Marx, Wagner, Nietzsche

Über ein neues Buch von Herfried Münkler

Ein Hinweis von Christian Modehn

Herfried Münkler, Professor em. für Politikwissenschaft an der Humboldt Universität in Berlin, legt ein gleichermaßen umfangreiches wie originelles Buch vor: Die drei „Denker“, um diesen etwas pathetischen Oberbegriff für Marx, Wagner und Nietzsche zu gebrauchen, haben mit ihren Werken auf je unterschiedliche Weise den globalen Umbruch im 19. Jahrhundert und darüber hinaus mit-bestimmt. Ihr politischer, künstlerischer und kultureller Einfluss ist bis heute evident, nicht nur in Europa. Die Werke der drei Deutschen sind keineswegs „ausstudiert“. Man hätte sich wohl auch drei maßgebliche europäische, nicht-deutsche „Denker“ aus dem 19. Jahrhundert vorstellen können. Aber die Bedeutung der drei Deutschen ist unumstritten, und dies zu sagen, hat nichts mit Nationalismus zu tun..

1. Herfried Münkler bietet einen interessanten neuen Ansatz: Er präsentiert und diskutiert Marx, Wagner und Nietzsche NICHT jeweils für sich getrennt, sondern zeigt in allen Kapiteln seines 620 Text-Seiten umfassenden Buches Querverbindungen, Gemeinsamkeiten, Widersprüche. Das macht die Lektüre spannend, aber manchmal auch anstrengend, weil eben von dem einen zum anderen gesprungen wird. Münkler „bringt die Drei miteinander ins Gespräch“, selbst wenn sie, historisch gesehen, kaum Kenntnis voneinander hatten, sieht man einmal von den Beziehungen zwischen dem jungen Nietzsche und Wagner ab. Die drei können sogar, meint Münkler, Begleiter sein im 21. Jahrhundert, aber, und das ist wichtig, „wobei diese Begleitung eher eine der kritischen Infragestellung als eine der selbstsicheren Wegweisung ist“ (616).

Um das besondere Profil jedes der drei im Sinne Münkles anzudeuten: Marx „als Ökonom und Soziologe setzt auf die Revolution der sozioökonomischen Verhältnisse, Wagner auf die kulturelle Regeneration und Nietzsche auf die Schaffung eines neuen Menschen“ (ebd.)

2. Münkler berichtet, dass er sich als Politologe selbstverständlich seit langem mit Marx auseinandergesetzt hat. Neu dürfte für manche die jahrelange Beschäftigung Münklers mit Richard Wagner sein, er kommt lang und breit in dem Buch zu Wort. Nietzsche hingegen ist wohl er anlässlich der Studien zu diesem Buch für Münkler wichtig geworden (vgl. S. 715).

3. Unter den neun Kapiteln des Buches, die sich auf gemeinsame Sachthemen der drei beziehen, möchte ich vor allem auf das 5. Kapitel „Zwischen Religionskritik und Religionsstiftung“ hinweisen (S. 209 – 289). Das 19. Jahrhundert war nach der Französischen Revolution einerseits vor allem von einer Krise des Katholizismus bestimmt mit den ersten großen Umbrüchen in Richtung Säkularisierung des religiösen Bewusstseins. Andererseits war es aber auch das Jahrhundert vieler Religionsgründungen und Abspaltungen von den großen Konfessionen im Sinne von „Sekten“-Gründungen: Um nur einige zu nennen: Man denke an die Religion des Positivismus gegründet von A. Comte oder an den Altkatholizismus, an neue religiöse Gemeinschaften in den USA, wie die Christian Science oder die Mormonen oder an sehr beliebte esoterische Bewegungen damals wie den Spiritismus. Ich finde es schade, dass Herfried Münkler in seinem Religionskapitel dieses breite und durchaus diffuse religiöse „Aufblühen“ im 19. Jahrhundert in seiner Darstellung der „drei“ nicht berücksichtigt.

4. Marx, Wagner und Nietzsche haben je verschiedene, ganz ungewöhnliche Verbindungen zum Religiösen bzw. konkret zum Christlichen/Kirchlichen. Bei Marx werden die religiösen, d.h. christlichen und jüdischen Lehren „ins Diesseits verlagert“ (211). Im 20. Jahrhundert wird dann „der Kapitalismus als Religion“ thematisiert. Vom Kommunismus als Religion, etwa mit dem Stalin-Kult, spricht Münkler nicht, weil er als Historiker meint, Karl Marx habe mit dem Staats-Kommunismus in der UDSSR nichts direkt zu tun.

Richard Wagner ist bekanntlich als Antisemit auch ein Religionsgründer, er will mit seinen Festspielen eine Art neuer Kunst-Religion etablieren. „Erst in der 1950er Jahren kam ein Prozess der Desakralisierung (von Wagners Opern) in Gang“ (214). Nietzsche benannte und verkündete in seinen Aphorismen und in seinem „Zarathustra“ das faktische geistige und spirituelle Ende des Christentums. Aber Nietzsche hat mit seiner Lehre vom Übermenschen und der Ewigen Wiederkehr des Gleichen neue religiöse Dimensionen für die „wenigen“ „freien Geister“ erschließen wollen.

In dem Religionskapitel zeigt sich Münkler besonders als Kenner der künstlerischen Welt Wagners. Auf vielen Seiten werden die Inhalte des „Ring“ dargestellt… Dabei zeigt sich „Wagners Sorge um die Zukunft der Religion in einer arelgiösen Welt“ (S. 246). „Was Wagners religiöse Vorstellungswelt durchgängig prägt, ist sein Distanz gegenüber allen Formen der Institutionalisierung des Religiösen, also gegenüber der Kirche und einer dogmatischen Theologie“ (279).

Das ist, möchte man meinen, auch ein ganz aktuelles, “heutiges“ Thema im 21. Jahrhundert, wenn Münkler Wagners Lehre referiert: „Der Theologe als Hüter des religiösen wird durch den Künstler ersetzt“. Heute gibt es neben den Künstlern und Musikern viele „Hüter“ des Religiösen, nicht des explizit Christlichen, bis hin in die eher profane Welt der „heiligen“ richtigen Ernährung und der „absoluten“ Gesundheitspflege als Ideal der Reichen in der reichen Welt…

5. Ich möchte das Thema des Buches etwas erweitern: Was bieten die drei Religionsgründer heute an gemeinsamen Impulsen? Zu dieser Frage führt ja die Lektüre dieses Kapitels…

Die Leidenschaft und geistige Energie von Karl Marx zugunsten einer umfassenden Gerechtigkeit auch für Ausgegrenzten und Armgemachten lebt jetzt in der lateinamerikanischen Befreiungstheologie und den Basisgemeinden weiter. Es gibt also heute ein emanzipatorisches Christentum, das vielleicht Marx erfreuen würde. Weil die dogmatische Hierarchie in Rom spürt, dass in dieser Theologie „etwas Marx“ vorhanden ist, hat der Vatikan diese Theologie auch systematisch zu zerstören versucht, etwa im Bündnis von Papst Johannes Paul II. mit Reagan und dem CIA.

Die Vorstellung, Kunst könnte Religion sein, (siehe Wagner), findet sich fragmentarisch in den letzten Aktualisierungen einer „liberalen Theologie“, die sehr treffend und richtig jedem Menschen eine eigene religiöse Kreativität zutraut. Und religiöse Erfahrungen gerade durch und mit Kunst/Musik etc. für möglich hält und dazu die Chance bietet in den Räumen christlicher Kirchengebäude.

Und Nietzsche? Er ist überzeugend, dass „die Kirche zum Grab Gottes“ geworden ist (in der „Fröhlichen Wissenschaft“, bei Münkler S. 220). Das heißt: Die starren Lehren einer letztlich unwandelbaren und damit vor allem nicht mehr lebendigen Kirche wird für viele, die darin noch verweilen, zum Grab Gottes: Sie werden wegen und durch die Kirchen förmlich zu Atheisten… In dogmatisch erstarrten Kirchen und Sekten wird der Glaube an Gott vertrieben…(Siehe etwa die Studien „Religionsverlust durch religiöse Erziehung“, etwa Erwin Ringel und andere)

6. Das neue Buch von Herfried Münkler bietet überraschende Perspektiven, es ist gut geeignet für Menschen, die ihre Kenntnisse von Marx, Wagner und Nietzsche vertiefen wollen. Münkler zeigt, wie unterschiedlich diese drei Denker des 19. Jahrhunderts auf die globale, politische, ökonomische und kulturelle Krise reagieren.

Man hätte sich gewünscht, in welcher gebrochenen Form die Werke dieser drei je unterschiedlich dann im 20. und nun schon im 21. Jahrhundert rezipiert werden. Dass Marx als Sozialkritiker und Ökonom auch jetzt wieder viel gelesen und debattiert wird, deutet Münkler an. Aber es gibt heute wieder explizite Marxisten und Kommunisten, etwa unter Frankreichs Philosophen (Badiou usw.)…

Dass sich Nietzsches Nihilismus und sein Plädoyer fürs Herrenmenschentum im Bewusstsein und der sozialen/politischen Praxis der Reichen in den reichen Ländern durchgesetzt hat, steht außer Frage. Egismus ist die wichtigste Untugend der Gegenwart. Und Wagners Opern stehen unerschüttert auf den Spielplänen der Opernhäuser, Bayreuth bleibt doch ein säkularer Pilgerort, bei dem die Reichen und Schönen und Spitzenpolitiker sich gern zeigen. Ob sie wirklich von diesen germanischen Mythen innerlich bewegt sind, ist hoffentlich eine offene Frage. Das Hören der Bergpredigt in einem christlichen Gottesdienst kann einige Menschen vielleicht noch verändern, auch politisch zu mehr Solidarität bewegen. Ob dies mit den germanischen Mythen (auch à la Wagner) gelingt, wage ich sehr zu bezweifeln. Es gibt selbstverständlich auch hierzulande einen bisher kaum diskutierten Kultur-“Genuss“ aus purer Langeweile („Ich hörte nun zum 5. Mal Lohengrin“  etc.) oder aus Repräsentationspflicht.

Herfried Münkler,“ Marx, Wagner, Nietzsche. Welt im Umbruch“. Rowohlt-Verlag Berlin, 2021, 718 Seiten, 34 Euro.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Mystiker, Journalist, Aufklärer, Theologe, Romantiker, aber immer: ein „Reisender“: Karl Philipp Moritz.

Über Karl Philipp Moritz, anlässlich seines Geburtstages am 15.9.1756

Hinweise von Christian Modehn.

Ein Motto:

„Moritz ist ein wahres Genie, ein wahrer Sonderling“ (Alexander von Humboldt).

1.

Muss man heute an Karl Philipp Moritz erinnern?

Einige Stichworte zu seinem kurzen Leben,  aber sehr umfangreichen vielfältigen Werk: Aus bescheidenen, aber extrem  frommen pietistischen Verhältnissen stammend, vielseitig begabt; Journalist; Theologiestudent und Prediger; als Reisender rastlos unterwegs, Autor des hoch geschätzten Romans (als Autobiografie) „Anton Reiser“; ein Pädagoge der ungewöhnlichen Art („Phantasie ist wichtiger als Wissen“); ein Freund Goethes, beliebt in den Berliner Salons; Autor und Gründer der ersten Zeitschrift mit „psychoanalytischem Interesse“ (das „Magazin zur Erfahrungsseelenkunde“); schließlich Professor an der Akademie der Wissenschaften…

„Ein Aufstieg, der in der deutschen Geistesgeschichte ohne weiteres Beispiel ist“ (Willi Winkler, „Karl Philipp Moritz“, Rowohlt Monographie“, S.115). Aber doch mit der Einschränkung: „Man wusste nicht recht, wo man ihn einordnen könnte“ (Horst Günther im Nachwort zu „Anton Reiser, Insel-Taschenbuch, 2013, S. 529).

Muss man Menschen „einordnen“? Natürlich NICHT! Trotzdem: Moritz war nicht Philosoph im „klassischen“ Sinn, schon gar nicht Psychoanalytiker `avant la lettre`, er war auch kein Philologe alter Sprachen trotz seiner Studien zur antiken Mythologie… Aber: „Vielleicht liegt im Scheitern an den üblichen Gattungen seine Modernität“ (Horst Günther, ebd.)

2.

Über die Stationen und Daten seines kurzen Lebens kann man sich etwa bei wikipedia oder in der schönen Rowohlt-Monographie von Willi Winkler informieren. Geboren wurde Moritz am 15. 9.1756 in Hameln; gestorben ist er im Alter von knapp 37 Jahren am 26.6.1793 in Berlin.

3.

„Alles, was Moritz je geschrieben hat, gehört zueinander. Und alles ist angelegt in seiner Kindheit und Jugend“, betont Horst Günther (ebd., S. 530). Wenn das so ist, dann müsste die Prägung durch den extrem konfusen und unterdrückerischen Pietismus zuhause wie während seiner Ausbildung im Mittelpunkt der Forschung stehen. Die These sollte sein: Moritz, ein Mann, der durch frommen, sich mystisch nennenden Wahn verdorben wurde. Solches gibt es bis heute, nicht nur im Christentum…

Karl Philipp Moritz wird zu Hause nicht geliebt, aber mit der Ideologie einer christlichen Mystik abstruser Art konfrontiert, was ihn auch zur Selbstverachtung führt… Auch wenn Moritz später die Philosophie der Aufklärung schätzt: Die innere Bindung an Mystik und Quietismus (und damit verbunden auch an Aberglauben) wurde er nicht los. „Ganz kann sich Moritz nie von der Mystik befreien, die ihn von der Wiege auf unterdrückt hat“ (Willi Winkler, a.a.O., S. 120).

4.

Erstaunlich ist, dass in den protestantischen Kreisen von Hameln (wo er geboren wurde) sowie in Hannover und Braunschweig, wo er als 12-Jähriger bei einem von Mystik verwirrten Hutmacher lebte, die Lehren der französischen katholischen Mystikerin Madame de Guyon (1648-1717) (präziser: Jeanne-Marie Bouvier de La Motte Guyon)

verbreitet waren. Diese seltsame katholisch-protestantische Ökumene seit dem 18. Jahrhundert sollte weiter untersucht werden. Die einflussreichen Pietisten damals, wie August Hermann Francke, Gerhard Tersteegen, Zinzendorf usw. waren von den Ideen und Visionen Madame de Guyons geprägt… Diese fromme Adlige wurde wegen ihrer extremen spirituellen Lehren aber sogar von der offiziellen katholischen Kirche verfolgt, von anderen Katholiken wiederum wurde sie wie eine Heilige geschätzt: Sie glaubte z.B., mit Jesus verheiratet zu sein. Das Ziel ihrer mystischen Bemühungen war die Auflösung des menschlichen Selbst in Gott hinein, es ging tatsächlich um Vernichtung des Selbst. Das vernichtete Selbst wird dann in eine Art geistige Wüste und der Dürre geführt, wo „sich auch kein Fünklein der Selbstliebe mehr mischen darf“. Wie gesagt, diese abstrusen Wahngebilde fanden Zuspruch im protestantischen Deutschland, manche ließen sich wohl von ihrer „tiefgründigen“ Sprache verführen, wie das Umfeld des jungen Karl Philipp Moritz. Er  spricht noch von ihr in seinem autobiographischen Roman „Anton Reiser“, er zeigt, wie sich der junge Reiser (Moritz) sogar noch tröstete in den eleganten verworrenen Worten der Madame… Aber insgesamt hat diese eher menschenverachtende Mystik der Madame de Guyon dem jungen Moritz das Leben verdorben. Später distanzierte er sich ironisch-witzig von dieser Person, die die Trockenheit des Geistes lobte: “Als man nach ihrem Tode ihren Kopf öffnete, fand man ihr Gehirn fast wie ausgetrocknet“ (zit. in Willi Winkler, a.a.O. S. 17). Willi Winkler versucht eine Gesamteinschätzung: „Ob Moritz die Schwärmerei, den religiösen Aberglauben, den die Aufklärung so heftig bekämpfte, selber überwunden hat, ist zumindest zweifelhaft“. (Rowohlts Monographien, S.78).

5.

Als Journalist wagt sich Moritz auf ein ganz neues Feld der Forschung: Es geht um die Erkundung der Tiefen der Seele. Moritz geht in der von ihm begründeten und herausgegebenen Zeitschrift (1783-1793) von den konkreten Lebenserfahrungen des einzelnen Menschen aus, auch von den eigenen. „In einer Fülle von Fallgeschichten berichtete diese als Viermonatsschrift konzipierte Zeitschrift über Mörder und Selbstmörder, religiöse Schwärmer und Hypochonder. Versuche mit Taubstummen und Charakteranalysen von Adoleszenten wurden neben Fällen von Kleptomanie und sexuellem Missbrauch mitgeteilt. Ein anhaltendes, fast schon systematisches Interesse richtete sich auf die Form und den Inhalt frühester Kindheitserinnerungen, und die Vielzahl eingesandter Traumerfahrungen forderte Moritz und seine beiden ihn zeitweise vertretenden Mitherausgeber Carl Friedrich Pockels (1757-1814) und Salomon Maimon (1753-1800) zu ersten Ansätzen einer »Theorie der Träume« heraus“…. „Mit der Darstellung von Zwangshandlungen, Traumphänomenen und Kindheitserinnerungen, mit Mendelssohns Erörterung eines topischen Modells der Seele und den wegweisenden sprachpsychologischen Überlegungen von Moritz zu den unpersönlichen Zeitwörtern (»es donnert«), stand es am Beginn einer Entwicklung, die bis hin zu Sigmund Freud führen sollte, der dieselben rätselhaften psychologischen Phänomene mit einer neuen systematischen Theorie erschliessen konnte.

(siehe: http://telota.bbaw.de/mze/)

6..

Moritz interessiert sich für die philosophische Aufklärung. Auch den Kindern will er die Idee der Gleichheit erklären: in seinem „A.B.C.Buch“ von 1790. Die Menschen sind nicht ungleich, betont er: »Die armen und niedrigen Menschen sind ebenso gebildet [geschaffen] wie die Reichen und Vornehmen. Ein jeder Mensch ist der Hilfe bedürftig. Wenn die armen und niedrigen Menschen schwach und krank sind, so bedürfen sie der Hilfe. Und wenn die Reichen und Vornehmen schwach und krank sind, so bedürfen sie auch der Hilfe. Kein Mensch muss den andern gering schätzen. Denn es ist die höchste Würde, ein Mensch zu sein.«  (ZEIT 7. 9. 2006, Benedikt Erens).

7.

Karl Philipp Moritz ist und bleibt der bis heute hoch geschätzte Dichter seines autobiographischen Romans Anton Reiser (1790), inzwischen wurde diese „Bekenntnisschrift“ in viele Sprachen übersetzt. Es ist die Geschichte eines Versuchs, sich selbst mit vielen Mühen aus der Unmündigkeit zu befreien. Den Pietismus des Elternhauses verlässt Reiser, aber eine geistige, spirituelle Heimat findet er nicht. In dieser Wahrhaftigkeit stellt sich Reiser/Moritz dar. Reiser erhöht sich und degradiert sich, leidet unter Ängsten und hat doch den Willen, dem Leben einen höheren Sinn abzugewinnen, auch wenn es schwerfällt. Aber der Eindruck bleibt: Der Mensch wird im Laufe seines jungen Lebens zerstückelt. Der Schriftsteller Arno Schmidt sagt: „Anton Reiser, ein Buch wie es kein anderes Volk der Erde besitzt“ (zit. in Willi Winkler,a.a.O., S. 144).

8.

Die Macht der seelischen Zerstörung durch frommen Wahn (Madame Guyon usw.) war also alles andere als total. Moritz, der so oft gelitten hat, konnte seinen Schmerz sinnvoll in seinen vielfältigen Werken überwinden. Seine Homosexualität konnte er nicht in Freiheit leben und gestalten, so sehr er auch in seinen Freund Karl Friedrich Klischnig (1788 – 1811) verliebt war…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

Atheismus im Christentum: Das heißt: Atheismus inmitten des Glaubens.

Wer ist ein religiöser Mensch? Jemand, der auch Atheist ist.

Ein Hinweis von Christian Modehn

Das Buch „Atheismus im Christentum“ von Ernst Bloch, 1968 veröffentlicht, sollten religiöse Menschen, Christen, Muslime, Juden wie auch Atheisten neu entdecken, auch Atheisten, die bekanntlich auch „nur“ glauben können, nämlich: Dass es Gott nicht gibt.

1.

Der Titel des Buches ist Programm. Man könnte ihn verwandeln in „Atheismus im persönlichen Glauben“. Oder: „Atheismus in meiner, in unserer Spiritualität“. Impulse werden freigesetzt für einen Glauben, der heutige Lebenserfahrungen respektiert, also auch den Inhalt des Glaubens neu gestaltet. Denn bekanntlich ist religiöser Glaube etwas Lebendiges, d.h. Wandelbares, und entgegen vielerlei rigider Praxis der Kirchen und Religionen nichts Versteinertes, nicht auf ewig Dogmatisches.

2.

Ernst Bloch will ein Gottesbild überwinden, um jetzt nur beim Christentum, den Kirchen zu bleiben, das dort bestimmend wurde: Gott wird als Himmels-Herrscher verehrt oder als „Rachegott“ gefürchtet. Dieser Gott bremst die Freiheit aktiver Lebensgestaltung, behindert den Elan, für die universale Gerechtigkeit unter den Menschen auf dieser Erde einzutreten. Bloch wehrt sich aber auch gegen eine andere Gestalt banalen Glaubens, den banalen Atheismus, etwa in „Gespräche mit Ernst Bloch“, 1975, Seite 170. Dieser Atheismus begrenzt sich schlicht darauf, die Materie für „alles“ zu halten und diese zu verehren und … Gott zu bekämpfen. „Mir geht es hingegen um revolutionären Atheismus in Religionen selber, insbesondere dem Christentum, wie man weiß“ (S. 170).

3.

Bloch zeigt, dass Menschen wesentlich von der geistigen Kraft des Transzendierens bestimmt sind. Das heißt: Sie haben die innere, die geistige Energie, über jeden vorfindlichen Zustand hinauszustreben, das erinnert deutlich an Hegel. Bloch denkt entschieden an politische und ökonomische Verhältnisse, die die Menschenwürde aller bekämpfen und ausschließen. Diese Energie für ein „Transzendierens nach vorne, in die bessere Zukunft der Menschheit und der Welt zu entwickeln, ist die wahre spirituelle Leistung der Menschen, vor allem derer, die sich Christen nennen.

4.

Damit wird die Dimension des „Atheismus in meinem, in unserem Glauben“, erreicht:

Wer den Herrscher – Gott im Himmel, den Rächer und wundertätigen Willkürgott, der mal hier, mal dort Wunder für diesen oder mal für jenen tut, wer also diesen Willkür-Gott ablehnt und vernünftig und emotional überwindet, gerät in eine Art Zwischenraum, in eine Leere. Die ist bestimmt von der Erfahrung des Verlustes des alten Gottes UND dem Nicht-Dasein einer neuen zentralen Lebensmitte, sagen wir eines „neuen Göttlichen“, das man in Erwartungshaltung vielleicht den neuen gründenden Sinn, das Heilige, nennen könnte. Aber eben nicht mehr den angelernten Gott aus Kindeszeiten.

Im leeren Zwischenraum ist die Stimmung des Abschieds bestimmend, auch der Angst, etwas Wesentliches und Altvertrautes verloren oder aufgegeben zu haben. Aber doch setzt sich die Einsicht und die Gewissheit durch: Das „alte, überkommene, angelernte, Gottesbild“ stört unsere gegenwärtige Lebenserfahrung und die vernünftige Einsicht. Denn das überwundene, alte Gottesbild ruhte also wie ein „erratischer Block“ in unserem Leben. Damit deutet sich schon an, dass die Leere, der Zwischenraum, um der geistigen Gesundheit willen verlassen werden sollte. Eine neue, humanere Vorstellung von dem Göttlichen oder dem Sinn-Gründenden deutet sich an.

5.

Man könnte bei Bloch also lernen: Wer als Christ diese Situation der Leere, des Übergangs, erfährt und begrifflich denkt, erlebt für sich selbst und in sich selbst den „Atheismus im Christentum“: Der religiöse Mensch, der Christ, ist also Gott „los“ geworden, d.h. gottlos geworden, befreit von einem Gott, der das Leben behindert und die Unreife der Menschen fördert. Bloch weist sehr treffend darauf hin, dass der Philosoph und Mystiker Meister Eckart im 14. Jahrhundert seinen dringenden Wunsch formulierte, er möge „Gottes quitt“ sein, also gott-los werden. Dies sagte er nicht aus einer unreflektierten Zustimmung zu einem vulgären Atheismus. Vielmehr wusste er: Das dingliche und greifbare und verfügbare allgemeine christliche Gottesbild verfälscht den „göttlichen Gott“. Und die Bindung an ihn macht den Menschen unfrei, kettet ihn an Phantome, die Angst erzeugen und verwirren.

6.

Bloch hat also einen Vorschlag, diese Phasen der Leere und des Atheismus als Phasen der Gesundung, der Reifung, des geistigen und politischen Wachstums zu verstehen. So können diese Momente und Zeiten des Übergangs, der Leere, des Atheismus, gelebt werden. Sie sind immer wieder neu sich einstellende Momente einer spirituellen Lebendigkeit. Man könnte also sagen: Wer als Christ nicht oft auch Atheist gewesen ist, hat nicht in einem lebendigen Leben, in einer lebendigen Spiritualität, gelebt. Und diese Lebendigkeit ist wesentlich das dauernde Transzendieren als das Überwinden jeglicher Fixierung. Und gerade dieses dauernde Transzendieren ist das eigentlich Feste und Bleibende im Leben.

7.

Darauf kommt es entschieden an: Religiöse Menschen, also noch einmal Christen, Juden, Muslime, Atheisten sollten diese ihre geistige Struktur, das Transzendieren, als ihren religiösen Mittelpunkt erkennen. Transzendieren ist im Sinne Blochs das  sehr weltliche und politische Transzendieren in eine bessere Zukunft für die Menschheit! Das Ziel des Transzendierens ist für Bloch nicht der vertikal zu denkende göttliche Herr des Himmels und der himmlischen Heere, sondern das umfassend humane Reich der Zukunft. Bloch sprich in dem Zusammenhang von „Transzendieren ohne Transzendenz“, also ohne göttlichen „Himmel“. Es wäre jedoch zu fragen, ob dieses Transzendieren in eine umfassend humane Zukunft („vorwärts“, wie Bloch sagt) nicht bereits schon das Göttliche im Menschen ist. Ich würde den Gedanken unterstützen. Bloch lehnt ihn ab, weil er mit der Voraussetzung einer mit der „Schöpfung“ gegebenen, sozusagen an gelegten geistigen Kraft des Transzendierens rechnet.

8.

Der Atheismus Blochs ist etwas sehr Spezielles. Für Bloch ist die Gestalt Jesu von Nazareth zentral, den er – wie viele andere auch – als „Menschensohn“ versteht, im Anschluss an das Neue Testament. Jesus als der „Menschensohn“ ist die herausragende Gestalt unter den Menschen mit einer radikalen humanen Botschaft. Bloch schreibt: „Jesu Wort: Was Ihr dem Geringsten meiner Brüder tut, das habt ihr mir getan ist entscheidend: Plötzlich erscheint keine Obrigkeit mehr…hier also ist der Gott, der von oben herrscht, vollkommen weg. Und eine Rückwendung auf den Menschen ist da, und zwar zu den Armen, Erniedrigten…Man kann das schon Atheismus nennen, da der theos, der Gott (in seiner Macht) gestürzt wird“ („Gespräche mit Ernst Bloch, S. 171). Jesus wird also gerade als Zeuge einer Humanität zugunsten der Armen und Ausgegrenzten zu einer Art erlösendem, befreienden Vorbild.

9.

Wer sich von den Einsichten Blochs anregen lässt, wird auf eine philosophische und theologische Entdeckungsfahrt geschickt: Ohne Atheismus als Erfahrung inmitten des Lebens gibt es keine Spiritualität. Diese Aussage steht etwa gegen die Kirchen, die immer als Ideal predigen, nur den reinen Glauben allzeit zu leben sei Ausdruck der Heiligkeit und Vollkommenheit. Nur das Gute, nur das Fromme allein zu leben ist in der Sicht Blochs naiv: Glauben ohne in atheistische Phasen zu gelangen, ist etwas Stagnierendes. Der reflektierte Atheismus findet immer wieder zu einer neuen Glaubenshaltung. So entsteht eine geistvolle Dialektik inmitten des Lebens.

10.

Noch einmal: Auch der Atheist ist von einer Glaubenshaltung bestimmt , von der Überzeugung, dass kein Gott ist. Atheisten als Glaubende: Das wäre auch ein Aspekt, der sich aus Blochs „Atheismus im Christentum“ ergeben könnte. „Atheismus ist auch Glauben“ wäre dann der weiterführende Titel. Dieser Atheist kann sich aber von „christlichen Atheisten“ belehren lassen: „Den Gott, den ihr Atheisten ablehnt, den lehne ich als Glaubender genauso ab. Insofern sind wir, Atheisten wie Glaubende, in der Dialektik des Lebens immer in ganz neuer Weise Atheisten. Wir beide, Christen und Atheisten, sind gottlos, nämlich in unserer Ablehnung des banalen Gottesbildes.

11.

Das Nachdenken müsste natürlich Konsequenzen haben in der religiösen oder auch in atheistischen Bildung. Bleiben wir bei der religiösen, der christlichen Bildung etwa der Kinder. Kindgemäße Hinweise auf die göttliche Wirklichkeit lassen sich bestimmt nicht durch das Auswendiglernen von Sprüchen und Gebeten oder durch Kindergottesdienste mit viel kindlichem Tralala erreichen. Wichtiger wäre eine kindgemäße Einführung in das, was man die Tiefe und das Geheimnis des Lebens und der Welt nennt. Dann ist von dem unmittelbar eingreifenden wundertätigen Gott keine Rede mehr, Lehren, die so viel Verwirrung stiften bis ins hohe Lebensalter:  Da wird dann mit einem naiven kindlichen Glauben noch im reflektierten, reifen Alter behauptet: „Wenn Gott dies und das zulässt und nicht als Gott direkt eingreift, dann glaube ich nicht an ihn“.

12.

Solche religiös-kindliche Dummheit kann aber überwunden werden, wenn Kinder und Jugendliche anstelle des üblichen religiösen Tralala eben Meditationen, Achtsamkeit, sowie im Spiel das Nachgestalten bestimmter Parabeln Jesu lernen und üben. Das Verstehen der Religionen darf nie auf einer kindlichen, ich möchte sagen, infantilen Stufe stehen bleiben. Insofern ist mancher „Atheismus“ im Christentum auch oft nichts anderes als die Ablehnung des infantilen Glaubens im Christentum. Der Wiener Psychoanalytiker Erwin Ringel hat dieses Phänomen schon vor einigen Jahren auf den Begriff gebracht: „Religionsverlust durch religiöse Erziehung“, heißt sein Buch, 1985 erschienen. Oder den Titel variierend: „Atheismus durch das Sich Klammern an infantile Gottesbilder“. Dieser „Atheismus“ sollte unbedingt überwunden werden. Aber diese authentische, „sachgemäße“ religiöse Bildung kann kaum noch vermittelt werden, weil sich so viele von der Religion längst abgewandt haben. Sie meinen, es gäbe Religion, es gäbe Christentum, nur in dieser dummen, naiven, infantilen Gestalt. Die freilich die Kirchen aus Mangel an spiritueller Lebendigkeit und , dogmatischer Sturheit fortsetzen, bis zu ihrem eigenen Ende, dem Absterben des Christentums. Nietzsche hat treffend gefragt: Wird die Kirche zum Grab Gottes? (Siehe Friedrich Nietzsches, Die fröhliche Wissenschaft, 1887, III. Buch, Nr. 12).  LINK.

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Jean-Luc Nancy: „Das Christentum hat sich von mir abgewandt. Aber die wahre Mystik blieb mir“

Der Philosoph Jean-Luc Nancy ist gestorben

Ein Hinweis von Christian Modehn

Der französische Philosoph Jean-Luc Nancy ist am 23.8.2021 im Alter von 81 Jahren gestorben, er war viele Jahre Professor in Straßburg, er ist einer der wichtigsten Philosophen unserer Gegenwart.  Sein philosophisches und literarisches Werk ist äußerst lebendig und umfangreich, mehr als 100, zum Teil viel beachtete Bücher hat Nancy publiziert. Er war auch mehrfach in Berlin zu Vorträgen und Debatten. Etliche längere Interviews auf Deutsch sind in der sehr empfehlenswerten Zeitschrift „Lettre International“ erschienen….

Dieser Hinweis ist natürlich keine „Gesamtwürdigung“ seines Werkes.  Es ist sehr komplex und zudem für „schnelle Lektüre“ ungeeignet…Das sollte aber niemanden hindern, Nancy zu studieren. Hier werden nur einige Stellungnahmen Nancys genannt werden, die in der Pariser Tageszeitung „La Croix“ kürzlich veröffentlicht wurden. Die ausgewählten Stellungnahmen beziehen sich vor allem auf das immer deutliche religiöse bzw. auch religionsphilosophische Interesse von Jean-Luc Nancy. Und das passt gut in den Schwerpunkt unseres philosophischen Salons.

1. Zur christlichen Biographie Nancys:

Im Alter von etwa 28 Jahren trennt sich Nancy vom christlichen Glauben und der katholischen Kirche, er war in der Gemeinschaft J.E.C., „Jeunesse Etudiante Chrétienne“, in der „Christlichen studierenden Jugend“, einer Organisation der katholischen Kirche, aktiv engagiert und interessiert“. (Zur J.E.C. gehörten viele Intellektuelle und Politiker, wie Francois Mitterrand, René Rémond, Georges Montaron und andere. Die J.E.C. besteht bis heute, als progressive, linke katholische Organisation). Jean-Luc Nancy: „Die Zugehörigkeit zum Christentum war für mich absolut untrennbar mit einer politischen und sozialen Vision. Wir waren in der JEC sehr engagiert zugunsten der Demokratisierung des Unterrichts und der Ausbildung. Ich war Christ, ganz und gar. Aber ich muss sagen: Das Christentum hat sich von mir abgewandt, wie von einer ganzen Generation. Denn im Jahr 1957 kritisierten die französischen Bischöfe die progressive Haltung der J.E.C. Das war für mich wie ein Donnerschlag und so befreite ich mich von der Kirche, die mir als eine Gestalt des Konservativen und der Macht erschien. Diese Loslösung von der Kirche war möglich, weil ich die Philosophen Hegel, Heidegger und Derrida entdeckte. Diese Philosophen sagten mir nicht: Ich bringe dir das Heil. Aber sie ließen mich lebendig sein“.

Aber es bleibt für Nancy nach dem Abschied vom Christentum: „Etwa die Interpretation der Bibel. Ich sah, dass man förmlich bis ins Unendliche den Sinn eines Textes entdecken kann“.

2. Das andere Herz

Nancy hat oft davon gesprochen, dass ihm 1992 ein Herz transplantiert wurde, darüber hat er 2000 ein Buch geschrieben mit dem Titel „L Intrus“, „Der Eindringling“. Er wendet sich an den Menschen, der, ohne es zu wissen, ihm sein zweites Herz gegeben hat.

3. Gemeinschaft leben und Gemeinschaft denken

Ein Mittelpunkt der Philosophie Nancys steht sicher die Reflexion über die Gemeinschaft der Menschen, auch die Gleichheit der Menschen, sowie ihre Krankheiten, aktuell von ihm reflektiert das Corona-Virus. Dazu das Buch „Un trop humain virus“ 2020, erschienen in den Editions Bayard Paris. In dem Interview mit „La Croix“ spricht er über das Gesundsein heute.  „Wir leben in einer Gesellschaft, in der die Gesundheit ein wesentliches Gut ist, aber auch ein Recht. Jeder kann es fordern. Trotzdem: Die Gesundheit ist nicht die Wahrheit der Existenz…Heute ist die Gesundheit zu einer Art Selbstzweck geworden. Wozu  sollen wir denn bei guter Gesundheit sein? Für welche Ziele leben wir? Das ist nicht mehr klar.“

4. Der kulturelle Bruch

„Seit der Verkündigung des Todes Gottes durch Nietzsche sind wir in eine Epoche der Unsicherheit eingetreten. Ich denke oft an den Satz von Jean-Christophe Bailly, einem überzeugten Atheisten, der in seinem Buch „Adieu“ geschrieben hat: Der Atheismus war nicht imstande, seine eigene Wüste zu bewässern. Ich glaube, diese Diagnose ist völlig korrekt. Die moderne Zivilisation hat nichts vorgeschlagen, um die Gestalt des Gottes zu ersetzen, die ausgelöscht wurde. Ich habe die Gewissheit, dass es eine neue spirituelle Revolution geben wird, dass die Zeit dafür gekommen ist, aber das kann vielleicht noch 300 Jahre dauern.“

5. „Wir sind Kinder Gottes“?

Nancy fragt sich, was denn letztlich die Gleichheit der Menschen heute legitimieren und beweisen könnte. „Man muss anerkennen, dass wir es nicht wissen… Im Laufe unserer Geschichte wurde das Christentum wichtig…Man sagte: Man ist ein Kind Gottes, das legitimierte die Gleichheit. Aber außerhalb der Religion, wie kann man die Gleichheit denken“?

6. „Wir tappen im Dunkeln

„Aber was die Zukunft angeht, kann ich nichts voraussagen und vorschlagen. Ich tappe im Dunkeln. Trotzdem: Wenn man sich im Dunkeln befindet, ist man niemals gänzlich in der totalen Finsternis. Im „Schwarzen“ lebend, sieht man auf andere Weise, nicht durch die Augen, sondern durch andere Sinne, das hören, das tasten…

7. Was bleibt?

„Ich habe in der Philosophie Hegels so etwas wie die Wahrheit des Christentums gefunden!  Hegel ist jemand, der in der wahren Bewegung des Geistes bleibt, eines Geistes, der die Grenzen überschreitet. Wichtig ist für mich auch der Philosoph Meister Eckart. Er sagte: „Bitten wir Gott, dass er uns in der Freiheit erhält und dass wir von Gott frei werden“.  Bei der Mystik heute muss ich eine gewisse Erschöpfung feststellen, heute sind die großen Debatten über die Mystik förmlich banalisiert. Ein sehr großer Teil der Menschheit heute verlangt nach Religion, aber die Menschen begnügen sich mit groben und dummen Sprüchen, die ihnen vorgesetzt werden. Unerträglich, was man so an Predigten der Evangelikalen hört…

8. Was ist Philosophie?

„Die Philosophie ist die Arbeit des Denkens. Philosophie gehört nicht zur Ordnung eines Wissens. Sondern eher: Dazu kommen, Worte für das zu geben , was man lebt. Die Aufgabe des Denkens ist die (Wiederer)-Öffnung, das Erwachen, das Aufgreifen der dringenden Bitte um Sinn. Philosophieren beginnt da, wo der Sinn unterbrochen ist. Aber der Sinn ist nicht eine Art Lager an Bedeutungen, kein Lager der Antworten und der Erklärungen der Welt, die irgendwo niedergelegt sind und die man teilen sollte“. Nein! Das Teilen, das ist der Sinn.  (Philosophie Magazine, Paris, August 2021).

9. Und die Freude?

Die Philosophie von Nancy ist geprägt von der Freude, der Anwesenheit der Lebensfreude. „Aber Freude ist nicht Zufriedenheit. Sie ist ein Affekt des Geistes, man weiß sich über jede Zweckbestimmung Begrenzung und jede Ganzheit hinausgetragen. Was die Freude für einen Grund hat, vermag ich nicht zu sagen…in jedem Fall: Die Freude kommt immer von einem „anderswoher“ (d`ailleurs). Von anderen, nicht von mir. Von den großen Gedanken der Philosophen, der Worte der Poeten, der warmen Zuneigung der Personen, der Schönheit der Kunst und der Körper. Natürlich, diese Erfahrung der Freude ist nicht immer da. Aber wenn sie kommt, dann berührt das, dann ist das ergreifend“.

Copyright: Religionsphilosophischer Salon Berlin

„Eigentum ist Diebstahl“ (Proudhon, 1809 – 1865)

Über den Philosophen Pierre-Joseph Proudhon
Von Christian Modehn

Das aktuelle Thema:
Das Thema „Eigentum ist Diebstahl“ hat, wie alle wissen, eine aktuelle Bedeutung. Es geht z.B. um das Monopol einiger Pharmakonzerne, etwa der Corona-Impfstoff-Hersteller Pfizer und Moderna. Deren Jahresumsatz 2021 wird auf 50 Milliarden Dollar geschätzt. Die Konzerne haben den Preis trotz aller Gewinne für eine Dosis erhöht, Moderna von 19 Euro auf 21,60 Euro, Pfizer von 15,50 auf 19,50 Euro. Die demokratischen Regierungen der reichen Länder nehmen das gelassen hin. Die armen Länder gehen leer aus, so verbreitet sich dort das Virus – auch mit neuen Varianten, die auch die reichen Länder der Reichen erreichen…
Jetzt sind wir beim Thema: “Eigentum ist Diebstahl“. Die Hersteller der Impfstoffe beharren absolut auf den Patenten ihrer Impfstoffe, sie wollen deswegen unerhörten Gewinn weiterhin machen, schützen also ihr so genanntes geistiges Eigentum. Dabei ist die Impfstoff-Forschung auch von der Allgemeinheit, auch von Steuergeldern, bezahlt worden.
Aber das Eigentum, den Profit, maßen sich die Aktionäre an, es allein genießen zu dürfen. Denn in der kapitalistischen „Ordnung“ ist Eigentum, geistiges Eigentum zumal, absolut heilig. Sogar die Regierung eines ultra-kapitalistischen Landes, die USA, plädieren nun für die Freigabe dieses so genannten geistigen Eigentums „Impfstoff“. Die US-Regierung wünscht, dass die Armen in den armen Ländern doch ein bisschen mehr Impfstoff abbekommen. Anlagen für die Produktion von Impfstoffen könnten – wie schon in Deutschland, siehe Biontech in Marburg – auch in armen Ländern in kurzer Zeit gebaut werden. Aber bisher passiert nichts, die Armen krepieren nun auch noch an Covid 19 usw.und dem reichen Norden ist das Eigentum heilig.

ZU PROUDHON:

Enteignung von Immobilienkonzernen ist momentan ein politisches Thema, nicht nur in Berlin.
Interessant kann in dem Zusammenhang das Studium des äußerst umfangreichen Werkes Pierre – Joseph Proudhons (geboren 1809 in Besancon, gestorben 1865 in Paris) sein, inspirierend aus politischen, ökonomischen und religionskritischen Gründen. Neben Babeuf ist Proudhon wohl der einzige Begründer eines Sozialismus, der als Autodidakt handwerklichen und bäuerlichen Kreisen entstammt.
Wichtiger aber ist: Proudhon ist einer der ersten Denker des 19. Jahrhunderts, der die absolute Gültigkeit des Privateigentums (etwa vertreten durch John Locke im Jahrhundert) kritisiert hat und ablehnt und Alternativen zeigt, die in die Richtung der heute diskutierten COMMONS gehen.

1.
Der französische Philosoph und Ökonom Pierre-Joseph Proudhon (1809 – 1865) ist meist nur wegen seiner These „Eigentum ist Diebstahl“ bekannt. Diese von ihm inhaltlich begründete Erkenntnis wird wie ein Slogan benutzt und nicht in den Kontext des Denkens von Proudhon gestellt. So wird diese Erkenntnis wie eine Waffe gegen ihn verwendet von fanatischen Verteidigern „des“ „heiligen“ Eigentums.
Das Zitat „Eigentum ist Diebstahl“ wurde in Proudhons Schrift „Was ist Eigentum?“ im Jahr 1840 veröffentlicht.
2.
Dass die Auseinandersetzung mit der These „Eigentum ist Diebstahl“ aktuell ist, muss nicht erklärt werden. Auch heute ist die Vorstellung von der Unantastbarkeit, wenn nicht der „Heiligkeit“ des Privateigentums in der kapitalistischen Welt allgemeines Dogma: Weil alles der Logik des Marktes unterworfen werden darf, ist alles für Privatleute wie für international agierende „Firmen“ käuflich und damit in Privat – Eigentum verwandelbar: Gesundheit, Arbeit, Wohnen, Wasser, Wald, also auch die der Menschheit als Menschheit gegebene Natur im ganzen. Einige tausend Menschen wurden und werden bei dieser totalen Käuflichkeit von allem zu erfolgreichen Eigentümern und zu Dollar Milliardären. Diese auf die Weltbevölkerung bezogen verschwindend kleine Minderheit (abgesehen von den hunderttausenden von Dollar Millionären) verfügt in vielen Ländern schon weit über die Hälfte des gesamten Einkommens. Das hat „Financial Times“ berichtet, die ZEIT zitiert: „So ist die Anzahl der Superreichen im Pandemiejahr von 2.000 auf 2.700 weltweit gestiegen. Eines der schillerndsten Beispiele ist der Tesla-Gründer Elon Musk, der 2020 sein persönliches Vermögen von 25 Milliarden auf 150 Milliarden Dollar gesteigert hat. Aber er ist keine Ausnahme. Es gibt mit Amancio Ortega in Spanien (Inditex-Modekonzern), Carlos Slim in Mexiko (Telekommunikation) oder Bernard Arnault in Frankreich (Luxusmode) sogar einzelne Personen, deren individuelle Vermögen mehr als fünf Prozent der Wirtschaftsleistung ihres eigenen Landes ausmachen. Und in Deutschland: So zeigen die Berechnungen der Financial Times, dass die Zahl der Milliardärinnen und Milliardäre hierzulande um 29 auf 136 Personen gestiegen ist. Deren Vermögen sind im Jahr 2020 um mehr als 100 Milliarden Euro oder drei Prozent der Wirtschaftsleistung Deutschlands angewachsen. (Die Zeit, 20.5.2021). Nebenbei: Der mexikanische Milliardär Slim ist enger Freund des katholischen Ordens der Legionäre Christi, der seinerseits über viele Millionen Dollar Eigentum verfügt….
3.
In einer Welt, die die universal geltenden Menschenrechte wenigstens noch verbal anerkennt und faktisch wohl auch manchmal noch durchsetzen möchte, muss die ungleiche Verteilung des Eigentums debattiert und zweifelsfrei auch aufgehoben werden. Heilig ist nicht das Milliardeneigentum einzelner, sondern einzig das voll entfaltete Leben aller Menschen. Diese Erkenntnis ist ethisch korrekt und wahr, sie wird leider eher selten ausgesprochen und debattiert, etwa in Zeiten des Wahlkampfes 2021 gar nicht. Selbst sich noch links nennende Parteien haben Angst vor „Milliardärs-Kritik“.
4.
Diese Angst hatte der Philosoph Proudhon nicht. Eigentum, begrenzt für den persönlichen Gebrauch in der Gestaltung des eigenen Alltags, ist für Proudhon selbstverständlich legitim, zur Entfaltung der einzelnen Menschen kann darauf gar nicht verzichtet werden. Eigentum an Produktionsmitteln ist etwas anderes als Besitz von Dingen des täglichen Bedarfs. Jeder Mensch braucht zum Leben Besitz, Dinge, die den Alltag ermöglichen.
Aber dann fährt Proudhon fort: Maßlos ist das Eigentum einzelner Millionäre, es kann nur zustande gekommen sein als „Diebstahl“, wie Proudhon ausführt, also durch Ausbeutung vieler anderer. Es geht darum: Aus dem Eigentum an Produktionsmitteln maßlosen Profit zu machen, aktuell: ohne für diesen Gewinn bestenfalls nur einen Finger am Computer-Bildschirm krumm zu machen, also ohne persönlich zu arbeiten… dies ist für Proudhon aus ethischen und politischen Gründen verwerflich und zu überwinden. Werte und Eigentum werden nur durch Arbeit geschaffen. Das gilt für alle Menschen: „Dieses Eigentum ist unmöglich, weil es die Verneinung der Gleichheit ist“, betont Proudhon. Der gierige „homo oeconomicus“ (also der ganz aufs Ökonomische und den Profit fixierte Mensch) ist ein „Zerrbild der Menschlichkeit, ebenso wie eine Eigentumsmarktgesellschaft, deren öffentliche Räume zerfallen“ (so der Philosoph Helmut Rittstieg, Artikel „Eigentum“, in: Enzylopädie Philosophie, Band I, S.453).
Noch einmal: Eigentum entsteht für einen Menschen, der sein Geld vermehrt, ohne dabei selbst körperlich arbeiten zu müssen, also etwa vom Geld-Leihen (Zinsen), Eigentum an Immobilien, Fabrik-Besitz, von Spekulationen am Finanzmarkt heute, lebt. Man könnte von einem Einkommen ohne Arbeit, also einem „arbeitslosen Einkommen“, sprechen. „Der Eigentümer erntet, ohne zu säen“, betont Proudhon. Und dieser Geld-Gewinn ist nur möglich, weil andere Menschen von dem Eigentümer ausgebeutet werden.
5.
Proudhon lässt sich in seiner Kritik am Eigentum von der grundlegenden Idee der universalen Gerechtigkeit leiten, Gerechtigkeit steht im Mittelpunkt seiner Argumente ! Sogar der katholische Theologe Henri de Lubac hat sich in seiner Studie „Proudhon et le christianisme“ (Paris 1945) mit dieser zentralsten Idee Proudhons befasst: „Er war nicht weit davon entfernt, die Gerechtigkeit wie ein sakrales Erlebnis zu deuten und die Gerechtigkeit zu lieben wie eine Person“. Proudhon sagt: „Wir, die wir eine dem Menschen eingegebene, „immanente“ Moral zusprechen, wir, die wir wollen, dass Gleichheit und Gerechtigkeit herrschen, wir sind überhaupt keine Atheisten. Wir setzen die Gottheit nur um“ (Carnets, II, 178). D. h.: Wir setzen also an die Stelle des kirchlichen Gottes die Gerechtigkeit. Und schon in seiner Schrift „Was ist Eigentum“, betont er: “Gerechtigkeit als „Gott“, nichts als Gerechtigkeit, das ist das Resumé meines Vortrags“. Dabei spielt die religiöse Überzeugung eine entscheidende Rolle: Proudhon kannte die katholische Kirche und die Theologie seiner Zeit sehr genau. Aufgrund seiner Tätigkeit, schon als Schriftsetzer las er Theologen wie Boussuet, Calmet, Fenelon und andere. Die Bibel in lateinischer Sprache hat er stets bei sich gehabt. Auch das Wörterbuch von Bergier („Dictionnaire théologique de Bergier“) wurde von ihm gelesen. Aber den kirchlichen Glauben an Gott im Jenseits hat Proudhon entschieden abgelehnt, die Kirche erschien als ideologische Stütze der bourgeoisen Eigentums-Fixierung. Aber er lobt die Gestalt Jesu, ist angetan von Jesu Geist der Revolte gegen allen Dogmatismus. Darin eröffnet er eine Tradition religionskritischer Denker, die Jesus von Nazareth aus dem dogmatischen Korsett der Kirche befreien und als ein Vorbild preisen, wie auch später Nietzsche, Agamben usw.
Proudhon betont: “Religion ist für den Menschen, nicht aber der Mensch für die Religion (Kirche) geschaffen“. Sein bedeutendstes Werk heißt „De la Justice dans la Révolution et dans l’Eglise“ (1858; „Die Gerechtigkeit in der Revolution und in der Kirche“). Es wurde von den reaktionären, herrschenden Kreisen als antiklerikales Buch wahrgenommen, Proudhon musste nach Belgien fliehen.
6.
Ob man Proudhon „Atheist“ nennen sollte, ist fraglich, eher würde das Stichwort „radikaler Agnostiker“ und“ Kirchen-Feind“ passen. Denn vom Phänomen des Religiösen kommt er bei aller Fraglichkeit nicht los. Er meine sogar, jede Kirche könnte ein Fragment der einen universalen Religion enthalten. Es ist nicht erstaunlich, dass Proudhon sich in einer Freimaurer Loge wohlfühlen wollte, 1847 wurde er in der Loge der „Sincérité, Parfaite Union et Constante Amitié, Orient de Besançon“ aufgenommen.
7.
Wenn Eigentum unter dem Maßstab universaler Gerechtigkeit steht, muss also das Eigentum verteilt werden. Das Eigentum an Grund und Boden muss in der Verfügung der staatlichen Gemeinden bleiben, die den Grund und Boden befristet den Pächtern übergeben.
Proudhon hat als Ziel seiner Kritik alles andere als den Kommunismus (marxistischer Prägung) vor Augen: Wenn im Kapitalismus die wenigen Starken mit ihrem Eigentum die vielen Schwachen ausbeuten, so dreht sich im Kommunismus das Ganze bloß um: „Der Kommunismus ist die Ausbeutung der wenigen Starken (Enteignungen) durch die vielen Schwachen (unter Führung einer zentralistischen Partei)“. Deswegen kam es auch 1847 nach ersten Anzeichen von Sympathie von Karl Marx für Proudhon zu einem Zerwürfnis zwischen beiden. Proudhon wird also eher der „anarchistischen“ Tradition zugerechnet. Im Russland des 19. Jahrhunderts spielte er eine inspirierende Rolle, etwa bei Tolstoi oder Dostojewski (siehe Fußnote 1) Bakunin war den Ideen Proudhons eng verbunden. Proudhon wird zurecht der „anarchistischen Bewegung“ zugerechnet, weil er die staatliche Herrschaft und Macht durch ein vertraglich festgelegtes Netzwerk gesellschaftlicher Organisationen ersetzen wollte.
8.
Proudhon setzt im Unterschied zu den Marxisten-Kommunisten auf radikale Reformen, und dabei suchte er nach alternativen Konzepten. Der die Produktionsmittel Besitzende soll dann nur über so viel verfügen dürfen, wie er selbst für sich bzw. seine Familie braucht. Viele dieser nur noch besitzenden Produzenten sollen dann im Austausch miteinander arbeiten; sie sind nicht einander Konkurrenten oder gar Feinde. Der Gedanke der wechselseitigen, gegenseitigen Hilfe („Mutuellisme“) ohne eine allmächtige Zentralregierung war für Proudhon zentral. Von der Diktatur einer Klasse, etwa der Proletarier, hielt er gar nichts. Er wollte das System, in dem sich der Eigentümer von der Arbeit fremder Arbeiter bereichert, unterbrechen und abbrechen. 1849 gründete Proudhon eine „Banque Populaire“, also eine „Volksbank“, sie sollte zinslose Kredite an Arbeiter gewähren. 1848 wurde Proudhon als Sozialist in die Nationalversammlung gewählt. Als Kritiker Napoléon Bonapartes musste Proudhon viele Jahre im Gefängnis verbringen.
9.
Proudhon hat also in der politischen Debatte und der Suche nach einem „dritten Weg“ zwischen Kapitalismus und Kommunismus eine gewisse Rolle gespielt. Für religionsphilosophisch Interessierte lohnt sich die Auseinandersetzung mit seiner Beziehung zur katholischen Kirche seit der Kindheit, und vor allem zu seiner religiös geprägten Vorstellung von Gerechtigkeit und Gleichheit.

Zu diesen und anderen zentralen Ideen Proudhons hat die „Société P.-J.Proudhon“ in F- 72320 Courgenard hervorragende Studien als PDF-Dateien gratis zur Verfügung gestellt. (https://www.proudhon.net/)

10.
Es wäre eine weitere Arbeit zu zeigen, wie die von Sozialisten, Anarchisten und Kommunisten angestoßenen Debatten über das Privateigentum auch gewisse sanfte lehramtliche Veränderungen in der katholischen Kirche bewirkt haben. Da wird gelegentlich das Gemeinwohl über das Recht auf Privateigentum gestellt, so im § 2403 des offiziellen katholischen Katechismus von 1993. Im § 2406 heißt es noch sehr allgemein und vorsichtig: „Die staatliche Gewalt hat das Recht und die Pflicht, zugunsten des Gemeinwohls die rechtmäßige Ausübung des Eigentumsrechtes zu regeln“… Wohlgemerkt: Es geht um rechtmäßige Ausübung, nicht um gerechte Ausübung des Eigentumsrechtes! Man bedenke, dass in dem noch bis ca. 1960 üblichen Handbuch katholische Moraltheologie“ von Heribert Jone (15. Auflage 1953) unter Verweis auf das Naturrecht der „gemeinsame (!) Besitz der irdischen Glücksgüter viele Unzuträglichkeiten“ nach sich ziehen würde (S. 204). Und weiter heißt es dann: „Demnach sind die Lehren …der Sozialisten und Kommunisten falsch“. Aber immerhin: „Nur in äußerster Not darf sich jedermann etwas von den Gütern des anderen aneignen“! (ebd.). Dies gilt nur in „äußerster Not“, nicht etwa allgemein schon in schwerer Not“, wie in § 331 betont wird….Jedoch: “Güter von geringem Wert aber dürfe sich ein Armer aneignen, wenn er sich so leicht aus schwerer Not erretten könnte und auf Bitten nichts erhalten würde“. Wenn aber sehr viele Arme sich Güter aneignen, dann könnte ja vielleicht eine kleine Revolution passieren oder? Daran denkt der Autor, der Kapuzinerpater Jone, nicht…
Es gibt darüber hinaus noch reaktionäre katholische Kreise, die sich unter dem Titel der internationalen „Bewegung für Tradition, Familie, Privateigentum“ zusammenfinden. Diese Bewegung wurde von dem Brasilianer Plinio Correa de Oliveira begründet, sie hat in Deutschland ihre Zentrale in Bad Homburg (Leitung: Martin von Gersdorff). LINK in dem Beitrag „Das reaktionäre Christentum der AFD… dort das 5. Kapitel.

Von anderer Seite kann man sich dem Thema Eigentum nähern: Über die Bedeutung des Verzichtens als Tugend, LINK

Fußnote 1:
Zur Beziehung Tolstois zu Proudhon:
Schon 1857 las Tolstoi Werke Proudhons, wahrscheinlich „Was ist Eigentum“. Die Notizen Tolstois aus der damaligen Zeit beweisen einen Einfluß Proudhons auf Tolstoi.

„Anfang 1862 wich Tolstoi auf einer Reise nach Westeuropa von seiner geplanten Route ab, um in Brüssel Proudhon zu besuchen. Sie sprachen über Erziehung – womit er sich damals sehr beschäftigte -, und Tolstoi erinnerte sich später, dass Proudhon „der einzige Mensch war, der in unserer Zeit die Bedeutung des öffentlichen Erziehungswesens und der Presse verstand“. Sie unterhielten sich auch über Proudhons Buch „La guerre et la paix“ , „Der Krieg und der Frieden“, das bei Tolstois Besuch kurz vor der Vollendung stand; es besteht wenig Zweifel, dass Tolstoi wesentlich mehr als nur den Titel seines größten Romans von dieser Abhandlung übernahm, in der argumentiert wird, dass die Entstehung und die Entwicklung des Krieges eher in der Psyche der Gesellschaft zu suchen seien als in den Entscheidungen politischer und militärischer Führer“.
Quelle: https://www.anarchismus.at/anarchistische-klassiker/leo-tolstoi/8124-george-woodcock-leo-tolstoi-ein-gewaltfreier-anarchist

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Die siebente „unerhörte Frage“: Haben politische Einsichten eines Philosophen des 17. Jahrhunderts eine aktuelle Bedeutung?

Francis Bacon: „Aberglaube (und Verschwörungstheorien) sind verheerend für den Staat“.

Ein Hinweis von Christian Modehn.

1.
„Der Aberglaube bringt Verstand, Philosophie, natürliches Gefühl, Recht und Achtung auf den guten Namen zum Schweigen“. Dadurch verhindert der Aberglaube ein menschenwürdiges Leben. „Aberglaube beherrscht dann allein und unumschränkt die menschlichen Gemüter“. Der Philosoph Francis Bacon, (1561-1626), bekannt vor allem als Philosoph der Natur und der Empirie, hat vor den Verirrungen des Aberglaubens gewarnt, den er, aus seiner Sicht damals, als viel verhängnisvoller deutete für das menschliche Zusammenleben als den Atheismus.
2.
Unter Aberglauben verstand Bacon vor allem einen wahnhaften religiösen Glauben, aber auch verrückte Ideologien, die man heute Verschwörungstheorien nennt. Im 15. seiner „Essays“ (von 1625) spricht er über „Aufstände und öffentliche Unruhen“, dabei betont er, dass „Schmähschriften und zügellose Reden“ sowie „Gerüchte“ zu den öffentlichen Unruhen führen“, also in seiner Sicht zum Chaos (in: Essays, Leipzig, 1979, S. 55). Gerüchte als Verschwörungstheorien deutet bereits der römische Dichter Vergil (70 vor Chr. -19 nach Chr.) als „Vorläufer kommender Aufstände“, betont Bacon. „Aufrührerische Tumulte und aufrührerische Gerüchte lassen sich gar nicht unterscheiden“. (S.56).
Erstaunlicherweise empfiehlt Bacon nicht eine „allzu strenge Unterdrückung“ der Gerüchte; er wehrt sich gegen allzu häufiges Agieren, die das Ziel hat, den inneren sozialen Frieden zu bewahren. Bacon meint hingegen, wenn man sich zu intensiv um die Unterdrückung der Gerüchte bemüht, „sind diese Gerüchte von erstaunlich langer Lebensdauer“ (S. 56).
In die Gegenwart übersetzt: Das allzu häufige Sprechen, zum Beispiel über die AFD, die Reichsbürger etc. stärkt wohl eher noch das „Ansehen“ dieser rechtsextremen Kreise. Die AFD ist eine Partei, für die sich nur ca. 10 Prozent der Wähler entscheiden, da ist übermäßiges Reden mit denen nicht so hilfreich, was aber auch nicht heißt, dass Fakten freigelegt werden müssen.
3.
Bacon nennt Beispiele übler Verschwörungstheorien, er erinnert etwa an den berühmten Religionsphilosophen Plutarch, (45 – 125 n. Chr.) Von ihm behaupteten Verschwörungstheoretiker damals, er verzehre seine Kinder gleich nach der Geburt. (Francis Bacon, Essays, Leipzig, 1979, S. 70). Nebenbei: Plutarch hat eine Studie über den Aberglauben veröffentlicht…
Interessant ist, dass Francis Bacon neben anderen eine Ursache für den Aberglauben (und Verschwörungstheorien) nennt: “Es sind schließlich barbarische, namentlich mit Elend und Ungemacht verbundene Zeitalter“ (Ebd., S .71).
Und man glaubt förmlich Verbindungen zur Gegenwart der verbrecherischen Verschwörungstheorien (und der entsprechenden Praktiken!) zu lesen, wenn Bacon schreibt: „Der Aberglaube (auch die Verschwörungstheorien) hat den Sturz manches Staates herbeigeführt, weil er eine neue Urkraft darstellt, die verheerend den ganzen Staatskörper überfällt. Beim Aberglauben gibt das Volk den Ton an, und in diesem Punkte folgen Weise den Toren nach, und in verkehrter Reihenfolge passen sich die Vernunftgründe hinterher der Praxis an“ (Ebd. S.70).
4.
In dem leider nicht vollendeten Essay „Über Gerüchte“ (S. 244ff.) schreibt er: „Jedenfalls ist nicht zu leugnen, dass Rebellen und aufrührerische Gerüchte und Schmähreden zueinander gehören wie Brüder und Schwestern“ (S. 244). „Das Gerücht verfügt über eine solche Macht, dass kaum eine bedeutende Handlung vor sich geht, woran es nicht einen großen Anteil hat, zumal im Kriege“ (S. 245)
5.
Bacon war zu seiner Zeit sicher ein getreuer Anhänger des Absolutismus, seine Warnungen vor Aberglauben, Verschwörungstheorien und Gerüchten müssen in dem Zusammenhang gesehen werden. Aber er „lehnt jede königliche Diktatur und Tyrannei ab. Auch der König sei dem Ganzen verpflichtet und dürfe nicht das Gleichgewicht im Staate durch willkürliche Maßnahmen stören“ (S. 261, in dem Beitrag von Walter Apelt). Für Bacon gibt es also keine fürstliche „Allgewalt“.
6.
Weil Bacon eine universale humane Ordnung vor Augen hatte, sind seine Warnungen vor der Macht des Aberglaubens, der Gerüchte und Verschwörungstheorien durchaus auch heute ernst zu nehmen.

Die „Essays“ von Francis Bacon gibt es in deutscher Sprache in unterschiedlichen Verlagen.Ich zitiere nach der vollständigen Ausgabe der „Dietrichschen Verlagsbuchhandlung“ in Leipzig, 4. Aufl., 1979, das Buch, in feiner Ausstattung, gebunden, 284 Seiten, hatte den erstaunlichen Preis von 6,15 DDR-Mark.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Macron – ein Revolutionär?

Zu einem neuen Buch von Joseph de Weck

Ein Hinweis von Christian Modehn am 26.7.2021

1.
Der Untertitel des Buches „Emmanuel Macron“ zeigt von vornherein die Richtung, es geht um einen „revolutionären Präsidenten“. Autor dieses Essays, das rechtzeitig vor der Präsidentschaftswahl 2022 erscheint, ist der in Paris lebende Politologe Joseph de Weck (Jahrgang 1986). Herrscht also, 232 Jahre nach dem Beginn der Französischen Revolution, tatsächlich ein „Revolutionär“ an der obersten, äußerst mächtigen Spitze der Republik? Macron sieht sich in einem geradezu übermäßigen Anspruch, aber er kann nicht die neue Revolution vollbringen, die Bürger folgen ihm nicht… und die Europäer – bis jetzt – auch nicht. So ist die Macht des sehr energischen und sehr selbstbewussten Emmanuel Macron doch begrenzt, immer wieder gestört von den eigensinnigen Bürgern, wie etwa der berühmten Protest-Bewegung der „Gelbwesten“. Macron will ganz entschlossen, nach der Beurteilung des Politologen, die zerrissene, „gespaltene“ (S. 180) und deswegen widersprüchliche Nation Frankreich nicht etwa nur regieren, er will sie versöhnen. Ein Mammutprojekt, denn gespalten ist die Nation spätestens seit 1789. Die BürgerInnen Frankreichs sind, ohne in Klischees zu verfallen, oft sehr aufmüpfig und sozusagen ständig streikbereit, Kompromisse fallen schwer, dabei „im letzten“, was die Stabilität ihres Lebens zumal auf dem Lande betrifft, doch „sehr konservativ“ (S. 166). Macron, der Präsident will diese seine Nation versöhnen, und gleichzeitig Europa in der Gestalt der E.U. als geistige wie ökonomische Macht entwickeln und verteidigen. Seine europäische Führerrolle wird wohl nach dem Ende der Ära Merkel noch deutlicher werden. Macron ist wohl DER europäische Politiker heute und zweifellos auch nach 2022, wenn „es denn klappt“, und sich Macron gegen die sehr rechtslastige Marine Le Pen (Parteiführerin von „Rassemblement National“) durchsetzt…
2.
Es ist auch bezeichnend für das ausgeprägte Selbstbewusstsein Macrons, dass er als Titel für seine politische Programmschrift schon im November 2016, also kurz vor seiner Wahl, schlicht und unbescheiden „Revolution“ wählte. In der Taschenbuchausgabe 2017 steht der etwas milder stimmende Untertitel „Reconcilier la France“, „Frankreich versöhnen“. Keine leichte Aufgabe: „Frankreich ist im Grunde eine Gesellschaft von Anarchisten“, heißt das sehr provozierende Urteil de Wecks (S. 36), und er bezieht sich dabei auf das bekannte Zitat von de Gaulle, der daran (ver)zweifelte ein Land zu regieren, „in dem es 258 Käsesorten gibt“ (ebd.).
Joseph de Weck bezieht sich oft auf dieses „Revolutions-Buch“ von Macron. Und zeigt, dass tatsächlich die Versöhnung des in sich zerstrittenen, ideologisch wie sozialpolitisch zerrissenen Frankreich die oberste, aber äußerst schwierige Projekt des jungen Staatspräsidenten (geboren am 21. 12.1977 in Amiens) ist.
De Wecks Buch bietet keine ausführliche, chronologisch geordnete Biographie des Staatspräsidenten, nur elementare Informationen werden dazu geboten, etwa auch zu seiner Ehe (Heirat 2007!) mit seiner früheren Lehrerin Brigitte Auzière im Gymnasium der Jesuiten in Amiens (S. 23 f.).
Im ganzen stellt der Autor den Präsidenten Macron in den Kontext der aktuellen politischen, ökonomischen und sozialen Verhältnisse. Damit werden viele Leserinnen in Deutschland zugleich wichtige Hintergrundinformationen zu der doch eher unbekannten, wenn nicht fremden Nation in der Nachbarschaft geboten.
3.
Ich nenne nur einige zentrale Stichworte, die im Essay dargestellt werden:
Macron will explizit im Auftreten, Reden, Handeln ein großer, ein intellektueller Staatsmann sein, der sich gern mit de Gaulle und dem Sozialisten Mitterrand vergleicht. Macron ist sich seiner Bedeutung sehr bewusst und er zeigt das.
Er ist verglichen mit anderen PolitikerInnen in Europa tatsächlich ein intellektueller Staatspräsident, mit einer tieferen Kenntnis der Philosophie und Literatur, seine Reden und Ansprachen haben oft den Charakter philosophischer Reflexion. PolitikerInnen in der europäischen Nachbarschaft oder in den Büros der E.U. zeigen in ihren intellektuell dürftigen Reden eher ihren eigenen, eher technokratischen Charakter.
Das ist der Anspruch: Macron will eine Politik gestalten, die weder rechts noch links ist. Dafür gibt es viele Beispiele: Er fördert die Wohlhabenden in der Steuerpolitik und erhöht aber auch die Rente der Armen ein bisschen. Er fördert die Bildung und reduziert die Klassengröße in „sozial prekären Vierteln“ auf 12 SchülerInnen. Das Gehalt der Lehrer, die es in diesen Problemgegenden aushalten, erhöht er um 3.000 Euro jährlich (S. 90).
4.
So sehr auch manche Reformen für die „einfachen Leute“ wichtig sind: Die Kritik gerade von Seiten der Linken ist heftig (S. 96). Joseph de Weck schreibt: “Ein Teil der Bevölkerung hasst den Präsidenten Macron richtig gehend, heftiger noch als Sarkozy“ (S. 159). Warum? Weil er in der Sicht der Linken doch letztlich eine Politik zugunsten der Reichen macht, selbst wenn er sich dialogfreundlich etwa mit den „Gelbwesten“ unterhält. Die Rechten und die Reaktionären, auch viele Katholiken, verachten ihn, weil er die „Ehe für alle“, also die Ehe für homosexuelle Paare, eingeführt hat. Bezeichnend ist, dass Macron mit dem niederländischen rechtsliberalen und neoliberalen Ministerpräsidenten Mark Rutte befreundet ist (S. 128).
5.
Im Ganzen ist „Macrons Image noch immer nicht fixiert“, (s. 185), viele Beobachter betonen: Man kann Macron nicht definieren, er entzieht sich förmlich einer Festlegung. Die Linken sehen das anders, wie etwa der inzwischen viel gerühmte Autor Eduard Louis (S. 163). Louis beschwerte sich sogar darüber, dass sein autobiographischer Roman „Wer hat meinen Vater umgebracht“ im Präsidentenpalast gelesen wird. Per Tweet schrieb Louis an Macron: “Sehen Sie davon ab, mich zu benutzen, um die Gewalt (des Staates gegen ausgegrenzte, arm gemachte Bürger, CM) zu maskieren, die Sie ausüben und inkarnieren…“ Worte, die de Weck eher peinlich findet… Und er schreibt weiter: „Obwohl (der tatsächlich weltberühmte linke Ökonom, CM) Thomas Piketty ähnlich denkt wie Macron, jedenfalls in Sachen Weltwirtschafts – und Europapolitik, sucht Macorn nicht die Nähe zu diesem Starökonomen“ (S. 163). Macron ist eben kein Linker, wer es immer noch weiß! Er verteidigt die „Meritokratie“ (S. 164), also das liberale (auch FDP) Motto: Leistung und viel Arbeit lohnt sich, sie erst macht aus einem Menschen einen wertvollen Menschen…
6.
Es ist auch klar, dass sich Macron einigen Thesen von Marine Le Pen angepasst hat, gerade hinsichtlich der Flüchtlingspolitik. Ihm geht es darum, Stimmen aus dem sehr konservativen Lager bei der Wahl 2022 zu sammeln, damit er stärker wird als die rechtsextreme Politikerin Le Pen. Auf die Stimmen der Linken kann Macron im zweiten, entscheidenden Wahlgang gegen Le Pen nicht zählen. Aber noch ist vieles offen und vielleicht passiert ein Wunder und die zerstrittenen Linken vertragen sich und einigen sich auf einen gemeinsamen Kandidaten bzw. eine Kandidatin.
7.
Natürlich kann der Essay von Joseph de Weck nicht alle relevanten Aspekte zu Macron und Frankreich heute ansprechen. Ich hätte mir trotzdem mehr Informationen gewünscht zu der typisch französischen Laicité, die de Weck komischerweise einmal falsch mit „laizistisch“ übersetzt (S. 167). Und die Bedeutung Macrons als Philosoph und Ricoeur – Schüler wird meines Erachtens vom Autor etwas übertrieben. LINK Und auch dies: „Gottesdiensten bleibt (der getaufte Katholik) Macron grundsätzlich fern“, schreibt de Weck auf S.18. Mag ja sein. Aber mit den Katholiken will der Katholik Macron, der Jesuitenschüler, letztlich doch in gutem Einvernehmen sein. Kürzlich besuchte er als erster Präsident überhaupt im Juli 2021 den Marienwallfahrtsort Lourdes… Natürlich offiziell nicht als Pilger, sondern als besorgter Politiker. Aber diese Visite fand nach der Veröffentlichung des Buches statt. Immerhin aber hat Macron im Juni 2018 Papst Franziskus im Vatikan zu einem einstündigen, offenbar sehr herzlichen Gespräch getroffen, er wurde zum Ehrenkanonikus der Basilika St. Johannes im Lateran ernannt, gemäß einer alten Tradition. Und noch am 21.3. 2021 hat Macron und der Papst telefoniert. Dabei gratulierte der Präsident Papst Franziskus für seine Reise in den Irak. Schwieriger gestaltet sich der Umgang Macrons mit „den“ Muslimen, sein Innenminister bezeichnete pauschal den „Islam als Problem“…Ein neues Laicité-Gesetz soll die Muslime auffordern, sich eindeutig zu den Werten der Republik theoretisch wie praktisch zu bekennen. LINK
Die Laicité, die ständig viel besprochene Trennung von Religionen und Staat, wird heute neu bestimmt im Blick auf die Muslime und ihre Gemeinden. Macron will die Integration fördern, viele meinen, es handle sich eher um eine Assimilierung „des“ Islams an die französische Republik. Deswegen schwärmt die rechtsextreme Politikerin Marine Le Pen auch von der Laicité, weil sie darin ein Instrument entdeckt hat, „die“ Muslime in Frankreich einzugrenzen mit einer Art „Nicht -Willlkommens – Unkultur“. Marine Le Pens Vater war und ist stärker antisemitisch orientiert, die Tochter als Parteiführerin ist geradezu judenfreundlich, ihre ganze Abneigung gilt nun dem Islam.
Leider wird in politischen oder soziologischen journalistischen Essays viel zu wenig die nach wie vor aktuelle Bedeutung der Religionen in Europa dokumentiert und diskutiert…
8.
Ansätze für eine politisch-theologische Vertiefung bietet de Weck, etwa auf Seite 71. Er erinnert an die sakral anmutende Inszenierung Macrons im Louvre zu Beginn seiner Präsidentschaft, er weist auf einen gewissen Heldenkult hin (sozusagen säkulare Heiligenverehrung?) und vor allem: Macron ist durchaus mit dem Gedanken vertraut, dass Franzosen manchmal eine „Praxis der religiösen Überhöhung der Republik“ (Seite 71) suchen und pflegen.
Wird dann der Präsident der Republik zu einem säkular-heiligen Nachfolger unter den Königen? Bloß: Welcher Bischof würde ihn, den Präsidentenkönig, dann salben etc.?
Fest steht: So ganz wird die säkulare, wenn nicht jetzt bereits tief säkularisierte, also auch durchaus a-kirchliche bzw. anti-kirchliche französische Gesellschaft (nur noch ca. 32 Prozent nennen sich jetzt laut Umfragen katholisch (Quelle: Le Point, 23.5.2019) dann doch nicht die Verbindungen zu einer gewissen Transzendenz los… Etwas Göttliches verschwindet offenbar nicht. Aber vielleicht verbergen sich hinter dem säkular Göttlichen doch nur Götzen?
9.
Nur ein kleiner Korrekturvorschag für die 2. Auflage: Evreux ist wahrlich, wie de Weck behauptet, keine „Pariser Vorstadt“, (S. 165), sondern Sitz der Präfektur des Départements Eure. Evreux ist 98 Km von Paris entfernt…

Joseph de Weck, Emmanuel Macron. Der revolutionäre Präsident. Weltkiosk-Verlag London-Berlin, 2021, 201 Seiten, 20 Euro.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Gleichgültig leben: Ein Verbrechen oder eine Tugend?

Ein Hinweis von Christian Modehn am 17.Juli 2021

1.
Gert Scobel, Wissenschaftsjournalist und Philosoph, spricht in dem neuen Buch, einem Dialog mit dem Philosophen Markus Gabriel (Titel: „Zwischen Gut und Böse“) auch von der Gleichgültigkeit als einem ethischen Problem und als einer politischen Herausforderung. Im Anschluss an den Roman von Albert Camus „Der Fall“ deutet Scobel Gleichgültigkeit als eine Haltung, in der ein Mensch die Not und Todesgefahr eines anderen übersieht. Der Protagonist im Roman, „Clemens“, erzählt, dass er den Hilferuf eines Ertrinkenden in der Seine (Paris) ignorierte und dem Sterbenden nicht zu Hilfe kam.
Gert Scobel schreibt (S. 221): „Wir sind dem nichtspringenden, andere nichtrettenden, gleichgültigen Menschen näher denn je. Es geht, platt gesagt, genau darum: Springe ich jetzt, rette ich das Kind, nehme ich ertrinkende Flüchtlinge an Bord, auch an Bord der EU, oder lässt mich das völlig kalt?“
Scobels Dialogpartner, Markus Gabriel, stimmt dem zu. Er hält „den Umgang mit ertrinkenden Menschen an unseren Außengrenzen für ein Beispiel des Bösen“ (S. 222). Die von Scobel genannte Gleichgültigkeit ist also für den Philosophen Gabriel „Ausdruck des Bösen“, es ist sogar „das radikal Böse, es findet nicht immer nur anderswo, sondern weiterhin unter uns und in uns statt“ (ebd.).
Bemerkenswert ist, dass sich vorher die beiden Gesprächspartner der Einsicht von Hannah Arendt angeschlossen hatten, dass es das „radikale Böse“ eigentlich nicht gibt (S. 218). Nun aber spricht Gabriel (S.222) doch davon, dass es das radikal Böse gibt. Auf solche Feinheiten (Widersprüche?) will ich hier nicht eingehen, Gabriel meint wohl, vermute ich, es gebe etwas ungeheuerliches, grausames Böses…
Was die beiden Philosophen da sagen, ist bekannt, aber eine Erkenntnis wird vielleicht beimanchen LeserInnen dadurch unterstützt, wenn zwei „Prominente“ diese Erkenntnis formulieren….Leider unterlassen es beide Autoren, die Parteien und die Politiker in Deutschland oder etwa in Frankreich und Italien beim Namen zu nennen, die „dieses radikal Böse“ korrekt finden und verteidigen. Und es sollte bei diesem „radikal Bösen“ als unterlassener Hilfeleistung nicht nur ans Sterben von Flüchtlingen im Mittelmeer gedacht werden. Auch an das Zusehen der sich human nennenden Menschheit beim Krepierenden der vielen tausend Hungernden jetzt wegen der Dürre (Mitte Juli 2021) im Süden von Madagaskar ist eine Schande… Die Klimakatastrophe ist bekanntlich von der reichen Welt, Europa, Asien, USA usw. verursacht, nicht etwa von Afrika.
2.
Gleichgültigkeit als „das größte Verbrechen“ zu bezeichnen, hat philosophisch durchaus eine gewisse Tradition. Ich denke nur an André Glucksman, der in Berlin 2008 sagte: „Ich glaube, das größte Verbrechen – das ist jetzt nicht von mir, das ist eine Idee, die ich schon immer hatte, die ich aber glücklicherweise von Hermann Broch formuliert fand –, das größte Verbrechen ist das Verbrechen der Gleichgültigkeit. Es gibt ein Verbrechen, das die Verbrechen der Nationalsozialisten erst möglich gemacht hat und deswegen wichtiger ist, ja eigentlich entscheidend: das Verbrechen der Gleichgültigkeit. Und an dieser Schuld tragen alle Europäer“.
LINK
3.
Zurück zu Ertrinkenden im Mittelmeer. Dieses Sterben zuzulassen, ist ja nur ein Beispiel für viele Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die heute vor unser aller Augen getan werden.
Aber wie sind die Reaktionen der meisten Menschen, die im Fernsehen Bilder von ertrinkenden Flüchtlingen im Mittelmeer sehen? Manche erschrecken, einige wenige zittern kurz vor Scham, andere, vielleicht die meisten, zucken mit den Schultern und widmen sich den gleich folgenden Bildern in den TV – Nachrichten, etwa dem Stand der Aktien oder dem „Verkauf“ eines berühmten Fußballstars von einer Mannschaft zur nächsten. Die Bilder der Ertrinkenden in der Ferne, übermittelt durch das Fern-Sehen, berühren nicht, bewegen nicht, sie lassen die meisten nicht zum kritischen Denken und politischen humanen Handeln kommen.
4.
Gert Scobel weist darauf hin, dass „die Bürokratie, diese Herrschaft des Niemand, wie Hannah Arendt sie nennt“ es direkt zulässt, dass Flüchtlinge ertrinken (S. 223). Bürokraten „vor Ort“ tun dabei nur das Vorgeschriebene, das von „oben“ (von der EU) Bestimmte, sie sind also nur ausführende Organe, im eigenen Selbstverständnis schuldlos gegenüber allem, was sie auf Weisung von oben tun oder eben nicht tun. Sie sind als nichts als gehorsame Bürokraten und in einer gleichgültigen Stimmung: Individuell tut ihnen ein ertrinkender Mensch vielleicht leid, aber: Befehl ist Befehl. Man kennt diese Argumente der Gleichgültigen aus anderen Zusammenhängen, etwa von KZ-Aufsehern etc.
5.
Über das, was Scobel/Gabriel in dem Buch andeuten, hinausgehend: Es ist interessant, dass dem politisch rechten bzw. rechtsextremen Denken verpflichtete Leute häufig ziemlich pauschal „die griechische“ oder gar die „heidnische“ Philosophie preisen, weil diese – so wird pauschal behauptet – den universellen Wert der Menschenwürde aller Menschen nicht kannte. Das finden rechtsextreme Politiker und deren Ideologen aktuell und anregend. Unterstellt wird also, es hätte in der griechischen Philosophie so pauschal durchaus eine auch ethische Gleichgültigkeit gegenüber bestimmten Menschen gegeben…
Auf das Heidentum (das auch „der“ griechischen Philosophie unterstellt wird) hat sich einer der führenden französischen Meisterdenker rechtsextremer Philosophie, Alain de Benoist (z.Z. gibt er sich „moderat“) bezogen. Etwa in seinem Beitrag „Gleichheitslehre, Weltanschauung und Moral“, (in: „Das unvergängliche Erbe“, hg. Pierre Krebs, 1981). Daraus nur zwei zentrale Zitate: “Es wäre ja ungerecht, wenn alle Menschen eine Seele hätten…Der allein kann sich eine Seele geben, der Herr seiner selbst ist“ (S. 96). Und: „Alle wertvollen (sic) Menschen sind Brüder, ungeachtet ihrer Rasse, ihres Landes, der Zeit, in der sie leben“ (S. 105).
6.
Wie aber sieht eine differenzierte Beurteilung aus? Tatsache ist zunächst: In einigen Schulen der griechischen Philosophie wurde die Gleichgültigkeit als Indifferenz des einzelnen Menschen gegenüber Dingen der äußeren Welt durchaus positiv bewertet.
Die Gleichgültigkeit etwa der philosophischen Schule STOA in Griechenland und später in Rom bezieht sich auf die innere Lebensorientierung eines einzelnen Menschen im Umgang mit den Dingen, die in der Welt wertvoll erachtet werden. Der stoische Philosoph Seneca etwa weiß, dass Ansehen und Reichtum und Einfluss und Macht einen solchen Einfluss auf den Menschen ausüben können, dass er von ihnen abhängig wird und ihnen gehorcht. Gegenüber diesen Werten bzw. Unwerten eines veräußerlichten Wohlergehens heißt es Widerstand zu leisten, Nein zu sagen, um der eigenen inneren geistigen Entwicklung und Freiheit willen. Nur im Abstandnehmen von den genannten Werten findet der Mensch die innere Seelenruhe, die ataraxia. Diesen Dingen und Werten bzw. Unwerten soll der einzelne Mensch gleichgültig gegenüberstehen, darauf komm es an: Also ohne leidenschaftliches Interesse, ohne Begeisterung leben, wenn denn einem Mensch Reichtum geschenkt wird, wenn er Macht ausüben muss, dann soll der Weise, der Philosoph, mit diesen Verhältnissen so umgehen, als er wäre er darin nicht verwickelt. Der Mensch sollte also in einer „Als-Ob“ Haltung denken und leben, d.h. so leben, „als ob“ er bloß reich wäre, also in innerer Distanz. Hingegen soll der Geist, die Seele, in ihrer „Gleichgültigkeit“ gepflegt werden auch in einer Situation, nur „als ob“ man reich wäre. Die Pflege der Seele hat völligen Vorrang vor der Pflege des Reichtums. „Kann einem auch Geld geraubt werden der freie Wille kann nicht geraubt werden. Die gleichgültigen Dinge sollen deshalb kein Mitspracherecht über die Seele besitzen, damit der Mensch nicht ihr Sklave wird, sondern frei bleibt“ (Dominik Terstriep, Indifferenz, EOS Verlag, 2009, S.92).
7.
Aber, und das ist wichtig; Die Lehre von der Indifferenz, der Gleichgültigkeit, hat etwa in der Stoa ihre Grenze in der Beziehung des einzelnen zu anderen und damit zur Politik. Denn durch seine Vernunft ist der Mensch mit allen anderen verbunden, und das bedeutet: Der Mensch ist wesentlich, „von Natur aus“, auf ein Leben in der Gemeinschaft angelegt. Zu seiner Stadt „gehören alle Menschen, gleich welcher sozialen Herkunft und Nationalität sie sein mögen: Alle sind Brüder, da sie alle Vernunft besitzen und dazu bestimmt sind, die Tugend zu üben“ (Charles Werner, Die Philosophie der Griechen, Freiburg 1966, S. 196). Auch Seneca (der Jüngere) hat in seinen Briefen „Epistula Morales“ (verfasst 62 bis 64) die universale Menschenwürde beschrieben, vor allem im Blick auf die Sklaverei. Sklaven sind auch Menschen, könnte man diese Position zusammenfassen, die natürlich noch nicht an die moderne Definition der auch rechtlich einklagbaren Menschenrechte heranreicht.
In jedem Fall wird deutlich: Die (neu)rechten und rechtsradikalen Verteidiger ihrer Gleichgültigkeit als Form ihrer Inhumanität gegenüber den „anderen“, den Fremden, den Flüchtlingen im Mittelmeer usw. können sich nicht auf “die“ in ihrer Sicht so vorbildlichen heidnischen griechischen Philosophen berufen. Gleichgültigkeit gegenüber anderen Menschen als Missachtung von deren Würde passt nicht in eine Gesellschaft und in Staaten, die noch den Namen menschlich beanspruchen.
8.
Die rechte und rechtsextreme Abwehr der Hilfe und Aufnahme von Fremden und Flüchtlingen gibt sich seit einiger ein vornehmes, „bürgerliches“ Gesicht oder„Maske“. Führende AFD Politikerinnen wie Alice Weidel oder die Führerin des „Rassemblement National“ (zuvor Front National), Marine Le Pen, erklären wie gewohnt übereinstimmend: Bootsflüchtlinge müssen im Mittelmeer so behandelt werden, dass ihre Boote wieder beim Ausgangspunkt, einem Hafen in Libyen, landen. Was zwischendurch auf dem Meer mit den Flüchtlingen ist ohne Interesse für rechtsradikale PolitikerInnen. Mit dieser menschenverachtenden Haltung verbindet sich bei diesen Rechtsradikalen immer eine Verteufelung der Rettungsschiffe, die von humanitären NGOs (etwa „SOS Mediterranée“) betrieben werden. Bester Ausdruck für dieses Verständnis von Humanität, die nur dem eigenen „Volksgenossen“ gilt hat der Potsdamer AFD Abgeordnete Sebastian Olbrich geliefert, als er im Parlament im Blick auf die Flüchtlingshilfe sagte: „Meine Familie und ich selbst helfen eben den Menschen, wo sie auch wohnen“, also den Deutschen in der deutschen Nachbarschaft. LINK
9.
Die Gleichgültigkeit (bzw. die Indifferenz) kann sich als neue rechte und rechtsextreme Untugend nicht auf die Philosophie der Stoa berufen. Aber das bedeutet gleichzeitig: es gibt faktisch weit verbreitet die Untugend der Gleichgültigkeit auch heute. Es gibt das politisch indirekt wohl auch gewollte Ertrinkenlassen und Sterbenlassen von Flüchtlingen im Mittelmeer. Die Akteure „vor Ort“ sollten gemeinsam und in gemeinsamer Entschlossenheit Nein dazu sagen. Also den Bürokraten in der fernen EU (Brüssel-Administration usw.) faktisch und in der Tat widersprechen. Und eben krepierende Flüchtlinge im Mittelmeer retten. Dieses humane richtige Handeln wäre offiziell und bürokratisch betrachtet natürlich ungesetzlich.
10.
Der reflektierte Ungehorsam und das Nein-Sagen zu inhumanen Gesetzen ist bekanntlich eine der größten Erkenntnisse und Forderungen der Menschheit nach dem Ende des Holocaust. Wenn die viel besprochene Erinnerung an den von Deutschen betriebenen Massenmord an den Juden überhaupt mehr sein soll als Theorie, dann muss die Gleichgültigkeit gegenüber den Flüchtlingen im Mittelmeer aufhören, um nur dieses eine Beispiel gegenwärtiger inhumaner Politik zu erwähnen. Diese Politik wird betrieben durch sich immer noch demokratisch nennende europäische Staaten, die dabei vor allem eins wollen: Den rechten und rechtsextremen Positionen nicht zu „nahe zu treten“, aus Angst, Wählerstimmen im rechten und rechtsextremen Lager zu verlieren.
11.
Was steht also philosophisch und ethisch gesehen evident fest:
Diese Flüchtlingspolitik, die das Ertrinken von Tausenden Menschen im Mittelmeer duldet und per Gesetz hinnimmt, ist „Ausdruck des radikal Bösen“, wie die Philosophen Gert Scobel und Markus Gabriel betonen. Dieses radikal Böse ist Menschenwerk, es kann also von Menschen (Politikern, Bürgern) beseitigt werden, wenn sie nur wollen. Sie könnten es, aber tun es nicht, so wie sie außerstande sind, eine gerechte Weltordnung zu schaffen. Manche fragen sich, ob der Begriff des aus den Kolonialzeiten stammenden Begriffes des Herrenmenschen tatsächlich veraltet ist. Die heutige Erinnerung an die Schrecken der Kolonialzeit „damals“ hat nur Sinn, wenn sie auch das aktuelle „kolonialistische Denken und Herrschen“ der „Herrenmenschen“ heute freilegt. Alles andere Verhalten und Publizieren muss sich dem Vorwurf des „Historismus“ stellen.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Armin Laschet, ein katholischer Politiker und Opus-Dei-Versteher…

Ein Hinweis von Christian Modehn, veröffentlicht am 6.2.2021.

Am 12.9.2021 diese Ergänzung zu den unanständigen und wüedelosen Äußerungen Laschets auf dem CSU Parteitag: LINK:

Am 12.8.2021 diese Ergänzung:

Die SPD hat in einem Wahl-Spot auf die spirituellen-politischen Hintergründe von Laschets engstem Mitareiter Nathanel Liminski hingewiesen (Belege dafür weiter unten).
Dieser Hinweis auf religions-politische Verflechtungen Liminskis mit äußerst konservativen katholischen Bewegungen löste einen heftigen Druck katholischerseits (auch vom ZK der Katholiken) auf diesen SPD Wahl-Spot aus. Der Werbespot wurde von der SPD gehorsam zurückgezogen. Man will es sich nicht mit dem katholischen „Volk“ nicht verderben.
Dieser Rückzug der SPD erstaunt. Man stelle sich vor, wie dankbar auch die katholische Öffentlichkeit gewesen wäre, hätte man bei einem der engsten Mitarbeiter eines muslimischen Politikers in Deutschland Verbindungen zu fundamentalistischen muslimischen Kreisen nach gewiesen. Alle wären dankbar über so viel Aufklärung gewesen.
Nur im Fall eines führenden katholischen Politikers und Opus Dei Verstehers verhält es sich anders. Hätte doch der Herr Liminski öffentlich erklären können, dass er jetzt ganz und gar nicht mit den reaktionär-katholischen Kreisen zu tun hat. Hat er aber nicht gemacht. Also, Schlussfolgerung, steht er Herr Limiinski diesen Kreisen immer noch sehr nahe.

Am 15.7.2021 diese Ergänzung: Uns freut es sehr, dass unser kritischer Hinweis zum Kanzlerkandidaten der CDU, Armin Laschet, verfasst Anfang Februar 2021, viele tausend Klicker und hoffentlich Leser gefunden hat. Und wir hoffen, dass auf diese Weise ein kleiner Beitrag geleistet wird, dass Deutschland und der Welt Armin Laschet als Kanzler erspart bleibt!
Dass Laschet jetzt mit seinen Sprüchen („Leistung muss sich lohnen“) immer mehr ins FDP-Milieu abdriftet, macht unser Thema noch aktueller: Denn offenbar hat der Katholik und Opus-Dei-Freund Laschet mit katholischer Soziallehre nicht allzu viel im Sinn, trotz seines großen Helfers und Beraters, des „strammen“ konservativen Katholiken Nathanael Liminski.

Der Pressedienst queer.de berichtet am 12.7.2021 über eine denkwürdige Zusammenarbeit von Ministerpräsident Laschet mit dem de facto homophoben und ausländerfeindlichen Verein „DEMO FÜR ALLE“, der nun offensichtlich auf Betreiben des katholischen Poltikers Laschet und seines engsten Mitarbeiters Nathanel Liminski in den Rundfunkrat des WDR gehieft wurde. Liminski stammt aus einer Familie mit 10 Kindern, für die sich der Verein explizit einsetzt. Interessant ist, dass der katholische Politologe Manfred Spieker in diesem Verein „DEMO FÜR ALLE“ führend aktiv ist … und Spieker ist zudem Mitglied des Opus Dei und Autor der katholischen Monatszeitschrift „Herder-Korrespondenz“. LINK
Kenner wissen natürlich, dass der Titel „Demo für alle“ dem Vorbild des reaktionären Flügels im französischen Katholizismus folgt. Dort gabe es 2013 Demonstrationen gegen das Gesetz „Ehe für alle“, diese Demos, genderfeindlich und homophob und klerikal, hieß „Manif pour tous“, die „Demo für alle.“

1.
Für Armin Laschet, den CDU Vorsitzenden, ist „C“ wohl eher ein „K“ im Sinne von „Katholisch“, und zwar deutlich konservativ katholisch. Doppel „K“, KKDU also. Wir werden sehen, falls Laschet denn Kanzler wird, was nicht auszuschließen ist, welche Minister er einstellt, etwas liberale und etwas links Denkende werden es sicher nicht sein. Dafür wird schon sein engster Mitarbeiter sorgen, Nathanael Liminksi, jetzt noch in Düsseldorf. Er gehört zum sehr konservativen, man möchte sagen militanten Flügel im deutschen Katholizismus und der CDU. Dies muss wohl so sein, bei dem überaus katholisch-eifrigen Vater Jürgen Liminski, der ganz offen dem Geheimclub „Opus Dei“ angehört und für die sehr rechtslastige Zeitung „Junge Freiheit“ über Catholica schreibt oder die reaktionäre Kirchenzeitung „DER FELS“. Es wird sich zeigen, ob Nathanael Liminski dann seinem Vater folgt und die „Neue Rechte“ unter Laschet als Kanzler durchsetzt…

2.
Dass Armin Laschet aus einem tiefen katholischen Milieu in Aachen stammt, ist bei vielen Bürgern eher „im allgemeinen“ etwas bekannt.

3.
Es lohnt sich aber für alle Interessierten, zum Thema „Der Katholik Armin Laschet“ Details zu studieren, freizulegen und öffentlich zu machen. Hier nur ein erster Ansatz, der von Journalisten fortgesetzt werden sollte, die noch ein Interesse an Recherche und Investigation bewahrt haben.

4.
Der „Religionsphilosophische Salon“ muss sich mit diesem Thema („Laschet“) befassen, weil Religionskritik zweifelsfrei zum Kern der Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie gehört.Und Religionskritik muss immer auch bezogen sein auf aktuelle Ereignisse, genau dann, wenn ein mit dem sehr konservativen katholischen Milieu verbundener Politiker, wie Herr Laschet, immer mächtiger wird…

5.
Armin Laschet wurde 1961 in der Nähe von Aachen als Sohn eines Steigers geboren. Über den Katholizismus von Laschets Jugend schreibt „Die Welt“: „Forscht man in der frühen Lebenswelt Laschets nach, meint man schnell, sich in einem Roman von Heinrich Böll zu befinden: überlebensgroß die Kirche, überlebensgroß die Herren Honoratioren, viel Klüngel, viel Chuzpe und Schlitzohrigkeit. Sowie jede Menge Doppelmoral“. (Beitrag von Thomas Schmidt am 30.1.2021, https://www.welt.de/debatte/kommentare/article225280253/Armin-Laschet-rheinischer-Katholik-und-sanfter-Reformer.html

Armin Laschet heiratet Susanne Malangré, ihr Vater ist Heinz Malangré. Laschets Schwiegervater arbeitet u.a. als geschäftsführender Gesellschafter im katholischem „Einhard-Verlag“. Für ihn wird Laschet tätig. Der Verlag besteht bis heute, er gibt u.a. die katholische Kirchenzeitung fürs Bistum Aachen heraus.
Heinz Malangré, Laschets Schwiegervater, war u.a.auch Vorsitzender des „Diözesanrates im Bistum Aachen“, er förderte Sozialprojekte im so genannten „Heiligen Land“ und wurde durch Kardinal Jaeger, Paderborn, innerhalb des von Laien wie Priestern geprägten „Ritterorden vom Heiligen Grab zu Jerusalem“, zum „Großkreuzritter“ ernannt.
Zu Kardinal Jaeger und dem „Ritterorden“ ist wichtig zu wissen: Jaeger leitete im November 1954 die erste Zusammenkunft aller deutschsprachigen „Statthaltereien“ der Grabesritter in Oberwald/St. Gallen. Während einer “Investiturfeierfeier“ sagte der Kardinal: „Die Spielregeln der Demokratie haben das Denken weithin verbogen.“ Es brauche „eine religiöse Führerschaft, die sich den ewigen Wahrheiten verschrieben hat.“ In der Abendländischen Aktion, die der konservativen “Abendländischen Bewegung“ nahestand, hatte Jaeger als Mitglied des Kuratoriums eine maßgebliche Funktion. (Quelle: https.//de.wikipedia.org.wiki/Lorenz_Jaeger. Zur Nazi- Vergangenheit des Kardinals und Kreuzritters hat Peter Bürger publiziert.)

6.
Schwiegervater Heinz ist der Bruder von Kurt Malangré, Rechtsanwalt, der von 1973 bis 1989 (!) Bürgermeister in Aachen war. Und, das ist entscheidend: Von Kurt Malangré gibt das Opus Dei Deutschland in seltener Offenheit zu: Der Oberbürgermeister war seit 1955 (!) hochrangiges Mitglied des Opus Dei. Mit salbungsvollen Worten erinnert das Opus Dei an ihr prominentes Mitglied Kurt Malangré, der die Ehre hatte, sogar noch den inzwischen heilig gesprochenen Gründer dieses Geheimclubs, den „Vater“, Josefmaria Escrivá, persönlich zu sprechen. Und der gab fromme Wünsche, man sage Floskeln, weiter an die damals leidende Gattin Malangrés…
LINK https://opusdei.org/de-de/article/kurt-malangre-ist-mit-84-jahren-verstorben/

7.
Der weltweit agierende Opus Dei Geheimbund (ca. 80.000 Mitglieder) mit seiner reaktionären Theologie sowie das „Ritterliche“ der Ritterorden spielen eine Rolle in der Spiritualität des Herrn Laschet.
Anläßlich des Rücktritts Benedikt XVI. vom Papstamt betonte er: „Die Schriften von Papst Benedikt XVI. würden für die Grundsatzprogrammberatung in der CDU NRWs ein „wichtige Begleiter“ sein. (Quelle: WDR https://www1.wdr.de/dossiers/religion/christentum/papstruecktritt100.html).
Das heißt im Klartext: Zum Grundsatzprogramm der CDU soll ein Papst mitreden, „Ultramontanismus“ nannte man das früher. Man stelle sich vor, Muslime in Deutschland würden sagen, ihre politische Haltung richten sie nach einem Mullah oder einem hochkarätigen Imam. Ein Aufschrei würde beginnen … auch in der CDU.

8.
Über den „Fall“ Woelki schweigt NRWs Ministerpräsident Laschet, bis jetzt, diplomatisch klug, um nicht die konservativen klerikalen Katholiken und CDU Wähler in NRW zu verschrecken. (Stand 6.2.2021) „Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) will sich in die Rücktrittsdebatte um den Kardinal Woelki nicht einmischen. Das sei keine Frage, die der Staat beantworten könne,“ sagte Laschet am Dienstag vor Journalisten in Düsseldorf.“ (Quelle
https://www.katholisch.de/artikel/28098-laschet-vorwuerfe-gegen-kardinal-woelki-innerkirchlich-klaeren)
Diese Zurückhaltung des Ministerpräsidenten Laschet von NRW (Düsseldorf „gehört“ zum Erzbistum Köln) ist ein gewisser Widerspruch: Denn Laschet weiß als informierter Katholik, dass doch auch ein „Laie“ sich zum Wohl der Kirche äußern darf, um das Wohl der Kirche geht es doch auch im „Fall“ Woelki.
In vielen anderen „Fällen“ folgen katholische CDU Politiker gern den Weisungen der Kirche, etwa im Falle von Pro Life oder der „Homoehe“. Warum schweigt Laschet zu Woelki? Hat dies etwas mit dem Schweigen des Opus Dei zu Woelkis „Fall“ zu tun, das Opus Dei hat bekanntlich seine Deutschland-Zentrale in Köln. Oder hängt es mit dem beratenden Einfluss seines engsten Mitarbeiters in der Staatskanzlei in Düsseldorf zu tun, mit Nathanael Liminski, der dem rechten Spektrum des Katholizismus eng verbunden ist.

9.
Über Nathanael Liminski wird wohl in den nächsten Monaten viel zu sprechen sein, wenn denn Laschet Kanzler werden sollte. Ihm wird wohl sicher ein anderer Job als der des Verkehrsministers angeboten werden… Es gibt bereits jetzt einige kritische journalistische Untersuchungen zu Nathanael Liminski, dem Sohn des schon erwähnten Opus-Dei-Mitglieds und „Junge Freiheit“ Autors Jürgen Liminski. (Ein Liminiski Artikel vom 12. Mai 2020: https://jungefreiheit.de/debatte/kommentar/2020/der-gute-ruf-2/)

Also zu Nathanael Liminski, einem der 10 Kinder (sic!) einer „im guten alten Sinne“, „vorbildlichen“ katholischen Familie: Das einzige Buch, das von Nathanael Liminski vorliegt, hat den Titel „Generation Benedikt“, es ist nach den katholischen „Weltjugendtagen“ im Jahr 2007 erschienen, als werbender Impuls, dass junge Leute den Weisungen von Papst Benedikt XVI. doch folgen mögen…

Auch die SPD interessiert sich für Nathanel Liminski:
„Der NRW Landesverband „SPDqueer“ macht sich Sorgen um den Einfluss eines homophoben Beraters auf den neuen CDU-Bundesparteichef Armin Laschet. Der 35-jährige Ministerialbeamte Nathanael Liminski, der als Leiter der NRW-Staatskanzlei als wichtigster Akteur im Hintergrund. Liminski
war in der Vergangenheit immer wieder durch radikalreligiöse und homophobe Äußerungen aufgefallen. So hatte er etwa 2007 gegenüber dem „Spiegel“ gesagt: „Ich kenne viele Homosexuelle, und einige tun mir leid. Der Staat muss schon aus reiner Selbsterhaltung die natürliche Form der Ehe und Familie fördern….Mit seiner Nähe zu Nathanael Liminski begibt sich Armin Laschet in einen gefährlichen Einfluss der erzkonservativen und fundamental-christlichen Rechten. Diese ist ein aktiver Teil einer frauenfeindlichen, homophoben und rückwärtsgewandten Rollback-Bewegung“, erklärte Fabian Spies, der NRW-Landeschef von SPDqueer. …Spies äußerte die Befürchtung, dass Liminskis Einfluss noch steigen werde, je mehr Laschet in der Bundespolitik eine Rolle spiele….Im Kampf um die Ehe für alle stand Laschet stets auf der Seite der Reaktionären – und beugte dabei auch die Wahrheit: So behauptete er etwa als NRW-Oppositionsführer wiederholt, dass es im Grundgesetz ein verstecktes Ehe-Verbot für Schwule und Lesben gebe und Deutschland daher am diskriminierenden Ehe-Recht festhalten müsse. Auf Druck der Laschet-CDU weigerte sich das schwarz-gelbe Nordrhein-Westfalen 2017, dem Gesetz zur Ehe für alle zuzustimmen. Quelle: https://www.queer.de/detail.php?article_id=38055 Vom 2.2.2021)
Siehe auch: https://www.katholisch.de/artikel/28492-nathanael-liminski-von-der-generation-benedikt-zu-armin-laschet

10.
Nathanael Liminski wird wegen seiner absolut diskreten Art, immer im Hintergrund, aber einflussreich, eine große Zukunft vorausgesagt. Wenn er älter wird, könnte er als Opus-Dei-Freund und Erzkatholik bald die Geschicke der Bundesrepublik in Richtung eines katholischen klerikalen Staates führen, falls dann nach all den Affären um Priester und Woelkis überhaupt noch Katholiken auffindbar sein sollten.
„An Laschets Kabinettstisch in Düsseldorf ist Liminski der einzige, der gerne unsichtbar bleibt. Obwohl das achte von zehn Kindern eines ehemaligen Deutschlandfunk-Redakteurs druckreif spricht, schlagfertig ist und gewitzt, lässt er sich ungern zitieren. Unserer Redaktion stand er für dieses Porträt zwar für ein Hintergrundgespräch zur Verfügung. Aus dem Gespräch durften wir jedoch keinen einzigen Satz verwenden.(Rheinische Post, 4.9.2018)…„Keinen einzigen Satz verwenden“…. Diese Maxime kennen wir aus einer Pressekonferenz Kardinal Woelkis im Februar 2021…

11.
Die Frage ist: Hätte es wirklich keinen anderen als Nathanael Liminski für das hohe Amt in Düsseldorf gegeben? Wenn das so ist, dann sehe ich darin nur ein Beispiel dafür, wie wenige freie Intellektuelle in der CDU überhaupt noch „vorhanden“ sind.Offenbar ist bei Laschet der Wille da, einen Opus-Dei-affinen engsten Mitarbeiter zu haben, er selbst kennt sich ja schon bei den „Grabesrittern“, familiär bedingt, gut aus…

12.
Bleibt zu hoffen, dass der Politik in Deutschland ein Erzkatholik Nathanael Liminski erspart bleibt. Klerikalistische Politik brauchen wir nicht, schon gar nicht eine vom Opus-Dei ferngesteuerte Politik.
Dies ist selbstverständlich eine Meinungsäußerung.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Edgar Morin: Sechs Bücher von ihm in deutscher Sprache!

Edgar Morin: Seine Bücher auf Deutsch (Stand Juli 2021)

Der Friedensforscher Werner Wintersteiner, Österreich, korrigiert zurecht meine Mitteilung, es gebe nur drei Bücher in deutscher Sprache von Edgar Morin: (Zum Beitrag von Christian Modehn: LINK)

Auf Deutsch sind tatsächlich von Edgar Morin erschienen (immer noch viel zu wenige!)
– Das Rätsel des Humanen (Le paradigme perdu), München: Piper
– Heimatland Erde (Terre Patrie), Wien: Promedia
– Die sieben Fundamente des Wissens … (Les sept savoirs), Hamburg: Krämer
– Der Weg (La voie), Hamburg: Krämer
– Die Natur der Natur / Die Methode (La méthode), Wien: Turia + Kant
– Für ein Denken des Südens. Berlin:Matthes und Seitz 2014.

Ich empfehle auch das Interview, das Constantin von Barloewen mit Edgar Morin führte, in LETTRE INTERNATIONAL, Heft 121, Sommer 2018, Seite 57 bis 62. Der Titel „Vom Verfall der Zukunft. Es geht darum, dass dieses Ende zu einem neuen Anfang führt“.

Siehe auch die Kampagne „Heimatland Erde“ des österreichischen Friedensforschungsinstituts ASPR in Stadtschlaining, in deren Rahmen auch eine Würdigung Morins erschienen ist: https://www.aspr.ac.at/fileadmin/Downloads/Presse/Kommentare/Kommentar_ASPR_WW-Edgar-Morin_08-07-2020.pdf

Werner Wintersteiner hat sein neues Buch Edgar Morin zum 100er gewidmet: Werner Wintersteiner: Die Welt neu denken lernen – Plädoyer für eine planetare Politik. Lehren aus Corona und anderen existentiellen Krisen. Bielefeld: transcript 2021. Print 27.- €,

PDF open access: https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-5635-0/die-welt-neu-denken-lernen-plaedoyer-fuer-eine-planetare-politik/

Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Marcel Proust zum 150. Geburtstag: Auf der Suche nach meiner verlorenen Zeit.

Für eine „Suche nach der verlorenen Zukunft“. Anlässlich des 150. Geburtstag von Marcel Proust (am 10.Juli 2021)
Ein Hinweis von Christian Modehn

1.
Den Titel des großen Romans von Marcel Proust kann man auch frei variieren, vielleicht ein bisschen spielerisch, sicher aber provozierend. „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ wurde in den Jahren 1906 bis 1922 verfasst, wobei die drei letzten Roman – Teile erst nach dem Tode Prousts (1922) veröffentlicht wurden. Die aktuelle Titel – Variante – für eine philosophische Meditation etwa – könnte heißen: „Auf der Suche nach meiner verlorenen Zeit“. Oder: „Auf der Suche nach deiner bzw. unserer verlorenen Zeit“.
Meine, deine, unsere gelebte Vergangenheit könnte befragt werden: Ist sie „verloren“?
2.
Das Thema verwickelt uns in eine Reflexion über unsere Lebenszeit und über die Zeit „im allgemeinen“, in die wir unabwerfbar, sozusagen absolut, hineingestellt oder hineingeworfen sind.
Der Gebundenheit an die Zeit entkommt niemand. Aber diese Zeit wird vom Menschen immer auf irgendeine Art gestaltet, geformt. Zeit wird von Menschen „verbracht“. Selbst in der Langeweile können wir, entgegen einer populären Behauptung, die Zeit nicht „totschlagen“. Zeit verschwindet nicht.
„Autonom“ bzw. selbstbestimmt sind wir der Zeit gegenüber nur, weil wir die als „unabwerfbar“ verfügte, heteronom uns gegebene Zeit dann aber doch kraft unserer Freiheit, d.h. der Vernunft, für uns konkret gestalten können. So wird Zeit zu meiner, unserer Zeit, also Lebenszeit. Aber immer bleibt die Zeit „im allgemeinen“ auch diese nie endgültig zu definierende Gegebenheit – Verfügtheit in unserer Existenz. Aber es ist die menschliche Vernunft, die die Zeit als Dimension der Vernunft selbst und des Geistes wahrnimmt.
3..
Marcel Prousts Titel kann man als Aufforderung verstehen, bestimmte Momente unserer Vergangenheit zu suchen, nach ihr zu fragen und zu forschen. Denn Proust zeigt am Beispiel seines Ich-Erzählers, dass Momente unserer eigenen Lebenszeit verloren gegangen sind, nicht mehr präsent sind im Gedächtnis. Und selbst wenn wir sie in der Erinnerung dann wiederfinden, weil sie sich wenigstens als ein Moment zeigen und als Augenblick aufblitzen, können sie dann noch das gegenwärtige Leben prägen, korrigieren, bestimmen? Oder ist selbst auch die wieder entdeckte vergangene Zeit eine verlorene Zeit, verloren im Sinne von nicht mehr relevant, nicht mehr gültig? Sozusagen „passé“? Denn in diesen wieder erweckten Momenten unserer Vergangenheit sind immer auch andere und anderes „involviert“, und diese sind in weitem Rückblick meist passé, untergangen. Die Suche nach der verlorenen Zeit offenbart dann doch, dass Lebenszeit verloren ist.
4.
Für Marcel Proust gibt es nicht nur die aus einer vernünftigen Entscheidung entspringende Suche nach der eigenen Vergangenheit. Diese Suche ist freie Tat, absichtlich gesetzt, sagt Proust. Und sie kann Taten und Ereignisse und Namen aus dem Abstand auch wissenschaftlich fixieren. Dabei sollte aber nie vergessen werden, dass diese vernünftigen, in freier Entscheidung entstandenen Erinnerungen in der politischen Kultur absolut wichtig sind. Sie eher zweitrangig zu nennen, widerspricht jeder humanen Erinnerungskultur. Man denke nur an die absolute politische Verpflichtung, auch in immer größerem zeitlichen Abstand an den Holocaust zu erinnern
Aber: Viel wichtiger und hilfreicher ist für Proust in seinem Roman die unwillkürlich geschehende Suche nach der verlorenen Zeit, diese Suche geschieht von selbst und führt zu einer sich plötzlich einstellenden Erinnerung.
5.
Die von Proust hoch geschätzte „unfreiwillige Erinnerung“ (mémoire involontaire) wird dem Menschen förmlich geschenkt, wenn er die Botschaften seiner Sinne beachtet und sich von den Erfahrungen mit dem Sinnen überraschen lässt. Der Gesichtssinn (die Augen) spielt dabei für Proust keine große Rolle. Viel wichtiger sind ihm das Hören, vor allem das Schmecken und Riechen auch von Gegenständen: Im Umgang mit den Dingen kann dann unfreiwillig und wie von selbst als ein „Blitz“ eine Verbindung zu einem Moment der eigenen Vergangenheit erscheinen. Bekannt ist das so oft zitierte Beispiel aus dem ersten Roman(teil) seiner „Suche nach der verlorenen Zeit“. Der Protagonist Marcel (der Roman ist ja keineswegs eine Art Autobiographie Prousts!) erlebt, als er an einem Wintertag das Gebäck „Madelaine“ in eine Teetasse tunkt, eine ihn tief berührende und glücklich stimmende Erinnerung an die Kindheit bei Tante Léonie in Combray/Illiers.
„In der Sekunde nun, als dieser mit dem Kuchengeschmack gemischte Schluck Tee meinen Gaumen berührte, zuckte ich zusammen und war wie gebannt durch etwas Ungewöhnliches, das sich in mir vollzog. Ein unerhörtes Glücksgefühl, das ganz für sich allein bestand und dessen Grund mir unbekannt blieb, hatte mich durchströmt. Mit einem Schlage waren mir die Wechselfälle des Lebens gleichgültig, seine Katastrophen zu harmlosen Missgeschicken, seine Kürze zu einem bloßen Trug unsrer Sinne geworden; es vollzog sich damit in mir, was sonst die Liebe vermag, gleichzeitig aber fühlte ich mich von einer köstlichen Substanz erfüllt: oder diese Substanz war vielmehr nicht in mir, sondern ich war sie selbst. Ich hatte aufgehört mich mittelmäßig, zufallsbedingt, sterblich zu fühlen. Woher strömte diese mächtige Freude mir zu“? (Zu diesem Zitat, siehe: „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“; 10 Bde. Frankfurt am Main 1979, Bd. 1, S. 63–67).
6.
Die unfreiwillige Erinnerung erleben selbstverständlich alle. Vielleicht wird die Erinnerung an diese Form der Erinnerung verdrängt oder in ihrer Bedeutung nicht wahrgenommen. Dass sie sich überhaupt einstellt, dafür gibt es keine „machbare“ Voraussetzung. Hilfreich könnte sein: Wohl eher in einer stressfreien Situation können uns unsere Sinne zu Erinnerungen an frühere Momente, etwa der Kindheit, führen. Ein persönliches Beispiel: Ich höre in meiner Wohnung regelmäßig den Klang der Glocken, morgens um acht, mittags und abends um sechs. Aus dem üblichen „überhörenden Hören“ aus Gewohnheit wurde ich kürzlich herausgerissen: Ich fühlte mich einmal in ruhiger Stimmung, auf dem Sofa liegend, durch die Glocke versetzt in einen Moment meiner Kindheit: Ich spiele im Garten, höre aus der Ferne, mittags um zwölf, die Glocke unserer Kirchengemeinde. Meine Mutter schaut aus dem Fenster, ruft mich, ich laufe zu ihr. Wir berühren uns voller Liebe und beginnen, wie vom Geist bewegt, zu beten, wie öfter schon früher, ein „Vater Unser“ und ein „Ave Maria“. Dieser Augenblick meiner Kindheit, dessen Datum mir die Erinnerung natürlich nicht mitteilte, was auch bedeutungslos wäre, wurde mir im Abstand vieler Jahre präsent. Ein durchaus heilsamer, beruhigender Moment, eine Form des Behütetseins von irgendwoher stellte sich ein. Ich spielte dann nach dem Gebet weiter, der Tag hatte eine Unterbrechung gefunden, es gab eine erneute Nähe zur Mutter und, so würde ich heute sagen, ein Innewerden der spirituellen, vielleicht der göttlichen Dimension im Menschen.
Marcel Proust nennt im Roman manche dieser geschenkten Erinnerungen „glücklich“. Ich denke, wir sollten dieses unwillkürliche Suchen nach der Vergangenheit ernst nehmen. Können wir es vielleicht pflegen, üben, einüben, vorbereiten, selbst wenn diese unwillkürliche Erinnerung, wie Proust vermutet, Geschenk bleibt?
7..
Die „verlorene Zeit“ ist ein mehrdeutiges Wort: Wie viele Bedeutungen hat „verloren“? Zeit kann als begrenzte Zeiteinheit, etwa als eine ferne Reise, tatsächlich im Bewusstsein der Erinnerung “verloren“ gehen. Und wer sagt, er hätte den Inhalt eines gelesenen Buch aus dem Gedächtnis „verloren“, hat wahrscheinlich die Erwartung oder Hoffnung, dass der Inhalt nicht verloren ist, sondern ihm wieder präsent wird. Es muss aber wohl auch damit gerechnet werden, dass Menschen sagen: Diese meine bestimmten Lebensjahre waren verlorene Zeiten, verlorene Jahre, im Sinne einer letztlich störenden, wenn nicht zerstörenden Wirkung auf das eigene Leben. Diese eigenen verlorenen Lebenszeiten können aber in der Therapie mit dem Lebensganzen wieder verbunden werden, in Form einer Versöhnung mit sich selbst. Eine andere Frage ist, wie die Gesellschaft, die Proust ausführlich schildert, ihrerseits so weit verloren ist, dass sie nahezu hoffnungslos und sinnlos dahinlebt… dies würde für die Künstlergestalten im Roman nicht gelten…
8.
Proust sucht die verlorene Zeit in der Vergangenheit. Diese Suche ist üblich. Ich behaupte aber: Es gibt tendenziell auch verlorene Zeiten in der Zukunft. Das mag paradox klingen, weil ja Zukunft per definitionem noch nicht als gestaltete Ganzheit vorliegt. Gemeint sind die verdrängten und unterlassenen , „verlorenen“ Projekte zugunsten einer guten Zukunft, etwa die Idee einer Welt ohne Atomwaffen, ohne Krieg oder auch nur eine Welt, die ohne die ungerechte Spaltung in wenige Milliardäre und viele sehr Arme und Hungernde gestaltet wird. Wir haben von heute aus zurückblickend viele „verlorene Zukünfte“ wahrzunehmen, also die übersehenen und verdrängten Chancen, Besseres zu tun; die Nachlässigkeiten, den Egoismus. Den Gedanken wird man denken können, wenn nicht bald denken müssen: Wir haben unsere gute Zukunft für diese Welt, die Natur und alle ihre Menschen de facto schon verloren. Wir haben uns unsere Zukunft aus eigener freier Entscheidung sozusagen „vermasselt“. Wer wagt dies zu sagen? Wer noch diese verlorene Zeit im Sinne der verlorenen, durch Menschentat ignorierten guten Zukunftszeit sucht, wird sich an sich selbst erinnern, an die Politik, die neoliberale Unordnung usw. Und wird er sich schuldig fühlen?
9.
Marcel Proust hat in seinem großen Roman diese ethischen, normativen Bewertungen nicht ausgesprochen, darauf hat die Romanistin, Prof. Barbara Vinken (München) in einem Interview, veröffentlich in der „ZEIT“ am 8. Juli 2021 (Seite 52f.) hingewiesen, „Dieses Gefühl von Verbot und Überschreitung habe ich bei Proust nie. Dort herrscht eine interessante Zensurlosigkeit…Ist es nicht beunruhigend, dass es gar kein Über-Ich zu geben scheint?“ (dort S. 53). Darf man sagen, dass Proust nicht nur eine gewissenlose Gesellschaft der Aristokratie und des Adels beschreibt, eine Gesellschaft, die in den Untergang hinein feiert. Sondern auch, dass er als Berichterstatter dem „ohne Über-Ich“ sozusagen hilflos zuschaut. Und was soll man daraus schließen, dass dieser 4000 (viertausend) Seiten lange Roman offenbar doch von vielen gelesen wird? Ist es das Studium der untergehenden dekadenten Gesellschaft damals interessiert, vielleicht mit einem Blick auf eine untergehende dekadente neokapitalistische Gesellschaft im Westen wie in der arabischen Welt? Das Massensterben von Verhungernden in Afrika r ist uns nur noch 30 Sekunden in den Nachrichten wert, Bilder aus der Ferne, die nicht berühren und bewegen. Danach wird in 3 Stunden dem allerhöchsten aller Götter, dem Fußball, die Ehre erwiesen, um nur ein Beispiel für dekadent erscheinende „Kulturen“ der Demokratien zu nennen.
10.
So sehr also der 4000 Seiten – Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ zu denken gibt, so sollten doch auch seine philosophischen und speziell ethischen Grenzen besprochen werden. Solches zu sagen hat gar nichts mit Prüderie zu tun. Eine dieser Begrenzungen ist die totale Fixierung des Erzählers auf Vergangenheit, auf Erinnerung. Insofern fehlt dem großen Roman doch sehr viel. Und es wäre zu fragen, warum gerade anlässlich des 150. Geburtstages von Proust dessen lustvoll-quälerisch-kritischer Blick auf Vergangenes so beliebt ist. Entspricht diese Liebe zu Vergangenem vielleicht der Angst, dass sich unsere „Suche nach einer verlorenen Zukunft nicht mehr lohnt? Dies würde der eher skeptischen, manche sagen der nihilistischen Grundhaltung Prousts entsprechen.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Eine aktuelle Anmerkung zur katholischen Gemeinde in Illiers/Combray bei Chartres:
Dieses Städtchen spielt in „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ von Marcel Proust eine gewisse Rolle. Wer den versteinerten Katholizismus des 19. Jahrhunderts heute noch sucht, hätte am 4. Juli 2020 in der dortigen Pfarrkirche „Saint Jacques“ fündig werden können: Dort hat der römisch-katholische Bischof von Kopenhagen (sic), der Pole Czeslaw Kozon, sechs Diakone zu Priestern geweiht, sie gehören der bekannten, traditionalistisch orientierten, aber mit Rom „versöhnten“ Bruderschaft „Institut du Bon Pasteur“ an, der „Bruderschaft vom Guten Hirten“. Die beiden Gründer – Priester vom „Guten-Hirten“ gehörten zuerst zur traditionalistischen Gemeinschaft „Pius X.“, von Erzbischof Marcel Lefèbvre gegründet. Aber diese beiden Priester haben Papst Benedikt überzeugen können, dass sie nun doch wieder treu zum Papst stehen… ihre reaktionäre Theologie mussten sie dabei nicht aufgeben. Die Priester „vom guten Hirten“ haben international „Nachwuchs“…
In dem Ort des Proust-Romans, in Villiers bzw. Combray, wurde nun 2020 bei der Priesterweihe die total klerikale Kirche von damals reanimiert, so wie sie der getaufte Katholik Marcel Proust noch erlebte, mit viel Weihrauch und lateinischen Messen und viel jungem hübschen Klerus in alten feinen Mess-Gewändern. Siehe: https://www.institutdubonpasteur.org/2020/07/04/photos-des-ordres-majeurs-2020/

Edgar Morin über die Beziehung von Poesie und Philosophie.

Ein Hinweis von Christian Modehn. Zu Edgar Morin LINK

Ein Motto von anderer Seite: „Es spricht nichts dagegen, Sophokles, Beckett, Proust und Celan als Philosophen zu bezeichnen.“ Michael Hampe, Die Lehren der Philosophie, Suhrkamp 2014, S. 19).

1.
Über die Einheit und Differenz von Poesie und Philosophie ist schon einiges publiziert worden. Die Debatte geht wohl vorwiegend um die Möglichkeiten der nun einmal immer irgendwie rational-begrifflich geprägten Sprache, die Tiefe des Lebens zum Ausdruck zu bringen. Also das, was man mit dem Wort Geheimnis umschreibt im Sinne des gründenden, nicht fassbaren Göttlichen. Dieses Thema bewegt den Poeten Yves Bonnefoy oder den Philosophen Edgar Morin, um nur zwei aktuelle Beispiele aus Frankreich zu nennen.
Wer sich um das philosophisch zentrale Thema „Philosophie der Philosophie“ bemüht, kann also nicht auf die Frage nach der Abgrenzung philosophischer Prosa von poetischen (lyrischen) Aussagen verzichten. Und wird weiter zu der Frage geführt: Wie sollte man eigentlich „poetisch sich äußernde Philosophen“ verstehen, etwa den später Heidegger oder Nietzsche. Manche neigen dazu, auch die ihnen selbst schwer verständlichen Philosophen wie Hegel oder Fichte bereits als Poesie zu betrachten, d.h. bei den Betreffenden, sie philosophisch als Poeten „abzuwerten“.
Zu einigen Hinweisen über Bonnefoy: LINK.
2.
Der Philosoph Edgar Morin, der am 8.Juli 2021 seinen 100. Geburtstag feiert, hat mehrfach zu diesem Thema Stellung genommen. Ich beziehe mich auf das leicht zugängliche Buch „Mes Philosophes“, das bei Fayard in Paris erschienen ist. In dem Buch berichtet Morin in kurzen Essays von Philosophen, Religionsstiftern und Künstlern, die ihm am meisten zu denken gaben und geben, auch Beethoven ist darunter. Über Poesie spricht Morin ausführlich in dem „Le Surréalisme“ überschriebenen Kapitel (S. 159 – 163). Ich finde Morins Überlegungen interessant und anregend, einige seiner Aussagen werde ich übersetzen.
3.
Edgar Morin entwickelt seine die Poesie lobenden Gedanken am Beispiel von Dichtern, die als „Surrealisten“ (etwa seit den 1930 Jahren) bezeichnet werden. Morin meint sogar (S. 159), der Surrealismus gehöre zu den „kulturell und sogar philosophisch reichsten Ereignissen des 20. Jahrhunderts“. Poesie, Denken, die politische Aktion, das Leben, hätten sich darin gegenseitig befruchtet. Der Surrealismus ist in der Wahrnehmung von Morin eine Revolte für die Poesie als Lebensform, wie dies schon für die deutsche Romantik gilt. Surrealistische Dichter (wie Breton, Péret, Mario Pedrosa usw.) wollten die Poesie nicht einschließen und begrenzen bloß auf das Gedicht. Poesie ist für sie treffend vielmehr umfassend „eine Quelle des Lebens“. Edgar Morin meint, diese surrealistische Überzeugung erweiternd: Der Mensch lebe gleichzeitig auf poetische wie auch auf prosaische Weise, Poesie und Prosa sind also für Morin zwei ursprüngliche und primäre Polaritäten des Lebens. (S. 161). Prosa bedeutet für ihn: Arbeit, Nützlichkeitsdenken, Alltägliches etc. Poesie hingegen Verwunderung und Erstaunen, Ekstase, Musik, Tanz, Liebe. Aber beide „Welten“ sind nicht getrennt: In die Realität des Prosaischen ist „eingewebt“ die Phantasie, ohne Phantasie, also Poesie, gibt es keine Realität (S. 161). Morin erwähnt besonders Breton, für den die Welt des Surrealen „eine tiefe und höhere Welt bedeutet“, die im Traum, in der Ekstase der Liebe, in der Poesie zugänglich wird“ (S. 162). Es gibt sozusagen für Morin wie für Breton „innere Welten der menschlichen Seele“(ebd.) Und Morin fährt fort: „Ich glaube ganz tief an eine andere Realität, sie ist ein Geheimnis, aber wir tragen diese Welt ganz tief in uns selbst. Diese andere Realität ist in uns. Wir sind in ihr“ (ebd.). Das sind Worte, die sich an die besten mystischen Traditionen anschließen.
4.
Und diese „mystische Poesie“ muss völlig frei und selbstständig bleiben, sie darf sich niemals in den Dienst einer politischen Partei stellen. „Der Poet kann niemals Partei sein“ (S. 162). Damit erinnert sich Edgar Morin an die Zeit seiner Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei Frankreichs, aus der 1951 ausgeschlossen wurde, ein Ereignis, das ihm umfassende Freiheit brachte. Poesie darf niemals Partei sein, niemals Partei ergreifen, das ist ja nicht nur im politischen Sinne gemeint. Poesie, wenn sie religiöse Dimension hat, darf niemals dogmatisch sein, sich niemals der Institution einer Kirchenbehörde unterordnen. Ein aktuelles Thema, wenn man bedenkt, wie die offizielle Katholische Kirche der Niederlande mit dem katholischen Poeten (und Theologen) Huub Oosterhuis umgeht… und seine Gedichte und Lieder in den Messen dort verbietet…
5.
Morin kommt auf die zentrale Bedeutung der Poesie auch in anderen Kapiteln seines Buches zu sprechen. Etwa in dem Kapitel über den umfassend gebildeten Gesellschaftsreformator Ivan llich (S. 167). “Die Poesie ist übrigens auch ein Aspekt der Ethik. Die Kräfte unserer Ethik kämpfen gegen die Grausamkeit der Welt, aber sie zielen gleichzeitig auf die Erfüllung des Menschen in der Lebensqualität, d.h. in dem Miteinander-Leben und der Poesie.“ Poesie und philosophische Ethik gehören zusammen. Von der Erfahrung der Schönheit also zum Guten kommen? Eine offene Frage
6.
So sehr der Philosoph Edgar Morin auch die Philosophen, unter ihnen auch die Skeptiker, schätzt: Wenn er sich etwa auf Rousseau bezieht und seine „Reveries du promeneur solitaire“( „Träumereien eines einsamen Spaziergängers) bespricht, dann gilt: „Ich spürte ein tiefes Bedürfnis nach affektiven Erfahrungen, die die Sensibilität preisen, die Gemeinschaft mit allen menschlichen Wesen und der Natur. Und das berührt mich bei Rousseau, dieser Sinn für die Poesie, der sich in „Reveries“ ausdrückt. Die wunderbaren Seiten erzählen einen Spaziergang auf der Insel Saint-Pierre, sie sind für mich ein großer Augenblick der Mystik. Mystik ist nicht notwendigerweise religiös. Mystik kann entstehen bei einem Glase Wein unter Freunden oder zusammen mit einem geliebten Menschen oder auch angesichts des Erlebens der lebendigen Natur“ (S. 68f.).
7.
Einen viel besprochenen Gegensatz von philosophischer Kritik, Skepsis, Aufklärung UND Poesie will Morin nicht gelten lassen (S. 75). Die romantischen Dichter, auch Rimbaud, integrieren, so meint er, die Botschaft der philosophischen Aufklärung sowie die Erkenntnisse Rousseaus. Und diese Dichter wie die Philosophen widmen sich dem menschlichen Fortschritt und der Emanzipation der Unterdrückten. Man muss die philosophische Aufklärung integrieren und auch hinter sich lassen. Man muss ihre kritische Energie integrieren! Aber ihre abstrakte Rationalität aufgeben (dépasser), auch das, was Hegel den Verstand (der begrenzter ist als die Vernunft, CM) nannte… Wir brauchen die Vernunft und ebenso „das Denken über die Vernunft – Hinaus. Deswegen bewahre ich Rousseau UND Voltaire zusammen in meinem Geist, sie in ihrer Gegensätzlichkeit komplementär“. (S 76).

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Peter Sloterdijk will den Himmel zum Sprechen bringen.

Das neue Buch Sloterdijks zeigt: Religionen sind nichts als Machwerk der Menschen.

Ein Hinweis von Christian Modehn.

1.
Das neue Buch von Peter Sloterdijk „Den Himmel zum Sprechen bringen“ (2020) ist die Langfassung eines Beitrags für eine Festschrift zu Ehren des Ägyptologen Jan Assmann im Jahr 2018. Nun können sich die LeserInnen durch 20 Kapitel auf 344 Seiten durchbeißen. Als Leser hat man oft den Eindruck, ständig an den assoziativen Sprüngen in den Ausführungen des Autors teilzunehmen. Und man ist erstaunt, wie ausführlich Einsichten der Philosophie Platons in nahezu allen Kapiteln lang und breit ausgeführt werden, so dass manchmal der Eindruck entsteht, in ein Buch „Philosophie-Geschichte“ geraten zu sein. Und man fragt sich, wurde dieser nun sehr umfassend gewordene Beitrag für Jan Assmann doch etwas zu schnell geschrieben…
2.
Aber das Buch „Den Himmel zum Sprechen bringen“ verdient ein gewisses kritisches Interesse, weil es auch die dogmatischen Absonderlichkeiten, normativ gesprochen: die zahlreichen dogmatischen Verirrungen der Kirchen (aber auch anderer Religionen) freilegt. Diesen religionskritischen Focus wird man bei einem ersten Blick auf den Titel kaum vermuten: Manche denken dabei vielleicht an die Poesie, die Gebete, die Lyrik, die ja oftmals behaupten, den „Himmel zum Sprechen bringen“ zu können. Aber es geht Sloterdijk auch um viel Grundsätzlicheres. Und von Lyrik und Poesie im engen Sinne ist eher wenig die Rede.
3.
Entscheidend ist der Untertitel: „Über Theopoesie“. Das Wort Poesie bezieht sich hier umfassend auf das altgriechische Verb „poiein“, es bedeutet: Machen, schaffen, tun. Poiesis ist das entsprechende Substantiv. Natürlich ist zum Beispiel Lyrik „Poiesis“, von Menschen Gemachtes. Aber auch die Welt Gottes und der Götter ist nur Poesis, nur von Menschen Gemachtes, so die zentrale These Sloterdijks. Man bewegt sich also, bei Gott und den Göttern im „Bereich des Erfundenen, Ausgedachten, Übersteigerten“ (S. 63). Und weil Religion als Institution durch Mythen, Erzählungen, Reflexionen und verbale oder schriftliche Theologien konstituiert und öffentlich greifbar wird, ist Religion also auch wesentlich Poesie, d.h. Poiesis, Werk und Tat der Menschen.
Ein Urteil, das sich seit den griechischen Philosophien herumgesprochen hat und durch Feuerbach im 19. Jahrhundert sehr populär wurde und in Nietzsche einen Verteidiger fand. Sloterdijk belebt es neu.
4..
Er betont: Die Texte der Evangelien oder des Koran wurden absolut zur Geltung gebracht, sie haben dabei „ihren poetischen, d.h. fiktionalen bzw. mythischen Charakter unsichtbar gemacht“ (S. 277). Das heißt, diese heiligen Texte wurden zum Wort von Gott selbst definiert, dieses Verhalten ist also in der Sicht Sloterdijks geradezu „lügnerisch“ und es versteckt so den wahren, „bloß menschlichen“ Charakter der dann nur noch so genannten göttlichen Offenbarung, wir haben es also in Sloterdijks Sicht mit einem Betrugssystem zu tun. Die Auswirkungen sehen wir bis heute im religiösen Fundamentalismus.
5.
Wenn man nun in Sloterdijks Deutung die christliche Religion als Theo – Poesie zusammenfassend darstellen soll: Dann ist das Christentum (und damit die Kirchen) für den philosophischen Schriftsteller „erschreckend inhuman und eigentlich ein Fall für die Psychiatrie“. Das macht Sloterdijk mehrfach deutlich, etwa in seinem lobenden Hinweis auf die Erzählung von Pierre Gripari „Der kleine Jehova“, eine Erzählung, die, wie Sloterdijk schreibt, „auf engem Raum die theo-psychiatrische Verfassung des Christentums als klug lancierte Schuldgefühlsepidemie offenlegt“. (S. 88).
Das Christentum (als dogmatisches System) ist also krank, und die Kirchen und ihre Führer, die das Christentum repräsentieren, sind ebenfalls krank, wenn nicht pervers, siehe den massenhaften sexuellen Missbrauch durch Priester. Das ist der durchgehende Tenor der Ausführungen Sloterdijks. Und er bietet als Belege seitenweise Auszüge aus den offiziellen katholischen Verurteilungen so genannter Irrlehrer, die das einschlägige Sammelwerk „Denzinger“ äußerst umfangreich dokumentiert (bei Sloterdijk die Zitate auf den Seiten 128 bis 133). Dieses langatmige Dokumentieren der Verurteilungen, die inzwischen sehr bekannt sind, erinnert an den in der Hinsicht ebenso rührigen sich atheistisch nennenden Autor Karlheinz Deschner, er hat seine „Kriminalgeschichte des Christentums“ auf 10 umfangreiche Bände ausdehnen können.
Diese Krankheiten und Perversionen in den Kirchen sind – in Sloterdijks Sicht – von Theo-Poeten gemacht und belebt, vor allem auch von gebildeten Theologen und Bischöfen, wie etwa dem „Kirchenvater“ Augustinus: Sie haben in einer Herrscherposition wahnhafte Gebilde christlicher Dogmatik formuliert, diese durchgesetzt und zelebriert. Der Wortschöpfer Sloterdijk nennt frühe Theologen „Irrkirchenlehrer“ (S. 288), wenn sie als christliche Platoniker an der Vergöttlichung Jesu arbeiteten (ebd). Die Wende von Jesus von Nazareth zum Christus Imperator (etwa in Ravenna sichtbar) ist ein zentrales Thema kritischer Theologie, an das sich Sloterdijk anschließt.
6.
Über die Darstellung christlicher Dogmen und Überzeugungen durch Sloterdijk wäre ausführlich zu reden. Der gebotenen Kürze, die sich bei dieser Rezension aufdrängt, nur ein Hinweis: Wie Sloterdijk vom Glauben an die Auferstehung Jesu von Nazareth spricht, gleich im 1. Kapitel (S. 31 f) seines Buches. Die Hinweise Sloterdijks auf die von ihm studierte Literatur zu dem wahrlich äußerst umfassend erforschten Thema „Auferstehung Jesu“ ist äußerst dürftig, um nicht zu sagen für einen Autor wie Sloterdijk blamabel: Da nennt er nur ein Buch von einem gewissen Frank Morison alias Albert Henry Ross „Wer wälzte den Stein?“ (erstmals auf Englisch 1930 erschienen als Bekenntnis eines fundamentalistisch Bekehrten). Dieses Buch spielt heute in der Forschung zur Auferstehung Jesu de facto überhaupt gar keine Rolle. Und geradezu lustig ist dann Sloterdijks zweiter, wohl aber ernst gemeinter Hinweis auf den phantastischen Roman des zum literarischen Schwadronieren neigenden frommen Bestseller Autors Eric-Emmanuel Schmitt mit dem Titel „Das Evangelium nach Pilatus“. Sloterdijk bezieht sich vor allem auf das Thema „die abwesende Leiche im Grab Jesu“ am Ostermorgen und schreibt dann: „Dürfte man sagen, das Christentum beginne als Kriminalroman, in dem das negative corpus delicti in diversen Versionen wiederauftauchte, zuerst als spukender Ätherkörper am Rand von Jerusalem“, und dann springt Sloterdijk, assoziierend, in sachlich völlig unzutreffende Dimensionen, wenn er anschließend fortfährt: … „dann als Hostie, als Fronleichnamskörper und allenthalben als Kruzifixus?“ (S. 32). Der Fronleichnamskult ist bekanntlich ca. 1.300 Jahre „nach dem Entstehen des Auferstehungsglaubens entstanden. Sloterdijk spricht auch von den „40 Tagen „zwischen Ostern und Christi Himmelfahrt“ („falls es solch einen Tag gab“, schreibt er, wohl ahnend, dass man da doch sich besser an Metaphern und Bilder als an Daten halten sollte) gab es dann doch in der ersten Gemeinde, so wörtlich „Gerüchte, Delirien, Überhöhungen“ (S. 32). Da sind sie wieder, diese Sloterdijkschen Delirien, unter den Christen schon pauschal schon von Anbeginn leiden….
7.
Die Kirchengeschichte wird pauschal nichts als Heilgeschichte, sondern als Verbrecher-Geschichte von Sloterdijk bewertet. Es zeigt sich, dass Sloterdijk alles andere als ein objektiver religionswissenschaftlicher Beobachter ist, er hat durchaus seine eigene normative Meinung.
Sloterdijk warnt in seiner Schilderung der kirchlichen Verbrechen eher sanfte LeserINNen, wenn er in allen Details die Folter, verordnet von Kirchenoberen, ausführlich zu dokumentiert (S. 230 ff.). Diese LeserInnen sollten gegebenenfalls „die folgenden vier Seiten zu überblättern“ (ebd.).
8.
Sloterdijk ist bekannt für sein Ausfindigmachen entlegener Studien, seine Fußnoten sind oft eine Art Entdeckungsreise, nur der populäre und von ihm geschätzte Nietzsche wird mit einzelnen Sätzen (!) in „Den Himmel zu Sprechen bringen“ sehr oft zitiert (im Buch wird Nietzsche der vielen Erwähnungen wegen einfach nur kollegial F.N. genannt). Aber Sloterdijk verweist auf S. 129, Fußnote 137, ausnahmsweise ohne Quellenangabe auf einen Brauch in Österreich einst, „bei den in utero verstorbenen Föten diesen das geweihte Taufwasser von katholischen Hebammen per vaginam“ zuzuführen“, die Föten also per vaginam noch zu taufen. Aber diese nicht belegte Story erzählt Sloterdijk wohl nur, um dann gleich anzufügen: “Hatte Lenin doziert, die Wahrheit ist konkret, antwortet die religionsgeschichtliche Empirie: Das Delirium ist konkreter“. Das Delirium, d.h. die „geistige Verwirrung“ kennzeichnet für Sloterdijk sehr pauschal betrachtet das Christentum und den christlichen Glauben.
9.
Sloterdijk, als Zyniker bekannt, (sein erstes erfolgreiches Buch handelte von der zynischen Vernunft), gibt offen zu, auch in dem Buch „Den Himmel zum Sprechen bringen“, „ironische Züge“ (S. 141) zu verbreiten. Und diese seine Ironie deutet er – gar nicht ironisch, sondern dogmatisch argumentierend – sei „besser als das Theologie-übliche Zuviel-Sagen und letztlich-doch-alles-besser-Wissen“ (S.141). Der Philosoph Holger Freiherr von Dobstadt hat in seiner durchaus auch kritischen Sloterdijk Studie „Das Sloterdijk-Alphabet“ (Würzburg 2006) unter dem Stichwort „Ambivalenz“ (Seite 15 f) über Sloterdijks Denken geschrieben. Er spricht von dessen „doppelter Buchführung“, also: „Alles und das das Gegenteil lässt sich über die Welt aussagen, alle Wahrheiten lösen sich in Perspektivik auf und seine Deskriptionen des Zynismus finden sich in seinem eigenen Bewusstsein, das er im übrigens schonungslos decouvriert“ (ebd.).
Auch in dem Buch „Den Himmel zum Sprechen bringen“ freut sich wohl Sloterdijk über seine zynischen Formulierungen zu katholischen Merkwürdigkeiten, wie dem Fegefeuer: Er beschreibt in seinem sprachschöpferischen („poetischen“) Enthusiasmus das Fegefeuer als „einen transzendenten Waschsalon“, der „die Flecken des Erdenlebens in sieben Reinigungsgängen von der Stirn der Seele tilgt“ (S. 85). Luther kämpfte also gegen Waschsalons, wie hübsch! Wie originell!
Wortschöpferisch – zynisch ist Sloterdijk auch im Fall des Wüstenmönches Antonius (ca. 251 – 356) tätig, den zölibatären Mönch nennt er angesichts der heftigen sexuellen Versuchungen „einen Patriarchen der Psychopornographie“ (245). Die LeserInnen sollen lachen und wohl denken: Bei diesen Theo – Poeten wird kein Himmel zum Sprechen gebracht, Sloterdijk verdirbt jegliche Laune, sich mit dieser üblen Theopoesie, diesem Machwerk Religion bzw. Christentum, auseinanderzusetzen.
Hinsichtlich der Verkündigung der christlichen Lehre, die in Rom tatsächlich einer Dienststelle mit dem lateinischen Titel „Propaganda fidei“ unterstellt war, geht Sloterdijk assoziativ zur kirchlichen „Öffentlichkeitsarbeit“ im allgemeinen über und schreibt nicht ohne „Thymos“, wie er wohl sagen würde, also nicht ohne Wut: “Es bleibt die Familienähnlichkeit mit römisch-katholischen, jakobinischen, Goebbelschen und leninistisch-maoistischen Prozeduren zur Konformitätserzeugung nicht zu verkennen“ (S. 202). Römisch-katholisch, Goebbels, Lenin, alles wird in einen Eintopf geworfen. Solches erzeugt bei einem noch differenzierenden Leser doch etwas „Thymos“, würde Sloterdijk sagen, also durchaus berechtigt: Wut.
Die zweifellos zu kritisierenden Reformatoren Luther und Calvin und ihre Gnaden-Erwählungslehren beschreibt er so: „Die moderne Welt (der Reformatoren, CM) war anfangs nichts anderes als ein Netzwerk von schnellen Brütern für Erwählungsideen“ (304). Und man(n) soll wohl zur Abwechslung beim Lesen ins Schmunzeln geraten, wenn Sloterdijk über die Mutter von Kaiser Konstantin schreibt: Helena sei, so wörtlich, „eine postmenopausich frömmelnde Mutter“ gewesen (S 160).
10.
An diesen Albernheiten werden sich einige LeserInnen erfreuen…Und Religionen albern finden…
Wer das Buch „Den Himmel zum Sprechen bringen“ aber ins kritische Nachdenken einbezieht, muss tiefer ansetzen. Es geht um die schwierige Frage nach dem schöpferischen, auch Religionen und religiöse Texte „schaffenden“ Menschen. Es gibt bekanntlich eine breite philosophische Tradition, die schöpferisches Tun (der Musiker, der Dichter, der religiös Kreativen) nicht einseitig nur als Tat des Menschen versteht, sondern auch als Gabe, als Geschenk, „Geschick“ „des Himmels“ bzw. des Gottes. Mit anderen Worten: Im schöpferischen Tun, auch im Schaffen von Religion, wirkt auch Göttliches mit. Dies ist eine Erkenntnis, die etwa Hegel in seinem ganzen Werk der Geist – Philosophie zentral setzte. Die Voraussetzung dafür war wohl die Erkenntnis, dass ohne eine Art “Schöpfer“ der evolutive Gesamtzusammenhang der Welt und der Menschen nicht zu verstehen ist. Kurz und gut: Hegel zeigte, dass im Menschen als Geist – Kreatur das Unendliche, das Göttliche, wie auch immer man diesen nicht definierbaren, d.h. total zu umfassenden Bereich nennt, anwesend und mit-wirksam ist im Tun und Handel der Menschen. Aber Sloterdijk weist diesen Gedanken sicherlich – wieder zynisch ? – als spinös zurück, so wie er, wenn er in dem Buch von Hegel spricht, dessen Denken verkürzt. Nur ein Beispiel: Im Zusammenhang mit dem Leiden am Karfreitag behauptet Sloterdijk, Hegel habe sozusagen nur die, so wörtlich, „hinfällige Individualität“ gesehen. Der Mensch müssen also, wieder wörtlich, „den unendlichen Schmerz über sich empfinden“ (S. 30) und dabei ausharren. Aber Sloterdijk unterlässt es, darauf hinzuweisen, dass Hegel in seiner Philosophie, auch in seiner Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie, bei dieser Position nicht stehen bleibt! In dem auch von Sloterdijk zitierten Band 17 der Suhrkamp-Gesamtausgabe der Hegel Werke heißt es auf S. 269: Das Subjekt sei gerade nicht hinfällig, weil es in sich die „unendliche Kraft der Einheit“ (mit Gott) weiss“. Der Mensch, das Subjekt, ist also die „unendliche Kraft der Einheit“ (von Gott und Mensch), es ist alles andere als die „hinfällige Individualität“, als die sie Sloterdijk festlegen will. Hegel denkt die innere wesentliche Einheit von Mensch und Gott, aber die schließt Sloterdijk aus. Insofern übersieht er wohl gern die Hegelsche Aussage.
11.
Der Mensch ist auch für Sloterdijk, wie so oft gesagt wird in der banal wirkenden Formulierung des „nichts anderes als“ ein von jeglichem Göttlichen getrenntes Wesen. Es ist der Mensch ohne Mysterium, dem nichts als Zynismus übrig bleibt in seiner Situation.
Der große Literaturwissenschaftler George Steiner, wahrlich alles andere als ein kirchenfrommer Theologe, vertritt in seinem Buch „Grammatik der Schöpfung“ die Erkenntnis: Es kann nur ein Miteinander von Göttlichem und Menschlichem im schöpferischen Prozess geben, also in der Poiesis. „Über die Gott-Hypothese lässt sich nicht ohne Kosten spotten“ (S. 343), sagte der umfassend gebildete George Steiner in den genannten Buch, (München 2004).
12.
Viele Hinweise Sloterdijks zu den Verirrungen der Kirche, um nur bei dieser Religion zu bleiben, sind zweifellos richtig. Dennoch muss doch der Objektivität wegen ein starres Schwarz-Weiß-Schema aufgebrochen werden. Das mit der Kolonialherrschaft verbundene Missionssystem etwa der Spanier seitdem dem 16. Jahrhundert war eine Katastrophe, eine Katastrophe, was die Lebensrechte der „indianischen“ Bevölkerung angeht. Mission als Teil der spanischen Kolonisation war insofern auch Teilnahme am Morden. Aber es muss auch der Ausnahmegestalten gedacht werden, die sich – wie begrenzt auch immer – für die Menschenrechte der „indianischen Bevölkerung“ eingesetzt haben, ich nenne nur Pater Bartolomé de Las Casas, er überzeugte sogar mit seiner humanen Botschaft den spanischen Hof, aber der konnte sich bei den selbstherrlichen Eroberern nicht durchsetzen. Deswegen wurde weiter gemordet.
Das Christentum und die Kirchen waren also nie nur ganz total schwarz-weiß malend Mörderbanden.
Was waren denn die Forscher und Mathematiker etwa unter den Jesuiten des 17. Jahrhunderts für Menschen, die tatsächlich als Wissenschaftler anerkanntermaßen Großes leisteten? Haben die „Poeten“, also etwa auch die Schöpfer von barocken Kunstwerken oder die Komponisten von Messen und Oratorien etc., nicht oft genug von sich selbst gesagt, dass inmitten des schöpferischen Prozesses doch etwas „anderes“ („Göttliches“) und Geschenktes in ihnen mit dabei tätig war? Warum hören manche Leute noch voller Begeisterung diese Musik? Sind diese musikalischen Leistungen von Bach, Mozart, Beethoven etc. Ausdruck von Wahn oder „Delirium“? Wer solches behaupten würde, wäre selbst nicht mehr ganz auf der Höhe…
13.
Sloterdijks Buch „Den Himmel zum Sprechen bringen“ ist im wesentlichen religionswissenschaftliches Feuilleton, es ist kein Buch, das auch die aktuelle Entwicklung der Religionen berücksichtigt und diese in die Analyse einbezieht. Sloterdijk sieht nicht den tiefen Wandel im Christentum. Er sieht nicht und weiß nicht oder will es nicht wissen, dass etwa in Lateinamerika viele katholische Kreise, auch Bischöfe, entschieden die Menschenrechte verteidigen, aber auch in Afrika und Asien. Da lebt eine christliche Religion, die eben kein Delirium ist. Von Theologie der Befreiung hat Sloterdijk offenbar nie etwas gehört, nichts von christlichen Friedensbewegungen, von katholischen Menschenrechtsaktivisten, die im Engagement für die Armen ihr Leben lassen. Sloterdijk hat offenbar nichts von der Diakonie oder Caritas gehört, die etwa in den Slums der USA nach wie vor Millionen Menschen mit Essen versorgen, von Suppenküchen und Kleiderkammern von Klöstern in Europa hat er nichts gehört, nichts davon, dass viele Klöster so beliebt sind, dass dort Menschen Ruhe und Meditation suchen und finden.
Damit will ich keine Apologetik betreiben, sondern nur der gebotenen Objektivität willen sagen: Selbst in Kirchen, die sich heute noch auf eine göttliche Wirklichkeit, auf ein ungreifbares und nicht machbares Lebensgeheimnis in aller Offenheit beziehen, lebt sehr viel humane und vernünftige Energie, für die Menschenrechte ALS „göttliche Gebote“ einzutreten.
14.
So bleibt nach der Lektüre die Frage: Warum wurde eigentlich dieses Buch geschrieben? Die alten Thesen von Feuerbach und Co. sind ja bekannt. In seinem 20., dem Schlusskapitel, überschrieben „Religionsfreiheit“, deutet Sloterdijk, diesmal recht knapp und kurz, an: Religion ist für ihn „Beihilfe zur Auslegung des Daseins… bis hin zur Aufhellung des Unverfügbaren und zur Domestikation des Unheimlichen“ (S. 331). Religion geht darin auf, gemachte, „poietische“ (poetische) Funktion der Menschen zu sein. Aber, damit er nur ja nicht der Religion eine allzu wichtige Rolle zuweist, betont Sloterdijk schon mehrfach zuvor: Und das ist wohl der Sinn all der über 300 Seiten des Buches: Religion ist in der säkularen Welt nichts als ein kleiner „Rest“. Ein Rest, der „nach Abzug von alldem übrigbleibt, was in die Wissenschaften und in alle nur denkbaren Bereiche von Weltgestaltung „abgewandert“ ist (S. 330). Vielleicht verschwindet beim Fortschritt der Wissenschaften etc. dann auch Religion? Die Religion ist also NOCH der verschwindend kleine Rest, der, so betont Sloterdijk, selbstverständlich frei gelebt werden kann. „Religion ist überflüssig wie Musik“, schreibt Sloterdijk tröstend all jenen, die noch diesem letzten Rest, wie er schreibt, dem letzten Rest aus den „archaischen und hochkulturellen Weltbildern“ (S. 330) anhangen. Aber wie Musik ist für Sloterdijk Religion „Luxus“ (S. 335). Aber er muss doch zugeben als ein Zitat von einem Ungenannten: “Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum“. Aber weil nun einmal Religion, so wörtlich, Luxus ist, also kein Grundnahrungsmittel für die meisten, ist ihre Leistung auch „durch weltliche Prägungen substituierbar“, wie er schreibt (S. 335). Substituierbar bedeutet bekanntlich „austauschbar“, „ersetzbar“.
Was aber kann dieser religiöse Luxus heute noch sein? Sloterdijks Antwort: Es sind die „Schriften, Gesten, Klangwelten, die noch den einzelnen unserer Tage gelegentlich helfen, sich mit aufgehobenen Formeln auf die Verlegenheit ihres einzigartigen Daseins zu beziehen“ (S. 336). Möge also der einzelne als einzelner, offenbar außerhalb jeglicher Gemeinschaft, aus den Verlegenheiten des Daseins herausfinden. Von dem „Berührtsein“ von einer außerhalb des Menschen wie gleichzeitig IN ihm unbedingt sich zeigenden „Kraft“ des Mysteriums ist keine Rede. Aber gerade davon lebt ja bekanntlich die Musik, auf die sich Sloterdijk in seinem Hinweis auf die Ähnlichkeit mit Religion bezieht. So endet also das Buch mit einer doch wieder noch viel zu kurz greifenden „Auslegung der Existenz“. Aber gerade dann hätte das Buch wichtig werden können. Alles andere ist tausendmal gesagt.
15.
Und was soll der Titel des Buches wohl bedeuten? Kommt irgendwann ausführlich „der Himmel zum Sprechen“? Werden also naheliegend Gedichte und Psalmen, Lieder und Gebete, selbst unter der Sloterdijkschen Prämisse, dass es Gott nicht gibt, ausführlicher und angemessener vorgestellt und interpretiert? Eher nicht! Es werden einzelne Bibel-Verse gedeutet, etwa die Hiob-Geschichte, auch Psalmen werden kurz erwähnt und sogar das Kirchenlied „Großer Gott wir loben dich“ wird „abgehandelt“. Aber im ganzen darf man von dem Buch keine ausführlichen Hinweise zur Poesie und Lyrik und Gedichten „im engeren Sinne“ erwarten.
16.
Wer dieses umfassende Thema vertiefen will, auch die Frage nach dem schöpferischen Miteinander und Ineinander von menschlichem und göttlichem Geist, sollte das inhaltlich viel differenziertere Buch von George Steiner lesen, “Grammatik der Schöpfung“, DTV, 2004, 351 Seiten, 12,50 Euro.

Peter Sloterdijk, Den Himmel zum Sprechen bringen. Über Theospoesie. Suhrkamp Verlag, 3. Aufl. 2020, 344 Seiten, 26 Euro.
Das Buch enthält weder ein eigentlich zu erwartendes Stichwort-Register noch eine Liste der zitierten Bücher. Das erschwert ungemein die kritische Arbeit am Text. Aber auch in den anderen Bücher Sloterdijks fehlen die für kritische Auseinandersetzungen üblichen Stichwort-Register und Listen der zitierten Bücher. Dieses Fehlen unterstreicht nur den „Feuilleton-Charakter“ der Schriften von Sloterdijk.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Edgar Morin wird 100: Ein universaler Geist. „Ich bin immer störend gewesen“.

Ein Hinweis von Christian Modehn auf einen Denker, der endlich auch in Deutschland bekannt werden sollte! Siehe unten den Hinweis auf das Edgar Morin Forschungszentrum.

(ARTE sendet in der Nacht vom 8. zum 9.Juli, um 1.15 nachts einen einstündigen Film über das Leben und das Werk von Edgar Morin).

Wie Edgar Morin die Beziehungen sieht von Poesie und Philosophie, LINK

1.
Wie können die äußerst vielfältigen Interessen und Forschungen des Philosophen, Anthropologen, Soziologen und politisch Engagierten Edgar Morin zunächst an einem Beispiel deutlich werden?
2.
Wieder einmal verwirrten antisemitische Gerüchte in Frankreich die Geister. In Orléans und anderen Kleinstädten, wird 1969 (und später noch) das Gerücht verbreitet: In Geschäften jüdischer Eigentümer würden plötzlich junge Frauen entführt, sie verschwinden „einfach so“. Die jüdischen Inhaber der Läden werden aufs übelste beschimpft und bedroht. Die Polizei ist machtlos… und sie kann keine verschwundenen Personen melden.
Es gibt einen Soziologen, der diesen Wahn mit einer Equipe genau untersucht und seine Forschungsergebnisse publiziert hat: Edgar Morin. Seine Studie hat den Titel „La Rumeur d Orléans“ „Das Gerücht von Orléans“: Auch wenn sich der „alte“ Antisemitismus mit den üblichen rassistischen Klischees (Juden haben eine komische Nase, sind geldgierig etc.) 1969 nicht mehr öffentlich zeigt, ein anderer Antisemitismus macht sich breit: Im Focus des Hasses steht etwa der Jude als jüdischer Geschäftsmann, der zwar jedem anderen Franzosen gleicht, der also integriert ist, der aber doch „als Jude“ bekannt ist und trotz der Integration diffamiert wird. Dies ist auch das heutige Problem in Europa: „Der“ Jude scheint integriert, wenn nicht assimiliert zu sein, er/sie wird aber immer noch als „anders“ wahrgenommen und wegen der Andersheit drangsaliert und verfolgt.
3.
Das Buch „La Rumeur d Orléans“ ist eines von (tatsächlich) 115 Büchern, (gezählt auf der französischen wikipedia-Seite), des französischen Universalgelehrten. Sein Werk wird in Frankeich zurecht „monumental“ bezeichnet, seine Studien wurden in 28 Sprachen übersetzt und 42 Ländern verbreitet. In Deutschland ist Edgar Morin eher noch unbekannt, keine deutsche Universität hat ihm einen Dr. hc. verliehen. Von seinen 115 Büchern sind sechs Bücher auf Deutsch erschienen LINK. Manchmal wundert man sich sehr über die Grenzen des deutsch-französischen Kulturaustausches. Als sein Hauptwerk gilt das sechs Bände umfassende Werk „La Methode“ (erschienen in den Jahren 1977 bis 2006).
4.
Am 8. Juli 1921 wurde Edgar Morin in Paris 1921 als Kind säkularer jüdischer Eltern (ursprünglich aus Saloniki stammend) geboren unter dem Namen Edgar Nahum, der Tod seiner viel geliebten Mutter 1931 war für das Kind eine Katstrophe.
Wegen seiner Mitarbeit in der Résistance (als Mitglied des PCF 1942) gab sich Nahum den Decknamen Morin, den er seitdem behalten hat. 1951 wird er aus der kommunistischen Partei ausgeschlossen. Morin kam immer wieder auf seine Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei Frankreichs zu sprechen. Für sehr viele (bis heute prominente) französische Intellektuelle während und nach der Okkupation war eine Mitgliedschaft in dem PCF eine Art sich humanistisch verstehende Protesthaltung gegen den Faschismus, verbunden mit einer naiven Idealisierung der Sowjetunion und einer begründeten Abscheu vor dem Kapitalismus.
Morins politische Option blieb auch nach dem Ende seiner Tätigkeit in den intellektuellen Zirkeln der KP links. Er gründete 1956 die Zeitschrift „Arguments“, damals sehr angesehen, unter seiner Chefredaktion wurde der Stalinismus analysiert und kritisiert. Das Erscheinen von „Arguments“ wurde leider 1962 eingestellt.
In seinem Buch „Autocritique“ (1959) reflektiert Morin seine vor allem auf intellektueller Ebene durchaus beträchtliche Mitwirkung in der Kommunistischen Partei. 1983 erschien sein Buch „Was war der Kommunismus“. Die Antwort Morins: „Kommunismus war auch ein religiöser Glaube, eine große Religion mit Heiligen, Helden, Schlächtern, Märtyrern, Eiferern, war eine irdische Heils-Religion“.
5.
Morin ist bestimmt von dem Willen, sich persönlich zu befragen und politisch zu verändern, vor allem: zu lernen: Als Professor war er viele Jahre an dem berühmten Studienzentrum CNRS (=Forschungszentrum der Wissenschaften) tätig. Mit ihm ist Morin immer noch, auch publizistisch verbunden: https://lejournal.cnrs.fr/articles/edgar-morin-ou-leloge-de-la-pensee-complexe. Das CNRS weist zurecht auf die wichtigste Qualität des Wissenschaftlers Morin hin: Er sieht die Komplexität der sozialen, politischen und philosophischen Wirklichkeit, aber er sucht im Komplexen den inneren Zusammenhalt.
Seit vielen Jahren ist Ökologie eines seiner Hauptthemen, mit dem französischen Öko-Aktivisten Pierre Rabhi hat er beispielsweise ein Buch herausgegeben. Auch die Enzyklika von Papst Franziskus („Laudato si)“ zugunsten eines grundlegenden ökologischen Wandels hat Morin sehr positiv besprochen. „Der Papst verwendet eine Formulierung, wie ein Zitat von Gorbatschow, das Wort von dem Gemeinsamen Haus, in dem die Menschheit lebt. Der Papst zeigt, dass die Ökologie ganz tief heute unser Leben, unsere Zivilisation, unsere Weise zu Handeln und unser denken bestimmen muss“. Es ist die Selbstkritik, die Morin auszeichnet, diese Bereitschaft zu fragen und zu lernen, die auch an seinem Lob für eine päpstliche Enzyklika sichtbar wird. Das ständige Lernen und Sich-Befragen ist förmlich Morins Prinzip…
6.
Das politische Engagement zugunsten der sozialen Gerechtigkeit ist die Leidenschaft im Denken Morins. Sie gilt den armen Menschen in den Ländern der Armut, wie in Lateinamerika. Sie gilt in anderer Form auch in seinem Einsatz zugunsten von Edward Snowden und Julian Assange … mit Stéphane Hessel hat er gemeinsam publiziert. Auch der Dialog mit islamischen Intellektuellen ist ihm wichtig: Selbst mit einem muslimischen Intellektuellen, der umstritten ist, mit Tariq Ramadan, hat Morin im Jahr 2017 das Buch „L urgence et l essentiel“ publiziert: „Ich verabscheue die Polemik gegen Menschen und liebe die Polemik der Ideen“, hat Morin in dem Zusammenhang gesagt.
7.
Das explizit philosophische Werk Morins ist umfassend: Er betont: „Zweifel ist die Basis des menschlichen Lebens“ und sagt gleichzeitig: „Das Leben ist ein Mysterium: Sich verwundern über den Glanz des Lebens und darin die Energie finden gegen alle Greuel“.
Morin nennt sich Agnostiker, er hat aber viel Verständnis für religiöses Suchen nach einer Transzendenz. „Alles, was wir vom Universum gelernt haben, hat ein tiefgründiges Mysterium der Wirklichkeit offenbart. Mysterium des Lebens auf der Erde! So verblüffend bei seinem Entstehen und nicht weniger verblüffend in den Evolutionen: das Mysterium des Menschlichen, das Mysterium des Bewusstseins. Wir sind eingebettet in unergründliche Geheimnisse, die sich verbinden zu einem großen und obersten Geheimnis Die Poesie des Lebens passt zu der Präsenz des Mysteriums“.
8.
In seinem Buch „Mes Philosophes“ (2012) zeigt er zum Beispiel, warum er den Mathematiker und Mystiker Blaise Pascal schätzt, warum er in dem Buch auch von Jesus und Buddha spricht. „Jesus ist eine Art jüdischer Schamane, er hat der Menschheit den Sinn für die Vergebung beigebracht, die in seiner Sicht höher ist als die Gerechtigkeit. Ich bin ebenfalls sehr bewegt von einem Satz des Apostels Paulus: „Ohne die Liebe, bin ich nichts“. Ich glaube nicht an ein himmlisches Heil. Aber wegen der Vergebung und der Lehre von der Liebe fühle ich mich wie eine Art „Neo-Chrétien“, also ein Neu-Christ. Und was Marx angeht: Seine materialistische und eindimensionale Lehre von der Welt ist überholt und vorbei, aber viele seiner Ideen bleiben lebendig und stark. Im übrigen glaube ich, wie der spanische Mystiker Johannes vom Kreuz, dass jede Kenntnis zu einer neuen Unkenntnis führt. Und alles Licht kommt von einer dunklen Quelle“.
9.
„Was ich glaube“:
Morin lehnt es ab, sich Christ zu nennen, auch wenn ihm die Jesus-Gestalt viel bedeutet und die christliche Mystik (Johannes vom Kreuz) ebenso. In seinem Buch „Mes Philosophes“ (Seite 42) schreibt Morin: „Ich bin für eine Religion der Verbindung: Wir Menschen sind verbunden mit dem Leben, mit der Erde, die mit ihrer Sonne verbunden ist, wir sind verbunden mit dem Kosmos. Wir sind schließlich auch mit allen Wesen verbunden, die in uns sind, Vorfahren, Eltern. Und wir müssen uns verbunden mit allen anderen Menschen durch die Bindungen der fraternité. Das ist also eine Religion ohne Idole, aber mit dem Sinn für das Mysterium, in dieser Religion sind Glauben und Zweifel gleichzeitig vorhanden. Dies ist die Religion der verlorenen Menschen, eine Idee, die ich in meinem Buch „Evangile de la perdition“ ausgedrückt habe. Wir Menschen sind zusammen verloren, wir haben keine strahlende Zukunft der Vorsehung. Aber wir sind gemeinsam verbunden in einem unbekannten Abenteuer, das ungewiss ist und geheimnisvoll“.

10.
WIDERSTEHEN!
Edgar Morin ist überzeugt:
„Wogegen muss man heute Widerstand leisten? Man muss gegen zwei Formen der Barbarei Widerstand leisten: Eine Barbarei kennen wir alle: Sie zeigt sich im so genannten Islamischen Staat mit ihren Attentaten und dem Wahn. Die andere Barbarei ist kalt, eisig, die Barbarei des Kalküls, des Geldes, der Zinsen. Gegen diese beiden Formen der Barbarei müsste jedermann heute Widerstand leisten“.

Wer Französisch lesen kann, dem empfehle ich dringend als Einführung in das Denken Edgar Morins sein Buch „Mes Philosophes“. Reihe „Pluriel“ im Verlag Editions Germina, 185 Seiten, 7,50 Euro.

Es gibt eine offizielle website mit einer kompletten Bibliographie, gestaltet vom „Centre Edgar Morin“: LINK
https://www.iiac.cnrs.fr/spip.php?page=rubrique&id_rubrique=2

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Zu Peter Sloterdijk: Kritik des zynischen A-Humanismus: Von Herrenmenschen und solchen, „mit denen man fast nichts gemeinsam hat“.

Eine Meinungsäußerung zu Ausführungen Peter Sloterdijks in dem Blatt CICERO
Von Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin am 3.2.2016.

Dieser Beitrag wurde noch einmal am 27.6.2021 publiziert, um eine gewisse Ernüchterung zu fördern angesichts der zum Teil euphorischen Bewertungen des Sloterdijk Buches „Den Himmel zum Sprechen bringen“ (Suhrkamp, 2020).

In dem vor 5 Jahren publizierten Beitrag wurde irrütmlich Sloterdijk als Philosoph tituliert. Diesen Titel lehnt Sloterdijk aber selbst ab, so etwa in seinem Vortrag „Absoluter und kategorischer Imperativ“ (Paris, 2009, in: „Nach Gott“, 2018, Seite 300). Dort nennt sich Sloterdijk, ausnahmsweise bescheiden, „Autor philosophischer Arbeiten“. Und in dem Buch „Das Sloterdijk-Alphabet“ von Holger Freiherr von Dobeneck, (Würzburg, 2006), wird mehrfach darauf hingewiesen, dass Sloterdijk kein Philosoph ist, sondern eher ein „philosophischer Zeitdiagnostiker und Ideenhistoriker als ein kritisch-systematischer Philosoph“ (Seite 269).

Das Interview mit dem Philosophen Peter Sloterdijk in der Monatszeitschrift CICERO, Februar 2016, Seite 19 ff., hat viele Kommentare gefunden. Zum Teil wurden die Aussagen Sloterdijks schlichtweg für unverschämt, polemisch, viel zu pauschal, hetzend usw. empfunden. Diese Meinungsäußerungen sind im Großen und Ganzen sicher treffend.

1.
Tatsächlich sind die Ausführungen Sloterdijks für philosophisch interessierte Leser seiner Bücher ein gewisser Schock. Manchmal hat Sloterdijk doch Vernünftiges gesagt. In welchen Kreisen fühlt sich Sloterdijk nun wohl?
Nebenbei muss gefragt werde: Sind die eigenen schriftstellerisch-philosophischen Äußerungen Sloterdijks auch von seinem Zorn und seiner Laune, je nach dem, bestimmt? Wie stark sind bei ihm nicht weiter überprüfte Glaubenshaltungen, etwa im Fall der beiden jüngsten Bücher zur Gottesfrage: Schlicht die leitende Überzeugung, dass es eine göttliche Wirklichkeit nicht „gibt“?

2.
Einerseits weckt Slozerdijk beim Lesen des CICERO-Interviews Sympathien, wenn er zu Beginn angesichts des Terrors zu „Gelassenheit“ auffordert als einer „moralischen Aufgabe“, also für den reflektierten d.h. doch wohl kritischen Abstand vom Ereignis (Terror) wirbt. „Wir haben keine anderen Waffen als Aufklärung und Ruhe“, heißt es auf Seite 20 oben. Treffende Worte für einen Philosophen. Wenn er nur das Thema vertieft hätte….
Aber diese Einsichten werden förmlich von Sloterdijk selbst zerstört, wenn er sich zu pauschalen und unbegründeten Aussagen hinreißen lässt. Man fragt sich dann, ob er die Mahnung zu Ruhe und Aufklärung zuvor überhaupt ernst gemeint hat.
Unsinnig und unbegründet ist es, wenn er behauptet, dass der Islam „von seiner inneren Gestalt her nicht wirklich staatsfähig ist“, Seite 20. Warum soll denn „der“ Islam sich nicht entwickeln, wie einst das gar nicht so demokratie-staatsfähige Christentum? Warum ist es ausgeschlossen, dass der islamische Glaube als private Frömmigkeit in einer Demokratie gelebt wird? Wer will darauf verzichten zu hoffen (und daran zu arbeiten), wenn denn diese Welt noch eine insgesamt friedliche und tolerante Zukunft haben soll?

3.
Woher weiß Sloterdijk, dass, so wörtlich, der Islam „fast ohne Theologie auskommt“? Er will „den“ Islam offenbar für blöd erklären, für frommes Gesäusel halten und eine Sache der Gewalt… Dass es islamische Mystik, also eine Form der Theologie, gibt, hat er wirklich nie gehört? Hat Sloterdijk von den zahlreichen theologischen Schulen etwa seit dem 10. Jahrhundert gehört, ohne die christliche Theologie (und Philosophie !) später kaum möglich wäre? Hat er erfahren, dass es heute in vielen europäischen Ländern muslimische TheologInnen und entsprechende Lehrstühle an Universitäten gibt? Woher kommt diese Ignoranz? Warum verbreitet eine Zeitschrift wie CICERO unbesehen und ohne Korrektur so viel Unsinn? Will sie mit diesen falschen Behauptungen die LeserInnen aufhetzen? Will sie ihrem Ruf, sehr rechts und sehr konservativ zu sein, einmal mehr entsprechen? Diese Fragen sind Meinungsäußerungen!

4.
Über die klug zwischen den Zeilen angedeutete Vorliebe Sloterdijks für Carl Schmitt (gegen den jüdischen Philosophen Walter Benjamin) wäre vieles zu sagen. Schlimm ist, wenn ein doch eigentlich reflektierender Philosoph wie Sloterdijk die wirre Behauptung, sehr ähnlich den populistischen Sprüchen von Pegida und AFD, in die Welt setzt: “Die deutsche Regierung hat sich in einem Akt des Souveranitätsverzichts der Überrollung preisgegeben“ (Seite 21). Wir werden also überrollt? Herr Sloterdijk sollte also besser auswandern, um sein Leben zu retten vor den muslimischen Horden, am besten zu seinen Gesinnungsgenossen unter den Regierenden in Ungarn oder Polen? Im Ernst: Wir werden zerstört, vernichtet, bloß weil die Kanzlerin früher einmal, jetzt schon wieder, die Menschenrechte aller, aber auch aller Menschen Recht auf Leben und Schutz höher schätzte als die materiellen Wohlstands-Interessen der eigenen Nation? Menschenrechte stehen über den Gesetzen einer jeden Nation, das sollte ein Philosoph eigentlich wissen. Aber Sloterdijk denkt offenbar die Gedanken des 19. Jahrhunderts, als alle Welt die Nationen so toll fand, die Staaten, mit ihren Grenzen, um die man national(istisch) selbstverständlich kämpfen muss, siehe Erster Weltkrieg: Die Verteidigung des alten und stets zur Kriegshetze neigenden eng umgrenzten National-Staates lässt sich Sloterdijk nicht entgehen. Er liebt die Grenze, die Staaten von Staaten trennen: Man wehrt sich von einander ab, man hasst sich, man ist neidisch, man führt ganz selbstverständlich um der Grenzen willen Krieg. Führende AFD Damen sprachen bereits konsequenterweise vom Schusswaffen-Gebrauch an der deutschen Grenze gegen Flüchtlinge, selbstverständlich nicht gegen Kinder, sondern humanerweise nur gegen die Mütter. Eigentlich sollte es für Sloterdijk hoch blamabel sein, sich de facto in solchen Kreisen zu bewegen.

5.
Über den grundlegenden philosophischen Sinn von Grenzen wäre weiter zu sprechen, bekanntlich gab es für den Philosophen Hegel und andere Philosophen die Grenzen nur, um sie zu überschreiten. Das eingegrenzte, d.h. eingepferchte Dasein in eine Art Insel des Eigenen ist purer philosophischer Blödsinn. Wir leben als nun einmal zwar als individuell-begrenzte endliche Menschen, sind aber doch immer auch grenzenlos: Allein schon durch die Sprache, die wir mit allen Menschen teilen, durch die gemeinsame Kunst, die Kommunikation, in der wir über uns hinauswachsen, uns transzendieren, also Grenzen überschreiten.

Wahrlich verstörend und eine Beleidigung für Humanisten sind die Sätze auf Seite 22, zweite Spalte, in denen der Philosoph Sloterdijk offenbar in der ihm zugewiesenen Rolle des großen Meisters und Alles-Wissers pauschal die Integration für ein „unerreichbares Ziel“ hält, so wörtlich. Er plädiert für eine gleichgültig nebeneinander her lebende „Koexistenz“, „eine freundliche Gleichgültigkeit gegenüber der Tatsache, dass es zu viele Leute gibt, mit denen fast nichts gemeinsam hat“. Von friedlicher Koexistenz sprach man zu Zeiten des Kalten Krieges, als es Feindbilder gab.

Der Leser denkt: Mit diesem Sloterdijk will ich nichts gemeinsam haben. Bestenfalls diese von ihm beschriebene Koexistenz. Aber schwerwiegender ist die Arroganz des besseren, des wervolleren Menschen, des Herrenmenschen, der da spricht: Etwa: Mit diesen blöden Leuten, den Flüchtlingen, den Muslims, den anderen, den Ungebildeten und Armen, Kranken, Stinkenden, will ich bitte schön fast nichts gemeinsam haben und eben in einer Koexistenz nebeneinander her leben, nebeneinander, d.h. in Ignoranz, in Verachtung ohne Tätlichkeiten, bloß nicht im Dialog, schon gar nicht in Hilfsbereitschaft. Dieser zentrale, verstörend-unvernünftige Satz ist zu deuten als Ausdruck eines zynischen A-Humanismus. Von christlichen Traditionen, den guten, den wahrlich humanen trotz aller Verfehlungen, wollen wir nicht reden. Dafür hatte Sloterdijk pauschal ja nie viel übrig in seinem Denken. Dem sich im Menschen zeigenden Gottes-Bezug entspreche keine Wirklichkeit, dies ist nichts anderes als GLAUBENSBEKENNTNIS des Philosophen Sloterdijk.

6.
Heftig wird der Schlusssatz der genannten Sloterdijk Äußerung, der sich auf den elitär-herrschaftlichen Autor Stefan George beruft und noch einmal zeigt, wie tief die Verachtung Sloterdijks für die Flüchtlinge (und ihre dummen Helfer und ihre menschlich denkenden, vielleicht noch christlich angehauchten Politiker) ist: Sloterdijk sagt tatsächlich: “Wer kennt nicht die Momente, in denen man mit Stefan George sagen möchte: `Schon eure Zahl ist ein Frevel`? Eine antihumane Ungeheuerlichkeit! Aus der esoterischen Sprache Stefan Georges übersetzt: „Ihr Flüchtlinge seid schon in eurer großen Anzahl ein Frevel für uns Herrenmenschen. Ihr nehmt uns unseren Luxus. Ihr stört. Weg mit euch, Ihr Armen, Gequälten, Geschundenen. Geht zurück, nach Syrien, in den Iran usw. Lasst euch dort oder auf dem Rückweg und Hinweg erschießen, ist doch egal. Ersauft doch im Mittelmeer. Ihr frevelhaft Überzähligen. Wir haben als Herrenmenschen mit euch nichts gemein“.
Sloterdijk, der ja immer noch eine gewisse Beachtung findet in der Öffentlichkeit, wirkt mit seinen Hetzreden in der Zeitschrift CICERO in die Regierungskreise, CDU-CSU vor allem, hinein. Die ängstlichen, auf Wählerstimmenden schielenden Politiker haben längst begonnen, ihre Grenzen zu sichern, sich einzumauern, Angst zu verbreiten und den alten Nationalstaat wieder auferstehen zu lassen. Wie es mit den auf Grenzen fixierten Nationalstaaten einmal zuging, möge man bitte den Geschichtsbüchern entnehmen, und vorzugsweise die Jahre 1914 bis 1918 studieren oder 1933 bis 1945.

7.
Schon in dem oben genannten Buch „Sloterdijk-Alphabet“ (2006) gibt es eine kurze Erläuterung zum Sloterdijk Stichwort „arabische Kultur“ (S.154 f.). Der Autor dieses Buches, der Philosoph Holger Freiherr von Dobeneck schreibt: „Sloterdijk bezieht sich in seiner Charakterisieung der arabischen Kulur auf die Kulturmorphologie Spenglers. Nach ihm bildet die arabische Kultur einen tiefen Gegensatz zur Kultur des Westens, so dass eigentlich der islamische Kulturkampf gegen den Westen immunitätspolitisch in der Tiefenstruktur dieser Kultur schon angelegt ist….“.

8.
In dem „Sloterdijk-Alphabet“ gibt es auch ein Stichwort „Visionen“. Sloterdijk „fordert die Einrichtung eines Büros für Visionen“. Dann fährt der Autor des „Sloterdijk-Alphabets“ fort: „Ansatzeise gibt es das (alsodie Visionen) schon im Institut für Staatspolitik im Rittergut Schnellroda…“(Seite 260). Das Rittergut zu Schnellroda in Thüringen ist bekanntlich das Zentrum des sehr rechstlastigen Götz Kubitschek und seines Antaios Verlages, mit dem der rechtsextreme Politiker der AFD, Björn Höcke, eng verbunden ist. Und in der bekannten, für alles sehr Rechtslastige offenen „Bibliothek des Konservatismus“ in Berlin sind 32 Werke von Sloterdijk, selbstverständlich möchte man sagen, vertreten.

Copyright: Religionsphilosophischer Salon