Kafka und Kant: Was sie verbindet, was sie trennt!

Trennendes und Gemeinsames von Dichtung und Philosophie: Nur ein Hinweis.

Von Christian Modehn am 11.2.2024

Ein Vorwort als Ergänzung am 3.3.2024:
Ein Freund hat uns gefragt: Warum wir denn auf die Idee kamen, „Kant und Kafka“ als ein Thema eines unserer philosophischen Hinweise zu wählen. Und er fragte, offenbar ein übliches Klischee bedienend, „ist diese Kombination Kant – Kafka nicht selbst ein bißchen kafkaesk“?

Mag sein, aber gerade in dieser Form einer außergewöhnlichen Zusammenstellung zweier sehr unterschiedlicher Denker wird vielleicht das besondere Profil des Philosophierens und damit der Philosophien im Unterschied zur Literatur und der Poesie deutlich. Damit befassen sich etliche Philosophen, wie etwa Michael Hampe…

Es ist eine Tatsache, dass Kafka – durchaus philosophisch – in seinen Aphorismen zum Beispiel „die Formen der Skepsis , der Ironie und des Zweifels nutzt“. Aber, und das ist der Unterschied zu Kant, Kafka nutzt sie „NICHT als Werkzeuge zur Beförderung der Wahrheit, sondern im Hinblick auf die Brüchigkeit jeglicher Erkenntnis.“ (Quelle Peter – André Alt, Franz Kafka als Aphoristiker“, in Fran Kafka Betrachtungen …“ C.H.Beck Verlag 2007, S. 81). Die Aphorismen Kafkas seien Zeugnis eines „scheinbar nicht regelgeleiteten Denkens“ (ebd. S. 83).

ABER:
Es gibt ein Leitmotiv, das Kafka und Kant verbindet.
Zu Kafkas Leitmotiv in der Sicht des Kafka – Forschers Peter – André Alt:
„Bei aller thematischen Verschiedenheit der Aphorismen bleibt ein Leitmotiv für sie bestimmend: die Vorstellung einer Welt – Ordnung, deren Bedeutungen nur noch als Requisiten und Zeichen früherer Ganzheit existieren, ohne dass sie uns zu orientierenden Handlungsanleitungen verhelfen.“(Quelle ebd. S. 85).
Zu Kants Leitmotiv: Seine kritische Philosophie leistet einen „revolutionären Neubeginn“ angesichts der Widersprüche bisheriger Metaphysik, diese bietet keine „orientierenden Handlungsanleitungen mehr“.

In dieser Ablehnung der alten überlieferten Werte (Unwerte) treffen sich Kant und Kafka. Nur: Kant war überzeugt, vernünftige, auch universell geltende Antworten zu den grundlegenden menschlichen Fragen geben zu können.

Vielleicht gibt es aber einen Aphorismus Kafkas, der entfernt an Kants Lehre von der absoluten Zurückweisung der Lüge erinnert:
Kafka schreibt in seinen „Oktavheften am 8. Dezember 1917: „ Man darf niemanden betrügen. Auch nicht die Welt um ihren Sieg“. (Quelle, ebd. S 54).

…………………….

1.
Kafka und Kant: Beide werden in diesem Jahr 2024 wegen ihrer „runden Gedenktage“ vielfach bedacht, besprochen, gefeiert, kritisiert, vor allem: mit einer Bücherflut, hoffentlich, geehrt:
Franz Kafka ist vor 100 Jahren gestorben (am 3. Juni 1924), Immanuel Kant wurde vor 300 Jahren (am 22.4.1724) geboren.

2.
Natürlich ist das Zusammentreffen der beiden runden Gedenktage von zwei  sehr bedeutenden Autoren eher Zufall. Dennoch verführt diese Tatsache zu einigen Überlegungen, die hier angedeutet werden. Sie führen zu weiteren Reflexionen über „wesentliche Merkmale“ von Literatur und „wesentliche Merkmale“ von Philosophie. Dabei ist von vornherein klar, dass es viele AutorInnen und damit unterschiedliche „wesentliche Merkmale“ gibt. Bei den beiden, Kafka und Kant, scheint jedoch unser Thema besonders „zugespitzt“ zu sein.

3.
Kafkas literarisches Werk ist alles andere als eindeutig. Es gibt bekanntlich nicht die eine Deutung etwa seiner großen Romane, Deutungen, die man als die „wahre“ Interpretation bezeichnen könnte. Kafkas Werk hinterlässt beim Leser nicht zuletzt wegen der Komplexität seiner Erzählweise immer Erstaunen, Fragen, Verwirrung. Bei der zweiten und dritten Lektüre eines Kafka Textes wird die Klarheit vielleicht etwas deutlicher, aber Offenheit und Vieldeutigkeit bleiben bestehen.
Damit darf man wohl sagen: Kafkas Werk ist, wiederum zugespitzt gesagt, typisch für das, was Kunst im allgemeinen bedeutet: Die Bedeutung oder gar Wertigkeit literarischer Texte, Gemälde, Symphonien, also „der Kunst“, ist nie eindeutig festzulegen. Kunst ist immer Offenheit und Vieldeutigkeit … zumal im Laufe der langen Geschichte der immer subjektiven Interpretationen. Es gibt vielleicht literarische Werke, die in ihrer Aussage sehr klar und fast eindeutig sind: Gilt das etwa für die Theaterstücke von Bert Brecht? Dies ist eine Frage. Aber zeigen nicht die unterschiedlichen Inszenierungen seiner Stücke auch wiederum die Vielfalt der Deutungsmöglichkeiten?
Und gibt es nicht auch literarische Texte, die sich explizit und deutlich dem eindeutigen Verstehen entziehen wollen, wie die Haikus oder die Koan – Sprüche aus der Zen – buddhistischen Tradition. Und die Poesie, auch im europäischen Raum, wie ist es da? Sind etwa die Gedichte von Paul Celan eindeutig auszulegen?
Dabei muss beachtet werden: Franz Kafka hat als Jurist bei der „Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt (dort war er von 1908 – 1922 angestellt) selbstverständlich „Schriftsätze, Begründungen etc. von großer juristischer Qualität geschrieben… und zwar gedanklich klar, sprachlich präzise“, wie Bernhard Schlink in der SZ vom 10.2.2024 klarstellt. Mit anderen Worten: Die Arbeit als Jurist war eine Dimension, in seiner Literatur wählte Kafka offene, widersprüchliche, ja „mysteriös“ erscheinende Formulierungen. Kunst, so darf man sagen, war für Kafka, das Offene, Vieldeutige, Verstörende. Ob Kafka Immanuel Kants Werke gelesen hat, ist unwahrscheinlich, nach den Recherchen zu „Kafkas Lektüren“. (https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-476-05276-6_2)
Und Kant, welche Romane seiner Zeit hat er gelesen? Welche Kunstwerke liebte er? Das ist eine – für mich bis jetzt noch – offene Frage.

4.
Und wie ist bei den Philosophen mit der Deutlichkeit, wenn nicht der Eindeutigkeit der Formulierungen bestellt? Wer sich durch Kants eher sehr anstrengende Sprache – etwa in seinen Hauptwerken – förmlich „hindurchgearbeitet“ hat und manche Sätze vielleicht mehrfach zum Verstehen lesen musste: Der hat doch eine ziemlich eindeutige Klarheit gefunden, selbst wenn Kant etwa den „Kategorischen Imperativ“ in mehreren Formulierungen ausspricht. Und wer einmal verstanden hat, dass Kant traditionsreiche Begriffe mit neuen Bedeutungen verwendet, wie etwa das Wort „transzendental“, der hat dann wirklich den Durchblick. Mit anderen Worten: Kant lag daran, größtmögliche eindeutige Klarheit in seinen Werken zu liefern, wobei man natürlich die Entwicklung des Denkens von Kant in all den Jahren berücksichtigen muss.

5.
Dieses bei Kant offenkundige Bemühen um ein eindeutiges, klares Verstehen (etwa seine Differenz von Erkennen, Wissen und Denken), ist wenige Jahre später etwa bei Hegel nicht mehr so deutlich gegeben. Hegel hat sogar eine Freude daran, einen gewissen Tiefsinn alltäglicher deutscher Begriffe zu pflegen, etwa bei dem Verb „aufheben“, und dieses im Sinne von neu – „bewahren“ („gut aufgehoben“…) zu verstehen.

Ist aber auch das Bemühen um eindeutiges Verstehen immer bei allen sichtbar? Bei Nietzsche bestimmt nicht, er wird von vielen Kennern eher auch als literarischer Philosoph angesehen mit einer Freude an glänzend erscheinenden Sätzen und Aphorismen. Und beim späten Heidegger wird man wahrlich nicht das Bemühen wahrnehmen, in der vollen Klarheit eindeutig verstehbarer Begriffe zu gebrauchen. Das macht ja bekanntlich auch das Leiden aller Heidegger Übersetzer aus. Bei Wittgenstein ist dann wieder das schon fast exzentrische Bemühen um Eindeutigkeit der eigenen philosophischen Sätze zu sehen.

6.
Die Frage ist: Dem Schriftsteller, dem Romanautor, dem Poeten, geht es meist nicht um das Sich-Einhegen in eine absolut andere „Phantasiewelt“, selbst wenn diese dann noch in einer logischen Struktur folgenden Sprache verfasst ist.
Wichtig aber ist: Schriftsteller, Romanautoren, Poeten, sie alle wollen Leben deuten, den Weltzusammenhang oder das Welten – Chaos auf ihre Art beschreiben. Also, es geht ihnen darum, Impulse zur Reflexion über das Dasein im Ganzen zu bieten. Und das Dasein selbst ist vieldeutig, schon erlebt in der Selbstwahrnehmung der Widersprüchlichkeit im einzelnen Menschen.
Und genau das trifft auch für die Philosophien zu: Philosophen sind meistens NICHT Leute, die sich in abstrakten Begriffswelten, fern jeder Lebenserfahrung, bewegen. PhilosophInnen plädieren vielmehr – wie Kant – fürs Selberdenken und zeigen in ihren Werken, wie dies bei einzelnen Themen und Fragen geschehen kann.
Dabei ist auch klar, dass diese ihre Themen und Fragen so umfassend, so in die Tiefe führend sind, dass PhilosophInnen dem gedanklichen Prozess kaum den adäquaten eindeutigen sprachlichen Ausdruck geben können. Eindeutigkeit gibt es wahrscheinlich nur in der Mathematik.
Und philosophische Begriffe wie Transzendenz, das Unbedingte, das Sein, das Sollen, der Wert usw. haben bei jedem Leser eine andere inhaltliche „Füllung“, die erst in der Lektüre des Textes etwas erweitert oder korrigiert wird.

7.
So scheint es, Schriftsteller und Dichter einerseits und Philosophen andererseits haben vieles gemeinsam im Ringen um einen adäquaten Ausdruck der Lebensdeutung und der Erkenntnis des so widersprüchlichen Lebens. Aber bei Philosophinnen ist das Bemühen um Eindeutigkeit der Sprache sehr viel stärker als „Arbeitsvoraussetzung“ vorhanden als bei Poeten. Und das hat vielleicht auch damit zu tun, dass philosophische Texte meist nicht den Anspruch haben, von den Formulierungen her oder dem Aufbau des Textes „schön“ sein zu müssen. Die offene, die mehrdeutige Sprache der Literaten und Poeten, gerade indem sie offen und mehrdeutig ist, ist gerade dabei auch dem Anspruch von „Schönheit“ verpflichtet.

8.
Entscheidend ist auch ein weiterer Unterschied: Dichter und Schriftsteller erzählen Geschichten von einzelnen oder von Gruppen, sie wollen den einzelnen Menschen aussagen, in seinem Lebensentwurf treffen. Aber sie können dies auch wieder nur in der Sprache des Allgemeinen, und zwar zurecht, weil der einzelne immer Teil der allgemeinen Menschheit ist. Philosophen erzählen meist nicht Geschichten von einzelnen Menschen, sondern sind Reflexionen über allgemein geltende Zusammenhänge und allgemeine „Prinzipien“. Dass ein Philosoph „Ich“ sagt in seinen Werken, ist eher die Ausnahme. Man prüfe, wie oft Kant in seiner „Kritik der reinen Vernunft“ „ich“ sagt, also von sich selbst als Immanuel Kant spricht.

9.
Literatur, Romane, Gedichte… geben immer zu denken, denn sie führen ins Offene, machen vieles frag-würdig. Dadurch sind Romane und Gedichte oft auch philosophische Inspirationen für die Lebensgestaltung. Die  LeserInnen glauben, etwa „das Böse“ in einzelnen Protagonisten  (etwa in Dostojewskis Romanen) sehen und verstehen zu können. Ob die philosophischen Reflexionen – etwa über das Böse – immer eindeutiger und klarer und durchsichtiger sind als die Literaturen, ist oft eine Frage.

10.

Vielleicht sind literarische, poetische Texte und philosophische Texte gar nicht so weit voneinander entfernt!

Über den Zusammenhang von Literatur und Philosophie hat der Philosoph Michael Hampe ein sehr lesenswertes Buch veröffentlicht, auf das wir schon 2015 hingewiesen haben. LINK:

Copyright: Christian Modehn, www.religionsphilosophischer-salon. Berlin.

Alfred Grosser – Jude, Agnostiker, ein Freund der Christen: Ein freier Geist.

Am 7.Februar 2024 ist der Politologe und Förderer der deutsch-französischen Beziehungen in Paris gestorben.

Ein Hinweis von Christian Modehn.

1.
Ein viel zu kurzer Hinweis auf einen Denker der Weite, der Toleranz, der Freundschaft: Alfred Grosser, Politologe und Förderer deutsch – französischer Begegnungen, ist am 7. Februar 2024 in Paris im Alter von 99 Jahren gestorben. Er ist einer der wichtigen Brückenbauer im deutsch-französischen Gespräch: Professor Alfred Grosser arbeitete als Politologe an der berühmten Fakultät für Politologie in Paris, in Frankreich nur „Science Po“ genannt. 1925 wurde Grosser in Frankfurt am Main geboren, als Jude musste er 1933 nach Frankreich flüchten.
Über Details zu seinem Leben und Arbeiten kann man sich etwa bei wikipedia weiter informieren und seine Bücher – auch auf Deutsch – wieder einmal lesen.

2.
Für uns im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin ist es besonders wichtig, noch einmal an das große Interesse zu erinnern, das Grosser am Dialog mit religiös Glaubenden hatte, vor allem mit Christen. Alfred Grosser war mit einer Katholikin verheiratet, eine sozusagen auch inter – religiös fruchtbare Mischehe. Dabei sagte Grosser immer klar, was ihn an den Christen stört, etwa in seinem Buch “Les Fruits de leur arbre”, “Die Früchte von ihrem Baum“. Das Buch hat den Untertitel: „Ein atheistischer Blick auf die Christen“ ( Presses de la Renaissance, 2001).

3.
Humanistische Moral am wichtigsten!
In dem genannten Buch geht es Grosser auch positiv um eine Verbindung von humanistisch – atheistischer Moral mit christlicher Moral: Die Begegnung kann fruchtbar werden, wenn beide ethischen Entwürfe absolute Sicherheiten und absolute Dogmen zurückweisen und den Respekt für den anderen, den Fremden, als absoluten Mittelpunkt sehen. In dieser Haltung wird jeglicher ethische Relativismus überwunden, meinte Grosser. Darum unterstützte er auch die soziale Arbeit des katholischen Priesters Abbé Pierre und seines Hilfswerkes EMMAUS: Grosser schreibt: „In den Augen der Nicht – Gläubigen vertrat Abbé Pierre ein wirklich gelebtes Christentum“, so in dem Buch „Wie anders ist Frankreich?“ (C.H.Beck Verlag , 2005, S. 135). In diesem Buch spricht Grosser, freimütig und kenntnisreich, vom Zustand der Katholischen Kirche in Frankreich: „Sie scheint in mancher Hinsicht dem Untergang nahe“ (S. 185), er denkt dabei vor allem an den Mangel an qualifiziertem, aufgeschlossenen Personal, also an Priestern. Und Grosser hat selbstverständlich den Mut, auch den damaligen Pariser Kardinal Lustiger zu kritisieren, hinsichtlich seines sehr konservativen autoritären, so wörtlich von Grosser „überheblichen“ Herrschens in der Pariser Kirche (S. 186).
Aber es ist auch ein Beispiel für die Weite eines Teils der katholischen Presse in Frankreich, dass Alfred Grosser regelmäßig Kommentare für die katholische Tageszeitung „LA CROIX“ in Paris schrieb.

4.Kritik am Staat Israel:
In seinem Buch „Wie anders ist Frankreich? “ spricht Alfred Grosser auch von der Beziehung zu den Palästinensern: „Wenn Christen ihre Nächstenliebe auf die hungernden und hoffnungslosen Palästinenser ausdehnen, werden sie da zu Antisemiten? Wie in Deutschland der Rat der Juden, so erliegen in Frankreich die zentralen jüdischen Organisationen ständig der Versuchung, diese Frage zu bejahen. Als sei der Zionismus die einzige Verkörperung des Judentums…“
Und der SPIEGEL schreibt am 8.2.2024: LINK„: In den letzten Jahrzehnten positionierte sich Grosser vor allem als streitbarer Israelkritiker. Immer wieder mahnte er scharf die Haltung deutscher Regierungen mit Israel an, die er als zu unkritisch in Bezug auf Israels Umgang mit den Palästinensern empfand. Eine Rede Grossers zu einer Gedenkfeier an die Pogromnacht in der Frankfurter Paulskirche drohte 2010 zum Eklat zu werden. Mitglieder des Zentralrats der Juden hatten gedroht, den Raum zu verlassen, falls Grosser »ausfallend gegenüber Israel« werden würde. Der Skandal fiel dann aus, der Zentralrat blieb im Raum. Trotzdem forderte Grosser die »Anerkennung des Leidens der anderen« und konkretisierte, was er damit meinte: Man müsse – auch von jüdischer Seite – ein Minimum von echtem Mitgefühl zeigen »für das große Leiden in Gaza“.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Karl Rahner – ein Modernist und liberaler Theologe ?

Gott als Geheimnis. Der christliche Glaube ist einfach. Die Liebe ist alles.

Ein Hinweis von Christian Modehn … anläßlich der Rahner Gedenktage 2024: Am 5. März 1904 geboren, Karl Rahner starb am 30. März 1984.

Wegen einiger Nachfragen ein kurzes Vorwort, förmlich eine Zusammenfassung des ganzen Hinweises, verfasst am 27.2.2024:

Man beachte bitte das ungewöhnliche Profil des theologischen Denkens Karl Rahners: Es fällt förmlich aus dem Rahmen des Üblichen-Katholischen in der Mitte des 20. Jahrhunderts; selbst wenn Rahner sich in einigen seiner Aufsätze doch als klassischer, dogmatisch üblich-korrekter Theologe zeigte. Aber der entscheidende Grundansatz von Karl Rainers Theologie ist ungewöhnlich und neu und bleibend wegweisend. Darum in diesem kurzen Vorwort eine Art theologische Leitlinie zur Theologie Karl Rahners:

—„Das Christentum ist in seinem Wesen die Subjektivität des begnadeten Menschen von Gott her und auf Gott hin.“ (So Rahner, etwa im Lexikon Sacramentum Mundi, Stichwort: Christentum).
Rahner will sagen: Wer den christlichen Glauben verstehen will, muss die Strukturen und Dimensionen des menschlichen, subjektiven Geistes verstehen. In ihm ist alles „Inhaltliche“ schon enthalten, was der christliche Glaube bedeutet.
Diese Position erinnert an die theologische Schule des „Modernismus“ obwohl Rahner natürlich aus Furcht vor Verfolgungen durch Rom alles tat, um den Eindruck zu vermeiden, er sei ein – in römischer Sicht immer noch häretischer – Modernist. Aber, so meine These, er war es de facto in gewisser, seiner Weise. Und war gerade deswegen kreativ!

—Man beachte hier die Bindung Rahners an die Transenzendentalphilosophie, auch Immanuel Kants. „Rahner und Kant“ wäre ein wichtiges und vielleicht mal neu zu gestaltendes Thema im Jahr 2024, dem großen „Kant – Gedenken“.

—Diese Einordnung und Bindung der katholischen Theologie in die neuzeitliche Subjekt-(Transzendental)-Philosophie ist die entscheidende originelle Leistung Rahners.

— Der christliche Glaube ist also für Karl Rahner nicht eine große dogmatische Lehre, sondern zuerst eine innere, subjektive Erfahrung des einzelnen.

Entscheidend ist für Rahner: Der Mensch kann sein Dasein metaphysisch (philosophisch) und mystisch erfahren und deuten. Und als Christ kann er dann erkennen: Die in der Bibel beschriebenen Gotteserfahrungen sind nur geschichtliche, in Worte der damaligen Zeiten gefasste Auslegungen dieser immer gegebenen metaphysisch – mystischen Grunderfahreungen der Menschen überhaupt. Das ist auch eine Kernaussage einer liberalen, auch modernistisch zu nennenden Theologie. Wir halten dies für eine großartige Leistung Karl Rahners, der sich unter den strengen Bedingungen des damaligen päpstlichen Lehramtes natürlich nie “modernistisch” oder “liberal” hätte nennen dürfen, weil er an seinem Überleben im katholischen System damals dann doch interessiert war. So war Rahner – in gewisser, aber grundlegender Hinsicht – ein “liberaler” und “modernistischer” Theologe.

– Karl Rahner wollte die universale Dimension des christlichen Glaubens darstellen, die gegründet ist in der Verbundenheit mit dem Göttlichen in jedem Menschen.

Deswegen wird auch verständlich, dass Karl Rahner – nach dem Eindruck der Lesenden – sehr wenig Bibelzitate nennt in seinen Aufsätzen und Beiträgen und Büchern: Das ist meines Erachtens überhaupt kein Mangel, denn Rahner denkt aus dem Ereignis, dass die frühe Kirche Jesus von Nazareth als Menschen der ganz besonderen Verbundenheit mit Gott verstand. Und dieser Mensch Jesus mit der besonderen Verbundenheit mit Gott zeigt: Alle Menschen immer und überall sind auch mit Gott ewig verbunden. Und die Auferstehung Jesu zeigt nur: Das Ewige im Menschen – die geistige Verbundenheit mit Gott – ist stärker als die Macht des Todes. LINK

…………

1.
An einen katholischen Theologen, der tatsächlich auch heute das Prädikat bedeutend verdient, muss erinnert werden, an Karl Rahner.
Warum gerade an ihn? Weil Karl Rahner als einer der wenigen europäischen Theologen des 20. Jahrhunderts einen eigenen theologischen Ansatz hatte, weil er also kreativ war in Zeiten katholisch – theologischer Versteinerungen und Verdächtigungen, er eröffnete neue Dimensionen des theologischen Denkens, also er ermöglichte geistvolles Leben und er gab Impulse für (religions-)philosophisches Denken. Denn Rahner war philosophisch nicht nur gebildet, sondern hoch begabt. Und wer seine Beiträge liest, weiß: Da spricht ein philosophisch Denkender, man möchte sagen ein spekulativ denkender Theologe. Auch deswegen interessiert uns nach wie vor Karl Rahner.

2.
Dabei wissen wir: Karl Rahner hat nicht nur ein äußerst umfangreiches Werk hinterlassen, in dem auch seine eigener „typischer“ und nach wie vor theologisch wegweisender Ansatz enthalten ist, davon wird gleich nach einmal die Rede sein. Dass viele seiner Texte manchen viel Mühe machen bei der Lektüre, ist bekannt.
Vor allem auch dieser kritische Hinweis: Karl Rahner war als Jesuit eben auch immer dem Aufbau dieser faktischen römisch-katholischen Kirche eng verbunden und damit auch dem Lehramt, so sehr er auch die Macht Roms öffentlich heftig kritisierte. War es Hass – Liebe? Das würde ein Jesuit niemals zugeben… Aber Rahner wollte als ein Seelsorger dann doch die Katholiken sozusagen auferbauen in allerhand spirituellen Meditationen oder vielen Reflexionen etwa zu Maria oder zum Ablass oder zu Detailfragen der katholischen Messe und so weiter.
Karl Rahner gönnte sich kaum Erholung, man erinnere sich an sein Wort, dass er eben sein Leben arbeitend verbracht habe …1984 erschien das Buch “Bekenntnisse. Rückblick auf 80 Jahre”, darin wird Rahner am Ende eines längeren Interviews gefragt: “Was bedeutet Ignatius von Loyola (der Gründer des Jesuoitenordens) für Ihr persönliches Leben?”. Rahner antwortet: “Ich weiß nicht, was mit meinem Leben ist. Ich habe kein Leben geführt, ich habe gearbeitet, geschrieben, doziert, meine Pflicht zu tun und mein Brot zu verdienen versucht, ich habe in dieser üblichen Banalität versucht, Gott zu dienen, fertig” (S. 58, Herold-Verlag, Wien).

3.
Uns geht es hier nicht um den spirituellen Schriftsteller, sondern um den kreativen Theologen Karl Rahner. Wir haben schon früher zu zeigen versucht, dass Rahner durchaus im Grundansatz seines Denkens, der transzendentalen Theologie, ein Modernist genannt werden kann. Modernist ist ein katholischer Theologe, der die Moderne und ihre Ideen anerkennt und theologisch realisiert, sehr kurz gesagt.
Diese Denker pflegten die Päpste des 20. Jahrhunderts zu exkommunizieren, so geistlos waren diese vatikanischen Herrscher…
Rahner muss den Vorwurf, selber „Modernist zu sein, empfunden haben: Denn immer wieder wehrt er sich (aus Angst vor Prozessen im Vatikan), als Modernist bezeichnet zu werden: So unter anderem auch in „Herders Theologisches Taschen Lexikon“, 1973, Band 5, S. 240: Dort wehrt er sich, seine Ausführungen zur transzendentalen Offenbarung seien ein „Irrtum des Modernismus“. Dass einige seiner kompetenten und mutigen Interpreten, wie der Jesuit Prof. Philip Endean (Oxford), Rahner als durchaus als „liberalen Theologen“ interpretierten, also fast als Modernisten, ist bekannt und wird in meinem Beitrag erwähnt. LINK

4.
Was „transzendentale Offenbarung“ im Sinne Rahners bedeutet, wurde von ihm selbst oft lang und breit, schwer verständlich manchmal, erläutert. Nur so viel für „theologische Laien“: Rahner ist überzeugt, dass in jedem Menschen, also nicht nur unter Christen, der eine Geist Gottes lebendig ist. Dieser göttliche Geist drückt sich in religiösen Vollzügen und Texten aus, also auch in so genannten „nicht- christlichen“ Religionen. Dieser göttliche Geist in allen Menschen bestimmt deren geistiges Leben insgesamt, das Göttliche gehört sozusagen zum unabwendbaren Horizont jeder menschlichen Erkenntnis. Dass da Anklänge an Hegel sichtbar werden, ist klar.
Mit dieser universellen Präsenz Gottes (Rahner meint immer die Präsenz des Gottes, den die Bibel vielfältig beschreibt), wird sozusagen einerseits die Pluralität der Gottesverehrungen und andererseits die Einheit aller Religionen (Einheit durch die Stiftung in dem einen Geist) herausgearbeitet. Ob dieses Denken in heutiger Sicht zu stark euro-zentrisch ist, müsste diskutiert werden.
Wichtiger aber ist: Für diese transzendentale Theologie sind auch die christlichen Lehren, die biblischen Bücher, also das „Objektive“ der Lehren, Ausdruck der geistigen Verfassung der Menschen, sie sind sozusagen Produkt des in den Menschen anwesenden göttlichen Geistes. Die Bibel – ein Produkt frommer Menschen: großartig dieser Gedanke.

5.
Leider wird nach meinem Eindruck diese kreative Dimension im Denken Rahners eher selten heute von Theologen herausgearbeitet. Meine These: Rahner ist eigentlich ein sich ängstigender Modernist. Und er sollte sich darüber freuen und nicht schämen, das wird leider nicht diskutiert.
Nur Prof. Endean erkennt die Bedeutung, was die Modernisten im Denken Rahners angeht: „Rahners Vorhaben war im Grunde genommen dasselbe wie das ihre (der Modernisten)“, (zit. in „Stimmen der Zeit“, Spezial I 2004, S 67.)

In „Herder Theologisches Taschen-Lexikon“, Band 5, Seite 240 schreibt Rahner unter dem Stichwort Offenbarung: „Jeder (!) Mensch ist durch die Gnade Gottes in seiner transzendentalen Geistigkeit unreflex erhoben“, d.h. Jeder Mensch ist durch die Gnade Gottes „vergöttlicht“, Rahner verwendet das Wort „Vergöttlichung“ !: Jeder Mensch – also immer und überall, auch außerhalb der Kirche – hat also Anteil am göttlichen Leben, ohne dabei in irgendeiner Weise in seinem freien Menschsein beeinträchtigt zu sein oder dabei reflektiert diese seine „Vergöttlichung“ ALS „Vergöttlichung“ zu erleben und zu deuten. (a.a.O. S. 240).
Rahner meint – etwas ins Umgangssprachliche übersetzt: Das geistvolle Leben der Menschen vollzieht sich immer im Horizont des Unendlichen, das Rahner Gott zu nennen meint. Wenn nun Menschen diese ihre Lebenserfahrungen in diesem Horizont des Unendlichen aussagen und von Gott sprechen, dann ereignet sich eine kategoriale, d.h. sprachlich, begrifflich, satzhafte Aussage von gott, die man Offenbarung nennen kann. Die weite Religionsgeschichte mit ihren religiösen Schriften ist also Offenbarungsgeschichte. Dabei betont Rahner als katholischer Theologe: Diese Erkenntnisse gewinnen wir erst in der Kenntnis der jüdisch-christlichen Offenbarung. Diese Offenbarung meint Rahner auch deswegen als den Höhepunkt der Offenbarungsgeschichte deuten zu können und verstehen zu wollen.

6.
Prof.Philip Endean (+ 2023) schreibt treffend: „Rahners zentrale Botschaft wurde zwar gehört. Aber die damit verbundenen Herausforderungen für das konventionelle Denken waren so groß, dass die Botschaft nur in einer verkümmerten Form verstanden wurde.“ (zit. ebd.)

7.
Zur theologischen Meditation:
Wenigstens einige zentrale, kurz gefasste Erkenntnisse Rahners, die in gewöhnlichen römisch- katholischen Kreisen natürlich als Provokation wahrgenommen wurden und werden, zur theologischen Meditation:

– „Mein Christentum ist der Akt eines Sichloslassens in das unbegreifliche Geheimnis hinein. Mein Christentum ist darum alles andere als eine Erklärung der Welt und meiner Existenz. Der Christ hat weniger als jeder andere letzte Antworten. Seinen Gott kann der Christ nicht als einen durchschauten Posten in die Rechnung seines Lebens einsetzen, sondern nur als das unbegreifliche Geheimnis annehmen …“ (Karl Rahner, Warum ich heute Christ bin, zit. in Beitrag Philip Endean, a.a.O., s. 70 f.).

– „Die Kirche sagt eigentlich ganz wenig: nämlich, dass es ein unüberholbares Geheimnis realster Art in unserem Dasein gibt: Gott. Und dass dieser Gott uns nahe ist und sich in Jesus gezeigt hat. In diesem eigentlich ganz Einfachen haben Sie im Grunde schon das ganze Christentum“ . (Karl Rahner, Schriften zur Theologie, Band X, Benziner Verlag 1972, S. 283).

– „Es ist nicht auszuschließen, dass die normale Verkündigung Gottes das Gottesbild primitivisiert und unglaubwürdig macht, zumal eine Verkündigung, die nur lehramtliche Dogmen über Gott wiederholt… Es gibt einen Kampf gegen die Unzulänglichkeit unseres eigenen Theismus“ („Kirche und Atheismus“, in Schriften zur Theologie, Band XV. Benziner Verlag 1983. S. 149)

– „Nach der Lehre des Christentums ist die Nächstenliebe nicht bloß ein Gebot, das erfüllt werden muss, sie ist nicht bloß eine der vielen Verpflichtungen des Menschen und des Christen, sondern der Vollzug des Christentums schlechthin“ (zit, Karl Rahner, „Ich glaube an Jesus Christus, Benziger Verlag. 1968.)

Sechs Wochen vor seinem Tod hielt Karl Rahner einen bemerkenswerten Vortrag zum Thema Tod, darin zeigt sich der Theologe, der Philosoph, der Mystiker vor allem: LINK 

Weiterführend siehe auch: LINK.

Copyright: Christian Modehn, religionsphilosophischer-salon.de

Menschen schaffen das Göttliche, die Götter, Gott.

Ludwig Feuerbach: Die große philosophische Wende.
Ein Hinweis von Christian Modehn am 31.1.2024.

Ein Vorwort:

Die meisten Christen und ihre Theologinnen behaupten in irgendeiner Weise immer noch: Das Christentum und die Kirchen, auch in ihrer klerikalen Verfassung, sind das Werk Gottes selbst: ER als Gott hat dieses Christentum geschaffen. Der Anteil der Menschen bei diesem „Schaffen“ wird dann meist heruntergespielt etwa im Sinne „der Mensch als Werkzeug in Gottes Hand“.
Hier wird eine zentrale Erkenntnis des Philosophen Ludwig Feuerbach aufgegriffen und weiter entwickelt. Das heißt: Es sind wirklich die Menschen, die Gott schaffen. Aber welche Qualität haben die Menschen in diesem schöpferischen Prozess?
Dieser Beitrag ist ein am 31.1.2024 überarbeiteter Text von Christian Modehn, der Text wurde schon am 30.8. 2020 im www.religionsphilosophischer-salon.de publiziert. Bis zum 31.1.2024 hatte dieser Beitrag von 2020:  1035 Seitenaufrufe und 359 Postviews.

1.
Gleich nach Hegels Tod (1831) ereignet sich eine Art Bruch in der Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie, also auch hinsichtlich der Vorstellung von Gott eine Umkehrung dessen, was für Hegel zentral und wichtig war: Nicht mehr Gott wird als die schöpferische Kraft von allem, auch vom Geist des Menschen, erkannt und anerkannt, sondern Gott wird zum Geschöpf des Menschen erklärt. Der bekannteste Philosoph, der diese „Umstülpung“ dieses philosophischen Grundsatzes leicht zugänglich ausbreitete und verbreitete, ist Ludwig Feuerbach: Am 28. Juli 1804 in Landshut geboren, studierte er zunächst Theologie, wechselte dann aber zur Philosophie, hörte 1824/25 in Berlin bei Hegel auch dessen Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie; Feuerbach wurde Privatdozent in Erlangen. Diese Stellung wurde ihm nach seiner provozierenden Schrift von 1830 „Gedanken über Tod und Unsterblichkeit“ wieder genommen, so dass er bis zu seinem Tod am 13.9.1872 (in Rechenberg bei Nürnberg) als freischaffender philosophischer Publizist und Religionskritiker – zum Teil sehr bescheiden – lebte, von 1868 an als Mitglied der SPD von seiner Partei unterstützt wurde.

2.
Ludwig Feuerbach, theologisch sehr gut gebildet, beruft sich für seine philosophischen Thesen auf die christliche Lehre von der Menschwerdung Gottes: Diese „Inkarnation“ Gottes in dem Menschen Jesus von Nazareth wird in der klassischen Theologie bis heute als „Beweis der Liebe Gottes zum Menschen“ gedeutet. Für Feuerbach ist dieser Mensch werdende Gott der Liebe aber keine selbständige Wirklichkeit mehr. Vielmehr liebt der Mensch, wenn er auf dieses Bild der Menschwerdung des liebenden Gottes schaut, nur die Liebe, „und zwar die Liebe zum Menschen“. Der Inhalt der christlichen Religion ist also die Liebe unter den Menschen. Daraus macht Feuerbach ein politisch-religiöses Programm: “ Sein Prinzip ist: Der Glaube an den Menschen als die letzte und höchste Bestimmung des Menschen und ein diesem Glauben gemäßes Leben…“ „Wer also den Menschen um des Menschen willen liebt, der ist Christ, der ist Christus selbst“. Ein Wort Feuerbachs, das heute jeder reflektierte Theologe unterschreiben kann.
Feuerbach, der religiöse Religionskritiker, will dem Leben selbst eine religiöse Bedeutung geben…und nur dem Leben. Problematisch erscheint sein ethisches Prinzip „Der Mensch ist dem Menschen ein Gott“, „homo homini Deus“. „Dies ist der Wendepunkt der Weltgeschichte“ (“Das Wesen des Christentums“, Reclam Verlag, Stuttgart, 1971, S.401)

3.
Mit seinem ersten großen Buch „Das Wesen des Christentums“ von 1841 erreichte er weiteste Kreise. Seine Thesen wurden förmlich intellektuelles Allgemeingut und sie wurden wie Slogans verbreitet: „Das Geheimnis der Theologie ist die Anthropologie“, anstelle von „Gott ist die Liebe“ muss es heißen „Die Liebe ist göttlich“. Vor allem geradezu populär die These: „Religiöse Vorstellungen sind nichts anderes als Projektionen des Menschen“. „Nicht Gott schafft den Menschen, sondern der Mensch schafft sich seinen Gott“. Karl Marx hat diese zentrale Thesen Feuerbachs gekannt und auf seine Art ins Soziale und Ökonomische erweitert. Ebenso Max Stirner, Friedrich Engels und viele andere wurden durch Feuerbach zur Ablehnung einer eigenständigen göttlichen Wirklichkeit geführt. Sigmund Freud schreibt in „Zur Psychologie des Alltagslebens“ im Sinne Feuerbachs: „Ich glaube in der Tat, dass ein großes Stück der mythologischen Weltauffassung, die weit bis in die modernsten Religionen hineinreicht, nichts anderes ist, als in die Außenwelt projizierte Psychologie“.
Der Mensch muss auf dem langen geschichtlichen Weg zur Selbsterkenntnis sein eigenes Wesen außer sich selbst setzen, indem er Göttliches produziert. „Der Mensch – dies ist das Geheimnis der Religion – vergegenständlicht sein Wesen und macht dann wieder sich selbst zum Objekt dieses vergegenständlichten Wesens“.

4.
Für ein philosophisches Gespräch mit Ludwig Feuerbach scheint mir die grundsätzliche Frage wichtig zu sein: Woher hat der Mensch die Kraft und die Begabung, aus seinem menschlichen Geist sich Gott/Göttliches/Absolutes zu schaffen und zu projizieren? Mit anderen Worten: Der Mensch als endlicher und begrenzter Geist ist aufgrund seiner geistigen Struktur in der Lage, über sich selbst hinaus zu gehen, über sich hinaus zu denken, seine Grenzen zu überschreiten, um einen Gott etc. zu setzen, d.h. zu „projizieren“. Man könnte dann mit Hegel die Frage stellen: Ist diese Kraft, ist diese Begabung des Schöpferischen IM Menschen nicht eine Gabe eines unendlichen Schöpfers oder eines schöpferischen Prinzips. Aber Hegel formuliert da nur eine Grundüberzeugung einiger christlicher Theologen, die nicht fundamentalistisch denken.

5.
Zurück zu Feuerbach: Insofern führt die Anthropologie dann wieder zu einer philosophischen Theologie als der Voraussetzung dieser Leistungen der Anthropologie. So dass man sagen kann: Der schöpferische Gott schafft den schöpferischen Menschen, der mit seinem von Gott als dem Schöpfer gegebenen Geist eben auch Gott schafft: Aber dieses „Gottschaffen” ist letztlich als Tat (und „Wunsch“) des schöpferischen Gottes gemeint. Gott will sozusagen, dass die Menschen für sich ihren Gott schaffen…Die Offenbarung Gottes, sein Sprechen zu den Menschen, ist dann nicht unmittelbar Tat Gottes sozusagen vom Himmel herab, ist nicht Sprechen Gottes als Gott, sondern Tat des Menschen. Die Bibel also ist Menschenwort, „Werk des Menschen“, aber: Ein Werk der von Gott geschaffenen Menschen…So ist Religion, so ist der Begriff Gott, also Tat des Menschen UND Gottes zugleich! Um es mit Hegel zu sagen: Der Geist des Menschen ist auch ein und derselbe Geist Gottes.

6.
Man hat den Eindruck: Die Theologen (und Religionsphilosophen) sollten viel intensiver Feuerbach studieren und debattieren. Der Mensch als ein Wesen, das Religionen und sogar Gott, Göttliches, schafft, wäre ein zentrales Thema. Diese Leistung kann der Mensch nur vollbringen, weil der Mensch als Geschöpf einer unendlichen „göttlichen Kreativität“ selbst Anteil an dieser „göttlichen Kreativität“ hat, das ist die Konsequenz der These einer „göttlichen Kreativität“, einst „Schöpfer der Evolution“ genannt. Sind dann z.B. alle Religionen der Religionsgeschichte Ausdruck des göttlichen Geistes? Auch alle „Götzen“, die sich Menschen schaffen, gehören dann zum Thema. Gibt es im Laufe dieser Entwicklung der Religionsgeschichte aber Kriterien zur Bewertung der „Qualität“ dieser Religionen? Diese Kriterien können natürlich nicht aus der Welt der Religionen selbst stammen. Diese Kriterien können nur aus der allgemeinen Vernunft der Menschen selbst kommen, etwa formuliert in den universell geltenden Menschenrechten. Dann heißt die Frage: Fördert eine bestimmte Religion die Menschenrechte – oder nicht. Ein Maßstab, ein Kriterium, das heute bei der Zunahme und Macht fundamentalistischer Religionen und Konfessionen von besonderer Bedeutung ist.

7.
Es sollte weiter gefragt werden, welche Bedeutung in diesem Zusammenhang dann die Erkenntnis Karl Rahners hat, wenn er, zentral in seinem Denken, von der „transzendentalen Offenbarung“ spricht. Denn Rahner geht auch davon aus, dass im Geist der Menschen Gottes Geist selbst wirksam ist, und zwar auch hinsichtlich der schöpferischen religiösen Kraft des Menschen.
Karl Rahner schreibt: “Die transzendentale Frage in der Theologie bedeutet: Welche Bedingungen müssen im Geist des Menschen gegeben sein, damit das Wort der Bibel überhaupt verstanden wird?” Rahner geht noch weiter: „Der Mensch kann die Bibel nur deswegen verstehen, weil Gott, als göttliche Gnade, bereits im Menschen anwesend ist, als innere, als subjektiv erlebte, als „transzendentale Offenbarung“ . Rahner will zeigen, dass „der Glaube an Jesus Christus nicht als eine bloß von außen kommende, auch noch so erhabene Zutat zur unabwälzbaren Existenz des Menschen erscheint. Sondern wir wollen den Glauben an Jesus Christus in der innersten Mitte der Existenz auffinden, wo er schon wohnt, bevor wir, hörend auf die Botschaft der Kirche, diesen Glauben satzhaft reflektieren“ (1).
Und an anderer Stelle schreibt Rahner: „Ich bin der Überzeugung, dass das Christentum eben nicht nur eine von außen her kommende Lehre ist, die dem Menschen eingetrichtert wird. Sondern, dass es wirklich ein Christentum von Innen heraus, von der innersten persönlichen, menschlichen Erfahrung her, gibt und geben muss. Das Christentum ist nicht eine Lehre, die von aussen einem erzählt, dass es so etwas gibt wie Gnade, Erlösung, Freiheit, Gott, so wie einem Europäer mitgeteilt wird, dass es Australien gibt. Sondern das Christentum ist wirklich die Auslegung dessen, was in der innersten Mitte des Menschen (an einer vielleicht verdrängten, vielleicht nicht reflektierten Erfahrung doch) schon gegeben ist“. (1), Karl Rahner, „Ich glaube an Jesus Christus“, Benziger Verlag, 1968, S. 29.
LINK

8.

Es bleiben zu Feuerbachs „Wesen des Christentums“ viele Fragen, z.B.: Wenn Feuerbach sagt: „Der Mensch ist dem Mensch Gott“ und man diese These nicht nur als Bonmot auffasst: Wie soll denn der Mensch den anderen, die anderen Menschen, als Gott „verehren“? Doch wohl nicht in einem nun wieder kultisch-religiös zelebrierten „Gottesdienst“.
Die von Feuerbach vorgebrachte These „Der Mensch ist dem Menschen Gott“ hat nur Sinn, wenn man die Realität der Menschenrechte einbeziehst und sagt: Die universell geltenden Menschenrechte verdienen höchsten Respekt unter allen Menschen. Und das ist keine theoretische Leistung, sondern eine immer praktische politische Tat zugunsten der vielen Menschen heute, die noch keinen realen Anteil an den Menschenrechten haben.

Siehe auch: Einen etwas ausführlicheren Hinweis von Christian Modehn zur Philosophie Ludwig Feuerbachs: LINK.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Russischer Widerstand gegen Putins Chefideologen, den Patriarchen Kyrill I.

Immer mehr Gläubige trennen sich von der Russisch-Orthodoxen Kirche und ihrem Patriarchen Kyrill I.
Ein Hinweis von Christian Modehn am 30.1.2024

1.
Patriarch Kyrill I. von Moskau ist einer der heftigsten Unterstützer des Krieges Putins gegen die Ukraine. Das wurde auch auf dieser website seit Monaten dokumentiert. LINK. Und gegen Kyrill I. gibt es nun Widerstand auch im Klerus und eine zunehmende Distanz der Gläubigen von dieser Russisch-Orthodoxen Kirche. Dies ist ein Zeichen der Hoffnung. Dass dadurch auch Putins Allmacht etwas schwächer wird.

Zur Erinnerung:

“Der Bund Russlands mit der Ukraine ist gottgewollt”, so Putin in der DUMA 2012.  2013 sagt Putin in Kiew: “Gott will eine Vereinigung der Ukraine mit Russland. Kein Politiker kann sich dem Willen Gottes widersetzen”.   “Somit sah sich Putin als Schwert Gottes, Putin, dieser Mystiker, mit einem Finger auf dem Atomknopf , die anderen Finger fromm gefaltet”, so Peter Lachmann, in “Lettre International”, Herbst 2022, S. 126.

Putin wird unterstützt vom Moskauer Patriarchat, “für das auch die Grausamkeiten des Zaren niemals ein Ärgernis darstellten, weil die Zaren-Herrschaft von Gott komme, so wie die des neuen Para- Zaren Putin. Für Patriarch Kyrill hat der Krieg um das Heilige Russland metaphysische Bedeutung, die Rückeroberung der Ukraine sei eine Sache der ewigen Erlösung. Das ist das theologische Erbe von Byzanz, als dessen Erbe und Fortsetzung  die russisch-orthodoxe Kirche sich sieht”, so Peter Lachmann, ebd. (Peter Lachmann ist ein deutsch-polnischer Dichter, Essayist, Theaterregisseur und Übersetzer.)

Peter Lachmann weist in dem Beitrag auch darauf hin, dass Psychologen Putin als “notorischen Lügner” erleben. und deuten. Notorische Lügner seien “den eigenen Lügen gewissermaßen ausgesetzte Subjekte, deren Hirn anders funktioniere…Das emotionale Vakuum sei bei Putin vollkommen, das FDauerlügejn werde zum Zwang” (a.a.O., S. 127).

2.
Patriarch Kyrill I. hat bekanntlich den christlichen Glauben zu einer Putin-Ideologie verfälscht. „In einem Interview mit der Exilzeitung Verstka sagte ein Priester, der seinen Namen nicht preisgeben wollte, dass seit Beginn des Krieges Kirche und Staat in ihren Ansichten fast identisch geworden sind und die Diözesanversammlungen sich in parteipolitische Veranstaltungen verwandelt haben. Laut dem Erzpriester des Erzbistums der orthodoxen russischen Gemeinden in Westeuropa, Dimitry Sobolevskiy, ist die Kirche für die meisten Russen inzwischen nur ein weiterer Teil des Staatsapparats“ (Quelle: „Demokratie und Gesellschaft“, (FES), 22.1.2024, Beitrag von Daria Boll – Palievskaya, Journalistin und Russland-Spezialistin, Redakteurin der unabhängigen Online Zeitung: Russland.news.)

3.
Etliche Priester dieser Kirche kritisieren ihren Chef, den Ideologen Patriarch Kyrill I. Seit dem Krieg Putins gegen die Ukraine haben etwa 300 russische Priester und Diakone einen offenen Brief gegen den Krieg und gegen den Patriarchen veröffentlicht. Und der Erfolg? Das Projekt „Christen gegen den Krieg“ (in russischer Sprache) hat viele Fälle der Verfolgung dieser mutigen Priester veröffentlicht. Einer der bekanntesten liberal gesinnten Geistlichen in Russland, Pater, bzw. wie man in der Orthodoxie sagt , „Vater“ Alexej Uminski von der Dreifaltigkeitskirche in Moskau, wurde am 13. Januar 2024 seines Amtes enthoben. Pater Uminski weigerte sich öffentlich das ideologisch gefärbte Gebet zu sprechen: „Gott, gib uns den Sieg durch deine Macht“: Gemeint ist natürlich der Sieg Russlands über die Ukraine. Mehr als 12.000 Russen haben in einem Schreiben an Patriarch Kyrill ihre Unterstützung für den Priester Uminski ausgedrückt. Ihm droht nun der Ausschluss aus der Russisch-Orthodoxen Kirche.

4.
Die totale Ergebenheit des Patriarchen und seines klerikalen Clans wird von Putin belohnt: Die weltberühmte „Dreifaltigkeits-Ikone“ von Andrei Rubljow wurde aus dem Museum entfernt und dem Patriarchat übergeben. Eine Aktion mitten im Winter, die die Qualität dieses alten Kunstwerkes stören und zerstören kann.

5.
Was sind die Lichtblicke im System Putin?
Innerhalb der Russisch – Orthodoxen Kirche wird der Widerspruch gegen den Ideologen Kyrill I. immer größer. Und auch das ist erfreulich: „Scheinbar so mächtig wie nie zuvor und beinahe mit dem Kreml verschmolzen, verliert die Kirche in der russischen Gesellschaft immer mehr an Ansehen“, schreibt Daria Boll-Palievskaya. „Laut den offiziellen Statistiken des russischen Innenministeriums besuchten in diesem Jahr 1,4 Millionen Menschen die orthodoxen Weihnachtsgottesdienste, verglichen mit 2,3 Millionen im Jahr 2020 und über 2,6 Millionen im Jahr 2019. Die Berufung zum Priester wird ebenfalls immer weniger beliebt. Allein im letzten Jahr mussten drei Priesterseminare schließen.“ LINK zu Daria Boll – Palievskaya.
Nebenbei: Die russischen Gläubigen, die sich von der Putin – Kirche distanzieren und trennen, können selbstverständlich ihre private Spiritualität bewahren und persönlich pflegen, dafür braucht es bekanntlich – theologisch gesehen – keine „heilige Liturgie“ in altslawischer Sprache mit Popen, die Kriegspropaganda betreiben oder in ihren Predigten harmlose spirituelle Allgemeinheiten verbreiten, fromme Floskeln halt.

6.
Man muss sich als Religionsphilosoph also freuen, dass eine politische Organisation, die sich Kirche nennt, die Russisch – Orthodoxe Kirche, immer mehr an Ansehen in der Bevölkerung verliert. Das hilft vielleicht auch, die All – Macht Putins einzuschränken.

7.
Traurig ist nach wie vor nur die Tatsache, dass der „Ökumenische Weltrat der Kirchen“ (ÖRK) in Genf noch immer nicht die Russisch – Orthodoxe Kirche aus ihrem Weltrat rausgeschmissen hat, das fordern bekanntlich seit Monaten viele kompetente Theologen. Glauben die Herren und Damen im Weltrat der Kirchen in Genf (ÖRK) im Ernst, mit Herrn Kyrill I. einen Friedens – Dialog führen zu können?

8.
Am 30. Dezember 2023 verurteilte der Generalsekretär des ÖRK, Pastor Jerry Pillay, die, so wörtlich, „Terrorkampagne“ Russlands gegen zivile Ziele in der Ukraine. Von dem Krieg Russlands gegen die Ukraine sprach Pillay nicht. Für die Welt – Ökumene in Genf handelt es sich also um Terror, nicht um Krieg. Auch nannte Pastor Pillay vom ÖRK keine Namen, nicht den Namen Putins und auch nicht den Namen Kyrill I.. Pillay sagte nebulös, man bemühe sich, „auch weiterhin nach Mitteln und Wegen zu suchen, wie der ÖRK mit und über seine Mitgliedskirchen den Dialog und den Frieden fördern und für eine Beendigung der Gewalt und Angst sorgen kann, unter der die Menschen in der Ukraine aufgrund der russischen Invasion leiden.“ (Quelle: https://www.oikoumene.org/de/news/wcc-denounces-russian-campaign-to-terrorize-people-of-ukraine)

9.
An einen Rauswurf des einstigen KGB Manns, des Herrn Patriarchen Kyrill I., aus dem eigentlich doch angesehenen ÖRK ist also gar nicht zu denken. Man bemühe sich ja im ÖRK um Dialoge, nebulös formuliert, allerdings ohne sichtbare Erfolge, wie jeder weiß.
Nach dem Ende der Putin Diktatur kann man die Russisch – Orthodoxe Kirche wieder in dieses Ökumenische Weltgremium aufnehmen. Selbst der Freund aller Orthodoxen, Papst Franziskus, spricht nach meinem Eindruck nicht mehr so vieles so Wohlwollendes (und Naives) über die Russisch – orthodoxe Kirche und seinen Patriarchen. Den der Papst sooo gern besuchen würde…

10.
Über die immer wieder viel besprochenen Dialoge mit den Russisch – Orthodoxen in den ökumenischen Gremien „vor Ort“, in den Städten, Bistümern, Landeskirchen Deutschlands hört man gar nichts. Offenbar ist man friedlich ökumenisch mit den Russen vereint? Und feiert hübsche Liturgien in alt-slawischer Sprache, wie immer schon…Auf der Website des Ökumenischen Rates Berlin-Brandenburg (OERBB.de) wird die Russisch Orthodoxe Kirche immer noch als Mitglied dieses „Rates“ erwähnt. Über den Krieg Russlands gegen die Ukraine erfährt man da überhaupt nichts…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

Katholischer Milliardär – im Dienst der Rechtsextremen

Über Vincent Bolloré, Frankreich
Ein Hinweis von Christian Modehn, am 25.1.2024.

Unten ein Beitrag von Jean-Louis Schlegel, Religionssoziologe, in der angesehenen Zeitschrift ESPRIT, Paris, März 2024.

Ein Vorwort:

Dies ist ein Hinweis auf einen der vielen politisch sehr rechten und rechtsextremen Katholiken in ihrem „Stammland“, in Frankreich.
Diese rechten und rechtsextremen KatholikInnen von heute sind, meist seit ihrer Kindheit, mit der traditionellen katholischen Glaubenspraxis und Dogmatik aufs engste verbunden. Ihnen wurde die offizielle Lehre eingeschärft: Die katholische Kirche ist in ihrer Regierungsform und Lebensform undemokratisch. Und die Herren der Kirche sind stolz darauf, ihre Kirche ganz offiziell als undemokratisch zu qualifizieren.
Oder Weil nun diese Kirche von Gott in dieser undemokratischen Form gewollt ist, darum ist es nur eine Art logischer Schluss zu verkünden: Also ist die Demokratie als Staatsform und Lebensform nicht gottgewollt. Also können dann auch diese KatholikInnen sagen: Wir brauchen keine Demokratie, sondern eine autoritäre Regierung, mit entsprechenden Parteien, die dem System zum Durchbruch verhelfen.
Mit anderen Worten: Diese Katholiken zerstören die Demokratie und vernichten die universell geltenden Menschenrechte. Diese Zusammenhänge wurden bislang kaum dokumentiert. Es sind also nicht allein die fundamentalistisch glaubenden Evangelikalen, als verrückt gewordene Trump-Fans, die die Demokratie zerstören, es sind auch bestimmte sehr rechtslastige Katholiken, die für die Demokratie gefährlich sind.

1.
Ihre Herrschaft wollen Rechtsextreme auch in Frankreich in einem „combat culturell“, einem Kulturkampf, erringen. Die Strategie: Über möglichst viele „klassische Medien“ (Radio, Fernsehen, Zeitungen) wollen sie nicht nur als ihr Eigentum verfügen, sie wollen selbstverständlich auch mit ihrer eigenen Ideologie die Bürger (bei den Wahlen) beeinflussen.

2.
So etwa Vincent Bolloré: Er wird üblicherweise als ein Magnat oder Medienmogul bewertet, unter den französischen Milliardären nimmt er Platz 14 ein (6,8 Milliarden Euro beträgt sein Vermögen, LINK
Bolloré gilt als „gefürchteter Investor“, er wird „Corporate Rider“ genannt, also als „Unternehmensplünderer“, der börsennotierte Unternehmen kauft, um sie dann mit Gewinn weiterzuverkaufen. Die Tageszeitung „Welt“ nennt ihn„skrupellos“: In der Presse wird er oft „Parrain“, Pate, genannt.
Uns interessiert hier besonders:
Zu seinem breit gestreuten Eigentum gehören die Fernsehsendern „CNEWS“ und „C8“, ihm gehört auch der Radiosender Europe 1 und die Illustrierte „Paris Match“ sowie die Zeitung „Journal du Dimanche“ (JDD), auch die katholisch-traditionalistische Wochenzeitung „La France Catholique“ hat er gekauft. Sie liegt ihm wohl sehr am „Herzen“, denn er ist ein sehr traditionell fühlender Katholik. Vincent Beaufils nennt ihn in seinem Buch einen „ultra-tradionell katholischen Patron“. (siehe Fußnote 1, dort s. 20). „Ich bediene mich meiner Medien, um einen Kampf um die Zivilisation zu führen“, zitiert Vincent Beaufils den Medienmogul (S. 68). Gemeint ist immer die christliche Zivilisation, wobei „christlich“ in einem sehr konservativen, reaktionären Sinn verstanden wird.

3.
„Etwas hat sich in der französischen Gesellschaft beschleunigt: Die Durchdringung der Ideen der extremen Rechten hinein ins Herz der französischen Gesellschaft“, schreibt die Chefredakteurin der angesehenen Kulturzeitschrift ESPRIT (Paris), Anne – Lorraine Bujon, in ihrem Leitartikel zu Jahresbeginn 2024: „Die Schwierigkeit der linken Kräfte ist vorhanden, sich dem wirksam entgegenzustellen. Das Ganze wird erleichtert durch die Konsolidierung eines ultrakonservativen Medien-Imperiums in den Händen eines Unternehmers, es ist Vincent Bollore, dessen politische Absichten immer deutlicher zur Schau gestellt werden“.

4.
Vincent Vollere stammt aus einer alteingesessenen Unternehmerfamilie in der Bretagne, die Väter und Großväter waren eher noch politisch – religiös liberal und sozial etwas aufgeschlossener gestimmt. Vincent Bolloré wurde am 1. April 1952 in Boulogne – Billancourt bei Paris geboren. Er entwickelt den Familienbetrieb zu einem international agierenden Groß – Unternehmen, auch mit sehr zweifelhaften Aktivitäten in Afrika…Weitere Details auch zur Karriere des Milliardärs:LINK

5. Remigration: Auch in Frankreich das Thema der Rechtsextremen
Vincent Bolloré hat jetzt konkrete politische Ambitionen. Er will, berichtet die Tageszeitung „Le Monde“ (22. Dez. 2023, S 10), eine ganz enge Zusammenarbeit der noch demokratischen, aber sehr rechten Konservativen Partei (LR) mit den rechtsextremen Parteien von Martine Le Pen (RN) und „Reconquete“ herbeiführen. Mit dem noch weiter extrem rechts stehenden Gründer der Partei „Reconquete“ (d.h. „Wiedereroberung“), dem jüdischen Journalisten Eric Zemmour, ist Bolloré eng verbunden. Im Parteiprogramm der “Reconquete” von 2021 wird ausdrücklich Remigration von Ausländern gefordert.  Das ist ja auch der Sinn des Titels Reconquete: “Rückeroberung” des chrstlichen Abendlandes aus den Händen der Muslime, wie damals schon im 15. Jahrhundert inSpanien.

Es wird nicht ausgeschlossen, so „Le Monde“, dass Bolloré zu den Europa-Wahlen die rechtsextreme Katholikin Marion Maréchal (von der Reconquete – Partei) unterstützen wird, Maréchal ist die Nichte der rechtsextremen Führerin Marine Le Pen (einst Front National, jetzt Rassemblement National, RN).

6.
Den Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin interessiert besonders die Verbindung des sich explizit streng traditionell – katholisch nennenden Vincent Bolloré mit der katholischen Kirche und dem katholischen „Wählervolk“. Angesichts der Europa – Wahlen (aber auch schon im Blick auf die kommenden Präsidentschaftswahlen im Jahr 2027) will Bolloré unter den katholischen Wählern die Bereitschaft, rechts und rechtsextrem zu wählen noch weiter stärken. Denn beim ersten Wahlgang zur Präsidentschaftswahl 2022 stimmten schon 40 Prozent der praktizierenden Katholiken für die extreme Rechte, der nationale Durchschnitt war 32 % für die Rechtsradikalen.
So schwach die enge Verbundenheit der Franzosen mit der katholischen Kirche heute auch ist (nicht zuletzt aufgrund der zahllosen Sex-Skandale der Priester ist die Kirche moralisch diskreditiert), so deutlich hat sich doch eine Art militanter katholischer Rest gebildet: Es sind die so genannten „Tradis“, also die eher milde gestimmten traditionalistischen Gläubigen, oft sind es jüngere, wohlhabende Leute (aus Versailles, den westlichen Arrondissements von Paris…). Sie haben den Bruch mit Rom nicht vollzogen, wie die extrem traditionalistischen Pius Brüder. Aber sie sind Fans der alten lateinischen Messe und heftige Kritiker von Papst Franziskus … und der „Ehe für alle“ oder dem Recht auf Abtreibung.

7.
Der Bolloré – Fernsehsender CNEWS (Abkürzung für Canal News) gilt als französischer „Fox-News“ (USA, Mr. Trump überaus zugeneigt). Pluralität der Meinungen ist im TV Sender CNEWS eine Rarität, die meisten Autoren und Kommentatoren stehen rechtsextremen Parteien nahe. Auch der Chef der rechtsextremen Partei „Reconquete“ Eric Zemmour ist mit dem Sender eng verbunden. Nicht alle Journalisten von CNEWS sind kirchlich engagiert oder gar katholisch – gläubig, aber sie sind, wie Bolloré, überzeugt: Frankreich muss seine christlichen Wurzeln wieder herausstellen. Das Christentum (und das heißt hier: der traditionelle Katholizismus) wird zum wesentlichen Element der Identität Frankreichs deklariert. Darum sind auch Sendungen über kirchliches Leben, etwa Wallfahrten, wichtiger Programmschwerpunkt von CNEWS.
Am 12. Januar 2024 wurde ein Beitrag „Bienvenue au Monastère (Willkommen im Kloster) in Bollorés Sender C8 ausgestrahlt: Das Kloster gehört einer Gemeinschaft in Corbara, Korsika: In dem Kloster spielen die Mitglieder der hoch umstrittenen „neuen geistlichen Gemeinschaften“ die zentrale Rolle, es sind Mitglieder aus der Gemeinschaft St. Jean und „Béatitudes“. In beiden Gemeinschaften wurde sexueller Missbrauch nachgewiesen. Aber davon war in dem Film keine Rede! Der Film „Bienvenue au Monastère“ könnte ein Zeichen dafür sein, dass mächtige katholische Kreise unter Druck stehen, den Skandal des sexuellen Missbrauchs in Klöstern beiseite zu tun“, schreibt Bernadette Sauvaget in der Zeitschrift Témoignage Chrétien am 25.1.2024.

8.
Pap Ndiaye, der Historiker und kurzzeitige „Minister für Bildung und Jugend“ im Kabinett der Premierministerin Borne (Mai 2022 – Juli 2023), ist ein deutlicher Kritiker des TV Senders CNEWS. Ndiaye hatte die „Black Studies“ in Frankreich bekannt gemacht, er versuchte bei den Unruhen in Frankreichs Banlieus auch Verständnis für die dort lebenden maginalisierten Jugendlichen auszudrücken. Als er das Ministeramt aufgeben musste (sicher auf Druck rechtsextremer Kreise) sagte er: „Wenn man sich „CNEWS“ anschaut und auch das hört, was im Radiosender Bollorés „Europe 1“ gesendet wird, wenn man das zusammenfasst, gibt es nur eine Schlussfolgerung: Das spricht klar die extreme Rechte (…) die Sender verletzen die Demokratie, es besteht daran kein Zweifel.“ (https://www.lemonde.fr/idees/article/2023/07/17/apres-les-propos-de-pap-ndiaye-sur-cnews-face-a-la-culture-de-haine-que-diffuse-l-extreme-droite-il-faut-defendre-avec-energie-les-valeurs-humanistes-et-democratiques_6182341_3232.html).
Einige Politiker und Intellektuelle (wie der ehem. Minister Jack Lang) bedauerten öffentlich, wie wenig Unterstützung Pap Ndiaye mit seiner Kritik an CNEWS vonseiten aktueller demokratischer Politiker erhalten habe.

9.
Bolloré hat auch die im ganzen Land verbreitete Sonntagszeitung „Journal du Dimanche“ (JDD) gekauft (Auflage etwa 136.000) und sogleich mit dem Abbau der Meinungsvielfalt begonnen. Etliche Journalisten verließen wegen der Übernahme des Blattes durch Bolloré das Blatt, Bolloré setzte den rechtsradikalen Journalisten Geoffroy Lejeune als Chefredakteur ein: Er arbeitete zuvor für die explizit rechtsradikal einzuordnende Wochenzeitschrift „Valeurs Actuelles“ (115.000 Auflage). Dieses Blatt wurde gegründet von Raymond Bourgine, einem Journalisten und Freund zahlreicher konservativer Politiker, er war Vorsitzender des „Vereins zur Verteidigung der Erinnerung an Marschall Pétain“… Geoffroy Lejeune, der von Bolloré geförderte neue Chefredakteur der Sonntagszeitung JDD, ist ein enger Freund von Marion Maréchal, der Nichte von Marine Le Pen (Chefin der rechtsextremen Partei RN). Marion Maréchal wiederum ist eng verbunden mit dem sehr rechtsextremen Politiker Eric Zemmour. Beide bilden förmlich eine neuen Ökumene von traditionalistisch – katholisch und jüdisch.
Nebenbei: Geoffroy Lejeune wurde in einem katholischen Collège ausgebildelt, das der traditionalistischen Piusbruderschaft nahesteht. (Quelle: Wiki France)

10.
Auch die traditionsreiche Illustrierte „Paris Match“ (Auflage 525.00) steht unter der Herrschaft Bollorés: Das Titelbild der Ausgabe zu Weihnachten 2023 zeigte eine klassische, aber wie so oft kitschige Krippe: Sie gehört zum frommen Mobiliar des von Bolloré geschaffenen katholischen Studentenwohnheimes Don Bosco in Paris: Aus einem Kloster der „Kleinen Schwestern der Armen“ ließ der Milliardär, um seine (als Milliardär gar nicht so üppige) Großzügigkeit zu dokumentieren, dieses Wohnheim errichten.

11.
Jeder Mensch, auch jeder Unternehmer, kann selbstverständlich seine Spiritualität und Konfession pflegen. Bei Bolloré aber ist diese Situation eine ungewöhnliche, besondere: Er will über seine Medien seine private katholische Meinung der Öffentlichkeit aufdrängen, das zeigt sich schon in der Auswahl der Programme seiner Sender und der Auswahl seiner maßgeblichen Journalisten. Zudem leistet ercsich den Luxus eines eigenen Haus-Kaplans, so wie einst die Fürsten und Könige ihre Seelsorger und Beichtväter am Hofe hatten. Der Hofkaplan ist Abbé Gabriel Grimaud, zum Priester geweiht 1977, er war in verschiedenen Pariser Pfarreien tätig und ist jetzt am rechten Rand theologisch zu Hause. Grimaud wohnt in Nähe des Domizils von Bolloré im 16.Arrondissement (Villa Montmorency), Grimaud ist Bollorés Beichtvater.
Die Tageszeitung „Le Monde“ berichtet: Bolloré hält die katholische Religion geradewegs für wunderbar: „Wenn ich sündige, ich beichte, und ich kann wieder beginnen“. Der Hofkaplan Grimaud wird auch im letzten Buch „(La France n a pas dit son dernier mot“) des rechtsextremen Parteichefs Eric Zemmour erwähnt: „Der Priester fürchtet nicht den Kommunismus, sondern den Islam, dies ist eine Komplitzenhaftigkeit zwischen uns beiden, die spontan im gemeinsamen Kampf entsteht. Wir beide sind engagiert im Kampf für das Überleben jenes Frankreich, so, wie wir es kennen“.

12.
Bolloré zeigt sich auch gern etwas als Wohltäter: Er har das alte Kloster der „Kleinen Schwestern der Armen“ gekauft und zu einem Studentenwohnheim nach seinem katholischen Geschmack (mit Hauskapelle!) ausgebaut, das Foyer ist dem heiligen Don Bosco geweiht: Ihm zu Ehren ließ Bolloré sogar Reliquien des italienischen Heiligen herbeischaffen und ausstellen. Eine Lourdes – Madonna soll sich in seinem Büro befinden und mit Bischof Dominique Rey (von Toulon – Fréjus) verbindet ihn vieles: Nicht nur, weil Bolloré in St. Tropez (im Bistum von Bischof Rey) ein Haus besitzt: Rey liebt alles katholisch Traditionelle.Er hat auch die rechtsextreme Politikerin Maréchal in seinem Bistum zu Wort kommen lassen. Der Bischof ist allmählich auch theologisch so weit rechtsaußen gelandet innerhalb der französischen Bischofskonferenz, dass ihm Papst Franziskus jetzt einen Koadjutor zur Seite stellte.

13,

Die Ideologie der Rechtsextremen in Frankreich und Europa wurde und wird seit Jahren gefördert von der Ideologie der “Invasion der Araber ins heutige Europa”, eine Wahnidee, die vor allem von der jüdischen Autorin Bat Ye Or verbreitet wurde und wird. LINK.

Fußnote 1:
Vincent Beaufils, „Bolloré. L Homme qui inquiète“. Editions de l Observatoire, Paris, Sept. 2023. 247 Seiten.
Das Buch enthält Informationen vor allem zur Familie und zum Wirtschaftsimperium der Bollorés. Auf 14 Seiten (S. 229 fff.) wird in einem eigenen kleinen Kapitel auch der „Catho“ Bolloré etwas analysiert … in seiner eher kindlichen Verbundenheit mit dem traditionellen Volkskatholizismus.

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin


Le catholicisme enchanté de la France d’autrefois
par
Jean-Louis Schlegel
mars 2024 esprit

#Médias #France #Religion
Dans « En quête d’esprit » sur CNews, le catholicisme enchanté d’autrefois, avec ses anges luttant contre les démons, est pris au premier degré et mis au service du traditionalisme politique de Vincent Bolloré.
Le 3 mars 2024, le spectateur de CNews désireux de prendre de la hauteur pouvait s’élever pendant son déjeuner dominical en regardant l’émission « En quête d’esprit ». Autour d’une table et de l’animateur Aymeric Pourbaix, directeur de l’hebdomadaire traditionnaliste La France catholique, au titre si évocateur, propriété (comme CNews) de Vincent Bolloré depuis 2018, on discutait ce jour-là des « mystères de la messe » en compagnie de Véronique Jacquier, journaliste à la même France catholique, d’un grand abbé ensoutané (d’une soutane à trente-trois boutons, en souvenir de l’âge du Christ lors de sa mort ?), d’une religieuse membre des franciscaines réparatrices de Jésus-Hostie et d’une dame, convertie du protestantisme, qui venait d’organiser quarante heures d’adoration eucharistique « dans une situation périlleuse pour la France et l’Église ». Dans sa présentation, Aymeric Pourbaix a rappelé l’importance de la messe pour les catholiques, les polémiques « féroces » qu’elle a suscitées par le passé, la force procurée par le sacrifice du Christ, renouvelé lors de chaque messe, « pour lutter contre le mal et s’engager au service des autres ». Même si « les mystères » du titre sacrifiaient plutôt à la mode actuelle de la curiosité pour les secrets et les arrière-mondes, il n’y avait pas là de quoi sauter en l’air et encore moins tomber de sa chaise. On a eu droit à une présentation sans doute un peu traditionnelle, mais surtout pieuse, avec quelques rappels historiques, du sens de la messe.
Le dimanche précédent, une déclaration d’Aymeric Pourbaix avait provoqué un tollé : à propos de l’inscription dans la Constitution du droit à l’interruption volontaire de grossesse, il avait affirmé que l’avortement était, avec 73 millions de décès annuels, la première cause de mortalité dans le monde (affirmation comparée, dans une infographie, aux 10 millions de morts dues au cancer et aux 6, 2 millions par le tabac). Laurence Ferrari, une des journalistes vedettes de la chaîne, ayant très vite fait savoir son désaccord avec cette déclaration (et son soutien à l’inscription de la liberté d’avorter dans la Constitution), CNews a fait ensuite bloc derrière elle en plaidant l’erreur. Mais la réputation d’« En quête d’esprit » était faite – grâce au scandale.
Un esprit pieux
En réalité, l’émission existe depuis 2020, même si elle est restée quelque peu dans l’ombre par rapport aux talk shows politiques dont CNews entretient en permanence les controverses et où il arrive qu’on se crie dessus copieusement. Elle a fait l’objet de plusieurs enquêtes dans les médias qui se sont intéressés à la religion de Vincent Bolloré. Lors de sa création, les invités (souvent un religieux en habit et une personne laïque traditionnaliste) étaient censés « aborder l’actualité d’un point de vue spirituel et philosophique » – autrement dit, si l’on comprend bien, éclairer les événements politiques et sociaux à la lumière de la foi chrétienne.
Or la réalité est très différente : il s’agit d’une émission proprement religieuse, sans disputes, qui promeut le retour à la piété catholique de jadis, ses dévotions pour lutter contre les forces du mal, ses saints et ses anges (luttant contre le Diable et ses démons), sa vénération de Marie et ses pèlerinages, sa lecture miraculeuse de l’histoire de France et de son « blanc manteau d’églises ». Pour retrouver de la « spiritualité », ce mot-fétiche qui a remplacé la « foi au Christ », on préfère le retour à la vieille chrétienté (bretonne), aux racines chrétiennes de la France, dont Vincent Bolloré est apparemment nostalgique. Cela implique aussi, très naturellement, la résistance à l’islam conquérant, et l’adhésion aux idées politiques d’Éric Zemmour.
Dans « En quête d’esprit », il est donc question d’histoires devenues étrangères, folkloriques, inconnues de la plupart de nos contemporains, même quand elles sont dans la Bible. Ainsi, dans une émission sur l’archange saint Michel, Pourbaix a fait rire en évoquant une « guerre civile » entre les anges : Satan/Lucifer, que son orgueil et sa tentative de se rendre l’égal de Dieu, a été précipité par saint Michel et l’armée des bons anges dans les profondeurs de l’Enfer, en compagnie des démons qui le suivaient. Cette histoire est évoquée par les prophètes Isaïe en 14, 12-15, et Ezéchiel en 28, 12-19, ainsi qu’au chapitre 20 du livre de l’Apocalypse. En parler comme d’une « guerre civile entre les anges fidèles et anges rebelles » pour l’actualiser était peut-être suggestif, mais surtout non crédible voire cocasse dès lors qu’on la présentait comme ayant réellement eu lieu. Dans cette émission pieuse, le catholicisme enchanté d’autrefois est pris au premier degré.
Bolloré à la manœuvre
L’émission aurait été décidée par Vincent Bolloré lui-même, « Bolloré le catholique », selon une excellente enquête réalisée par La Croix dès 20211. Il voulait qu’on « parle de Dieu » après la crise sanitaire, où l’on n’avait parlé « que de souffrance et de mort ». Dans le portrait nuancé que les journalistes dressent de lui, Bolloré apparaît « pétri de convictions, de contradictions et d’intérêts multiples », et comme un catholique à la foi « un peu enfantine » : « Il aime les reliques. Les images de saints qui épaississent son portefeuille (son préféré serait Antoine de Padoue). Les médailles miraculeuses – celle qu’il porte au cou, celles qu’il peut offrir à des collaborateurs en marge d’un conseil d’administration. » Comment l’intelligence de la foi qu’aime à prôner l’Église actuelle serait-elle sa tasse de thé ?
Pour autant, ce n’est pas un niais, et il ne manque ni de flair ni d’opportunisme, ni de faire savoir qu’il est le patron qui décide et ne plaisante pas. L’enquête de La Croix rapporte qu’il a répondu en 2021 au préfet des Yvelines, qui se plaignait de ce qu’animateurs et participants aux débats ne parlent qu’insécurité et péril islamiste, en diffusant sur CNews la messe de la nuit de Noël à Trappes. La réputation (d’ailleurs contestable) d’emprise islamiste de cette ville n’est plus à faire, mais la réputation du curé de la commune, « rassembleur des communautés », faisait aussi l’objet de grands éloges. CNews a aussi diffusé en direct la messe de l’Assomption, depuis Lourdes en 2021 et depuis Marseille en 2023 : on rappelle désormais chaque année, à cette occasion, la consécration de la France à la Vierge par Louis XIII pour la remercier de la naissance d’un fils.
Pour diffuser ses préférences en matière religieuse, Bolloré dispose en fait de plusieurs médias, et la question se pose : où est vraiment Bolloré le catholique ? Du côté de la spiritualité pieuse ou de celui du traditionalisme politique ? Début juillet 2022, quand il a imposé pour la couverture de Paris-Match la photo du cardinal guinéen Robert Sarah, connu pour ses positions conservatrices et adversaire notoire du pape François, il était difficile de ne pas y voir une prise de position politique. La rédaction du magazine s’en est indignée, et le rédacteur en chef, Bruno Jeudy, qui avait mené la fronde, a été licencié. Vincent Bolloré n’était pas encore officiellement propriétaire de l’hebdomadaire, mais il ne fait guère de doute qu’il tirait déjà les ficelles. Et on ne peut manquer de replacer cette initiative dans ses choix politiques d’ensemble : sa complicité avec Éric Zemmour, dont il avait favorisé l’ascension sur CNews ; son inébranlable soutien à Cyril Hanouna, animateur d’émissions populistes sur la chaîne C8 (« Touche pas à mon poste » et « Balance ton post ») ; sa décision inflexible de placer à la tête du Journal du Dimanche le journaliste d’extrême droite Geoffroy Lejeune, ancien directeur de la rédaction de Valeurs actuelles (qui l’avait licencié pour extrémisme !) ; le renvoi sanctionnant toute prise de distance d’un journaliste par rapport au propriétaire.
Le centriste chrétien-démocrate qui’l était s’est fortement raidi sur l’immigration et l’identité française, Éric Zemmour est devenu un de ses proches, il en veut beaucoup à Macron qui aurait limité ses ambitions de rachat (et de contrôle) des médias, et pour des raisons éditoriales, semble-t-il, s’est récemment rapproché de Jordan Bardella.
Trouvera-t-il aussi le complément philosophique d’« En quête d’esprit » auprès d’une nouvelle recrue de CNews ? Le samedi 2 mars 2024, à 12 heures, c’était en effet la première d’une nouvelle émission, « Face à Michel Onfray », destinée, selon son animatrice, Laurence Ferrari, à « prendre de la hauteur » dans l’analyse des « mouvements qui traversent la société, en France et dans le monde ». Durant ce premier face-à-face, les propos d’Onfray – que Ferrari présente avec déférence comme un perdreau de l’année quasi inconnu, qu’elle serait la première à inviter sur un plateau (« docteur en philosophie », « libre penseur parmi les plus lus à l’étranger » et « issu d’un milieu modeste ») – ont été prometteurs : demandant qu’on « arrête de faire du commentaire idéologique », Onfray aimerait qu’on cesse de classer Marine Le Pen à l’extrême droite et qu’on prenne enfin conscience que Macron a pour projet d’« euthanasier la paysannerie française ».
Ainsi vont les émissions censées donner de la hauteur spirituelle et de la profondeur philosophique sur les chaînes de M. Bolloré, avec les talk-shows politiques virulents, artificiellement mis en scène par Pascal Praud et consorts ou l’émission de divertissement de Cyril Hanouna, d’une vulgarité sans nom. Mais, comme pour le Journal du Dimanche, force est de convenir que se prêtent et s’empressent désormais à ces émissions toutes sortes d’honorables et distinguées personnalités politiques, intellectuelles, littéraires, artistiques, religieuses, emportés par le vertige des plateaux – ou malades de ne pas en être assez.
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Lors de son audition par les députés, le 13 mars, par la commission d’enquête sur l’attribution, le contenu et le contrôle des autorisations de services de télévision numérique terrestre, Vincent Bolloré, la fleur au fusil, n’a pas eu de mal à envoyer fâcheux et grincheux se faire voir ailleurs. Il n’intervient sur rien, il n’est au courant de rien. Le succès de CNews ? « Elle dit la vérité et c’est un espace de liberté […] ce n’est pas une chaîne d’opinion, mais d’information. » Ses convictions ? « Je suis démocrate-chrétien, pour la démocratie et la vie de la nation. “Chrétien”, ce n’est pas un vilain mot, cela fait référence à la charité et l’espérance, cela coule dans mes veines. ». Et d’ailleurs, n’est-ce pas, « les plus grands saints pèchent sept fois par jour ». À propos de l’« erreur technique » sur l’IVG, saint Vincent Bolloré se permet même une réflexion profonde : « Se heurtent dans cette affaire deux libertés : il y a la liberté des gens à disposer d’eux-mêmes et la liberté des enfants à vivre. » Où l’on voit surtout que ces auditions, où les questions et les réponses sont connues d’avance, ne remplaceront jamais une enquête précise sur ce qui se dit et se pratique réellement dans l’univers des grandes entreprises, médiatiques et autres.

1. Héloïse de Neuville et Mikael Corre, « Vincent Bolloré, un industriel que rien n’arrête », La Croix, 12 novembre 2021.

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Trumps verblendete Freunde: Die weißen Evangelikalen bringen ihm den Sieg in Iowa

Von Christian Modehn

1.
Die Vorwahlen der Republikaner haben in Iowa das eigentlich schon erwartete Ergebnis gebracht: Trump hat mehr als 51 Prozent der Stimmen erhalten. Er ist der strahlend-bissige Sieger. Die weißen Evangelikalen (also die Anhänger eines wortwörtlichen Verstehens der Bibel) sind bei diesem Spektakel in Iowa die heftigsten und leidenschaftlichen Unterstützer von Mr. Trump. Ihnen ist es in einer für sie ungewöhnlichen Liberalität eigentlich egal, dass ihr großer Held und Retter sich aktuell in Gerichtsprozesse verantworten muss und dass er in eine lange bekannte Liste von Skandalen verwickelt ist. Also alles andere als ein moralische Vorbild ist. Seine Rede in Iowa enthielt einige versöhnlich stimmende Töne, die aber völlig überlagert waren von heftigster, dummer Polemik, etwa als Trump die Regierenden in Washington als „Korrupte Leute, Inkompetente, als die Schlimmsten“ bezeichnete.Dieser Mann ist völlig daneben, und gerade das gefällt gewissen, zumal frommen Leuten in den USA, die offenbar genau so voller Haß auf die „anderen“ sind wie er, also voller Hass auf die Demokratie.

2.
CNN berichtet mit der Ergänzung: Es waren ganz überwiegend Evangelikale „ohne College – Abschluss“, die Trump gewählt haben. Von ihm erwarten sie volle Unterstützung für ihre angeblich biblische Moral: Sie ist kämpferisch gegen Abtreibung, sie ist absolut gegen GENDER, für die rigorose Verweigerung von Asyl, für das Verbot, Kinder in den Schulen schon mit Umwelt – Informationen zu „quälen“. (Quelle:  CNN: https://edition.cnn.com/2024/01/14/politics/evangelicals-trump-iowa-analysis/index.html)

3.
Die noch bei Vernunft gebliebenen Christen und Kirchen in Europa sind äußerst milde gestimmt und schweigen sich aus, was ihre nicht nur religiös verblendeten Evangelikalen „Mitbrüder“ in den USA alles treiben. Auch dies: Deutliche kritische Worte der Evangelikalen in Deutschland zu ihren expliziten Glaubensbrüdern in den USA habe ich bis jetzt nicht gelesen…

4.
Ein steht fest: Diese Evangelikalen als zuverlässigste Stütze für Trump sind eine Gefahr, zumal dann, wenn ihr großer Held sich noch einmal Präsident der USA nennen darf. Die frommen Leute bereiten – aufgrund eines religiösen Wahns – den Niedergang der Demokratie in den USA vor. Wichtiger LINK.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin