Viele neue katholische „geistliche Gemeinschaften“ sind krank. Weil vor allem ihre Gründer, deren Geist, krank sind.

Ein Hinweis von Christian Modehn

1.
Warum sollte sich eine breitere, kulturell und religiös interessierte Öffentlichkeit für „neue geistliche Gemeinschaften“ in der römisch-katholischen Kirche interessieren? Weil diese so genannten „neuen geistlichen Gemeinschaften“ im Unterschied zu den klassischen Orden (Benediktiner, Franziskaner, Jesuiten etc.) auch heute noch viele junge Leute als Mitglieder haben; weil sie auch als Ordensgemeinschaften organisiert sind, immer aber, um einen progressiven Anschein zu erwecken, auch Laiengruppen in ihrem frommen Club haben, wie das Opus Dei, die Legionäre Christi, die Neokatechumenalen usw.
Und diese streng reglementierten Organisationen sind nicht nur wegen ihrer beträchtlichen Anzahl weltweit der ganze große Stolz der Führer dieser Kirche. Sie gelten auch als die Hoffnung überhaupt für diese Kirchenführer, Papst, Bischöfe etc. Denn sie wissen: Mit diesem Katholizismus geht es eigentlich zu Ende. Diese alte Gestalt des Katholizismus sollen die sich „neu“ nennenden geistlichen Gemeinschaften retten. Denn sie zeigen in ihren Aktivitäten, die nur neu dem Scheine nach qualitativ theologisch „neu“ sind, de facto aber das alte klerikale System fortschreiben: Dass diese alte und eigentlich starre Kirche noch lebt im Sinne des Vorhandenseins; die Bischöfe sind stolz, dass diese „treuen“ Katholiken sich noch für dieses System der dogmatischen Kirche vorbehaltlos engagieren.

2.
Und jetzt kommen die Katastrophen in Gestalt öffentlich gemachter Erkenntnisse: Diese viel geliebten, und so herzlich klerikal hoffierten neuen geistlichen Gemeinschaften geraten in die kirchenunabhängige Kritik. Sie sind eigentlich eine öffentliche Schande: Denn etliche ihrer Gründer und schon heilig mäßig genannten Gestalten sind des sexuellen Missbrauchs, des geistlichen Missbrauchs, der Übergriffigkeit in jeder Hinsicht, der finanziellen Manipulation, der moralischen Verworfenheit (man denke an den Legionärs-Gründer Pater Maciel: Mehrere Liebhaberinnen, er missbraucht Novizen und Seminaristen wie auch die eigenen unehelichen Kinder, übernimmt gerne Millionenbeträge der Gattinnen usw.) überführt worden.
Das heißt: Die neuen Helden des Katholizismus aus diesen neuen geistlichen Gemeinschaften sind eigentlich sehr traurige Gestalten, wenn nicht Verbrecher, wie der Gründer des Ordens der Legionäre Christi, Pater Marcial Maciel. Dieser von einem Verbrecher begründete Orden besteht übrigens nach wie vor… sicher auch, weil er viel Geld und viele Beziehungen in der Hierarchie hat…

3.
Der religionsphilosophische Salon Berlin musste sich förmlich notgedrungen im Rahmen der philosophisch und theologisch immer notwendigen AKTUELLEN Kritik der Religionen befassen, also auch der Kirchen, also auch der römisch katholischen Kirche.
Bekannt und weit verbreitet sind ja die gründlichen Hinweise des „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin“ zum Orden der Legionäre Christi, zu den Neokatechumenalen oder zu diversen reaktionären neuen Ordensgemeinschaften.

4.
Auf eine andere neue geistliche Gemeinschaft, international verbreitet, aber vorwiegend in Lateinamerika tätig, muss nun hingewiesen werden: „Sodalicium“ ist der Name. Denn da ist Sensationelles passiert: Der peruanische Kardinal Pedro Barreto Jimeno fordert jetzt, dass die in Peru und in vielen lateinamerikanischen Ländern sehr starke Gemeinschaft SODALICIUM aufgelöst, also aufgehoben und damit verboten wird. Diese 1971 in Peru gegründete Priester – und Laiengemeinschaft ist nicht nur theologisch reaktionär, etwa in der Verachtung der Glaubenswelten der indigenen Völker in Peru; der Gründer dieser Gemeinschaft, der Laie Luis Figari, wurde der sexuellen und spirituellen und körperlichen Gewalt gegen seine eigenen Mitglieder überführt. Figari leitete lange Jahre diese Gemeinschaft, 2015 wurde er sogar von seinem eigenen Nachfolger als untragbar empfunden. Und – wie üblich – wurde ihm angesichts der Verbrechen an Kindern – in Zukunft ein Leben des Gebets nahe gelegt. Wie üblich damals in der Kirche, wurde der Täter nicht den Justiz-Behörden übergeben. Das wurde selbst dem Vatikan zu viel, er setzte einen vom Papst bestimmten Leiter dieses Clubs ein. 2017 hat sogar die peruanische Justiz eine Untersuchung eingeleitet „wegen sexuellen, physischen und psychischen Missbrauchs“.

5.
Kardinal Barreto SJ (er lebt in Huancayo, Peru) spricht Klartext: „Der Gründer des Sodaliciums ist ein perverse Person und eine solche Person kann nicht die Heiligkeit des Lebens vermitteln“, bekanntlich ein zentrales Ziel der Kirche. Darum fordert Kardinal Barreto: Dieses Sodalicium, diese Ordens – und Laiengemeinschaft soll aufgelöst werden. Und Barreto betont: Darin ist er sich mit Papst Franziskus einig. Mit dem neuen Erzbischof von Lima, Carlos Castillo Mattasoglio, habe der Papst dieses Thema im Vatikan besprochen.
Man muss wissen: Dieser Club Sodalicium hat lange Jahre die Unterstützung des Opus Dei Kardinals von Lima, Cipriani, gehabt, der als reaktionärer Kirchenfürst einer der heftigsten und förmlich unerträglichen Feinde der Befreiungstheologie war. Man darf sagen: Seinetwegen ist der Gründer der Befreiungstheologie, der peruanische Welt-Priester Gustavo Gutierrez, in den Dominikaner Orden eingetreten, um sich dadurch vor den Attacken Ciprianis zu schützen. Dieser Cipriani wurde, wie zu erwarten, vom polnischen Papst und Opus Dei Freund, Johannes Paul II. zum Erzbischof von Lima ernannt. Ciprinai durfte trotz heftigster Kritik an seiner Theologie bis zur altersbedingten Pensionierung in Perus Kirche herrschen.

6.
Wird nun wird also in Peru „aufgeräumt“? Wird die einflussreiche Organisation Sodalicium aufgelöst? Das wäre ein Wunder!
Denn die Macht dieses Clubs ist groß, kann sie sich doch rühmen, dass kein geringerer als der Erzbischof von Buenos Aires, Kardinal Bergoglio, heute Papst Franziskus, sie im Jahr 2004 in Argentinien zugelassen habe. Warum wohl? Weil diese Gemeinschaft Priester hat! Und nichts ist wertvoller im klerikal verfassten Katholizismus: Als Priester zur Verfügung stellen zu können. Die Qualität dieser geistlichen Herren ist dann erst mal egal. Siehe: https://sodalitium.org/the-sodalitium-in-argentina/

7.
Wer noch weitere Informationen wünscht über das Sodalicium und seinen perversen Ordensgründer: Kann hier noch Hinweise für ein weiteres Studium finden. Schon im Jahr 2015 hat Pedro Salinas, ein ehemaliges Mitglied der Gemeinschaft Sodalicium sein Buch veröffentlicht: Mitad Monjes, Mitad Soldados (Halb Mönche, halb Soldaten). Darin spricht er als Insider ausführlich von der unmenschlichen Herrschaft im Orden, er berichtet vom sexuellen Missbrauch durch den Gründer Luis Fernando Figari usw. Salinas, Pedro, 2015. Mitad Monjes, Mitad Soldados, 324 pages]. ISBN 978-612-319-028-6.

8.
Der Sozialwissenschaftler und Theologe in Mainz, Veit Strassner Sozialiwssenschaftler und Theologe, hat in der Herder Korrespondenz http://www.con-spiration.de/texte/2007/strassner.html 2007 u.a. geschrieben: „Das Sodalitium hatte 1971 der peruanische Laientheologe Luis Fernando Figari als Reaktion auf die entstehende Befreiungstheologie gegründet; es wurde 1997 von Johannes Paul II. als Gesellschaft Apostolischen Lebens für Laien und Priester approbiert. Es wird oft als peruanische Parallele zum Opus Dei gesehen und spricht vor allem Katholiken der Mittel- und Oberschicht an. Das mittlerweile in neun Ländern vertretene Sodalitium ist in Peru besonders stark. Es unterhält die kirchliche Nachrichtenagentur ACI Prensa, durch die es versucht, die öffentliche Meinung zu beeinflussen; es trägt so zur weiteren Polarisierung bei. So versäumt es ACI Prensa beispielsweise selten, von der „Teología Marxista de la Liberación“ zu sprechen, wenn von der Befreiungstheologie die Rede ist.“ Das Sodalicium hat gemeinsam mit dem Opus Dei die religiöse und kulturelle Arbeit im Süd-Anden-Raum zerstört, also den Versuch, die Religiosität und Menschenwürde der dort lebenden Indgenas zu resektieren und zu fördern. Veit Strassner schreibt: „Im Jahr 2006 nahm die Entwicklung eine dramatische Wende: In den Prälaturen Juli und Ayaviri wurden Bischöfe des Opus Dei beziehungsweise des Sodalitium eingesetzt. Beide sind davon überzeugt, dass sich die Kirche in dieser Region in den vergangenen Jahrzehnten zu sehr um soziale Belange gekümmert und darüber die Evangelisierung vernachlässigt habe. Der Inkulturation kritisch gegenüberstehend, bezeichnen sie die indigene Bevölkerung der Südanden mit ihren ihr eigenen, traditionellen Frömmigkeitsformen als „heidnisch“, „götzendienerisch“ und „sündig“ und deshalb einer neuen, wahrhaftigen Evangelisierung bedürftig…

9.
Vor knapp einem Jahr hat die in Peru lebende Journalistin Hildegard Willer geschrieben: „Spätestens seit 2015 wusste jeder in Peru, was hinter der Fassade der einflussreichen katholischen Gruppierung vor sich ging: Gehirnwäsche, psychologische und physische Gewalt, sexuelle Übergriffe bis zu Vergewaltigungen.
Die Journalisten Pedro Salinas und Paola Ugaz hatten in jahrelangen Recherchen Zeugenaussagen ehemaliger Sodalicio-Mitglieder zusammengetragen und veröffentlicht.
Als die beiden Journalisten deshalb vor einem Jahr im Fernsehen sahen, wie der Erzbischof von Piura, Mitglied des Sodalicio der ersten Stunde, neben einem lächelnden Papst Franziskus posierte, als ob nichts geschehen sei, griffen sie zu ihren „Waffen“: Paola Ugaz zur Kurznachricht Twitter und Pedro Salinas zum Meinungsartikel. Dort verglich Salinas Bischof Eguren mit dem wegen seiner Nähe zum Kinderschänder Pater Karadima umstrittenen chilenischen Bischof Juan Barros, der im Juni 2018 schließlich zurücktrat.
Neben der Vertuschung der Straftaten des Sodalicio steht Eguren auch im Verdacht, am Handel mit Ländereien in Piura beteiligt zu sein. Dementsprechende Anschuldigungen waren in zwei voneinander unabhängigen Publikationen gemacht worden“. (Zit. von der bewährten und gründlichen Informationsstelle PERU in Freiburg im Breisgau: http://www.infostelle-peru.de/web/missbrauchs-aufklaerer-wegen-verleumdung-verurteilt/. Hildegard Willer scheibt weiter: Bischof Reinhold Nann von Caraveli, Peru, betont: „Ich weiß nicht, warum der Vatikan so lange braucht, um das Sodalicio aufzulösen“. Bisher läuft ein parlamentarisches Untersuchungsverfahren, sowie ein Strafverfahren gegen das Sodalicio in Peru. Der Vatikan selbst hat – im Zusammenhang mit Mißbrauchsvorwürfen gegen den Sodalitium-Gründer Figari – Sodalicio unter kommissarische Leitung gestellt, seine Existenz selber aber nicht angetastet“.
Das könnte möglicherweise geschehen, wenn ein kleines Wunder der Selbstkritik im Vatikan geschieht.

10.
Über Luis Figari infrmiert das spanische WIKIPEDIA kritisch, das us- amerikanische WIKIPEDIA ausführlich. Google bietet zu Luis Figari 2,6 Millionen Einträge.

11.
Eine zusammenfassende Würdigung: Etliche dieser so genannten neuen geistlichen Gemeinschaften im Katholizismus wurden von seelisch Kranken, Exzentrikern, Egomanen, Geldgierigsten etc. gegründet. Sie haben ihre ahnungslosen Mitglieder oft in diese Mentalität hineingeführt.
Eine lebendige Kirche, eine, die den Menschen dient und alle Starrheit überwindet, ist von diesen Kreisen mit ihren kranken Gründern nicht zu erwarten. Manche klugen Beobachter sagen: „Diese arroganten, aber theologisch meist ungebildeten Leute vertreiben die letzten noch lebendigen, progressiven Katholiken“. Das ist wohl so. Man sehe sich die Kirchenstatistiken in Europa und Lateinamerika an.

copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin