Ende der Volksparteien – Ende der Volkskirchen

Hinweise, Fragen, Vorschläge von Christian Modehn

1.
Die Volksparteien finden immer weniger Zustimmung, nicht nur in Deutschland. Das ist vielfach dokumentiert worden in den letzten Tagen und Wochen. Besonders dramatisch ist das langsame Verschwinden der SPD: Niemand weiß mehr, wofür diese sich sozial (einst sozialistisch?) nennende Partei steht. Und wer weiß noch, was das „C“ der so genanten Volksparteien CDU/CSU bedeutet, außer: Abwehr der Sterbehilfe und Eintreten für Pro Life und für Privatschulen! Dabei ist auch durch die Vereinnahmung des Begriffes „Volk“ durch rechtsextreme Parteien dieser Begriff Volk ohnehin problematisch geworden. Wer gehört denn zum so genannten deutschen Volk? Nur die AFD Mitglieder und Wähler etwa? Nicht aber die seit langem hier lebenden Deutschen (mit deutschem Pass) etwa türkischer Herkunft? Auch die Menschen, die als Flüchtlinge hier Zuflucht suchen und finden, gehören zum „deutschen Volk“. Sie sind doch nicht auf ewig Staatenlose!.Von daher ist es gut, dass der Begriff Volks-Partei auch langsam verschwindet.Zumal Volk und Nation bzw. Nationalismus eng verbunden sind. Nationalismus aber das Grundübel unserer Welt ist.
2.
Es drängt sich eine weitere Erkenntnis auf, und dies ist überhaupt keine Attacke eines philosophischen Religionskritikers: Auch die so genannten Volkskirchen werden als Großorganisationen verschwinden. In England sind diese Kirchen längst verschwunden, genauso in Frankreich, in Spanien, in den Niederlanden, Belgien, selbst in Irland: Überall dasselbe Bild. Ich will diese Erkenntnis nicht durch tausend Belege ins Endlose steigern. Denn die Erkenntnis vom Ende der Volkskirchen in Europa ist eine unumstößliche religionssoziologische Tatsache. Die Menschen, vor allem die Jüngeren, distanzieren sich von den einst sich Volkskirchen nennenden Kirchen. Wenn es diese Volkskirchen als Versammlung unterschiedlicher Menschen unterschiedlicher Kulturen und unterschiedlicher Lebenseinstellungen denn jemals gegeben hat: Dann wäre der Verlust dieser offenen, von Gleichberechtigung aller Mitglieder geprägten Volkskirchen tatsächlich ein Verlust. Aber diese offenen, all-umfassenden, d.h. im Wortsinne katholischen Volkskirchen hat es wohl nie de facto gegeben. Die Volkskirchen hatten stets den Mief des Kleinbürgerlichen, Anti-Intellektuellen und Autoritären gehabt. Und die Restbestände dieser Volkskirchen haben noch immer diese „Qualitäten“. Oder kann mir jemand Intellektuelle, Künstler, Wissenschaftler, Journalisten nennen, die sich explizit etwa zur katholischen „Volkskirche“ in Deutschland oder in Holland oder in Frankreich bekennen und diese auch verteidigen und mit ihren freien Beiträgen auch verändern und „bereichern“? Das Eintreten für die Volkskirchen leisten sich nur noch Katholiken, die von der Institution fest angestellt sind und von der Instutution bezahlt werden.
3.
Für Deutschland lautet die neueste Prognose der Forscher-Gruppe um Bernd Raffelhüschen: In 40 Jahren, also 2060, „haben die Kirchen in Deutschland halb so viele Mitglieder und halb so viel Geld wie heute“. Auch diese Studie wurde mehrfach diskutiert. Wenn denn diese „Halbierung“ nicht schon viel früher kommt. Und sie versetzt die Kirchenführungen in eine gewisse Krise, und zwar vor allem: Weil das Geld knapper wird.
4.
Selbst die Kirchenmitglieder wissen nicht genau, wofür diese Kirchen eigentlich noch stehen: Sind es die Weihnachtsgottesdienste, die noch ein bisschen dafür sorgen, dass die Menschen noch Mitglieder der Kirchen bleiben, oder die Wallfahrten oder die Konfirmations/ Erstkomunions-Festlichkeiten, oder die soziale Arbeit in „Trägerschaft“ der Kirchen-Institutionen, wobei der Staat ganz überwiegend dafür das Geld gibt…Vielleicht bleiben viele noch Kirchenmitglieder, weil diese Kirchen gut eingepasst sind in die bürgerliche Ordnung. Bürgerliche „Werte“ vertreten. Klar ist: Diese Kirchen stören nicht den staatlichen Betrieb. Sie fordern mal dies und mal das, überall ein bisschen mehr Gerechtigkeit, aber keine globalen Veränderungen oder Revolutionen zugunsten des Lebens der Zweidrittel hungernder Menschen weltweit. Zugunsten einer radikalen, aber hilfreichen Klimapolitik usw.
5.
Wer wirklich weiter kommen will in der Auseinandersetzung mit dieser Frage, muss sehen: Die Menschen haben kein Interesse mehr an diesen Volks-Kirchen, keineswegs nur, weil so viele Priester des sexuellen Missbrauchs überführt wurden; nicht nur weil der Klerus und die Pfarrerschaft so viel Herrschaft nach wie vor haben.
6.
Allein diese Erkenntnis ist wichtig, und sie wird viel zu wenig diskutiert: Die Menschen verlassen die Kirchen, weil sie mit den tradierten und immer wiederholten und gedankenlos nachgesprochenen LEHREN dieser Kirche nichts mehr anfangen können. Die Kirchen sind dermaßen an die alten Dogmen seit dem 3. Jahrhundert gebunden, dass sie keine Kraft haben: Heutiges Leben im Transzendenz-Horizont zu erzählen und zu deuten. Sie verwenden in den Gottesdiensten und den Predigten allzu oft erstarrte Formeln und Floskeln, die niemand als Deutung der eigenen Existenz versteht. Wer etwa die offiziellen Weihnachtslieder in den Kirchen noch mitsingt oder die Karfreitags-Ostern -Choräle, der muss förmlich seine Vernunft ausschalten und wie in eine ferne Märchenwelt flüchten. So werden Gottesdienste zu Orten sentimentaler Kindheitserinnerungen. Man hat vielleicht Tränen in den Augen, aber seelisches Reifen, ein neues Miteinander, passiert nicht.
7.
Mit anderen Worten: Die Kirchen verschwinden gerade wegen ihres so orthodoxen, so korrekten Festhaltens an den alten Dogmen.
8.
Sie verschwinden, weil sie keine Kraft haben, die alte Liturgie im Gottesdienst beiseite zu stellen und ganz neu Feiern des Lebens, Feiern des Suchens, Feiern der Transzendenz in den Kirchen zu gestalten. In den Kircheninstitutionen herrscht totale Angst, „Wesentliches“ aufzugeben, gerade deswegen leeren sich die Kirchen permanent. Wegen dieses Festhaltens an uralten, aber leer gewordenen Lehren. Die Kircheninstitutionen werden wohl keine Kraft mehr zu haben, ihre Lehren und Gesetze sehr schnell und kräftig zu entrümpeln. Die Starre herrscht vor und die starren Herrscher haben das Sagen. So werden die Kirchen förmlich an ihrer eigenen Traditionstreue unsanft entschlafen. Was es heißt, „Einfach zu glauben“, habe ich immer wieder versucht zu beschreiben, auch im Zusammenhang der neuen liberalen Theologie, für die sich auch der protestantische Theologe Wilhelm Gräb einsetzt. In Holland ist die protestantische Remonstranten Kirche die einzige, die für eine konsequent liberale Theologie eintritt.
9.
Das Verschwinden der Volkskirchen führt vor allem philosophisch zu der Frage: Wer tritt dann noch für Transzendenz ein, wer stellt noch die Gottesfrage. Dabei ist klar: Der Gott dieser Volkskirchen war der griffige Gott, der handhabbare, der als Herrscher gefürchtet, als lieber Gott wiederum verehrt wurde. Wie viel Aberglaube in Form des maßlosen Wunderglaubens wurde von den Kirchen verbreitet? Pater Pio, der angeblich stigmatisierte Volksheilige, ist bekanntlich in Italien bekannter als Jesus Christus. Tatsache ist: Der weitverbreitete Wunderglaube stört die Entwicklung kritischer Vernunft, auch im politischen Bereich. Der irrationale Volksglaube und die irrationale Politik sind eng verklammert. Auch das wird zu selten untersucht: Ist die Kirchenführung korrupt, wie in Italien, Spanien und Lateinamerika, leisten sich die Menschen guten Gewissens auch die Freiheit, wie der „vorbildliche“ Klerus selbst korrupt zu sein, siehe Italien heute wie gestern.
10.
Philosophisch muss man sich dringend die Frage stellen: Wo wird die Frage nach der Transzendenz, die Frage nach dem Göttlichen, neu gestellt, ohne naiven Wunderglauben, ohne klerikale Bevormundung?
11.
Es müssten viele Orte entstehen, in denen in aller intellektuellen Freiheit um diese Fragen gerungen werden kann. Dies wären Plätze, die man „Orte und Schulen des Lebens“ nennen könnte, wo Menschen selbst bestimmt im Dialog zu einem reifen Verständnis ihrer selbst und möglicherweise der Transzendenz gelangen. Dort kann auch die Mystik wieder entdeckt und gepflegt werden, die Mystik eines Meister Eckart oder eines Johannes vom Kreuz oder die Mystik Dietrich Bonhoeffers in den letzten Wochen seines Lebens,um nur Beispiele aus dem christlichen Bereich zu nennen.
12.
Das Ende der Volkskirchen stellt also neue Fragen nach der Zukunft und der entsprechenden Verbreitung religionsphilosophischer Gesprächskreise oder Salons.
13.
Was wird beim Ende der Volkskirchen aus den Treffpunkten, die nun einmal viele volkskirchliche Gemeinden haben? Bleiben sie weiterhin wie die vielen Kirchengebäude verschlossen? Werden die vielen zu Konzerthallen dann umgewandelten Kirchengebäude noch Orte religiöser Musik sein, werden sie Orte der Auseinandersetzung mit Kunst und Literatur und Philosophie werden? Orte der Verabredung für politische Aktionen zugunsten einer gerechten Gesellschaft?
14.
Wo kann in vernünftiger, argumentierender Weise noch von den Propheten der Bibel, und damit auch von Jesus von Nazareth, gesprochen werden? Wird prophetische Gesellschaftskritik noch einen Platz haben?
15.
In jedem Fall kann das Ende der Volkskirchen eine Chance sein, so dass jeder sich selbst fragt: Was ist eigentlich der Mittelpunkt meines Lebens? Wo will ich hin, welches Leben will ich selber führen in dieser verrückten Welt? Insofern kann das Ende der Volkskirchen auch einen neuen Aufschwung bieten für eine neue Vielfalt spiritueller Gruppen.
16.
Vielleicht kann nun die plurale Verbundenheit mit mehreren spirituellen Traditionen besser gelebt werden, etwa Christentum-Buddhismus oder Christentum-Sufitraditionen; Christentum und skeptische Philosophie…
17.
Der Bedarf an Gesprächen wird also bleiben. Seelsorge, wenn man so will, wird wichtig bleiben; vielleicht werden die Menschen einander helfen, sich um ihre Seele zu sorgen. Und politisch gemeinsam zu handeln: Dass diese Welt nicht durch die Verblendung unfähiger Politiker und raffsüchtiger Ökonomen untergeht. Dass die gestressten Pfarrer heute noch Seelsorger, qualifizierte Seelsorger sind, glaubt eigentlich niemand mehr so recht. Welcher Pfarrer ist schon bereit, mit anderen die Poesie der Seele, also das persönliche Beten, zu lehren? Geschweige denn, Meditieren zu lehren? Oder vernünftige Auskunft über den Glauben zu geben?
18.
Manche meinen, das Ende der Volkskirchen bewirkt den Aufstieg der so genannten Freikirchen, also der evangelikalen oder pfingstlerischen Kirchen und Gemeinschaften. Das mag faktisch so sein, weil diese Kirchen oft eine sehr emotionale Gemeinschaft bieten. Aber ihre theologische Lehre ist so schwach, so wenig vernünftig vermittelbar, dass diese so genannten Freikirchen keine Kraft haben, diese Welt vernünftig zu gestalten. Bestes Beispiel ist jetzt der brasilianische Präsident Bolsonaro, der als Ex-Katholik leidenschaftliches Mitglied einer dieser Freikirchen ist: Seine politische Konzeption und Herrschaft nennen viele objektive Beobachter einfach nur faschistisch. Aber: Der Widerstand gegen diesen Wahn regt sich! Vielleicht wird Bolsonaros Freund, Mister Trump, endlich durch eine Art Aufstand der Anständigen in den USA aus dem Amt gefegt. Aber auch dort sind es die Evangelikalen und Pfingstler, die an Mister Trump, stur und dumm festhalten. Die einst machtvollen „mainline-Churches“, also gewissermaßen Volkskirchen der USA, sind ebenfalls zu schwach, wie die Episcopals, einige Lutheraner, Presbyterians usw…Die Katholiken sind heillos zerstritten und müssen alle Energien aufwenden, um die maßlosen Verbrechen vieler Priester „aufzuarbeiten“. Der sexueller Missbrauch im Klerus verhindert also den kritischen gesellschaftlichen Elan.
19.
Dringend wäre ein Bündnis mit den jungen Menschen, die etwa in den Friday-for-future-Demos die Bewahrung der Natur und der Menschen JETZT einfordern. Diese Bewegungen junger Menschen sind außerhalb der Kirchen entstanden, das ist bezeichnend. Vielleicht sollten wir uns also nicht zu viele Sorgen machen, wenn die Volkskirchen klein und kleiner werden. Der Geist, der heilige, weht eben wo er will und wann er will: Und der Geist weht in diesen Bewegungen junger Menschen, ohne dass man diese gleich heilig sprechen muss. Aber in allem Nein zu lebensfeindlichen und unvernünftigen politischen Konzepten der kapitalistischen Herrschaft zeigt sich der Geist der heilige. Der heilige Geist liebt das Nein, die dialektische Bewegtheit, das lehrt uns Hegel.
20.
Wie auch immer es mit den „Volkskirchen“ weitergeht: Ihr Ende haben sie zum großen Teil selbst zu verantworten. Schuld daran sind sie selbst wegen ihrer dogmatischen Erstarrung und bürokratischen „Herrlichkeit“. Und nicht, wie etwa der Religionssoziologe Detlef Pollack vermutet (in: Christ und Welt, 29. Mai 2019, Seite 1) ist verantwortlich zu machen „das wachsende Einkommen heute“, womit sich „immer mehr Menschen die säkularen Waren -und Freizeitangebote leisten“. Solche Äußerlichkeiten, „wachsendes Einkommen“, zählen nicht!
Zu fragen wäre ja, ob denn tatsächlich in den Blütezeiten der Volkskirchen, als man noch um 1900 riesige Kirchen mit 1000 Sitzplätzen baute, tatsächlich die Kirchgänger und Kirchenmitglieder freiwillig und aus Überzeugung und innerem Bewegtsein die Gottesdienste besuchten. Studien zeigen: Dies waren meist nur äußerliche, oft von den Arbeitgebern erzwungene Kirchenbindungen. Sonst hätten sich doch nicht Christen aus Deutschland und Christen aus Frankreich in dem Getümmel des Ersten Weltkrieges gegenseitig totgeschlagen. Die Volkskirchen offenbaren also ihre innere Schwäche. Sie haben die Menschen nicht nachhaltig geprägt, nicht friedlicher gemacht, sondern eher noch im Nationalismus, dieser Ursünde, bestärkt.
21.
Ist es also so „schlimm“, wenn diese Volkskirchen zur Minderheit werden? Ich meine: Eher nicht. Denn: Der Geist, der heilige, weht wo er will (vgl. Johannes Evangelium 3,18). Er weht auch vermehrt außerhalb der Kirchen, in den Aktionen zugunsten der Menschenrechte z.B., im Kampf gegen Nationalismus und Rassismus, im Eintreten für den Schutz der noch verbliebenen Natur…Es gibt ja bekanntlich in der philosophischen Überzeugung eine große “Kirche“ der Menschen außerhalb der (Volks)Kirchen, also die Gemeinschaft derer, die sich vom Geist, der Vernunft und der Empathie leiten lassen. Für den Propheten Jesus von Nazareth war dies am wichtigsten im Leben eines Menschen.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Christliche Gemeinden als Schulen der Weisheit … gegen Götzendienst …und für einen Gott, der sich nicht fassen lässt. Interview mit dem Religionsphilosophen Johan Goud, Den Haag.

Christliche Gemeinden als Schulen der Weisheit … gegen Götzendienst …und für einen Gott, der sich nicht fassen lässt.

Interview mit dem Religionsphilosophen Johan Goud, Den Haag.

Die Fragen stellte Christian Modehn für die Zeitschrift PUBLIK FORUM.

Publik_Forum: In den Niederlanden nennen sich 49 % der Einwohner unkirchlich. Tendenz steigend. Die Zahl der Katholiken nimmt ständig ab. 2014 waren es noch 24 %; 16 % nennen sich protestantisch. Unter den 18 – 35 Jährigen ist der Anteil der Christen sehr gering. In einigen Jahren könnte es fast keine Kirchen mehr in Holland geben. Sind unkirchliche Holländer auch unreligiös?

Johan Goud: Sicher nicht. Schon im 17. Jahrhundert gab es „Kirche“ bei uns nur in Vielfalt. Keine konnte beanspruchen, „Religion“ und „Christlichkeit“ uneingeschränkt zu repräsentieren. Jetzt gibt es noch mehr Pluralität, religiőse Alternativen nicht-christlicher Art. Nur 24 Prozent der Niederländer zählen sich zu den traditionellen „Theisten“, also zu den Gottgläubigen. Dagegen sagen 62 Prozent, dass sie an ‘Etwas’ glauben, zum Beispiel an eine „universelle Energie“. Sie bejahen den Satz, wonach es „mehr gibt zwischen Himmel und Erde“ oder bezeichnen sich als Agnostiker. Schon 1946 vertrat der Schriftsteller Simon Vestdijk die These, dass der buddhistisch orientierten, mystisch-verinnerlichten Religiosität die Zukunft gehöre. Sein Buch wurde in kirchlichen Kreisen kaum ernst genommen. Er hat aber recht bekommen.

Kann unter diesen Bedingungen die Auseinandersetzung mit Kunst, Philosophie, Poesie auf neue Weise religiöse Erfahrungen ermöglichen?

In unserer Zeit, die beherrscht wird von rationalistischen und ökonomischen Werten, sollten Kunst und Religion einander als Verbündete anerkennen. Zwar erfordert diese gegenseitige Anerkennung, dass sie sich selbst als relativ ansehen und sich voneinander anregen lassen. Vom Literaturkritiker Paul de Man stammt jedoch die provokative Bemerkung: “Meines Erachtens kann ein Gläubiger nicht lesen“. Er meint damit, dass ein gläubiger Mensch nicht imstande sei, sich selber zu relativieren und ironisieren: ‘Ernst ohne Spiel ist blind’, könnte man darum, Kant paraphrasierend, hinzufügen. Für mich sind Aussagen wie diese eine bleibende Herausforderung. Theoretisch geschieht das Bündnis von Religion und Kunst, indem ich eine Theologie entwickle, die sich ins offene Felde der Sprache stellt und die Worte des Glaubens literarisch auffasst. Praktisch geschieht dies, indem man sich als Theologe für die vielen „Götter“ in Kunst und Literatur öffnet und sich behutsam mit ihnen auseinandersetzt. Denn in Kunst und Literatur findet sich eine Genauigkeit, die empfänglich ist für die flüssige Wirklichkeit der Seele, mit ihren Vermutungen, Beschwörungen, Träumen und Wünschen.

Wird die Suche nach Transzendenz immer mehr zur Sache des einzelnen?

War sie das in gewisser Hinsicht nicht immer schon? ‘Transzendenz’, in welchen Gestalten auch immer, übersteigt letzten Endes alle Zugehörigkeiten und sozialen Konventionen. Sie lässt sich nicht aus dem folgern, was ‘man’ für wichtig hält. Sie ist immer eine Sache von Ich und Du, eine Sache des Einzelnen also. Aber wenn ich wirklich von ihr ergriffen werde, kann ich nicht bei mir selbst als Einzelnem bleiben. Das Denken von Emmanuel Lévinas hat mich an diesem Punkt immer tief beeindruckt: Gott ist der Rätselhafte, der „Spielverderber“, den ich nie erwischen kann: ‘Ich nähere mich dem Unendlichen, insofern ich mich selbst vergesse um des Nächsten willen, der mich anschaut’.

Wie sollten christliche Gemeinden gestaltet sein, damit sie den Suchenden, auch den „Nichtkonfessionellen“, Raum bieten?

Es wäre schön, wenn die Gemeinden sich zu „Schulen von Weisheit“ entwickeln würden – ein Ausdruck des katholischen Theologen Edward Schillebeeckx. Im kritischen Sinne geht es um die Entlarvung von Scheinweisheit und Götzendienst, also um die Kritik am Ökonomismus, am Nationalismus, an der Angst vor dem Fremden. Im positiven Sinn meint „Schule von Weisheit“ die Übung im gemeinsamen Fragen (!) nach Gott, im literarischen Verstehen der Bibel und der Tradition, in der mitfühlenden Kraft von Phantasie und Denken, wie die Philosophin Martha Nussbaum es nennt. Deswegen sollten die Pfarrer Lehrer sein, Freunde unter Freunden – statt Hirten mit ihren Schäflein.

Würde sich damit das bekannte Profil des Christlichen verändern?

Eine Veränderung gibt es gewiss, aber meines Erachtens noch keine grundsätzliche. Die kirchliche Katechese wollte immer auch gläubige Kritik an ‘Luft und Leere’, also an der Eitelkeit sein. Was sich also ändern sollte, ist die Vorliebe für Macht und für große Zahlen, für die autoritäre Ordnung. Ändern muss auch sich die Bevorzugung der Sicherheit statt der Herausforderung und der Fragen. Meinte das alles nicht auch Dietrich Bonhoeffer, als er für ein mündiges, religionsloses Christentum plädierte? Es scheint mir wichtig, dieses Ideal zu pflegen! In den Niederlanden gibt es, anders als in Deutschland, seit Jahrhunderten einflussreiche freiheitliche Traditionen in den Kirchen, Glaubensgemeinschaften im humanistischen Geiste von Erasmus, Geert Grote, Hugo Grotius, Arminius und anderer. Wir brauchen Gemeinschaften, die die humane Glaubenspraxis höher schätzen als die richtige Lehre – auch als Widerstand gegen die Medien mit ihrer Propaganda, die neue und gefährliche Formen von Leichtgläubigkeit und Orthodoxie fördern. In Gemeinden, die das undogmatische Suchen und die gemeinsame Debatte über Gott pflegen, sollte der konfessionelle Hintergrund irrelevant sein.

Johan Goud (geboren 1950) ist emeritierter Professor für Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie und Theologische Ästhetik an der Universität Utrecht und Pfarrer der protestantischen Remonstranten –Kirche in Den Haag, zur Zeit in Hengelo. Zahlreiche Veröffentlichungen.

copyright: PUBLIK FORUM

 

 

 

 

 

 

 

 

Liberale Theologie: Was für sie zählt, ist der Mensch. Interview mit Prof. Wilhelm Gräb

Die liberale Theologie: Wo sie lebt, was sie fordert, was ihr wichtig ist: Ein Interview mit Professor Wilhelm Gräb, Humboldt Universität zu Berlin

Die Fragen stellte Christian Modehn. Veröffentlicht am 31. 12. 2012

Die aktuellen Religionsstatistiken weltweit zeigen, dass die christlichen Kirchen zahlenmäßig zunehmen, vor allem auch in Afrika. Aber es sind Kirchen, die dem sehr konservativen, „orthodoxen“, wenn nicht dem sogen. fundamentalistischen Bereich angehören.
Woran liegt es, dass die eher liberalen und progressiven Kirchen weltweit zahlenmäßig ins Abseits geraten?

Die Kirchen, die wachsen, sind ganz selten „orthodox“, auch nicht „konservativ“ und längst nicht immer in dem Sinn fundamentalistisch, dass sie auf einem starren Wort-Glauben und einer patriarchalen Moral beharren. Die Kirchen, die wachsen, sind in ihrer Lehre undogmatisch, geben aber klare Weisung in der Lebensführung. Es sind solche Kirchen, die die religiösen, ethischen und ökonomischen Lebensbedürfnisse der Menschen zu befriedigen in der Lage sind. Weiter lesen “Liberale Theologie: Was für sie zählt, ist der Mensch. Interview mit Prof. Wilhelm Gräb” »