Am 1. Juli 2026 ist es soweit: Da gibt es wieder einmal eine Spaltung, ein Schisma, in der katholischen Kirche
Ein Hinweis von Christian Modehn am 21.6.2026.
Ein Vorwort: Leider muss sich Religions-Philosophie heute immer häufiger mit Religionskritik, in diesem Fall mit Katholizismus – Kritik, befassen. Weil sich so viele Kirchen, auch der Katholizismus und andere Religionen jeglicher universell geltender Vernunft verschließen. Wir dokumentieren also erneut ein Beispiel für die nach wie vor unübersehbare Herrschaft des Klerus in der katholischen Kirche, und: Wie Schisma, Exkommunikation, frommer Wahn („die Messe muss im Ritus des 16. Jahrhunderts zelebriert werden“) Katholiken bestimmen!
Auch dies noch: Wenn nun am 23. Juni 2026 offiziell der Vatikan unter der Herrschaft des freundlich lächelnden Papstes Leo XIV. die Laienpredigt in der katholischen Messe verbietet, dann ist dies nur ein weiterer Schritt des Katholizimus ins Getto, ins Getto der Klerus-Herrschaft…
1.
Papst Leo XIV. will alle Katholiken unter dem Dach seiner Papst – Kirche vereinen. Das ist sein sehr dringendes Programm, zumal als Augustiner und Fan des heiligen Augustinus 5. Jahrhundert). Augustin als strenger Bischof von Hippo sprach viel von Kirchen-Einheit, packte aber seine theologischen Gegner sehr heftig an…
Papst Leo weiß wie alle Päpste vor ihm: Wie schwach steht immer ein Papst da, wenn er der Spaltungen („Schismen“) innerhalb seiner Kirche nicht Herr wird.
2.
So will Papst Leo auch die traditionalistischen Piusbrüder, also die internationale Gemeinschaft der Getreuen des reaktionären Erzbischofs Marcel Lefèbvre, an die „Mutter Kirche“ binden. Denn es droht die Gefahr der Abspaltung von der möglichst glanzvoll vereint, eben „eins“ dastehenden römischen Kirche: Es ist ja gegenüber den Protestanten und der Vielzahl von protestantischen Kirchen immer der Stolz der Katholiken und ihrer Führer, dass der Katholizismus ganz anders ist, eben eins, weltweit wird derselbe Ritus der Messe gefeiert usw.…und sei es, dass diese Einheit mit Ketzerverfolgungen durchgesetzt wurde.
Dabei wird oft vergessen: Es gibt bereits gar nicht so wenige Abspaltungen von der römischen Kirche in der jüngeren Zeit, bekannt ist die Abspaltung der „Alt-Katholiken“ im Jahr 1870, oder auch an viele „unabhängige katholische Kirchen“ unter diesem Titel muss erinnert werden, etwa in Polen, vor allem bedeutend auf den Philippinen (Aglipay), in Tschechien 1919 („Tschechoslowakisch – Hussitische Kirche), in Afrika und in zahlreichen Staaten Lateinamerikas, etwa Brasilien, Costa Rica usw: Sie sind zahlenmäßig nicht von allzu großer Bedeutung, aber sie signalisieren einerseits den Willen vieler Katholiken, nicht nach päpstlichen Befehlen den Katholizismus zu leben. Andererseits ist beachtlich doch noch eine starke emotionale Bindung römischer Katholiken an „ihren Papst“…sie brauchen halt einen Führer, könnte man meinen…und den üblichen katholischen Wunderglauben, Heiligenkult, Marienkult, Reliquienkult usw., eben den sich katholisch nennenden „Volksglauben“.
3.
Das aktuelle Problem jetzt: Die Bischöfe der reaktionären Piusbrüder beharren stur darauf, am 1.Juli 2026 in ihrem Zentrum in Econe in der Schweiz vier ihrer Priester zu Bischöfen zu weihen. Ein vom Papst unerlaubter Akt. Er bedeutet auch die Exkommunikation der Geweihten traditionalistischen Hirten….
Aber darum geht es hier nicht, zu diesem Thema haben wir uns schon mehrfach geäußert. LINK
4.
Das ist für uns am wichtigsten:
Wir wollen kurz, aber bündig unsere dringende, auch politische begründete Forderung sagen: Dass diese Einheit, also die Integration der traditionalistischen Piusbrüder in die offizielle katholische Kirche, NICHT zustande kommt.
Dafür gibt es vor allem zwei Gründe:
Die Piusbrüder und ihre Gemeinden, ihre Priesterseminare und Klöster und Schulen sind theologisch so reaktionär, dass es Jahre dauern würde, diese Traditionalisten mit einigen Grundeinsichten moderner Theologie in der römischen Mutterkirche vertraut zu machen. An den für katholische Verhältnisse durchaus etwas progressiven Aussagen des 2. Vatikanischen Konzils will Papst Leo bekanntlich festhalten.
Wichtiger ist der politische Aspekt: Gerade im Stammland der Piusbrüder, in Frankreich, sind die meisten Kleriker und Ordensleute dort sowie ihre mindestens 150.000 Anhänger politisch seit Jahrzehnten sehr eng verbunden mit den rechtsaußen Parteien, also mit der rechtsextremen Le Pen – Partei, jetzt Rassemblement National (RN). LINK
Würden auch diese Wähler rechtsextremer Parteien in die Katholische Kirche integriert: Dann würde die offizielle Kirche selbst immer mehr rechtsextrem durchsetzt. Die Gläubigen würden dann noch stärker gegen Reformen der Kirche agieren und Einfluß nehmen auf die Gestaltung der Kirche ihres Landes, wir haben das am Beispiel von zwei rechtsextreme katholischen Milliardären in Frankreich gezeigt. LINK:
Es gilt seit Jahren: Die Le-Pen-Partei wird auch von „normalen“ Katholiken stark gewählt, in Spanien ist es die rechtsextreme und ausländerfeindliche VOX Partei, die Zustimmung findet unter „praktizierenden Katholiken“. In Italien werden die verschiedenen rechten und rechtsextremen Parteien in der Meloni – Regierung selbstverständlich von praktizierenden Katholiken gewählt, in Österreich gehören Katholiken zur Stammwählerschaft der FPÖ, in den USA sind Millionen von Katholiken aufseiten Trumps und seiner Maga-Bewegung: Aber darüber hinaus, ist im sonstigen, dem traditionellen „normal konservativen“ katholischen Milieu üblich, sehr konservative Positionen durchzusetzen. Und in dem Fall haben die sehr konservativen katholischen Laien die ebenfalls mehrheitlich sehr konservativen Bischöfe (in ethischen Fragen) auf ihrer Seite: Stichworte Pro-Life-Fanatismus, der Kampf gegen die „Ehe für alle“, die Akzeptanz der Vorherrschaft des Klerus usw.. Das konservative Denken und seine Ideologien sind in der Katholischen Kirche ohnehin schon sehr dominant. Katholisch und links passt ohnehin nur für einige kritische, gebildete Leute zusammen. Eine katholische Linke wird regelmäßig von den dominant klerikal Rechten behindert, wenn nicht zerstört. Siehe etwa die Konflikte in Frankreich um moderne Theologen und Arbeiterpriester. (Dazu die ausgezeichnete Studie von D. Pelletier und J-L. Schlegel „Á la Gauche du Christ“, Ed. du Seuil, Paris, 2012, 614 Seiten, es erzählt die Geschichte linker Christen, meist Katholiken, von 1945 bis 2012. Eine Geschichte des Niedergangs dieses Links-Katholizismus, verursacht von einer offenbar ewig sehr rechtslastigen Hierarchie, vor allem in Rom).
5.
Man möchte als Beobachter der katholischen Szene aus der kritischen Ferne betonen: Bitte nicht noch mehr reaktionäre Katholiken, diesmal die Piusbrüder und ihre 150.000 Anhänger weltweit, in die ohnehin schon theologisch rechtslastige Katholische Kirche integrieren. Dann wird der universell sich durchsetzende Kulturbruch Richtung rechts und rechtsextrem nach einmal beschleunigt. LINK
Sollen doch diese frommen traditionalistischen Leute, die wie an einer Art Neurose erkrankt, unbedingt ihre Heilige Messe in lateinischer Sprache in einem Ritus des 16. Jahrhundert feiern, doch ihre eigenen Wege gehen. Lasst sie doch machen, Politologen und Soziologen werden diesen Club schon kritisch beobachten..
Der offizielle Papst – Katholizismus wird diese reaktionären Feinde der Menschenrechte, der Religionsfreiheit, des Dialogs mit anderen Religionen nicht zur Vernunft bringen.
6.
Es wäre schlimm, wenn der Vatikan diese Piusbrüder wieder in die offizielle Kirche integrieren würde zu der schon einmal erlebten Kondition: Die Piusbrüder und ihre Führung erkennen den aktuellen Papst als ihren Chef an… und alles andere, ihre reaktionäre Theologie, bleibt erhalten. Solche Erfahrungen machte Kardinal Ratzinger/Papst Benedikt XVI. Wohlwissend, als er z.B. traditionalistische Benediktiner – Abteien (Le Barroux usw.) in die Papstkirche zurückholte oder in Bordeaux das reaktionär-katholische „Institut du Bon Pasteur“ als offiziell katholisch zuließ.
7.
Zum Schluß noch die Frage. Warum eigentlich will Papst Leo so nachdrücklich diese Piusbrüder in seine Kirche holen? Was ist der tiefere, der offiziell abe verschwiegene Grund? (Diese berechtigte Frage hat nichts mit Verschwörungstheorie zu tun). Diese traditionalistisch – reaktionären Kreise haben einen zahlenmäßig großen Nachwuchs an Priestern, während die Priesterseminare der offiziellen katholischen Kirche in Europa fast leer stehen, selbst in Polen. Bei den Reaktionären hingegen boomt das Interesse junger Burschen, Kleriker zu werden, bestens ausgestattet mit feinen Kleriker – Gewändern, die lateinische Messe singend, nicht nur Wolken von Weihrauch, sondern Wolken abstruser theologischer und politischer Ideen verbreitend.
8.
Das heißt: Der Papst und seineKardinäle im Vatikan wollen also mit der Einbeziehung der einigen hundert meist noch nicht ganz alten traditionalistischen Piusbrüdern etliche Lücken stopfen in den priesterlosen Gemeinden. Dann brauchen die Bischöfe Europas nicht noch mehr Priester aus aus Indien oder Afrika nach Europa als Gast – Arbeiter importieren…Bereits Benedikt XVI. erlaubte den offiziell römischen Katholiken immerhin schon mal die Beichte bei Lefèbvre Priestern. Gab es damals wirklich zu wenige katholische Beichtväter? Kaum zu glauben… Dies war eine Geste der Annäherung an die Rechtsradikalen.
Papst Leo XIV. erlaubte den Traditionalisten eine Messe im Petersdom, am Hauptaltar, ihre alte Messe am 25. Oktober 2025 zu feiern, ein Wink mit dem Zaunpfahl: Ihr lieben Reaktionären, kommt zum Papst zurück…Siehe auch: https://evangelische-zeitung.de/traditionalisten-feiern-alte-messe-im-petersdom/
9.
Das Interesse des Papstes an der Einheit mit den Piusbrüdern verweist auf das alte klerikale offiziell katholische Denken: Nur zölibatäre Priester (Männer natürlich) können katholisches Leben innen Gemeinden garantieren, ganz egal offensichtlich, um welche Priester mit welcher Qualität für die moderne Welt es sich da handelt. An die naheliegenden, theologisch stets mögliche Weihe von Frauen zu Priesterinnen oder an die sofortige Aufhebung des sinnlosen und wirkungslosen Zölibatsgesetzes denkt also auch der so oft so freundlich lächelnde Papst Leo XIV .immer noch nicht. Der etablierte Klerus will seine Macht nicht teilen, es lebt sich noch sehr bequem in Rom und den hübschen bischöflichen Residenzen weltweit. Und im „katholischen Kontinent“ Lateinamerika verlassen die Katholiken die katholische Kirche zu Tausenden: Warum? Weil es in den katholischen Gemeinden keine Priester gibt. Da geht man lieber zu den Evangelikalen und Pfingstlern. Aber dies ist dem Papst und dem Vatikan wohl egal, sonst hätten diese Herren längst Frauen und verheiratete Männer zum Priesteramt zugelassen. Das ist ein anderes Thema…
10.
Das Lieblingsthema Papst Leos, die Einheit der Kirche: Alle Katholiken sollen eins sein unter der Obhut des Papstes, diese Forderung wird man bitte stets auch als Strategie der Macht, des Erhalts der päpstlichen Macht über „alle“ „vereint“ verstehen müssen.
Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin
