Der Gott der Monotheisten contra den Gott der Philosophen. Kritische Hinweise auf Lutz von Werders neues Buch

Von Christian Modehn

1.
Daran ist wohl kein Zweifel: Lutz von Werder (geb. 1939) hat als Dr. der Pädagogik und als Soziologe sowie auch als M.A. im Fach Philosophie das philosophische Denken „unters Volk“ gebracht: Durch seine gut besuchten philosophischen Gesprächskreise und Vorträge im Berliner Literaturhaus und in der Urania seit 1997 bzw. 1999 und dann als Gesprächspartner im Philosophischen Radio des WDR über viele Jahre. Vor allem aber: Er hat seine Vorträge dort immer auch verbreitet durch seine sehr zahlreichen sehr populären Darstellungen zur Philosophie und vor allem zur Philosophiegeschichte. So hat er gezeigt, dass außerhalb der Universitäten das Philosophieren als Gesprächskultur der Bürger einen festen Platz haben sollte. Dafür gebührt ihm Dank! Inzwischen gibt es, nebenbei gesagt, philosophische Cafés und philosophische Salons in vielen Städten, philosophische Beratungspraxen „freier Philosophen“ usw.

2.
Nun hat Lutz von Werder nach etlichen Büchern, die meist unter dem Motto „Lebenskunst“ erschienen sind, noch ein weiteres Buch mit dem anspruchsvollen Titel „Der Gott der Philosophen und die Lebenskunst“ vorgelegt. Der Titel erinnert deutlich an die umfassende und wirklich grundlegende Studie des Philosophen Wilhelm Weischedel, einst Professor an der FU Berlin. Nur setzt Lutz von Werder eben die „Lebenskunst“ noch in den Titel. Er will also in der Lektüre der Texte von Philosophen die „Kunst zu leben“ fördern. Wie üblich, versucht er dies vor allem auch durch Fragen zu provozieren, die in den Text hineingestreut sind. Er nennt das „Übungen“. Ob das geistige Leben, also menschliches Dasein in dieser Welt, immer unter der Kategorie der Kunst, des kunstvollen Selbstgestaltens, verstanden werden kann und gefasst werden sollte, ist eine andere Frage. Sie wurde schon im Zusammenhang von Michel Foucault und Wilhelm Schmid heftig diskutiert. Der Begriff „Kunst“ weckt bei vielen eher die Vorstellung eines „elitären Geschehens“. Es sei denn, man hat Joseph Beuys vor Augen und seine berühmte These…

3.
Es ist ja richtig zu sehen: Wahrscheinlich haben alle Philosophen auf ihre Weise zum Thema „Gott“, Absolutes, „Ewiges“, Göttliches usw. Stellung genommen. Das geht ja auch philosophisch gar nicht anders, wenn man denn konsequent fragend und reflektierend das Leben und das Dasein im Ganzen auch auf seinem Grund hin bedenken will. Lutz von Werder bietet in diesem Buch Hinweise zum Gottes-Denken von 27 Philosophen, beginnend bei Platon und endend bei Harari bzw. Wilhelm Weischedel, den von Werder ganz besonders schätzt! Es fällt auf, dass nicht nur die üblichen „Klassiker“ kurz vorgestellt werden, sondern auch aktuelle Philosophen unterschiedlicher Bekanntheit, wie Holm Tetens oder Wilhelm Schmid, den von Werder – lobend oder kritisch ? – „den Papst der Lebenskunst“ (S. 21) nennt. Auch die Engländerin Karen Armstrong wird vorgestellt, eine der wenigen Frauen in dieser Gilde “großer” Männer. In diesem Armstrong- Kapitel wird auch ultrakurz auf muslimische Denker des Mittelalters verwiesen. Interessant auch, dass von Werder auf den „Transhumanisten“ Ray Kurzweil in einem eigenen Kapitel hinweist und dessen Thesen zugunsten eines sehr langen und perfekten Lebens kritisch bespricht. „Technik wird zur Ersatzreligion“ heißt in dem Zusammenhang sein kritischer Hinweis.

4.
Dennoch bleiben Fragen und Einwände zum Buch. Etwa zum Kapitel über Hegel: Er ist ja, wenn man schon pauschale Einordnungen betreibt, eben kein Vertreter des „objektiven Idealismus“ (S. 171), wie von Werder schreibt, sondern des „absoluten Idealismus“. Und auch die Qualifizierung eines „pantheistischen Gottes“ im Denken Hegels ist falsch, wenn schon solche Qualifizierung, dann, wie üblich, in der Philosophiegeschichte die des PanENTheismus für Hegel. Wer sich solche „griffigen“ Titel dann auch noch einprägt und sogar glaubt Hegel auf diese formelhafte Weise verstanden zu haben, hat vom lebendigen und höchst anspruchsvollen Denken Hegels dann doch nichts begriffen. Und noch etwas: Gotteserkenntnis bei Hegel ist auch nicht Sache des „objektiven Geistes“ (S. 176), sondern des “absoluten Geistes”.
Vor allem ist entscheidend: Hegel hat seine eigene Philosophie explizit und mehrfach sehr deutlich betont „als Theologie“ und andererseits „christliche Theologie als Philosophie“ verstanden, unter zahlreichen Belegen dafür lese man nur „Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie“ III, S. 64, Werk Ausgabe des Suhrkamp-Verlages oder die wirkich philosophische, umfangreiche und grundlegende Studie von Prof. Michael Theunissen (FU Berlin) „Hegels Lehre vom absoluten Geist“. Diese innere und enge Verflochtenheit von Offenbarungs-Reflexion (Theologie) und Philosophie bei Hegel wird von Lutz von Werder nicht wahrgenommen und a priori schon in der „Einleitung“ zu seinem Buch explizit ausgeschlossen. Eher grob abstrakt, also etwas „holzschnitzartig“, wird dort die religiöse Offenbarung dem philosophischen Denken als das ganz andere, wenn nicht als das Gefährliche, gegenübergestellt. Dabei wäre es doch spannend, bei jedem einzelnen philosophischen Gott-Denker in Europa nachzuweisen, wie auch deren Denken von Einsichten und Fragen der Offenbarungsreligion etwa des Judentum und des Christentums, auch des Islam, direkt und indirekt bestimmt ist! Dann wäre ein interessantes, ein weiterführendes Buch entstanden.

5.
In dem Buch ist angesichts der jüdischen, christlichen und muslimischen treffend von Gott im Plural, also von „Offenbarungs – GÖTTERN“, ab Seite 27, ständig die Rede ist. Denn jede monotheistische Religion hat ihre eigene Pluralität im eigenen Gottesdenken, und es ist bekanntlich alles andere als selbstverständlich, dass alle drei monotheistischen Religion denselben Gott verehren, wie so oft volkstümlich behauptet wird. Pluralität bei den religiösen Göttern? Ja!
Hingegen will uns der Autor einreden, dass im Falle der vielen Philosophen von Platon bis Kurzweil werde nur “DER Gott der Philosophen”, also offenbar der eine Gott im Singular!, deutlich. Richtig wäre es, wenn Lutz von Werder auch von den sehr unterschiedlichen GÖTTERN der Philosophen sprechen würde. Was hat denn etwa der Gott des Philosophen Meister Eckart mit dem Gott des Philosophen Schopenhauer gemeinsam? Ich sehe da abgesehen von der Verwendung des gleichen Gott-Titels keine Gemeinsamkeit.
Also: Es gibt nur viele GÖTTER der vielen Philosophen. Dann wird die Sache interessant, zumal wenn man die viel besprochene „Lebenskunst“ im Hinterkopf hat: Für welchen der Götter der Philosophen soll ich mich denn dann entscheiden? Oder lasse ich mich nach den knappen Skizzen im Buch von niemandem mehr “be-geistern”?

6.
Was ärgerlich ist schon in der „Einleitung“ des Buches: Die „Götter der Offenbarung“ kommen gegenüber dem vorausgesetzten „einen“ Gott der Philosophen durchwegs schlecht weg. Auch diese von mir polemisch empfundene Abwehr des religiösen Glaubens bei von Werder sollte zugunsten wirklicher Sachlichkeit überwunden werden: Denn die alten philosophischen Schulen in Rom (Stoa, selbst Epikur…) haben die christlichen Gemeinden selbst als eine philosophische Schule verstanden, und die christlichen Gemeinden haben sich auch als solche verstanden, man lese die Bücher des unbestrietbar großen Kenners Pierre Hadot. Ein Clemens von Alexandrien zum Beispiel war als Christ ein hervorragender Philosoph. Es stimmt einfach nicht, wenn von Werder behauptet: “Der Offenbarungsglaube ist nur zu glauben und nicht zu wissen“ (S. 37). Was heißt denn schon „Wissen“? Es wissen doch bekanntlich viele Philosophen sehr genau, dass die letzte Basis ihres eigenen Denkens nur im Glauben (!) erreicht werden kann und nicht in einem Wissen. Wer “weiß” denn die Gründe dafür, warum die Gesetze der Mathematik mit den Gesetzen der “Außenwelt” offenbar übereinstimmen? Gibt es da nicht immer mehr Staunen als Wissen? Man lese bitte den späten Wittgenstein als ein Beispiel. Oder die wichtigen Studien über die wechselseitige (!) Durchdringung von Glauben und Wissen von Prof. Volker Gerhardt.
Lutz von Werder kann meines Erachtens auf seine Polemik, wenn nicht Wut gegen die Offenbarungsreligionen nicht verzichten. Da sind selbst explizit atheistische Philosophen wie der bekannte Engländer Tim Crane („Die Bedeutung de Glaubens“, 2019) viel weiter, viel objektiver und differenzierter.
Dass Lutz von Werder jetzt auch die Atheisten in dem neuen Buch heftig verurteilt, für mich etwas Neues bei ihm, (etwa: „Sie – Atheisten – meiden jedes Denken über Gott“, Seite 28, verwundert dann doch. Jedenfalls hat sich Lutz von Werder nun im Alter „dem“ Gott der Philosophen zugewandt, den seiner völlig unbegründeten Schätzung nach 10 % der Weltbevölkerung verehren: Angeblich lebten diese 10 % in einer skeptischen Haltung, wobei diese Skepsis auch wieder unvollständig bleibt, weil sie sich selbst nicht noch einmal skeptisch reflektiert! Erst die sich selbst gegenüber skeptische Skepsis hat den Anspruch, skeptisch sein zu können. Wenn das nicht der Fall ist, werden eben auch Dogmen verbreitet, philosophische eben.

7.
Seine eigenständige philosophische Position hat der populäre Vermittler des Denkens anderer bisher eher nur am Rande mitgeteilt. Diesmal ist in der hinsicht beachtlich der knappe Text von zwei Blättern im Buch, mit dem ein bisschen an Heidegger erinnernden Titel: „Nur ein Gott der Philosophen kann uns retten“ (S. 333). Heidegger sagte bekanntlich in dem berühmten SPIEGEL Gespräch noch viel offener „Nur ein Gott kann uns retten“…
Mag ja sein, dass diese zwei Seiten in Lutz von Werders Buch sozusagen aus dem Rahmen fallen, weil sie vor allem auch sprachlich aus der sonst sehr nüchternen, sehr sachlichen, manchmal abrupt wirkenden Sprache herausragen. Aber eigentlich wird hier die grundlegende Frage auch nur berührt: Wie und wann und warum “rettet” denn der Gott der Philosophen die Menschheit und den einzelnen Menschen? Es ist der Gott, so Lutz von Werder, der im skeptischen Schweigen, „in der Nacht“, ganz kurz mal, erlebt wird. Es wird auch ein Wir (der philosophisch-skeptisch Frommen) beschworen, das Widerstand leistet gegen die Zerstörer/Zerstörung der Welt. Das sind alles interessante, ins Mystische gehende Formulierungen. Sie sind lesenswert!

8.
Aber: Welche rettende Aktivität kann denn ein gedachter Gott der Philosophen als solcher ausüben? Mag ja sein, dass einige dieser Götter die Menschen zum Tun des Humanen aufrufen, aber gilt das denn etwa Nietzsche? Sicher nicht! Sicher ist es doch auch, im Sinne einer spekulativen Philosophie im Sinne Hegels gedacht, so: Dass der vom Menschen gedachte Gott selbst ein Werk Gottes ist. Weil menschlicher und göttlicher Geist in einer gewissen Hinsicht, Hegel zufolge, eins sind. Voraussetzung ist natürlich, dass man einen Gott überhaupt annimmt, aber das macht ja Lutz von Werder. Warum dann also nicht konsequent sein und denken: DIESER vom Menschen gedachte Gott ist selbst Gottes Werk. Also Werk des „wirklichen Gottes“, möchte ich nun auch einmal etwas „holzschnitzartig“ sagen dürfen. Nur dieser Gott als absoluter Geist hätte dann rettende Kraft, weil er in eine tiefe Sinn – Erfahrung führt – auch als Gabe, als Geschenk verstanden. Aber das wird in dem Buch leider nicht gesagt. Und kann es auch nicht sagen, weil es von diesem falschen abstrakten Gegeneinander von Offenbarung und Philosophie lebt…
9.
Dass man heute dieses Thema nicht mehr eurozentrisch und schon gar nicht nur auf Publikationen in deutscher Sprache bezogen darstellen darf, wäre noch ein weiteres Thema…

Lutz von Werder, Der Gott der Philosophen und die Lebenskunst. Schibri Verlag in Milow. 2019. 355 Seiten. 15 Euro.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Paulus – der Apostel und „Initiator des Christentums“.

Über das Buch des „liberalen Theologen“ Martin Werner
Ein Hinweis von Christian Modehn

An einen Theologen soll erinnert werden, der die „liberale Theologie“ förderte und als Professor für systematische Theologie
in Bern lehrte; der mit dem „dialektischen Theologen“ dort, Karl Barth, erwartungsgemäß seinen Streit hatte; der mit Albert Schweitzer befreundet war; und der ein weites, auch gesellschaftspolitisches Engagement übte; zahlreiche Studien hat er veröffentlichtet: Aber heute ist er ziemlich in Vergessenheit gerate: Martin Werner ist sein Name. Er lebte von 1887 bis 1964. Karl Barth starb vier Jahre später: Wenn Barth noch vielen heute als ein „Zeitgenosse“ gilt, dann sollte diese Qualität auch Martin Werner zugesprochen werden.
Es ist das große Verdienst von Jochen Streiter, Pfarrer emeritus in Wuppertal, dass er eine leicht lesbare, eher knappe Studie Martin Werners über den Apostel Paulus zugänglich macht. Erschienen ist das Buch unter dem Titel „Wer war der Apostel Paulus?“ im Verlag Traugott Bautz in Nordhausen.

Warum ist die Gestalt, vor allem die Lehre und die theologische Erkenntnis des Apostels Paulus für alle religiös und weltanschaulich Interessierten, also nicht nur „Kirchgänger“, von besonderem Interesse? Weil Paulus in der Pluralität frühchristlicher Autoren (im vielfältigen Buch „Neues Testament“ versammelt) eine besondere Rolle spielt: Der früheste Text des Neuen Testaments stammt von dem aus dem Judentum konvertierten Paulus, es ist der 1. Thessalonicher-Brief aus dem Jahre 51. Paulus wird darüber hinaus sehr zu recht als der eigentliche Initiator der christlichen Kirche angesehen, der Kirche als einer pluralen Gemeinschaft, die aber im Bekenntnis zu Jesus als dem Christus eine immer umstrittene Einheit fand und sich deswegen vom Judentum trennte (und dieses vom Christentum). „Ohne Paulus keine Kirche“: Diese populäre Aussage ist sicher treffend!

Von den sieben Kapiteln der Studie sind meines Erachtens die letzten beiden Kapitel besonders lesenswert: In „Zur Eigenart des Christusglaubens des Paulus“ (S. 65 ff) fällt auf: Martin Werner will die Aussagen über Paulus (auch seine Reden) in de, neutestamentlichen Text „Apostelgeschichte“ in den Hintergrund stellen. Dabei nimmt Werner zum Dialog des Paulus auf dem Areopag etwas ausführlicher Stellung und weist dabei auf einen Übersetzungsfehler hin: Denn Paulus spricht dort von DEM unbekannten Gott, tatsächlich aber hätte es dort eine Statue gegeben für DIE unbekannten Göttern, was ja nahe liegender ist in der damaligen Kultur. Ich finde die Relativierung der Areopag-Rede des Paulus durch den Autor schade, weil darin so wunderbar und philosophisch so treffend (von Hegel und Meister Eckart heftig unterstützt) davon die Rede ist: dass Menschen „göttlichen Geschlechts“ sind, d.h. schlicht gesagt und gar nicht größenwahnsinnig: In einer Einheit mit Gott/dem Göttlichen verbunden sind. Aber dieser Gedanke (von dem griechischen Dichter der Stoa ARATOS (S. 66) angestoßen, gefällt dann dem „liberalen Theologen“ doch nicht so ganz…Werner spricht hingegen von dem „wirklichen Paulus“, der ja philosophisch sehr gebildet war, aber dann als Christ alle Weltweisheit (Philosophie) verachtete. Aber den Glauben dann doch als Weisheit definierte, als DIE Weisheit zwar. Später werden Kirchenväter“ treffend sagen: Das Christentum ist eine unter vielen philosophischen Schulen…Nebenbei: Die „Apostelgeschichte“ spricht ausdrücklich davon, dass Paulus, nachdem er aus der Synagoge in Ephesus rausgeschmissen wurde, Zuflucht fand im Hause des dortigen Philosophen Tyrannus, der ihm seine Vorträge seiner speziellen Weisheit gestatte. Philosophen waren großzügig gegenüber Christen…
Man sieht, wie unterschiedlich die früheste Kirche mit dem Christentum als einer (von vielen) Weltweisheit(en) umging…

Aber entscheidend ist die Erkenntnis des Apostels Paulus: Mit dem Tod und der Auferstehung Christi hat eine neue Zeit, eine neue Epoche,, begonnen: Damit meint Paulus auch, so Martin Werner, die Gültigkeit der Gesetzgebung Israels sei auch „beendet“ (S: 69). „Das mosaische Recht wird einfach gegenstandslos…“ (S. 71). Diese neue, ganz andere Zeit ist von außen betrachtet noch unsichtbar; für den vom Geist erfüllten Menschen jedoch eine spürbare Realität. Denn in der neuen Welt gibt es weder „Juden noch Griechen“. Paulus betont die prinzipielle Einheit der Menschheit, auch die gleiche Würde aller Menschen. Weil Paulus aber persönlich so sehr von der alsbaldigen Wiederkunft Christi überzeugt war, glaubte er nicht so recht an die Notwendigkeit einer praktischen Umsetzung dieser „Gleichheits-Erkenntnis“ im politischen und sozialen Bereich. Paulus deutete die gegenwärtige Lebenszeit als „Aufenthalt in einem Provisorium“ (S. 75), also als Zwischenstation zwischen der alten Welt und der kommenden. „Provisorium“ deutet Werner „wie ein auf Abbruch verkauftes Haus“ (S. 76). Leider fehlt der Hinweis, dass sich die Kirchen seit dem 4. Jahrhundert von dem Selbstverständnis verabschiedet haben, selbst nur Provisorium zu sein…Man schaue sich die hiesigen Kirchenverwaltungen an, da ist von Provisorium nichts aber auch gar nichts zu spüren. Lediglich der Gründer von Taizé, Roger Schutz, sprach von der Kirche und seinem Kloster als „Provisorium“, als „Zelt“. Aber das ist ein anderes Thema: Die Entfernung der Kirche(nbürokratie) vom Ursprung…

Mit Gewinn (weil Erkenntnisse wie auch Fragen lebendig werden) wird man auch das letzte Kapitel lesen „Die Bedeutung des paulinischen Christusglaubens für uns“(S. 78 ff). Am Beispiel des Umgangs mit der Sklaverei zeigt Werner, dass Paulus auch in das populäre Denken seiner Zeit eingebunden war und deswegen nicht explizit forderte, die Sklaverei als solche abzuschaffen. Vor allem aber war er wegen seiner Überzeugung von der alsbaldigen Wiederkunft des Auferstandenen Christus gar nicht so motiviert, etwa die Abschaffung der Sklaverei zu fordern. Heute müssen Christen damit umgehen, dass Paulus ein ganz anderes Zeitverständnis im Sinne des bevorstehenden Welten-Endes hatte. Wenn auch heute der Gedanke lebt, dass Menschen durch ihr Tun bzw. Unterlassen (Ökologie, Kriegsverhinderung, Atombomben etc.) das Ende dieser Welt bewirken können.
Ganz entscheidend – auch philosophisch interessant – ist der paulinische Gottesbegriff: „Gott ist Geist“, sagt Paulus deutlich mehrfach. Und wo dieser göttliche Geist IM Menschen lebt, ist auch der Geist der Freiheit lebendig: Denn der Geist weiß sich selbst und will in dem anderen, der Natur, der Gesellschaft, den Menschen, ebenfalls den Geist spüren, als auch dort „bei sich“ sein, also frei, nicht abhängig und fremdbestimmt sein. Und das ist elementar Freiheit. Denn Gott ist, wie Werner sagt, „göttliche Schöpfermacht als Geist“ (S. 89). Es ist also in der Schöpfung der Welt Geist, Gottes Geist, immer schon anwesend. Der Mensch befindet sich also mit seinem Geist nicht in einer fremden, sondern in einer geistvollen Welt.

Ich finde es gut und treffend, dass klassische „orthodoxe“ und kirchenamtlich beinahe übliche „Topoi“ wie das Sühneopfer Christi oder Rechtfertigung des Sünders durch Christi Blut usw. von Martin Werner gar nicht erwähnt werden. Bei ihm herrscht ein anderes Denken, das sich mit den genannten mythologischen Bildern besser gar nicht erst befasst. „Liberale Theologie“ zeichnet sich dadurch aus, dass sie noch so häufig zitierte Topoi der sich orthodox nennenden Kirche und ihrer Theologie eben auch guten Gewissens beiseite lässt! Das ist eine Befreiung.

Der Herausgeber des Buches, Jochen Streiter, hat im Anhang eine biographische Skizze zu Martin Werner geschrieben, er zeichnet dessen theologischen Schwerpunkt nach und bietet eine Liste der zahlreichen anderen Veröffentlichungen.
Dies ist ein lesenswertes, auch für den Dialog in Gruppen, geeignetes Buch!

Martin Werner, „Wer war der Apostel Paulus?“, Verlag Traugott Bautz, 2018, 102 Seiten, broschiert, 10 EURO.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Ernesto Cardenal gestorben: Der Poet, Mönch, Priester, Politiker ist am 1.3. 2020 in Managua, Nicaragua, gestorben.

Hinweise von Christian Modehn

In die sich auch in Deutschland bildende Trauergemeinde reiht sich auch der „Haupt-Geschäftsführer“ des katholischen Hilfswerkes für Lateinamerika „ADVENIAT“ (Essen) ein.
Pater Michael Heinz svd schreibt in einer knappen offiziellen Erklärung: „Mit dem Tod von Ernesto Cardenal verlieren wir einen bedeutenden Fürsprecher und Anwalt der Armen. Mit ihm ist eine einflussreiche Stimme für Frieden und Gerechtigkeit in Lateinamerika verstummt.“ „Völlig verstummt“ ist Cardenal, wie alle großen Poeten, sicher nicht; seine Werke, seine Bücher, stehen nach wie vor zur Lektüre auch auf Deutsch bereit.
Bedenklicher, wenn nicht gar zynisch, ist die Formulierung von Pater Heinz: „…verlieren wir“… Wer ist dieses „Wir“: Offenbar auch das katholische Hilfswerk Adveniat? Es ist wohl so, dass die heutigen Verantwortlichen von „Adveniat“ jetzt Ernesto Cardenal als einen der „ihren“ betrachten.
Aber bei so viel Vereinnahmung des Dichters, Priesters, Kulturministers und Befreiungstheologen durch „Adveniat“ heute wäre es dringend geboten gewesen: Zu erinnern, wie dieses Hilfswerk für Lateinamerika früher den Aufstand, die Revolution in Nikaragua gegen den Diktator Somoza bewertet hat. Vor allem, wie Adveniat“ dann mit seinem tatsächlich hoch umstrittenen „Studienkreis Kirche und Befreiung“ unter der Leitung des Adveniat-Chefs damals, Bischof Franz Hengsbach, Befreiungstheologen wie Ernsto Cardenal pauschal und dumm als „Kommunisten“ schlecht zu machen versuchte und mit allen Mitteln der Medien (auch dann mit Hilfe der Reagan-Regierung) verteufelte. Das ist alles bekannt und wissenschaftlich nachgewiesen und dokumentiert worden!

Man lese etwa in der Zeitschrift der Jesuiten „ORIENTIERUNG“ (Zürich) von Ende Dezember 1977 nach, LINK, wie es heftige, aber wirkungslose Proteste vonseiten prominenter Theologen in Deutschland gegen diese Verbindung von „Adveniat“ mit den reaktionären katholischen Kräften in Lateinamerika gab. Bischof Hengsbach, Adveniat-Chef, ließ es bekanntlich auch nicht nehmen, vom bolivianischen Diktator Banzer eine hohe Ehrung entgegen zu nehmen usw…

Es hätte anlässlich des Todes von Ernsto Cardenal den „Geschäftsführern“ und „Hauptgeschäftsführern“ von Adveniat gut getan, sich für diese mit viel Spenden-Geldern betriebene Campagne gegen die Befreiungstheologen – auch gegen Ernesto Cardenal – zu entschuldigen. Dass dem Priester Ernesto Cardenal 1985 die Ausübung des priesterlichen Amtes verboten wurde in einer gemeinsamen Aktion von Papst Johannes Paul II. mit dem erklärten Gegner der Befreiungstheologen Kardinal Joseph Ratzinger (Chef der Glaubenskongregation) ist bekannt. Priester, die in Polen das kommunistische Regime kritisierten, wurden auch finanziell kirchlich sehr deutlich unterstützt. Priester, die das Elend des armen Volkes in Nicaragua endlich beseitigen halfen, wie Ernsto Crdenal, wurden vom Vatikan bestraft, lächerlich gemacht und verunglimpft, isoliert.

Heute ist es allen katholischen Führern in Nicaragua peinlich, dass ausgerechnet der damals größte Feind Cardenals, Erzbischof Obando von Managua, den heutigen Diktator Daniel Ortega ins Präsidentenamt gehieft hat. Warum? Weil Daniel Ortega dem Kardinal im Falle seiner Wahl versprach, ein totales Verbot der Abtreibung in Nicaragua zu betreiben. Das tat dann Ortega auch als Präsident sofort. Nebenbei: Bekanntlich ist der absolute Schutz des ungeborenen Lebens vielen katholischen Führern bis heute absolut wichtiger als der Schutz des geborenen Lebens.

Dass sich Cardenal von dem einstigen revolutionären Führer und heutigen Diktator Ortega deutlich distanzierte, hat sich allgemein herumgesprochen.
im Peter Hammer Verlag, Wuppertal, sind viele Werke Cardenals noch zu “haben”. Dass Cardenal eng mit dem Mystiker Thomas MERTON verbunden war, kann hier nur erwähnt werden. LINK.
Kurzum: Etwaa mehr Selbstkritik hätte den Geschäftsführern von Adveniat jetzt gut getan, haben sie Angst vor Spenden-Einbußen?

Ein Lektüre-Tipp in dem Zusammenhang: “Wer tötete Erzbischof Romero? Klicken Sie hier.

PS.: Ich habe am 23. 11. 1975, S. 373, einen etwas längeren Beitrag über Ernesto Cardenal “Mönch – Dichter – Revolutionär” in der katholischen Wochenzeitung des Herder Verlages “Christ in der Gegenwart” veröffentlichen “können”, muss ich sagen, dank der eher “liberalen” Haltung des Chefredakteurs Manfred Plate.
Und dann noch am 25.2.1979 einen zweiten Beitrag “Den Stacheldraht zerschneiden”, ebenfalls in “Christ in der Gegenwart”, S. 65 f. Freiburg i.Br.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Der unterlegene, aber siegreiche Knecht: Eine Christus-Interpretation auf Anregung Hegels

Von Christian Modehn

Es sollte versucht werden, philosophische Denkmodelle mit religiösen, christlichen Inhalten nicht nur zu konfrontieren, sondern diese christlichen Inhalte, etwa aus dem Neuen Testament, hineinzutragen in philosophischen Denk-„Modelle“. Um möglicherweise einen neuen Blick auf religiöse Traditionen zu gewinnen.

Dies gilt für die Erzählung von „Herr und Knecht“ bei Hegel („Phänomenologie des Geistes“ und „Enzyklopädie“).

Im Brief des Apostels Paulus an die Philipper (Kapitel 2, Vers 7) wird Jesus Christus erstaunlicherweise als KNECHT bezeichnet. Von dem Himmelsherrn – siehe die Mosaike der Basiliken – ist da noch keine Rede!
Die Aussage des Theologen Paulus: Der eigentlich (himmlische, ewige) „Gott-gleiche“ Christus, (der „Logos“ im johanneischen Sinne), hat sich in die Welt der Menschen begeben, hat sich ent – äußert. Er wurde hier zum Knecht, genauso, wie andere Menschen in den Verhältnissen dieser Welt auch Knechte sind. Paulus selbst verwendet in seinem Philipper – Brief das altgriechische Wort „doulos“: Das ist präzise der Knecht, sogar der Sklave. Ins Lateinische übersetzt ist dann die Rede von „servus“, Knecht und Diener.

Christen sind also Freunde eines „Knechts“, der gegen die Herren kämpft. Wer hat diese Definition Jesu Christi jemals in einem Gottesdiest gehört? In welcher Bischofskirche? In welcher Kirche in Rom=

Wenn man diesen Knecht Jesus Christus hineinschreibt in die Konstellation „Herr und Knecht“ im Sinne Hegels, ergeben sich diese Erkenntnisse:

Auch der Knecht Jesus Christus steht in seinem Leben in Judäa/Galilea, selbstverständlich, wie in der Erzählung Hegels, dem Herren bzw. historisch-konkret den Herren gegenüber. Diese sind die Mächtigen in Religion und Politik. Ihm, dem ungewöhnlichen Propheten, dem Interpreten dessen, was gottgefällig und Gesetz ist, setzen diese Herren zu, misstrauen ihm, verfolgen ihn, machen ihm den Prozess, morden ihn schließlich am Kreuz.
Dieser Knecht Jesus Christus ist ein sonderbarer Knecht, er hat – im Unterschied zu Hegels Erzählung – nicht den Willen, ein Herr zu werden oder den Herrn, bzw. die Herren, siegend zu überwältigen. Er will überzeugen, aber die Herren sind verblendet. Dem Knecht genügt es dann, die Herren in ihrer Macht zu blamieren und dadurch in ihrem „guten Ruf“ etwas zu erschüttern. Die Herren verändern sich allerdings nicht in ihrem Herr-Sein.

Jesus Christus siegt zwar nicht über diese Herren. Aber er zeigt überragende geistige und seelische Größe, er lässt sich nicht verführen hin auf die Seite der Mächtigen und deren Ideologien. Dies macht ihn in den Augen seiner Freunde dann doch zu einem (ganz anderen) „Herrn“, zu einem gewaltlosen, machtfreien Herrn.
Der Kampf zwischen Herr und Knecht endet also in der Sicht des Neuen Testaments zwar mit einem politischen Sieg der Herren dieser Welt. Jesus Christus stirbt, politisch betrachtet, als religiöser Aufrührer, als Kritiker, als Umstürzler, dann als Verfolgter, im Elend der Kreuzigung.

Aber es gibt einen dialektischen „Umschlag“: Denn Jesus hat in seiner Menschenfreundlichkeit zugunsten der Kleinen, der Vernachlässigten, der Armen, der Verachteten, eine Gemeinde der Freunde hinterlassen, einen Kreis von Frauen und Männern, die man ApostelInnen und JüngerInnen nennt. Der gescheiterte Knecht hat also förmlich eine kleine Widerstands – Bewegung der Schwachen bewirkt; sie steht den Herren ebenfalls prinzipiell kritisch gegenüber. Später ämderte sich das und da stand die Kirche aufseiten de Herrscher, bis heute, aber das ist ein anderes Thema…

Die Gemeinde der „Freunde des Knechtes Jesus Christus“ überlebt trotz Verzweiflung auch geistig den Tod ihres Vorbildes und Meisters.

Der gescheiterte Knecht Jesus Christus stirbt zwar elend. Aber seine Gemeinde, die treuen FreundInnen, wissen nach seinem Tod: Solch ein „Knecht“ kann nicht sterben. Diesen Menschen wird also die Einsicht geschenkt: Dieser gescheiterte Knecht Jesus Christus lebt. Er ist stärker als die tötende Macht der Herren. Er ist also kein unterlegener Knecht mehr. Er ist –letztlich – der Sieger. Das sind keine Wahnvorstellungen „Gestörter“. Vielmehr die Konsequenzen einer sinnvollen Lebensphilosophie, Glaube genannt.

Genau dies ist die Erfahrung, die man Ostern nennt: Der gescheiterte Knecht Jesus Christus lebt. Und zwar anders als eine „irdische“ Gestalt, anders als ein leiblicher Mensch dieser Welt. Man nennt dieses andere Leben über den Tod hinaus ein ewiges Leben, in das Jesus eingetreten ist. Denn in ihm, Jesus Christus, wirkt und lebt, wie in den Menschen, seinen Freunden auch, der göttliche Geist. Dieser ist, weil göttlicher Geist auch der ewige Geist, nicht tot zu kriegen in dieser Welt. Mit anderen Worten: Der tote Jesus liegt im Grab – und lebt … auf ewig. Daran hält sich die Gemeinde, weil sie weiß: Auch wir Menschen haben – wie Jesus – Anteil am ewigen Geist Gottes.

Die Herr-Knecht-Beziehung am Beispiel Jesu Christi hat eine allgemeine Bedeutung: Sie zeigt: Die Niederlage, das Scheitern des Knechtes, letztlich jedes menschlichen Knechtes, ist nicht definitiv das Ende. Mit anderen Worten: Es ist sinnvoll, gegen die Herren der Welt den Kampf der Menschlichkeit (und Demokratie) zu führen. Selbst die furchtbare Form der Todesstrafe, die Kreuzigung, ist kein Beweis für den definitiven Sieges der Herren dieser Welt.

Es ist das Ewige, als das Göttliche, das sich im Scheitern des Knechtes, aller Knechte, im Kampf gegen die brutalen Herren sozusagen „durchhält“ und letztlich nicht zum Verschwinden gebracht werden kann.

Diese Erkenntnis ist kein Opium der Vertröstung auf ein ewiges „Jenseits“. Diese Erkenntnis drängt sich auf, wenn man die Anwesenheit göttlichen Lebens in der von Gott „geschaffenen“ Welt trotz aller irritierender Fakten sieht. Die Welt als die von einer göttlichen Lebendigkeit „geschaffene“ Wirklichkeit mit ihrer Natur und ihren Menschen kann gar nicht anders gedacht werden, als: dass Göttliches eben auch in der Welt und den Menschen anwesend ist und lebt. Dies ist ein Bereich, in dem alle, auch die festesten „Naturalisten“ und/oder militanten Atheisten insgesamt auch eher andeutend, suchend, fragend, im „Vielleicht“ sprechen.

Die innere Verbindung der “geschaffenen“ Welt mit dem schöpferischen Gott ist der zentrale Gedanke der Philosophie Hegels, die bekanntlich insgesamt Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie ist, wie der große Philosoph Michael Theunissen gezeigt hat.

Aber die anderen, die Freunde Jesu, wissen: Wenn sie jene Menschen ehren und feiern und im Gedächtnis bewahren, die, wie Jesus Christus, den Weg der Konfrontation mit den Herren der Welt wagten und dabei ihr Leben lassen mussten: Dann sind diese mutigen Menschen über ihr Martyrium hinaus bleibend lebendig, auch inmitten der Gemeinde: Man denke an Bischof Oscar Romero (El Salvador) oder Dietrich Bonhoeffer und einige andere.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Die geistigen Brandstifter der heutigen Rechtsextremen

Ein Buchtipp: “Das alte Denken der neuen Rechten“. Herausgegeben vom „Zentrum liberale Moderne“, Berlin
Von Christian Modehn

1.
Revolutionen beginnen im Denken. So war es mit der Französischen Revolution. So war es mit dem faschistischen Umsturz bzw. der Katastrophe, gewollt und betrieben von Hitler, seiner Partei, den Mitläufern. So ist es mit den de facto rechtsextremen Parteien, die heute mitverantwortlich sind für Mord und Totschlag in Deutschland, sie wollen die Demokratie letztlich zugrunde richten. Die Täter (und die Politiker im Hintergrund mit ihrer Hetze) folgen dabei nicht nur ihrem privat entwickelten Hass auf Fremde, Flüchtlinge, Minderheiten, Menschen also, die nicht zu ihrem völkischen „Volk“ gehören dürfen. Sie folgen auch den versteckten und direkten Anregungen, wenn nicht Weisungen von etablierten, manchmal Intellektuelle genannten rechtsextremen „Meisterdenkern“.
2.
Deren letztlich immer antidemokratischen Ideologien kann man nun in einer Neuerscheinung studieren. Das der Bewahrung von Demokratie verpflichtete, leider noch viel zu wenig bekannte „Zentrum liberale Moderne“ in Berlin hat den Sammelband „Das alte Denken der neuen Rechten“ herausgegeben. Das Buch trägt den Untertitel „Die langen Linien der antiliberalen Revolte“. Das Buch, 166 Seiten stark, mit vielen Literaturangaben verdient weiteste Beachtung. Für viele könnte es wohl eine Art Start sein, um den Background der heutigen Rechten und Rechtsextremen zu verstehen und zu studieren. Das Buch wird kostenfrei versandt, Bestellungen an das „Zentrum liberale Demokratie“, Reinhardtstr. 15, 10117 Berlin. Per e-mail bestellen: info@libmod.de www.libmod.de
3.
Die Einleitung hat Ralf Fücks verfasst: Er ist „geschäftsführender Gesellschafter des Zentrum Liberale Moderne“, wo bei das Wort „liberal“ hier nicht auf eine bestimmte Partei (etwa die FDP) bezogen ist, sondern liberal identisch gesetzt wird mit demokratisch und den Menschenrechten verpflichtet.
Fücks weist schon in seinem Vorwort auf die aktuelle Präsenz der rechtsextremen „Meisterdenker“ hin, etwa in der Zeitung „Junge Freiheit“ oder des „Instituts für Staatspolitik“. 16 prominent gewordene eher „alte Denker“ der „neuen Rechten heute“ werden vorgestellt, von Autoren, die als Politologen und Recherche-Journalisten in demokratischen Kreisen anerkannt und bestens bekannt sind. Das Spektrum der alten rechten Ideologen ist breit angelegt: Richard Wagner, der Antisemit, gehört dazu wie der Philosoph Arnold Gehlen, der Dichter Ernst Jünger oder der Biologe Konrad Lorenz. Auch an den frühen Thomas Mann wird erinnert oder den heutigen Autor Botho Strauß. Selbstverständlich fehlt nicht der zwiespältige Anti-Demokrat zu Hitlers Zeiten Carl Schmitt und auch an Martin Heidegger wird zurecht erinnert: Bei ihm legt der Autor Micha Brumlik den Akzent nicht etwa auf die „Schwarzen Hefte“, sondern schon auf das frühe Heidegger Werk „Sein und Zeit“. Sehr wirksam in Kreisen der AFD ist der rechtsextreme Autor Armin Mohler. Über ihn hat der bekannte Politologe Hajo Funke eine wichtige Studie verfasst. Bei Mohler (1920 – 2003) holen sich die AFD Führer sozusagen ihr ideologisches Futter. Er stand schon Franz Josef Strauß nahe, dann aber besonders Franz Schönhuber und seinen Republikanern. Er hatte eine “beispiellose Karriere eines Rechtsradikalen”, ab 1961 hatte er den “Chefposten der gerade gegründeten Siemensstiftung” (S. 93) „Von den Neuen Rechten um die Zeitung Junge Freiheit, Karl Heinz Weißmann und Götz Kubitschek vielfach verehrt und verlegt…“ (S. 90). Der Begriff “Konservative Revolution” wurde von Mohler gern verwendet.
Über den Begründer der Bewegung „Neue Rechte“ bzw. „la Nouvelle Droite“, den französischen Autor Alain de Benoist, hat Ellen Daniel einen Beitrag verfasst. Er gehört zu den Ideologen, die diplomatisch geschickt hin und her larvieren, vieles im Unklaren lassen, ob sie nun für ein neues Heidentum oder einen konservativen Katholizismus eintreten, tatsächlich aber massiv gegen die „égalite“, die prinzipielle Gleichheit aller Menschen polemisieren. Dieses verschlüsselte, nur Kennern schnell verständliche rechtsextreme Geraune zeichnete ja auch den „fein schreibenden“ Schriftsteller Ernst Jünger aus. Klaus Mann, ältester Sohn von Thomas Mann, schrieb sehr treffend: “Dass er (Ernst Jünger) schreiben konnte, erst das macht ihn gefährlich. Seinen Gaben nach gehört er zu uns…Aber ein Geist von der finsteren Glut kann Unheil stiften. Eine geheimnisvolle Perversion des Gefühls hat ihn auf die Seite getrieben,wo notorische Böswilligkeit und Menschenfeindlichkeit sich alsTugend blähen” (S. 16).
Über die philosophischen und religiösen Hintergründe der französischen Neuen Rechte in Frankreich habe ich schon 1982 zwei Beiträge in der Orientierung (Zürich) publiziert, sie sind noch im Archiv der „Orientierung“ erreichbar, klicken Sie hier.
4.
Interessant ist, dass Oswald Spengler und sein Hauptwerk „Der Untergang der Abendlandes“ immer noch in den Köpfen heutiger Rechtsradikaler wirkt. Spengler verehrte ja bekanntermaßen Mussolini, er proklamierte einen „nationalen Sozialismus“, sein Antisemitismus ist bekannt. „Der neurechte Redner Götz Kubitschek schöpfte z.B. aus Spengler Fundus… und der Idee der kulturellen Schicksalsgemeinschaften, als er im Januar 2015 vor 15.000 Teilnehmern bei einer Legida-Demonstration sprach“ (S. 48). Wichtig ist auch der Hinweis des Politologen Lars Rensmann auf die Präsenz von Spengler im Denken des sehr rechten Parteiführers Thierry Baudet vom „Forum voor Democratie“ in den Niederlanden (S. 48). Eher in weiten Kreisen unbekannte rechtsextreme Denker werden in dem Buch vorgestellt: Etwa der Inspirator der “Muslimbrüder” Sayyid Qutb oder die “antiliberale Vordenkerin” Sigrid Hunke.
Wichtig erscheint mir der Beitrag über den russischen und russisch-orthodoxen “Antiwestler” Alexander Dugin, einen vielseitigen Publizisten, rhttps://www.augsburger-allgemeine.de/bayern/Was-Horst-Seehofers-zur-Fluechtlingskrise-schon-alles-gesagt-hat-id36919252.html ist Putin-Freund und Ideologe eines machtvollen russisch bestimmten Reiches. “Dugin strebt die Schaffung eines vollkommen neuen Reiches, ja einer noch nie dagewesenen Weltordnung an” (S. 111 in dem Beitrag von Andreas Umland). Dugin verschweigt nicht seine Sympthien für Hitler, er hat sogar die “Auferstehung Heinrich Himmlers gepriesen” (S. 112). Auch mit Heidegger hat sich Dugin intensiv befasst und ihn in sein rechtsextremes Phantasieren eingebaut.Der international bekannte Heidegger – Interpret Friedrich-Wilhelm von Herrmann (Freiburg) war sich nicht zu schade, sich von Dugin mehr als eine Stunde für seinen TV Kanal in Russland befragen zu lassen. Leider wird diese Verbindung des Heidegger- Spezialisten von Herrmann mit Dugin nicht erwähnt. Wichtiger noch die Nachweise des Autors, wie eng die Verbindungen einiger AFD Führer und deren Ideologen mit Dugin sind, aber auch mit FPÖ Leuten und “Identitären” so wie Burschenschaften besteht regelmäßig Kontakt. Der AFD Abgeordnete Thomas Rudy in Thüringen gründete etwa 2016 im Sinne Dugins ein “Deutsches Zentrum für eurasische Studien”.
Dugin ist sicher eine sehr wichtige rechtsextreme Figur im Hintergrund nicht nur russischer Politik.
5.
Ich hätte mir gewünscht, dass auch dem Philosophen Friedrich Nietzsche als einem „Denker der alten wie der neuen Rechten“ ein Kapitel in dem Buch gewidmet worden wäre. Über die Wirkungsgeschichte einiger zentralen Nietzsche – Thesen im Nazi-Milieu gibt es ja keine Diskussion, und zwar gilt das nicht nur für die heftigen Passagen in “Der Wille zur Macht”. Dieses posthume Werk ist ja eher ein Machwerk von Nietzsches Schwester Elisabeth! Der Philosoph Vittorio Hösle schreibt im Blick auf Haupttendenzen von Nietzsches eigenen Veröffentlichungen: “Eine Synthese von Nietzsches antichristlichem Machtkult und Wagnerscher Wiederbelebung altgermanischer Mythologeme im Namen eines aggressiv-antisemitischen Nationalismus war in der Tat das kollektive Experiment, das das deutsche Volk unter der Regie Adolf Hitlers unternahm“ (in: „Eine kurze Geschichte der deutschen Philosophie“, München 2013, S. 207). Und noch einmal Vittorio Hösle: „Es liegt nahe, den Nationalsozialismus als Versuch des Heroismus des Bösen zu deuten, von dem Nietzsche auch inhaltlich einige Ideen vorwegnimmt…Nietzsche schreibt: Leben heißt grausam und unerbittlich sein gegen alles, was schwach wird“ (ebd., S 199f. ).
6.
Der zentrale Vorwurf der Rechtsextremen, in Deutschland, ja in Europa insgesamt, finde durch den Zuzug der muslimischen Bevölkerung eine „Umvolkung“ statt, wird in dem genannten Buch des Zentrums liberale Demokratie mehrfach angesprochen. Dabei fehlt mir ein Kapitel über die „Urheberin“ dieser „Umvolkungs“ – Ideologie“: Es ist die Autorin Bat Ye Or, sie stammt aus einer jüdischen Familie in Ägypten und lebt seit langer Zeit in England. Ich habe über sie und ihre anti-muslimischen Thesen einige Hinweise publiziert, klicken Sie hier.
7.
Der Hass der vielen Rechtsextremen heute auf “andere”, Fremde, Flüchtlinge usw. wurde durch einen nachlässigen Umgang vor allem der konservativen CDU/CSU – Politiker zumindest indirekt mit-gefördert. Die Sprache vieler so genannter Spitzen-Politiker bürgerlicher Parteien hat den demokratischen Geist vergiftet, etwa die Rede von der „Flut der Ausländer“, von der „Bedrohung durch Flüchtlinge“ usw. Die „Augsburger Allgemeine“ hat schon im Februar 2016 einige heftige polemische Zitate Seehofers (CSU) zu den Flüchtlings“strömen“ gesammelt, die im Duktus an AFD Sprüche heute erinnern. Mir ist nicht bekannt, dass sich Seehofer für die Tatsache entschuldigt hat, dass er der AFD als Stichwortgeber diente. Dies ist doch eine Tatsache, und sie gilt nicht nur für Herrn Seehofer…Klicken Sie hier.
„Man denke auch daran, wie über Jahrzehnte hindurch Nazis in führenden Positionen der BRD selbstverständlich das Sagen hatten.
Konservative und sich christlich nennende Parteien waren schon immer anfällig für eine Toleranz gegenüber Rechtsaußen. Das ist ein eigenes Thema, das jetzt nur wenig Aufmerksamkeit findet.
8.
Das Buch “Das alte Denken der neuen Rechten” ist eine Sammlung historischer und politologischer gut lesbarer Essays. Es macht den Demokraten deutlich, in welchen geistigen, d.h.ideologischen Sphären sich die Rechtsradikalen, auch die AFD Führer, bewegen. Den politischen Kampf gegen die Feinde der Demokratie kann das Buch natürlich nicht ersetzen.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Es ist vorbei – Die katholische Kirche in Europa

Ein Hinweis von Christian Modehn. (Ein Vortrag, anlässlich des definitiven Nein von Papst Franziskus zur Aufhebung des Zölibates und des erneuten Nein zur Zulassung von Frauen zum Priesteramt im Februar 2020).

Das Motto für diesen Beitrag, treffend im Hegel-Gedenken 2020: “Denkende Menschen als Laien zu behandeln, ist das Härteste” (bezogen auf die katholische Kirche) In: “Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie” III, Frankfurt 1971, S. 297).

Ich wurde nach der Publikation dieses Beitrags gefragt: Welche Quellen, welche Studien, denn besonders wichtig sind in diesem Zusammenhang.
Ich möchte auf den bekannten französischen Historiker, Soziologen und Philosophen Marcel Gauchet hinweisen, besonders auf dessen viel beachtetes, grundlegendes Buch “Le Désenchantement du monde” (1985).Darin zeigt er: Es gibt eine Art “Sortie de la religion”, einen massenhaften Auszug aus der institutionellen Religion, besonders der Kirchen. Die religiösen Strukturen, Organisationen, finden keine Akzeptanz mehr (zumindest in Europa), hingegen wird der persönliche, der eigene religiöse Glaube bewahrt und gepflegt!
“Es gibt überhaupt keinen Gegensatz zwischen dem “Verlassen der religiösen Strukturen” (sortie de la religion), und dem Fortbestehen der persönlichen religiösen Gläubigkeit” (in: Philosophie Magazine, Paris, September 2009, Seite 54).

Mein Vortrag:

Die zentrale Erkenntnis: Eine religiöse Epoche geht zu Ende durch das sehr vielfältige, sehr zahlreiche innere wie äußere Abstandnehmen etwa vom Katholizismus. Diese Erkenntnis wird auch von Marcel Gauchet unterstützt und ausführlich dargestellt. Dieses Ende einer religiösen Epoche ist noch nicht “angekommen” bei den meisten Theologen, geschweige denn bei den Herren der Kirchenleitungen, etwa in Deutschland oder Rom. Dies zu sagen bedeutet: Eine Tatsache sagen. Und das hat mit Polemik absolut NICHTS zu tun.

1.
Eine Epoche geht jetzt zu Ende. Das spüren viele, das wissen einige: Religionssoziologen, Theologen Philosophen: Ein Umbruch, ein Epochenwandel, geschieht: Die Zeit der über Jahrhunderte dauernden, weithin machtvollen Präsenz der katholischen Kirche in den allermeisten Ländern Europas (und Nordamerikas und sogar Lateinamerikas) ist vorbei. Auf „Wunder“ eines “Rückschritts zu alten Zeiten” sollte man auch in dem Zusammenhang eher nicht setzen… Der Katholizismus ist in den genannten Regionen vielleicht institutionell und finanziell noch stark, wie ein Gerüst noch vorhanden. Aber der Katholizismus, so wie er sich heute offiziell darstellt, bewegt nicht mehr das Leben der Menschen. Die Vitalität und Kreativität ist dahin. Das ist eine auch soziologisch bewiesene Aussage. Denn nur noch explizit konservative bzw. reaktionäre Kreise stützen mit aller Polemik das alte katholische System, das entscheidend vom Klerus beherrscht wird. Nur autoritätshörige Menschen fühlen sich in einem autoritären System wohl.
Es gibt sie noch, die katholischen Gruppen und Organisationen, die, selbst autoritär strukturiert, gerade das Autoritäre, das Erstarrte, das Unwandelbare des klerikalen Katholizismus lieben und es mit allen (auch finanziellen) Mitteln verteidigen. Sie haben oft im Zusammenhang mit rechten/rechtsextremen Politikern die Netzwerke bis in den Vatikan ausgebaut. Sie verteufeln auf unverschämte Weise die letzten noch progressiven, d.h. auf lebendigen Wandel setzenden Katholiken, wie den Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer. Er wird von dem reaktionären Organ kath.net als Wolf im Schafspelz dargestellt. Das ist sozusagen katholisch-reaktionäres AFD Niveau….Aber: Abgesehen von diesem einen Beispiel: Auf sie, als die “Treuen”, hören die Päpstes, die höchsten Kardinäle, die Bischöfe etc. Diese Kreise sind die leidenschaftlichen Apologeten des “ewigen Gestern”: Opus Dei, neokatechumenale Gemeinschaften, katholische Charismatiker, Legionäre Christi, Freunde Fatimas, Freunde Pater Pios, die betuchten Kreise um Fürstin Thurn und Taxis in Regensburg etc. Sie vertreiben auf ihre Art die wenigen Katholiken, die noch -naiv – an eine demokratisch strukturierte Kirche glaub(t)en.
Diese Apologeten des Autoritären sorgen also dafür, dass es mit der katholischen Kirche in Europa zu Ende geht. Selbst wenn diese Apologeten noch kleinere Massenveranstaltungen organisieren, weiß jeder Beobachter: Es sind nur noch die engen Kreise der “Treuen”, die sich da versammeln. Sie sorgen dafür, dass die klerikal-katholische Kirche auf den Stand einer Sekte geführt wurde und wird: In sich abgeschlossen und fern vom modernen Geist. Ohne kulturelle Relevanz. Das Schlimme für diese Kreise ist nur: Ihre heiligmäßigen Stars, wie der “Vorbild Katholik” Jean Vanier, Gründer der Arche-Gemeinschaften, wird als sexueller Mißbrauchstäter post mortem entdeckt und als Beschützer eines “pädophilen” Täters aus dem Dominikaner-Orden. Zuvor wurde der Gründer der “berühmten” Mönchsgemeinschaften “Jerusalem” in Paris, Père Pierre-Marie, ebenfalls wegen heftiger “Übergriffigkeiten” belastet, abgesehen von den Mißbrauchsfällen in charismatischen Gemeinschaften wie den weltweit verbreiteten “Johannes-Brüdern” und so weiter. Von den Finanzskandalen im Vatikan und anderswo soll hier gar nicht erst die Rede sein. Genauso wenig von der Verlogenheit höchster Vatikan-Mitarbeiter, etwa Kardinäle, die selbst homosoexuell, aber allen noch katholischen Homosexuellen mit ihrer verlogen-rigiden Moral das Leben schwermachen, die international verbreitete soziologische Studie zu dem Thema, Titel des Buches “Sodom,” von Frédéric Martel, ist ja bekannt.
Die Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche ist also bei Lichte und klarem Verstande besehen dahin. Was kann für eine Glaubens-Gemeinschaft aber dramatischer sein als der Verlust der Glaub-Würdigkeit?
Die folgenden Hinweise sind nicht Ausdruck von Polemik. Sie beschreiben “nur” das Ende einer “katholischen Welt” in Europa und in Amerika.

2.
Erinnerung an einige Fakten: Es gibt immer weniger das alles entscheidende „Personal“, also den zölibatären Klerus, der im Sinne der dogmatischen Lehre der Kirche für die Leitung der Gemeinden Verantwortung übernehmen will. Der zölibatäre Klerus verschwindet, stirbt aus. Damit zusammenhängend: Der Niedergang der Gemeinden. Es gibt keine “Seelsorge” mehr, falls sie jemals von Klerikern qualifiziert, therapeutisch, geleistet wurde…Die Priester sind “Messe-Leser” geworden. Sie hetzen von einer Kirche zu anderen, um Messen zu lesen. Zu Luthers Zeiten sprach man von “Leut-Priestern”…Auch die Orden verschwinden. Das ist evident. Deren Klöster sind sehr oft Altersheime für greise Mönche und Nonnen. Und leerstehende Klöster werden verkauft, oft gewinnbringend in Luxus-Hotels umgebaut, wie in Rom, Prag, Gent und vielen anderen anderen Städten. Die sterbenden Mönche und Nonnen werden so noch einmal steinreich. Das sind evidente Tatsachen.

3.
Eine Epoche geht zu Ende: Das kann eine Form von Melancholie wecken, sozusagen als „Verlust der Kindheit“. Entscheidender ist wahrscheinlich das langsame Verschwinden kommunikativer Orte: Gemeinden hätten ja eigentlich Treffpunkte für spirituelle und nicht-spirituelle Menschen sein können. Die Gesellschaft wird ärmer an kommunikativen Möglichkeiten.

4.
Das Ende der Epoche ist vor allem von der Kirchenführung selbst verursacht worden. Es ist also keineswegs der viel beschworene Ungeist der Moderne, der die Kirche „bedroht“. Es ist die Unfähigkeit der Klerus-Kirche selbst in ihrer rigiden Bindung an die Dogmen und Gesetze, die die Kirche insgesamt ins Abseits geführt hat.

5.
Es wird viel zu wenig beachtet, vor allem in den noch verbliebenen, minoritären „Reform-Gruppen“ zugunsten eines „modernen Katholizismus“: Der Niedergang des Katholizismus ist bedingt nicht zuerst durch die klerikale Abwehr von Struktur – Reformen! Sondern durch die Sturheit des Klerus, auch tief greifende Änderungen bzw. Abschiede von irgendwann einmal fixierten Dogmen (und Traditionen) zu leisten. Die ganze Last der alten Formulierungen uralter Dogmen wird mitgeschleppt, sie bestimmt das Glaubensbekenntnis und die Sprache der Gottesdienste. Denn die Messen in „Landessprache“ verwenden ja nur unverständliche Übersetzungen aus dem lange Zeit für die meisten ebenso unverständlichen Latein. So entsteht die treffende Überzeugung, dass dem Katholizismus jegliche geistvolle Lebendigkeit, d.h. jegliche Kreativität und jeglicher Raum für Freiheit, auch des Experimentes, fehlt. Wenn man von „Synoden“ oder „synodalem Weg“ im offiziellen Katholizismus spricht, meint man ja nicht etwa demokratisch entscheidende Gremien, sondern tatsächlich nette Beratungszirkel, die die Letztentscheidung dem Klerus bzw. dem Papst in Rom überlassen muss. Der Begriff Synode in katholischen Zusammenhang ist also eine bewusste Irreführung und Täuschung, auf die einige gutwillige bzw. naive Laien immer noch reinfallen. Der in Deutschland begonnene, förmlich aus Verzweiflung geborene „synodale Weg“ ist eine solche letztlich wirkungslose Beschäftigungstherapie zum Frust-Abbau. Dabei wird er wieder nur neuer Frust erzeugen. Man denke an den rabiaten Umgang von Papst Franziskus mit den Voten der so genannten Amazonas Synode: Da war den meisten TeilnehmerInnen völlig klar: Wenigstens im Amazonas Raum sollte es sofort verheiratete Priester geben. Aber nein: Der angebliche Reformpapst Franziskus nimmt Rücksicht auf die Reaktionären im Vatikan und sagt: NEIN!

6.
Eine katholische Epoche geht zu Ende: Dafür ist vor allem verantwortlich die völlig unzeitgemäße Ablehnung von allen kirchlichen Ämtern für FRAUEN. Diese Ignoranz den Frauen gegenüber ist in der katholischen Kirche seit Bestehen dieser Organisation das größte Übel. Fünfzig Prozent der Menschheit sind ausgeschlossen von leitenden kirchlichen Ämtern. Wenn der Klerus auch heute noch behauptet: Jesus habe nur Männer als Apostel berufen, ist das eine Lüge, eine Ideologie, ein Fundamentalismus, ein Biblizismus, Thesen also, die keiner wissenschaftlichen historisch-kritischen Bibelwissenschaft standhalteb. Das weiß der Teil des gebildeten Klerus. Aber er verteidigt wider besseren Wissens seine Männer – Macht. Der Ausschluss von Frauen vom kirchlichen Priester – und Bischofsamt ist Ausdruck der Männerherrschaft, bzw. Greisenherrschaft, die kein gebildeter Mensch in Europa auch nur im entferntesten akzeptieren kann. Wie spirituell reich wäre die Kirche, wenn Frauen auch mitbestimmen könnten. Die offizielle Ideologie lässt sich auch nicht mit poetischen Formulierungen schön reden, Frauen seien doch so mütterlich, so zärtlich etc. in der Kirche und sie könnten doch auch sonst so viele nette Dinge in der Kirche FÜR den Klerus tun, „haus halten“, Blumen schmücken, kochen und beten.
Damit zusammenhängend: Diese Kirche hat die Lernbereitschaft von der Gender – Debatte versäumt. Und genauso hat die Kirche die umfassende Akzeptanz der homosexuellen Liebe und des homosexuellen Lebens verpasst. Auch in der Frage wird es keine definitive Meinungsänderung des ja mehrheitlich selbst homosexuellen Klerus geben. Diese Herren müssen nach außen hin immer brav heterosexuell erscheinen…Je homophober, desto schwuler ist der Typ selbst, heißt eine psychologische Erkenntnis.

7.
Eine katholische Epoche geht zu Ende: Beschleunigend hat der tausendfach belegte und dokumentierte sexuelle Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch Priester gewirkt. Ein Ende der Freilegungen ist ja noch nicht in Sicht, man denke an Polen, Italien, Spanien, da melden sich eher zaghaft die Opfer, deren wahrhaftige Aussagen vom dortigen Klerus noch einmal bezweifelt werden.
Aber der sexuelle Missbrauch durch den Klerus hat viele Bistümern an den finanziellen Ruin geführt. Und in Deutschland haben laut repräsentativer Umfrage nur 17 % der Bevölkerung noch ein Vertrauen in die römisch-katholische Kirche. Also: Es ist vorbei…

8.
Die „religiöse Landschaft“ verändert sich. Wird Spiritualität, Frömmigkeit, Verbindung mit dem Göttlichen, wenn überhaupt nur in der privaten Sphäre gelebt? Das wäre ja prinzipiell kein Nachteil, weil dadurch wirklich jeder und jede seine eigene Spiritualität entfalten könnte. Andererseits: Der Austausch mit anderen, also eine Form der Gemeinde, bleibt wichtig. Es können sich interessierte Menschen zur „Feier von Brot und Wein“, also zur Eucharistie, außerhalb der Kirchengebäude treffen, privat oder in angemieteten Salons, Galerien, Cafés…Der Geist des Evangeliums, der Geist der Bergrpredigt, darf nicht ausgelöscht werden im Abschied von der Kirche als Organisation.

9.
Und warum sollte das Ende der Epoche des Katholizismus nicht auch eine Stunde der Ökumene sein? Vielleicht könnten sich Katholiken in protestantischen Gemeinden wohl fühlen und dort das Gemeindeleben mitprägen? Ich denke dabei nicht an die evangelikalen oder pfingstlerischen Kirchen, denn dann käme man von einem Dogmatismus in einen anderen. Das darf um der seelischen Gesundheit der Glaubenden nicht sein. Aber es gibt sie ja noch, die liberal-theologischen Gemeinden oder liberal-theologischen protestantischen Kirchen.

10.
Eine katholische Epoche geht zu Ende. Das könnte man und sollte man auch positiv wenden: Die Menschen, die Katholiken zumal, bekommen wieder ihre Köpfe frei für die wirklich dringendsten Fragen der Menschheit heute: Öko – und Klimakrise; Rassismus, Antisemitismus, Abwehr des Neofaschismus, Aufbau einer gerechten Weltwirtschaftsordnung, Gerechtigkeit für die Ärmsten der Armen etc. Das sind ja die dringenden Frage, und nicht: Ob der Papst unfehlbar ist oder nicht. Diese Themen sind “vorbei”….Gegenüber den Herausforderungen unserer bedrohten Welt sind klerikal angerichtete Probleme eher doch nur „Kinkerlitzchen“. Die man solche behandeln sollte. Oder theologisch formuliert: Zuerst geht es um das Reich Gottes, als Symbol für eine gerechte und friedliche Welt humaner Menschen. Und dann, an 2. Stelle, geht es um Fragen der Kirche. Aber wie sagte der Theologe Alfred Loisy so treffend: „Jesus verkündete das Reich Gottes. Und gekommen ist die Kirche“. Fromm gesprochen: Geben wir wieder Jesus den Vorrang, dem Lehrer der Weisheit, dem Propheten und dem Lehrer einer von Gott gegebenen Vernunft.

11.
In Afrika und einigen Ländern Asiens wird der römische Katholizismus sicher nich als übliche Instutution überleben. Die dortigen Menschen wurden im 19. Jahrhundert von konservativen Missionaren „bekehrt“, sie halten an der alten Theologie und vor allem den Kirchengesetzen weithin fest, bestes Beispiel ist der reaktionäre Kardinal Sarah aus Guinea, ein Freund von Ex-Papst Benedikt XVI. So wird der Vatikan noch die Zentrale der Macht des Katholizismus bleiben, aber die vielen Millionen treu römisch-katholischen Mitglieder werden in Afrika und Asien und vielleicht noch in Lateinamerika leben. Für junge Männer und Frauen etwa in Indien oder auf den Philippinen ist die Klerus/Nonnen – Karriere immer auch noch interessant: Sie bedeutet ja auch sozialen Aufstieg. In einen katholischen Kloster in Indien oer auf den Philippinen oder in Indonesien verhungert man als Mitglied bekanntermapen nicht, hingegen auf den entlegenen Dörfern. Dieser Klerus, die Mönche und Nonnen dort geloben zwar offiziel die Armut, sie sind aber selber vergleichsweise reich..Das Klerus/Kloster – System wird alo außerhalb Europas überleben. Man denke daran, dass heute viele Ordensgemeinschaften die Hälfte ihrer – nicht greisen – Mitglieder bereits in Asien haben; etwa die in Deutschland entstandene Gesellschaft vom Göttlichen Wort (SVD). Insofern können die Herren der Kirche im Vatikan sich doch nach gewohnter Art ruhig zurücklehnen und sich sagen: Es bleibt alles beim alten, es geht weiter wie bisher. Europa wird dann eine „quantité négligeable“. Aber spätestens in 30 – 40 Jahren (wenn das ökonomische Wachstum anhält) werden sich für den Katholizismus in Asien oder Afrika die gleichen Probleme stellen, die heute in Europa das Ende der katholischen Epoche bewirkt haben.

12.
Es ist vorbei … mit dem römischen Klerus-Katholizismus:Dies ist als wissenschaftlich begründete Überzeugung auch ein Weg ins Offene. In eine andere Zukunft. Das sollte man nicht vergessen. Die schönen Messen von Mozart, Haydn und anderen, die Barockkirchen, die Welt religiöser (katholischer) Kunst, sicher auch einige schöne Gebäude von Klöstern usw. … alles das bleibt ja, befeit von kirchlichem Zugriff. Auch das kann insgesamt eine Befreiung sein … für die Suche nach der eigenen, nach “meiner” Spiritualität. Für den einen können es Wallfahrten sein, für die andere kürzere Aufenthalte in christlichen oder buddhistischen Klöstern, für andere der soziale Einsatz für Benachteiligte, für andere die Teilnahme in einem Chor für religiöse Musik, für andere die Debatte über Mystik und so weiter. Diese Wahl neuer, je eigener Spiritualität ist alles andere als “Ersatz” für die alte vorgeschriebene religiöse Praxis. Sie kann zur Freiheit führen, auch zur Freiheit eines je eigenen Verhälnisses zum Göttlichen.

PS: Die empirischen Belege aus religionssoziologischen bzw. theologischen Studien sind bekannt: Zum ständigen Rückgang der sich als katholisch bekennenden Bevölkerung, zum ständigen Rückgang der Teilnahme an der Sonntagsmesse oder der Beichte, zum ständigen Rückgang der Zahlen der Taufen, dem ständigen Rückgang der Priesterweihen, der ständigen Zunahme der Kirchenaustritte etwa in Deutschland oder Österreich, das hohe Durchschnittsalter des noch “aktiven” Klerus wärezu bedenken; oder die ständige Aufgabe von Klöstern und so weiter.
Dass die Katholiken, die in Europa die römische Kirche verlassen und die übliche vorgeschriebene religiöse Praxis aufgeben, sagt ja keineswegs, dass sie militante “Atheisten” sind. Über diese neuen Kreise der frei “schwebenden” ausgetretenen Katholiken müssten eigene Thesen verfasst werden. Für sie und mit ihnen zusammen gibt es bisher noch keine eigenen spirituellen Orte. Ein religionsphilosophischer Salon ist ein solcher Ort!

Ich habe schon früher einige Fakten und Interpretationen zum Thema vorgestellt: Etwa zur katholischen Kirche in Frankreich, klicken Sie hier. Oder zum Zustand der Kirche angesichts eines überholten Weltbildes, bitte hier klicken.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Ein Atheist versteht religiöse Menschen und kritisiert die militanten Neu-Atheisten

Über das Buch von Tim Crane „Die Bedeutung des Glaubens. Religion aus der Sicht eines Atheisten“.
Ein Hinweis von Christian Modehn

Der britische Philosoph Tim Crane wurde „katholisch erzogen“ (S. 91), er versteht sich aber, offenbar seit längerer Zeit, (Details nennt er nicht), „als Atheist“. Und ihm liegt sogar daran, „den Atheismus voranzubringen“ (174). Aber in seinem neuen Buch wirbt er nicht stolz und besserwisserisch für den „Nichtglauben an Gott“ (28). Ganz anders als die bekanntermaßen heftig missionarisch agierenden „neuen Atheisten“, bzw. „Anti-Theisten“, wie die internationalen Erfolgsautoren Dawkins, Dennett, Sam Harris usw. Tim Crane hat gar nichts übrig für diese Herren. Er spricht etwa von „Dennett und Konsorten“ (24). Der Autor will die Atheisten aller Art belehren, was Glaube religiösen Menschen bedeutet, wer sie eigentlich sind. Dabei betont er, den Atheismus nur „beschreiben“ (28), nicht verteidigen zu wollen. So sollen förmlich Bildungslücken gefüllt werden, die gerade viele Atheisten gegenüber gläubigen Menschen haben. Dies ist das Thema des Buches. Dass dabei auch religiöse Menschen Anregungen erhalten, über ihren eigenen Glauben aus der Sicht eines toleranten Atheisten nachzudenken, ist auch klar. Mit seiner manchmal doch mühsam zu lesenden Studie möchte er als „Minimalziel für Toleranz“ sorgen zwischen Religiösen und Atheisten. Als „Maximalziel“ geht es ihm um einen „Dialog“ der Menschen verschiedener Weltanschauungen in einer demokratischen Gesellschaft (176). Ein gewisses missionarisches Ziel im Sinne eines toleranten und humanen Miteinander hat er also doch!
Die Hauptvorwürfe gegen seine philosophisch-atheistischen Gegner, ausschließlich im Englisch sprechenden Raum, sind seit längerem auch aus anderen Studien anderer kritischer Philosophen bekannt. Crane formuliert die bekannte Kritik in seinem Schlusskapitel: Diese militanten Atheisten haben eine grundlegend falsche Konzeption von Religion. Denn die monotheistischen Religionen haben gar nichts zu tun mit (natur)wissenschaftlichen Hypothesen. Sie sind keine Konkurrenz zu Naturwissenschaften. Religiöse Menschen glauben an die schöpferische Kraft eines „göttlichen Wesens“ (mangels eines besseren Wortes), ohne sich dabei auf alle Details der Naturwissenschaften einzulassen. Diese wissen nämlich auch nicht sehr viel Exaktes und definitiv Genaues über den Ursprung des Kosmos und das Leben.
Religionen sind vielmehr eine eigene, philosophisch berechtigte und insofern auch anzuerkennende Form von Überzeugungen, sie haben ihre eigene Vernunft. Denn ihnen geht es um die notwendige Suche nach einem letzten gründenden Sinn. Über dieses nicht „Greifbare“ muss gesprochen werden, denn es gibt das „kaum Greifbare“ auf andere Weise als die Objekte in dieser Welt. Wer würde es denn wagen, etwa die Liebe mit naturwissenschaftlichen Maßstäben „messen“ zu wollen? Dieses Beispiel bringt Crane leider nicht, denn es könnte eine Brücke sein zu der eigenständigen Kenntnis und absolut gar nicht naturwissenschaftlichen Lebensdeutung, die Religionen verbreiten. Aber auch das wurde schon mehrfach gegen diese Neoatheisten gesagt. Die meisten Leser haben diese richtige Kritik kaum zur Kenntnis genommen, sie halten Dawkins „und Konsorten“ für das Non-plus-Ultra. Dass Religionen in ihrer Vielfalt auch viel Unsinn erzeugen, etwa in Form der Magie etwa, ist Crane auch klar…
Der jetzt in Ungarn („Central European University“, Budapest) lehrende britische Philosoph legt allen Wert darauf, nur die Bedeutung des religiösen Glaubens, nicht aber seine Wahrheit, zu erklären. Ob beides so getrennt werden kann, ist die Frage. Denn was ist schon „Wahrheit“ einer Religion? Doch wohl ihre Lehre, ihre Dogmen. Und davon muss man ja wohl in einer Auseinandersetzung sprechen…
Problematisch in meiner Sicht ist auch das letztlich doch enge Verständnis dessen, was Crane Religion nennt. Warum ist es denn nicht eine Art religiöser Bindung, wenn sich Menschen ihren wichtigsten Mittelpunkt in ihrem Leben wählen (Geld, Sex, Sport, Körper, Arbeit usw…)? Und diesen zentralen Sinn – Mittelpunkt, um dessen willen sie leben, dann auch verehren und ihm auch alles andere opfern: Warum sollte man diesen Mittelpunkt (der kann im Laufe eines Lebens variieren) nicht ihren Gott nennen? Darauf hat ja Luther zurecht schon hingewiesen. Dadurch, dass Crane diese offene Definition der Religionen, die bekanntlich auch von dem bekannten Soziologen Thomas Luckmann unterstützt wird, abweist: Wird eben auch Kommunismus oder der Faschismus oder der Kapitalismus und jede allumfassende Ideologie nicht mehr als religiöse Angelegenheit ganz eigener Art wahrgenommen. Dabei gibt es viele Studien, etwa von „Sowjetologen“, die den Kommunismus als Religion deutlich erklären. Man denke an die Arbeiten des Philosophen Michael Ryklin, Moskau-Berlin.
Crane vertritt also meines Erachtens einen sehr begrenzten, man möchte sagen fast kirchlich geprägten religiösen Glaubensbegriff. Dabei definiert Crane ja „den“ Atheismus selbst als einen Glauben: „Atheismus ist der Nichtglaube an Gott“ (28).
So bleiben also am Ende der Lektüre doch, global gesehen, zwei Glaubensformen als menschliche Daseinsmöglichkeiten: Religiöser Glaube und/oder atheistischer Glaube. Und für Crane sind beide letztlich im Sinne eines offenen Humanismus berechtigt. In seinen manchmal mühsamen Erläuterungen zum Relativismus wird zwar nicht gesagt: Beide Glaubensformen sind relativ wahr. Aber die Tendenz der Aussage geht meines Erachtens doch dahin. Relativ wahr will sagen: In der HINSICHT der Bindung eines einzelnen Menschen an seine (augenblickliche) Wahrheit.
Crane weist ausdrücklich die These der Neuatheisten zurück, alle brutale Gewalt auf Erden sei immer schon vor allem, wenn nicht einzig und allein, der Religion bzw. dem Glauben dieser Übeltäter geschuldet. „Die eigentliche Frage lautet, was genau religiöse Gewalt ist und worin das Potential der Religion besteht, Gewalt in häufig extremer Form zu schüren“ (134). Es muss also differenzierter gedacht werden. Und es gilt auch: Religiöse Gewalt ist bekanntlich nicht nur tötende, brutale, körperliche Gewalt. Sehr viel häufiger ist religiöse Gewalt die Umsetzung einer fundamentalistisch verstandenen religiösen Moral: Etwa die Verachtung, Ausgrenzung und Verfolgung von Homosexuellen in allen monotheistischen Religionen, die Degradierung der Frauen, das Bemühen um Missionierung der “anderen“. Mit anderen Worten: So ganz überzeugt diese Apologie von Tim Crane zugunsten der Religion doch nicht! Er hat für Gläubige mehr Sympathien als für Atheisten. Ist er also ein „unzufriedener Atheist“? Vielleicht.
Nebenbei: Crane hat seine Mühe, Versuche der Atheisten (der atheistischen „Humanisten“ in England) zu akzeptieren, wenn diese sich religiöse Feierlichkeiten konstruieren. Man denke etwa an die auch in Deutschland gescheiterten „Sunday-Assemblies“, dieser Melange aus transzendenzfreiem Ritus, Pop -Songs und lebenskundlichen Vorträgen. Mit Kollekten!

Und noch ein Hinweis: Wenn Crane sagt, die säkularen, areligiösen demokratischen Staaten sollten doch bitte religiöses Verhalten inkorporieren (68), dann ist er sehr eng mit entsprechenden Überlegungen von Jürgen Habermas verbunden. Dieser betont ja ständig, die säkularen Menschen in säkularen Demokratien sollten lernbereit auch auf das hören, was religiöse Menschen an Einsichten und Werten vorzutragen haben. Habermas wird von Crane nicht zitiert. Indirekt aber sind seine Themen vorhanden, wenn Crane sagt: „Man kann ein religiöses Temperament haben, ohne gläubig zu sein“ (56). Habermas nennt sich zwar „religiös unmusikalisch“, kann aber als religiös „Unbegabter“, „Nicht-Talentierter“, Richtiges über Religionen schreiben, siehe etwa sein letztes Opus Magnum „Auch eine Geschichte der Philosophie“.
Vielleicht gehört der ehemalige Katholik Tim Crane zu dieser sicher nicht kleinen Gruppe der Menschen, die „nur“ mit einem gewissen religiösem Temperament ausgestattet sind. Die aber doch tatsächlich glauben, eben an die Nicht-Existenz Gottes. Atheismus treffend als Glaubensform bestimmt, ist auch eine Frage des Temperaments.

Dies ist ein Buch, dessen Thesen hoffentlich bei Atheisten und glaubenden Menschen gleichermaßen diskutiert wird. Die Frage muss mal gestellt werden: Gibt es eigentlich in Deutschland noch Orte, wo Atheisten und Glaubende sich regelmäßig austauschen? Mir ist nicht bekannt, dass etwa die katholischen Akademien in Deutschland den regelmäßigen Austausch mit Atheisten pflegen…
Oder hat man sich nichts zu sagen, hat man sich etwa „alles“ schon gesagt? Der religionsphilosophische Salon Berlin ist ein bescheidener Ort des Austauschs “religiös Verschiedener”.

Tim Crane, Die Bedeutung des Glaubens. Religion aus der Sicht eines Atheisten. Suhrkamp Verlag Berlin 2019. Aus dem Englischen von Eva Gilmer. 188 Seiten. 22 Euro.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin