Theologe Wilhelm Gräb gestorben

Am 25.1.2023 notiert: Eine traurige Nachricht, ein großer Verlust für eine moderne “liberale Theologie”: Prof. Wilhelm Gräb, Prof. em. für praktische Theologie an der Humboldt-Universität Berlin,  ist am 23. Januar 2023 in Berlin nach langer Krankheit gestorben. Der Religionsphilosophische Salon Berlin verdankt ihm viele wichtige Anregungen und dankt nochmals auf diese Weise für insgesamt 65 Beiträge und Interviews, die Wilhelm Gräb in mehr als zehn Jahren für diese website gab. LINK.

Ich darf sagen, wir haben einen Freund verloren, der als ein Theologe der heutigen Moderne ungewöhnliche, aber richtige Perspektiven zeigte in seiner großen Aufgeschlossenheit und Freundlichkeit. Für ihn war die religiöse Glaubensform eines jeden Menschen wichtiger als die fixierenden, dogmatischen Lehren der Kirche. Diese theologische Freiheit, alle dogmatische Engstirnigkeit, allen Fundamentalismus auch in der evangelischen Kirche zu überwinden, “beiseite zu tun”, wie Wilhelm gern sagte, ist in ihrem radikalen Mut schon ziemlich einmalig. Ob diese Vorschläge und Ansätze zu einer Reformationen der Kirchen noch ernstgenommen werden, gerade in dieser “Kirchenkrise” ist eine offene Frage… Über seine Verdienste in der Forschung zu Schleiermacher wird später zu berichten sein.

Fest steht: Wilhelm Gräb war ein Theologe, der über die allmählich verschwindende Macht der Kirchen hinausdachte, damit auch über die so genannte Säkularisierung, und der in der SINN-Frage, die jeden Menschen bewegt, die entscheidende Dimension geistvollen Lebens entdeckte und reflektierte. Letztlich kam es ihm auf die Pflege der SINN-Frage an, was für eine richtige Radikalität.

Die Vorlesung Wilhelm Gräbs beim offiziellen Abschied (Emeritierung) von der Humboldt – Universität hat der Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie Salon als erster publiziert. LINK.

Interessant in dem Zusammenhang das Interview, das uns Wilhelm Gräb 2012 zum Thema TOD und Sterben gab: LINK 

Zur theologischen Besinnung empfehle ich auch unser Interview mit Wilhelm Gräb “Der Gott der Liebe”. LINK:

Siehe auch den Hinweis der Theologischen Fakultät der HU, in englischer Sprache, die schön in einigen Worten auch die menschlichen Qualitäten Wilhelm Gräbs deutlich machen. LINK.

Copyright: Christian Modehn.

Die „Dialektik der Aufklärung“ – ein „Jahrhundertbuch“? Und: Antisemitismus bei Horkheimer und Adorno?

Über das Buch „Freiheit und Finsternis“ von Martin Mittelmeier.
Ein Hinweis von Christian Modehn.

1. Die „Dialektik der Aufklärung“ – ein Torso.
Die Philosophen Max Horkheimer und Theodor W. Adorno hatten als Emigranten in Kalifornien 1942 begonnen, gemeinsam ein Buch zu schreiben, sie nannten es später „Dialektik der Aufklärung“. 1948 wurde es in Deutschland ausgeliefert. Es sei ein „Jahrhundertbuch“, behauptet der Siedler Verlag im Untertitel der Studie „Freiheit und Finsternis“ von Martin Mittelmeier. Dass Mittelmeier selbst in seinem Schlusskapitel die „Dialektik der Aufklärung“ „hermetisch“ nennt, „als nicht leicht zu verstehen“ (S. 218) bewertet und als ein Buch beschreibt, „in dem man sich verirren kann“(S. 270 und 271), ist dann schon etwas irritierend … für ein „Jahrhundertbuch“. Auch „Handlungsimpulse“ für die Protestbewegungen (etwa zum „Mai 68“), wurden mit der Dialektik der Aufklärung, so wörtlich, „nicht geboten“. Die „Dialektik der Aufklärung“ sei ein Torso, so Mittelmeier (S. 264 und 272). Aber dieses „Torso-Buch“ hat doch eine gewisse Bedeutung und Berühmtheit erlangt, zahlreiche Studien von Philosophen zur „Dialektik der Aufklärung“ sind längst erschienen…

2. Eine lockere Abfolge von Biographischem und Philosophischem.
Martin Mittelmeier, Honorarprofessor für deutsche Sprache und Literatur an der Universität von Köln, hat sich die Mühe gemacht, viele Details der Geschichte der Entstehung dieses „Jahrhundertbuches“ „Dialektik der Aufklärung“ mit vielen Quellenangaben gut belegt zusammenzutragen. Sein Buch besteht aus einer eher locker wirkenden Abfolge von philosophisch reflektierenden Erläuterungen zum Inhalt und dann, dazwischen gesetzt, eher nur biographisch erzählende Kapitel. In dieser „Doppelstruktur“ werden dann aber doch für manche sicher erstaunliche Erkenntnisse offen gelegt.

3. “Die Aufklärung fällt in Mythen zurück”.
Tatsache ist, dass die „Dialektik der Aufklärung“ so gesprächsweise in intellektuellen Kreisen viel Beachtung fand, das Buch erreichte hohe Auflagen und erlebte zahlreiche Übersetzungen. Das Buch wird in der philosophischen Fachwelt noch diskutiert, aber wird es von den „weiten Kreisen Interessierter“ auch gelesen und verstanden?
Das ist wohl die Frage, die sich der Autor Martin Mittelmeier stellte. Er erzählt deswegen anschaulich die mühevolle Entstehungsgeschichte der „Dialektik der Aufklärung“, aber er berichtet dies in einer Mischung aus Berichten vom privaten Leben der Philosophen und dann wieder ins Grundsätzliche gehenden Abschnitten der Werk-Interpretation.
Dass die philosophischen Einsichten und politischen Aussichten der „Dialektik der Aufklärung“ sehr düster sind, ist von vornherein klar, sozusagen als der „allgemeine Ruf“, der dieses Buch bewirkt hat. Die philosophische Vernunft wird zunächst als Geschichte der Befreiung von alten Göttern gedeutet, aber dann werden neue Götter wieder mächtig, und die heißen technischer Fortschritt, Konsum, Kultur-Industrie, Wachstumszwang der Ökonomie. Mit anderen Worten: Wer sich von der finsteren Gewalt der alten Götter befreit hat, gerät in neue Finsternis eines neuen Götter-Glaubens. Auswege und Licht kaum sichtbar. Und vor allem: Der Antisemitismus ist für Adorno/Horkheimer in der „aufgeklärten“ Moderne kein Sonderaspekt, sondern eine Art „Grundstruktur“.

4. Theologische Ausrutscher
Seinen Buch – Titel „Freiheit und Finsternis“ erläutert Mittelmeier nicht explizit und ausführlich, diese Wortverbindung Freiheit und Finsternis wird meines Wissens nur einmal erwähnt, nämlich auf Seite 251, wenn Mittelmeier auf den Zusammenhang von Hölle und Himmel im Denken Adornos aufmerksam macht mit der etwas verstörenden Bemerkung: „Dass (für Adorno) Himmel und Hölle identisch sein können, ist eine Konsequenz aus der ungeheuerlichen gedanklichen Konstruktion, dass der Holocaust die letzte notwendige Etappe zur Erlösung ist“ (S. 250). Da spielen theologische Ideen rein, die auf Inspirationen von Walter Benjamin zurückgehen.

5. Antisemitische Äußerungen von Adorno und Horkheimer?
Bevor auf weitere Aspekte des Buches von Martin Mittelmeier hingewiesen wird, soll die Aufmerksamkeit dem Thema Antisemitismus gelten: Denn es könnte für etliche LeserInnen überraschend sein, wenn Mittelmeier schreibt, „Adorno und Horkheimer standen jüdischen Lebenswelten umso reservierter gegenüber, je orthodoxer diese waren“ (S. 232). Mittelmeier spricht sogar von deren „habituellen Antisemitismus“ (S. 31). 1937 schrieb Adorno an seine Eltern, wie sehr ihn das Verhalten von – so wörtlich – „Ostjuden“ auf der gemeinsamen Fahrt auf einem Schiff über den Atlantik störte: Es waren, so wörtlich, „Ostjuden, die mit ihren Kappen auf dem Kopf saßen, religiöses Geheul ausstießen und sich überhaupt benahmen, dass es eine Rassenschande ist“, so zitiert Mittelmeier auf S. 232 Theodor W. Adorno und Mittelmeier kommentiert weiter: „Nach dem Offenbarwerden des Ausmaßes der Judenvernichtung ließ sich Adorno zu solchen Äußerungen nicht mehr hinreißen“ (Ebd.). Selbst Max Horkheimer wurde von Adorno ein Antisemit genannt, so wörtlich, „dessen Antisemitismus hinter dem von Adornos Vater kaum zurücksteht…“ (S. 234).
Mittelmeier beschreibt diese Tendenzen bei Adorno und Horkheimer unter der Kapitelüberschrift „Der Antisemitismus der Antisemitismus-Analytiker“ . Darin wird auch von einem nicht realisierten Projekt der beiden Philosophen in Kalifornien berichtet: Adorno und Horkheimer wollten in den USA für Juden ein Handbuch publizieren, das denen Argumente liefert, gegen antisemitische Beleidigungen vorzugehen. Dabei griffen die beiden durchaus antisemitische Stereotype auf, nannten sie und wollten zeigen, wie Juden selbst auf solchen Wahnsinn oder „anderen“ reagieren sollten. Eher peinlich ist dieses ganze Vorhaben…
Die Frage ist, ob derartige Optionen und Stellungnahmen „Antisemitismus bei (jüdischen) Antisemitismus – Analytikern“ genannt werden sollten, müsste breiter erörtert werden. Aber für viele LeserInnen dürften die gut belegten Hinweise Mittelmeiers neu sein.

6. Zur Geschichte des Buches „Dialektik der Aufklärung“:
Etliche (jüdische) Wissenschaftler des Frankfurter „Instituts für Sozialforschung“ (Leitung: Max Horkheimer) hatten sich seit 1934 zunächst an die Ostküste der USA, dann nach Kalifornien flüchten können, sie lebten dort recht privilegiert, mussten sich allerdings während des Krieges zumal mit den Verdächtigungen des CIA auseinandersetzen. Und sozusagen vorauseilenden Gehorsam in ihren Formulierungen zeigen, um nicht als Kommunisten verfolgt und vertrieben zu werden. Das gute Leben der Flüchtlinge in Kalifornien war durchaus ein Thema mit einigen „Gewissensbissen“ etwa bei Max Horkheimer. Er hatte das Gefühl, gut und in Sicherheit zu leben, während (andere) Juden in den KZs der deutschen Nazis umgebracht wurden… LINK

7. Adorno – der unbeliebte Ehrgeizige.
Der Autor beschreibt viele Details, etwa, dass Theodor W. Adorno keineswegs von den Mitgliedern der kalifornischen „Kolonie der Wissenschaftsflüchtlinge“, also aus dem Institut für Sozialforschung, geschätzt, geschweige denn gemochte wurde. Adorno setzte in totalem Ehrgeiz alles daran, dem großen Chef Horkheimer (Mittelmeier spricht sogar von dessen Dominanz als „Diktatur“ auf S. 163) zu gefallen. Nebenbei: Hannah Arendt, so Mittelmeier, konnte Adorno nicht ausstehen (S. 15).
Horkheimer seinerseits hat schon als junger Mann ein sehr enges Freundschaftsbündnis mit Friedrich Pollock (der Ökonom des Instituts) geschlossen, beide blieben ein Leben lang zusammen (S. 43). Als 30 Jähriger heiratete Horkheimer 1926 die 8 Jahre ältere Sekretärin Rose Riekher aus der Firma seines Vaters.
Und, leider auch dies: Walter Benjamin konnte von Horkheimer und Adorno, trotz aller Zureden, nicht überzeugt werden, rechtzeitig in die USA zu flüchten.
Vom gesellschaftlichen Leben im Umfeld von Los Angeles ist im Buch viel die Rede, von Kontakten etwa mit Thomas Mann. Auch die musikalischen Begabungen und Qualitäten Adornos, in Kalifornien stolz präsentiert, kommen zur Sprache.

8. Zwei Philosophen schreiben ein Buch gemeinsam.
Abgesehen von vielen eher das Private betreffenden Hinweisen (etwa auch zur Rolle der Frauen, die meist nur als Gattinnen und gleichzeitig als Sekretärinnen relevant waren), bietet „Freiheit und Finsternis“, wie schon gesagt, in einzelnen Kapiteln immer wieder einige Erläuterungen zum Inhalt dieses so genannten „Jahrhundertbuches“ „Dialektik der Aufklärung“: Es ist, so der Autor, ein letztlich unvollendetes Opus, aber beachtlich ist: Etliche Kapitel wurden in schwieriger gemeinsamer Arbeit von Horkheimer UND Adorno verfasst, das ist für eine philosophische Studie schon eine Ausnahme: Nur ein Beispiel: Dass etwa Kant und Reinhold oder Kant und Fichte gemeinsam ein Buch hätten schreiben können, ist undenkbar.

9. Ängstlich, diplomatisch, auch revisionistisch?
Erstaunlich, wenn nicht verwirrend ist die Tendenz des vorauseilenden Gehorsams vor allem von Horkheimer, der die deutlich kommunistisch, sozialistisch konnotierten Begriffe aus ihrem Buch zu entfernen, damit eine allzu deutliche sozialistische Tendenz nicht zu persönlichen Irritationen (und Ausgrenzung) in der BRD führe. Die italienische Ausgabe des Buches wurde nach eingehenden Untersuchungen und Vergleichen bewertet: es seien ihr von den Autoren „die Stacheln entledigt worden“ (S. 270). Mittelmeier spricht sogar vom Revisionismus der beiden Autoren (S. 271).
Das so genannte „Jahrhundertbuch“ ist zweifellos in einer Haltung von Angst und Rücksichtnahme auf staatliche „Autoritäten“ in den USA (FBI!) entstanden, aber es ist auch bestimmt von dem Willen der Autoren, unbedingt, selbst mit Revisionen, in der philosophischen Welt wahrgenommen und anerkannt zu werden. Die Studenten des „Mai 68“ haben diese wenig kämpferische „diplomatische“ Haltung nicht sehr geschätzt … und sich eher Herbert Marcuse zugewandt.

Martin Mittelmeier, „Freiheit und Finsternis. Wie die „Dialektik der Aufklärung“ zum Jahrhundertbuch wurde“. Siedler Verlag, 2021, 320 Seiten, 24€.

Copyright: Christian Modehn, www.religionsphilosophischer-salon.de

Der Teufel hat keine Zeit. Ein neues Buch von Daniel Strassberg.

Eine kleine Hinführung ins philosophisch-politische Denken.
Ein Hinweis von Christian Modehn.

1.
Wieder einmal eine Möglichkeit, ins philosophische Denken zu kommen, bietet das neue Buch von Daniel Strassberg (Zürich). Er arbeitet als Psychoanalytiker und als Philosoph, eine nicht gerade häufige Kombination. 2022 hat er seine „philosophisch-politische Betrachtungen“ unter dem Titel veröffentlicht „Der Teufel hat keine Zeit“ (Rotpunktverlag, Zürich.) Zeit sollten sich allerdings die LeserInnen nehmen während der Lektüre, die anspruchsvoll, aber nicht schwierig ist und ins weitere Fragen führt. Und Fragen verunsichern, das ist auch der Hintergrund des Buches. Es verlangt Denkpausen, Unterbrechungen, anders geht es nicht im Philosophieren.
Der Titel „Der Teufel hat keine Zeit“ wird, soweit ich sehe, im Buch nicht weiter erklärt. Er soll vielleicht bedeuten: Der Teufel hat keine Zeit. Du als Mensch bist kein Teufel (normalerweise), also hast du Zeit und nimm dir Zeit zum Lesen (dieses Buches). Eine hübsche Werbung?

2.
Der Autor hat 41 „Betrachtungen“, kurze Essays, „Denk-Impulse“, veröffentlicht, die zuvor schon (von 2019 bis 2022) im Online-Magazin REPUBLIK.ch veröffentlicht wurden. In 6 Kapiteln werden diese philosophischen „Betrachtungen“ sortiert: Etwa: „Identität und Politik“, „Über die Liebe und andere Schwächen“, „Sprache und Wirklichkeit“… „Das Buch versucht die Bruchlinien zwischen dem Einzelnen und der Gesellschaft bewusst hervorzuheben, um so das komplexe Wechselspiel von gesellschaftlichem Wandel und veränderten Formen der Subjektivität auszuloten“, schreibt Strassberg (S. 14).

3.
41 philosophisch-politische Essays, leider (zu) eng/klein gedruckt auf 240 Seiten, kann man nicht umfassend rezensieren, es sei denn, es sollte ein neues Opus entstehen.
Was macht dieses Buch im ganzen zu einem „Einstieg“ ins philosophische Denken inmitten der Fragen und Herausforderungen der Gegenwart? Strassberg analysiert z.B alltägliches menschliches Verhalten („Ausreden“, „Sex“, Rechthaben“, „Scham“, „Nähe“ usw.).
In der philosophischen Reflexion auf den Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine unterstreicht Strassberg die Bedeutung der Ideologie in diesem (und wohl in jedem) Krieg. Putin und die ihm ergebene russisch-orthodoxe Kirche verbreiten eine Ideologie unter den Russen: Der Krieg wird so in eine verfälschend gefärbte Groß-Erzählung künstlich eingebunden, in der dann der Krieg „nicht mehr völlig absurd erscheint“ (S. 27). Und die meisten, gläubig und dumm gehalten seit Jahrhunderten, akzeptieren das. Noch lange? Gibt es ein Ende der ideologischen Verblödung?

4.
Ein anderes Beispiel: Ohne Ausreden kann eigentlich kein Mensch in der Gesellschaft, im Staat, in der Familie etc. leben und bestehen, der Autor zeigt: „Wir sind allzeit dazu aufgerufen, schonungslos ehrlich zu uns selbst zu sein. Doch ein Leben ohne ein gerütteltes Maß und Selbstbetrug ist unerträglich. Ausreden ermöglichen es, Widersprüche zu leben, ohne dauernd über sie nachdenken zu müssen…“ (S. 41).
Ich habe weiter nachgedacht, was denn der Unterschied zwischen Ausrede und Lüge ist, und wie sehr so viele unserer demokratischen Politiker und internationalen Finanzjongleure und Bischöfe nicht längst die Praxis der Ausreden meisterlich beherrschen.
Treffend auch Strassbergs Analyse, wie „unsere schöne grenzenlose Welt“ dazu führt, dass wir keine räumliche Nähe mehr hochschätzen können und möchten. „Der physische Ort, an dem Menschen zusammenwohnen, begründet kaum noch gemeinsame Interessen“ (S. 167). Anregend auch die Reflexionen zum Thema Bürokratie, „die“ – aufgrund der Computer gesteuerten Fragen und Formulare CM. – „im besten Fall zur Anpassung, im schlimmsten zur Lüge und zum Betrug zwingt, also genau zu dem, was sie verhindern vorgibt“(S. 152).
Weitere „Kost/d.h. Denk-Proben“ zum Weiterdenken und Kritisieren natürlich ließen sich zu jeder „Betrachtung“ liefern.

5.
Fraglich bleiben für mich einige wie immer recht knapp mitgeteilte Denkresultate Strassbergs, etwa unter dem Titel „Das Unnütze“ (S. 140 ff.) Da wird über Adam Smith in einem überraschend wohlwollenden Ton gesprochen, als wäre er der Gründervater einer Theorie der Schönheit und Kultur. „Wir essen nicht, weil wir Hunger haben, sondern weil wir den raffinierten ästhetischen Genuss suchen – auch wenn er ungesund ist“, schreibt Strassberg (S. 139). Ob sich dieser Meinung einiger Leute in Zürich, Paris, New York, Berlin auch die Millionen Hungernden von Südsudan und Madagascar und so weiter anschließen, ist eher ausgeschlossen. Die vom Autor sehr verständnisvoll beschriebene Produktion der Luxus-Güter für die Luxuriösen, Millionäre etc., verdient wirklich weitere kritische Reflexionen. Ich habe sehr große Schwierigkeiten dem Schlusssatz dieses Kapitels auch nur annähernd zuzustimmen: „Unsere überaus effiziente Gesellschaft ruht auf dem verdrängten Fundament des Unnützen“ (S. 140).
Strassberg nennt seine sehr diskutable Überzeugung: „Nicht nützliche, sondern schöne und überflüssige Dinge sind das Schmiermittel jeder Ökonomie“ (ebd.) Da wird offenbar die übliche Kulturproduktion des Schönen für die Schönen (Oper, Ballett, Malerei etc.) mit der Produktion teuerster Mode und Cognacs etc. verwechselt. Wird durch die Produktion von Luxus-Mode und Luxus-Cognacs die Arbeitslosigkeit in Frankreich etwa erheblich reduziert? Eher nein, die Produktionen der genannten Güter sind also kein „Schmiermittel der Ökonomie“!

6.
Ein anderes Beispiel: In dem Beitrag „Warum Entscheidungen nie vernünftig sind“ (S. 120ff). Auf S. 124 heißt es: „Das vernünftige Abwägen von Argumenten, der herrschaftsfreie Dialog, der friedliche Wettstreit der Meinungen und Überzeugungen sind Fiktionen.“ Schon wieder gilt hier der vom Autor zweifellos gewünschte Widerspruch, wie sollte es denn auch anders sein in der Philosophie! Meine Frage also: Sind dann etwa auch die hier vorliegenden „Betrachtungen“ von Daniel Strassberg, die ja argumentieren und Überzeugungen bieten, auch Fiktionen? Ich hoffe nicht, und hoffe insgesamt nicht, dass Argumente und damit die ganze Philosophie ins Fiktive abgleiten. Fiktiv sind viele Romane. Philosophie ist eine Kunst, aber eine Lebenskunst mit geltenden Argumenten. Ist etwa die argumentierende Erklärung der universal geltenden Menschenrechte fiktiv? Viele Politiker betrachten die Menschenrechte als Fiktionen, faktisch. Normativ gesehen sind die Menschenrechte absolut keine Fiktion!

Daniel Strassberg, „Der Teufel hat keine Zeit. Philosophisch-politische Betrachtungen“. Rotpunktverlag. Zürich, 2022, 256 Seiten, 25 Euro.

Copyright: Christian Modehn, www.religionsphilosophischer-salon.de

Benedikt XVI. und Leonardo Boff: “Ein Papst der vergangenen europäischen Christenheit, 
mit ihrem Pomp und ihrem politisch-religiösen Machtanspruch”. Ein Beitrag von Leonardo Boff.

Von Leonardo Boff, Brasilien. Am 5. Januar 2023.

Ein neuer Text, von Norbert Arntz, Kleve, übersetzt.

(Zur Erinnerung: Der Brasilianer Leonardo Boff (Geb. 1938) ist einer der wegweisenden, international hoch geschätzten katholischen Befreiungstheologen, er wurde von Kardinal Ratzinger als Chef der vatikanischen Glaubensbehörde zuerst 1985, dann 1991 von Kardinal Ratinger ausgegrenzt und mit Rede -und Schreibverbot bestraft. Ins Abseits des Vergessens konnten ihn Ratzinger und auch Papst Joahnnes Paul II. nicht drängen, im Gegenteil: Als offiziell von Rom Diskriminierter, als Ketzer, entfaltet er eine große kreative Theologie und Religionsphilosopie. Christian Modehn.)

“Jedes Mal, wenn ein Papst stirbt, ist die gesamte weltweite kirchliche Gemeinschaft und die Weltgemeinschaft bewegt, weil sie in ihm den sieht, der im christlichen Glauben bestärkt und die Einheit zwischen den verschiedenen Ortskirchen gewährleistet. Das Leben und die Taten eines Papstes können auf vielfältige Weise interpretiert werden. Ich werde eine Interpretation aus Brasilien (Lateinamerika) anbieten, die wahrscheinlich unvollständig ist.

Es ist wichtig zu wissen, dass nur 23,18 % der Katholiken in Europa und 62 % in Lateinamerika leben, die übrigen in Afrika und Asien. Die katholische Kirche ist eine Kirche der zweiten und dritten Welt. Künftige Päpste werden wahrscheinlich aus diesen Kirchen kommen, voller Vitalität und mit neuen Möglichkeiten, die christliche Botschaft in nicht-westlichen Kulturen zu verkörpern.
Wenn man sich auf Benedikt XVI. bezieht, muss man zwischen dem Theologen Joseph Ratzinger und dem Papst Benedikt XVI. unterscheiden.

Der Theologe Joseph Alois Ratzinger war ein typischer mitteleuropäischer Intellektueller und Theologe, brillant und gelehrt. Er war kein kreativer Geist, konnte aber hervorragend die offizielle Theologie erklären. Das wurde besonders in den verschiedenen öffentlichen Dialogen deutlich, die er mit Atheisten und Agnostikern führte.
Er entwickelte keine neuen Gesichtspunkte, sondern vermittelte die traditionellen Ansichten in einer anderen Sprache, die sich vor allem auf den heiligen Augustinus und den heiligen Bonaventura stützte. Ein wenig neu war vielleicht seine Vorstellung von der Kirche als einer kleinen, sehr treuen, heiligmäßigen Gruppe, die das Ganze „repräsentiert“. Für ihn war die Zahl der Gläubigen nicht entscheidend. Die kleine, zutiefst spirituelle Gruppe, die stellvertretend für alle da ist, genügte. Das führte dazu, dass sich in dieser Gruppe von Reinen und Heiligen auch Pädophile und in Finanzskandale verwickelte Personen befanden. Damit zerschlug sich seine Repräsentationsidee.

Benedikt XVI. träumte von einer Re-Christianisierung Europas unter der Führung der katholischen Kirche. Dieser Traum aber galt als unrealistisch, weil das heutige Europa mit seinen verschiedenen Revolutionen und der Einführung demokratischer Werte nicht mehr der Vorstellung des Mittelalters mit seiner Synthese von Glaube und Vernunft entspricht. Sein Ideal fand keine Resonanz, weil es seltsam aus der Zeit gefallen schien.

Eine andere eigenartige Position, die zum Gegenstand endloser Polemik mit mir wurde und breite Resonanz in der Kirche hervorrief, war die Behauptung, dass die „allein die katholische Kirche die Kirche Christi“ sei. Die Debatten während des Konzils und der ökumenische Geist hatten das Wort “ist” durch das Wort “besteht in” verändert. Damit wurde der Weg frei für die Vorstellung, dass die Kirche Christi auch in anderen Kirchen „bestehen“ konnte. Ratzinger dagegen behauptete stets, das „besteht in“ sei nur ein Synonym für das „ist“. Das wurde jedoch durch eine detaillierte Erforschung der theologischen Akten des Konzils nicht bestätigt. Aber er bestand weiterhin auf seiner These. Ferner behauptete er, dass die anderen Kirchen keine Kirchen seien, sondern nur über kirchliche Elemente verfügten.
Er ging sogar so weit, mehrfach zu behaupten, man habe meine Position unter den Theologen als Gemeingut verbreitet, so dass sich der Papst zu weiterer Kritik an mir veranlasst sah. Allerdings geriet er zunehmend in die Isolation, denn er hatte die anderen christlichen Kirchen wie die Lutheraner, Baptisten, Presbyterianer und weitere schwer enttäuscht dadurch, dass er die Türen zum ökumenischen Dialog verschloss.

Er verstand die Kirche als eine Art Festung gegen die Irrtümer der Moderne und machte den rechten Glauben zum entscheidenden Bezugspunkt, der stets an die Wahrheit gebunden sei (sein tonus firmus). Obwohl man ihn persönlich als nüchtern und höflich charakterisieren kann, war er als Präfekt der Glaubenskongregation äußerst hart und unnachgiebig. Etwa hundert Theologinnen und Theologen, darunter einige der bedeutendsten, wurden entweder verurteilt und verloren ihren Lehrstuhl, oder ihnen wurde verboten, Theologie zu lehren bzw. theologische Texte zu veröffentlichen, bzw. ihnen wurde, wie in meinem Fall, „ein Schweigegebot“ auferlegt. Dazu gehören in Europa bekannte Namen wie Hans Küng, Edward Schillebeeckx, Jacques Dupuis, Bernhard Häring, José Maria Castillo und andere. In Lateinamerika sind es der Begründer der Befreiungstheologie, der Peruaner Gustavo Gutiérrez, der spanisch-lateinamerikanische Theologe Jon Sobrino, die Theologin Ivone Gebara, die man mit Zensur belegte, sowie der Autor dieser Zeilen. In den Vereinigten Staaten gab es weitere, wie Charles Curran und Roger Haight. Sogar die Bücher des verstorbenen indischen Theologen Pater Anthony de Mello wurden verboten, ebenso wie die von Tissa Balasurya aus Sri Lanka, der exkommuniziert wurde.
Wir Theologinnen und Theologen Lateinamerikas haben nie ganz verstanden, warum er die auf 53 Bände angelegte Sammlung „Theologie und Befreiung“ verbot. Dutzende Theologen waren daran beteiligt (etwa 26 Bände wurden veröffentlicht). Das Ziel dieser Text-Sammlung war es, Seminare, kirchliche Basisgemeinschaften und christliche Gruppen, die sich für die Menschenrechte einsetzen, zu unterstützen. Zum ersten Mal hatte man hier außerhalb Europas ein großes theologisches Werk zustande gebracht, das weltweite Resonanz fand. Doch das Projekt wurde sehr bald abgebrochen. Der Theologe Joseph Ratzinger erwies sich als Feind der Freunde der Armen. Das wird in die Theologiegeschichte eingehen.
Viele Theologinnen und Theologen behaupten, er sei vom Marxismus besessen gewesen, obwohl dieser in der Sowjetunion gescheitert war. Er veröffentlichte ein Dokument über die Befreiungstheologie, Libertatis nuntius (1984), voller Warnungen, aber ohne ausdrückliche Verurteilung. Ein späteres Dokument, Libertatis conscientia (1986), hebt zwar mehr die positiven Elemente hervor, allerdings mit erheblichen Einschränkungen.

Wir können sagen, dass er den Markenkern dieser Theologie nie verstanden hat: die „Option für die Armen gegen ihre Armut und für ihre Befreiung“. Sie machte die Armen zu Protagonisten ihrer Befreiung statt zu bloßen Empfängern von Wohltätigkeit und Paternalismus. Das eben war die Auffassung der Tradition und die von Papst Benedikt XVI. Er hatte den Verdacht, dass sich in diesem Protagonismus der historischen Macht der Armen der Marxismus verbarg.
Als Papst leitete Benedikt XVI. die „Rückkehr zur strengen Disziplin“ ein, mit einer eindeutig restaurativen und konservativen Tendenz, bis hin zur Wiedereinführung der Messe in Latein und mit dem Rücken zum Volk. In der Kirche selbst sorgte er für allgemeines Erstaunen, als er im Jahr 2000 das Dokument „Dominus Iesus“ veröffentlichte. Darin bekräftigte er die alte, mittelalterliche, vom Zweiten Vatikanischen Konzil beendete Lehre, dass es „Außerhalb der katholischen Kirche kein Heil“ gebe. Nichtchristen waren in großer Gefahr. Erneut verweigerte er den anderen Kirchen die Bezeichnung „Kirche“, sie seien nur kirchliche Gemeinschaften. Das rief allgemein Irritationen hervor. Bei all seiner Scharfsinnigkeit polemisierte er mit Muslimen, Evangelikalen, Frauen und der fundamentalistischen Gruppe, die gegen das Zweite Vatikanum war.

Seine Art, die Kirche zu führen, hatte nicht das Charisma, das Papst Johannes Paul II. so stark auszeichnete. Er war mehr von Rechtgläubigkeit und wachsamem Eifer für die Glaubenswahrheiten geprägt als von Weltoffenheit und Zärtlichkeit für die einfachen Christen, wie es Papst Franziskus deutlich zeigt.
Er war ein echter Repräsentant der alten europäischen Christenheit mit ihrem Prunk und ihrer politisch-religiösen Macht. Aus der Perspektive der neuen Phase der Planetarisierung hat sich die auf so vielen Gebieten reiche europäische Kultur in sich selbst verschlossen. Nur selten hat sie sich als offen gegenüber anderen Kulturen erwiesen wie z.B. für die alten Kulturen Lateinamerikas, Afrikas und Asiens. Das wurde im Prozess der Evangelisierung bewiesen, den man als Okzidentalisierung des Glaubens betrieb. Man hat sich nie von einer gewissen Arroganz befreit, der Beste zu sein, und mit diesem Anspruch die ganze Welt kolonisiert. Diese Tendenz ist immer noch nicht ganz überwunden.
Trotz aller Begrenzungen wird er aufgrund seiner persönlichen Tugenden und seiner Demut, mit der er auf das Papstamt verzichtet hat, als er die Grenze seiner Kräfte verspürte, gewiss zu den Seliggepriesenen zu zählen sein.”

Quelle: https://leonardoboff.org/2023/01/05/benedicto-xvi-un-papa-de-la-vieja-cristiandad/
Übersetzung aus dem Spanischen: Norbert Arntz, Kleve

Kritische Stimmen zu Benedikt XVI./Ratzinger: Wird er von allen nur noch gelobt und gepriesen? Gibt es noch vernünftige Kritik?

Hinweise von Christian Modehn, begonnen am 4.1.2022.

Das Motto: “Ratzinger hätte besser nicht Papst werden sollen”, sagt der Jesuit und Vatikan/Papst Kenner Pater von Gemmingen.

Hier werden einige wichtige Texte publiziert,  von Theologen geschrieben anläßlich des Todes von Papst Benedikt XVI.

Erstens: Zur Einstimmung:

Alle oder fast alle so genannten Prominenten, Kardinäle, Bischöfe und andere KLeriker loben und preisen jetzt Benedikt XVI./Joseph Ratzinger. Der Klerus ist bekanntlich zur totalen Konformatität erzogen und verpflichtet, man betrachte nur, wie alle diese Herren bei ihren Messfeiern, etwa am 5.1.2023 auf dem Petersplatz, dieselben Gewänder tragen: Alle sind gleich, alle sind eins in ihrer Konformität.

Eine brausende Symphonie der Lobeshymnen auf Benedikt/Ratzinger wird angestimmt, auch von Leuten, führenden Leuten, wie Politikern, die wahrscheinlich keine einzige Zeile dieses angeblichen “Mozart der Theologie” gelesen haben.

Fast alle übertreiben es in ihrer blinden, aber diplomatisch vielleicht klugen Treue zu dem alten, aber in dieser Allgemeinheit dummen Spruch: “Über Tote soll nur Gutes gesagt werden”.

Nein!  Wenn Leute (auch Päpste) viel Unsinn gemacht haben, den sie bei ihrer Bildung nicht hätten machen dürfen, dann gilt ihnen die Kritik. Selbstverständlich auch Benedikt XVI./Ratzinger. Sollen wir etwa Papst Alexander VI. oder Leo X. oder Gregor XVI. usw. nicht kritisieren?

Wir sind seit dem 31.12.2022 auf der Suche nach kritischen Stimmen zu dem nun schon jetzt fast heilig gesprochenen Benedikt XVI. bzw. dem, wie er von sich sagte, bayerischen Voralpenländler und vor allem langjährigem Büro-Leiter der Obersten Glaubensbehörde im Vatikan Joseph Ratzinger. Wir sind gespannt, ob sich einige wenige kritische Stimmen sammeln lassen.

Und man wird sich auch endlich fragen müssen: Was hat Benedikt XVI/Ratzinger eigentlich “empirisch,  nachweislich” für den Weltfrieden getan? Waren es nur kluge Worte, etwa im Dialog mit Habermas? Was hat er als oberster Chef dieser weltweiten Organisation “katholische Kirche” wirklich für die Gerechtigkeit in der Welt getan? Man wird prüfen, vielleicht war seine Leistung außer großen Worten nicht so nennenswert, Ratunger, ein Mann der Worte also und als Papst Liebhaber der alten klerikalen, päpstlichen Klamotten…

Zweitens: Der Jesuitenpater Eberhard von Gemmingen.

Wir finden es erstaunlich und anerkenntswert, dass der deutsche Jesuitenpater Eberhard von Gemmingen (Jahrgang 1936), von 1982 – 2009 Leiter des Deutsch-sprachigen Programms von RADIO VATICAN, den Mut hat, öffentlich zwar vorsichtig kritische Hinweise zu Papst Benedikt zu äußern. Und zwar auf der offiziellen website des Jesuitenordens in Deutschland. Pater von Gemmingen kennt wie kaum ein anderer auch die Verhältnisse am päpstlichen Hof, der Kurie.

Bevor dieser Beitrag vielleicht auf gewissen “Druck” hin verschwindet, bieten wir einen Link und erlauben uns, den entscheidenden Teil der Ausführungen Pater von Gemmingens SJ zu zitieren.

Ob Erzbischof Gänswein, der sich als enger Freund und Sekretär Ratzingers die Interpretationshoheit über Ratzinger aneignen wird, mit Pater Gemmingens Ausführungen einverstanden ist? Sicher nicht. Gänswein wird demnächst ein Buch “authentischer Erinnerungen” veröffentlichen und gegen Papst Franziskus polemisieren…. Vielleicht wird der Jesuit Pater von Gemmingen als “Nestbeschmutzer” eingestuft, die übliche Masche von Herrschaften, auch im Vatikan, mit Kritik “fertig zu werden”. Der Text Pater von Gemmingens, Link.

Der  behutsam kritische Teil der Ausführungen Pater von Gemmingens, also eines Zeitzeugen, der viele Jahre im Vatikan lebte und auch Ratzinger/Benedikt direkt erlebte. Ein historisches Dokument also:

“Zunächst möchte ich die Grenzen Benedikts benennen:
Er hätte besser nicht Papst werden sollen, denn als Papst musste er eben „führen“, gegen Widerstände ankämpfen, Personal- und Sachentscheidungen treffen. Und hier tat er sich sehr schwer. Er litt mehr als sein Vorgänger unter Entscheidungen, die er fällen musste, und hing wohl auch ab von weniger kompetenten Beratern. Hier zeigte sich auch seine Ängstlichkeit. Er hatte Angst, etwas falsch zu machen. Schon das Bischofsamt war eigentlich nicht seine Sache. Er wollte sicher nicht Papst werden und wusste auch, dass dies nicht seinen Fähigkeiten entsprach.
Seine nicht sehr ausgeprägte Menschenkenntnis zeigte sich auch in unguten Personalentscheidungen. Er ernannte Personen für Ämter aufgrund des Vertrauens in sie und nicht auf Grund von deren Qualifizierungen.
Er schrieb seine großen Reden selbst und ließ sie vermutlich nicht von Fachleuten gegenlesen. Kritische Gegenleser hätten ihn auf Passagen hingewiesen, die später von den Medien zerpflückt wurden und zu groben Fehlinterpretationen führten. Er dachte „geradeaus“ und kam nicht auf die Idee, dass man gewisse seiner Aussagen auch in gegensätzlichem Sinne verstehen konnte. Beispiele: Er sprach von notwendiger „Entweltlichung der Kirche“ ohne es genauer zu erklären. Es entstanden wilde Spekulationen über seine Gedanken. Er zitierte Kritik an Mohammed aus dem Munde eines byzantinischen Kaisers. Viele Muslime verstanden es als seine persönliche Kritik an Mohammed, was eine Falschinterpretation seiner Aussage war. Hätten kritische Gegenleser seine Rede vorher gelesen, hätten sie vermutlich auf die wahrscheinliche Falschinterpretation hingewiesen. Die Schwäche von Papst Benedikt in der Rolle als Papst bestand also m.E. darin, dass er wie in einer Vorlesung vom verständnisvollen Mitdenken der Studenten ausging und auf deren kritische Fragen eingehen konnte.
Sein scharfes Urteil in Sachfragen wurde interpretiert als Härte gegen Menschen.”

Die weiteren Ausführungen Pater von Gemmingens sind diskutabel: Denn es ist sehr die Frage: Ob die Vernunft, von der Ratzinger sprach, nicht eher die mittelalterliche “katholische Vernunft” innerhalb der katholischer Theologie ist, eine Vernunft also, die nicht dem Niveau der Vernuftdebatte der Moderne und des 20. Jahrhundert entspricht. Und mit dieser mittelalterlich – klerikalen Vernunft wird man heute nur einige Eingeweihte, Kleriker, erreichen.

 

DRITTENS:  LEONARDO BOFF, weltweit bekannter brasilianischer Befreiungstheologe, zum Tod Benedikt XVI.: LINK

Den Text übersetzte Norbert Arntz, bester Kenner der Befreiungstheologie und Buchautor: “Der Katakombenpakt”, Topos Taschenbücher 2015 und Autor vieler Zeitschriftenbeiträge, siehe etwa: “Stimmen der Zeit” 2015: LINK

 

VIERTENS: URS EIGENMANN, katholischer Theologe in der Schweiz, Lateinamerika-Spezialist und Buchautor, u.a. zu Dom Helder Camara, LINK

 

FÜNFTENS: Der Jesuitenpater THOMAS REESE,  USA, Theologe und Journalist, LINK. Reeses Erinnerungen an Ratzinger hier in voller Länge dokumentiert, die Übersetzung besorgte wieder Norbert Arntz, Kleve.

Thomas Reese SJ:
Meine Begegnungen mit Kardinal Ratzinger und Benedikt XVI.
Quelle: https://www.ihu.unisinos.br/categorias/625170-meus-encontros-com-joseph-ratzinger-e-o-papa-
Bento-xvi)

Ich lernte Joseph Ratzinger im Juni 1994 kennen, als er Kardinalpräfekt der Kongregation für die
Glaubenslehre war. Nein, ich wurde nicht vom Großinquisitor verhört. Das war lange, bevor ich als
Chefredakteur der Zeitschrift America Ärger mit dem Vatikan bekam. Ich war in Rom, um ihn und
andere Kirchenvertreter für mein Buch Inside the Vatican: The Politics and Organization of the
Catholic Church zu interviewen.
Fast hätte ich das Interview verpasst. Kardinal Ratzinger war am Tag unseres Treffens krank. Als ich
ankam, wurde ich gefragt, ob ich mit dem Sekretär der Kongregation sprechen wolle. Ich stimmte zu,
weil ich dachte, das sei besser als nichts. Als ich zu ihm geführt wurde, hatte ich noch kein Wort
gesagt, Da überfiel mich der Sekretär, Bischof Alberto Bovone, mit Fragen wie: “Wer sind Sie?” “Was
machen Sie hier?” “Ich werde entscheiden, ob Sie Kardinal Ratzinger sehen können.”
“Aber der Kardinal hat bereits zugestimmt, mich zu empfangen”, stammelte ich. Das bedeutete ihm
nichts; er verlangte eine Liste von Fragen, die ich stellen würde. Er beauftragte dann einen jungen
Dominikaner, mich zu befragen.
Dass Jesuiten von Dominikanern, die für die Inquisition arbeiten, verhört werden, hat eine lange und
unglückliche Geschichte. Andererseits kamen uns auch die Dominikaner zu Hilfe. Als Lorenzo Ricci,
der Generalobere der Jesuiten, 1775 nach seiner Verhaftung durch den Papst in der Engelsburg in
Rom starb, war der Generalobere der Dominikaner der einzige, der bereit war, seiner Beerdigung
vorzustehen. Diese Tradition hat sich bis heute gehalten.
Auf jeden Fall wurde ich dem Dominikaner übergeben, der bereits auf meiner Seite zu sein schien.
Während meines Verhörs durch Bovone schnitt er Grimassen und rollte hinter seinem Schreibtisch
mit den Augen. Anstatt mich zu verhören, riet er mir, was ich tun sollte. “Schreiben Sie einen Brief an
den Kardinal. Erklären Sie, dass Sie Ende der Woche abreisen und ihn gerne für 15 Minuten treffen
würden.“
Sobald ich wieder in meinem Zimmer war, schrieb ich den Brief, faxte ihn an die Kongregation und
vereinbarte einen neuen Termin. Ratzinger willigte ein, mich am Nachmittag zu treffen, wenn die
Büros des Vatikans normalerweise geschlossen sind. Das Gespräch dauerte über eine Stunde.
Ich habe viel über Ratzinger gelernt, bevor das Interview überhaupt begonnen hatte. Er war
freundlich und bereit, alles zu tun, um einem jungen Schüler zu helfen, auch wenn es ihm nicht gut
ging.
Andererseits zeigt die Tatsache, dass Ratzinger einen Tyrannen zu seiner Nummer 2 gemacht hat,
entweder seine Blindheit oder eine ungesunde Abhängigkeit von Leuten, die zwar loyal, aber für ihre
Aufgaben nicht geeignet schienen. Weder als Präfekt noch als Papst war er gut darin, seine
Untergebenen auszuwählen.
Als wir uns für das Interview zusammensetzten, fragte Ratzinger, ob ich es auf Deutsch oder
Italienisch führen wolle. Mit Panik in der Stimme sagte ich: “Englisch wäre viel besser”. Er stimmte zu
und sagte: “Mein Englisch ist sehr begrenzt”. Eigentlich war es ausgezeichnet. Nur einmal während
des Gesprächs hatte er Schwierigkeiten, ein Wort auszusprechen.
Er erzählte mir, dass er anfangs unschlüssig war, ob er das Amt des Kongregationspräsidenten
annehmen sollte. Papst Johannes Paul II. musste ihn dreimal fragen, bevor er Ja sagte.

“Gebt mir Zeit, Heiliger Vater”, sagte er zu Johannes Paul. “Ich bin ein Diözesanbischof, ich muss in
meiner Diözese sein”. Schließlich willigte er 1982 ein, nach Rom zu kommen.
In unserem Gespräch sprach er davon, den Dialog zwischen zwischen Theologen und seinem
Dikasterium zu intensivieren, aber die Theologen, die ihre Stelle verloren oder von ihm zum
Schweigen gebracht wurden, haben davon nichts erfahren. Er war verärgert über die offensive
Sprache der Angriffe auf sein Dikasterium, auch wenn er über die Situation lachen konnte.
(Daran hätte ich mich Jahre später erinnern sollen, bevor ich in einem Leitartikel in Amerika
dummerweise auf die “inquisitorischen” Verfahren seiner Kongregation hinwies).
Das Auffälligste an dem Interview war sein Eingeständnis: “Ich habe kein Charisma, um mit
strukturellen Problemen umzugehen.”
Mit anderen Worten: Ratzinger war im Grunde ein Gelehrter, kein Manager, aber er würde das
Oberhaupt einer Milliardenorganisation mit einer hierarchischen Struktur und einer komplexen
Bürokratie in Rom werden.
1998, nach der Veröffentlichung meines Buches, wurde ich Chefredakteur von „America“, einer
Zeitschrift, die 1909 erstmals von den Jesuiten herausgegeben wurde. Mein Ziel war es, daraus “eine
Zeitschrift für denkende Katholiken und für diejenigen, die wissen wollen, was Katholiken denken” zu
machen.
Obwohl ich in den Leitartikeln fast immer darauf achtete, die Linie des Vatikans beizubehalten,
dachte ich, dass ich im Meinungsteil des Magazins alternative Ansichten veröffentlichen könnte,
wenn ich darauf bestehen würde, dass diese Artikel nicht unbedingt die Ansichten des Magazins
wiedergeben. Schließlich waren wir ein Meinungsmagazin.
Während meiner siebenjährigen Tätigkeit als Redakteur hat die Glaubenskongregation wichtige
Dokumente veröffentlicht, zu denen ich von einschlägigen Wissenschaftlern Kommentare erbat. In
der Regel lobten sie die Teile, die ihnen gefielen, und kritisierten die Teile, die ihnen nicht gefielen.
Ich war immer gerne bereit, kritische Reaktionen auf diese Artikel zu veröffentlichen.
Ich veröffentlichte auch Artikel von vielen Bischöfen und Kardinälen, darunter der damalige
Erzbischof Raymond Burke, den ich einlud zu erklären, warum die Kirche katholischen Politikern, die
für die Abtreibung sind, die Kommunion verweigern sollte. Ich habe den Chicagoer Kardinal Francis
George, einen prominenten Konservativen, ein halbes Dutzend Mal gebeten, etwas für uns zu
schreiben, aber er hat immer abgelehnt.
Ein Höhepunkt der Zeitschrift als Dialogforum war ein Artikel von Kardinal Walter Kasper, dem Leiter
der Ökumeneabteilung des Vatikans, der die Ekklesiologie von Kardinal Ratzinger kritisierte. Als der
Artikel in Druck ging, schickte ich eine Kopie an Ratzinger und bat ihn um eine Stellungnahme.
Zunächst lehnte er ab, doch dann änderte er seine Meinung und schickte eine Antwort auf Deutsch,
die wir übersetzt und veröffentlicht haben.
Wir waren hocherfreut, dass zwei prominente Kardinäle auf den Seiten von „America“ über ein
wichtiges Thema debattierten, aber dann erfuhr ich, dass Kardinal George sich über den Austausch
beschwerte und den Staatssekretär des Vatikans bat, die Kardinäle anzuweisen, nicht in „America“ zu
debattieren, da dies die Gläubigen skandalisiere.
Trotz meiner Versuche, fair zu sein, war klar, dass weder Johannes Paul II. noch Kardinal Ratzinger ein
Meinungsmagazin wollten, wenn es nicht ihre Ansichten widerspiegelte. Nach zweieinhalb Jahren als
Redakteur erfuhr ich vom Generaloberen der Jesuiten, Peter-Hans Kolvenbach, dass der Vatikan mit

einem Artikel über AIDS und Kondome, den der Jesuitentheologe James Keenan und der Jesuitenarzt
Jon Fuller geschrieben hatten, nicht einverstanden war.
Ich wollte gerne eine Gegendarstellung von jemandem aus dem Vatikan veröffentlichen, aber ich
habe von der Kongregation nie direkt etwas erhalten. Die Kongregation hat mit mir immer über
meine jesuitischen Vorgesetzten kommuniziert.
Im Juni 2001 wurde mir mitgeteilt, dass die Kongregation die Art und Weise, wie Pater Reese den
Heiligen Stuhl und insbesondere die Kongregation kritisierte, als “aggressiv und beleidigend”
empfand. Sie stellten insbesondere einen Leitartikel in Frage, den wir zum Thema
“Rechtsstaatlichkeit in der Kirche” veröffentlicht hatten (9. April 2001). Man hat uns vorgeworfen,
wir seien antihierarchisch.
Ende Februar 2002 sagte Pater Kolvenbach, dass die Glaubenskongregation beschlossen habe, “auf
Ersuchen der amerikanischen Bischöfe und des Nuntius” eine Kommission von kirchlichen Zensoren
für „America“ einzusetzen. Bei den Zensoren würde es sich um drei amerikanische Bischöfe handeln.
Das war nicht nur eine schlechte Idee, sondern auch völlig unpraktisch, da es sich bei der Zeitschrift
um eine Wochenzeitschrift handelt.
Im April erhielt ich eine Liste von in „America“ veröffentlichten Artikeln, die der Kongregation nicht
gefielen. Dazu gehörten eine Besprechung des Buches des Jesuitenhistorikers John O’Malley über
„Päpstliche Sünde“, der Artikel von Keenan und Fuller, ein Artikel des Jesuiten James Martin über
homosexuelle Priester und verschiedene Artikel über das Dokument „Dominus Iesus“ von Francis X.
Clooney, Michael A. Fahey, Peter Chirico und Francis A. Sullivan.
Ratzinger schien ein feines Gespür zu haben, sobald es um Dokumente ging, die aus seiner
Kongregation stammten.
Nur zwei Leitartikel wurden erwähnt – einer über Dominus Iesus (28. Oktober 2000) und ein weiterer
über die “Abtreibungspille” RU-486 (14. Oktober 2000). Wir verurteilten die Abtreibungspille, wiesen
aber darauf hin, dass es vielleicht an der Zeit sei, die Lehre der Kirche zur Geburtenkontrolle zu
überdenken, um die Zahl der Abtreibungen zu verringern.
Interessanterweise hat die Kongregation die ausführliche und unverblümte Berichterstattung über
die Krise des sexuellen Mißbrauchs in den USA nie erwähnt, obwohl ich wusste, dass einige
amerikanische Bischöfe dies nicht gut fanden. Ratzinger war zwar nicht perfekt, aber in dieser Frage
besser als jeder andere in Rom.
Niemand konnte mir sagen, welche US-Bischöfe die Zensurmaßnahme beantragt hatten. Ich wusste,
dass dieses Thema nie auf einer Tagung der Katholischen Bischofskonferenz der Vereinigten Staaten
zur Sprache gekommen war. Auch im Verwaltungsausschuss der Katholischen Bischofskonferenz der
Vereinigten Staaten wurde das Thema nicht erörtert, so meine Quellen, dazu gehörte auch Erzbischof
Thomas Kelly, der zu dieser Zeit Mitglied des Ausschusses war.
Als ich Erzbischof Donald Trautman, den Vorsitzenden der Glaubenskommission der US-Bischöfe,
befragte, war er wütend darüber, dass ein Zensurgremium eingesetzt wurde, ohne sein Komitee zu
konsultieren. Er hatte vor, sich energisch dagegen zu wehren.
Auch der US-amerikanische Erzbischof John Foley, Leiter einer der Kommunikationsabteilungen des
Vatikans, wurde nicht konsultiert. Er sagte, wenn man ihn fragen würde, würde er sagen, dass es eine
schlechte Idee sei. Er bezeichnete sich scherzhaft als den “linken Flügel der römischen Kurie”.

Ich habe die Erzbischöfe Kelly, John Quinn und Daniel Pilarczyk um Hilfe gebeten, aber sie sagten alle,
dass Rom ihnen nicht vertraue und ihre Unterstützung nichts nützen würde. Quinn und Pilarczyk
waren Vorsitzende der Katholischen Bischofskonferenz der Vereinigten Staaten und Kelly war
Generalsekretär der Konferenz und Mitarbeiter der päpstlichen Nuntiatur in Washington.
Ich wandte mich an den Jesuiten-Kardinal Avery Dulles, der ein Zensurgremium für eine schlechte
Idee hielt. Er versprach, bei Ratzinger gut von mir zu sprechen. “Sie veröffentlichen ja mich”, sagte
der sehr orthodoxe Kardinal.
Irgendwann vor Ende Juli 2003 traf P. Kolvenbach mit Ratzinger zusammen und konnte ihn davon
überzeugen, kein Zensurgremium zu bestallen. Kolvenbach teilte mir mit, dass die Kongregation
abwarten werde, wie „America“ auf das bevorstehende Dokument der Glaubenskongregation zur
Homo-Ehe reagieren werde. Ich bat den stellvertretenden Redakteur James Martin, der ausführlich
über Schwule in der Kirche geschrieben hatte, nichts über das Dokument zu sagen. Ich wollte ihn und
die Zeitschrift schützen. Er stimmte zu.
Unser erster Artikel zu diesem Thema wurde am 7. Juni 2004 von Monsignore Robert Sokolowski
veröffentlicht, einem Philosophen an der Katholischen Universität von Amerika, der sich entschieden
gegen homosexuellen Sex und die Homo-Ehe aussprach. Ich musste ihn davon überzeugen, den
schwulen Sex nicht mit dem Sex mit Tieren zu vergleichen.
Sein Artikel löste erwartungsgemäß heftige Reaktionen aus, eine davon kam von Stephen Pope,
einem Theologieprofessor am Boston College. Obwohl ich Pope dazu brachte, den Artikel
abzuschwächen, und obwohl ich Sokolowski erlaubte, in derselben Ausgabe auf Pope zu antworten,
wusste ich, dass dies der letzte Nagel zu meinem Sarg sein könnte.
Obwohl ich mich nie zu diesem Thema geäußert oder gar dazu etwas veröffentlicht hatte, war klar,
dass bereits die Bereitschaft, einige Themen in „America“ zu diskutieren, mehr war, als Ratzinger
tolerieren könnte.
Fast unmittelbar nach der Veröffentlichung der Ausgabe vom 6. Dezember 2004 erhielt mein
amerikanischer Vorgesetzter Beschwerden vom päpstlichen Nuntius in Washington. Er beschwerte
sich auch über einen Artikel zu Politikern, Abtreibung und Kommunion des US-
Kongressabgeordneten Dave Obey, dem Burke die Kommunion verweigert hatte. Es wurde
anerkannt, dass wir Artikel über beide Seiten des “Hostienkriegs” veröffentlicht haben.
Im Laufe des Jahres 2005 konzentrierte sich die Welt auf die Krankheit und den Tod von Johannes
Paul II. und auf das Konklave, das Ratzinger zum Papst Benedikt XVI. wählte. Während dieser Zeit
arbeitete ich mit der Presse zusammen und erläuterte und kommentierte die Geschehnisse.
Vor dem Konklave, bei einem vertraulichen Abendessen mit einigen Journalisten in Rom, wurde ich
gefragt: “Wie würden Sie reagieren, wenn Ratzinger zum Papst gewählt würde?” Ich antwortete:
“Wie würden Sie sich fühlen, wenn Rupert Murdoch Ihre Zeitung übernehmen würde?”
Am Tag der Wahl Ratzingers hatte ich bereits zugesagt, in der PBS Newshour aufzutreten. In der
Sendung habe ich unverblümt gesagt, dass das Ergebnis einigen Leuten gefallen wird, anderen nicht.
Danach war meine Antwort auf Presseanfragen “kein Kommentar”, weil ich seine Wahl für eine
Katastrophe hielt, aber als Jesuit konnte ich das nicht sagen.
Als ich am 19. April 2005 die Bekanntgabe der Wahl Ratzingers auf dem Petersplatz hörte, wusste ich,
dass meine Amtszeit als Herausgeber von „America“ beendet war. Zum Wohle der Zeitschrift und der
Jesuiten musste ich gehen. Außerdem hatte ich nach sieben Jahren, in denen ich über die Schulter
geschaut hatte, genug davon.

Ich gab keine Interviews mehr und verließ Rom.
Als ich nach New York zurückkehrte, wollten mich die anderen Jesuiten der Zeitschrift nicht kündigen
lassen. Ein paar Tage später traf ich mich mit meinem Vorgesetzten, dem Präsidenten der
Jesuitenkonferenz, und erfuhr, dass meine Zeit als Redakteur vorbei war. Erst dann erfuhr ich, dass
Ratzinger im März dem Generaloberen der Jesuiten gesagt hatte, ich müsse gehen. Aus
verschiedenen Gründen konnten sie mir das nicht sagen. Also habe ich gekündigt.
Meine jesuitischen Vorgesetzten haben meine Arbeit immer sehr unterstützt, aber ich wusste, dass
sie mich letztlich nicht schützen konnten, wenn ich nicht bereit war, meine Werte als Redakteur zu
kompromittieren. Sie waren nicht in der Lage, die zahlreichen Jesuitentheologen zu schützen, die von
der Glaubenskongregation diszipliniert wurden.
Als die Nachricht in der Presse erschien, wurde ich als das erste Opfer von Benedikt XVI. dargestellt;
obwohl ich in Wahrheit das letzte Opfer von Kardinal Ratzinger. Da ich den Medien gut bekannt war
und sie mich oft als Quelle nutzten, war die Berichterstattung über den neuen Papst umfangreich
und negativ.
Die Berichterstattung war so schlecht, dass der Vatikan die geplante Absetzung des jesuitischen
Redakteurs der deutschen Zeitschrift „Stimmen der Zeit“ fallen ließ. Sie ließen ihn sein Mandat als
Herausgeber erfüllen.
Wenn ich ein Einzelfall wäre, wäre meine Geschichte zwar interessant, aber nicht wichtig für die
Beurteilung des Erbes von Joseph Ratzinger. Leider ist mein Fall nur eines von Hunderten von
Beispielen für die Unterdrückung freier Recherchen durch Reporter und Theologen während der
Amtszeiten von Johannes Paul II. und Benedikt XVI.
Einige Monate vor meinem Rücktritt erzählte uns Jacques Dupuis, ein angesehener Theologe, der von
Ratzinger diszipliniert wurde, die Geschichte seiner eigenen Begegnung. Nachdem die Kongregation
eines seiner Bücher verurteilt hatte, verfasste der alte (und kranke) Theologe eine 200-seitige
Antwort. Als er sich mit Ratzinger und der Glaubenskongregation traf, erzählte er der Redaktion von
„America“, überraschten sie ihn mit der Frage nach seinem Text. Dann verwies er sie auf das
Dokument auf dem Tisch vor ihnen, an dem er monatelang gearbeitet hatte. Da spotteten sie: “Du
glaubst, dass wir das lesen werden, oder?” Dupuis starb kurz nach unserem Treffen.
Ob ich mit meiner Meinung richtig oder falsch lag, ist irrelevant.

Entscheidend ist, dass nach dem
Zweiten Vatikanischen Konzil die offene Diskussion von Ratzinger unter Papst Johannes Paul II.
unterdrückt wurde. Wer mit dem Vatikan nicht einverstanden war, wurde zum Schweigen gebracht.
Ohne ein offenes Gespräch kann sich die Theologie jedoch nicht entwickeln und können keine
Reformen durchgeführt werden. Ohne eine offene Debatte kann die Kirche keine Wege finden, das
Evangelium so zu verkünden, dass es für die Menschen des 21. Jahrhunderts verständlich ist.
Das Pontifikat von Papst Franziskus hat die Fenster der Kirche wieder geöffnet, um die frische Brise
des Geistes hereinzulassen. Gespräche und Debatten sind wieder möglich, selbst wenn man mit dem
Papst nicht einverstanden ist. Im Gegensatz zu seinen Vorgängern bringt Franziskus seine Kritiker
nicht zum Schweigen. Für viele in der Kirche wird der Wandel nicht schnell genug gehen, aber es ist
wichtig, dass Gespräche stattfinden können, um sich auf die Reform vorzubereiten.
Übersetzung aus dem Portugiesischen: Norbert Arntz, Kleve

SECHSTENS: BISCHOF PETER KOHLGRAF, Mainz.

“Auch ein großer Theologe und Papst hat Fehler”
Kritisches, aber vorsichtig-diplomatisch formuliert zu Benedikt XVI.  Von Peter Kohlgraf, Bischof von Mainz, dort gesprochen am 6.1.2023:
„Angesichts mancher Themen, die noch vor seiner Bestattung im Raum standen, auch seine mögliche Heiligsprechung, würde ich zur Ruhe ermutigen”, sagte Bischof Kohlgraf laut Manuskript in seiner Predigt und fügte hinzu: “Es gehörte immer zum kirchlichen guten Stil, sich mit abschließenden Bewertungen eines Lebens Zeit zu lassen.”
Sicher seien viele Bilder, die sich die Öffentlichkeit von Benedikt gemacht habe, seiner “komplexen Persönlichkeit” nicht gerecht geworden. Er habe aber auch durch manche Positionen provoziert. Es gehöre “zur Wahrheit, dass sich viele Menschen auch durch ihn verstört fühlten”, sagte der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf.
Es gebe auch Menschen aus dem Umfeld Benedikts, die diesem eine mangelnde Menschenkenntnis unterstellen würden. “Ja, auch ein großer Theologe, Bischof und Papst hat Fehler, und sie sind in das Ganze einzuordnen, auch dafür braucht es Zeit und Abstand, und es braucht Menschen, die sich dieser Bewertung annehmen ohne ein theologisches oder kirchenpolitisches Eigeninteresse”, sagte Bischof Kohlgraf.

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin,  www religionsphilosophischer-salon.de

Das geistliche Testament von Benedikt XVI., bestimmt von Angst, Polemik und Scheinheiligkeit.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 2.1.2023.

1.
Am 31.12.2022 hat der Vatikan das „Geistliche Testament“ des EX-Papstes Benedikt XVI. veröffentlicht. Also eine Art theologischen „Schlüsseltext“ Ratzingers, ein Vermächtnis, das bleiben soll, d.h. an das sich die geistlichen Erben, also die Katholiken, bitte halten sollten.

2. Die Bayern und die anderen Deutschen sollen den katholischen Glauben bewahren.
Alle einzelnen Aussagen werden hoffentlich von kritischen Theologen geprüft und detailliert bewertet.
Eine erste Übersicht:
Das Testament hat Joseph Ratzinger am 29. August 2006 verfasst, also mehr als ein Jahr nach seiner Wahl zum Papst am 19.4.2005.
Die Sprache des Testaments ist bestimmt vom Beschwören der Dankbarkeit und Güte, des Verzeihens und der Liebe zu den Eltern, zu den Landsleuten, den Freunden. Aber ganz deutlich wird auch die Angst vor „Verwirrung der Gläubigen“ ausgesprochen. Die alte, typische Angst Ratzingers/Benedikt XVI. vor der Moderne kommt da wieder deutlich zum Vorschein: „Lasst euch nicht vom Glauben abbringen“ heißt es wörtlich im Blick auf die lieben Landsleute! „Steht fest im Glauben“ sagt er allen Katholiken. Worte, die man jetzt bei der Diskussion über den „Synodalen Weg“ noch wiederholen  wird….

3. Bald ein heiliger Joseph Ratzinger?
Das Testament könnte bald auch eine theologische Grundlage sein für die jetzt schon von verschiedener, maßgeblicher Seite geforderte Heiligsprechung Benedikt XVI. Man könnte diese Heiligsprechung als kritischer Theologe auch als Drohung verstehen! „Heiliger Joseph Ratzinger, bitte für uns“, so werden hoffentlich nicht alle Katholiken beten wollen. Einen Heiligen nannte ihn – unüberlegt, übereilt?? – bereits am 18.12. 2022 Papst Franziskus, eine Heiligsprechung sozusagen ante mortem, völlig ungewöhnlich! (Quelle: https://www.derstandard.de/.) Und Erzbischof Gänswein, der enge Freund und Privatsekretär, sprach post mortem Benedikts bereits von einer „plötzlich“ geschehenden Heiligsprechung (Quelle: https://www.domradio.de/artikel/gaenswein-haelt-santo-subito-fuer-benedikt-xvi-fuer-moeglich).
Dann wäre also DIE Symbolfigur des offiziellen konservativen/reaktionären Katholizismus heiliges Vorbild und himmlischer Fürsprecher. Benedikts Grab sollte dann besser neben dem Gründer des Opus Dei sich befinden, auch er ein „ultra schnell Heiliggesprochener“…

4. Polemik gegen freie theologische Wissenschaft
„Lasst euch nicht verwirren“, heißt es weiter an entscheidender Stelle im „Geistlichen Testament“. Wieder diese Urangst Ratzingers vor dem Bösen, dem alles verwirrenden Teufel, an den der „große Theologe“ glaubte.
Aber, das zeigt auch der Text, konkret hat Benedikt XVI./Ratzinger große Angst vor der modernen theologischen Forschung: Die entscheidende Stelle im Testament heißt:
„Seit 60 Jahren begleite ich nun den Weg der Theologie, besonders auch der Bibelwissenschaften, und habe mit den wechselnden Generationen unerschütterlich scheinende Thesen zusammenbrechen sehen, die sich als bloße Hypothesen erwiesen: die liberale Generation (Harnack, Jülicher usw.), die existenzialistische Generation (Bultmann usw.), die marxistische Generation“.

5. Scheinheilig: Er habe die Theologie “BEGLEITET”
Man müsste bald jedes Wort dieses Textes voller Verachtung für die moderne Theologie analysieren. Werden das die katholischen Theologen tun?
Nur so viel, um der Klarheit und Wahrheit willen:
Ratzinger hat den Weg der Theologie nicht, wie er schreibt, „begleitet“, Begleiten ist ein freundliches, dialogisches Miteinander. Dazu war Ratzinger/Benedikt nur mit seinen Schülern und Getreuen in der Lage. Sonst hat er anders denkende Theologen bestraft, ausgegrenzt, im Leben gestört und verstört. Er war als Büro-Chef der Glaubensbehörde wirklich ein Panzer Kardinal, wie man in Frankreich sagte. Der brasilianische Theologe Leonardo Boff sagte 2010: „Während seiner mehr als zwanzigjährigen Zeit als Leiter der Glaubenskongregation hat Ratzinger mehr als hundert Theologen verurteilt. Die Befreiungstheologie hat er nie verstanden, viele Bischofskonferenzen unterzog er einer strengen Kontrolle.“(Quelle:Süddeutsche Zeitung 18.4.2010)
Ratzinger hat den Weg der (katholischen) Theologie total bestimmt. Dann scheinheilig von „Begleiten“ zu sprechen, ist wieder diese bekannte sanfte, verschleiernde Herrschaftssprache. Begleiten: Was für ein Euphemismus, was für eine Lüge.
Dann sind auch kaum erträglich die Behauptungen, er hätte auch die Bibelwissenschaften begleitet. Nein, von der umfassenden historisch-kritischen Bibelwissenschaft, die als Theologie-Wissenschaft selbstverständlich unabhängig von der Kirchenführung forscht, wollte Ratzinger/Benedikt XVI. nicht viel wissen. Benedikt XVI. hat zwar Bücher über das Leben Jesu Christi geschrieben, aber dies sind fromme Meditationen, die dem Standard der Bibelwissenschaft nicht entsprechen, das ist allgemeine Überzeugung der tatsächlichen Bibel-Wissenschaftler an den Universitäten.
Die von Benedikt kritisierten liberalen Theologen haben weitgehend eben keine Hypothesen veröffentlicht, wie er behauptet, sondern den Boden bereitet für eine Bibelwissenschaft, die den Namen verdient. Und was wäre denn schlimm, wenn Wissenschaftler Hypothesen schreiben? Ist das nicht ihr Beruf? Aber Ratzinger/Benedikt XVI. liebte nur die totale eingemauerte Sicherheit. Auch „der Marxismus“ wird selbstverständlich von ihm pauschal abgelehnt, auch er gehöre zu einem Gewirr der Hypothesen meint der Testament-Schreiber. Er denkt wohl an Befreiungstheologen, wie etwa Leonardo Boff aus Brasilien, den Ratzinger verurteilte. Boff wie andere bedienten sich der Gesellschaftsanalyse von Marx, ohne den Marxismus -Leninismus auch nur entfernt hochzuschätzen. Aber das sah der bayerische Theologe Ratzinger nicht so. Er hielt sich lieber an Reagans Wahn des „Antikommunismus“, und schickte seinen Freund Papst Johannes Paul II. zum offiziellen Besuch des Diktators und Massenmörders General Pinochet nach Chile…

6. DIE eine theologische Vernunft gibt es nicht.
Nach dieser erwartbaren Verurteilung der Suche nach Erkenntnis in Theologien und Sozialwissenschaften (dort werden bekanntlich Denkansätze von Marx heute rezipiert), schließt der Testament-Schreiber mit seiner Grundüberzeugung: DIE Vernunft des Glaubens tritt nun hervor! Als gäbe es nur eine einzige Vernunft im Glauben. Aber Ratzinger/Benedikt XVI. glaubte immer, dass DIE EINE offizielle vatikanische Klerus-Vernunft DIE christliche Vernunft schlechthin ist. Eigentlich eine These, die kein ernstzunehmender Theologe und Philosoph verteidigen kann. Diese letzten Sätze zeigen, wie begrenzt schon das Denken dieses Papstes im Jahr 2006 war!

7. Der starke Leib Christi.
Die „Mängel der Kirche“ werden ultrakurz angesprochen, aber sind es Mängel der Kirchenleitung, des Klerus, oder Mängel von wem? Das wird verschwiegen. Nur das mutige Bekenntnis wird vorgebracht: „Die (katholische) Kirche ist der Leib Jesu Christi.“ Nur sie, oder auch die evangelische Kirche? Dazu schweigt das Testament! Ratzinger hielt ja bekanntlich die evangelischen Kirchen für “Gemeinschaften”, nicht für Kirchen.
Das 2. Vatikanische Konzil (1962-65) sprach eher vom „wandernden Volk Gottes in der Geschichte“, also von einer Gemeinschaft der Suchenden und Fragenden, aber davon spricht der Testament-Schreiber nicht. Ein Leib hat ein Haupt, und dieses Haupt ist nicht nur Christus, sondern eben der alles bestimmende Papst.

8.  Putin hat “absolut ausnahmsweise” einmal recht. Peinlich ist sein Beileid zum Tod Benedikt XVI. trotzdem!
Es ist schon so, dass “absolut ausnahmsweise (!!)” einmal Putin recht hat, wenn er zum Tod von Papst Benedikt XVI. schreibt: „Benedikt XVI. war ein überzeugter Verteidiger traditioneller christlicher Werte“ (Tagesspiegel, 2.1.2023, Seite 5). Der Kriegsherr und Diktator Putin kondoliert zum Tod von Papst Benedikt: Eine Friedensbotschaft ist das wohl nicht. Aber Putins Worte hätte Patriarch Kyrill von Moskau nicht besser sagen können, ist doch auch er, wie er sagt, „ein Verteidiger traditioneller christlicher Werte“… Eine ökumenische Gemeinschaft also der “Verteidger traditioneller Werte”…

Putin hat leider ausnahmsweise recht: Benedikt XVI. war durch und durch selbst traditionell: Er hat den Klerus als absoluten Mittelpunkt der Kirche gesehen; er hat die völlige Gleichberechtigung der Frauen in der Kirche verhindert; er war ein Feind der Segnung von Partnerschaften und Ehen Homosexueller; er hat alles getan, um Schwangerschaftsabbrüche per Gesetz zu verhindern; er war gegen die Selbstbestimmung des einzelnen im Fall schwerer Krankheit (Euthanasie); er hat Demokratie als Lebensform und Strukturprinzip der Kirche abgelehnt; er hat die Menschenrechtserklärung der UNO nicht unterschrieben; er wollte AIDS mit Gebeten und Keuschheitsgelübden besiegen und so weiter. Ratzinger/Benedikt XVI. war entschieden antimodern.
Putin hat also leider recht. Ratzinger war ein „überzeugter Verteidiger traditioneller christlicher Werte“. Er war wohl auch ein etwas verkappter Traditionalist. Sonst hätte er sich nicht so liebevoll um die Versöhnung mit den traditionalistischen und oft antisemitischen Pius-Brüdern bemüht. LINK. Das alles wurde auch in den Texten des Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salons dokumentiert! LINK.

9. Lassen wir ihn ruhen… es gibt Dringenderes.
Lassen wir diesen Papst als Traditionalisten also ruhen, verzeihen wir ihm seine hübschen roten Schuhchen, sein Winterumhang, die Mozetta, die mit Hermelinpelz umrandet ist, seine Privilegien, sein Residieren im Palast, so “passend” für den Nachfolger des armen Jesus von Nazareth…
Soll er die Katholiken und die Welt doch bloß post mortem in Ruhe lassen… Wird er aber nicht, dafür sind seine ebenso traditionalistischen Freunde unter den Kardinälen längst am „Start“.

10. Ein Testament, das von Geld spricht
Testamente enthalten üblicherweise auch Hinweise zum Vermögen, also zum Finanziellen. Vom Geld aber wird in diesem Testament geschwiegen. Es nennt sich ja auch nur ein „geistliches“ Testament. Aber so ein bißchen Geld wird doch ein Ex-Papst noch gehabt haben, bekanntlich hat Papst Franziskus oft aus seinem Privat-Vermögen für Arme gespendet. Kardinal Marx von München hat kürzlich ganz  locker 500.000 Euro (sic) aus seinem Privatvermögen in eine soziale Stiftung gegeben. Seien wir also gespannt auf eine weitere Eröffnung eines Ratzinger Testaments, das auch vom Geld spricht. Aber bitte keine hohen Erwartungen: Über privates Geld wird von Kardinälen im Vatikan (und anderswo) eher nicht gesprochen.

11.
Das „geistliche Testament“ Benedikt XVI.: LINK:

12.

Kritische Stimmen zu Benedikt XVI./Joseph Ratzinger: LINK

Der brasilianische Befreiungstheologe Leonardo Boff wurde von Kardinal Ratzinger ausgegrenzt und bestraft, er ist einer der kreativen katholischen Theologen geblieben. was sagt Leonardo Boff zum Tod Benedikt XVI:? LINK.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

„Große Freiheit“: Nur ein Traum für homosexuelle Katholiken. Der § 175 besteht nach wie vor in der römischen Kirche.

Ein Hinweis von Christian Modehn.   Um die wichtigste Erkenntnis kurz, aber wahr vorweg zu sagen: Es sind die maßgeblichen Herren der Kirche(n), die in Europa und Amerika und Afrika bis jetzt immer noch und unverschämt gegen die völlige Gleichberechtigung homosexueller Menschen (abgekürzt bekanntlich: LGBT) agieren und hetzen.  Der demokratische Staat sollte diesen Herren eine Kinokarte schenken, damit sie sich möglichst gemeinsam den Film “Große Freiheit” ansehen und wenigstens mal kurz zu Tränen gerührt werden. Um menschlich und christlich zu werden…Ist aber unwahrscheinlich…

1. Jetzt (am 18.11.2021) kommt der Film „Große Freiheit“ von Sebastian Meise in die Kinos. Der Film erzählt das Leben eines Homosexuellen,  er heißt Hans, der viele Jahre seines Lebens, in der Nazi-Zeit und danach in der BRD, in Gefängnissen zubringen musste. Aus dem „einfachen“ Grund: Er liebte Männer, diese Liebe durfte nicht sein, sie störte die Hetero-Moral und den Männlichkeitswahn….die Liebe galt als „widernatürliche Unzucht“. Liebende Männer wurden zu Verbrechern erklärt. Die BRD – Gesetzgeber und Richter, bekanntlich oft noch Nazis, hatten die Nazi-Gesetze ziemlich unverändert übernommen. Erst 1994 wurde in der BRD dieser verbrecherische Paragraph aufgehoben.

2. Der Film „Große Freiheit“ wurde schon in Cannes ausgezeichnet; er ist ein Meisterwerk, nicht zuletzt durch die großartige Leistung von Hans Rogowski („Hans“) und Georg Friedrich (als „Viktor“, Zellennachbar von Hans).

Der Film wird hoffentlich über das individuelle Schicksal und das Leiden hinaus das Thema Homosexualität in den Mittelpunkt der Diskussionen stellen, hoffentlich. Denn Wichtiges gibt es zu besprechen, zu analysieren, zu kritisieren, anzuklagen. Etwa die Unterdrückung und Ermordung von Homosexuellen weltweit, vor allem in den meisten Staaten Afrikas und Asiens, im arabischen Raum vor allem, in Regimen, die sich islamisch nennen, also angeblich den barmherzigen Gott Allah verehren. Diese, nach außen hin religiösen Regime sind besonders mörderisch gegenüber Homosexuellen. „In 69 Staaten wird gleichgeschlechtliche Sexualität noch strafrechtlich verfolgt, in einigen Ländern sogar mit der Todesstrafe bedroht“, berichtet die Website des Lesben – und Schwulenverbandes LSVD. (https://www.lsvd.de/de/ct/1245-LGBT-Rechte-weltweit-Wo-droht-Todesstrafe-oder-Gefaengnis-fuer-Homosexualitaet). Genauso schlimm ist die Diskriminierung Homosexueller mit Gewaltattacken in so genannten westlichen Staaten, wie Brasilien unter dem de facto-Diktator Bolsonaro (er nennt sich katholisch, aber gleichzeitig auch evangelikal!).

3. Aber man mache sich nichts vor: Auch in Europa, dem freiheitlichen, gibt es noch vielfältige versteckte oder offene Repression gegenüber Homosexuellen. Für den „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin“  ist besonders interessant: Um von den genauso anzuklagenden evangelikalen, sich evangelisch nennenden Kirchen gar nicht zu sprechen: Der Vatikan und mit ihm die oberste katholische Zentrale der Glaubenslehre und Moralverbreitung kennt bis heute de facto den § 175: Das heißt: Priester und Gemeindemitarbeiter, etwa Pastoralreferenten, die sich als schwul outen, werden entweder gar nicht erst in einem Dienstverhältnis zugelassen. Oder sie werden, etwa als junge Priesteramts-Studenten oder junge Ordensmitglieder, sofort entlassen. Selbst Priester, die sich nach etlichen Jahren der Gemeindearbeit outen, haben es schwer und sind bedroht, aus dem Priesteramt gedrängt zu werden, mit all den finanziellen Problemen, die sich dann ergeben.

4. Der § 175 wirkt in der katholischen Kirche auf subtile, aber skandalöse Weise: Wer sich noch für den geistlichen Beruf entscheidet, verschweigt diplomatischerweise seine Homosexualität, er verleugnet seine eigene Identität, lügt und lebt bis zum Lebensende in ständiger Angst, irgendwann dann doch entdeckt und bestraft zu werden. Die versteckten, also nicht offen homosexuell lebenden Priester und Ordensleute sind dann oft nach außen hin, etwa in Predigten, die größten Feinde von selbstverständlich frei gelebter Homosexualität. Der Soziologe Frédéric Martel hat in seiner großen empirischen Studie „Sodom“ diese Zusammenhänge aufgezeigt, besonders in dem verlogenen Verhalten zahlreicher Priester im Vatikan und in hohen klerikalen Kreisen, man denke an den theologisch reaktionären Kardinal Lopez Trujillo aus Kolumbien. LINK

5. Papst Franziskus, den einige immer noch für insgesamt progressiv halten, fährt auch in dieser Frage einen Zickzack-Kurs, mal sagt er dies, mal jenes zum Thema Homosexualität. Das ist bekannt. Besonders ärgerlich war sein Nein zur Segnung homosexueller Partnerschaften, wohl gemerkt, es ging um eher schlichte, freundliche Segnungen, so, wie die katholische Kirche seit Jahrzehnten Autos segnet und Hunde, Rinder und Handys, selbst ein Walross im Hamburger Zoo hat Bischof Hesse gesegnet.  LINK . Aber nein: Diese eher bloß freundliche Geste einer Segnung darf für Menschen, für Homosexuelle, NICHT sein. Sie sind (als Untermenschen?) weniger wert als Walrösser und Handys, welch ein Skandal für das ohnehin total ramponierte Ansehen der römisch-katholischen Kirche. Bei den Orthodoxen ist es nicht anders… Wie weit diese verkrampften, verlogenen Homo-Prälaten, Kardinäle und der Papst aus der Gegenwart der Vernunft gefallen sind, sieht man daran: Es ging bei den aktuellen Debatten doch gar nicht um das eigentlich heute gebotene Thema der kirchlichen Segnung (katholisch: ein Sakrament) der Ehe, also der Homo-Ehe. Allein diese Homo-Ehe-Debatte wäre interessant gewesen angesichts der Tatsache, dass einige demokratischen Staaten längst per Gesetz die Homo-Ehe eingeführt haben. Bei den gegebenen Verhältnissen also wird die römische Kirche, um nur diese zu nennen, nach wie vor zu den Verteidigern des §175 zählen. Was diese Haltung mit Menschlichkeit, geschweige denn mit der Lehre des Propheten Jesus von Nazareth zu tun, ist klar: gar nichts!

6. Ich habe früher schon zu dem Thema einige Hinweise veröffentlicht, sie zeigen: Fast nichts bewegt sich in der katholischen Kirche.

Am 2. Dezember 2018: LINK :

Am 20.6.2019: LINK

copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin