder hat Pflichten gegenüber der Gemeinschaft, in der allein die freie und volle Entfaltung seiner Persönlichkeit möglich ist.
Jeder ist bei der Ausübung seiner Rechte und Freiheiten nur den Beschränkungen unterworfen, die das Gesetz ausschließlich zu dem Zweck vorsieht, die Anerkennung und Achtung der Rechte und Freiheiten anderer zu sichern und den gerechten Anforderungen der Moral, der öffentlichen Ordnung und des allgemeinen Wohles in einer demokratischen Gesellschaft zu genügen.
Diese Rechte und Freiheiten dürfen in keinem Fall im Widerspruch zu den Zielen und Grundsätzen der Vereinten Nationen ausgeübt werden.

Artikel 30 (Auslegungsregel) Keine Bestimmung dieser Erklärung darf dahin ausgelegt werden, dass sie für einen Staat, eine Gruppe oder eine Person irgendein Recht begründet, eine Tätigkeit auszuüben oder eine Handlung zu begehen, welche die Beseitigung der in dieser Erklärung verkündeten Rechte und Freiheiten zum Ziel hat.

(Quelle: wikipedia)

Volkskirchen werden Minderheiten: Der religiöse und kulturelle Umbruch in Deutschland und Europa.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 25. November 2023.

EIN VORWORT:
Dieser Hinweis bezieht sich auf die aktuelle Situation der Kirchen in Deutschland und Europa im November 2023. Diese Kirchen befinden sich, soziologisch gesehen, zweifelsfrei im Niedergang, sie sind – statistisch – am Verschwinden.
Dabei steht hier der Katholizismus im Mittelpunkt der Beobachtung und Kritik. Warum? Den Katholizismus kenne ich seit meinem Theologie – Studium am besten.
Es ist offensichtlich: Religionen (waren und) sind gefährlich für eine humane, demokratische Entwicklung der Menschheit auch heute, weil sich Religionen und Kirchen oft fundamentalistisch abkapseln. Aber es sind immer fundamentalistisch verblendete MENSCHEN, fromme Leute und ihre Gemeinden, die wegen ihrer Propaganda, ihrer Ideologie, gefährlich werden, weil sie sehr oft dazu neigen, politisch radikalen Ideologen zu folgen… wegen mangelhaftem kritischen Reflexions-Vermögen. Sie folgen also verwirrten, destruktiven Politikern, die eine Bedrohung der Menschheit sind, ich nenne nur Trump, den angeblich Evangelikalen, und Putin, den angeblich Russisch-Orthodoxen, oder den von Evangelikalen unterstützten Evangelikalen Bolsonaro, Brasilien, von Polens ultra – katholischen PIS – Politikern müsste gesprochen werden usw. Vom fundamentalistischem Wahn unter Muslims und jüdischen Gruppen sprechen viele Religionswissenschaftler…
Hier aber geht es darum: Was bedeutet der Niedergang des Katholizismus (und des Protestantismus) in Deutschland und Europa? Und es geht auch um eine bisher eher verdrängte, weil provozierende Frage: Kann dieser Niedergang der Kirchen in Europa so weit reichen, dass diese Kirchen nicht nur schrumpfen, sondern verschwinden und – beinahe ? – sterben?

Am 27.11.2023 verfasst: Vieles spricht dafür, dass das Ende dieser vom Klerus beherrschten Kirche mindestens in Deutschland und West/ Südeuropa naht. Die Sturheit der katholischen Klerus-Herrscher ist maßlos, also doch wohl unerträglich für den verbliebenen katholischen Rest. Siehe dazu den Kommentar des katholischen Theologen und Psychologen Wunibald Müller zu einer jüngsten Reform-Verbots Stellungnahme aus dem Vatikan., durch Kardinal Parolin, einem der ganz Wichtigen im Vatikan und der ganzen Kirche.   LINK:

Am 1.12. 2023 ließen die Herren der Kirche im Vatikan verlauten: Am Zölibatsgesetz für Priester wird nicht gerüttelt. LINK.  Das Motto der Herren Kleriker: „Wer es (das Zölibatsgesetz) fassen kann, der fasse es“, angeblich ein Zitat aus dem Munde Jesu. Ein Freund von mir sagte: Wer sie (die römische Klerus-Kirche) fassen kann, der fasse sie, bitte schnell“…

 

1.
Eine grundlegende soziologische Untersuchung zur Mitgliedschaft in der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Katholischen Kirche in Deutschland wurde im November 2023 publiziert.  LINK

2.
Die Ergebnisse dieser Studie sind auch religionsphilosophisch und damit von allgemeinem kulturellen Interesse. Denn sie zeigen die Bedeutung des kirchlichen Glaubens in der Gegenwart Deutschlands und erlauben eine gesicherte Prognose für die kommenden Jahre. Auch für Westeuropa heißt die Prognose etwa für die katholische Kirche: Sie wird, wenn sie so weitermacht wie seit 1.700 Jahren als klerikale Institution, langsam verschwinden, mindestens auf den Status einer Sekte schrumpfen.

3. Einige Fakten der Studie „Wie hältst du es mit der Kirche?“ 
Auf knapp 100 Seiten wird untersucht, wie eng die Bindung an die beiden christlichen Kirchen in Deutschland noch ist. Für diese Studie wurden rund 5.000 Personen intensiv befragt. Das Ergebnis: 25 Prozent nennen sich Mitglieder der katholischen Kirche, 23 Prozent Mitglieder der evangelischen Kirche. Noch einmal: Weniger als die Hälfte der Menschen in Deutschland sind noch Mitglieder der beiden Kirchen, einst „Volks“ – Kirchen“ genannt. Die Bereitschaft der Mitglieder der Kirchen, bald aus ihrer Kirche auszutreten, ist beachtlich: 75 Prozent der Katholiken und 67 Prozent der Evangelischen schließen einen Kirchenaustritt nicht aus…Selbst unter den Kirchenmitgliedern verstehen sich nur noch 4 Prozent der Katholiken beziehungsweise 6 Prozent der Evangelischen als gläubig und kirchennah. Das ist eine Sensation: Nur 9 Prozent der Befragten erklären, sie hätten Vertrauen in die katholische Kirche, bei der evangelischen Kirche waren es immerhin 24 Prozent. Die Hochschätzung der Kirchen (also das globale Vertrauen in diese Institution) ist extrem bescheiden, im Fall der katholischen Kirchen sogar minimal, nur dem Islam vertrauen noch weniger Menschen in Deutschland… 43 Prozent nennen sich konfessionslos. Die übrigen gehören anderen Religionen, wie dem Islam oder den jüdischen Gemeinden an.
Für 56 Prozent der Bevölkerung spielt Religion (offenbar ist gemeint: in der sichtbaren, institutionellen Form) keine Rolle. Nur 13 Prozent haben eine „kirchlich-religiöse Einstellung“.

4.
Unter den „Noch-Mitgliedern“ der katholischen Kirche werden fast zu 100 Prozent dringend radikale Kirchen – Reformen gewünscht, wie etwa die Aufhebung des Zölibatsgesetzes, die Einrichtung synodaler Strukturen, mehr Gleichberechtigung für die Frauen auch in kirchlichen Ämtern, die üblichen Forderungen also, seit ca. 60 Jahren permanent und in denselben Worten von den Laien und einigen Priestern vorgebracht, ergebnislos seit all diesen Jahren. Und man wundert sich, woher immer noch einige Katholiken (oft sind es hauptamtliche, gut bezahlte Kirchen – Angestellte) die Kraft nehmen, wie Sisyphus, seit Jahrzehnten immer die gleichen Themen zu debattieren, um Reformen die Herren der Kirche zu „erbitten“. ,
Erhellend die Erfahrungen und Einsichten eines katholischen Pfarrers einer Kölner Gemeinde (siehe Fußnote 2. )

5. Volkskirchen werden Minderheiten
Die Erkenntnisse sind für die Kirchen selbst insgesamt niederschmetternd. Die Studie weist die „Volks“ – Kirchen in die Position von Minderheiten. Das hat Konsequenzen auch für das soziale und kulturelle Leben: Kirchengemeinden, die auch Orte von Gemeinschaft und Nachbarschaft waren, werden zwar nicht verschwinden, aber in der geringen Anzahl kaum noch relevant sein. Gerade in diesem Moment, am 26.11.2023, wird die um 1960 errichtete Kirche ST. Albertus Magnus in Berlin – Halensee geschlossen und die dort, in Wilmersdorf, rund um den Kurfürsten Damm, lebende Gemeinde hat nicht nur keine Kirche mehr, sondern auch keinen Gemeindetreffpunkt. (Weiteres: FUßNOTE 1.)
Kirchengebäude und Gemeindehäuser werden immer weiter aufgegeben, verkauft, abgerissen. Weil es keine Kleriker gibt… Dass Laien die Gemeinden leiten könnten, diese richtige theologische Idee wird nicht realisiert. Es ist die totale Klerus-Herrschaft…Kirchengebäude verschwinden aus dem Stadtbild, manche Leute werden sich noch wehmütig an Glockengeläut erinnern… Klöster werden seit Jahren schon aufgegeben und für teures Geld verkauft wegen „Nachwuchsmangel“, mit dem Geld werden die kranken und sterbenden Mönche und Nonnen versorgt. Theologisch gebildete Gemeindeleiter, also PfarrerInnen, die eigentlich auch SeelsorgerInnen sein sollten, werden noch seltener als bisher anzutreffen sein. Das Durchschnittsalter des katholischen Klerus in Deutschland und aus Deutschland ist sicher bekannt, die Pfarrer, Patres usw… sind mehrheitlich schon über 65 Jahre alt.

6. Ein kultureller Bruch
Die Studie markiert einen tiefen kulturellen Bruch. Es gilt Abschied zu nehmen von der üblichen Vorstellung, Deutschland sei kirchlich geprägt. Ob es auf neue Art christlich geprägt bleibt, ist die Frage! Wie stark in naher Zukunft noch Traditionen der Bibel angesprochen und reflektiert werden, ist ebenso fraglich. Wie viele theologische Fakultäten an den Universitäten es in Zukunft – angesichts des Mangels an Studenten und auch an qualifizierten Professoren – noch geben wird, ist offen. Katholische Theologie an den Universitäten war ohnehin durch ihre Abhängigkeit von Bischöfen und Papst keine umfassend freie Wissenschaft. Die gut ausgestatteten kirchlichen Akademien werden in dieser Vielzahl kaum nicht finanzierbar sein. In den letzten Jahren fanden sie ohnehin nicht sehr viel öffentliche Beachtung, weil sie, wie etwa die Katholische Akademie Berlin, kaum aktuelle, die Berliner Bevölkerung bewegende Fragen debattierten. Die alte Macht der Kirchen, auch ihr politischer und öffentlicher Einfluß, wird weiter schrumpfen. Wie lange werden noch kirchliche Theologen in Ethikkommissionen vertreten sein? Und es wird die Frage diskutiert: Ist denn die Ethik der Monotheisten (also der Juden, Christen, Muslims) faktisch so großartig, so friedfertig, Frieden tatsächlich stiftend, wie nachweislich hat sie eigentlich die häßlichen Ausmaße des Neokapitalismus wirksam begrenzt? Man untersuche doch bitte empirisch und detailliert, wie viele Kirchenthemen noch in den großen Nachrichtensendungen von ARD und ZDF überhaupt noch ausführlich vorgestellt werden, verglichen etwa mit der noch sehr umfassenden Kirchen – Berichterstattung vor etwa 20 Jahren. Diese Themen, so vermuten die Redaktionen, interessieren nur noch Minderheiten. Dabei ist der Niedergang der Kirchen tatsächlich ein großes, allgemein interessierendes Thema zu einem gesellschaftlichen Wandel.

7. Abschied von den alten Dogmen
Am wichtigsten ist für uns ein Hinweis dieser Studie, er betrifft die starke Ablehnung der kirchlichen Dogmen bzw. vorgegebenen Glaubenslehren selbst unter Mitgliedern der Kirche. Was den Glauben an Gott angeht: Da sagen nur 19 Prozent, „dass es einen Gott gibt, der sich in Jesus Christus zu erkennen gibt.“ 29 Prozent sagen, „dass es ein höheres Wesen oder eine geistige Macht gibt“. 33 Prozent meinen, „dass es keinen Gott gibt und auch kein höheres Wesen“, 20 Prozent „wissen nicht so richtig, was sie glauben sollen“.

8. Die vielen Dogmen haben Christen aus den Kirchen getrieben
Das ist ein Thema, das leider in den Debatten über den Niedergang der Kirchen kaum debattiert wird: Die Fülle der Dogmen, die heute von beiden Kirchen noch gelehrt und oft auch auch in Predigten verbreitet werden, ist auch für viele Christen in Deutschland nicht mehr akzeptabel. Diese Dogmen/Lehren/Vorschriften erhellen das aktuelle Leben nicht, sie deuten das Leben in dieser verrückten Welt mit so vielen Katastrophen nicht in nachvollziehbarer Sprache … diese Lehren und Dogmen sind heute so etwas wie ideologischer Ballast. Übergestülpt, eingepaukt oder daher- geredet, in Kirchenliedern noch besungen, zumal in der Weihnachtszeit, als romantische Regression in Kindheitszeiten. Was ist Ideologie in der so genannten Glaubenslehre? Das gilt etwa für die Erbsündenlehre (LINK) und damit eng zusammenhängend die Lehre von der Erlösung, in dem Sinne: Dass der Gottessohn, Jesus, vom „Gott-Vater“ aus dem Himmel gesandt, sich aufopfert und hinrichten lässt, um die Menschen von dieser Erbsünde zu befreien. Um daran Anteil zu haben, müssen alle Menschen getauft werden, also kirchliche Christen werden. Man denke daran, dass etwa am Karfreitag immer noch in den evangelischen Gottesdiensten das Lied „Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld der Welt und ihrer Kinder“ gesungen wird; mit Lämmlein ist der sich hinschlachtende Jesus gemeint. Dass Jesus aus politisch -religiösen Gründen sterben musste, wird nicht gesagt…(vgl. Evangelisches Kirchengesangbuch Nr. 83.)… Ostern ist für uns das Fest des „Ewigen im Menschen“.  LINK
Unser Vorschlag: Wenn man Jesus von Nazareth in Verbindung mit Erlösung bringen will: Dann etwa: Jesus von Nazareth ist in mancher Hinsicht ein Vorbild, ein Weisheit – Lehrer mit Anregungen für eine humane, solidarische Lebenspraxis. Die dann befreiend von Zwängen, also „erlösend“ sein kann.
Und wenn man vom Bösen sprechen will, um das Böse dreht sich ja die „Erbsünden – Ideologie, dann vielleicht so: Das Böse entsteht durch die freie oder auch zwanghafte, seelisch kranke Tat der Menschen. Wer das Böse bekämpfen will, etwa die sinnlosen Kriege und das auch von Religionen unterstützte Morden und Töten: Dann nur: Indem diese religiösen Menschen so human gebildet werden, dass Friedfertigkeit identisch mit humanem Menschsein wird.
Von absonderlichen katholischen Lehren, wie dem Dogma von der Unfehlbarkeit de Papstes, der Höherstellung des Klerus gegenüber Laien, der erstarrt wirkenden Liturgie, der verstaubten Sprache in diesen Liturgien, von der immer noch päpstlichen Lehre „Homosexualität ist Sünde“, „Abtreibung ist Sünde“ und so weiter soll hier gar nicht weiter gesprochen werden. Zu diesen Themen ist eigentlich alles Vernünftige und Nachvollziehbare gesagt, aber nichts ändert sich, weil der Klerus seine Macht nicht abgeben will!
Der Jesuit und Schriftsteller Alfred Delp (1907 -1945) schrieb kurz vor seiner Hinrichtung als Widerstandskämpfer gegen die NAZIS: „Die Kirchen scheinen sich … durch die Art ihrer historisch gewordenen Daseinsweise selbst im Weg zu stehen“ (Quelle: Alfred Delp: „Im Angesicht des Todes“. )

9. Werden nun alle Atheisten?
Die genannte Studie kann zu grundlegenden, vielleicht sogar grundstürzenden Fragen führen, die eine Antwort finden müssen, wollen die Kirchen vermeiden, endgültig in einem kulturellen Getto zu landen, sozusagen in einer Nische von Fundamentalisten, denen selbst die absonderlichsten Dogmen und Morallehren noch normal und nachvollziehbar erscheinen.
Sind die vielen Menschen, die die Kirchen verlassen (haben), etwa Atheisten? Viele der Befragten verneinen das selbst. Wer ist eigentlich ein AtheistIN, gegen welchen Gott wehrt er/sie sich?
Religionsphilosophisch ist deutlich: Jeder Mensch schafft sich seinen Gott, seinen eigenen Gott. Oder verehrt einen namenlosen Gott der Mystik.
Und ist Transzendenz nur in den Religionen anzutreffen? Es gibt viele Formen der Transzendenzerfahrungen: Wir leben in einer neokapitalistischen Weltordnung, in der das grenzenlose Wachstum ein schädlicher Glaube ist an eine unendliche Transzendenz des Immer Mehr und des ständigen ökonomischen Wachsens. Der Glaube an einen verdinglichten Gott ist vielfältig: Sport, Fußball zumal, kann wie eine göttliche Autorität geliebt und verehrt werden; die Autos, immer noch, können je größer je besser absoluter Mittelpunkt des Lebens werden. Sex, Arbeit, alles kann zu einer Art göttlichem, also absoluten Mittelpunkt im Leben werden. Wie wird man diese negative Transzendenz als Bindung an einen verdinglichten Gott überwinden? Wie stark und prägend ist aber die positive Transzendenz? Musik und Kunst und Literatur wollen wir hier nur erwähnen. Auch das Gespräch, den Dialog, Die höchste Transzendenz wird in der Liebe erfahren, nicht nur im eros, auch in der diakonia…Hat der dogmatisch korrekt, „wahre“ Gott der Christen von einst diese Welt und ihre Menschen nachweislich friedlicher, reifer, vernünftiger, „erlöster“ gemacht? Die Bilanz „2000 Jahre etabliertes, meist klerikales oder dann auch fundamentalistisches Christentum“ fällt unseres Erachtens negativ aus.

10.
Es gibt, philosophisch gesehen, kein geistiges Leben der Menschen ohne die Beziehung zu Göttern und das Schaffen von Göttern und eben auch den Gedanken an den einen Gott. Die Menschen sind also „immer schon“ irgendwie über alles Weltliche hinaus…Und dann stellen sich dann die Fragen: Was sind die Kriterien wahrer, d.h. befreiender Transzendenz? Das sind keine religilsen, theologischen Kriterien, sondern philosophische, vor allem die Erklärung der Menschenrechte (von 1948). LINK

Siehe auch das Interview mit dem Theologen Wilhelm Gräb: LINK

11. Wenn die Kirchen sterben…
Die Frage muss gestellt werden: Zeigt sich in den letzten Jahren eine alt gewordene Kirche, schwach und krank und morsch und eher nur ein Gerüst oder fast schon ein Skelett und nur noch künstlich am Leben erhalten? Werden die Kirchen (in Deutschland, in Europa) sterben?
Wir beziehen uns hier „nur“ auf den römischen Katholizismus. Er hat zwar weltweit, so wird nicht ohne Stolz von offizieller Seite betont, eins Komma vier Milliarden Mitglieder. Aber diese Kirche ist trotz zahlreicher Basis-Initiativen, besonders in der Caritas, erstarrt: Diese Kirche hat überall die gleiche klerikale Struktur, es herrschen überall die gleichen klerikalen Machtverhältnisse. Fast alles, was kirchliches Leben bestimmt, wird letztlich im Vatikan entschieden. Überall wird die Messe in der gleichen Form gefeiert, überall gilt das römische Kirchenrecht, überall wird der römische Katechismus studiert und eingeschärft mit seinen 800 Seiten voller Belehrungen und moralischer Verurteilungen. Überall wachen päpstliche Nuntien, dass nur ja der wahre, der römische Glaube gelehrt und praktiziert wird und so weiter. Lebendigkeit, Kreativität, Freiheit: sieht anders aus!

12.
In Deutschland und in Europa ist die katholische Kirche seit Jahren schon aufgrund der stetig sinkenden Zahl ihrer aktiven Mitglieder und wegen des vergreisenden Personals, der Priestern, in einer tödlichen Krise. Noch wird oft so getan, die alte Welt der Volkskirchen bestehe weiter, die Milliarden der Kirchensteuer fließen ja noch. Noch… Diese Kirche wird künstlich am Leben erhalten durch den Einsatz von einigen tausend Priestern aus Indien, Afrika, den Philippinen, Indonesien in den sterbenden europäischen Kirchen. Werden sie etwas dort nicht gebraucht? Sie sind in Europa so eine Art „gut bezahlter Gastarbeiter“, die einen Teil ihres in Deutschland üppigen Gehaltes in die Heimat schicken (müssen). Auch viele Nonnen aus den genannten Ländern, sogar aus Korea, versuchen den katholischen Betrieb in Europa aufrecht zu halten.

13. Der Klerus zerstört die katholische Kirche
Die mögliche Todesursache der katholischen Kirche nicht nur in Europa ist der seit vielen Jahren bekannte sexuelle Missbrauch (an Kindern und Jugendlichen vor allem) durch katholische Priester … und die Kooperation vieler Bischöfe mit diesen Priestern. Tiefer kann eigentlich diese Institution nicht sinken, die die Priester immer als „Hochwürden“ oder gar als „Geistliche“, also außerhalb der bürgerlichen Welt lebend, betrachtete, Priester galten fast schon als heilige Personen.
Und dann die vielen Katastrophen und Skandale in fast allen so genannten neuen geistlichen Gemeinschaften, es geht auch dort um den sexuellen Missbrauch durch hoch und heilig verehrte Gründergestalten mit ihrer oft sektiererisch oder spinös wirkenden Spiritualität . Alle diese neuen, angeblich geistvollen „charismatischen“ Gruppen wurden von den Päpsten Johannes Paul II. und Benedikt XVI. als „Sturmtrupps“ der „neuen Evangelisierung Europas“ betrachtet… Und dann das Desaster. In Frankreich hat der Bischof von Fréjus – Toulon (Dominique Rey von der Charismatischen Gemeinschaft Emmanuel) zahlreiche seltsam – spinös erscheinende Charismatiker – Priester – Gemeinschaften in sein Bistum geholt, die nachdenklichen Katholiken dadurch vertrieben…LINK   Jetzt sind die Zustände in diesem „Charismatiker – Bistum“ so verheerend, dass Rom jetzt eingreifen muss und Bischof Rey endlich aufs Abstellgleis setzt…

14.
Wer ist schuld am langsamen Sterben der katholischen Kirche?
Das langsame, aber systematische Sterben der katholischen Kirche in Europa ist sozusagen „hausgemacht“, es sind nicht die „bösen Atheisten“, die dieser Kirche das Ende bereiten, es ist die Kirche selbst aufgrund ihrer inneren Verfassung, die sich aufs Sterbebett gelegt hat und nur noch Leute um sich sammelt, die der sterbende Kirche einreden: Alles nicht so schlimm, diese Kirche besteht schon weiter. Der liebe Gott hat doch persönlich diese Kirche gewollt.
Nur ein Beispiel aus Polen: Der Jesuit und Therapeut Jazek Prusak äußert sich über den aktuellen Zustand der Katholischen Kirche in Polen, also dem Land, das immer als absolut treu – katholisch galt und das sich wegen des Polen Johannes Paul II. einredete, etwas ganz Besonderes zu sein. Dabei ist die Dummheit, auch die materielle Gier vieler polnischer Bischöfe längst bekannt und in den Medien präsent. LINK. Der genannte Jesuiten -Pater Prusak gibt also zu der Aussage des Journalisten: „Manche Publizisten und auch Politiker sagen, dass jetzt ein frontaler Angriff auf die Kirche stattfindet“ diese Antwort: „Das ist eine Verteidigungsreaktion. Das sagen diejenigen, die es nicht zu echten Reformen in der Kirche kommen lassen wollen. Was ist das für ein Angriff auf die Kirche, wenn wir uns in der Kirche mit den Opfern der Kirche befassen? Wir haben es mit der größten Krise in der Katholischen Kirche seit der Reformation zu tun, eine Krise, die wir auf eigenen Wunsch geschaffen haben. Es sind doch keine Außerirdischen, die Kinder in der Kirche missbrauchen, noch tragen ihnen dies die Feinde der Kirche auf! (Quelle: https://www.laender-analysen.de/polen-analysen/239/das-gericht-kommt-anna-goc-und-artur-sporniak-im-gespraech-mit-dem-priester-und-psychotherapeuten-jacek-prusak-sj/

15.
Diese Kirche klerikaler Herrschaft (die sich bis heute offiziell lobt, nicht demokratisch zu sein!) zerstört sich selbst gerade durch ihre klerikale Herrschaft. Diese Kirche verschwindet langsam…Ist dieser Gedanke skandalös? Für Fundamentalisten vielleicht, für andere nicht. Die Kirche in Nordafrika ist etwa im 8. Jahrhundert verschwunden, durch die aggressive Mission des Islams. In manchen Regionen Frankreichs, wie in Guéret, Département Creuse, ist die Kirche de facto verschwunden, das gilt auch für Barcelona oder Amsterdam usw…

16. Eine Auferstehung des Glaubens?
Ist der Gedanke an eine sterbende Kirche in Europa so unangenehm, wenn man denn theologisch – spirituell an die Dialektik glaubt, dass aus dem Tod dieser Kirche wieder neues Leben einer einfachen, jesuanischen Kirche entsteht? Ist der Glaube an Tod und Auferstehung nur auf die einzelnen Menschen bezogen oder gilt er auch für Kirchen – Institutionen?

17.
Die Frage ist: Wird es ich Menschen geben, angesichts des Zusammenbruchs, des Verschwindenden der Kirche, die den einfachen Lebensweisungen Jesu von Nazareth persönlich folgen wollen, weil sie ihn als einen Lehrer der Weisheit schätzen lernen? Wo wird es Schulen der Spiritualität geben, in denen die Psalmen oder die Weisheitsbüchern und Prophetenbücher der Bibel studiert und meditiert werden oder auch die buddhistischen Weisheiten oder Aspekte der Philosophien usw. Werden die spirituell Interessierten die Kraft haben, selbst spirituelle Gesprächsgruppen einzurichten? Wird es gelingen, in einer neuen freien Spiritualität das Leben zu verstehen, Gesellschaft kritisch zu betrachten, Widerstandsreserven gegen Hass und Krieg aufzubauen?

18. Ein Hinweis auf Friedrich Nietzsches treffende Prognosen:
Friedrich Nietzsche erzählt in seiner „Fröhlichen Wissenschaft“ vom „tollen Mann“, der die Frage stellt: „Wohin ist Gott? Ich will es euch sagen: Wir haben ihn getötet, ihr und ich“. Dann heißt es weiter im 3. Buch der Fröhlichen Wissenschaft“, Nr. 125 am Ende: „Man erzählt noch, daß der tolle Mensch desselbigen Tages in verschiedene Kirchen eingedrungen sei und darin sein Requiem aeternam deo angestimmt habe. Hinausgeführt und zur Rede gesetzt, habe er immer nur dies entgegnet: »Was sind denn diese Kirchen noch, wenn sie nicht die Grüfte und Grabmäler Gottes sind?«. Der tote Gott wird also nicht in den Kirchen(gebäuden) ausgestellt
Der niederländische Augustiner Robert Adolfs hat diesen Gedanken weitergeführt und vor vielen Jahren das Buch mit dem Titel geschrieben: „Wird die Kirche zum Grab Gottes ?“ Die Frage kann heute durchaus mit Ja beantwortet werden: Der Gott der Kleruskirche und der hierarchischen Herrschaft und des Fundamentalismus ist, in ein Grab gesperrt, tatsächlich gestorben. LINK

19.
Aber: Es könnte auch der göttlichen Gott, der Gott über diesem begrenzten Gott zu entdecken sein: Und der/die/Es ist das namenlose Geheimnis des Lebens, eine Art Schöpfer der Welt, Ursprung des Menschseins in seiner Freiheit und damit Ursprung der Transzendenz – Erfahrungen. Wer sich daran halten kann, hat schon viel gewonnen in seinem Leben. Er/sie ist religiös, ist christlich in einer großen geistigen Weite der Toleranz, er /sie spürt, erlebt und denkt einen tragenden Grund im Leben: Daraus kann Zuversicht „trotz allem“ entstehen, Hoffnung vielleicht und Kraft zum Widerstand gegen kriegerische, mörderische Situationen in der Welt.

20.
Eine einfache Religion, ein einfaches Christentum ohne Hierarchien und Klerus könnte entstehen, mitten im Leben des säkularen Alltags, das da nach dem Tod der altgewordenen Kirchen entsteht. Darf man in der Weise darüber nachdenken? Selbstverständlich. Leider tun das wenige, auch so wenige, die sich Theologen nennen. Dietrich Bonhoeffer hat darüber nachgedacht, wenige Wochen vor seiner Hinrichtung durch die deutschen Nazi – Verbrecher.

21. Menschenrechte als Grundlage der Kirchenlehre
Die klein und sehr klein werdenden Kirchen brauchen zu ihrem Neustart, einer Auferweckung post mortem, nicht nur die historisch – kritische Lektüre der Bibel. Sie brauchen die regelmäßige Lektüre und die daraus folgende Praxis der universal geltenden MENSCHENRECHTE in der Erklärung von 1948. Diese Menschenrechte sind alles andere als eurozentrisch, sie sind nicht neu – kolonialistisch. Sie entspringen dem richtigen Geist der philosophischen Aufklärung. Auch wenn die Menschenrechte von unfähigen Politikern so oft ignoriert und missbraucht wurden und werden: Sie haben in sich die Fähigkeit der weiteren Entwicklung zugunsten der Menschheit, sie sind der Basistext für eine Menschheit, die überleben will.

Die Kirchen sollten die Menschenrechte als Teil ihrer wertvollen Schriften achten und neben die üblich für heilig gehaltenen Mythen der Bibel stellen. Auch die Menschenrechte haben eine heilige Aura… Siehe dazu ein Interview mit dem protestantischen Theologen Prof. Wilhelm Gräb: LINK

Fußnote 1 zur Schließung der Berliner St. Albertus – Magnus – Kirche.
Die eher alten Gottesdienstteilnehmer müssen also rund 2 Kilometer zur nächsten katholischen Kirche laufen, fahren, humpeln, wie auch immer. Der Grund für die Schließung: Es gibt keine Priester, die die Messe in St. Alberts Magnus dort lesen können, bisher haben sehr alte pensionierte Priester noch „ausgeholfen“, aber sie haben keine Kraft mehr. Und es gibt kein Geld für eine Sanierung der Kirche. Nebenbei: Für die Renovierung der Hedwigskathedrale in Berlin -Mitte stehen 43 Millionen Euro bereit – auch staatliche Gelder! – sowie mehr als 20 Millionen Euro für den Neubau eines Kirchenzentrums „Lichtenberg-Haus“ direkt neben der Kathedrale. (Quelle: Tagesspiegel 2.11.2023, Seite B 9).

Und auch dies: Im aktuellen Gemeindeblättchen der Groß – Gemeinde St. Ludwig wird die Schließung der Alberts Magnus Kirche mit keinem Wort erwähnt. Es wird nur vermerkt: Am 26.11. 2023 findet um 8.30 Uhreine Messe des Kaplans dort statt. Kein Kommentar. Dann ist Schluss, basta. So geht eine sterbende Klerus – Kirche mit den noch verbliebenen Mitgliedern um…Bürokratisch halt, wie allzu oft. (Quelle: https://www.pfarrei-deutschland.de/pfarrbrief/?pariCode=HGNHUEJQ)

Fußnote  2. Zur aktuellen Erfahrung der Kölner katholischen Gemeinde St. Peter:
Der Ausgangspunkt: Mit 522.821 Katholiken, die 2022 aus der Kirche austraten, wurde der bisherige Rekordwert aus dem Jahr 2021 deutlich überschritten.
„Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache: 2022 haben mehr als 20.000Kölner*innen ihre Kirchenmitgliedschaft gekündigt, in NRW eine Steigerung der Austritte um 44 %. Das einst ‚Hillje Kölle‘ und das Katholische Rheinland sind definitiv Geschichte. In der BRD sind erstmals weniger als 50% der Gesamtbevölkerung Mitglied einer Kirche. Menschen ziehen einen Schlussstrich und wollen sich nicht mit einer Kirche identifizieren, der man nicht vertrauen kann. Ist es die Botschaft oder der Apparat? 2022 haben 90 Menschen aus Sankt Peter die Kirche verlassen: 30 Personen, die im Pfarrgebiet wohnen, und 60 Personen, die in unserer Kirche getauft wurden. Neun Taufen stehen im vergangenen Jahr neun Bestattungen gegenüber. Sicher ist es ein Zeichen der Ermutigung, wenn 2022 in Sankt Peter 40 Kinder und Jugendliche durch Taufe, Kommunion und Firmung Schritte der Eingliederung in die Kirche gegangen sind. Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass die Sozialgestalt dieser Kirche stirbt, und zwar rasant. Trotz der zurzeit wachsenden Zahl der Gottesdienstbesucher*innen in Sankt Peter hat auch unsere Gemeinde wertvolle Frauen und Männer verloren. Sie gehen uns ab, sie fehlen. Wer sich als unter 60 Jährige*r in einen Gottesdienst verläuft, ist Minderheit. Einerseits sind diese nüchternen Fakten nur Statistik, die die vielfältige und vitale Lebenswirklichkeit unserer Kunst , Gottesdienst und Musikgemeinde nicht wirklich abbildet. Andererseits können diese Daten nicht darüber hinwegtäuschen, dass etwas im Argen liegt und schief läuft. Schuld an der Misere ist jedenfalls nicht bloß der bischöflich beklagte Glaubensverlust oder der Trend der Säkularisierung. Nein, in der Kirche herrschen handgreifliche Missstände. Das berührt auch den inneren Lebensnerv unserer Gemeinde und mich als Seelsorger…“
Quelle: SANKT PETER KÖLN Kirche der Jesuiten __ Kunst-Station __ Rubens-Kirche. Gemeindebrief Nr. 1/2023 _____ 5.2.2023, ein Auszug eines Beitrags von P. Stephan Kessler SJ.

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