Über die Menschenwürde: Ein philosophischer Salon

In unserem religionsphilosophischen Salon wollen wir uns am Freitag, den 30. August 2019, um 19 Uhr mit einem der zentralen Themen des menschlichen Zusammenlebens befassen: der absoluten und unantastbaren Würde aller Menschen.
Bekanntlich ist im Grundgesetze der Bundesrepublik Deutschland von der Menschenwürde an erster Stelle, im Artikel 1, die Rede. Die Menschenwürde aller Menschen ist heute faktisch leider eher noch ein Ideal, wenn nicht eine Utopie, ein Traum. Aber die Menschenwürde sie ist absolut unverzichtbar, wenn diese Welt den Anspruch haben will, eine menschliche Welt zu sein.
Jeder und jede kann in unserem Salon berichten, wie er/sie Menschenwürde erlebt, auch als persönliche Verletzung der Menschenwürde, und wie gerade in den Kontrast-Erfahrungen der Wunsch stark wird, Menschenwürde als Realität auch politisch zu gestalten. Dass dabei auch philosophische und religionsphilosophische Aspekte zur Sprache kommen, ist selbstverständlich.

Die Veranstaltung findet in der Kunstgalerie Fantom statt, Hektorstr. 9, Berlin Wilmersdorf. Beginn um 19 Uhr. Wer teilnehmen will, sollte sich bitte anmelden: christian.modehn@berlin.de , denn die Anzahl der Plätze ist begrenzt. Herzliche Einladung!

Polen: Katholische Kirche mitschuldig an Gewalttaten gegenüber Homosexuellen

Ein Hinweis: Zur Gewalt in Polen und zum CSD (in Berlin am 27.7.2019)
Von Christian Modehn

In der polnischen Stadt Bialystok (in der Woiwodschaft Podlachien) wurden Demonstranten der dortigen Gay-Pride am 20.7.2019 heftig angegriffen, z.T. schwer verletzt und insgesamt von Rechtsradikalen beschimpft. KatholikInnen beteten inmitten diese Mobs der Gewalt ganz öffentlich den Rosenkranz, um die Sünde, nicht die der rechtsradikalen Gewalttäter, sondern die der Demonstranten einzudämmen…

Wichtig ist die zwiespältige Rolle (Psychiater würden wohl eher sagen Schizophrenie) der katholischen Kirche angesichts dieser Gewalttaten:

Der Sprecher der polnischen Bischofskonferenz, Pawel Rytel-Andrianik,.verurteilt zwar die Gewalt gegen die TeilnehmerInnen der gay-Pride-Demonstration, die ja eine genehmigte Demonstration war.

Aber dem offiziellen Spruch der Distanzierung von der Gewalt sagt der Kirchenvertreter: „Zugleich muss man das volle Evangelium verkünden und nicht aufhören, Todsünde als solche zu benennen“.

Homosexuelle sind öffentliche Todsünder

Das heißt: In der Sicht der Bischöfe sind Homosexuelle und Transgender, so wörtlich, Todsünder. Sie sind also Menschen, in Polen in den allermeisten Fällen noch getaufte Katholiken, die sich aber nun, so das Urteil, außerhalb der Kirche befinden. Sie sind also Ausgestoßene. Man darf sie öffentlich in Polen als „Todsünder“ „benennen“. Kinder sollte man ohnehin von diesen „Todsündern“ fernhalten. Und ihnen bloß keine Wohnung vermieten!
Früher hat die Kirche – nebenbei gesagt – Todsünder, etwa Ketzer und Häretiker, aber auch „Sodomiten“, zum Tode verurteilt und z.B. verbrennen lassen. Heute werden Todsünder höflicherweise nur noch öffentlich kirchlicherseits benannt und somit den privaten Attacken freigegeben… Und an diesen Attacken, dieser Respektlosigkeit gegenüber den Menschenrechten, beteiligen sich die katholischen Medien in Polen mit großer Leidenschaft. Man denke an den antisemitischen und homophoben Medienimperium mit dem Hetzsender „Radio Maryja“ des Redemptoristenpaters Tadeusz Rydzyk. Der darf seit Jahren unbeirrt hetzen. Eine Absetzung durch den angeblich allmächtigen Papst ist oft verlangt, aber nie erreicht worden. Antisemiten und Homophobe sollen halt einen großen Platz haben in der römischen Kirche, darf man daraus schließen.

Die Qualifizierung der Homosexuellen als Todsünder ist skandalös. Nicht nur, weil der dringend gebotene Begriff und die Idee der Menschenrechte im Statement des Bischofssprechers nicht vorkommt. Sondern diese Gay-Pride-Demonstranten werden in kirchlichen Kategorien beschrieben: „Die Schwulen, Lesben, Bi- und Transsexuellen sind unsere Brüder und Schwestern, für die Christus sein Leben gab und die er zur Erlösung führen will“. Wenn sie aber, wie es der Offizielle katholische Katechismus von 1993 vorschreibt, auf ihre Sexualität verzichten, können sie „wieder unsere Brüder und Schwestern“ werden…Diese Kirche erlaubt es sich, allen Ernstes im 21. Jahrhundert bestimmten Menschen die nun einmal auch sexuell geprägte Liebe zu verbieten. Das nennt man eine Wahnvorstellung.

Der Mob aber, der die Gay-Pride-Demo in Bialystik attackierte, ist also von den katholischen Medien, der PIS Partei und den Moralgesetzen der Kirche aufgestachelt worden. Der Mob ist ein „Resultat“ kirchlicher und rechtsextremer Indoktrinierung.

Katholische Ideologie in Polen erzeugt homophobe Gewalt

Das heißt: Die Kirche im ganzen ist mitschuldig an den Attacken in Bialystok. Und die Verteufelung der Homosexuellen wird durch die enge Liaison von PIS Partei und Katholizismus noch weitergehen, wenn denn im Herbst der Sexualkunde Unterricht aus den Schulen Polens verbannt werden soll. Denn: Homo Lobbys hätten sich in den Sexualunterricht eingeschlichen, wird allen Ernstes offiziell staatlich verbreitet. „Die Gender-Debatte gefährde die polnische Identität, heisst es dazu von polnischen Kanzeln. Das alles werde zur Dechristianisierung Polens führen“, berichtet die NZZ am 7.4.2019.

Warum ist die Haltung der Bischöfe Polens gegenüber den Homosexuellen im allgemeinen schizophren? Weil diese Herren mit aller Gewalt die Erkenntnis unterdrückt haben, dass viele hundert Priester in Polen homosexuell sind; dass sogar der polnische Nuntius Wesolowski in der Dominikanischen Republik wegen Homosexualität und Pädophilie aus dem Verkehr gezogen werden musste; dass etwa Erzbischof Juliusz Paetz, ehem. Erzbischof von Posen, ein bekannter Homosexueller ist. Zu weiteren Informationen über den Zustand der Verlogenheit in der polnischen Kirche, klicken Sie hier.
Die Republik Polen, Mitglied der EU, von der Kirche als der „Hauptlieferantin“ der Ideologie angestachelt, entfernt sich immer mehr von der europäischen Menschenrechts-Ordnung.

Die CSD in Berlin am 27.7.2019
Katholische Kirche in Berlin offiziell homo-ignorant

Da fällt auf: Unter allen öffentlich bekannten größeren gesellschaftlichen Gruppierungen nehmen drei nicht an der CSD Parade teil: Die AFD, die großen Moschee-Verbände und, wie zu erwarten, die katholische Kirche bzw. das katholische Erzbistum Berlin. Wenn die CSD Parade am Nollendorfplatz ganz nahe an der katholischen Kirche St. Matthias vorbeigeht, wird diese große Kirche inmitten des Berliner „gay village“ selbstverständlich wie immer geschlossen sein. Selbst wenn die Kirche offen wäre, würde wohl kein Homosexueller nach all der Hetze weltweit dort noch Hilfe und Unterstützung erwarten, geschweige denn spirituelle Begleitung, die Homosexuelle und Transgender verstehen könnten.

Autos werden gesegnet, homosexuell Liebende nicht

Stattdessen wird in katholischen Kirchen nach wie die Segnung von Autos und Motorrädern, von Handys und von Haustieren mit Begeisterung praktiziert. Dieser Fetischismus, dieser Wunderglaube, ist katholischerseits selbstverständlich. Homosexuelle Ehepaare sind vom offiziellen Segen in einer katholischen Kirche ausgeschlossen. Die Haltung von Papst Franziskus zur Homosexualität ist bekanntlich widersprüchlich und alles andere als liberal… So koppelt sich die katholische Kirche (auch in Deutschland) von der gegenwärtigen Kultur ab. Die katholische Homophobie in Afrika zählt mehr als das Menschenrecht in Europa. Dies ist keine „kolonialistische“ Aussage! Sondern eine Zustandsbeschreibung.
In Deutschland jedenfalls wird die katholische Kirche immer mehr, theologisch gesehen, zur „Sekte“, d.h. klein, selbstbezogen, ängstlich, bieder und kleinbürgerlich, aber noch stark an finanziellen Mitteln, d.h. 6,43 Milliarden Euro (sic) Kirchensteuereinnahmen etwa im Jahr 2017.

Zwei Beiträge auf dieser website zeigen, dass der § 175 in der katholischen Kirche noch immer besteht.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Die Kirchen verlieren ständig mehr Mitglieder … und was man dagegen tun könnte…

Warum sich die Kirchen reformieren sollten, falls sie nicht im kulturellen Abseits landen wollen
Ein Hinweis von Christian Modehn

426.000 Kirchenmitglieder in Deutschland sind im Jahr 2018 aus beiden großen Konfessionen, der evangelischen bzw. katholischen Kirche, ausgetreten. Das heißt: 44,1 Prozent der Bevölkerung in Deutschland nennen sich jetzt noch Christen als Kirchensteuerzahler. 1998 waren es 54,3%. Zur Prognose: Im Jahr 2035 werden es nach zuverlässiger Schätzung noch 34,8% sein.

Bedford-Strohm, evangelisch:

Der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford – Strohm, so berichtet der „Tagesspiegel“ am 20.7.2019, kommentiert die aktuelle Statistik: “Jeder Austritt schmerzt. Er setze auf eine bessere Vermittlung der christlichen Botschaft“. Bedford-Strohm setzt also wie üblich auf ein besseres Wie, also auf ein besseres Sagen und Verkünden der alten Botschaft; von einem besseren Was, also von einem reformierten und entstaubten Inhalt der Botschaft, ist nicht die Rede. Diese überlieferte Kirchenlehre und Kirchenmoral soll also weiterhin erhalten bleiben.

Stefan Hesse,katholisch:

Eher unpräzise sagt im „Tagesspiegel“ vom 20.7.2019 der katholische Erzbischof Stefan Hesse (Hamburg): „Wir werden über die Zukunft von Priesteramt, Lebensweisen, den Umgang mit Macht und nicht zuletzt über Sexualität reden. Hinzu kommt die Rolle der Frauen“. Also Strukturfragen und Kirchengebote (etwa Zölibat) sollen besprochen werden, offenbar auch darüber, wie Frauen ein bisschen mehr Gleichberechtigung in der katholischen Kirche erleben können. Aber auch für den Erzbischof gilt: Inhaltliche Veränderungen, also eben durchaus Reduzierungen der nicht anders als bombastisch zu nennenden Kirchenlehre und Kirchenmoral (der offizielle Katholische Katechismus von 1993 umfasst mehr als 800 Buchseiten) kommen offenbar nicht in Frage.

Auswege

Zwei, bisher fast gar nicht diskutierte, Möglichkeiten könnten sich bieten, wenn man tatsächlich an einem lebendigen und kreativen Bestehen der Kirchen interessiert ist. Denn das langsame Verschwinden der Kirchengemeinden ist ja rein soziologisch oder religionswissenschaftlich gesehen ein spiritueller Verlust; weil die Geschichten rund um Jesus von Nazareth nicht mehr so oft erzählt und gefeiert werden; weil die Kenntnis der nun einmal auch christlich geprägten Kultur zurückgeht; weil prinzipiell der humane Zusammenhalt einer Gemeinde mit ihren ja manchmal auch ansprechenden Räumen und in ihrer prinzipiellen Offenheit für alle Menschen dann langsam verschwindet.

Ein liberal-theologischer Vorschlag

Um die stetige Verabschiedung so vieler Christen aus den Kirchen zu begrenzen oder gar zu beenden, könnte sich darum erstens eine Art liberal-theologisches Konzept anbieten: Die Kirche zeigt unmissverständlich, dass diejenigen, die einfach nur die Kirchensteuern nicht zahlen wollen, dennoch gern in der Kirche und Gemeinde bleiben können und als Mitglieder nach wie vor willkommen sind. Wer die Kirchensteuern gern zahlt, wird deswegen auf die „anderen“ nicht herablassend blicken. Weiter ist klar, dass alle, die meinen viele Zweifel an den Inhalten des christlichen Glaubens haben, eben gerade als Zweifler, als Skeptiker, ja selbst als Atheisten in den christlichen Gemeinden willkommen sind. Man könnte ausdrücklich zudem immer wieder betonen, dass es doch theologisch ganz selbstverständlich ist, dass jeder Mensch sich seinen eigenen, seinen persönlichen und privaten Glauben im Laufe seines Lebens eben auch unterschiedlich und je neu zusammenstellt. Dass dabei „Elemente“ des christlichen Glaubens mit „Elementen“ etwa buddhistischer Meditationspraxis verbunden werden oder andere „Mischformen“ religiöser oder philosophischer Traditionen verbunden werden, sollte in den Kirchen ausdrücklich willkommen geheißen werden. So wie alle in den Kirchen willkommen sind, die sich ganz auf die praktische Solidarität, etwa mit Flüchtlingen oder Obdachlosen spezialisieren und auch nur an diesen Aktivitäten der Gemeinde teilnehmen. Alle diese religiösen und individuellen „Mischformen“ existieren ja bereits in den Gemeinden, mindestens in einigen evangelischen Gemeinden. Diese „Mischformen“ sollten nicht nur ausdrücklich als wertvoll, als bereichernd für die Kirche und deswegen als unverzichtbar auch von offizieller Seite dargestellt werden: Jeder und jede ist willkommen in einer christlichen Gemeinde, jeder und jede kann und soll sein „Eigenes“ einbringen, in einem Klima selbstverständlicher Pluralität und damit auch Toleranz. Kirche ist Vielfalt, große Vielfalt. Sie könnte der Gesellschaft geradezu ein Model der versöhnten Verschiedenheiten sein….
Die Möglichkeiten, grundsätzlich, einer je eigenen Spiritualität sind ja grenzenlos: Sie reicht von einem Modell feministisch-katholischer Praxis oder schwul/lesbisch katholischer Praxis bis zur intensiven Beschäftigung mit spirituellen Dimensionen der modernen Kunst oder der gemeinsamen Feier von Christen mit Muslims oder mit Juden oder mit Atheisten usw. Nur muss diese umfassende Offenheit ausdrücklich gewollt sein. Und es müssen Gemeindeverantwortliche, also auch Pfarrerinnen und Pfarrer, tatsächlich auch intellektuell und menschlich in der Lage sein, diese Offenheit zu pflegen. Aber daran kann die „liberal-theologische“ Erneuerung scheitern. Und weil vielleicht scheitert bzw. niemand es ernsthaft noch versucht, werden wohl die Gemeinden immer kleiner, immer enger, immer klerikaler, ja immer mehr „wie Sekten“ am Rande der Gesellschaft.

Die vielen uralten Dogmen entrümpeln: Ein Befreiungsprozeß

Zweitens ist es wohl so, dass viele, die aus der Kirche austreten, nicht nur über die vielen sexuellen Misstaten der Priester entsetzt sind, sondern vor allem auch: Weil sie nicht die Kirchenlehre und Kirchenmoral verstehen. Und dann sinnvoller weise sagen: Wie soll ich mein Leben orientieren, das bedeutet ja „Glauben“, wenn ich die Inhalte meiner Lebensorientierung (Glauben) nicht verstehe. Wenn uns nicht nur die Sprache des Glaubens, sondern die Inhalte des Glaubens nichts bedeuten.

Mir scheint: Es muss die schwierige und provozierende Frage gestellt werden: Von welchen uralten Ballast der Kirchenlehre und Kirchenmoral und Kirchengesetze sollen die Kirchen sich endlich befreien? Sie schleppen die dogmatische Last mit sich herum und kommen dabei ständig in Schleudern! Wann also beginnt die große „Entrümpelung“, Befreiung, von uralter Kirchenlehren, Kirchenmoral und Kirchengesetzen? Es kann doch nicht sein, dass etwa die katholische Kirche verlangt, dass man sich an eine unübersichtliche, zudem uralte Lehren und Dogmen bindet und diese z.T. wortwörtlich (etwa im Nicäno-Konstantinopolischen-Glaubensbekenntnis) ständig in den Messen nachspricht. Dabei weiß jeder: Was die Gläubigen nachsprechen, verstehen sie nicht: „Gezeugt, nicht geschaffen“, „der heilige Geist geht vom Vater und vom Sohne aus“, „geboren aus der Jungfrau Maria“ usw. Auf Dauer Mysteriöses und Mythisches nachzusprechen, nachzuplappern, ohne intellektuelles Verständnis und seelisches Berührtsein, wird zurecht unerträglich. Eine Gemeinschaft der „Mythen-Freunde“ oder „Wundergläubigen“, Kirche genannt, verlässt man gern. Natürlich, in der Oper werden Mythen beschworen, aber da weiß jeder: Das ist Theater, darin steckt kein Anspruch zur Lebensgestaltung (Glauben). Wer kann im Ernst noch die umfangreiche immer noch geltende Erbsündenlehre des Augustinus akzptieren? „Die Erbsünde wird im Moment der Zeugung der Kinder übertragen“? Wer kann noch verstehen, dass Gott seinen Sohn Jesus auf Erden brutal leiden lässt, damit er im Leiden die Welt erlöst? Wer kann noch verstehen, dass diese Welt erlöst ist, wenn ja, in welcher genauen Hinsicht? Wer kann sich einen Reim daraus machen, dass Jesus von Nazareth wahrer Gott und wahrer Mensch war? Hatte Jesus als Mensch selbstverständlich Sexualität, hatte er sie auch als Gott-Mensch auf Erden? Wer kann noch verstehen, dass einige angeblich zölibatär lebende Priester die ausschließliche Vollmacht haben, Brot und Wein in Leib und Blut Jesu Christi zu verwandeln? Nur durch diese auszeichnende Macht des „Wandelns“ erklärt sich die Kirche die Notwendigkeit des Klerus…Oft bleibt es bei diesem Wandeln und die wirklich entscheidende Wandlung, also die Reform und Reformation, bleibt aus.

Die ersten bescheidenen katholischen Enrümpelungen von Glaubens-Lehren

Dabei hat doch die katholische Kirche einige bescheidene Entrümplungen ihrer Lehre längst vorgenommen: Es ist Katholiken seit etlichen Jahren gestattet, die Leiche einzuäschern. Die leibhaftige Auferstehung des einzelnen muss dann neu erklärt werden. Papst Benedikt XVI. sonst ultra streng in dogmatischen Fragen, verlangt nicht mehr zu glauben, dass ungetauft verstorbene Babys in eine Art Vorhölle kommen. Der uralte Glaube an den Limbus puerum ist also nicht mehr verpflichtend.Wer allerdings den Limbus noch mag, kann weiterhin an ihn glauben. Und Papst Franziskus hat zwar noch nicht das bloße Kirchengesetz (kein Dogma!) des Pflichtzölibates aufgehoben. Er hat aber freundlicherweise die noch im gültigen Katechismus erlaubte Todesstrafe aus dem Bereich der Glaubensinhalte gestrichen. Das heißt: Die Entrümpelung hat ganz, ganz zaghaft und ängstlich begonnen. Nun könnte diese befreiende Entrümpelung um der Menschen willen, die noch Mitglieder der großen Kirchen sein wollen, weiter gehen.
Das wird aber nicht geschehen: Weil besonders die katholische Kirche das einmal formulierte Dogma wie eine ewige Weisheit hochschätzt und nicht anrührt: Es ist die tief sitzende Angst vor dem Wandel, der Reformation, ja letztlich der geistigen Lebendigkeit, die als Angst diese Kirche versteinern und erkalten lässt. Es ist doch bezeichnend, dass so oft in den Kirchen das Ewige (Gott, Göttliches) als das Unwandelbare beschworen und laut gesprochen wird: „Wie es war im Anfang, so auch jetzt und allezeit, und in Ewigkeit. Amen!“ Also bloß kein Werden, keine Kreativität, nichts Neues. Es ist der unwandelbare Gott des Aristoteles, der da verehrt wird. Nicht aber ein Gott, bzw. etwas Göttliches, das lebt, das wächst, das Neues will.

Göttliches will Lebendiges, keinen Stillstand

Die ewige Botschaft des Christentums wird nicht durch die ewige und streng kontrollierte Wiederholung von Formeln und Floskeln vom 3. bis zum 20.Jahrhundert „gerettet“, sondern in neuen inhaltlichen Aussagen in einfacher Gestalt. „Wer Ewigkeit zum Programm macht und Zeitlosigkeit plant, behält nur eine archivalische Gegenwart in schaler Erhabenheit“, schreibt der Kulturhistoriker und Philosoph George Steiner treffend (Grammatik der Schöpfung“, S. 255).

Erst wenn sich die Kirchen von dem starren aristotelischen Gottesbegriff und der hierarchischen (Un)Ordnung trennen, werden die Kirchen wieder zu Orten, wo sich kritische, lebendige Menschen wohl fühlen …. und dann gern dazu gehören.

Der heilige Sisyphus

Aber das ist ein Traum. Der als Traum aber noch einmal formuliert werden musste. Denn bekanntlich ist der wohl aktuellste Heilige der Theologen der heilige Sisyphus, im Sinne von Albert Camus.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Den Zölibat abschaffen. Hubert Wolf schreibt 16 Thesen über den Zölibat: Die sexuelle Liebe und die Ehe sind verboten.

Das neue Buch von Hubert Wolf „Zölibat. 16 Thesen“

Ein Hinweis von Christian Modehn. Dieser Text fiel etwas länger aus, weil auf grundsätzliche, aber kaum diskutierte Probleme hingewiesen werden musste.

Und dem Text ist ein Motto vorangestellt, von Christian Pfeiffer, Kriminologe, der den sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche Deutschlands untersuchen sollte, aber wegen eines Konflikts mit den alles bestimmenden Bischöfen seine Arbeit beendete. Er sagt:
Das Verbieten von Sexualität (für Priester) ist ein Grundfehler und hat massiv zum Missbrauch beigetragen. Die ständige Lüge von der Enthaltsamkeit vergiftet die Kirche von innen her“. (Die ZEIT, 17.4.2019, Seite 48).Und weiter: „Nirgends wurde bislang nur ansatzweise eine solch hohe Quote mutmaßlicher Täter erreicht wie Priestern“. (ebd.).

Wie schon oft gesagt: Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie muss sich auch mit dem realen Zustand der Religionen und Kirchen heute befassen, um zu erkennen, zu welchen Verirrungen auch Religionen/Kirchen neigen. Das Zölibatsgesetz für Priester in der römischen Kirche ist dafür ein heftiges Beispiel. Es ist ein Symbol für Herrschaft des Klerus, Engstirnigkeit und vor allem: Bindung an ein Weltbild, das spätestens mit der Aufklärung überwunden wurde.

Über das Zölibatsgesetz für den römisch-katholischen Klerus und die Ordensleute dieser Kirche sind nach meinem theologischen Gefühl mindestens 100 Bücher in den letzten 50 Jahren erschienen. Wenn diese Bücher dem Anspruch kritischer Wissenschaft verpflichtet sind, heißt ihr eindeutiges Urteil: Das Zölibatsgesetz ist kein „ewiges“ Dogma der Kirche. Es könnte deswegen im Grunde sofort aufgehoben werden, durch einen Papst, der noch Mut hat und Verantwortung für die Zukunft dieser Kirche kennt. Und keine Angst hat vor den Cliquen der Kardinäle, der offiziellen, aber nicht immer auch faktischen Zölibatsfreunde, die den Vatikan beherrschen.
Aber die Abschaffung des Zölibates geschieht nicht, obwohl Umfragen zeigen: Die so genannten Laien wollen gern mehrheitlich verheiratete Priester in ihren Gemeinden erleben. Warum wird dieses Zölibatsgesetz nicht rigoros und sofort abgeschafft? Weil für den zölibatären Klerus als den Herrschern über diese Kirche der Zölibat als eine angebliche „Wesenseigenschaft“ ihrer Kirche erscheint. Und weil diese Herren selbst vom Zölibat als ihrer angeblich herausragenden Lebensform gegenüber dem Plebs, dem Volk Gottes, also den Laien, profitieren. Auch finanziell, und vom Lebensstil her. Sie haben eine extravagante Sonderrolle und profitierten, mindestens bis jetzt, etwa von der eigenen Rechtssprechung der Kirche, die sie, bis vor kurzem noch, von staatlicher Bestrafung im Falle von sexuellem Missbrauch befreite. Als „ehrwürdige Patres und hochwürdige Pfarrer“, mit demütigem Knicks ängstlich verehrt, und als Eminenzen und Exzellenzen mit dem Kuss des Ringes, dem so genannten „anulus (!) pontificalis“, förmlich ins Himmlische gehoben.

Der bekannte und vielfach prämierte Kirchenhistoriker Hubert Wolf, katholischer Priester und auch Mitglied im offiziellen „Zentralkomitee der deutschen Katholiken“, (ZdK), ist Professor an der theologischen Fakultät der Universität Münster, er legt jetzt in 16 Thesen noch einmal auf knappen 190 Seiten die alte Erkenntnis dar: Das Zölibatsgesetz könnte abgeschafft werden. Es ist nicht teil der „göttlichen Offenbarung“ Jesu Christi, sondern Menschenwerk, d.h. für diese Kirche eben immer: Kleruswerk. Dieses Gesetz stört nicht nur die weitere Entwicklung der Gemeinden, die immer mehr mit dem Mangel an zölibatär lebendem Klerus konfrontiert sind, sondern vor allem: Weil das Zölibatsgesetz für die betreffenden Priester meistens wie ein zwanghaftes Korsett wirkt, das eine normale seelische Entwicklung der Betroffenen meistens verhindert.
Vieles, was Hubert Wolf schreibt, ist also bekannt und wie gesagt, tausendmal ergebnislos gegenüber der allmächtigen Zentralgewalt im Vatikan vorgebracht worden. Wichtig ist in Hubert Wolfs Studie die umfangreiche historische Dokumentation zum Thema, auch dadurch wird das Buch besonders lesenswert. Tatsache ist: Selbst einzelne Bischöfe sind offiziell gegen das Zölibatsgesetz, aber dieses ihr „mutige“ Geplaudere ist wirkungslos. Sollten sie doch selbst heiraten und mit gutem Beispiel vorangehen. Macht aber niemand dieser „Mutigen“, die finanzielle großartige Versorgung ist wichtiger als die theologische Ereknntnis…

Der Reiz dieses Buches sind, wie gesagt, die vielen historischen Details zum Thema: Treffend für heute zitiert der Autor den einflussreichen Kurien Kardinal Lazzaro Opizio Pallavicini aus dem Jahre 1783: „Wenn man den Geistlichen die Ehe gestattet, so ist die römisch-päpstliche Hierarchie zerstört, das Ansehen und die Hoheit des römischen Bischofs verloren; denn verheiratete Geistliche werden durch das Band mit Weibern und Kindern an den Staat gefesselt, hören auf, Anhänger des römischen Stuhls zu sein“ (S. 146).
Hubert Wolf sagt es mit seinen treffllichen Worten: “Der Zölibat ermögliche die Sozialkontrolle, und die Priester könnten von den Bischöfen „wie Figuren auf dem kirchlichen Schachbrett“ hin und her geschoben werden“ (ebd.).
Interessant ist auch, dass noch im 19. Jahrhundert Priester, die homosexuelle Handlungen begangen hatten oder sexuellen Missbrauch an Kindern, Knaben, getan hatten, in so genannte kirchliche „Korrektionshäuser“ verbracht wurden, auch „Demeritenhäuser“ genannt, also so genannte „Priestergefängnisse“ der Kirche, so wurden sie vor der Justiz des Staates entzogen (S. 129).
Die 16 Thesen gegen das Zölibatsgesetz sind klar formuliert und einleuchtend, sie könnten Pflichtlektüre in allen Gemeindekreisen und Priesterkonferenzen werden. Der Verlag oder der Autor sollten so großzügig sein und jedem deutschsprachigen Bischof das Buch zusenden.
Meine Kritik: Ich hätte mir noch ein paar weitere Thesen gewünscht:
Etwas ausführlicher zu den „Priesterkindern“ (und den Priester-Freundinnen), die ihr Leben lang unter der Verschwiegenheit gelitten haben, weil sie kaum öffentlich bekennen konnten: „Mein Vater ist ein Pater“ oder: „Mein „Mann steht sonntags am Altar“. Man hätte sich nur umsehen müssen, etwa unter den Krankenhausseelsorgern der siebziger Jahre: Da waren doch viele Väter als Patres tätig. Selbst der berühmte Jesuit Rupert Lay, einst Philosophie Professor an der Hochschule Sankt Georgen und anerkannter Autor zahlreicher theologischer und philosophischer Studien, hat 1996 in einem Beitrag für die Wochenzeitung „Die Zeit“ gestanden, einen Sohn, Rupert Dietrich, zu haben, „mein Mündel“, wie der Jesuit sagte. Pater Rupert Lay ist bis heute Mitglied des Jesuitenordens, er wohnt aber „wonders“, wie die Website des Ignatiushauses der Jesuiten in Frankfurt am Main lapidar mitteilt. Es ist also möglich, als Priester zu zeugen und trotzdem Priester und Mitglied einer Ordensgemeinschaft zu bleiben. Das ist doch eine erstaunliche Liberalität…Wie es auch viele Witwer, ehemalige Priester, gibt, die nun nach dem Tod der Gattin wieder als Priester arbeiten dürfen. Die Phase ihrer „sexuellen Verunreinigung durch den Verkehr mit Frauen und den Samenerguß“, ist ja nun wohl vorbei, um einmal die klassische Begrifflichkeit der Kirche zu zitieren, über die auch Hubert Wolf kritisch schreibt.
Inzwischen haben sich die französischen Bischöfe im Juni 2019 zum ersten Mal mit „Priesterkindern“ ganz offiziell getroffen. Deren Organisation hat etwa 70 Mitglieder, aber die Anzahl der Betroffenen liegt bei mindestens 1000. Die katholische Tageszeitung La Croix und France Culture berichteten darüber. In Deutschland hätte sich doch wenigstens die Nachfrage gelohnt, wie viele tausend Euros Alimente die Bistümer und Ordensgemeinschaften jährlich zahlten oder zahlen.
Ich hätte mir mehr empirische Belege gewünscht: Etwa zur Tatsache, dass, nach etlichen Berichten von Theologen in Lateinamerika, behauptet wird. Die (Welt)Priester seien de facto verheiratet. Prima, denke ich. Und die Gemeinden sind wohl glücklich! Über den Begriff und die tatsächliche Bedeutung der „Haushälterin“ von Pfarrern wäre auch historisch – kritisch nachzudenken. In München wurde etwa in den siebziger Jahren ein bekannter „Stadtpfarrer“, der Jahre lang mit seiner Freundin im Pfarrhaus bekanntermaßen zusammenlebte (und nebenbei noch eine Haushälterin hatte), sogar noch mit dem Titel „Dekan“ und „Geistlicher Rat“ ausgezeichnet. Welche Anerkennung!

Noch einmal zum Buch selbst: Ich hätte mir mehr also tatsächlich empirische Belege gewünscht, auch für das seelische Leiden der zölibatären Priester, etwa im Rahmen einer Alkoholerkrankung, die etwa den Klerus in Polen heftig betrifft.
Ich hätte mir mehr Informationen gewünscht, wie durch die Krankheit AIDS viele hundert Priester in Europa und den USA gestorben sind. Die Zeitung „The Star“ in Kansas City hatte z.B. im Januar 2000 berichtet, dass „hunderte katholischer Priester in den USA in aller Stille“, so wörtlich, „an AIDS gestorben sind“. „Hohe Würdenträger der amerikanischen Katholiken bestritten die Ergebnisse nicht. Es zeige, dass Priester auch nur Menschen sind, deute allerdings auf schwere Versäumnisse bei der Sexualerziehung der Priester hin, hieß es“. Wenn Priester aber auch „nur Menschen sind“, warum verbietet man ihnen dann die Sexualität, und im Falle von AIDS, die selbstverständliche Verwendung von Kondomen. Wie viele Priestet könnten noch leben, hätten sie Kondome verwenden wollen und dürfen…

Selbst wenn in absehbarer Zeit das Zölibatsgesetz aufgehoben wird: Wie geht man dann mit den Priestern um, die nicht heiraten wollen, sich also nicht mit einer Frau verheiraten wollen? Einige wenige werden sicher als besonders begabte Zölibatäre gelten können. Aber die anderen: Sie werden, zumal die jüngeren Priester, als homosexuell gelten, was nach neuesten Schätzungen sicher zutrifft: Mehr als 50 Prozent des jüngeren Klerus sind homosexuell. Wird der Vatikan ihnen auch die Homo-Ehe erlauben? Das wäre ja großartig, ist aber eher ein Thema etwa fürs Jahr 2200.

Noch viel wichtiger ist das theologische Argument, ob man diese Gestalt der Priester, ob zölibatär oder nicht, überhaupt für eine christliche Gemeinde braucht. Priester bleiben immer in diesem Denken „Mittlerwesen“ zwischen Gott und den Menschen. Sie sind die angeblich einzig kompetenten Mittler, die Brot und Wein auf „wunderbare Weise“ in den Leib und das Blut Christi verwandeln. Das zeichnet sie aus, ob zölibatür oder nicht. Aber ist diese merkwürdige, vernünftig kaum noch vermittelbare Funktion des „Irdisches in Göttliches wandelnden Priesters“ theologisch und biblisch notwendig? Nur wenn man in diesen Kategorien denkt, bleibt auch die Eucharistiefeier, wie ständig vom Klerus und seinen Dienern eingehämmert, „absoluter Mittelpunkt der Gemeinde“. Man macht die Eucharistiefeier absolut wichtig, um an der absoluten Bedeutung des Priesters festhalten zu können. Darüber sollte doch mal diskutiert werden!
Sollten nicht heute dringend anstelle der ewig gleichen Gestalt der Messe (überall die gleiche, z.T.langweilige Form in unverständlicher Floskel-Sprache des Mittelalters) neue Formen der religiösen Zusammenkunft, „Gottesdienst“, praktiziert werden: Gespräche ohne hierarchische Führung, Meditationen, Austausch, Musik, Tanz, Lektüre der Bibel und anderer humaner (religiöser) Texte… und eben auch manchmal das Teilen von Brot und Wein als Ausdruck dafür, dass Menschen vom Teilen wesentlich leben. Welch eine politische Deutlichkeit würde davon ausgehen. Diese Fixierung auf die absolute Bedeutung der „wandelnden“ Eucharistie stärkt nur die Rolle des Priesters, ob zölibatär oder nicht. Diese Fixierung auf die herausragende Rolle des Priesters verhindert das wirkich gelebte allgemeine Priestertum aller Glaubenden und aller Menschen. Leiter der Gottesdienste können prinzipiell alle werden, eine gewisse theologische Kompetenz und psychologische Bildung vorausgesetzt. Da würde Kreativität wieder in die christlichen Gemeinden einziehen und viele würden sich angesprochen fühlen, weil es in diesen Feiern tatsächlich um ihr Leben geht und nicht um die Teilnahme, das Absolvieren, an einer fernen Floskelsprache, die entstanden ist, weil man wortwörtlich aus dem Lateinischen die Gebete und Sprüche in die jeweilige Landessprache übersetzt hat.

Früher hatte doch mal ein kluger Theologe den richtigen Satz formuliert: „Salus animarum suprema lex“, d.h. „Das Heil der Seelen, der Menschen, ist das oberste Gebot für die Kirche“.
Angesichts des fortbestehenden Zölibatsgesetzes wird dieses oberste Gesetz der Kirche von den Herrschern dieser Kirche absolut missachtet. Dies eine Schande zu nennen, sollte normal sein unter Theologen, die das Prädikat kritisch noch für sich gelten lassen. Mit anderen Worten: Wenn hoffentlich alsbald eine 2. Auflage des Buches des Priesters und Theologen Hubert Wolf erscheint, wünsche ich mir noch mehr kritische und angesichts des nun offenkundigen Zölibats-Gesetz-Unsinns (Wahns) noch mehr Deutlichkeit. Es gilt einen Wahn zu kritisieren, von einer Krankheit zu befreien…
Die Welt hat, nebenbei gesagt, ganz andere Probleme…

PS.
1. Man muss kein Eugen-Drewermann-Fan sein, aber erstaunlich ist: Hubert Wolf zitiert und bearbeitet nicht die große Drewermann Studie „Kleriker. Psychogramm eines Ideals“ (1989). Diese Nichtbeachtung Drewermanns ist ein Fehler meines Erachtens.
2. Viele Reaktionäre sagen: „Aber das Zölibatsgesetz wird doch freiwillig übernommen“. Dem Anschein nach stimmt das. Aber: Wer tatsächlich Priester werden will als wirkliche Berufung, MUSS das Gesetz übernehmen. Es gibt keinen anderen Weg. Dies ist eine Einschränkung des Menschenrechts der freien Berufswahl.

Hubert Wolf, „Zölibat. 16 Thesen“, 190 Seiten. C.H.Beck Verlag München. 2019. 14,95 Euro.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Aktualisiert am 24. September 2019 durch CM

Die Volksreligionen kritisieren: Über David Hume anläßlich seines Todestages am 25.8.1776

David Hume und die Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie
Ein Hinweis von Christian Modehn

1.
David Hume, schreibt der Philosoph Friedo Ricken, „ist der heute in der angelsächsischen Philosophie wahrscheinlich einflussreichste Klassiker der Religionskritik“ (F. Ricken, Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie, 2003, S. 233). In Deutschland, so mein Eindruck, hat der schottische Philosoph David Hume (7.5. 1711 – 25.8.1776) keine allgemeine Bekanntheit oder Würdigung in „breiteren Kreisen“ gefunden. Vielleicht findet er neue Aufmerksamkeit, weil wieder stärker die Arbeiten seines Freundes Adam Smith, Philosoph und Ökonom, beachtet werden. Bestenfalls kennt man heute Hume als Vertreter des „Empirismus“, der gegen die Metaphysik alles Erkennen auf den Bereich des sinnlich Erfahrbaren begrenzte; einmal abgesehen davon, dass Hume auch als Historiker sowie als Botschaftssekretär in Paris (1763 bis 1765) und Gast der dortigen Salons von Holbach und Diderot zu würdigen ist.
2.
Nebenbei: Gegen die Metaphysik zu rebellieren ist ein hervorstechendes Kennzeichen angelsächsischer Philosophen, Das Erleben der realen Macht der Kirche und ihrer Dogmenwelten war sicher ein dauernder Impuls für den empiristisch denkenden Philosophen David Hume. Kant hat sich mit der Erkenntnistheorie Humes kritisch auseinandergesetzt.
3.
Religionsphilosophisch besonders wichtig sind die beiden Werke „Dialoge über natürliche Religion“ (posthum, 1779) und „Die Naturgeschichte der Religion“ (1757). Die „Dialoge“ sind ein kontroverser theologischer Disput (nach dem Vorbild Ciceros „de natura Deorum“).
Wenn man „Die Naturgeschichte der Religion“ in den Mittelpunkt stellt, dann fällt auf, wie Hume die philosophische Deutung der Religion von der geschichtlichen Entwicklung religiöser Praxis abhängig macht. Weil die Menschen Furcht und Angst in einer bedrohlichen Welt hatten, entstanden Religionen, so meint er, und zwar zuerst in den Gestalten des Polytheismus. Der Monotheismus ist für Hume eine spätere Erscheinung. Auch Religionswissenschaftler haben sich mit dieser historisch wohl zutreffenden Deutung befasst.
Philosophisch bzw. sogar auch theologisch ist in dem Buch das Kapitel über „Aberglaube und Schwärmerei“ besonders interessant, das Buch enthält auch Kapitel über die „Unsterblichkeit der Seele“ und den „Selbstmord“.
3.
Einige Erkenntnisse aus dem Aufsatz „Aberglaube und Schwärmerei“ sind nach wie aktuell. Polytheismus ist für Hume vor allem Aberglaube. Bemerkenswert ist, dass Hume meint, auch diesen Glauben habe „der göttliche Werkmeister seinem Werk (also den Menschen) eingeprägt“. Denn, so meint er, eine „unsichtbare, intelligente Macht gibt es in der Welt“: Diese intelligente Macht ist also auch die Ursache für Aberglaube/Polytheismus, aber auch die Ursache für den Monotheismus. Und auch für den von Hume geschätzten, allein philosophisch erzeugten „Vernunftglauben“. Er nennt diesen auch „natürliche Religion“, die unabhängig von jeder Offenbarung gedacht werden kann.
Es gibt also für Hume einen volkstümlichen Theismus (Monotheismus) UND darüber hinaus einen wertvolleren, philosophisch reflektierten Theismus der Vernunftreligion. Diese Vernunftreligion sieht in den Ereignissen der Natur eben nicht göttliche Kräfte am Wirken; sie erklärt vielmehr alles ohne einen Wunderbegriff, also allein aus natürlichen Ursachen: Deswegen werden philosophisch reflektierte Anhänger der Vernunftreligion verachtet, und vom Volk und der Kirche als Ungläubige behandelt.
4.
Den populären, also unreflektierten Theismus hält Hume sogar für gefährlicher als den alten Polytheismus. Er nennt die Fehlformen des von absoluter Wahrheit besessenen Theismus: Intoleranz, Gewalt, Menschenopfer. Den Polytheismus deutet Hume dann doch vergleichsweise eher positiv: Er führe zu Mut und Freiheitsliebe. Ob das historisch gesehen korrekt ist, bleibt sehr die Frage. Auch heutige Philosophen wie Odo Marquard haben Lobeshymnen auf den Polytheismus angestimmt. Und rechte bzw. rechtsextreme Ideologen geben sich gern als Freunde des Polytheismus und Feinde des angeblich nur intoleranten Monotheismus aus, wie etwa Ideologen der Nouvelle Droite in Frankreich. Insofern wirken jedenfalls die ziemlich pauschalen Polytheismus-Thesen Humes bis heute weiter.
5.
Hume meint: Nur eine kleine Gruppe von Menschen wird sich jemals aus den Verirrungen der populären monotheistischen Religionen befreien können. Es ist die Philosophie als Skepsis, die die verirrten Menschen aus der heillosen Populärreligion befreien kann; etwa dann, wenn sich Menschen in ihrem religiösen Wahn gar nicht an Gott binden, sondern an Zwischenwesen, also Heilige, die sie als Schutzgottheiten (also dann doch wieder in polytheistischer Haltung) verehren.
Die Kritik der theistischen Volksreligion (auch und gerade innerhalb des Christentums und der Kirchen) ist sicher ein Thema, das im Zusammenhang von Hume weiter diskutiert werden sollte. Es sollte also der immer noch stark vorhandene populäre Glaube an Wunder diskutiert werden, also über die Meinung, Gott könne Naturgesetze für einzelne besonders Fromme wunderbar durchbrechen. Und als könnte „die Gottesmutter und Jungfrau Maria“ vom Himmel herabschweben und in zu Menschen sprechen, wie in Fatima oder Lourdes immer noch geglaubt wird.
6.
Und dann wäre zu erörtern, ob philosophisches Welt- und Selbstverstehen jemals ohne das eine und einzige vertretbare Wunder auskommen kann, das sich in dem Erstaunen äußert: „Dass überhaupt etwas ist und nicht nichts“. Dieses ist wohl das einzige Wunder, das Gültigkeit hat. Alle anderen so genannten Wunder sind bestimmte Formen des Volksglaubens, auf die aber viele Menschen einfach nicht verzichten können und wollen, weil sie meinen, in dem Volksglauben bzw. Aberglauben inneren Halt zu finden. Ob man diese die Betroffenen von dieser subjektiven Überzeugung des volkstümlichen Glaubens argumentativ befreien kann und dann auch befreien sollte, ist eine offene Frage. Wahrscheinlich haben sogar die kritischsten Anhänger eines Vernunftglaubens noch einen Restbestand an Volksglauben in sich, und sei es die Beschäftigung mit Astrologie oder Homöopathie usw.
7.
Was Vernunftglauben heute aktuell und neu formuliert bedeuten kann, ist eine aktuelle Herausforderung der Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie. Den alten Vorwurf des „trockenen und abstrakten Begriffssystems“ wird der neue Vernunftglaube überwinden müssen. Der neue Vernunftglaube könnte angesichts des Niedergangs der konfessionellen Kirchen in Europa eine neue Ökumene religiöser und explizit christlicher Menschen erzeugen; dieser Vernunftglaube würde die auch sich stets weiter entwickelnden Menschenrechte in seinen „Grundbestand“ aufnehmen.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Paradies Glaube – Zum Film von Ulrich Seidl

Einige theologische und philosophische Hinweise zu einem wichtigen Film von Ulrich Seidl
Von Christian Modehn.

Am 14. Juli 2019 wurde im Ersten um 0.30 Uhr noch einmal der Film „Paradies Glaube“ von Ulrich Seidl gesendet. Wer den Film nicht gesehen hat oder noch anderweitig sehen will: Hier ein theologischer Kommentar zu dem wichtigen Film, verfasst schon 2012, aber immer noch aktuell … und gültig.
Mit der Verirrungen eines fundamentalistischen, d.h. unkritisch gelebten christlichen Glaubens müssen sich religionsphilosophisch Interessierte intensiv befassen, man denke -etwa 2012 – auch an die Ausstellung der Leiche des umstrittenen Paters Pio (er hatte angeblich die Wundmale Jesu an seinen Händen) im Petersdom.

Über den 2. Teil der Trilogie „Liebe – Glaube – Hoffnung“  des österreichischen Filmemachers Ulrich Seidl ist viel geschrieben worden. Leider hat man den Film „Paradies Glaube“ oft den schwächsten der drei Filme genannt. Das mag auf das Gesamtwerk Seidls bezogen eigens geprüft werden wie auch auf die Regieleistung in diesem Film selbst.

Der Religionsphilosophische Salon ist jedoch der Meinung, dass der Film sehr wichtig und sehr inspirierend ist, weil er keineswegs nur eine marginale oder gar nur konstruierte, sozusagen imaginäre katholische (Film) Welt zeigt. „Paradies Glaube“ ist alles andere als eine unterhaltsame Satire. Maria Hofstätter spielt als aufdringlich missionarisch werbende und total katholischer Frömmigkeit hingegebene Anna Maria keineswegs eine „religiöse Irrläuferin“ einer monströsen und unwirklichen Glaubenshaltung. Für sie ist ihre extreme Form katholischer Frömmigkeit, mit einer Art erotischen Bindung an das Kreuz und den Corpus des toten Christus,  wichtiger als die liebevolle Verbindung mit ihrem schwer kranken Ehemann. Religiöser Glaube ist wichtiger als Menschlichkeit: Man möchte sagen, das ist ein typisches Krankheitssyndrom, bis heute in unterschiedlichen fundamentalistischen Kreisen verbreitet: In den so genannten Sekten wie in evangelikalen Gruppen oder katholischen neo-katechumenalen Gemeinschaften usw.

Anna Maria ist in Wien förmlich getrieben von dem Gedanken, eine Marienstatue in die Wohnungen ihrer Meinung nach besonders ungläubiger Menschen zu bringen. Sie drängt den Menschen diese in Dutzendware produzierte Marien- Figur förmlich auf. Denn sie ist überzeugt: Mit dieser Maria kommen Rettung, Heil und Erlösung in das Leben dieser – ihrer Meinung  nach – gescheiterten Menschen, oft sind es „Ausländer“.

Das greifbare Heil, sozusagen die materielle Gestalt der Erlösung,  in die Häuser tragen: Diese Praxis ist in der katholischen Volksfrömmigkeit durchaus üblich, sie beginnt bei der jährlichen Wohnungssegnung, geht über die Pflege privater Hausaltäre bis zum Brauch der  „Herbergssuche“ von (Kitsch) Figuren Marias und Josefs in der Adventszeit. Da verweilen diese Figuren einen Tag oder eine Woche in einer Familie. Das Abirren einer Frömmigkeit, die die Ikone für die dargestellte Heilige selbst nimmt, wird in dem Film deutlich gezeigt. Man sehe sich aber auch in Marienwallfahrtsorten (Lourdes, Fatima, La Salette usw) um, wie dort die Darstellungen (!) Marias selbst höchste Verehrung genießen; die Berührung heiliger Objekte (etwa der schon fast abgeküsste Zeh der Petrus – Statue im Petersdom) gehört auch dazu. Anna Maria küsst mit Vorliebe Christus Bilder oder das Kreuz, in einer deutlich erotisch anmutenden Haltung.

Es ist im Katholizismus immer noch üblich, Reliquien auf Wanderschaft zu schicken: Man denke etwa an die Weltreisen der Reliquien der heiligen Theresia vom Kinde Jesu, die von Lisieux aus rund um den Globus geschickt wurden in den letzten Jahren. Man denke an die Leiche Pater Pios Anfang Februar 2016 ausgestellt im Petersdom…Warum? Damit die Reliquien als solche ihre heilsame, wundertätige Wirkung „vor Ort“ ausüben können. Man denke weiter an die Flut von Pater Pio Bildern in allen Autos, Kneipen und Wohnungen Italiens: Dieser angeblich stigmatisierte, aber schon von Pius XII. unter dem Verdacht der Scharlatanerie kritisch begutachtete Kapuzinerpater ist sozusagen als Ikone das leibhaftige Heil in den Wohnungen usw.

Kurz: Anna Marias Verhalten ist zwar filmisch zugespitzt, aber durchaus verwurzelt im katholischen Milieu.  In der privaten Gebetsrunde ihrer Vereinigung zu Ehren des Herzens Jesu wird gebetet und geschworen, dass Österreich wieder katholisch werde. Was das heißen mag, wird an Anna Marias Verhalten gegenüber ihrem (schwerkranken) muslimischen Ehemann deutlich: Von den geringsten Spuren der Toleranz und des Mitgefühls ist nichts zu spüren. Von einem Respekt vor dem muslmischen Glauben ihres Mannes kann keine Rede sein. Sie hat etwa im Wohnzimmer das Bild aus Mekka verdeckt und verhangen. Mekka passt nicht zu Christus und Maria, denkt sie.

Anna Marias Gebetsrunden werden tatsächlich in weiten offiziell – katholischen Kreisen praktiziert; es gilt doch, die „Neuevangelisierung Europas“ voranzubringen, wie es Benedikt XVI. so sehnlich wünschte. Bezeichnenderweise werden ja auch ganze Städte und Länder wieder Maria oder einem Heiligen geweiht. Was Anna Maria in ihrer Gruppe betend vollzieht, ist also üblich.

Bei den „missionarischen Hausbesuchen“ mit der Gipsmadonna im Köfferchen fällt auf, wie ausschließlich Anna auf die helfende Wirkung des Gebetes allein setzt. Da spielt der Wunderglaube an die Allmacht des Gebets eine entscheidende Rolle; aber das hat Anna Maria in der Kirche so gelernt, so wird sie in der offiziellen Lehre vertreten! Angesichts menschlicher Probleme vermag Anna Maria allein mit frommen Sprüchen und Floskeln zu reagieren, auch das ist ja nicht nur ein Hinweis, wie stark die religiöse Indoktrination alle menschliche Reflexion, von kritischer Reflexion ganz zu schweigen, töten kann.

Im Umgang mit ihrem schwerkranken muslimischen Mann (auch er ist sicher nicht Inbegriff der Liberalität) sieht man zudem, wie sogar die Gefühle der Menschlichkeit ignoriert werden aufgrund katholischer Indoktrination. Als ihr muslimischer Mann fragend und protestierend in die Gebetsrunde seiner Frau hineingerät, spricht man nicht etwa mit ihm. Sondern man betet gemeinsam, sozusagen um den Teufel fernzuhalten, das apostolische Glaubensbekenntnis.

Anna Maria ist eine Frau, die einzig nur aus der katholischen Religion lebt; schon zum Frühstück hört sie das durchaus in Wien real existierende katholische Radio Maria, entsprechende Werbung schmückt auch ihr Auto. Und die Sprüche, wie „Kein Tag ohne Gebet“, mit denen Anna Maria eines ihrer Zimmer tapeziert hat, gibt es in dieser Form und in diesem Format tatsächlich. Sie sind in vielen österreichischen oder bayerischen Kirchen etwa am Eingang oder Ausgang oder auf Infotafeln zu finden. (Radio Maria Österreich: http://www.radiomaria.at/index.php?nID=254)

Es muss also nachdrücklich darauf hingewiesen werden, dass die Frömmigkeit Anna Marias durchaus eine gewisse Breitenwirkung hat und in Österreich, Süddeutschland oder in den romanischen Ländern zum Alltag an der Basis etlicher Pfarreien gehört. Dort gibt es die zahlreichen neuen geistlichen Gemeinschaften mit ihren entsprechenden Verlagen, die derartige Frömmigkeit praktizieren und empfehlen, ohne dass ein Bischof einschreitet. Das ultra konservative „Radio Maryja“ in Polen, mit ihrem Leiter, dem Redemptoristen Pater Rydzik, ist selbst den ohnehin konservativen polnischen Bischöfen zu extrem. Aber sie schaffen es nicht, und auch die Päpste schaffen es auch nicht, dieses aufhetzende antisemitische katholische Programm zu verbieten. Daran sieht man, die Hierarchie will das „tief fromme“ Volk nicht verprellen. Viele Wähler der jetzt herrschenden, autoritären PIS-Partei sind Freunde von Radio Maryja.

Der Film „Paradies Glaube“ zeigt sehr früh schon, wie Anna Maria sich vor dem Kruzifix -sündenbewusst – auspeitscht und später auch mit einer Art „Geißel – Gürtel“ ausstattet. Dieses „fromme Sichauspeitschen“ hat bekanntlich Tradition in einer der mächtigsten katholischen Organisationen mit ca.80.000 Mitgliedern, dem Opus Dei; Anna Maria befindet sich in solcher Sühne  – Aktion sozusagen in offizieller, in „bester Gesellschaft“.

Überhaupt der Sühnegedanke: Anna Maria ist besessen davon, für die Sünder anderer (und auch die eigenen Versagen) Sühne zu leisten, also durch eigene religiös anstrengende Praxis Gott zu versöhnen und zu beschwichtigen. Über das naive Gottesbild eines solchen Verhaltens wäre eigens zu sprechen. Bei Anna Maria heißt Sühneleisten auch das schmerzhafte Herumrutschen auf den Knien in der eigenen Wohnung, um den ganzen Rosenkranz zu beten, immerhin sind das 50 laut gesprochene Ave Maria. Im Katechismus wird ausdrücklich das Sühnegebet empfohlen. In Kirchen vieler deutscher Großstädte finden immer noch Sühne – Gebetsnächte statt, oft veranstaltet von der Gemeinschaft des „Neokatechumenalen Weges“ (Informationen über diese überaus einflussreiche, weltweit agierende, offiziell anerkannte Bewegung: http://www.relinfo.ch/nk/info.html#suende ). Es sind viele dieser so genannten neuen geistlichen Gemeinschaften, die extreme Formen der Frömmigkeit praktizieren…

Die Reinheit ist oberstes Gebot für Anna Maria: Nicht nur das über – korrekte Putzen des Hauses wird gezeigt, auch ihre Abscheu vor „schmutziger“, praktizierter Sexualität wird deutlich: Nachdem sie überraschenderweise nachts Sex im Park beobachtet (!) hat, fühlt sie sich sofort gedrängt, sich gründlich in der Badewanne zu säubern. Sexuelle Lust ist für sie apriori  schmutzig, das hat man sie ja auch so gelehrt. Aber selbst mit ihrem Mann lehnt sie Sex ab, hingegen holt sie sich nachts ihr allzu geliebtes Kruzifix ins Bett… Diese künstlerisch sehr konsequente und deswegen wichtge Szene wurde übrigens von der katholischen, ultrakonservativen italienischen Bewegung NO 194 (siehe: http://no194.org/) zum Anlass genommen, den Regisseur wegen Blasphemie anzuklagen.

Der Film „Paradies Glaube“ zeigt nicht, wie SPIEGEL – Online  meinte,  „religiöses Hinterwäldlertum, das vielleicht folkloristische Züge besitzt, der gegenwärtigen Glaubensdoktrin wohl kaum entspricht“. Tatsächlich dokumentiert Ulrich Seidl eine Haltung, die weite Verbreitung hat im heutigen Katholizismus. Verurteilen wird man die vielen Menschen, die so sind wie Anna Maria, natürlich nicht. Aber man wird sich fragen, wie in Europa die theologische Bildung eigentlich greift angesichts dieser religiösen Praxis, die eher einem Wahn gleicht.  Wem Jahre lang eingeredet wird und es auch innig glaubt, außerhalb der katholischen Kirche gebe es kein  Heil, der greift schnell zu seinem Köfferchen mit der Madonna, um die Welt zu retten, „heil zu machen“. Dass alles Gnade ist, wie Paulus sagt, also von Gott abhängt, ist bei diesem Aktionismus vergessen.

Copyright: Christian Modehn.

 

 

 

 

Aktualisiert am 8. Februar 2022 durch CM

Nicaragua: 40 Jahre nach dem Sieg der Sandinisten (am 19. Juli 1979)

Das Scheitern der Revolutionäre, die Diktatur des Ex-Revolutionärs und die katholische Kirche
Ein Hinweis von Christian Modehn

Die Erinnerung an die Revolution in Nicaragua vor 40 Jahren ist für religionsphilosophisch Interessierte wichtig: Weil zum ersten Mal im 20.Jahrhundert, wenn nicht überhaupt, kirchlich gebundene Katholiken, darunter auch prominente Priester, Revolutionäre waren. Und weil zu beobachten ist, dass für das Scheitern der Revolutionsregierung nach 10 Jahren unter anderen auch konservative katholische Kräfte (Hierarchen) verantwortlich sind. Und weil der neue Machthaber, jetzt Diktator, Daniel Ortega, seine Macht als Präsident 2007 nur gewinnen konnte, weil die katholische Hierarchie ihn mit einem Deal unterstützte: Kardinal Obando Bravo (Managua) forderte als Preis seiner Unterstützung für Ortega das strengste Anti-Abtreibungsgesetz. Und das erhielt er von dem einstigen sozialistischen Revolutionär, jetzt Diktator, Daniel Ortega.

1. Die Revolution
Am 17.Juli 1979 war der Diktator von Nicaragua, Anastasio Somoza, zusammen mit seiner Familie und dem Generalstab der Nationalgarde zu seinen us-amerikanischen Freunden nach Florida geflohen. Der Kampf gegen die Diktatur Somozas hatte vielen tausend Menschen im Widerstand das Leben gekostet. Im Bistum Esteli an der Grenze zu Honduras war die Bereitschaft zum Widerstand gegen Somoza besonders groß. „Kirchliche Gruppen und Sandinisten arbeiteten arbeiteten Hand in Hand“, so Horst Goldstein in „Befreiung findet hier und jetzt statt“, Edition Nahua, 1982, S. 30. Pater Gaspar Garcia Laviana z.B. gehörte zu den Priestern, die „mit dem Gewehr in der Hand“, wie er 1977 schrieb, für die Gerechtigkeit kämpften. Er starb im Kamof gegen die Truppen Somozas.
Am 19.Juli 1979 feierten die Sandinisten ihren Sieg über das Gewaltregime der Somoza-Clique. Ihr Sieg, immer attackiert von Contras und den USA, dauerte nur 10 Jahre.
Einer der führenden Köpfe der Revolutionären FSLN ist damals Daniel Ortega. Er wurde von 1985 bis 1990 Staatspräsident. Über die taktischen Wandlungen des Revolutionärs zum heutigen Diktator wäre viel zu schreiben.
Von den materiellen Vorzügen politischer Macht besessen, strebte er weiter das Amt des Staatspräsidenten an.
Er zeigte sich deswegen unterwürfig gegenüber der mächtigen katholischen Hierarchie: Sie war in den Jahren der Sandinisten-Herrschaft der FSLN weithin feindlich gesinnt, darin in gehorsamer Übereinstimmung mit Papst Johannes Paul II.. Der polnische Papst sah wie die US Regierung in der sandinistischen Revolution nur den Ungeist des Kommunismus. Und entsprechend wurden die Sandinisten bekämpft. Dieses undifferenzierte Denken des polnischen Papstes war geradezu tödlich für die sandinistische Revolution.In Polen durften Priester aktiv politisch sein, in Nicaragua und anderen lateinamerikanischen Staaten nicht….

2. ORTEGA – plötzlich ein Freund der Hierarchie
Als geschickter Machtmensch biederte sich im Jahr 2004 Ortega der katholischen Hierarchie an: Ausgerechnet seinen einst ärgsten Feind, den Kardinal Miguel Obando Bravo, bittet er um Vergebung für angeblich kirchenfeindliche Aktionen in der Zeit der Sandinisten. Der konservative Kardinal ist gerührt, er verspricht, Ortega zu unterstützen: Unter der einen Bedingung: Dass in Nicaragua ein Gesetz realisiert wird, das radikal und rigoros jeglichen Schwangerschaftsabbruch verbietet. Bekanntlich ist ja für die katholische Hierarchie weltweit, so auch in Lateinamerika, das absolute Verbot von Abtreibung Teil des obersten Glaubensbekenntnis. Das ungeborene Leben zu schützen ist genauso wichtig wie das Bekenntnis zu Gott. Und dies im vollen Wissen all der leidvollen Konsequenzen für das Leben der betroffenen Frauen. Aber das ist der Macho-Gesellschaft und der klerikalen Macho – Kultur egal.
Also wird Ortega am 5. November 2006 Staatspräsident Nicaraguas. Der Klerus hat dafür Wesentliches getan: Schließlich hat er das absolute Verbot der Abtreibung als Gesetz erhalten… und der Ex-Revolutionär Ortega kann nun seine umfassenden Machtansprüche entfalten.

Der extrem konservative Kardinal Obando Bravo unterstützte sogar noch einmal 2012 den Präsidentschaftswahlkampf von Ortega. Voller Dankbarkeit sorgte der Herrscher Ortega dafür, dass der Kardinal den höchsten staatlichen Orden Nicarguas erhält, er wird zum „Helden des Friedens“ ernannt. Obando Bravo sorgte noch im Jahr 2003 dafür, dass alle Helfer eines Schwangerschaftsabbruches bei einem 9 Jahre alten Mädchen exkommuniziert wurden. Quelle: http://news.bbc.co.uk/hi/spanish/latin_america/newsid_2796000/2796003.stm
Das Mädchen war vergewaltigt worden.
Für das Anti-Abtreibungsgesetz hatten sich gleichermaßen die evangelikalen und pfingstlerischen Kirchen dort eingesetzt.
Der Lateinamerika – Kenner und Autor Hans Christoph Buch schreibt: „Ausschlaggebend für den Wahlsieg der Sandinisten (Ortegas) war das Bündnis Ortegas mit seinem früheren Erzfeind, Erzbischof Obando y Bravo“. (in: „Das rollende R und die Revolution“).
Bischof Leopoldo José Brenes Solorzano von Matagalpa hatte damals den Vorsitz eines Regierungsbeirates für Familienpolitik inne. Er setzte als eine der ersten Maßnahmen sogar ein Verbot therapeutischer Abtreibung bei Todesgefahr für die Mutter oder bei Schwangerschaft nach Vergewaltigung durch“. (Ludger Weckel, Nicaragua, in : Kirche und Katholizismus seit 1945, Band 6, Lateinamerika und Karibik, 2009, Paderborn, Seite 182.)
Kardinal Obando Bravo ist 2018 gestorben. Der „Held des Friedens“ übersah damals wohl, wie Ortega das Land ins Elend einer Diktatur stürzt. Ortega ist ein Diktator, das ist heute Überzeugung aller Demokraten. Die Menschen, die nicht zur Clique rund um Ortega gehören, leiden an allem, materiell sowieso, vor allem am Ausschluss von allen Menschenrechten. Aber weil Nicaragua weit entfernt ist, ein kleines Land, ohne Rohstoffe, kümmern sich Europäer, auch Deutsche, auch deutsche Medien, lieber um Autobahn–Maut, um Brexit oder das Zittern der Kanzlerin. Dritte Welt bleibt dritte Welt. Die Rettung der Menschenwürde in „der Ferne“ der „anderen“, der Armgemachten, ist hier kein Thema.Bestenfalls über Spenden versucht man sein Gewissen zu beruhigen.

Es ist jedoch paradox und bemerkenswert, dass jetzt einige Bischöfe der katholischen Kirche Nicaraguas als Opposition gegen den Diktator Ortega aktiv geworden sind. Sie wissen genau, dass es doch vor allem die katholische Hierarchie war, allen voran Kardinal Obando Bravo, die den verbrecherischen Politiker Ortega an die Macht gebracht hat. Die Kirche hat den Diktator mit erzeugt, wie so oft in der Geschichte, man denke an Franco….
Bei Protesten gegen Ortegas Regime, eine Verschmelzung von Partei und Staat, sind einige hundert Menschen ums Leben gekommen, viele tausend haben als Flüchtlinge das land verlassen.

3. Die Hierarchie will Abtreibung gesetzlich verbieten
„Mehr als 100 Jahre war in Nicaragua eine Abtreibung möglich, wenn Leben und Gesundheit der Mutter bedroht war – die so genannte medizinische Indikation (aborto terapeútico). Selbst während der Diktatur Somozas wurde dieses Gesetz nicht angetastet. Am 26. Oktober 2006, zehn Tage vor den Präsidentschaftswahlen in Nicaragua, stimmte das Parlament für ein neues Gesetz – eingeführt unter dem Druck der katholischen Kirchenhierarchie und einiger evangelischer Kirchen, unterstützt aus wahltaktischen Gründen von der FSLN. Am 13. September 2007 wurde das neue Strafgesetzbuch unter Beibehaltung des Verbots der Abtreibung bei medizinischer Indikation im nicaraguanischen Parlament verabschiedet. Quelle: http://www.informationsbuero-nicaragua.org/neu/index.php/rundschreiben/rundschreiben-12008/234-der-kampf-geht-weiter-gegen-das-totale-abtreibungsverbot-in-nicaragua

Siehe auch: https://ilga.org/nicaragua-defender-derechos-de-las-mujeres-constituye-asumir-el-riesgo-de-perder-la-vida-o-la-libertad-individual

4.ERNESTO CARDENAL
Eine führende Gestalt der Sandinistischen Revolution ist der zweifelfrei berühmteste Dichter des Landes, international geschätzt, der Priester Ernesto Cardenal. Er war als Sozialist Kulturminister Nicaraguas zu Zeiten der Sandinisten und ein entschiedener Verteidiger der Befreiungstheologie. Deswegen hatte im Jahr 1985 Papst Johannes Paul II. ihm untersagt, seine Funktionen als Priester auszuüben. Als Ernesto Cardenal im Februar 2019 ernsthaft erkrankt, er ist 94 Jahre alt und einige mit seinem Tod rechneten, erlaubt Papst Franziskus großzügig, dass der Rebellen-Priester-Poet Ernesto Cardenal wieder die Messe lesen darf.

Ernesto Cardenal hat sich von seinem einstigen „Companero“ Daniel Ortega ausdrücklich distanziert, er sei ein mieser Diktator.

Ich biete hier einen Beitrag an, den ich 2004, jetzt leicht gekürtzt, nach einer Begegnung mit Ernesto Cardenal für die Zeitschrift PUBLIK FORUM geschrieben habe. Der Beitrag ist „aus redaktionellen Gründen“, wie es damals hieß, nicht gedruckt worden. Treffend und aktuell ist der Bericht über Ernesto Cardenal und sein reiches literarisches Werk natürlich bis heute.

„Die Revolution in Nikaragua ist verloren gegangen“. Ernesto Cardenal gibt sich Mühe, in einem nüchternen Ton die politische Entwicklung in seiner Heimat zu beschreiben. Wer ihm nach einigen Jahren wieder begegnet, glaubt nicht, einem Achtzigjährigem gegenüber zu sitzen. Die Vitalität ist geblieben. Heftig wird er nur, wenn er seinen Glauben verteidigt: „Das Reich Gottes ist etwas Revolutionäres, es soll hier auf Erden Wirklichkeit werden“. Die Farbe seines Bartes ist inzwischen von grau in weiß übergegangen. Die Baskenmütze ist nach wie vor sein „ständiges Erkennungszeichen“.
Als Mönch von Solentiname wurde er in den sechziger Jahre weltbekannt, in viele Sprachen wurden seine Gedichte übersetzt. Er ist ein Freund des Mystikers Thomas Merton. Schließlich war Cardenal im Trappistenkloster von Kentucky einmal Novize, und der Novizenmeister hieß Thomas Merton. Mit ihm hat er später über die Rechtmäßigkeit revolutionärer Gewalt gestritten.
Auf Kirchentagen der siebziger und achtziger Jahren war Cardenal förmlich ein Star. Er erhielt 1980 den Friedenspreis des deutschen Buchhandels, die Laudatio hielt der „politische Theologe“ Johann Baptist Metz…
Nach dem Sieg der sandinistischen Revolutionäre gegen den Diktator Somoza wurde Ernesto Cardenal („Ich bin Revolutionär“) bis 1987 Kulturminister Nikaraguas. Mit viel Phantasie und Elan kümmerte er sich z.B. um den Aufbau von Literaturwerkstätten und Zentren der Malerei, er lebte auf der Insel Solentiname. „Die Unterschiede zwischen der Kunst der Reichen und der Armen wurden aufgegeben“. Zusammen mit seinem Bruder Fernando konnte er in kürzester Zeit eine erfolgreiche Kampagne der Alphabetisierung starten, unterstützt von Freunden aus aller Welt. Nikaragua, das war in den achtziger Jahren sozusagen das Traumziel aller, die an den Sieg einer von Christen geprägten Sozial-Revolution glaubten. Sie erlebten die Vertreibung des Diktators Somoza als ein Geschenk des Himmels, als einen Augenblick, in dem Nicaragua zum ersten Mal zu einer kulturellen Blüte fand, „zu einer nationalen Identität“, wie Cardenal sagt.
Nun ist der Traum vorbei. „Als ich am Tag nach der Wahl 1990 vom Sieg der Contras hörte, war dies für mich die dunkle Nacht. Es war die dunkelste Nacht meines Lebens. Ich lag in meiner Hängematte und konnte den Willen Gottes nicht verstehen. Wie war es möglich, dass sich das Volk sich gegen uns gewandt hatte, dass es die Revolution ablehnte. Ich spürte auch, dass meine Poesie an ihr Ende gelangte. Der Himmel blieb mir verschlossen. Viele meiner Freunde hatten einen unbezähmbaren Weinkrampf. Auch ausländische Journalisten weinten, als die Nachricht vom Sieg der Contras hörten“.
Die Korruption hat nun unvorstellbare Ausmaße angenommen, gerichtliche Kontroll-Instanzen werden in gutem Einvernehmen von den Führern der Liberalen und der (einstmals revolutionären, jetzt oppositionell, aber genauso korrupten) „Sandinisten“ ins Abseits gedrängt. Verteidiger der Menschenrechte sehen sich ständigen Übergriffen und Drohungen ausgesetzt. Die Arbeitslosigkeit nimmt stetig zu, die Quote der Analphabeten erreicht wieder eine Höhe (35 %) wie unter Somoza. Die Menschen hungern in einem Land, das noch von 1979 bis 1990 als Vorbild für eine Kultur der Armen gepriesen wurde. „Die Revolution der Sandinisten ist gescheitert. Das Handelsembargo der USA war erfolgreich, die ständigen Attacken der Contras in den achtziger Jahre haben ihr Ziel erreicht. Aber auch etliche verantwortliche Leute der Sandinistischen Revolution bei uns hatten jedes Gespür für Moral und Ehrlichkeit verloren. Sie hatten sich bereichert. Auch diese Sandinisten haben die Revolution zerstört“.
Ernesto Cardenal hat sich nie als „Berufs – Politiker“ bezeichnet. Er ist immer Mönch geblieben, auf der Suche nach den Spuren Gottes in der Welt. „Die Bücher des Alten und des Neuen Testaments sind für mich die einzigen religiösen Texte, die sich gegen die politische Verzweiflung wehren. Die Propheten, auch Jesus, wollen eine Religion, die vor allem Gerechtigkeit schafft. Sie wehren sich gegen die kultische Religion, gegen das institutionelle religiöse Machtgefüge. Sie wollen nur eins: Gerechtigkeit für alle. Die christliche Religion ist und bleibt subversiv, auch wenn Revolutionen scheitern. Diese Vision hat mich geprägt, sie bestimmt mich noch heute“.
Papst Johannes Paul II. hat sich immer gegen diese Überzeugung gewehrt, er hat Ernesto Cardenal bei seinem Besuch in Nikaragua (1983) geradezu gedemütigt. „Der Papst war massiv gegen unsere Revolution, die zum ersten Mal in der Welt massiv von Christen unterstützt wurde. Zusammen mit dem US-Präsidenten Reagan hat er =das Böse=, wie Reagan auch schon sagte, in unserem Land bekämpft!“ Trotzdem: Von Resignation oder Verzweiflung ist heute bei Cardenal nichts mehr zu spüren. Inzwischen hat er die poetische Sprache wieder gefunden, 1994 veröffentlichte er sein Opus Magnum „Cántico Cósmico“, „Gesänge des Universums…Ich bin ein Dichter, ein kontemplativer Mensch. Aber ich kann niemals bei den politischen Kämpfen nicht abseits stehen“.
Darum fühlt er sich immer mit der offiziell manchmal totgesagten Befreiungstheologie verbunden. Und darum glaubt er jetzt, dass die marxistische Analyse der bestehenden Klassengesellschaft bleibenden Wert hat, auch wenn das so wenige im Augenblick hören wollen „im Rausch des Kapitalismus. Aber der Kapitalismus geht langfristig gesehen vorüber, da bin ich sicher“, sagte Cardenal zu Beginn des 21. Jahrhunderts!
Was ihn heute am Leben hält, ist der mystische Glaube, auf den er immer wieder zurückkommt, ein Glaube, der sich konzentriert auf ein biblisches Symbol, das Reich Gottes: „Es ist doch mehr als ewiger Traum: Das Reich Gottes der Gerechtigkeit für alle will ewig Realität werden“.
Ein frommer Traum – angesichts des Diktators Daniel Ortega, den Ernesto Cardenal mit offenen Worten verabscheut.

Siehe auch: Ernesto Cardenal, „Im Herzen der Revolution“. Der dritte Band seiner „Erinnerungen“. Erschienen im Peter Hamm Verlag, Wuppertal. 2004. 303 Seiten.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin