Flüchtlinge sind Menschen mit Menschenrechten: Zum Welttag der Flüchtlinge

Der Welttag der Flüchtlinge am 20. Juni 2018:

Ein Tag wird als „Welttag der Flüchtlinge“ bezeichnet: Der 20. Juni. Ein Tag: Was für eine Chance. Einmal einen ganzen Tag der 68 Millionen Menschen zu gedenken, die heute auf der Flucht sind, also mit Empathie an sie denken und mit politisch – humanem Handeln ihnen begegnen.

Aber zugleich: Was für ein Hohn, einen einzigen Tag der großen Herausforderung der Menschheit heute zu widmen. Alle Tage sind längst von Politikern zu Flüchtlingstagen gemacht worden, mit dem einzigen Ziel: Flüchtlinge von der Welt der Reichen fernzuhalten. Parteien und vor allem auch sich christlich nennende Politiker nutzen das Elend der Flüchtlinge, um ihre eigene klein- karierte, nur auf den Erhalt erworbener Besitzbestände übliche Orientierung durchzusetzen.

Wann werden die Kirchenführer in Deutschland, die ja immer noch Hüter des „Christlichen“ sind und sich auch oft so verhalten, sagen: Diesen Politikern und Parteien, die sich da mit einem “C” schmücken, sprechen wir zunächst mal das Christliche ab. Sollen sie sich treffender „Egoistisch demokratische Parteien“ nennen oder „AFD 2. Teil“. Das wagt meiner Meinung nach kein Bischof, kein Theologe in Deutschland, wäre aber eine not – wendige, eine klärende Entscheidung. und würde zeigen: Deutschland, Europa ist kein christliches Land mehr im Sinne dessen, was für Jesus von Nazareth entscheidend wichtig war….

Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Wir dokumentieren jetzt einen Text des von uns schon häufig positiv erwähnten „Jesuiten Flüchtlingsdienstes“:

Der Jesuiten-Flüchtlingsdienst (Jesuit Refugee Service, JRS) sieht mit Sorge, wie das Mitgefühl aus der Debatte um Menschen auf der Flucht verschwindet und auch Angehörige christlicher Parteien extremistische Schlagworte salonfähig machen. Der JRS unterstützt unter anderem Kirchenasyle für einige der Asylsuchenden, die zum Vorwand für die Regierungskrise gemacht werden. Wer den Einzelfall ansieht, stellt oft fest: Für viele Menschen geht der Alptraum der Flucht innerhalb Europas weiter. „Weltweit sind mehr als 65 Millionen Menschen auf der Flucht, in Deutschland wurden 2017 nach amtlichen Zahlen weniger als 200.000 Erstanträge auf Asyl gestellt. Das ist, gemessen an der Gesamtbevölkerung und der Wirtschaftskraft, ein geringer Beitrag“, sagt Claus Pfuff SJ, Direktor des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes. Noch geringer ist die Zahl derjenigen, um die sich der Streit zwischen CSU und CDU dreht: An den deutschen Grenzen wurden 2017 nach Angaben der Bundesregierung 15.414 Asylanträge gestellt. „Statt auf Menschlichkeit setzt Horst Seehofer auf Nationalismus und bedient rassistische Ressentiments“, sagt JRS-Direktor Pfuff. Der Jesuiten-Flüchtlingsdienst hat Kirchenasyle unterstützt, die strittige Rückführungen innerhalb Europas betreffen. In solchen Fällen soll das zuständige Bundesamt überprüfen, ob besondere Härten ein Asylverfahren in Deutschland rechtfertigen: Eine alleinstehende schwarze Frau sollte in Italien in die Prostitution gezwungen werden. Ein irakischer Jeside, der den Massakern des IS entkommen konnte, flüchtete zu Angehörigen, die schon lange in München leben. Ein syrischer Student wurde in Bulgarien schwer misshandelt. In Griechenland hat ein westafrikanischer Handwerker rassistische Gewalt, Hunger und Obdachlosigkeit erlitten. „Sich aus diesen Situationen zu retten, ist kein ‚Tourismus‘. Es ist Flucht. Wer sich nicht von Wahlkampfgetöse und Worthülsen täuschen lässt, sondern den einzelnen Menschen anschaut, wird die Not sehen und entsprechend handeln“, so JRS-Direktor Claus Pfuff. Dass es immer wieder Angehörige christlicher Parteien sind, die Worte aus extremistischen Kreisen salonfähig machen, sieht er mit Sorge. Der Jesuit kann den aktuellen Anlass für die Regierungskrise nicht nachvollziehen. „Wenn ein Innenminister die Regierung zwingt, alles von diesem einen Thema abhängig zu machen, geraten die politischen Verhältnisse aus den Fugen. Das erweckt den Anschein, als gäbe es keine anderen Aufgaben – in Bezug auf Wohnungsbau, Bildungssystem, Rentensicherheit, Gesundheitswesen, Digitalisierung oder Klimawandel. Obwohl Asylsuchende und anerkannte Flüchtlinge nur zwei Prozent der Bevölkerung ausmachen, richtet sich alle Aufmerksamkeit auf die Abwehr und Kriminalisierung von Flüchtenden. Jedes Mitgefühl mit Menschen in Not schwindet aus der öffentlichen Debatte. Aber wenn Nationalismus und eine angeblich einheitliche Identität, für die sogar das Kreuz herhalten muss, die Antwort auf Fragen unserer Zeit sein soll: Dann begeben wir uns auf eine abschüssige Bahn.“  

Der Jesuit Refugee Service (Jesuiten-Flüchtlingsdienst JRS) wurde 1980 angesichts der Not vietnamesischer Boat People gegründet und ist heute als internationale Hilfsorganisation in mehr als 50 Ländern tätig. In Deutschland setzt sich der Jesuiten-Flüchtlingsdienst für Asylsuchende ein, Abschiebungsgefangene, für „Geduldete“ und Flüchtlinge im Kirchenasyl sowie für Menschen ohne Aufenthaltsstatus („Papierlose“). Schwerpunkte seiner Tätigkeit sind Seelsorge, Rechtshilfe und politische Fürsprache.

Kontakt: Dr. Dorothee Haßkamp Öffentlichkeitsarbeit Jesuiten-Flüchtlingsdienst Deutschland Jesuit Refugee Service (JRS) Witzlebenstr. 30a D-14057 Berlin Tel.: +49-30-32 60 25 90 Fax: +49-30-32 60 25 92

dorothee.hasskamp@jesuiten-fluechtlingsdienst.de

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Papstfilm von Wim Wenders: Franziskus: Politisch mutig – theologisch sehr konservativ

Anlässlich des Films „Ein Mann seines Wortes“

Einige Hinweise von Christian Modehn

In Berlin wird für den neuen Film von Wenders auf Plakaten mit einem riesigen Porträt von Papst Franziskus mit der Unterzeile geworben: „Die Welt braucht Hoffnung“. Es wird sich zeigen, auch in diesen Hinweisen, ob Papst Franziskus der Welt tatsächlich umfassend Hoffnung geben kann…

Papst Franziskus gilt für viele Menschen – auch außerhalb des Katholizismus – in gewisser Hinsicht als eine Art „Lichtgestalt“: Also als ein „authentischer“ Staatschef. Denn dies ist ein Papst als geistliches Oberhaupt der Kirche ja auch, er ist immer gleichzeitig auch oberster (nicht vom Volk, nicht von den Vatikan-Bürgern gewählter!) Chef des Staates Vatikanstadt mit entsprechenden internationalen Auftritten. Dafür ein Beispiel: Bis heute hat der Staat Vatikanstadt die Menschenrechtserklärung der Uno NICHT unterschrieben. Das nur als kritischen Dämpfer, um allen Enthusiasmus angesichts von Papst Franziskus ein bisschen aus der Sphäre der Heiligsprechung herauszuholen. Wer ständig Menschenrechte anderswo fordert, könnte ja die Menschenrechtserklärung unterschreiben als Papst, könnte man denken…

Aber Papst Franziskus bleibt trotzdem mit seiner Kritik am Kapitalismus im Vergleich mit vielen anderen Klerikern im Vatikan als Staatschef doch bemerkenswert: Gerade in einer Welt, in der demokratische Politiker nur noch an einer Hand abgezählt werden können. Da freut man sich fast über einen kritischen nichtdemokratischen Staatschef, den Papst! In einer Zeit, in der ein Politologe, Prof. Stephen Eric Bronner, Rutgers University USA, Mister Trump, im ganzen sehr treffend, unter dem Stichwort „Gangsterpolitik“ beschreibt. So in der hervorragenden Zeitschrift „LETTRE international“, Heft 121 vom Juni 2018, Seite 172f.

Da gilt dann Papst Franziskus als eine Art personifizierter Lichtblick, was seine explizite und praktische Solidarität zugunsten der Armen, der Flüchtlinge, der Unterdrückten und Ausgebeuteten in Afrika, Asien, Lateinamerika angeht. Sein Plädoyer für mehr Barmherzigkeit ist lobenswert, wobei manche sagen: Gerechtigkeit wäre zunächst einmal die Basis und deswegen dringender. Die Hungernden wollen nicht – mal zwischendurch – barmherzig behandelt werden, sondern endlich gerecht! Das geht um die Veränderung der Klassenstrukturen…Dass er den konfessions verschiedenen Ehepaaren keine freie Entscheidung lassen will in der Wahl von katholischer Kommunion oder evangelischem Abendmahl, ist natürlich der größte Widerspruch zu allem Barmherzigkeitsgerede von Papst Franziskus. Dass er es sich anmaßt, Frauen in Not die Abtreibung zu verbieten, ist gar nicht barmherzig. Und so weiter und so weiter..

Trotzdem: Solch ein Papst weckt Zuversicht und Hoffnung, dass die Humanität in den „obersten Spitzen“ der Führer dieser Welt nicht ganz verschwindet, selbst wenn immer gefragt werden muss: Warum ist der Vatikan immer noch, auch unter Papst Franziskus, so reich, so opulent ausgestattet mit so unsäglich vielen bestens versorgten Klerikern vor allem in Rom? Wo sind die Verzichtsleistungen des Papst – Staates auf die Milliarden Euro wertvollen Immobilien im Kirchenbesitz allein in Rom: Und da wagen es diese Herren noch, um Spenden zu betteln… Also: Trotz aller so anrührenden Fußwaschungen von Gefangenen und Obdachlosen durch den Papst und trotz aller Solidarität mit den Flüchtlingen, etwa auf Lampedusa: Diese Kirche ist in Italien, ist in Europa, in den USA (falls die Bistümer dort nicht schon längst pleite sind wegen der hohen Zahlungen an die vielen Opfer pädophiler Verbrechen durch Priester)… diese katholische Kirche steht also de facto und mit klarem Verstande gesehen eben überhaupt nicht an der Seite der Armen: „Ich wünsche mir eine Kirche für die Armen“ sagte Papst Franziskus bei seiner Wahl, dieser Wunsch ist Wunsch geblieben: Er selbst wohnt zwar seit Beginn seiner Regierung in einer einem Apartment des Hauses „Santa Marta“, also nicht im Palazzo, wie Benedikt XVI….Dieser Umzug ist wohl das entscheidende Symbol des Reformwillens von Papst Franziskus. Kardinäle bewohnen ungeniert 300 Quadratmeter Wohnungen, wie Kardinal Bertone usw….

Nur: Diesem Ortswechsel des Papstes, dies ist mehr als ein Umzug, folgt kein Bischof, kein Kardinal nach: Falls jemand weiß, dass die deutschen Kardinäle oder Erzbischöfe etwa in 3 Zimmer – Mietswohnungen der Neubauviertel von Köln oder München Bamberg usw…. umgezogen sind, bitte bei mir melden. Falls jemand weiß, dass die Ordensgemeinschaften, auch die Abteien und Stifte, endlich einmal ihre Finanzen, ihre Immobilien, Waldbesitzungen etc. freilegen, wo sie doch so viel von Armut reden, bitte bei mir melden!

Wenn ich also auf einige zentrale kritische Aspekte zu Papst Franziskus hinweise – jeder Mensch muss sich selbst und andere kritisch betrachten – dann folge ich selbstverständlich nicht der gehässigen Kritik der äußerst konservativen klerikalen Clique der sich allwissend gebenden Kardinäle, Bischöfe und Theologen, die sich schlechterdings keinen Wandel, keine lebendige Veränderung in der römischen Kirche vorstellen können. Sie wollen einfach nur Papst Franziskus fertig machen, weil er eben weltpolitisch betrachtet etwas aus dem Rahmen üblicher Kleriker – Mentalität fällt. Diese ultrakonservativen Herren, die immer von ewigen Grundsätzen sprechen, interpretieren diese Grundsätze selbstverständlich absolut autoritär, ohne Diskussion, exklusiv, für ewig… so sind nun einmal autoritäre, undemokratische Systeme. Solche Systeme nannte der große Psychologe Erich Fromm treffend nekrophil.

Es gibt selbstverständlich eine aus der progressiven Theologie und Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie kommende Kritik am Papsttum und auch an Papst Franziskus. Trotz des allseits gerühmten Filmes von Wim Wenders.

Die entscheidende Erkenntnis: Der Vatikan und die gesamte Leitung der römischen Kirche ist ein autoritäres System, in der die „normalen Gläubigen“, die Laien, nur Belangloses sagen dürfen, aber niemals auch nur ansatzweise Wichtiges mitentscheiden. Frauen schon gar nicht, sie sind Hilfstruppen in der Männerkirche. Und das Schlimmste ist jetzt: Diese Degradierung der Frauen, ihr Ausschluss vom Priesteramt soll nun auf ewig so bleiben: Niemals wird es ein Priestertum der Frauen geben, wie der neue Chef der Glaubenskongregation Kardinal Ladaria SJ kürzlich meinte, er steht natürlich auf der Seite des lieben Gottes, weiß alles, entscheidet alles. Die Frauen werden aus diesem theologischen Wahn eines Kardinals ihre Konsequenzen ziehen.

Und es ist bezeichnend für die Situation in einer Diktatur, die Wahrheiten willkürlich auferlegt, dass in der Kirchenzeitung „Tag des Herrn“, vom 10. Juni 2018, Seite 2, die Redakteurin Susanne Haverkamp resigniert zu dem Verbot des Frauenpriestertums schreibt: Wenigstens „die Gedanken sind frei“. Was für eine Schande, solches schreiben zu müssen. Frauen denken nur noch insgeheim ans Priestertum der Frauen, glauben aber nicht daran, dies noch in den nächsten 300 Jahren zu erleben. Wie oft wurde einst in undemokratischen Zuständen gesagt: Wenigstens die Gedanken sind noch frei. Was für ein erbärmliches Bekenntnis einer theologisch gebildeten Katholikin zum miserablen Zustand der römischen Kirche: Diese Entscheidung des obersten Chefs der einstigen Inquisitionsbehörde Kardinal Luis Ladria SJ jetzt geschah selbstverständlich in Absprache mit Papst Franziskus. Wer daran denkt, möge bitte eher von einer Heiligsprechung von Papst Franziskus Abstand nehmen, aus Gründen einer progressiven Theologie, die lebendig ist und nicht versteinert und tot wie die in Rom.

Theologisch ist dieser Papst Franziskus also nach wie vor konservativ, den alten und angeblich ewigen Wahrheiten verpflichtet. Die Liste dieser konservativen Denkmuster auch bei Franziskus ist ultra lang. Das Zölibatsgesetz könnte er als Papst sofort aufheben, das ist seine rechtliche Kompetenz, tut er aber nicht. Hingegen verehrt er die Jungfrau von Fatima, die einst den Hirtenkindern in Portugal leibhaftig erschien…Franziskus schätzt den selbst von anderen Päpsten scheinheilig genannten Kapuziner Pater Pio, der mit seinen angeblichen Wundmalen Jesu an seinem Leib einen blühenden Handel trieb; Papst Franziskus praktiziert nach wie vor den Ablass, als hätte es das Reformationsgedenken 2017 nicht gegeben; in seinen Morgenansprachen im Haus Santa Martha spricht er ständig von der Präsenz des Teufels, Teufelsaustreibungen werden selbstverständlich immer mehr praktiziert usw. Die Versöhnung mit den Traditionalisten und Pius – Brüdern von Erzbischof Lefèbvre geht voran, indem man deren reaktionäre Theologie schrittweise anerkennt…Diese Liste sehr zweifelhafter theologischer Praktiken auch unter Franziskus und von ihm so gewollt könnte endlos verlängert werden…

Da könnte man sagen: Ja, aber das will Franziskus doch selbst gar nicht. Das alles lässt er nur zu, um die vielen reaktionären Kleriker im Vatikan und anderswo etwas ruhig zu stellen: Aber wenn das so ist, dann bestätigt diese Situation nur den Zustand der römischen Kirche. Die nach außen hin hoch beachtliche humane Geste von Franziskus im Umgang mit Gefangenen, Armen, Flüchtlingen usw. geschieht auch deswegen, damit die KatholikInnen noch in dieser Kirche bleiben. Der Film von Wim Wenders ist dafür eine willkommene Hilfe. Vielleicht.

Wim Wenders war nicht in der Lage, das so unglaublich zwiespältige theologische Profil von Papst Franziskus zu zeigen. Sein Film zeigt insofern nur den “halben“, den nach außen hin so sympathischen Franziskus! Man möchte heulen, wenn man ihn so segnend, streichelnd, volksnah, solidarisch sieht. Und sollte auch heulen, wenn man seine theologischen Positionen denkt, siehe oben…

PS.: Dabei wäre es auch eigentlich einmal an der Zeit, nach dem Verhalten von Pater Bergoglio SJ, dem späteren Papst Franziskus, und dem späteren Erzbischof Bergoglio von Buenos Aires im Umfeld der brutalen, sich katholisch nennenden Militärdiktatur in Argentinien umfassend zu forschen. Die seriöse umfassend – kritische Debatte darüber „wurde verstummt“, unterbrochen, abgebrochen… Aber solche Forschungen machen einen nicht beliebt, machen zu viel Arbeit den deutschen Filmemachern und Journalisten.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

“Staat ohne Gott”: Über die Bedeutung der Religionen in der Demokratie

Inspirationen und Fragen zu einem neuen Buch von Horst Dreier

Ein Hinweis von Christian Modehn

Um alle Irritationen von vornherein zu vermeiden: Das neue Buch von Horst Dreier, Rechtsphilosoph, Staats – und Verwaltungsrechter an der Würzburger Universität, ist kein Plädoyer für eine gottlose Gesellschaft, auch keine Werbung für den Atheismus – aber auch keine Werbung für einen religiösen Glauben. Sondern eine umfassende Reflexion über die eigentlich selbstverständliche Tatsache, von der alle modernen Demokratien bestimmt sind: Dass sie als demokratische Staaten zur Begründung ihrer eigenen Autorität, Kraft und Macht sich gerade nicht auf einen Gott beziehen. Sie sind insofern „demokratische Staaten ohne Gott“. Sie sind nicht gegen Gott und auch nicht für „ihn“. Und das ist gut so fürs Leben der unterschiedlich Frommen und Nichtfrommen in einer pluralen Demokratie. Inzwischen wird diese Position, eigentlich wohl die Mehrheitsposition, allerdings bestritten: Etwa durch den Rechtswissenschaftler Ulrich Haltern, der behauptet, wie Dreier schreibt, „Souveränität sei unhintergehbar religiöser Natur“ ( S.152). Dreier hält hingegen daran fest: „Die Säkularität des modernen Staates besteht in dem Verzicht auf Transzendenz als Begründungsressource“ (59). Konkret heißt dies: Die säkulare Demokratie mischt sich nicht in die inneren Angelegenheiten der verschiedenen Glaubensrichtungen ein und verzichtet auf ein Votum in religiösen und weltanschaulichen Fragen (59). Dieser Staat räumt umfassende Religionsfreiheit ein, er distanziert sich von Religionen, ohne dabei in einer Art atheistischen Staatsideologie Religionen zu verfolgen oder minderwertig zu betrachten.

Der gott – lose Staat ist also selbst nicht mehr – wie einst – konfessionell geprägt, er lebt nicht (mehr) von Gottes oder damit zusammenhängend der Kirchen Gnaden, sondern aus den Bürgern, dem Volk, als dem Souverän. Nur der Staat, der sich selbst jeglicher Entscheidung zur Frage nach Gott enthält, kann ein friedliches Miteinander in der pluralistischen Gesellschaft gewährleisten. Soweit ein Hinweis auf die fundamentale Erkenntnis, die Horst Dreier leider nicht in aktuelle Bezüge zur Islam- Debatte stellt.

Und dieser demokratische Staat in Deutschland versteht sich „säkular“, eben nicht unter der Leitung einer Kirche. „Säkularisierung2 ist dabei der ständig verwendete Begriff in den privaten und öffentlichen Debatten. Schon im 1. Kapitel (von insgesamt 6 Kapiteln) erläutert Dreier in vorbildlicher Klarheit die vielfachen Bedeutungen des Wortes Säkularisierung, eines Topos, der „inflationär geworden ist“ (34). Der Autor verweist etwa auf die (historischen) Auseinandersetzungen, die mit der Durchsetzung dieses Begriffes und der gemeinten Realität verbunden waren und wohl noch sind. Wenn man daran denkt, dass die Weltlichkeit der Welt eben DAS Kennzeichen der Moderne ist, wird man sich um so mehr fragen: Ist diese neuzeitliche Moderne von einem kirchlichen Standpunkt aus betrachtet als solche wertvoll, bietet sie Neues im Laufe der Geschichte Europas? Diese Frage des Philosophen Hans Blumenberg (siehe „Die Legitimität der Neuzeit“) erörtert Dreier ausführlich: Die Säkularisierung in der europäischen Moderne zehrt nicht von Vorlagen des christlichen Mittelalters, „sie trägt ihre Legitimität in sich selbst“(41). Das heißt: Die Moderne, die Neuzeit, ist für Blumenberg auch ohne das Christentum verständlich (45), ohne den Rückgriff auf Heiliges und Mythos (46).

Unter den vielen Anregungen und Fragen, die das Buch bietet, nur ein weiterer Hinweis. Horst Dreier bezieht sich am Ende des 1. Kapitels auch auf sozialwissenschaftliche Dimensionen der Säkularisierung. Dass die Kirchen in Deutschland Mitglieder verlieren, ist bekannt. Interessant ist nur die vielfältige Interpretation dieser „Entkirchlichung“ in Religionssoziologie und Theologie: In welcher Weise sind die Christen, die aus der Kirche austreten, noch spirituell bewegt und interessiert? Sind sie etwa gottlos, sind sie zu Vertretern einer gottlosen, „säkularistischen“ Moderne geworden? Dreier diskutiert dieses Thema als Nicht – Theologe, wobei er meines Erachtens sehr stark den entsprechenden Deutungen des Religionssoziologen Detlef Pollack folgt: Und der hält nicht so viel von der Möglichkeit einer „unsichtbaren Religion“ (Thomas Luckmann und andere). Dabei wäre es doch gerade spannend, den Bezug auf (allgemein) Göttliches, also absolut Zentrales im Leben sogenannter Atheisten auch in Ostdeutschland zu untersuchen. Im Zusammenhang einer persönlich gelebten absoluten Vorliebe etwa für Sport…Schon Walter Benjamin sprach ja von „Kapitalismus als Religion“. An der Stelle hätte ich mir eine breitere Diskussion gewünscht, die vielleicht zu der Erkenntnis kommt: So total ist die Säkularisierung, etwa im Osten Deutschlands, doch nicht. Es ist auch Schuld der Kirchen, die in diesem Milieu einfach nur ihre alten Sprüche und Weisheiten und Gottesdienstformen unverändert nach der Wende 1989 fortsetzen. Die veraltete Sprache interessiert ja auch im Westen fast niemanden mehr… Jedenfalls gilt meiner Meinung nach inmitten der Säkularisierung: Der Bezug auf eine absolut wichtige Wirklichkeit hat sich nur geändert, es ist eben nicht mehr der „christliche dreieinige Gott“…sondern die Freizeit, der Sport, die Familie, die Liebe zur Natur, und dies sicher auch: die oft stillschweigende, sehr individuelle, gemeinschaftlich leider nicht geteilte Verehrung eines sehr persönlichen Geheimnisses im Leben usw. Dieser Gott hat viele sich wandelnde Gesichter… Dem geht die Theologie jedenfalls nicht nach, leider. Aber das ist ein anderes Thema…

Ein weiterer Mangel der insgesamt hoch interessanten, leicht lesbaren Studie von Horst Dreier: Er beschränkt seine Ausführungen sehr deutlich auf Deutschland, auch wenn am Rande immer mal kurz Frankreich erwähnt wird als ein Symbol für „laizistische Ansätze“ ( 61), die er dann als Tendenz versteht, „die Religion aus der Öffentlichkeit zu verdrängen“. Dreier kennt wohl einen „moderaten Laizismus“ etwa in Québec, der in seiner Sicht von dem offenbar heftigeren, abzulehnenden französischen Laizismus verschieden ist (Fußnote 100, Seite 118).

Es ist der in meiner Sicht oft übliche Fehler deutscher Autoren, dass sie die Kirche – Staat – Beziehung in Frankreich etwa seit 1905 (gesetzliche Trennung von Staat und Kirchen) als eher für die Religionen feindliche Haltung des Staates interpretieren. Wer hingegen die heutige Rechtslage betrachtet, muss feststellen: Die Religionen (Judentum, Buddhismus, Islam, Protestanten, Orthodoxe, Katholiken) werden alles andere als staatlich schikaniert und bedrängt. Nur eine kulturpolitische Realität im „laizistischen“ Frankreich: Im staatlichen Fernsehprogramm „FRANCE 2“ gibt es an jedem Sonntag von 8.30 bis 12.00 eigene, von den Religionen selbst bestimmte Sendeplätze mit Features und Gottesdienstübertragungen, alle Religionen haben da nacheinander ihren Platz. Der bekannte und allseits geschätzte Politologe Alfred Grosser (Paris) bedauert nur zurecht, dass bei diesem umfassenden TV Programm aller Religionen die „rationalistische, atheistische Philosophie nicht berücksichtigt wird“ (S. 179 in Grosser, “Wie anders ist Frankreich?“ C.H. Beck Verlag, 2005). Wenigstens das Kapitel dieses Grosser Buches sollte allmählich jeder Theologe usw. lesen, der immer noch von atheistischem „Laizismus“ in Frankreich schwadroniert. Die deutschen Kirchenoberen sind auch gegen diesen angeblichen Laizismus, weil in Frankreich ein katholischer Bischof ca. 1.200 Euro Monatsgehalt bekommt, aus Spenden, weil es keine Kirchensteer in Frankreich gibt; ein deutscher Bischof hingegen mindestens 10.000 Euro monatlich, aber das am Rande. Ist die Kirchensteuer in Deutschland wirklich etwas Heiliges? Es ist wohl so!

Für die französischen Bischöfe ist Kirchensteuer kein Ideal, sie unterstützten ausdrücklich die laicité der französischen Republik, diese laicité ist, noch einmal, nicht identisch mit dem bei deutschen Wissenschaftlern üblichen Kampfbegriff „Laizismus“. Man studiere nur, wie die zahlreichen katholischen Privatschulen vom Staat mit finanziert werden, wie es Militärseelsorge gibt, wie der Staat kleinere Tageszeitungen, wie die katholische Tageszeitung La Croix. Manchmal möchte man sogar meinen, der französische Staat überschreitet seine gsetzlichen Grenzen, wenn er unentwegt auch jetzt dafür sorgen will, dass die vielfältigen muslimischen Verbände eine einheitliche Organisation (nach dem Vorbild der Kirchen!) schaffen.

Die Inhalte der französischen laicité in Frankreich hätten auch weiter diskutiert werden können, wenn es um die Frage geht: Sollte die demokratische Republik angesichts der Gefahren, die ihr jetzt von Rechtsradikalen drohen (die diese Demokratie abschaffen wollen), nicht in aller Deutlichkeit ihre eigenen demokratischen, republikanischen Werte nach außen darstellen, vermitteln, ich möchte sagen: propagieren und verteidigen? Um Schlimmstes zu verhindern, nämlich die Abschaffung der Demokratie durch die Wählerstimmen einer Mehrheit? Ist die Demokratie wirklich schutzlos? Ich meine, zumindest am Ursprung der Trennung von Staat und Kirchen in Frankreich gab es die Idee mit konkreten Vorschlägen, diese Republik inhaltlich zu verteidigen, etwa in den Schulen des Staates usw. Angesichts der neuen Bedrohung des Demokratie durch rechtsradikale Kräfte, populistische Parteien usw., ist es dringend nötig, dass sich die Demokratie nicht darauf beschränkt, nur das freie Spiel aller Kräfte zu ermöglichen. Diese Frage wird auch nicht umfassend in dem Buch diskutiert, leider. Angedeutet wird das Problem: Was denn einen Staat „im Innersten zusammenhält“ (208). Das Thema „Zivilreligion“ wird nur kurz erwähnt und als Möglichkeit pauschal abgewiesen (209).

Damit wird das Thema von Ernst – Wolfgang Böckenförde relevant, dessen (rätselhafter, aphoristischer) Spruch (von 1964, publiziert 1967): „Der freiheitliche, demokratische Staat lebt von Voraussetzungen die er selbst nicht garantieren kann“ (zit. S. 189) allmählich fast formelhaft auch heute permanent zitiert wird. Horst Dreier bietet dazu eine umfassende Analyse, etwa, dass diesen Gedanken in ähnlicher Form der Philosoph Joachim Ritter schon vorher geäußert hat (S. 195). Interessant ist, dass Dreier zeigt: Böckenförde hat selbst auch später kaum präzise sagen können, wie denn diese (geistigen) Voraussetzungen aktiviert werden können, um den demokratischen Staat in seinem (Über)Leben zu stützen…Auch Rawl und Habermas haben sich mit dem Thema „herumgeschlagen“. Dreier selbst betont am Schluss: „Ohne die Grundrechtsaktivität der Bürger, ohne anhaltendes politisches und gesellschaftliches Engagement, ohne die Fähigkeit zum friedlichen Austrag von Konfliten wird eine freiheitliche demokratische Ordnung auf Dauer nicht bestehen könne, das scheint mir sicher“ (214). Dreier vertraut auf die geistige Kraft der Diskussion, des wohlgeordneten Dissens, wie er schreibt. Bloß was tun, wenn der Dissens so groß geworden ist, dass viele Akteure etwa in der AFD, bei le Pen etc. nicht mehr erreichbar sind? Da wäre weiter zu forschen und aller praktische Nachdruck eben auf die „Grundrechtsaktivität der Bürger“ zu setzen als Überlebenshilfe der Demokratie.

Sehr erhellend sind die Ausführungen zur viel diskutierten Frage nach dem Gottesbezug in der Präambel der bundesdeutschen Verfassung. Da ist von einem „Gott“ die Rede, nicht von dem konfessionell geprägten christlichen dreifaltigen Gott wie etwa in Irland. Für Historiker ist interessant das Kapitel über die Verfassungsgeschichte der Religionsfreiheit in Deutschland….

Bedauerlich bleibt, wie schon gesagt, die hohe abstrakte Distanz zu aktuellen und dringendsten Fragen, etwa zum Islam, zur Zunahme des Rassismus und Antisemitismus. Der Umgang mit dem abstrakten Begriff „der Staat“ bei Dreier ist auch problematisch: Denn der Staat das sind immer historisch –kulturell bestimmte Bürger. Aber welche Bürger prägen den Staat, machen die Gesetze. Da hätte ein Bezug gerade jetzt im Jahr des Gedenkens an Karl Marx sehr gut getan, dass es eben doch die führenden Klassen sind, also auch die Eigentümer, die den Staat und seine Gesetze bestimmen! Ob Deutschland ein Klassenstaat ist, wäre doch die Frage, die manche Forscher zurecht mit einem großen „leider“ Ja, positiv, beantworten müssen. Man denke nur an aktuelle Beispiele, an den staatlichen Umgang mit Autoproduzenten, der ständigen staatlich verfügten Reduzierung der Hartz IV Leistungen, der Abschreckung von Flüchtlingen durch entsprechende Aufnahme-Heime, der förmlichen „Heiligsprechung“ „des“ Eigentums usw. Dieser Staat ist er noch ein Sozialstaat? Das wäre doch eine Frage für Horst Dreier, die er leider überhaupt nicht berühren will. Aber sie muss diskutiert werden.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Horst Dreier, Staat ohne Gott. Religion in der säkularen Moderne. C.H.Beck Verlag, München, 2018, 256 Seiten, 26,95 EURO

Wo ist die heile Welt? Eine Ra­dio­sen­dung am So., 1.7. 2018, NDR Kultur um 8.40 Uhr

Über die Sehnsucht: Eine Ra­dio­sen­dung von Christian Modehn in der Reihe “Glaubenssachen” des NDR

Als „eine Krankheit des schmerzlichen Verlangens“ wollten die Gebrüder Grimm die Sehnsucht bestimmen: Vom Abwesenden, den uten alten Zeiten einst oder einer verklärten Kindheit wird auch heute wieder Lebensenergie erwartet. Aber es gibt auch eine Sehnsucht, die nach vorn schaut, auf eine zukünftige bessere Welt. Eine Sehnsucht, die mehr ist als Nostalgie. Vielleicht als ein tiefes Verlangen nach Transzendenz, nach Gott?

Der 17. Juni 1953: Für Albert Camus ein Tag der “Revolte” in Berlin

Der 17. Juni 1953 in Berlin: Für den Philosophen Albert Camus ein Tag der Revolte
Ein Hinweis von Christian Modehn

Ein merkwürdiges Zusammentreffen: 65 Jahre Erinnerung an die Revolte der Arbeiter in Ost – Berlin am 17. Juni 1953 und 105 Jahre Erinnerung an den Geburtstag der Schriftstellers und Philosophen Albert Camus (geb. am 7. November 1913).

Albert Camus hat sich schon früh, seit Ende der vierziger Jahre, von den französischen Freunden kommunistischen Denkens und kommunistischer Parteien, vor allem der taktischen Hochschätzung der Sowjetunion, etwa durch Jean Paul Sartre, abgesetzt. 1934 war Camus selbst für kurze Zeit Mitglied der KP gewesen, weil er meinte, diese Partei könne die Autonomisten in Algerien unterstützen; darin hatte er sich gewaltig getäuscht, die KP folgte blind den Weisungen Stalins.
Camus hat seit seiner “Übersiedlung” nach Paris 1944 die sich links (meist kommunistisch) nennenden Pariser Intellektuellen eher gemieden, später verachtet, was entsprechende Polemiken von deren Seite hervorrief. Die Camus – Spezialistin Brigitte Sändig schreibt in „Albert Camus“, Rowohlt Monographie, Hamburg, 2000, Seite 109, dass in der Sicht von Camus die kommunistenfreundlichen Literaten in Paris „für jede totalitäre Maßnahme der russischen Regierung eine vorgefertigte Entschuldigung bereithielten“. Camus hingegen setzte auf die offene Opposition, auf die intellektuelle Unterstützung der Opposition in Ost – Europa. Seine Texte, die der Unterstützung der Aufständischen in der DDR, Polen und Ungarn galten, wurden in Dissidentenkreisen dort herumgereicht. Insofern ist Camus einer der wenigen, die damals schon an das größere Europa, eben auch an ein Europa MIT Ost – Europa, glaubten.
Von daher ist auch selbstverständlich, dass Camus zur Revolte des 17. Juni 1953 in Ost – Berlin klar Stellung nahm:
In einer Rede am 18. Juni 1953 wandte sich Camus gegen die eher oberflächliche Meinung der Tageszeitung „Figaro“, die voller Beredsamkeit von einem revolutionären Volk in Berlin sprach wie auch gegen die Meinung der kommunistischen Tageszeitung L Humanite, die die Ereignisse des 17. Juni auf die Taten einiger Rädelsführer herunterspielen wollte. Dagegen sagte Albert Camus: „Wir können nicht mehr ignorieren, dass es sich zuerst um eine Arbeiter- Revolte (révolte ouvrière) gegen die Regierung und gegen eine Armee handelt, die vorgaben und so taten, als ob sie im Dienst der Arbeiter stehen“.
Camus forderte auf, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen und wahrzunehmen, dass auch Arbeiter in Ost – Berlin, so wörtlich, „massakriert“ wurden. Allen, die diese Wahrheit nicht sehen wollten, rief Camus zu: „Bevorzugt nicht länger eure Vernünfteleien und eure Träume diesem Elend gegenüber, das nun schon seit Wochen uns entgegen schreit. Entschuldigt nicht länger das Blut und den Schmerz von heute dadurch, dass ihr – ideologisch – die (große) historische Zukunft erwägt, die ohne jeden Sinn ist zumindest für die Menschen, die jetzt getötet wurden. Glaubt uns, zum letzten Mal, wenn wir euch sagen: Kein Traum des Menschen, so groß er auch sein mag, rechtfertigt, dass man jemanden tötet, der arbeitet und der arm ist“. Wenige Tage nach dem 17. Juni 1953 organisierte Albert Camus “einen Grand Meeting” im berühmten Saal Mutualité in Paris; Camus war der Chef, der “Präsident”, der Veranstaltung, das Motto war “Les Ouvriers insurgés de Berlin-Est”, bei dem auch ein Film über den Aufstand gezeigt wurde; die Redner waren Gewerkschaftsführer (CGT – FO) und CFTC (christliche Gewerkschaft), Politiker der Sozialistischen Partei sowie ein Vertreter der “Revolution prolétarienne”.
In ähnlicher Weise hat sich Albert Camus auch für den Aufstand in Poznan, Polen, am 28. Juni 1956 eingesetzt und für jene, die dem Totalitarismus in Ungarn 1956 Widerstand leisteten. “Die Oppositionellen in den osteuropäischen Staaten haben diese Unterstützung dankbar als eine Ausnahmeerscheinung inerhalb der westeuropäischen Linken wahrgenommen”, so Brigitte Sändig, a.a.O. 110. (Im übrigen empfehlen wir dringend allen, die sich erstmals oder wieder mit Albert Camus befassen wollen, diese ausgezeichnete Arbeit von Brigitte Sändig im Rowohlt Verlag).
Es ist interessant, dass sich erst in den letzten Jahren deutsche Historiker der Einschätzung von Camus anschließen, den 17. Juni 1953 als Revolte, wenn nicht gar als Revolution zu deuten. Und noch ein Hinweis für eher unbedarfte Camus – Leser, eigentlich überflüssig zu betonen: Albert Camus hat sich mit seinem Eintreten etwa für die Rebellen des 17. Juni 1953 alles andere als “ein konservativer Denker” gezeigt. Er behielt sich als “linker, aber unabhängiger” Denken die Freiheit auch im Handeln, sich nicht Parteidoktrinen zu unterwerfen…Und Camus machte seit 1944 einen Unterschied zwischen Revolte und Revolution, 1953 erklräte er: “Das große Ereignis des 20. Jahrhunderts war das Aufgeben der Werte der Freiheit durch die revolutionäre Bewegung und der Rückzug des Sozialismus der Freiheit vor dem imperialen und militärischen Sozialismus” (zit. in “Dictionnaire Albert Camus”, ed. par Jeanyves Guérin, Edition Robert Laffont, Paris 2009, Seite 789).

copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer-salon.de (Berlin)

Berliner Realismus: Über das unsoziale Berlin um 1925. Eine Ausstellung im Bröhanmuseum

Eine Ausstellung im Berliner Bröhan Museum, die man nicht versäumen sollte.

Ein Hinweis von Christian Modehn

Bis zum 17. Juni 2018 haben alle an der Berliner „sozialen (Un-)Kultur“ Interessierten noch eine Chance, die sie nicht verpassen sollten: Das schöne Bröhan Museum in Charlottenburg, Schloßstr.1a., bietet bis zum 17. Juni noch die – ohne Übertreibung – hervorragende Ausstellung “Berliner Realismus“ in den zwanziger Jahren, also in den angeblich goldenen Zwanzigern, die für so viele, wohl die meisten Berliner, lebensmäßig und sozial gesehen eher düstere Jahre des Elends, der Ausgrenzung, waren. Jahre, in denen sich Rechtsradikale immer mehr breit machten und die Demokratie auslöschten.

Zwischen den beiden Weltkriegen also wird das Berliner Armuts – Leben dargestellt, von Künstlern, die angeblich alle schon von Kennern tausendmal „besichtigt“ wurden; aber diese Arbeiten müssen immer wieder neu entdeckt werden: Um der eigenen Erweiterung und Sprengung des Horizonts willen. George Grosz also, Käthe Kollwitz, Otto Dix, Hans Baluschek und auch Heinrich Zille sind da vertreten und mit anderen Künstlern in etwa 200 Exponaten zu studieren! An die asoziale Schmäh Kaiser Wilhelm des Zweiten wird erinnert, der sozialkritische Kunst dumm und arrogant „Rinnsteinkunst“ nannte: Damit wird schon das Feld eröffnet, das Feld des Gegeneinanders von wenigen herrschenden, sich abkapselnden Etablierten und den allzu vielen, minderwertig genannten, den „Arbeitskräften“, den Proletariern, Armen, Bettelnden, Hungernden in einer Stadt, die vor Luxus und Dekadenz auch damals -in Mitte, Wilmersdorf etc.  – nur so strotzte. Wie heute. Nebenbei: Wie kommt es, dass auf diese WILHELM Kaiser (“Rinnsteinkunst”) immer noch dem Titel nach eine zentrale evangelische Kirche in Berlin benannt ist, selbst wenn sie heute oft nur neutralisiert und fast schon schamhaft “Gedächtniskirche” heißt. Aber wem gilt das Gedächtnis? Wohl kaum den arm Gemachten damals und heute. War denn Kaiser Wilhelm (1.) ein so vorbildlich Heiliger, dass man heute noch ihm zu Ehren eine Kirche benennen muss? Aber das ist ein anderes Thema. Ich empfinde jedenfalls diesen offiziellen Titel dieser Kirche heute als theologische Schande. Hoffentlich bin ich nicht der einzige… Es ist eine theologische und spirituelle Ignoranz, an diesem Titel dieser Kirche immer noch festzuhalten! Denn Kaiser Wilhelm der Erste war alles andere als ein Friedensfreund und ein Kämpfer gegen Kolonialismus und Rassismus.

Eine philosophische und deswegen gar nicht überflüssige Frage im Zusammenhang der Ausstellung: Waren die Armen damals ärmer als die Armen heute? Geht es also den Armen in Deutschland, in Berlin, heute besser als den Armen im Jahr 1925? Diese philosophische Frage drängt sich förmlich auf: Man könnte ja sagen, die Armen heute haben doch ihr Hartz IV, schlimmstensfalls ihre Suppenküchen und Kleiderkammern, sie haben ihre (engen) Wohnungen sehr fern ab von der City. Aber sie hungern nicht, meistens. Der Sozialstaat kümmert sich und überlässt den Ehrenamtlichen die soziale praktische Hilfe. Und die Kirchen (die Freiwilligen) machen da gern mit der Entlastung des eigentlich geforderten “Sozial – Staates”…Die Kirchen helfen also mit,  dass der Staat so bleibt wie er ist…Sozial? (Nebenbei: Stadtentwicklungssenatorin Kathrin Lompscher teilte Anfang Juni 2018 in einer Studie mit: “Berlin ist für die Studie in 447 Gebiete aufgeteilt. Für etwa zehn Prozent(44 Gebiete) ergibt sich im Untersuchungszeitraum ein sehr niedriger sozialer Status. Sie gelten als “Gebiete mit besonderem Aufmerksamkeitsbedarf und sollen in der Stadtentwicklungsplanung besonders berücksichtigt werden. Überraschend ist dabei, dass lediglich vier der 44 genannten Gebiete mit besonderem Aufmerksamkeitsbedarf im Osten Berlins liegen. Quelle: Audio: Inforadio RBB | 07.06.2018 | Sebastian Schöbel)

Noch einmal: Der Vergleich damals – heute muss sich auf die unterschiedlichen Lebensverhältnisse und die sozialen, ökonomischen Bedingungen beziehen: Da sind die heutigen Armen auch aktuell vergleichsweise gegenüber den “Wohlhabenden heute” sehr benachteiligt. Denn es ginge ja prinzipiell auch anders in einer sozialen Sozialpolitik in diesem an sich ultra reichen Land. Die Armen (und ihre Kinder) könnten heute prinzipiell bessere Lebenschancen haben, wenn die Politiker es nur möchten….Und so sind die heutigen Armen, beim Respekt der historischen Differenz zum Berlin von 1925, letztlich „genauso“ arm wie die Armen damals, die Kollwitz, Baluschek und andere in ihren Werken darstellten. Mit anderen Worten: Es ist bei einem reflektierten Vergleich kein Fortschritt zu sehen hinsichtlich der Armut damals und heute.

Und das ist  wichtig: Man darf die Ausstellung nicht also verlassen in der frohgemuten Überzeugung: Gott sei Dank sind die heutigen Armen nicht mehr so arm wie die Armen damals. Die heutigen Armen bräuchten so wenig wie die damaligen Armen arm sein, wenn es eine gerechte Sozialordnung in einer Demokratie gäbe. Die gibt es aber weder heute noch damals. Nur mit dem Unterschied, dass uns die heutigen Künstler und Maler Kollwitz, Dix und Grosz einfach fehlen, sie sind nicht da: Oder kann mir jemand einen prominenten und teuer gekauften Maler nennen, der Armut und Arme und Klassenkampf in Berlin und Deutschland heute darstellt? Bitte melden, falls dies der Fall ist. Die meisten “teuren” und deswegen angesehenen Künstler, was nicht auf ihre Qualität schließen lässt, malen anderes, etwa Farbwogen und Farbwellen, Kleckse und verschlüsselte Symbole, um es mal etwas durchaus polemisch – zugespitzt zu sagen: Auch zu solchen Gedanken führt wie von selbst die Ausstellung im Bröhan Museum.

Was mir immer auffällt: Natürlich kann eine Kunstausstellung nicht auch eine literarische, philosophische oder theologische Ausstellung sein, die auch diese Aspekte kulturellen Lebens mit berücksichtigt. Aber weiter führend wäre es doch, wenn dies gerade an dem Thema sichtbar geworden wäre: Was taten eigentlich die Kirchen mit den Armen und für die Armen in Berlin damals? Nach meiner Kenntnis recht wenig, abgesehen von Sonderorganisationen wie der “Stadtmission” oder dem einzigartigen katholischen Pfarrer Dr. Carl Sonnenschein. Ihn schätzte Elsa Lasker Schüler oder Kurt Tucholsky! Warum erwähnt man das nicht zur Vervollständigung wenigstens am Beispiel zweier Kunstwerke, Fotos etc. Immerhin hatte der junge evangelische Theologe Paul Tillich eine Sensibilität  für die materielle Armut der Armen in Berlin….Aber das Ausblenden dieses Themas (Religionen, Kirchen, Philosophien) fällt mir immer mehr auf. Das Ausblenden des explizit Religiösen oder Philosophischen ist, sorry,  sicher auch Ausdruck der Mentalität der „Macher“: Bei diesen explizit „religiösen“ Sachen sei ohnehin nichts zu „holen“, meinen sie. Aber diese Überzeugung, aus Unkenntnis und Vorurteil, ist falsch!

Die Kirchen jedenfalls waren wohl selbst in den Arbeiterbezirken eher bürgerlich, eher fürsorglich, nicht sozialkritisch mit Armen beschäftigt. Man schreibe einmal die Geschichten der Kirchengemeinden in Wedding, Friedrichshain oder Neukölln, wäre spannend. Macht leider auch niemand…

Von der Philosophie in Berlin damals in dieser Hinsicht  (!) wollen wir lieber schweigen: Mir ist kein prominenter Philosoph der Berliner Universität bekannt, der Armut als Thema einer sozialkritischen Theorie gemacht hätte. Der immer noch so verehrte, bald “selig gesprochene” (d.h. Katholiken dürfen ihn dann im Himmel um Beistand bitten!) katholische Theologe und Religions-Philosoph Romano Guardini redete an der Uni Unter den Linden lieber feinsinnig über Rilke als über den “Charme” der dunklen krankmachen Hinterhöfe… Und Marxisten waren damals eher nur in den Parteien zu finden. Da hat sich heute einiges verändert, man denke an das weite vielfältige Umfeld der „Frankfurter Schule“. Vielleicht gibt es also doch einen ganz kleinen Fortschritt…Vielleicht  auch mal in der Berliner Welt der Ausstellungsmacher…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Junge PhilosophInnen philosophieren auf der Straße in Berlin – Reinickendorf

Berlin hat am 21. Jui 2018 eine „Allee der Fragen“

Ein Hinweis von Christian Modehn

Ein philosophisches Ereignis in Berlin: Aber was ist ein philosophisches Ereignis? Vielleicht dies: Ein lange dauernder prägender Moment, wo Menschen mit einander in ein tieferes Gespräch kommen voller Fragen, die weiterführen und ins Weite führen.

Ein philosophisches Ereignis gibt es am 21. JUNI 2018 ab 16 Uhr in Berlin Reinickendorf: Da schlagen philosophisch interessierte und gebildete Schüler eine, wie sie sagen, „Denkachse“ durch den Alltag Berlins: Auf 200 Plakaten werden Resultate philosophischer Gespräche mit Leuten auf der Straße dargestellt: Sokrates philosophierte ja bekanntlich auch auf der AGORA von Athen. Die Schüler der Max-Beckmann-Oberschule in Reinickendorf wollen anlässlich dieser Plakate, Ergebnisse von Gesprächen,  mit den Menschen ins Philosophieren kommen: Denn jeder Mensch philosophiert „immer schon“, ob er das weiß oder nicht.

Die Schüler, die für die Philosophien ihre Leidenschaft haben, sprachen also mit Menschen in Kirchen, Seniorenzentren, Schulen, Büchereien usw. sogar in Kneipen und Supermärkten: Bravo, genau dort überall lebt Philosophie, weil Philosophie auch alltäglich ist und nicht nur eine akademische Disziplin an der Uni. Die Philosophie Lehrerin Melanie Heise hat das Projekt begleitet, sicher ein Vorbild für weitere ähnliche Unternehmungen an anderen Schulen. Hoffentlich nehmen auch viele andere Lehrerinnen anderer Schulen teil. Eigentlich ja ein Muss!

Ab 16 Uhr kann man also auf der Auguste Viktoria Allee in Reinickendorf, gut erreichbar mit der U Bahn, nicht nur die Plakate mit ihren philosophischen Fragen studieren, sondern auch mit den SchülerInnen debattieren, vielleicht bleibt mancher stundenlang nachdenkend stehen wie Sokrates einst in Athen.

Das Projekt „Allee der Fragen“ verdient alle Aufmerksamkeit. Denn Philosophie kommt wieder unter die Menschen, weil sie als ständiger kritischer Impuls zum Menschen gehört. Und es sind Schüler, die uns das zeigen! Vielleicht wird die “Allee der Fragen” bald einmal ins Regierungsviertel verlegt, oder in die Nähe vieler großer religiöser (dogmatischer) Zentren oder in die Nähe eines gescheiterten Flughafens oder in die Nähe der großen Ausflugsgebiete, etwa am Wannsee:

Die Philosophie kommt unter die Leute. Was für eine Chance! Lassen wir uns also im Fragen verunsichern. Diese Unsicherheit ist heilsam, man muss es nur mal im Denken probieren… Wenn die Mitglieder vieler populistischer Parteien philosophisch, also selbstkritisch, sich selbst kritisch zuhören würden in ihren erbärmlichen Schimpftiraden und Hassattacken gegen seriöse PolitikerInnen, würden sie endlich vor intellektueller Scham den Mund halten und weiter nachdenken.

Also: Kritisches Reflektieren auf sich selbst ist politisch. Philosophie kann vergiftete Atmosphären und vergiftete Mentalitäten etwas heilen…Hoffentlich.

“Spiritus rector” des Projekts ist der Schulleiter Matthias Holtmann, der sich auch überzeugt zeigt, dass es so etwas wie einen philosophischen „Urinstinkt“ gibt, den alle teilen. Die Philosophie Dozentin Melanie Heise, Initiatorin und Koordinatorin des Projekts, betont: „Die Tatsache, dass alle Menschen solche Fragen in sich tragen zeigt uns, dass wir uns oft näher sind als wir wissen und uns mehr verbindet als uns trennt. Und gerade heute, in nervösen Zeiten in einer schnelllebigen Welt, die von vielen existentiellen Erschütterungen verunsichert wird, bietet es sich an, die Kraft und die Weisheit der uralten philosophischen Praxis zu nutzen.“

Die „Allee der Fragen“ ist ein Projekt des Quartiersmanagement Auguste-Viktoria-Allee und wird aus Mitteln des Städtebauförderungsprogramms „Soziale Stadt“ der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen finanziert.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Neokatechumenale Katholiken jubilieren in Berlin am 9. und 10. Juni 2018: Sie bekehren seit 40 Jahren die Hauptstadt

Ein Hinweis von Christian Modehn

Wer den Zustand der römisch – katholischen Kirche, auch in Berlin, philosophisch und theologisch verstehen will, muss sich mit den immer mächtiger werdenden so genannten „neuen, weltweit tätigen geistlichen Gemeinschaften“ befassen, zu denen vorwiegend Laien gehören, die aber selbstverständlich immer brav unter Führung des Klerus leben dürfen. Dazu gehören etwa das Opus Dei, die katholischen Charismatiker (wie Emmanuel, Chemin Neuf etc.), die Legionäre Christi mit ihrem Regnum Christi oder eben auch die Neokatechumenalen. Sie können mit tausenden von Mitgliedern weltweit aufwarten, sie haben 20.000 „Ortsgruppen“, etwa 100 eigene Priesterseminaren weltweit usw.

Kurz gesagt bedeutet ihr Titel: Alle Katholiken brauchen eigentlich eine neue („neo“) Katechese, also eine neue und bessere Glaubensunterweisung. Und die kann unter Leitung dieser Organisation Jahre dauern, ehe man alle Feinheiten des offiziellen römischen Katechismus (auswendig) gelernt und vielleicht auch verstanden hat. „Unsere Theologie ist der Katechismus“, sagte mir in einem Interview voller Stolz ein Neokatechumenaler: Also Theologie wird bei diesen, eher dann theologisch gesehen schlichten, Gemütern gleichgesetzt mit der offziellen, total eindeutigen Lehre des dickleibigen Katechismus. Einpauken und sich religiös bestimmen lassen, ist also das Motto. Soviel nur zur Begriffserklärung.

Nun wird also im katholischen Berlin wieder mal gejubelt und Gott gedankt: 40 Jahre sind die Neokatechumenalen in Berlins katholischer Kirche tätig. Da werden am 9. und am 10. Juni 2018 Pontifikal-Ämter gefeiert mit Kardinälen;  Kardinal Cordes aus Rom wird dabei sein, der eng mit dieser am theologisch rechten Rande angesiedelten Gruppe seit Jahren verbandelt ist.  Auch einer der Gründer dieser inzwischen international mächtigen Organisation kommt nach Berlin, KIKO Argüello; er führt seine eigene Komposition auf, „Das Leiden der Unschuldigen – im Gedenken an die Shoa“. Damit soll die Nähe des Neokatechumenalen Wegs mit „dem“ Judentum deutlich werden. Diese Beziehung Neokatechumenale und Judentum wird in der interessierten Öffentlichkeit kaum beachtet: Denn die Liebe zu den „jüdischen Wurzeln“ ist in diesen Kreisen sehr hoch, wird aber in katholische Zusammenhänge eingespannt:

Für den Religions-Spezialisten Sandro Magister „ist diese Gruppe sicherlich die am meisten pro-Israel eingestellte Gruppe innerhalb der neuen geistlichen Gemeinschaften“ (in: Bernhard Sven Anuth, Der neokatechumenale Weg, Echter Verlag 2006, Seite 225). Ausdrücklich wird dann auch auf die Nähe der Neokatechumenalen zu der ultra-orthodoxen jüdischen Bewegung der Lubavitch verwiesen, ebd. Jedenfalls haben die Neokatechumenalen ein riesiges, monströs wirkendes Zentrum (auf 30.000 Quadratmetern Grundstückfläche) als „domus Galilaeae“ auf dem Berg der Seligpreisungen in Israel mit viel materiellem Aufwand errichtet: „Bereits die Errichtung der Domus Galiaeae wurde in Zusammenhang mit Endzeitprophetien gebracht, laut denen der Neokatechumenale Weg die Wiederkunft des Herrn auf dem Berg der Seligpreisungen erwarte. Ein ausgedehnter symbolisch aufgeladenen Gebäudekomplex ganz eigener Art, der Außenstehenden schwer entzifferbar ist.“ (Quelle: ebd.) Offenbar wird dort die Wiederkunft Jesu Christi erwartet. Jedenfalls soll jeder Neokatechumenale einmal in seinem Leben diesen Berg mit seinem eleganten monströsen Zentrum besuchen, berichtet Anuth (S. 225).

Viele Katholiken in Berlin, aber nicht nur dort, haben angesichts des 40 jährigen Bestehens der Neokatechumalen in Berlin (in anderen Ländern sind sie seit 50 Jahren tätig) keinen Grund zur Freude: Sie haben aufdringliche neokatechumenale Missionare erlebt, haben erlebt, wie in ihren Gemeinden Spaltungen geschahen zwischen den besseren „Neos“ und den eher noch „unentwickelten“ normalen Gemeindemitgliedern. 36 Priester der Neokatechumenalen wurden bisher für ihre Arbeit in der Erzdiözese Berlin ausgebildet, so dass man sagen kann: Fast alle noch nicht ganz alten Priester sind „Neos“ mit dem entsprechenden theologischen Horizont. Nichts aber auch gar nichts ist von diesen Priestern in einer größeren öffentlichkeit zu vernehmen, zu politischen Fragen, zu Fragen der globalen Gerechtigkeit, zur Ökologie ist viom Neokatechumenat nichts zu vernehmen. Alles dreht sich nur um die totale Glaubensvermittlung.

Es ist dieser Klerikalismus, der etlichen Katholiken an den Neos überhaupt nicht gefällt: Anstatt Laientheologen und Laientheologinnen die Leitung einer (priesterlosen) Pfarrgemeinde zu übergeben, werden konservativ denkende, treu-römische junge Priester unters Volk gebracht. Der Klerikalismus soll unter allen Umständen absolut überleben. “Priester zuerst”, heißt das Motto, das man nationalistisch gefärbt aus anderen Kreisen kennt. Man höre sich in den Gemeinden um, wie viel Abwehr und Entsetzen über diese jungen neokatechumenalen Priester besteht und bestand. Ich habe als Journalist damals mit Mühe Intervies machen müssen, es waren Leidensgeschichten, die mir von sehr seriösen engagierten Katholiken vorgetragen wurden. Viele haben sich dann frustriert zwar, aber für die eigene seelische Gesundheit klugerweise von den neokatechumenal geprägten Gemeinden (und darüber hinaus wohl von dieser Kirche) getrennt usw…

Ich habe seit ca. 15 Jahren für ARD Sender über die Neokatechumenalen berichtet und vieles auch auf meiner Website publiziert; diese 5 Beiträge finden viele Zugriffe! Auch mit O Tönen Neo – geschädigter Pfarrer oder offizieller Propagandisten, wie dem heutigen Weihbischof Puff in Köln, usw. Klicken Sie hier.

Es wird also in Berlin gejubelt. Aber wie üblich im katholischen Milieu fehlt jede selbstkritische Information schon im Vorfeld. Erzbischöfliche Pressestellen bieten nun  einmal als missionarische Verlautbarungsorte keine Hintergrundinformationen. Journalismus in Abhängkeit von der Kirche verkommt zur Verlautbarung des offiziell Genehmigten. Und viele Zeitungs-Leser, die nichts anderes lesen als die nachgedruckten Pressemitteilungen, glauben dann, wie wunderbar doch alles in der Kirche läuft. Dabei wird die Kirche insgesamt neo-katechumenal, opus dei abhängig, charismatisch etc.. Einen „normalen“ katholischen Glauben gibt es nicht mehr, alles ist irgendwie zusätzlich mit Sonderlehren usw. übertüncht…Das wären Themen für Theologen an den Universitäten…

Es wird auch in der offiziellen Presseaussendung zu den Berliner Jubelfeiern verschwiegen, dass Papst Franziskus mehrfach diese machtvolle Organisation kritisiert hat: So etwa am 5. Mai 2018 sagte er diesen Herren und Damen, die sich überall als Missionare, also als Verbreiter des in Rom verfassten Katechismus, einmischen und breitmachen: “Love the cultures and traditions of peoples, without imposing pre-established models. Do not start from theories and fixed mindsets, but from concrete situations: it will thus be the spirit who shapes the proclamation according to his times and his ways. And the Church will grow in his image: united in the diversity of peoples, gifts and charisms, the pope said at the event“.

Der Papst dachte wohl auch an den mit den Neokatechumalen verbundenen Erzbischof Anthony Sablan Apuron von der Insel Guam, der wegen sexueller Aggressionen an Kindern angeklagt wird und vom Papst suspendiert wurde. Wie in vielen anderen Teilen der Welt haben sich die wenigen noch kritisch – progressiv verbliebenen Katholiken auch von Guam explizit gegen die Neokatechumenalen gewandt und den Bischöfen in der Nachbarschaft geschrieben: “We strongly suggest that you do not allow this heretical sect to enter your diocese. They have caused so much division within our Archdiocese of Agana, pitting family members against each other, when some members of a family join the NeoCathWay, while other members continue to practice their Catholic faith in the way their parents and grandparents have raised them. Dieses Urteil von Katholiken kehrt immer wieder in einer aufmerksamen Lektüre: Die Neokatechumenalen sind eine häretische Sekte…

Quelle:https://eu.guampdn.com/story/news/2017/03/25/guam-group-warns-other-islands-neocatechumenal-way/99295048/)

In Frankreich untersucht ein Psychotherapeut die sektierisch – zerstörerischen Tendenzen in der Organisation der Neokatechumenalen, siehe: http://www.psychologue-clinicien.com/sectaire.htm

Überall gibt es Proteste gegen diese Neos und sogar Selbsthilfe Gruppen auch für Aussteiger; in Spanien gibt es viel beachtete Organisationen mit eigenen websites, die das Sektiererische der Neokatechumenalen in der spanisch sprechenden Welt freilegen:

http://laverdaddeloskikos.blogspot.de/

und: http://caminoneocatecumenalsecta.blogspot.de/

Für einen kritischen Beobachter, der Journalist und Theologe ist, bleibt das Urteil: Diese Jubelfeier in Berlin hat etwas Verlogenes, sie preist eine Gruppe, die nur deswegen von vielen Bischöfen (manchmal wohl stillschweigend) respektiert wird, weil sie Kleriker stellt und keine kritische Theologie zulässt. Die Kirche setzt also auf diese engstirnigen dogmatischen Kreise, und sie setzt dabei zumindest in Europa auf ihren Weg ins Getto, mag die Kirche finanziell jetzt noch stark sein.

Und die Juden sollten sich überlegen, wenn man als Außenstehender das sagen darf, ob sie bei den Neokatechumenalen wirklich Christen finden, die den eigenen Weg jüdischen Lebens außerhalb jeglicher Missionsabsicht schätzen und diese Ablehnung jeglicher Judenmission auch öffentlich sagen. Man frage also KIKO in Berlin: Sind die absolut und explizit auch öffentlich gegen die Mission von Juden? Wir wollen es hoffen!

Papst Franziskus sagte am 5. Mai 2018 zu den Neokatechumenalen: „Nur eine Kirche, die von Macht und Geld gelöst ist, die von allen Formen des Triumphalismus und des Klerikalismus frei ist, bezeugt auf glaubwürdige Weise, dass Christus den Menschen befreit.“

Gar nicht so “nebenbei”: Über die Finanzen der Neos wäre eigens zu reden, etwa über den immer wieder erwähnten Druck und  Zwang zum sehr großzügigen Spenden unter den Mitgliedern….

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Legionäre Christi im Kino – Film

Ein Hinweis von Christian Modehn

Wer als Theologe oder Philosoph den Zustand der katholischen Kirche heute verstehen will, sollte die neuen katholischen extrem konservativen Ordensgemeinschaften untersuchen, zum Beispiel die „Legionäre Christi“…

Am 7. Juni 2018 kommt ein Film (1 Stunde, 44 Minuten) in die Kinos, der in Deutschland zum ersten Mal dem katholischen Orden „Legionäre Christi“ gewidmet ist. Ganz im Mittelpunkt des Dokumentarfilms steht der Legionärs – Priester Martin Baranowski, er ist der Bruder des Regisseurs Peter Baranowski. Pater Martin Baranowski lebt heute in Neuötting –Alzgern.

Beide hatten in der Jugend vielfältige Kontakte mit diesem Orden, der sich in vielen Ländern bemüht, Jungen und junge Männer anzusprechen, um sie für ihren Orden zu werben. Selbst die „Kleinen Seminare“, also Häuser, wo 8 bis 18 Jährige auf den Priesterberuf vorbereitet werden, leitet dieser Orden noch, die „Apostolische Schule“ in Bad Münstereifel. … Der Titel des Kino – Films bezieht sich auf eine Art pädagogische Weisheit der Legionäre: „Die Temperatur des Willens“: D.h.: In den religiösen Freizeiten wollen die Legionäre die Temperaturen der Jünglinge prüfen und einen starken, keinen lauwarmen religiösen Willen unter ihren Jungs erzeugen.

Der Film verzichtet (leider) auf erläuternde Kommentare, was in unserer Sicht problematisch ist, denn dadurch können viele wesentliche Fakten überspielt werden: Die Mitglieder im Orden sprechen öffentlich wohl kaum umfassend kritisch über ihren Gründer, den mexikanischen Priester Marcial Maciel, denn sie waren über all die Jahre doch mit ihm verbandelt. Pater Maciel wurde von Papst Benedikt XVI. nicht nur wegen seiner Jahre langen pädophilen Vergehen und seinem früheren Drogenmissbrauch ein Verbrecher genannt. Der lange Jahrzehnte in Rom hoch verehrte Ordensgründer wurde vor allem von Papst Johannes Paul II. liebevoll unterstützt, er begleite den polnischen Papst auf seinen Reisen nach Mexiko; dass dabei die sozialkritische Befreiungstheologie ausgeblendet wurde, ist klar: Maciel hielt es mit den Reichen, speziell den Millionären und Milliardären, mit dem mexikanischen Milliardär Carlos Slim war Maciel eng befreundet: Wie viele Millionen Dollar er von Slim erhielt, wäre eine hübsche Recherche…Jedenfalls war Maciel ein intimer Freund zahlreicher Kardinäle in Rom, all das habe ich im Laufe der Jahre auf meiner Website re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­er–salon.de dokumentiert….

Nachdem die pädophilen Verbrechen und die vielfältigen hetero- und homosexuellen Beziehungen des in dieser Hinsicht absolut heftigst umtriebigen Gründers Maciels freigelegt werden mussten, reagierte der Orden wie die Sowjets nach dem Tode Stalins: Sein Name wird in den offiziellen Publikationen nicht mehr erwähnt, die vielen Bilder und Fotos Maciels wurden aus den Legionärs – Häusern entfernt. Das verlogene Buch Maciels „Christus ist mein Leben“ (was für ein Titel bei diesem Autor!) ist antiquarisch noch zu haben.

Mit all diesem Verschweigen Maciels in den Legionärs-Kreisen aber sind pädophile Tendenzen unter den Ordensmitgliedern keineswegs beendet, etwa in Chile wurden entsprechende Fakten nach dem Tode Maciels und der „Entstalinisierung“ bzw. „Entmacielisierung“ freigelegt.

Nun haben also hoffentlich viele Katholiken die Chance, ein bisschen in das Innere dieses Ordens zu schauen, und sie werden sich danach hoffentlich entsetzt abwenden. In 15 Bistümern Deutschlands und in 4 Bistümern Österreichs ist der Orden, aktiv, vor allem über den mächtigen Zweig der Laien – Mitglieder im „Regnum Christi“. Die Legionäre Christi gestalten in den Pfarrgemeinden ihre eigenen „Volks“ – „Missionen“, wie etwa in Bad Bocklet, Franken.

Die (in Deutschland tatsächlich noch eher marginale) umfassend kritische Berichterstattung hat immerhin bewirkt, dass die Anzahl der Ordenskandidaten, Novizen genannt, in vielen Ländern stark zurückgegangen ist. Die offizielle Legionärs- Statistik nennt für Deutschland noch 3 Novizen, für Chile 1, ebenso 1 für Irland, sogar nur 3 fürs alte Legionärs- Kernland Spanien. 961 Legionärs Priester gab es Ende 2016, viele hatten nach der Freilegung der Verbrechen ihres Gründer Pater Maciel den Orden verlassen. Darüber wird offiziell auch nicht gesprochen…. Wer heute da noch mitmacht erfreut sich wohl des immensen Reichtums dieses Ordens, den ihr der Gründer Maciel durch allerhand trübe Finanzgeschäfte beschafft hat, wie erschlichene Erbschaften usw.

Es wundert kritische Beobachter, dass dieser Orden nach den heftigen Skandalen überhaupt noch als solcher unter dem alten Namen der Legionäre Christi weiter besteht. Warum hat der Vatikan diesen so hoch problematischen Club nicht aufgelöst? Warum nicht verboten? Selbst der Orden der Piaristen (Priester der frommen Schulen) wurde für einige Jahre nach seiner Gründung vom Papst verboten, weil auch dort pädophile Tendenzen deutlich waren, ich habe darüber auf der genannten website publiziert.

Die zentrale Frage ist: Welche Interessen gibt es noch heute in der katholischen Hierarchie, den Orden der Legionäre mit seinen weit verzweigten Kontakten in die Finanzwelt als solchen zu erhalten? Welche finanziellen Interessen waren im Vatikan dafür ausschlaggebend? Oder ist die Liebe zum Klerus im Vatikan schon so umfassend, dass man schlechterdings alle Kleriker, alle Priester, erst mal toll findet, angesichts des allgemeinen Mangels an Priestern? Bekanntlich leiten die Legionäre Christi die römische Universität Regina Angelorum, König der Engel, die besonders durch gut besuchte Kurse für Teufelsaustreibungen, Exorzismus, von sich reden macht.

Es ist für nicht nachvollziehbar, dass die kritische theologische Forschung an den deutschsprachigen Universitäten über die Legionäre Christi keine Studien publiziert hat. Auch die anderen Orden, die noch ein bisschen der Vernunft verpflichtet sind, die ja entsprechende Zeitschriften haben usw…. schweigen sich aus über die Legionäre Christi. Warum? Wer hat da Angst? Gibt es eine geheime Solidarität? Meine zahlreichen Studien zum Thema Legionäre Christi und Pater Marcial Maciel stehen auf der website www.re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­er-salon.de zur Verfügung.

Immerhin schrieb mir per E mail am 28.3. 2018 der Regisseur des Kino Films Peter Baranowski u.a.: „Natürlich bin ich im Verlaufe meiner Recherchen zu dem Film auch auf Ihre Arbeit und Website aufmerksam geworden. Tausend Dank für all die hilfreichen Informationen!“

Wollen wir hoffen, dass der Orden nicht noch eine „einstweilige Verfügung“ gegen die Aufführung des Filmes anstrebt… Das wäre allerdings die beste Werbung für den Film!

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

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Über den Protagonisten des Films, Pater Martin Baranowski, schreiben die Legionäre Christi auf ihrer website: (http://forum-deutscher-katholiken.de/pater-martin-baranowski-lc/)

Pater Martin Baranowski LC, Priester der Kongregation der Legionäre Christi, stammt aus Bad Homburg (Bistum Limburg). 1995 trat er nach dem Abitur ins Noviziat ein und gehörte zur Gründungsgeneration der Niederlassung in Bad Münstereifel. Nach der Ordensprofess 1997 absolvierte er im spanischen Salamanca humanistische Studien, worauf das Grundstudium der Philosophie in Rom folgte. Von 2000-2004 war er in der Jugendarbeit in Süddeutschland tätig. Zwei Jahre darauf erwarb er das Lizenziat in Philosophie an der Päpstlichen Hochschule Regina Apostolorum. Darauf folgte das Theologiestudium. Bei der Gründung des Territoriums Mitteleuropa am 6. Februar 2007 wurde er zum Territorialsekretär ernannt. Seit Sommer 2009 ist er für die Kinder- und Jugendarbeit in Bayern zuständig. Am 12.12.09 wurde er in Rom zum Priester geweiht.

Die Zeitschrift der Legionäre schreibt 2015 über die Tätigkeiten Pater Baranowskis, die alle im konservativen katholischen Milieu angesiedelt sind: (Quelle: http://www.magazin-der-legionaere-christi.de/wp-content/uploads/2016/09/L-Magazin-01-2015.pdf)  „Im priesterlichen Einsatz ist er auch bei anderen Gruppen wie Prayerfes­tival der Jugend 2000, Nightfever an verschiedenen Orten, Charismatische Jugendgruppe FCKW, Marriage Encoun­ter, Fatimatage (!) und beim Kongress „Freude am Glauben“ (das ist die konservativ- reaktionäre Alternative zu den Katholikentagen, an denen auch Kardinal Ratzinger einst teilnahm, CM.)

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Am 22. 6. 2018 der religionsphilosophische Salon: Der alltägliche Rassismus. Ein “Kampfplatz” auch für Philosophierende.

Der nächste religionsphilosophische Salon findet am Freitag, den 22. 6. 2018 um 19 Uhr in der Galerie Fantom, Hektorstr. 9, statt.

Dazu herzliche Einladung. Mit der Bitte, wie üblich, um Anmeldung per E-mail: christian.modehn@berlin.de. Die Anzahl der Plätze in unserem Salon ist bekanntlich begrenzt.

Zum ersten Mal in der 10 jährigen Geschichte unseres philosophischen Salons möchte ich das ursprünglich vorgesehene und schon angekündigte Thema beiseite stellen. Wir wollen stattdessen über die Formen des alltäglichen Rassismus sprechen, nicht nur in der weiten geografischen Ferne oder in der Geschichte einst. Sondern über Formen des Rassismus heute.

Da kann jeder und jede eigene Reflexionen einbringen, etwa zur tief sitzenden Verachtung „der anderen“; über unsere europäische und deutsche (auch ökonomische) Leitkultur, die immer noch meint, wertvoller und wichtiger zu sein als die „anderen“; über die Formen der ideologischen Herrschaft in den Religionen und Kirchen über die einzelnen (etwa die Frauen, die Homosexuellen); über das Hinnehmen der permanenten Ausbeutung und Diskriminierung der Armen in Afrika; über das ausgrenzende Umgehen mit Armen, Alten, Kranken hier bei uns; über die aggressive und tödliche Sprache der Hasstiraden von rechtsextremen Populisten in den so genannten sozialen Netzwerken… Ist unsere Welt heute tief rassistisch geprägt?  Man könnte es leider meinen! Rassismus zeigt sich heute viel umfassender als der Hass auf bestimmte Rassen.

Ein weites Feld, das dringend der philosophischen, also grundsätzlichen und selbstkritischen Reflexion bedarf. Und der ungebrochenen Suche nach Abwehr des Rassismus durch Gesetze, Menschenrechte, Bildung, Empathie…

PS: Auf die Publikation von Prof. Thomas Bauer (Münster): “Die Vereinheitlichung der Welt. Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt” (als Reclam -“Heft” 2018) komme ich später noch einmal auf dieser website kritisch zurück. Die Lektüre dieses Heftes ist selbstverständlich überhaupt NICHT Bedingung für die Teilnahme am 22.6. 2018.  

copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

Damit die Endzeit anbrechen kann: Auch Guatemala und Paraguay eröffnen ihre Botschaften in Jerusalem

Ein Hinweis von Christian Modehn am 22.5. 2018

Damit sich die US Behören in ihrer neuen Botschaft in Jerusalem nicht so isoliert fühlen, könnte man denken, haben ein paar Tage später freundlicherweise die Präsidenten von Guatemala und Paraguay ebenfalls ihre Botschaften in der „heiligen Stadt“ eröffnet.

Diese politische Aktion muss nicht nur einem üblichen Kalkül entsprechen, dass die USA und auch Israel den beiden lateinamerikanischen Staaten finanziell und militärisch weiterhin sehr beistehen. Und, was dazu gehört, helfen, oppositionelle Gruppen auszuschalten.

Klar ist, dass der Präsident von Guatemala, Jimmy Morales, ein bekennender Evangelikaler ist, 41 % der Guatemalteken nennen sich evangelisch. Einst war das Land nominell katholisch mit starker Präsenz indigener Religionen… Die politischen Verhältnisse in Guatemala sind bekanntermaßen verheerend schlecht. Nur ein Zitat aus dem Bericht von Amnesty International: „Menschenrechtsverteidiger wurden auch 2016 weiterhin bedroht, stigmatisiert, eingeschüchtert und angegriffen. Laut Angaben der Menschenrechtsorganisation UDEFEGUA (Unidad de Protección a Defensoras y Defensores de Derechos Humanos Guatemala) wurden 14 Menschenrechtsverteidiger getötet. Besonders Menschenrechtsverteidiger, die sich für den Umweltschutz engagierten, waren von Angriffen bedroht. Menschenrechtsverteidiger, die sich für Landrechte, indigene Territorien und Umweltschutz einsetzten, waren mit Verleumdungen und Versuchen konfrontiert, sie als Straftäter zu brandmarken. Quelle: AI https://www.amnesty.de/jahresbericht/2017/guatemala. Auch der frühere Präsident Efrain Rios Montt und Massenmörder (er wurde verurteilt, dann aber wurde das Urteil wie so oft üblich dort wieder aufgehoben) war ein Evangeikaler, befreundet mit den einschlägigen US Pastoren Pat Robertson und Jerry Falwell.

Auch der Präsident Paraguays Horacio Cortes ist ein alter Freund Israels, die Evangelikalen in Paraguay haben mehrfach ausdrücklich die Bürger aufgefordert, für diesen frommen Präsidenten zu beten. Im August 2018 endet seine Amtszeit… Israel leistet dank der Vermittlung von Cortes in Paraguay Militärhilfe usw.

Aber interessanter ist: Diese Evangelikalen, geprägt von Pastoren in den USA, denken in wirren Begriffen, die sie dem Buch der Apokalypse des Johannes entnehmen. Das Katastrophale ist nur: Diese frommen Politiker setzen diese wirren Bilder und Begriffe in politisches Handeln um. Sie glauben: Die definitive Entscheidungsschlacht, die letztlich das endgültige Reich der Herrschaft Christi befördert, findet im Ort Armageddon statt. In der konfusen „Theologie“ der Evangelikalen kann diese definitive blutige Entscheidungsschlacht aber nur stattfinden, wenn Israel zu einem biblischen Großreich wiederhergestellt ist. Diese Evangelikalen brauchen also für ihren eigenen Christus – Glauben den Staat Israel als starken Staat. Sie verschweigen aber dabei, dass die Juden im Falle des Endsieges nur als bekehrte (zum Christentum konvertierte) Juden eine Chance zum Überleben haben. Alle anderen Juden wandern diesem Wahn entsprechend in die Hölle. Die nationalistischen Juden in Israel sollten sich also nicht zu früh freuen über alle Umzüge von Botschaften und der von Evangelikalen dick aufgetragenen „Liebe“ zu Israel.

Zwei Dinge sind vor allem skandalös:

Dass dieses wirre Buch Apokalypse des Johannes immer noch zum Corpus des Neuen Testaments gehört. Einige liberale Theologen, ich auch, plädieren dafür: Raus mit diesem wirren Text, den man nur mit 10 umfangreichen Kommentaren verstehen kann. Diese Mühe machen sich die Evangelikalen bekanntlich nicht, sie lesen die Bibel wortwörtlich, wie einen Zeitungsbericht. Die „Tugend“ der Dummheit ist dort groß geschrieben.

Skandalös ist auch, dass im Rahmen der diplomatischen Umzüge jetzt nach Jerusalem meines Wissens gar nicht ausführlich genug auf den biblischen Background bei Herrn Trump und seiner so ergebenen evangelikalen Wählerschar aufmerksam gemach wurde. Das ist politische Theologie, die da umgesetzt wird, auch sein alter Berater, der Katholik, Steve Bannon, denkt in diesen Wahnbegriffen.

Diese sich religiös und ultra fromm nennenden Leute gefährden die Welt, sie bereiten Kriege vor, welche kritisch gebildeten Christen sind noch bereit, für die Vernunft zu kämpfen? Wer greift diese verblendeten evangelikalen und charismatischen und oft auch pfingstlerischen Leute noch argumentativ an? Wer geht vor gegen Trump und Co.?

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Sollen die vielen “kirchlich Distanzierten” etwa in diese Kirchen wieder zurückkehren?

Über das Buch „Eine Kirche für viele, statt heiligem Rest“ von Erik Flügge und David Holte

Ein Hinweis von Christian Modehn

Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie muss sich mit der tatsächlichen Entwicklung des religiösen Bewusstseins befassen, auch in den Kirchen..

Die heute immer noch übliche Behauptung der sich rechtgläubig gebenden Bischöfe und Prälaten: „Lieber ein treuer kleiner heiliger Rest in den Kirchen als eine große Masse halbherziger, lauer Mitläufer“, ist natürlich ein Skandal. Denn da spricht die Arroganz der sich erlöst und besser Wissenden. Da kommt die Verachtung durch, dass all die anderen, die Mehrheit, die 90 Prozent, die nicht mit dem kirchlichen Leben und dem Seelsorge Betrieb intensiv verbunden sind, tatsächlich schon Abtrünnige oder gar Atheisten sind (beide Begriffe sind in der Sicht der Bischöfe und Prälaten bekanntlich ein Schimpfwort). Aber von den Kirchensteuerbeiträgen dieser 90 % lebt die Rest – Kirche trotz allem gern…

Insofern kann ich die Wut der beiden Autoren dieses Buches (Erik Flügge und David Holte) verstehen, wenn sie sich gegen eine Kirche wenden, die sich wie ein Sekte fast nur um den harten treuen „Kern“ der 10 % Kirchgänger kümmert: Sind es übrigens in Deutschland wirklich noch so viele? Ich denke, diese Ziffer 10 % ist bestenfalls gültig, wenn man immer die Teilnahme an den vielen Gottesdiensten zu Heilig Abend mitrechnet. In Frankreich jedenfalls nehmen heute noch 4 % der Katholiken regelmäßig, d.h. dort einmal am Monat, an der Sonntagsmesse teil, Tendenz fallend, weil die TeilnehmerInnen wie die Priester selbst meist im Senioren- und Greisenalter gelandet sind. Nichts gegen Senioren: Sie haben oft mehr Zeit für Sinnfragen als die gestressten Vierzigjährigen, vielleicht…)

Diese aktuellen religionssoziologischen Daten sind bekannt, sie kann man jederzeit nachlesen, aber sie werden aus Angst kaum innerhalb der Kirchen öffentlich diskutiert: Mit anderen Worten: Die Sterbende, also die Kirche, will ihren realen Zustand nicht wahrnehmen…Dass es in Afrika anders aussieht, tröstet nur begrenzt. Ohne jeden Zynismus möchte ich sagen: Die Armen, Hungernden und Sterbenden in den Elendsvierteln dort brauchen das Opium des Volkes, also die Religion, das ihnen manchmal von verbrecherischen, sich bereichernden Millionärs-Predigern dargeboten wird, für teures Geld in den super schicken Mega Churches von Nigeria etwa…

Wer auch noch ein bisschen Interesse hat am Überleben etwa der katholischen Gemeinden in Deutschland und Europa, in Spanien ist es ja nicht anders, in Holland auch nicht usw., sollte also die Kirchen- Szene beobachten. Denn für mich ist entscheidend: Mit dem systematisch betriebenen Verschwinden der Gemeinden und Gemeindezentren verschwindet auch soziales, kommunikatives Leben. Dadurch, dass sich der Klerus zum absolut einzigen Maßstab macht, wird sozusagen das Ende einer menschenfreundlichen Kommunikation befördert. Dass Gemeinden schließen und Kirchen abgerissen werden, bestimmt einzig der Klerus. Die Kommunikation in der Gemeinde war ja nicht immer klein kariert, denn sie enthielt die Chance, mit anderen Menschen in aller Vielfalt zusammenzukommen. Homosexuell lebende und liebende Menschen hingegen waren aus diesem „Club“ meist ausgeschlossen, es sei denn, sie verbargen ihre Identität. Aber das ist ein anderes Thema.

Das schmale Buch (ein Pamphlet sagt man in der romanischen Welt) der beiden Autoren ist wichtig, denn es ist förmlich ein letzter Aufschrei doch noch junger Menschen, denen noch etwas an Kirche und Gemeinde liegt; aber sie wollen Kirche nicht in der Form der heute schon wieder üblichen charismatisch fundamentalistischen Engstirnigkeit! Sondern eben als Kirche der Offenheit, des Geistes, der Fragen, der Vernunft. So etwas Grundlegendes darf man doch noch mal fordern, bevor alles Kirchliche hierzulande umkippt in Richtung Sekte. Richtig, kann ich da nur sagen.

Aber mir fehlt doch etwas: Die Überlegung fehlt, inwiefern die 90 %, (man verzeihe diese objektiverende Ausdrucksform!), außerhalb oder halbherzig noch innerhalb der Kirchen, auch ihre eigene, sehr persönliche Spiritualität TATSÄCHLICH bereits haben. Vielleicht hat gerade die Distanz zu den Kirchen sie befreit, um ihren eigenen Mittelpunkt im Leben zu suchen, Gott genannt, um in kleinem Kreis über diese eigene spirituelle Vorliebe zu sprechen: Es kann die Sehnsucht nach Liebe und Partnerschaft sein, die Freude über da Leben, die Kinder, die Sorge um die Natur, der Beistand für die Armen, oder einfach das Eingeständnis: Ich bin so kaputt, von der Arbeit, vom Betrieb, dass ich mich selbst allmählich verliere…

Mit diesen Menschen ins Gespräch zukommen, ist in der alten Kirchenstruktur gar nicht möglich. Dafür braucht man Menschen, die kompetent sind und Zeit haben, beides ist vom kirchlichen Personal, den Priestern etwa, meistens nicht zu erwarten. Dafür braucht man auch neue Räume außerhalb des Kirchengettos. Ich plädiere aus eigener, anders gelagerter Erfahrung für „Salons“, etwa philosophische Salons.

Noch wichtiger ist die Erkenntnis: Die Christen verlassen ihre Kirchen(gemeinden) auch, weil sie mit der Kirchenlehre und Kirchenmoral nicht mehr zurecht kommen, weil sie sich darin nicht mehr selber wieder finden. Das ist die entscheidende Erkenntnis. Niemand sollte in die alte Welt der vielen Dogmen und Glaubensvorschriften und Kirchengebote usw. zurück kehren müssen. Mi anderen Worten: Mir fehlt in dem Buch die elementare, aber selten deutlich ausgesprochene theologische Erkenntnis: Die alten Dogmen auch in dieser nicht mehr nachvollziehbaren Sprache sind nicht mehr Ausdruck unseres Glauben, vor allem unseres Lebens. Zu einer Kirche mit diesen Dogmen wollen und sollen die 90 % doch bitte nicht zurückkehren. Wir brauchen eine Dogmen – Entrümpelung,, ein Beseitelegen der dicken Kirchengesetzbücher, eine Reduzierung der christlichen Moral auf 10 begründete Sätze.

Darüber sollten nicht nur die beiden Autoren ein weiteres Buch schreiben, aber es können diesmal ruhig 150 Seiten mehr sein. Das Thema ist nicht nur spannend, es ist wichtig: Wie elementar einfach und menschlich, lebendig,wandlungsfähig ist der christliche Glaube? Auch in den Kirchen. Leben heißt ja sich wandeln, sich ändern, Neues sehen und sagen. Wer keine alten Dogmen und alten Überzeugungen zurücknehmen kann, ist also mindestens erstarrt. Wer will als lebendiger Mensch in erstarrte Verhältnisse zurück, ohne die geringste (rechtlich garantierte) Chance, diese Erstarrheit aufzubrechen?

Eine Kirche für viele. Statt heiligem Rest. Von Erik Flügge und David Holte. Herder Verlag, 78 Seiten, 2018, 8 Euro.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

Pfingsten: Der Geist ist heilig. Der Leib natürlich auch…

Pfingsten ist leider ein philosophisch und theologisch weithin unbekanntes Fest. Es sollte darum in nachvollziehbaren Worten erklärt werden. Dabei wird an den zwei Pfingstfeiertagen die Erfahrung und die Einsicht gefeiert: Der Geist  (also auch die Vernunft) ist ein göttliches Geschenk. Etwas Heiliges. Und der Geist weiß: Der ganze Mensch, die ganze Person, jeder und jede, ist von sakraler Würde: “Unanstastbar”, sagen die Menschenrechts – Erklärungen. Und: Ostern und Pfingsten gehören inhaltlich zusammen: Weil zu Ostern die Gemeinde nach Jesu Tod entdeckte:  Es gibt das Ewige und über den Tod Bleibende im Menschen. Auch Jesus hatte dieses Ewige, Unzerstörbare, “in sich”, deswegen lebt er auf unbekannte Art weiter. Wie alle anderen Menschen auch wissen können: Auch wir haben wie Jesus das Ewige “in uns”. Diese Erkenntnis wird zu  Pfingsten gefeiert. Und Gemeinde ist jene weite und immer internationale Gruppe, die aus dieser Überzeugung frei leben kann…Und hoffentlich das Feiern nicht verlernt hat…

Ich habe einige Beiträge zu dem zentralen philosophischen und religiösen Fest notiert, klicken Sie hier.

Magnus Hirschfeld: 150. Geburtstag: Homosexualität ist normal.

Am 14. Mai vor 150 Jahren wurde der Sexualwissenschaftler und Gründer eine homosexuellen “Bewegung” Magnus Hirschfeld geboren. Er war ein Aufklärer, ein Wissenschaftler und Arzt, der einen kulturellen “Durchbruch” schaffte, auch wenn es weltweit immer noch sehr viele Staaten gibt, die Homosexuelle ausgrenzen, verfolgen und töten.

Ich möchte aus diesem Anlass, aus dem Gedenken an Magnus Hirschfeld, auf meine Beiträge hinweisen, die hier publiziert wurden zu dem nach wie vor aktuellen Thema: “Der § 175 besteht in der römisch – katholischen Kirche noch immer”.

Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Religionen und Kirchen werden zu Friedensreligionen: Die radikale Reformation

Einige Thesen im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon am 11.5. 2018. Eine not – wendige Utopie.

Von Christian Modehn

Wir können in diesen Zeiten zunehmender Aggressionen, Kriege, ökologischer Verwüstungen, sozialer Ungerechtigkeit weltweit nicht mehr so weiterleben und so weiterdenken wie bisher. Auch die Religionen, auch die Kirchen, müssen sich in dieser Situation inhaltlich verändern: Sie sollten sich zu Friedensreligionen, Friedenskirchen, entwickeln. Das wäre die heute gebotene endlich einmal tief greifend neue Reformation. Denn: Dogmatischer Konfessionalismus und herrschsüchtiger Klerikalismus sind keine Hilfen mehr in dieser bedrohlichen Situation heute. Konfessionalismus, Fundamentalismus und Klerikalismus (Priesterherrschaft) behindern nur die Entwicklung zu einem friedlichen Miteinander.

Schon immer haben Religionen und Kirchen wenigstens ansatzweise versucht, die jeweiligen politischen Verhältnisse zu respektieren, auch für die Formulierung der eigenen Glaubens – Lehren (meist haben sie sich auf die Veränderungen in Staat und Gesellschaft anpasslerisch bezogen, man denke an die Übernahme von Kolonialismus, Rassismus, Sklaverei, Hexenwahn in den Kirchen selbst). Es gab aber auch Versuche, etwa angesichts des Kolonialismus in Latein-Amerika die Menschenwürde aller, auch der „Indianer“, theologisch zu respektieren, siehe Pater Bartholomé de las Casas und andere Ausnahmegestalten… „Die eigentliche Erbsünde der modernen westlichen Welt besteht in der schwer sündhaften Weltordnung, die sich in den Jahrhunderten brutaler kolonialer Expansion seit 1492 konstituierte“, so der katholische Theologe Tissa Balasuriya aus Sri Lanka, in der ökumenischen theologischen Zeitschrift „Concilium“, März 2007, Seite 14. Es gilt heute, diese „Erbsünde“ zu überwinden.

Angesichts der Krise Europas, der Bedrohung der Welt durch aggressive und nationalistische Politiker („America first“ etc.), also durch Politiker, die offenbar niemand mehr bremsen und niemand absetzen kann, angesichts der ökologischen ist es eine Notwendigkeit, dass wenigstens religiöse oder explizit humanistische Menschen zusammen mit ihren Religionen einen radikalen auch dogmatischen Einschnitt wagen, sozusagen als letzte Hilfe, in letzter Minute. Das hat nichts mit Alarmismus oder Pessimismus zu tun, sondern entspringt einer rationalen Einschätzung des Weltzustandes.

In dieser Zeit und sicher in alle weiteren Zeiten kann Religion, kann Humanismus nur noch akzeptabel und glaubwürdig sein, wenn sie sich zu Friedensreligionen, Friedensphilosophien, zum Forum für universale Gerechtigkeit entwickeln. Friedensforschung und Konfliktforschung rücken damit ins Zentrum religiöser Arbeit. Gesprächsforen unterschiedlicher Menschen unterschiedlicher (bisher feindlicher) Ideologien werden genauso wichtig wie die üblichen Gottesdienstes.

Friedensarbeit und Versöhnungsarbeit IST Gottesdienst!

Diese Religionen und Kirchen lösen sich von ihren Bindungen an nationales Denken. Denn nationales Denken führt erwiesenermaßen immer in Kriege und zur Vernichtung der Menschheit.

Damit ist nicht gemeint, dass eine Welteinheitsreligion entstehen sollte. Die Pluralität der Religionen bleibt erhalten, selbstverständlich. Nur wird aller Nachdruck darauf gelegt, das Wesentliche, das Humane, das Frieden Fördernde in den Religionen in den absoluten Mittelpunkt zu stellen. Und das Gemeinsame zu besprechen, zu pflegen, zu feiern.

Religionen sind also nicht mehr zuerst gebunden an ihre kleine und begrenzte Welt der Dogmen und spezifischen eigenen Traditionen.

Die neue Orientierung der Religionen, Kirchen, ist gebunden an die Erklärung der Menschenrechte. Auch wenn diese Erklärung der Menscherechte der UNO aus einem kulturellen (humanistischen, europäischen) Umfeld stammt, gelten die Menschenrechte doch universal. Die begrenzte Herkunft sagt nichts gegen die Universalität der Erkenntnis. So wie der kategorische Imperativ von Kant zwar im beschaulichen Königsberg formuliert wurde: So gilt diese ethische Erkenntnis mit Evidenz doch universal, auch in Peking oder Washington. Die politisch Gefangenen in China wollen selbstverständlich die Geltung der Menschenrechte, auch wenn diese Menschenrechte nicht in China „entdeckt“, d.h. formuliert wurden. Das selbe gilt für die verzweifelten Aktivisten in den USA, die trotz allen offiziellen politischen Wahnsinns dort gegen die Verbreitung der Schusswaffen kämpfen usw. Das gilt die indianischen Völker am Amazonas, die für ihren eigenen Lebensraum und den Schtz der Wälder gegen die Allmacht des weißen rassistischen Imperialismus in Brasilien kämpfen….

Konkret: Wie die Christen die Bibel studieren und darüber debattieren, so sollten gleichwertig und mit höheren Intensität auch die Erklärungen der Menschenrechte (der UNO) gelesen, diskutiert, in gewisser Weise verehrend hoch geschätzt werden: Nicht deswegen, weil es heilige Texte sind, sondern weil darin die Sakralität der Personen, aller Menschen, deutlich wird. Siehe dazu das Interview mit dem protestantischen Theologen Wilhelm Gräb, Berlin.

Denn der gemeinsame Kern aller Religionen, so sagen Religionswissenschaftler, ist etwas Göttliches, Heiliges, Unantastbares, das letztlich den Menschen sagt: Dieses Göttliche, Heilige, Unantastbare, dieses „Nichts“, wie auch immer, will letztlich nur das Gute für die Menschen, auch für dich. Diesen KERN gilt es spirituell zu pflegen und in diesem Geist gilt es miteinander auch politisch – kritisch zu handeln.

Diese Erkenntnisse müssen ausgetauscht werden im Dialog. Auch mit Atheisten. Voraussetzung ist: Keiner der Gesprächspartner aus einer Religion besitzt die einzige und für alle geltende religiöse Wahrheit. Die einzige Wahrheit, die alle verbindet, ist das Bemühen, die Menschenrechte zu erkennen und zu leben. Es gibt also eine höhere allgemeine, vernünftige, philosophische Wahrheit als die Religionen oder Atheismen. Religionen und Konfessionen erkennen an: Aus ihrem je eigenen begrenzten dogmatisch – religiösen Zusammenhang finden sie allein nie den Weg, sich für den partnerschaftlichen Dialog mit anderen Religionen lernbereit zu öffnen. Allein philosophisches Nachdenken IN den Religionen und Konfessionen sprengt die enge Welt der dogmatischen Religionen. Hilft, exklusive religiöse Lehren beiseite zu legen, kriegerische Elemente in der eigenen religiösen Tradition für ungültig zu erklären.

Wer seine Spiritualität als Friedensspiritualität lebt, muss sich ständig bilden. Die Lektüre kritischer Zeitungen ist dann genauso wichtig wie die Lektüre heiliger Texte etc.

Das Eintreten für die Menschenrechte (das sind selbstverständlich auch Rechte der Natur und der Tiere) durch den einzelnen ist natürlich bezogen auf das unmittelbare Umfeld des Alltags. Jeder suche sich einen Bereich, wo er, sie, für die Menschenrechte eintritt: Wohnungsprobleme, Gentrifizierung, gegen den Hass auf Ausländer und Flüchtlinge eintreten…

Philosophisch wäre eine Aufgabe: Für eine neue Akzeptanz des Kompromisses eintreten. Es gilt zu unterscheiden zwischen faulen und richtigen Kompromissen.

Religionen und Kirchen als Friedensreligionen: das verändert das innere Leben der Kirchen selbst: Anstelle der üblichen Gottesdienste mit Liedern und bloß erbaulichen Predigten: Gespräche, Begegnungen, Informationen, des Austausches auch mit Fremden, verbunden mit Momenten der Stille, der Meditation, des Hörens von Musik.

Der einzelne kann dieses Leben nur leben in der Erfahrung und Erkenntnis: In jedem Menschen, auch in mir, lebt etwas Wesentliches, Heiliges, meinetwegen auch „Nichtiges“ (buddhistisch), aber Unzerstörbares, das mich mit einer Dimension von Welt verbindet, die über meinen Alltag hinausreicht. Diese Erfahrung „des geschenkten Unverfügbaren“, „Heiligen“, „Nichts“, wie auch immer in diesen schwachen Worten: Diese reflektierte und ausgesprochene (!) Erkenntnis ist der Mittelpunkt einer spirituellen Energie, die wir alle brauchen. Da bilden sich dann wesentliche, neue Gemeinsamkeiten:

 

Der Theologe Leonardo Boff, Brasilien, zitiert den Yoga-Meister José Hermógenes:

Ich bat Krishna um seinen Segen, und Christus segnete mich.

Ich betete zu Christus, und Buddha war es, der mich erhört hat.

Ich rief Buddha an, und es war Krishna, der mir antwortet“. (zit. in Concilium, Internationale Kathol. Zeitschrift, März 2007, Seite 55)

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin