Buchmesse: Norwegen – ein religiöses Land ? Über Edvard Munch und die lutherische Staatskirche.

Über den „Ehren-Gast“ der Buchmesse in Frankfurt 2019
Ein Hinweis von Christian Modehn

Wird man auf der Buchmesse auch explizit über Religion(en) in Norwegen sprechen? Der religionsphilosophische Salon Berlin kann hinsichtlich der eigenen Interessen nicht darauf verzichten: Und weist zur weiteren Diskussion auf einige interessante Fragen zu „Religion in Norwegen“ hin.

1.
Edvard Munch war nicht nur ein Interpret eigener, aber auch allgemein – menschlicher Ängste, sondern ein Künstler, der auch heute noch das „innere Leben“, die Ängste der Seele des heutigen Norwegen, d.h. der Norweger, zum Ausdruck bringt. Und dies trotz oder wegen des umfassenden Wohlfahrtssystems und der Ölmilliarden? Man denke an das Massaker auf der Insel Utoya, an den Massenmörder Anders Breivik und seine rassistische Ideologie; an die „Black-Metal-Jünger“ und ihren Nihilismus; an die Zerstörer, die Brandstifter von Kirchen vor einigen Jahren: Transparenz und Demokratie und Reichtum, „typisch norwegische Eigenschaften“, stehen im Schatten von Katastrophen. Wird die Lust an den stets zahlreicher werdenden norwegischen Kriminalromanen da hilfreich sein? Und: Falls die Welt einmal untergehen sollte, gibt es wenigstens in Nordnorwegen, in der Stadt Mo i Rana, eine umfassende und bleibende Sammlung von Literatur und Musik…

2.
Eine interessante These: Edvard Munch sah, „entdeckte“, schon die Klimakatastrophe. Lassen sich seine Gemälde mit dem Titel „Der Schrei“ nicht auch in der Hinsicht interpretieren? Für Munch ist die Landschaft ein Spiegel der gar nicht lebensfreundlichen, der unbehausten, der fremden (Um)Welt. „Der Schrei“, so sehr auch Ausdruck der Angst des einzelnen, findet vor einer unerträglich erlebten Landschaft statt. Diese ist förmlich selbst der Schrei: Die Umgebung, das Meer und der Himmel sind erfüllt vom Schrei. Munch schreibt: „Ich ging die Straße hinunter, als die Sonne unterging. Und sich der Himmel plötzlich blutrot färbte. Ich blieb stehen, lehnte mich todmüde an das Geländer… und ich fühlte, dass ein unendlicher Schrei durch die Natur ging.“ Der Freund Munchs, der Dichter August Strindberg, meint: Der Maler hörte den Schrei der Natur, „und des Entsetzens der Natur, die vor Zorn errötet und sich anschickt durch Sturm und Donner zu den törichten kleinen Wesen zu sprechen, die sich einbilden, Götter zu sein, ohne ihnen zu gleichen“.
Der Kunsthistoriker und Theologe Horst Schwebel betont: „Der Schrei“ (1893) ist das stärkste religiöse Bild des 19. Jahrhunderts“ (in: „Die Kunst und das Christentum“, Beck-Verlag, 2002, S. 90).

3.
Edvard Munch, geboren am 12. Dezember 1863, wächst bei seinem Vater in einem von Angst erfüllten pietistischen Glauben auf. Edvard wurde gleich nach der Geburt, wie man sagte, „notgetauft“, aus Angst, es könne sterben, ohne durch das Sakrament der Taufe von der Erbsünde befreit zu sein. Denn so meinten die lutherischen Pfarrer, ohne Taufe droht den Neugeborenen nach ihrem plötzlichen Tod eine Art Hölle. „Krankheit, Wahnsinn und Tod hielten wie schwarze Engel Wache an meiner Wiege. Sie haben mich mein ganzes Leben begleitet“, schreibt Edvard Munch. Die Mutter stirbt früh an Tuberkulose, sie hat einen Abschiedsbrief geschrieben, aus dem immer wieder den Kindern vorgelesen wird mit den schauerlichen Kommentaren: „Mutti hört im Himmel zu und beobachtet uns“.
Edvard Munch wächst in einem Christentum auf, in dem das ganze Leben von Angst zerfressen ist. Er selbst bleibt sein Leben lang davon seelisch belastet. Ein Mittel, die Angst zu bearbeiten, wird für ihn die Kunst. „Ebenso musste er den Tod malen, um persönliche böse Erinnerungen loszuwerden“, schreibt Ragna Stang in ihrem großen Buch „Edvard Munch – der Mensch und der Künstler“ (1979, Königstein im Taunus, S. 121).

4.
Sehr bekannt sind die fünf um 1894 entstandenen Gemälde mit dem Titel „Madonna“. Diese Madonna, wenn sie denn auch auf Maria, die Mutter Jesu, bezogen werden kann, könnte auch als eine Pietá interpretiert werden: Sie ist vom Leiden, vom Tod, gezeichnet, hat dabei aber auch eine erotische Ausstrahlung bewahrt. Auch die Madonna der Renaissance hat in ihrer blühenden Leiblichkeit erotische Züge. „Liebendes Weib“ nannte Munch diese Madonna, vielleicht ein Titel, der die Spannung zwischen Hingabe bis zum Tod andeuten will. Vielleicht auch ein Werk, das seinen eigenen starken erotischen Leidenschaften Ausdruck gibt. Eine Ausstellung seiner Bilder musste wegen der Proteste des angeblich moralischen Publikums geschlossen werden.

5.
Viermal (1893, 1895) hat Munch „Der Schrei“ gemalt, inzwischen längst eine Ikone, weltweit verbreitet und wie ein Kultbild verehrt und als Massenware missbraucht. Munchs seelisches Erleben und Erschaudern bleibt inspirierend bis heute. Sein Freund Janes Thiis hielt Munch für einen metaphysisch begabten Menschen: „Er gab in seiner Kunst Ausdruck vom Wunder des Lebens“. Munch selbst bekannte: „Gott ist in uns und wir leben innerhalb von Gott, einem ursprünglichen und originalen Licht von überall her“. Und er betonte: „Aus allen (meinen) Reden wird man sehen, dass ich ein Zweifler bin, aber niemals die Religion verleugne oder verspotte“ (ebd. S 123). Diese alle Dogmen der Kirche überwindende, mystische oder „pantheistische“ Spiritualität spricht in Munchs Werken. Sie ist ein Hoffnungsschimmer, auch in den Bildern der Verzweiflung.
1909 war Munch nach längeren Auslands-Aufenthalten, auch in Deutschland, vor allem Berlin, nach Norwegen zurück gekehrt.
Edvard Munch ist am 23. Januar 1944 auf Ekely/ Oslo gestorben.

6.
Die Staatskirche in Norwegen
Luthertum und Staatskirche haben sich historisch sehr oft als Einheit verschmolzen. In Norwegen wurde der lutherische Glaube den Menschen aufgezwungen, als das Land im Zuge der Reformation um 1550 Teil des dänischen Königreiches wurde. Das Kirchengut wurde vom dänischen König übernommen: Reformation war auch ein kommerzieller Gewinn. Die lutherische Kirche Norwegens wurde als „nationale Kirche“ offiziell Staatskirche mit dem König als dem Oberhaupt der Kirche!
Es gab lange mühsame Debatten über die Trennung von Kirche und Staat. Die synodalen (demokratischen) Strukturen der Kirchenleitung wurden erst langsam Realität, am 21.5. 2012 gab es eine Verfassungsänderung: Der König ist nicht mehr formelles Kirchenoberhaupt.
Ob diese Staatsnähe der Kirche auch verantwortlich ist für die zunehmende Entfremdung der Norweger von der lutherischen Kirche, wäre als These zu untersuchen: 2016 waren nur noch 73 % der Norweger Mitglieder der Kirche; am Sonntagsgottesdienst nehmen laut Angaben der Kirche selbst 2 bis 3 Prozent der Mitglieder teil. Nur 58 % der neugeborenen Kinder werden getauft. Ob sich junge Menschen auch eher abgestoßen fühlen von den immer noch starken pietistischen Kreisen, wäre ebenfalls zu untersuchen: Nur etwa die Hälfte der Jugendlichen wird konfirmiert. Siehe auch:
https://kirken.no/nb-NO/die-norwegische-kirche/
Die Sehnsucht nach Gemeinschaft auch außerhalb der Kirchengemeinden ist offenbar groß: Die eher atheistisch eingestellten „Humanisten“ Norwegens haben beachtlich viele Mitglieder: etwa 90.000!
Die religiöse, weltanschauliche Pluralität ist längst Tatsache: Es gibt eine Verbindung von „Extreme Metal“ und sich selbst explizit nennendem Heidentum. So wurden kleine germanisch-neuheidnische Gruppen von der Regierung als Glaubensgemeinschaft anerkannt: Etwa 1996 die Åsatrosamfundet Bifrost, sie kann rechtlich wirksame Zeremonien wie Eheschließungen abhalten.
Die katholische Kirche war bis zum Jahr 200 etwa eine kleine Minderheiten-Kirche, erst als viele (polnische) Arbeitsmigranten nach Norwegen kamen stieg die Zahl der Katholiken den Bischöfen zufolge rasant an: Die Bischöfe sprechen heute von 200.000 Katholiken in Norwegen. Es wurde der Vorwurf gemacht, die Katholiken manipulierten die Zahl der Katholiken in Norwegen, um auf diese Weise hohe staatliche Zahlungen zu erhalten, indem man kurzerhand Einwanderer automatisch als katholisch deklarierte. (https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/kriminalitaet/norwegens-bischof-bernt-eidsvig-betrugsverdacht-13457343.html)

7.
Bischöfe im Widerstand
In der norwegischen lutherischen Staatskirche gab es rebellische Bischöfe: Im besetzten Norwegen herrschte seit 1940 eine pro-nazistische Regierung unter Ministerpräsident Vidkun Quisling. Er war mit dem dort tätigen NS „Reichskommissar“ Josef Terboven eng verbunden. Quisling war Führer der faschistischen norwegischen „Nasjonal Samling“.
Gegen die Praxis der Besatzungsmacht und gegen Quilsling und seine Nazis traten am 1. März 1942 alle sieben Bischöfe der lutherischen Staatskirche zurück. D.h.: Sie blieben zwar geistliche Leiter ihrer Kirche, hatten aber keine amtlichen, sozusagen politischen Funktionen innerhalb der Staatskirche. Dies war vielleicht schon eine kurzzeitige, vorweggenommene Trennung von Kirche und Staat! Dabei hatten kirchliche Kreise die Partei von Quisling bis 1935 durchaus unterstützt, sie war nationalistisch und antikommunistisch.
Am 2. April 1942 wurde der Bischof von Oslo, Eivind Berggrav, von der Nazi-Regierung unter Hausarrest gestellt. Darauf legten auch die meisten Pfarrer in Verbundenheit mit ihrem Bischof und im Protest gegen die Nazis ihre offiziellen, staatsbezogenen Ämter nieder. Weite Teile der norwegischen Kirche verweigerten sich der Besatzungsmacht und „waren zu Streik und Sabotageaktionen bis hin zu direktem Widerstand bereit“ (Sabine Dramm, Orientierung Zürich, 2005, Seite 165). Der berühmte deutsche Theologe und Nazi-Feind Dietrich Bonhoeffer besuchte Mitte April 1942 Oslo, er hatte auch Kontakte zu der rebellischen Kirchenführung! Bischof Berggrav hatte schon 1941 zu zivilem Ungehorsam aufgerufen!
Bonhoeffer ermunterte die Christen, ihre Pfarrer und Bischöfe weiterhin zum Widerstand. „Er dürfte sich an seine eigenen – vergeblichen Hoffnungen auf Pfarrerstreik und Amtsniederlegungen vor neun Jahren (1933) in Deutschland erinnert haben. In jedem Fall versuchte er, die norwegischen Protestanten zu überzeugen, in ihrem Protest nicht nachzulassen und den neuen Weg, die sie eingeschlagen hatten, nicht gegen einen glatteren, gefügigeren preiszugeben“. (Sabine Dramm, a.a.O, S.166) Sabine Dramm schreibt, dass der Osloer Bischof Breggrav am 16. April 1942 aus dem Gefängnis entlassen und in einer Waldhütte bis zur Befreiung von den Nazis interniert wurde.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Aktualisiert am 31. August 2025 durch CM

Das Buch „Sodom“ von Frédéric Martel

Macht, Doppelmoral, Homosexualität im Vatikan heute
Eine Buchhinweis von Christian Modehn

1.
(Homo)sexuelle Orientierungen und „Praktiken“ bestimmter Berufsgruppen heute ausführlich und öffentlich „freizulegen“, passt eigentlich nicht in die demokratische Kultur. Solche Untersuchungen lieben absolute Herrscher in Diktaturen, etwa der arabischen und asiatischen Welt, um besser Homosexuelle als angeblich „Perverse“ zu „greifen“, zu quälen, auszugrenzen, zu töten.
Trotzdem ist es sehr berechtigt, dass der französische Journalist und Soziologe Frédéric Martel eine umfangreiche, gründliche Studie vorlegt zu dem Thema: „Das homosexuelle meist versteckte Leben und mühevolle Lieben der Kardinäle, Bischöfe, Prälaten, Priester, Theologen im Vatikan und in anderen Zentren der katholischen Kirche“. Der Titel des Buches heißt provokativ „SODOM“. Auf Deutsch ist diese äußerst umfangreiche, international weit verbreitete und weit geachtete Studie als Übersetzung aus dem Französischen erschienen im S. Fischer Verlag im September 2019.
2.
Frédéric Martel ist in Frankreich als Autor soziologischer Studien bekannt geworden. Sein neues Buch ist eine Art „Meisterwerk“ der geduldigen, Jahre langen Recherchen nicht nur im Vatikan, sondern in vielen Ländern. Dieses Buch ist ein Beispiel der groß angelegten Forschung mit einem Team von 80 Mitarbeitern. Ein Konsortium von 15 Anwälten begleitet – sicherheitshalber – diese umfassende und sicher einmalige Arbeit, die einen Höhepunkt darstellt in der Kritik am römischen Katholizismus heute. Wer als Mitglied der katholischen Kirche(nleitung) dieses Buch gelesen hat, hat die Wahl: Entweder die römische Kirche sofort von Grund auf erneuern (eine neue Reformation) mit der Abschaffung des Pflichtzölibates oder diese Kirche resigniert … zu verlassen. Und den eigenen Weg zu gehen.
3.
Martel kennt die katholische Kirche seit seiner Kindheit, er nennt sich heute „katholischer Atheist“ oder „Atheist mit katholischer Bildung“ (S. 656), ohne dabei militant antireligiös zu sein. Er bemüht sich, seine eigene Meinung zum Thema zurückzuhalten, auch wenn er seine persönliche Betroffenheit „ich selbst bin schwul“ schon auf der Umschlagseite des Buches unter seinem Foto mitteilt. Er schildert ausführlich sein Arbeiten, nennt alle Gesprächspartner in 30 Ländern: U.a.: 41 Kardinäle, 52 Bischöfe, 45 päpstliche Nuntien, über 200 Priester usw… Die verdrängte Homosexualität äußert sich sehr oft in heftigen Feindseligkeiten gegen offen lebende Homosexuelle. Darum gilt die Grundregel: Die heftigsten Schwulenfeinde sind selbst homosexuell…Das gilt vorzüglich und besonders in katholischen, vatikanischen Kreisen, zeigt Frédéric Martel in seiner Recherche.
Martel respektiert deren Wunsch, wenn sie sich gelegentlich nur anonym oder unter Decknamen äußern wollen. Aber manchmal ist die Wut über die Scheinheiligkeit hochrangiger Kardinäle beim Autor zu spüren, etwa wenn er auf den extrem verlogenen homosexuellen Kardinal Lopez Trujillo aus Kolumbien zu sprechen kommt: Dieser Kardinal war ja bekanntlich einer der schlimmsten Feinde der Befreiungstheologie, ein Feind des heiligen Erzbischof Romero, El Salvador. Lopez Trujillo war auch angesehener Mitarbeiter eines von dem deutschen Hilfswerk ADVENIAT begründeten Arbeitskreises „Kirche und Befreiung“; er war später der militante Propagandist gegen den Kondomgebrauch zum Schutze vor AIDS; er war der heftigste Feind gegen die Gleichberechtigung der Frauen. Zudem war er eng verbunden mit den kolumbianischen Drogenkartellen und ihren Paramilitärs (S. 358). UND vor allem dies ist unserem „Fall“ wichtig: Er war einer der ständigsten Kunden von Strichern schon in Medellin, später auch in Rom, als er dort Chef des „Päpstlichen Rates für Familien“ (sic!) war: Auf seinen vielen Reisen war er stets auf der Suche nach Strichern. Fast möchte man hier den bekannten Aphorismus von Stanislaw Jerzy Lec aus seinem Buch „Unfrisierte Gedanken“ zitieren: „Er war stets von Sodom nach Gomorrah gezogen“. Martel schreibt in seinem Buch: „Lopez Trujillo bezahlte die Stricher, aber dafür mussten sie Prügel einstecken. Aus reinem Sadismus schlug er sie nach dem Geschlechtsverkehr, versichert Martels kolumbianischer Gewährsmann Alvaro Leon“ (S. 365). Martel schreibt weiter: „Wenn in diesem Buch jemand erbärmlich ist, dann er, Lopez Trujillo“ (ebd.). Und auch an anderer Stelle kann sich Martel seines Zorns nicht mehr enthalten: „…Diese Weihwasserschwuchtel, diese Diva des sterbenden Katholizismus. Dieser Teufelsdoktor und Antichrist: Seine Eminenz Alfonso Lopez Trujillo“ (S. 370). Nebenbei: Im Vatikan schlagen heute noch nachdenkliche Priester die Hände über den Kopf zusammen, wenn sie allein den Namen dieses großen Günstlings des polnischen Papstes hören. Wie viel theologischen Unsinn hat dieser korrupte „Sexkardinal“ angerichtet, wie Leid unter den wirklich gläubigen Katholiken verursacht. Wie viele vernünftige Katholiken haben seinetwegen die Kirche verlassen…
Das Paradoxe ist: Diese hohen Kleriker des Vatikans und die Kardinäle und Nuntien sind als Bürger des Vatikans von der italienischen Justiz nicht zu belangen, sie besitzen Immunität, wenn sie etwa mit minderjährigen Strichern in Rom erwischt werden oder in Crusing-Gebieten der römischen Parks auffällig werden. Auch darauf weist Martel hin, und man begreift einmal mehr, warum die Existenz des Zwergstaates Vatikan-Stadt doch noch einen weiteren Sinn hat…Es ist die Immunität seiner höchsten Bewohner, davon hat schon der korrupte US amerikanische Kardinal Paul Marcinkus – auch er Mitglied der versteckten und verklemmten Gay-Priester-Gemeinde profitiert.
Zurück zu Kardinal Lopez Trujillo, et machte als im Vatikan selbstverständlich bekannter, aber nie so benannter Schwuler eine Riesenkarriere. Er wurde von Papst Johannes Paul II. gefördert, weil er ebenfalls ein strammer Anti-Sozialist und Anti-Kommunist war und … über viel Geld verfügte, das im „Kalten Krieg“ nach Polen zur Gewerkschaft Solidarnosc floss.
4.
Frédéric Martel bietet andere extreme Beispiele: Er erinnert an den Gründer der Ordensgemeinschaft „Legionäre Christi“, den Mexikaner Marcial Maciel. Zusammenfassend nennt Martel diesen Ordensgründer und Ordenschef „die teuflischste Gestalt, die die katholischen Kirche in den letzten 50 Jahren hervorgebracht hat und groß werden ließ“ (S.291). Nebenbei, damit wir uns richtig verstehen: Martel und auch der Autor dieses Textes haben überhaupt gar nichts gegen gelebte Homosexualität. Beide haben nur sehr viel dagegen, wenn ganze Netzwerke homosexueller Kleriker ihre hohe Position ausnutzen, um verlogen die Gläubigen zu betrügen: Man denke daran, der Ordenschef Pater Maciel schrieb ein Buch mit dem hübschen Titel „Christus ist mein Leben“, während er sich Strichjungen und Seminaristen hingab, sie in sein Bett schleppte und auch erstaunlich sogar sich mit älteren Frauen sexuell „abgab“, dies freilich nur. um Kinder zu zeugen, die er auch missbrauchte und in vorgetäuschter Liebe finanzieller Nutznießer der betrogenen, selbstverständlich sehr reichen Ehefrauen zu sein. Die Millionen Dollar flossen da nur so.
Eine Geschichte, wie ein Krimi, der leider noch nicht gedreht wurde. Ich habe auf meiner website schon vor 10 Jahren begonnen, kritische Beitrag zu den Legionären und ihrem „Generaldirektor“ Marcial Maciel zu publizieren. Dort kann man sich ausführlich informieren. Das sexuelle total gewordene Treiben und die maßlose, betrügerische Gier nach sehr viel Geld des Marcial Maciel fand erst unter Papst Benedikt XVI. ein gewisses Ende. Als Kardinal in Rom wusste er wie alle Kardinäle und der Papst von dem Treiben dieses Priesters, der den Zölibat gelobt und Keuschheit versprochen hatte. Er hatte dieses Gelübde total „abgelegt“. Papst Benedikt nannte ihn dann einen Verbrecher. Aber der Papst hat Maciel nicht den staatlichen Behören in Rom übergeben, sondern wie unter klerikalen Brüdern damals üblich, sehr freundlich zu einem zurückgezogenen Leben in Buße aufgefordert. Daran dachte der Legionärsgründer Pater Maciel überhaupt nicht: Er setzte sich, schon krank, ins schöne Florida ab, wurde dann 2006 in seiner Heimat Cortija de la Paz versteckt und verschämt von den Seinen bestattet. Wenn alles nach Plan gelaufen wäre und kein Papst ihn in letzter Minute ausgegrenzt hätte, sollte dort eine Art Wallfahrtsort zum heiligen Pater Marcial Maciel entstehen.
Und dies kann man als Skandal bezeichnen, den leider Martel nicht erwähnt: Der Orden der Legionäre Christi (mehr als 1000 Mitglieder) und die von Maciel gegründete weltweite Laiengemeinschaft Regnum Christi (etwa 70.000 Mitglieder) bestehen nach wie vor weiter: In diesen Kreisen der verklemmten Maciel – Freunde erwähnt man offiziell den verbrecherischen Ordensgründer klugerweise nicht mehr, seine Fotos sind von den Wänden verschwunden, wie in einer Art Entstalinisierung, man tut so, als hätte es ihn nie gegeben. Und alles geht seinen üblichen Gang des Vergessens. Warum? Weil beide Gemeinschaften extrem konservativ sind, weil sie enorm viel Geld haben, weil sie immer junge Priester stellen in einer Kirche, die in Europa fast nur noch ältere und greise Priester kennt. Hauptsache also, der Klerus in der alten zölibatären Form bleibt stark. Das ist ja wohl auch auch die Devise von Papst Franziskus.
5.
Es ist nicht Aufgabe dieser knappen Buchempfehlung, alle Details vorweg zu beschreiben. Die Studie enthält vier Kapitel, das erste bezieht sich auf die schwulen Umtriebe am Hofe von Papst Franziskus, die weiteren widmen sich den entsprechenden Geschehnissen am Hofe Papst Paul VI., Johannes Paul II. und Benedikt XVI., wobei unter und mit diesem Papst die heftigsten Anti-Homo-Attacken verbreitet wurden… und Joseph Ratzinger in dieser Homo – Hinsicht sich persönlich in einer gewissen „Grauzone“ bewegt..
Es werden von Frédéric Martel auch einige wenige vernünftige, angstfreie katholische Theologen genannt, etwa der einstige Generalprior des Dominikaner-Ordens, der Engländer Timothy Radcliffe, wobei natürlich den kenntnisreichen Kritikern deutlich ist, dass auch die homosexuellen Netzwerke in den einzelnen Orden hätten freigelegt werden können. Wobei der Dominikaner – Orden für eine deutliche Liberalität in dieser Hinsicht – Gott sei Dank sagen manche – bekannt ist. Wie sehr sich junge homosexuelle Männer gerade in den rigiden (christlichen) Regimen Afrikas förmlich als Mitglieder in die katholischen Klöster und Orden in den großen Städten Afrikas als flüchten, deutet Martel nur an, viele von ihnen hoffen dann nicht ohne Grund, in „priesterlosen“ Gemeinden Europas tätig zu werden…
Zentral bleibt die Erkenntnis, dass eine ganz überwiegende Mehrheit des Klerus homosexuell ist, vor allem im Vatikan. Der Vatikan als Sodom, dies ist die zentrale Aussage der bestens belegten Studie.
Der Vorwurf heißt: Diese schwulen Kirchenführer tun nichts, um im Sinne der Botschaft für die Gleichberechtigung und für den umfassenden Respekt homosexueller Menschen einzutreten. Sie sind selbst derart verdorben und verklemmt, dass ihnen dieser Dienst zugunsten der universalen Menschenrechte gar nicht in den Sinn kommt. Sie leiden unter dem Eingezwängtsein durch das offizielle Zölibatsgesetz, sie wenden alle ihre Energie nur darauf, wie sie ihre Homosexualität bloß nicht nach außen zeigen. Und wie sie in den Abendstunden und Nachts eine andere Identität sich zulegen, um in Rom und anderswo auf die Suche nach Sexkontakten zu gehen.
All das wird von Martel ausführlich dokumentiert. Nicht um die Neugier zu befriedigen, sondern um zu zeigen, zu welchen Irrwegen und zu welchem ja durchaus auch seelischem Leiden das völlig sinnlose und total falsche Zölibatsgesetz führt!
Eine ähnliche Studie würde im Falle der doch immer noch aktiven heterosexuellen Priester zu ähnlichen Ergebnissen der Verlogenheit kommen. Man müsste dann nur deutlich von Alimenten sprechen, die die Bischöfe zu zahlen haben oder von Vergewaltigungen von katholischen Nonnen, etwa in Afrika und Indien, durch katholische Priester. Oder von der Tatsache, dass in Afrika und Lateinamerika auf dem Land, in den Dörfern, die heterosexuellen Priester selbstverständlich mit einer Frau zusammenleben. Alles andere würden die Menschen dort gar nicht verstehen.
6.
Ich habe den Eindruck: Frédéric Martel befindet sich mit seinem wichtigen Buch in interessanter, möglicherweise „guter Gesellschaft“: Papst Franziskus hat schon ein Jahr nach seiner Wahl zum Papst am 22. Dez. 2014 die Kurienkardinäle aufs Allerschärfste sehr allgemein kritisiert; noch einmal am 20.Okt 2017 und im Oktober 2018 „Der Papst gibt den konservativen Gegnern seines Pontifikats zu verstehen, dass er über ihr Doppelleben Bescheid weiß“ (S. 98).
Nebenbei: Sehr spannend lesen sich Kapitel, in denen Martel von seinen Recherchen im die Strichermilieu rund um den Bahnhof „Roma Termini“ berichtet und dabei von der klerikale Kundschaft (S. 163 ff) spricht. Auch über den Zusammenhang von sexueller Gier und materieller Gier unter den Kardinälen und Prälaten schreibt Martel ausführlich. Denn, so der Autor, Luxus – Stricher sind teuer, viele Kardinäle zahlen dann gern im Gebrauch allgemeiner Konten des Vatikans und seiner Behörden, so der Autor.
Dabei nennt der Autor durchaus seltene Beispiele einer menschlich gestalteten Homosexualität unter den Klerikern, aber es sind eben wenige, die so viele Nerven haben, mit ihrem Freund zusammenzuleben. Oft übersieht der Vatikan sogar dieses „Fehlverhalten“, solange kein Betroffener davon öffentlich spricht.
7.
Diese Studie von Frédéric Martel zeigt eindringlich: Das Modell der katholischen Kirche als Zölibats-Klerus-Kirche ist am Ende, diese Kirche ist faktisch noch vorhanden, zum Teil mit Milliarden Euro Summen ausgestattet, aber moralisch und spirituell ist sie ausgelaugt. Die Lösung wäre: Abschaffung des Pflichtzölibats und selbstverständliche Akzeptanz von heterosexuellen wie homosexuellen Priestern. Diese homosexuellen Priester können dann selbstverständlich in einer Partnerschaft oder Ehe leben.
8.
Dies ist die „bleibende Erkenntnis“ dieses Buches: Es sollte ein Ende damit gemacht werden, dass diese sexuell gierigen, sexuell frustrierten, einsamen und wegen ihrer zu bezahlenden Stricher auch Geld-gierigen Prälaten, Kardinäle und Nuntien den Katholiken und der Welt vorschreiben, wie sie, die anderen, zu leben haben. Dieser arrogante Wahn der sexuell Frustrierten sollte sofort ein Ende haben. Hätte denn sonst dieses Buch von Frédéric Martel ein greifbares Ergebnis? Das ist doch die Erkenntnis, die nach der Lektüre dieses wichtigen Buches bleibt. Aber: Welcher Leser glaubt ernsthaft daran, dass sich das klerikale verlogene Zölibatssystem auflöst? Dass es, wie 1989 in dem ähnlich verfassten Regime des „Ostens“, zu einer Wende kommt? Daran glaubt meines Wissens kein Katholik. Die Mauern des Vatikans sind bekanntermaßen wirklich mehrere Meter dick. Die kann niemand stürzen. Der Geist der Tradition ist ebenso kaum zu kippen, weil zu viele Kleriker davon profitieren…
9.
Kardinal Walter Kasper, den der Frédéric Martel besonders schätzt wird in dem Buch zitiert: „Die Leute scheinen auch ohne Gott glücklich zu sei. Das ist die große Frage, die ihn beschäftigt. Wie wir Gottes Weg wieder finden sollen?, fragt der Kardinal Kasper. Er habe das Gefühl, es sei vorbei (mit der Kirche und ihrer alten Gotteslehre, muss man ergänzen). Die Schlacht sei verloren“ (S 161).
10.
Das Buch hat einen einzigen Nachteil: Es enthält kein Namensregister.

Frédéric Martel, Sodom. Macht, Homosexualität und Doppelmoral im Vatikan. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 671 Seiten, 26 Euro.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Be

Aktualisiert am 23. Oktober 2024 durch CM

Widerstand und Ergebung (Dietrich Bonhoeffer): Einige vorläufige, aber zentrale Thesen.

Notizen für das Gespräch im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin am 27.9.2019

Hinweise von Christian Modehn

1.
Voraussetzung ist: Dietrich Bonhoeffer hat in seinen Notizen „Widerstand und Ergebung“  keine umfassende Theologie vorgelegt. Seine Notizen und Briefe sind Fragmente. Aber als solche, in großer Not im Gefängnis der Nazis geschrieben, sind sie von besonderer Bedeutung. Sie sind für die Kirchen inspirierend. Aber sie inspirieren tatsächlich in den Kirchen als Institutionen in Staatsnähe wenig. Bonhoeffer wird offiziell noch verehrt, aber in der Kirchenpraxis hat er fast keine Bedeutung.
Darum ist es heute wichtig, an Dietrich Bonhoeffer zu erinnern, vor allem an seine zwei letzten Lebensjahre im Gefängnis der Nazis in Berlin. Dort schrieb Bonhoeffer zahlreiche Briefe, die eine bis heute radikale spirituelle, philosophische und theologische Brisanz offenbaren: Bonhoeffer ist einer der „großen, viel zitierten und viel studierten Theologen. Anfangs konservativ in seinem Denken: Aber, im Gefängnis der Nazis, in einer Extremsituation tiefer existentieller Gefährdungen, nahe der Hinrichtung, erlebt er eine spirituelle und theologische Radikalisierung. Und dieses radikale Denken, bezogen auf das Wesentliche des Christentums, auf das, was bleibt für heute und morgen, ist für uns als Anfrage wichtig.
2.
Bonhoeffer ist insofern ein Beispiel für eine persönliche, mit dem eigenen Leben verbundene Spiritualität, die jeder und jede – zumindest unthematisch – lebt und entwickelt.
Bonhoeffer ist ein Beispiel, dass Spiritualität und Theologie inmitten des Lebens, ich möchte sagen „situationsbezogen“ wächst und entsteht und sich wandelt, ohne dabei die Situation zum Maßstab zu machen. Da werden alle gewöhnlichen theologisch ausgelaugten Floskeln abgeworfen. Da entsteht inmitten des Lebens neues Denken.
Diese Gefängnisbriefe Dietrich Bonhoeffers wurden 1951 als Buch publiziert unter dem Titel „Widerstand und Ergebung“. Ein merkwürdiger Titel, vielleicht wäre „Widerstand und Hingabe“ treffender gewesen….
Das Buch hat weiteste internationale Beachtung gefunden. Bonhoeffer ist heute ein international geachteter Autor. Sein Freund Eberhard Bethge hat diese Briefe herausgegeben. Die Details der Biographie kann man nach lesen, etwa auch kurz und knapp in wikipedia.
3.
Dietrich Bonhoeffer ist hoch begabt, er studiert evangelische Theologie an der Berliner Universität Unter den Linden, der heutigen Humboldt Universität. Schon 1927 verfasst er, 1906 geboren, seine theologische Doktorarbeit. Seine Habilitationsschrift hat den philosophischen Titel „Akt und Sein“.
Ihn beschäftigt auch die alte ethische Frage des Tyrannenmordes, die der katholische Theologe Thomas von Aquin im Mittelalter schon formulierte und positiv beantwortete. Im konkreten Fall, bezogen auf Hitlers Mord-Regime, ist die Antwort Bonhoeffers ebenso klar: Auch Hitler sollte als Tyrann ermordet werden. Dabei formuliert Bonhoeffer durchaus seine seelische Erschütterung zum Thema.
4.
Seit 1933 nimmt er öffentlich Stellung gegen die Judenverfolgung, am 1.2.1933 hält er eine Rundfunk-Ansprache gegen den Führerkult, diese Sendung wird unterbrochen, abgeschaltet. Er schließt sich ab 1938 dem Widerstandskreis um Wilhelm Franz Canaris an. Bonhoeffer war nicht unmittelbar an den Hitlerattentaten beteiligt, er war eine Art Verbindungsmann mit internationalen Kontakten etwa auch nach Norwegen. Bonhoeffer wurde der Abwehrstelle München des Militärs zugeordnet. Und dort wegen Wehrkraftzersetzung „enttarnt“.
Er wird am 5. April 1943 in seinem Eltern – Haus in der Marienburger Allee in Belin Neu-Westend verhaftet.
Das Strafverfahren am Volksgerichtshof wurde nicht eröffnet, weil höhere Beamte dort das Verfahren gegen ihn in die Länge ziehen konnten, wie etwa der damals noch nicht verhaftete Heeresrichter Karl Sack.
Zuerst verbrachte er etliche Monate im Gefängnis Tegel; ab 8. Oktober 1944 wurde er in die Gestapo Zentrale in der Prinz Albrecht Str. gebracht. Dort schrieb er noch das viel zitierte Gebet/Lied „Von guten Mächten treu und still umgeben…“ Man achte darauf: Mitten im Zentrum der Gestapo-Macht, der tödlichen Macht, wagt es Bonhoeffer, an die guten Mächte, die göttlichen Mächte als die letztlich stärkeren zu glauben. Dieses populäre Lied ist ein Lied gegen die ungerechten, weltlichen Mächte.
Als er 1945 ins KZ Flossenbürg transportiert wurde, war evident: Dies bedeutet sein Ende. Sein britischer Mitgefangener Payne Best, den er in Buchenwald kennen gelernt hatte, notierte diese Worte Bonhoeffers:
„Sagen Sie dem befreundeten englischen Bischof Bell von Chichester, so sagte Bonhoeffer, dass dies für mich das Ende, aber auch der Anfang ist. Mit ihm glaube ich an das Prinzip unserer universellen christlichen Brüderlichkeit, die über alle nationalen Interessen hinausgeht, und dass unser Sieg sicher ist.“
Zusammen mit Canaris, Hans Oster, Karl Sack und Ludwig Gehre wurde Bonhoeffer am 8. April 1945 zum Tode durch Strang verurteilt. Der Mord geschah am Morgen des 9. April 1944 unter widerwärtigsten Bedingungen.
5.
Es gab keine Zeugen für die Hinrichtung. Die offiziellen Nazi-Mörder-Richter blieben unter sich. Es waren Otto Thorbeck und Walter Huppenkothen. Sie behaupteten, die Urteile seien korrekt nach dem damals geltenden Recht, dem Nazi-(Un) Recht, ausgesprochen worden. Aber der Skandal ist: Die Henker wurden in der sehr rechtslastigen BRD Justiz zu milden Strafen verurteilt. Huppenkothen arbeitete anschließend in einer Versicherung in Mannheim, dann in Mülheim/Ruhr und später in Köln. Der FDP Politiker Achenbach schützte und unterstütze ihn, weil er selbst, wie damals etliche in der FDP, einst Nazi war. Huppenkothen starb am 5. April 1978 in Lübeck.
6.
Zur Theologie und Philosophie Bonhoeffers: Ab Mitte 1944 wird Bonhoeffer radikaler, dies wird in „Widerstand und Ergebung“ deutlich: Diese Gefängnisbriefe haben zwei Abteilungen: Briefe an die Eltern und Briefe an seinen Freund Eberhard Bethge. Die wichtigsten theologischen Vorschläge und Erkenntnisse finden sich in den Briefen an Bethge. Bonhoeffer darf am Anfang nach unzensiert im Gefängnis schreiben. Er wird etwas besser behandelt als die übrigen Gefangenen. Er darf sich von seinen Eltern viele Bücher wünschen. Er liest Romane, historische Studien und befasst sich mit Theologie. Er liest ständig in der Bibel und versucht sie unter den neuen Bedingungen zu verstehen. Die Widerholung biblischer Texte hilft ihm, zu überleben. Er klagt kaum über die Lebensbedingungen im Gefängnis. Jedoch einmal schreibt er: „Die Welt wird mir zum Ekel. Und zur Last. Wer bin ich eigentlich, der unter diesen grässlichen Dingen hier immer wieder sich windet…Man kennt sich weniger denn je über sich selbst aus“. (WE, 91).ABER: Er tröstet eher dennoch seine Familie und seinen Freund, die „draußen“ leben müssen, sorgt sich mehr um sie als um sich selbst. Sagt aber, dass er sich Gelassenheit noch immer sich erobern muss. (WE, 104).
7.
Im Gefängnis hat Bonhoeffer Zeit, das System der ihm bestens vertrauten Theologie und der Glaubenslehre, das System der Religion mit Ritus und Dogma und Institutionen, in Frage zu stellen: Und zwar von einem Standpunkt der Lebens – Erfahrung: Im Erleben der Qualen, der Niedertracht, der Bösartigkeit des Nazi Systems. Schon 1942 schrieb Bonhoeffer an seinen Freund Eberhardt Bethge (am 25. Juni 1942): „Ich spüre, wie in mir der Widerstand gegen alles „Religiöse“ wächst. Oft bis zu einem instinktiven Abscheu, was sicher auch nicht gut ist. Ich bin keine religiöse Natur. Aber an Gott, an Christus muss ich immerfort denken, an Echtheit, an Leben, an Freiheit und Barmherzigkeit liegt mir sehr viel. Nur sind mir die religiösen Einkleidungen so unbehaglich. Verstehst Du? Das sind alles gar keine neuen Gedanken und Einsichten, aber da ich glaube, dass mir jetzt hier ein Knoten platzen sollte, lasse ich den Dingen ihren Lauf und setze mich nicht zur Wehr. In diesem Sinne verstehe ich eben auch meine jetzige Tätigkeit auf dem weltlichen Sektor.“

8.
Auf diesem spirituellen Weg kann dann Bonhoeffer 1944 Wesentliches zu seinem neuen Verhältnis zu Gott schreiben: Die weltliche Welt ist sein Ausgangspunkt. D.h.: Die Eigengesetzlichkeit, die Autonomie, muss anerkannt werden. Gott spielt da als ein Element in dieser Welt keine Rolle. Darum kann er sagen:„Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht“.
Das heißt: In der Welt kommt Gott als Objekt nicht vor.
Gott kommt in der Welt als Gegenstand nicht vor. Er ist kein Lückenbüßer.
„Wir können nicht redlich sein, ohne zu erkennen, dass wir in der Welt leben müssen – etsi deus non daretur, auch wenn es keinen Gott gäbe – Und eben dies erkennen vor Gott. Gott selbst zwingt uns zu dieser Erkenntnis. So führt unser Mündigwerden zu einer wahrhaftigeren Erkenntnis unserer Lage vor Gott…. (WE 192).

9.
Daraus ergibt sich eine neue Form der Gottesbeziehung:
„Unser Verhältnis zu Gott ist kein ,religiöses‘ zu einem denkbar höchsten, mächtigsten, besten Wesen – dies ist keine echte Transzendenz –, sondern unser Verhältnis zu Gott ist ein neues Leben im ,Dasein-für-andere’“ (Widerstand und Ergebung: DBW 8, Gütersloh 1998, 558).
Im Leben für andere, im Verpflichtetsein den anderen gegenüber: Darin sieht Bonhoeffer nicht nur eine ethische Aufgabe: Sondern im Anderen, dem Leidenden, wird ihm das Gesicht Gottes zugänglich. „Der jeweils gegebene erreichbare Nächste ist das Transzendente. Gott in Menschengestalt“ (DBW 8, 558).
Gottes „Antlitz“, möchte man mit Emmanuel Lévinas sagen, ist das des bedrohten Anderen, und ein anderes „Sein“ Gottes gibt es nicht – es wäre Produkt religiöser Phantasie und Projektion. Darum hat Bonhoeffer vom „leidenden Gott“ gesprochen, dem Gegenbild all dessen, was die „Religiösen“ von Gott erwarten. Ein im Leiden geschärfter, nicht-religiöser Glaube war es, aus dem er die künftige Theologie, Spiritualität und christliche Praxis hervorgehen sah – ein Grund, weshalb Befreiungstheologen wie Gustavo Gutiérrez oder Frei Betto ihn als einen der ihren betrachteten. (so sagt es der katholische Theologe Tiemo Peters). Über die vielfältige, auch widersprüchliche Rezeption der Theologie Bonhoeffers in der Kirche der DDR wäre zu sprechen, vor allem über Bonhoeffers Schüler, den späteren DDR Bischof Albrecht Schönherr. Er gab die missverständliche Parole aus von der „Kirche im Sozialismus“.

10.
Bonhoeffers Vision für das Christentum heute:
„Wir müssen anfechtbare Dinge sagen, wenn dadurch nur lebenswichtige Fragen aufgerührt werden. Ich fühle mich als ein moderner Theologe, der doch noch das Erbe der liberalen Theologie in sich trägt, verpflichtet, diese Fragen anzuschneiden“. (WE, 201).
KONKRET: Bonhoeffer spricht von religionslosem Christentum. D.h.: Für ihn ist Religion immer auch institutionelle Macht, die sich um ihren Selbsterhalt sorgt. Religion ist immer auch Apparat, System, Dogmen, Lehren. Das gilt für ihn nicht mehr!
Religionslos heißt dann: Es kommt auf je meinen individuellen Glauben an, mein einfacher Glaube.
Bonhoeffer schreibt: „Wie dieses religionslose Christentum aussieht, welche Gestalt es annimmt, darüber denke ich nun viel nach…“(WE, 143) „Nicht nur mythologische Begriffe, die Wunder, Himmelfahrt etc. sind problematisch, sondern die religiösen Begriffe schlechthin“. Diese Übersetzung uralter mythologischer Begriffe fällt den Kirchen bis heute sehr schwer. Sie sprechen (und singen! ) nach wie vor alte Formeln und Floskeln des Glaubens, die kein Mensch von heute mehr verstehen kann. Trotzdem tun dies die Kirchen, mit einer unglaublichen Ignoranz, als hätte es Bonhoeffer nicht gegeben.

11.
Die Aufgabe heißt für ihn darum: Nicht-religiöse Interpretation biblischer und theologischer Begriffe. Also: Verständlich für alle muss man sagen: Was bedeutet Erlösung?
Man sollte nicht Gott aufgeben, sondern den Gott der Religion aufgeben. „Vor und mit Gott leben wir ohne Gott.“ Offenbar setzt Bonhoeffer hier zwei unterschiedliche Bedeutungen von Gott an: Der Gott der Religion, den er aufgibt; und den Gott als das Geheimnis des Lebens, „vor und mit dem“ er lebt.

12.
Worauf es im letzten ankommt: BETEN UND TUN DES GERECHTEN ( WE 157). „Unser Christsein wird heute nur in zweierlei bestehen: Im Beten und im Tun des Gerechten unter den Menschen. Alles Denken, Reden und Organisieren in den Dingen des Christentums muss neugeboren werden aus diesem Beten und diesem Tun“.
Wer fragt, was ist eigentlich das Wichtigste im christlichen Glauben? Die Antwort: Es ist Beten und Tun des Gerechten. Dabei muss Bonhoeffer die Weisheit des AT loben: „Ist nicht die Gerechtigkeit und das Reich Gottes auf Erden der Mittelpunkt von allem ? (WE 144).
Noch einmal:
Beten heißt für uns heute: Reflektieren, meditieren, die eigene religiöse Poesie pflegen. Und das Gerechte (was mehr ist als das Recht!) tun!
„Gott ist mitten in unserem Leben jenseitig. Die Kirche steht nicht dort, wo das menschliche Vermögen versagt, an den Grenzen, sondern mitten im Dorf“. (WE, 142).
Es gibt also für Bonhoeffer den Gott der alten Religion, der Metaphysik, den es zu überwinden gilt. Und den wahren Gott der Mystik, das „absolute Geheimnis“.

13.
Der katholische Theologe und Bonhoeffer-Forscher Tiemo R. Peters, (+), Uni Münster, schreibt::
Einen Gott, den ,es gibt‘, gibt es nicht, Gott ist im Personbezug“ (DBW 2, München 1988, 112). In den Gefängnisbriefen wurde der Gedanke weiter zugespitzt und vertieft: „Der jeweils gegebene erreichbare Nächste ist das Transzendente. Gott in Menschengestalt“ (DBW 8, 558). Gottes „Antlitz“, möchte man mit Emmanuel Lévinas sagen, ist das Antlitz des bedrohten Anderen, und ein anderes „Sein“ Gottes gibt es nicht – es wäre Produkt religiöser Phantasie und Projektion. Darum hat Bonhoeffer vom „leidenden Gott“ gesprochen, dem Gegenbild all dessen, was die „Religiösen“ von Gott erwarten. Ein im Leiden geschärfter, nicht-religiöser Glaube war es, aus dem er die künftige Theologie, Spiritualität und christliche Praxis hervorgehen sah – ein Grund, weshalb Befreiungstheologen wie Gustavo Gutiérrez oder Frei Betto ihn als einen der ihren betrachteten“. Über die Inspiration, die Bonhoeffer für einige Befreiungstheologen hat: Siehe das Buch von Paul Gerhard Schoenborn, „Studien zu Dietrich Bonhoeffer“, Münster 2012.

14.
„Religionslose Christen“: Mit dieser These nähert sich Bonhoeffer einem Gedanken des jüdischen Philosophen Franz Rosenzweig an: „Die Sonderstellung von Judentum und Christentum besteht gerade darin, dass sie, sogar wenn sie Religion geworden sind, in sich selber die Antriebe finden, sich von dieser Religionshaftigkeit zu befreien und (…) wieder in das offene Feld der Wirklichkeit zurückzufinden“ (Rosenzweig: Das neue Denken, Gesammelte Schriften III, Den Haag 1984, 154)

15.
Der TEXT Bonhoeffers „Rechenschaft an der Wende zum Jahr 1943“ (also noch VOR der Verhaftung am 5.4.1943) ist online GRATIS zu lesen: https://sumsinagro.de/nach_zehn_jahren

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Aktualisiert am 8. März 2025 durch CM

Kardinal Woelki, Köln: Wie reaktionär ist seine Theologie?

Ein Hinweis von Christian Modehn: Über den Führer der konservativen Bischöfe in Deutschland

Leider muss sich Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie immer wieder mit institutionellen Machtkämpfen innerhalb der römisch-katholischen Kirche befassen. Wir würden gern sehr viel wichtigere Themen der Menschen in dieser zerrissenen Welt diskutieren…. Aber: „Die Herren dieser Kirche drehen allmählich wirklich wieder einmal durch“, sagt mein amerikanischer Freund treffend, in ihrem Wahn, die rechte und einzig wahre Interpretation der Lehre des armen Jesus von Nazareth in ihrem Sinne durchzuboxen. Stichwort: „Synodaler Prozess in Deutschland“. Und diese Herren rauben dabei die Lebenszeit vielen Menschen, vor allem den noch vorhandenen Katholiken in Europa. Indem sie diese Leute dazu zwingen, sich mit der klerikalen Ideologie zu befassen. Als gäbe es nicht sehr viel dringendere Themen als etwa dieses total ausdiskutierte Thema des priesterlichen Pflichtzölibats. Von der so gen. „Homo – Ehe“ ganz zu schweigen, eigentlich ja auch relevant für die vielen homosexuellen Priester und ihre Freunde… Aber die Katholiken brauchen eben ihre eigene Ablenkung vom Wesentlichen, sie brauchen ihren Masochismus. Vielleicht sogar ihre erwünschte Ablenkung von Gott und dem armen Jesus von Nazareth und seiner Botschaft…indem man übereifrig und erhitzt von der Kirche redet und nichts anderes mehr kennt. Was für eine Schande!

Einige LeserInnen dieser website haben mich einmal mehr nach Kardinal Rainer Maria Woelki in Köln gefragt: Welche Theologie er denn so vertritt, wollten sie wissen. Dieser Führer der sehr Konservativen…
Ich kann dabei nur, aber doch erhellend gültig, auf einige ältere, grundlegende Texte verweisen, vor allem auf Woelkis Doktorarbeit an der Opus Dei Universität in Rom mit dem hübschen, ultra allgemeinen Titel „Die Pfarrei“. Ich habe damals darauf hingewiesen, dass man nicht Opus Dei Mitglied sein muss, um wie diese Geheimorganisation zu denken, wie im Falle Woelkis. Was vielleicht, wer weiß, so stimmen mag. Mitglied ist Woelki laut eigener Behauptung nicht, aber… Einer seiner Weihbischöfe (Ansgar Puff) stammt aus dem ebenso reaktionären Club der Neokatechumenalen…

Diese Texte können also für Interessierte zum Thema Rainer Maria Woelki, Kardinal zu Köln, wichtig sein; zu Woelki, der nebenbei, wie sei Vorgänger Meisner mindestens 11.500 Euro monatlich verdient.

Über die Ökumene mit Kardinal Woelki

Mit Woelki ins Getto:

Zu Woelkis theologischer Doktorarbeit an der Opus Dei-Universität in Rom, mit besonderer Berücksichtgung der totalen Ignoranz Woelkis für den großen modernen Theologen Karl Rahner.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Die Ehre – das veräußerliche Leben. Das Gegenteil von Würde.

Ein Hinweis von Christian Modehn

Warum soll man sich mit dem Begriff und der Wirklichkeit der EHRE und der EHR-ERBIETUNG befassen? Wenn Ehre und Ehr-Erbietung zum Mittelpunkt des Lebens werden, wird das Leben selbst völlig veräußerlicht, oberflächlich, unpersönlich. Nicht alle wollen so leben. Deswegen sollten wir uns mit der Ehre und der Ehrerbietung befassen. Etwas anderes ist hingegen die Ehrfurcht.

1. Würde ist mehr als Ehre
Dem Begriff der Würde eines jeden Menschen steht scheinbar der Begriff der Ehre und des Ehrgefühls nahe. Aber nur scheinbar!
Denn Würde ist eine innere Dimension der menschlichen geistigen personalen Existenz. Sie ist eine (meine, deine, unsere) Dimension, die letztlich von keinem anderen Menschen zerstört werden kann. Denn bekanntermaßen können noch unter unmenschlichen, unwürdigen Bedingungen die Opfer ihre innere Würde bewahren und sich so inmitten der Unmenschlichkeit wenigstens seelisch, menschlich retten. Was nicht bedeutet, nicht gegen unmenschliche Zustände aufzustehen und zu rebellieren!

2. Nur der einzelne selbst kann seine innere Würde verlieren.
Die eigene unantastbare Würde kann nur vom einzelnen selbst in seinem eigenen würdelosen Verhalten zu einem gewissen Verschwinden gebracht werden. Ob die „innere Würde“ eines Menschen jemals von ihm ganz zu „töten“ ist, bleibt die Frage. Die KZ-Mörder, ein klassisches Beispiel, wurden im Nazi-System geehrt. Sie haben aber als Menschen, die sie ja waren, fast ganz ihre innere Würde – durch eigene Tat – verloren. Und diese Würde ist vor allem eine „innere“ Realität, im Geist, in der Seele, im Gewissen zu spüren. Vielleicht kann eine gewisse Fürsorge der KZ Mörder noch für die eigenen Kinder als ein kleiner Restbestand von eigener Menschenwürde deuten. Das würde meiner These entsprechen, dass kein Mensch seine Würde total verlieren kann. Dies ist auch ein Argument gegen die Todesstrafe: Man hofft immer noch auf eine gewisse Resozialisierung selbst de Mörders…

3. Veräußerlichtes Gefühl, „geehrt zu werden“
Ehre und Ehrgefühl des einzelnen sind äußerliche Zuschreibungen anderer. Die Literatur des 20. Jahrhunderts ist voller Darstellungen dieser „Ehren-Problematik“ bzw. Sucht, als ehrenwerter Mensch angesehen zu werden. Man denken nur an Hermann Broch und vor allem an den ersten Teil seiner „Schlafwandler-Trilogie“.
Das ist typisch: In einer hierarchisch verfassten Gesellschaft bzw. einem hierarchisch geprägten Staat (und diese gibt es immer) werden bestimmte „hohe“ Amtsträger wie automatisch von anderen als „ehrwürdig“ betrachtet und angesprochen. Zum Beispiel: So müssen wohl oder übel die demokratischen Politiker bei Staatsbesuchen etwa bei Mister Trump oder Mister Orban oder bei afrikanischen bzw. arabischen Despoten gewisse „ehrerbietige“ Höflichkeitsregeln befolgen, obwohl die genannten Herren diese Ehre eigentlich nicht verdienen. Aber die Diplomatie schreibt Verlogenheit vor. Aber die Überzeugung, dass es sich bei den Genannten (Trump usw.) um würdelose Wesen handelt, ist doch sehr zurecht angesichts von deren Taten und Worten sehr weit verbreitet. Hinterlässt aber bei der demokratischen kritischen Bevölkerung immer noch Hilflosigkeit. Diktatoren lieben das Ostentative, die Monumentalität etwa in ihren Bauvorhaben. Dieses sollen die Ehre, das Prestige erhöhen. So nimmt etwa Erdogans Palast das Vierfache des Schlosses von Versailles ein und das Fünfzigfache des Weißen hauses in Washington. Bezogen auf Erdogan, Türkei, schreibt der Philosoph Marcel Hénaff: „In vielerlei Hinsicht konnte man diese Art Pathologie (des Monumentalen-Wahns) bereits im Monumentalismus bei den Nationalsozialisten, Faschisten und Stalinisten beobachten“ (Lettre International, Frühjahr 2018, S. 77).

4. Respekt und Achtung
Achtung gebührt dem (gerechten) Gesetz, wie Kant treffend bemerkte. Und wenn man eine „Amtsperson“ achtet, dann nur wegen des (gerechten) Gesetzes, „wovon jene Person uns das Beispiel gibt“ (Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten).
Respekt bezieht sich auf den Umgang mit anderen Menschen. Dieser Respekt gilt prinzipiell jedem Menschen, darin drückt sich die Anerkennung der Würde, des „Wertvollen im Menschen“, aus; diese Würde ist etwas Unantastbares, einem jeden Menschen „Innerliches“.

5. Der gute Ruf und die bürgerliche Moral
Wer hingegen geehrt werden will, ist bedacht auf seinen (angeblichen) guten Ruf. Er will nach außen hin, bei anderen, „etwas“ gelten, als etwas Besonderes erscheinen. „Mehr Schein als Sein“ ist das unzerstörbare Lebensprinzip dieser „Ehrenvollen“. Man freut sich etwa über Auszeichnungen. Die können im Falle für sportliche oder für künstlerische Leistungen sinnvoll sein; selbst wenn diese Auszeichnungen oft eher durch zufällige (auch parteipolitische) Konstellationen oder „connetions“ zustande kommen. Sehr oft wird bei einer Ehrung nicht die Person als solche hervorgehoben oder gar als Vorbild gepriesen. In der Ehrung wird das von der Person immer noch verschiedene künstlerische, literarische „Werk“, die „Leistung“, geehrt. Ist die Leistung etwa durch Doping betrügerisch erschlichen worden, wird auch die Person eher höchst kritisch betrachtet. Und von der Masse der Enttäuschten geächtet.
Diese Ehrungen in der Kultur, vor allem in der Politik sind oft sehr problematisch, weil übereilt: Man denke an angebliche „Friedenspolitiker“ wie Obama, er erhielt 2009 den Friedensnobelpreis. Man denke auch daran, welche merkwüridgen Gestalten etwa auf die „Ehre der Altäre“ als Heiliggesprochene und ehrenvolle Vorbilder erhoben wurden: Etwa der Scharlatan und Volksheilige Pater Pio in Italien oder der reaktionäre Papst Pius IX. oder der Gründer des katholischen Geheimclubs „Opus Dei“, Pater Escriva y Balaguer… Zu diesen so ehrenvollen Herren sollen also die frommen Katholiken um himmlischen Beistand bitten!

6. Der gute Ruf als Ehre in der Familie
Spielt die Ehre noch im alltäglichen Familienleben eine Rolle? Vielleicht ist das Insistieren auf der Bedeutung der Ehre für die Familie in nicht-muslimisch geprägten Familien West-Europas nicht mehr so groß wie noch vor 60 Jahren: Als etwa die braven, (klein)bürgerlichen Eltern den Kindern extravagante Kleidung oder Rock-Musik oder Formen der sexuellen Freiheit verboten hatten mit dem Argument: Wer das tut, schädigt den guten Ruf, die Ehre der Familie. Wie oft hörte man das Argument: „Was sollen denn dann die Nachbarn denken?“
Die Ehre wird selbst noch in Deutschland heute verteidigt, man denke daran, dass es christlich geprägte Familien für eine Schande halten, wenn der Sohn oder die Tochter sich öffentlich als homosexuell outen.
In muslimisch geprägten Kulturen spielt die Bewahrung der Ehre (also das äußerlich korrekte Verhalten nach den Geboten der Traditionen) eine sehr große Rolle, aber das ist ein eigenes Thema. Ein Stichwort wären: Ehrenmorde. Oder die „arrangierten Ehen“, die die Würde der Mädchen und Frauen verletzen. Ehre zeigt sich hier besonders als Ausdruck einer grausamen „Macho-Religion“.

7. Die Ehre als Mittelpunkt
Die Ehre war vor allem im 18. und 19. Jahrhundert in Europa eines der „höchsten Güter“. Es war eine Art „symbolisches Kapital“, wie es in der „Geschichte des privaten Lebens“ (Band IV, S. 270) heißt. Je mehr Ehre einem Menschen, einer Familie oder einer Firma zugesprochen wurde, um so bedeutender und erfolgreicher konnte man gelten und leben. Aber dieses Kapital der Ehre war stetst gefährdet, durch üble Nachrede konnte es zerstört werden. Davon handelten die ständigen, heftigen Streitereien der Menschen, etwa schon in Paris des 18. Jahrhunderts. Da gab es die staatlich angestellten „commissaires“, an die sich die Beleidigten wenden konnten, um die verlorene Ehre rechtlich wiederherzustellen.
Man wollte ja schließlich wieder „angesehen“ zur „Gesellschaft“ gehören.

8. Das Duell
Auf die lange Jahrzehnte dauernde, beinahe übliche Praxis des Duells kann hier nur hingewiesen werden, erst nach 1918 wurde das Duell verboten, 1970 gab es noch ein Duell in Uruguay.
Man bedenke aber, dass in dem allgemein bis zum 2. Vatikanischen Konzil verbindlichen „Handbuch der katholischen Moraltheologie“ von Heribert Jone (Paderborn 1953), das Duell noch als erlaubt galt, wenn denn dadurch das Gemeinwohl geschützt werden kann. So in § 216, S. 180 in diesem Buch, das den ganzen Klerus bis ca. 1965 prägte. Hingegen wird das nur aus privaten Gründen praktizierte Duell als schwere Sünde bezeichnet: Wobei unklar bleibt, ob nicht auch das private Duell irgendwie dem Allgemeinwohl dienen kann. Man denke etwa an den Wahn, mit dem sich die katholischen Feinde des (jüdischen) Hauptmanns Alfred Dreyfus ins Duell stürzten, in der Überzeugung, dadurch der Nation Frankreich zu dienen und den Juden Dreyfus zu bekämpfen….Nebenbei: Für diese Moraltheologie von Heribert Jone ist hingegen, so wörtlich, „ein Kampf mit Stöcken und Ruten noch kein Duell“, also erlaubt (S. 180 in Jone). Diese kirchliche Duldsamkeit fürs Schlagen mit Stöcken wurde gelegentlich in kirchlichen und staatlichen „Elite“-Schulen und Internaten angewendet. Schlagen war ja offiziell kirhlich nicht verboten. Man sieht hier die ideologische Abhängigkeit kirchlicher Moralvorstellungen von der herrschenden, aber verblendeten Moral. Der Theologie fiel es immer sehr schwer, selbstkritisch diese ideologischen Bindungen überhaupt zu erkennen. Man hielt das Gesagte oft genug für „Gottes-Wort“.

9. Das 8. Gebot
Die Ehrerbietung, also die Praxis der Ehrenbezeugung, spielt in den Religionen immer noch eine große Rolle.
Dass im 8. Gebot, von Gott an Moses angeblich übergeben, auch die Ehre von Vater und Mutter eine zentrale Rolle spielt, sollte weiter untersucht werden. Wenn man den häufigen Umgang heutiger Söhne und Töchter mit den alten Eltern betrachtet, meint man, in einer gottlosen Zeit zu leben..

10. Der Kult der Ehrerbietungen:
Der Dalai Lama wird auch hierzulande mit „Seine Heiligkeit“ angesprochen. Der Papst wird selbst in weltlichen Medien „Heiliger Vater“ genannt. Wer wagt es schon, etwa im Interview Papst Franziskus einfach und normal mit „Herr Bergoglio“ anzusprechen. Ehrerbietung und Achtung vor dem Amt spielen da fast zwanghaft zusammen. Katholische Pfarrer hießen und heißen in manchen Gegenden immer noch „Hochwürden“, Nonnen werden „ehrwürdige Schwestern“ genannt. Wer sich mit den Katholikentagen der neunzehnhundertfünfziger Jahre befasst, etwa mit dem Berliner Katholikentag 1958, wird immer wieder auf die Anrede „Seine Durchlaucht“ stoßen als Anrede für den obersten katholischen Laien damals, einen gewissen Karl Fürst zu Löwenstein. Ich habe als Kind damals so oft das Wort „Durchlaucht“ gehört und dachte, es handle sich dabei um ein Schiffbrüchigen oder vom Hochwasser Durchspülten
Die Ehre, die für die Frommen einzig dem transzendenten Gott selbst zukommen sollte, wurde und wird also pervertiert angewandt auf Menschen. Nebenbei: Welcher klerikale Hochwürden hat schon einmal einen Armen, der sich durchs Leben recht und schlecht kämpfen muss, wegen seines ungebrochenen Lebenswillens „Hochwürden“ genannt. Der Arme und die Bettlerin hätten diesen Titel verdient.

11. Jesus – der Mensch ohne Ehre
Es kann hier nur daran erinnert werden, dass die Gestalt des Propheten Jesus von Nazareth von den Herrschenden als ehrlose, störende Gestalt gewertet wurde. Aber dieses Lebensmodell Jesu war gerade seine Würde. Sein Tod und die Form seiner Hinrichtung sind das Ehrloseste, das in der damaligen Gesellschaft gab. Christen verehren also zunächst einmal den „Ehrlosen“, der sich dann aber in der Überzeugung der Gemeinde als der Würdevollste, überhaupt zeigte: In dem Selbstbewusstsein der Gemeinde wuchs die Überzeugung: Gerade dieser Mensch Jesus birgt förmlich Göttliches in sich, also Ewiges, das den Tod überdauert. Und dieses Ewige, so wuchs die Überzeugung, gilt für alle Menschen. (Als dringende Buchempflehlung: “Der schwierige Jesus“ von Gottfried Bachl, Tyrolia Verlag 1996. Bachl war Theologieprof. (Dieses Buch, nur 100 Seiten, ist antiquarisch noch vorhanden. Besonders die Kapitel „Der nackte Jesus“ und „Der hässliche Jesus“ geben zu denken.)

12. Ehrfurcht und Gehorsam geloben
Der Kult um die Ehre und damit die Ehrerbietung der Hierarchen ist ungebrochen im römischen Katholizismus. Das sei allen gesagt, die irgendwie von einem fortschrittlichen, d.h. vernünftig-human gewordenen Katholizismus träumen. Bestes Beispiel, das die seelische Prägung der Priester insgesamt betrifft: Die jungen Männer, die sich im Dom vom Bischof zu Priestern weihen lassen, legen sich als Zeichen der Unterwerfung ganz flach auf den steinernen Boden. Sie sollen förmlich als Nichts, als Untertane, als Staub gelten.
Dann versprechen diese neu geweihten Prister auch dem Bischof, als ihrem Vorgesetzten, ausdrücklich „Ehrfurcht und Gehorsam“: Die Priester, alle Priester des römischen Systems, sollen ihrem Chef, voller Ehrfurcht und voller Gehorsam begegnen. Ob sie das dann de facto auch tun, ist eine andere Frage. Aber: Ehrfurcht, Zuweisung von Ehre und auch Angst vor der Amtsperson gehören zentral ins innere Gefüge der römischen Kirche.
Sicher kennen auch andere große hierarchische Organisationen solchen Zwang zur Ehrerbietung gegenüber dem Chef. Die Untertanen gehen dabei selbst seelisch sozusagen vor die Hunde, weil sie buckeln müssen und ergeben erscheinen müssen. Auch die Mafia kennt solche Bindungen durch Ehrerbietung und Gehorsam. Und sie erzeugt dabei ein tödliches System.

13. EHRFURCHT vor dem Leben
Wie der Begriff schon andeutet, ist in der Haltung der Ehr-Furcht auch die Haltung der FURCHT enthalten. Ob Furcht in Angst übergeht, ist eine andere Frage: Angst vor der zu ehrenden Person, das gibt es ständig: Einer „hohen“ Person soll also dem Begriffe nach voller Furcht begegnet werden, weil sie Macht hat. Man soll förmlich erschaudern vor dieser „Amtsperson“.
Da muss aber wieder die bleibende Einsicht Kants ins Spiel kommen: Nicht die Person wird ehr-fürchtig verehrt, sondern das (gerechte) Gesetz, das sie repräsentiert.
Ehrfurcht gegenüber Menschen sollte es also eigentlich nicht geben. Kant sagte ja in seinem berühmten so viel zitierten Satz: „Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und EHRFURCHT: Der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir (also der kategorische Imperativ).“
Albert Schweitzer sprach von der „Ehrfurcht VOR DEM LEBEN“, also vor der Natur als der geschenkten Schöpfung sollen wir uns ehrfürchtig, also nicht herrschsüchtig, nicht destruktiv, verhalten. Ein Beispiel für unsere Welt ohne Ehrfurcht: Das verbrecherische Abholzen etwa der Amazonas Wälder durch den rechtsextremen Präsidenten Bolsonaro in Brasilien, von evangelikalen Kirchen dort heftig unterstützt, widerspricht total der Ehrfurcht vor dem Leben. Dieser von den Einwohnern gewählte Präsident – „Diktator“ ist schon fast würdelos: Er will wie ein Rassist das Leben der indigenen Völker am Amazonas offenbar vernichten und einzig aus ideologischer Verblendung und Frauenfeindlichkeit das „ungeborene Leben“ schützen…Das schon lebende personale Leben ist diesem Rechtsextremen und seinen frommen Anhängern egal. Und die Bewahrung der Natur, „Schöpfung“ eigentlich in seiner religiösen Ideologie, sowieso, solange sie Geld bringt und die reichen Nationen durch das verbrecherische Abholzen der Wälder mit Soja und Rindfleisch versorgt.
Das Motto dieser evangelikal frommen Leute und Diktatoren ist: „Nach uns die Sintflut“. Oder „Sünd-Flut“, als Flut unserer Sünden ? …
Warum ist die demokratische Welt nicht in der Lage, einen solchen Politiker in dauer-hafte Pension zu schicken?

14.
Ehre und Würde sind doch gelegentlich verbunden
Tzvetan Todorov schreibt in „L Honneur“ (Paris 1991, S. 221 ff.) über den Aufstand im Warschauer Getto 1943 und der Stadt Warschau 1944: Immer wieder betonen dort die Widerstandskämpfer, sie wollten in Ehre sterben. Ehre heißt: Kämpfen bis zum Ende. Sich nicht wie geduldige Schafe töten lassen“. Selbst an den Häuserwänden im Getto stand: „Sterben in Ehre, ehrenvoll sterben“. Ehre hieß: Das Aussichtslose tun.
Ehre erscheint als einziger Wert in dieser Situation:
Ehre ist hier auch bezogen auf die Wahrnehmung anderer: Sie sollten, wenigstens später, nach dem Grauen, sehen, dass Juden sich wehrten.
Aber hier ist dieser „Ehr- Begriff“ auch stark verbunden mit der Würde: Diese Widerstandskämpfer wollten in ihrem Tun ihre menschliche Würde bewahren. .

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Aktualisiert am 26. November 2023 durch CM

Richtig falsch. Philosophische Impulse für ein richtiges, ein humanes Leben

Hinweise zu einem neuen Buch von Michael Hirsch.
Von Christian Modehn

1.
Das oft zitierte und weit verbreitete Buch von Theodor W. Adorno „Minima Moralia“ (verfasst 1944) hat den Untertitel „Reflexionen aus dem beschädigten Leben“. Der Untertitel legt nahe zu denken, also aus einem „bloß“ „beschädigten“ Leben und nicht aus einem total zerstörten und hoffnungslos korrupten Leben. Das gilt vor allem wohl, wenn man den besonders häufig nachgesprochenen Satz aus „Minima Moralia“ hört: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ ( S. 43, in: Gesammelte Schriften, Suhrkamp). Kann also in einem insgesamt falschen Leben, etwa in einem falschen System, auch mein und unser Leben insgesamt nur falsch sein? Wahres humanes Leben ist dann offenbar unmöglich.

2.
Gegen diese eher defätistische Interpretation des Adorno – „Spruches“ wendet sich in seinem neuen Buch „Richtig falsch“ der Philosoph und Politikwissenschaftler Michael Hirsch: Er hat ein überaus anregendes philosophisches Buch ganz eigener Art verfasst: 123 kurze Essays oder „längere Aphorismen“ lassen sich von diesem Satz Adornos inspirieren, sie umkreisen ihn förmlich und kritisieren und korrigieren ihn. Und diese Leistung finde ich sehr hilfreich! Denn Michael Hirsch weitet das Denken insgesamt. Für mich sind manche Beiträge philosophische Meditationen, Texte zum Innehalten. Zu einer neuen Form des Umgangs mit philosophischen Erkenntnissen wird man förmlich aufgefordert.

3.
Das Buch, so wird vom Autor betont, wendet sich an „linke Intellektuelle“. Auf diese Gruppe bezieht er sich kritisch, auch mit neuen Vorschlägen. Zum Trost für die sich nicht als „Intellektuelle“ verstehenden LeserInnen: Man sollte den Begriff „Intellektuelle“ sicher nicht zu eng verstehen und bedenken: Jeder Mensch, der selbstkritisch umfassend reflektiert, ist in gewisser Hinsicht ein Intellektueller. Insofern sind Intellektuelle jene, die unter den widerwärtigen Verhältnissen der Gesellschaft, Rassismus, Ausgrenzung, Ungleichheit etc. leiden und doch noch reflektierend in der Praxis Auswege suchen. Die Grundüberzeugung ist: Es darf jedenfalls nicht so weiter gehen wie bisher. „Es reicht“ (26).

4.
Bei allem differenzierten Wohlwollen für Adorno wird der „berühmte Adorno – Spruch“ kritisch betrachtet. Der Autor meint explizit, Adorno sei dabei im Irrtum: „Der Einzelne kann nicht nicht nach einem guten Leben suchen – unter welch schlechten und falschen Bedingungen auch immer“ (38, auch 34). Auf Seite 165 spricht er von Adornos Obsession, überall nach Falschem und nach Schuldzusammenhängen zu suchen…Und das sei sein Fehler…“Wir müssen die kleinen Spuren des Richtigen festhalten und genießen“ (165). Andererseits hat der Spruch doch noch die Möglichkeit eines dialektischen Sprungs: „Dort, wo das Ganze, wie Adorno sagt, als das Unwahre erscheint, dort schlägt Erkenntnis in die Möglichkeit messianischer Rettung um“ (141). Diese „messianische Rettung“ ist eine „Grundmelodie“ im Buch von Hirsch.
Der Autor bietet Hinweise dafür, dass die als falsch erlebte Gesellschaft gerettet werden könnte: Wenn die Menschen wieder imstande wären, auch zu „empfangen“ (sic!) und nicht nur zu „machen“. Diese Haltung wäre die „Außerkraftsetzung der Herrschaft, der Hierarchien der bestehenden Ordnung. Darin konvergieren emphatisches philosophisches Denken und Religion“,
Die große Veränderung, der wahre Fortschritt (!) der Gesellschaft „hängt nicht nur von uns ab, steht nicht ganz in unserer Macht.“ (S. 141) Wir stehen vielmehr im Zusammenhang „eines göttlichen Elements der Rettung“ (ebd.) Die religionsphilosophischen Thesen beziehen sich auf ein sozusagen konfessionsfrei formuliertes „Göttliches“!

5.
Ich finde es jedenfalls erstaunlich, mit welcher Intensität der Autor in diesen doch knappen Kapiteln Themen religiöser Traditionen aktualisiert, vor allem auch im III. Kapitel: Dort wird im Gedenken an Kafka auch vom Gebet gesprochen. Wobei Michael Hirsch von der im Gebet geschehenden „Magie des Rufens und Herbeirufens“ (des Göttlichen) spricht, und dann betont: „Das Heil oder das Heile muss nicht neu erfunden oder erschaffen werden, sondern es ist immer schon da, es liegt irgendwo verborgen…Unsere Aufgabe ist es, diese Herrlichkeit des Lebens zu suchen, immer wieder und immer von neuem“ (71f.) Allerdings finde ich Hirschs Qualifizierung des Betens als „Magie“ unzutreffend. Wenn man philosophisch Gebet als „göttliche“ Poesie versteht, ist sie eine freie Leistung des Menschen, der seine ihm gegebene (!) schöpferische geistige Kraft lebendig werden lässt. Dann ist Gebet keine Magie mehr. Man staunt eher über die gegebenen (!), also geschaffenen geistigen Möglichkeiten…

6.
Das Buch bietet viele weitere, der Form des Buches entsprechend knapp formulierte Anregungen, Impulse, die zu denken „GEBEN“. Nur noch ein Beispiel: Zum Umgang mit der Arbeit: Diese wird heute als Zwang zur Selbstvermarktung erlebt und entsprechend erlitten. Gemeint ist das unternehmerische Selbst. „Handle unternehmerisch, heißt der Imperativ“. Damit wird umfassende Selbstverwirklichung, Muße, Zeithaben, politisch Aktivsein usw .fast ausgeschlossen. Das ist „Kapitalismus pur“.

7.
Interessant ist, dass Hirsch Denkmotive Heideggers aufgreift, etwa wenn von der „Fülle des Seins“ die Rede ist, in der „uns alles zufällt“ (167), als Gabe. Hirsch spricht wie Heidegger vom „Geheimnis einer Existenz, die als Öffnung, als Da des Seins erscheint“ (158). Auch wenn man den Heidegger der „Schwarzen Hefte“ ablehnt: Die Aussagen Heideggers aus „Sein und Zeit“ haben eine Gültigkeit.
Das von Hirsch präsentierte Denken und denkende Leben setzt sich ab von einer passiven, zuwartenden Existenzform. Sondern tritt ein für das politische Handeln. Ideen haben für Hirsch entschieden „Gebrauchswerte“ (171). „Denken hat eine verändernde Kraft“ (174). Und die Veränderung gilt der Beförderung der Menschenwürde für alle und der Überwindung einer neoliberalen Welt der Herrschaft der Privilegierten und der so genannten Eliten.
Wichtig ist: Wir haben „das Begehren“ in uns, jene unstillbare geistige Leidenschaft, für eine wahre, humane Welt. Bei einer noch so klugen bloß theoretischen Analyse des Elends darf es also nicht bleiben. Das Elend des Ichs, der Gesellschaft, der Welt ist kein Schicksal. Noch einmal: Denn wir leben immer schon inmitten der Utopie des wahren Lebens: Sie spendet das Licht der Erkenntnis. „Diese Utopie lehrt uns, dass wir noch unendlich weit entfernt sind von unseren wahren Möglichkeiten. Das ist die Wahrheit, von der wir ausgehen“ (167).

8. Ich würde mir wünschen, dass bald ein weiteres Buch von Michael Hirsch folgt, in dem seine angedeuteten religionsphilosophischen Hinweise vertieft werden. Und in dem auch die aktuellen Fragen der Natur, der Ökologie, des Klimas und die vielleicht noch mögliche Rettung der Welt einbezogen werden … sowie die Gleichheit aller Menschen, auch der Flüchtlinge (in Deutschland und weltweit).

Michael Hirsch, „Richtig falsch“. „Es gibt ein richtiges Leben im Falschen“. TEXTEM Verlag, Hamburg, 2019, 192 Seiten. 16 Euro.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Die Würde des Menschen. Thesen im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin am 30.8.2019

Von Christian Modehn
Diese Thesen sind Einladungen zum Weiterdenken und Diskutieren.

1. Das ist evident: Wir sind Teil einer Welt, in der die Würde des Menschen ständig verletzt wird. Viele fühlen sich hilflos und total frustriert in dieser Welt. Dass das würdelose Leben früher auch so war, etwa in der Sklaverei, dem Kolonialismus, der totalen Unterdrückung der Frauen und Homosexuellen, ist keine Entschuldigung dafür, dass die Würdelosigkeit heute auch in der angeblich „aufgeklärten“ und so reichen westlichen Welt noch besteht. Und vor allem in vielen Ländern außerhalb Europas sowieso.

2. Um nur an gewählte, so genannte demokratische Politiker zu denken: Trump oder Bolsonaro: Politiker, die ihre eigene menschliche Würde als Politiker preisgeben. Sie sind offenbar auf diese ihre allgemein wahrgenommene Würdelosigkeit noch stolz. Weitere Politiker könnten genannt werden.

3. Wir erleben AFD Politiker nicht nur im Wahlkampf, die ohne jeden Respekt demokratische Politiker und deren Leistungen in den Dreck ziehen. Und viele AFD Fans jubeln über so viel Verhetzung.

4. Dies führt zu zwei zentralen Fragen: Was ist Menschenwürde? Und: in welcher Weise können Menschen ihre Menschenwürde verlieren? Im reflektierten Erleben der Würdelosigkeit (anderer) „blitzt“ die Idee der Würde des Menschen inhaltlich – konkret (etwas) auf. In dieser Kontrast – Erfahrung des Nicht-Vorhandenen (der Würde) zeigt sich implizit das „Anwesende“, es zeigt sich als Utopie, als Ziel, als Ideal: das Gesuchte, die Menschenwürde.

5. Was ist Menschenwürde? Da werden wir als Philosophierende uns selbstverständlich an die grundlegenden Erkenntnisse von Immanuel Kant halten. Nur kurz gesagt: Für Kant ist Menschenwürde etwas Gegebenes, allerdings nicht sinnlich Greifbares: Denn die Würde des Menschen und aller Menschen ist deren Vernunft und damit deren Freiheit. Im Vollzug der Vernunft entdeckt der Mensch in sich das moralische (universale) Gesetz: den Kategorischen Imperativ. In der Entdeckung der Vernunft durch den Menschen wird also deutlich, dass er „etwas Heiliges“ in sich hat. Etwas, das den Menschen zum „Selbstzweck“ macht. Der Mensch hat niemals einen Preis. Niemand ist austauschbar wie ein Gegenstand.
Noch einmal: Diese in mir zu entdeckte „Gegebenheit“ der moralischen Selbstgesetzgebung und Freiheit macht meine Würde aus, und es ist niemals nur „meine“ Würde. Diese Würde teile ich sozusagen mit der Würde der ganzen Menschheit, und diese Menschheit lebt in allen Individuen. Wenn Individuen also im Sinne Kant würdevoll sind und Respekt verdienen, dann: Weil sie Teil der an sich würdevollen Menschheit sind.

6. Diese Erkenntnisse Kants in dieser formalen universalen Allgemeinheit sind auch inspirierend für die Autoren des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland gewesen. Sie hatten (obwohl vielfach Nazi-Mitläufer) die Gräuel der Nazi-Herrschaft vor Augen: Da sahen sie, und sie erlebten es ja auch auf die eine oder andere Weise: Die Menschenwürde kann sehr stark der Vernichtung ausgesetzt sein, wenn auch nicht auf Dauer definitiv ausgelöscht werden: Etwa in den KZs und in der Juden-, Sinti-Roma-Auslöschung, der Verfolgung und Ermordung der Homosexuellen und der Euthanasie Morde durch die Nazis als großem Teil des deutschen Volkes.
Tatsache ist: Die Menschenwürde als in jedem Menschen prinzipiell gegebene Struktur des Geistes kann nie total ausgelöscht werden, aber sie ist prinzipiell auch sehr bedroht, etwa auch in der „Gehirnwäsche“….

7. Das Grundgesetz sagt allgemein formuliert: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Also: Diese Würde ist unantastbar für andere wie für den einzelnen Menschen selbst. Was heißt UNANTASTBAR: Der andere Mensch darf den unantastbaren anderen nicht manipulieren, nicht total instrumentalisieren (denn begrenzte und rechtlich kontrollierte Instrumentalisierung gibt es ständig: Beruflich lassen wir uns partiell z.B. notgedrungen „instrumentalisieren“…). Ausgeschlossen ist totale Instrumentalisierung, die den anderen zum Objekt macht; es darf keine Gehirnwäsche geben, keine Übergriffigkeit.

8. Kann der einzelne durch sich selbst, durch sein Tun, seine Würde korrumpieren, wenn nicht fast ausschalten? Ich meine, das passiert. Der einzelne kann zu einem würdelosen „Subjekt“ werden. Restbestände der Würde als geistige Freiheit und etwas Autonomie gibt es aber immer, man denke an die KZ Mörder, die doch noch so taten als wären sie liebevolle Väter. Aber dieser Restbestand an Würde hatte keine Wirkung der umfassenden Humanität mehr!

9. Der demokratische Rechtsstaat glaubt an Restbestände der Würde auch bei Schwerverbrechern, deswegen gibt es in einem Rechtsstaat keine Todesstrafe. Deswegen auch die Anstrengung und Hoffnung, dass eine „Resozialisierung“ im Knast möglich sein könnte.

10. Es gibt eine andere traditionsreichere Begründung der Menschenwürde in der biblischen Tradition.
Sie lehrt: Der Mensch ist ein Abbild, ein Ebenbild, Gottes selbst. „Gott schuf den Menschen als sein Ebenbild“, heißt es im Buch Genesis, Kapitel 1, Vers 27. Dieser Text stammt von Autoren, die um 600 lehrten und schrieben. Man nennt diesen Text die „Priesterschrift“. Ebenbild heißt: Der Mensch ist in gewisser Weise so „heilig“ wie Gott heilig ist. Eine detaillierte Beschreibung des „Gesichtes“ Gottes ist natürlich nicht gemeint.
Diesem Text schließt sich gleich an im Buch Genesis, also dem 1. Buch Moses, die viel ältere Schöpfungslehre, die 3000 Jahre alt sein soll, die so genannte Jahwistische Schöpfungslehre. Dort ist keine Rede von der Gott – Ebenbildlichkeit. Es ist die Rede davon, dass der Mensch vom Lebensatem Gottes lebt. Beim Jahwisten wird der Mensch, der Mann zuerst, von Gott aus der Erde, vom Ackerboden, geschaffen. Und dann heißt es: „Gott blies in seine Nase den Lebensatem. So wurde der Mensch zu einem lebendigem Wesen“ (Genesis, 2, 7f.)
Eine interessante Perspektive: Der Mensch lebt vom Lebensatem Gottes. Mensch und Gott sind also wesentlich im Atem, im Atmen, verbunden.
Leider wurden diese Perspektiven später verdeckt durch die kirchliche theologische These: Der Mensch sei wesentlich Sünder. Auch haben die Kirchen aus dieser Lehre der so wertvollen Gott- Ebenbildlichkeit des Menschen keine politischen Konsequenzen gezogen. D.h. Sie haben die Menschenrechte nicht erfunden und nicht verteidigt.

11. Es gibt neue philosophische Debatten über die Menschenwürde. Einige Autoren halten die Menschenwürde nicht für etwas Innerliches, allen Menschen von vornherein Gegebenes. Menschenwürde sei vielmehr etwas jeweils erst zu Gestaltendes. Der Philosoph Franz Josef Wetz behauptet (in: Der Wert der Menschenwürde, Paderborn 2009, Seite 61): „Menschenwürde ist nur ein Gestaltungsauftrag, nicht jedoch ein Wesensmerkmal des Menschen“. Menschenwürde ist also nicht, wie Kant sagt, etwas allen Menschen schon Vor-Gegebenes. Sondern etwas, das nur durch Anstrengungen der Menschen überhaupt erst existiert.
Meine Meinung: Anstrengungen zur Entwicklung der Menschenwürde sind ja richtig, aber sie beziehen sich auf etwas Vorgebenes, vielleicht „Schlummerndes“, das in der Tat wachgerufen wird. Wetz meint hingegen, es gebe keine „vorgefundene Wertabsolutheit des Menschen und der unantastbaren Heiligkeit des menschlichen Lebens, dies müsse man hinter sich lassen (S. 58).
Ich halte diese Überzeugung für falsch und politisch (im Sinne der universalen Menschenrechte) für gefährlich. Der australische Philosoph Peter Singer etwa hält – allen Ernstes – in seinen Publikationen die Würde eines Menschenaffens für schützenswerter als die Würde eines schwerstbehinderten Babys. Dieses zu behaupten ist nicht nur grober Unfug, sondern politisch – ethisch desaströs.

12. Menschenwürde ist von „Ehre“ unterschieden. Ehre ist etwas Äußerliches und Veräußerlichtes. Ehrenvoll leben heißt nicht automatisch würdevoll leben. So viele „Ehrwürden“ oder gar klerikale „Hochwürden“ waren und sind alles andere als voller Würde. Da werden Leute im Rahmen eines bestimmten (falschen?) Wertesystems geehrt, die dies eigentlich, moralisch, gar nicht verdient hätten. Nicht jeder Geehrte ist auch würdig. Oder wird voreilig geehrt, wie etwa einige Preisträger… Andererseits leisten etwa Widerstandskämpfer gegen Diktaturen (um ihres öffentlichen Nachlebens wegen) ihren Widerstand oft explizit „aus Gründen der Ehre“. Sie meinen aber tatsächlich ihre Würde.
Die meisten Ehrendenkmäler und Heldengedenkstätten sind überflüssig, sie dienen nur der Propagierung des Krieges. Und dienen dem Wahn des Nationalismus.

13. Würde der Menschen ist etwas, das verteidigt werden MUSS! Deswegen gehört zu einer philosophischen Reflexion automatisch die Frage: Was tue ich, um die Würde der Milliarden Würdeloser und Entwürdigter Menschen zu verteidigen und schützen? Ich kann immer nur einzelne Entwürdigte schützen und verteidigen. Aber jeder und jede sollte als notwendige Konsequenz dieser Überlegungen für Würdelose und Entwürdigte eintreten, durch Informationen, Korrespondenzen, Kontakte, und auch dies: materielle Hilfe. Dieser Hinweis hat nichts mit „Moralin“ zu tun, sondern mit der Aufforderung, der eigenen Würde zu enstprechen. Die es auch zu schützen gilt.

14. Über das Buch von Gerald Hüther, Würde, 2019, habe ich schon früher einen Hinweis geschrieben.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin