Das Buch „Sodom“ von Frédéric Martel

Macht, Doppelmoral, Homosexualität im Vatikan heute
Eine Buchhinweis von Christian Modehn

1.
(Homo)sexuelle Orientierungen und „Praktiken“ bestimmter Berufsgruppen heute ausführlich und öffentlich „freizulegen“, passt eigentlich nicht in die demokratische Kultur. Solche Untersuchungen lieben absolute Herrscher in Diktaturen, etwa der arabischen und asiatischen Welt, um besser Homosexuelle als angeblich „Perverse“ zu „greifen“, zu quälen, auszugrenzen, zu töten.
Trotzdem ist es sehr berechtigt, dass der französische Journalist und Soziologe Frédéric Martel eine umfangreiche, gründliche Studie vorlegt zu dem Thema: „Das homosexuelle meist versteckte Leben und mühevolle Lieben der Kardinäle, Bischöfe, Prälaten, Priester, Theologen im Vatikan und in anderen Zentren der katholischen Kirche“. Der Titel des Buches heißt provokativ „SODOM“. Auf Deutsch ist diese äußerst umfangreiche, international weit verbreitete und weit geachtete Studie als Übersetzung aus dem Französischen erschienen im S. Fischer Verlag im September 2019.
2.
Frédéric Martel ist in Frankreich als Autor soziologischer Studien bekannt geworden. Sein neues Buch ist eine Art „Meisterwerk“ der geduldigen, Jahre langen Recherchen nicht nur im Vatikan, sondern in vielen Ländern. Dieses Buch ist ein Beispiel der groß angelegten Forschung mit einem Team von 80 Mitarbeitern. Ein Konsortium von 15 Anwälten begleitet – sicherheitshalber – diese umfassende und sicher einmalige Arbeit, die einen Höhepunkt darstellt in der Kritik am römischen Katholizismus heute. Wer als Mitglied der katholischen Kirche(nleitung) dieses Buch gelesen hat, hat die Wahl: Entweder die römische Kirche sofort von Grund auf erneuern (eine neue Reformation) mit der Abschaffung des Pflichtzölibates oder diese Kirche resigniert … zu verlassen. Und den eigenen Weg zu gehen.
3.
Martel kennt die katholische Kirche seit seiner Kindheit, er nennt sich heute „katholischer Atheist“ oder „Atheist mit katholischer Bildung“ (S. 656), ohne dabei militant antireligiös zu sein. Er bemüht sich, seine eigene Meinung zum Thema zurückzuhalten, auch wenn er seine persönliche Betroffenheit „ich selbst bin schwul“ schon auf der Umschlagseite des Buches unter seinem Foto mitteilt. Er schildert ausführlich sein Arbeiten, nennt alle Gesprächspartner in 30 Ländern: U.a.: 41 Kardinäle, 52 Bischöfe, 45 päpstliche Nuntien, über 200 Priester usw… Die verdrängte Homosexualität äußert sich sehr oft in heftigen Feindseligkeiten gegen offen lebende Homosexuelle. Darum gilt die Grundregel: Die heftigsten Schwulenfeinde sind selbst homosexuell…Das gilt vorzüglich und besonders in katholischen, vatikanischen Kreisen, zeigt Frédéric Martel in seiner Recherche.
Martel respektiert deren Wunsch, wenn sie sich gelegentlich nur anonym oder unter Decknamen äußern wollen. Aber manchmal ist die Wut über die Scheinheiligkeit hochrangiger Kardinäle beim Autor zu spüren, etwa wenn er auf den extrem verlogenen homosexuellen Kardinal Lopez Trujillo aus Kolumbien zu sprechen kommt: Dieser Kardinal war ja bekanntlich einer der schlimmsten Feinde der Befreiungstheologie, ein Feind des heiligen Erzbischof Romero, El Salvador. Lopez Trujillo war auch angesehener Mitarbeiter eines von dem deutschen Hilfswerk ADVENIAT begründeten Arbeitskreises „Kirche und Befreiung“; er war später der militante Propagandist gegen den Kondomgebrauch zum Schutze vor AIDS; er war der heftigste Feind gegen die Gleichberechtigung der Frauen. Zudem war er eng verbunden mit den kolumbianischen Drogenkartellen und ihren Paramilitärs (S. 358). UND vor allem dies ist unserem „Fall“ wichtig: Er war einer der ständigsten Kunden von Strichern schon in Medellin, später auch in Rom, als er Chef der „Päpstlichen Rates für Familien“ (sic!) war: Auf seinen vielen Reisen war er stets auf der Suche nach Strichern. Fast möchte man hier den bekannten Aphorismus von Stanislaw Jerzy Lec aus seinem Buch „Unfrisierte Gedanken“ zitieren: „Er war stets von Sodom nach Gomorrah gezogen“. Martel schreibt in seinem Buch: „Lopez Trujillo bezahlte die Stricher, aber dafür mussten sie Prügel einstecken. Aus reinem Sadismus schlug er sie nach dem Geschlechtsverkehr, versichert Martels kolumbianischer Gewährsmann Alvaro Leon“ (S. 365). Martel schreibt weiter: „Wenn in diesem Buch jemand erbärmlich ist, dann er, Lopez Trujillo“ (ebd.). Und auch an anderer Stelle kann sich Martel seines Zorns nicht mehr enthalten: „…Diese Weihwasserschwuchtel, diese Diva des sterbenden Katholizismus. Dieser Teufelsdoktor und Antichrist: Seine Eminenz Alfonso Lopez Trujillo“ (S. 370). Nebenbei: Im Vatikan schlagen heute noch nachdenkliche Priester die Hände über den Kopf zusammen, wenn sie allein den Namen dieses großen Günstlings des polnischen Papstes hören. Wie viel theologischen Unsinn hat dieser korrupte „Sexkardinal“ angerichtet, wie Leid unter den wirklich gläubigen Katholiken verursacht. Wie viele vernünftige Katholiken haben seinetwegen die Kirche verlassen…
Das Paradoxe ist: Diese hohen Kleriker des Vatikans und die Kardinäle und Nuntien sind als Bürger des Vatikans von der italienischen Justiz nicht zu belangen, sie besitzen Immunität, wenn sie etwa mit minderjährigen Strichern in Rom erwischt werden oder in Crusing-Gebieten der römischen Parks auffällig werden. Auch darauf weist Martel hin, und man begreift einmal mehr, warum die Existenz des Zwergstaates Vatikan-Stadt doch noch einen weiteren Sinn hat…Es ist die Immunität seiner höchsten Bewohner, davon hat schon der korrupte US amerikanische Kardinal Paul Marcinkus – auch er Mitglied der versteckten und verklemmten Gay-Priester-Gemeinde profitiert.
Zurück zu Kardinal Lopez Trujillo, et machte als im Vatikan selbstverständlich bekannter, aber nie so benannter Schwuler eine Riesenkarriere. Er wurde von Papst Johannes Paul II. gefördert, weil er ebenfalls ein strammer Anti-Sozialist und Anti-Kommunist war und … über viel Geld verfügte, das im „Kalten Krieg“ nach Polen zur Gewerkschaft Solidarnosc floss.
4.
Frédéric Martel bietet andere extreme Beispiele: Er erinnert an den Gründer der Ordensgemeinschaft „Legionäre Christi“, den Mexikaner Marcial Maciel. Zusammenfassend nennt Martel diesen Ordensgründer und Ordenschef „die teuflischste Gestalt, die die katholischen Kirche in den letzten 50 Jahren hervorgebracht hat und groß werden ließ“ (S.291). Nebenbei, damit wir uns richtig verstehen: Martel und auch der Autor dieses Textes haben überhaupt gar nichts gegen gelebte Homosexualität. Beide haben nur sehr viel dagegen, wenn ganze Netzwerke homosexueller Kleriker ihre hohe Position ausnutzen, um verlogen die Gläubigen zu betrügen: Man denke daran, der Ordenschef Pater Maciel schrieb ein Buch mit dem hübschen Titel „Christus ist mein Leben“, während er sich Strichjungen und Seminaristen hingab, sie in sein Bett schleppte und auch erstaunlich sogar sich mit älteren Frauen sexuell „abgab“, dies freilich nur. um Kinder zu zeugen, die er auch missbrauchte und in vorgetäuschter Liebe finanzieller Nutznießer der betrogenen, selbstverständlich sehr reichen Ehefrauen zu sein. Die Millionen Dollar flossen da nur so.
Eine Geschichte, wie ein Krimi, der leider noch nicht gedreht wurde. Ich habe auf meiner website schon vor 10 Jahren begonnen, kritische Beitrag zu den Legionären und ihrem „Generaldirektor“ Marcial Maciel zu publizieren. Dort kann man sich ausführlich informieren. Das sexuelle total gewordene Treiben und die maßlose, betrügerische Gier nach sehr viel Geld des Marcial Maciel fand erst unter Papst Benedikt XVI. ein gewisses Ende. Als Kardinal in Rom wusste er wie alle Kardinäle und der Papst von dem Treiben dieses Priesters, der den Zölibat gelobt und Keuschheit versprochen hatte. Er hatte dieses Gelübde total „abgelegt“. Papst Benedikt nannte ihn dann einen Verbrecher. Aber der Papst hat Maciel nicht den staatlichen Behören in Rom übergeben, sondern wie unter klerikalen Brüdern damals üblich, sehr freundlich zu einem zurückgezogenen Leben in Buße aufgefordert. Daran dachte der Legionärsgründer Pater Maciel überhaupt nicht: Er setzte sich, schon krank, ins schöne Florida ab, wurde dann 2006 in seiner Heimat Cortija de la Paz versteckt und verschämt von den Seinen bestattet. Wenn alles nach Plan gelaufen wäre und kein Papst ihn in letzter Minute ausgegrenzt hätte, sollte dort eine Art Wallfahrtsort zum heiligen Pater Marcial Maciel entstehen.
Und dies kann man als Skandal bezeichnen, den leider Martel nicht erwähnt: Der Orden der Legionäre Christi (mehr als 1000 Mitglieder) und die von Maciel gegründete weltweite Laiengemeinschaft Regnum Christi (etwa 70.000 Mitglieder) bestehen nach wie vor weiter: In diesen Kreisen der verklemmten Maciel – Freunde erwähnt man offiziell den verbrecherischen Ordensgründer klugerweise nicht mehr, seine Fotos sind von den Wänden verschwunden, wie in einer Art Entstalinisierung, man tut so, als hätte es ihn nie gegeben. Und alles geht seinen üblichen Gang des Vergessens. Warum? Weil beide Gemeinschaften extrem konservativ sind, weil sie enorm viel Geld haben, weil sie immer junge Priester stellen in einer Kirche, die in Europa fast nur noch ältere und greise Priester kennt. Hauptsache also, der Klerus in der alten zölibatären Form bleibt stark. Das ist ja wohl auch auch die Devise von Papst Franziskus.
5.
Es ist nicht Aufgabe dieser knappen Buchempfehlung, alle Details vorweg zu beschreiben. Die Studie enthält vier Kapitel, das erste bezieht sich auf die schwulen Umtriebe am Hofe von Papst Franziskus, die weiteren widmen sich den entsprechenden Geschehnissen am Hofe Papst Paul VI., Johannes Paul II. und Benedikt XVI., wobei unter und mit diesem Papst die heftigsten Anti-Homo-Attacken verbreitet wurden… und Joseph Ratzinger in dieser Homo – Hinsicht sich persönlich in einer gewissen „Grauzone“ bewegt..
Es werden von Frédéric Martel auch einige wenige vernünftige, angstfreie katholische Theologen genannt, etwa der einstige Generalprior des Dominikaner-Ordens, der Engländer Timothy Radcliffe, wobei natürlich den kenntnisreichen Kritikern deutlich ist, dass auch die homosexuellen Netzwerke in den einzelnen Orden hätten freigelegt werden können. Wobei der Dominikaner – Orden für eine deutliche Liberalität in dieser Hinsicht – Gott sei Dank sagen manche – bekannt ist. Wie sehr sich junge homosexuelle Männer gerade in den rigiden (christlichen) Regimen Afrikas förmlich als Mitglieder in die katholischen Klöster und Orden in den großen Städten Afrikas als flüchten, deutet Martel nur an, viele von ihnen hoffen dann nicht ohne Grund, in „priesterlosen“ Gemeinden Europas tätig zu werden…
Zentral bleibt die Erkenntnis, dass eine ganz überwiegende Mehrheit des Klerus homosexuell ist, vor allem im Vatikan. Der Vatikan als Sodom, dies ist die zentrale Aussage der bestens belegten Studie.
Der Vorwurf heißt: Diese schwulen Kirchenführer tun nichts, um im Sinne der Botschaft für die Gleichberechtigung und für den umfassenden Respekt homosexueller Menschen einzutreten. Sie sind selbst derart verdorben und verklemmt, dass ihnen dieser Dienst zugunsten der universalen Menschenrechte gar nicht in den Sinn kommt. Sie leiden unter dem Eingezwängtsein durch das offizielle Zölibatsgesetz, sie wenden alle ihre Energie nur darauf, wie sie ihre Homosexualität bloß nicht nach außen zeigen. Und wie sie in den Abendstunden und Nachts eine andere Identität sich zulegen, um in Rom und anderswo auf die Suche nach Sexkontakten zu gehen.
All das wird von Martel ausführlich dokumentiert. Nicht um die Neugier zu befriedigen, sondern um zu zeigen, zu welchen Irrwegen und zu welchem ja durchaus auch seelischem Leiden das völlig sinnlose und total falsche Zölibatsgesetz führt!
Eine ähnliche Studie würde im Falle der doch immer noch aktiven heterosexuellen Priester zu ähnlichen Ergebnissen der Verlogenheit kommen. Man müsste dann nur deutlich von Alimenten sprechen, die die Bischöfe zu zahlen haben oder von Vergewaltigungen von katholischen Nonnen, etwa in Afrika und Indien, durch katholische Priester. Oder von der Tatsache, dass in Afrika und Lateinamerika auf dem Land, in den Dörfern, die heterosexuellen Priester selbstverständlich mit einer Frau zusammenleben. Alles andere würden die Menschen dort gar nicht verstehen.
6.
Ich habe den Eindruck: Frédéric Martel befindet sich mit seinem wichtigen Buch in interessanter, möglicherweise „guter Gesellschaft“: Papst Franziskus hat schon ein Jahr nach seiner Wahl zum Papst am 22. Dez. 2014 die Kurienkardinäle aufs Allerschärfste sehr allgemein kritisiert; noch einmal am 20.Okt 2017 und im Oktober 2018 „Der Papst gibt den konservativen Gegnern seines Pontifikats zu verstehen, dass er über ihr Doppelleben Bescheid weiß“ (S. 98).
Nebenbei: Sehr spannend lesen sich Kapitel, in denen Martel von seinen Recherchen im die Strichermilieu rund um den Bahnhof „Roma Termini“ berichtet und dabei von der klerikale Kundschaft (S. 163 ff) spricht. Auch über den Zusammenhang von sexueller Gier und materieller Gier unter den Kardinälen und Prälaten schreibt Martel ausführlich. Denn, so der Autor, Luxus – Stricher sind teuer, viele Kardinäle zahlen dann gern im Gebrauch allgemeiner Konten des Vatikans und seiner Behörden, so der Autor.
Dabei nennt der Autor durchaus seltene Beispiele einer menschlich gestalteten Homosexualität unter den Klerikern, aber es sind eben wenige, die so viele Nerven haben, mit ihrem Freund zusammenzuleben. Oft übersieht der Vatikan sogar dieses „Fehlverhalten“, solange kein Betroffener davon öffentlich spricht.
7.
Diese Studie von Frédéric Martel zeigt eindringlich: Das Modell der katholischen Kirche als Zölibats-Klerus-Kirche ist am Ende, diese Kirche ist faktisch noch vorhanden, zum Teil mit Milliarden Euro Summen ausgestattet, aber moralisch und spirituell ist sie ausgelaugt. Die Lösung wäre: Abschaffung des Pflichtzölibats und selbstverständliche Akzeptanz von heterosexuellen wie homosexuellen Priestern. Diese homosexuellen Priester können dann selbstverständlich in einer Partnerschaft oder Ehe leben.
8.
Dies ist die „bleibende Erkenntnis“ dieses Buches: Es sollte ein Ende damit gemacht werden, dass diese sexuell gierigen, sexuell frustrierten, einsamen und wegen ihrer zu bezahlenden Stricher auch Geld-gierigen Prälaten, Kardinäle und Nuntien den Katholiken und der Welt vorschreiben, wie sie, die anderen, zu leben haben. Dieser arrogante Wahn der sexuell Frustrierten sollte sofort ein Ende haben. Hätte denn sonst dieses Buch von Frédéric Martel ein greifbares Ergebnis? Das ist doch die Erkenntnis, die nach der Lektüre dieses wichtigen Buches bleibt. Aber: Welcher Leser glaubt ernsthaft daran, dass sich das klerikale verlogene Zölibatssystem auflöst? Dass es, wie 1989 in dem ähnlich verfassten Regime des „Ostens“, zu einer Wende kommt? Daran glaubt meines Wissens kein Katholik. Die Mauern des Vatikans sind bekanntermaßen wirklich mehrere Meter dick. Die kann niemand stürzen. Der Geist der Tradition ist ebenso kaum zu kippen, weil zu viele Kleriker davon profitieren…
9.
Kardinal Walter Kasper, den der Frédéric Martel besonders schätzt wird in dem Buch zitiert: „Die Leute scheinen auch ohne Gott glücklich zu sei. Das ist die große Frage, die ihn beschäftigt. Wie wir Gottes Weg wieder finden sollen?, fragt der Kardinal Kasper. Er habe das Gefühl, es sei vorbei (mit der Kirche und ihrer alten Gotteslehre, muss man ergänzen). Die Schlacht sei verloren“ (S 161).
10.
Das Buch hat einen einzigen Nachteil: Es enthält kein Namensregister.

Frédéric Martel, Sodom. Macht, Homosexualität und Doppelmoral im Vatikan. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 671 Seiten, 26 Euro.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Be

Katholische Theologie an der Humboldt Universität Berlin: Ist katholische Theologie bei der Abhängigkeit vom Vatikan überhaupt eine freie Wissenschaft?

Ein Hinweis von Christian Modehn am 29.3. 2019

1.
Nun haben sich also Staat und Kirche in Berlin in treuer Verbundenheit festgelegt: Ab Wintersemester 2019 wird es ein „Institut für katholische Theologie“ an der Humboldt Universität geben.
2.
In der am 29.3. 2019 verbreiteten Presse-Erklärung heißt es: „Das Studium soll für Tätigkeiten im Schuldienst, in der außerschulischen Bildungsarbeit in religiösen Organisationen, Verbänden, Medien und in der Wissenschaft qualifizieren und beruht auf einem modernen Konzept, das auch die pluralistische und säkulare Situation in Berlin einbezieht. Es verfolgt zudem eine globalgeschichtliche Perspektive, die es ermöglicht, den Blick über Europa und die westliche Welt hinaus auszuweiten“.
3.
Klingt verheißungsvoll, so etwa, könnte man denken, dass nun die Ursachen der so genannten „Säkularisierung“ (nicht nur in Berlin) und damit die Mitverantwortung der Kirche an diesem Säkularisierungs-Prozess vorbehaltlos untersucht werden. Oder es klingt verheißungsvoll, dass im „Blick über Europa hinaus“ auch die Theologie der Befreiung in Lateinamerika objektiv dargestellt wird, mit all den wohlwollenden Bindungen, die einst der Vatikan mit Präsident Reagan und mit den lateinamerikanischen Militärregimen pflegte, um Befreiungstheologen auszugrenzen, kaputt zu machen und selbständige Basisgemeinden zu zerschlagen. All das sind Fakten, tausendfach belegt, man muss nur die objektiven Studien zu dem Thema heranziehen. Aber die Vergesslichkeit ist groß! Und gewollt!
4.
Damit sind wir beim Hauptproblem: Die katholische Theologie, so wie sie bis jetzt weltweit und auch in Deutschland (seit dem Konkordat 1933 mit Hitler-Deutschland bestens geregelt zugunsten der Kirchenführung) an den staatlichen Unis betrieben werden kann, ist keine freie und unabhängige Wissenschaft. Soweit bekannt, wurde in Berlin über diese Fragen jetzt nicht diskutiert, denn dann hätte der Senat oder die Universitätsleitung ein katholisch-theologisches Institut nicht zulassen können. Nicht ohne Schmunzeln liest man, dass ein paar Tage später, im April 2019, an der HU eine Tagung über „Freiheit der Wissenschaft“ stattfindet. Der Vatikan als „Hort der Freiheit der Wissenschaft“ wird nicht erwähnt, Feinde sind einzig wohl Diktaturen weltweit…
Diese Bindung einer frei forschenden Wissenschaft an die oberste Leitung einer Institution ist ein Skandal, wie im Fall der katholischen Theologie. Wie wäre es, wenn bestimmte Bauernverbände die Professoren für Landwirtschaft mitbestimmen dürfen, oder Theater-Direktoren mitbestimmen, wer Theaterwissenschaftler an einer Uni wird etc. ?
5.
Bis heute ist die Abhängigkeit der katholischen Theologie vom Vatikan, vom Papst und seinen Behörden sowie von den Bischöfen absolut Realität. Dort werden die Weisungen letztlich gegeben, was als wissenschaftliche Forschung gelten darf, dort wird bestimmt, wer als Professor an einer deutschen Universität lehren darf. Immer geht es um das berühmte „Nihil obstat“ aus päpstlichem Munde: „Nichts steht entgegen“ bei der Berufung eines Theologen an eine Universität. Aber wehe, dieser bewährt sich nicht so, wie es die geistlichen Führer wollen: Dann wird ihm das nihil obstat eben, wie im Absolutismus einst, meist ohne lange Begründung, entzogen. Man denke an den Fall des Jesuiten Prof. Wucherpfennig, der – kürzlich – als Bibelwissenschaftler nicht mehr Rektor der Hochschule St. Georgen sein durfte, weil er sich positiv über homosexuelles Leben und Lieben auch in der römischen Kirche geäußert hatte. Erst ein gewaltiger medialer Aufschrei von Professoren und einer breiten Öffentlichkeit bewegte die Herren in Rom dann doch, das nihil obstat dem Jesuitenpater wieder zu gewähren. Es lag sicher auch an dem Thema, der Homosexualität, dass einfach vernünftige Menschen und vernünftige Theologen jegliche Degradierung homosexueller Menschen nicht mehr hinnehmen wollen. Zumal, wie jetzt soziologische Untersuchungen zeigen, es in den vatikanischen Behörden von Homosexuellen nur so wimmelt… Diese Herren können doch gegenüber Menschen ihrer eigenen „Präferenz“ nicht so böse werden, oder? Gerade sie sind aber nach außen hin die schlimmsten „Homohasser“, hat Martel erkundet! Siehe dazu das großartige Buch des Soziologen Fréderic Martel, Paris, mit dem Titel „Sodoma“. Das Buch, Ergebnis vier Jahre dauernder Forschung, wurde in mehrere Sprachen übersetzt. Leider noch nicht ins Deutsche. https://www.rtl.fr/actu/debats-societe/sodoma-livre-enquete-frederic-martel-homosexualite-vatican-7796955681
6.
Die Liste ist lang, die all die Namen umfasst, die in den letzten Jahrzehnten aus dem Kreis der päpstlich genehmen katholischen Theologen rausgeschmissen worden. Prominente Beispiele sind Hans Küng, Leonardo Boff oder in Berlin Michael Bongardt. Dieser hatte als Theologieprofessor an der FU die „Unverschämtheit“ begangen zu heiraten: Darauf durfte Bongardt durch bischöfliche Verfügung (Sterzinsky) nicht mehr katholische Theologie an der FU lehren. Der Staat musste dann dafür sorgen, dass ihm – wie schon im Falle von Küng – ein von den Kirchen unabhängiger eigener Lehrstuhl eingerichtet wurde. Es sind die Steuerzahler, die alle Launen der Kirchenleitung bezahlen müssen, wenn mal ein Theologe „unangenehm“ wird. Und der Staat muss das alles mitmachen in der treuen herzlichen Verbindung mit der Kirche.
7.
Man könnte denken, dass sich unter dem angeblich so progressiven Papst Franziskus alles zum Guten, also zum Offenem, zum Ja zu einer freien Forschung geändert hätte. Aber Irrtum! Einige einleitende Sätze des Lehrschreibens „Veritatis gaudium“ (2017) sprechen die Sprache der Offenheit. Aber die uralte Gesinnung schlägt dann schließlich doch durch, schreibt der an der Universität Erfurt lehrende katholische Theologe
Prof. Benedikt Kraneman:
Quelle: https://www.katholisch.de/aktuelles/aktuelle-artikel/veritatis-gaudium-professor-fordert-anlaufstelle-fur-theologen)
„Der zweite Teil (des päpstlichen Textes), die Normen, hingegen sind von anderem Kaliber. Sie sprechen von Abhängigkeit wissenschaftlich-theologischer Einrichtungen von der Kirche. Ein Nihil obstat Dekane wird eingeführt (Art. 18), was nichts anderes bedeuten würde, als dass eine neu gewählte Leitung einer Fakultät durch Rom bestätigt werden müsste. Die römische Bildungskongregation ist offensichtlich für alle Änderungen von Statuten und Studienordnungen der Fakultäten einzubeziehen. Die Liste von Vorschriften ist lang, bei denen die Kontrolle der Theologie im Vordergrund steht. Es wird sogar ein Zeugnis über die „sittliche Lebensführung“ der Studenten verlangt (Art. 31). Man fragt sich als kritischer Leser, wie frei die Theologie wirklich ist, wenn sie dieser Konstitution unterworfen wird. Der katholisch-theologische Fakultätentag hat zurecht eine ‚Kultur des Gehorsams‘ beklagt, die hier eingefordert werde. So wird von der Theologie tatsächlich eine „Haltung der Ergebenheit gegenüber dem Lehramt der Kirche“ gefordert (Art. 38 §1. 2° b). Dass eine Wissenschaft sich durch „Ergebenheit“ gegenüber wem auch immer auszeichnet, ist schon eine merkwürdige Erwartung. Eine Theologie, die im Modus der Ergebenheit arbeitet, ist nach heutigem Wissenschaftsverständnis völlig unakzeptabel. Würde das wirklich umgesetzt, würde es die Theologie aus der Welt der Wissenschaft herauskatapultieren. Auch wenn mit Absprachen zu rechnen ist, die dieses Dokument für die deutschen Verhältnisse anpassen: Der Geist, der sich in diesem Normen äußert, ist das Problem, und daran wird sich nichts ändern lassen“.
Papst Franziskus spricht in seinen Predigten, etwa im Haus St. Martha, ständig von der Macht des Teufels, darin sehr treu, die uralten Begiffen der Bibel heute ohne weiteres zu übernehmen. Über dieses problematische theologische Niveau des Jesuiten Papst Franziskus schreibt sein Mitbruder, der Jesuit Klaus Mertes, sehr treffend:“Lass das Reden vom Teufel. Sowie du es tust, verbindest du einige Dinge falsch, wie deine Vorgänger auch schon. Der Effekt ist verwirrend. Du lenkst ab…“ Schon bemerkenswert, dass ein Jesuit einen anderen, ziemlich prominenten Jesuiten, den Papst, so öffentlich kritisiert! Pater Mertes zeigt nur das de facto gelebte theologische Niveau des Papstes,dieses kann verschieden sein von offiziellen Statements etc. (Zit. in „Die Zeit“, 14.3.2019, S. 52)
8.
Es gibt in Deutschland 11 katholisch-theologische Fakultäten und ca. 30 weitere katholisch-theologische Institute. Wie groß ist der Beitrag dieser wissenschaftlichen Einrichtungen zum Verständnis der Gegenwart, der großen Probleme der Menschheit? Ist die Zahl der StudenTinnen so gewaltig groß, dass nun auch in Berlin ein katholisch-theologisches Institut eingerichtet werden muss, also wieder ein übliches Institut, wie man es seit 1948 allüberall kennt. Ist das nur der Prestige-Ehrgeiz der katholischen Kirchenführung, eben ein bisschen auch hauptstädtisch wissenschaftlich mitzureden? Der etwa 60 Millionen teure und von vielen als sinnlos bezeichnete Umbau der St. Hedwigs-Kathedrale jetzt reicht nicht als Prestige-Projekt, das übrigens treu vom Staat mit finanziert wird..
9.
Warum aber wagt man nicht etwas Neues, ein großes freies religionswissenschaftliches Forschungs – Institut, auch unter anderen mit der religionswissenschaftlichen Erforschung der katholischen Religion? Warum kein Mut, warum immer dieselbe Leier? So langweilig alles. Will man wirklich die 1000. Dissertation über den Heiligen Augustinus hier produzieren oder die 500. Promotion über den Begriff der Seele beim späten Ignatius? All das und Ähnliches, Relevantes, wird doch tausendfach durchgekaut an den katholisch-theologischen Fakultäten, vor allem in Rom. Man schaue sich nur um, was die Themen der Doktorarbeiten sind! Sind denn die theologischen Forschungen an den religionswissenschaftlich orientierten Fakultäten etwa in Nijmegen (Holland) oder in den USA so furchtbar unergiebig? Für Rom vielleicht ja, nicht aber für die Entwicklung der Religionswissenschaften.
Wie Priester predigen und wie sie Gottesdienste, Messen, Maiandachten etc. würdevoll und im römischen Sinne korrekt (!) halten, muss man ja nicht an einer staatlichen Universität lernen…
10.
Nun gibt es seit vielen Jahren in Berlin-Biesdorf ein speziell nur (!) für Priesterkandidaten einer bestimmten katholischen Gemeinschaft reserviertes Priesterseminar: Es heißt „Redemptoris Mater“ und gehört der sehr konservativen Bewegung „Neokatechumenat“, ihr Motto: „Der Katechismus ist unsere Theologie“. Dies gefällt den Herren in Rom natürlich sehr! Die Dozenten für Biesdorf werden z.T. aus Rom eingeflogen. Diese dort in „abgeschottetem Raum“ ausgebildeten Priester werden dann zur „Freude“ der Katholiken in die Gemeinden entsandt. Viele dieser neokatechumenalen Priester verlassen nach Protest der Gemeinden schnell wieder die Gemeinden… Es ist nicht bekannt, ob diese jungen Neokatechumenalen auch der HU ausgebildet werden. Zu wünschen wäre es fast, weil sie dann wenigstens noch etwas modernen Lebensstil und modernes Leben an einer Universität mitbekämen…
11.
Man lese zur Vertiefung die ausgezeichnete Studie des katholischen Bibelwissenschaftlers Theologen Georg Schelbert SMB, so der Titel, über „Diffamierung der historisch-kritischen Methode in der Bibelwissenschaft“ in der katholischen Kirche. Er zeigt mutig: Grauenhaft, wie unter Kardinal Ratzinger als Chef der römischen Glaubensbehörde noch die historisch-kritische Methode verteufelt wurde, dies zeigt Schelbert. Auf die Lehre von den Dogmen, etwa zur Erbsünden-Ideologie, wird die historisch – kritische Methode gar nicht erst angewendet. Da gilt: Was die Kirchenführung einmal, und sei es im Jahre 430 beschlossen hat, gilt für immer und ewig… Der Beitrag von Georg Schelbert wurde in dem Piper-Buch „Katholische Kirche wohin?“ 1986 veröffentlicht, s 141 ff. Man lese ihn!
12.
Die Idee, eine spezielle Hochschule der Orden in Berlin zu errichten, ist dann wohl erst mal „gestorben“. Über diese Ordenshochschule in Berlin wurde ja von den Dominikanern P. Thomas Eggensper und Pater Ulrich Engel mehrfach berichtet, etwa in der Zeitschrift „Kontakt“ 2017, S. 44 ff. Auch die Kapuziner in Münster hatten sich dafür ausgesprochen, die sehr wenigen noch verbliebenen jungen Ordensleute verschiedener Orden an der Hochschule in Berlin auszubilden. Aber für die wenigen wird wohl eine eigene Hochschule nicht mehr not- wendig sein.
13.
In jedem Fall hat sich Frau Annette Schavan(CDU) und bisherige Botschafterin beim Heiligen Stul dann doch (etwas) durchgesetzt: Sie hatte sogar acht „gut ausgestattete Professuren“ gefordert, schon im Frühling 2017! Sie hat sich auch durchgesetzt in der Abwehr des Neuen, etwa einer interrreligiösen Fakultät der Theologien“. Plural lieben ja Katholiken im Dogmatischen nicht, deswegen empfahl Frau Schavan, dieses kreative, neue Projekt erst mal zu verschieben. So wunschgemäss geschehen. Damit die alte altbekannte Leier weitergeht.
14.
Der Tagesspiegel berichtet heute, am 30.3. 2019, dass sich Erzbischof Koch an diesem neuen katholisch-theologischen Zentrum der HU als Student einschreiben will. Er möchte, so wörtlich, die Säkularisierung studieren…Die Feinheiten religionssoziologischer Säkularisierungsforschung sind tatsächlich ergiebig. Sie zeigen u.a., dass Menschen, die etwa aus der katholischen Kirche in Deutschland ausgetreten sind, sich keineswegs automatisch als Atheisten verstehen. Sie können nur vor ihrem Gewissen einfach keine längere Mitgliedschaft in der römischen Kirche rechtfertigen. Und haben dann ihre je eigene Spiritualität entwickelt, von der die offizielle Kirche so wenig weiss. Ein Freund schrieb mir in dem Zusammenhang sehr treffend: „Wenn Erzbischof Koch säkularisierte Menschen kennen lernen will, in Berlin sind das mindestens ca. 60 % der Bevölkerung: Dann muss er sich nur oft in Orte des säkularen, städtischen und nicht mehr nur „katholischen (Gemeinde-)Lebens“ begeben, also in die Cafés und Kneipen, in die verschiedenen „Bürgerintiativen“ und NGOs, in die Frauenhäuser und Kinderläden, in Schwulen Kneipen und in literarische Debatten oder in die zahlreichen Treffpunkte des humanistischen Verbandes HVD und so weiter: Da sind doch so viele Menschen anzutreffen, die sich säkular nennen. Da kann ein Bichof vieles lernen, an Lebenserfahrungen, an Ängsten, spirituellem Suchen, Kritik an der Kirche etc. Vorausgesetzt ist natürlich: Weniger Pontifikalämter mit Weihrauch und Te Deum feiern, dafür mehr menschlichen Dialog mit Säkularen“.
Pontifex heißt übrigens Brückenbauer.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Der Theologe Johann Baptist Metz: Ein Hinweis auf das Buch „Theologie in gefährdeter Zeit“.

Von Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin
1.
147 Professoren, zumeist Theologen, unter ihnen 12 Frauen, haben sich einladen lassen, kurze Beiträge über den „politischen Theologen“ Johann Baptist Metz zu schreiben. Anlass ist der 90. Geburtstag des von den Autoren in den meisten Fällen gelobten, wenn nicht bewunderten Theologen in Münster. Im Jahr 2018 feierte er seinen 90. Geburtstag. Herausgekommen ist also eine Art Metz – Schmöker, ein Buch von 580 Seiten Umfang, erschienen im LIT Verlag in Münster.
Niemand wird wohl in absehbarer Lese-Zeit ein vielschichtiges Opus so vieler Theologen angemessen „besprechen“ können.
Vorweg: Die „einfachen Leute“, die Arbeitslosen, die Obdachlosen, die Überlebenden der Elendsviertel, wird man in dieser „Festschrift“ zugunsten eines sich „politisch“ nennenden Theologen unter den AutorInnen leider vergeblich suchen, auch „Menschenrechtler“ aus NGOs sind nicht dabei, nicht die Mitglieder militanter ÖKO-Gruppen, nicht die schwulen und lesbischen Aktivisten für die Ehe für alle, auch nicht die Leute der ökumenischen Basisgemeinden: Sie alle sind offenbar von der Metzschen Theologie nicht (so stark) berührt, eigentlich erstaunlich, wenn man an die von Metz selbst viel beschworene theologisch-spirituelle Leidenschaft für „die anderen“, die „Ausgestossenen“ bedenkt.
So also ist eher ein zwar theologiegeschichtlich interessantes Buch entstanden, aber ein Buch wohl von Theologen für Theologen; einige wenige jüdische Autoren sind dabei. Soweit ich sehe, ist aber kein buddhistischer oder muslimischer Gelehrter unter den Autoren oder gar ein expliziter Atheist oder Humanist..
Erstaunlich, wie oft Verehrung für Metz aus manchen Beiträgen vornehmlich katholischer Autoren spricht. Die meisten Autorinnen betonen den globalen und großen prophetischen Gestus ihres Anregers, Doktorvaters, „Meisters“. Rühmen seine Sensibilität, uralte katholische theologische Lehren (wie die Apokalyptik) auf politische Verhältnisse zu beziehen, vor allem aber: Die christliche Botschaft selbst im ganzen als politische Provokation zu deuten, etwa im Sinne eines Eintretens für die Opfer; mit der zentralen Frage, die Metz stets wiederholt: Wie kann man Christ sein und katholische Theologie „treiben“ im Angesicht des von Deutschen begangenen Massenmordes an den Juden. Das KZ Auschwitz wird dabei zum viel beschworenen Symbol für alle Juden-Vernichtung der Antisemiten und ihrer Millionen Mitläufer. Dieses Thema ist enorm wichtig, wird immer wichtiger. Gar keine Frage! Aber wer würde leugnen, dass auch viele andere ganz dringende Probleme, wie die Überwindung der Atomkraft heute, die Klimakatastrophen, die Frage der Geburtenkontrolle angesichts des enormen Bevölkerungszuwachses, oder die Schritte zu einer Überwindung des Neoliberalismus unglaublich viel (mehr) Aufmerksamkeit verdienten von den sich politisch nennenden Theologen. Aber diese Themen werden von Metz und seinen in dem Buch präsentiertem „Schülern“ kaum diskutiert. Insofern wirkt die politische Theologie von Metz doch thematisch sehr „eingegrenzt“.
2.
Hans Küng, nicht gerade ein Intimus von Johann Baptist Metz, weist mit Recht in seinem dann doch etwas – wohl ausnahmsweise – ausführlicheren Beitrag darauf hin: Metz hat sich für die innerkirchlichen Kirchenreformen, etwa zum Papsttum, zur synodalen Struktur der Kirche oder gar zum Zölibat kaum geäußert. Ein großer Kirchen-Reformator im engeren Sinne ist er wohl nicht. Er ist ein Mann der Visionen, der globalen Perspektiven, wie etwa sein Text für die längst vergessene und völlig wirkungslose bundesdeutsche Synode in Würzburg. Aufgrund dieser Begrenzung aufs „Globale“, wie die „Gotteskrise“ konnte Metz Gesprächspartner der Hierarchen bleiben, etwa mit dem damaligen Kardinal Ratzinger.
Interessant ist, dass Jürgen Habermas, eigentlich ziemlich wohl gesonnen gegenüber Metz, auf die tiefe emotionale Bindung des Klerikers Metz an die römische Kurie hinweist: Wie Metz also bei einem Besuch von Habermas nervös, offenbar aber durchaus erfreut schien, weil er eine Einladung zu einer gemeinsamen Messe im Vatikan ausgerechnet mit dem polnischen Papst Johannes Paul II. erhalten hatte (S. 159).
Die Vielfalt der Themen, die in dieser „Festschrift“ angesprochen werden, zeigt: Wahrscheinlich ist die entscheidende Leistung von Metz, neue Fragen in dem damals wie heute ziemlich verkrusteten und ängstlichen katholisch – theologischen Milieu gestellt zu haben. Seine Fragen und Visionen passten auch in die Mentalität der damals Studierenden, weckten die Zuversicht, dass mann/frau als katholische Theologin in moderater Form links sein könne. Obwohl, mit Verlaub gesagt, Metz als politischer Theologe und irgendwie dann ja doch wohl auch linker Theologe sich nie persönlich zu einer sozialistischen Position oder gar Partei bekannt hat. Es wäre wohl nicht so klug gewesen. Es ist auch nicht überliefert, dass Metz aktiv an Friedensdemonstrationen in den achtziger Jahren teilgenommen hat. Aber man kann wohl sagen, im katholischen Milieu herrschte (und herrscht) eine solche Tristesse, dass sich so viele leidenschaftlich an diesen so neuen, kreativen und irgendwie progressiven Denker banden und binden. Dabei bleibt Metz stets der Essayist, der Vortragende, der Herausgeber von Aufsätzen, von Fragen, Provokationen.
3.
Die politische Theologie von Metz hatte vor allem in Lateinamerika theologische und politische Auswirkungen, auch das wird in dem Buch (kurz) deutlich, etwa in dem Beitrag es Brasilianers Alberto da Silva Moreira. Einen Beitrag des Peruaners Gustavo Gutierrez (und Metz – Freundes) habe ich in dem Buch vermisst. Wer den grundlegenden theologischen Wandel eines anderen Metz – Freundes nachvollziehen will, lese den Beitrag des Brasilianers und einst führenden Befreiungstheologen Leonardo Boff: Er hat, endlich möchte man sagen, verstanden, dass es heute auf eine einfache, nicht mehr dogmatisch fixierte Theologie ankommt, sondern auf eine einfache spirituelle Lehre, die alle Menschen darauf aufmerksam macht auf die „Urquelle, aus der alle Menschen leben“ (S. 47). Das ist Weisheit, Theo-logia, in meinem Verständnis, für Menschen aller Religionen und Humanismen offen. Das hat Zukunft. Ob Metz und seine Getreuen da mitgehen, wage ich zu bezweifeln. Wahrscheinlich werden politische Theologen diese Position von Boff als „liberal-theologisch“ kritisieren…
Einzelne Beiträge finde ich besonders wichtig, wie den Hinweis zur Misere der „katholischen Soziallehre“, verfasst von Hermann-Josef Große-Kracht (S. 154). Ohne einen unmittelbaren Bezug auf Metz ist der Beitrag des Historikers Hans-Ulrich Thamer über den „Nationalsozialismus als politische Religion“ lesenswert. Etwas verstörend und darin doch anregend ist der Beitrag von Hans Conrad Zander über den heutigen „Umgang“ mit Auschwitz…Immerhin fanden sich drei Bischöfe bereit, ein paar Zeilen über Metz zu schreiben. Der Bischof von Münster, Felix Glenn, bekannt sogar: „Ich habe als Student so intensiv (Metz) zugehört, dass ich im Anschluss an die Vorlesung Zeit brauchte, um wieder zu mir kommen“ (S. 144). War es eine politisch-theologische Trance, darf man fragen.
4.
Die Leser werden sich freuen, dass in der 2. Auflage ein kritischer Beitrag des bedeutenden Kenners der Theologie Karl Rahner vertreten ist, nämlich von Albert Raffelt: „Aufgrund eines redaktionellen Versäumnisses fehlte dieser Text in der ersten Auflage“, schreiben die Herausgeber( S. 384). Die Beziehung des Lehrers Rahner zu seinem Schüler Metz und umgekehrt war ja nicht ganz einfach. Rahner sprach in seinem Buch „Bekenntnisse. Rückblick auf 80 Jahre“ (Herold Verlag 1984, S. 37) ziemlich offen von einer gewissen Arroganz des politischen Theologen und Rahner-Schülers Metz ihm gegenüber, ihm, dem „transzendentalen“ (d.h. auch der philosophischen Tradition der Aufklärung verpflichteten) und spekulativen Theologen UND Kirchenreformer. Wahrscheinlich ist die Abwehr der Metaphysik, als „griechisch“ fast denunziert, etwas, was mich am meisten an der politischen Theologie ärgert. Die Gottes-Rede einzig mit der Bibel, und dann noch ziemlich unvermittelt, zu begründen, kann meines Erachtens auch für eine christliche Theologie nicht gelingen. Was nicht heißt, dass ich mich jetzt als Ratzinger-Fan oute.
Da und dort sind noch heute TheologInnen tätig, die sich der Grundintention einer politischen Theologie von Metz in ihrem Denken und Handeln (!) bewusst sind. Wo diese etwas jüngeren TheologoInnen Spuren hinterlassen in ihrer Kritik des weltweiten sexuellen Missbrauchs durch Priester, ist unklar; wo sie Spuren hinterlassen in der exakten politisch-theologischen Recherche und Analyse der reaktionären Bewegungen in der römischen Kirche, ist auch unklar. Wo sie sich von Lobeshymnen auf Papst Franziskus, den „Progressiven“, verabschieden, ist ebenso unklar.
5.
War also politische Theologie im Sinne von Metz, trotz aller in dem Buch versammelten interessanten Denkanstöße, nur ein kurzes, kritisches Wehen? Wahrschienlich nicht! Hat „trotzdem“ die Reaktion in der römischen Kirche gesiegt? Ja. Diesen Sieg der politisch agierenden Reaktion im Katholizismus hat Metz nicht vorausgedacht.
Und ein gravierender Mangel dieser politischen Theologie von Metz und seinen Getreuen ist vor allem ihre polemische Abwehr eines liberal-theologischen Denkens, das eben betont: Viele der überlieferten Dogmen und Glaubenslehren sollten wir heute „als freie Christenmenschen“ beiseite legen, zugunsten eines humanen, Sinn stiftenden Glaubens, der einfach ist. Welche Befreiung wäre das für die Christen, die in einem diffusen Wunderglauben und Heiligenkult noch verhaftet sind? Und immer noch Kirchenbindung mit Bindung an eine göttliche Wirklichkeit verwechseln….
6.
Was wir heute brauchen meiner Meinung nach, ist eine exoterische, d.h.von möglichst vielen Menschen vernünftig nachvollziehbare, einfache Theologie im Dialog mit anderen Religionen und Humanismen. Diese ist, noch einmal tatsächlich vernünftig, also nachvollziehbar,sicher nicht apokalyptisch aufgeladen. Warum sollten denn in christlichen Gottesdiensten nicht auch meditative Texte der Sufi-Tradition, von Laotse, oder Gedichte heutiger Autoren vorgetragen und meditativ erschlossen werden? Der christliche Glaube ist ein offenes, heilsames Geschehen und, wie viele Mystiker sagen, tatsächlich einfach, wahrscheinlich in drei Sätzen vernünftig sagbar und … wegen der inneren Wandlung des einzelnen dann auch politisch. Vielleicht wäre dies eine politische Theologie 2. Teil, selbstverständlich auch außerhalb der bestehenden römischen Kirche formuiert.
Insofern lohnt die Lektüre des Buches in jedem Fall, weil sie auf neue, bislang eher verdrängte, aber sicher produktive Gedanken bringt.

Hans-Gerd Janssen, Julia D.E. Prinz, Michael J. Rainer, „Theologie in gefährdeter Zeit“, Stichworte von nahen und fernen Weggefährten für Johann Baptist Metz zum 90. Geburtstag“.
LIT Verlag Münster, 2. ergänzte Auflage 2019, 580 Seiten, 39,90€.

Auf Bittschriften reagiert der Vatikan nicht. Eingaben der Gläubigen sind sinnlos!

Ein Hinweis von Christian Modehn. am 10.2.2019

Gibt es eine Petition, eine Eingabe, einen Aufruf, eine Unterschriftensammlung usw. von katholischen Laien, Priestern und Theologen, die auch nur den leisesten Schimmer von Erfolg hatten bei den höchsten amtlichen Leitern der katholischen Kirche, also dem Papst und seinem Bischofskollegium.

Wie viele Unterschriftensammlungen („Wir sind Kirche“), wie viele Bittbriefe, wie viele Reformvorschläge wurden von der „Basis“ der herrschenden Kleriker-Spitze übergeben: Alles war vergeblich. Und es musste vergeblich sein, und wird vergeblich sein. Das ist eine nüchterne Einsicht, der sich aber alle Unterschriftensammler und „Eingaben-Schreiber“ widersetzen. Sie wissen es, aber ignorieren die Erkenntnis: Die katholische Kirche in ihren gottgewollten, ewigen Strukturen und Gesetzen wird einzig von den bestimmenden herrschenden Klerikern definiert. Wenn diese nicht eine noch so geringe Veränderung wollen, passiert gar nichts! Da können millionenfach Bittschriften im Vatikan landen. Denn einzig Papst und Bischöfe verfügen über die Interpretation der Texte des Neuen Testaments, und behaupten dabei sehr machtbewusst, Jesus Christus persönlich habe dies so gewollt. Sie lesen also diese neu-testamentlichen Texte in der Form, als hätten letztlich nur sie, Papst und Bischöfe, von Christus den Auftrag erhalten, „in seinem Namen und in seiner Vollmacht zu lehren, zu heiligen und zu leiten“ (so der offizielle, weltweit für alle Katholiken geltende „Katechismus der katholischen Kirche“, 1993, § 873).

Noch einmal: „Der Klerus allein lehrt, heiligt“ (was immer das aktuell in den Skandalen um den sexuellen Missbrauch durch Priester bedeuten mag) „und leitet“. Wer diese angeblich gottgewollten Verhältnisse als Laie, als „Basis“ der Kirche, nicht akzeptiert, läuft gegen die viele Meter hohen Mauern, die den Vatikan von der Welt trennen.

Ist das für die Petitionsschreiber so schwer zu verstehen? Offenbar! Sie vergeuden ihre wertvolle Lebenszeit mit solchen Bittbriefen, Bettelbriefen: „Lieber Herr Kardinal, seien Sie doch mal treu dem Evangelium und nicht den Kirchengeboten, hören Sie uns doch bitte mal…“ Das ist der ewige Grundtenor der Bettelbriefe. Sie wirken irgendwie kindlich. Es sind die „Schäfchen, die ihre Hirten anbetteln“. Sie können bestenfalls das Gewissen von Päpsten und Bischöfen etwas ankratzen. Aber Reformen sind von Päpsten und Bischöfen nicht zu erwarten, geschweige denn eine wahrlich Reformation! Denn das würde ihre Macht reduzieren und sicher auch ihren finanzielle guten Status.

Selbst das so genannte Reformkonzil des 20. Jahrhundertes, also das 2. Vatikanische Konzil, hat an der Allmacht des Klerus nichts geändert. Diese ist eine Art feste und fixe DNA-Struktur des Katholizismus, sagte sehr treffend der Bischof von Hildesheim, Dr. theol. Heiner Wilmer.

Papst und Bischöfe sind, was die Kirchenstrukturen und die dogmatischen Lehren angeht, also allmächtig. Sie können de facto ungeniert machen, was sie wollen: Etwa Pfarr-Gemeinden gegen den Widerspruch der Gläubigen zusammenlegen, einzig deswegen, weil der Klerus fehlt. Auf den Gedanken, Laien, Nonnen oder verheirateten Priestern diese Gemeinden als Leiterinnen anzuvertrauen, wollen die Herren nicht kommen. Und wenn im Februar 2019 in Rom diese führenden Herren Bischöfe über sexuellen Missbrauch ihrer lieben, so oft vor den Gerichten geschützten Mitbrüder debattieren, bleiben diese Herren weitgehend unter sich, ohne die ständige Anwesenheit und Mitsprache der Vertreter von Organisationen der Opfer. Selbst die Beschlüsse von Synoden der katholischen „Landes“-Kirchen, etwa einst in Holland oder der Bundesrepublik usw. haben überhaupt keine Bedeutung, sie sind für die Herren der Kirche bestenfalls interessante Hinweise. Diese Synoden waren und sind immer wieder im Blick der römischen Prälaten nette Beschäftigungstherapien und Papierfluterzeugungen…

Freundlicherweise hat der genannte offizielle Katechismus in § 907 aber dann doch (klein gedruckt ) nicht auf den Hinweis einer gewissen Mitwirkung der Laien verzichten wollen. Denn in diesem Paragraphen wird den Laien das „Recht und bisweilen die Pflicht“ zugestanden, ihre Meinung zu dem, was das Wohl der Kirche angeht, den geistlichen Hirten mitzuteilen“. Über die tatsächliche Bedeutung oder gar Wirkung dieser Mitteilungen (manche Laien sind ja froh, wenn ihre Bittschriften überhaupt gelesen werden, wie etwa die vielen Opfer sexuellen Missbrauchs durch Priester) bei den „geistlichen Hirten“ wird im Katechismus gar nichts gesagt. Hingegen werden dort, im § 907, die mitteilenden Laien ermahnt, bei diesen ihren Schreiben auf die „Unversehrtheit des Glaubens und der Sitten und der Ehrfurcht (sic) gegenüber den Hirten“ zu achten! Also bitte nett und höflich bleiben und immer brav-gehorsam…

Außerdem sollen die mitteilenden Laien den „allgemeinen Nutzen“ ihrer Schreiben beachten und die Würde der Personen achten“… Was soll dieser § mit allen seinen Einschränkungen? „Haltet den Mund ihr Laien, eure Schreiben sind so wieso irrelevant für uns Herren der Kirche“. Das ist belegbare historische Erfahrung seit Jahrhunderten. Und auch der jetzige Text der wenigen Petitionsschreiber um Pater Mertes (von Anfang Februar 2019) hat doch eher noch den milden Bittsteller Ton. So reden Verängstigte und Gehorsame gegenüber ihren hohen Autoritäten. Warum schreiben sie nicht: Wir werden uns gewaltfrei, aber wirksam Einlass suchen bei euren Bischofsdebatten zum sexuellen Missbrauch. Wir werden die Eingangstüren des Versammlungsraumes blockieren, so wie einst Wiener Katholiken dem reaktionären Weihbischof und Ratzinger Intimus Kurt Krenn den Zugang in den Wiener Stephansdom versperrten“. So sieht geistlicher Widerstand aus, er hat mit den ewigen netten Petitionen nichts zu tun.

Aber: Warum werden dennoch Petitionen etc. von Laien, von Priestern und Theologen der „Basis“ nach Rom oder an Leiter von Bischofskonferenzen permanent geschrieben: Weil diese armen Laien und Priester der Basis offenbar keine andere Möglichkeit sehen, überhaupt noch ihre Wut irgendwohin zu kanalisieren. Austreten wollen sie nicht, können sie nicht, dazu sind sie zu gehemmt, zu gehorsam. Das Hauptproblem ist ein Glaubensproblem: Tatsächlich wird der Glaube bei Katholiken immer auf den Glauben an diese vorgegebene Kirchenordnung umgelenkt. ABER: Die Kirche ist ein weltlich Ding, das wagt kaum ein Katholik zu denken, geschweige denn danach zu leben. Gerade den Priestern wurde es eingeimpft, dass diese Kirche des allen herrschenden Klerus der liebe Gott so will! Was für eine Gotteslästerung. Oder ist man immer noch so naiv und hofft auf bessere Zeiten, „bei diesem Papst Franziskus“, sagt man dann mit schwärmerischem Blick in ferne Zukunft.

Auf andere Gedanken kommen diese zornig – hilflosen Katholiken der Basis nicht: Ist diese Frage wirklich so abwegig: Man könnte ja durch eine Konversion von sehr vielen Tausend Katholiken in die Lutherische Kirche oder die Reformierte oder progressive liberale und freisinnige (natürlich nicht die evangelikalen oder pfingstlerischen Gemeinschaften) protestantische Kirchen spirituell bereichern! Oder die ewig unzufriedenenKatholiken könnten unabhängige progressive christliche Gemeinden gründen, siehe etwa die Gemeinde Dominikus oder Studentenecclesia (Huub Oosterhuis) in Amsterdam

Dann würde dieses katholische Syndrom aufhören, dass der Glaube sich letztlich erschöpft in einem Sichärgern über die Kircheninstitution.

Christentum gibt es ohnehin nur in Pluralität! Und diese katholische Kirche mit 1,3 Milliarden Mitgliedern kann ohnehin nicht länger auf allen Kontinenten das gleiche Gesicht, die gleiche Liturgie, die gleichen Ämter haben. Warum soll man nicht eine katholische Kirche Afrikas, eine katholische Kirche Lateinamerikas mit eigenen Ordnungen etc. haben. Der alte römische Zentralismus passte vielleicht noch ins 19. Jahrhundert. Er ist heute in der Praxis eine Katastrophe. Das würde selbstverständlich zu einem Ende der jetzigen Form des Papsttums führen, es gäbe dann mehrere „Ober-BischöfInnen“ auf allen Kontinenten, die synodal – demokratisch diese plurale katholische Kirche leiten. Erst dann hätte diese Kirche angesichts der kulturellen Vielfalt den Namen „katholisch“ verdient…Aber das ist absoluteste Zukunftsmusik, ein ferner Traum, denn eher werden die klerikalen Greise in Rom an allem Bestehenden festhalten und dies mit ihrer dogmatischen Gewalt verteidigen.

Und das wäre am wichtigsten: Nicht nur die Amtsstrukturen müssen dringend Richtung Demokratie, Synode etc. verändert werden. Vor allem muss die dogmatische Lehre seit Jahrhunderten mit den ewig selben Formeln und Floskeln entrümpelt werden. So viele dogmatische Sprüche versteht kein Mensch mehr. Gott sei Dank! Ein einfacher, jesuanischer Glaube in Offenheit für andere Religionen und Spiritualitäten, in politischer Verantwortung für diese zerrissene Welt wäre dann lebendig. Also: Entrümpelt auch die Dogmen, schreibt einen Katechismus, der nicht wie der jetzige 816 Seiten umfasst, sondern nur 8 bis 10 Seiten. Der ganze christliche Glaube ließe sich auf den wenigen Seiten als VORSCHLAG und EINLADUNG formulieren. Die katholischen Theologen sollten es doch mal probieren. Oder haben sie als gehorsame Schäfchen auch noch Angst, dass ihnen die vatikanische Lehrerlaubnis entzogen wird. Aber das wäre in der Tat eine Befreiung für eine freie katholische Theologie-Wissenschaft. Weiterarbeiten ohne vatikanische Kontrolle, welch ein Gewinn für die Theologie, die freie Wissenschaft sein will.

Zusammenfassend: Nicht ein paar freundlich gewährte Reformen sind nötig, sondern eine neue Reformation der römischen Kirche ist geboten! Und: Jeder religiöse und fragende und zweifelnde Mensch sollte wissen: Um die je eigene Beziehung zu Gott, zum Göttlichen, zu leben, braucht man nicht autoritäre Kirchen. Die je eigene Mystik wird die Antwort der Zukunft sein, für Menschen, die, trotz der Kirchenmisere, ihren je eigenen Glauben pflegen und in kleinen Kreisen besprechen und feiern.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

“Gläubige sind keine freien Geister”. Anlässlich des 30. Todestages von Thomas Bernhard am 12. Februar 2019

„Gläubige sind keine freien Geister“
Dieser Beitrag wurde in kürzerer Form schon anlässlich des 80. Geburtstages von Thomas Bernhard am 9. Februar 2011 veröffentlicht.
Von Christian Modehn

Inspirierende Religionskritik findet sich „naturgemäß“ nicht nur in explizit philosophischen Texten. Einer der wichtigsten religionskritischen Literaten und Dichter ist zweifellos der Österreicher Thomas Bernhard. Anlässlich seines 80. Geburtstages gilt es, sich einmal mehr zu vergewissern: Sein Denken lebt, auch wenn seine Texte, auch die religionskritischen Passagen, nicht einem bestimmten „Programm“ dienen, nicht auf „Weltverbesserung“ aus sind. Seine Arbeiten „sind allesamt Bruchstücke einer Rebellion…diese Rebellion war sich selbst genug, sein Werk ist enragiert, jedoch niemals engagiert“ (so Marcel Reich Ranicki, in der Rede „Sein Heim war unheimlich“, FAZ vom 24. 2. 1990).

Thomas Bernhard wurde am 9. Februar 1931 im niederländischen Heerlen geboren, weil nur dort seine Mutter das uneheliche Kind zur Welt bringen konnte.
Die Liste seiner großen Romane und Theaterstücke muss hier nicht wiedergegeben werden. Gestorben ist Thomas Bernhard am 12. Februar 1989 in Gmunden, er wurde am 16. Februar 1989 auf dem Grinzinger Friedhof bestattet (neben einer seiner ganz wenigen langjährigen Vertrauten, seiner freundlichen Begleiterin Hedwig Stavianicek: Er nannte sie liebevoll einen „Lebensmenschen“). Ein wunderbarer Titel, wo so viele Menschen eher nicht hilfreiche Lebens-Menschen sind…

Deutlich ist, dass die Arbeiten von Thomas Bernhard nicht „allzu biographisch“ gelesen werden dürfen. Dennoch ist es auch keine Frage, dass seine Romane vieles persönliche Erlebte reflektieren, eben auch Erfahrungen mit der katholischen Kirche vor allem in Österreich. Joachim Hoell spricht in „Thomas Bernhard- ein Porträt“, DTV) etwa im Blick auf den Roman „Holzfällen“ von einer „fiktional-biografischen“ Dimensionen, vieles sei „autobigrafisch“ (S. 135) geprägt.  Nur nebenbei: Die häufige Verwendung von Ortsnamen z.B. in seinem Werk hat doch wohl das Ziel, seinen Texten viel Authentizität zu geben, der Leser soll und kann auch kaum an der Faktizität des Gesagten zweifeln. Bestimmend ist für Bernhard die schon frühe Erfahrung schwerer, unheilbarer Krankheit. „Er konnte nicht existieren, ohne zu schreiben, und er wollte nicht existieren, ohne sich gegen das Elend seiner und unserer Existenz zu empören„. (M. Reich – Ranicki, ebd.)
Religionskritik ist sicher nicht das Hauptthema Bernhards. Wahrscheinlich geht es ihm zentral um die Suche nach Vollkommenheit, vor allem nach einer Vollkommenheit im Leben, die in der Kunst vermittelt wird. In „Holzfällen“ wird deutlich, wo „wahres Leben“ gesucht werden sollte: Nicht in der Verlogenheit der städtischen, intellektuellen Gesellschaften! In „Holzfällen“ sagt der Burgschauspieler: „In die Natur hineingehen und in dieser Natur ein – und ausatmen und in dieser Natur nichts als tatsächlich und für immer Zuhause zu sein, das empfände er als das höchste Glück…Der Gedanke, nichts anderes als Natur zu sein. Wald, Hochwald Holzfällen, das ist es immer gewesen…“ (S. 302, Holzfällen, Suhrkamp, 1984). Nicht die dogmatischen Lehren und Ideologien haben höchsten Rang in der Sehnsucht nach Vollkommenem, sondern: das Leben mit der Natur!

Aber diese Erfahrungen und Einsichten werden für Bernhar völlig überdeckt von Verfall und Zerstörung. Zu den destruktiven gesellschaftlichen Kräften zählte Bernhard u.a. die österreichische Staatsbürokratie und die katholische Kirche. Aber es ist ein LEIDEN an einer (persönlich erlebten!) Kirche, das er deutlich und provozierend beschreibt. Die Kirche bewertet Bernhard nach seiner vertrauten Art eher pauschal und kategorisch, das ist sein „Stil“, durchaus in einer von ihm selbst auch so gewollten „Kunst der Übertreibung“. Bernhard meinte, nur in der Übertreibung erschließe sich bei einer „stumpfsinnigen Masse“ noch die Wahrheit. „Um etwas begreiflich zu machen, müssen wir übertreiben“, so in dem Roman „Auslöschung“.

Der philosophischen (und hoffentlich auch theologischen) Religionskritik steht es gut an, sich mit Thomas Bernhard sehr genau zu befassen und nach der Wahrheit seiner Erkenntnis zu fragen. Und diese kann und soll für manche eher irritierend sein; hilfreich ist sie in jedem Fall!
Was sagt Bernard über die Religion, die bei ihm vor allem als Katholizismus erscheint?
Nur einige Hinweise:
Der 13 Jährige Thomas Bernhard kam 1944 in ein „Schulknaben-Asyl“ in Salzburg; 1945 wurde das von Nazis geprägte Heim in das streng katholische „Johanneum“ umgewandelt. In seinem Buch „Die Ursache“ beschreibt Bernhard, wie geringfügig der Übergang von einem Naziheim in ein katholisches Heim war. Die Züchtigung der Insassen blieb, die rigide Hausordnung ebenso, Bernard spricht von einer schwarz-braun-schwarzen Kontinuität…Ein heutiges Thema, in Zeiten des sexuellen Missbrauchs durch Kleriker.
Mit besonderer Ausführlichkeit wird der österreichische Katholizismus der Nachkriegszeit bis Ende der 1980 Jahre in dem letzten großen Roman „Auslöschung. Ein Zerfall“ (1986) gewürdigt. Der Protagonist Franz Josef Murau versucht, sich von der von der Last der Vergangenheit seiner familiären, katholisch dominierten Heimat Wolfsegg zu lösen, einem Ort, an dem immer noch ehemalige Gauleiter und katholische Würdenträger vereint und versöhnt auftreten. Murau wendet sich an seinen Freund Gambetti, wenn er sagt: “Wir sind katholisch erzogen worden, hat geheißen, wir sind von Grund auf zerstört worden, Gambetti. Der Katholizismus ist der große Angsteinjager, der große Charaktervernichter des Kindes…Die katholische Kirche hat den zerstörten Menschen auf dem Gewissen, den chaotisierten, den letzten Endes durch und durch unglücklichen, das ist die Wahrheit…Die katholische Kirche duldet nur den katholischen Menschen, keinen anderen… Sie macht aus Menschen stumpfsinnige Kreaturen, die das selbständige Denken vergessen… Die Katholiken lassen die katholische Kirche für sich denken und dadurch auch für sich handeln, weil es ihnen bequemer ist, weil es ihnen anders nicht möglich ist“. (Auslöschung, Suhrkamp Verlag, 1. Aufl., 1986, S. 141 f.).
Das ist für Bernard der Skandal: Die Kirche macht aus Menschen nur noch „Gläubige“, ideologisch indoktrinierte Wesen, denen die Ganzheit des Lebendigen abhanden kommt. „Gläubige sind keine freien Geister“; für Bernhard besteht das Ziel des Lebens, wenn man das überhaupt bei ihm so sagen darf, „ein freier Geist“ zu werden.
Zur ewigen Zölibatsdiskussion hat Bernhard auch etwas beigetragen, als er (in „Auslöschung“) Erzbischof Spadoloni (Rom) als den intimen Freund der Mutter seines Protagonisten darstellt (siehe ebd. etwa S. 282f.). Und, als hätte er z.B. den Umgang der Kirche mit pädophilen Verbrechen durch Kleriker zu Beginn des 21. Jahrhunderts geahnt, schreibt Bernhard: Die Katholische Kirche handelt immer nur zu ihrem eigenen Vorteil, schweigt dort, wo zu reden ist, verschanzt sich, wenn es ihr zu gefährlich ist hinter dem jahrtausendelang ausgenutzten Jesus Christus“ (ebd. S. 460).
Auch in anderen Texten wird immer wieder das Thema Religion/Katholizismus thematisiert, etwa in „Der Kulterer“. Dort verbindet Bernhard die Vorstellung von Gefängnis mit dem Begriff Kloster. In „Beton“ wird der Präsident der Caritas als ein Priester beschrieben, der „ein Partyfuchs ist, der galant die Hand küsst und weinerliche Caritasbettelei betreibt“.

In dem Roman “Holzfällen. Eine Erregung“ (1984) wird nicht nur ein seelisch ungerührter, dummer Klerus beschrieben. Die große Vision einer menschenfreundlichen Hoffnungsbotschaft hat diese Kirche, so Bernhard, längst verraten. Bernhard zeigt zwar leise Hoffnungsschimmer, wenn er von einem „Zufluchtsmenschen“ (einem „Laien“) spricht, einer Person, bei der sich die vielen Leidgeprüften aufgehoben fühlen. Sie bietet sozusagen „Seelsorge“. Aber diese Hoffnungsschimmer, auch repräsentiert durch die wenigen „Geistesmenschen“ , werden letztlich von den zerstörerischen Kräften der Welt „ausgelöscht“.
Es müsste einmal untersucht werden, wie Thomas Bernhard in seiner heftigen Kirchen/Religionskritik eng verbunden ist mit dem großen österreichischen Historiker, Publizisten und Dramaturgen des Wiener Burgtheaters (!) Friedrich Heer (gestorben 1983).
Man denke ferner daran, dass Thomas Bernhard noch erlebte, wie der Theologe Kurt Krenn, der Liebling des damaligen Kardinals Ratzinger (Rom), am 3. März 1987 zum Weihbischof der Erzdiözese Wien ernannt wurde mit der speziellen Mission, sich um Kunst, Kultur und Wissenschaft zu kümmern. Krenn war damals sozusagen Inbegriff eines reaktionären Klerus in Österreich. Bei der Bischofsweihe Krenns am 26. April 1987 gab es heftige Proteste. Nicht mehr erlebt hat Thomas Bernhard, wie Papst Johannes Paul II. im Jahr 1994 den als äußerst rechtslastig bekannten einstigen österreichischen Präsidenten Kurt Waldheim ehrte und ihm den „Pius Orden“ verlieh.
Eine auch katholische geprägte Widerstandsszene gegen diesen Katholizismus, der nur auf Macht setzt, hat Bernhard nicht wahrnehmen (wollen?). Er verblieb, um es hegelianisch auszudrücken, in der „Position des Negativen“. Aber selbst auf diesem relativen Standpunkt zu verweilen, kann Wahres erschließen und insofern sehr inspirierend sein. Es gilt sich der Erkenntnis zu stellen, die Marcel Reich Ranicki einmal schön formulierte: „Bernhards Werk kennt keine Sieger, alle Meutereien sind gänzlich nutzlos, stets werden nur Niederlagen gezeigt“ (ebd). Und doch bleibt die „Botschaft“ des Stückes“Heldenplatz“ (von 1989): „Heldenplatz ist der Abgesang auf ein Land, das aus der Geschichte nichts gelernt hat“ (Joachim Hoell, S 145).

PS:
Im Jahr 1995 veröffentlichte ich in der Zeitschrift PUBLIK FORUM einen längeren Beitrag vor allem über die Religionskritik von Thomas Bernhard unter dem Titel: „Wenig Sinn“.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Ordentliche Orden? Neue sehr konservative Ordensgemeinschaften im Katholizismus

Ordentliche Orden? Es gibt immer mehr Ordensgemeinschaften, die kritische Theologie ablehnen.

Hinweise von Christian Modehn, zuerst veröffentlicht am 27.3. 2015. Im Jahr 2019 weiter aktualisiert, weil die reaktionären Ordensgemeinschaften weiterhin blühen und Anlass bieten für religionskritische Hinweise…

Ergänzung am 24.1.2019: Das neue Buch von Doris Wagner, „Spiritueller Missbrauch“ (Herder Verlag 2019) lenkt das allgemeine Interesse wieder einmal auf die Welt der katholischen Ordensgemeinschaften und so genannten „geistlichen Gemeinschafen“ innerhalb der römischen Kirche.

Ergänzung am 26.4.2019: Viel mehr kritische Beachtung in Deutschland verdient die aus Peru stammende neue geistliche (Ordens-und Laien-) Gemeinschaft Sodalicium Vitae Christianae, in Lateinamerika nur sodalicio genannt, dort stark verbereitet, sehr reaktionäre Theologie, Insidern in Peru haben die Korruption, den sexuellen Mißbrauch usw. nachgewiesen. Selbst Bischöfe in Peru fordern eine vom Vatikan ausgehende Auflösung dieser Vereinigung. Vor allem Bischof Eguren von Piura, Peru, sodalicio Mitglied, ist sehr umstritten. Siehe den LINK.

In dem Zusammenhang ist es wichtig wahrzunehmen, wie viele sehr konservative Orden und geistliche Gemeinschaften in den letzten Jahrzehnten tatsächlich entstanden sind. Von einem „Aussterben der Orden“ kann also nur differenziert berichtet werden: Viele Orden sterben in Westeuropa aus, neue werden gegründet mit einem theologischen Background, den man schlicht reaktionär nennen muss. Die Kirchenführung stört das weiter nicht: Sie ist froh, dass wieder Menschen zölibatär leben wollen und als Männer dann auch die klerikale Priesterkirche weiter stützen. Ich habe auf dieser website ausführlich über die Legionäre Christi berichtet, die Neokatechumenalen, dem Engelwerk mit seinem „Kreuzorden“, dem Instititut des Inkarnierten Wortes usw… andere haben das Opus Dei dokumentiert. Man vergesse nicht, dass Kardinal Joseph Ratzinger als Chef der Glaubenskongregation eng mit den Schwestern der Gemeinschaft DAS WERK verbandelt war, die Damen führten ihm den Haushalt… Diese Dokumentation biete ich an, um der immer notwendigen Religionskritik heute ein greifbares Format zu geben. Damit ist freilich nicht gesagt, dass sich reaktionäres Denken nur in den „neu gegründeten Orden“ etc. finden lässt. In den mit Rom versöhnten Klöstern der Traditionalisten wird die sehr konservative Theologie gepflegt, wie in Le Barroux, bei Avignon,  oder in den nach Benedikt XVI. benannten theologischen Hochschule der Zisterzienser in Heiligenkreuz im Wiener Wald…Zur ausführlichen Dokumentation des „rechtslastigen Benedikt XVI.“ klicken Sie„Sodalitium christianae vitae“, also mit dem neutral klingenden Titel „Vereinigung des christlichen Lebens“. Ihr Gründer ist der Peruaner Luis Fernando Figari, in kirchenrechtlicher Sicht ein Laie, der jetzt wegen sexuellen Missbrauchs angeklagt wird. Gegründet wurde diese Gemeinschaft 1971 von Mitgliedern der peruanischen Mittel – und Oberschicht mit dem erklärten Ziel, die Theologie der Befreiung und alle linken „Basisgemeinden“ zu bekämpfen, vor allem aber, um die Inkulturation des christlichen Glaubens unter den Indigenas im Süden Perus zu bekämpfen. Es ist bezeichnend, dass diese „Soladicio“, wie man auf Spanisch sagt, von dem nicht gerade linkslastigen polnischen Papst Johannes Paul II. offiziell anerkannt wurde! Er fand bekanntermaßen alle Katholiken toll und heiligmäßig, die theologisch–reaktionär und ebenso politisch absolut anti-links waren. Dafür gibt es tausend Belege…Aber er ist ein „heiliger Papst“…
Aber schon 2016, nach dem Tod des polnischen Papstes, wurde dieser konservative „Club“ von vatikanischen Sonderbeauftragten untersucht. Einzelne intensive Recherchen zu den Soladicio – Leuten haben Parellelen zu sektenähnlichen, stramm autoritären Gruppen gesehen, etwa zu „colonia Dignidad“ in Chile.
Der des sexuellen Missbrauchs beschuldigte Herr Figari versteckt sich wohl zur Zeit in Rom. „Peruanische Abgeordnete und mit dem Fall befasste Journalisten fordern die peruanische Regierung auf, darauf zu bestehen, dass der Vatikan die Rückkehr von Figari nach Peru anordnet, damit er der peruanischen Justiz und einer Untersuchungskommission des Parlaments Rede und Antwort stehen müsse. Ein Aspekt dabei sei auch die Untersuchung wirtschaftlicher Machenschaften; das Vermögen von Sodalicio wird auf ca. 800 Millionen US-Dollar geschätzt“, so der empfehlenswerte Bericht von Heinz Schulze, den die Infostelle Peru in Freiburg im Breisgau herausgegegen hat: : http://www.infostelle-peru.de/web/die-unheiligen-machenschaften-des-sodalicio-in-peru/
……..

Sie prägen das Gesicht der katholischen Kirche, die 1 Million Ordensfrauen und Ordenmänner. (a). Unter 1,2 Milliarden Katholiken bilden sie eine Minderheit. Aber sie sind Avantgarde, wenn es etwa um Menschenrechte oder theologische Forschung geht. Heute haben die Orden vor allem in Europa und Nordamerika Mühe, ihre radikale „Ganzhingabe an Jesus Christus“, wie sie sagen, verständlich zu machen. Manch eine Nonne fragt, gar nicht so witzig, wer denn als Letzte im Kloster das Licht ausmacht. 2013 bereiteten sich in Deutschland insgesamt 62 Novizinnen auf ihren Dienst in einem „aktiven Frauenorden“ vor. 60 Jahre zuvor gab es noch 3.500 Novizinnen (1). Das Durchschnittsalter der Jesuiten in den deutschsprachigen Ordens-Provinzen beträgt 65 Jahre (2) Die meisten anderen Gemeinschaften haben einen noch höheren Altersdurchschnitt. Einige Orden, wie die Unbeschuhten Karmeliter, können in Deutschland nur durch den Zuzug von Mönchen aus Indien bestehen. Die Augustiner haben in den letzten 20 Jahren 11 Klöster in Deutschland aufgegeben … und einen Konvent neu gegründet (3). Der Theologe Ulrich Engel OP fasst die Stimmung zusammen: „Die Lage scheint hoffnungslos und die Zeit der Orden hierzulande vorbei. So zumindest macht der statistische Überblick glauben“ (4)

Papst Franziskus hat 2015 zum „Jahr der Orden“ erklärt. In Deutschland werden die üblichen Veranstaltungen organisiert: Tage der Offenen Tür, Wochenenden der Besinnung, spirituelle Kurse usw. (5) Ein öffentlicher Kongress rund um das Ordensleben hätte im Mai in Berlin eine kritische Bestandsaufnahme leisten können. Die Tagung wurde unvermittelt abgesagt, aus „organisatorischen Gründen“ sagen die Oberen. Aber sie „haben Angst vor der eigenen Courage bekommen“, meint der Dominikaner Pater Ulrich Engel (6). Denn bei dem Kongress wäre mehr Transparenz, mehr Aufklärung, eingefordert worden. Große Orden, wie die Jesuiten, Franziskaner oder Steyler Missionare, können insgesamt nur noch ihr zahlenmäßig hohes Niveau halten, weil viele hundert Inder, Philippinos oder Indonesier in diese Gemeinschaften eintreten. Drängend ist die Frage, welche Bedeutung das Armutsgelübde in einer Umgebung hat, in der Millionen Einwohner bettelarm sind. Wird das Armutsgelübde in den Ländern des Elends zur Farce? Ist das Ordensleben – wie in Europa im 19. Jahrhundert – ein Sprung in die „Mittelklasse? Durchaus, meint heute der Benediktiner Pater Ghislain Lafont aus Frankreich „Unser Leben als Mönch ist doch sehr auf dem Niveau der Mittelklasse, von einer wirklich armen Kirche sind wir weit entfernt“.(c)

Viele traditionell fromme Katholiken lehnen die „bürgerlichen Orden“ ab und wenden sich neu gegründeten Reformorden zu. Dieses Thema ist für die anderen peinlich, es wird theologisch nicht bearbeitet. Da gibt es die „Franciscan Friars of the renewal“: Sie spalteten sich 1987 vom Kapuzinerorden ab und sind mit 120 Mitgliedern bereits weltweit tätig. Sie vertreten eine sehr konservative Theologie und legen allen Wert darauf, stets das Ordensgewand zu tragen. (d). Von den Minoriten hat sich 1970 der Orden der „Franziskaner-Immakulaten“ abgespalten, heute mit über 300 Mitgliedern. Päpstlich anerkannt, sind diese Franziskaner stark ins traditionalistische Milieu abgedriftet. Diese Mentalität findet sich bei vielen anderen neuen, stark wachsenden Orden, wie dem „Institut vom inkarnierten Wort“ (400 Priester weltweit) oder dem „Institut Christus König und Hoher Priester“, 1990 gegründet, heute 150 Mitgliedern. Die Titel dieser und vieler anderer so genannter neuer Reformorden drücken eine Spiritualität aus, die aus dem 19. Jahrhundert stammt.. Mit diesen Gemeinschaften wächst ein extrem konservativer Klerus heran, der nur darauf wartet, den progressiven Konzils-Klerus zu ersetzen. Diese Gemeinschaften verändern das Gesicht des Katholizismus. Richtung Fundamentalismus eigener Art?

Verdrängt wird insgesamt die Frage: Können die drei klassischen Ordensgelübde überhaupt heute noch gelebt werden, sind sie eine seelische Überforderung?

Über das Gelübde der Keuschheit wird seit vor 5 Jahren diskutiert, seit zahlreiche Missbrauchsfälle in Ordensschulen und Internaten offen gelegt wurden. Das römische Verbot, offen homosexuelle Männer in die Orden aufzunehmen, besteht immer noch. Einzelne Orden gehen –aus Angst stillschweigend – einen anderen Weg. Und noch nie wurde offen besprochen, ob lesbische Frauen in den Klöstern ausdrücklich willkommen sind.

Relativ harmlos erscheint heute das Ordensgelübde des Gehorsams. Bei dem Mangel an Personal kann sich heute jedes Ordensmitglied die Arbeit aussuchen, die ihm gefällt und zu ihm passt. Fordert ein Ordensoberer ein Mitglied auf, eine bestimmte Arbeit zu übernehmen, „dann ist der einzelne so frei, sich ganz oder teilweise oder auch gar nicht darauf einzulassen“, schreibt Pater Thomas Eggensperger OP (7). Aus dem Gehorsamsgelübde wird also eine Art „freie Wahl“.

Wirklich brisant wird es beim Ordensgelübde der Armut. Da bieten die Orden keine Transparenz, sie sind nicht bereit, präzise Auskunft zu geben zum Vermögen einer Ordensprovinz oder eines selbständigen Klosters. Arnulf Salmen von der Zentrale der Deutschen Ordensoberen (Bonn) begründet diese Haltung: „Ordensgemeinschaften erhalten keine eigenen Kirchensteuermittel und müssen für ihren Lebensunterhalt, ihre Altersversorgung sowie für die Finanzierung ihrer sozialen und pastoralen Projekte Sorge tragen. Der Deutschen Ordensobernkonferenz liegen keine Erkenntnisse über die Etats ihrer Mitglieder vor“. (13)

Tatsache aber ist: Die Orden profitieren von der Kirchensteuer: „Etwa 70 Prozent der Ordenspriester sind mit so genannten Gestellungsverträgen in den Diensten der Diözesen tätig“, berichtet Pater Ulrich Engel. (8) Das heißt: Ordensprovinzen sind Nutznießer der von Laien bezahlten Kirchensteuern! Hinzukommt: Die Ordensprovinzen sind „Körperschaften des öffentlichen Rechts“, genießen also einige Steuervorteile. Warum ist dann Aufklärung unerwünscht? Sind Orden also doch eine „Familie“, wie sie gern sagen, die sich abschottet? Wer etwa bei der deutschen Jesuitenprovinz nachfragt, erhält die Auskunft: „Die Jesuiten wissen selbst nicht genau, wie viel Vermögen der ganze Orden in Deutschland hat“ (e). Da stellt sich die Frage: Weil die Orden nun einmal offiziell als arm gelten wollen, haben sie Angst, ihre reale Armut bzw. ihren realen Reichtum zu dokumentieren. Dabei hatte der oberste Leiter des vatikanischen „Ordensministeriums“ Kardinal Joao de Aviz, 2014 gefordert: „Das Zeugnis des Evangeliums verlangt eine absolut transparente Verwaltung der Werke…“ (9).

Einen Hauch von Transparenz bieten einige der großen Klöster in Österreich. Die Prämonstratenser in Schlägl beziffern ihren Waldbesitz mit 6.500 Hektar (also 65 Quadratkilometer). Einnahmen bietet ihnen auch die Brauerei, ein Hotel, und die Produktion von Ökostrom in Wasserkraftwerken usw.(9b) Das Augustiner-Chorherren-Stift Klosterneuburg nennt selbst als Eigentum 8000 Hektar Wald! Es hat 108 Hektar Weinanbau, 700 Wohnungen und 4.000 Pachtverträge für Immobilien. Natürlich kostet der Erhalt des prachtvollen Kloster-Palastes viel Geld, allerdings hilft bei Renovationen kräftig der österreichische Staat. Das sehr wohlhabende Klosterneuburg hat 2013 15.000 Euro für Hochwasseropfer gespendet, auch der Armen in Rumänien wird mit Spenden gedacht (9a).

Wie kann ein einzelnes Ordensmitglied arm sein in finanziell gut ausgestatteten Klöstern und Ordensprovinzen? Wenn der Orden reich ist, warum kann sich ein armer Ordensmann nicht sein Privatauto leisten oder eine eigene Kreditkarte? Jeder Mönch und jede Nonne lebt in einem finanziell absolut sicheren Netz. „Wir geloben die Armut“, sagt mir ein Ordensmann, „aber die Armut leben die anderen, etwa die allein erziehenden Mütter“.

Aber manchmal können die Ordensleitungen nicht mehr verheimlichen, über welches Vermögen sie verfügten. So musste der Generalobere der Franziskaner, P. Anthony Perry, Ende 2014 zugeben (10): Die Ordenszentrale der Franziskaner in Rom sei pleite, weil sich ihr Ökonom, P. Giancarlo Lati, mit vielen Millionen Euro, verspekuliert hat: Er hat in das luxuriöse Hotelprojekt „Il Cantico“ in Rom fehl investiert und in der Schweiz dubiose Anlagen, zum Teil im Rüstungsbereich, gemacht. Aus gesundheitlichen Gründen, so wörtlich, wurde der Mitbruder entlassen. Nicht erwähnt wurde von dem obersten Chef der „Minderbrüder“, aus welchen Quellen den Bettelmönchen diese (nicht genau bezifferten) Millionen überhaupt zur Verfügung stehen.

Seine guten Geschäftsbeziehungen zu dubiosen Managern, wie die italienische Presse vorsichtig sagt, wollte sich der Generalobere des Kamillianerordens, Pater Renato Salvatore, nicht nehmen lassen. Um sein Neubauprojekt bei Neapel mit dem Geschäftspartner Paolo Oliveiro durchzuziehen, ließ er einfach zwei kritische Mitbrüder im Orden verhaften, von falschen Polizisten. So hoffte er ohne deren Stimme noch einmal zum Ordensgeneral wiedergewählt zu werden. Pater Salvatore war gern gesehener Teilnehmer auf Synoden und vatikanischen Tagungen. Diese Schmierenkomödie ums Geld eines „armen Ordens“ endete zunächst mit der Verhaftung des Ordenschefs. Auch die „Ordensgemeinschaft der Armen-Brüder des heiligen Franziskus“ in Düsseldorf hat 7, 2 Millionen – Spenden durch Spekulation verloren (12) Und der ohnehin steinreiche Orden der Legionäre Christi hat Teile seines Vermögens in der Finanzoase Panama bei einer fingierten Briefkastenfirma plaziert, wurde auf einem Kongress lateinamerikanischer Journalisten von berichtet. (14)

Selbst wenn diese Beispiele zur gelebten Ordensarmut die Ausnahmen sein sollten: Die Orden können ihr Ansehen nur wiedererlangen, wenn sie Transparenz zu einer ihrer höchsten Tugenden machen. Vielleicht wäre ein viertes Gelübde, das der Transparenz, angebracht?

Fußnoten.

(a) http://www.k-l-j.de/katholische_kirche_zahlen.htm

 

  1. In HK 2015, Seite 66.

2 (https://www.jesuiten.org/wir-jesuiten/der-orden/zahlen.html;)

3 eigene Recherche: Es handelt sich um die Augustinerklöster:

Messelhausen, Walldürn, Weiden, Regensburg, München Maria v. g. Rat in München; Neu Ulm, Bielefeld, Würzburg Pfarrgemeinde, Dülmen, Zwiesel, Stuttgart,

neu gegründet: Erfurt.

4. HK 2015, 66).

www.orden.de

c: http://www.la-croix.com/Religion/Actualite/P.-Ghislain-Lafont-et-F.-Jacques-Benoit-Rauscher-L-un-des-maitres-mots-de-la-vie-religieuse-c-est-l-humanite-2015-02-02-1275830,   2.2.2015

d: http://franciscanfriars.com/

6 HK S 68

7 Pater Eggensperger OP in: Kontakt, Miteilungen der Dominikaner, 2013, Seite 59.

8 HK s 66.

( e) Mitgeteilt an Modehn vom Pressesprecher der Jesuiten Thomas Busch.

9.

Zu Transparenz: Quelle http://www.dbk-shop.de/media/files_public/mntyhcpvoyq/DBK_2198.pdf

9a Klosterneuburg:

Spenden des Klosterneuburg:

http://www.stift-klosterneuburg.at/suche/

9b

Schlägl: Der Waldbesitz beträgt derzeit ca. 6500 ha. Damit liegt das Stift auf dem 6. Rang der Stifte Österreichs.

In: http://www.stift-schlaegl.at/prodon.asp?peco=&Seite=373&UID=&Lg=1&Cy=1

10-

http://www.ilfattoquotidiano.it/2014/12/19/crac-ordine-francescani-investimenti-in-societa-legate-traffici-droga-armi/1288136/

 

Quelle: http://www.panorama.it/news/urbi-et-orbi/francescani-sullorlo-bancarotta/

 

11.

Zu kamillianer [Esplora il significato del termine: confratelli, padre Rosario Messina e padre Puca] confratelli, padre Rosario Messina e padre Puca http://www.corriere.it/cronache/14_gennaio_07/parlamentari-boss-prelati-nell-archivio-segreto-fiscalista-a567a07e-7763-11e3-823d-1c8d3dcfa3d8.shtml

Mit Mafia:

In realtà – come accerta il Ros – si tratta di Paolo Oliverio. Un tipo che di mestiere fa il commercialista, traffica con l’ordine dei Camilliani, e che ha come clienti, tra gli altri, uomini della P3 e che verrà arrestato dalla Finanza nel gennaio scorso. Mettendogli le manette, il Gico scoprirà che

Quelle: http://www.repubblica.it/cronaca/2014/12/08/news/mafia_capitale_diotallevi-102386631/ 8.Dez. 2014.

 

http://www.giornalettismo.com/archives/1204773/padre-renato-salvatore-il-superiore-dei-camilliani-arrestato/

 

Arme Brüder:

 

http://www.welt.de/regionales/duesseldorf/article124742300/Arme-Brueder-verlieren-wohl-7-2-Millionen-Euro.html

 

13 Arnulf Salmen in einer mail an Christian Modehn

14

http://www.lenversdudecor.org/Legionnaires-du-Christ-Panama-la-route-de-l-argent.html

COPYRIGHT: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Panama: Weltjugendtage des Papstes. Kritische Hinweise

Hinweise von Christian Modehn zum Weltjugendtag in Panama vom 22. – 27.1.2019

Wer weiß: Vielleicht werden bald neue „Panama Papers“ veröffentlicht. Diesmal geht es um theologisch – politische (und dann auch finanzielle) Enthüllungen. Die so schwer eigentlich gar nicht freigelegt werden können. Sie werden in aller Ausführlichkeit im Umfeld der katholischen „Weltjugendtage in Panama“ veröffentlicht, falls es Journalisten gibt, die sich bei dem Kirchen-Thema für objektive, also kirchenunabhängige Recherche und umfassende Investigation interessieren. Dass die äußerst wohlhabende katholische Ordensgemeingemeinschaft „Legionäre Christi“ schon im Dezember 1984 drei OFF-shore Unternehmen in Panama gründete, kann hier nur zum vertiefenden Studium empfohlen werden (8).

Die katholischen, vom Papst und den Bischöfen inspirierten und offiziell vom „Amt“ auch geleiteten internationalen „Weltjugend-Tage“ finden zum 34. Mal in Panama statt. Es war der polnische Papst, der diese Weltjugendtage „erfand“, wohl auch, um zu demonstrieren: Die katholische Kirche hat zumal in den neuen geistlichen, aber sehr konservativen Bewegungen wie den Neokatechumenalen, den Focolarini, dem Opus Dei, dem Regnum Christi etc. doch noch junge Leute vorzuweisen. Sie kann also noch die Jugend „mobilisieren“, die sich von der männlichen Kirchenführung gern leiten lässt. Beim letzten Treffen in Krakau (im Juli 2016) kamen etwa 3 Millionen junge Katholiken zusammen. In Panama rechnen die Veranstalter mit 200.000 TeilnehmerInnen aus etwa 150 Ländern.

Welche Themen müssen in den neuen „Panama –Papers“ kritisch untersucht werden?

Zunächst die neuerbaute luxuriöse Residenz des Botschafters des Vatikans in Panama, dort wohnt der Papst. Man kann sich den Palast des Nuntius im Link ansehen,in einem Land, in dem die überwiegende Zahl der Menschen in Armut lebt, jeder Vierte sogar  „unterhalb der Armutsgrenze“… An dem Beispiel  zeigt sich, was das päpstliche Reden von der „Kirche für die Armen“ bedeutet: Sie ist bloß für die Armen, zynisch gesagt: Sollen sich diese noch an den Luxustempeln des Klerus erfreuen…

Es ist das offizielle Motto dieses Welt- Jugendtreffens in Lateinamerika, das tiefe Irritationen hervorruft, selbst unter fest- angestellten Mitarbeitern der Kirche. Die ihre Kritik natürlich nicht, wie üblich, nach außen hin öffentlich machen können/wollen.

Das Motto dieses Weltjugendtreffens ist ein Zitat, das wie immer bei solchen Treffen dem Neuen Testament entnommen ist. Diesmal ist es ein Wort der Jungfrau Maria, wie es das Lukas – Evangelium übermittelt: „Siehe, ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast“ (Lukas, 1, 38).

Das heißt: Der biblischen Erzählung, dem „Mythos“, folgend, wird das Mädchen Maria von einem Engel besucht. Und der kündigt ihr als Jungfrau eine Jungfrauengeburt an, also die Geburt ihres Sohnes Jesus, der nicht von ihrem Gatten bzw. Lebenspartner Josef gezeugt ist. Maria ist vorbildlich gehorsam, sie sieht sich ausdrücklich als Magd „des Herrn“, und sie stimmt dieser „wunderbaren“ Empfängnis zu („unbefleckte Empfängnis“ sagte früher die katholische Theologie !, der Titel auch ein Hinweis zum Umgang mit Sexualität in der Kirche: „Befleckung“…)

Ich halte dieses Motto der Weltjugendtage in der Lebenswelt heutiger (junger) Menschen zumal in Lateinamerika und der arm gemachten Bevölkerung weltweit für eine „ideologische Katastrophe“. Denn wer als jugendlicher „Nicht-Theologe“ nur diesen Satz des gehorsamen Mädchens Maria hört und liest, wird förmlich ermuntert, den Gehorsam als entscheidend zu deuten. Gehorsam wird also von der Kirche verlangt! Und vor allem Frauen und Mädchen mögen doch bitte wie Maria gehorsam sein. Also konkret: Den Männern gehorchen.

Die Unterdrückung der meisten Frauen und Mädchen in Lateinamerika ist himmelschreiend: In den meisten lateinamerikanischen Ländern sind dank des politischen Einflusses der römischen Kirche fast alle Formen der Geburtenregelung und des Schwangerschaftsabbruchs gesetzlich verboten. Wie viele tausend Mädchen sterben bei „Kurpfuschern“, die reichen Damen fliegen nach Nordamerika zur medizinisch korrekten Abtreibung. Lediglich Uruguay ist in Lateinamerika eine vorbildliche Ausnahme. Warum? Weil die römische Kirche dort wenig Einfluss hat. Eben ein laizistischer Staat.

Hinzu kommt die ständige Bedrohung junger Menschen, vor allem der Mädchen, die wie Objekte für Vergewaltigungen missbraucht werden, in Zentralamerika, aber letztlich in ganz Lateinamerika: In Zentralamerika herrscht, abgesehen von Costa Rica, die totale Gewalt der Jugendbanden, der so genannten Maras. Diese rekrutieren als brutale männliche Verbrecher eben auch Mädchen. (1) Und die finden nur die Mitgliedschaft bei einer der „Familien“ der Maras, wenn sie sich vorher vergewaltigen lassen. Warum ist es dem so genannten Heiligen Vater nicht bekannt, dass beim Frauenmord, den Femiziden, die Gewalt gegenüber Frauen in ganz Lateinamerika erschreckend hoch ist? (2) Was soll in einer solchen Misere der Mythos von der gehorsamen Maria, die dem HERRN (!) gehorsam folgt und alles annimmt, was der HERR über einen Engel vermittelt ihr da zumutet.

Noch einmal: Diesen Satz aus dem Mythos des Lukas Evangeliums als Motto zu wählen, ist ein skandalöser Fehlgriff.

Die Entscheidung für das Motto soll der angeblich progressive Papst Franziskus selbst getroffen haben: Er und die anderen Herren im Vatikan hätten nur ein paar Verse im Lukas-Evangelium weiter lesen müssen, dann hätten sie DAS wegweisende Motto für die arm gemachten Millionen Menschen gefunden. Da spricht Maria in dem berühmten, sehr politischen Gebet, Magnificat genannt, diese revolutionären Worte:

„Gott stürzt die Mächtigen vom Thron, und erhöht die Niedrigen. Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen“. (Verse 52 und 53).

Hätte man diese Worte als Motto gewählt, würden vielleicht ganz andere Jugendliche in Scharen zu den Weltjugendtagen in Panama kommen, nicht unbedingt Mitglieder frommer, eher fundamentalischer Gruppen, sondern eben politisch wache Leute, die Gerechtigkeit fordern und nicht Gehorsam gegenüber den „Herren“. Aber auch für den Vatikan und den Papst selbst wäre dieses Motto gefährlich, möchte er wirklich als Mächtiger im Sinne Marias „vom Thron gestürzt“ werden? Das hat Luther leider vergeblich schon versucht…Das fromme Motto zugunsten der gehorsamen Frau in einer brutalen Macho-Kultur gefällt sicher auch dem Präsidenten Panamas, dem Herrn Juan Carlos Varela Rodriguez (3). Er bekennt von sich selbst, in enger Verbundenheit mit der katholischen Geheimorganisation OPUS DEI zu leben.

Er ist nach außen hin ein sehr eifriger Katholik, er reist gern in den Vatikan mit seiner Familie, er folgt unmittelbar den Reisen des Papstes, wie etwa nach Krakau, zum letzten Weltjugendtreffen der Katholiken. Als engster Freund des Opus Dei hat er sich sogar seine Wahlkampagne vom Opus Dei mitfinanzieren lassen, mindestens 3 Millionen US Dollar hat er von dieser katholischen Geheimorganisation erhalten (4).

Der Opus Dei Staatspräsident Varela und sein Stab mit Verbindungen zur römischen Opus Die Zentrale üben eine großen Einfluss aus, was die Gestaltung der Weltjugendtage im Januar 2019 betrifft. Bei einem seiner Besuche in Rom hat Varela in einem Opus Dei Zentrum förmlich die Leitlinien des Weltjugendtreffens im Januar besprochen (5).

Staatspräsident Varela ist zudem mit dem Erzbischof von Panama Stadt eng befreundet und auch eng liiert mit dem Kardinal Jose Luiz Lacunza, Bischof der Stadt David in Panama. Beide sind mit einem Augustiner Orden verbunden. Sie haben sich zu feierlichen Pontifikal-Ämtern mit Opus Dei Leuten bereit gefunden und dem Staatspräsidenten dadurch viel Freude gemacht. Zahlreiche Dokumente aus der Presse belegen dies!

Über weitere Details wäre zu berichten, über die die noch halbwegs freie Presse Panamas berichtet:So wurde etwa ein roter Teppich für die Begrüßung des Papstes am Flughafen angefertigt, Kostenpunkt: 14.000 US Dollar.

Die Regierung hat in den ersten 19 Monaten ihrer Amtszeit mehr als 16,7 Millionen Dollar für die Kirchen, vor allem die katholische, ausgegeben. Selbst wenn dabei Renovierungen alter Kirchengebäude eingeplant waren: Die Bevorzugung der katholischen Kirche durch den Staat ist schon auffällig, meint etwa der Historiker Ricardo Rios Torres (6):

Die „Neue Panama Papers“ hätten also genug Material, etwa auch zur neu erbauten und luxuoriös ausgestatteten Nuntiatur in Panama – Stadt, wo ja bekanntlich der Reichtum nur in den wenigen monumentalen Türmen der Neoliberalen sichtbar ist und in den entsprechenden Wohnvierteln. Denn die meisten Menschen in Panama leben in Armut, da passt ein luxuriöses Gebäude des päpstlichen „Botschafters“ gut ins Bild: Die Leute wissen, wo Papst und Kirche sich wohlfühlen… Ob Papst Franziskus dort wohnen wird, ist noch unbekannt. (7). Sogar eine offizielle Publikation des katholischen Hifswerkes ADVENIAT erwähnt in „Blickpunkt Latenamerika“, Ausgabe 4, 2018, auf Seite 16, die neue Residenz des päpstlichen Botschafters in Panama, also des Nuntius: „Dieser moderne Prachtbau wurde gerade für mehrere Millionen US Dollar luxuriös saniert und steht deswegen stark in der Kritik“. Ob der Papst als Verkünder der Option FÜR die Armen in der Residenz wohnen wird, ist laut offiziellen Meldungen wahrscheinlich. Über die vorherrschende Gewalt im Land, zumal in der Stadt Colon, berichtet in dem Heft Gaby Herzog: „Kriminaliät gehört bei uns in Panama zum Alltag… Die Straßen werden in Colón von Banden regiert. Die Regierung hat keinen richtigen Plan, wie sie der Gewalt begegnen kann“, sagt der Interviewpartner Yithzak Gonzalez, ein Mitarbeiter von Adveniat in Panama. „Und zu oft schlägt sich die Regierung auf die falsche Seite, lässt Wohnungen abreißen und an die Stelle moderne Wohn – und Geschäftshäuser bauen“….(ebd.)

Panama wird ständig von Korruptionsskandalen erschüttert: 2015 wurden mehrere Ex – Minister verhaftet, der ehemalige Vorsitzende des Obersten Gerichtshofes wurde wegen Urkundenfälschung zu 5 Jahren Haft verurteilt usw.

Man wird in diesem „Sumpf“ den Eindruck nicht los: Das bewusst gewählte,tatsächlich bei den Macho – Verhältnissen  verrückte Motto dieses Weltjugendtages und das Zusammenspiel von Papst Franziskus und dem Opus Dei Staatspräsidenten wecken schlimme Ahnungen … in diesem seit langem bekannten Land der Korruption. Hoffentlich kommen die 200.000 frommen Jugendlichen wie Maria „unbefleckt“ daraus wieder nach Hause.

Zudem werden sich die kritischen Beobachter fragen:

Wie progressiv, um diese etwas abgegriffene Bezeichnung noch mal zu verwenden, ist Papst Franziskus wirklich, wenn er ein solches absurdes Motto für den Weltjugendtag in der von Gewalt geprägten katholischen Kultur Lateinamerikas durchsetzt?

Wie verbunden ist Papst Franziskus, um des eigenen Überlebens willen, mit dem Opus Dei?

Ich meine: Papst Franziskus jongliert hin und her, aber wesentlich ist: Im Grunde aber ist er ein sehr konservativer Theologe. Man lese nur seine Predigten im Haus Santa Marta! Und ein Befreiungstheologe ist er schon gar nicht, auch wenn er von der „Option FÜR (!) die Armen spricht, also von der caritativen Geste „der“ Kirche FÜR die Armen. Und eben nicht MIT ihnen in gleichberechtigter demokratischer Partnerschaft.

–Wie wird des 1971 ermordeten Sozialpriesters Hector Gallego gedacht? Er wurde verschleppt, gefoltert und von Militärs aus einem Hubschrauber  ins Meer geworfen. Gallego organisierte – sozusagen als einer der ersten Begreiungstheologen – arme Landarbeiter. Staat und Kirche nannten ihn in ihrer gemeinsamen Verblendung wie üblich einen Kommunisten. Eine ideologische Redeweise, der sich auch Papst Johannes Paul II. und Ratzinger gern bedienten, um Befreiungstheologen mundtot und dann auch mit staatlicher, d.h. rechtsextremer diktatorischer Hilfe, „tot zu machen“… Siehe Erzbischof Romero etc…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Quellenangaben:

(1)https://de.globalvoices.org/2016/02/14/die-gefahrliche-und-komplexe-wirklichkeit-der-frauen-in-banden-in-zentralamerika/

(2)

https://www.boell.de/sites/default/files/geschlechtergerechtigkeit_in_zentralamerika_2014.

(3)

http://elpostantillano.net/politica/17912-2016-08-08-15-56-08.html

(4)

https://www.panamaamerica.com.pa/nacion/campana-de-varela-recibe-financiamiento-del-opus-dei-911321

(5) https://www.prensa.com/mundo/Varela-todavia-entendido-impacto-JMJ_0_4996000362.html

(6)

Gobierno de Panamá dona millones de dólares a la Iglesia católica

(7)

http://laestrella.com.pa/panama/nacional/bella-residencia-donde-hospedara-papa-francisco/23965851

(8)

En Panamá, por ejemplo, el propio Marcial Maciel estableció el 6 de diciembre de 1984 tres empresas offshore: First Fountain, Dawn Development Company y Southwest International, Inc., con el auxilio del despacho International Legal Advisors, competidor con Mossack Fonseca en la creación de compañías ‘fachada’ en paraísos fiscales.

Quelle: https://contralacorrupcion.mx/web/paradisepapers/legionarios/      Von   RAÚL OLMOS

 

 

Weltjugendtage in Panama, kritische Hinweise

Hinweise von Christian Modehn zum Weltjugendtag in Panama vom 22. – 27.1.2019

Wer weiß: Vielleicht werden bald neue „Panama Papers“ veröffentlicht. Diesmal geht es um theologisch – politische (und dann auch finanzielle) Enthüllungen. Die so schwer eigentlich gar nicht freigelegt werden können. Sie werden in aller Ausführlichkeit im Umfeld der katholischen „Weltjugendtage in Panama“ veröffentlicht, falls es Journalisten gibt, die sich bei dem Kirchen-Thema für objektive, also kirchenunabhängige Recherche und umfassende Investigation interessieren. Dass die äußerst wohlhabende katholische Ordensgemeingemeinschaft „Legionäre Christi“ schon im Dezember 1984 drei OFF-shore Unternehmen in Panama gründete, kann hier nur zum vertiefenden Studium empfohlen werden (8).

Die katholischen, vom Papst und den Bischöfen inspirierten und offiziell vom „Amt“ auch geleiteten internationalen „Weltjugend-Tage“ finden zum 34. Mal in Panama statt. Es war der polnische Papst, der diese Weltjugendtage „erfand“, wohl auch, um zu demonstrieren: Die katholische Kirche hat zumal in den neuen geistlichen, aber sehr konservativen Bewegungen wie den Neokatechumenalen, den Focolarini, dem Opus Dei, dem Regnum Christi etc. doch noch junge Leute vorzuweisen. Sie kann also noch die Jugend „mobilisieren“, die sich von der männlichen Kirchenführung gern leiten lässt. Beim letzten Treffen in Krakau (im Juli 2016) kamen etwa 3 Millionen junge Katholiken zusammen. In Panama rechnen die Veranstalter mit 200.000 TeilnehmerInnen aus etwa 150 Ländern.

Welche Themen müssen in den neuen „Panama –Papers“ kritisch untersucht werden?

Zunächst die neuerbaute luxuriöse Residenz des Botschafters des Vatikans in Panama, dort wohnt der Papst. Man kann sich den Palast des Nuntius ja mal im Link ansehen,in einem Land, in dem die überwiegende Zahl der Menschen in Armut lebt, jeder Vierte sogar  „unterhalb der Armutsgrenze“… An dem Beispiel  zeigt sich, was das päpstliche Reden von der „Kirche für die Armen“ bedeutet: Sie ist bloß für die Armen, zynisch gesagt: Sollen sich diese noch an den Luxustempeln des Klerus erfreuen…

Es ist das offizielle Motto dieses Welt- Jugendtreffens in Lateinamerika, das tiefe Irritationen hervorruft, selbst unter fest- angestellten Mitarbeitern der Kirche. Die ihre Kritik natürlich nicht, wie üblich, nach außen hin öffentlich machen können/wollen.

Das Motto dieses Weltjugendtreffens ist ein Zitat, das wie immer bei solchen Treffen dem Neuen Testament entnommen ist. Diesmal ist es ein Wort der Jungfrau Maria, wie es das Lukas – Evangelium übermittelt: „Siehe, ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast“ (Lukas, 1, 38).

Das heißt: Der biblischen Erzählung, dem „Mythos“, folgend, wird das Mädchen Maria von einem Engel besucht. Und der kündigt ihr als Jungfrau eine Jungfrauengeburt an, also die Geburt ihres Sohnes Jesus, der nicht von ihrem Gatten bzw. Lebenspartner Josef gezeugt ist. Maria ist vorbildlich gehorsam, sie sieht sich ausdrücklich als Magd „des Herrn“, und sie stimmt dieser „wunderbaren“ Empfängnis zu („unbefleckte Empfängnis“ sagte früher die katholische Theologie !, der Titel auch ein Hinweis zum Umgang mit Sexualität in der Kirche: „Befleckung“…)

Ich halte dieses Motto der Weltjugendtage in der Lebenswelt heutiger (junger) Menschen zumal in Lateinamerika und der arm gemachten Bevölkerung weltweit für eine „ideologische Katastrophe“. Denn wer als jugendlicher „Nicht-Theologe“ nur diesen Satz des gehorsamen Mädchens Maria hört und liest, wird förmlich ermuntert, den Gehorsam als entscheidend zu deuten. Gehorsam wird also von der Kirche verlangt! Und vor allem Frauen und Mädchen mögen doch bitte wie Maria gehorsam sein. Also konkret: Den Männern gehorchen.

Die Unterdrückung der meisten Frauen und Mädchen in Lateinamerika ist himmelschreiend: In den meisten lateinamerikanischen Ländern sind dank des politischen Einflusses der römischen Kirche fast alle Formen der Geburtenregelung und des Schwangerschaftsabbruchs gesetzlich verboten. Wie viele tausend Mädchen sterben bei „Kurpfuschern“, die reichen Damen fliegen nach Nordamerika zur medizinisch korrekten Abtreibung. Lediglich Uruguay ist in Lateinamerika eine vorbildliche Ausnahme. Warum? Weil die römische Kirche dort wenig Einfluss hat. Eben ein laizistischer Staat.

Hinzu kommt die ständige Bedrohung junger Menschen, vor allem der Mädchen, die wie Objekte für Vergewaltigungen missbraucht werden, in Zentralamerika, aber letztlich in ganz Lateinamerika: In Zentralamerika herrscht, abgesehen von Costa Rica, die totale Gewalt der Jugendbanden, der so genannten Maras. Diese rekrutieren als brutale männliche Verbrecher eben auch Mädchen. (1) Und die finden nur die Mitgliedschaft bei einer der „Familien“ der Maras, wenn sie sich vorher vergewaltigen lassen. Warum ist es dem so genannten Heiligen Vater nicht bekannt, dass beim Frauenmord, den Femiziden, die Gewalt gegenüber Frauen in ganz Lateinamerika erschreckend hoch ist? (2) Was soll in einer solchen Misere der Mythos von der gehorsamen Maria, die dem HERRN (!) gehorsam folgt und alles annimmt, was der HERR über einen Engel vermittelt ihr da zumutet.

Noch einmal: Diesen Satz aus dem Mythos des Lukas Evangeliums als Motto zu wählen, ist ein skandalöser Fehlgriff.

Die Entscheidung für das Motto soll der angeblich progressive Papst Franziskus selbst getroffen haben: Er und die anderen Herren im Vatikan hätten nur ein paar Verse im Lukas-Evangelium weiter lesen müssen, dann hätten sie DAS wegweisende Motto für die arm gemachten Millionen Menschen gefunden. Da spricht Maria in dem berühmten, sehr politischen Gebet, Magnificat genannt, diese revolutionären Worte:

„Gott stürzt die Mächtigen vom Thron, und erhöht die Niedrigen. Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen“. (Verse 52 und 53).

Hätte man diese Worte als Motto gewählt, würden vielleicht ganz andere Jugendliche in Scharen zu den Weltjugendtagen in Panama kommen, nicht unbedingt Mitglieder frommer, eher fundamentalischer Gruppen, sondern eben politisch wache Leute, die Gerechtigkeit fordern und nicht Gehorsam gegenüber den „Herren“. Aber auch für den Vatikan und den Papst selbst wäre dieses Motto gefährlich, möchte er wirklich als Mächtiger im Sinne Marias „vom Thron gestürzt“ werden? Das hat Luther leider vergeblich schon versucht…Das fromme Motto zugunsten der gehorsamen Frau in einer brutalen Macho-Kultur gefällt sicher auch dem Präsidenten Panamas, dem Herrn Juan Carlos Varela Rodriguez (3). Er bekennt von sich selbst, in enger Verbundenheit mit der katholischen Geheimorganisation OPUS DEI zu leben.

Er ist nach außen hin ein sehr eifriger Katholik, er reist gern in den Vatikan mit seiner Familie, er folgt unmittelbar den Reisen des Papstes, wie etwa nach Krakau, zum letzten Weltjugendtreffen der Katholiken. Als engster Freund des Opus Dei hat er sich sogar seine Wahlkampagne vom Opus Dei mitfinanzieren lassen, mindestens 3 Millionen US Dollar hat er von dieser katholischen Geheimorganisation erhalten (4).

Der Opus Dei Staatspräsident Varela und sein Stab mit Verbindungen zur römischen Opus Die Zentrale üben eine großen Einfluss aus, was die Gestaltung der Weltjugendtage im Januar 2019 betrifft. Bei einem seiner Besuche in Rom hat Varela in einem Opus Dei Zentrum förmlich die Leitlinien des Weltjugendtreffens im Januar besprochen (5).

Staatspräsident Varela ist zudem mit dem Erzbischof von Panama Stadt eng befreundet und auch eng liiert mit dem Kardinal Jose Luiz Lacunza, Bischof der Stadt David in Panama. Beide sind mit einem Augustiner Orden verbunden. Sie haben sich zu feierlichen Pontifikal-Ämtern mit Opus Dei Leuten bereit gefunden und dem Staatspräsidenten dadurch viel Freude gemacht. Zahlreiche Dokumente aus der Presse belegen dies!

Über weitere Details wäre zu berichten, über die die noch halbwegs freie Presse Panamas berichtet:So wurde etwa ein roter Teppich für die Begrüßung des Papstes am Flughafen angefertigt, Kostenpunkt: 14.000 US Dollar.

Die Regierung hat in den ersten 19 Monaten ihrer Amtszeit mehr als 16,7 Millionen Dollar für die Kirchen, vor allem die katholische, ausgegeben. Selbst wenn dabei Renovierungen alter Kirchengebäude eingeplant waren: Die Bevorzugung der katholischen Kirche durch den Staat ist schon auffällig, meint etwa der Historiker Ricardo Rios Torres (6):

Die „Neue Panama Papers“ hätten also genug Material, etwa auch zur neu erbauten und luxuoriös ausgestatteten Nuntiatur in Panama – Stadt, wo ja bekanntlich der Reichtum nur in den wenigen monumentalen Türmen der Neoliberalen sichtbar ist und in den entsprechenden Wohnvierteln. Denn die meisten Menschen in Panama leben in Armut, da passt ein luxuriöses Gebäude des päpstlichen „Botschafters“ gut ins Bild: Die Leute wissen, wo Papst und Kirche sich wohlfühlen… Ob Papst Franziskus dort wohnen wird, ist noch unbekannt. (7). Sogar eine offizielle Publikation des katholischen Hifswerkes ADVENIAT erwähnt in „Blickpunkt Latenamerika“, Ausgabe 4, 2018, auf Seite 16, die neue Residenz des päpstlichen Botschafters in Panama, also des Nuntius: „Dieser moderne Prachtbau wurde gerade für mehrere Millionen US Dollar luxuriös saniert und steht deswegen stark in der Kritik“. Ob der Papst als Verkünder der Option FÜR die Armen in der Residenz wohnen wird, ist laut offiziellen Meldungen wahrscheinlich. Über die vorherrschende Gewalt im Land, zumal in der Stadt Colon, berichtet in dem Heft Gaby Herzog: „Kriminaliät gehört bei uns in Panama zum Alltag… Die Straßen werden in Colón von Banden regiert. Die Regierung hat keinen richtigen Plan, wie sie der Gewalt begegnen kann“, sagt der Interviewpartner Yithzak Gonzalez, ein Mitarbeiter von Adveniat in Panama. „Und zu oft schlägt sich die Regierung auf die falsche Seite, lässt Wohnungen abreißen und an die Stelle moderne Wohn – und Geschäftshäuser bauen“….(ebd.)

Panama wird ständig von Korruptionsskandalen erschüttert: 2015 wurden mehrere Ex – Minister verhaftet, der ehemalige Vorsitzende des Obersten Gerichtshofes wurde wegen Urkundenfälschung zu 5 Jahren Haft verurteilt usw.

Man wird in diesem „Sumpf“ den Eindruck nicht los: Das bewusst gewählte,tatsächlich bei den Verhältnissen  verrückte Macho – Motto dieses Weltjugendtages und das Zusammenspiel von Papst Franziskus und dem Opus Dei Staatspräsidenten wecken schlimme Ahnungen … in diesem seit langem bekannten Land der Korruption. Hoffentlich kommen die 200.000 frommen Jugendlichen wie Maria „unbefleckt“ daraus wieder nach Hause.

Zudem werden sich die kritischen Beobachter fragen:

Wie progressiv, um diese etwas abgegriffene Bezeichnung noch mal zu verwenden, ist Papst Franziskus wirklich, wenn er ein solches absurdes Motto für den Weltjugendtag in der von Gewalt geprägten katholischen Kultur Lateinamerikas durchsetzt?

Wie verbunden ist Papst Franziskus, um des eigenen Überlebens willen, mit dem Opus Dei?

Ich meine: Papst Franziskus jongliert hin und her, aber wesentlich ist: Im Grunde aber ist er ein sehr konservativer Theologe. Man lese nur seine Predigten im Haus Santa Marta! Und ein Befreiungstheologe ist er schon gar nicht, auch wenn er von der „Option FÜR (!) die Armen spricht, also von der caritativen Geste „der“ Kirche FÜR die Armen. Und eben nicht MIT ihnen in gleichberechtigter demokratischer Partnerschaft.

–Wie wird des 1971 ermordeten Sozialpriesters Hector Gallego gedacht? Er wurde verschleppt, gefoltert und von Militärs aus einem Hubschrauber  Meer geworfen. Gallego organisierte – sozusagen als einer der ersten Begreiungstheologen – arme Landarbeiter. Staat und Kirche nannten ihn ihrer gemeinsamen Verblendung wie üblich einen Kommunisten. Eine ideologische Redeweise, der sich auch Papst Johannes Paul II. und Ratzinger gern bedienten, um Befreiungstheologen mundtot und dann auch mit staatlicher, d.h. rechtsextremer diktatorischer Hilfe, „tot zu machen“… Siehe Erzbischof Romero etc…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Quellenangaben:

(1)https://de.globalvoices.org/2016/02/14/die-gefahrliche-und-komplexe-wirklichkeit-der-frauen-in-banden-in-zentralamerika/

(2)

https://www.boell.de/sites/default/files/geschlechtergerechtigkeit_in_zentralamerika_2014.

(3)

http://elpostantillano.net/politica/17912-2016-08-08-15-56-08.html

(4)

https://www.panamaamerica.com.pa/nacion/campana-de-varela-recibe-financiamiento-del-opus-dei-911321

(5) https://www.prensa.com/mundo/Varela-todavia-entendido-impacto-JMJ_0_4996000362.html

(6)

Gobierno de Panamá dona millones de dólares a la Iglesia católica

(7)

http://laestrella.com.pa/panama/nacional/bella-residencia-donde-hospedara-papa-francisco/23965851

(8)

En Panamá, por ejemplo, el propio Marcial Maciel estableció el 6 de diciembre de 1984 tres empresas offshore: First Fountain, Dawn Development Company y Southwest International, Inc., con el auxilio del despacho International Legal Advisors, competidor con Mossack Fonseca en la creación de compañías ‘fachada’ en paraísos fiscales.

Quelle: https://contralacorrupcion.mx/web/paradisepapers/legionarios/      Von   RAÚL OLMOS

 

Sexueller Missbrauch: Pater Marcial Maciel: Schon seit 1943 waren seine Untaten im Vatikan bekannt

Der sexuelle Missbrauch durch Kleriker wird immer umfassender

Von Christian Modehn
Vorweg eine Erinnerung: 1998 fahren zwei Missbrauchsopfer von Pater Maciel (Arturo Guzmán und José Barba Martin) nach Rom,sie treffen sich mit dem Untersekretär der Glaubenskongregation Gianfranco Girotti, sie beantragen bei ihm selbst ein Verfahren gegen den Täter Maciel(als solcher im Vatikan seit 1954 bekannt). Sie erfahren ein Jahr später, dass ihre Klage im Vatikan „ruht“. 2004 feiert Maciel mit allem Pomp im Vatikan sein 60. Priesterjubiläum. Erst im Dezember 2004 leitet Kardinal Ratzinger ein Verfahren gegen Maciel ein. 6 Jahre lang also eine deutliche Vertuschung der Verbrechen. Der Vatikan -Spezialist Marco Politi erinnert daran, („Benedikt,Krise eines Pontifikats“,Berlin, 2012, Seite 382),dass der Vatikan schon die Untersuchungen des pädophilen Kardinals Groer, Wien, stoppte!
………….
Über Pater Marcial Maciel, den Gründer des katholischen Ordens „Legionäre Christi“ und der Laienbewegung „Regnum Christi“ wurde ausführlich berichtet, seit etwa 12 Jahren vor allem auf dieser website. Die deutschen Theologen an den Universitäten hielten sich bis jetzt bei dem Thema angstvoll zurück. Denn die Legionäre Christi sind immer noch sehr mächtig und sie haben sehr (!) viel Geld…

Hier kann nur an einige Tatsachen erinnert werden: Den ständigen sexuellen Missbrauch an Minderjährigen und jungen Erwachsenen durch den Ordenspriester und tatsächlich so genannten „Generaldirektor“ seines Ordens Pater Maciel; sein zölibatäres Doppelleben mit Frauen und die Zeugung von Kindern; die maßlose finanzielle Gier, die Verlogenheit, sein frommes Gehabe, “Christus ist mein Leben“, heißt eines seiner Bücher; seine tiefe und innige Freundschaft mit dem jetzt Heiligen polnischen Papst Johannes Paul II, dieser Papst war sich nicht zu schade, öffentlich Pater Maciel „ein Vorbild der Jugend“ zu nennen, auch mit Kardinälen im Vatikan, in Mexiko, in Spanien hatte Maciel innige „reiche“ Beziehungen usw.

Doch nun gibt es etwas Neues: Der für das Ordensleben weltweit zuständige Kardinal Joao Braz de Aviz im Vatikan muss nun öffentlich zugeben: Schon seit 1943 war es dem Vatikan, den dortigen Behörden, also auch wohl dem damaligen Papst (Pius XII.) bekannt, welche Untaten Pater Marcial Maciel praktizierte, für weitere aktuelle Informationen klicken Sie hier. Der Vatikan schwieg, nur von 1956 bis 1959 wurde er aus Rom entfernt, vor allem wegen eklatanter Drogenabhängigkeit; man „untersuchte“ seinen „Fall“, fand aber – wie zu erwarten – nichts Schlimmes. Schlimm waren für den Vatikan und die Bischöfe nur die wenigen so genannten linken Priester und die Arbeiterpriester. Ein sexueller Verbrecher aber wurde, weil sehr wohlhabend, und nach außen sehr dogmatisch orthodox, geschont. So konnte Maciel 1959 zurück nach Rom und sein Treiben fortsetzen. Es gab etliche sehr deutliche Stellungnahmen von Opfern der sexuellen Gewalt durch Pater Maciel, vor allem von ehemaligen Ordensmitgliedern; aber nichts geschah. Und erst kurz nach dem Tod von Papst Johannes Paul II. konnte Papst Benedikt XVI. den alten Priester Maciel, den er nach einigen Recherchen öffentlich einen Verbrecher nannte, höflich bitten, sich doch bitte bitte zurückzuziehen und den Mund zu halten. An eine Überstellung des selbst von ihm selbst, dem Papst, bezeichneten Verbrechers an die staatlichen Justizbehörden dachte Papst Benedikt XVI. gar NICHT. Auch diese Verbrechen sollten also wie üblich kirchenintern behandelt werden. Maciel aber bleibt nach dieser so freundlichen Behandlung durch den Papst nicht, wie befohlen, in Rom, sondern fliegt in die USA, wo er sich versorgen lässt und dann dort stirbt .. und in aller Stille in sein mexikanisches Heimatdorf überführt wurde.

Von einem Prozess gegen ihn, von einem Ernstnehmen der Opfer keine Spur. Der Klerus regelt alles „unter sich“. Die Opfer des Missbrauchs sind eigentlich egal.

Selbstverständlich ist davon auszugehen, dass die Ordensmitglieder, die Legionäre, die ja in seiner unmittelbaren Nähe wohnten und ihn von Besuchen direkt kannten, von dem Treiben ihres so hoch verehrten Ordensgründers Maciel wussten. Man plante ja schon eine Heiligsprechung… Aber nach der Freilegung der verbrecherischen Taten durch Maciel wurde der Orden nicht etwa aufgelöst: Nein, er besteht munter weiter, schließlich braucht die Kirche diese vielen jungen „Legionäre“ und auch ihr Geld. Und so reisen die jungen Legionäre durch die Welt, predigen, betteln als Millionäre um Geld bei den Armen, halten Vorträge, wie kürzlich in Berlin ausgerechnet zum Gedenken an Romano Guardini. Wann werden sie eine von vielen neuen „Großgemeinden“ übernehmen?

Was am wichtigsten ist: Kardinal Joao Braz de Aviz muss nun zugeben: Seit 1943 hat der Vatikan die Verbrechen Maciels verheimlicht und geschützt. Kein Papst, kein Kardinal kam auf die Idee, diesen Herrn der staatlichen Justiz zu übergeben. Alles wurde „unter dem großen vatikanischen Deckel gehalten“. Der Klerus hält eben zusammen! Die Klerus-Gesetze sind wichtiger als die Menschenrechte. Bis heute! Voltaire würde in dem Zusammenhang vielleicht sagen: „Ecrasez l infame“…

Jetzt beginnt aber auch – hoffentlich – die Zeit der historischen Forschungen zum Dauerthema „Zölibatärer Klerus und sexueller Missbrauch“, diese Forschungen aber müssen weit über das 20. Jahrhundert hinausgehen: Es gilt, den sexuellen Missbrauch durch Priester in Orden und Gemeinden freizulegen, als fundamentalen Teil, als Struktur der Klerus-Geschichte. Aber Klerus-Geschichte ist weithin im Katholizismus identisch mit „allgemeiner“ Kirchengeschichte.

Für Kardinal Joao Braz de Aviz ist es jedenfalls „ein furchtbarer Irrtum“, so wörtlich, zu glauben, der sexuelle Missbrauch durch Priester sei ein zeitgenössisches Phänomen. „Wir stehen eigentlich erst am Anfang der Erkenntnisse“. Und wie lange die Geduld der Mitglieder dieser Kirche noch reicht mit diesem Klerus, ist eine andere Frage. Es könnte ja sein, dass sehr bald gebildete Katholiken entdecken: Die göttliche Wirklichkeit ist in mir, wie Meister Eckart lehrt und viele andere. Wofür dann noch diese Klerus-Kirche?

Wie die Kirche früher, im 17. Jahrhundert, mit dem sexuellen Missbrauch durch Priester umging, kann man am Beispiel des Ordens der Schulpriester, auch Piaristen, genannt, nachlesen. Ich habe darüber berichtet, bisher ohne größere Aufmerksamkeit etwa der Medien. Jedenfalls gab es einmal eine Zeit, als ein Orden des sexuellen Missbrauchs wenigstens zeitweise aufgelöst wurde. Dieser Beitrag enthält auch eine Stellungnahme von Matthias Katsch, vom „Eckigen Tisch“.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Papst Franziskus schafft einen Paragraphen 175 für den Klerus

Ein aktueller Hinweis von Christian Modehn am 2.12.2018 Am 3. Dezember 2018 erscheint als Buch, weltweit, ein Interview, das der spanische Priester Fernando Prado mit Papst Franziskus führte. Das Interview bezieht sich auf die so genannten geistlichen Berufungen, also auf Priester und Ordensleute. Erwartungsgemäß spricht der Papst auch wieder von Homosexuellen, das heißt hier von homosexuellen Priestern und Ordensleuten (offenbar denkt er nur an Männer, lesbische Nonnen sind bislang noch nicht im päpstlichen Visier, kommt wohl noch).Was bisher als Auszug aus dem neuen Buch vorliegt, ist schlicht ein Skandal. Es hinterlässt bei gebildeten Lesern die  schon von Freunden in Spanien gestellte Frage: Dreht der Papst jetzt durch? Was sagt der Papst? Die Kirche muss „anspruchsvoll sein“, deswegen hätten bekennende Homosexuelle im Klerus nichts zusuchen. Anspruchsvoll soll bedeuten: Homosexuelle Priester vermindern das Niveau des Katholizismus… Denn diese schwulen Priester können ein  „Doppelleben führen“. Wenn das so ist, so der Papst, sollten homosexuelle Priester besser, „das Priesteramt und das geweihte Ordensleben verlassen“. Also Rausschmiss und vorher die Bespitzelung durch treue Spione. In Zeiten des § 175 war es auch nicht anders: Schwule wurden von den Nazis mindestens aus ihren Ämter und angesehenen Berufen entfernt. Man kann also sagen: In der katholischen Kirche soll der § 175 fortbestehen. Papst Franziskus hat so viel Mut, sein sexualwissenschaftliches Niveau zu dokumentieren, indem er tatsächlich, so wörtlich, meint, „Homosexualität sei in Mode“. Als würden sich homosexuelle Menschen aus einer modischen Laune heraus diese ihre Sexualität wählen. So viel Unsinn hat man schon im zurückliegenden 20. Jahrhundert kaum noch unter ernstzunehmenden Leuten gelesen. Der Papst empfiehlt zudem erneut, wie religiöse und rechtslastige Fundamentalisten aller Couleur, dass Homosexuelle wieder „psychologisch  und affektiv gesund“ werden sollten. Homosexualität also als Krankheit: Man glaubt zu träumen, wie ungebildet sind eigentlich diese geistlichen Herren im Vatikan? Der Papst empfiehlt eine tief schürfende Analyse der Priesterkandidaten hinsichtlich ihrer Homosexualität. Dabei, so wörtlich, „sollte man auf die erfahrene Stimme DER Kirche hören“. Seit wann hat DIE Kirche (also die Hierarchie ist immer gemeint, wenn von DIE Kirche die Rede ist) auch nur die geringste Ahnung von dem, was Sexualitäten heute betrifft? Was weiß DIE Kirche von Gender, von Feminismus, von sexueller (normaler) Vielfalt? Der Text des Papstes ist ja der beste Beleg fürs Nichtwissen. Der Papst gibt zu, dass Bischöfe aufgrund mangelnder Kenntnis völlig irritiert sind, wenn sich in ihrem  Klerus Priester als homosexuell zeigen. Ja, ja, so muss der Papst eingestehen, „auch im Ordensleben gibt es keinen Mangel an Fällen“. Mit „Fällen“ meint der oberste Hirte der Kirche homosexuelle Menschen. Sie sind „Fälle“! Die Verwendung dieses Wortes auf Menschen nannte man nach der Nazi –Zeit die „Sprache des Unmenschen“, aber das am Rande. Selbst wenn dem Papst ein Ordensoberer sagt, es gebe halt eine Zuneigung zwischen Männern, hält der Papst dies, so wörtlich, für einen Fehler. Der Papst denkt wohl: Priester sind bessere Maschinen, die ohne jede noch so leise Form von Erotik, von Nähe und Freundschaft auskommen müssen. Der Papst und die oberste Clique im Vatikan wollen also Priester als neutrale Wesen, als Funktionäre. Der Papst ist verlogen: Er verschweigt, dass viele heterosexuelle Priester ja doch auch Erotik erleben und Kinder zeugen, die sie meistens dann verbergen und verleugnen, die Alimente zahlt der Bischof oder die Ordensleitung. Das sind beträchtliche Summen an Kirchensteuern etwa… An die verstoßenen Frauen und an die Kinder, die ihren Vater nicht kennen, nicht nennen dürfen, denken die wenigsten hohen Klerus-Funktionäre. Sie zahlen ja, das ist alles. Das System bleibt erhalten… Ein regelrechter Hass auf Homosexuelle zeigt sich erneut in der römischen Kirche bis hinauf zu diesem Papst, den einige einst noch für akzeptabel aufgeschlossen hielten, bloß weil er ein paar linke Thesen zur Ökonomie unters Volk brachte oder Obdachlosen die Füße wusch oder Erzbischof Romero heilig gesprochen hat. Nun zeigt Papst Franziskus, dass er ins reaktionäre Lager abgerutscht ist. Vielleicht aus Angst vor den machtvollen, noch „reaktionäreren“ Prälaten in der päpstlichen Kurie… Mal sehen, was er alles verbreiten wird beim Weltjugendtreffen in Panama im Januar 2019. Kondome werden bestimmt nicht offiziell verteilt, und es wird das ungeborene Leben erneut aufs höchste verteidigt und nicht das geborene Leben im Elend und der Gewalt Zentralamerikas. Dass der unsägliche Machismus auch gewalttätig, tötend, anti—schwul ist, weiß jeder Gebildete. Wird es einen päpstlichen, kirchlichen Aufstand in Panama geben gegen den Machismus – Wahn? Wohl kaum, denn dann müsste die Kirche die Frauen endlich absolut gleichberechtigt und gleichwürdig behandeln, also etwa zum Priesteramt zulassen… Noch einmal: Der Papst schießt sich erneut auf die Homosexuellen ein, weil dies wohl auch eine Besänftigungsgeste ist bei den, sorry, völlig reaktionären Kardinälen, die so dumm sind und nicht wissen: Wer sich als Schwulen-Hasser etabliert, ist selbst schwul. Das wissen allmählich schon die Oberschüler. Der Papst empfiehlt also dringend, wie einst schon der Ratzinger – Papst, Männer mit homosexueller Neigung nicht in den Dienst des Priestertums oder der Orden aufzunehmen. Wird diese Weisung befolgt, sind die Priesterseminare und Ordenshäuser bald völlig leer oder nur bewohnt von Lügnern, die als Schwule ihre tiefe Zuneigung zu Frauen bekennen müssen (auch diese Zuneigung dürfen sie dann ja auch nicht ausleben). Die römische Kirche ist eine Kirche, die es sch erlaubt, sich auf Jesus zu berufen, auf den Mann, den Liebhaber, den Freund (etwa zum Lieblingsjünger Johannes), die aber Liebe als erotische Liebe für ihre Priester und Ordensleute verbietet. Kann man sich etwas Unmenschlicheres in dieser Welt vorstellen: Du darfst nicht lieben als oberstes Gebot für Seelsorger! Die römische Kirche sollte sich vom Zölibat befreien. Das wurde millionenfach seit Jahrhunderten gesagt von klugen Theologen und klugen Psychologen. Sie sollte sich der Wissenschaft und den Lebenserfahrungen reflektierter Menschen anschließen und lehren: Homosexualität ist eine ganz normale Variante menschlicher Sexualität. Basta! Und die Bischöfe und der Papst sollten die Gemeinden befragen, ob sie denn so furchtbar leiden unter homosexuellen Priestern. Wahrscheinlich ist dies eher nicht der Fall. Ich kannte –als ehemaliges Mitglied eines Ordens-  tatsächlich sehr viele homosexuelle Priester und Ordensleute, sehr viele, die waren und sind wahrlich alles andere als Ungeheuer. Die Gemeinden leiden wohl mehr unter der Raffgier und den Machtgelüsten heterosexueller Priester und Bischöfe. Das ganze System der römischen Kirche ist krank. Das ist eine Tatsache. Nicht Reformen, eine neue Reformation ist die einzige Hilfe für alle, die noch mit der römischen Kirche irgendwie (auch beruflich –finanziell) verbandelt sind. Zu diesem Kreis und zu dieser Kirche gehöre ich seit Jahren (als Theologe) nicht mehr. Ich beobachte nur aus der Ferne diese Entwicklung, weil diese machtvolle Irrlehre des Papstes meinen vielen homosexuellen Brüdern (auch den christlichen, auch den muslimischen, auch den jüdischen) weltweit das Leben schwermacht. Was soll denn ein verfolgter katholischer Homosexueller etwa in Uganda und anderswo sagen, wenn selbst der Papst Homosexualität de facto für minderwertig hält?  Der Staat kann diese armen Menschen verfolgen, quälen, alles mit gutem Gewissen: Der Papst hat doch auch sehr viel gegen Schwule, heißt es dann Der Papst betreibt Homophobie. Und diese ist eine Form des Rassismus. Der Vatikan setzt die Politik des § 175 fort. Es könnte die Zeit sehr bald kommen, wo etwa katholische Homosexuelle, die dermaßen diskriminiert werden von Papst und Co., zahllose Namen nennen von homosexuellen Priestern und Ordensleuten und Bischöfen und Päpsten, so dass deutlich wird: Eigentlich ist dieser Klerus immer schon schwul gewesen, er hat sich nur selbst gehasst,  weil er der offiziellen unmenschlichen Kirchen – Ideologie/Moral dann doch entsprochen hat. Und, dies sehen wir heute: Weite Kreise des Klerus sind wegen dieser Unterwürfigkeit seelisch krank geworden. Kranke Priester sind also die Seelsorger der Gemeinden… Quelle: https://www.aciprensa.com/noticias/papa-francisco-un-homosexual-no-puede-ser-sacerdote-ni-consagrado-89755 Papa Francisco. La fuerzade la vocación. La vida consagrada hoy. Una conversación con Fernando Prado(Publicaciones Claretianas) Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

	

Wird der Katholizismus rechtsextrem vergiftet ?

Ein Hinweis von Christian Modehn

Immer mehr aktuelle Ereignisse zeigen: Der gegenwärtige Katholizismus wird weltweit von rechtsextremen Führern und damit von rechtsextremen Ideologien durchsetzt. Das wird nicht umfassend genug wahrgenommen, weil das kritische Interesse in der Kirche wie der Öffentlichkeit – zurecht ! – auf die weltweiten Verbrechen des sexuellen Missbrauches durch Priester usw. fixiert ist. Aber es gibt viel mehr Gefährliches…

Leider gibt es seit Jahrzehnten auch rechtsextreme Gruppen in evangelischen bzw. evangelikalen und pfingstlerischen Kreisen. In den USA gehören fundamentalistisch Bibelgläubige zu den leidenschaftlichsten Anhängern des großen Lügen-Propagandisten Trump. In Brasilien haben jetzt auch dort politisch (und in den Medien) einflussreiche Evangelikale den allgemein so bezeichneten Neofaschisten Bolsonaro zum Präsidenten gewählt. Ich habe nirgendwo gehört, dass sich etwa deutsche Evangelikale oder Freikirchler von ihren brasilianischen Freunden distanziert haben. Die katholischen Bischöfe Brasiliens sahen sich außerstande, in einem gemeinsamen Wort ausdrücklich vor der Wahl Bolsonaros zu warnen. Sie zeigten sich zögerlich – sympathisch – neutral, unterstützten also indirekt die Wahl Bolsonaros.

Ergänzung am 15. November 2018 von Christian Modehn: Evangelikale – eine politische Schande für die USA und Brasilien

1.Sehr viele Europäer wussten es schon, nun bestätigen es „Nachwahlbefragungen“ erneut: So genannte praktizierende Christen, vor allem Evangelikale, haben bei den US Kongresswahlen 2018 mehrheitlich (61 %) für Trump und die Republikaner gestimmt.

Aber was heißt „praktizierend“? Sonntags an den Gottesdiensten teilnehmen; pro life Aktionen mit absolutem Eifer unterstützen; den Pastoren viel Geld spenden; die Bibeltexte wortwörtlich lesen, also fern von jeglicher theologischer Kritik. Die sehr konservative website kath.net hat das (am 9.Nov. 2018) berichtet: Atheisten und Christen, die eher selten oder nie Gottesdienste besuchen, haben Demokraten gewählt. Dabei können diese Menschen wohl noch zwischen Götzen, Führern, und Gott unterscheiden… Und sie praktizieren an der politischen Basis oft die Menschenrechte, den Schutz der Flüchtlinge usw. Eine Praxis, die dem Denken Jesu von Nazareth zweifelsfrei sehr nahe steht…Vom Tempel/Gottesdienst-Besuch hielt Jesus von Nazareth bekanntlich nicht  viel… Empathie, Nachdenken, Solidarität waren ihm wichtiger… Bei den US-Katholiken hat jeder Zweite für die Republikaner (Trump) gestimmt…

2.Mit dem Wahn und dem offenkundigen intellektuellen, politischen und theologischen Niveauverlust der Evangelikalen in Brasilien werden sich hoffentlich sehr bald auch in Deutschland Religionswissenschaftler und Soziologen befassen. In Brasilien sind die Evangelikalen die leidenschaftlichsten Unterstützer des neuen Präsidenten Bolsonaro. Darauf habe ich schon mehrfach hingewiesen. Nun wird es im „Tagesspiegel“ durch Philipp Lichterbeck, Rio de Janeiro, erneut bewiesen (am 15. November 2018). Die unflätigen Reden Bolsonaros werden dokumentiert, seine Hasstiraden, seine Politik der Ausgrenzung und Menschenverachtung, oder, wie Beobachter treffend sagen, sein „Neofaschusmus“. „Die Pastoren der konservativen evangelikalen Kirchen beten inbrünstig für Bolsonaro“, so Lichterbeck.

Wann können wir berichten: Die deutschen Evangelikalen (die Evangelikalen in den USA können es ja nicht wegen ihrer Bindung an Bolsonaros Vorbild Trump) distanzieren sich also wenigstens deutsche Evangelikale und Pfingstler explizit von ihren „Glaubensbrüdern“ in Brasilien?

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Der Religionsphilosophische Salon Berlin befasst sich auch zentral mit der Kritik der Religionen und Konfessionen.

Von daher unser Interesse an dem Thema, das ich hier nur für den katholischen Bereich andeuten will. Dies als Aufforderung, wahrzunehmen, was heute katholische Kirchenführer politisch äußern. Etwa zum Ende des 1. Weltkrieges, zur AFD, zur Partei Marine Le Pens, zur FPÖ, zu Italiens Neofaschisten oder Polens Katholiken, besonders zu dem rechtsextrem-katholischen Radiosender Maryja unter dem Redemptoristen Pater Rydzyk, der immer noch seine nationalistischen und antisemitischen Beiträge senden darf, ohne dass etwa Rom diesen rechtsradikalen Priester zum Schweigen bringt. Auch die anhaltende Bemühung um Versöhnung Roms mit den katholischen Traditionalisten der Bewegung Lefèbvre, die gerade in Frankreich oft rechtsextrem orientiert sind, gehört hierher.

Darum der erste und entscheidende Gesamteindruck: Die katholische Kirchenführung duldet rechtsextreme Positionen innerhalb der Kirche sehr viel mehr als – vergleichsweise – linksextreme Positionen. Beide Extreme sind falsch. Aber für den Katholizismus sind spätestens seit den Konkordaten mit Mussolini und Hitler Rechtsextreme bzw. Faschisten irgendwie sympathischer als etwa Kommunisten. Von den widerwärtigen Polemiken etwa Papst Gregor XVI. gegen die Menschenrechte einmal ganz abgesehen….

Diese Bevorzugung des Faschismus sah man auch in der politischen Haltung des polnischen Papstes etwa gegenüber den faschistischen Diktaturen in Chile, Argentinien, Brasilien usw. Und in dem Zerstören angeblich linksextremer Positionen in „der“ Befreiungstheologie durch die Glaubensbehörde unter Ratzinger.

Die römische Kirche hat stets den Rechtsextremen mehr verziehen als den Linksextremen. Aber diese Blindheit der Kirche muss ausführlicher studiert werden. Das liegt daran, dass die Rechtsradikalen und Faschisten eher noch von „Gott“ sprechen als die Kommunisten etwa. Die wollen, so die katholische Kirchenführer, eine antigöttliche Gegenwelt, ein gottloses „Reich Gottes“ aufbauen… Das bloße Gerede von Gott durch Faschisten und Rechtsradikale finden offenbar viele Bischöfe, Prälaten usw. also sympathisch. Man denke an Spanien, an Franco, usw… Dies gilt bis heute.

Im Focus der aktuellen Aufmerksamkeit sollte der us –amerikanische Katholik Steve Bannon stehen. Bannon ist politisch Interessierten bekannt, er war (und ist im Hintergrund?) der Chefstratege von Mister Trump, verbandelt mit US – Milliardär Robert Mercer. Ich habe 2017 schon ein rhetorische Frage gestellt: Sollt der Papst Bannon, wie Mafiabosse bereits auch, exkommunizieren? Denn Bannon ist bekennender Katholik und bemüht sich nun in zahlreichen Treffen in Europa, ein rechtsradikales Netzwerk der rechtsextremen Parteien Europas zu festigen, dieses Netzwerk heißt „The Movement“. Damit will er Einfluss nehmen auf die Europawahl 2019.

In Rom/Vatikan hat sich der rechtsextreme Katholik Bannon etablieren können. Er ist eng mit dem offiziell katholischen Institut „Dignitatis Humanae“ in Rom verbunden. Dieses Institut nennt sich unbescheiden „Denkfabrik“, zum Beirat gehören unter anderen die bekannten sehr konservativen (und Franziskus – feindlichen) Kardinäle des päpstlichen Hofes (curia) Peter Turkson, Robert Sarah und der deutsche Reaktionär Kardinal Walter Brandmüller. Dazu gehört auch der Feind des Papstes, Erzbischof Viganò.

Nun haben diese Herren ein neues Tagungshaus ausbauen können, das wunderschöne, herrlich gelegene ehemalige Karthäuserkloster „Certosa di Trisulti“. Steve Bannon hält – auch per Videoschaltung – dort Vorträge. Der Journalist Thomas Migge (Rom) berichtete im Deutschlandfunk am 25.10. 2018 über dieses rechtsextreme katholische Studienzentrum und er nennt in dem Zusammenhang auch den Priester Don Curzio Nitoglia aus den Traditionalistenkreisen: Er ist davon überzeugt, berichtet Migge, dass das „christliche Europa“ bedroht sei, von den, so der Geistliche, islamischen „Horden“ aus Afrika und von „gottlosen Kapitalisten“ und Juden aus den USA. Don Nitoglia: „Die USA gründen sich auf drei Ideen: das Freimaurertum, den Judaismus und einen liberalistischen Protestantismus. Dann sind da noch die Hochfinanz, die Banken und eben die Juden. Diese Kräfte sind die Feinde der römisch-katholischen Kirche. Sie wollen sie zerstören. Das haben sie schon mehrfach versucht: erst mit dem Proletariat in Russland, dann mit der Studentenbewegung und jetzt versuchen sie es mit den Horden aus Afrika, die das zerstören wollen, was noch vom christlichen Europa übrig geblieben ist.“ Bannon, so wird berichtet, hat sich bereit erklärt, in diesem l ehemaligen Karthäuser – Kloster als rechtsextremem Think – Tank Vorträge zu halten. Mit Italiens Innminister Salvini ist Bannon befreundet…

Befreundet ist Steve Bannon auch mit der Regensburger Prinzessin Gloria von Thun und Taxis und auch mit deren Freund Kardinal Gerhard Ludwig Müller, dem einstigen Bischof von Regensburg und abgesetzten Chef der obersten Glaubensbehörde im Vatikan. Diese drei haben sich, laut Spiegel, getroffen. Die Prinzessin begrüßte, so ist zu hören, die Initiative Bannons, die rechten, gemeint sind die rechtsextremen Parteien in Europa zu bündeln. Dadurch werde der Wahlkampf zur Europa Wahl „spannender und farbiger“. Die Nähe der Frau Thurn und Taxis zur AFD ist bekannt: „Im September 2018 hatte Gloria von Thurn und Taxis zusammen mit der rechtspopulistischen AfD und dem konservativen Bündnis „Ehe-Familie-Leben“ in Regensburg demonstriert. Das Bündnis kritisierte unter anderem den in seinen Augen zu frühen Sexualkundeunterricht von Kindern. Hunderte Regensburger hielten dagegen und traten für „Vielfalt statt Einfalt“ ein“, so die Mittelbayerische Zeitung am 20. Oktober 2018. Kardinal Müller nützt offenbar nun alle Möglichkeiten, gegen Papst Franziskus zu agieren und seine politische Haltung und Sympathie offen zu legen. Denn er weiß genau, wer Bannon ist, als er sich mit ihm traf. Geradezu lachhaft ist in dem Zusammenhang die oft von Müller selbst oft dokumentierte Freundschaft mit dem greisen Befreiungstheologen aus Peru, Gustavo Gutierrez. Kann Müller gleichzeitig Freund von Bannon und Gutierrez sein?

Mit der AFD Stiftung arbeitet auch der ziemlich bekannte, einst bloß als konservativ bekannte Dominikaner Theologe Prof. Wolfgang Ockenfels zusammen, dieser offenbar in Freundschaft wiederum verbunden mit dem einst äußerst kirchenkritischen schwulen Aktivisten, nun aber reaktionär orientierten Laien-Theologen David Berger, der seit langer Zeit mit Kreisen im Dominikanerorden verbandelt ist. Auch David Berger arbeitet mit in der AFD Stiftung zusammen. Es ist absehbar, dass alsbald ein katholischer Arbeitskreis innerhalb der AFD gegründet wird?

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

Bolsonaro, Brasilien, wird von fundamentalistisch frommen Christen gewählt. …Wenn das „Opium des Volkes“ politisch wirkt.

Ein Hinweis von Christian Modehn zu der Tatsache: Dass fundamentalistische Kirchen die Politik vergiften.

Für die Arbeit des Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salons Berlin ist, wie der Name sagt, auch wichtig: Die Rolle der Religionen und Kirchen in der Gesellschaft, damals und heute, zu studieren und zu dokumentieren. Und Klartext zu reden. Auch über Religionen, die nicht auf dem Niveau der Menschenrechte agieren!

Und zum Wahlsieg von Jair Messias (sic!) Bolsonaro in Brasilien müssen einige, leider in Deutschland selten ausführlich dokumentierte, Erkenntnisse mitgeteilt und zur Diskussion gestellt werde.

Dabei geht es zentral um die Rolle fundamentalistisch orientierter evangelikaler Kirchen in Brasilien, die Bolsonaro, zwar nicht als die einzigen, aber sicher entscheidend die Herrschaft ermöglicht haben. Klar ist auch, es gibt sicher Minderheiten sozial engagierter und politisch reflektierter Evangelikaler und Pfingstler, etwa auch in den vielen Elendsvierteln. Nicht alle Evangelikaen haben Bolsonaro gewählt, aber eben doch eine absolute Mehrheit, angetrieben von den einflussreichen Führern (genannt Prediger).

1.Religionskritik ist also die entscheidende philosophische Reflexion. Theologie hilft bei der Kritik der Konfessionen nicht weiter. Denn die Theologie ist viel zu befangen und abhängig von den Weisungen der Chefs dieser Kirchen.

2.Bolsonaro wird übereinstimmend, international, in der demokratischen und auf Menschenrechte verpflichteten Presse, als Rassist, als Faschist, als Neofaschist oder als Wegbereiter einer Militärdiktatur in Brasilien bezeichnet. Dies sind Titel, die aus den unsäglichen Hasstiraden, dem Verhalten und dem Parteiprogramm Bolsonaros begründet entnommen werden.

  1. Noch einmal: Die Evangelikalen und Pfingstler in Brasilien haben ganz entscheidend zum Sieg Bolsonaros beigetragen. Schon im ersten Wahlgang haben fast zwei Drittel dieser fundamentalistisch Frommen Bolsonaro gewählt. Man muss sagen: Diese angeblich so Bibel treuen Frommen ermöglichen mit ihrer Bindung an Bolsonaro eine neue Ära rechtsextremer Gewalt und rechtsextremer Bündnisse in Lateinamerika und den USA vor. Religionspsychologen würden wohl von frommer Dummheit ohne Sinn für Demokratie sprechen.

4.Diese evangelikalen Kreise in Brasilien unterstützen Bolsonaro, weil ihr Wertesystem getrimmt ist auf den Schutz des ungeborenen (!) Lebens, auf das rigide Verbot von Abtreibung, auf die klassische Familie, auf die Abwehr des Feminismus, den Hass auf Homosexuelle usw. Diese Christen zeigen deutlich: Die Pflege der Menschenrechte ist nicht ihre Sache. Ob man in evangelikalen Kreisen Deutschland eine öffentliche und deutliche Distanzierung von den Glaubensbrüdern in Brasilien erlebt?

5.Diese theologisch fundamentalistisch denkenden Evangelikalen in Brasilien lieben es, wenn Bolsonaro „Gott über alles stellt“, nachdem er kurz zuvor „Brasilien über alles“ (dem Beispiel von Mister Trump folgend) predigt.

  1. Diese theologisch fundamentalistisch (d.h. unaufgeklärt denkenden Evangelikalen) sind also nicht primär an den Werten der Demokratie und der Menschenrechte interessiert. Sie sind durch die Bibellektüre und die einpeitschenden Predigten ihrer sich ständig bereichernden Chefs, „Prediger“ genannt, so verblendet, dass sie eine rassistische Führergestalt, Bolsonaro, unterstützen.

Die wortwörtliche Bibeldeutung dieser Kreise entspricht genau der wortwörtlichen also fundamentalistischen Bibeldeutung der portugiesischen Kolonialherren vom 15. bis ins 19. Jahrhundert. Die heutigen Evangelikalen und Pfingstler dort sind also die theologische Fortsetzung des Kolonialismus. Was für eine Schande, die diesen Leuten selbst wohl kaum bewusst ist. Mit Bolsonaro wird auch das kolonialistische Verhalten gegenüber den indianischen Völkern fortgesetzt werden, indem zugunsten des Profits der weißen Kapitalisten der Lebensraum dieser armen Menschen rund um den Amazonas eingeschränkt und zerstört wird.

7.Mit anderen Worten: Diese evangelikalen Menschen sind sozusagen aufgrund ihrer Religiosität politisch völlig desorientiert, wenn man die demokratischen Werte als Norm ansetzt. Dabei spielen natürlich für sie auch ökonomische Interessen mit, etwa das Versprechen der in den Kreisen üblichen Theologie des Wohlstands, die Überwindung der Gewalt in den Städten usw.

  1. Sie meinen, der Rassist Bolsonaro und seine Militärs könnte mit massivster Gewalt die bestehende Gewalt in den Städten und auf dem Land ausrotten. Diese Christen meinen auf eine Vernunft geleitete Gesellschaftsanalyse verzichten zu können, um Gewalt zu beenden, also durch Umverteilung des Reichtums, durch humane Ökologie, durch bessere Bildung für alle, würdige Wohnungen für alle usw. Dieses Projekt kann auch in Brasilien nur gelingen, wenn die Reichen sich zur Gerechtigkeit bekehren. Aber daran denken nur wenige dieser fundamentalistisch frommen Massen. Anstelle der Vernunft werden Emotionen, Hass, Neid, dumme Sprüche der Herrschenden hochgeschätzt.

9.Den evangelikalen Kreisen hat es sehr gefallen, dass der getaufte Katholik Bolsonaro offenbar aus taktischen Gründen 2017 nach Israel reiste und sich von Predigern der reaktionären, aber auch in denMedien mächtigen Pfingstkirche „Assemblies of God“ taufen ließ. Der sehr einflussreiche evangelikale Pastor Silas Malafaia sagte über seinen Freund Bolsonaro: „In Brasilien haben wir einen Macho wie ihn nötig, der alle Normen und Werte der christlichen Familie verteidigt“.

10.Die Brasilianer haben sich bereits zu mindestens 30 Prozent diesen evangelikalen und pfingstlerischen Gemeinschaften zugewendet. Brasilien ist längst nicht mehr das „stärkste“ katholische Land der Welt. Das hat Gründe. Vor allem die Zurückweisung einer echten Autonomie der katholischen Basisgemeinden durch den Vatikan, vor allem unter Ratzinger und den polnischen Papst hat für den massenhaften Exodus aus dem Katholizismus gesorgt. Die Befreiungstheologie wurde von allen reaktionären Medien, auch den katholischen, verunglimpft und wie üblich als marxistisch bzw. kommunistisch missverstanden und diffamiert. Dies reaktionären klerikalen Machthaber in Rom und Brasilien haben rigoros verboten, dass ausgebildete Laien, Frauen und Männer, in den Basisgemeinden offiziell als PriesterINNen arbeiten können, also Gemeinde bilden und die Messe feiern. Die katholischen Gemeinden verödeten also. Schuld daran ist eindeutig die katholische Kirchenführung. Und jetzt jammert man in Rom, dass Brasilien nicht mehr katholisch ist…Rom ist also mitschuldig am Sieg des Rassismus, Faschismus usw. in Brasilien jetzt.

11.Die katholische Kirchenführung begeht nun aber seit Jahren den Fehler: sie empfiehlt aus taktischen Gründen sozusagen evangelikale und pfingstlerische Elemente innerhalb der katholischen Kirche, um diese fest und fixierte Kirchen-Institution förmlich zuretten, etwa in der Bewegung der katholischen Charismatiker oder der politisch völlig uninteressierten Neokatechumenalen.

  1. Die katholische Kirchenführung kann ohnehin selbst nicht umfassend glaubwürdig für Demokratie und Menschenrechte eintreten, weil sie selbst in ihrer eigenen Verfassung und Struktur weder Demokratie praktiziert noch die Menschenrechte umfassend für alle Mitglieder respektiert (etwa am Beispiel der umfassenden Gleichberechtigung von Frauen, der Ehe von Homosexuellen). Im übrigen folgen reaktionäre Katholiken der Vorstellung, das ungeborene Leben zu schützen sei absolut wichtiger als den vor Hunger sterbenden Armen beizustehen und für eine gerechte und humane Gesellschaft zu sorgen. Ich bin ja kein Feind des Lebens, wenn ich von einem fundamentalistischen Wahn für den absolutesten Schutz des ungeborenen Lebens spreche…
  2. Die katholische Kirche in Brasilien ist nicht nur unglaubwürdig in ihrer Praxis und Lehre. Sie ist auch mitschuldig, dass so viele fromme Leute in den Wahn eines naiven, unreifen und Menschen unwürdigen fundamentalistischen Bibel-Glaubens abdriften … und nun konsequenterweise eben Bolsonaro wählen.
  3. Ein Problem ist auch, dass die brasilianischen Bischöfe überhaupt nicht mit einer einzigen gemeinsamen und dadurch massiven Stimme vor der Wahl von Bolsonaro gewarnt haben! Im Fall dieser höchsten Not hätten sie die Katholiken sozusagen einmal explizit und mit der ihnen vertrauten Macht auffordern müssen, NICHT Bolsonaro zu wählen. Diese präzisen Wahlempfehlungen sind normalerweise in demokratischen (!) Staaten völlig überflüssig und theologisch höchst problematisch. Aber in Brasilien ging es jetzt darum, wie ein Journalist schreibt, zwischen Schnupfen und der Pest zu wählen. Die Bischöfe haben die Pest mit ihrer angeblich neutralen Haltung nicht verhindert, vielleicht denken einige Bischöfe ohnehin sehr autoritär und Frauen-feindlich und Schwulen-feindlich wie Bolsonaro. Die katholische Kirche Brasiliens wird wohl sich alsbald mit sexuellem Missbrauch durch Priester auseinandersetzen müssen. Vielleicht hilft Bolsonaro dann den Bischöfen, die Fakten möglichst zu verschleiern. Denn auch den katholischen Bischöfen muss er ja dankbar sein, haben sie doch so hübsch neutral und nur in Gemeinplätzen sprechend sich letztlich doch für ihn, den Rechtsextremen und Rassisten, eingesetzt.

Nebenbei: Man stelle sich vor: Anstelle des Neofaschisten Bolsonaro wäre ein kommunistischer Kandidat an die Macht gekommen: Die gesamte katholische Weltkirche hätte einen Sturm der Entrüstung losgedonnert, wie üblich hält die katholische Kirchenführung Faschismus für weniger schlimm als den Kommunismus. Auch Bolsonaro spricht ja so viel vom lieben Gott….

  1. Diese frommen Fundamentalisten werden also erleben, wie die Grundrechte verschwinden, Oppositionelle erschossen, die Indigenas unterdrückt, die Wälder abgeholzt werden etc.
  2. Nur wenn man den Mut hat, innerhalb der weiten christlichen Ökumene auch von katastrophalen fundamentalistischen Wahngebilden zu sprechen, kann ernsthaft eine Wahrhaftigkeit entstehen. Und vielleicht noch in letzter Minute sich die Vernunft durchsetzen.
  3. Wer sich heute noch Christ nennt, muss sich oft schämen über diese verblendeten antidemokratischen Mit“christen“, wie jetzt in Brasilien. Das ganze Phänomen drückt eine unglaubliche intellektuelle und moralische Schwäche des so genannten christlichen Glaubens in dieser zerrissenen modernen Welt aus.

18.Es ist bezeichnend, dass der Meister der Lügen, Mister Trump, einer der ersten „Prominenten“ war, der seinem Schüler Bolsonaro, auch er ein Spezialist für Lügen und ein Profi für alle Unverschämtheiten, gratuliert hat. Auch die konservativen Regierungschefs in Chile, Kolumbien und Argentinien gratulierten dem Faschisten. Es bildet sich ein neuer brauner Block in Südamerika, wie einst, um 1970 bis ca. 1990.

  1. Wie die zahlreichen Mitglieder der afrobrasilianischen Candomblé Kulte gewählt haben, ist noch unbekannt; werden sie der Vernunft gefolgt sein oder den dort üblichen Emotionen? Wie haben die zahlreichen Atheisten gewählt und die dort zahlreichen Anhänger des Spiritismus? Auch das ist noch unbekannt…

Ein Literaturhinweis: Die Journalistin Lamia Oualalou hat in ihrer Studie über Kirchen in Brasilien mit dem Titel „Jésus t’aime !: La déferlante évangélique“ (Editions du Cerf, Paris, 2018) dokumentiert, wie Pastor Josué Valandro aus Rio des Janeiro seine Gläubigen um Geld bittet: „In der Bibel steht es: Gott wird seine Pforten dem öffnen, der spendet“. 500 Jahre nach Luthers The­sen­an­schlag sind es Pfingstler, die den Ablass wieder einführen.

COPYRIGHT: Christian Modehn,Religionsphilosophischer Salon Berlin

Ist katholische Theologie eine Wissenschaft? Gehört katholische Theologie, so, wie sie jetzt ist, an die Universität? Eher nicht!

Eine Frage und ein Hinweis

Von Christian Modehn
Nun wird ein katholisch-theologisches Institut konfessioneller Art an der Humboldt Uni Berlin errichtet. Siehe dazu meinen aktuellen Kommentar vom 29.3.2019.

Eine aktuelle Ergänzung am 8. Oktober 2018:

Ich habe diesen Hinweis am 8. Oktober 2018 noch einmal ergänzt und auch vom Titel her zugespitzt: Denn der Vatikan, so ist jetzt zu hören, verweigert dem Rektor der katholischen Philosophisch – theologischen Hochschule St. Georgen in Frankfurt am Main, eine staatlich anerkannte Hochschule!, die Fortsetzung seines Amtes: Pater Ansgar Wucherpfennig SJ darf nach Weisung der päpstlichen, vatikanischen „Bildungskongregation“, sie ist für alle katholische Bildung weltweit zuständig, nicht Rektor der angesehenen Hochschule St. Georgen bleiben. Warum? Weil er die in der Bibel vor mehr als 2000 Jahren beschriebene Verurteilung der Homosexualität „als missverständliche Stellen bezeichnete“.

Mit anderen Worten: Kritische Forschung zur Bibel vonseiten katholischer Theologen wird vom Vatikan nicht geduldet. Der Vatikan greift ein und verhindert so, indem er zudem Angst erzeugt, freie Forschung.

Mit anderen Worten: Katholische Theologie, in ihrer Abhängigkeit vom Vatikan, ist keine freie Wissenschaft. Theologie muss den Weisungen einer,  pardon, verkalkten Theologie einiger allmächtiger Herren im Vatikan folgen. Darum: Katholische Theologie in dieser Form hat eigentlich an einer Universität oder staatlich anerkannten Hochschule nichts zu suchen.  Sie ist unfrei.

Das Pikante an dem Vorgang ist ja: Der Bischof von Limburg, Georg Bätzig, verteidigt jetzt sogar den bestraften Theologieprofessor: Der Bischof habe der Wiederwahl des Jesuiten zum Rektor in Frankfurt uneingeschränkt zugestimmt. Damit macht sich immerhin eine Kluft auf zwischen Bischöfen in Deutschland und dem Vatikan. Wer wird sich durchsetzen? Angesichts der gehorsamen Ängstlichkeit der Bischöfe, seit Jahrhunderten üblich, natürlich der Vatikan.

Quelle: SZ 8.Oktober 2018   https://www.sueddeutsche.de/panorama/katholische-kirche-hochschulrektor-verliert-posten-wegen-positiver-aeusserungen-zu-homosexualitaet-1.4160821

……..  der ursprüngliche Hinweis:

Der Beitrag spricht nur von der römisch-katholischen Theologie; bei der protestantischen Theologie an den Universitäten gelten wahrscheinlich etwas andere Verhältnisse.

Der Anlass ist aktuell: Die Frage sollte endlich öffentlich debattiert werden: Ist katholische Theologie überhaupt eine Wissenschaft, die in ihrer bisherigen kirchenrechtlichen Form und aufgrund des Konkordates an eine staatliche Universität gehört?

Demnächst wird es ein so genanntes „Zentralinstitut katholische Theologie“ an der Humboldt Universität geben, mit zunächst wohl 6 Professoren. Wer wird sie auswählen und berufen? Welche inhaltlichen Schwerpunkte werden gesetzt? Das “Zentralinstitut“ in Berlin wird wohl und will wohl, soweit man weiß, in gewisser Hinsicht etwas Neues sein, insofern es die Kulturwissenschaften in die theologische Arbeit einbeziehen will und ausdrücklich eher als für „fortgeschrittene Theologen“ ein Ort der Weiterbildung sein wird.

Es ist also doch im letzten ein katholisch – konfessionell geprägtes Institut, vom Staat bezahlt.

Es muss also vor diesem Hintergrund die in Deutschland kaum diskutierte Frage gestellt werden: Ist katholische Theologie, so wie sie in Deutschland, aber auch etwa in Österreich, betrieben wird, eine freie, unabhängige Wissenschaft, wie es die anderen Wissenschaften an einer staatlichen Universität sind oder sein sollten?

Tatsache ist in Deutschland: Die Kirchenleitung, also die Bischöfe und über diese Bindung auch an den Vatikan und die vatikanische Glaubensbehörde, haben das letzte Wort: Sie sagen, wer als Professor(IN) an einer staatlichen katholisch – theologischen Fakultät bzw. „Zentralinstitut“ lehren darf. Das sollte ins allgemeine Bewusstsein dringen! Katholische Theologie ist in Deutschland eine Herrschafts – Theologie, sie wird bestimmt vom kirchenleitenden Klerus. Noch immer gilt, was Kardinal Ratzinger im Interview mit Peter Seewald (in „Salz der Erde“, 1996) über seine Erfahrungen an der katholisch – theologischen Fakultät in Tübingen von seinen Kollegen sagte: „Der einhellige Wille, dem Glauben zu dienen, war hier zerbrochen“ (S. 82). Es gibt also für die kirchleitenden katholischen Bischöfe nur „den“ (einen) Glauben, also den offiziellen, den römischen, dem Theologen an der Universität bitte zu DIENEN haben! Unerhört findet Ratzinger in demselben Interview das Projekt einiger Theologen an der Tübinger Fakultät, „der Kirche Mitschuld an der kapitalistischen Ausbeutung der Armen “ zu geben, der „herkömmlichen Theologie also eine systemstabilisierende Funktion zuzuschreiben“(S. 83). Wie konnten auch nur katholische Theologen diese unerhörten Fragen stellen; wie konnten sie nur kreativ neue Fragen stellen, so sie doch dem römischen Glauben zu dienen hatten, in der Sicht Ratzingers und des Vatikans? Unverschämte Theologen sind sie in der Sicht Ratzingers…

Also: Katholische Theologie, auch an Universitäten, steht unter der Führung des hohen Klerus. Das ist bis heute eine Tatsache. Denn so Ratzinger, in dem genannten Interviewbuch: „Nach katholischem Glauben gibt es eine Letztentscheidungsinstanz“ (S. 194). Den Papst und die oberste Glaubensbehörde im Vatikan, einst Inquisition genannt.

Das heißt konkret heute: Gut gebildete Theologen, die ihr Priesteramt aufgegeben haben, kommen als Professoren schon gar nicht in Frage. Priester, die als Theologieprofessoren einer staatlichen katholisch – theologischen Fakultät irgendwann einmal heiraten, werden aus dieser Fakultät entlassen (wie etwa Prof. Michael Bongardt an der FU Berlin). Theologieprofessoren, die in der Sicht der Bischöfe ungewöhnliche Thesen bzw. angebliche „Irrlehren“ vertreten, fliegen aus der Fakultät raus, siehe den Rausschmiss des katholischen Theologen Hans Küng in Tübingen. Und der „Witz“ ist: Werden in der Sicht der Bischöfe „unerträgliche“ katholische Theologen von der Fakultät entlassen, muss der Staat für diese Herren neue Posten an der Uni suchen und schaffen. Der Steuerzahler zahlt also für katholische, interne dogmatische Konflikte. Das gilt etwa für Hans Küng und Michael Bongardt. Keine Berufschancen als Theologieprofessor hat, selbst wenn er kirchenrechtlich gesehen Laie ist, wenn er (sie) sich als Theologieprofessor(in) öffentlich zu seiner gelebten Liebe in der Homosexualität oder gar zu einer homosexuellen Ehe bekennt. Keine Berufschancen hat, wer als Theologieprofessor im Laienstand offiziell noch einmal heiratet: Solche in katholisch – offizieller Sicht unmoralischen Theologieprofessoren (und wohl auch die „unteren Etagen“, wie Dozenten, etc.) müsste der Staat auf bischöflichen Druck entlassen. In Karlsruhe würden dann die Fälle Jahre lang verhandelt werden. Wahrscheinlich bekäme die Kirchenführung wegen bestehender Konkordatsgesetze sogar noch Recht. Nun gibt es aber wohl homosexuelle Theologen oder „geschiedene“ Theologen, aber diese dürfen ihre Identität nicht öffentlich preisgeben, wollen sie ihren Job behalten. Das wäre ein psychologisches wichtiges Nebenthema, denn diese Herren und Damen sind also zum Verheimlichen gezwungen. Verheimlichen wird zum theologisch – beruflichen Lebensmittelpunkt.

Mit anderen Worten: Die Kirchenführung, also Papst und Bischöfe, sehen sich nach wie vor, in den entscheidenden Kirchendokumenten belegt, als die letzten Entscheider in Personalfragen und damit in Sachfragen für staatlich angestellte Theologieprofessoren. Kein Kirchenmitglied, kein Konzil, hat die rechtliche Möglichkeit und Kompetenz, diese allumfassende Macht der Kirchenführung einiger zölibatärer Männer zu korrigieren zugunsten der Vernunft und der demokratischen Entscheidungen. Denn diese sich absolut fühlenden Chefs der Kirche glauben, dass nur ihnen der arme Prophet Jesus von Nazareth die absolute Vollmacht gab, in Kirchendingen zu entscheiden. Sie müssen nämlich glauben, der arme Prophet Jesus von Nazareth, am Kreuz krepiert, hätte diese römische Hierarchen – Kirche, so wie sie jetzt ist, gewollt! Diese klerikalen Herren haben sich die Interpretation einiger Bibelstellen seit 2 Jahrtausenden förmlich angeeignet. Das Wort Jesu hingegen „Nennt euch nicht Meister“ wird gelassen ignoriert von diesen Meistern. Aber das ist ein anderes Thema.

Die Kirchenführung also bestimmt, wer in Deutschland Theologieprofessor sein darf, und sie bestimmt natürlich auch darüber, WAS theologisch inhaltlich gelehrt wird. Denn wer von Bischofsgnaden Theologieprofessor ist und dies selbstverständlich weiß, hält sich mit Kritik an theologischen Entwicklungen zurück. Der Forschergeist ist gebremst.

Man kann also sagen: Im letzten bestimmen auch Papst und Bischöfe den inhaltlichen katholisch-theologischen Betrieb. Das gilt weltweit auch für Länder, wo es keine katholische Theologie an staatlichen Universitäten gibt, sondern nur kircheneigene „Seminare“ oder theologische Hochschulen, etwa der Ordensgemeinschaften.

Man mache sich die Mühe und dokumentiere, welche, in moderner theologischer Sicht, absurden Promotions-Themen etwa an päpstlichen Universitäten in Rom entstehen. Ich würde nach oberflächlicher Lektüre langjähriger Studien behaupten: Zum 100. Mal gab es eine Promotion über den jungen Augustinus und seine Bekehrung; zum 50. Mal etwas über die Gnadenlehre Gregor des Großen oder über den missionarischen Glauben Karl d. Großen usw… Im absolut bevorzugten Fach Kirchenrecht sicher zum 1000. Mal: Warum braucht die katholische Kirche keine demokratische Grundordnung? Oder: ebenfalls zum 100. Mal: Zur Aktualität der „sanatio in radice“. Im Fach Dogmatik etwa: Die Transsubstantionslehre bei dem späten Wyclif usw. Damit bin ich absolut nicht gegen die Erforschung auch abseitiger historischer Themen, aber: Sie nehmen im römischen Theologiebetrieb nur Überhand. Wo gibt es katholische ethische Institute zur Erforschung der Nachhaltigkeit, der globalen Gerechtigkeit, zur Erforschung des Wahnsinn des Kapitalismus? Ich kenne kein Institut…

Diese genannten Promotionen dienen nur dazu, irgendwelchen künftigen klerikal– treuen und gehorsamen Prälaten einen Doktortitel zu verpassen. Rainer Maria Woelki (jetzt Kardinal in Köln) hat bekanntlich seine theologische Doktorarbeit an der römischen Opus Dei Universität (durch Vermittlung des „Opus Dei sehr zuneigenden“ Kardinal Meisner) zum schon 1000mal das Thema „Die Pfarrei“ behandelt. Der Text selbst als solcher ist übrigens selbst in der Kirchenbibliothek zu Köln unerreichbar. Ich habe darüber einst ein paar Zeilen geschrieben.

Zurück noch mal zu Deutschland mit der eigenen Situation einer Nähe von Kirchen und Staat (Konkordat).

Um da etwas – polemisch durchaus gemeint – Klarheit zu schaffen:

Die rechtliche Situation katholischer Theologie an einer staatlichen Universität wäre vergleichbar: Wenn das Justizministerium in Berlin die Professoren für Jura an den Universitäten vor Anstellung überprüft und dann „zulässt

Oder wenn der Außenminister die Professoren für Politologie vor Anstellung überprüft und dann erst an der Uni „zulässt“.

Oder wenn das Gesundheitsministerium die Professoren für Medizin an den Universitäten vor Anstellung überprüft und dann zulässt.

Sollte diese Prozedur der Fall sein, würde dies wohl um der gesetzlich garantierten Freiheit der Wissenschaft und der Wissenschaftler schnell korrigiert, weil in einer Demokratie die kritische Stimme der Öffentlichkeit eine entscheidende Rolle spielt. Die katholische Kirche ist keine Demokratie und will in zahlreichen Texten explizit dokumentiert auch keine Demokratie sein. Also kann kein öffentlicher Einspruch eine Rolle spielen. Und der Staat muss diese katholisch theologische Form der Wissenschaft an der Uni finanzieren. Man zähle bitte nach, wie viele katholisch – theologische Fakultäten an Universitäten es in Deutschland gibt, zähle die Anzahl der Professoren usw. und die (sinkende) Anzahl der Studierenden. Ich habe 19 Fakultäten gezählt. Eigentlich müsste angesichts dieser starken Präsenz die kulturell interessierte Öffentlichkeit permanent mit neuen theologischen Erkenntnissen konfrontiert werden, mit lebendigen Debatten etc. Ist dies der Fall? Wo es doch noch nicht einmal eine ernstzunehmende öffentlich, also am Kiosk erreichbare, katholisch Kulturzeitschrift gibt…

In jedem Fall gilt:

Das theologische Problem dieser Abhängigkeit einer Wissenschaft von der leitenden Instanz muss eigens angesprochen werden.

Denn im Vatikan gibt es in den dortigen absoluten Kontroll – Behörden eine eigene Theologie, die diese vatikanischen Herren für die ganze Welt durchsetzen wollen. Diese römisch/vatikanische Zentraltheologie wurde immer wieder von Theologen beklagt, etwa von Karl Rahner, aber auch von Theologen aus den USA oder Lateinamerika. Die Liste der angeklagten katholischen Theologen allein seit 50 Jahren, also nach dem so genannten Reformkonzil (2. Vatikanisches Konzil), ist endlos lang, Ratzinger hat diese Leute gern verfolgt, und man kann über google schnell fündig werden hinsichtlich des Ausmaßes der Kontrollen.

Nur ein Beispiel für viele: Der in El Salvador lehrende Theologieprofessor Prof. Jon Sobrino aus dem Jesuitenorden wurde 2007 von der römischen Glaubensbehörde mit einer so genannte „Notification“ ausgestattet: Das bedeutet: Ausdrücklich werden gegen Prof. Sobrino zwar noch keine Strafmaßnahmen ausgesprochen, hingegen wird sehr deutlich vom Vatikan aus gesagt: Einige Aspekte seiner grundlegenden Studien über Jesus Christus sind in römischer Sicht falsch. Gleichzeitig werden die Bischöfe in dem Bürgerkriegsland El Salvador (d.h. heißt konkret: Reaktionäre katholische Militärs „beseitigen“ die kritische befreiungstheologische Basis, die ausgelöscht werden muss) aufgefordert: „Maßnahmen zu ergreifen, um die kritische Sicht des Vatikans gegen Pater Sobrino durchzusetzen“. Der katholische Theologe Knut Wenzel kommentiert: „Diese Aufforderung des Vatikans stellte eine erhebliche Verletzung der Rechtssicherheit für Pater Sobrino dar“ (in: Die Freiheit der Theologie, hg. Knut Wenzel, Grünewald Verlag, 2008, S. 7).

Diese Disziplinierungsmaßnahmen des Vatikans entsprechen jedenfalls nicht den von Philosophen und Humanisten durchgesetzten Standards von Rechtsstaatlichkeit und Verfahrenstransparenz. Letztlich war der Kampf des Vatikans gegen Professor Sobrino ein Kampf (und interessierter europäischer, us – amerikanischer Politiker) gegen die Befreiungstheologie. In Deutschland wurde dieser Kampf gegen diese Theologie kaum wahrgenommen.

Was hingegen aus aktuellen Gründen wahrgenommen werden sollte in Deutschland, ist der Wandel in der katholischen Bibelwissenschaft. Wird sich dieser Trend gegen die historisch – kritische Methode sich auch in Berlin breit machen? Da hat die bisher übliche historisch kritische Methode Konkurrenz bekommen in der so genannten „kanonischen Exegese“. Sie legt u.a. wert auf die Einbindung eines einzelnen Bibeltextes in das Gesamte, „kanonische“ biblische Text-Volumen. Wichtig ist nun von vornherein die spirituelle Bedeutung der Bibelauslegung, wobei oft wohl unterstellt wird, die historisch – kritische Bibelwissenschaft „bringe nichts“ für den Glauben des einzelnen: Als sei kritische Kenntnis ein Hindernis für einen aufgeklärten Glauben! Als Beispiel für diese angeblich spirituell hilfreiche kanonische Bibelauslegung gelten die Jesus – Bücher von Benedikt XVI. Nur einige Fragen, die Prof. Ruth Scoralick, Luzern, in dem Zusammenhang stellt:

„Von exegetischer Seite wird besorgt angefragt, ob sich die kanonische Auslegung nicht (unabsichtlich) als Türöffner für Fundamentalismus und Biblizismus betätigt. Ist darüber hinaus die kanonische Auslegung in einigen ihrer Gestalten nicht einfach eine Rolle rückwärts hinter die Erkenntnisse der Auf-klärung direkt in die Arme der Kirchenväter? Werden die biblischen Texte in ihrer Vielfalt nicht tendenziell eingeebnet und vereinheitlicht? Werden außerbiblische Textbezüge noch ernst genommen oder einfach abgeschnitten? Führt die verschiedentlich anzutreffende Rede von der Überführung ursprünglich situativ gebundener Texte in eine «überzeitliche» Dimension durch ihre Aufnahme in den Kanon nicht in eine unangemessene Abstraktion?“ (Quelle: http://www.bibelwerk.ch/upload/20091127104302.pdf)

Zusammenfassend:

Es ist notwendig, die katholische Theologie aus der Bindung ans kirchliche Amt zu befreien und katholische Theologie als „Religionswissenschaft des Christentums und des Katholizismus“zu etablieren. Dadurch würden es keine theologischen Forschungsverbote mehr geben, etwa zur Unfehlbarkeit des Papstes, zum Marienkult als Ausdruck einer Mutter – Religion, zur Trinität als Frage nach dem Monotheismus, zur Gültigkeit aller einst einmal formulierten Dogmen auch für de heutige Kirche usw. Ein breites, auch kulturelles Spektrum könnte in dieser amtskirchen-unabhängigen Wissenschaft von der katholischen Religion behandelt werden. Der ausdrückliche Bezug zur pluralistischen Religionstheologie oder zu Gender – Forschungen etc. wäre problemlos und angstfrei möglich.

Wer unter diesen Bedingungen ausgebildet wird, hat einfach einen breiteren Horizont, er (sie) ist sozusagen kulturell – religiös umfassender gebildet als in der üblichen katholisch – theologischen Arbeit, die ja oft von Angst vor „schwierigen“ Themen geprägt ist. Diese neue Ausbildung würde den Religionslehrern nützlich sein so wie auch den Kandidaten für den Pfarrerberuf. Wie man gut predigt oder wie man Liturgie gestaltet, muss ja dann nicht mehr an der staatlichen Uni gelehrt werden, sondern kann in Kursen in kirchlicher Verantwortung stattfinden.

Nebenbei: Wenn es in Berlin ein Zentralinstitut katholische Theologie“, staatlich finanziert unter amtskirchlicher Regie tatsächlich geben wird: Was wird dann etwa aus dem in Berlin – Biesdorf gelegenen innerkirchlichen theologischen Ausbildungsinstitut der Neokatechumenalen, die ja bekanntlich seit vielen Jahren in ihrem sehr sehr konservativen Sinne junge Priester aus aller Welt für die Berliner katholischen Gemeinden ausbilden? Von dieser Bildungsstätte in Biesdorf hat die kulturell interessierte Öffentlichkeit in Berlin absolut nichts wahrgenommen, keinerlei theologische Impulse sind von dort in die Öffentlichkeit gelangt. Das Ganze wirkt wie eine geheime Kaderschmiede, früher hätte man gesagt: Parteihochschule. Das Biesdorfer Institut unter dem Titel Redemptoris Mater, Mutter des Erlösers, gehört den Neokatechumenalen, die weltweit 100 dieser Einrichtungen unter demselben Titel führen. Diese Institute sind ein Beispiel dafür, wie katholische Theologie aussieht, die nur im Getto der Kleriker betrieben wird. Berlin braucht keine klerikale katholische Theologie, sondern eine „Religionswissenschaft über die katholische Religion“. In Nijmegen, Niederlande, kann man sich an der dortigen Universität erkundigen, wie das funktioniert.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Gegen das Entgleisen der Moderne und das Verschwinden des demokratischen Rechtsstaates

Ein Salonabend zur Aktualität von Jürgen Habermas am 20.7. 2018

Hinweise von Christian Modehn

Diese Hinweise sind bestimmt für Menschen, die sich bisher eher beiläufig oder fast gar nicht mit dem Denken von Jürgen Habermas befasst haben. Es werden hier sozusagen elementare Verstehenshilfen zu zwei zentralen Begriffen vorgeschlagen, mit dem Zweck: Selbst Habermas zu lesen und die Habermas Texte zu bedenken.

Jürgen Habermas (geb.1929) ist Philosoph und Sozialwissenschaftler.

Sein leidenschaftliches Interesse gilt einer Philosophie, die Kants Erkenntnisse neu formuliert und die dabei die Ethik in den Mittelpunkt stellt. Moralphilosophie, Ethik, wird deutlich durch vernünftiges, allen Denkenden zugängliches Argumentieren.

Habermas hält sich gegen die postmodernen Philosophen an eine universal geltende Ethik: Diese hat nichts mit willkürlichen Entschlüssen, nichts mit Befolgung von Machtsprüchen oder mit unreflektierter Realisierung religiöser Weisheiten zu tun. Die Vernunft prüft – wie Kant – alle inhaltlichen ethischen Weisungen auf ihre vernünftige formale Geltung (siehe „Kategorischer Imperativ“). Die Vernunft will dann jeweils historisch – konkret inhaltliche vernünftige Normen erzeugen. Dabei stellt Habermas Mythos gegen Philosophie. Die Wahrheiten der Mythen müssen, falls sie – auch weltlich, politisch, relevant sein sollen – in Vernunft-Sätze übersetzt werden.

Das ist grundlegend: Die Vernunft steht im Dienst der Bewahrung und Rettung des menschlichen Miteinanders in demokratischen Rechtsstaaten. Nur in einer „Mobilisierung“ der Vernunft, zu der auch Empathie, Gefühle gehören, kann die Moderne vor der „Entgleisung“ bewahrt werden.

Habermas prangert gerade in seinen Stellungnahmen der letzten Jahre den „unverfrorenen Wirtschaftsegoismus“ an, er fürchtet den „Zerfall Europas“, will die Solidarität mit vernünftigen Gründen in den Mittelpunkt stellen.

Habermas ist ein politischer Philosoph, ein engagierter Philosoph. Er weiß: Der Mensch ist nicht ein in sich verkapseltes (egoistisches) Individuum, sondern zuerst „Sein mit anderen“, also inter-subjektitiv von vornherein bestimmt. Nur durch das Mitsein mit anderen entsteht individuelles Selbstbewusstsein. Es ist also auch vernünftig, solidarisch zu sein. Wer unsolidarisch ist und nur das Ego pflegt, widerspricht der Struktur seines eigenen Menschseins.

Dabei darf man das persönliche Profil von Jürgen Habermas nicht vergessen: Er ist ein aufmerksamer Dialog – Partner, er versucht, den anderen vorbehaltlos zu verstehen, er äußert sich gern in der Öffentlichkeit: Sein philosophisches Profil begann wohl damit, als er 1953 die bruchlose Ausgabe von Heideggers Vorlesungen „Einführung in die Metaphysik“ von 1935 kritisierte, die Veröffentlichung nach dem Krieg war bruchlos deswegen, weil Heidegger ohne jeden Hinweis einen in der Nazizeit veröffentlichten Text „einfach so“ publizierte. Habermas zeigte, wie in dem Text versteckt Nazi – Ideologie enthalten ist. Überhaupt reagierte der junge Habermas sehr früh empört über die Tatsache, wie sich in den frühen Jahre der BRD unter Adenauer Nazi – „Größen“ in führender Stellung etablieren konnten.

Ein Hinweis zur Diskursethik:

Hier wäre vom Einfluss des mit Habermas befreundeten Philosophen Karl-Otto Apel zu sprechen.

Die These ist: Durch den Diskurs, d.h. das vernünftige Gespräch möglichst mit allen, kann die Demokratie gerettet werden. Weil der Diskurs von der Erkenntnis ausgeht, dass im Sprechen und Miteinander Diskutieren implizit eine (formale) Wahrheit anerkannt wird: Eben, dass wir einander verstehen können (wenn wir die gleiche Sprache sprechen…) Zum Diskurs selbst: „Alle relevanten Stimmen finden Gehör“. Alle „beim gegenwärtigen Wissensstand besten Argumente gelangen ins Gespräch und damit zu einer Geltung“.

Wenn es Ja und Nein Stellungnahmen, also Entscheidungen, der Teilnehmer gibt, dann unter dem „zwanglosen Zwang (Habermas) des besseren Arguments“.(J.H., Diskursethik, Studienausgabe, S. 162). Es zählt nur das Argument, unabhängig von sozialen Status etc. Es geht um die Vorrangstellung des kommunikativen Handelns (anders als das instrumentelle Handeln, also Arbeit). Kommunikatives Handeln ist vor aller Arbeit das durch gemeinsames Sprechen ermöglichte Schaffen einer gemeinsamen vernünftigen Welt.

Sprechen IST Handeln.

Sprechen ist nicht nur faktischer Informationsaustausch („es ist 10 Uhr“), sondern eine Tathandlung, die in der Zusage den anderen verändert („Ich wünsche dir gute Gesundheit“)

Noch einmal: Allem Sprechen „wohnt“ als implizites, nicht abzuschaffendes Ziel die Verständigung mit anderen inne. Wir sind im Sprechen a priori auf Verständigung mit anderen aus. Auch auf die Erzeugung von einem gemeinsamen Projekt. Etwa ist das Urteil „Alles ist sinnlos“ ein Selbstwiderspruch, denn dieses Urteil ist dann selbst sinnlos. Wer dies leugnet, lebt in einem Selbst-Widerspruch. Wie ein jeder mit Selbstwidersprüchen umgeht, ist ein anderes Thema. Mit der eigenen (Lebens)Lüge (bequem) leben, wäre ein Ansatz dafür, welche Krankheitsbilder sich dabei zeigen, ein anderes Thema.

Jeder Gesprächsteilnehmer sieht sich genötigt im Diskurs, die Perspektive des anderen zu übernehmen, um zu prüfen, wie dadurch ein vernünftiges Miteinander gefunden werden kann. Diese Vernunft findet – sehr schnell verkürzt gesagt -in ihren Ausdruck in gerechten Gesetzen.

Zum wechselseitigen Lernen von säkularen (also explizit nicht-religiösen) Menschen und religiös/konfessionell gebundenen Menschen.

Habermas geht davon aus, dass in den Lehren, Weisheiten, der (meist uralten) Religionen Erkenntnisse enthalten sind, die heute wichtig sein können auch für die Rettung der Demokratie. Habermas spricht oft von der Gefahr der „Entgleisung der Moderne“, die nur durch die vernünftige Einbeziehung religiöser Ideen und religiöser Energien verhindert werden kann.

Für Habermas sind Religionen Ausdruck des „objektiven Geistes“, darin folgt er Hegel: Kunst, Religionen, Philosophien sind Ausdruck (Aussage), je unterschiedlich, des einen universalen Geistes. Auch Religionen haben auf ihre Art Wesentliches zu sagen. Ein Beispiel für eine Übersetzung religiöser Weisheit von der Sicht von Habermas: „Der egalitäre Universalismus, aus dem die Ideen von Freiheit und solidarischem Zusammenleben entsprungen sind, ist unmittelbar ein Erbe der jüdischen Gerechtigkeit und der christlichen Liebesethik. In der Substanz unverändert, ist dieses Erbe immer wieder kritisch angeeignet und neu interpretiert worden. Dazu gibt es bis heute keine Alternative.’ (Jürgen Habermas, Zeit der Übergänge, Suhrkamp, 173 ff)

Habermas sieht heute „knapper werdende Sinn -, Solidaritäts- und Gerechtigkeitsressourcen“ (S. 99) Darum sein Interesse an der vernünftigen Pflege religiöser Weisheiten und deren reflektierte Einbeziehung ins gesellschaftliche Miteinander. Diese Weisheiten will er aktuell retten, dadurch, dass er die religiösen Menschen auffordert, ihre eigenen religiösen Weisheiten allgemein verständlich, vernünftig, auszudrücken.

Dies ist wichtig, um das Entgleisen der Moderne zu verhindern: Denn die Philosophie selbst zeigt, auch in der Bindung an Kant, „es gibt eine motivationale Schwäche der Vernunftmoral“ (J.H.: „Ein Bewusstsein von dem, was fehlt“, Suhrkamp, S. 97). „Die säkulare Moral ist nicht von Haus aus in gemeinsame Praktiken eingebettet. Demgegenüber bleibt das religiöse Bewusstsein wesentlich mit der fortdauernden Praxis des Lebens in einer Gemeinde verbunden und mit der im Ritus vereinigten Glaubensgenossen“ (ebd.). (Meine Frage: Wenn Kirchengemeinden verschwinden, verschwindet auch die hilfreiche solidarische Praxis? Und: Sind pauschal alle sich Religion nennenden Religionen in der Hinsicht relevant ? Wer unterscheidet die religiöses Qualität von Mystikern von Scientology oder den Zeugen Jehovas? Das kann nur die mit eigenen Massstäben argumentierende, allen Religionen übergeordnete Philosophie. Diesem Satz würde Habermas nicht zustimmen.

Aber darüber hinaus: Schon Kant sah ein Defizit der praktischen Vernunft. Er sah, dass kollektive Ziele etwa in der Gesellschaft mit der Kraft der Vernunft eher schwach nur verwirklicht werden (Die Religion, meinte er, habe kräftige Begriffe der Sittlichkeit… Kritik der Urteilskraft, S 603). Ob diese Einschätzung heute noch so stimmt, ist die Frage…

Habermas fordert jedenfalls von den säkularen Menschen Respekt vor den religiösen Weisheitslehren. Der barmherzige Samariter praktiziert als Fremder die Fernsten/Fremden Liebe, indem er spontan einen Fremden umfassend pflegt. Das heißt: Nächstenliebe ist immer Fernsten/Fremdenliebe. So viel Verständnis für Religiöses haben säkulare Kritiker dem erklärtermaßen „religiös unmusikalischen“ Habermas übel genommen. Habermas verteidigte sich angesichts seiner Dialoge mit Kardinal Ratzinger und den Jesuiten, es sind ja Exempel gelebter Dialgpraxis und zudem sagte er: Er sei nicht im Alter auch noch fromm geworden. Obwohl er bekennt, manches doch in seiner Herkunft aus einer liberal – protestantischen Familie gelernt zu haben. Nach meinem Eindruck hat sich Habermas zu diesem wechselseitigen Lernen zwischen muslimisch Frommen und säkularen Menschen nicht sehr ausführlich geäußert.

Wichtig ist jedenfalls: Religiöse Menschen übersetzen ihre religiösen Glaubensweisheiten nur für die und in der Gesellschaft! Um ein besseres Verstehen in der pluralen Gesellschaft zu erzeugen. Sollten aber religiöse Menschen in den Dienst des säkularen Staates treten, und Rechtsstaaten sind immer säkular !, dann müssen sie sich strikt an die allgemeinen säkularen Überzeugungen halten. Religiöse Menschen dürfen also nicht ihre religiösen Weisungen als solche etwa zum staatlichen Gesetz machen wollen. Ein religiöser Staatsbeamter handelt insofern als säkularer Bürger wie alle anderen Beamten. Dass das gerade sehr schwierig ist gerade in der ideologischen Bindung so vieler Richter in Deutschland ist klar. Darum fallen ja auch Urteile so unterschiedlich aus, weil die Richter eben doch bestimmte Vorlieben haben… Das heißt grundsätzlich: Der religiöse Bürger muss seine religiösen Weisheiten im staatlichen Bereich als sekundär wahrnehmen und entsprechend säkular handeln.

Habermas ist überzeugt: Entgegen früherer Prognosen von Soziologen: Religionen verschwinden nicht. Darum nennt er sein Denken „post—säkular“, also einer Zeit zugehörig, die die Dominanz des Säkularen überwunden hat.

Gleichzeitig nennt er sein Denken nach–metaphysisch, um den Abschied von der alten metaphysischen Traditionen und Systemen deutlich zu machen. Dabei hält an der Qualität philosophischer Reflexion selbstverständlich fest.

Es gibt also eine neue gemeinsame Basis in der zersplitterten Gesellschaft von säkularen und religiösen Menschen: Säkulare Menschen lernen von religiösen Weisheiten, SOFERN diese in allgemein zugängliche vernünftige Sprache übersetzt werden und praktisch fruchtbar gemacht werden: Man denke etwa auch an praktisches Tun religiöser Menschen, etwa an die Praxis des Kirchenasyls, dies ist eine moderne, säkulare Form der biblischen Forderung, den Fremdling als Nächsten zu behandeln… Man denke aber auch andererseits an die Lernschritte einiger fundamentalistischer Christen, Homosexuelle zu respektieren bis hin zur entsprechenden Ehe: Dies haben diese Christen gelernt durch die von säkularen Wissenschaftlern vorgetragenen Argumente, dass zum Thema der modernen Homosexualität die Bibel nichts, aber auch gar nichts zu sagen hat, das selbe gilt für den Koran etc.)

„Die Säkularisten haben das Verdienst, energisch auf der Unverzichtbarkeit der gleichmäßigen zivilgesellschaftlichen Inklusion aller Bürger zu bestehen. Weil eine demokratische Ordnung ihren Trägern nicht einfach auferlegt werden kann, konfrontiert der Verfassungsstaat seine Bürger mit Erwartungen eines Staatsbürgerethos, das über bloßen Gesetzesgehorsam hinauszielt. Auch religiöse Bürger und Religionsgemeinschaften dürfen sich nicht nur äußerlich anpassen. Sie müssen sich die säkulare Legitimation des Gemeinwesens unter den Prämissen ihres eigenen Glaubens zu eigen machen“. (Jürgen Habermas, 2007, in: Blätter für deutsche und intern. Politik…)

In der Einleitung seines Bandes „Zwischen Naturalismus und Religion“ (Frankfurt 2005) nennt Habermas wichtige Ressourcen und Potenziale von Religionen: „Religiöse Überlieferungen leisten bis heute die Artikulation eines Bewusstseins von dem, was fehlt. Sie halten eine Sensibilität für Versagtes wach. Sie bewahren die Dimensionen unseres gesellschaftlichen und persönlichen Zusammenlebens, in denen noch die Fortschritte der kulturellen und gesellschaftlichen Rationalisierung abgründige Zerstörungen angerichtet haben, vor dem Vergessen. Warum sollten sie nicht immer noch verschlüsselte semantische Potenziale enthalten, die, wenn sie in begründende Rede verwandelt und ihres profanen Wahrheitsgehaltes entbunden werden, eine inspirierende Kraft entfalten können? Religion verfügt offenbar über eine Sprache, welche zum Ausdruck zu bringen vermag, was einerseits noch fehlt, weil es noch nicht realisiert beziehungsweise was fehlt, weil es verschwunden, verdrängt oder verloren ist. Mit dem Bewusstsein für das Unabgegoltene, Unrealisierte oder Unversöhnte verbindet sich eine Sensibilität für das Vorenthaltene. Religion hält Intuitionen für verweigertes Recht, verwehrte Solidarität sowie vorenthaltene Lebensmöglichkeiten wach. Religiöse Überlieferungen bewahren elementare Erfahrungen und Perspektiven des persönlichen Lebens und gesellschaftlichen Zusammenlebens, welche durch „entgleisende“ Modernisierungs- und Rationalisierungsprozesse bedroht sind, vor dem Vergessen und Verschwinden“.

Zur weiteren Lektüre von einigen Habermas-Texten:

Zur politischen Krise Deutschlands und Europas heute: Rede am 5. 7. 2018 in Berlin (Die ZEIT hat den Text veröffentlicht!)

„Dass sich eine Bundesregierung, die mit dem Rücken zur Wand steht, ihren zähen Widerstand gegen jeden einzelnen Integrationsschritt scheibchenweise abkaufen lässt, ist skurril. Ich kann mir nicht erklären, warum die deutsche Regierung glaubt, die Partner zur Gemeinsamkeit in Fragen der für uns wichtigen Flüchtlings-, Außen- und Außenhandelspolitik gewinnen zu können, während sie gleichzeitig in der zentralen Überlebensfrage des politischen Ausbaus der Euro-Zone mauert… Die Bundesregierung steckt ihren Kopf in den Sand, während der französische Präsident den Willen deutlich macht, Europa zu einem globalen Mitspieler im Ringen um eine liberale und gerechtere Weltordnung zu machen….

Heute werden die nationalen Bevölkerungen von politisch unbeherrschten funktionalen Imperativen eines weltweiten, von unregulierten Finanzmärkten angetriebenen Kapitalismus überwältigt. Darauf kann der erschrockene Rückzug hinter nationale Grenzen nicht die richtige Antwort sein“.

Eine Einschätzung des Theologen und Habermas Kenners Edmund Arens, Prof. in Luzern „Habermas bleibt bei aller respektvollen Annäherung an Religion ein auf Abstand bedachter Beobachter, der sich gegen Vereinnahmung wehrt. Er bleibt ein scharfsinniger Diagnostiker der postsäkularen Gesellschaft, der gegen religiös-fundamentalistische Selbstabkapselung ebenso dezidiert Stellung bezieht wie gegen säkularistisch-bornierte Selbstgewissheit. Er bleibt ein verständigungsorientierter Anwalt der öffentlichen Vernunft, der sich dafür stark macht, dass die Religion in die gesellschaftliche und politische Öffentlichkeit gehört, dass sie darin ihre Beiträge einzubringen und im Diskurs zu prüfen, zu präzisieren und nötigenfalls zu korrigieren hat. Er bleibt ein nachmetaphysischer Denker, der der Theologie hilft, sich ihres eigenen Vernunftpotenzials ohne metaphysische Aufblähung einerseits und postmoderne Schwächung andererseits zu vergewissern. Er bleibt ein zugleich lernbereiter und herausfordernder Gesprächspartner, der in seinem der Wahrheit und Gerechtigkeit, der Solidarität und Gleichheit verpflichteten Denken unberechtigte Macht- und unbegründete Geltungsansprüche einschließlich religiöser, kirchlicher und theologischer kritisiert und gleichzeitig zur wechselseitigen Verständigung über begründete und gerechtfertigte Geltungsansprüche aufruft“. (Herder – Korrespondenz, 2009)

Habermas unterstützt den zivilen Ungehorsam:

Der Philosoph und Soziologe Jürgen Habermas hat zivilen Ungehorsam folgendermaßen definiert:

„Ziviler Ungehorsam ist ein moralisch begründeter Protest, dem nicht nur private Glaubensüberzeugungen oder Eigeninteressen zugrunde liegen dürfen; er ist ein öffentlicher Akt, der in der Regel angekündigt ist und von der Polizei in seinem Ablauf kalkuliert werden kann; er schließt die vorsätzliche Verletzung einzelner Rechtsnormen ein, ohne den Gehorsam gegenüber der Rechtsordnung im Ganzen zu affizieren; er verlangt die Bereitschaft, für die rechtlichen Folgen der Normverletzung einzustehen; die Regelverletzung, in der sich ziviler Ungehorsam äußert, hat ausschließlich symbolischen Charakter – daraus ergibt sich schon die Begrenzung auf gewaltfreie Mittel des Protests.“ (Jürgen Habermas, Ziviler Ungehorsam – Testfall für den demokratischen Rechtsstaat, in: Peter Glotz (Hrsg.), Ziviler Ungehorsam im Rechtsstaat, Frankfurt/M. 1983, S. 35.)

Quelle: http://www.bpb.de/apuz/138281/ziviler-ungehorsam-ein-umkaempfter-begriff?p=all

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

Habermas: Für eine Ethik des Diskurses und einen Dialog von säkularen und religiösen Menschen

Einige kurze Hinweise zu zentralen Begriffen im Denken des Philosophen und Soziologen Jürgen Habermas, speziell und anlässlich des Salon –Gespräches am 20.7.2018.

Von Christian Modehn

1.Zur Ethik des Diskurses einige Hinweise.

Der Ausgangspunkt für Habermas ist: Jedes Gespräch der Menschen untereinander enthält bei jedem Gesprächsteilnehmer stillschweigende, meist gar nicht mit – reflektierte Voraussetzungen: Etwa: Der andere versteht meine Worte, und ich verstehe seine Antworten, weil ich auch in seiner eigenen Sprache spreche und er mir in der gemeinsamen Sprache antwortet und wir eben keine verkapselte, nur eine Ego bezogene „Privatsprache“ sprechen.

Diese Frage ist die Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit gegenseitigen Verstehens. Die Erforschung dieser Bedingungen nennt Habermas der bekannten Sprachregelung Kants folgend „transzendentale Bedingungen“ oder auch „transzendentale Aprioris“. Das Wort transzendental in diesem kantschen Sinne hat bekanntermaßen nichts mit dem religiösen Begriff Transzendenz zu tun. Es ist eine Wortschöpfung von Kant („Kritik der reinen Vernunft“).

Aber Habermas interessiert sich für den Dialog, den Diskurs; während Kant seine Philosophie im Ansatz vom einzelnen Subjekt her entfaltet…

Habermas zeigt dann: Indem wir ins Gespräch überhaupt einsteigen, akzeptieren wir indirekt und oft gar nicht explizit Regeln für das Gespräch.

Eine von allen Gesprächsteilnehmern geteilte Regel etwa ist: Man sollte sich im Dialog nicht sich selbst widersprechen. Das wäre ein tatsächlicher, performativer Widerspruch. Es mag ja einzelne, dann nicht mehr ernst zunehmende Menschen geben, die diesen Widerspruch für sich akzeptieren und sich damit aus der Welt der Logik stellen. Faschisten und Fundamentalisten denken so.

Ein sofort verständlicher, eher noch schlichter Stammtisch – Selbstwiderspruch wäre: „Ich denke, dass alles in dieser Welt keinen Sinn hat“. (Damit hätte auch diese Aussage keinen Sinn).

Eine weitere Regel, die sich im Gespräch oft unartikuliert versteckt, aber immer mit – gemeint ist: Wenn jemand eine Norm angreift, von der die anderen Gesprächsteilnehmer überzeugt sind, dann muss er Gründe für diesen Angriff nennen: Man denke an den offenkundigen Stammtisch – Selbstwiderspruch: „Der Islam gehört nicht zu Deutschland. Der einzelne Muslim aber gehört dazu“. Die evidente Kritik: Ein Muslim ist immer auch ein lebendiger Vertreter des Islam. Wenn ein einzelner Muslim also zu Deutschland gehören darf in der CSU Perspektive, dann gehört damit automatisch auch „der“ Islam zu Deutschland. Ein nahe liegendes Beispiel: Was ist, wenn ich sage: „Die CSU gehört nicht zu Bayern. Ein einzelnes CSU Mitglied als Mensch aber gehört zu Bayern… Auch die römisch katholische Kirche folgt in ihrem immer noch gültigen, offiziellen Katechismus (Rom, 1993) diesem logischen Unsinn und moralischen Blödsinn, wenn es etwa heißt: „Die Homosexualität ist nicht zu billigen. Dem einzelnen Homosexuelle aber ist, so wörtlich, “mit Takt zu begegnen“ (§ 2357 und § 2358). (PS: Wie nett, CM).

Über die inneren und notwendigen Voraussetzungen des Diskurses hat Habermas viel von dem Philosophen Karl Otto Apel gelernt.

Der zentrale Punkt bei Habermas wie bei Apel ist: Nicht irgendeine ferne und femde Autorität entscheidet, was in der Kommunikation der unterschiedlichen Bürger wahr ist und was als falsch zurückgewiesen wird, sondern allein die Kommunikationsgemeinschaft. Habermas hat noch ein großer Vertrauen, dass Menschen als Menschen eben mehr sind als willkürlich agierende Tiere, Menschen haben Vernunft, die sie auszeichnet. Und diese Auszeichnung sollten sie beleben. Heute gibt es Menschen, die auf die Vernunft gern verzichten, um ihre eigenen Vorteile, egoistisch, populistisch, gegen andere durchzusetzen. Wenn diese Leute zur Gewalt greifen, hilft nur das demokratische Rechtssystem, das voll umfänglich angewendet werden muss. Habermas will mit seiner Diskursethik dem Frieden dienen. Und dem Respekt vor einer demokratischen Rechtsordnung! Diese gilt ohne Frage auch für die vielen rechtsextreme Gewalttäter, deren Zahl ist wohl größer als die Zahl der Übeltäter aus den Kreisen der Geflüchteten. Dies sollten alle beachten, die dem Wahn folgen, „die“ Geflüchteten seien böse…

2. Habermas über die Beziehungen zwischen säkularen (d.h. für ihn religionsfreien) Bürgern und nicht-säkularen, also religiösen Bürgern.

Die Beziehungen und ein Miteinander beider Gruppen spielt sich in der Gesellschaft ab, der kulturell geprägten Lebenswelt: Da sollten nach Habermas die säkularen Bürger durchaus großes Interesse haben zu erfahren, was die religiösen Bürger etwa zu ethischen Fragen aus ihrer religiösen Moviertheit wichtig finden. Die säkularen Bürger sollten als im Sinne von Habermas wissen: Auch in den religiösen Äußerungen kann sich allgemeine menschlich relevante Wahrheit zeigen, versteckt in religiöser Sprache. Das zeigt Habermas etwa am religiösen Begriff der „Schöpfung“ oder der „Gottebenbildlichkeit“.

Aber auch religiöse Bürger sollten sich bemühen, die Sprache der Säkularen zu verstehen. Wobei Habermas durchaus mehr intensives Verstehen vonseiten der Säkularen verlangt. Dies offenbar auch aus einer pragmatischen Überlegung heraus: Seiner Meinung nach ist die säkulare Gesellschaft am Entgleisen, ein zentrales Wort bei Habermas. D.h.: Menschlichkeit wird nur noch unter den Kategorien der Verwendbareit und Nützlichkeit gesehen, da können religiöse Quellen ins Heute übersetzt hilfreich sein. es geht also Habermas um die Mobilisierung humaner Quellen für den Bestand der Demokratien. Habermas bezeichnet sich selbst als „religiös unmusikalisch“, auch wenn er gelegentlich seine Herkunft aus einem liberal – protestantischen Elternhaus als heutige noch etwas gültige sanfte Quelle für ihn selbst noch andeutet. Jedenfalls hat Habermas eine unglaubliche Scheu, irgendwie auch nur entfernt als religiös verstanden zu werden. Dabei hat er aber bezeichnenderweise gar nichts gegen Religionen im allgemeinen, sofern sie sich heute in allgemein zugänglicher Sprache in der Öffentlichkeit äußern. Was sie in ihren eigenen, abgeschlossenen Kreisen alles (Esoterische) erzählen, ist OK, weil Ausdruck der Religionsfreiheit. Nur der Schritt der religiösen Menschen in die Öffentlichkeit bedarf der genauen Aufmerksamkeit. Zumal dann, wenn Religiöse in den Staatsdienst treten, also in eine liberale Demokratie, die ihr Selbstverständnis und ihre Gesetze selbstverständlich nicht aus den Weisungen einer einzelnen Religion beziehen darf. Der demokratische Staat als Garant der Religionsfreiheit ist darum immer ein Staat ohne Gott und muss das auch sein: An welche religiöse Weisung sollte sich ein Staat denn auch halten?

Der religiös neutrale Staat allein ist der Garant von Meinungsfreiheit und Religionsfreiheit. Alle Einmischungen religiöser Organisationen in den Staat und seine Gesetze sind darum zurückzuweisen. Darüber hat Habermas u.a. mit dem damaligen Kardinal Joseph Ratzinger und einigen Jesuiten in München debattiert. Habermas ist insofern ein Vorbild der Dialogbereitschaft.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.