Hölderlin: Über Kirchen und Christentum hinaus… zu den Mythen Griechenlands

Hinweise anlässlich des 250. Geburtstages von Friedrich Hölderlin am 20.3.2020

Von Christian Modehn – Siehe auch den Hinweis zum Gedicht “Friedensfeier” als Anregung für eine “Gemeinde” der Freunde. LINK.
1.
Viele religiöse Menschen, unter ihnen Christen, erleben, wie der überlieferte christliche, dogmatisch geprägte Glaube für sie selbst ungenügend ist. Wie er ihren Lebenserfahrungen nicht (mehr) entspricht. Warum soll man auch einer fest umrissenen Lehre anhängen, wenn sie das eigene Leben nicht klärt, nicht vertieft, nicht erleuchtet? Das wäre Fremdbestimmung! Deswegen wenden sich viele den Meditationsformen zu oder einem westlich verstandenen Buddhismus. Viele wollen trotzdem mit der christlichen Spiritualität verbunden bleiben. Und ihr Überliefertes mit Neuem verbinden.
2.
Der Dichter Friedrich Hölderlin ist eine Art prominenter Vorläufer für religiöse Menschen, die nach einer weiten Synthese von Christlichem und Nicht-Christlichem suchen. Hier kann nicht die umfassende Hölderlin-Forschung auch zu diesem Thema ausgebreitet werden.
Nur auf einen gewiss zentralen Aspekt soll hier nur hingewiesen werden. Auf die Erfahrung des Ungenügens des Christlichen allein und die Suche nach einer anderen religiösen Welt, die der Griechen. Und dabei wird nicht verschwiegen, dass gerade im 19. Späteren Jahrhundert viele andere, Poeten, Philosophen, Literaten, Musiker, sich zu „multireligiösen“ Menschen entwickelten in einer großen ideologischen Vielfalt, man denke an Richard Wagner, Friedrich Nietzsche, Rudolf Steiner usw… Diese Suche nach einer Überwindung dogmatischer Grenzen gilt für viele Menschen heute. Für Hölderlin stand als „Ausweg“ aus der Enge des dogmatisch Christlichen noch nicht eine asiatische Spiritualität z.B. „zur Verfügung“. Er musste förmlich nach Griechenland ausweichen.
3.
Das Leiden:
Friedrich Hölderlin hat schon als junger Mensch gelitten: Er hat am despotischen System des Herrschers, des Herzogs Karl Eugen von Württemberg (1737 – 1793), gelitten und vor allem an der rigiden, dogmatisch verkrusteten evangelischen Theologie und der meisten ihrer Pfarrer dort.
Zusammen mit seinen Freunden im Tübinger Stift (Hegel, Schelling) lebte er in der Sehnsucht nach freiheitlichen politischen Verhältnissen, ihr Motto zu der Zeit war „Zuerst das Reich Gottes“, also das Leben in einer humanen, Menschliches und Göttliches verbindenden Gesellschaft.
Hölderlin sollte auf Wunsch der frommen Mutter evangelischer Pfarrer werden. Aber er wollte das absolut nicht und suchte die religiöse Weite, die er in der dogmatischen Kirche nicht fand.
Sein leidenschaftliches Interesse an einem „anderen Leben“ in Harmonie, Freiheit, Schönheit, Liebe, führte ihn gedanklich in die alte griechische Welt der Mythen. Hier sieht er, wie der „Gott in uns“ erfahren wurde, und der Gott nicht länger der kirchlich konzipierte despotische Himmelsherr sein musste. In wieweit diese religiöse Überzeugung verstärkt wurde durch das Umkippen der Französischen Revolution in eine Gewaltherrschaft müsste näher untersucht werden. Tatsache ist: Hölderlin (wie Hegel) waren im Tübinger Stift zunächst begeisterte Anhänger der Französischen Revolution und ihrer Ideen. Von 1797 bis 1800 war Hölderlin sozusagen Hegels „Philosophischer Mentor“. Hölderlins Gedanke der Einheit von Göttlichem und Menschlichem wurde von Hegel „übernommen“.
4.
„Alles ist in Gott“ wurde früh schon Hölderlins Leitgedanke: “Es glimmt in uns ein Funke der Göttlichen…“ In der Dichtung glaubte er den Zugang zu dieser Welt der Göttlichen zu finden und darin ein neues, ein humaneres, ein „heiles“ Leben. Hölderlin war überzeugt, dass die Dichter den verlorenen Zusammenhang von Menschen und Göttern wieder aufbauen und zu Leben wecken können. Die philosophische Ästhetik ist für ihn der wichtigste Aspekt der Philosophie!
Nicht eine neue Religion wollte er stiften, sondern das Leben insgesamt geistvoller, freundlicher, humaner werden lassen – durch den Bezug auf die griechischen Mythen und deren Götter. Das Problem für ihn war nur: Innerlich konnten diese Göttergestalten nicht als solche erfahrbar werden! Es blieb beim hymnischen Gesang, es blieb beim Wort des Dichters Hölderlin. Nebenbei: Ist das beim Feiern und Singen und Sagen des christlichen Gottes so anders? Ist dieser Gott als Gott – etwa im Kultus der Gemeinde – erfahrbar? Oder hat nicht Jesus von Nazareth in die richtige Richtung gewiesen: Dass im menschenfreundlichen Leben selbst, im Tun des Guten, des Gerechten, der Nächstenliebe Gott und Göttliches erfahren werden kann.
Im Spätwerk Hölderlins deutet sich ein gewisser Wandel an: Die Christus-Gestalt wird förmlich einbezogen und eingeordnet in die griechische Götter-Welt, ohne dabei eine herausragende Bedeutung Christi leugnen zu wollen, darauf weist Heinrich Buhr in seinem wichtigen Buch „Hölderlin und Jesus von Nazareth“ (1977) hin… In Hölderlins letzten Hymnus, vor seinem geistigen Zusammenbruch, erlebt er Christus als den Versöhnenden, als Friede und als den Unsterblichen, als den Fürsten der „Friedensfeier“.

„Versöhnender, der du nimmer geglaubt
Nun da bist, Freundesgestalt mir
Annimmst, Unsterblicher, aber wohl
Erkenn ich das Hohe
Das mir die Knie beugt…“

Dieser Fürst der Friedensfeier, Jesus Christus, ist kein machtvoller Herrscher, erbringt die „heilige Herrschaft der Liebe“, einen „neuen Frieden“.
Nur in einem dogmatisch nicht fixierten Christentum wird man die poetisch-religiöse Leistung Hölderlins erkennen können, wie man überhaupt selbst als christlicher Theologe Versuche der Menschen respektiert, die ihre eigenen spirituellen Wege einer Synthese unterschiedlicher Religionen und Philosophien suchen. Diese Versuche sollte man nicht, wie Hans Küng (in: Dichtung und Religion, Serie Piper, 1988, Seite 140), so wörtlich „als Ersatzreligion“ abtun. Da klingen sehr uralte und veraltete römisch-katholische Topoi selbst bei Küng an!
5.
Man vergesse nicht, dass der junge Hölderlin an der starren Christenheit litt, „die aus der heiligen lieben Bibel ein kaltes, geist – und herztötendes Geschwätz“ machte. Sie hat „ihn, Christus, den Lebendigen, zum leeren Götzenbilde gemacht“. Hölderlin hat aus der Kraft des Leidens nicht nur bleibende Poesie geformt, er hat das europäische Christentum insgesamt zu weiten versucht.
Der Hölderlin Forscher, der Theologe Heinrich Buhr, schreibt: Es sei falsch zu meinen, dass im Sinne Hölderlins „Christus die alten Götter (Griechenlands) überflüssig mache, verdränge und er (Christus) allein an ihre Stelle trete. Aber so versteht Hölderlin Christus gerade nicht. Er kämpft ja darum, dass er sich des Guten und Schönen, wo immer er es findet, uneingeschränkt freuen kann“ (S. 98).
Christus zerbricht den trennenden Zaun, die Mauer, zwischen den Menschen, zwischen den unterschiedlichen religiösen Menschen, dies ist Hölderlins Überzeugung.
Heinrich Buhr (1912-2001) , der ev. Theologe und Hölderlin Freund und Hölderlin Forscher, hat unter der geistigen Begrenztheit seiner evangelischen Kirche sehr gelitten, „die jede fremde (religiöse) Erfahrung nur ironisierend abtut als Versuch des sich selbst rechtfertigenden, überheblichen natürlichen Menschen“ (S. 103).Gemeint ist die rigide dialektische Theologie im Sinne Karl Barths…
6.
Diese maßlose Überheblichkeit lebt heute in sehr vielen evangelikalen und pfingstlerischen Kirchen, zumal in Amerika und Lateinamerika, fort; die Kirchengemeinschaften, die alle „anderen“ religiösen und ethischen Lebensformen verdammen und verfolgen (siehe Brasilien unter Bolsonaro), weil sie nicht dem eigenen klein karierten Fundamentalismus entsprechen.
Hölderlin würde sagen: Diese evangelikalen Kirchen verderben das menschenfreundliche Evangelium Jesu Christi.
7.
Und wer klagt noch in der weiten Christenheit darüber, dass diese evangelikalen Machtblöcke sich auch politisch immer mehr durchsetzen?

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Das kalte Herz bestimmt die imperiale Lebensweise

Hinweise von Christian Modehn im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon am 14.2.2020 (kurz vor der Corona-Pandemie)

Zunächst einige Hinweise zum Märchen „Das kalte Herz“ von Wilhelm Hauff :

1.
Das Märchen ist auf reale ökonomische und politische Verhältnisse bezogen, die Geschichte spielt im Nordschwarzwald zu einer bestimmten Zeit. Darin werden die Unzufriedenheit, der Neid, die Gier von Peter Munk geschildert. Er will aus seiner Köhlerexistenz herauskommen, mit allen Mitteln. Darum lässt er sich wie die wenigen Wohlhabenden, Erfolgreichen, in seiner Umgebung, ein kaltes Herz einpflanzen: Das Herz ohne Mitgefühl,letztlich ein mörderisches Herz. Das kalte Herz (aus Marmelstein) ermöglicht ihm für damalige Verhältnisse eine herrschende, „imperiale Lebensweise“, mit unermesslich vielem Geld, mit allen materiellen Möglichkeiten. Tatsache ist, dass zu Beginn des 19. Jahrhunderts der Schwarzwald maßlos „abgeholzt“ wurde, viele Bewohner nach Amerika auswanderten, um einbesseres Lebe zu haben. Aber dieses kalte Herz bringt Peter Munk nur Isolation von seiner vertrauten Umgebung, Langeweile und Überdruss.
2.
Wichtig ist: Das kalte Herz in Peter Munk ist nicht total kalt, verdorben. Nach dem Mord an seiner Frau meldet sich sein Gewissen, es wird treffend „Stimme“ genannt. Er folgt der Stimme und kann sich mit Hilfe des „Glasmännleins“ aus seiner seelisch versteinerten befreien: Er zeigt „Reue“ für seine Untaten. Und lebt schließlich wieder glücklich in seiner alten vertrauten Welt: “Es ist doch besser zufrieden zu sein mit wenigem, als Gold und Güter zu haben und ein kaltes Herz“ heißt die Lebens-Weisheit am Ende der Erzählung.
3.
Den Hinweis auf eine Verbindung des Märchens „Das kalte Herz“ mit der heutigen Lebensform in der reichen Welt (Imperiale Lebensweise genannt) verdanke ich dem Journalisten und Autor Ulrich Grober in seinem Buch „Der leise Atem der Zukunft“ (München 2018), dort das Kapitel „Das kalte Herz Syndrom“.
Damals wie heute herrscht als zentrale Lebensform die Gier, das unbändige Haben-Wollen, die Habsucht. Hier geht es um die Gier in der reichen Welt Europas und Amerikas.
4.
Mit dem Begriff „Imperiale Lebensweise“ ist die Art der Lebensgestaltung gemeint, von Philosophen, Soziologen, Psychologen und Politologen untersucht, die für die meisten Menschen in der reichen Welt, also Europa, USA, aber für die so genannten Eliten in den Ländern des Südens, üblich und schon selbstverständlich geworden ist. Dabei wird im Laufe dieser Hinweise deutlich: Die imperiale Lebensweise hat die Menschen, also auch uns, fest im Griff. Philosophie kann helfen, die jeweilige Gegenwart auf den Begriff zu bringen, die Gegenwart zu verstehen und damit die Existenz des einzelnen zu erhellen.
5.
Zunächst will ich nicht ein Märchen erzählen, sondern von einem Bekenntnis, das einer der besonders „Maßlosen und Gierigen“ öffentlich ausgesprochen hat: Die Rede ist von Thomas Middelhoff. „Maßlos und gierig“ nennt sich Middelhoff im Rückblick selbst, insofern ist er ein Verwandter von Peter Munk im „Kalten Herz“. Unter anderem veröffentlichte PUBLIK FORUM (21/2019, das Interview führte Gaby Herzog) einige selbstkritische Äußerungen des Ex-Millionärs. Thomas Middelhoff, geboren 1953, Chef von Bertelsmann und dann Chef des Karstadt-Mutterkonzerns Arcandor. Obwohl Arcandor einen hohen Verlust von 746 Millionen Euro verzeichnet hatte, verlangte Middelhoff 2,2 Millionen Euro Bonus. Üblich wurde für ihn der Hubschrauber – Flug zwischen Dienststelle und Wohnung. Als der Konzern Insolvenz anmelden musste, wurden Hunderte der Angestellten entlassen. 2014 wurde Middelhoff wegen Untreue und Steuerhinterziehung zu einer dreijährigen Haftstrafe verurteilt. Und vorzeitig entlassen! Seitdem ist er eher mittelständisch reich.
6.
Einige Zitate aus einem Interview:
„Damals habe ich das »Ich bin wichtig«-Prinzip gelebt. Ich habe für mich in Anspruch genommen, als erster Passagier an Bord eines Flugzeuges zu gehen und dort in der ersten Reihe zu sitzen, damit niemandem entgehen konnte, wie überaus wichtig ich war.
Später war sogar die Business-Class unter meiner Würde. Da bin ich nur noch im Privatjet unterwegs gewesen. Ich war in meinem Größenwahn kaum noch zu stoppen.
Ich war maßlos und gierig.
Anders als man mutmaßen mag, war meine Gier nach öffentlicher Anerkennung immer stärker als die monetäre Gier.
Für den Verkauf des US-Medienkonzerns AOL habe ich einen Bonus von hundert Millionen Euro kassiert – und das Geld an der Steuer vorbeigeschleust. Das war mein Anfang vom Ende. Diese unfassbare Summe hat meinen Verstand vernebelt. Ich habe in dieser Zeit den Bezug zum normalen Leben verloren… Als ich im Gefängnis war, habe ich mich so geschämt, dass ich mir nicht mehr in die Augen sehen konnte.
Den Narzissmus habe ich gebändigt, indem ich Demut gelernt habe. Das war in meiner Zeit im offenen Vollzug, wo ich in einer Behindertenwerkstatt in Bethel gearbeitet habe. Die Menschen dort klagen nicht, weder über ihre Behinderung noch über ihre Herausforderungen im Alltag. Jetzt bin ich der Meinung, dass ein paar Monate soziale Arbeit zur Ausbildung eines Managers gehören sollten.
Ich traure meiner hundert Fuß langen Yacht und dem 100.000 Quadratmeter Grundstück in St. Tropez nicht nach…Es wurde alles immer größer und absurder. Ich wohne jetzt in einer Dreizimmerwohnung in Hamburg. Das ist völlig ausreichend“ .
7.
Thomas Middelhoff ist zweifellos nur einer von vielen aus den international vernetzten Kreisen der „Top-Manager“ (man denke an die Bankenpleite an der Wallstreet etc.) , manchmal sind diese Herren erwiesenermaßen Verbrecher. Ein bisschen kalt würde ich als Meinungsäußerung das Herz von Herrn Middelhoff immer noch zu nennen wagen. Weil er die Entlassungen so vieler „einfacher“ Karstadt Mitarbeiter auch jetzt richtig findet und nur als „strategische Entscheidung“ einordnet, für die er sich dann doch „schämt“. Was ist da schon Scham? Wie wäre es mit Entschuldigung und Wiedergutmachung? Durch seine Bücher und Fernsehauftritte erzeugt Middelhoff jetzt doch wieder viel Aufmerksamkeit, und er steht endlich doch wieder im gierig begehrten Mittelpunkt…
Die heutige Lebensform des Westens, des reichen Nordens dieser Erde wird zurecht imperial bezeichnet. Der Begriff „Imperiale Lebensweise“ bezeichnet den maßlosen, überproportionalen Zugriff von uns Menschen des globalen, des reichen Nordens dieser Erde, also den Zugriff auf die Natur, die natürlichen Ressourcen und die Arbeitskraft. Reich durch Gier zu sein ist ein allgemeiner, unbefragter zentraler erstrebenswerter Wert bzw. Unwert. Die Gier ist dafür der Motor. Ohne Gier kein Kapitalismus.
8.
In der literarischen, philosophischen und religiösen gibt es den Kontrastbegriff: „Das gute Herz“, steht im Mittelpunkt einer humanen Ethik. Im „Herzen“ wird die Stimme des Gewissens vernehmbar, siehe Kant. „Nur mit dem Herzen sieht man gut“, heißt das berühmte Wort von Saint-Exupéry. Das gute Herz als Inbegriff des guten Menschen wurde vor allem im 19. Jahrhundert viel besprochen und in der Poesie gestaltet. In der katholischen Kirche wurde dann die Verehrung des Herzens Jesu in den Mittelpunkt der Frömmigkeit gestellt. Das gütige Herz Jesu als Inbegriff für gütigen Jesus Christus.

Dabei zeigte und zeigt sich die römische Kirche leider in ihrer Morallehre eher sehr selten gütig zu den Menschen und dem freien Denken freier Menschen. Der Katholizismus ist seit dem 4. Jahrhundert unverzichtbarer Teil des Imperiums und er wurde aufgrund der „Konstantinischen Schenkung“ selbst zum neuen Imperium. Der Katholizismus hat also das römische Imperium abgelöst, er wurde selbst imperiale Macht. Die Gewandung der Bischöfe ist eine treue Fortsetzung kaiserlichen Ornats, etwa mit Stäben, Zepter etc. Um 750 wurde diese Ideologie der Schenkung Kaiser Konstantins an die römische Kirche allgemeine Überzeugung. Sie wurde schon im 15. Jahrhundert von Nikolaus von Cues und dem Humanisten Lorenzo Valla als Fälschung evident nachgewiesen. Aber die Kirchenführung hielt an der gefälschten Schenkungsurkunde fest und verfolgte die Kritiker…

In der Literatur des 20. Jahrhunderts steht das Herz immer wieder Mittelpunkt, man denke an den wichtigen Roman „Das Herz der Finsternis“ von Joseph Conrad, 1902 veröffentlicht. Dieser Roman, er ist auch ein Dokument, ist die Beschreibung des Rassismus europäischer, belgischer Herrenmenschen, Könige, in Afrika .

9.
Die Frage ist: Können heute Menschen ihr kaltes Herz umtauschen zugunsten eines guten Herzens? Oder anders gefragt: Gibt es Veränderung, gibt es Bekehrung?
Die Idee und die Praxis der imperialen Lebensweise als Allein-Herrschaft über die Güter der Welt ist „wie eine Zwangsvorstellung in die Alltagspraxis der Menschen eingeschrieben“, betonen die Autoren des Lexikons „ABC der globalen Unordnung“, Seite 126.
10.
Für diese imperiale Lebensweise im Alltag einige Beispiele, jeder und jede wird da bei ausreichender Selbstkritik seine eigene Gier-Geschichte erzählen können.
Man kann ja schlicht bei dem „heiligen Lebensmittelpunkt“ der Menschen heute beginnen, dem Auto.
In der Studie „Imperiale Lebensweise“ von Ulrich Brand und Markus Wissen (Oekom Verlag, München) wird auf den vom Gier bestimmten Umgang mit dem AUTO hingewiesen.. Ich will nur daran erinnern, dass die zunehmende Auto-Produktion eben auch zunehmend mehr Rohstoffe braucht, etwa ganz wichtig: das Eisenerz. Da ist der Weltmarkt – Preis durch das Diktat der Imperien der reichen Welt gesunken, so dass etwa die Produktionsmenge in den Minen im brasilianischen Mariana gesteigert werden musste: Die Rückhaltebecken für die Abwasser der Bergbaumine wurden deswegen überlastet. Am 5. November 2015 brachen die Dämme der Becken und das toxische Gift verwüstete die ganze Umgebung, der Fluss Rio Doce wurde verseucht, bis hin zum Atlantik; viele Menschen starben, dies ist die schlimmste Umweltkatastrophe Brasiliens… Diese Katastrophe haben schnell die imperialen Menschen aus ihrem verdrängt. Sie reden lieber vom Fußball, von Bayreuth und Wagner oder dem Abgang eines mittelmäßigen Politikers hierzulande als von den von wirklichen Katastrophen der Menschheit. Sich darüber hilflos wenigstens aufzuregen ist normal.
Die Autoren des Buches „Imperiale Lebensweise“ schreiben: „Die Katastrophe im brasilianischen Mariana offenbart die schmutzige Kehrseite der glänzenden Karossen, die auch die Lebensbedingungen von Menschen in Brasilien zerstören und unsägliches Leid produzieren“ (S. 133).
11.
Weitere Beispiele für die imperiale Lebensweise der Menschen der reichen Welt, die Liste ist lang, jeder und jede kann sie ergänzen.
Wir können als Teilhaber der reichen Welt (in die wir ohne Verdienst zufällig geboren wurden) prinzipiell alle Produkte aller Länder, auch der armen Länder, kaufen, und zwar zu Konditionen, die nur wir diktieren: Kirschen aus Chile im Dezember; Mangos aus Burkina Faso, Fisch aus Afrika usw.
Wir „Imperialen“ (oder Imperialisten?) verfügen über so viele Lebensmittel, dass laut „SZ“ vom 28. Dezember 2019, (Seite 11): 1,7 Millionen Tonnen Brot und Backwaren jedes Jahr weggeschmissen werden, das ist etwa ein Drittel der Produktion. Zur gleichen Zeit das Paradox: Den hungernden Menschen etwa in Afrika gönnen wir „Imperialen“ gelegentlich einige bescheidene Spenden, etwa über „Brot für die Welt“. Das Motto vieler Hilfsorganisationen ist: „Mit einem Euro Spende können Sie einer ganzen Familie Reis pro Tag zur Ernährung ermöglichen“.
Wir, die imperialen Herren und Damen, der reichen Welt können reisen, wohin wir wollen. Ein Pass genügt und alle Grenzen stehen uns überall offen. Wir haben die neuen sozialen Medien (IPhones, Internet usw.) 100prozentig zur Verfügung. Ohne die Rohstoffe des Südens kommt unsere High-Tech-Industrie nicht aus. Die seltenen Erden werden im Süden, etwa in Afrika, unter entsetzlichen Arbeitsbedingungen, auch von Sklaven-Kindern, gewonnen. Zusammengebaut werden die Handys, Computer etc. dann wieder in Billiglohnländern. Der Gewinn bleibt freilich den Bewohner der imperialen Welt. Es gibt also, das sagen alle klugen Beobachter, einen digitalen Kolonialismus.
Auch die Kultur dieser „einen“ Welt wird vom Impererium aus bestimmt. Von „Hollywood“ war schon oft die Rede. Und das Wissen, weltweit erreichbar über wikipedia, ist ein Wissen, das vorwiegend von wikipedia Autoren des reichen Nordens verfasst wird: Von 70.000 weltweit aktiven Wikipedia AutorInnen stammen nicht einmal 1000 aus Afrika, insgesamt 14.000 leben mit der ihnen eigenen Perspektive in den Ländern des globalen Südens. Das Internet und das dort verbreitete, allen ständig zugängliche Wissen ist also noch nicht entkolonisiert.
Imperiale Lebensweise beginnt also im Alltag als Prämisse unseres Alltags, als unreflektierte Selbstverständlichkeit.
12.
Grundlegend ist dabei die Hierarchie: Wir sind die Herren, die anderen sind die Untergebenen, die Unterlegenen, die Diener.
Wir als die Herrenmenschen sind wirklich fast immer die Männer! Die Männer sind noch immer, weltweit betrachtet, fast die Alleinherrscher. Etwas pauschal gesagt: Die Frauen kümmern sich um das Leben, das Lebendige, die Männer (nur) ums Geld. Erst wenn die Herrenmenschen Feministen werden, kann sich die imperiale Lebensform verbessern.
13.
Es ist wichtig zu begreifen, dass die heutigen Soziologen die imperiale Lebensweise einen Zwang bzw. eine Zwangsvorstellung nennen, also eine Haltung, der sich kaum ein Mensch hier entziehen kann. Denn die Gier nach Geld wird letztlich um ihrer selbst willen betrieben. Geld als Form des schlichten Tausches in der Gesellschaft ist für die gierigen Banker und Milliardäre völlig uninteressant. Geld ist in sich selbst „Vermögen“, es ermöglicht nämlich angeblich totale Freiheit, siehe den Wahn des Managers Middelhoff. Deswegen geht es allein um die stetige Anhäufung von immer mehr Geld, koste es, sozial und ökologisch gesehen, was es wolle. Diese Haltung ist verbrecherisch. Sie wird leider von gewählten Männern, die sich Politiker nennen dürfen, gestützt, Trump, Bolsonaro usw.
14.
Es hat sich also ein imperiales Subjekt, ein imperialer Menschentyp, herausgebildet. Das anzuerkennen, fällt vielen schwer. Dieses imperiale Subjekt steht in dialektischer Verbundenheit mit den imperialen Strukturen, dem Imperialismus. Darum geht es jetzt:
15.
Imperium und Imperialismus sind uns seit langem bekannte Begriffe, die die objektive Seite der politisch-ökonomischen Verhältnisse beschreiben.
Wir werden jetzt in Deutschland mit Nachdruck endlich erinnert an die deutsche Kolonialherrschaft, betrieben vom Wilhelminischen Kaiserreich, man denke an die von Gier beherrschte Afrika Konferenz in Berlin 1884-1885. Man denke an die Verbrechen der Deutschen (in KZs für „Neger“!) in Deutsch-West-Afrika, heute Namibia. Dieser Massenmord wird jetzt endlich von der deutschen Regierung als Völkermord anerkannt. Aber bislang ohne spürbare Konsequenzen für die Leid tragenden Völker dort. Die Berliner und die evangelische Kirche kommen nicht auf den Gedanken, die zentrale Kirche West-Berlins von dem Namen des maßlosen Kolonialherren, Kaiser Wilhelm I., zu befreien. Diese Kirche heißt nach wie vor Kaiser Wilhelm Gedächtnis Kirche. Erinnerung an diesen Kolonialherren ja; aber bitte nicht länger eine Ehrung eines Kolonialherren als Titel für eine Kirche! Oder will man nur auf die uralte Bindung der Kirche an die Herrschenden, die Kaiser etc. deutlich machen?
16.
Die Tatsache, dass die Menschen in den reichen Ländern der Welt zu Imperien gehören, ist also unbestritten. Man denke an die nahezu absolute ökonomische Vorherrschaft dieser Staaten, an die militärische Vorherrschaft und Willkür, an die Beeinflussung politischer Entscheidungen auch in den armen Ländern, an das Abhängigmachen der Armen (auch der Flüchtlinge) von der Willkür der Reichen. Die Gier der reichen Staaten und der international, global, agierenden Milliardäre ist allumfassend.
17.
Das CREDO dieser Herrschaften lautet: Wirtschafts-Wachstum muss ständig sein: Das heißt, ganz kurz gesagt: Das vorhandene Geld fließt in Investitionen, diese Produkte werden durch Investitionen ermöglicht, so wird die Nachfrage erhöht. Das Geld fließt also weiter in die Kassen der Unternehmen. Diese geben weiter Aktien aus, und die Aktionäre haben die selbstverständliche Erwartung, dass die Aktienkurse steigen, dass also die Unternehmen Gewinn einstreichen. Dadurch sind die Unternehmen schon durch die Aktien-Bindung auch an stetiges Wachstum gebunden. Dies ist die Spirale des Zwanges zum Wachstum ohne Ende; dies wird ermöglicht durch die selbstverständliche Gier nach Gewinn, also Geld. Habgier ist förmlich zur „Tugend“ bzw. treffender zur Untugend in dieser Wirtschaftsform aufgestiegen. So kann der Journalist Christoph Fleischmann (WDR) in seinem empfehlenswerten Buch „Gewinn in alle Ewigkeit“ (Köln, 2010, Seite 237) schreiben: „Heute scheint es der Gesamtheit der Menschen schlicht nicht mehr möglich, anders als habgierig zu handeln, also immer mehr materielle Güter anzuhäufen – ohne Ziel und Ende. Die Habgier, die einstige Todsünde, ist also nicht mehr moralisch zu qualifizieren. Sie ist einfach die der kapitalgetriebenen Wirtschaft entsprechende Haltung“. Der Soziologe Max Weber sagte, im Kapitalismus gebe es nur sachliche, nicht mehr ethisch zu bewertende Erwägungen… Bester Ausdruck dafür sind die Finanzmärkte: Sie funktionieren weithin durch Betrug, Kriminalität und Geldwäsche. Beispiel: CUM-EX: In Kooperation mit Banken vor allem in London: Man lese die durchaus erschütternden, wenn nicht uns revoltierenden Bekenntnisse eines Insiders der großen Investment Bank „Merill Lynch“: https://www.zeit.de/2020/05/cum-ex-files-merrill-lynch-investmentbank-steuerbetrug
Es geht bei diesem merkwürdigen „CUM – Ex“ darum, ganz kurz gesagt, mehrfach Steuererstattung zu erhalten, obwohl man nur einmal Steuern bezahlt hat. Dem deutschen Staat sind dadurch 10 Milliarden Euro Schaden entstanden.
18.
Die Gier der Banken/Bankkunden/Bankmanager und der Konzerne ist grenzenlos und muss wegen des Wachstums grenzenlos sein: Diese Herren haben eine militant agierende Lobby: „Was wir heute haben, ist keine Marktwirtschaft mehr, sondern eine Machtwirtschaft, in der Konzerne und Unternehmensverbände teilweise die Gesetze schreiben, statt dass die Gesellschaft den Rahmen vorgibt“. So Gerhard Schick in „Chrismon,“ 02/2020. S 26. Gerhard Schick von der „Bürgerbewegung Finanzwende“. Die Gier (die imperiale Lebensweise) ruiniert die Seele.
19.
Wir sollten erkennen, was mit uns –seelisch, existentiell, auf dem Spiel steht. Mit aller Klarheit hat Erich Fromm darauf hingewiesen: Es geht um ein Entweder Oder, es geht um die Lebensform des Seins oder um die Lebensform des Habens, der Gier. Die Gier als Lebensform beschreibt der Philosoph und Psychotherapeut Erich Fromm eindringlich, vor allem sein allseits bekannten Werk „Haben oder Sein“ von 1976.
Ich beziehe mich hier nur auf einige zentrale Aussagen, die Fromms engster Mitarbeiter, Rainer Funk, in seinem empfehlenswerten Buch „Mut zum Menschen“, 1978, zusammengestellt hat.
Es gibt für Erich Fromm zwei unterschiedliche Formen, Weisen, der Existenzgestaltung: Die eine folgt dem HABEN, also dem Klammern, Besitzen, der Gier; die andere folgt dem SEIN, der Lebendigkeit, der Lebensfreude, der Solidarität, der Verbundenheit aller Wesen untereinander.
Für das Haben als Existenzform gilt: “Ich bin, was ich habe. Mein Besitz begründet mich und meine Identität“ (312). „Die Gier führt zum Kampf darüber, am meisten zu bekommen, so gibt es Wettkampf und Antagonismus“ (316). Gier ist also dem Wesen nach auf Krieg angewiesen.
Die andere Haltung, die Lebendigkeit, die Freude am Dasein auch der anderen, also die Orientierung am SEIN „vereint und solidarisiert, indem man teilt und mitteilt“ (317).
20.
Nebenbei: Gier war ja schon ein zentraler Begriff der christlichen Moral-Lehre: Gier bzw. Habgier ist dort eine der sieben Todsünden: Wollust, Zorn, Neid, Völlerei, Hochmut, Trägheit und Habgier…Der Mönch Johannes Cassian (360-435, in Frankreich) nennt 8 Hauptsünden, also Laster. Habgier und Zorn verbindet er: Der Zornige will den anderen in seiner Wut förmlich auffressen, vernichten; das verbindet ihn mit dem Gierigen als dem Geld-Gefräßigen. Ob die Herren der Kirche jemals ohne Gier lebten und leben, ist sehr die Frage. Man denke an die Finanz-Spekulationen des Vatikans, oder der Ordensgemeinschaften, an die enormen Waldbesitzungen der Stifte und Klöster in Österreich etc.
21.
Gibt es eine Überwindung der Gier, der mentalen Grundlage des Kapitalismus? Lässt sich der Kapitalismus als Resultat des gierigen Immer mehr Wachsens überwinden oder wenigstens stark einschränken oder, noch etwas bescheidener formuliert, so sehr ankratzen, dass er seinen nach außen gestellten falschen Charme verliert? Ankratzen lässt sich der Kapitalismus durch die vielen Basisbewegungen und NGOs, die von mutigen, reflektierten Menschen betrieben werden hinsichtlich einer besseren Landwirtschaft, oder der humaner Formen des Zusammenlebens, der Solidarität mit den Arm-Gemachten, den Minderheiten, den Flüchtlingen etc.
Den Kapitalismus einschränken: Das kann niemand mehr so recht von der SPD erwarten, die ja eigentlich diese Einschränkung auf ihre Fahnen geschrieben hatte. Ich meine, auch als Journalist: Die unabhängige kritische Presse ist darum enorm wichtig geworden. Die tief schürfende Recherche der Journalisten erzeugt manchmal Beben in den Regierungen und Lobbyisten-Kreisen. Wir sollten diese freie Presse unterstützen, sei es in Form der gedruckten Zeitungen, etwa der TAZ oder der SZ; oder in Form der Internet-Dienste, wie CAMPACT, Campact e.V, in 27283 Verden / Aller. www.campact.de
22.
Was hat Gier bzw. imperiale Lebensweise mit Spiritualität zu tun? Gier als die wichtigste UN-Tugend im Kapitalismus führt zur Anbetung, d.h. zur Vergöttlichung des Marktes und der Wachstumsökonomie. Darüber hinaus gibt es nicht, heißt das Credo! Der Kapitalismus erzeigt also eine eigene starke Glaubenshaltung. Christen werden diesen ANTI-Gott als solchen bezeichen. Dieser Götzendienst sollte beendet werden. Das IMMER MEHR wollen ist eine versteckte, aber perverse Form des Transzendierens: Als Überschreitung alles Gegebenen in die Unendlichkeit des horizontal Vielfältigen. Wahre Transzendenz aber ist vor allem vertikal, sie führt in eine andere, in eine höhere Qualität im Überschreiten. Religiöse Transzendenz ist noch einmal anders: Sie entdeckt im Geist, in der Seele, in der „Stimme“, wie Hauff schreibt, also im Innern das Transzendente. Da beginnen alle Revolutionen. Da gibt es Ressourcen, Revolutionen human zu gestalten … weil die Gier eingeschränkt wurde.
23.
Ich frage mich, ob wir Menschen als Menschen die Gier völlig überwinden können. Kann die Gier vernünftig gestaltet und eingehegt werden, als ein vitaler humaner Impuls wirken, sozusagen von der Seele und der Vernunft gesteuert? Bei einer milden Form der gier, nämlich der Neugier, mag das gelingen, diese Balance zu finden. Neugier kann auch die berechtigte Sehnsucht nach Kommunikation sein. Als ein interessiertes Streben nach außen, als Suche nach Kontakt mit Menschen und Dingen.
24.
Auswege?
Erstens: Gier wird auch Habgier bzw. noch treffender Hab-Sucht genannt. Die genaue begriffliche Analyse leistet die philosophische Besinnung. Sie wird zur kritischen Phänomenologie der gegenwärtigen Gesellschaft („Imperiale Lebensweise“).
Zweitens: Wenn es sich um eine SUCHT des Habens handelt, dann ist Gier eine Krankheit. Sie muss zur Einschränkung bzw. Heilung psycho-therapeutisch analysiert und behandelt werden. Menschen, die als ihr Lebensideal das Streben nach Geld um des Geldes betrachten, sind also seelisch krank. Ähnlich ist es mit Ruhm-Sucht, Machtgier, Sex-Sucht usw. Alle dies sind Formen der Gier. Und damit wird deutlich, dass unsere westliche, reiche kapitalistische Gesellschaft schwer krank ist. Die Sorge um sich selbst weht sich gegen alle Exzesse, aber auch gegen alle rigide Entsagung, sie sucht immer wieder eine neue Balance. Hoffentlich helfen dabei Therapeuten, die nicht ihrerseits wieder geld-gierig sind.
Drittens müssen kriminell Habgierige von den Justizbehörden bestraft werden. Habgier hat die Tendenz zum Kriminellen.
Viertens: Nur der noch so bescheidene politische Einsatz eines jeden, seinem Gewissen folgend, kann die imperiale Lebensweise ankratzen.
Fünftens muss überlegt werden: Wenn Habgier bzw. die Sucht des Habens therapeutisch eingeschränkt wird und wenn es Lebensfreude („Sein“ im Sinne von Erich Frmm) bereitet, kritisch an der Umgestaltung von Politik und Ökonomie im Sinne der Menschenrechte mitzuwirken: Dann können spirituelle und philosophische Hilfen wichtig werden. Ohne eine Neu/Wieder-Entdeckung der Seele und ihrer spirituellen Kraft werden Habgier und Habsucht nicht eingeschränkt werden können. Es ist der Ruf der Seele, der Peter Munk gerettet hat, weil er dem (Gewissens) Ruf folgte! Um vom Märchen von Wilhelm Hauff noch einmal zu sprechen.
Sechstens: Wer auch das Neue Testament als ein Buch der Weisheit (!) gern mal wieder zur Hand nehmen möchte: Dem empfehle ich die meditative Lektüre im Lukas Evangelium, im 16. Kapitel, die Verse 21 ff. „Die Geschichte vom reichen Prasser und dem armen Lazarus.“ Der bekannte evangelische Theologe Helmut Gollwitzer hat zu dem Thema 1968 ein Buch veröffentlicht: „Die reichen Christen und der arme Lazarus“. Wird antiquarisch noch preiswert angeboten.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

„Die Affäre Dreyfus“: “Intrige”. Der neue Film von Roman Polanski und der katholische Antisemitismus.

Ein Hinweis von Christian Modehn zu dem Film von Roman Polanski “J´accuse” (“Ich klage an”).
1.
Der neue Film Roman Polanskis über den „Fall Dreyfus“ bzw. die “Affäre Dreyfus”, hat in Deutschland den Titel „Intrige“.
Um die kriminellen Machenschaften der höchsten Mitglieder des Militärs und unter führenden Politikern geht es ja auch: Der jüdische Hauptmann Alfred Dreyfus wird 1894 in Paris des Landesverrates angeklagt, zu Unrecht verurteilt und in die totale Isolation auf die Teufelsinsel in Guyana verbannt.
Die Verurteilung ist einzig und allein Ausdruck des populären Antisemitismus, der weiteste Kreise der französischen Gesellschaft und des Staates zersetzte. Die französische Gesellschaft ist tief gespalten in leidenschaftliche, irrationale ANTI-Dreyfusianer und die eher kleine Gruppe der Vernünftigen. Die Republikaner haben im Unterschied zu den reaktionären Kreisen nicht vergessen, dass durch die Französische Revolution den Juden die Bürgerrechte zugesprochen wurden. Dieses „Dreyfus-Trauma“ wirkt bis heute. Unter (katholischen) Traditionalisten (etwa Anhängern Bischof Lefèbvres) und Rechtsradikalen ist Antisemitismus bis heute eine Realität, auch wenn sie sich heute nach außen hin als Israel-Freunde geben, aus dem einzigen Grund, um ihren Hass auf “den” Islam dadurch abzuschwächen.
2.
Nach der Verurteilung von Dreyfus wird Oberst Marie-Georges Picquart zum Chef der „Gegenspionage“ ernannt: Er entdeckt im Laufe seiner Recherchen, dass Alfred Dreyfus einzig, weil er Jude ist, verurteilt wurde. Picquart ist von der Unschuld von Dreyfus überzeugt. Er wird zu einem entschiedenen Vorkämpfer der Gerechtigkeit in diesem „Fall“. Um ihn, den Oberst, der nicht blind gehorcht, sondern seinem Gewissen folgt, dreht sich der Film.
3.
Der damals allmächtig herrschende Antisemitismus wird in dem Film allerdings nicht weiter analysiert, er wird nur als Faktum dargestellt: Die aufgehetzten grölenden Massen, die Verbrennung der kritischen Zeitung „LAurore“, das Beschmieren jüdischer Geschäfte mit antisemitischen Parolen, die Gerichte, die sich vom Antisemitismus leiten lassen…
Für religionsphilosophisch und theologisch Interessierte ist wichtig: Der Judenhass in Frankreich wird von der katholischen Kirche und ihrer maßgeblichen Presse verbreitet und geradezu leidenschaftlich, unverschämt in den Aussagen, gefördert. Es hätte dem Film gut getan, wenn auf diese klerikalen Wurzeln des Antisemitismus wenigstens hingewiesen worden wäre. Denn Dreyfus ist auch ein Opfer des damals vorherrschenden katholisch befeuerten allgemeinen Antisemitismus.
Das Zentralorgan des katholischen Antisemitismus ist die katholische Tageszeitung LA CROIX (Das Kreuz) in Paris: Sie gehört zum großen Verlagshaus „La bonne presse“, „Die gute Presse“, ein sehr merkwürdiger Titel: Denn „gut“ galt auch das, was antisemitisch war. Antirepublikanisch, gegen die Laicité, die Trennung von Staat und Kirche, war das Verlagshaus allemal. Es gehörte (und gehört) dem französischen Augustinerorden, der sich „Augustiner von der Himmelfahrt (Mariens)“, „Assomption“, nennt.
Über den Antisemitismus, den die Tageszeitung La Croix vor allem seit 1884 verbreitete, sind inzwischen Studien von Historikern erschienen, etwa „La Croix et les juifs“, von Pierre Sorlin, Paris 1967). Aber auch der Orden selbst hat sich – spät – seiner dunklen Geschichte gestellt. Zum Beispiel im Jahr 1998: Da hat der Augustiner und La-Croix Chefredakteur Michel Kubler ausdrücklich die Schuld eingestanden, die Schuld an den jüdischen Mitbürgern. (La Croix, Ausgabe vom 12.1.1998)
4.
Es lohnt sich aber, einige Details dieses damals üblichen, stark katholisch geprägten Antisemitismus zu nennen:
Seit 1884 wird die Feindschaft gegenüber den Juden in La Croix immer größer, dies zeigt die Studie von Pierre Sorlin. Die offizielle päpstliche Verurteilung der „Freimauerei“ im Jahr 1884 hat den Antisemitismus noch einmal befeuert, weil „man“ glaubte: Die als böse geltende Freimaurerei sei wesentlich mit dem Judentum verbunden. Ab 1889 wurde der katholische Antisemitismus noch heftiger, weil die Wirtschafts- und Finanzkrise in dem Jahr einen „Sündenbock“ brauchte und üble pauschale Verdächtigungen verbreitet wurden, so etwa: Die ganze Presse befinde sich in den Händen der Juden. La Croix rühmt sich ganz unverschämt: „Diese Zeitung ist die am meisten antijüdische Zeitung Frankreichs“, so in der Ausgabe vom 30.9.1890. Wie richtig diese Selbsteinschätzung leider ist: Die Karikaturen allein sind eine Schande! Das Verlagshaus „Bonne Presse“, „Gute Presse“, erreicht in der Zeit mindestens 500.000 Leser, das sind viele mehr, als der Erzantisemit Edouard Drumont mit seiner Zeitung „Libre Parole“ erreichte.
5.
“La Croix” hat die heftige antisemitische Hetze seit etwa 1930 aufgegeben. Und „La Croix“ gilt seit 1960 für weite Kreise als seriöse, und gar nicht so klerikale Tageszeitung, wenn auch die Bindung an die offizielle katholische Lehre eine Rolle spielt. Ausdruck für eine gewisse allgemeine Wertschätzung auch außerhalb der Kirchenkreise ist z.B. die Jahre lange regelmäßige Mitarbeit des bekannten Politologen Alfred Grosser, Paris. Pater Michel Kubler, „La Croix“ Chef-Redakteur, bittet in seinem genannten Beitrag um Verzeihung für den antisemitischen Wahn, den die Zeitung seines Ordens verbreitet hat – vornehmlich im Falle Dreyfus: „Keine Person und auch keine christliche Gemeinschaft hat Zukunft, solange sie das jüdische Volk zurückweist, aus dem ja die Christenheit geboren wurde“.
6.
Oberst Marie-Georges Picquart (1854-1914) entstammte einer streng katholisch orientierten Familie aus Strasbourg. Er selbst hat schon als junger Erwachsener die Bindung an die Kirche aufgegeben. Als Oberst sagt er – im Film von Roman Polansky- zu dem bedrängten Hauptmann Dreyfus sinngemäß: „Ich bin zwar kein Freund der Juden. Aber ich will, dass man sie gerecht behandelt“. Eine zwiespältige Haltung gewiss, aber immerhin konnte er in dieser Einstellung die große Intrige aufdecken. Und Dreyfus -spät zwar – aber “immerhin” retten und rehabilitieren.
Aber Respekt und Anerkennung sind die menschlichen Haltungen, die den Antisemitismus einschränken und hoffentlich überwinden.
Auch die große Bedeutung, die der Schriftsteller Emile Zola für die Rehabilitieung von Dreyfus spielt, angesprochen, vielleich zu kurz. “J´ accuse” ist der Titel seines leidenschaftlichen Protestes gegen das Urteil in der Tageszeitung “L Aurore” (am 13. Januar 1898). Zola wird verurteilt, er kann nach England fliehen.
Erst am 12. Juli 1906 wird Alfred Dreyfus offiziell rehabilitiert, er wird zum “Ritter der Ehrenlegion” ernannt und als Major wieder in das Heer aufgenommen. Und Picquart wird 1906 von Ministerpräsident Clemenceau zum Kriegsminister ernannt…

7. PS.: Die katholische Tageszeitung „La Croix“ lobt ausdrücklich den Film von Roman Polanski „J accuse“ („Intrige“) in ihrer Ausgabe vom 12.11.2019. Die Zeitung La Croix hat heute eine Auflage von 95.000 Exemplaren. Die Tageszeitung Libération: 92.000, die Tageszeitung Le Monde 316.000.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Geschichtsphilosophie der Gegenwart – pessimistisch, aber nicht falsch.

Ein Hinweis von Christian Modehn zum neuen Buch von Vittorio Hösle “Globale Fliehkräfte“

1.
Vittorio Hösle will in seinem neuen Buch die vielfältigen politischen Fakten und Daten der Gegenwart zusammentragen und auf den Begriff bringen. Das bedeutet wohl der merkwürdige, gar nicht philosophische Begriff im Untertitel „Kartierung“. Es handelt sich also um eine „zeitkritische Schrift“ (129), sie soll durchaus dem Titel „Geschichtsphilosophie“ gerecht werden. Dass Geschichtsphilosophie zu den besonders umstrittenen „Abteilungen“ der Philosophie gehört, weiß natürlich Vittorio Hösle. Die ins Totalitäre abrutschende Geschichtsphilosophie des Faschismus oder des Leninismus, Stalinismus usw. hat als Ideologie allgemein tiefe Skepsis gegenüber diesem für Hegel noch so wichtigen Thema „Geschichtsphilosophie“ hervorgerufen.
Dennoch ist es für mich eine beachtliche Leistung des Philosophen Hösle, dass er sich an eine – wie Hegel – von empirischen und politischen Daten „gefütterte“ Philosophie als Verstehen der Gegenwart, eben an eine Geschichtsphilosophie, heranwagt. Also gewissermaßen eine philophierende Gesamtschau der Gegenwart bietet, dabei aber durchaus normativ argumentierend. Denn Hösle, das ist bekannt, vertritt als kritischer Metaphysiker mit aller Deutlichkeit Positionen der ethischen Universalität. Er wehrt sich also kraftvoll gegen die allgemeine Beliebigkeit erzeugende Postmoderne. Hösle weiß zurecht, dass nur die universal geltenden Menschenrechte Widerstandsreserven gegen den heutigen Verfall demokratischen Bewusstseins (Populismus, Neofaschismus) bieten. Wer die Menschenrechte verteidigt, sieht natürlich klar, dass die lautstarken verbalen Verteidiger der Menschenrechte in der politischen Praxis auch absolut gegen den Geist der Menschenrechte agieren, siehe die Politik der USA in den letzten Jahrzehnten. Alle – auch ökonomisch motivierten – Verbrechen wurden und werden mit „Verteidigung der Menschenrechte“ (oder „Reformen“ genannt) kaschiert! Aber dieses Faktum spricht nicht gegen die absolute Gültigkeit der Menschenrechte. Und auch die Tatsache, dass sie in der europäischen Kultur wohl zuerst deutlich formuliert wurden, sagt ja nichts gegen die universale Geltung der Menschenrechte. „Genesis und Geltung müssen unterschieden werden“, schreibt Hösle kurz und wahr in seinem ebenfalls empfehlenswerten Buch „Eine kurze Geschichte der deutschen Philosophie“, München 2013, S.194.
2.
Trotz dieser in gewisser Hinsicht gegebenen Zustimmung zum Grundanliegen des Buches bleibt es für mich erstaunlich bzw. durchaus irritierend, dass die von Hösle beschriebene tiefe Krise der Gegenwart nicht so deutlich mit dem heute allherrschenden Kapitalismus in Verbindung gebracht wird, an dessen Ideologie des ständigen ökonomischen Wachstums praktisch alle teilhaben. Die einen als Akteure bzw. ständigen Gewinner, die anderen, die große Masse der von den Gewinnern Arm-Gemachten! Hösle schreibt am Schluss seines Buches (204), es gehe dringend darum, einen “weltweiten Wertekonsens zu erzielen, der die verschiedenen Kulturen zu einen vermag”. Dieser weltweite Wertekonsens muss aber über die von allen gelebte Anerkennung der universalen Menschenrechte hinaus selbstverständlich auch die Überwindung des Kapitalismus zum Inhalt und Ziel haben oder wenigstens diesen sehr stark und wirksam eingeschränken. Das ist keine Utopie, sondern die Voraussetzung für ein Überleben der Menschheit.
3.
Das sehr dicht geschrieben Buch „Globale Fliehkräfte“ kann in einer eher knappen Rezension nur ansatzweise gewürdigt werden. Hösle selbst nennt Horst Köhler, Theo Waigel (CSU) und Bundesminister Gerd Müller CSU), sie hätten “auf freundlichste Weise” (17) zu diesem Buch ermuntert. Ich kann nicht verschweigen, dass ich es auch treffend gefunden hätte, wenn auch heutige Grüne- oder SPD- oder gar Linke Politiker den Philosophen Hösle zu diesem Buch Projekt „ermuntert“ hätten, also mit ihm in einem ebenso freundschaftlichen Dialog ständen. Aber vielleicht gibt es einen Graben zwischen (den wenigen) katholischen Philosophen an katholischen Universitäten und Politikern, Autoren etc., die sich mit dem grünen bzw. linken Spektrum verbunden fühlen. Mich freut aber dann doch, dass Vittorio Hösle in seinem Vorwort Greta Thunberg lobend erwähnt, „die in der allgemeinen Verlogenheit die Wahrheit sagt“ (18). Das werden die genannten „Ermunterer“ aus der CSU sicher mit großer Wonne zur Kenntnis nehmen.
4.
Hösle zeigt sich als ein guter Kenner der internationalen politischen Entwicklungen der Gegenwart, dabei kommt ihm zugute, dass er seit 20 Jahren in den USA lebt, er ist Professor für Philosophie an der renommierten katholischen Privatuniversität Notre Dame im Bundesstaat Indiana unter Leitung des katholischen “Ordens vom Heiligen Kreuz” (CSC). Hösle stellt sich selbst vor als ein Philosoph mit „besonderem Interesse an der politischen Philosophie“ (13). Er nennt sein 224 Seiten umfassendes Buch eher bescheiden einen “Essay“ (15), er wurde in der ersten Hälfte des Jahres 2018 verfasst. Ein Essay, der die Gefährdungen der Gegenwart klar benennt: Der „Liberalismus“ (verstanden als Eintreten für Grundrechte und Demokratie) sei gerade auch in den USA sehr bedroht, der Autor zitiert etwa zustimmend Madeleine Albright, wenn sie von der Gefahr des Faschismus, nicht in ihrer Heimat, den USA, sondern weltweit, spricht. Ein gewisser Pessimismus durchzieht förmlich diese Geschichtsphilosophie Hösles: „Aber nur wer die Gefahren in den Blick nimmt, hat das Recht Optimist zu sein“ (18).
5.
Von den sieben Kapiteln des Buches interessiert mich „vom Philosophischen her“ am meisten das 4.Kapitel „Die Zersetzung politischer Rationalität“ (96 – 136).
Ich nenne nur einige Stichworte, die die Zersetzung des demokratischen Bewusstseins deutlich machen sowie die Abkehr von der kritisch reflektierten Erkenntnis der Idee des Fortschritts: Das Gemeinwohl ist keine leitende politische Vorstellung mehr. Die Lobbyisten setzen sich mit Bravour in den Parlamenten durch, dabei haben die Lobbyisten der Reichen und Mächtigen förmlich eine Allmacht errungen, so dass sie politisch, in der Gesetzgebung machen können, was sie wollen (118). Man denke in Deutschland nur daran, dass es nicht gelingt einen absolut unfähigen Verkehrsminister Scheuer (CSU) aus dem Amt zu jagen. Er ist wohl der von Auto-Lobbyisten abhängigste Politiker, das sage ich als Meinungsäußerung.
6.
Es herrscht für Hösle insgesamt eine Vergiftung des politischen Diskurses, in dem sich die kritischen Bürger eher als die Unterlegenen fühlen. Die Rechtsextremen setzen sich mit aller Bravour durch. Sehr klar sind Hösles Worte über die rechtsextreme Tea-Party-Bewegung in den USA: „Sie repräsentiert auf idealtypische Weise die Ignoranz, Dummheit und Vulgarität von Millionen durchschnittlicher Amerikaner“ (110). Fest steht, dass zu den militanten Anhängern dieser Tea-Party vor allem Evangelikale gehören, die in Blindheit und Dummheit auch Trump gewählt haben und ihn wohl in der beschriebenen Haltung 2020 wieder wählen werden. Mir fehlt bei Hösle in dem Zusammenhang eine ausführliche Darstellung der christlichen Kirchen und des Islams: Wo liegt deren Beitrag für den Niedergang der demokratischer Kultur? Von der unerfreulichen Rolle der Evangelikalen (etwa in den USA) war schon die Rede.
In seinem Schlußkapitel “Auswege aus der Krise” denkt Hösle dann doch etwas ausführlicher an eine konstruktive Rolle der Religionen zum Schutz und zur Bewahrung der Demokratie. Denn ohne die allseitige Geltung moralischer Prinzipien könne eine Demokratie auf Dauer nicht bestehen. Da seien Religionen vonnöten! “Sofern eine Religion das grundlegende liberale Prinzip der Religionsfreiheit akzeptiert, ist sie in der Regel eher eine Stütze als eine Gefährdung des liberalen demokratischen Staates” (199). An der Stelle wäre eine Diskussion mit dem in ähnliche Richtung denkenden Jürgen Habermas interessant! Hösle schätzt die prinzipiell mögliche positive Bedeutung der (vernünftigen) Religion höher ein als die Leistungen einiger zeitgenössischer Philosophien. Er spricht etwa von der “naturalistischen Ideologie” (200), “die den Menschen nur als materielles Zufallsprodukt einer blind und ziellos evolvierenden Natur sieht”. Schon zuvor hatte Hösle den (atheistischen) Naturalismus zurückgewiesen wie auch den postmodernen Konstruktivismus: “Keine wird etwa der Natur moralischer Verpflichtungen gerecht” (106). Zu den Erkenntnissen könnten sich spannende Debatten entwickeln. Wieweit bestimmte Formen des Islam “eine Stütze der liberalen Demokratie” sind bzw. werden könnten und sollten, sagt Hösle nicht!
7.
Interessant, wenn auch allgemein bekannt sind dann die Hinweise zur Problematik der so genannten sozialen Medien: Twitter reduzieren die Komplexität (115), schreibt Hösle, so dass die Twitter Leser also auf Dauer sehr schlicht im Denken werden, falls sie es nicht schon sind.
8.
Hösle bietet einen vorsichtigen Versuch, auch einige Erkenntnisse von Oswald Spengler (Untergang des Abendlandes) wieder zu bedenken. Dennoch bleibt Hösle ein von der kritisch reflektierten Fortschritts-Idee doch überzeugter Philosoph. „An der moralischen Verpflichtung am Fortschritt zu arbeiten, ist nicht zu rütteln“ (131). Und Hösle meint gar, dass es einen intellektuellen, moralischen und rechtlichen Fortschritt in der Menschheitsgeschichte „seit den Griechen“ gegeben habe (131). Ob man da die „Hinsichten“ auf den genannten Fortschritt noch weiter spezifizieren muss, scheint mir eine Notwendigkeit zu sein. Wie sonst will man den Massenmord im Kolonialismus oder den Massenmord an den europäischen Juden philosophisch in einen Fortschritt „einordnen“? Zeigt die Ökokrise, die Klimakatastrophe, das Fehlen von elementaren Gerechtigkeitsstandards weltweit nicht eher, wie wenig Fortschritt politisch faktisch greifbar ist, selbst wenn so viele von Ökokrise, Klimakrise und Gerechtigkeit schwadronieren. Das Bewusstsein der Freiheit ist ja doch noch in einigen Kreisen außerhalb der Herrscher da. Aber dieses Bewusstsein kann und darf nicht politisch real Gestalt werden. Das ist die Schande der Gegenwart. Diese Blockade, dieser Stillstand, diese Egofixierung. Sie wird den Demokraten zugemutet von den sich bloß demokratisch nennenden Herrschern, die sich Präsidenten und Politiker nennen dürfen. Hösle hat recht: Auch dieses Kapitel hinterlässt alles andere als optimistische Gedanken. Hegel konnte noch schreiben, seine Geschichtsphilosophie dürfe nicht mit einem „Misston enden“. Heute müssen leider Geschichtsphilosophen eher mit einem „Misston“ enden. Um die letzten verbliebenen kritischen Geister auf diese Weise anzustacheln, zu ermutigen und zu ermuntern!
9.
Oder ist es doch eher noch der Glaube an die “göttliche Vorsehung” im Sinne von Leibniz oder der Glaube an die sich duchsetzende “unsichtbare Hand” im Sinne von Adam Smith, wenn Vittori Hösle in den letzten Zeilen seines Buches schreibt: “Man SOLL für den Fortschritt der Menschheit arbeiten, auch wenn man nicht wissen, sondern nur hoffen kann, dass er sich trotz aller Krisen und Verfallspozesse auf teilweise unvorhersehbaren Wegen durchsetzen wird” (205). Ohne Glauben kommt also auch Philosophie nicht aus. Und Philosophen glauben daran, dass sie die Wahrheit sagen und recht haben.

Vittorio Hösle, „Globale Fliehkräfte. Eine geschichtsphilosophische Kartierung der Gegenwart“. Mit einem Geleitwort von Horst Köhler. Verlag Karl Alber, Freiburg. 2019, 224 Seiten. 24 Euro.

Copyright: Christian Modehn
www.religionsphilosophischer-salon.de

Hegel – eine Biographie

Über ein neues Buch von Klaus Vieweg
Ein Hinweis von Christian Modehn

1.
Wird das Jahr 2020 auch zu einem „Hegel-Jahr“? Hoffentlich, wenn auch mit aller verständlichen Bravour schon jetzt das „Beethoven-Jahr“ aller Orten eingeläutet wird und sich durchsetzt. Beethoven feiert am 17. Dezember seinen 250. Geburtstag. Hegel seinen 250. Geburtstag schon am 27. August. Es sind uns also noch einige Wochen „Denkzeit“ gegeben, um dieses Ereignis zu „begehen“. Und das könnte zu lebhaften Debatten im Geiste Hegels führen, in dialektischem Für und Wider selbstverständlich! Nur so ehrt man den letzten spekulativen Metaphysiker, der “das Ganze” in seinem System der Vernunft auf den Begriff bringen wollte.
2.
Der Hegel Forscher und Professor für Philosophie in Jena, Klaus Vieweg, legte vor wenigen Monaten, im September 2019, eine sehr umfangreiche Hegel-Biographie vor. Sie hat als Untertitel und als Motto: „Der Philosoph der Freiheit“.
Leitend für das Verstehen Hegels ist für Klaus Vieweg die Hochschätzung und man möchte fast sagen liebevolle Verehrung der philosophischen Leistung Hegels. Etwa wenn er Hegels Werk mit einem „Dom-Bau“ (S.193) vergleicht. Hegels „Phänomenologie des Geistes“ nennt Vieweg einen „unschätzbaren Diamanten“ (S.258), „einen diamantenen Angelpunkt“ (304), oder ein „Jahrtausendwerk“ (306). Das Buch „Wissenschaft der Logik“ wertet Vieweg „Buch der Bücher und „ein Meisterstück des menschlichen Geistes“ (361).
In dieser insgesamt sehr wohlwollenden Grundstimung im Hegel-Verstehen folgt Vieweg dem letzten großen Hegel Biographen Karl Rosenkranz, der sein – immer noch lesenswertes Buch – 1844 veröffentlichte (Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1971). Rosenkranz gehörte zum Verein der „Freunde des Verewigten“, der seit 1832 bei „Dunkcker und Humblot“ Hegels Werke herausgab…Rosenkranz war übrigens 1830 Mitglied, dies ist kein Witz, in der „Althegelianischen Gesellschaft zum ungelegten Ei“, an. „Althegelianer“ ist identisch mit dem geläufigeren Begriff Rechtshegelianer. Diese sind eher konservativ gesinnte Philosophen, mit strammem Bekenntnis zum preußischen Staat.
3.
Es ist wohl die große Herausforderung der Hegel-Biographie von Klaus Vieweg, dass er zeigen will: Hegel war während seines ganzen Lebens (1770 bis 1831) ein Freund der Republik, er schätzte die große Tat der Freiheit, die mit der Französischen Revolution 1789 begann. Hegel unterstützte in jungen Jahren die Republikaner nicht nur verbal, sondern war hilfsbereit, praktisch. Im reiferen Alter als Professor einer staatlichen Universität definierte Hegel bekanntlich „Freiheit als das Bei sich selbst Sein des Geistes im anderen“. Da wurde aus dem politischen Freiheitsengagement die spekulative Gedanken-Leistung, also die „halbierte Freiheit“ sozusagen wurde gelebt…
In den ersten Jahren der noch politisch-praktisch verteidigten Freiheit hat ihn der Enthusiasmus der Freunde in Tübingen, etwa Hölderlin, Schelling, mitgetragen. Vieweg schreibt: „Hegel stellt sich (in Jena) gegen jeden Restaurationsversuch“ (361). „Vorwärts durch dick und dünn“, schreibt Hegel an seinen Freund Friedrich Immanuel Niethammer (ebd.)
Später musste Hegel angesichts der repressiven politischen Mächte eher verschlüsselt sein Eintreten für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit benennen. Auch die vielzitierte Erkenntnis Hegels aus seiner „Rechtsphilosophie“: „Was vernünftig ist, das ist wirklich; und was wirklich ist, das ist vernünftig“, ist ein kritischer Satz: Denn betont wird: Nicht alles real und faktisch Existierende ist vernünftig, das gilt für alles faktisch Bestehende in einem Staat…Erst die Prüfung durch die Vernunft kann im Faktischem dann Wirkliches und Vernünftiges wahrnehmen. In Viewegs Interpretation: “Was dem Begriff nicht entspricht, hat keine Wahrheit, ist bloßes Existieren (406).
Ob es Vieweg ingesamt gelungen ist, eine starke links-hegelianische Interpretation von dem insgesamt nun progressiven und staats-kritischen Hegel zu überzeugen, wird sich sicher in den Debatten der folgenden Monate zeigen.
4.
Vieweg breitet viele Fakten und Daten aus dem Leben Hegels aus, der ja bekanntermaßen oft umziehen musste, von Stuttgart nach Tübingen, dann zuerst als Hauslehrer, nach Bern, dann in Frankfurt, dann Jena vor allem und Nürnberg, später als Professor in Heidelberg und dann als Professor in Berlin von 1818 bis zu seinem Tod 1831. Vieweg spricht etwa von dem unehelichen Sohn Ludwig (256), er erwähnt viele Details der Heirat mit der aus der „altehrwürdigen Tucher-Familie“ stammenden Marie Tucher im Jahr 1811, da ist Hegel 41 Jahre alt! Vieweg berichtet etwa auch sehr ausführlich über den recht beachtlichen Wein-Konsum des immer „geselligen“ Hegels, nennt die vielen kontaktierten Weingüter und Lieferanten… Er berichtet auch von den Vorlesungen Hegels in Berlin, wie er, nach Worten suchend, eher schwerfällig und in sich versunken da steht und eher mit sich selbst sprach (565). Trotzdem bewunderten sehr viele Studenten Hegel, und nicht -zur Freude Hegels – den Berliner Konkurrenten Schopenhauer… Deutlich wird vor allem, wie sehr Hegels Denken vor allem zu Beginn im Kontakt mit anderen Philosophen und den Ereignissen der Politik sich herausbildet. Dabei ist Hegels Wille sehr stark, sehr ehrgeizig, etwas ganz Besonderes, Neues, etwa im Gegenüber zu Schelling, zu denken. Daraus ist der „absolute Idealismus“ entstanden, um ein Stichwort zu verwenden.
5.
Jede Station in Hegels beruflich bedingten „Wanderungen“, Umzügen, durch Deutschland“ wird von Vieweg verbunden mit ausführlichen Zusammenfassungen der Werke Hegels, die an diesen Orten von ihm geschrieben und von ihm selbst als Bücher veröffentlich wurden. Die berühmten Veröffentlichungen der Berliner Vorlesungen zur Geschichte, Kunst, Religion und Philosophie sind bekanntlich Mitschriften von seinen treuen Hörern. Diese Bücher werden von Vieweg aber leider eher knapp dargestellt. Die anderen hingegen, die er Hauptwerke nennt, also die „Phänomenologie des Geistes“, die „Enzyklopädie“, die „Logik“ und die „Rechtsphilosophie“ werden von Vieweg in einer Weise vorgestellt, die ich für problematisch halte, also für nicht für „effektiv“ bei den nicht philosophisch schon hoch gebildeten Lesern. Denn Vieweg wiederholt in Hegels Worten, gar nicht so kurz gefasst, den Inhalt der genannten Hauptwerke. Da wäre das Bemühen der Übersetzung der Hegel-Argumente in eine nicht von Hegel wieder geprägte und von ihm bestimmte Sprache dringend und sinnvoll gewesen. Das kennen wir ja auch von Darstellungen des Werkes Martin Heideggers, dass Heideggerianer eben Heideggers ohnehin oft kaum nachvollziehbaren Worte in ihrer Darstellung bloß wiederholen. Der Begriff der ÜBERSETZUNG ist entscheidend. Also hier die Übersetzung Hegels in heutige gebildete und kritische Alltagssprache. Nur dann gelingt Verstehen und Nachvollzug. Dieses Ziel wird von Klaus Vieweg leider nicht erreicht.
6.
Trotz dieser Kritik ist das Buch von Vieweg auch als Nachschlagewerk durchaus empfehlenswert, weil doch viele Grundthemen Hegels gut herausgearbeitet werden:
Etwa die Trennung von Kirche und Staat. Oder: Das Bemühen, allein durch die Vernunft und nicht durch das Gefühl Religion zu verstehen usw. Vieweg hätte da dem Kontrahenten Hegels, dem Theologen Friedrich Schleiermacher, etwas mehr Gerechtigkeit antun können: Dessen immer wieder zitierte Definition der „Religion als unmittelbares Gefühl der Abhängigkeit des Menschen“ ist doch, in dieser Kürze, tausendmal zitiert, irgendwie oberflächlich. Und die Hegelsche Reaktion darauf auch (etwa so: „Nur Hunde sind abhängig“…) ist eher nur polemisch! Gibt es denn nicht eine philosophische Nähe Schleiermachers zu Hegel, wenn der Theologe 1799 schreibt: „Die Offenbarung ist keine von oben her gekommene, außerordentliche Mitteilung, sondern das Bewusstwerden des eigenen innersten Lebens und einer neuen Anschauung des Unendlichen“. Davon habe ich in dem Umfangreichen Buch von Vieweg nichts gefunden. Er ist vielleicht zu sehr Hegelianer, als dass er Mängel im Denken seines hoch verehrten Meisters eingestehen könnte. Interessant ist Hegels Definition des Protestantismus, formuliert in Nürnberg: „Der Protestantismus besteht nicht so sehr in einer besonderen Konfession als im Geistes des Nachdenkens und höherer vernünftiger Bildung“ (334). In den Worten Viewegs: “Die einzige Autorität (der Protestenten), das einzige Heilige ist die intellektuelle und moralische Bildung aller“ (ebd.). Später, in Berlin, hat Hegel durchaus den Sinn des Kultus beschrieben, der freilich „aufgehoben“ werden muss in die Philosophie.
7.
Wenn noch zum Schluss noch einmal von Mängeln des Buches die Rede sein muss: Ich vermisse die ausführliche Auseinandersetzung mit Frage, ob gerade im Spätwerk Hegels eine gewisse Zwanghaftigkeit vorherrscht, bedingt durch seine absolute Ergebenheit gegenüber dem Gesetz der Dialektik. Ich vermisse eine ausführliche Reflexion zur Erkenntnis vieler seiner Schüler: dass eigentlich durch Hegel „alles gesagt“ ist, die Philosophie also an ein Ende gekommen ist. Neues gebe es also kaum noch zu sagen. Marx hat dann ja seine Konsequenzen gezogen… Ich vermisse dann auch speziell bei dem sehr zentralen hegelschen Thema Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie die Auseinandersetzung (oder wenigstens den Hinweis) mit der umfangreichen und großartigen spekulativen Leistung des Berliner Philosophen Michael Theunissen in seinem Buch „Hegels Lehre vom absoluten Geist als theologisch-politischer Traktat“, Berlin 1970, 460 Seiten!.
Und die immer umstrittene Geschichtsphilosophie Hegels wird von Vieweg mit einigem guten Gründen verteidigt. Aber die kritischen Vorwürfe werden nicht umfassend beantwortet, wie etwa: Der einzelne Mensch innerhalb der Weltgeschichte wird zu einem bloßen verschwindenen Material der sich durchsetzenden Geschichte des absoluten Geistes. Man lese in dem Zusammenhang die kleine, aber sehr inspirierende Studie des ungarischen Philosophen László F. Földényi „Dostojewski liest Hegel in Sibirien und bricht in Tränen aus“ (Berlin, 2008). Da kommt die Geschichtsphilosophie erst mal ins Schleudern!

Klaus Vieweg, Hegel. Biographie. Der Philosoph der Freiheit.
C.H.Beck Verlag, 2019, 824 Seiten. Davon ca. 140 Seiten Anmerkungen und Literaturhinweise. 34 Euro. Auch als e-Book (26,99 Euro)

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Evangelikale sind ein politisches Problem!

Ein Hinweis von Christian Modehn.

Wenn wenigstens 3 oder 4 Millionen Evangelikale in den USA als Wähler von Trump sich ihrer kritischen Vernunft bedienen würden, könnten sie Trump, den Psychopathen, bei den Wahlen 2020 verhindern. Sind sie dazu bereit um des Friedens willen? Oder siegt bei ihnen wieder mal die Bindung an fromme Sprüche?

Dieser Hinweis versteht sich auch als Aufforderung, endlich viel umfassender die Evangelikalen und Pfingstler wahrzunehmen und kritisch zu studieren und diese Studien weit zu publizieren. Damit die Öffentlichkeit begreift, was heute fundamentalistische christliche Kirchen, also Evangelikale und Pfingstler, für einen politischen Schaden anrichten! Der christliche Glaube gerät durch diese sehr einflussreichen Kreise wieder in den Ruf, Opium des Volkes zu sein.

Der Religionsphilosophische Salon Berlin warnt schon seit einigen Jahren vor den politischen Gefahren der evangelikalen Kirchen und Bewegungen. Das ist eine philosophisch notwendige Form der Religionskritik. Ich bin bekanntlich nicht der einzige, der evangelikale Kirchen, Gemeinden oder evangelikale Vereine etc. für politisch gefährlich hält.
Maßstab auch dieser Religionskritik kann nur die sich kritische reflektierende Vernunft sein, die der Erklärung der Menschenrechte verpflichtet ist. Ein Maßstab aus der Dogmatik einer bestimmten Religion oder Kirche kann also gar nicht in Frage kommen.

1.
Privat und in ihren Gottesdiensten können Evangelikale selbstverständlich sagen, singen und lehren, was ihnen alles so einfällt. Sollen sie doch privat die Bibel lesen als einen journalistischen, exakten Tatsachenbericht, sollen sie doch privat jeden Bibel-Vers wortwörtlich deuten. Dass diese naive Lektüre alles andere als theologisch angemessen und klug ist, dies ist ein anderes Thema. Zumal jeder, der jeden Vers der Bibel wörtlich liest, also auf die angemessene historisch-kritische Forschung am Bibeltext verzichtet, in vielfache intellektuelle und persönliche Widersprüche gerät. Aber wer mit solchen intellektuellen Widersprüchen in seiner Privatsphäre zurecht kommt, kann das tun.
Ich habe also nichts gegen Leute, die in privaten Zirkeln die Erde als eine Scheibe feiern oder glauben, die Erde sei von einem Vater-Gott im Himmel in sechs Tagen erschaffen worden.
2.
ABER: Diese Gruppen und Kirchen sollen diesen Glauben nur für sich behalten. Er darf niemals die Welt, die Gesellschaft, den Staat gestalten und schon gar nicht bestimmen. So, wie die Zeugen Jehovas ihre sehr umstrittene Bibel-Deutung für sich behalten. Sie kommen gar nicht auf den Gedanken, etwa Gesetze im Bundestag vorzuschlagen, die dann festlegen: Wer denn zu den 144.000 Gerechten und himmlisch Geretteten gehören darf; dies ist ja bekanntlich ein Lieblingsthema der Zeugen Jehovas. Sie behalten diese Meinung freundlicherweise für sich. So wie die Christian Science, die Gemeinschaft „Christliche Wissenschaft“, ihre esoterische Überzeugung von Heilung und Gesundheit nicht für die ganze Gesellschaft und als staatliches Gesetz fordert! Und das ist gut so.
3.
Aber die Evangelikalen, die sich im Umfeld der protestantischen Kirchen ansiedeln und oft Bündnispartner unter den ebenso sehr zahlreichen Pfingstgemeinden haben, diese Evangelikalen aber wollen Staaten und Gesellschaften in ihrem Sinne bestimmen. Und sie tun das. Und zwar mit aller medialen Energie. Dass es auch einige verstreute „linke“, selbstkritische Evangelikale geben mag, soll nicht bestritten werden. Aber die große Hauptströmung der Evangelikalen (ca. 330 Millionen Mitglieder im Jahr 2019) formuliert aus ihren eigenen Glaubensüberzeugungen und naiven Bibellektüren auch politische Maximen. Diese vielen Millionen evangelikaler Christen wollen mit ihrer Denkform letztlich herrschen, natürlich auch über andere und Andersdenkende.
4.
Evangelikale und Pfingstler finden etwa in den USA ihre mächtigen Gönner und Freunde, vor allem in Millionärs- und Milliardärs Kreisen. Diese neigen bekanntlich zu einer absoluten Verteidigung ihres für sie selbst schon kaum noch überschaubaren, aber heiligen „Privat-Eigentums“. Denn nichts ist angenehmer für Ultrareiche, als sich mit dem schönen Schein von bloß verbal bezeugter Frömmigkeit zu schmücken, aus der aber keine sozialen Verpflichtungen folgen. Im Gegenteil, diese Evangelikalen und Pfingstler sagen: „Wenn du reich bist, ruht der Segen Gottes auf dir“. Diese Kirchen(führer) verbreiten also ihre inzwischen fest etablierte „Theologie des Wohlstandes“ („Prosperty Gospel“). Diese Theologie wirkt sich oft aus als Verhinderung des sozialen Wandels und der politisch-ökonomischen Strukturreformen. Evangelikale sind aber politisch gesehen noch viel gefährlicher, weil sie nicht nur die Innenpolitik, die Öko-Politik und die Kulturpolitik (wie in Brasilien jetzt unter Bolsonaro) prägen und mitbestimmen, sondern auch die Außenpolitik, etwa in den USA.
5.
Diese Zusammenhänge werden jetzt einmal mehr in den USA deutlich, dort sind die Hochburgen evangelikalen und pfingstlerischen Agierens und massiven missionarischen und propagandistischen Werbens und Einfluss Nehmens! Darauf weist jetzt Malte Lehming in einem Beitrag des „Tagesspiegel“ (vom 30.1.2020, Seite 6) hin. Er zeigt, dass Präsident Trump von evangelikalen Ratgebern umgeben ist: Etwa von Paula Michelle White-Cain, die spirituelle Beraterin von Trump. Sie soll Trump die Wiederwahl zum Präsidenten 2020 im evangelikalen Milieu sichern! Dass diese Dame dreimal verheiratet war, stört die frommen US – Evangelikalen nicht. Sie hassen ja nur die Homosexuellen! Erwähnt werden muss auch der sehr einflussreiche Pastor Robert Jeffress, ein treuer Freund von Trump!. Dass der Vizepräsident Mike Pence und Minister Pompeo nicht nur „stramm“ evangelikal, sondern auch noch Mitglieder der politisch gefährlichen Bewegung „Christians United For Israel“ (CUFJ) sind: Diese CUJF zählt in den USA 8 Millionen Mitglieder. Diese Pro-Israel Christen geben sich lautstark als pro-jüdisch, aber dies aus dem christlichen Motiv: Dass das „Tausendjährige Reich Jesu Christi“ endlich komme, wie sie es in ihrem wörtlichen Bibelverständnis des NT, vor allem aus dem Buch der Johannes-Apokalypse, erschließen: Demzufolge wird Christus dieses tausendjährige Reich erst dann schaffen, wenn er in Jerusalem aus dem Himmel herabsteigen und wieder wirken kann: Dafür aber darf Jerusalem bzw. der Staat Israel in irdischer Form nicht mehr vorhanden sein. Diese angebliche Bekräftigung, die Liebe zu den Juden und zum Staat Israel steht also im Dienst so genannter christlicher Prinzipien. Letztlich denken diese Kreise: Israel wird verschwinden, darum fordern sie auch die Juden – Mission, so wollen sie in ihrem Wahn Raum schaffen für die Wiederkunft Christi! Dieses lyrische Symbol der Wiederkunft Christi verstehen sie selbstverständlich, naiv wie immer, als Faktum! Und Präsident Trump folgt dieser Linie, er braucht ja Wähler 2020! Trumps sehr anstößige, maßlose, Frieden verhindernde Vereinbarung mit Netanjahu am 28.1.2020 gehört auch zu dieser religiösen Ideologie. Vorausgegangen war ja bekanntlich die offizielle Verlegung der US Botschaft in Israel nach Jerusalem. Man lese dazu die Studie des Religionswissenschaftlers Prof. Hans G. Kippenberg (Bremen-Erfurt) „Außenpolitik und heilsgeschichtlicher Schauplatz. Die USA im Nahostkonflikt“ in dem Buch „Apokalyptik und kein Ende“, Göttingen 2007. Auf Seite 290 zitiert Kippenberg entsprechende kritische Äußerungen von jüdischen Forschern zu diesem sich pro-Israel gebenden Konzept, das tatsächlich aber verdeckt antisemitisch ist. Siehe auch meinen Beitrag über die Johannes Apokalypse. LINK.
6.
Diese Lehre von der Wiederkehr Christ in Jerusalem wird also wortwörtlich, „einfach so“, aus einem Buch des 1.Jahrunderts ins 21. Jahrhundert übertragen! Wer gegen solchen Unsinn protestiert, wird von Madame White-Cain verurteilt: „Die Gegner von Trump (also die Demokraten im weitesten Sinne) gehören einem dämonischen Netzwerk an, das im Namen Jesu zerschlagen werden muss. Es ist der Wille Jesu Christi, dass Trump Präsident ist…“ (siehe Tagesspiegel, a.a.O).
7.
Evangelikalen/Pfingstler kämpfen, nicht nur in den USA, letztlich gegen die UN Erklärung der Menschenrechte, etwa gegen die Gleichheit aller Menschen. Sie kämpfen also gegen die Anerkennung homosexuellen Lebens und Liebe und der Ehe von gleichgeschlechtlichen Partnern; gegen Abtreibung. Sie wollen einen anderen, nämlich biblischen Biologieunterricht, der die Evolutionslehre ausschließt usw. Und fast alle Frommen, auch sehr viele Katholiken natürlich, fallen weltweit darauf rein, den Kampf für das ungeborene Leben wichtiger zu finden als den Kampf für das leidende, hungernde, aber geborene Leben der Milliarden arm gemachter Menschen zu kämpfen.
8.
Der Beweis ist längst da: Die US Politik unter Trump ist auch evangelikal gesteuert, selbst wenn Katholiken wie Steve Bannon noch etwas in diesem Milieu mitmischen: Er denkt aber in vielen Fragen, zumal, was das zu fördernde Ende der Welt angeht, grundsätzlich nicht anders als die Evangelikalen.
Selbst Spuren von Religiosität wurden bei Trump im Wahlkampf 2016 nicht wahrgenommen, so Vittorio Hösle in seinem neuen empfehlenswerten Buch “Globale Fliehkräfte”, Freiburg 2019, S. 89. Bei den weißen Evangelikalen wählten 81 % Trump, im Mäz 2018 hatten 75 % der weißen Evangelikalen ein positives Bild von Trump, so Vittorio Hösle, der als Philosoph in den USA lehrt. Er schreibt: “Vermutlich ist der betont antirationalistische Zug der evangelikalen Theologie, das Gefühl, die Wendung im eigenen Herzen könne von der Welt sowieso nicht verstanden werden und sie transzendiere alle Vernunft, für diese politische Orientierung mitverantwirtlich” (S. 89)
9.
In früheren Hinweisen des religionsphilosophischen Salons wurde daran erinnert, dass jetzt in Brasilien unter Bolsonaro auch Evangelikale und Pfingstler an der Macht sind. Dass in Afrika, etwa in Nigeria, die Pfingstkirchen eine Art florierender Staat neben der schwachen Regierung bilden, in Guatemala oder auch Honduras kam es unter evangelikalen Präsidenten zu heftigen Verfolgungen und Ausrottungen der Indigenas usw. Das alles taten die Evangelikalen dort mit Unterstützung der USA, das alles ist längst erwiesen.
Selbst in Holland vertreten einige Evangelikale heute antidemokratische Positionen, etwa in Fragen der völligen Gleichberechtigung von Homosexuellen. Die freisinnigen und liberalen Kirchen wehren sich gegen diesen aus den USA importierten Wahn.
10.
Man sollte endlich wahrnehmen: Bestimmte Traditionen bestimmter christlicher Kirchen sind politisch gefährlich: Es gibt ideologisches Gift im Christentum. Ist Gottesdienst wirklich nur ein Halleluja Singen und eine Art von Tralala und ein gehorsames Lauschen auf stundenlange Monologe der “Prediger”, die danach heftig um Spenden bitten? Warum lassen sich so viele Leute von den Sprüchemachern, den so genannten „Evangelisten“, berieseln? Bisher haben viele Beobachter diesen „Fundamentalismus“ eher in extremen muslimischen Kreisen allein gesucht oder in konservativen katholischen Gruppen, wie dem Opus Dei oder in den so genannten neuen geistlichen Gemeinschaften, wie dem Neokatechumenat oder den Legionären Christi. Meine Hinweise hier sind der Kürze wegen eher allgemein, sie wollen nur sehr deutlich einen gefährlichen Trend beschreiben und philosophisch bewerten.
11.
Es wird also endlich Zeit, dass eine breite Öffentlichkeit viel stärker die Entwicklung der Evangelikalen und Pfingstler beobachtet, studiert und mit ihnen, falls möglich, in ein kritisches Gespräch tritt.
Eine Frage könnte dann sein: Wovor haben Sie so diese schreckliche Angst, dass Sie sich als Evangelikale so heftig, man möchte sagen neurotisch, an die Buchstaben eines uralten Textes klammern und nicht vertrauen, dass auch die Vernunft diesen Text erschließen kann. Glauben diese Kreise im Ernst, dass eine Bibeldeutung wider alle Regeln des vernünftigen Verstehens die grundlegende Sicherheit im Leben gibt? Sicherheit im Leben gegen alle Vernunft! Das ist ein altes Thema, ein alter Irrtum der Theologie schon in früheren Jahren, man denke an Kierkegaard oder an die frühe dialektische Theologie von Karl Barth. Ist denn das kritische Denken, ist denn die Vernunft nicht auch von Gott gegeben, wenn man es mal klassisch theologisch sagen will? Warum glauben Evangelikale nicht wirklich umfassend an eine gute Schöpfung des ganzen Menschen, also auch der göttlichen Gabe der Vernunft? Ihren Verstand setzen diese Kreise ja ständig ein, wenn es darum geht, Geschäfte zu machen, die Medien zu bedienen…
Sie argumentieren ja auch auf ihre Weise, wenn sie ihre Lehre politisch einsetzen, siehe Trump, siehe Bolsonaro…
12.
Im Grunde müssen einem die „einfachen“ Mitglieder dieser Evangelikalen Kirchen, die Mitläufer, leid tun: Sie brauchen offenbar schon aufgrund ihrer oft miserablen gesellschaftlichen und ökonomischen Stellung dieses religiöse Opium, das ihnen die (oft äußerst wohlhabende) Führer und Prediger einreden.
Was kann umfassende Aufklärung wirklich noch leisten, wenn die sozialen und politischen Verhältnisse so bleiben, wie sie sind? Und also „Evangelikale förmlich erzeugen. Religiöser Wandel steht in dialektischer Beziehung zu gesellschaftlichen und ökonomischen Reformen.
13.
Man kann gespannt sein, ob und wie die Evangelikalen in Deutschland und ihre Sprecher, Pastoren, auf diese Entwicklung ihrer “Glaubens-Geschwister” etwa in den USA und Brasilien kritisch reagieren.
14.
Befreiung vom evangelikalen Glauben
Auch dafür gibt es immer wieder überraschende Berichte. So berichtet der Soziologe Philip Francis in seinem Buch “When Art Disrupts Religion” (Oxford University Press 2017), dass ein Mann, der etliche Stunden Werke des Künstlers Rothko betrachtet hatte, von seiner evangelikalen Weltanschauung befreit wurde. Der Mann sagte:”Ich saß fünf Stunden lang da, und alles (Evangelikale) löste sich auf”. Evangelikale würden das wohl ein Wunder nennen? Und man wünscht sich mehr solcher Wunder.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

„Damit es aufhört“: Sexueller Missbrauch in der katholischen Kirche. Das neue Buch von Matthias Katsch über Leiden, Kampf und … Leben.

Ein Hinweis von Christian Modehn

1.
Der noch längst nicht umfassend aufgeklärte Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch katholische Priester ist nicht eines von vielen Themen innerhalb der Kirche. Auch kein „Problem“, das nur einzelne aus dem Umfeld der „Betroffenen“ zu interessieren hat. Der Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch katholische Priester erschüttert vielmehr die gesamte Lebensform und Struktur der römischen Kirche, ihre bisherige Glaubenspraxis sowie ihre klerikal dominierte Glaubenslehre. Diese Kirche steckt also in einer tiefen Krise der Glaubwürdigkeit. Was könnte für eine Kirche schlimmer sein?
2.
Das ist die eine, die offizielle, die theologische bzw. religionskritische Ebene des Themas.
Die andere „Ebene“ ist genauso wichtig: Die Menschen, vor allem die Katholiken, sollten hören auf das, was die Leidtragenden, die einst und heute Missbrauchten, zu sagen haben. Es gilt also menschliche Nähe zu leben, Verstehen, Fürsorge, Solidarität, Bereitschaft zur Buße und zum Wandel.
Noch einmal: Vor allem gilt es zu hören auf das, was die „Betroffenen“ erlebt, d.h. erlitten haben, erleben und erleiden noch immer in einer Kirche, die eher schweigt, wegschaut und verdrängt. Es gilt zu verstehen, wie und unter welchen Bedingungen die Opfer nach all den Untaten mit Mühe überlebt haben und überleben. Das ist kein neugieriges Interesse, sondern es gilt, Schlimmes zu verhindern, Missbrauch an Kindern und Jugendlichen, und zwar ab sofort. Per Gesetz, Bildung, Kontrolle. Letztlich aber: Durch ein „neues Denken“ und eine neue Praxis.
3.
Wer sich noch geistig – seelisch bewegen lässt, wird bewegt und erschüttert, wenn man liest, wie einige der einst missbrauchten Jugendlichen, jetzt Männer und Frauen zwischen 70 und 20, damit ringen, die Wahrheit, ihre Lebenswahrheit, öffentlich zu sagen. Einer der Mutigen ist Matthias Katsch, Jahrgang 1963, seit über 10 Jahren setzt er sich offen und in der Öffentlichkeit mit seiner von Missbrauch geprägten Lebensgeschichte auseinander. Matthias Katsch ist inzwischen zu einer ganz wichtigen, entscheidenden Stimme der vielen geworden, die als Jugendliche Gewalt und Perversion von Priestern erlebten. Und zwar ist er nicht nur in Deutschland vielen Menschen bekannt geworden, die die Wahrheit wissen wollen. Er hat sich mit den Fakten, den schlimmen, nicht abgefunden; er hat, so schwer es auch war, Ohnmachtsgefühle angesichts der Macht der Kirchenbürokratie überwunden. Er hat gekämpft und er kämpft.
4.
Matthias Katsch und andere Opfer klerikalen sexuellen Missbrauchs verlangen zurecht, dass die katholische Kirchenführung ihre tiefe Schuld eingesteht. Und die Opfer auch finanziell nicht nur mit einer Spende unterstützt, sondern ihnen auch angemessene finanzielle Entschädigung leistet. Aber bitte nicht aus der Kirchensteuer, die ja bekanntlich nicht betroffene, gutmütige Laien zahlen… „Entschädigung ist auch eine Form der Anerkennung des schuldhaften Verhaltens der Kirchenführung und eine Form, Verantwortung zu übernehmen“, schreibt Matthias Katsch in dem neuen Buch „Damit es aufhört“ (S. 148).
5.
Matthias Katsch wurde als Schüler im Berliner Canisius Kolleg (Abitur dort 1981) von zwei Jesuitenpatres missbraucht. In seinem Buch „Damit es aufhört“ (Nikolai Publishing, Berlin, 2020)
berichtet Katsch zunächst von seiner Schulzeit im Canisius Kolleg, das damals wie heute, wenn nicht als Eliteschule, so doch immer noch, fast in der Wertung identisch, sich als „Jesuiten-Gymnasium“ präsentiert. Selbst wenn dort heute nur noch ca. 3 Jesuiten als Lehrer unter den vielen anderen Lehrern tätig sind…
Matthias Katsch nennt in seinem Buch, diskret und vornehm, nicht die Klarnamen der beiden Jesuiten, die ihn missbrauchten. Dabei weiß heute jeder kundige Leser aus der Presse, dass es sich dabei um Pater Peter Riedel und Pater Wolfgang Statt handelt. Beide haben den Orden inzwischen verlassen, sind seit einigen Jahren aus dem Priesteramt ausgeschieden und mit geringen Geldstrafen „davon gekommen“…
6.
Der eine, Pater Riedel, hat sich in Beichtgesprächen an die Jungen, auch an Matthias Katsch, herangemacht. Natürlich, wie in der Beichte schon bei Kindern und Jugendlichen üblich, fragte er nach der Sexualität. Bis der Junge dann schließlich, wie andere auch, auf dem Bett des Paters im Kloster selbst nackt lag und masturbierte: Der Pater, im Sessel sitzend und (wohl nicht nur) betrachtend… Diese Praxis sollte die Jungen, so die Wahnvorstellung von Pater Riedel, von der Gewöhnung ans Masturbieren befreien… So offen spricht Matthias Katsch vom erlebten Missbrauch in dem Buch.
7.
Pater Statt hingegen hat als Sadist („mit einem Fetisch für das gerötete Hinterteil“, wie Katsch schreibt) die Jungen, auch Mathias Katsch, nach allerhand diffusen spirituellen Erläuterungen in eigens arrangierten Sitzungen vielfach und ausdauernd mit allerhand heftigem Gerät auf das Gesäß geschlagen. Auch das berichtet Matthias Katsch. Erst der Mut der Deutlichkeit erzeugt erst eine Vorstellung vom Ausmaß der Verletzungen, vor allem der Seele, durch diese „Praktiken“. Nur so erhält der Leser auch eine gewisse Ahnung von der sexuellen Energie dieser Patres: Was haben diese so genannten geistlichen Herren für Zeit aufgewendet, um relativ unkontrolliert ihre „Praxis“ des Missbrauchs aufzubauen. Wie lange haben sie sich wohl Tricks und Lügen überlegt, um die Jungen „rumzukriegen“…
8.
Diese Jesuiten wurden – wie weltweit üblich in solchen „Fällen“ – als Priester noch viele Jahre von einem „Wirkungsort“ zum anderen geschickt, „versetzt“, wie es in der Sprache der Kirchenbürokraten heißt. Schließlich verbreiteten sich irgendwelche hässlichen Gerüchte, denen die Oberen nicht detailliert nachgingen. Sie versetzten die Täter an andere Orte! Dort konnten sie sich über Jahre weiterhin dem sexuellem Missbrauch hingeben. Und Menschen quälen. Das heißt: Noch einmal, wie weltweit üblich: Die Ordensleitung wusste von den Taten der beiden, sie tat aber nichts gegen die Täter, zeigte sie nicht bei den staatlichen Gerichten an und interessierte sich auch nicht für die Opfer. „Die Schulleitung und der Jesuitenorden haben die Täter geschützt“, so Matthias Katsch (S. 47).
9.
Der Autor spricht ehrlich, immer persönlich, auf das Mitdenken und Mitfühlen des Lesers vertrauend, ohne jede Wehleidigkeit über sein Leben und Leiden. Er spricht von Depressionen, die ihn überfielen, von der Tendenz, in die Sucht abzurutschen, aber auch von der Hilfe seines Lebenspartners. Der Autor zeigt aber auch, wie er entschlossen war und ist: Niemals in der Schwäche des bedauernswerten „armen“ Opfers aufzutreten und zu handeln, etwa in den vielen öffentlichen Auseinandersetzungen zum Thema, an denen er so oft teilnimmt. Inzwischen ist er über die Betroffenen Initiative „Eckiger Tisch“ auch sehr gut mit ähnlichen Gruppen auf der ganze Welt vernetzt. Und er zeigt im zweiten Teil seines Buches im Rückblick, nach 10 Jahren Kampf um die Freilegung des sexuellen Missbrauchs in der römischen Kirche: „Die Menschen, also die Opfer, wurden dem Erhalt eines Kirchen- Systems geopfert, das darauf ausgerichtet ist, die Herrschaft einer kleinen Gruppe von auserwählten Männern über die vielen Millionen KatholikInnen in der Welt aufrechtzuerhalten… Das Ansehen der Kirche(nhierarchie) durfte nicht beschädigt werden. Dem war alles andere untergeordnet.“ (S. 120).
10.
Matthias Katsch hat ein Buch geschrieben, das zweifellos viele LeserInnen finden sollte; es wird die weiteren Debatten befeuern. Ich hätte mir sogar ein noch umfangreicheres Buch vom Autor gewünscht, in dem er ausführlich seine Beobachtungen zum Umgang mit dem sexuellen Missbrauch der Kirche in den USA, in Lateinamerika, Frankreich, Holland oder auch Polen usw. mitteilt. Vielleicht folgt ja noch ein „zweiter Teil“.?
11.
Hat sich der Kampf nach 10 Jahren wenigstens etwas gelohnt, in dem Sinne: Werden die Opfer jetzt gehört, gestehen die Täter ihre Untaten ein, gibt es jetzt umfassenden Schutz für Kinder in kirchlichen Einrichtungen? Matthias Katsch stand während der „Synode zum Missbrauch “ im Vatikan als Betroffener sozusagen draußen vor der Tür; im Plenum des Klerus durfte er nicht sprechen. Sein Protest mit vielen anderen wurde international wahrgenommen, aber: Hat nach dieser Synode der große Umbau des klerikalen Systems begonnen? Papst Franziskus ist bei dem Thema wie so oft und beinahe schon üblich zwiespältig, eher von der Angst vor den vielen reaktionären Kardinälen getrieben als vom Willen, wirklich neu zu beginnen. Zu viele Kleriker wollen das Thema „endlich vom Tisch“ haben. Sie ahnen, dass das Thema die ganze Kirche durcheinander wirbeln kann. Wirklich getroffen hat der kaum vorstellbare sexuelle Missrauch durch Priester die Kirche in den USA: Die ist praktisch pleite aufgrund der vielen Prozesse, in einem Staat, der anders als Deutschland keine Rücksicht nimmt auf ein übliches, irgendwie gutes traditionelles Verhältnis von Kirche und Staat. Von Trennung von Kirche und Staat in Deutschland will ja leider fast niemand etwas wissen…
12.
ABER: Das Ansehen der katholischen Kirche in Deutschland, das Vertrauen in sie, könnte seit der Freilegung des Missbrauchs durch Priester kaum noch tiefer sinken. Das bestätigen Forsa-Umfragen: In Deutschland haben noch 14 Prozent der repräsentativ Befragten (im Institutionen Ranking 2020) Vertrauen in die katholische Kirche hierzulande. Der evangelischen Kirche in Deutschland vertrauen hingegen 36 Prozent der Befragten!
Zur katholischen Kirche: Wer will schon noch bei einem Priester in der Beichte von seiner Sexualität sprechen? Wer rechnet überhaupt noch mit einer gewissen seelsorglichen Kompetenz der Pfarrer, sie nennen sich ja offiziell manchmal noch „Seelsorger“. Die jetzt aber nur noch als „Messe-Leser“ von einer Kirche zur anderen eilen! Weil ihr Beruf (und ihre Berufung) ausstirbt und die Gemeinden nur des Klerus wegen in Großraum-Organisationen zusammengefasst werden. Ich habe den Eindruck: Der sexuelle Missbrauch, nun endlich vor 10 Jahren auch in Deutschland freigelegt, hat die Kirche bereits ruiniert. Sie ist innerlich erlahmt, hohl, wahrscheinlich immer noch verlogen. Wenn jetzt noch ein „Synodaler Weg“ in Deutschland eingeleitet wird, mit Beratungen auch der Laien, dann ist das reine Zeitvergeudung, vor allem für die immer noch „gutwilligen“ Laien: Denn alle Beschlüsse des „Synodalen Weges“ müssen von Rom, letztlich vom ängstlichen Papst Franziskus im Milieu der reaktionären Kardinäle akzeptiert werden: Aber dass Rom etwa endlich den Pflichtzölibat abschafft und die vielen tausend Opfer der sexuellen Gewalt hört und entschädigt, ist bei allem guten Willen und Vertrauen zur Utopie ausgeschlossen. Eher darf man die Vermutung äußern, dass diese „gutwilligen Laien“ nun in einem „synodalen Weg“ einen gewissen Hang zum Masochismus haben, also zu einem selbst gewählten schmerzhaften Leiden an der hierarchischen Kirche als Klerus-System? Und das ist noch schlimmer: Dieses Leiden wird dann oft mit „Glauben“ verwechselt…
13.
Insofern ist auch das Buch von Matthias Katsch ein ins Weite führender Impuls: Jeder und jede könnte nun nachdenken, wo, in welchen Kreisen, in welchen (protestantischen) Kirchen, Religionen, Spiritualitäten, er oder sie spirituelle (Glaubens-) Energie für ein humanes, befreites und reifes Leben noch empfangen kann. In der römischen Kirche, so wie sie jetzt ist, wahrscheinlich nicht. Das mag man bedauern. Aber dies ist realistisch. Erst wenn sich die Klerus-Kirche in der jetzigen autoritären, pyramidalen und Frauen feindlichen Gestalt reformiert, das heißt als in dieser uralten Gestalt abschafft, kommen „bessere Zeiten“. Eine zweite Reformation also, 500 Jahre nach Luther! Wer wird sie noch erleben? Und hätte eine „Greta“ („Fridays for catholic reformation“) in der katholischen Kirche eine Chance?

Matthias Katsch, „Damit es aufhört. Vom befreienden Kampf der Opfer sexueller Gewalt in der Kirche“. Verlag Nicolai Verlag, Berlin. 2020. 168 Seiten. 18 EURO.

Copyright: Christian Modehn, www.religionsphilosophischer-salon.de