Kant sollte jetzt Kirchenlehrer sein! Unser Wunsch für 2026

Von Christian Modehn am 2. Januar 2026

1.
Der Wunsch des „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin“ für 2026 ist eine Provokation. Sie führt, wie der Name „Provokation“ sagt, aus bestehenden dogmatischen Verirrungen der Kirchen und Religionen heraus, ins Freie, ins Menschliche, das wichtiger und hilfreicher ist als der traditionelle Dogmenglaube.

2.
Im Jahr 2026 darf es den Religionen und Kirchen nicht zuerst um ihre eigenen Dogmen, moralischen Behauptungen und Bindungen an nationale Ideologien (siehe Russland, Israel, USA, Iran usw.) gehen.
Der Papst zum Beispiel muss nicht mehr – irgendwie hilflos – bei jedem Anlass zu Bittgebeten auffordern, so, als würde Gott im Himmel je nach Laune mal die einen, mal die anderen Wünsche erfüllen. Naiver Wunderglaube wird da verbreitet…, den gilt es mit der Vernunftreligion zu überwinden. Nur mit der Vernunftreligion werden Menschen reif und „erwachsen“.

3.
Der Papst, um bei ihm zu bleiben, muss auch nicht mehr ständig seinen geliebten Augustinus zitieren, jenen Heiligen des 5. Jahrhunderts, der die Christen mit seinem gräßlichen Erbsünden – Dogma verrückt gemacht hat. Nein, der Papst könnte oft Erkenntnisse des Philosophen Immanuel Kant zitieren – als Aufforderung, die universell geltende Vernunft-Religion zu respektieren: Sie ist für alle Menschen, auch für alle Religionen und Konfessionen gültig, sie ist die allen und allem übergeordnete Religion.

4.
Wir haben im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin mehrfach auf die Erkenntnis der universellen Vernunftreligion im Sinne Kants hingewiesen. Dabei beziehen wir uns auf „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ von 1793 (in der Ausgabe des Meiner Verlages, 2003, die Seitenangabe beziehen sich auf dieses Buch). Es ist falsch, Kant als „Überwinder“ der Idee Gottes oder als „Zerstörer“ des vernünftig begründbaren Glaubens an Gott zu interpretieren. Kant hat als Philosoph erkannt, dass es eine göttliche Wirklichkeit gibt. Er betont aber: Gott ist kein Objekt wissenschaftlicher Beweise, wenn man wissenschaftlich im Sinne der Naturwissenschaften versteht. Aber die göttliche Wirklichkeit als Idee muss der Mensch denken, will er seine Existenz umfassend geistig verstehen.

5.
Nicht die Erfüllung religiöser Vorschriften ist für die Vernunftreligion entscheidend, sondern die Pflege der „moralischen Herzensgesinnung“, das lehrt schon Jesus Christus, betont Kant (Seite 214). Nicht gottesdienstliche Handlungen können den Menschen von Verfehlungen befreien, sondern nur die praktische Wiedergutmachung des Unrechts. Nicht das „süße Gefühl der Rache“ darf vorherrschen, sondern die Duldsamkeit…Dies sind Weisungen des Lehrers Jesu von Nazareth in der Sicht Kants. Vor allem: Die Erfüllung der ethischen Pflichten ist der wahre Dienst an Gott, der wahre Gottesdienst! Der Gottesdienst ist die Erfüllung der ethischen Pflichten, also der Menschenrechte: Das muss das beständige Leitmotiv der Predigten und der Praxis in allen Religionen sei. Kant betont: Es ist bloßer „Religionswahn und Aberglaube“ zu glauben, für ein gottgefälliges Leben könne der Mensch noch etwas anderes tun, als den guten Lebenswandel zu praktizieren (Seite 230). Es gibt also für Kant nur „die Religion des guten Lebenswandels, sie ist „das einzige religiöse Ziel der Menschen“ (Seite 236). Solange die Kirchen mit ihren eigenen Lehren noch bestehen, muss die Vernunftreligion allmählich diesen Kirchenglauben durchdringen und überwinden.“ (ebd.)
6.
Die Vernunftreligion lebt im Sinne Kants in einer „unsichtbaren Kirche“, sie braucht keine Herrschafts-Strukturen, aber sie braucht durchaus Lehrer, die herrschaftsfrei die Vernunft-Religion erklären.
„DIESE VERNUNFTRELIGION SOLL ALS WELTRELIGION AUSGEBREITET WERDEN“ (S. 212).
7.
Die geoffenbarte, also die in Sätzen, in Dogmen formulierte, mit Büchern der Offenbarung ausgestattete Religion, wird von Klerikern beherrscht. Diese Religion/Konfession soll letztlich überwunden werden, fordert Kant. In diese faktisch bestehenden Konfessionen sollte aber – wie gesagt – die Vernunftreligion wie ein kritisches, befreiendes Element eindringen, also die konfessionellen Religionen heilen, korrigieren. Auch in der kirchlich geprägten, der geoffenbarten Religion, gibt es für Kant vernünftige Elemente. Der allgemeine Vernunftglaube hat also Elemente, „Keime“ in der Kirchenreligion, die zur Vernunftreligion führen können. Es gibt für Kant eine langsame Annäherung an die von ihm erstrebte „unsichtbare Vernunft – Kirche aller guten Menschen“. Man könnte meinen: Je mehr die faktischen Kirchen und Religionen die Menschenrechte als wesentliche eigene Botschaft und Praxis erkennen, um so mehr nähern sie sich der universellen Vernunftreligion bereits an.
8.
Unser religionsphilosophischer Wunsch für das Jahr 2026 ist alles andere als ein schöner Traum oder bloß ein „frommer Wunsch“. Unsere Provokation ist eine Utopie, die ins Weite führt, in eine friedlichere Welt, in der nicht mehr fundamentalistische Religionen und Kirchen herrschen und ihren Unsinn politisch – kämpferisch durchsetzen. Ohne diese Hoffnung auf einen bessere Zustand der Religionen und Konfessionen stirbt das geistige Leben. Diese hier im Sinne Kants vorgestellte gute Utopie kann für uns und unsere Welt lebenserhaltend sein. Diese Utopie verhindert, dass unbedacht und undifferenziert alle Religionen und Konfessionen angesichts so vieler ihrer Irrungen und Verbrechen pauschal und „einfach so“ total „beiseite gelegt werden“.
9.
Die Vernunftreligion der Menschenrechte lebt bereits, sie ist als gute Utopie „nicht tot zu kriegen“…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin