Die Neue Rechte – ein europäisches Phänomen

Dieser Beitrag von Christian Modehn, Berlin, wurde in der Zeitschrift ORIENTIERUNG (Zürich) im Jahr 1982 publiziert. Aufgrund der aktuellen Entwicklungen in Frankreich, besonders angesichts der Europa Wahlen 2014 mit dem überraschenden Erfolg der rechtsextremen Partei Front National, haben einige LeserInnen gebeten, diesen Text von 1982 noch einmal zugänglich zu machen. Er zeigt einige Hintergründe zur heutigen Entwicklung in Frankreich – aber nicht nur dort – auf.

Zur Erinnerung:

Der rechtsradikale „Front National“ (FN) hat bei der Europa-Wahl 2014  25 Prozent der Stimmen erhalten und trat damit als „stärkste Partei“ hervor. Marine Le Pen, die Tochter des langjährigen FN Führers Jean-Marie Le Pen, will die Partei zu einer „normalen Partei“ machen. Diese „Normalität“ scheint ihr durchaus gelungen zu sein, auch wenn aktuelle antisemitische Äußerungen ihres Vaters immer wieder für tiefe Irritationen sorgen. Immerhin haben 25 Prozent der Katholiken Frankreichs den FN 2014 gewählt. Die  Warnungen von offizieller kirchlicher Seite vor dem FN (vgl. etwa das Buch „Extreme Droite, Pourquoi les chrétiens ne peuvent pas se taire“, von Etienne Pinte und Jacques Turck, Paris 2012)  haben wenig Wirkungen erzielt. Die zahlreichen Demonstrationen gegen die gesetzliche Freigabe der „Homo-Ehe“ 2013 wurden von vielen Bischöfen direkt auch persönlich unterstützt; unter den Demonstranten waren zahlreiche extrem-konservative Kreise aus dem weiten Umfeld des FN dabei. Diese offensichtliche, demonstrative „Melange“ von Katholisch (bischöflich) und rechtsradikal hat sicher auch ihre Wirkungen gehabt beim Wahlerfolg des FN 2014. Der FN konnte als Partei der „Ordentlichen“, der „Moralischen“, auftreten. Was gibt es für größere Werte in einem konservativen katholischen Milieu, in dem Gehorsam mehr gilt als Freiheit und Selbstbestimmung.

Marine Le Pen betrachtet das Wahljahr 2014 ohnehin als „année strategique“ (siehe dazu die neue umfassende Studie von Valérie Igounet, „Le Front National“, Editions du Seuil, Paris 2014, Seite 438).  2015 wird es Regionalwahlen geben, zwei Jahre später die Präsidentschaftswahlen. Merkwürdig bleibt, dass die Studie von Valérie Igounet nicht die Beziehungen zwischen Putin und Marine Le Pens FN erwähnt…

Der folgende, weiter unten publizierte Beitrag zeigt, wie seit Ende der neunzehnhundertsiebziger Jahre ein geistiges, „kulturelles“ und religiöses Milieu geschaffen wurde, das den Aufstieg des FN förderte und begünstigte. Die Vordenker der „Neuen Rechte“ in Frankreich hatten klar erkannt: Zuerst kommt die Veränderung des Bewusstseins, des Wissens, der Normen, dann folgt die diesen Normen entsprechende Politik. In meinem Buch „Religion in Frankreich“ (Gütersloh 1993) habe ich auf den Seiten 120 ff. auf die innige geistig-politische Verbindung der katholischen Traditionalisten um den schismatischen  Erzbischof Marcel Lefèbvre und dem FN hingewiesen und darin erinnert, dass z.B. über viele Jahre vor dem Haupteingang der traditionalistischenHauptkirche Saint Nicolas du Chadonnet die Blätter des FN gern verkauft werden. Auch traditionalistische Klöster waren und sind Hochburgen der FN Fans, man denke etwa an die Abtei St. Madelaine in Le Barroux bei Avignon unter dem Abt Gérard Calvet.

Jean-Marie Le Pen hat immer wieder mit den Traditionalisten Messen gefeiert, etwa aus Anlass der Jeanne d Arc Feste. Bei den katholischen Traditionalisten fühlte sich der FN Chef (eigentlich gar nicht so fromm, wie er sagte) wohl, hat doch Monsignore Lefèbvre z.B. ausdrücklich den chilenischen Diktator Pinochet gelobt. „Katholisch und rechtsextrem hat sich in Frankreich schon seit der Revolution von 1789 gut gereimt“ (S 122 in „Religion in Frankreich“). Auf die heutigen Beziehungen der katholischen Traditionalisten und Marine Le Pens Partei FN wird ein eigener Beitrag folgen.

Christian Modehn

Nachtrag am 1. 9. 2014: In dem neuen Buch der Philosophin Barbara Muraca „Gut leben“, Wagenbach Verlag 2014, Seite 64 ff. wird auf jüngere Aktivitäten von Alain de Benoist, einem der Chefdenker der nouvelle droite hingewiesen. De Benoist präsentiert sich jetzt als Öko-Aktivist, der für eine Welt mit weniger Wachstum eintritt. „Es geht ihm darum, rechtspopulistische Inhalte indirekt zu formulieren und zu tarnen, so dass sie nicht als direkte (sehr rechtslastige  CM) Botschaften erkannt werden und keinen unmittelbaren Widerstand hervorrufen“ (S. 64). Erinnert wird etwa an Bioregionalisms und eine heidnische germanische Naturfrömmigkeit (S. 66) ….

Jetzt folgen die Beiträge aus der ORIENTIERUNG 1982:

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Beiträge in der Zeitschrift Orientierung, Zürich

Meine Beiträge, etwa über die Neue Rechte in Frankreich (1982), in der Zeitschrift Orientierung, Zürich, sind erreichbar unter:
http://www.orientierung.ch/page.asp?DH=30&t1=Christian&t2=Modehn
Die Zeitschrift ORIENTIERUNG wurde leider eingestellt.Aber im Internet sind die Beiträge dieser wichtigen Zeitschrift noch ereichbar.
Meine Artikel im einzelnen:

KIRCHE Nr. 3 15. Februar 1983
Guy-Marie Riobé (1911-1978): Zu einer Veröffentlichung von J. S. Six – Biographie mit reichhaltiger Dokumentation – Ein traditioneller Christ wird Bischof – Öffentlicher Fürsprecher für Kriegs- und Atomtestgegner – Im gesellschaftlich-politischen Konflikt Berufung zum Bischof neu entdeckt – Die politisch-soziale Dimension des Amtes – Im Zweifel für die Freiheit des Evangeliums – «Mystik des Ereignisses» – Priester- und Amtsfrage in der Kirche – Isoliert von seinen bischöflichen Kollegen.
Christian Modehn, Berlin

IDEOLOGIE Nr. 11 15. Juni 1982
Die neue Rechte – europäisches Phänomen (2):: Nominalistischer Wirklichkeitsbegriff und zyklisches Geschichtsverständnis – Herren-Moral bestimmt über Gut und Böse – Lob des Polytheismus gegen den jüdisch-christlichen Monotheismus – Wider die Sprengkraft der politisch umgesetzten Gleichheitsforderung – Christentum nur als Ordnungsmacht akzeptierbar – Forderung nach einem «unversehrten» Europa – Mögliche politische Wirkung der Neuen Rechten: sie bietet einem repressiven Staat Legitimationssprache an.
Christian Modehn, Berlin

IDEOLOGIE Nr. 10 31. Mai 1982
Die Neue Rechte – europäisches Phänomen (1): Gruppierungen, Zeitschriften und Autoren – «Deutsche Seelentiefe» neuentdeckt in Paris – A. de Benoist als wichtigster Propagandist – Nach rückwärts gewandte Kulturkritik – Gefährlicher Denkfehler: Gleichsetzung von «verschiedenen» und «ungleich» – Sozialbiologisch verpacktes Plädoyer für Renaissance von Führern und Eliten – Hierarchie im Tirereich abgstützt.
Christian Modehn, Berlin

PASTORAL Nr. 2 31. Januar 1979
Carl Sonnenschein (1876-1929): Berliner Großstadt-Seelsorger in den «zwanziger Jahren» – Lehrjahre in Wuppertal/Elberfeld und Arbeit beim Katholischen Volksverein in Mönchengladbach – Für die Entklerikalisierung der christlichen Gewerkschaften – Antwort auf die Herausforderungen der Großstadt und ihrer sozialen Probleme – Engagement in der Publizistik – Kirche und deren Klassenbindung als Anfrage an kirchliches Handeln.
Christian Modehn, Berlin

KLÖSTER Nr. 18 30. September 1978
Neue und alte Kommunitäten in Paris: Eine Ordensgründung eigener Art: die «Neue Mönche» in St. Gervais –Oasen der Kontemplation auch bei Benediktinern, Klarissen und Vistitantinnen – «Au curé» gegenüber dem Moulin Rouge – «Gemeinschaft der Hoffnung» – Das Vorbild der Dominikanerinen. Le Saulchoir: Theologie für die Stadt.
Christian Modehn, Berlin

GEMEINDE Nr. 17 15. September 1978
Experimente in Paris: Neue Formen pastoraler Präsenz in der Metropole – Die «offene Kirche» von St. Séverin: Abendkonferenz und Gespräche für jedermann – St. Merri beim Centre Pompidou: Kunstausstellungen und Kirchenmusik – St. Louis d’Antin: Elf Eucharistiefeiern in Bahnhofnähe – Experimente von Laienverantwortung in der Gemeindeleitung.
Christian Modehn, Berlin

THEOLOGIE Nr. 12 30. Juni 1973
Theologie der Befreiung im Gespräch: Südamerikanische Theologie gewinnt in Europa Interesse – Hoffnung nach der Überwindung falscher Gegensätze – Ist die europäische Theologie kapitalistisch? – Die Mühe des Verstehens – Das Ungenügen der Theorie.
Christian Modehn, St. Augustin