Europa unterstützt Diktatoren in Afrika: Wie Europa seinen Rassismus heute lebt. Ein Buchhinweis

Ein Buch – Hinweis von Christian Modehn

Vorweg: Ich veröffentliche diesen Hinweis bezogen auf den 15. August, den Tag von “Marias leiblicher (!) Aufnahme in den Himmel”, ein z. T. staatlicher (Bayern!, Frankreich, Italien usw.) wie insgesamt katholischer Feiertag. Diesen 15. August auf die Flüchtlinge zu beziehen, soll bedeuten: Eine humanistische, auf Jesus bezogene Religion täte gut daran, diesen intellektuell ohnehin kaum nachvollziehbaren Marien-Feiertag neu zu bestimmen: Als Tag der humanen leiblichen Aufnahme der Flüchtlinge in Europa. Dazu wird sich aber kein Kirchenfürst im Vatikan und anderswo aufraffen.

Europa, die EU und damit auch Deutschland, bedient sich einiger Diktatoren in Afrika, damit diese die Anwesenheit von afrikanischen Flüchtlingen in Europa massiv und gewalttätig verhindern. Für viele Millionen Euros tun Diktatoren und verbrecherische Clans bekanntlich alles. So krepieren viele tausend Flüchtlinge in der Sahara. Etwa der alles andere als demokratische Staat Niger wird von Deutschland und der EU finanziell großzügig ausgestattet, um die in dieses Transitland gelangenden Flüchtlinge aufzuhalten, auszubeuten, zurückzuschicken. Die EU unterstützt so das in Niger regierende autokratische Regime.  Die Flüchtlinge, die auf “Schleichwegen” durch die Sahara doch noch nach Libyen gelangen, werden dann in den von der EU bezahlten “Lagern” (dies sind moderne KZs) in Libyen festgehalten, gequält, missbraucht, verkauft. Viele ersaufen dann im Mittelmeer.Und die reaktionäre, katholisch geprägte PP Partei wird in Spanien alles tun, damit die bis jetzt hilfsbereite sozialistische spanische Regierung gerade der Flüchtlingshilfe wegen wieder “verschwindet”… So zeigt ein sich gelegentlich noch christlich bzw. humanistisch nennendes Europa sein wahres Gesicht gegenüber Menschen in Not. Die Schikanen gegenüber den rettenden Helfern auf ihren Booten sind eine Schande. Werden diese Helfer den Friedensnobelpreis erhalten?

Es wird von europäischen Politikern nicht erklärt: Wie denn nun die oft angedeuteten umfassenden, Strukturen verbessernden europäischen Hilfen für eine insgesamt menschenwürdige Zukunft der Armen in Afrika wirklich aussehen werden. Vielmehr ist es eine Tatsache: Es wird auch in Deutschland eine Art rassistische Abwehr betrieben, damit diese Armen bloß nicht unseren Wohlstand in Europa irgendeiner Weise in Frage stellen. Moralisch nennt man dieses Verhalten “tödlichen Egoismus”. Wie Skalven werden die Flüchtlinge dann auf den Obstplantagen in Spanien gern benutzt oder als unterbezahlte Tellerwäscher in europäischen Restaurants usw…

Zu dem umfassend verstörenden Thema ist schon vor einigen Wochen ein sehr lesenwertes Buch erschienen, auf das wir schon früher hingewiesen haben und noch einmal nachdrücklich hinweisen: „Diktatoren als Türsteher Europas”. Von Christian Jakob und Simone Schlindwein (Ch. Links Verlag, Berlin 2017).  Meinen ausführlichen Text zu dem wichtigen Buch können Sie hier nachlesen.

Wenn der Dialog heute verweigert wird

Die Philosophie und das Verschwinden vernünftiger Kommunikation heute

Ein Hinweis von Christian Modehn zur Philosophie von Karl-Otto Apel

Die Krise der Kommunikation heute, als Verleumdung, Lügenpropaganda, Abbruch des Dialogs, Niveauverlust in den Gesprächen usw. ist auch eine Krise der Demokratie heute. Zu diesem Krankheitssyndrom kann die Philosophie hilfreiche Hinweise geben, wenn sie auf die unaufgebbaren Voraussetzungen der Kommunikation aufmerksam macht. Wer sie nicht beachtet, schädigt sich selbst auf Dauer.

Philosophieren als Praxis der Philosophie kann die Welt zwar nicht unmittelbar, nicht sofort, nicht „ad hoc“, verbessern. Aber Philosophie bringt Klarheit in die von Menschen verwendeten Begriffe und Werte bzw. Unwerte: Wer will schon selber in einem widersprüchlichen Wirrwarr von Meinungen und Behauptungen leben, wie im Nebel orientierungslos herumirren? Philosophie zeigt Irrtümer und Lügen auf und stellt die Frage: Ob Menschen mit der Lüge leben wollen.

Die Stärke der Philosophie ist die tief greifende Analyse der Sprachwelten, in denen die Menschen sich heute bewegen. Philosophie klärt auf über das, was wir sagen und tun und welche Konsequenzen das hat.

Philosophen sagen also eher selten, was denn konkret jetzt im einzelnen zu tun ist. Sie sind dem Allgemeinen verpflichtet, der Reflexion auf das allen Gemeinsame, die Vernunft. Aber gerade darin liegt die Bedeutung der Philosophie bzw. einer bestimmten Form des Philosophierens. Philosophie hat Wesentliches in der Krise zu sagen. Leider sagen das so wenige PhilosophInnen heute. Die demokratischen Gesellschaften haben heute ein tief greifendes Kommunikationsproblem. Man könnte sagen: Menschen unterschiedlicher Herkunft, Bildung, Parteienzugehörigkeit, Religionsbindungen usw. verstehen einander nicht mehr. Und das ist in dieser radikalen Dimension neu. Heute haben sich die Feinde der immer zu verbessernden (!) Demokratie innerhalb der Demokratie auch in Europa breit gemacht, das ist das Besondere und Gefährliche.

Jetzt reden Menschen aneinander vorbei, auch wenn sie noch die gleich klingenden Begriffe verwenden. Einen gemeinsamen sachlichen verbindenden und verbindlichen Inhalt gibt es oft nicht mehr: „Demokratie“, „Rechtsprechung“, „Gleichheit vor dem Gesetz“ usw. werden in widersprüchlichen Bedeutungen verwendet. Und die Kontrahenten sehen nicht mehr, was ein gemeinsames inhaltliches Verstehen leisten könnte.

Mister Trump erschüttert das Zusammenleben vernünftiger Menschen durch sein von Psychologen auch bestätigtes verrückt zu nennendes Agieren. Er sieht sich, der Autokrat, als der Herr der Wahrheit (ebenso Putin und die vielen anderen, die sich in Europa Politiker nennen): Um bei Mister Trump zu bleiben: Er kann heute die Wahrheit A und schon ein paar Stunden später die der Wahrheit A völlig widersprechende Wahrheit B verkünden. Die Bürger bzw. wenigstens seine Getreuen sollen gehorsam dem herrschaftlichen Umgang mit seiner Wahrheit folgen. Trump etabliert sich so als „der Führer“. Durch diese krankhafte Weise permanenter Verwirrung werden Menschen auf Dauer dann müde und zermürbt. Ihr Vertrauen in Erkenntnisse und Sätze mit Wahrheitsanspruch schwindet; ebenso wird das elementare Vertrauen in einen Mann, der sich Präsident nennt, zerstört. So bilden sich feinselige Fraktionen in ein und derselben Gesellschaft: Die einen halten sich an Wahrheit A, die anderen an Wahrheit B, und einige noch an die tatsächliche Wahrheit; vielen aber wird dieses ganze Thema dann doch ganz egal: Sie überlassen den Führern das Feld. Die permanente Verwirrung angesichts der Fakes und der Fakes – Behauptungen zerstört letztlich die letzten Reste von Demokratie. Und das wollen diese Herren, man befasse sich intensiver mit dem rechtsradikalen Freund von Mister Trump, mit Steve Bannon, der jetzt sein Netz knüpft zwischen allen rechtsradikalen Parteien Europas, auch die AFD hat Kontakte zu Bannon. Angesichts dieser eher hoffnungslos stimmenden Situation fragen sich einige: Und was haben Philosophen zu diesen Verhältnissen zu sagen? Philosophie hat es bekanntlich mit den „allgemeinen“ Fragen zu tun. Sie beschäftigt sich kritisch reflektierend mit der Vernunft und weiß, dass es tatsächlich nur eine gemeinsame Vernunft der Menschen geben kann. Selbst wer als Philosoph etwa in der Postmoderne von der Vielfalt verschiedener historisch – kulturell differenter „Vernünfte“ spricht oder sprach, verbindet doch die Vielfalt dieser „regional“ verschiedenen Vernünfte in seiner vernünftigen, von allen Lesern nachvollziehbaren Beschreibung zu einer gemeinsamen Verständlichkeit zusammen; d. h. wer von vielen Vernünften spricht, MUSS sich doch wieder einer gewissen „einheitlichen“ Sprache zur Erklärung dieser Behauptung bedienen. Noch einmal: Alle Interpretationen der vieler Vernünfte gelingen nur in der Verwendung dann doch einer gemeinsamen Sprache, der sich der darstellende Philosoph bedient.

Eine Privatsprache, die nur ich und vielleicht ein Freund verwenden und verstehen, kann man ja als Hobby entwickeln, nur wird sie als Privatsprache nie allgemeine Sprache werden (dürfen). Darauf hat der späte Wittgenstein bekanntlich hingewiesen.

Selbst wenn man die, kulturell bedingt, inhaltlich differenten Begriffe respektiert, etwa die unterschiedliche Bedeutung von „Welt“ oder „Transzendenz – Immanenz“ in Westeuropa und in China, wird man doch bei aller Differenz dann in einer gemeinsamen (englischen ?) Sprache die kulturell bedingten inhaltlichen Verschiedenheiten herausstellen. Man wird sich also verständigen, weil es eben doch eine allgemeine Verstehensmöglichkeit auch begrifflicher Art gibt. Selbst wenn große kulturelle Errungenschaften wie die Menschenrechte in einem bestimmten Teil dieser Erde entstanden sind, eben in Westeuropa, haben die Menschenrechte doch als solche universale Gültigkeit. Die regionale Herkunft einer Erkenntnis schließt nicht die universale Geltung aus! Das verstehen leider viele immer noch nicht! Alle, die die Menschenrechte sozusagen auf den europäischen Raum begrenzen wollen (auch aus machtpolitischen Gründen), müssen sehen: Selbst die heutigen Chinesen wollen sich für den allgemeinen Respekt der Menschenrechte einsetzen, man denke an die Dissidenten, an das Nein der Leidenden zum Regime. Im Nein der Leidenden zeigt sich die Universalität der Empfindung für die Menschenrechte und in der Empfindung dann für die Inhaltlichkeit der Menschenrechte und deren universeller Geltung. Dass die Menschenrechte heute in den Ländern, in denen sie einst formuliert wurden, nicht praktisch umfassend genug gelebt werden, ist ja kein Widerspruch zu ihrer universalen Gültigkeit. Menschnrechtler aber protestieren gegen den Verfall der Humanität etwa im neuen nationalistischen Wahn in Europa. Aufgrund des Nichtrespekts der Menschenrechte durch Herrscher und Autokraten in der westlichen Welt zu behaupten: Dann gelten in dieser Situation die Menschenrechte eben nicht mehr, wäre eine Art Suizid der Menschheit.

Diese hier nur kurz in Erinnerung gerufenen Tatsachen sind allgemein bekannt oder sollten allgemein bekannt sein.

Wichtiger ist es, sich in dieser Situation allgemeiner Kommunikationsverwirrung mit der Diskursphilosophie von Karl-Otto Apel (1922 – 2017) wieder intensiver zu beschäftigen. Er ist zweifellos einer der ganz großen Philosophen der Gegenwart, sein Einfluss auf das Denken von Jürgen Habermas ist eine Tatsache. Nachteilig ist nur für viele nicht so geübte Leser philosophischer Autoren: Karl-Otto Apel schreibt eher sehr anspruchsvoll, die Mühe des denkenden Lesens sollte man aber unbedingt wagen. Empfehlenswert ist die Einführung in sein Denken von Walter Reese-Schäfer erschienen im Junius Verlag.

Um den Kern der Sache, um die es Apel und uns in dieser Krise der Kommunikation geht, kurz zu skizzieren:

Apel geht davon aus, dass mit dem Eintritt verschiedener Menschen in ein gemeinsames Gespräch, in einen Disput oder Diskurs, bestimmte Voraussetzungen von selbst (!) mit – gegeben sind; diese müssen philosophisch freigelegt werden. Nur so kann jeder Sprechende wissen, was er/sie eigentlich im Argumentieren schon mit-bringt an nicht thematisierten Voraussetzungen. Philosophie wird so bei Apel – in der Bindung an Kant – zu Implikationsforschung bzw. Freilegung von Implikationen, die immer schon in unserem geistigen Handeln, im Reden etwa, mitgegeben sind. „Apels Weg ist die hermeneutische Besinnung auf die notwendigen Voraussetzungen der Argumentation“, schreibt Reese-Schäfer, S. 56.

Diese Voraussetzungen sind nicht in erster Linie Voraussetzungen äußerer Art, etwa ein angenehmes Gesprächsklima mit entsprechenden Räumen oder die Entscheidung für eine allen Gesprächsteilnehmern gemeinsame Sprache.

Entscheidend sind vielmehr die „unsichtbaren“ Voraussetzungen im Sprechen und Zuhören und Antworten selbst. Diese unsichtbaren Voraussetzungen (Aprioris im Sinne von Kant, er spricht von transzendentalem Apriori) ) bringen die Menschen IMMER SCHON mit, als mit Geist/Vernunft ausgestattete Wesen, ob sie das wollen oder nicht, ob sie diese apriorischen Voraussetzungen für sich bejahen oder nicht. Man entkommt diesen Voraussetzungen förmlich gar nicht. Es geht also um Dimensionen de Vernunft „die man nicht bestreiten kann“ (Reese- Schäfer, S. 47). Wer diese immer schon mitgebrachten Voraussetzungen bestreitet, bedient sich aber ihrer noch einmal gerade im Bestreiten selbst; er wird diese Voraussetzungen nicht los. Sie sind „unhintergehbar“, wie Apel sagt. Im Reflektieren auf sie kommt der Geist/die Vernunft auf etwas Letztes, das er als Geist/Vernunft nicht noch einmal tiefer begründen kann.

Im Gespräch/Diskurs gehen die Redner, Zuhörer, Antwortenden immer schon de facto davon aus, dass sie einander verstehen wollen. Der Eintritt in den Diskurs ist freiwillig, es sei denn, es handelt sich um Friedensverhandlungen etwa nach einem Krieg. Wenn in Krisenzeiten Menschen sich dem Diskurs entziehen, kann dies Ausdruck von Misstrauen, Schwäche, Ablehnung von kommunikativer Nähe sein, diese Haltung wäre eigens zu bedenken.

Aber: Im allgemeinen gilt: Wer in die Kommunikation eintritt, will tatsächlich kommunizieren. Will verstehen, will sich selbst und andere verstehen in Richtung auf ein gemeinsames Ziel.

Dies ist die Voraussetzung ihrer Zusammenkunft. Selbst wenn ein Gesprächsteilnehmer an dem Diskurs teilnimmt, um sein Nichtverstehen und Nichteinverstandensein bald zu dokumentieren, so sagt er das in Worten, die alle anderen verstehen. Er will sich gerade als „Nichteinverstandener“ ja für andere verständlich etablieren. Selbst wenn er seine Haltung (nur) durch symbolisches Agieren dokumentiert, muss dieses symbolische Agieren, etwa durch Schreien, Aufstehen, den Raumverlassen usw. als symbolische Tat von den anderen verstanden werden. Ein symbolisches Handeln in einer „Privatsprache“, die nicht allgemein verstanden würde, wäre total sinnlos auch für diesen Agierenden.

Das heißt: Alle Gesprächsteilnehmer binden sich, meist unbewusst, aber doch gültig und tatsächlich, an die gemeinsam geteilte Überzeugung: zu einer einzigen Kommunikationsgemeinschaft zu gehören. Sie bekennen förmlich: Wir sind eine sich verstehende bzw. verstehen wollende Gemeinschaft. Nur aus diesem Grund kommen wir ja zusammen, nur aus diesem Grund sprechen wir miteinander.

Inhaltlich kann natürlich wirklich alles Mögliche gesagt werden. Nur: Formal steht das inhaltlich Gesagte immer unter einem nicht abzuwerfenden Apriori: Alles Gesagte darf nicht dem formal festzustellenden inneren Widerspruch unterliegen. Wenn jemand sagt: “Alle Sätze, alles Urteilen, sind sinnlos“, dann ist in diesem einfachen Beispiel natürlich auch sein Satz sinnlos und bedarf keiner weiteren Debatte. Dieser Redner lebt in einem Selbstwiderspruch, der für ihn nicht nur blamabel, sondern wohl auch seelisch schädlich ist. Der Selbstwiderspruch im Denken und Sprechen muss kommunikativ gelöst werden.

Wenn jemand sagt: „Jetzt behaupte ich als Faktum: Die Einwohnerzahl von Berlin beträgt zur Zeit 3,7 Millionen Menschen“. Was wissenschaftlich betrachtet korrekt ist. Wenn dieselbe Person dann aber ein paar Stunden später sagt: „Jetzt sage ich als Faktum, die Einwohnerzahl von Berlin beträgt zur Zeit nur 2 Millionen Einwohner“, dann ist das nicht nur ein dummer, autoritärer Umgang mit Fakten. Diese Person, die ja Kenntnis hat von der Einwohnerzahl hat, also durchaus gebildet ist, fühlt sich überhaupt nicht gebunden an die innere Verpflichtung des Geistes, der Vernunft, die Wahrheit zu sagen. Anders formuliert: Diese Willkür im Umgang mit Fakten kann vor dem universalen Wahrheitskriterium des Kategorischen Imperativs nicht bestehen. Eine Person, die die formale Bindung eines jeden Menschen an den Anspruch der Wahrhaftigkeit autoritär überspringt, muss zudem damit rechnen, dass Menschen auftreten und sagen: Jetzt ist diese Person noch der Präsident, ein paar Stunden später ist er es nicht mehr, weil wir Bürger ihn in ein Altersheim einweisen…Subjektive Willkür im Umgang mit Wahrheit rächt sich also.

Die große Frage ist: Wie gehen vernünftig und selbstkritisch argumentierende Gesprächsteilnehmer mit einem Menschen um, der gar nicht ernsthaft argumentieren will? Es ist ja im persönlichen, privaten Bereich möglich, sich vernünftigen Argumenten zu entziehen. Schwierig wird es, wenn diese Person auch politisch sehr einflussreich ist und etwa über das berühmte Knöpfchen verfügt, um einen Atomkrieg anzuzetteln…Walter Resse- Schäfer behauptet sogar, die Diskurstheorie von Apel enthalte „die stille Drohung , diese Irrationalisten in eine Heilanstalt zu sperren“ (Seite 51), was ja im Falle der für Atombomben Verantwortlichen, aber unvernünftigen Politiker so falsch wohl nicht wäre… Reese – Schäfer verweist auf Seite 157, Fn. 17, auf Apels Aussage in „Diskurs und Verantwortung“, S. 336 und er weist auf eine ähnliche Position bei Habermas hin, „Moralbewusstsein und kommunikatives Handeln“, S. 109ff.

Wie auch immer man dieses schwere Problem weiter diskutiert: Wie Demokratie mit den inneren Zerstörern der Demokratie umgeht, ist eine der Hauptfragen der Zukunft. Der Krieg im Innern der Demokratie ist ja seit dem Faschismus und dem Nazi-Wahnsinn bekannt. Damals handelten nur sehr wenige rechtzeitig gegen die „Feind im Innern“, der letztlich ein Feind der vernünftigen Kommunikation war: Wenn Goebbels 1943 rief: „Wollt ihr den totalen Krieg“, war das, philosophisch betrachtet, auch der Wille von Goebbels, selbst in diesem totalen (!) Krieg unterzugehen. Es waren Massen, die manipuliert wurden und schon im nationalistischen rassistischen Wahn lebten, sie waren von kritischer Reflexion nicht mehr erreichbar. Solche Niederlage der Vernunft geschieht durch populistische Agitatoren immer wieder. Widerstand muss rechtzeitig sein!

Wenn Philosophie etwas beitragen kann in dieser Krise, dieser Zerstörungssucht der Demokratien in Europa von innen her: Dann ist es das umfassende kritisches Nachdenken für alle und mit allen pflegen. Auf die inneren Widersprüche der Feinde der Demokratien aufmerksam machen. Wer den dummen Spruch sagt „Merkel muss weg“, muss sich logischerweise auch gefallen lassen. „Auch du rechtsextremer Politiker musst als Politiker weg“. „Denn du passt mit diesen brutalen Sprüchen nicht in eine demokratische Gesellschaft“. Diese rechtsradikale Argumentationsstruktur, falls sie noch den Namen verdient, lebt von inneren Widersprüchen. Philosophen müssen mit Psychologen zeigen, was es bedeutet, wenn Menschen mit logischen und inneren Widersprüchen leben. Wir sind wieder beim Thema, das schon in Punkt 6 angesprochen wurde.

10 Wenn der Mensch sich doch wesentlich noch als Wesen des Geistes, des Verstandes, der Empathie versteht, denn nur dann ist er Mensch und eben kein irrational agierendes Tier, dann muss er offen sein für Argumente, Diskussion, Ringen um die gemeinsame Wahrheit. Oder er verweigert sich und will eben Krieg aller gegen alle (siehe die zerstörerisch – apokalyptischen Visionen von Steve Bannon).

Es geht um die Frage: Wollen wir wirklich noch menschlich bleiben, wollen wir mental gesund bleiben? Wollen die allen Menschen gemeinsame Vernunft, die sich in den Menschenrechten äußert, als oberste Instanz anerkennen, wirklich als oberste Instanz, also auch über allen verschiedenen Religionen und sonstigen Weisheitslehren stehend. Über die Versöhnung der Differenzen in den unterschiedlichen Religionen können ja bekanntlich nicht die einzelnen Religionen befinden: Das Gemeinsame, Friedvolle, Humane kann nur die übergeordnete Philosophie entdecken und freilegen. Es ist also die Aktualität eines Hegelschen Gedankens, dass die Philosophie ÜBER den Religionen steht, die beachtet werden sollte. Womit nicht gesagt ist, dass nicht religiöse Menschen ihre Religion leben dürfen, im Rahmen der Menschenrechte, d.h. der allen gemeinsamen Vernunft.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Georgiens Philosoph der Freiheit: Merab Mamardaschwili. Anläßlich der Frankfurter Buchmesse 2018

Über den Philosophen Merab Mamardaschwili, geboren am 15.9.1930

Ein Hinweis von Christian Modehn

Georgien ist der „Ehrengast“ der Frankfurter Buchmesse 2018. Endlich ein Grund mehr, an den großen georgischen Philosophen Merab Mamardaschwili zu erinnern und sogar zu bitten, wenn nicht zu fordern, dass an sein Werk, an seine Art, Philosophie zu lehren und zu leben, auch in Deutschland endlich viel mehr erinnert wird.

Merab Mamardaschwili wurde am 15. September 1930 in Gori geboren, der Stadt, aus der auch Stalin stammt.

Aber mit dem Stalinismus und dem Sowjetsozialismus hatte der Philosoph nichts im Sinn. Er war ein origineller Interpret der Werke von Descartes, den er besonders schätzte, weil er in seiner Philosophie das Individuum über die Gesellschaft gestellt wurde. Und Mamardaschwili schätzte Kant, den “Philosophen der individuellen Freiheit”, der er selbst auf ganz eigenwillige Art in Moskau war; als ein Individuum, ein Mann außerhalb der Massen. Seine Studenten und seine Freunde verglichen ihn durchaus gern mit „Sokrates“. Das will etwas heißen im Sowjetsystem. Großes Interesse hatte Mamardaschwili für die französische Literatur, für Artaud und Proust. Ins Deutsche sind keine Arbeiten von Mamardaschwili, meines Wissens bis jetzt (Juli 2018), übersetzt worden.

Es ist wohl eine seiner bemerkenswertesten Leistungen, dass er als Philosophie – Professor an staatlichen Universitäten und Hochschulen in Moskau und Tbilissi (von 1980 bis 1990) als freier Denker lehren und leben konnte. Seine Vorlesungen fanden einen enormen Zuspruch. Sein Name hatte in der Sowjetzeit schon eine bestimmte „Aura“ der Freiheit.

Dissident und damit Verfolgter im Sowjetreich war er nicht. Er hatte förmlich das Glück, unter den Zuständen damals trotzdem noch frei zu bleiben und frei zu denken. Der russische Philosoph Michail Ryklin nennt Mamardaschwili „einen Denker von europäischen Format und einen Lehrer im sokratischen Sinne, der eine ganz Generation von georgischen und russischen Intellektuellen geprägt hat“. Er war als Georgier zwar mit seiner Heimat verbunden, wandte sich aber heftig gegen den Nationalismus. Er sagte: „Die Wahrheit steht höher als die Heimat“. Daraufhin begann förmlich eine Hetzkampagne gegen ihn.

Mamardaschwili wurde nach seiner Promotion über Hegel nach Prag geschickt, das war schon ein kleiner Schritt in ein bisschen mehr Freiheit. Eigenmächtig blieb er in Paris und wurde darauf , bei seiner Rückkehr, 1966, dazu verurteilt, die UDSSR 20 Jahre Jahre lang nicht zu verlassen. Gorbatschow erwähnt ihn positiv, in den Zeiten der „Öffnung“ Ende der achtziger Jahre konnte er frei reisen, etwa in die USA und Frankreich. Am 25. November 1990 ist er an einem Herzinfarkt auf einem Moskauer Flughafen, im Transitbereich, auf dem Weg nach Georgien, gestorben. Ausgerechnet im Transit möchte man sagen, lebte doch Maradaschwili selbst insgesamt wie im Übergang.

Seine Werke gilt es in Deutschland und wohl außerhalb Georgiens insgesamt zu entdecken, genauso wie seine außergewöhnliche Persönlichkeit. Unsere hiesige Philosophie erlebt Überraschungen, wenn sie über das allzu Vertraute hinausschaut. Wer hätte schon damit gerechnet, dass solch ein Denker im Sowjetsystem überhaupt leben und eine Art „philosophische Gemeinde“ damals formen konnte?

In einem Interview mit Annie Eppelboin (Frankeich) sagte Mamardaschwili: „Die totalitäre Gesellschaft erschafft eine Sprache, die das Erwachen ausschließt. Du kannst sterben, ohne je entdeckt zu haben, was wirklich dein Gefühl ist. Als ich jung war, waren die Leute vom Komsomol die Verwalter des Gemeinwesen, auch des sozialen Körpers. Sie verwalteten auch mein Denken“. (in dem Buch „ La Pensée empéchée“).

Copyright: Christian Modehn

 

 

 

Gegen das Entgleisen der Moderne und das Verschwinden des demokratischen Rechtsstaates

Ein Salonabend zur Aktualität von Jürgen Habermas am 20.7. 2018

Hinweise von Christian Modehn

Diese Hinweise sind bestimmt für Menschen, die sich bisher eher beiläufig oder fast gar nicht mit dem Denken von Jürgen Habermas befasst haben. Es werden hier sozusagen elementare Verstehenshilfen zu zwei zentralen Begriffen vorgeschlagen, mit dem Zweck: Selbst Habermas zu lesen und die Habermas Texte zu bedenken.

Jürgen Habermas (geb.1929) ist Philosoph und Sozialwissenschaftler.

Sein leidenschaftliches Interesse gilt einer Philosophie, die Kants Erkenntnisse neu formuliert und die dabei die Ethik in den Mittelpunkt stellt. Moralphilosophie, Ethik, wird deutlich durch vernünftiges, allen Denkenden zugängliches Argumentieren.

Habermas hält sich gegen die postmodernen Philosophen an eine universal geltende Ethik: Diese hat nichts mit willkürlichen Entschlüssen, nichts mit Befolgung von Machtsprüchen oder mit unreflektierter Realisierung religiöser Weisheiten zu tun. Die Vernunft prüft – wie Kant – alle inhaltlichen ethischen Weisungen auf ihre vernünftige formale Geltung (siehe „Kategorischer Imperativ“). Die Vernunft will dann jeweils historisch – konkret inhaltliche vernünftige Normen erzeugen. Dabei stellt Habermas Mythos gegen Philosophie. Die Wahrheiten der Mythen müssen, falls sie – auch weltlich, politisch, relevant sein sollen – in Vernunft-Sätze übersetzt werden.

Das ist grundlegend: Die Vernunft steht im Dienst der Bewahrung und Rettung des menschlichen Miteinanders in demokratischen Rechtsstaaten. Nur in einer „Mobilisierung“ der Vernunft, zu der auch Empathie, Gefühle gehören, kann die Moderne vor der „Entgleisung“ bewahrt werden.

Habermas prangert gerade in seinen Stellungnahmen der letzten Jahre den „unverfrorenen Wirtschaftsegoismus“ an, er fürchtet den „Zerfall Europas“, will die Solidarität mit vernünftigen Gründen in den Mittelpunkt stellen.

Habermas ist ein politischer Philosoph, ein engagierter Philosoph. Er weiß: Der Mensch ist nicht ein in sich verkapseltes (egoistisches) Individuum, sondern zuerst „Sein mit anderen“, also inter-subjektitiv von vornherein bestimmt. Nur durch das Mitsein mit anderen entsteht individuelles Selbstbewusstsein. Es ist also auch vernünftig, solidarisch zu sein. Wer unsolidarisch ist und nur das Ego pflegt, widerspricht der Struktur seines eigenen Menschseins.

Dabei darf man das persönliche Profil von Jürgen Habermas nicht vergessen: Er ist ein aufmerksamer Dialog – Partner, er versucht, den anderen vorbehaltlos zu verstehen, er äußert sich gern in der Öffentlichkeit: Sein philosophisches Profil begann wohl damit, als er 1953 die bruchlose Ausgabe von Heideggers Vorlesungen „Einführung in die Metaphysik“ von 1935 kritisierte, die Veröffentlichung nach dem Krieg war bruchlos deswegen, weil Heidegger ohne jeden Hinweis einen in der Nazizeit veröffentlichten Text „einfach so“ publizierte. Habermas zeigte, wie in dem Text versteckt Nazi – Ideologie enthalten ist. Überhaupt reagierte der junge Habermas sehr früh empört über die Tatsache, wie sich in den frühen Jahre der BRD unter Adenauer Nazi – „Größen“ in führender Stellung etablieren konnten.

Ein Hinweis zur Diskursethik:

Hier wäre vom Einfluss des mit Habermas befreundeten Philosophen Karl-Otto Apel zu sprechen.

Die These ist: Durch den Diskurs, d.h. das vernünftige Gespräch möglichst mit allen, kann die Demokratie gerettet werden. Weil der Diskurs von der Erkenntnis ausgeht, dass im Sprechen und Miteinander Diskutieren implizit eine (formale) Wahrheit anerkannt wird: Eben, dass wir einander verstehen können (wenn wir die gleiche Sprache sprechen…) Zum Diskurs selbst: „Alle relevanten Stimmen finden Gehör“. Alle „beim gegenwärtigen Wissensstand besten Argumente gelangen ins Gespräch und damit zu einer Geltung“.

Wenn es Ja und Nein Stellungnahmen, also Entscheidungen, der Teilnehmer gibt, dann unter dem „zwanglosen Zwang (Habermas) des besseren Arguments“.(J.H., Diskursethik, Studienausgabe, S. 162). Es zählt nur das Argument, unabhängig von sozialen Status etc. Es geht um die Vorrangstellung des kommunikativen Handelns (anders als das instrumentelle Handeln, also Arbeit). Kommunikatives Handeln ist vor aller Arbeit das durch gemeinsames Sprechen ermöglichte Schaffen einer gemeinsamen vernünftigen Welt.

Sprechen IST Handeln.

Sprechen ist nicht nur faktischer Informationsaustausch („es ist 10 Uhr“), sondern eine Tathandlung, die in der Zusage den anderen verändert („Ich wünsche dir gute Gesundheit“)

Noch einmal: Allem Sprechen „wohnt“ als implizites, nicht abzuschaffendes Ziel die Verständigung mit anderen inne. Wir sind im Sprechen a priori auf Verständigung mit anderen aus. Auch auf die Erzeugung von einem gemeinsamen Projekt. Etwa ist das Urteil „Alles ist sinnlos“ ein Selbstwiderspruch, denn dieses Urteil ist dann selbst sinnlos. Wer dies leugnet, lebt in einem Selbst-Widerspruch. Wie ein jeder mit Selbstwidersprüchen umgeht, ist ein anderes Thema. Mit der eigenen (Lebens)Lüge (bequem) leben, wäre ein Ansatz dafür, welche Krankheitsbilder sich dabei zeigen, ein anderes Thema.

Jeder Gesprächsteilnehmer sieht sich genötigt im Diskurs, die Perspektive des anderen zu übernehmen, um zu prüfen, wie dadurch ein vernünftiges Miteinander gefunden werden kann. Diese Vernunft findet – sehr schnell verkürzt gesagt -in ihren Ausdruck in gerechten Gesetzen.

Zum wechselseitigen Lernen von säkularen (also explizit nicht-religiösen) Menschen und religiös/konfessionell gebundenen Menschen.

Habermas geht davon aus, dass in den Lehren, Weisheiten, der (meist uralten) Religionen Erkenntnisse enthalten sind, die heute wichtig sein können auch für die Rettung der Demokratie. Habermas spricht oft von der Gefahr der „Entgleisung der Moderne“, die nur durch die vernünftige Einbeziehung religiöser Ideen und religiöser Energien verhindert werden kann.

Für Habermas sind Religionen Ausdruck des „objektiven Geistes“, darin folgt er Hegel: Kunst, Religionen, Philosophien sind Ausdruck (Aussage), je unterschiedlich, des einen universalen Geistes. Auch Religionen haben auf ihre Art Wesentliches zu sagen. Ein Beispiel für eine Übersetzung religiöser Weisheit von der Sicht von Habermas: „Der egalitäre Universalismus, aus dem die Ideen von Freiheit und solidarischem Zusammenleben entsprungen sind, ist unmittelbar ein Erbe der jüdischen Gerechtigkeit und der christlichen Liebesethik. In der Substanz unverändert, ist dieses Erbe immer wieder kritisch angeeignet und neu interpretiert worden. Dazu gibt es bis heute keine Alternative.’ (Jürgen Habermas, Zeit der Übergänge, Suhrkamp, 173 ff)

Habermas sieht heute „knapper werdende Sinn -, Solidaritäts- und Gerechtigkeitsressourcen“ (S. 99) Darum sein Interesse an der vernünftigen Pflege religiöser Weisheiten und deren reflektierte Einbeziehung ins gesellschaftliche Miteinander. Diese Weisheiten will er aktuell retten, dadurch, dass er die religiösen Menschen auffordert, ihre eigenen religiösen Weisheiten allgemein verständlich, vernünftig, auszudrücken.

Dies ist wichtig, um das Entgleisen der Moderne zu verhindern: Denn die Philosophie selbst zeigt, auch in der Bindung an Kant, „es gibt eine motivationale Schwäche der Vernunftmoral“ (J.H.: „Ein Bewusstsein von dem, was fehlt“, Suhrkamp, S. 97). „Die säkulare Moral ist nicht von Haus aus in gemeinsame Praktiken eingebettet. Demgegenüber bleibt das religiöse Bewusstsein wesentlich mit der fortdauernden Praxis des Lebens in einer Gemeinde verbunden und mit der im Ritus vereinigten Glaubensgenossen“ (ebd.). (Meine Frage: Wenn Kirchengemeinden verschwinden, verschwindet auch die hilfreiche solidarische Praxis? Und: Sind pauschal alle sich Religion nennenden Religionen in der Hinsicht relevant ? Wer unterscheidet die religiöses Qualität von Mystikern von Scientology oder den Zeugen Jehovas? Das kann nur die mit eigenen Massstäben argumentierende, allen Religionen übergeordnete Philosophie. Diesem Satz würde Habermas nicht zustimmen.

Aber darüber hinaus: Schon Kant sah ein Defizit der praktischen Vernunft. Er sah, dass kollektive Ziele etwa in der Gesellschaft mit der Kraft der Vernunft eher schwach nur verwirklicht werden (Die Religion, meinte er, habe kräftige Begriffe der Sittlichkeit… Kritik der Urteilskraft, S 603). Ob diese Einschätzung heute noch so stimmt, ist die Frage…

Habermas fordert jedenfalls von den säkularen Menschen Respekt vor den religiösen Weisheitslehren. Der barmherzige Samariter praktiziert als Fremder die Fernsten/Fremden Liebe, indem er spontan einen Fremden umfassend pflegt. Das heißt: Nächstenliebe ist immer Fernsten/Fremdenliebe. So viel Verständnis für Religiöses haben säkulare Kritiker dem erklärtermaßen „religiös unmusikalischen“ Habermas übel genommen. Habermas verteidigte sich angesichts seiner Dialoge mit Kardinal Ratzinger und den Jesuiten, es sind ja Exempel gelebter Dialgpraxis und zudem sagte er: Er sei nicht im Alter auch noch fromm geworden. Obwohl er bekennt, manches doch in seiner Herkunft aus einer liberal – protestantischen Familie gelernt zu haben. Nach meinem Eindruck hat sich Habermas zu diesem wechselseitigen Lernen zwischen muslimisch Frommen und säkularen Menschen nicht sehr ausführlich geäußert.

Wichtig ist jedenfalls: Religiöse Menschen übersetzen ihre religiösen Glaubensweisheiten nur für die und in der Gesellschaft! Um ein besseres Verstehen in der pluralen Gesellschaft zu erzeugen. Sollten aber religiöse Menschen in den Dienst des säkularen Staates treten, und Rechtsstaaten sind immer säkular !, dann müssen sie sich strikt an die allgemeinen säkularen Überzeugungen halten. Religiöse Menschen dürfen also nicht ihre religiösen Weisungen als solche etwa zum staatlichen Gesetz machen wollen. Ein religiöser Staatsbeamter handelt insofern als säkularer Bürger wie alle anderen Beamten. Dass das gerade sehr schwierig ist gerade in der ideologischen Bindung so vieler Richter in Deutschland ist klar. Darum fallen ja auch Urteile so unterschiedlich aus, weil die Richter eben doch bestimmte Vorlieben haben… Das heißt grundsätzlich: Der religiöse Bürger muss seine religiösen Weisheiten im staatlichen Bereich als sekundär wahrnehmen und entsprechend säkular handeln.

Habermas ist überzeugt: Entgegen früherer Prognosen von Soziologen: Religionen verschwinden nicht. Darum nennt er sein Denken „post—säkular“, also einer Zeit zugehörig, die die Dominanz des Säkularen überwunden hat.

Gleichzeitig nennt er sein Denken nach–metaphysisch, um den Abschied von der alten metaphysischen Traditionen und Systemen deutlich zu machen. Dabei hält an der Qualität philosophischer Reflexion selbstverständlich fest.

Es gibt also eine neue gemeinsame Basis in der zersplitterten Gesellschaft von säkularen und religiösen Menschen: Säkulare Menschen lernen von religiösen Weisheiten, SOFERN diese in allgemein zugängliche vernünftige Sprache übersetzt werden und praktisch fruchtbar gemacht werden: Man denke etwa auch an praktisches Tun religiöser Menschen, etwa an die Praxis des Kirchenasyls, dies ist eine moderne, säkulare Form der biblischen Forderung, den Fremdling als Nächsten zu behandeln… Man denke aber auch andererseits an die Lernschritte einiger fundamentalistischer Christen, Homosexuelle zu respektieren bis hin zur entsprechenden Ehe: Dies haben diese Christen gelernt durch die von säkularen Wissenschaftlern vorgetragenen Argumente, dass zum Thema der modernen Homosexualität die Bibel nichts, aber auch gar nichts zu sagen hat, das selbe gilt für den Koran etc.)

„Die Säkularisten haben das Verdienst, energisch auf der Unverzichtbarkeit der gleichmäßigen zivilgesellschaftlichen Inklusion aller Bürger zu bestehen. Weil eine demokratische Ordnung ihren Trägern nicht einfach auferlegt werden kann, konfrontiert der Verfassungsstaat seine Bürger mit Erwartungen eines Staatsbürgerethos, das über bloßen Gesetzesgehorsam hinauszielt. Auch religiöse Bürger und Religionsgemeinschaften dürfen sich nicht nur äußerlich anpassen. Sie müssen sich die säkulare Legitimation des Gemeinwesens unter den Prämissen ihres eigenen Glaubens zu eigen machen“. (Jürgen Habermas, 2007, in: Blätter für deutsche und intern. Politik…)

In der Einleitung seines Bandes “Zwischen Naturalismus und Religion” (Frankfurt 2005) nennt Habermas wichtige Ressourcen und Potenziale von Religionen: „Religiöse Überlieferungen leisten bis heute die Artikulation eines Bewusstseins von dem, was fehlt. Sie halten eine Sensibilität für Versagtes wach. Sie bewahren die Dimensionen unseres gesellschaftlichen und persönlichen Zusammenlebens, in denen noch die Fortschritte der kulturellen und gesellschaftlichen Rationalisierung abgründige Zerstörungen angerichtet haben, vor dem Vergessen. Warum sollten sie nicht immer noch verschlüsselte semantische Potenziale enthalten, die, wenn sie in begründende Rede verwandelt und ihres profanen Wahrheitsgehaltes entbunden werden, eine inspirierende Kraft entfalten können? Religion verfügt offenbar über eine Sprache, welche zum Ausdruck zu bringen vermag, was einerseits noch fehlt, weil es noch nicht realisiert beziehungsweise was fehlt, weil es verschwunden, verdrängt oder verloren ist. Mit dem Bewusstsein für das Unabgegoltene, Unrealisierte oder Unversöhnte verbindet sich eine Sensibilität für das Vorenthaltene. Religion hält Intuitionen für verweigertes Recht, verwehrte Solidarität sowie vorenthaltene Lebensmöglichkeiten wach. Religiöse Überlieferungen bewahren elementare Erfahrungen und Perspektiven des persönlichen Lebens und gesellschaftlichen Zusammenlebens, welche durch “entgleisende” Modernisierungs- und Rationalisierungsprozesse bedroht sind, vor dem Vergessen und Verschwinden“.

Zur weiteren Lektüre von einigen Habermas-Texten:

Zur politischen Krise Deutschlands und Europas heute: Rede am 5. 7. 2018 in Berlin (Die ZEIT hat den Text veröffentlicht!)

„Dass sich eine Bundesregierung, die mit dem Rücken zur Wand steht, ihren zähen Widerstand gegen jeden einzelnen Integrationsschritt scheibchenweise abkaufen lässt, ist skurril. Ich kann mir nicht erklären, warum die deutsche Regierung glaubt, die Partner zur Gemeinsamkeit in Fragen der für uns wichtigen Flüchtlings-, Außen- und Außenhandelspolitik gewinnen zu können, während sie gleichzeitig in der zentralen Überlebensfrage des politischen Ausbaus der Euro-Zone mauert… Die Bundesregierung steckt ihren Kopf in den Sand, während der französische Präsident den Willen deutlich macht, Europa zu einem globalen Mitspieler im Ringen um eine liberale und gerechtere Weltordnung zu machen….

Heute werden die nationalen Bevölkerungen von politisch unbeherrschten funktionalen Imperativen eines weltweiten, von unregulierten Finanzmärkten angetriebenen Kapitalismus überwältigt. Darauf kann der erschrockene Rückzug hinter nationale Grenzen nicht die richtige Antwort sein“.

Eine Einschätzung des Theologen und Habermas Kenners Edmund Arens, Prof. in Luzern „Habermas bleibt bei aller respektvollen Annäherung an Religion ein auf Abstand bedachter Beobachter, der sich gegen Vereinnahmung wehrt. Er bleibt ein scharfsinniger Diagnostiker der postsäkularen Gesellschaft, der gegen religiös-fundamentalistische Selbstabkapselung ebenso dezidiert Stellung bezieht wie gegen säkularistisch-bornierte Selbstgewissheit. Er bleibt ein verständigungsorientierter Anwalt der öffentlichen Vernunft, der sich dafür stark macht, dass die Religion in die gesellschaftliche und politische Öffentlichkeit gehört, dass sie darin ihre Beiträge einzubringen und im Diskurs zu prüfen, zu präzisieren und nötigenfalls zu korrigieren hat. Er bleibt ein nachmetaphysischer Denker, der der Theologie hilft, sich ihres eigenen Vernunftpotenzials ohne metaphysische Aufblähung einerseits und postmoderne Schwächung andererseits zu vergewissern. Er bleibt ein zugleich lernbereiter und herausfordernder Gesprächspartner, der in seinem der Wahrheit und Gerechtigkeit, der Solidarität und Gleichheit verpflichteten Denken unberechtigte Macht- und unbegründete Geltungsansprüche einschließlich religiöser, kirchlicher und theologischer kritisiert und gleichzeitig zur wechselseitigen Verständigung über begründete und gerechtfertigte Geltungsansprüche aufruft“. (Herder – Korrespondenz, 2009)

Habermas unterstützt den zivilen Ungehorsam:

Der Philosoph und Soziologe Jürgen Habermas hat zivilen Ungehorsam folgendermaßen definiert:

„Ziviler Ungehorsam ist ein moralisch begründeter Protest, dem nicht nur private Glaubensüberzeugungen oder Eigeninteressen zugrunde liegen dürfen; er ist ein öffentlicher Akt, der in der Regel angekündigt ist und von der Polizei in seinem Ablauf kalkuliert werden kann; er schließt die vorsätzliche Verletzung einzelner Rechtsnormen ein, ohne den Gehorsam gegenüber der Rechtsordnung im Ganzen zu affizieren; er verlangt die Bereitschaft, für die rechtlichen Folgen der Normverletzung einzustehen; die Regelverletzung, in der sich ziviler Ungehorsam äußert, hat ausschließlich symbolischen Charakter – daraus ergibt sich schon die Begrenzung auf gewaltfreie Mittel des Protests.“ (Jürgen Habermas, Ziviler Ungehorsam – Testfall für den demokratischen Rechtsstaat, in: Peter Glotz (Hrsg.), Ziviler Ungehorsam im Rechtsstaat, Frankfurt/M. 1983, S. 35.)

Quelle: http://www.bpb.de/apuz/138281/ziviler-ungehorsam-ein-umkaempfter-begriff?p=all

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

“Georgien” – ein Länderporträt. Zur Buchmesse aktuell!

Ein Buch von Dieter Boden im Ch. Links Verlag Berlin

Von Christian Modehn

Georgien wird in diesem Herbst in Deutschland mit besonderem Interesse bedacht: Die Republik im Kaukasus ist Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2018 (vom 10.bis 14. Oktober). Eine Chance, sich mit dieser wohl immer etwas stabiler werdenden Demokratie näher zu beschäftigen. Georgien wendet seinen politischen Blick und sein ökonomisches Interesse immer mehr Richtung Europa. Die meisten Georgier, so hört man, seien optimistisch und fürchten vor allem nur Russland… (Schon 1801 geschah die erste Annexion Georgiens durch Russland…)

Als Reiseziel wird jetzt Georgien schon entdeckt und nach der Buchmesse sicher weitere touristische Leidenschaften wecken… Als 2011 Island Ehrengast der Buchmesse war, folgte ein wahrlicher Touristenstrom auf die Insel, was den Isländern nicht immer sehr angenehm ist…

Ein GEORGIEN – Länderporträt liegt jetzt aktuell vor: Dieter Boden kennt das Land durch viele Besuche, auch im Rahmen der OSZE- und UN- Missionen. Er bewertet Georgien, eine parlamentarische Demokratie seit September 2017, als „Muster der Stabilität“ (61). Ein Satz, der stimmt, zumal, wenn man das weite autokratische Umfeld in der Nachbarschaft betrachtet.

Dieter Bodens 200 Seiten umfassendes Buch bietet vor allem ein historisches und politisches Basis-Wissen sowie auch viele Hinweise zum Tourismus in der Hauptstadt Tbilissi und der Umgebung. Dass gastronomische Tipps nicht fehlen, ist bei der Qualität von Wein und Küche in Georgien klar, schon die Sowjetbürger schätzten die in dieser Hinsicht aus dem öden Rahmen der Sowjetkultur fallende „föderale“ Republik der UDSSR.

Seit der Unabhängigkeit von der Sowjetunion hat Georgien fast 1,5 Millionen Einwohner verloren, sehr viele wanderten nach Westeuropa aus, auch in Russland leben noch 600.000 Georgier.

Dieter Boden schildert selbstverständlich die politischen Entwicklungen seit der Unabhängigkeit 1991, er erwähnt differenziert die Rolle von Eduard Schewardnaze, spricht von dem umstrittenen Präsidenten Saakaschwili: „Zuletzt sah er sich Vorwürfen der Menschenrechtsverletzung und der Toleranz von Folter in den georgischen Gefängnissen ausgesetzt“ (Seite 57), er gilt heute auch in Georgien als korrupter Politiker. Inzwischen lebt er wohl in den Niederlanden…Problematisch bleibt die durch die russische Intervention beförderte Abspaltung von Abchasien und Südossetien (2008). Russlands politische „Qualität“ zeigt sich abermals in der Errichtung eines Stacheldrahtzaunes zwischen Südosstien und dem georgischen Staatsgebiet (60). Auch über den Georgier Josef Stalin und die Fortdauer seines Kultes im Geburtsort Gori berichtet der Autor, er vermutet sogar kleine Stalin – Büsten in einigen Wohnzimmern Georgiens immer noch. (43 ff.) Ein wirkliche Aufarbeitung der Bedeutung des Massenmörders Stalin „geht man in Georgien schlicht aus dem Wege“ (44).

Dieter Boden spricht auch ausführlich über die Rolle der georgisch-orthodoxen Kirche, die seit dem 4. Jahrhundert schon eine Art Zusammenhalt unter Georgiern stiftet, nicht zuletzt auch durch ihre ausdauernde Pflege der georgischen Sprache (19), dabei aber vertritt diese Kirche gesellschaftlich gesehen heute sehr reaktionäre Positionen, etwa was den auch rechtlich fixierten Respekt der Homosexuellen angeht (164). Eine Demo für die Menschenrechte der Homosexuellen wurde 2013 mit massivem Klerikeraufgebot behindert und zerschlagen. Dieser Klerikalismus als Vorherrschaft einer Kirche passt nun gar nicht in eine Demokratie! Die Berliner Zeitschrift SIEGESSÄULE berichtet über die aktuellen Probleme homosexuellen Lebens und Respektes in Georgien in der Ausgabe Heft Juli 2018. Bezeichnenderweise wurde der „Welthomo-Tag“, also der 17.5., von der georgischen Kirche zum Tag der „Reinheit der Familie“ erklärt. Anders gesagt: Diese Christen glauben, rassistisch, immer noch, Homosexualität sei Schmutz für die Familie (siehe dazu die knappen Hinweise S. 164). Man denkt bei so viel klerikalen Hass auf Homosexuelle an die alte Erkenntnis: Am stärksten hassen verklemmte Homosexuelle die offen lebenden gays…

Von der Verständigung oder gar der Versöhnung der getrennten Christen hält diese Orthodoxie dort gar nichts, schon 1997 ist die georgische Kirche aus dem Weltkirchenrat (Genf) ausgetreten. Und man sollte diese Christen also eher besser rechts liegen und in Frieden lassen, als sich um Dialoge mit ihnen zu bemühen. Papst Franziskus tat das noch, als er im September 2016, freundlich wie er ist, den georgischen Patriarchen Ilia II. (geboren 1933) begrüßte und ihn zum gemeinsamen Gottesdienst einlud. Daraufhin wurde der Papst von georgischen Popen als Antichrist bezeichnet (S. 163). Etwa 500 Katholiken sollen noch in Georgien leben. Nebenbei: Patriarch Ilia II. war als damaliger Bischof von Batumi führendes Mitglied der kommunistisch gesteuerten „Christlichen Friedenskonferenz“ in Prag. In diesen pro-sowjetischen Kreisen fühlte er sich einst wohl, da war er auch auf der Seite der Machthaber; heute verlangt er, dass etwa Abchasien, „relativ selbständig“, immer noch unter seinem georgischen Kirchenregiment leben sollte. Dass der greise Patriarch etwas für Arme tut, soll nicht geleugnet werden, dies wird im Buch aber nicht erwähnt.

Einige interessante Details für religionswissenschftlich Interessierte etwa zu „vorchristlichen Bräuchen“ in Abchasien bietet das Buch (S. 84), die Informationen zur reichen georgischen Literatur und Poesie fallen leider knapp aus, Nikolaus Barataschwili wird erwähnt, der „Hölderlin Georgiens“ (S. 86). „ Perlentaucher.de“ hat eine Liste georgischer Autoren publiziert: https://www.perlentaucher.de/buchKSL/buecher-aus-und-ueber-georgien.html?p=2

Für mich ist es sehr bedauerlich, dass der große georgische Philosoph Merab Mamardaschwili (1930 wie Stalin in Gori geboren, gestorben 1990) in dem Buch nicht erwähnt wird; er lehrte auch in Russland und war ein humanistischer Denker als Kenner der Werke vor von Descartes und Kant. Der russische Philosoph Michail Ryklin hat kritische Würdigungen über Mamardaschwili geschrieben. Auch Gorbatschow kannte ihn. In einem Interview mit Annie Eppelboin in Frankeich sagte er: „Die totalitäre Gesellschaft erschafft eine Sprache, die das Erwachen ausschließt. Du kannst sterben, ohne je entdeckt zu haben, was wirklich dein Gefühl ist. Als ich jung war, waren die Leute vom Komsomol die Verwalter des Gemeinwesen, auch des sozialen Körpers. Sie verwalteten auch mein Denken“. (siehe „ La Penesse empéchee“).

Bei einer zweiten Auflage könnten die genanten fehlenden Aspekte noch eingefügt werden; falls nicht: Das Buch ist trotzdem sehr lesenswert…es weckt Interesse an einem sich europäisch fühlenden Land im Kaukasus.

Dieter Boden, Georgien. Ein Länderporträt. 200 Seiten. 18 Euro, Berlin 2018, Ch.Links Verlag.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Habermas: Für eine Ethik des Diskurses und einen Dialog von säkularen und religiösen Menschen

Einige kurze Hinweise zu zentralen Begriffen im Denken des Philosophen und Soziologen Jürgen Habermas, speziell und anlässlich des Salon –Gespräches am 20.7.2018.

Von Christian Modehn

1.Zur Ethik des Diskurses einige Hinweise.

Der Ausgangspunkt für Habermas ist: Jedes Gespräch der Menschen untereinander enthält bei jedem Gesprächsteilnehmer stillschweigende, meist gar nicht mit – reflektierte Voraussetzungen: Etwa: Der andere versteht meine Worte, und ich verstehe seine Antworten, weil ich auch in seiner eigenen Sprache spreche und er mir in der gemeinsamen Sprache antwortet und wir eben keine verkapselte, nur eine Ego bezogene „Privatsprache“ sprechen.

Diese Frage ist die Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit gegenseitigen Verstehens. Die Erforschung dieser Bedingungen nennt Habermas der bekannten Sprachregelung Kants folgend „transzendentale Bedingungen“ oder auch „transzendentale Aprioris“. Das Wort transzendental in diesem kantschen Sinne hat bekanntermaßen nichts mit dem religiösen Begriff Transzendenz zu tun. Es ist eine Wortschöpfung von Kant („Kritik der reinen Vernunft“).

Aber Habermas interessiert sich für den Dialog, den Diskurs; während Kant seine Philosophie im Ansatz vom einzelnen Subjekt her entfaltet…

Habermas zeigt dann: Indem wir ins Gespräch überhaupt einsteigen, akzeptieren wir indirekt und oft gar nicht explizit Regeln für das Gespräch.

Eine von allen Gesprächsteilnehmern geteilte Regel etwa ist: Man sollte sich im Dialog nicht sich selbst widersprechen. Das wäre ein tatsächlicher, performativer Widerspruch. Es mag ja einzelne, dann nicht mehr ernst zunehmende Menschen geben, die diesen Widerspruch für sich akzeptieren und sich damit aus der Welt der Logik stellen. Faschisten und Fundamentalisten denken so.

Ein sofort verständlicher, eher noch schlichter Stammtisch – Selbstwiderspruch wäre: „Ich denke, dass alles in dieser Welt keinen Sinn hat“. (Damit hätte auch diese Aussage keinen Sinn).

Eine weitere Regel, die sich im Gespräch oft unartikuliert versteckt, aber immer mit – gemeint ist: Wenn jemand eine Norm angreift, von der die anderen Gesprächsteilnehmer überzeugt sind, dann muss er Gründe für diesen Angriff nennen: Man denke an den offenkundigen Stammtisch – Selbstwiderspruch: „Der Islam gehört nicht zu Deutschland. Der einzelne Muslim aber gehört dazu“. Die evidente Kritik: Ein Muslim ist immer auch ein lebendiger Vertreter des Islam. Wenn ein einzelner Muslim also zu Deutschland gehören darf in der CSU Perspektive, dann gehört damit automatisch auch „der“ Islam zu Deutschland. Ein nahe liegendes Beispiel: Was ist, wenn ich sage: „Die CSU gehört nicht zu Bayern. Ein einzelnes CSU Mitglied als Mensch aber gehört zu Bayern… Auch die römisch katholische Kirche folgt in ihrem immer noch gültigen, offiziellen Katechismus (Rom, 1993) diesem logischen Unsinn und moralischen Blödsinn, wenn es etwa heißt: „Die Homosexualität ist nicht zu billigen. Dem einzelnen Homosexuelle aber ist, so wörtlich, “mit Takt zu begegnen“ (§ 2357 und § 2358). (PS: Wie nett, CM).

Über die inneren und notwendigen Voraussetzungen des Diskurses hat Habermas viel von dem Philosophen Karl Otto Apel gelernt.

Der zentrale Punkt bei Habermas wie bei Apel ist: Nicht irgendeine ferne und femde Autorität entscheidet, was in der Kommunikation der unterschiedlichen Bürger wahr ist und was als falsch zurückgewiesen wird, sondern allein die Kommunikationsgemeinschaft. Habermas hat noch ein großer Vertrauen, dass Menschen als Menschen eben mehr sind als willkürlich agierende Tiere, Menschen haben Vernunft, die sie auszeichnet. Und diese Auszeichnung sollten sie beleben. Heute gibt es Menschen, die auf die Vernunft gern verzichten, um ihre eigenen Vorteile, egoistisch, populistisch, gegen andere durchzusetzen. Wenn diese Leute zur Gewalt greifen, hilft nur das demokratische Rechtssystem, das voll umfänglich angewendet werden muss. Habermas will mit seiner Diskursethik dem Frieden dienen. Und dem Respekt vor einer demokratischen Rechtsordnung! Diese gilt ohne Frage auch für die vielen rechtsextreme Gewalttäter, deren Zahl ist wohl größer als die Zahl der Übeltäter aus den Kreisen der Geflüchteten. Dies sollten alle beachten, die dem Wahn folgen, „die“ Geflüchteten seien böse…

2. Habermas über die Beziehungen zwischen säkularen (d.h. für ihn religionsfreien) Bürgern und nicht-säkularen, also religiösen Bürgern.

Die Beziehungen und ein Miteinander beider Gruppen spielt sich in der Gesellschaft ab, der kulturell geprägten Lebenswelt: Da sollten nach Habermas die säkularen Bürger durchaus großes Interesse haben zu erfahren, was die religiösen Bürger etwa zu ethischen Fragen aus ihrer religiösen Moviertheit wichtig finden. Die säkularen Bürger sollten als im Sinne von Habermas wissen: Auch in den religiösen Äußerungen kann sich allgemeine menschlich relevante Wahrheit zeigen, versteckt in religiöser Sprache. Das zeigt Habermas etwa am religiösen Begriff der „Schöpfung“ oder der „Gottebenbildlichkeit“.

Aber auch religiöse Bürger sollten sich bemühen, die Sprache der Säkularen zu verstehen. Wobei Habermas durchaus mehr intensives Verstehen vonseiten der Säkularen verlangt. Dies offenbar auch aus einer pragmatischen Überlegung heraus: Seiner Meinung nach ist die säkulare Gesellschaft am Entgleisen, ein zentrales Wort bei Habermas. D.h.: Menschlichkeit wird nur noch unter den Kategorien der Verwendbareit und Nützlichkeit gesehen, da können religiöse Quellen ins Heute übersetzt hilfreich sein. es geht also Habermas um die Mobilisierung humaner Quellen für den Bestand der Demokratien. Habermas bezeichnet sich selbst als „religiös unmusikalisch“, auch wenn er gelegentlich seine Herkunft aus einem liberal – protestantischen Elternhaus als heutige noch etwas gültige sanfte Quelle für ihn selbst noch andeutet. Jedenfalls hat Habermas eine unglaubliche Scheu, irgendwie auch nur entfernt als religiös verstanden zu werden. Dabei hat er aber bezeichnenderweise gar nichts gegen Religionen im allgemeinen, sofern sie sich heute in allgemein zugänglicher Sprache in der Öffentlichkeit äußern. Was sie in ihren eigenen, abgeschlossenen Kreisen alles (Esoterische) erzählen, ist OK, weil Ausdruck der Religionsfreiheit. Nur der Schritt der religiösen Menschen in die Öffentlichkeit bedarf der genauen Aufmerksamkeit. Zumal dann, wenn Religiöse in den Staatsdienst treten, also in eine liberale Demokratie, die ihr Selbstverständnis und ihre Gesetze selbstverständlich nicht aus den Weisungen einer einzelnen Religion beziehen darf. Der demokratische Staat als Garant der Religionsfreiheit ist darum immer ein Staat ohne Gott und muss das auch sein: An welche religiöse Weisung sollte sich ein Staat denn auch halten?

Der religiös neutrale Staat allein ist der Garant von Meinungsfreiheit und Religionsfreiheit. Alle Einmischungen religiöser Organisationen in den Staat und seine Gesetze sind darum zurückzuweisen. Darüber hat Habermas u.a. mit dem damaligen Kardinal Joseph Ratzinger und einigen Jesuiten in München debattiert. Habermas ist insofern ein Vorbild der Dialogbereitschaft.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

Wer wandern will und wer wandern muss: Philosophie des Unterwegsseins.

Dabei ist das Philosophieren selbst schon Wandern, Aufbrechen, Weitergehen, Neues suchen…

Ein Hinweis von Christian Modehn

Schon in meinem Newsletter des Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salons in Berlin (29.6.2018) hatte ich den 450 AbonnenTinnen das neue EXTRA Heft des Philosophie Magazins empfohlen: Und manche sagten mir, dass Sie das Heft gekauft haben!

Auf 130 Seiten werden viele unterschiedliche philosophische und literarische Aspekte des WANDERNS, manchmal kurz, manchmal ausführlicher, vorgestellt und ausgebreitet. Dieses Heft ist eine gute Inspiration in diesen Monaten der Ferien, wo doch viele unterwegs sind und etliche sogar wandern.

Und man blättert und liest dann gern in dem Heft, grafisch anregend gestaltet, dass man beim Wandern der Gedanken dann doch oft innehält und sich von Herren Thoreau, Tocqueville oder Rousseau in fernere Welten des Wanderns verführen lässt. WANDERN, das Heft, könnte fast eine Ergänzung sein zu der großen Ausstellung über das WANDERN in der Alten Nationalgalerie in Berlin (bis 16.9.2018).

Das EXTRA Heft wurde wieder von Catherine Newmark schön zusammengestellt. Am wichtigsten sind mir einige Interviews: Etwa mit dem jungen Philosophen Alexis Lavis (Paris) über Gehen im Buddhismus bzw. in der meditativen Praxis: Wenn wir Menschen gehen und wandern, so seine eigentlich ja selbstverständliche, aber oft vergessene Erkenntnis, bewältigen wir immer ein Ungleichgewicht. Wir finden gehend dann Halt sozusagen im Risiko des Schwankens und Schreitens auf unseren zwei Beinen. Halt finden im Risiko – ist ja auch ein tolles Thema.

Vielleicht sollte man die Lektüre des Heftes mit dem Beitrag von Florian Werner beginnen, (Seite 98 ff); sein Text hat den Titel „Gute Gründe zu gehen“: Florian Werner spricht von Pilgerschaft, Gedankengängen, politischen Protestmärschen und dem Kunstwandern. Fast hätte ich gesagt, dass ein Interview mit Thea Dorn, der „medial Allpräsenten“, nicht fehlen durfte, so auch in diesem Heft zum bezeichnenden dornigen Thema „Das deutsche Wandern“. Was wäre das „kenianische Wandern“ der dortigen verarmten Hirten-Völker?

Ich empfehle das Heft WANDERN nach wie vor.

Nur meine ich: Auch PhilosophInnen sollten bei einem Heft über das Wandern die globale politische Situation ausführlich in den Blickpunkt rücken. Über 65 Millionen Menschen wandern ja im Moment nicht freiwillig und aus Lust und Urlaubslaune wie wir, sondern weil sie wandern MÜSSEN: 65 Millionen Flüchtlinge sind heillos suchend und förmlich flehend unterwegs. Sie werden aber als abstrakte Zahlen von den sich immer noch christlich nennenden Regierungen in Europa behandelt, von ihnen werden sie hin – und hergeschoben, eingemauert, eingelagert; sie ertrinken nach ihren Wüstenwanderungen im Mittelmeer, werden hier oft in Deutschland erbärmlich untergebracht, bis sich rechtsradikale Deutsche aufmachen und deren Unterkünfte in Deutschland stark belästigen, um es einmal milde zu sagen. Die Zahl rechtsextremer Straftaten durch Deutsche aus dem sehr rechten Umfeld steigt! Das wird kaum öffentlich erwähnt. Über Verbrechen aber, die dann einzelne von den Medien total identifizierte „muslimische“ „Flüchtlinge“ begehen, wird eine Info – „Flut“ (um das rechtsextreme Wort zu verwenden) hierzulande verbreitet. Da wird nicht der einzelne Übeltäter angesprochen, sondern die ganze Gruppe, eine ganze Religion. So machten es auch die Nazis, als sie von „den jüdischen Dieben“ etwa sprachen.

Mit anderen Worten: Eine schöne romantische Wanderwelt mit entsprechender Mode und Ausrüstung können nur wir begüterte Europäer uns leisten. Wir wandern ja sogar in Gegenden, aus denen die Flüchtlinge stammen, beliebt sind ja die wohl – umsorgten Wüstenwanderungen reicher Europäer durch die Sahara. Vielleicht sollten diese Wüstenwanderungen mal einen Abstecher nach Libyen machen, etwa in die Lager der dort misshandelten miserabel untergebrachten Flüchtlinge aus Eritrea, dem Tschad usw. Reiseleiter sollten dort unbedingt die kundigen Herren Söder (CSU) und Söders intimer Freund) Orban (Ungarn) sein. Vielleicht blieben sie gern dort als Helfer? Wäre zu hoffen!

Mit anderen Worten: Ich würde mir bei aller Schönheit des klassischen Wanderns und Flanierens der reichen Europäer auch die ausführliche Dokumentation der Strapazen der 65 Millionen Flüchtenden wünschen. Dann würde vielleicht auch noch ein Herr Seehofer zur Räson kommen und sich wenigstens für seinen politischen Blödsinn entschuldigen und sich dann nach Oberammergau zurückziehen.

Soweit ich sehe, ist ein einziges Foto mit sehr knappem Text auf Seite 115 im Heft dem Thema Flüchtlinge gewidmet. Das geht nun aber wirklich nicht, zumal das Zitat auf dem Foto zu einer armen Wüstenwanderin in Afrika, es stammt von dem Schriftsteller Saint-Pol-Roux, so in dieser Knappheit völlig missverständlich ist und irgendwie in der „Luft hängt” Was soll das?

Man sieht also: Allein schon das Nachdenken über „das Wandern“ führt aus der Abstraktion oder der hübschen historischen Erinnerung heraus, weckt förmlich die politische Wut, die uns ja Stéphane Hessel sehr zurecht so dringend empfohlen hatte! So wandert man als wütend philosophisch weiter.  Und weiß dabei: Philosophie sollte heute explizit reflektiert politisch, humanistisch, solidarisch sein. Nur das gilt  heute!

Aber wahrscheinlich bereitet das von mir schon so oft besprochene und oft gelobte „Philosophie Magazin“ bereits ein Sonderheft über Flüchtlinge vor, in enger Zusammenarbeit mit den vielen gut ausgebildeten syrischen Journalisten in Berlin und den PhilosophInnen aus den „Flüchtlingskreisen“ hier. das ist ja ein tolles Thema, das da gemacht wird. Das Motto des Heftes wäre: „Wir alle sind auf der Flucht … vor dem Wahnsinn der Unvernunft“. Da wäre mein copyright gültig als Ideenspender…

PS: Ich habe vor zwei Jahren einen kleinen Essay geschrieben zum Thema: Philosophen als Flüchtlinge, vielleicht interessiert auch dieser Text. .

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

Alltäglicher Rassismus in Deutschland, Europa, USA usw.. Ein philosophischer Salon am 22.6. 2018

Hinweise von Christian Modehn.

Dies ist keine Zusammenfassung der Debatte im Salon selbst.

Das Thema Rassismus auch in Deutschland wird täglich in der Presse dokumentiert! Nur 2 Beispiele am 9.7. 2018: Anschläge auf Flüchtlingsunterkünfte durch rechtsextreme Deutsche. Mangelnde Solidarität mit Opfern, wenn sie Ausländer sind.

Der Titel wurde am 3. Juli 2018 ergänzt, der Deutlichkeit wegen, mit “Rassismus in Deutschland, Europa, USA usw”… Denn: Nur zwei  von  vielen Belegen für den hiesigen Rassismus: Innenminister Salvini, Italien, von der rechtslastigsten Lega Nord, hetzt jetzt gegen Sinti und Roma aufs übelste. Und noch einmal wird deutlich, wie sich Rassismus zeigte bei den Ermittlungen deutscher Behörden im Fall der NSU Verbrechen. Klicken Sie dazu auf eine Information des newsletter Dienstes MIGAZIN.

Rassismus hier bei uns und in uns ist ein dringendes Thema: Rassismus als heutige Realität, als philosophisches Problem und als Aufforderung anders, auch politisch anders d.h. menschlich zu handeln, wenn wir Rassismus überwinden wollen.

Einige Thesen als Impuls zum Weiter – Denken:

Am wichtigsten ist: Wissenschaftlich betrachtet gibt es keine „Menschen – Rassen“. Die genetische Varianz unter verschiedenen Menschen aus verschiedenen Kontinenten z.B. mit verschiedenen „Hautfarben“ ist nicht nennenswert, die genetische Differenz ist ohne Bedeutung. Biologisch bedingte verschiedene Rassen, die Herrschende dann ideologisch trennen in wertvoll und weniger wertvoll eingeschätzte Rassen (und damit Menschen) gibt es NICHT.

Diese wissenschaftliche Erkenntnis gilt es endlich zu respektieren, Rassismus ist eine Ideologie vor allem des 19. Jahrhunderts. Die große Ausstellung Über Rassismus im „Deutschen Hygiene Museum in Dresden“ (bis 6. Januar 2019!) dokumentiert diese Tatsachen.

Wie so oft: Trotz eindeutiger wissenschaftlicher Erkenntnis hat sich die Ideologie des Rassismus bis heute und zwar sehr stark in den Köpfen und Herzen vieler Menschen festgesetzt. Die alte kulturelle Prägung, ist schwer „abzuarbeiten“, d.h. aus den Köpfen zu vertreiben und aus der Politik auszuschließen.

Ich meine ganz zentral: Wir sollten heute den Rassismus Begriff sehr weit verstehen als Grundlage der Kritik an aktuellen Kämpfen zwischen „Herrenmenschen“ und „Untermenschen“. Denn diese Einteilung der Menschheit ist nach wie vor Realität, politisch, ökonomisch, kulturell, religiös. Dese Begriffe und deren Inhalte bestimmten immer noch das Bewusste und Unbewusste sehr vieler Menschen.

 Meine zentrale These ist also: Rassismus ist kein seelisches oder politisches nur selten noch vorkommendes „Sonderphänomen“, wie etwa in der Apatheidspolitik Südafrikas oder im Klu Klux Klan. Rassismus ist vielmehr alltägliche Realität unter uns und auch in uns.

Rassismus in diesem weiten Sinne ist vom Wesen her die Behauptung und politische Haltung, dass es wertvolle und weniger wertvolle Menschen gibt. Rassisten glauben, und Rassismus ist eine Glaubenshaltung: Die Menschheit ist gespalten. D.h. für Rassisten: Es gibt keine wesentlich humane Gleichheit aller Menschen bei allen selbstverständlichen Unterschieden.

Zur realen, empirischen Situation:

Sich demokratisch nennende Politiker heute handeln sehr oft nach einem Prinzip, das man rassistisch nennen könnte: Etwa: Die Trennung der geflüchteten mexikanischen Kinder von ihrem Eltern durch Mister Trump. Nach Protesten wurde diese rassistische Entscheidung durch Trump etwas zurück genommen. D. h. Proteste nützen selbst bei diesem Herrscher doch noch ein bisschen was… Rassistisch ist die Sprache gegenüber Flüchtlingen in den Medien und in den Parteien, nicht nur der AFD sondern auch der sich christlich nennenden Parteien, also etwa „Menschenflut“, Massen strömen her usw… Diese Sprache verrät rassistisches Denken und Fühlen.

Auch die Zurückweisung der Armen in den reichen Ländern des Nordens ist rassistisch, wenn Menschen und ihre Politiker hier im Luxus des Nordens sagen: Diese Armen haben doch ihre so entzückenden Heimaten im Tschad, der im Niger oder in Haiti: Sie sind doch dort geboren, dort fühlen sie sich wohl, dorthin wollen wir sie wieder zurückbringen, wenn sie meinen, sich bei uns hier niederlassen zu dürfen.

Dass dabei die genannten und viele ändere Länder Afrikas und Lateinamerikas und Asiens vom „Norden“ erst arm gemacht wurden durch neokolonialistische Politik, wird von den so kultur- und heimatbeflissenen Politikern des Nordens verschwiegen… Mit diesem Argument der angestammten Heimat der Armen will man den eigenen Reichtum mit Armen bzw. Armgemachten nicht teilen, man schiebt sie wieder weg, ins Elend. Und baut Mauern rund um Europa, und tut genau das, was die einst angeblich so demokratischen Politiker des so genannten Freien Westens an den kommunistischen Regimen, etwa der DDR, kritisierten: Die Herren Söder, Orban, Kurz und die anderen tun genau das, was die SED tat: Sie bauen Mauern. Mister Trump tut es auch. Das ist rassistisch. Aber Mauern halten nicht lange: Die Berliner Mauer hatte eine Lebenszeit von 28 Jahren. Dann implodierte dieses SED Regime.

Wenn man rassistisch weit versteht als Ablehnung der Lebensrechte der anderen, dann sind rassistische Politiker an der Macht, sehr offensichtlich etwa in Brasilien heute, siehe dort den Umgang mit den von Herrschenden arm gemachten „Schwarzen“ in den Favelhas. „Schwarze“ Aktivisten werden erschossen, wie die großartige linke Aktivistin Marielle Franco. Warum kennt niemand ihren Namen hier auf Anhieb; alle aber kennen alle Namen aller Fußballer – Millionäre bei dieser verrückten Fußballweltmeisterschaft, alle kennen die Namen aller Politiker in Österreich und Ungarn und in Bayern (CSU), die Mauern rings um Europa bauen. Warum kennen wir nicht die Namen wie Marielle Franco z.B.? Wer (welche Medien, und welche innere Trägheit) blendet uns, dass wir menschliche Menschen nicht mehr kennen? Und dass wir so furchtbar viel wissen, was Trump alle halbe Minute von sich gibt an geistigem Schrott…

Es geht in der Debatte um Rassismus heute philosophisch zentral um die Erkenntnis dessen, was Gleichheit bedeutet. Eben zentral auch Gleichheit aller Menschen.

Dabei ist wichtig:

Gleichheit ist nicht identisch mit dem Begriff Identität. Identität ist ein mathematisches Symbol: Etwa die Zahl 1 ist identisch mit der Zahl 1, wo auch immer und wann auch ich und andere „1“ sagen.

Wer hingegen politisch sich als „Identischer“ darstellt, weiß entweder nicht, was er sagt, oder er will sich und seine Nation wie in einer Kapsel des „Ich bin Ich“ bzw. „Österreich ist Österreich“ analog zu 1 ist 1 einschnüren und sich total von anderen abwehren.

Gleichheit ist auch nicht zu verwechseln mit Ähnlichkeit, diese ist ein Begriff subjektiver Wahrnehmungen: Etwa: Eineiige Zwillinge sehen sich ähnlich; für den einen Betrachter mehr, für den anderen weniger.

Wer von Gleichheit spricht, muss immer sagen: Ein Etwas genannt A ist einem anderen Etwas genannt B in einer bestimmten Hinsicht gleich. Die HINSICHT ist entscheidend. Der Begriff Gleichheit will also abheben auf einen gemeinsamen Anteil von A und B hinsichtlich eines Merkmals, das für den Vergleich entscheidend ist:

Ein harmloses Beispiel: Menschen und Katzen sind gleich, aber nur hinsichtlich des ihnen beiden gemeinsamen Merkmals, aus Fleisch und Blut zu bestehen oder eben geboren zu werden und sterben zu müssen usw. Aber Menschen und Katzen sind NICHT gleich hinsichtlich der Fähigkeit, intellektuelle Leistungen, etwa Häuserbau, eigenständig zu leisten. Menschen und Katzen sind also in wesentlichen Hinsichten NICHT gleich.

Was gilt für die verschiedenen Menschen? Jeder Mensch ist einmalig und unverwechselbar. Das gilt auch für die biologische Struktur. Jeder einmalige Mensch wird in eine bestimmte Sprache und bestimmte Kultur und Landschaft und Nation hineingeboren. Der eine hat eine schwarze Hautfarbe, der andere eine weiße Hautfarbe. Der eine trommelt gern, der andere hört ständig Musik von Richard Wagner. Das ist eine normale Verschiedenheit dieser vielfältigen Menschenwelt. ABER: Der eine Mensch lebt heute im Tschad von einem Euro täglich und hat eine durchschnittliche Lebenserwartung von 50 Jahren. Der andere Mensch hat in Deutschland durchschnittlich (!, also Millionäre und Hartz IV-Arme im Durchschnitt miteinbezogen!) 300 Euro täglich. Und hat eine durchschnittliche Lebenserwartung von etwa 80 Jahren.

Es gibt heute gravierende Ungleichheiten in den äußeren, materiellen und damit auch sozialen Lebensbedingungen.

Diese Ungleichheiten sind nicht etwa klimatisch bedingt oder durch allgemeine Eigenheiten, etwa banal verstandene (UN)Tugenden Faulheit und Fleiß, sondern diese Ungleichheiten unter den verschiedenen Menschen sind gemacht, sie sind gewollt und zumindest von den einflussreichen Leuten hingenommen. Man hat sich an diese Ungleichheiten gewöhnt innerhalb der einen Menschheit.

Es gilt immer und ewig: Mensch ist jeder, der Menschenantlitz trägt, also natürlich ein Schwerkranker, auch ein Verbrecher, der eine gerechte Strafe, aber keine Todesstrafe verdient. Menschenantlitz hat eben NICHT ein Tier. Tiere sind selbstverständlich aber auf tiergemäße Art schützenswert. Aber dies ist ein anderes Thema…

In der Diskussion um Rassismus geht es entschieden um Gleichheit der Menschen: Welche Art von Gleichheit ist wichtig?

Dabei zeigt sich:

Die Menschheit muss als vernünftige Menschheit (und Menschheit als Menschheit kann nur, wenn sie überleben will, vernünftig d.h. geistvoll sei) alle Personen als Gleiche behandeln. Nicht aber müssen deswegen alle Personen gleich behandelt werden. Ein Beispiel: Die Steuergesetzgebung hat sich mit dieser gerechten (!) Ungleichbehandlung auseinanderzusetzen: Millionäre sollten, falls der Begriff der Gerechtigkeit noch eine Rolle spielt in demokratischen Staaten, einen höheren Steuersatz haben als Leute aus der Unterschicht. In den USA etwa ist dies nicht der Fall. Trump betreibt eine durchaus die kleine Clique der Millionäre extrem begünstigende Steuerpolitik: Diese kann guten Gewissens rassistisch genannt werden.

Alle sollen gleich behandelt hinsichtlich ihrer Würde. Zu dieser Menschenwürde gehört u.a., man lese etwa die „Deklaration der Menschenrechte“ etc.: Gleicher Zugang zur Bildung, zur Gesundheitspflege, zu Wohnraum, zu Wasser, zu freier Meinungsäußerung, zur demokratischen Pluralität, ein Ja zur sexuellen Selbstbestimmung, zur frei gelebten Homosexualität, zur Abweisung von Frauenfeindlichkeit, ein Ja zur Religionsfreiheit usw.

Diese Menschenwürde als Kriterium der Gleichheit und damit als Form der Überwindung des Rassismus ist heute weithin nur Forderung. Wir fliegen auf den Mond und ins All, sind aber nicht willens, diese Formen des Rassismus zu überwinden. Jeder Mensch soll sich als einmaliges Individuum mit einmaligen Interessen und Begabungen entwickeln können. Gleichheit bedeutet also auch: Es gibt keine Nivellierung der Individualitäten, sondern gerade die Förderung der bunten Vielfalt in Gleichberechtigung.

Zwischendurch zur Selbstvergewisserung der Reflexion: Warum haben wir ein so starkes Interesse, explizite oder implizite Formen des Rassismus heute zu benennen? Um den Zustand, das Niveau, unserer Menschlichkeit festzustellen und um, was Aufgabe aller ist, eine gerechtere Welt für alle zu befördern.

Aber die Sache ist klar:

Rassismus ist die Ideologie der Herrschenden: der Weißen gegen die Schwarzen wie einst in Südafrika; der vielen deutschen Nazis gegen die Juden; Trump gegen Flüchtlinge, Söder, Seehofer und Co. für die möglichst umfassende Abschottung Deutschlands usw… Wobei es unter den Abstufungen der Armen auch wiederum gelebten Rassismus gibt, siehe Südafrika heute: Südafrikaner sind jetzt gegen „Gastarbeiter“ aus Zimbambwe usw. Leute aus der Dominikanischen Republik gegen Zuckerrohrarbeiter aus Haiti usw…

Mit der Rassismus – Ideologie wollen die Herrschenden, die jeweils Stärkeren, ihre Herrschaft, ihre Bevorzugung, ihre besondere Bedeutung, ihren Wohlstand bewahren. Rassismus ist Ausdruck von ökonomischer Vorherrschaft. Moralisch gesprochen: Rassismus ist Ausdruck von gewalttätigem Egoismus.

Worauf es mir ankommt: Es gibt eine Vielfalt des alltäglichen Rassismus. So ist es auch meiner Meinung rassistisch, wenn in so genannten demokratischen Staaten Frauen schlechter als Männer für eine ähnliche Arbeit bezahlt werden. Etwa: Dass ein Mann, der Autos repariert, viel mehr verdient als eine Frau, die sich um Kranke und Alte helfend und betreuend kümmert. Solche Ungleichbehandlung kann man in dem weiten Begriff von Rassismus eben Rassismus nennen.

Dazu gehört auch die hoch gepuschte, sehr übertriebene, auch medial total inszenierte Berichterstattung über „den“ „muslimischen“ „Flüchtling“ aus dem arabischen Algerien, der etwa Böses getan hat in Deutschland:

Wer sich derart auf wenige einzelne Merkmale eines Menschen und auch eines Übeltäters fixiert, denkt und handelt rassistisch.

Bei dieser eindimensionalen Fixierung wollen Medien, von Politikern angestachelt, eine äußerst negative Stimmung gegen „die“ Flüchtlinge, „die“ Muslime, „die Araber“ bewirken und verstärken. So haben sich auch die Medien der Nazis schon vor 1933 verhalten: Ein Dieb, der zufälligerweise Jude war, wurde als „der“ „jüdische“ Dieb gebrandmarkt.

Wie würden wir reagieren, wenn heute Politiker und Zeitungen permanent berichten, dies nur als ironisches Beispiel:

Im brandenburgischen Dorf C. wurde ein „braves“ deutsches Mädchen, 14 Jahre alt, getötet, von einem aggressiven Bayern, er ist 19 Jahre und katholisch, und sogar Ministrant. Und man hat ihn nach seiner Flucht nach Altötting von dort wieder in die Uckermark zurückgebracht, dort wurde er unter Geschrei und Pöbeleien des „Volkes“ ins Gefängnis gebracht… Wenn Untaten passieren, denken viele automatisch bereits: das waren Flüchtlinge, das waren „die“ Muslime. Dabei wird vergessen, wie viele Untaten, auch Morde, aus rechtsxtremen DEUTSCHEN Kreisen Jahr für Jahr begangen werden gegen „andere“ Menschen, Flüchtlinge, Ausländer, Homosexuelle, Frauen etc. Die Erregung über diese deutschen rechtsextremen Täter (die ja doch sooooo gebildet sind) ist vergleichsweise eher gering.

Ein demokratischer und nicht – rassistischer Umgang mit Tätern ist in Kanada Realität: Dazu hat sich der Botschafter Kanadas in Berlin, Stéphane Dion, im Tagesspiegel vom 13.6. 2018 sehr treffend geäußert: „In Kanada versuchen wir nicht (bei Verbrechen) eine Bevölkerungsgruppe ins Visier zu nehmen. Das Justizsystem basiert auf individueller Verantwortung. Wenn ein Mensch kriminell geworden ist, gucken wir uns dessen individuelle Situation an. Wir sehen ihn nicht vor allem als Teil einer Gruppe. Das führt dazu, dass man immer dann, wenn man jemanden aus dieser Gruppe sieht, sofort denkt: Auch der neigt zur Kriminalität“… Rassistisch ist das Verhalten gegenüber Tätern, wenn die Öffentlichkeit diese auf eine oder zwei Eigenschaften festgelegt, also nur von „dem“ „islamischen“ Täter oder „dem“ arabischen Täter spricht. Der bekannte französische Soziologe Edgar Morin sagt in „Lettre International“, Heft 121 vom Sommer 2018, Seite 62: „Am schlimmsten ist die Beschränkung eines Menschen auf einen Wesenszug…Wir müssen zu guten Umgangsformen zurückfinden“.

Eine entscheidende Frage zum Schluss: Wie entsteht, philosophisch gesehen, Rassismus, als die aggressive Ablehnung des anderen Menschen oder bestimmter anderer Menschen?

Nur ein kurzer, etwas abstrakter, grundsätzlicher Hinweis auf die philosophisch begriffene Struktur des Ich, als des Subjekts oder des Individuums. Der Ausgangspunkt ist:

Das Ich steht von Beginn des menschlichen individuellen Lebens in Verbundenheit mit anderen „Ichs“. Das Selbstbewusstsein des einzelnen Ich erwacht in der Begegnung mit anderen menschlichen Wesen.

Zum Leben des Individuums gehört auch von Anfang die normale Selbstbehauptung, die Sorge um sich selbst, auch die materielle Sorge um sich selbst. Dieses Besorgtsein um das eigene Wohl führt aber auch zur Konfrontation und Auseinandersetzung mit anderen, die sich mit gleichem Recht auch um sich selbst „kümmern“ müssen. Gerade in Situationen des Mangels (an Wohnraum, Essen, medizinischer Hilfe etc.) entsteht ein Kampf derer, die sich alle um sich selbst kümmern. Daraus kann letztlich Streit und Hass und Krieg werden. Dann werden Schuldige gesucht und bestimmte Menschen ausgegrenzt und benachteiligt usw.

Wichtig ist hier: Rassismus als Form der Ausgrenzung im Rahmen „meiner“ Selbstbehauptung gehört förmlichzunächst einmal zum Dasein. Nur wer das sieht, kann den eigenen Rassismus überwinden. Es kommt auf die Erkenntnis des sozusagen existential immer mitgegebenen Rassismus in mir und anderen an. Und ich als Mensch weiß aber genau: Überleben können wir alle nur in der Zurückweisung rassistischer Tendenzen. Ein Krieg aller gegen alle anderen Rassisten endet tödlich für alle. Dies ist ein sehr pragmatisches Argument gegen den Rassismus. Wichtiger ist: Dass wir Menschen als Wesen mit Geist und Vernunft in uns selbst eine von uns gar nicht abzuschaffende Empathie für andere spüren. Diese erst bedeutet Menschlichkeit.

Rassismus darf nicht und kann nicht die Dominanz im Leben haben. Denn: Wir wissen aus Erfahrung: Dass wir unser Leben höchst ungemütlich machen, wenn wir rassistisch gefärbte Kämpfe zulassen und ihnen nicht widerstehen. Es entsteht eine Welt, die nicht mehr aus Mitmenschen, sondern aus Feinden besteht. Menschen werden Objekte, werden zu Dingen, die man auch auslöschen kann. In diesem Krieg können alle, auch ich, zugrunde gehen. Wer will das im Ernst, falls er nicht ein Sadist ist?

Dem Rassismus und der Grausamkeit kann jeder einzelne nur begegnen und ihn hoffentlich überwinden, auch schon durch eine philosophische Erkenntnis: Warum sollen wir uns an diese Erkenntnis nicht halten, wo wir uns doch auch sonst an Vernunft Erkenntnisse halten, um unseres eigenen Wohles und der Welt willen.

Die entscheidende Erkenntnis ist: Ich lebe selbst immer schon von dem Wohlwollen, der Solidarität, dem Mitgefühl, der Empathie der anderen. Ich bin immer schon und bleibend einbezogen ein Wir.

Selbst die schlimmsten grausamen Menschen hatten noch Freunde unter den anderen Folterern, hatten also noch Restbestände von Emotionen und Restbestände von Mitgefühl. Diese konnten die Täter und Massenmörder nicht töten! Selbst Himmler entschuldigte sich bei den Massentötungen in Posen (am 4. Okt.1943) und bat bei den erschöpften SS Mördern um Verständnis für dieses Abschlachten der Juden und der Fremden, darin sind allerletzte Spuren des Humanen noch erhalten. Himmler sagte „Ein Grundsatz muss für den SS-Mann absolut gelten: ehrlich, anständig, treu und kameradschaftlich haben wir zu Angehörigen unseres eigenen Blutes zu sein und sonst zu niemandem“.

 Warum sage ich das: Ich will philosophisch zeigen und möchte plädieren: Es gibt eben kein „relatives“ Gleichgewicht zwischen Grausamkeit (Rassismus) und Menschlichkeit, also Respekt der Würde eines jeden, der Menschenantlitz trägt.

Man kann also nicht mehr aus Denkfaulheit sagen: Na ja, es gibt halt böse Rassisten und es gibt halt von Empathie geleitet Menschen. So ist das halt in dieser Welt. Beides ist gleich viel wert.

Nein: Selbst in den schlimmsten Handlungen der Rassisten gibt es implizit und für die Täter oft nicht bewusst Restbestände einer noch so begrenzten Solidarität und Empathie.

Das heißt: Menschliche Gefühle für den anderen Menschen sind selbst auf den Schwundstufen bei den Tätern noch vorhanden. Menschliche Gefühle der Liebe und Empathie sind also niemals total vom Menschen auszuschalten. Sie sind stärker als Rassismus und Hass. Wir „entkommen“ der Bindung an die Dimension des Guten nicht. Selbst der Rassist glaubt zumindest, für seine Rasse noch Gutes zu tun! Die „Idee“ des Guten ist stärker als der Wille, Böses zu tun, wenn auch Böses getan wird. Rassismus hat nicht das letzte Wort!

Damit will ich sagen: Es bedarf der Bildung, der Reflexion, des Widerstandes gegen Rassismus. Und man sollte endlich wahrnehmen, wie viele Untaten durch “deutsche” Verbrecher aus der rechstextremen Szene gegen Flüchtlinge  und “Fremde” verübt werden. Nur ein Hinweis: Rechte Gewalttäter schlagen nach Informationen des “Tagesspiegel” unvermindert zu. Die Polizei registrierte im vergangenen Jahr (2016) nach vorläufigen Erkenntnissen 914 Gewaltdelikte, dabei wurden 692 Menschen verletzt. (Tagesspiegel 12.2.2017) Und: „ Bis 2015 zählte das BKA 75 Todesopfer rechtsextremer Gewalt; die Amadeu Antonio Stiftung (AAS) zählt aktuell (Oktober 2017) 188 Todesopfer rechtsextremer Gewalt und verweist zudem auf mindestens zwölf Verdachtsfälle. (Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Todesopfer_rechtsextremer_Gewalt_in_der_Bundesrepublik_Deutschland)

Also: Diejenigen, die sich über „Grapscherein“ und schlimme Belästigungen von „deutschen“ Frauen durch „die“ Flüchtlinge und „die“ Araber in Deutschland aufregen, mögen bitte mit der gleichen Intensitäten Untaten und Mord durch Deutsche, durch deutsche Verbrecher, verurteilen und sich darüber öffentlich erregen… wenn man schon diese identischen Zuweisungen (Deutsch/Flüchtling) überhaupt will. In jedem Fall sind die vielen Untaten durch „deutsche Täter“ seit Jahren genauso schlimm wie Untaten durch Menschen anderer Herkunft hier in Deutschland.

Der us – amerikanische Philosoph Jason Stanley (Yale University) wird im Herbst 2018 sein neues Buch „How Facism Works“ veröffentlichen. In „Die Zeit“ vom 7. Juni 2018, Seite 37, zeigt er eindringlich, wie mangelhaft sich Deutsche mit dem tief sitzenden eigenen nationalen Gefühl der Überlegenheit über andere, minderwertig Gemachte, auseinandersetzen. Etwa indem sehr viele Deutsche bis heute glauben, sie hätten ein besonders hohes Arbeitsethos etwa gegenüber angeblichen Faulenzern aus dem Süden Europas. Es gibt für Stanley – und nicht nur für ihn – einen neuen aufflammenden deutschen Nationalismus. Überheblichkeit und Überlegenheit bestimmen das Gefühl so vieler Deutscher auch heute! „Wir sind derzeit mit einer weltweiten Krise konfrontiert, in der sich dominante Gruppen als Opfer von faulen und kulturell minderwertigen Eindringlingen sehen“, so Jason Stanley in „Die Zeit“. Diese Haltung der dominanten Gruppe ist rassistisch.

Nimmt aber der Rassismus zu, nimmt die Bedeutung demokratischer Strukturen ab. Je mehr Rassismus, um so weniger Demokratie. Das sind die Perspektiven der Zukunft der Menschheit.

Wir kehren jetzt, im Sommer 2018, in Europa und den USA in die Zeiten des Nationalismus zurück. Und Nationalismus ist immer kriegerisch, ist immer tödlich. Das haben bayerische CSU Politiker vergessen. Sie und und ihre Freunde der ÖVP/FPÖ in Österreich oder Orban in Ungarn sind eine Gefahr für den Frieden. Dies ist eine Meinungsäußerung,  alle Historiker  bestätigen hingegen die absolut gültige Erkenntnis: Nationalismus ist letztlich tödlich, weil er kriegerisch ist, nach innen wie nach außen.

Copyright: Christian Modehn. Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Jürgen Habermas: Ein Salonabend über den “religiös unmusikalischen” Philosophen

Unser Salon am Freitag, den 20.Juli 2018, um 19 Uhr, will sich dem religionsphilosophischen Denken von Jürgen Habermas (89) annähern und zugleich ermuntern, sich weiter in seine Studien zu vertiefen.

Am 4. Juli 2018 erhält Jürgen Habermas den bekannten „Deutsch – französischen Medienpreis“.

Für unseren religionsphilosophischen Salon ist es förmlich höchste Zeit, das differenzierte Denken von Habermas in einer säkularen Welt zur Rolle der Religionen, vor allem des Christentums, zu verstehen und kritisch zu bedenken.

Herzliche Einladung also in die Kunst Galerie Fantom, Hektorstr. 9 in Berlin Wilmersdorf.

Anmeldungen an: christian.modehn@berlin.de

Aus der Fülle der Arbeiten von Habermas zum Thema kann als erster Einstieg immer noch die knappe Broschüre „Glauben und Wissen“ empfohlen werden; dies ist die Rede zur Verleihung es Friedenspreises des deutschen Buchhandels 2001, erschienen im Suhrkamp Verlag als Sonderdruck 2001.

Der 17. Juni 1953: Für Albert Camus ein Tag der “Revolte” in Berlin

Der 17. Juni 1953 in Berlin: Für den Philosophen Albert Camus ein Tag der Revolte
Ein Hinweis von Christian Modehn

Ein merkwürdiges Zusammentreffen: 65 Jahre Erinnerung an die Revolte der Arbeiter in Ost – Berlin am 17. Juni 1953 und 105 Jahre Erinnerung an den Geburtstag der Schriftstellers und Philosophen Albert Camus (geb. am 7. November 1913).

Albert Camus hat sich schon früh, seit Ende der vierziger Jahre, von den französischen Freunden kommunistischen Denkens und kommunistischer Parteien, vor allem der taktischen Hochschätzung der Sowjetunion, etwa durch Jean Paul Sartre, abgesetzt. 1934 war Camus selbst für kurze Zeit Mitglied der KP gewesen, weil er meinte, diese Partei könne die Autonomisten in Algerien unterstützen; darin hatte er sich gewaltig getäuscht, die KP folgte blind den Weisungen Stalins.
Camus hat seit seiner “Übersiedlung” nach Paris 1944 die sich links (meist kommunistisch) nennenden Pariser Intellektuellen eher gemieden, später verachtet, was entsprechende Polemiken von deren Seite hervorrief. Die Camus – Spezialistin Brigitte Sändig schreibt in „Albert Camus“, Rowohlt Monographie, Hamburg, 2000, Seite 109, dass in der Sicht von Camus die kommunistenfreundlichen Literaten in Paris „für jede totalitäre Maßnahme der russischen Regierung eine vorgefertigte Entschuldigung bereithielten“. Camus hingegen setzte auf die offene Opposition, auf die intellektuelle Unterstützung der Opposition in Ost – Europa. Seine Texte, die der Unterstützung der Aufständischen in der DDR, Polen und Ungarn galten, wurden in Dissidentenkreisen dort herumgereicht. Insofern ist Camus einer der wenigen, die damals schon an das größere Europa, eben auch an ein Europa MIT Ost – Europa, glaubten.
Von daher ist auch selbstverständlich, dass Camus zur Revolte des 17. Juni 1953 in Ost – Berlin klar Stellung nahm:
In einer Rede am 18. Juni 1953 wandte sich Camus gegen die eher oberflächliche Meinung der Tageszeitung „Figaro“, die voller Beredsamkeit von einem revolutionären Volk in Berlin sprach wie auch gegen die Meinung der kommunistischen Tageszeitung L Humanite, die die Ereignisse des 17. Juni auf die Taten einiger Rädelsführer herunterspielen wollte. Dagegen sagte Albert Camus: „Wir können nicht mehr ignorieren, dass es sich zuerst um eine Arbeiter- Revolte (révolte ouvrière) gegen die Regierung und gegen eine Armee handelt, die vorgaben und so taten, als ob sie im Dienst der Arbeiter stehen“.
Camus forderte auf, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen und wahrzunehmen, dass auch Arbeiter in Ost – Berlin, so wörtlich, „massakriert“ wurden. Allen, die diese Wahrheit nicht sehen wollten, rief Camus zu: „Bevorzugt nicht länger eure Vernünfteleien und eure Träume diesem Elend gegenüber, das nun schon seit Wochen uns entgegen schreit. Entschuldigt nicht länger das Blut und den Schmerz von heute dadurch, dass ihr – ideologisch – die (große) historische Zukunft erwägt, die ohne jeden Sinn ist zumindest für die Menschen, die jetzt getötet wurden. Glaubt uns, zum letzten Mal, wenn wir euch sagen: Kein Traum des Menschen, so groß er auch sein mag, rechtfertigt, dass man jemanden tötet, der arbeitet und der arm ist“. Wenige Tage nach dem 17. Juni 1953 organisierte Albert Camus “einen Grand Meeting” im berühmten Saal Mutualité in Paris; Camus war der Chef, der “Präsident”, der Veranstaltung, das Motto war “Les Ouvriers insurgés de Berlin-Est”, bei dem auch ein Film über den Aufstand gezeigt wurde; die Redner waren Gewerkschaftsführer (CGT – FO) und CFTC (christliche Gewerkschaft), Politiker der Sozialistischen Partei sowie ein Vertreter der “Revolution prolétarienne”.
In ähnlicher Weise hat sich Albert Camus auch für den Aufstand in Poznan, Polen, am 28. Juni 1956 eingesetzt und für jene, die dem Totalitarismus in Ungarn 1956 Widerstand leisteten. “Die Oppositionellen in den osteuropäischen Staaten haben diese Unterstützung dankbar als eine Ausnahmeerscheinung inerhalb der westeuropäischen Linken wahrgenommen”, so Brigitte Sändig, a.a.O. 110. (Im übrigen empfehlen wir dringend allen, die sich erstmals oder wieder mit Albert Camus befassen wollen, diese ausgezeichnete Arbeit von Brigitte Sändig im Rowohlt Verlag).
Es ist interessant, dass sich erst in den letzten Jahren deutsche Historiker der Einschätzung von Camus anschließen, den 17. Juni 1953 als Revolte, wenn nicht gar als Revolution zu deuten. Und noch ein Hinweis für eher unbedarfte Camus – Leser, eigentlich überflüssig zu betonen: Albert Camus hat sich mit seinem Eintreten etwa für die Rebellen des 17. Juni 1953 alles andere als “ein konservativer Denker” gezeigt. Er behielt sich als “linker, aber unabhängiger” Denken die Freiheit auch im Handeln, sich nicht Parteidoktrinen zu unterwerfen…Und Camus machte seit 1944 einen Unterschied zwischen Revolte und Revolution, 1953 erklräte er: “Das große Ereignis des 20. Jahrhunderts war das Aufgeben der Werte der Freiheit durch die revolutionäre Bewegung und der Rückzug des Sozialismus der Freiheit vor dem imperialen und militärischen Sozialismus” (zit. in “Dictionnaire Albert Camus”, ed. par Jeanyves Guérin, Edition Robert Laffont, Paris 2009, Seite 789).

copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer-salon.de (Berlin)

Über Karl Marx hinausdenken … anläßlich seines Geburtstages

Zum Beispiel: Mit Max Horkheimer

Ein Hinweis von Christian Modehn.  Über die Bedeutung des Denkens von Karl Marx für HEUTE, besonders zu seinen Aussagen zur Religion und zur Gesellshaftsanalyse (Klassenkampf),  hat der Religionsphilosophische Salon Berlin schon einige Hinweise veröffentlicht. Jetzt ein Hinweis zur Marx Deutung von  Max Horkheimer.

Die Bedeutung von Karl Marx, jetzt, angesichts der Erinnerungen und der für die Zukunft inspirierenden Reflexionen zu seinem 200.Geburtstag, wird umfassender sichtbar, wenn man die weitere Entwicklung seines Denkens, etwa auch in der Kritischen Theorie, untersucht. Dazu nur einige Hinweise, sie gelten dem Denken Max Horkheimer. Im Zusammenhang einer kritischen Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie ist an die Interviews “Die Sehnsucht nach dem ganz Anderen” (1970) und an die “Notizen”, 1974, zu erinnern.

In einer ersten, eher oberflächlichen Lektüre dieser Horkheimer Texte glaubten viele, Horkheimer sei im Alter völlig religiös geworden. Tatsächlich aber differenzierte er: Theologie kann für ihn nur als erneuerte Theologie existieren: D.h: Sie solle eine tiefe menschliche Sehnsucht, aber kein Dogma aussprechen. Es gibt für Horkheimer einen legitimen Wunsch im Menschen, dass das Faktische, das, was in der kapitalistischen Gesellschaft angerichtet wurde und wird, nicht alles ist und so nicht so bleiben darf, wie und was es ist. Marx wandte sich gegen eine reaktionäre Religion, die Opium ist und nur wirkungsloser Protest gegen das materielle Elend. Bei Horkheimer ist der Gegner eher die aktuelle positivistische Weltanschauung, die den Menschen in das Greifbare und Sichbare und Anaylsierbare und naturwissenschftlich Feststellbare einsperrt und begrenzt in seiner menschlichen Fülle. Zu der auch die Sehnsucht, eine Art Streben nach dem “ganz anderen”, gehört.

Horkheimer bleibt dabei in einer zwiespältigen Einschätzung der Kirche: Sie hat einerseits das Evangelium Jesu von Nazareth für die Nachwelt bewahrt; andererseits aber hat die Kirche als klerikale Institution das Evangelium im Sinne der Herrschaft dieser Kirchen – Institution verfälscht. Mit der Freiheit der Interpretation hat die Kirche förmlich das Evangelium als umfassende, auch gesellschaftliche Befreiungsbotschaft beschnitten und verkürzt. Aber das Evangelium ist ja noch da, es könnte seine ursprüngliche Kraft noch entfalten. Ich denke dabei an die Befreiungstheologie.

Die Sehnsucht nach dem ganz Anderen: Diese will Max Horkheimer bewahren, dabei aber nicht auf die Kapitalismus Kritik von Marx verzichten. Große Hoffnungen auf ein Gelingen seines  Projekts hat Horkheimer nicht, dafür ist er zu deutlich wohl von Schopenhauer geprägt, den er, zeitlich gesehen, vor seiner Marx- Lektüre studiert und rezipiert hatte.

COPYRIGHT: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Seehofer, Scheuer und Dobrindt in schlechter Gesellschaft: In der Gesellschaft des Front National.

Die CSU “Spitze” übernimmt Formulierungen des Front National

Ein Hinweis von Christian Modehn

„Der Islam gehört in allen seinen Formen nicht zu Deutschland“, sagen Führer der CSU spätestens seit Beginn der großen Koalition 2018. Mit diesem undifferenzierten, Angst vor „dem Islam“ weckenden Urteil befinden sich die Christlich – Sozialen (und sicher auch etliche Herrschaften in der CDU) leider in merkwürdiger Gesellschaft. Meiner Meinung nach: Sie befinden sich in schlechter Gesellschaft. Und diese christlichen Politiker tun so, als wüssten sie das nicht. Offenbar wird das Gedächtnis der Menschen und der Politiker auch immer schlechter und offensichtlich sind für viele nur noch kürzeste Zeitabstände bewusst. Darum eine nicht gefährliche Erinnerung:

Marion Maréchal Le Pen, die damals noch politisch aktive rechtsextreme FN Politikerin in Frankreich und Enkelin des Gründers der rechtsextremen Partei Front National, Jean Marie Le Pen, sagte bei einer Art Sommerakademie Ende August 2015: „Ich fühle mich verbunden mit der Laizität und der Freiheit des religiösen Kultes. Aber wenn es heute Franzosen der muslimischen Konfession gibt, so ist Frankreich darum nicht auch ein Land des Islams.“ Das „Pikante“ an dieser Aussage: Diese Veranstaltung wurde organisiert von dem ebenfalls der sehr rechten Szene zuneigenden Bischof Dominique Rey von Toulon (er ist Mitglied der katholischen charismatischen Bewegung „Emmanuel“). Noch einmal vertrat Madame Maréchal le Pen öffentlich ihre Überzeugung am 1. Dezember 2015 in Toulon: „Wir sind kein Land des Islams. Und wenn Franzosen zum islamischen Bekenntnis gehören können, dann unter der Bedingung: Dass sie sich unseren Sitten und unserer Lebensweise anpassen, einer Lebensweise, die die griechische, die römische Kultur und seit 16 Jahrhunderten die Christenheit (Chrétienté) gestaltet hat“.D.h.: Wir die Herren Europas verlangen, dass alle anderen, die bei uns leben, so werden wie wir. Das ist kolonialistisches Denken, imperiales Denken. Dialog mit den anderen und Respekt vor den anderen sind ausgeschlossen. Einige Tage zuvor hatte die rechtsextreme FN Politikerin gegenüber der rechtsextremen Tageszeitung Présent erklärt: “Die Muslime können bei uns nicht denselben Rang haben wie die Christen“. Also: Der Islam gehört für die FN Politikerin nicht nach Frankreich. Und nun ebenso, gleich lautend, als hätten sie von der rechtsextremen Politikerin abgeschrieben, heißt die Kampfparole der CSU Führer: „Der Islam gehört nicht nach Deutschland“. Die CSU Führer befinden sich also, im politischen Vergleich, inmitten der FN Propaganda, sie befinden sich in schlechter Gesellschaft.

Mein Hinweis auf diese bisher wenig beachteten Zusammenhänge hat nichts mit „Moral“ zu tun, sondern nur mit einer Tatsache: Der Anerkennung einer rechtsextremen Ideologie innerhalb des FN und deren verbaler Übernahme durch einige CSU Führer. Und diese CSU Führer setzen förmlich noch eins drauf: Sie bekennen sich zu weiteren nicht gerade vorbildlich demokratischen Gesinnungsgenossen: Etwa zum Freund der CSU, dem Ministerpräsident Orban in Ungarn; er ist ja offenbar sehr anregend in seiner perfekten Errichtung von Grenzzäunen und in der Gestaltung eines Europas, das sich einschließt wie eine bedrohte Festung.

Was soll das heißen? CSU Politiker müssen sehr aufpassen, dass sie nicht völlig ins Fahrwasser rechtsradikaler Parolen geraten. Wollen diese Politiker die Menschen verblenden, für deren Verdummung sorgen mit ihren Sprüchen? Hat Bayern diese Politiker verdient? Hat die deutsche Demokratie (den Menschenrechten bekanntlich verpflichtet) etwa gar diese Minister verdient? Meine Antwort und die Antwort vieler Demokraten und Verteidiger der Menschenrechte ist klar.

Quellenangaben: Die Hinweise zu MarionMaréchal le Pen beziehen sich auf das sehr lesenswerte Buch des Politologie Professors Jerome Fourquet, „à la Droite de Dieu“, erschienen im katholischen Verlag Edition du Cerf, Paris 2018, Seite 88 f.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

Zu denken geben. Das neue Philosophie-Magazin

Ein Hinweis auf das „Philosophie Magazin, Ausgabe April, 2018.   (Und: dies ist kein „Leser – Brief“.)

Von Christian Modehn

Eine philosophische Zeitschrift, selbst eine „populäre“, sollte man selbstverständlich nicht wie eine Zeitung oder irgendein Nachrichten -Magazin lesen und dann „durch – gelesen“ beiseite legen. Sondern als eine Sammlung von Texten, „die zu denken geben“. Dieses Wort „zu denken geben“ habe ich lange Jahre nicht mehr gehört. Leider. Ich finde es wichtig. Und hilfreich. Es deutet als Konsequenz an: Nur mit Unterbrechungen im Alltag, beim Verweilen bei dem, was zu denken gibt, gelingt Philosophieren. Und Philosophieren ist bekanntlich der entscheidende Grundvollzug von Philosophie “als Wissenschaft an der UNI”. So, wie das Malen absolut notwendig ist beim Künstler für das Gestalten von Bildern.

Und dieses Wort „zu denken geben“ fällt mir ein, wenn ich die neue Ausgabe (April/Mai 2018) des Philosophie – Magazin lese. Da sind, wie gewohnt, Kommentare, Buchbesprechungen, Interviews, Gespräche versammelt, bei denen man während der Lektüre innehält, sich im Denken unterbricht. Ich will aus der Fülle der Beiträge nur auf einiges hinweisen. Dass die Philosophin (und Journalistin) Svenja Flaßpöhler die neue Chefredakteurin ist, haben wir ja auch schon aus der Presse entnommen.

Diese Zeitschrift hat Philosophie nie im engen und begrenzten Sinne verstanden, als wäre das Blatt eine Verlängerung des akademischen Lehrbetriebs an den Unis. Politische Fragwürdigkeiten werden also auch analysiert, etwa die Debatte um die „Tafel“ genannte Armenspeisung in der Stadt Essen. Nils Markwardt schreibt (S. 19) sehr treffend: „Die flächendeckende Notwendigkeit der Tafeln ist vor allem Ausdruck einer politisch gewollten Almosenökonomie, die aus dem jahrzehntelangen Rückbau des Sozialstaates resultiert“. Und, das ist explizit philosophisch: „Die Armen dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden“. Als nächstes Thema würde ich Nils Markwardt vorschlagen: Was nützt ein C bei bestimmten Parteien, was nützt das sozial bei einer anderen Partei in Deutschland, wenn auch diese herrschenden Parteien, mit einem nach außen propagierten humanen ethischen Anspruch, dann doch, „politisch gewollt“ auch schon hierzulande (und nicht bloß durch eine imperiale Wirtschaftspolitik gegenüber Afrika) Almosenempfänger erzeugen. Und zwar in einer Anzahl, die in die Millionen geht. Und die Kirchen ersetzen offenbar gern den Sozialstaat…Verhältnisse entstehen wie in den USA: Wo die Milliardäre darum beten, dass die Kirchengemeinden und ihre hilfsbereiten Geister die schlimmste Armut mildern und so Hunger – Rebellionen verhindern. Dies wäre ein Thema im Marx – Gedenken 2018. Der religionsphilosophische Salon wird sich damit befassen. Dass „Religion oft Opium“ (Marx) ist, haben wir ja in einem Salon schon besprochen… Die Debatte geht weiter angesichts des Zustandes der Kirchen in Europa und der Religionen im allgemeinen.

Ebenso inspirierend fürs WEITER – Denken ist der leider so kurze Beitrag des Philosophen Philipp Hübl (Uni Stuttgart) zum so häufig gebrauchten und missbrauchten „Argument der schiefen Ebene“. Das da populär verbreitet wird und unbefragt so oft hingenommen wird: Wenn A passiert, dann passiert doch furchtbarerweise auch gleich B und C und D. Man nennt dies den „Domino-Effekt“ oder das „Dammbruch Argument“. Philipp Hübl zeigt den Unsinn dieses Dammbruch Arguments am Beispiel der rechtlichen Zurückweisung einer Suizidassistenz, etwa auch in den Worten des in christlichen Kreisen hoch beliebten ehemaligen Verfassungsrichters Udo Di Fabio.(Seite 20). Dieses Dammbruch Argument (auch Slippery-Slope Argument genannt) wurde und wird oft noch dummerweise verwendet, kürzlich in der Debatte zugunsten der Ehe für alle: Da sieht sich die absolute Mehrheit der Heterosexuellen (etwa 90 % der Bevölkerung) total bedroht, wenn auch die Ehe für Homosexuelle möglich wird. In einigen Staaten Skandinaviens, in Holland etc. gibt es seit vielen Jahren die Ehe für Homosexuelle: Niemals wurde bekannt, dass dadurch die armen Heterosexuellen verfolgt, diskriminiert wurden oder gar die Geburtenziffern gegen Null stürzten. Das Dammbruch Argument ist das hilflose Geplapper reaktionärer Leute, es ist auch in den Kirchen immer noch gültig: „Wenn wir als Katholiken mit Protestanten selbstverständlich das Abendmahl feiern würden, dann verschwindet die uralte Identität des Katholizismus und damit ein Stück absoluter Wahrheit usw“. Oder: „Wenn der Zölibat als Gesetz aufgehoben wird, dann könnten ja auch Frauen Priesterinnen werden und ähnliche „furchtbare“ Dinge passieren“

Also, man sieht: Jeder und jede wird bei der Lektüre des Heftes in eigenes kritisches Denken geführt. Über die eher kleine, aber lesenswerte Rubrik „Erzählende Zahlen“ (S. 26) wäre weiter zu berichten, etwa über die Tatsache, dass es in Las Vegas ein „Luxe Pet Hotel“ gibt, also ein luxuriöses Hunde – und Katzen -Hotel mit Kingsize – Betten in einem hübschen Raum von 15 Quadratmetern. Leider wird nicht berichtet, ob denn Herrchen und Frauchen mit ihren Allerliebsten Kötern das Bett teilen etc. Wer noch einen minimalen Restbestand an ethischem Bewusstsein hat, wird wohl dieses Hotel (200 Dollar Pro Nacht por Zimmer) eine Schande pervers gewordener Tierfreunde nennen. Dieses Hunde Luxus Hotel dürfte allenfalls existieren, wenn die Nutzer gleichzeitig dieselbe Summe (200 Dollar pro Tag) an Obdachlosen – Initiativen überweisen. Die Frage entsteht: Kann man in dieser offenbar verrückten Welt noch vernünftig denken, ohne dabei in einen Zustand von dauernder Wut zu geraten.

Wohin mit der Wut, wäre mal ein Thema fürs Philosophie Magazin. Ich habe kürzlich die Einrichtung von öffentlich gepflegten Räumen des Schreiens und Brüllens in den Großstädten empfohlen, als ersten (!) Ansatz, die eigene maßlose (hilflose) Wut rauszulassen, klicken Sie hier.

Parallel zur Nutzung des Hundeluxus Hotels in Las Vegas passt das Bedürfnis der ganz Reichen (wohl ebenfalls Hundebesitzer) im Silicon Valley, Californien. Es geht letztlich um die Abschaffung oder doch stärkste Einschränkung des eigenen Todes, der Sterblichkeit, der Übermensch als Herrenmensch wird aktuell. Selbstverständlich ist dieses Ersehnen nur Sache der Reichen dort aus dem Umfeld von Google, Amazon, Facebook: Die Mieter aus dem benachbarten San Francisco wurden nachweislich von den ewig Lebend Wollenden schon vertrieben, so dass sie lange und abgeschottet leben dürfen in der hübschen Stadt S.F. Interessant ist, dass auch im sozialistischen Russland, Sowjetunion, an der Idee des ultralangen Lebens gebastelt wurde. Offenbar war es für einige Revolutionäre so schön dort, dass sie gern ad aeternum diesen Kommunismus erleben wollten. Sehr passend, als Kontrast zum bisher Gesagten und im Heft Angesprochenen, ist der Hauptartikel „Einfach leben“. Beeindruckend der Hinweis auf den „Minimalismus“: Leere deinen Geist. Das sollten vor allem die Verblendeten tun, etwa als Therapie für Herrn Trump und andere zu empfehlen. Ernüchternd die Reportage über das sich einfach nennende, aber rundum versorgte Leben der Mönche, etwa im Benediktiner Kloster Ettal in Bayern. Leider hat der Autor nicht herausgefunden, wie reich denn an Immobilien, Wald, Wirtschaftsunternehmen etc. die sich arm nennenden und Armut gelobten Mönche tatsächlich sind. Bekanntlich ist das Vermögen (nicht das geistige) der Klöster und Mönche in Deutschland sehr groß und ein absolut gehütetes Geheimnis. Eher erfährt man das Monatsgehalt von Kardinal Wolki, Köln, nämlich 12.000 Euro, als auch nur den leisesten Ansatz des Vermögens der reichen Orden, die immer um Spenden betteln…

Passend zur Debatte über ein Heimat – Ministerium (im Rahmen des Innenministeriums unter Leitung von Herrn Seehofer CSU („Der Islam passt nicht zu Deutschland“ ist sein pauschaler und deswegen dummer Satz) veröffentlicht Thea Dorn jetzt ihr Buch über Deutschland. Wie man es dreht und wendet, und die Interviewerin Svenja Flaßpöhler gibt sich alle Mühe, Kritisches und Klares der Frau Dorn (vergeblich) zu entlocken: Dass nun in dieser Zeit des neuen Miteinanders, des dringenden Dialogs der Kulturen, der Wandlungen der althergebrachten Identitäten usw. dass da nun ausgerechnet ein Buch „Über Deutschland“ erscheinen muss, ist schon befremdlich, der Untertitel verheißt dialektisch, aber unklar einen „Leitfaden für aufgeklärte Patrioten“. Welcher Patriot würde sich denn auch öffentlich als unaufgeklärt bezeichnen? Patrioten nennen sich heute Leute aus dem Umfeld der AFD oder Leute von Rechtsrock Bands etc. Da hätte sich Frau Dorn bei Kenntnis dieserTatsachen wohl gehütet, nun den Begriff Patriotismus selbst in der Form der „Aufgeklärtheit“ in die Debatte zu werfen. Der Titel Aufgeklärter Patriot – das ist eine pure Schutzmaßnahme, um als National-gebundener oder Heimatfreund noch einen Rest Anstand zu wahren in einer Welt, die neue offene, übernationale Lebensformen verlangt, eben auch kosmopolitisches Leben. Nur dieses hat Chancen, Frieden wiederherzustellen in dieser zerrissenen Welt voller Politiker, die national denken und handeln. Um den neuen Kosmopolitismus sollten sich PhilosophInnen bemühen und nicht alte Themen aufwärmen. Peinlich berührt ist der Leser, wenn Thea Dorn sich förmlich entschuldigt, dass sie öfter mal an einer türkischen, also muslimischen, Hochzeit teilnahm: „Ich war recherchehalber auf traditionellen türkischen Hochzeiten….“(S. 71) Bemerkenswert: bloß recherchehalber also, nicht aus Gründen eines neuen menschlichen Miteinanders, um miteinander zu feiern….

Insofern müsste Derridas Konzept der Dekonstruktion – wird im Heft vorgestellt – auch auf den Heimatbegriff und den Nationen-Begriff angewendet werden. Ob es dann bei einer Dekonstruktion bleibt und nicht in dem Falle in die gebotene Destruktion der Begriffe führt, wäre dringend zu bedenken. Denn Nationales Denken versteckt sich im Heimat-Denken. Und beides führt zum Krieg. Philosophinnen sollten doch mehr historisches Wissen haben. Ein Hinweis noch von Heinrich Heine:

 

“Fatal ist mir das Lumpenpack,

das, um die Herzen zu rühren,

den Patriotismus trägt zur Schau,

mit allen seinen Geschwüren.”

 

(Heinrich Heine, Ein Wintermärchen, entnommen

aus dem Internet am 8. Dezember 2015, [http://www.deutschestextarchiv.de/book/view/heine_

wintermaehrchen_1844?p=143]. )

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Ein Katholik wird “ungläubig”: Reinhold Schneider vor 60 Jahren gestorben

Vor 60 Jahren, am 6.4.1958, dem Ostersonntag,  ist der Schriftsteller Reinhold Schneider in Freiburg i.Br. gestorben.

Ich habe an Schneider erinnert, als Glaubenden, der als Glaubender aus dem Glauben heraus geführt wurde in eine Gott- Ferne, die man mystischen Atheismus nennen könnte, wenn man überhaupt “Einordnungen” mag… Von diesen Tiefen – Erfahrungen  handelt sein letztes Buch “Winter in Wien”. Inzwischen sind die freundlichen Stellungnahmen von Heinrich Böll über Schneider wieder ins allgemeine Bewusstsein gekommen. Klar istnun einmal mehr: Reinhold Schneider, der Pazifist, wurde auch von der Klerus-Kirche nach 1945 kaputt gemacht, die keine Hemmungen kannte, für die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik einzutreten. Die Gestalt des Nazi – Bischof Gröber in Freiburg wurde dabei klerikal oft und gern übersehen.

Zu meinem Beitrag über Reinhold Schneider klicken Sie hier.

Halt finden im Leben

Wo finden wir Halt?

Zu unserem Gespräch im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin am 23.3. 2018. Diese Hinweise bieten kein umfassendes „Protokoll“, sie sind eher meine Impulse zum Weiterdenken.

Von Christian Modehn

Viele haben den Eindruck, angesichts der Erfahrungen heute in Politik, Ökologie, Klima, sozialer Ausgrenzung, Kriegen usw., den eigenen seelischen und geistigen HALT zu verlieren. Viele verlieren zudem auch den Halt aus Unsicherheit, materiell, körperlich zu überleben, falls ihnen dieser Halt nicht schon seit Jahrzehnten von der kapitalistischen Weltordnung genommen wurde.

Was früher „stützte“, ist nun zerbrochen. Viele glauben, seelisch und geistig ins Schwanken und Wanken gelangt zu sein.

Was Halt meint, könnte auch mit „Sinn“ übersetzt werden.

Jeder Mensch hat als Mensch einen Anspruch, für sich selbst seinen Halt zu finden. Selbst der Hungernde denkt wohl noch über sein materielles Überleben hinaus; er denkt, dass er einen Anspruch hat, in seinem Leben Halt, Sinn, (nicht nur Speise) zu finden.

Die Frage nach dem Haltfinden ist also unabhängig von jedem materiellen Zustand. Sie gehört zur „Struktur“ des menschlichen Geistes und seiner Seele.

1.Eine „phänomenologische“ Alltags – Erfahrung und dann auch Erkenntnis:

In besonderen Situationen des Lebens als Unterwegsseins brauchen wir Halt und erleben Halt, und deuten dies nicht als Fremdbestimmung oder als Einmischung in unser individuell freies Leben: Etwa beim Anstieg oder Abstieg in schmalen Treppen, etwa bei Turmbesteigungen: Da grei wir nach dem Geländer; brauchen wir stützende, Halt gebende Geländer. Oder bei Bergbesteigungen brauchen wir Stützen, Seilschaften… Leitplanken/Schutzplanken sind auf abschüssigen Autostraßen sehr hilfreich. Nur wer FREI laufen und FREI leben will, sucht Halt. Wer wie auf einer Schiene läuft – oder auf eine Schiene gesetzt wurde – und so sein Leben von anderen bestimmt förmlich „leben lässt“, fragt nicht nach Halt. Er hat ihn ja und will diesen zwingenden, nicht frei gewählten Halt nicht loswerden.

Die Suche nach Halt bestimmt uns dauernd, auch wenn wir oft ohne Halt auskommen und uns, reflektierend, an Halte-Stellen aufhalten. An Haltestellen verweilt man nur kurzfristig. Aber sie sind Orte für Denk – Pausen.

Die Frage nach Halt ist förmlich eine Ehre für den freien, suchenden, fragenden Menschen. Diese Frage nach Halt ist also nichts Krankhaftes

2.Hannah Arendt gab einem Buch den Titel „Denken ohne Geländer“. Also Denken ohne materiellen Schutz. Das heißt: Denken schützt sich selbst, weil es sich selbst prüft, was im Denken und durch das Denken als geistiger Halt erreicht wird. Denken erzeugt nicht – materielle, unsichtbare Geländer. Das kann die Klarheit im Denken sein, Respekt für Logik und Differenzierung. (Darum ist ja der undifferenzierte CSU Satz: „Der“ Islam gehört nicht zu Deutschland, so pauschal dumm). Es gilt, die kritische Prüfung und das selbstkritische Fragen beständig zu pflegen. Da werde ich in einen neuen Denkraum geführt und zur Aufgabe bisheriger Stützen und Halte aufgefordert.

3.Was zeigt sich als Halt, das sich im Denken und Erfahrungen offenbart?

Wir können Halt nur finden bei etwas, das über den momentanen Gebrauch, kurzfristig oder zerbrechlich, hinausreicht und insofern erhaben ist. Ich will damit nicht sagen, dass das, was Halt gibt, immer das Ewige ist. Aber es muss auch etwas anderes sein als das Greifbare und Sich – Schnell – Auflösende und Schnell-Verschwindende. Konsumgüter sind Wegwerfprodukte, sie bieten fast immer keinen Halt. Also, halt bietet etwas oder jemand, das bzw. der (die) mich für eine gewisse Zeit begleitet, mit mit geht, mit mir lebt. Das kann auch eine schöne, immer wieder gehörte geliebte Musik sein, ein Kunstwerk, Literatur, Menschen, Freunde …Die uns Halt gebende Gemeinschaft von Menschen, die sich um einen reifen Umgang mit einander bemühen, ist ein weiteres Thema.

Halt ist für uns eben tatsächlich etwas Bleibendes; das sich als einzelnes Bleibendes natürlich im Laufe der Geschichte unseres Daseins je neu zeigen kann…

4.Warum erschließen Stimmungen einen Halt im Leben?

Was ist etwa die Melancholie als eine Stimmung, die viele Menschen bestimmt? Es gibt eine lange Geschichte der Melancholie-Forschung, vielleicht zentral schon bei Aristoteles, in den „Problemata physica“. Darin fragt Aristoteles eher rhetorisch: „Warum erweisen sich alle außergewöhnlichen Männer in Philosophie oder Politik oder in den Künsten als Melancholiker?“ Warum wohl: Weil diese Stimmung der Melancholie über das oberflächliche Dahinleben in die Tiefe des eigenen Daseins führt. Melancholie vermittelt ja immer die Erfahrung, dass ich mit meinem jetzigen Zustand nicht zufrieden bin; dass es anderes gibt als dieses momentane Leben; oft wird dieses andere, bessere Leben in der Vergangenheit gesucht oder es wird erträumt und scheint nicht (mehr) erreichbar zu sein. Der Melancholiker sagt nicht so schnell: „Dieses Leben ist so, wie es jetzt ist, immer sinnvoll und schön und sollte auch so, wie es jetzt ist, immer bleiben“. Es gibt also einen versteckten, oft impliziten Willen zur Veränderung im Melancholiker, eine Suchbewegung nach einer Wahrheit, die größer sein sollte als die gegenwärtige Alltags – Wahrheit. Trauer hingegen ist fixiert auf ein Ereignis, auf einen Verlust etwa eines Menschen. Trauer kann nachlassen, vielleicht verschwinden, weil wir den verlorenen Menschen in einer neuen nichtweltlichen Wirklichkeit wissend – glauben…Melancholie hält an; sie ist eine oft dem einzelnen gar nicht bewusste, dunkle, manchmal schmerzhafte Beziehung zur Wirklichkeit. Im Unterschied zur Depression als Krankheit bietet Melancholie die Chance, zur tieferen Wirklichkeits- Erfahrung zu kommen. Und damit auch zu einer Lebensfreude… Melancholie ist etwas Gesundes!

5.Durch die Wahrnehmung der Stimmungen werden wir in die Tiefe unseres Daseins geführt. Wir erleben uns selbst in unserer Tiefe über alle Oberflächlichkeiten des Alltags hinausgewiesen. Martin Heidegger hat in seinem großen Werk „Sein und Zeit“ von 1926, dann aber auch in den Vorlesungen „Die Grundbegriffe der Metaphysik“ (von 1929) gezeigt: Stimmungen haben einen offenbaren, einen erschließenden Charakter, wenn der Mensch die Tiefe seines Daseins ausleuchten und verstehen will. Die Vorlesungen über die „Grundbegriffe der Metaphysik“, sind, geschrieben vor der viel besprochenen philosophischen „Wende“ im Denken Heideggers um 1933, anregende und mitvollziehbare philosophische Vorlesungen.

Wenn wir fragen: Wie gelangt der Mensch, das Dasein, zur tieferen Seins-Erfahrung: Dann ist die überraschende Antwort Heideggers in Sein und Zeit: Durch die Stimmungen: „In den Stimmungen wird das Dasein vor sein Sein (also seine unverfügbare Tiefe) gebracht“. (Heidegger, S.U.Z. S. 134).

Stimmungen und Gefühle werden insofern von Heidegger philosophisch aufgewertet. Sie sind „Organe des Erkennens“. Aber Heidegger wehrt sich dagegen, dass nun Philosophie in ihrem Respekt für Stimmungen ins Irrationale der Stimmungs-Begeisterung sich drängen lässt.

Heidegger sagt: Immer ist der Mensch irgendwie gestimmt. Uns prägen Stimmungen. Sie sind immer meine Befindlichkeit. Besondere Stimmungen überkommen uns, sie stellen sich ein, sie überfallen und beschleichen uns. Wir sind nicht Herr dieser Stimmungen. Unsere Selbstbestimmung ist insofern eingeschränkt.

6. Langeweile als Stimmung, die „man“ durchlebt, wenn eine offene Zeit uns überfällt. Das ist das Thema der Vorlesungen „Die Grundbegriffe der Metaphysik“. In der Langeweile werde ich konfrontiert mit der unabwerfbaren Tatsache, dass ich in der Zeit stehe, also in einer Art Zeitlinie. Und dieser nicht entkomme. Diese Zeit bin ich gewohnt auszufüllen durch allerlei Aktivitäten. Wenn es dann unvorhergesehen Momente gibt, wo es für mich nichts zu tun gibt, dann entsteht die Leere in mir. Dann falle ich förmlich ins Bodenlose. Ich habe den üblichen Halt, meinen alltäglichen Zeit – Rhythmus Verloren. Ich stehe orientierungslos da.

Heidegger meint: Diese Leere, die sich in der Langeweile zeigt, sollte ich nicht überspielen, sondern als Chance nützen, mich auf die Tiefendimensionen meines Daseins einzulassen. Also, etwa zu fragen: Was ist eigentlich Zeit? Warum will ich bloß immer Zeit füllen, also beschäftigend gestalten und mich dabei oft des Nachdenkens begeben? Warum möchte ich im Gefühl einer leeren Zeit die leere Zeit „totschlagen“. Die aggressive Sprache sagte alles, wie ich mich meiner Zeit gegenüber selbst als aggressiv verhalte…

7. In der Stimmung (Melancholie oder Langeweile) kann ich, wenn die Stimmung aushalte, also auch reflektiere, in die Tiefe des Daseins geführt werden. Vielleicht zeigt sich da ein Halt: In „Sein und Zeit“ ist klar:

Der Mensch versteht sich selbst so: es gibt etwas ihn Übersteigendes, Größeres, (Tieferes), der Mensch ist mit diesem eng verbunden. Das sind wie so oft in der Philosophie, hilflose Begriffe, die etwas über das Greifbar – Sagbare hinausweisen. Aber Menschen können auf diese Worte und Begriffe für das Unanschauliche nicht verzichten. Machen die Mathematiker ja auch nicht: Welche Zahl als Zahl ist schon anschaulich. Wir haben den Sinn für das Nicht – Anschauliche verloren.

Man merkt philosophisch, wie schwer es ist, das Sein angemessen sprachlich auszudrücken. Dieses Größere ist „im“ Menschen, aber es ist nicht Werk des Menschen. Heidegger spricht vom Sein, das der Mensch versteht und in dem er sich, das Sein verstehend, immer schon bewegt: Das Sein erschließt sich dem Menschen, er „IST“ Da – Sein. Der Mensch ist DA — SEIN. Das Sein ist in ihm „da“.

Das Sein ist das nicht Manipulierbare, das nicht Zu-Umgreifende, das nicht definitorisch Festgelegte und Vorhandene, aber es ist das alles Prägende und im Dasein das Stützende. Es offenbart sich in der Stimmung.

Stimmung erkennen und Halt finden gehören also eng zusammen.

8.Wenn der Mensch sich auf etwas stützen will, das dauerhaft Halt bietet, dann ist es das Nicht Verfügbare, das Nicht Dinghafte, sondern das Sein. Religiöse Menschen sprechen von dem nicht dinglich zu verstehenden Gott. Dem Göttlichen. Dem, der im Innern des Menschen als das Ewige lebt. Oder den die Menschen hilflos beim Namen anrufen und nennen, als den großen Gott, der in der Wüste des Lebens Halt gibt. Mit ihm und in ihm, den göttlichen, nicht dinghaften Gott, finden viele Halt. Als Geborgensein. Als Beschütztsein. Als Getragensein, wie auch immer: Dies und nur dies ist der wahre Kern von Spiritualität und Religion. Alles andere, alles „Konfessionelle“ und Dogmatische, ist nettes (leider oft belastendes) Beiwerk, oft allerdings störend, weil den göttlichen Gott verstellend und verdeckend.

9. Dieses alles umgreifende Sein können Menschen je nach ihrer Lebensgeschichte je anders interpretieren. Gott, ewige Natur, Buddha, Jesus. Immer aber muss es etwas sein, das den Charakter des Ungreifbaren, aber Umgreifenden hat. Ohne solche paradoxen Formulierungen kommen wir in der denkenden Lebensorientierung kaum weiter.

Dieses Stützende und Halt Gebende ist förmlich wie ein Nichts gegenüber der Dingwelt.

10.Ich komme jetzt zum Schluss auf das Buch des niederländischen Theologen Koen Holtzapffel aus Rotterdam:

Wer Halt sucht in seinem Leben, sollte sich nicht festklammern an Ideologien und offizielle Wahrheiten. Er (oder sie) sollte das Fragen aushalten, die eigenen Fragen! Natürlich zeigen sich dann jeweils Antworten. Aber diese Antworten rufen nur wieder weitere Fragen hervor: Das ist das Leben des Geistes. Das Fragen befragt sich selbst und entdeckt dabei die Kraft des lebendigen Geistes, der über alle einzelne Fragen stark erhaben ist. Die Skepsis betrachtet die Skepsis eben skeptisch und gelangt so über eine dumme, weil dogmatische Skepsis – Bindung hinaus: Skepsis: ja! Aber skeptisch zur Skepsis, um in das ewige Fragen des Geistes zu gelangen.

Und diese Lebendigkeit des Geistes ist sicher das einzige, was Halt gibt und fest ist in unserem Leben: Getragen sein, belebt sein, von der ewigen Fragebewegung des Geistes und von den immer relativen Antworten, die zu neuen, aber wieder nur vorläufigen Antworten leiten: Das ist die Größe des Menschen, auch des religiösen Menschen.

Dieser tragende Lebenssinn, dieser Halt, erschließt sich, so der Theologe, gerade dann, wenn alle Bilder Gottes, die man als den Lebenssinn deutete, verschwinden und nach diesem (persönlichen) „Bildersturm“, wie Holtzapffel sagt (S. 120) eigentlich nur Leere bleibt. „Man kann es Leere nennen, aber dann vielleicht als eine wohltuende Leere, als Flüstern einer sanften Brise, die man genießen kann als Schönheit einer leeren Landschaft“ (ebd.)

Der Autor zitiert dann zustimmend den Philosophen Cornelis Verhoeven (1928 – 2001): „Gerade in der Frage besteht Gott und nirgendwo anders. Gottes Existenz wird in der Frage förmlich fest „gehalten“. Warum? Weil Gott – im Bild als Schöpfer der Welt und des Menschen gedacht, den Menschen als Leib- Geist- Wesen meint, der als Geist eben unendliche Fragebewegung ist.

Und Koen Holtzapffel beschließt sein sehr inspirierendes Buch: „Leere ist leer, aber sie schafft auch einen mystischen Raum, ohne einen vorstellbaren und voraussagbaren Gott“.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.