Abstand halten, in der Distanz leben: Denken in Zeiten der Krise. 6. Teil.

Ein Hinweis von Christian Modehn

Abstand halten: Die Maxime dieser Zeit. Bloß nicht die anderen berühren, bloß nicht ihnen zu nahe treten. Ein Meter fünfzig ist die absolute Maßeinheit. Körperlicher Kontakt ist gefährlich. Es ist besser, d. h, jetzt „gesünder“, sich körperlich von anderen zu distanzieren. Das rettet Leben. Das stimmt. Aber Abstandhalten (zer)stört auch die Lebensfreude, (zer)stört die Erotik, erzeugt Gräben zwischen den Menschen. Wie kann es freundschaftliche Umarmungen geben am Telefon, via Computer und iPhone?
Abstand halten hat unsere bisherige Lebenswelt umgestürzt.
Es werden bessere Zeiten kommen ohne den Verlust der Nähe und der emotionalen Verlassenheit.
Im Denken können wir diese Notlage überwinden. Geben wir uns jetzt mehr Raum für unsere Denkzeiten. Fürs Philosophieren. Für die Philosophie.

Sie meldet sich, wie immer provozierend, so auch in diesen Zeiten, mit einem „Lob des Abstandhaltens“ zu Wort.
Klar ist: Philosophen unterstützen zweifellos die Notwendigkeit, jetzt körperlich Abstand zu halten. Und sie unterstützen diese Bestimmungen, weil sie Leben schützen, Gesundheit bewahren. Dies ist eine aktuelle Maxime der Ethik.

Philosophie hat es sehr oft mit der Analyse und dem Verstehen von Begriffen zu tun. Also mit dem, was man das „Allgemeine“ nennt, das allen Menschen Gemeinsame. Damit wird Individualität nicht geleugnet, es gibt den einzelnen, aber immer nur, weil er und wenn er Anteil hat am Allgemeinen. Das zeichnet die Menschlichkeit des Menschen aus.

Im Philosophieren werden wir auf eine nahe liegende, eigentlich selbstverständliche, allerdings nicht immer bewusste Tatsache aufmerksam: Alle Erkenntnisse und damit auch alle Forderungen, auch die der Mediziner oder der Politiker, sind nur möglich, weil Menschen ständig Abstand nehmen. Das heißt: In der Kraft der eigenen Vernunft, des Geistes, sich von sich selbst distanzieren. Das wiederum heißt: Nachdenken, reflektieren, sich entscheiden. Für diesen lebendigen Vollzug unserer Vernunft gibt es das treffende Wort Abstandnehmen. In guten Zeiten wie in Krisenzeiten. Immer. Kein Mensch lebt ohne das von der Vernunft erzeugte Abstandnehmen. Wir nehmen Abstand von uns selbst als dem alltäglichen, „üblichen“, noch unreflektierten Bewusstsein. Abstandnehmen ist der unaufgebbare Mittelpunkt unseres geistigen Lebens als Individuum.

Dieses Abstandnehmen lässt sich auch beschreiben als ein „Auf sich selbst schauen“. Und das nicht nur im Sinne der Beobachtung der Verfasstheit des eigenen Körpers. Sondern vor allem: Schauen auf das eigene Bewusstsein. Mit der eigenen Vernunft also das eigene Bewusstsein anschauen: Nur so zeigt sich mir, wer ich bin, welche Möglichkeiten ich habe, welchen Raum der Freiheit mir gegeben ist. An Descartes Leistung in dem Zusammenhang wäre hier zu erinnern. Dieses Anschauen meiner Selbst gilt auch für meine Beziehungen zur Welt, zu anderen Menschen. Ich schaue diese Beziehung und sehe darin meinen Anteil. Ich entdecke dabei mich selbst in meinen Grenzen. Dies zu wissen, ist die Voraussetzung für ein geistvolles individuelles Leben.

Abstandnehmen ist, philosophisch betrachtet, Reflektieren, sich auf sich selbst beziehen. Das lateinische Verb reflectare bedeutet: Sich zurückbeugen, umwenden, auch spiegeln.
Dieses sich Vernünftig auf sich Beziehen erreicht noch eine weitere, ganz entscheidende Dimension, es wird philosophisch sozusagen noch einmal gesteigert: Weil wir uns denkend, reflektierend, auf unser Denken und Reflektieren beziehen können. Dies ist die Reflexion der Reflexion, das „Denken des Denkens“, wie Aristoteles sagte. Erst dieses Denken des Denkens zeigt die Möglichkeiten und die Weite des Denkens. Hier ist die Basis aller Kultur. Erst im Denken des Denkens zeigt sich uns unser Selbstbewusstsein, unser Wissen von uns selbst: Ich weiß mich als Denkenden, Reflektierenden und ich will in diesem Selbstbewusstsein auch sprechen und handeln, handeln für mich und für andere und mit anderen. Dieses Denken des Denkens ist erst Ausdruck der einmaligen menschlichen Qualität. Sie unterscheidet den Menschen von allen Tieren.

Das Leiden an der aktuellen Notwendigkeit, körperlich Abstand zu halten, wird uns, so paradox es klingt, erst durch das elementare und ständige Abstandnehmen von uns gegenüber unserem alltäglichen Bewusstsein bewusst und erkannt. Und es ist unsere immer Abstand nehmende Vernunft, die uns eines Tages wieder von dem Zwang, körperlich Abstand zu halten, befreit. Mit Argumenten natürlich.

Und wir erleben beim philosophischen Reflektieren auf alltägliche, jetzt akuelle Begriffe wie „Abstandhalten“ die Kraft der Philosophie: Sie eröffnet uns Dimensionen eines Begriffes, die man in einer alltäglichen Lebenspraxis gar nicht wahr – nahm. Diese Erfahrung im Denken ist, wenn man so will, auch ein Stück Lebensfreude in diesen Zeiten der Krise. Lebensfreude durch Nach-Denken, Re-flektieren? Selbstverständlich! Wofür ist denn sonst Philosophieren gut?

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

„Ich denke an dich“: Denken in Zeiten der Krise. 5. Teil.

Hinweise von Christian Modehn am 2.4.2020, zu Beginn der Pandemie.

„Ich denke an dich“: Eine Zusage, ein Versprechen, ein Trost. In diesen Tagen müssen das Denken, der Geist, auch die Phantasie, alle Kraft entwickeln. Leibhaftige Begegnungen und Berührungen sind in diesen Zeiten weithin verboten. Um so mehr lebt Nähe und Verbundensein anderswo, tatsächlich im Geist, der sich im Telefongespräch oder in E-mail Briefen äußern kann. „Ich denke an dich“ oder „ich denke an euch“ ist jetzt alles andere als ein Floskel, wie vielleicht einst, in „alten Zeiten“, als man eher gedankenlos so Vieles daher sagte. „Ich denke an dich“ wird in besseren Zeiten sicher weiter gesprochen werden, aber eben besser,reflektierter.

Aber heute ist das „Ich denke an dich“ von einer besonderen Tiefe, einer philosophischen wie spirituellen Tiefe. Die folgenden Sätze sind Hinweise, Anregungen, die jeder und jede aus eigenem Erleben weiter entwickeln wird.

Philosophieren beginnt immer inmitten konkreter Lebenserfahrungen. Und Philosophieren hat nur Sinn, wenn es als Praxis der Philosophie (wie Malen Praxis der Kunst ist) das Dasein erhellt, deutlicher macht, ich hätte fast geschrieben „erleuchtet“, damit unser Leben gut gelingen kann und ein gutes Leben wird.

„Ich denke an dich“ steht in diesem Zusammenhang. Was bedeutet diese Zusage? Da kann jeder und jede einen konkreten Menschen sehen, einen Freund, einen Verwandten, einen Kollegen, Menschen, die mir – einst – leiblich nahe standen.
Die Zusage “Ich denke an Dich” bedeutet: Du bist vor meinen Augen. Ich sehe dich. Du stehst vor mir. Ich nehme dich wahr und höre deine Stimme. Dein Lachen und dein Weinen. Und dein Stillwerden. Paradox: Im Geist bist du doch auch auf andere Art – leibhaftig” – da. Der Geist erweckt förmlich den Leib.

Diese Erfahrung ist nur möglich, weil der Geist uns verbindet: Auch du kannst an mich denken, mich sehen. Mir Gutes wünschen. Und du wirst es tun. Dies denkt man im Denken an den anderen. Denn wir leben in der Einheit des Geistes, der Menschen verbindet.

Und im Denken an dich will ich, dass du bist, dass du da bist, so, wie du bist. Wir sind im AN-Denken, also im Aneinander-Denken, eins. Aber wesentlich bleiben wir doch anders: DU bist einmalig. Und du weißt es von mir.

Unser Geist als das Verbindende vereinnahmt nicht den anderen. Das heißt: Ich will dich nicht für meine Zwecke einspannen, mich vielleicht bewundern, wie toll es ist, dass ich doch an dich denke.

„Ich denke an dich“: Diese Zusage ist nichts anderes als ein Ausdruck einer kontemplativen Haltung. Kontemplare heißt Betrachten, also in Ruhe auf etwas oder auf einen Menschen schauen. Sich dafür Zeit nehmen. In Stille dasitzen und denken, auch an dich denken.

So entsteht ein offener Spielraum des Geistes. In dieser Weite dieses Denkens kann ich mich erinnern, kann ich mir Geschichten erzählen mit dir von einst, vielleicht sogar Pläne entwerfen für später. In diesem Spielraum des Geistes, in der Kontemplation des „Denkens an dich“, kann ich ein paar Zeilen schreiben. Oder mehr. Vielleicht meine eigene Poesie entdecken. Dabei nehme ich sozusagen „objektiv“ wahr: Ich will nur Gutes Dir und mir wünschen. Aber wer soll das Gute geben? Kann ich es allein? Ich will danken, dass es dich gibt und danken, dass wir aneinander denken. Aber wem soll ich meinen Dank ausdrücken?

Ich habe einen philosophischen Vorschlag: Wie wäre es, wenn wir auch öfter dem Geist danken, der uns verbindet in diesem Denken aneinander. Denn es ist der Geist, der die Kraft hat, unsere Distanz, unsere Grenzen zu überschreiten. Der Geist hat die Kraft, die leibhaftige Ferne zu überbrücken zugunsten einer Einheit.

Ich kann ja auch und sollte in der EINEN Menschheit an Unbekannte denken: Etwa an einen Menschen in Afrika, den ich zufällig, durch ein Foto repräsentiert, in einer Zeitschrift entdecke. Ein Foto, das sich jetzt, in dieser Zeit der Langsamkeit, eben nicht – wie einst – übersehe und wegblättere. Also betrachte ich ein Foto eines fremden Menschen in Afrika längere Zeit, etwa diese Frau, die in Burkina Faso auf ihrem Kopf Wasser transportiert aus der weiten Ferne eines entlegenen Brunnens. Sie tut es für ihre Familie. Welche Last, welcher Zwang, täglich der Not zu entkommen. Ich denke an sie. „Ich denke an dich“, sage ich dann. „Mein ganzes Wohlwollen gilt dir. Wenn ich dir doch nur etwas Lebensenergie übermitteln könnte“.
An Spenden für NGOs werde ich später denken.

Warum sollte man nicht lernen, Kontemplation auch mit einem Foto zu entwickeln?

Was ist nun diese universale Kraft des „Denkens an dich“? Es ist die Kraft des Geistes, sie vereint Vernunft, Seele, sie schafft Empathie.

Dieser universale Geist ist allen Menschen gegeben. Noch einmal: Er ist ihnen gegeben! Auf diese Erkenntnis kommt es an. Wir haben den universalen Geist in uns ja nicht selbst gemacht. Er wurde uns gegeben. Von wem gegeben, von wem „geschaffen“? Da kann jeder und jede weiter nachdenken und seine persönliche Antwort finden.

Einige werden, kritisch reflektierend, von einer unendlichen schöpferischen, Leben fördernden Kraft sprechen. Andere werden das alte Symbol: Gott, Göttliches, meinen.
Wie auch immer: Diese schöpferische Kraft hat uns Geist, Vernunft, Seele, Empathie „gegeben“. Schöpferisch eben. Zum Gebrauch, um menschlich zu leben.

In einer christlich geprägten Spiritualität ist die Zusage “Ich denke an dich” oft gemeint als ein schüchternes, fast “verdecktes” Bekenntnis: “Ich bete für dich”, “ich erbitte dich für dich alles Gutes”. So “schamhaft”, so “zurückhaltend”, fast sprachlos sind Christen geworden….Der Historiker und Theologe Hubertus Lutterbach erinnert in dem Zusammenhang an die schon frühchristlich verbreitete Praxis des “Betens für”, “orare pro”, also an das “innere Mittragen anderer in Leben und Gebet“.

Wie auch immer man in einer kritischen Theologie das Bittgebet deutet, denn diese Formel “Ich denke an dich, ich bete für dich”, ist ein Bittgebet: In dem Bewusstsein, dass beide, der Zusagende, Denkende, wie auch der, an den gedacht wird, in einer geistigen Verbundenheit leben, in einem geistigen Sinn- Grund miteinander verbunden sind. Diesen Sinngrund kann man auch Gott nennen.

Wie im einzelnen dann Gott, das Göttliche, ein Bittgebet hört und erhört, ist völlig offen. Weil ja Gott eben Gott ist und nicht der sehr menschlich gedachte himmlische Gesprächspartner eines Telefonanschlusses.

Wichtig ist: Das Bittgebet, das sich im “Ich denke an dich” auch andeutet und ausspricht, ist als Ausdruck der geistigen Kraft zu sehen, einer geistigen Kraft, die uns Menschen miteinander verbindet. Warum kann man nicht darauf gefasst sein, dass gutes Denken und gute Wünsche auch einmal in Erfüllung gehen? Und ich dafür auch sorgen kann.
Und wenn gute Wünsche nicht in Erfüllung gehen? Dann werden wir einmal mehr an daran erinnert, dass wir unser Leben “letztlich” nicht in unserer Hand haben. Das ist vielleicht eine entscheidende, aber immer gültige Erkenntnis, gerade in diesen Corona – Zeiten. In wessen “Hand” dann unser Leben ruht – oder ins Nichts sinkt -: Das kann jeder selbst reflektieren und sich entscheiden.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Vom Glauben religiöser Menschen und vom Glauben nicht-religiöser Menschen: Denken in Zeiten der Krise. 4. Teil.

Hinweise des Philosophen Jim Holt zu Richard Dawkins
Von Christian Modehn
1.
Über die oberflächlichen Argumente von Richard Dawkins gegen den Glauben an Gott ist schon vieles und vieles Richtige gesagt worden. Sein Buch „Der Gotteswahn“ (2006) hat trotzdem sehr viele Käufer, wahrscheinlich auch etliche LeserInnen weltweit gefunden. Die sagten stolz und befriedigt: „Seht Ihr, es gibt keinen Gott, sagt doch Meister Dawkins“.
Nebenbei: Man könnte wohl nachweisen, wie etliche polemische Publikationen von Michael Schmidt-Salomon (Giordano-Bruno-Stiftung) unter dem Eindruck des polemischen Bestsellers von Dawkins erst so richtig verbreitet wurden. Der ehemalige Vorsitzende des Humanistischen Verbandes HVD, Horst Groschopp, nannte solche Atheisten deswegen „Krawall-Atheisten“…
2.
Die Debatte um dieses oft sehr polemisch geschriebene Buch des Evolutionsbiologen Dawkins „Der Gotteswahn“ wird jetzt noch einmal weitergeführt durch eine kleine, aber erhellende Studie des auch in Deutschland bekannten US-amerikanischen Philosophen und Autors Jim Holt. In seinem neuen Buch „Als Einstein und Gödel spazieren gingen“ (Rowohlt, 2020) hat Holt ein Kapitel zu Dawkins Atheismus-Werbung publiziert, mit dem Titel „Dawkins und Deus“. Die 19 Seiten dieser Studie könnten eigentlich jene sehr ins Grübeln bringen, die noch immer Dawkins-Fans sind. Abgesehen von den Hinweisen Holts zur oft lächerlichen Polemik Dawkins stört ihn, „wenn Dawkins die Aufrichtigkeit ernsthafter Denker in Frage stellt“ (S.410). Der militante Atheist Dawkins versetzt, so Holt, „einen besonderen (intellektuellen) Tiefschlag“ (S. 410) etwa dem Philosophen Richard Swinburne. Dawkins schreibe in einer, so Holt wörtlich, „erklärten Feindseligkeit“ (410) gegen die Religion(en).
3.
Die Frage ist also: In wieweit kann man das sich philosophisch nennende Buch eines Biologen ernst nehmen, wenn dieser als Wissenschaftler feindselig zu argumentieren versucht?
Holt bring nur einige zentrale Argumente gegen Dawkins Verteidigung der Wissenschaftlichkeit des Atheismus vor.
Wichtig ist, dass Holt den klassischen „ontologischen Gottesbeweis“ nach wie vor für bedenkenswert hält. „Dawkins ist offenbar nicht klar, das Argument (des ontologischen Gottesbeweises), auch wenn es mittelalterlichen Ursprungs ist, verfeinerte moderne Versionen hat, die keineswegs leicht zu widerlegen sind“ (411). Wobei allen klar ist, dass ein so genannter „Gottes-Beweis“ alles andere als ein mathematischer „Beweis“ ist, treffender wird von Aufweis gesprochen…Kein geringerer als der Philosoph und Mathematiker Bertrand Russell hat den ontologischen Gottesbeweis zumindest ernst genommen…Selbst die berechtigte Frage nach einer „letztgültigen Erklärung für das Entstehen des lebensfreundlichen Kosmos“ will Holt als treffend und berechtigt respektieren … im Unterschied zu Dawkins. Holt meint: Wenn man diese letztgültige Erklärung sucht, „dann ist es doch zumindest vernünftig, sich an die Gotteshypothese zu halten, oder?“ (412). Wer eine letzte Erklärung für unsere zufällige und vergängliche Welt sucht, so Holt, kann etwas, das „notwenig wie auch unvergänglich“ ist, „getrost Gott nennen“( 413).
Damit keine Missverständnisse aufkommen: Jim Holt will keinen unschlagbaren Beweis für die „Existenz“ Gottes vorführen. Daran denkt er gar nicht. Er will nur einem Biologen (Dawkins) philosophisch zeigen, dass dieser sich gar nicht korrekt „Intuitionen“ (wie Dawkins selbst sagt) anvertraut: Dass er oft nur „Vermutungen“ äußert (416) und letztlich einem „darwinistischen Nihilismus“ (415) anhängt. Das sagt Jim Holt, der wahrlich kein Kirchenvertreter, kein klerikaler Apologet ist, sondern ein analytischer Philosoph, der die Mathematik zudem über alles schätzt. Im Grunde legt er Dawkins Buch „frustriert“ (416) beiseite. Holt weiß: Für oder gegen die „Existenz“ Gottes gibt es keine definitiven, alles ein für allemal entscheidenden Argumente. Wie sollte es bei dieser umfassenden und wahrlich letzten Frage auch anders sein.
4.
Kluge, reflektierte Menschen werden also wohl noch lange Ja zu Gott sagen, wie eben auch andere kluge Menschen eben auch Nein zu Gott sagen. Und beide haben ein Wissen von der eigenen Haltung, die dann eine Glaubenshaltung genannt werden muss: Definitives über Gott oder „Nicht Gott“ wissen also beide nicht. Es sollte deswegen konsequenterweise auch keine mit dem Anspruch der letzten gültigen Wissenschaft auftretende atheistische Missionierung, keine atheistische Werbung à la Dawkins geben. So wie die Zeiten der theistischer Propaganda hoffentlich auch vorbei sind.
Unter diesen Bedingungen bleibt jeder tolerant und offen bei seiner stets als für ihn selbst relativ zu verstehenden religiösen Überzeugung. Denn auch der Atheismus ist als eine nicht beweisbare Überzeugung vom Nichtvorhandensein Gottes eben auch nichts anderes als eine Form, eine Gestalt des Glaubens.
Was hat das für Konsequenzen? So vereinen sich dann die Menschen als Gleichberechtigte, als „Brüder und Schwestern“ möchte man fast pathetisch sagen. Weil religiös Glaubende und atheistisch Glaubende eben zu der universalen menschlichen Gemeinschaft der Glaubenden gehören. Beide, religiös Glaubende wie nicht-religiös Glaubende stehen glaubend vor dem Geheimnis des Lebens. Welche Chance wäre dies, wenn sich diese Erkenntnis, dieses Wissen vom je eigenen Glauben, herumspräche. Und Humanismus dann gerade diese universale Haltung und Spiritualität wäre, sozusagen das “geistuge Dach” der Menschheit, unter dem sich religiös Glaubende wie nicht religiös Glaubende Menschen treffen.
5.
Dass es Glaubensformen unter religiös Glaubenden wie unter nichtreligiös Glaubenden gibt, die für den einzelnen wie für die Gesellschaft gefährlich sind, ist heute völlig klar. Diese der umfassenden Menschlichkeit widersprechenden Glaubensformen und Glaubensinhalte (etwa Fundamentalismen unter religiösen wie nicht-religiös Glaubenden) müssen kritisiert und ins Private zurückgesetzt werden. Maßstab dieser Kritik kann nicht ein Kriterium sein, das einer dieser Glaubensformen, ob religiös oder nicht religös, entnommen ist. Die Kritik an Fundamentalismen kann nur aus der allgemeinen Vernunft kommen, d.h. auch aus den Menschenrechten, den Werten der demokratischen Rechtsstaaten. Niemals aber können diese Kriterien aus dem Glauben einer Kirche stammen, sei es nun eine religiöse Kirche/Institution oder eine nicht-religiöse „Kirche“, also ein Verein, Verband, eine „Gesellschaft“, eine “Stiftung”…

Jim Holt, Als Einstein und Gödel spazieren gingen. Ausflüge an den Rand des Denkens. Rowohlt Verlag, 2020, 495 Seiten, 26 EURO.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Sicherheit oder Freiheit. Was ist wichtiger? Denken in Zeiten der Krise. 3. Teil.

Eine Herausforderung in diesen Zeiten.
Ein Hinweis von Christian Modehn

1.
Die Debatte ist da oder sollte da sein: Sicherheit contra Freiheit. Was ist wichtiger?
Viele meinen jetzt: „Natürlich ist Sicherheit wichtiger. Sogar möglichst viel Sicherheit wollen wir“. Es geht schließlich um die Eindämmung und Überwindung einer Pandemie. Es geht ums Überleben.
In welcher Hinsicht ist es also berechtigt zu sagen: Freiheit, persönliche Freiheit, ist gegenüber der Sicherheit doch nicht so wichtig? Wer das sagt: Ist er sich der Konsequenzen dieser Aussage bewusst?
2.
Wie lange werden diese Einschränkungen gelten? Wer legt die Dauer der Einschränkungen fest? Wie wirksam werden Forderungen sein, zu einem festen Zeitpunkt dann die Einschränkungen wieder aufzuheben zugunsten der allseits geltenden Bürgerrechte in einem Rechtsstaat?
3.
Viele Demokratien stehen angesichts dieses Problems noch recht gut da. Das ist eine Hoffnung. Aber auch in Demokratien kann die demokratische Stimmung umkippen und von Rechtsextremen zur breiten „Bewegung“ manipuliert werden.
Autoritäre Regime nützen schon jetzt ihre Chance: Sie begrenzen mit den Einschränkungen durch das Corona- Virus das freie Zusammenleben auf Dauer noch weiter ein. Oder die Pressefreiheit wird noch weiter durch Zensur behindert. Das wurde schon dokumentiert. Man lese die Studien von „Reporter ohne Grenzen“. Klicken Sie hier. Wie schnell wird sich China zu einem totalitären Regime entwickeln? Haben die Herrscher in Ungarn oder Polen förmlich auf diese Situation gewartet, um nun die Bürgerrechte noch weiter einzuschränken und auf eine Diktatur mitten in Europa hin zu steuern? Werden sich die Leute in den USA an ihren tatsächlich ignoranten Machthaber Mister Trump gewöhnen? Und sogar noch dessen absolut dummen Sprüchen glauben?
4.
Philosophisch und damit einer allgemeinen und begründeten Erkenntnis zugänglich, jenseits von bloßen Meinungen, gilt:
In der Debatte „Was ist wichtiger: Sicherheit oder Freiheit?“ müssen die zentralen Begriffe sozusagen präziser gefasst werden:
Sicherheit meint tatsächlich immer ein Sicherheitssystem, also immer gemachte Gesetze und Bestimmungen. Diese sind selbstverständlich nach einer Reflexion und in einem Willensentschluss bestimmter Menschen in die Wirklichkeit „überführt“ worden. Sicherheit hat eine geistige Basis, und diese Basis ist Reflexion, Vernunft und Wille. Diese Erkenntnis ist elementar, wird aber oft übersehen.
5.
Der gleiche Ansatz gilt auch für den Begriff Freiheit. Freiheit ist das Leben des Geistes: Der Mensch kann sich frei auf sein eigenes Denken beziehen und dabei elementar sein Selbstbewusstsein entdecken als die Basis seiner Reflexionen und Entscheidungen. Aber abgesehen von dieser Basis des inneren geistigen Freiseins als der Form des geistigen Bei-Mir-Selbstsein: Auch diese geistige Freiheit muss sich Institutionen der Freiheit schaffen, in denen diese menschliche Freiheit lebbar und sichtbar wird, dies ist der Rechtsstaat und die sind die Menschenrechte.
6.
So verändert sich unsere Ausgangsfrage zur Erkenntnis: Es geht eigentlich „nur“ um die Institutionen der Sicherheit und um die Institutionen der Freiheit. Beide sind Schöpfungen des menschlichen Geistes und dessen Kraft zur kritischen Reflexion. Beide sind in gewisser Hinsicht „Welten“, in denen man sich bewegt.
7.
Darum kann die Frage nur heißen: Ist die Institution der Sicherheit wichtiger als die Institution der Freiheit? Konkret: Ist die Institution der aktuellen Sicherheitsbestimmungen als Freiheitsbegrenzungen wichtiger als die Institution des Rechtsstaates und der Menschenrechte?
8.
Die Antwort ist klar: Die Institution des Rechtsstaates und der Menschenrechte sind wichtiger, fundamentaler, einzigartig. Die von der Sache her kleinere, weil prinzipiell zeitlich begrenzte Welt der Sonder-Sicherheits-Maßnahmen steht unterhalb der „Welt“ der Demokratie und der Menschenrechte
9.
Die Sicherheitsbestimmungen („Sicherheitsinstitutionen“) haben also nur vorübergehend und sehr genau demokratisch kontrolliert ihr Recht. Demokratisch kontrolliert heißt ja bereits: Es ist die Vernunft, die den Rechtsstaat ja erzeugt hat, diese Vernunft legt nun auch das Ausmaß der durchaus vernünftigen Sicherheitsbestimmungen fest.
10.
Wichtig ist nur zu erkennen: Sicherheit und Freiheit, verstanden als lebendige, wirkliche Institutionen, hängen ab von der Vernunft und leben nur dank der kritischen Kraft der Vernunft. Sie hat das letzte Wort.
11.
Wer nur innerhalb der Sicherheitswelt denkt, sich darin förmlich einschließt, der denkt und lebt begrenzt. Und das ist sogar gefährlich. Denn der Sicherheitsverteidiger/Fanatiker sieht das Ganze nicht. Wer im Horizont der Freiheit denkt und dieses ist ein Denken der Demokratie und der Menschenrechte, der denkt und lebt prinzipiell nicht nur größer, weiter, humaner, sondern auch universaler ist.
12.
Und dieses Denken der Freiheit als Denken der Demokratie und Menschenrechte muss heute aktiver werden: Es gilt nicht nur, an die bleibenden Korrekturen der Weltwirtschaft zugunsten des Klimaschutzes zu erinnern; es gilt zu warnen, dass vor lauter Resignation und „Aufbauwille“ nach überstandener Krise wieder die alten falschen Regeln der Umweltpolitik fortgesetzt werden.
13.
Genauso wichtig ist es innerhalb eines demokratischen Denkens und Handelns zu wissen: Die vielen Millionen Leidenden, also jetzt die Corona – Leidenden und Corona Toten in den armen Ländern dieser Welt (die von ultrareichen Diktatoren, umgeben von der entsprechenden so genannten Millionärs – Elite regiert werden) brauchen auch die Unterstützung der reichen Länder, reich immer noch im Vergleich zur Masse der armen Bevölkerung im Süden. Wer denkt im reichen Europa eigentlich daran? Was sagen wir dazu, wenn etwa das katholische Hilfswerk für Lateinamerika jetzt 100.000 Euro als „Soforthilfe“ für die Corona-Krise (in allen lateinamerikanischen Staaten!) zur Verfügung stellt. Während wir, auch unsere Regierung, mit Milliarden EURO für uns in Deutschland förmlich so um sich wirft. Wie die Lebensbedingungen unter dem Corona Virus in Peru aussehen, zeigt dieser Beitrag.
14.
Es ist nicht also das Denken innerhalb der engen Welt der Sicherheit, das jetzt Europa retten wird: Denn das Denken an die Sicherheit ist (fast) immer das Denken an die eigene Sicherheit, also auch an die nationale Sicherheit. Die Corona-Krise hat zum Aufflammen eines allumfassenden Nationalismus geführt: Aber an die Zukunft Europas, und damit der EU, gilt es zu denken. Und das kann man nur, wenn man aus der engen Welt des Sicherheitsdenkens heraustritt und sich vernünftig argumentierend innerhalb der Demokratie und der Menschenrechte bewegt.
15.
Weil Freiheit im emphatischen Sinne mit Vernunft identisch ist, hat natürlich immer die Freiheit als Vernunft den Vorrang. Denn nur die Vernunft kann die Formen der Sicherheit und der Sicherheits-Bestimmungen reflektieren und festlegen.
16.
Worauf es entscheidend ankommt, ist: Freiheit nicht banal als Freiheit zu verstehen, in der man alles tun und lassen kann. Entscheidend ist zu verstehen: freiheit ist, philosophisch gesehen, ein anderer Name für kriisch reflektierende Vernunft. Und die soll eigentlich das humane Zusammenleben bestimmen, auch die Fragen der Sicherheit.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

“Wer hoffen will, muss durch die Verzweiflung hindurch gegangen sein”: Denken in Zeiten der Krise. 2. Teil

„Wer hoffen will, muss durch die Verzweiflung hindurch gegangen sein“. Oder: Warum Hoffnung kein Optimismus ist.

Ein Hinweis von Christian Modehn

Ein anspruchsvoller, ein irritierender Satz. Er bezieht sich auf das Leben des einzelnen. Jeder Mensch muss durch die Verzweiflung hindurchgehen, so die These, will er Hoffnung erleben, die mehr ist als eine Illusion, mehr ist als Optimismus.

Der französische Schriftsteller Georges Bernanos (1888 – 1948) hat dieses Wort „Wer hoffen will, muss durch die Verzweiflung hindurch gegangen sein“ im Jahr 1945 gesprochen. Er war aus seinem Exil in Brasilien nach Frankreich zurückgekehrt und hatte dort eine viel beachtete Konferenz gehalten. Zum Thema Hoffnung. Wichtig und dringend in der Zeit der Befreiung von der Herrschaft der Deutschen und dem Ende des Hitler-freundlichen Pétain-Regimes.

Bernanos hatte sich während seines Aufenthaltes in Spanien während des Bürgerkrieges aus einem sehr konservativen zu einem demokratischen, kritischen Denker und Schriftsteller entwickelt, zu einer Stütze der Résistance in seinen Essays und Aufrufen.

Sein knapper Satz zur Hoffnung, inzwischen in Frankreich oft zitiert, könnte heute, in Zeiten der Krise, reflektiert und meditiert, hilfreich sein. Denn wir wissen jetzt: Es bringen uns weiter, es stützen uns, auch die Erkenntnisse des Geistes, Weisheiten, alte und neue, philosophische, literarische, religiöse. Und die Musik! Wir sind jetzt bereit, ernsthaft zu sagen: „Vor allem der Geist hilft, nur er kann letztlich trösten, mir meinen Sinn zeigen“.

Für Bernanos ist klar: Hoffen ist kein Optimismus. Hoffen ist kein willkürlicher Entschluss, nur noch das Positive zu sehen, nur das Schöne, nur den Fortschritt. Optimisten glauben: Alles werde schon gut ausgehen, für „uns“ natürlich zuerst. Hoffen als Optimismus verkommt so zu einer gedankenlosen Laune, die sich oft mit magischem Denken verbindet.
Bernanos sagt: „Optimisten sind glückliche Dummköpfe, Pessimisten sind unglückliche Dummköpfe“ („imbéciles).

Aus dieser Verklammerung zweier Haltungen muss man herausfinden als denkender Mensch, meint Bernanos, wenn man tatsächlich Hoffnung verstehen, Hoffnung „erringen“ und leben will. Nur Hoffnung kann eine geistige Basis im Leben sein. Hoffnung ist – im Unterschied zum Optimismus – begründete Zuversicht. Sie kann es deswegen wagen zu sagen: „Trotz allem“.

Und Bernanos macht einen Vorschlag, der eng mit philosophischen und religiösen Traditionen verbunden ist: Nur wer sich dem Negativen stellt, ihm sozusagen bewusst ins Auge sieht, es wahrnimmt und analysiert, wer also das Negative annimmt, durch es „hindurchgeht“ als einen Teil dieses menschlichen Lebens: Nur der kann dann inmitten aller Irritationen und danach auch wieder Licht sehen und Ermutigung zum Leben erfahren. Und zwar bleibend. Selbst, wenn wieder Irritationen kommen.

Der Philosoph Hegel sprach die gleiche Erkenntnis in seiner „Phänomenologie des Geistes“ aus: „Nicht das Leben, das sich vor dem Tode scheut und von der Verwüstung rein bewahrt, sondern das ihn erträgt und in ihm sich erhält, ist das Leben des Geistes.”
Hegel wusste: Die Stärke des menschlichen Geistes kommt nur daher, dass er mit dem Geist des Unendlichen verbunden ist. Nur deswegen konnte Hegel im Bedenken des Todes und der Auferstehung Jesu von Nazareth sagen: Der Geist des Ewigen, als eine Art „Funken in der menschlichen Seele, als das Ewige im Menschen, überdauert den Tod.

Ähnlich denkt Bernanos, der bei aller Kritik an der katholischen Kirche seit seinen Erfahrungen im Spanischen Bürgerkrieg mit dem christlichen Glauben verbunden blieb.

Was uns belastet, das Negative, würde Hegel sagen, nennt Bernanos Verzweiflung: Das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Abzurutschen, abzustürzen. Das Ende zu ahnen. Dies heißt dann für Bernanos in seinem Vortrag von 1945: „Bis zum Ende der Nacht gehen“. Und wenn die totale Finsternis sogar noch mit der Metapher „Hölle“ bezeichnet wird, dann habe diese „Hölle“ einen Namen, meint Bernanos: „Nicht mehr zu lieben“.

Das ist das entscheidende Stichwort: Die Überwindung der Verzweiflung, dieser „Hölle“ bietet die Liebe. Liebe hat viele Namen, viele Bedeutungen, zurecht: Caritas, Amor, Wohlwollen, Fürsorge, Erotik, Solidarität….Sie ist ist die geistige Energie des Lebens. Wer wieder hoffen will, sollte sich an diese geistige Liebe „anschließen“, sie zu leben versuchen.

Man möchte im Sinne von Bernanos hinzufügen: Zur Liebe sind wir sogar noch im Zustand der Verzweiflung fähig. Wahrscheinlich liebt sogar der Verzweifelte sich selbst immer noch, ein bisschen. Er will sich erhalten. Wie auch immer. Aber die Selbstliebe als mögliche Rettung des eigenen Lebens hat nur Sinn und „Erfolg“, wenn in höchster Not auch noch andere Menschen beistehen. Und wir mit dem letzten Rest der Kraft auch wieder zu lieben beginnen. Man sieht den Abgrund, ist aber nicht bereit, alles sinnlos zu finden. Man ist in der Verzweiflung, aber hat noch die Kraft, an der Allmacht der Verzweiflung zu zweifeln. Zweifeln an der Verzweiflung? Ist das schon „zu viel“ Philosophie?

Aber es gilt: Man kann in der Verzweiflung noch Gutes erwarten. Nämlich Liebe. Und ist auch bereit, gut zu sein. Liebe zu leben.

Liebe rettet den Verzweifelten „auf dem Weg durch die Nacht“, sagt Bernanos.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Eine Reise in unserer Wohnung. Denken in Zeiten der Krise. 1. Teil. Von Christian Modehn.

Liebe Freundinnen und Freunde,

ich schicke Euch einen lieben Gruß von meiner Reise. Früher hatten Worte auf den üblichen Ansichtskarten nicht viel Platz. Jetzt kann ich etwas ausführlicher schreiben.
Ich meine es ernst: Ich reise nämlich in meiner Wohnung. Und da ergeben sich wahre Entdeckungen, Momente der Freude, Momente der Stille, wie hoch oben, einst, im Gebirge. Ich möchte Euch von meiner Reise gestern berichten.

Ich breche spät am Morgen auf. Ich lebe ja hier „auf Vollpension“. Man kann ausschlafen. Zum Frühstück höre ich gern Haydn, mein Mann übrigens auch. Vor ein paar Tagen haben wir unsere CD Sammlung mal sortiert und dabei die Cellokonzerte entdeckt. Wieder entdeckt.
Danach gehe ich zuerst zu meinem Schreibtisch, notiere ein paar Sachen, blättere in der Zeitung. Aber es zieht mich dann doch in die Ferne, ich mache mich auf den Weg, zum Bücherregal gegenüber. Eigentlich habe ich ein Buch über Hegel gesucht, bleibe dann bei anderen Büchern hängen. Und staune, fast schäme ich mich: Da stehen ja so viele Bücher, die ich noch nicht oder so lange Zeit nicht beachtet habe. Dabei hatte sie doch einst aus Interesse gekauft. Bildbände, Kataloge von Ausstellungen. Ich greife zu den „Aquarellen von Cézanne“. Verstaubt ist nur der Umschlag. Und dann setze ich mich gleich wieder, das Buch in den Händen. Und blättere, im Urlaub habe ich ja auch bei Wanderungen viel Zeit. Was fällt mir auf? Ich fasse mich kurz: Mit wenigen Farben deutet Cézanne das Wesentliche an in der Berglandschaft von Sainte – Victoire, Provence. Irgendwie erinnern die Aquarelle an alte chinesische Natur – Malereien. Sie zeigen das Wesentliche, gerade, weil das Wesentliche nur zu ahnen ist. Das kann ich euch, liebe Freundinnen und Freunde nicht verschweigen: Eine Frage drängt sich auf: Was ist eigentlich für mich, für uns, das Wesentliche jetzt? Werde ich, werden wir, wie Cézanne, zum Meister der Einfachheit werden können? Diese Frage können wir ja weiter besprechen, wenn wir uns wieder sehen oder zwischendurch wieder schreiben.

Nun muss ich doch weiterwandern. Im Nebenzimmer ist ein sehr üppiges, ich würde sagen, farbenfrohes Bild, eigentlich nicht zu übersehen. Aber wie oft habe ich es übersehen, ignoriert? Der Maler nannte es „Herbstlandschaft im Harz“, ein Erbstück meiner Tante Maria. Wie sehr sie das Bild liebte. Ich setze mich. Und sehe sie vor mir in ihrer Begeisterung für das Bild. Bin dankbar für Ihre gleich bleibende Freundlichkeit. Wie oft hat sie mir als Kind schon gesagt: „Verweile nicht nur vor dem Bild, sondern trete ein in das Bild“. Ich versuche es. Im stillen Sitzen bin ich dann doch irgendwie im Harz gelandet, zumindest in mitten in der Natur. Wenn ich dann aus dem Fenster schaue, sehe ich schon die ersten Forsythien. Die Natur lässt sich nicht „unter kriegen“, bis jetzt.

Mein Mann ruft mich in die Küche. Wir trinken Kaffee mitten in unserer „Urlaubs-Pension“ . Neben den Tassen liegt noch die Verpackung: „Herkunftsland El Salvador“. Wir sprechen jetzt nicht vom sinnvollen Zwang, zuhause zu bleiben … und dort zum Beispiel Reisen zu unternehmen. Wir sprechen von El Salvador, dem Bürgerkrieg dort, der Ausbeutung, den Armen, den Basisgemeinden. Und dann schweigen wir. Schließlich frage ich: „Warum geht es uns – trotz allem – doch noch besser als den vielen Armen in Lateinamerika? Warum hatten wir in Europa uns eigentlich daran gewöhnt, dass es uns meist gut, den meisten dort aber sehr oft sehr schlecht geht?“
Wir beide müssen verstummen. Irgendwie bestimmt uns die Phantasie. So, als würden wir auf einer Bank in den Bergen verweilen. Werden wir melancholisch? Vielleicht. Den Verlust bedenken, den Abschied annehmen, das tut gut, ist heilsam. Nichts kommt so wieder, wie es einmal war. Eine Binsenweisheit.

Aber wir reisen weiter und wandern zu einem anderen Regal in einer Ecke. Da lächeln uns kleine Statuen von Buddha und Jesus an. Sie sind dicht bei einander. Unser Hausaltar, könnte man sagen, zumindest eine Art spiritueller Rückzugsort. Früher, in Bayern oder Frankreich, haben wir ja auch gern leere Kirchen besucht. Hier sind wir sozusagen in einem multireligiösen Ort. Was für ein Geschenk: Buddha und Jesus stehen friedlich nebeneinander, wie gute Freunde, wie es sich eigentlich gehört.
Ich frage: “Was würden Buddha und Jesus uns wohl jetzt sagen?“

Auf dem Sofa bleiben wir vielleicht eine gute Stunde im Schweigen sitzen. Die Zeit steht still. Reine Gegenwart.

PS.: Wir werden weitere Reisen in der Wohnung machen, Entdeckungsreisen. Und, liebe Freundinnen und Freunde: Wir freuen uns über Eure Briefe über eure aktuellen Reisen. In der eigenen Wohnung, versteht sich.

Liebe Grüße erst mal nach unserer Reise, von Christian und Hartmut.

Nebenbei: Die Anregung für „Eine Reise in meiner Wohnung“ habe ich von dem französischen Schriftsteller Xavier de Maistre (1763- 1852) erhalten, von seinem Buch „Voyage autour de ma chambre“.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

HEGEL heute: Wer ist der Mensch? Was ist der Sinn der Geschichte? Welche Religion ist vernünftig?

Ein etwas ausführlicher Hinweis von Christian Modehn.

Angesichts des zentralen Themas der ganzen Philosophie Hegels gilt dieses Motto:
„Was wäre sonst der Mühe wert zu begreifen, wenn Gott unbegreiflich ist?“ (Vorlesungen über die Philosophie der Religion, Band I, Suhrkamp Ausgabe, Frankfurt, 1969, S.44)

1.
Kann man zur Philosophie Georg Wilhelm Friedrich Hegels eine kurze Einführung bieten? Das will ich – etwas übermütig – probieren. Hegels Philosophie ist immer schon hoch umstritten, vielfach auch im Widerspruch interpretiert. Aber kein Philosophierender kann auf Hegels Anregungen verzichten. Manche wissen allerdings nur, dass Karl Marx Hegel gelesen hatte und ihn auf seine Weise reduzierte … mit allen welthistorischen, z.T. sehr unangenehmen Konsequenzen (Stalinismus etc.)
Hier geht es also um eine bescheidene Einführung zu einem umfassenden Werk. Einführungen sind bekanntlich nur Hinführungen, Anstöße zum Gespräch, Impulse zum Weiterlesen, Weiterforschen. Und, auch dieses noch: Warum könnte man sich nicht auch die Frage stellen: Sind die Erkenntnisse Hegels, die hier vorgestellt werden, vielleicht sogar eine Hilfe, sein eigenes Leben reflektierter und vernünftiger, d.h. geistvoller zu gestalten?
2.
Als allgemeine Orientierung gilt: Hegels Philosophie ist keine Spielerei mit Begriffen, sie ist keine philosophische „l Art pour l art“. Darauf hinzuweisen ist wichtig, weil die sprachliche Gestalt der meisten Veröffentlichungen Hegels und auch die Texte seiner Berliner Vorlesungen ziemlich schwierig für den Ungeübten erscheint. Hegels Philosophie ist eine ganze geistvolle „Welt“, die sich als Angebot einer Deutung der Geschichte, Menschen und dem Göttlichen zur Reflexion darbietet. Ohne diesen Anspruch ist Hegel nicht „zu haben“.
Aber es ist vielleicht auch hier so wie bei der Musik: Man könnte bei der Hegel – Lektüre versuchen, sozusagen denkend „mitzuschwingen“. Denn seine Philosophie ist ein Geschehen, sie ist Bewegung, ein Hin und Her als Annäherung an eine höhere Stufe der Erkenntnis! Und vom Widerspruch zur These geht es wieder zurück zu dem neu verstandenen Ausgangspunkt. Hegels Philosophie ist gerade wegen ihrer Bindung an die Dialektik nichts Starres. Sie ist Leben, ein Leben, das um das eigene, tiefste Verstehen ringt. Die Hörer seiner Vorlesungen an der Berliner Universität berichteten, wie Hegel selbst seine Vorträgen förmlich wie Selbstgespräche hielt und dabei sein Denken, seinen “Denkfluss“, öffentlich zeigte, denen sich die Hörer anschließen mussten, wollten sie diese Welt verstehen.
Es geht also um ein Einsteigen in die Bewegtheit, könnte man sagen. Erst nach diesem Mitvollzug kann dann die kritische Distanz gelingen. Einige einführende Hinweise zu dieser Einführung sind notwendig:
3.
Hegels philosophisches Denken ist in einer bestimmten politischen und gesellschaftlichen Situation entstanden und von dieser im Ganzen geprägt: Es ist die Erfahrung der Französischen Revolution, dieses radikalen Umstürzen der alten feudalen Unordnung, der Herrschaft der wenigen über die unterdrückten Vielen, also das hart erkämpfte Sich – Durchsetzen der Freiheit und Würde eines jeden Menschen. Der Philosoph Joachim Ritter (Münster) hat schon 1956 Grundlegendes über diese kaum zu überschätzende Bedeutung der Französischen Revolution für das ganze Denken Hegels nachgewiesen: „Es gibt keine zweite Philosophie, die so sehr und bis in ihre innersten Antriebe hinein Philosophie der Revolution wie die Hegels“ (Joachim Ritter, Hegel und die Französische Revolution, Westdeutscher Verlag 1957, S. 15). „Hegel hat immer die Französische Revolution bejaht“ (ebd. S. 17. Dabei weiß Hegel natürlich genau, dass dieser grundlegende Umbruch in der Weltgeschichte „diesen“, so Hegel wörtlich, „herrlichen Sonnenaufgang“ (S. 18 ebd.), immer neu weiter gestaltet werden muss! Hegel bearbeitete die Erfolge und auch die Gefährdungen der Französischen Revolution, er weiß aber, dass die Errungenschaften der Revolution wichtiger zu nehmen sind: Also die Menschenwürde, die Emanzipation, die Gleichheit aller Menschen, Themen, die uns heute bewegen. Und die es zu verteidigen gilt. Insofern ist Hegels Philosophie in vielen ihrer Vorschläge alles andere als vergangen. Hegel ist vielmehr in mancher Hinsicht eine Art Zeitgenosse, der oft Zustimmung verdient, immer aber kritisches Nachfragen.
Hier wäre auch noch an die sehr frühe Begeisterung für die Französische Revolution der Studenten Hegel, Hölderlin und Schelling an der Universität Tübingen (und dem gemeinsamen Wohnen im „Stift“ dort) zu erinnern. Dazu schreibt der Hegel-Spezialist Klaus Vieweg: “Die Revolution ist Hegels politisches Grunderlebnis“ (S. 67 in der sehr umfangreichen Studie: „Hegel – Der Philosoph der Freiheit“, 2019). Hegel hat schon als junger Mensch in Tübingen unter der politischen (und kirchlichen) Reaktion gelitten, unter dem deutschen Nationalismus. Nicht die Nation sollte entscheidend sein, sondern die freiheitliche und vernünftige Rechtsidee.
4.
Mit der grundsätzlichen Zustimmung zu den Idealen der Französischen Revolution, und trotz aller Kritik an den Verirrungen im politischen Handeln der Revolutionäre, hat Hegel doch diese neue Zeit der Freiheit als alles gründenden Wert geschätzt. Diese welthistorische Wende wollte er denkend vertiefen, auf den Begriff bringen. Und sie mit der Erfahrung der Unfreiheit im Leben des einzelnen wie der Gesellschaft konfrontieren, also der Entfremdung vom eigentlichen menschlichen geistvollen Leben. Es ist die Fremdbestimmung, der Verlust der Freiheit, was Hegel überwinden will. Es ist dieses Leiden an den „Verhältnissen“ und den zunehmend reaktionären Zuständen nach den Karlsbader Beschlüssen, das Hegel zum systematischen Denken treibt. Und damit macht er es sich zur Pflicht, an der Auflösung des Erstarrten, Leblosen, Geistlosen denkend zu arbeiten. Dieses Ziel nennt Hegel die Versöhnung, also das Sich Befreien aus dem falschen Leben hin zum Leben in Freiheit: Der Mensch will als freies Wesen bei sich selbst sein, auch in der Gesellschaft, im Staat und in der Kirche „bei sich selbst“ sein. Entscheidend ist: Menschliche Freiheit ist für ihn „Bei-sich-selbst-Sein. Es ist also der Versuch, das den Menschen umgebende Ganze in die Erkenntnis eines umfassenden „Bei sich selbst seins“ zu führen. Die prinzipielle Fremdheit der Welt kann nur zunächst im Denken überwunden werden, damit dann auch der Staat und die Religion frei gestaltet, also vernünftig gestaltet werden können.
5.
Diese Versöhnung, soll sie denn gelingen, muss also notgedrungen im Denken beginnen. Nur im philosophischen Denken kann der Widerspruch im Leben des einzelnen wie der Gesellschaft erkannt, also begrifflich kritisch gefasst werden. Alles blinde, begriffslose Herum-Agieren der so genannten „Praktiker“, auch der Politiker, hat Hegel verschmäht. Zuerst kommt das philosophische Denken! Aber es entspringt bereits der Lebenspraxis, dem Leiden an den Verhältnissen. Und dann folgt die durch Klarheit der Begriffe erweckte NEUE Praxis als Widerstand und Widerspruch gegen die alte Praxis, gegen das alte falsche Leben und seine Ideologien.
6.
Man vergesse nicht: Hegels Sprache ist die Sprache eines Intellektuellen am Ende des 18. und an dem Beginn des 19. Jahrhunderts. Es die Sprache einer (uns nicht mehr so sehr vertrauten) Kultur, in der die philosophischen Debatten einen sehr hohen öffentlichen Stellenwert hatten… und der Streit der Philosophen untereinander: das leidenschaftliche, oft polemische Sich – Widersprechen und Profilieren.
7.
Noch eine Orientierung für „Hegel-Anfänger“: Es gilt, auf die sprachlichen Nuancen zu achten, auch auf die Neuschöpfungen von Worten und Begriffen. Man bedenke etwa an die von Hegel intendierte Mehrdeutigkeit des Wortes „Aufheben“, im Sinne von Bewahren und Überwinden, ein zentraler Begriff innerhalb der Dialektik. Oder: „Wirklich“ ist für Hegel nicht identisch mit „real“ oder „faktisch vorhanden“. Das gilt etwa für den oft zitierten Satz aus seiner „Rechtsphilosophie“: „Was vernünftig ist, das ist wirklich. Und das, was wirklich ist, das ist vernünftig“. (in: „Grundlinien der Philosophie des Rechts“, Frankfurt am Main 1972, S. 11). Das Wirkliche ist im Unterschied zu dem bloß (zufällig) faktisch Vorhandenen also jenes Gegebene, das auch tatsächlich seinem wesentlichen Begriff entspricht. Ein Beispiel: Nicht jeder vorhandene Staat entspricht dem normativen Wesensbegriff eines Staates, der nur dann human ist, wenn er ein Rechtsstaat ist. Erst wenn dieser Staat als Rechtsstaat sich gestaltet, ist er nicht mehr nur ein faktisch vorhandener Staat, sondern ein „wirklicher“ (vernunftgemäßer) Staat. Das gleiche gilt etwa auch für Kirchen, die sich auf Jesus von Nazareth berufen und zur Gottes-Verehrung auffordern: Da fragt dann Hegel ganz klar: Sind diese faktischen Kirchen schon wirkliche Kirchen? Eher nicht, ist seine Antwort.
8.
Es kann hier nur angedeutet werden: In der Philosophie Hegels hängt jedes einzelne Thema mit dem Ganzen zusammen. Und der Philosoph macht sich die Mühe, die Position differenziert zu beschreiben, wo sich das Einzelthema im Gesamtzusammenhang der Sache nach befindet. Hegels Denken vollzieht sich in Schritten als Stufen zu immer höherer Klarheit. Dieser Weg der Erkenntnis des einzelnen beginnt bei der sinnlichen Wahrnehmung und er führt immer weiter zur höchsten Erkenntnis, als dem Wissen des einzelnen, dass sein Geist Anteil hat am absoluten Geist. Diese mühevollen Schritte werden in Hegels „Phänomenologie des Geistes“ dargestellt.
9.
Wie gesagt: Hegel hat ein umfassendes, systematisches Werk hinterlassen, in dem (fast) alle philosophischen Themen und „Abteilungen“ seiner Zeit zur Sprache kommen. Hegel selbst sah seine ganze Philosophie sehr deutlich und positiv gemeint als System, „als ein sich selbst tragendes Ganzes, worin jeder Teil auf jeden anderen verweist und Teil des Ganzen ist“, so deutet der Philosoph Karl Löwith sicher treffend die Hegelsche Philosophie (in: Hegel-Bilanz, Frankfurt am Main, 1973, S. 3).
In jedem Fall gilt: Hegel hat nicht etwa hübsche Essays, nicht Fragmente, nicht elegante Aphorismen (wie Nietzsche) uns hinterlassen, sondern – die ganze Last eines Systems.
Hier sollen jetzt nur drei zentrale Themen etwas vertieft werden, die Mut machen könnten, sich weiter in Hegels Denken zu vertiefen. Man vergesse dabei nicht, was oben geschrieben wurde: Weil Hegels Philosophie einer Krise im Leben des einzelnen wie der Gesellschaft entspringt, kann sie uns, inmitten vieler Krisen, eine Anregung sein. Denkanregungen sind bekanntlich Anregungen zur Lebensgestaltung. In diesem Sinne ist Philosophieren immer irgendwie auch Anregung zur Lebensgestaltung. Das ist ja schon der Sinn, den griechische Philosophen den Philosophierenden, also den Philosophen, gaben: „Erkenne dich selbst“ – so hieß es im Apollo-Tempel zu Delphi, eine Maxime, die Hegel schätzte: Erkenne dich selbst, dann kannst du ein menschlicher, geistvoller Mensch werden. Dies ist kein Versprechen, sondern eine Hoffnung, die von der Qualität des einzelnen abhängt! Hier möchte ich ein erwas längeres Zitat Hegels aus seiner „Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften“ § 377 anbieten: „Die Erkenntnis des Geistes ist die konkreteste, darum höchste und schwerste. Erkenne dich selbst, dies absolute Gebot hat weder an sich, noch da, wo es geschichtlich als ausgesprochen vorkommt, die Bedeutung nur einer Selbsterkenntnis nach den partikulären Fähigkeiten, Charakter, Neigungen und Schwächen des Individuums! Sondern die Bedeutung der Erkenntnis des Wahrhaften des Menschen wie des Wahrhaften an und für sich, – des Wesens selbst als Geistes. Ebenso wenig hat die Philosophie des Geistes die Bedeutung der so genannten Menschenkenntnis, welche von anderen Menschen gleichfalls die Besonderheiten, Leidenschaften, Schwächen, diese sogenannten Falten des menschlichen Herzens zu erforschen bemüht ist, – eine Kenntnis, die teils nur unter Voraussetzung der Erkenntnis des Allgemeinen, des Menschen und damit wesentlich des Geistes Sinn hat, teils sich mit den zufälligen, unbedeutenden, unwahren Existenzen des Geistigen beschäftigt, aber zum Substantiellen, dem Geiste selbst, nicht dringt“ (Hegels Werke in 20 Bänden, Band 10, Frankfurt/M. S.9).
Jetzt aber geht es jetzt um Hinweise zu Hegels Begriff vom Menschen. Dann zweitens um Hegels Begriff der Geschichte und drittens um Hegels Begriff der Religionen, vor allem des Christentums.
10.
Hegels Begriff vom Menschen:
Viele Anregungen zu diesem Thema stammen noch aus der Zeit, als Hegel noch mit seinem Freund Hölderlin eng verbunden war. Darauf weist der Hegel-Spezialist Dieter Henrich hin, (in seinem Aufsatz „Hegel und Hölderlin“ in dem Buch „Hegel im Kontext,“): „Hölderlin gab Hegel als Philosophen den wichtigsten, den letzten prägenden Anstoß“, (dort S. 38).
Entscheidend ist dabei das von Hegel zunächst als These vorausgesetzte, dann vernünftig überprüfte „Wesen des Menschen“: Und dieses Wesen ist die Teilhabe am absoluten Geist. Wie bei Hölderlin ist ein religiöser Aspekt bei Hegel dauernd anwesend. Auch wenn er, wie Hölderlin auf seine Art, keine persönliche enge Bindung an die evangelische Kirche hatte. Dabei schätzte Hegel die Lehre der Kirche sehr, aber das heißt ja nicht, dass er sich sonntags oft in den Gottesdienst setzte. Er wollte die Lehre der Kirche begreifen, auf den Begriff bringen, also die Anschaulichkeit der Religion ins Philosophische heben.
Aber entscheidend für das „Menschenbild“ Hegels ist grundsätzlich:
Die philosophische Erkenntnis der Verbundenheit des Göttlichen mit dem Menschlichen ist selbstverständlich eine solche, die auf das wirkliche und auch das reale Leben der Menschen bezogen ist. Insofern gibt es eine durch die Vernunft erkannte, aber nicht von der Vernunft erzeugte Einheit von Gott und Mensch.
Damit grenzt sich Hegel entschieden ab von der Herrschaft des Verstandes: Der Verstand konnte in der Aufklärungszeit, bei allem Respekt Hegels für deren wissenschaftliche Leistungen, zunächst nur die äußere Gestalt des Lebens analysieren und wissenschaftlich untersuchen. Der Verstand lebt in und von abstrakten Begriffen, vor allem von unvermittelten Gegenüberstellungen. Etwa: „Endliches ist etwas total anderes als Unendliches“. Oder: „Gott ist etwas total anderes als Menschliches“ usw. Um die Auflösung dieser abstrakten Gegensätze geht es Hegel: Denn sie zerreißen die im Geist, also in der philosophischen Vernunft erfahrene und gedachte Einheit des Lebens. Erst die Erkenntnis und Anerkenntnis der Verbindung und des Aufeinanderverweisens und dadurch des Verbundenseins der Gegensätze bringt das Leben aus der Erstarrung heraus. Es entsteht die Erkenntnis einer (partiellen) Identität: Das “andere“, Fremde, gehört also wesentlich zum Menschen als einem Wesen des Geistes. Das andere bin auch ich als Mensch, aber dies ist nur der Ausgangspunkt. Denn vernünftig gesehen ist in dem anderen wie auch in mir, der eine allgemeine Geist, die eine allgemeine Vernunft lebendig. So weiß sich der Mensch in einer letzten Einheit!
Der menschliche Geist ist für Hegel also nur deswegen in der Lage, das andere, auch die Natur und dann auch die anderen Menschen etc. zu erkennen, weil in diesen „anderen“ der eine gemeinsame Geist lebt. Nichts fällt aus dieser grundsätzlichen Einheit heraus. Aber dies ist selbstverständlich kein Pantheismus!
Hegel befreit so das Denken aus der Erstarrung des abstrakten Gegeneinanders in der Welt. So kann ein neues, umfassendes und freies Denken entstehen und auch ein neues Leben eröffnen. Denn das Lebensgefühl wird „erhoben“, wenn der einzelne weiß: Ich habe Anteil am Ewigen, Göttlichen, selbst wenn so viel Negatives, Elendes, in dieser Welt besteht. Aber diese Welt (und der Mensch) ist ein Endliches, aber als solches einbezogen ins Unendliche. Dies kann förmlich ein Trost sein! Mehr kann ein Philosoph nicht sagen. Dies ist die Leistung der Vernunft bzw. der philosophischen Spekulation.
Nebenbei: Hegel ist am 14. November 1831 in Berlin plötzlich an der Cholera gestorben, seine Frau berichtet von seinem Tod: „Es war das Hinüberschlummern eines Verklärten…Seine himmlische Ruhe und sein seliges Einschlafen wurde durch keine äußere Unruhe, durch keine laute Klage gestört“ (Karl Rosenkranz, G.W.F. Hegels Leben, 1844 erschienen, Neudruck Darmstadt 1971, S. 424). Hegel hatte in seiner Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie (siehe unten) als Philosoph gelehrt: Der Tod ist grundsätzlich überwunden. In seiner Interpretation des Kreuzestodes Jesu Christi sagt Hegel: „Gott nämlich erhält sich in diesem Prozess und dieser (Prozess) ist nun der Tod des Todes“… Und der Mensch hat daran Anteil, weil er – wie gesagt – Anteil des Göttlichen ist… (Vorlesungen über die Philosophie der Religion I, Werke 16, Suhrkamp Verlag, S. 291)
11.
Die Vernunft des Menschen ist der Geist. Und dann wird es entscheidend: Der Geist des Menschen hat Anteil am absoluten Geist. Diesen nannte man früher in der Philosophie „Sein“ (Henrich, S. 38)
Dies ist nun ein zentraler Gedanke, den man bei Hegel immer nachvollziehen sollte: In seinem Buch „Phänomenologie des Geistes“ zeigt Hegel in vielen Schritten, wie das menschliche Bewusstsein sich langsam erhebt bis hin zum absoluten Geist, an dem der menschliche Geist Anteil hat. Die Annahme eines absoluten Geistes, man könnte auch sagen, einer göttlichen Wirklichkeit, die auch in den Menschen wirkt, gehört zur Grundüberzeugung Hegels. Das Göttliche, Gott, ist im menschlichen Denken und im Dasein des Menschen nur deswegen erreichbar, weil es selbst immer schon im menschlichen Geist anwesend und wirksam ist. Sonst wäre dieses Erreichen des Göttlichen im Denken gar nicht möglich für Menschen.
12.
Der Mensch im Sinne Hegels ist also kein Wesen, das in die Grenzen des Endlichen, Weltlichen, eingeschlossen ist! Der Mensch überragt den (alltäglichen) „Menschen“ unendlich. Er hat Qualitäten, die man – mangels besserer Begriffe – eben göttliche Qualitäten nennen kann.
Noch einmal: Diese Erkenntnis Hegels ist für ihn keine pure, gar willkürliche Behauptung oder Laune, sondern eine Erkenntnis, die sich aus der Reflexion der geistigen Verfassung des Menschen ergibt. Der Mensch gehört zu Gott, und Gott gehört zum Menschen, dies ist der Kern der „Anthropologie“ Hegels.
13.
Dieser menschliche Geist ist immer denkender, prüfender Geist. Damit werden von Hegel alle bloß gefühlsmäßig vorgebrachten Behauptungen und Meinungen zurückgewiesen. Die Bedeutung der Gefühlswelt leugnet Hegel nicht, aber sie hat nicht das letzte Wort. Denn sie kann aufgrund der „Verschwommenheit“ und der von Launen abhängigen Aussagen keine allgemeine, für alle gültigen Erkenntnis des Wahren usw. befördern. Esoterik oder Gefühlstheologie hat also bei Hegel keine Akzeptanz. Menschen brauchen die Klarheit der allgemeinen Begriffe, um sich untereinander mit möglichst wenigen Missverständnissen gemeinsam – auch sprachlich – orientieren zu können.
14.
Dies gilt auch für Hegels Hinweise zum Thema Krankheit und Tod: Dieses Thema steht eher am Rande der Hegel-Forschung, auch wenn es in der „Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften“ ausführlicher besprochen wird. (§ 371 ff). Diese Reflexionen Hegels zeigen, dass er sich mit elementaren Erfahrungen unseres menschlichen Lebens als Philosoph befasste, er analysierte etwa unterschiedliche Formen der Krankheit, kannte genau die – damals zugänglichen – Fakten. Und das ist typisch für die umfassende Bildung dieses Philosophen.
Hegel bietet aber als Philosoph keine empirische, schon gar keine direkte medizinische Hilfe im Falle von Krankheit. Er empfiehlt die wissenschaftlich argumentierende Tätigkeit der Ärzte und weist entschieden die damals üblichen Hilfen von „esoterischen Heilern“ und Ärzten im „Geiste der Romantik“ zurück.
Krankheit des Menschen heißt für Hegel elementar: Körper (Natur) und Geist fallen auseinander. Krankheiten verweisen auf den Tod. Das organische Leben des Menschen muss sterben. Diese endliche Welt kann man nur akzeptieren und dabei differenziert nachdenken. Denn beim abstrakten Endlichen kann Hegel nicht stehen bleiben: Der Geist des Menschen bzw. der göttliche Geist in jedem Menschen ist ewig. In immer neuen Reflexionen zeigt Hegel diese seine alles überragende Erkenntnis: Der einzelne Mensch darf nicht auf dem begrenzten Standpunkt der einzelnen Individualität verharren, sondern sich auf das Allgemeine beziehen. Erst dann wird das wahre Wesen des Menschen sichtbar, erst dann können Krankheit und Tod in das individuelle Leben integriert werden. Ein Gedanke, den Hegel auch in seiner Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie vertieft.
Hegel bezieht sich auch im Fall der Krankheit auf seine Erkenntnis der überragenden Macht des Geistes, und dieser Geist im Menschen ist immer auch Teil des „absoluten Geistes“, also „des göttlichen Geistes“. (Siehe auch: Dietrich von Engelhardt hat über „Hegels philosophisches Verständnis der Krankheit“, in Sudhoffs Archiv, 1975, einen längeren medizinhistorischen Aufsatz geschrieben).
Über die romantische Medizin, d.h. die eher magische Medizin der Romantiker, der Hegel NICHT angehörte, siehe etwa die Studien von Roland Schiffter:
15.
Wichtig ist es in dem Zusammenhang, noch einmal daran zu erinnern, dass Hegel das Negative im Leben überhaupt nicht beiseite schiebt, im Gegenteil: Erst das Sich-Auseinandersetzen mit dem Negativen führt zu einem nicht entfremdeten, wahren Leben. Die folgende Aussage Hegels ist auf die überragende Kraft des Geistes bezogen, der sich in der Form der Dialektik auch mit allem Gegebenen, damit auch dem Negativen, auseinandersetzt. In seiner „Phänomenologie des Geistes“ (1807) schreibt Hegel diese oft zitierten Sätze, die man gerade in Krisenzeiten – eher meditativ – lesen sollte:
„Aber nicht das Leben, das sich vor dem Tode scheut und von der Verwüstung rein bewahrt, sondern das ihn (den Tod) erträgt und in ihm sich erhält, ist das Leben des Geistes. Er gewinnt seine Wahrheit nur, indem er in der absoluten Zerrissenheit sich selbst findet. Diese Macht ist der Geist nicht als das Positive, welches von dem Negativen wegsieht … Sondern der Geist ist diese Macht nur, indem er dem Negativen ins Auge schaut, bei ihm verweilt. Dieses Verweilen ist die Zauberkraft, die es (das Negative) in das Sein umkehrt“. (zit. in der Vorrede der „Phänomenologie des Geistes“. In der Ullstein Ausgabe, S. 29)
16.
Hegel und die Philosophie der (Welt)-Geschichte
Auch bei diesem für Hegel sehr wichtigen Thema zeigt er sich als anspruchsvoller und eigenwilliger Denker, der meint, „das Ganze“, eben auch das der Geschichte, begreifen, auf den Begriff bringen zu können, und zwar hinsichtlich der Frage: “Hat die Weltgeschichte ein Ziel? Und hat Weltgeschichte einen Sinn?“
Diese Frage kann vielen obsolet erscheinen angesichts aller Katastrophen in der näheren Vergangenheit und Gegenwart (Kriege, Holocaust, Kolonialismus und Sklaverei einst und heute, Seuchen etc.). Da weigern sich viele, in dieser Geschichte der Menschheit noch einen Sinn oder gar ein „gutes Ziel“ zu sehen. Sie geben sich im Denken der Verzweiflung hin oder schließen sich in einen Agnostizismus ein. Die Frage ist nur, die sich auch Hegel stellte: Wer für den Gang der Geschichte einen Sinn ausschließt: Kann der oder die diesen Sinn noch in dem kleinen individuellen Leben sehen, wenn ringsum nur Unsinn ist? Ist dieses individuelle Leben doch auch eingefügt in den Gang der Weltgeschichte. Und die agnostische Haltung „ich weiss es nicht“ hätte Hegel als falsche Bescheidenheit, wenn nicht als resignative Denk/Lebens-Haltung interpretiert. So ist Hegels Philosophie der Weltgeschichte eine bis heute zu recht heftig diskutierte These bzw. Erkenntnis, aber die Debatte darüber lohnt immer! Der einzelne, auch der Leidende, der Ermordete hat ja als einzelner Anteil am göttlichen Leben. Dies ist keine fromme Vertröstung, sondern ein letzter Trost, der bleibt, wenn alle sozialen und politischen Versagen. Hegel sah also die wesentliche Struktur des einzelnen wie auch parallel dzu den großen Gang der Weltgeschichte zu einem besseren Wissen von der Freiheit. Der einzelne muss als endlicher Mensch in diesem großen, mühevollen und leidvollen Gang der Weltgeschichte verschwinden, er verschwindet aber nicht in dem Aufgehobensein in einem Ewigen.
Hegel betonte: Die Weltgeschichte ist der langsame, mühevolle und schmerzliche Prozess, in dem das menschliche Bewusstsein zu einem immer weiter reflektierten, „präzisen“ Wissen von der Freiheit des Geistes gelangt. Diese stufenweise Entwicklung des Wissens von der Freiheit wird von Hegel plausibel gezeigt: Die Griechen im Stadtstadt Athen waren überzeugt: Nur einige Männer sind frei. Im Mittelalter waren es die Feudalherren und die Kleriker, mit der Aufklärungszeit und der allgemeinen Bildung wussten dann immer mehr, wenn nicht gar alle Menschen (in bestummten Gegenden Europas), dass sie frei sind. Heute, um den Gedanken über Hegel hinaus zuführen, wissen selbst Menschen in Diktaturen, wie China, dass es eigentlich dem Wesen des Menschen entsprechend wäre, wenn nicht eine einzige Partei, sondern viele demokratische Parteien in einer Demokratie China regieren würden.
(Siehe die Debatte zur Philosophie der Weltgeschichte: http://werkstatt.hegel.net/index.php/Weltgeschichte_als_Fortschritt_im_Bewusstsein_der_Freiheit#was_ist_der_Status_von_Weltgeschichte_innerhalb_von_Hegels_System.3F_.28KF.29)
Hegels Philosophie der Weltgeschichte ist ein von logischen Schritten, um nicht zu sagen, logischen Zwängen bestimmter Stufengang zum immer tiefer reflektierten Bewusstsein der Freiheit. Dabei kommt diese Philosophie nicht ohne gewisse Hilfskonstruktionen aus: Denn es bleiben auch gewisse Regionen der Welt trotz allgemeinen Fortschritts noch rückständig. Und den wahren Sprung zu besserer Bewusstheit zu vollziehen, kümmerten sich berühmte große Männer um einen Sprung nach vorn: Deswegen verwendet Hegel (wohl von Adam Smith inspiriert) den Begriff der „List der Vernunft“: Diese List hilft wie die „unsichtbare Hand“ oder wie theologisch formuliert die „göttliche Vorsehung“ der Weltgeschichte „weiter“ auf ihrem Weg zur tiefen Erkenntnis der Freiheit…
Hegel kann nur die schon geschehene Geschichte auf seinen Begriff bringen, Voraussagen zur Zukunft etwa der Staatenwelten kann er nicht machen.
Noch einmal: Es wurde zurecht kritisch bemerkt, dass das Leben des einzelnen Menschen, also auch des so genannten einfachen, normalen Menschen, in dem Gang der Geschichte für den Philosophen Hegel eigentlich wertlos ist. Laszlo Földenyi hat in seinem kleinen Essay „Dostojewski liest Hegel in Sibirien und bricht in Tränen aus“ (Berlin, 2008) gezeigt, wie sehr der russische Dichter von Hegels Philosophie der Weltgeschichte empört war. Weil in dieser Philosophie das unsägliche Leiden in den russischen Lagern überhaupt nicht erklärt werden kann, das individuelle Leiden – auch Dostojewskis – verschwinde förmlich hinter allgemeinen philosophischen Prinzipien.
Dabei aber erinnert Földenyi selbst daran, dass einzelne Intellektuelle, auch Dostojewski, trotz aller Widerwärtigkeiten im sibirischen Lager dann doch – wenigstens im Rückblick – zu tieferer Selbsterkenntnis gelangten (siehe Seite 44 f). In „Schuld und Sühne“, so der Földenyi, habe Raskolnikow im Lager „die Geschichte einer allgemeinen Wiedergeburt erlebt“ (S. 45). Damit werden die Lager überhaupt nicht zu humanen Sehnsuchtsorten hoch gespielt! Aber gemeint ist doch auch hier: Das Negative kann zu neuen positiven Erkenntnissen führen. Damit sind wir wieder bei Hegels Deutung des Negativen!
17.
Hegel und die Religionen, vor allem das Christentum
Hegel hält in Berlin mehrfach Vorlesungen über die Philosophie der Religion. Das ist ihm wichtig, weil er genau weiß, dass so viele seiner Zeitgenossen behaupten, man könne Gott nicht erkennen. Gott sei bestenfalls in Gefühlen irgendwie zu spüren! Dagegen argumentiert Hegel. Ohne Reflexion und Vernunft kein Glaube, der des Menschen als eines geistvollen Wesens würdig sein sollte.
Die Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie ist in mehrfacher Hinsicht aktuell und relevant: Das will ich zunächst an Hegels Interpretation des Katholizismus und des Protestantismus zeigen:
Für Hegel ist der Katholizismus wesentlich mit dem Mittelalter und seiner feudalen Ordnung verbunden. Im Katholizismus bestimmt der Klerus alles! Das Volk, die Laien, müssen gehorchen. Die Gelübde der Mönche gelten als besonders erstrebenswert, wenn nicht heilig: Ehelosigkeit, Armut und Gehorsam sind wichtiger als die „bürgerlichen Tugenden“ des Familienlebens, des Fleißes und erfolgreichen Wirtschaftens und der demokratischen Mitsprache. Im Katholizismus insgesamt gibt es für Hegel nur das Verhältnis von „Herren und Knechten“. Davon sprach er noch in seiner Rede 1830 zum Jubiläum der „Augsburgischen Konfession“.
Er kritisiert ferner die völlig veräußerliche katholische Frömmigkeit, etwa die Wallfahrten, die Heiligenkulte, den Wunderglauben mit einem entsprechenden Glauben an Magie, Wunder-Wasser, Stigmatisierungen usw.
Hingegen sah Hegel, dass in der Reformation Martin Luthers diese verheerende Bevorzugung der Werte des Mönchslebens abgeschafft wurde. Durch Luther wurde auch religiös eine neue Zuversicht der Weltgestaltung und Bildung aller eröffnet. Die Reformation ist für Hegel eine kaum zu überschätzendes historische Wende. Dabei sieht er aber auch, dass sich im Laufe der Zeiten auch die protestantische Theologie dogmatisch verschloss oder der Gefühlsduselei hingab. Schlimm ist für Hegel vor allem, dass die Protestanten die Philosophie verachteten und alles selbständige Erkennen Gottes um der Dominanz der Gnade willen ablehnten. Deswegen fand er bestimmte Traditionen im Katholizismus, etwa eine gewisse Pflege philosophischer Schulung, noch wertvoller. Und darum auch die Anerkennung Hegels für den katholischen Mystiker Meister Eckart, einen Dominikaner-Mönch: Weil er schon im 14. Jahrhundert vom „göttlichen Funken, dem ewigen Licht im Menschen“ sprach: Genau das ist auch eine Erkenntnis, die Hegel unbedingt verteidigt hat.
18.
Hegels Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie muss weiter diskutiert werden. Hat doch der große Hegel-Spezialist Michael Theunissen in seiner großen Studie „Hegels Lehre vom absoluten Geist“ (1970) betont: Es gibt bei dem Thema bei Hegel einen Übergang von Theologie zu Philosophie, und von Philosophie zur theologie: Weil Hegel insgesamt das historische Ereignis der „Menschwerdung Gottes in Jesus“ als Ausdruck der Geistesgeschichte als philosophischen Ausgangspunkt nehmen kann. (Vgl. auch Hegel Bilanz, S. 36) „Als Philosophie, die die Menschwerdung Gottes bedenkt, ist Hegels Denken nicht mehr Philosophie im traditionellen Sinne“, betont Theunissen (ebd. S. 37). Und Theunissen deutet diese Erweiterung religionsphilosophischen Denkens als ein positives Geschehen.
19.
Wichtig bleiben einige Erkenntnisse der Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie gerade für aktuelle Debatten: Jedenfalls hat Theunissen recht, wenn er sagt: Tod und Auferstehung Jesu Christi sind für Hegel explizit zentrale philosophische Themen! Denn dabei handelt es sich um den Übergang vom Tod zu einer verwandelten Form des Lebens (Auferstehung), und darin zeigt sich die Lebendigkeit des Geistes: Zeigt sich doch die Negation (Tod) und die – kraft des göttlichen Geistes geleistete – Aufhebung des Negativen, also die Auferstehung (Theunissen, Hegel-Bilanz, S. 37). Hegel will also zentrale religiöse Themen, wie die Auferstehung Jesu Christi, aus dem Mysteriösen, dem Unerklärlichen befreien. Sie gehört zur allgemeinen Geschichte des Geistes! Dadurch glaubt Hegel, zentrale Aussagen des Christentums retten zu können. So kann er sagen: „Philosophie ist der wahre Gottesdienst“ (Vorlesungen über die Philosophie der Religion, Suhrkamp Ausgabe I, S. 28). Denn Religion ist für Hegel wesentlich Hingabe an Gott, auf ihn achten von ihm her leben und denken… und deswegen „Verzicht auf subjektive Einfälle und bloß subjektive Meinungen“ (ebd.). Und genau diese Leistung meint Hegel in seiner Philosophie vollbringen zu können! Siehe auch: https://hegel-system.de/de/v3323333gottesdienst-dueffel.htm
20.
Schwieriger wird es noch, wenn man sich fragt, wie Hegel Gott – wie oft formuliert – als das absolute Geheimnis gelten lassen kann oder gelten lassen will. In den „Vorlesungen zur Philosophie der Religion“, (Band 16, Suhrkamp, 208) : „Das Ich ist Wissen des unendlichen Inhalts (Gottes)“. „Es ist das Begreifen des göttlichen Inhalts“ (209).
In dieser Philosophie ist Gott kein Geheimnis, er wird gewusst. Aber: Diese Tatsache, das Eingebundensein des (menschlichen) Geistes in Gott, ist wohl selbst ein Geheimnis.
21.
Auch die Religionsgeschichte versteht Hegel als eine kontinuierliche Entwicklung hin zu immer besserem Verstehen des Göttlichen. Dies ist sicherlich eine problematische Sicht der Religionen, man könnte sie eurozentrisch nennen. Denn der Höhepunkt der Entwicklung der Religionen ist letztlich der Protestantismus. Dabei muss es Hegel philosophisch „verkraften“, dass der Islam irgendwie sein Fortschritts – Denken stört: Die gegenüber dem Christentum spätere Religion, der Islam, ist nicht unbedingt die wahre, die „entwickeltere“ und bessere, bloß sie später in der Weltgeschichte „stattfindet“. Hegel spricht, wie zu seiner Zeit offenbar üblich, von „Mohammedanismus“. Dieser ist, bezogen auf den einen, den abstrakt in weite Fern gesetzten EINEN Gott, eine weniger entwickelte Religion: Denn die absolute Konzentration auf den einen Gott vernichtet in Hegels Sicht alle Unterschiede, vertieft nicht die Selbstreflexion des Glaubenden in seiner Bezogenheit auf diesen Einen. Alle Weltlichkeit, so Hegel, „soll sich diesem Einen unterwerfen“ („Vorlesungen über die Philosophie der Weltgeschichte“, Band IV., Meiner Verlag, S. 791). Daraus entsteht, so Hegel, ein Fanatismus (S. 790). Dennoch setzt Hegel in einer gewissen Kenntnis des Islam zu seiner Zeit auch voraus: Im Islam gebe es eine beachtliche „poetische Anschauung“ (S. 794) sowie einen große Eifer in den Studien der Wissenschaften. Hegel nennt ausdrücklich die kulturelle Blütezeit im muslimischen Spanien des 8. Jahrhunderts (S. 795). Allerdings, so meint er, sind diese Glanzleistungen nun nicht mehr zu spüren, so dass er 1830 behaupten kann: “Der Islam ist längst von dem Boden der Weltgeschichte verschwunden und in orientalische Gemächlichkeit und Ruhe zurückgetreten“. Ob dieses Urteil auch 1830 richtig war, mögen Historiker beurteilen.
22.
Diese Hinweise zu Hegel haben nicht von seiner Lehre vom Staat und dem Recht und damit der Ethik gesprochen, umstrittene Themen in der Forschung. Nur so viel am Rande: Über die Interpretation von Hegels Staatsverständnis durch den Philosophen Karl Raimund Popper („Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“) schreibt der Hegel Spezialist Klaus Vieweg in seiner umfangreichen Studie (a.a.O, S. 23) nur kurz und bündig: „Karl Raimund Popper verunglimpfte Hegel in perfider und von jeder Sachlichkeit freien Weise als Vordenker des Totalitarismus“. Klaus Vieweg schreibt u.a bezogen auf diese bis heute weit verbreitete Fehlinterpretation: „Hegel wendet sich dezidiert gegen einen Staat der totalen Kontrolle und Regulierung, gegen die Gängelung von Genossenschaften, Vereinen und Gemeinden, gegen Behinderung der Selbstverwaltung und der Subsidiarität…Er lehnt ein Staatsmodell der Regelungswut, des Kontrollwahns und totaler Überwachung ab…“ (S. 531).

Kritisch muss bemerkt werden, dass Hegels Denken die Natur fast immer nur in ihrer Verbundenheit mit dem erkennenden und praktisch – handelnden Menschen sieht. Von Pflege der Nachhaltigkeit der Natur ist so gut wie keine Rede. Hegel war eingebunden in den Beginn der Industrialisierung, also auch der systematischen Natur – Vernichtung.

Und diskutiert werden sollte die Frage: Lässt sich Philosophieren und Philosophien überhaupt (heute) als System realisieren? Ist das Denken nicht immer über jedes Eingesetztsein oder besser Eingesperrtsein in ein System hinaus? Hier müsste man mit der Kritik des Philosophen Heinrich Rombach am System-Denken einsteigen, die er in seinem Buch „Strukturanthropologie“ (zugunsten der immer flexiblen Strukturen, gegen die letztlich starren Systeme) entwickelt hat. Wie kann es „Hegel“ ohne System noch geben? Dies ist ein anderes Thema.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin