Gott und die Demokratie. Ein neues Buch des Philosophen Otfried Höffe

Ein Hinweis von Christian Modehn

1.
Bei einem Buch eines Philosophen ist oft schon der Titel eine Einladung zum Weiterdenken. Professor Otfried Höffe, Prof. em. der Universität Tübingen, gibt seinem neuesten Buch den Titel „Ist Gott demokratisch?“ Wer Gott in einem allgemeinen Sinn deutet, ihn als den höchsten Herrscher der Welt versteht, wird diesen Gott naturgemäß nicht als demokratisch qualifizieren. Gott herrscht. Die Menschen sind seine gehorsamen Kinder. Wer den Titel weiter bedenkt, wird sich fragen: Welcher immer schon konfessionell geprägte Gott könnte denn überhaupt demokratisch sein? Der Gott der Christen etwa? Und da entsteht die weitere Frage: Der Gott der Katholiken mit dem obersten Herrn, dem „Heiligen Vater“, in Rom? Oder eher der Demokratie-affine Gott der Kirchen des immer noch vorhandenen liberalen Protestantismus? Ist der Gott Jahwe im jüdischen Glauben demokratisch, weckt er z.B. aktuell demokratisches Bewusstsein, wenn man an ultra-orthodoxe Gläubige und ihre Minister im heutigen Israel denkt? Welcher Gott welcher muslimischen Tradition könnte denn demokratie-freundlich oder auch demokratie-feindlich gesinnt sein? Zwischen menschenfreundlichen Aleviten und den tödlichen schiitischen Herrschern im Iran ist doch ein Unterschied…

2.
Fragen über Fragen also schon angesichts dieses (ver)störenden Buch-Titels. Der Untertitel ist etwas präziser und weckt vielleicht Lust auf die Lektüre: „Zum Verhältnis von Demokratie und Religion“. Aber wieder stellen sich sogleich Fragen angesichts des Untertitels: Welche Demokratie ist denn gemeint? Die liberale und rechtsstaatliche Demokratie, die demokratische Demokratie sozusagen, jene Staatsform, die die Menschenrechte umfassend lebt? Gibt es diese demokratische Demokratie heute überhaupt? Oder gibt es nur noch die sich noch liberal nennende, aber auch schon korrupte Demokratie? Wie steht es mit den sich unverschämt explizit „illiberal” nennenden Regierungsformen, wie steht es so genannten Volks-Demokratien und von China oder Nord-Korea ganz zu schweigen. Die dortigen Diktatoren werden wie Götter verehrt… Und „die“ Demokratie will Otfried Höffe in Beziehung setzen zu „der“ Religion. Bloß zu welcher Religion denn, es gibt doch zweifelsfrei Religion nur im Plural und es gibt Ideologien, die sich wie Religionen verhalten, man denke an den Kommunismus, etwa den Stalinismus, den viele kluge Beobachter als eine Form von Religion und Götter-Verehrung verstehen. Und sprach nicht Walter Benjamin von der „Religion des Kapitalismus“? Ist der Gott der Konsumentenwelt nicht die „Ware“ oder das wirtschaftliche Wachstum? Kann man im Ernst auf diese Themen verzichten? Im Buch von Höffe werden diese Themen nicht angesprochen.

3.
Otfried Höffe, der Autor des genannten Buches, ist einer der bekanntesten und international geschätzten Philosophen besonders zu Fragen der philosophischen Ethik und der politischen Philosophie. Die Liste seiner Publikationen ist sehr lang und vielfältig, auch zur Geschichte der Philosophie. Dieses Buch nennt der gelehrte Philosoph immer wieder selbst „Essay“, und in dem Sinne sollte der Leser es betrachten: Es sind tatsächlich 12 kleine Essays, philosophische Betrachtungen zum Verhältnis „Religion(en) und staatliche Ordnung“. Die Essays dieses Buches sind eine Anregung für Menschen, die sich vielleicht zum ersten Mal etwas gründlicher mit dem Thema auseinandersetzen wollen. Die Hinweise zu Kant etwa wird man Gewinn lesen, auch die kritische Auseinandersetzung mit Jürgen Habermas ist wichtig, ebenso die Ausführungen zu William James, Charles Taylor und Hans Joas. Interessant sind die Hinweise auf volkstümliche Redensarten in Deutschland, die immer wieder, von den Sprechern meist unbewusst, Gott oder den Teufel ins Spiel bringen (S. 116 f). Ob man von „Restbeständen“ (s. 116) einer Religion sprechen kann, wenn man jemand schreit „Mein Gott!“, ist eine offene Frage.

4.
Diese im Buch versammelten Essays bieten leider keine präzisen Quellenangaben. Und manche Aussagen sind schlicht falsch, etwa wenn Otfried Höffe das Christentum „ein Reformjudentum“ (S. 38) nennt. „Reformjudentum“ ist eine Strömung im Judentum seit dem 19. Jahrhundert. Jesus von Nazareth war sicher kein „Reformjude“, vielleicht eher ein radikaler jüdischer Religionskritiker der damaligen jüdischen Religion und ihrer Herrscher… Falsch ist es auch, wenn Höffe behauptet, im „Freidenkerverband“ seien, so wörtlich, „freikirchliche Bewegungen organisiert“. Der heute noch bestehende zahlenmäßig eher unbedeutende, oft DKP-nahe Freidenkerverband (dieser hat fast nichts mehr mit dem bedeutenden „Humanistischen Verband“ -HVD- gemeinsam) war einst, zu Beginn des 20.Jahrhundert ein Ort für frei-religiöse Gemeinschaften, diese aber sind etwas anderes als „freikirchliche Bewegungen“, dazu gehören etwa die Baptisten oder Methodisten…(zit. auf Seite 223).

5.
Auch manche eher philosophisch gemeinte Behauptungen irritieren: „Der Monotheismus vertritt den in philosophischer, vermutlich auch in theologischer Hinsicht allein sachgerechten Gottesbegriff. Eine Gewaltbereitschaft zeichnet sich dabei nicht im entferntesten ab“ (S. 186). Wie man solche Sätze formulieren kann, ohne wenigstens kurz auf die Studien von des Ägyptologen Jan Assmann hinzuweisen, bleibt mir schleierhaft. Assmann wird von Höffe in dem Buch nicht einmal erwähnt. Und das bekannte Plädoyer des Philosophie Professors Odo Marquard für den Polytheismus wird nicht erwähnt. Abgesehen davon: Was besonders stört, ist die ganz schwache Auseinandersetzung Höffes mit der politisch-sozialen Realität heute. Etwa, dass der evangelikale Fundamentalismus unter den Anhängern der republikanischen Partei der USA aggressiv und antidemokratisch ist, ähnliches ließe sich von Bolsonaro sagen, von der Putin-Kirche, also der offiziellen russisch-orthodoxen Kirche kein Wort.

6.
Die Essays dieses Buches laufen auf zwei Seiten ganz Ende des Buches hinaus mit der Überschrift „Kein Dilemma“. Da wird die summarische Erkenntnis verkündet: „Das Verhältnis von Demokratie und Religion (immer noch in dieser Allgemeinheit formuliert, CM) ist störanfällig, es hat im Prinzip aber nicht den Charakter einer Zwangslage, eines Dilemmas“ (S. 225). Also: Religionen können grundsätzlich mit Demokratie kompatibel sein, auch wenn Höffe gegenüber „dem“ Islam Vorbehalte hat (S. 1818).
Höffe hofft aber: Selbst Religionen, die (in ihrem inneren Gefüge) „wenig demokratisch organisiert sind“, „können sich in ihrem Verhältnis zur Demokratie NICHT der eigenen religiösen Lehre entsprechend, also antidemokratisch, verhalten. (S. 225).
Das aber ist längst nicht entschieden: Ist der Ausschluss der Frauen vom Priesteramt in der undemokratisch organisierten katholischen Kirche nicht in gewisser Weise auch eine Herausforderung für das politische Miteinander dieser Kirche auch in der Demokratie? Gott will keine Frauen in höchsten Funktionen, dies ist doch die Botschaft des Vatikans. Man denke auch an die totale und öffentlich durchgesetzte katholische Abwehr der Abtreibung. Sie ist eine Verachtung der Menschenrechte der Frauen. Oder: Die Zurückweisung von Segnungen homosexueller katholischer Paare durch Rom ist ein Skandal angesichts der neuen Gesetzgebung der Demokratien zugunsten der Homosexuellen. Denn die katholische Lehre ist: Homosexuelle sind eigentlich in der Sicht Gottes Menschen zweiter Klasse (diese Position einzunehmen steht dem Papst offiziell zu).

7.
Diese Hinweise deuten die Grenzen dieses Buches von Otfried Höffe an. Aber: Wie schon gesagt: Wer als Anfänger sich mit den Fragen dieses umfangreichen Themas „Religionen und Demokratie“ bzw. „Religionen und Staat“ auseinandersetzen will, wird gerade im explizit philosophiegeschichtlichen Teil kurz und knapp und allgemein verständlich informiert und zum weiteren Studium hoffentlich eingeladen.

Otfried Höffe, „Ist Gott demokratisch? Zum Verhältnis von Demokratie und Religion“. Hirzel Verlag, Stuttgart 2022, 231 Seiten. 24 €.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Die „Dialektik der Aufklärung“ – ein „Jahrhundertbuch“? Und: Antisemitismus bei Horkheimer und Adorno?

Über das Buch „Freiheit und Finsternis“ von Martin Mittelmeier.
Ein Hinweis von Christian Modehn.

1. Die „Dialektik der Aufklärung“ – ein Torso.
Die Philosophen Max Horkheimer und Theodor W. Adorno hatten als Emigranten in Kalifornien 1942 begonnen, gemeinsam ein Buch zu schreiben, sie nannten es später „Dialektik der Aufklärung“. 1948 wurde es in Deutschland ausgeliefert. Es sei ein „Jahrhundertbuch“, behauptet der Siedler Verlag im Untertitel der Studie „Freiheit und Finsternis“ von Martin Mittelmeier. Dass Mittelmeier selbst in seinem Schlusskapitel die „Dialektik der Aufklärung“ „hermetisch“ nennt, „als nicht leicht zu verstehen“ (S. 218) bewertet und als ein Buch beschreibt, „in dem man sich verirren kann“(S. 270 und 271), ist dann schon etwas irritierend … für ein „Jahrhundertbuch“. Auch „Handlungsimpulse“ für die Protestbewegungen (etwa zum „Mai 68“), wurden mit der Dialektik der Aufklärung, so wörtlich, „nicht geboten“. Die „Dialektik der Aufklärung“ sei ein Torso, so Mittelmeier (S. 264 und 272). Aber dieses „Torso-Buch“ hat doch eine gewisse Bedeutung und Berühmtheit erlangt, zahlreiche Studien von Philosophen zur „Dialektik der Aufklärung“ sind längst erschienen…

2. Eine lockere Abfolge von Biographischem und Philosophischem.
Martin Mittelmeier, Honorarprofessor für deutsche Sprache und Literatur an der Universität von Köln, hat sich die Mühe gemacht, viele Details der Geschichte der Entstehung dieses „Jahrhundertbuches“ „Dialektik der Aufklärung“ mit vielen Quellenangaben gut belegt zusammenzutragen. Sein Buch besteht aus einer eher locker wirkenden Abfolge von philosophisch reflektierenden Erläuterungen zum Inhalt und dann, dazwischen gesetzt, eher nur biographisch erzählende Kapitel. In dieser „Doppelstruktur“ werden dann aber doch für manche sicher erstaunliche Erkenntnisse offen gelegt.

3. “Die Aufklärung fällt in Mythen zurück”.
Tatsache ist, dass die „Dialektik der Aufklärung“ so gesprächsweise in intellektuellen Kreisen viel Beachtung fand, das Buch erreichte hohe Auflagen und erlebte zahlreiche Übersetzungen. Das Buch wird in der philosophischen Fachwelt noch diskutiert, aber wird es von den „weiten Kreisen Interessierter“ auch gelesen und verstanden?
Das ist wohl die Frage, die sich der Autor Martin Mittelmeier stellte. Er erzählt deswegen anschaulich die mühevolle Entstehungsgeschichte der „Dialektik der Aufklärung“, aber er berichtet dies in einer Mischung aus Berichten vom privaten Leben der Philosophen und dann wieder ins Grundsätzliche gehenden Abschnitten der Werk-Interpretation.
Dass die philosophischen Einsichten und politischen Aussichten der „Dialektik der Aufklärung“ sehr düster sind, ist von vornherein klar, sozusagen als der „allgemeine Ruf“, der dieses Buch bewirkt hat. Die philosophische Vernunft wird zunächst als Geschichte der Befreiung von alten Göttern gedeutet, aber dann werden neue Götter wieder mächtig, und die heißen technischer Fortschritt, Konsum, Kultur-Industrie, Wachstumszwang der Ökonomie. Mit anderen Worten: Wer sich von der finsteren Gewalt der alten Götter befreit hat, gerät in neue Finsternis eines neuen Götter-Glaubens. Auswege und Licht kaum sichtbar. Und vor allem: Der Antisemitismus ist für Adorno/Horkheimer in der „aufgeklärten“ Moderne kein Sonderaspekt, sondern eine Art „Grundstruktur“.

4. Theologische Ausrutscher
Seinen Buch – Titel „Freiheit und Finsternis“ erläutert Mittelmeier nicht explizit und ausführlich, diese Wortverbindung Freiheit und Finsternis wird meines Wissens nur einmal erwähnt, nämlich auf Seite 251, wenn Mittelmeier auf den Zusammenhang von Hölle und Himmel im Denken Adornos aufmerksam macht mit der etwas verstörenden Bemerkung: „Dass (für Adorno) Himmel und Hölle identisch sein können, ist eine Konsequenz aus der ungeheuerlichen gedanklichen Konstruktion, dass der Holocaust die letzte notwendige Etappe zur Erlösung ist“ (S. 250). Da spielen theologische Ideen rein, die auf Inspirationen von Walter Benjamin zurückgehen.

5. Antisemitische Äußerungen von Adorno und Horkheimer?
Bevor auf weitere Aspekte des Buches von Martin Mittelmeier hingewiesen wird, soll die Aufmerksamkeit dem Thema Antisemitismus gelten: Denn es könnte für etliche LeserInnen überraschend sein, wenn Mittelmeier schreibt, „Adorno und Horkheimer standen jüdischen Lebenswelten umso reservierter gegenüber, je orthodoxer diese waren“ (S. 232). Mittelmeier spricht sogar von deren „habituellen Antisemitismus“ (S. 31). 1937 schrieb Adorno an seine Eltern, wie sehr ihn das Verhalten von – so wörtlich – „Ostjuden“ auf der gemeinsamen Fahrt auf einem Schiff über den Atlantik störte: Es waren, so wörtlich, „Ostjuden, die mit ihren Kappen auf dem Kopf saßen, religiöses Geheul ausstießen und sich überhaupt benahmen, dass es eine Rassenschande ist“, so zitiert Mittelmeier auf S. 232 Theodor W. Adorno und Mittelmeier kommentiert weiter: „Nach dem Offenbarwerden des Ausmaßes der Judenvernichtung ließ sich Adorno zu solchen Äußerungen nicht mehr hinreißen“ (Ebd.). Selbst Max Horkheimer wurde von Adorno ein Antisemit genannt, so wörtlich, „dessen Antisemitismus hinter dem von Adornos Vater kaum zurücksteht…“ (S. 234).
Mittelmeier beschreibt diese Tendenzen bei Adorno und Horkheimer unter der Kapitelüberschrift „Der Antisemitismus der Antisemitismus-Analytiker“ . Darin wird auch von einem nicht realisierten Projekt der beiden Philosophen in Kalifornien berichtet: Adorno und Horkheimer wollten in den USA für Juden ein Handbuch publizieren, das denen Argumente liefert, gegen antisemitische Beleidigungen vorzugehen. Dabei griffen die beiden durchaus antisemitische Stereotype auf, nannten sie und wollten zeigen, wie Juden selbst auf solchen Wahnsinn oder „anderen“ reagieren sollten. Eher peinlich ist dieses ganze Vorhaben…
Die Frage ist, ob derartige Optionen und Stellungnahmen „Antisemitismus bei (jüdischen) Antisemitismus – Analytikern“ genannt werden sollten, müsste breiter erörtert werden. Aber für viele LeserInnen dürften die gut belegten Hinweise Mittelmeiers neu sein.

6. Zur Geschichte des Buches „Dialektik der Aufklärung“:
Etliche (jüdische) Wissenschaftler des Frankfurter „Instituts für Sozialforschung“ (Leitung: Max Horkheimer) hatten sich seit 1934 zunächst an die Ostküste der USA, dann nach Kalifornien flüchten können, sie lebten dort recht privilegiert, mussten sich allerdings während des Krieges zumal mit den Verdächtigungen des CIA auseinandersetzen. Und sozusagen vorauseilenden Gehorsam in ihren Formulierungen zeigen, um nicht als Kommunisten verfolgt und vertrieben zu werden. Das gute Leben der Flüchtlinge in Kalifornien war durchaus ein Thema mit einigen „Gewissensbissen“ etwa bei Max Horkheimer. Er hatte das Gefühl, gut und in Sicherheit zu leben, während (andere) Juden in den KZs der deutschen Nazis umgebracht wurden… LINK

7. Adorno – der unbeliebte Ehrgeizige.
Der Autor beschreibt viele Details, etwa, dass Theodor W. Adorno keineswegs von den Mitgliedern der kalifornischen „Kolonie der Wissenschaftsflüchtlinge“, also aus dem Institut für Sozialforschung, geschätzt, geschweige denn gemochte wurde. Adorno setzte in totalem Ehrgeiz alles daran, dem großen Chef Horkheimer (Mittelmeier spricht sogar von dessen Dominanz als „Diktatur“ auf S. 163) zu gefallen. Nebenbei: Hannah Arendt, so Mittelmeier, konnte Adorno nicht ausstehen (S. 15).
Horkheimer seinerseits hat schon als junger Mann ein sehr enges Freundschaftsbündnis mit Friedrich Pollock (der Ökonom des Instituts) geschlossen, beide blieben ein Leben lang zusammen (S. 43). Als 30 Jähriger heiratete Horkheimer 1926 die 8 Jahre ältere Sekretärin Rose Riekher aus der Firma seines Vaters.
Und, leider auch dies: Walter Benjamin konnte von Horkheimer und Adorno, trotz aller Zureden, nicht überzeugt werden, rechtzeitig in die USA zu flüchten.
Vom gesellschaftlichen Leben im Umfeld von Los Angeles ist im Buch viel die Rede, von Kontakten etwa mit Thomas Mann. Auch die musikalischen Begabungen und Qualitäten Adornos, in Kalifornien stolz präsentiert, kommen zur Sprache.

8. Zwei Philosophen schreiben ein Buch gemeinsam.
Abgesehen von vielen eher das Private betreffenden Hinweisen (etwa auch zur Rolle der Frauen, die meist nur als Gattinnen und gleichzeitig als Sekretärinnen relevant waren), bietet „Freiheit und Finsternis“, wie schon gesagt, in einzelnen Kapiteln immer wieder einige Erläuterungen zum Inhalt dieses so genannten „Jahrhundertbuches“ „Dialektik der Aufklärung“: Es ist, so der Autor, ein letztlich unvollendetes Opus, aber beachtlich ist: Etliche Kapitel wurden in schwieriger gemeinsamer Arbeit von Horkheimer UND Adorno verfasst, das ist für eine philosophische Studie schon eine Ausnahme: Nur ein Beispiel: Dass etwa Kant und Reinhold oder Kant und Fichte gemeinsam ein Buch hätten schreiben können, ist undenkbar.

9. Ängstlich, diplomatisch, auch revisionistisch?
Erstaunlich, wenn nicht verwirrend ist die Tendenz des vorauseilenden Gehorsams vor allem von Horkheimer, der die deutlich kommunistisch, sozialistisch konnotierten Begriffe aus ihrem Buch zu entfernen, damit eine allzu deutliche sozialistische Tendenz nicht zu persönlichen Irritationen (und Ausgrenzung) in der BRD führe. Die italienische Ausgabe des Buches wurde nach eingehenden Untersuchungen und Vergleichen bewertet: es seien ihr von den Autoren „die Stacheln entledigt worden“ (S. 270). Mittelmeier spricht sogar vom Revisionismus der beiden Autoren (S. 271).
Das so genannte „Jahrhundertbuch“ ist zweifellos in einer Haltung von Angst und Rücksichtnahme auf staatliche „Autoritäten“ in den USA (FBI!) entstanden, aber es ist auch bestimmt von dem Willen der Autoren, unbedingt, selbst mit Revisionen, in der philosophischen Welt wahrgenommen und anerkannt zu werden. Die Studenten des „Mai 68“ haben diese wenig kämpferische „diplomatische“ Haltung nicht sehr geschätzt … und sich eher Herbert Marcuse zugewandt.

Martin Mittelmeier, „Freiheit und Finsternis. Wie die „Dialektik der Aufklärung“ zum Jahrhundertbuch wurde“. Siedler Verlag, 2021, 320 Seiten, 24€.

Copyright: Christian Modehn, www.religionsphilosophischer-salon.de

Der Teufel hat keine Zeit. Ein neues Buch von Daniel Strassberg.

Eine kleine Hinführung ins philosophisch-politische Denken.
Ein Hinweis von Christian Modehn.

1.
Wieder einmal eine Möglichkeit, ins philosophische Denken zu kommen, bietet das neue Buch von Daniel Strassberg (Zürich). Er arbeitet als Psychoanalytiker und als Philosoph, eine nicht gerade häufige Kombination. 2022 hat er seine „philosophisch-politische Betrachtungen“ unter dem Titel veröffentlicht „Der Teufel hat keine Zeit“ (Rotpunktverlag, Zürich.) Zeit sollten sich allerdings die LeserInnen nehmen während der Lektüre, die anspruchsvoll, aber nicht schwierig ist und ins weitere Fragen führt. Und Fragen verunsichern, das ist auch der Hintergrund des Buches. Es verlangt Denkpausen, Unterbrechungen, anders geht es nicht im Philosophieren.
Der Titel „Der Teufel hat keine Zeit“ wird, soweit ich sehe, im Buch nicht weiter erklärt. Er soll vielleicht bedeuten: Der Teufel hat keine Zeit. Du als Mensch bist kein Teufel (normalerweise), also hast du Zeit und nimm dir Zeit zum Lesen (dieses Buches). Eine hübsche Werbung?

2.
Der Autor hat 41 „Betrachtungen“, kurze Essays, „Denk-Impulse“, veröffentlicht, die zuvor schon (von 2019 bis 2022) im Online-Magazin REPUBLIK.ch veröffentlicht wurden. In 6 Kapiteln werden diese philosophischen „Betrachtungen“ sortiert: Etwa: „Identität und Politik“, „Über die Liebe und andere Schwächen“, „Sprache und Wirklichkeit“… „Das Buch versucht die Bruchlinien zwischen dem Einzelnen und der Gesellschaft bewusst hervorzuheben, um so das komplexe Wechselspiel von gesellschaftlichem Wandel und veränderten Formen der Subjektivität auszuloten“, schreibt Strassberg (S. 14).

3.
41 philosophisch-politische Essays, leider (zu) eng/klein gedruckt auf 240 Seiten, kann man nicht umfassend rezensieren, es sei denn, es sollte ein neues Opus entstehen.
Was macht dieses Buch im ganzen zu einem „Einstieg“ ins philosophische Denken inmitten der Fragen und Herausforderungen der Gegenwart? Strassberg analysiert z.B alltägliches menschliches Verhalten („Ausreden“, „Sex“, Rechthaben“, „Scham“, „Nähe“ usw.).
In der philosophischen Reflexion auf den Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine unterstreicht Strassberg die Bedeutung der Ideologie in diesem (und wohl in jedem) Krieg. Putin und die ihm ergebene russisch-orthodoxe Kirche verbreiten eine Ideologie unter den Russen: Der Krieg wird so in eine verfälschend gefärbte Groß-Erzählung künstlich eingebunden, in der dann der Krieg „nicht mehr völlig absurd erscheint“ (S. 27). Und die meisten, gläubig und dumm gehalten seit Jahrhunderten, akzeptieren das. Noch lange? Gibt es ein Ende der ideologischen Verblödung?

4.
Ein anderes Beispiel: Ohne Ausreden kann eigentlich kein Mensch in der Gesellschaft, im Staat, in der Familie etc. leben und bestehen, der Autor zeigt: „Wir sind allzeit dazu aufgerufen, schonungslos ehrlich zu uns selbst zu sein. Doch ein Leben ohne ein gerütteltes Maß und Selbstbetrug ist unerträglich. Ausreden ermöglichen es, Widersprüche zu leben, ohne dauernd über sie nachdenken zu müssen…“ (S. 41).
Ich habe weiter nachgedacht, was denn der Unterschied zwischen Ausrede und Lüge ist, und wie sehr so viele unserer demokratischen Politiker und internationalen Finanzjongleure und Bischöfe nicht längst die Praxis der Ausreden meisterlich beherrschen.
Treffend auch Strassbergs Analyse, wie „unsere schöne grenzenlose Welt“ dazu führt, dass wir keine räumliche Nähe mehr hochschätzen können und möchten. „Der physische Ort, an dem Menschen zusammenwohnen, begründet kaum noch gemeinsame Interessen“ (S. 167). Anregend auch die Reflexionen zum Thema Bürokratie, „die“ – aufgrund der Computer gesteuerten Fragen und Formulare CM. – „im besten Fall zur Anpassung, im schlimmsten zur Lüge und zum Betrug zwingt, also genau zu dem, was sie verhindern vorgibt“(S. 152).
Weitere „Kost/d.h. Denk-Proben“ zum Weiterdenken und Kritisieren natürlich ließen sich zu jeder „Betrachtung“ liefern.

5.
Fraglich bleiben für mich einige wie immer recht knapp mitgeteilte Denkresultate Strassbergs, etwa unter dem Titel „Das Unnütze“ (S. 140 ff.) Da wird über Adam Smith in einem überraschend wohlwollenden Ton gesprochen, als wäre er der Gründervater einer Theorie der Schönheit und Kultur. „Wir essen nicht, weil wir Hunger haben, sondern weil wir den raffinierten ästhetischen Genuss suchen – auch wenn er ungesund ist“, schreibt Strassberg (S. 139). Ob sich dieser Meinung einiger Leute in Zürich, Paris, New York, Berlin auch die Millionen Hungernden von Südsudan und Madagascar und so weiter anschließen, ist eher ausgeschlossen. Die vom Autor sehr verständnisvoll beschriebene Produktion der Luxus-Güter für die Luxuriösen, Millionäre etc., verdient wirklich weitere kritische Reflexionen. Ich habe sehr große Schwierigkeiten dem Schlusssatz dieses Kapitels auch nur annähernd zuzustimmen: „Unsere überaus effiziente Gesellschaft ruht auf dem verdrängten Fundament des Unnützen“ (S. 140).
Strassberg nennt seine sehr diskutable Überzeugung: „Nicht nützliche, sondern schöne und überflüssige Dinge sind das Schmiermittel jeder Ökonomie“ (ebd.) Da wird offenbar die übliche Kulturproduktion des Schönen für die Schönen (Oper, Ballett, Malerei etc.) mit der Produktion teuerster Mode und Cognacs etc. verwechselt. Wird durch die Produktion von Luxus-Mode und Luxus-Cognacs die Arbeitslosigkeit in Frankreich etwa erheblich reduziert? Eher nein, die Produktionen der genannten Güter sind also kein „Schmiermittel der Ökonomie“!

6.
Ein anderes Beispiel: In dem Beitrag „Warum Entscheidungen nie vernünftig sind“ (S. 120ff). Auf S. 124 heißt es: „Das vernünftige Abwägen von Argumenten, der herrschaftsfreie Dialog, der friedliche Wettstreit der Meinungen und Überzeugungen sind Fiktionen.“ Schon wieder gilt hier der vom Autor zweifellos gewünschte Widerspruch, wie sollte es denn auch anders sein in der Philosophie! Meine Frage also: Sind dann etwa auch die hier vorliegenden „Betrachtungen“ von Daniel Strassberg, die ja argumentieren und Überzeugungen bieten, auch Fiktionen? Ich hoffe nicht, und hoffe insgesamt nicht, dass Argumente und damit die ganze Philosophie ins Fiktive abgleiten. Fiktiv sind viele Romane. Philosophie ist eine Kunst, aber eine Lebenskunst mit geltenden Argumenten. Ist etwa die argumentierende Erklärung der universal geltenden Menschenrechte fiktiv? Viele Politiker betrachten die Menschenrechte als Fiktionen, faktisch. Normativ gesehen sind die Menschenrechte absolut keine Fiktion!

Daniel Strassberg, „Der Teufel hat keine Zeit. Philosophisch-politische Betrachtungen“. Rotpunktverlag. Zürich, 2022, 256 Seiten, 25 Euro.

Copyright: Christian Modehn, www.religionsphilosophischer-salon.de

Philosophie lebt von Erfahrungen der Evidenz, von „ursprünglichen Einsichten“.

Ein Hinweis auf einen zentralen Aspekt im Denken des Philosophen Dieter Henrich.
Von Christian Modehn.

1. Philosophie und Philosophieren
Philosophie und ihr lebendiges Geschehen als Philosophieren ist etwas Außergewöhnliches, kaum zu Definierendes, daran zu erinnern ist alles andere als banal. Philosophieren geschieht inmitten des Lebens und seiner Fragen, und manchmal werden maßgebenden Philosophen Einsichten förmlich „geschenkt“, sie zeigen sich dem Philosophen wie ein unerwartetes Ereignis. Auch darauf hat der Philosoph Dieter Henrich hingewiesen.

2. Dieter Henrich
Dieter Henrich ist einer der wichtigen Philosophen in Deutschland am 17. Dezember 2022 ist er kurz vor Vollendendung seines 96. Lebensjahres gestorben. Sein äußerst umfassendes philosophisches Werk wird inspirierend bleiben, zumal für die, die das Werk von Kant, Hegel und vor allem Fichte und Hölderlin lesen und studieren. Zu Dieter Henrich siehe auch wikipedia: LINK

3. „Ursprüngliche Einsichten“… Religiöse Einsichten….
Hier wird nur auf eine entscheidende Erkenntnis Dieter Henrichs hingewiesen, die sozusagen für „weite Kreise“ bedeutsam sein kann. Henrich hat es verstanden, seine Studien zur Geschichte der Philosophie mit lebensmäßig bedeutsamen Themen zu verbinden.
In seinem Buch „Werke im Werden. Über die Genesis philosophischer Einsichten“ (C.H.Beck Verlag, München, 2011) entwickelt Henrich ein bislang eher selten beachtetes Thema: Gibt es „Grundeinsichten“, also plötzlich sich zeigende Erkenntnisse und Evidenzen, von denen sich Philosophen in ihrem Denken und in ihrem Leben prägen und bestimmen lassen? Henrich berichtet im ersten Teil dieses zum Teil durchaus „allgemein zugänglichen“ Buches von „einer sich plötzlich eröffnenden Einsicht“ (S. 22), die sich „im Lebensgang von Philosophen“ zeigt. Diese unerwartete, nicht-„gemachte“ Einsicht will Henrich von den eher alltäglichen Einsichten, Entdeckungen usw. abgrenzen. Diese äußern sich etwa in dem Ruf „Ich hab es gefunden“, „Heureka“… Dabei handelt es sich um begrenzte, etwa aufs Technische bezogene Erfindungen.
Henrich aber meint Einsichten „von prägender Bedeutung für ein ganzes Leben“(S. 26), „in denen sich ein Blick in das Ganze der Wirklichkeit auftut“ (ebd.). Und der Philosoph vergleicht diese umfassenden Einsichten (sind es „Geschenke“, „Gaben“ ?) mit den Erlebnissen religiöser Offenbarungen. Diese knappen Hinweise (auf Seite 27) sind wichtig. Denn Henrich, kein Verteidiger des dogmatischen christlichen Glaubens, ermahnt förmlich atheistische Menschen, solche „außerordentlichen Erfahrungen und Einsichten“ religiöser Menschen nicht „für Priestermärchen und Symptome einer Psychose zu halten.“ Zu einer entsprechenden „außerordentlichen (ins Religiöse weisenden) Einsicht“ Ludwig Wittgensteins siehe den Hinweis unter Nr. 7.
Henrich zeigt dann an ungewöhnlichen Einsichten der Philosophen Descartes, Jacob Böhme, Kant, Nietzsche, die Bedeutung der „plötzlichen Grund-Einsicht“ in das Ganze der Wirklichkeit…Dass die Grundeinsicht Heideggers , das „Ereignis“ genannt, also als „Kehre“ (als der Abkehr vom Ansatz von „Sein und Zeit“, CM) eigene Probleme aufwirft, das weiß Henrich (Seite 59f.) Aber die Frage bleibt bei Henrich meines Erachtens offen, ob es etwa angesichts des unkontrollierbaren „gehorsamen“ Hörens auf den Spruch „des“ Seins beim späten Heidegger, auch allgemeine, normative Argumente zur Beurteilung eine Rolle spielen sollten. Mit anderen Worten: Ist jedes philosophische Evidenz-Erlebnis automatisch zu respektieren? Gibt es (auch politisch motivierte) vorgetäuschte Evidenzen etc.?

4. Fichtes ursprüngliche Einsicht
Hier soll nur auf Henrichs Beschreibung der zentralen Grunderfahrung des Philosophen Johann Gottlieb Fichte (1762-1814) hingewiesen werden: Ihm galt schon sehr früh das besondere Interesse Henrichs. 1967 erschien als Broschüre sein wichtiger Text „Fichte ursprüngliche Einsicht“ (Verlag Vittorio Klostermann).
In dem Buch „Werke im Werden“ von 2011 spricht Henrich gleich am Anfang von Fichtes grundlegender Einsicht (S. 40-42). Sie bezieht sich auf etwas Elementares im geistigen Leben, auf das, was den Menschen als Menschen auszeichnet: das Selbstbewusstsein: Fichte setzt sich von Descartes ab; er sah in der „Reflexion“ des Subjekts auf sich selbst auch den Ursprung des Ich. Aus der Reflexion, so wird dort behauptet, entstehe das Ich als Selbstbewusstsein. Aber woher hat die Reflexion sozusagen ihre innere Kraft, ihre Wirksamkeit, fragt Fichte. „Denn Reflexion kann nur bedeuten, dass ein bereits vorhandenes Wissen (!) eigens ergriffen und damit ausdrücklich gemacht wird.“ (Fichtes ursprüngliche Einsicht, S. 12).
Henrich zeigt also in seinen Fichte-Studien, dass das menschliche Selbstbewusstsein vor aller Reflexion schon eine unmittelbare Kenntnis des Subjekts von sich selbst ist. Diese immer schon gegebene unmittelbare Kenntnis des Ich von sich selbst ermöglicht alles geistige Leben, d.h. auch auf die erkennende Reflexion des einzelnen auf sich selbst, auf seine geistige Struktur usw. Das ist für die Menschlichkeit des Menschen von entscheidender Bedeutung: Das Selbstbewusstsein ist etwas unmittelbar Gegebenes! Wer es verstehen will, fragt nach einer Art „Grund“ des Selbstbewusstseins, nach einem „Grund, der für alles Erkennen unausdenkbar ist. Nach Fichtes Lehre von 1798 manifestiert das Selbstbewusstsein das Gesetz der intelligiblen Welt, nach der Lehre von 1801 manifestiert es Gottes Leben“ ( „Fichtes ursprüngliche Einsicht“, S. 48).
Dieter Heinrich erinnert in „Werke im Werden“, dass diese Einsicht sozusagen eine Evidenz-Erfahrung Fichtes ist, ein Ereignis, ein Geschenk, eine Einsicht, auf die er seine Philosophie gründete. Fichtes Sohn, aber auch sein Enkel haben darüber berichtet. „Nach anhaltendem Meditieren und während Fichte am warmen Winterofen stand, sah er plötzlich, dass nur die im Ich gelegene Subjekt-Objektivität das höchste Prinzip der Philosophie sein könne“ (S. 40). Der Fichte Zeitgenosse, der Philosoph Henrik Steffens, geht in seiner Interpretation noch weiter:
„Wenn das Ich sich selbst erkennt, kann ein philosophisches Wissen gewonnen werden, das dieselbe Gewissheit hat wie das mathematische Wissen“ (Werke im Werden, S. 40). Ein anspruchsvoller Satz im Denken des 18. Jahrhunderts. Heute sind Philosophen mit Vergleichen zur Mathematik äußerst zurückhaltend.
Dieter Henrich hat im Laufe seines philosophischen Denkens die Frage „Was ist Selbstbewusstsein?“ stetig weiter vertieft.

5. Zu Wittgensteins „außerordentlicher Einsicht“
Ausgerechnet, möchte man sagen, habe Ludwig Wittgenstein „einen Moment außerordentlicher Einsicht“ (Henrich) bei einer Aufführung des Volksstücks „Die Kreuzelschreiber“ von Ludwig Anzengruber (verfasst 1872) erleben können. Damals habe Wittgenstein „zum ersten Mal die Möglichkeit einer Religion“ ahnen können (S. 45, „Werke im Werden“). Henrich beschreibt etwas ausführlicher den Zusammenhang des Erlebens, wichtig ist: Wittgenstein habe gespürt und dann gewusst:„Es kann dir nix geschehen“. Es war also das Wissen einer letzten Geborgenheit in dieser Welt (S. 46). Tatsächlich hat Wittgenstein vor allem auch in den Notizen, die unter dem Titel „Vermischte Bemerkungen“ (Werkausgabe Band 8, Suhrkamp) veröffentlicht wurden, ausführlicher über seine religiösen Einsichten, seine Stellung zum Christentum usw. geschrieben  LINK   1. . LINK 

6.
Haben alle Menschen  „ursprüngliche Einsichten“ ?
Dieter Henrich ist der Meinung, dass bestimmte Grundeinsichten oder „Schlüsselerfahrungen“ durchaus Alltagserfahrungen sein können, also letztlich Geschehnisse sind, die jedem Menschen widerfahren. Diese „Schlüsselerfahrungen“, die eine neue Sicht, einen neuen Weg, eine Alternative unvermittelt zeigen, können in einem Leben zahlreich sein, sie sind also vielfältiger als „neuen Grund legende ursprüngliche Einsichten“ von Philosophen. Obwohl auch diese ihre erste „ursprüngliche Einsicht“ manchmal immer wieder neu bedenken und neu formulieren, wie etwa Fichte in seinen verschiedenen „Wissenschaftslehren“. Was den Alltag vieler Menschen im Blick auf grundlegende Erfahrungen angeht, erinnert Henrich auch an „Gestaltpsychologen, die sich mit Problemlösungen, die nach vergeblichem Suchen plötzlich einfallen, in Experimenten beschäftigt haben“ (S. 22).

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Wir sind die Letzten: Max Horkheimer als „letzter Bürger“ … und die „Letzte Generation“

Ein Hinweis von Christian Modehn am 18.Dezember 2022.

1. Das Vorwort:
Ein Wort geht um, mehr als ein Wort: „Die letzte Generation“. Und es erinnert daran, dass im Laufe der Geschichte schon oft Menschen sich als „die Letzten“ – angesichts großer Umbrüche und Katastrophen – bezeichnet haben. Anläßlich des Selbstverständnisses von Klimaaktivisten als „der Letzten Generation“ ist es interessant zu wissen, in welchem Sinne zuvor schon Menschen sich „als die Letzten“ verstanden haben.
Dabei wird hier der Schwerpunkt auf Äußerungen des Philosophen und Soziologen Max Horkheimer gesetzt. Aber auch auf entsprechende Stellungnahmen von Nietzsche, Karl Kraus und dem Apostel Paulus wird hingewiesen.
Die Auseinandersetzung mit dem Thema „Wir sind die Letzten“ ist nicht nur von historischem Interesse, sie betrifft das (philosophische) Selbstverständnis der Menschen insgesamt. Wer würde leugnen, dass er/sie angesichts der kulturellen, sozialen, politischen, religiösen Umbrüche und tiefgreifenden Veränderungen heute nicht auch das Gefühl hat, irgendwie zu einer „letzten Generation“ zu gehören?

2. Horkheimer, der letzte Bürger
Vor 80 Jahren nannte sich der Philosoph Max Horkheimer im Exil, im schönen Los Angeles, Kalifornien, einen der „letzten Bürger“. Horkheimer war seit 1929 Direktor des „Instituts für Sozialforschung“ in Frankfurt am Mai. Er selbst wie andere Mitarbeiter mussten vor den Nazis flüchten, 1934 fanden er und sein Institut Zuflucht in den USA.
Horkheimer verstand sich als einen der letzten „Bürger“,besser gesagt „Großbürger“ der alten kapitalistischen Welt.
Max Horkheimer (geboren 1895, gestorben 1973) war Sohn eines Kunstbaumwoll-Fabrikanten. Als junger Mann machte aber nicht die vom Vater vorgesehene Karriere als Unternehmer, sondern er wurde Philosoph, Soziologe und … gläubiger Sozialist, gut vertraut mit dem Werk von Karl Marx und dem Sozialismus in gläubiger Haltung verpflichtet.
Horkheimer war selbstkritisch genug, er wusste: Wie sehr er auch „marxistisch ausgebildet sein mag und wegen dieser Ausbildung die Diktatur des Proletariates gutheißen mag, so war er doch nicht für die Diktatur des Proletariates zu gebrauchen“, schreibt Martin Mittelmeier in seiner neuen Studie „Freiheit und Finsternis. Wie die `Dialektik der Aufklärung´ zum Jahrhundertbuch wurde“ (2022, Siedler Verlag). Horkheimer war 1941 von New York nach Kalifornien umgezogen, sein neues Zuhause war eine sehr hübsche Villa in Pacific Palisades bei Los Angeles (Mittelmeier S.34), er wohnte in der Nachbarschaft von Thomas Mann…
Warum, das ist die Frage, meinte Horkheimer, als der Zweite Weltkrieg tobte und die Vernichtung der Juden in Europa systematisch betrieben wurde, für die künftige Revolution nicht geeignet zu sein? Weil er, so sein offenes Bekenntnis, Bürger war, zu sehr wohl Bürger war und bürgerlich dachte, bürgerlich lebte und den bürgerlichen Luxus selbst in Krisen und Kriegszeiten immer noch genoss. Man muss es wohl Horkheimer hoch anrechnen, zu dieser Form der Selbstkritik in der Lage gewesen zu sein.

3. Horkheimer als letzter Bürger darf noch genießen
Aber Horkheimer fand dann doch als Bürger, inmitten der angenehmen Umgebung Kaliforniens, eine sehr originelle Möglichkeit, seinen eigenen, durchaus ins Staunen versetzenden Beitrag zur proletarischen Revolution zu leisten. Damit sind nicht die theoretischen, philosophischen wie soziologischen Studien (oft gemeinsam mit Theodor W. Adorno) unmittelbar gemeint. Horkheimer entdeckte, dass er als der wahrscheinlich „letzter Bürger“ vor der sozialistischen Revolution die Aufgabe habe, das für ihn übliche großbürgerliche Leben geradezu fortzusetzen. Nicht Verzichten aufs Bürgerliche, sondern Fortsetzung der bürgerlichen Privilegien war seine Maxime. Er redete sich dabei einerseits die Hoffnung ein: Sein materiell gut ausgestattetes Leben in Kalifornien könne – nach der sozialistischen Revolution – auch für die jetzt materiell Leidenden, die Proletarier, Realität werden. Andererseits sah Horkheimer die historische Bedeutung seines privilegierten Lebens in Kalifornien auch in der Rolle eines „Statthalter des guten Lebens“, wie Mittelmeier schreibt (S. 36). Er fühlte sich als „Statthalter“ des guten Lebens, oder man könnte auch sagen, er lebte stellvertretend wohlhabend für die vielen anderen, denen es nicht gut ging. Wenigstens einigen wenigen mit großbürgerlicher Herkunft darf es, geschichtsphilosophisch betrachtet, gut gehen, sie bewahren dann auch die Erinnerung an das materiell gute Leben einst im Kapitalismus.
Horkheimer sah sich auch als die letzte großbürgerliche Figur, die voller Trauer schon ahnt, dass den armen Proletariern dieses Luxus-Leben dereinst nicht vergönnt sein wird.
Als dieser „letzte Mensch“ des Großbürgertums freute er sich, mit eingestanden Gewissensbissen zwar, in letzter Minute „vor dem erwarteten Untergang des Kapitalismus“ genussfähig geblieben zu sein: Wenigstens er, sozusagen als Symbolfigur des Übergangs von der alten kapitalistischen Welt zum Sozialismus, durfte noch materiellen Luxus genießen. Ohne Ironie sah sich Horkheimer in dieser Rolle! In den „Nachgelassenen (post mortem) veröffentlichten Schriften“ (Band 12, S.231 in Horkheimer „Gesammelte Schriften“, Fischer Verlag) beschreibt er schon 1935 seine Haltung, die auch im kalifornischen Exil gilt: :
„Es macht einen Unterschied im Hass gegen diese kapitalistische Welt aus, ob man ihre Früchte vom Genuss oder nur vom Zusehen kennt. Zorn, Hohn und laute Verachtung gegen die Freuden einer raffinierten Zivilisation sind etwas anderes als die Trauer dessen, der sie genossen hat und die andern davon ausgeschlossen sieht. Diese letzten Bürger sind genussfähig, ihr Materialismus ist ganz ehrlich, sie schmähen das gute Leben nicht. Sie verstehen etwas vom Feuer guten Weins und vom Reiz einer gepflegten Frau …“.

4. Abstrakte Solidarität
Eine verstörende Aussage, leider nicht von brillanter Deutlichkeit: Welche „Lehre“ ließe sich aus diesem Bekenntnis des „letzten Bürgers ziehen? Vor der großen politischen Wende haben einige wenige das Recht, genussvoll und materiell gut abgesichert zu leben, obwohl der 2. Weltkrieg längst viele hunderttausend Tote „produziert“ und in den KZs das europäische Judentum ausgelöscht wird von den Nazis. Horkheimer hat wohl ein schlechtes Gewissen dabei, aber er ändert sein gutes Leben nicht. Das Teilen, die Solidarität mit den Unterdrückten und Leidenden, etwa mit den Arbeitern in den USA, kommt ihm offenbar nicht in den Sinn. Seine politische Hoffnung auf ein gutes (materiell gutes) Leben auch für die Proletarier, bleibt abstrakt. Abstrakt bleibt auch der Glaube Horkheimers an die Revolution und die Wohltaten der Revolution. Dies ist Ausdruck seines tiefen, aber abstrakten Gefühls für universelle Gerechtigkeit, das er schon als reicher Fabrikantensohn empfand.

5. Hannah Arendt kritisiert Horkheimer
Martin Mittelmeier weist in seiner Studie darauf hin, dass das gute genussvolle, bürgerlich gediegene Leben Horkheimers in Kalifornien von keiner geringeren als Hannah Arendt kritisiert wurde. „Sie haben immer noch Geld, aber sie sind mehr und mehr der Meinung, dass sie sich damit einen ruhigen Lebensabend sicher müssen“ (S. 35).

6. Klima-Aktivisten der “letzten Generation” sind echte Demokraten!
Die Klimaaktivisten jetzt, Dezember 2022, fordern mit ihren provozierenden, bewusst störenden Aktionen (Sich-Festkleben auf Straßen und Flughäfen usw.), dass endlich die deutsche Regierung alles tut, die von ihr selbst gesetzlich formulierte Verpflichtung Wirklichkeit werden zu lassen: Deutschland bis 2045 klimaneutral zu gestalten. Von diesem als Gesetz formulierten Ziel, beschlossen im Jahr 2021 noch von der Merkel-Regierung, ist Deutschland weit entfernt. Weil die Klimakatastrophe weiter „Fahrt aufnimmt“, handeln diese jungen Leute als die „letzte Generation“. Sie wird kaum mehr menschenwürdig leben können, das gilt noch viel mehr für Menschen in der sogenannten südlichen, armen Welt… Und diese jungen Aktivisten wissen: Die Älteren bzw. die Alten bestimmen Politik und Ökonomie, sie sind in ihrer Sturheit ihrerseits auch die letzte Generation. Nämlich die letzte Generation derer, die es sich bei der Klimakatastrophe relativ gut gehen lassen, die „das gute Leben nicht schmähen“, wie Horkheimer selbstkritisch sagte. Diese alten und wohlhabenden Leute in der reichen Welt lassen sehenden Auges den „Karren gegen die Wand laufen“, tun nur halbherzig etwas, um diese Welt auch den jungen Generationen lebenswert zu lassen.
Schlimmer noch: Viele von diesen Alten, im Klimaschutz Unentschlossenen, besonders in Kreisen der CDU und FDP, betrachten diese jungen Aktivisten der „letzten Generation“ als Verbrecher. Wer sich auf der Straße festklebt, wird selbst von Bischöfen (wie in Berlin Stäblein, ev., und Koch, kath.) mit dem Urteil des „Rechtsbruchs“ diffamiert. Als würde nicht eine Katastrophe ungewöhnliche Mittel erfordern. Die Mehrheit der Menschen folgt den üblen Verleumdungen der rechten Presse, diese Mehrheit sollte dankbar sein für diesen Weckruf der Verzweifelten, die nicht nur an der Klimakatastrophe verzweifeln, sondern auch an der Tatsache, dass die Bundes-Regierung ihr Klima-Schutzgesetz vom August 2021 vergessen hat (siehe: https://www.bundesregierung.de/breg-de/themen/klimaschutz/klimaschutzgesetz-2021-1913672). Die Autorin und Wirtschaftswissenschaftlerin Ulrike Herrmann hat recht: „Die Klima-Aktivisten verstoßen gegen Gesetze, um darauf hinzuweisen, dass täglich Gesetze gebrochen werden – und zwar durch den den Staat. Die Letzte Generation sieht sich als Retterin der Demokratie. Sie will erreichen, dass demokratisch gewählte Volksvertreter demokratisch erlassene Gesetze umsetzen“ (TAZ., 17.Dezember 2022, Seite 2).
Und es ist ein Skandal, wenn manche Leute die Gefahr, die von den wirklich gewaltbereiten gemein gefährlichen rechtsextremen Reichsbürgern und der AFD ausgeht, mit der Präsenz der Letzten Generation vergleichen. „Der Staat ist inkonsequent, indem er Klimagesetze erlässt, an die er sich den nicht hält“. Das ist der Skandal, auf den auch die „Letzte Generation“ mit Nachdruck hinweist. Ulrike Herrmann schreibt weiterhin treffend: „Die Letzte Generation sind die echten Demokraten und sie glauben an den Staat“ (TAZ, 17.12.2022, S 2.).

7. Max Horkheimer klebt sich fest?
Wie hätte sich Horkheimer als einer der „letzten Bürger“ zu der „Letzten Generation“ verhalten? Dies ist eine spekulative Frage. Möglicherweise, wenn man die allgemeine Ängstlichkeit und den nur theoretischen Mut Horkheimers bedenkt: Er hätte als der „letzte der gut lebenden Groß-Bürger“ sicher nicht leidenschaftlich die jungen Leute der LetztenGeneration unterstützt und verteidigt, er hätte sich auf Frankfurts Strafen nicht festgeklebt, vielleicht hätte er wenigstens gegen die üble Verleumdung von Rechts und der Springer-Presse laut protestiert… Ein Horkheimer, der sich auf der Autobahn festklebt, ist aber undenkbar. Ein anderer, an den wir aus aktuellem Anlass denken müssen, Heinrich Böll, der Literaturnobelpreisträger vor 50 Jahren, 1972, hätte dies sicher getan. Er war nicht nur ein Theoretiker. Er war zum Beispiel aktiv bei der Mutlangen Blockade 1983 dabei.

8. Nietzsches “letzte Menschen”
Auch Friedrich Nietzsche spricht in seinem Werk „Also sprach Zarathustra“ (1883) von den „letzten Menschen“. Sie stehen am Übergang zu einer neuen Menschheitskultur, die vom Übermenschen bestimmt sein wird. Er wird der schöpferische, ingesamt freie und herrschende Mensch sein, er wird den Nihilismus überwinden. Die „letzten Menschen“ sind als Menschen auch moralisch betrachtet „die Letzten“, weil sie sich als brave Bürger einschließen in ihre kleine Welt, die sich mit metaphysischen Sicherheiten aus Angst umgibt. Diese „Letzten“ sind lethargisch, müde, abseits jeder Kreativität. „Man hat sein Lüstchen für den Tag und sein Lüstchen für die Nacht: aber man ehrt die Gesundheit“, schreibt Nietzsche.

9. “Die letzten Tage der Menschheit”
Auch auf Karl Kraus und sein großes Opus „Die letzten Tage der Menschheit“ soll hingewiesen werden. 1922 wurde diese Tragödie publiziert, sie „spielt“ im 1. Weltkrieg und zeigt, dass die letzten Menschen im Krieg und schon vor dem Krieg vor allem die verlogenen und gedankenlosen Bürger sind, zumal die Journalisten. Sie sind zu nichts anderem imstande, als dumme Sprüche zu verbreiten. Dummheit und Gedankenlosigkeit führen in den Krieg, bestimmen den Krieg, zerstören die Vernunft. Die „Letzten“ das sind die moralisch gesehen „letzten Bürger“ der so genannten „Intelligenz“. Diese letzten Menschen bewertet Karl Kraus als Verbrecher.

10. Paulus lebt im Schatten der Wiederkunft Jesu Christi als letzter Mensch, aber auch als einer der ersten Christen.
Ein letzte Hinweis auf den Apostel Paulus. Er war geprägt vom Glauben der ersten Gemeinde: Sie erwartete die Wiederkunft Jesu Christi alsbald, offenbar auch noch in der eigenen Gegenwart. Wie sollen sich Menschen auf dieses große Ereignis der Wiederkunft einstellen, wie sollen sie noch leben, das sind Fragen mit denen sich Paulus etwa in seinem Ersten Thessalonicher Brief (verfasst im Jahre 50) oder im Ersten Brief an die Korinther (verfasst im Jahre 53) befasst. Jesus von Nazareth war etwa im Jahr 33 am Kreuz elend gestorben.
Paulus nannte im Jahre 50 (die Gemeinde in Thessalonich „die Lebenden, die noch übrig geblieben sind“ (1 Thess, 4,17), Damit will er sagen: Es sind die noch auf Erden Weilenden, die :„übrig gelblieben sind“ vor der alsbald erwarteten Wiederkunft Jesu Christi…
Angesichts der grundstürzenden Veränderung der Welt durch die Wiederkunft Jesu Christi empfiehlt Paulus der Gemeinde in Korinth zu leben, als lebte man schon nicht mehr nach den Üblichkeiten der Welt: „Wer eine Frau hat, soll sich verhalten, als habe er keine. Wer die Welt nützt, soll so tun, als nütze er sie nicht (1 Kor. 7,29). Alles Weitermachen wie bisher, könnte man sagen, aber mit dem inneren Abstand, alles Weltliche nicht mehr ernst nehmen, „so tun als ob“, möchte man sagen: Das ist die Lehre des Apostels Paulus für die „letzte Generation“ in Korinth und Thessalonich. Das Wesentliche kommt später, sollte erwartet und innerlich vorbereitet werden. Das war ja einst (für manche Wissende heute immer noch) der Sinn des „Advent“.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

Annie Ernaux: Ihre Spiritualität, ihr Glaube und ihr Unglaube…

… Annie Ernaux und der Katholizismus.
Ein Hinweis von Christian Modehn.

1.
Annie Ernaux hat den Literaturnobelpreis 2022 erhalten. In Frankreich werden ihre Arbeiten schon seit längerer Zeit nicht nur gelesen, sondern auch vielfach kritisch untersucht. Ihre Werke erscheinen bei Gallimard, eine Auszeichnung! Zur Geschichte von Annie Ernaux gehört auch zweifelsfrei, wie sie selbst schreibt, ihre Verbindung mit der katholischen Kirche seit der Kindheit. Ihre Ausbildung erhielt sie bei Nonnen in Yvetot; als sie in Rouen an der Universität studierte, wohnte sie in einem Wohnheim der Nonnen. Ihre Verbundenheit mit Kirche, Religion und Spiritualität ist also kein Nebenthema im Werk der Autorin. Ein Mittelpunkt ihrer Bücher bleibt die Darstellung der französischen Gesellschaft radikal aus der Sicht einer Frau, die aus „einfachen Verhältnissen“ kommt, für die Rechte der Frauen kämpft, die beruflichen Erfolg hat… und den totalen Konsum heute heftig attackiert.

2.
Es ist für deutsche Verhältnisse schon erstaunlich: Als bekannt wurde, dass Annie Ernaux den Literaturnobelpreis erhält, nahm sogar ein ziemlich prominenter katholischer Erzbischof, Pascal Wintzer von Poitiers, Stellung: In der katholischen Tageszeitung „La Croix“ (Paris) am 6.10.2022 sowie auch zuvor in der Presse des Bistums Poitiers. Nun ausgerechnet einen Bischof als einen Literaturkritiker zu erwähnen, soll hier nur bedeuten, dass der hohe Klerus in Frankreich sich offenbar nicht nur permanent mit sich selbst beschäftigen muss, vor allem wegen des sexuellen Missbrauchs auch in den eigenen bischöflichen Reihen. Pascal Wintzer, Jahrgang 1959, wurde wie Ernaux in der Normandie geboren, als bischöflichen Wahlspruch wählte er: „Löscht den Geist nicht aus“. Wintzer schreibt in dem genannten Artikel: „In ihren Büchern gebraucht Annie Ernaux eine direkte Sprache, oft roh, geradeheraus („cru“). Es geht ihr darum, eine Sprache abzuwehren, die von dem Realen, Wirklichen, distanziert oder die (nur) den sozialen Abstieg betont. Sondern Ernaux bevorzugt eine „écriture plate“, eine flache Schreibweise, also einfache Worte aus dem Alltag und von jedermann, diese Worte verlangen keine abstrakte Hermeneutik“.
Dann erinnert der Bischof weiter an das Buch „L` Evénement“ (veröffentlicht 2000), in dem Annie Ernaux auch von einer Beichte spricht, in der sie ihre Abtreibung dem Priester bekennt. “Ich fühlte mich im Licht, in der Wahrheit („dans la lumière“), für den Priester war ich eine Verbrecherin. Als ich die Kirche verließ, wusste ich, dass die Zeit der Religion für mich vorbei war“. (Übers. C.M.) Der katholische Bischof beendet seine Würdigung des Werkes Annie Ernaux`: „Sie ist eine kämpferische Schriftstellerin, sie kann Ablehnung hervorrufen, sie hat Verleumder; mir scheint indessen, dass sie eine der großen französischen Autoren der Gegenwart ist – damit drücke ich meine normannische Solidarität vielleicht auch aus – … Sie spricht zu den Frauen; sie kann die Männer über die Frauen aufklären (éclairer à leur propos“)“. Nebenbei: Erzbischof Wintzer hatte schon wohlwollend kritisch das Werk des Schriftstellers Michel Houellebecq gewürdigt. LINK

3.
Annie Ernaux beschreibt nicht nur ihren individuellen Abschied von der Religion., d.h von der katholischen Kirche in ihrem „Hauptwerk“ genannten Buch „Les années“. Erschienen ist dieses Buch 2008 in Frankreich, seit 2017 liegt eine deutsche Übersetzung vor. Ernaux` Erinnerungen und Einschätzungen des Katholizismus Anfang und Mitte der neunzehnhundertachtziger Jahre sind etwas ausführlicher (in der Suhrkamp Ausgabe S. 161 f.) Annie Ernaux beginnt mit dem klaren und soziologisch treffenden Urteil: „Der Katholizismus verschwand aus dem Alltag. In den Familien wurden Bibelkenntnisse und die religiösen Bräuche nicht mehr überliefert. Man benötigte die Religion nicht mehr, um die eigene Rechtschaffenheit unter Beweis zu stellen und so blieb außer ein paar Ritualen nichts von ihr übrig… Außerhalb des Philosophieunterrichts konnte man nicht mehr ernsthaft über Gott und den Glauben diskutieren“. Wenn Ernaux von Religion/Katholizismus spricht, tritt sie, so sagt sie, „ins Museum unserer Kindheit“ ein (S. 223). Geblieben ist ihr trotz allem „eine Vorliebe für Bach und Kirchenmusik“ (S. 186).
Und Annie Ernaux fügt als gute Beobachterin und Gesellschaftskritikerin hinzu: Es gab 1984 bekanntlich große, man möchte sagen, gewaltige Demonstrationen für den Erhalt der katholischen Privatschulen. Ernaux kommentiert sehr zutreffend … und ihre Worte gelten auch für die Verteidiger der konfessionellen Privatschulen in Deutschland und anderswo: „Nicht der Glaube trieb die Eltern auf die Straße, sondern die weltliche Überzeugung, sie hätten ein Produkt (katholische Privatschule) erworben, das den Erfolg ihrer Kinder garantierte“ (S. 162).
Annie Ernaux kennt die katholische Kirche genau: Sie wurde von ihrer Familie, besonders der Mutter, kirchlich unterwiesen, die werktags zur Abendmesse geht (S. 104). „Der Kirchenkodex stand über allem“ (S. 46), sie erwähnt Wallfahrten (S. 25), sie spricht von der Erstkommunion (S. 46), nennt einen in Frankreich durchaus zurecht berühmten Jesuiten, Père Michel Riquet, (S. 38), sie beklagt die eher rassistisch gefärbten Unterweisung zum Islam (S. 46).
Schon in der Einführung zum Buch „Les Années“ betont sie, dass der Verlust der Religion für den einzelnen wie für die Gesellschaft nicht umstandslos Ausdruck eines „Fortschritts“ sein kann. Sie schreibt ganz Anfang, in dieser „Einleitung“: „Der Welt fehlt es am Glauben an eine transzendentale Wahrheit“ (S. 17). Wahrscheinlich könnte eine lebendige, z.B. nicht-frauenfeindliche Religion wie der Katholizismus, einen Beitrag leisten, die totale Konsumwelt einzuschränken, die Ernaux in „Les Années“ heftigst beklagt.
Man lese nur ihre Einschätzung des kommerzialisierten Weihnachten und die dabei sichtbare völlige Hilflosigkeit der Kirche, Weihnachen prägend spirituell zu gestalten: „Weihnachten war ein Fest voller Verlangen auf Dinge und Hass auf Dinge, „der jährliche Höhepunkt des Konsums … als wäre man zum Geldausgeben verpflichtet, als müsse man irgendeinem Gott ein Opfer bringen und am Ende ließ man sich doch darauf ein, Weihnachten zu feiern…“ (S. 240). Es war unmöglich „dem Würgegriff durch den höchsten Feiertag Weihnachten, zu entkommen. Wenn man daran dachte, hatte man Lust, im November einzuschlafen und Anfang des nächsten Jahres wieder aufzuwachen“ (ebd.)
Etwas kryptisch bleiben ihre Worte, wenn sie an die Auseinandersetzungen mit dem Islamismus denkt: „Die Religion war zurück, aber es war nicht mehr unsere, nicht die, an die man nicht mehr glaubte, die man nicht weitergegeben hatte und die letztlich die einzig richtige war, oder wenn man so wollte die beste…“ (S. 223).

4.
Ihre eigene Geschichte, auch ihren Abschied vom Katholizismus, deutet Ernaux als typisch für die heutigen Menschen, die Frauen zumal. Entscheidend ist für Ernaux: Die Kirche bestimmt nicht mehr das Denken über die Sexualität, sie bestimmt nicht mehr die Praxis der Sexualität, „der Bauch der Frauen ist von der Herrschaft der Kirche befreit. Die Kirche hat ihr wichtigstes Aktionsfeld, die Herrschaft über die Sexualität, verloren. Dadurch hat sie alles verloren“ (Gallimard, Quarto, P. 1025). Das weiß Rom, und deswegen führt der Vatikan den sinnlosen Kampf, irgendwie noch die allerletzte Bastion, die Vorherrschaft über die Sexualität zu behalten, etwa im Verbot der Ehe für Homosexuelle oder wenigstens der Segnung von homosexuellen Paaren. Sehr gern segnet der katholische Klerus seit Jahrzehnten hingegen Autos, Pferde, Handys, natürlich auch Waffen, darauf hat der religionsphilosophische Salon schon vor Jahren hingewiesen, Erzbischof Heße aus Hamburg hat sogar ein Walross im Zoo gesegnet. Zu Erzbischof Heße: LINK.

5.
Ihre bleibende Spiritualität – außerhalb der Kirchen – deutet Annie Ernaux an: Sie wollte mit dem Buch („Les Années) „ihren Beitrag zur Revolte leisten. Von diesem Vorhaben ist sie zwar nicht abgerückt, aber mittlerweile ist es ihr wichtiger, das Licht einzufangen, das jetzt auf unsichtbare Gesichter fällt…ein Licht, das schon in den Erzählungen ihrer Kindheit da gewesen war…“(S. 254).
Das Licht“ einfangen“, es bewahren, sich an das Licht halten…la lumière, dieses große französische Wort, das nicht nur (philosophische) Aufklärung und philosophische Kritik bedeutet, sondern eben hier auch „Licht, das bleibt“, „Licht, in dem wir stehen und leben“. Als Gabe (vom wem?) sozusagen.

6.
Aber es wäre natürlich viel zu einschränkend, die Spiritualität von Annie Ernaux nur in einem explizit religiösen oder gar dogmatischen Zusammenhang zu bedenken. Man muss sagen: Ihre Spiritualität ist ihr Eintreten als Schriftstellerin für die Rechte und die Würde der Frauen vor allem. Und ihr Kampf gegen die bornierte Männer-Welt IST geistvoll, also spirituell. Und darin zeigt sich Ernaux` umfassender sozialer Humanismus: Als trotzige geistige Haltung, die sich als letztlich dann doch hilflose Kritik des Konsumismus äußert, aber auch in ihrer Sehnsucht nach den gelungenen Feiern im Kreis der Familie, dem gemeinsamen Essen, dem Sprechen und Reden und Streite und eben auch der vielen banalen Worte, auch der Langeweile, die bei solchen Familienfeiern bekanntlich nahezu üblich sind.

7.
Zum Schluss ein politischer Hinweis: Anders als viele führende PolitikerInnen, auch in Deutschland, erkannte Annie Ernaux schon beim Schreiben von „Les Années“ (also in den Jahren 2006, 2007, veröffentlicht wurde das Buch 2008) den wahren Charakter von Wladimir Putin. Sie nennt ihn (S. 219) einen „kleinen, eiskalten Mann mit undurchschaubaren Ehrgeiz“, „sie blickt jetzt nur noch mit Verzweiflung auf Russland“. Eine kluge vorausschauende Einschätzung, die man sich von angeblich kompetenten Politikerinnen Europas gewünscht hätte, sie haben aus ökonomischen Gründen Putins Sprüchen geglaubt… und preisen ihn gar im Zustand geistiger Verwirrung als einen „lupenreinen Demokraten“ bis heute. Und diese „Verwirrten“ werden dafür nicht bestraft…

Annie Ernaux, “Die Jahre”. Aus dem Französischen von Sonja Finck. Suhrkamp Verlag, 2022 (7.Auflage), 256 Seiten, 11€

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Das Wenige und das Wesentliche. Ein “Stundenbuch” von John von Düffel.

Ein ungewöhnliches „Stundenbuch“ des Philosophen von Düffel.
Ein Hinweis von Christian Modehn.

1. Was ist ein Stundenbuch?
Wer kennt noch Stundenbücher? Sie waren in katholisch geprägten Kulturen des Spätmittelalters weit verbreitet. Es waren meist reich „verzierte“, prächtig geschmückte Bücher. Sie enthielten Gebete, vor allem die auch literarisch erstaunlichen Psalmen der hebräischen Bibel. Noch heute beten und singen Mönche und Nonnen in ihren Klöstern zu festen Zeiten mehrfach während des Tages und der Nacht ihr Stundengebet.
Als die Kultur des christlichen Betens allmählich immer marginaler wurde und fast kein Mensch mehr verstand, dass Beten etwas mit der persönlichen Poesie zu tun hat, entstanden manchmal noch moderne „Stundenbücher“. Sie hatten sich inhaltlich von der kirchlichen Lehre und Dogmatik losgesagt. Man denke etwa an das „Stundenbuch“ von Rainer Maria Rilke, entstanden zwischen 1899 und 1903.
Nun hat der Philosoph, Autor und Dramaturg am Deutschen Theater Berlin John von Düffel ein Buch vorgelegt mit dem Untertitel „Ein Stundenbuch“. Der Ober-Titel kündigt ein dringendes Thema der Philosophie an, also auch der politischen Ethik und der Frage nach dem Sinn von Dasein: „Das Wenige und das Wesentliche“. Wie können sich Menschen in der reichen kapitalistischen Welt vom Konsumrausch des Immer-Mehr und dem Wahn des stetigen ökonomischen Wachstum befreien? Wie kann die vom Autor genannte „himmelschreiende Ungerechtigkeit“ (S. 127) überwunden werden? Wie können wir unsere Zeit verstehen, die der Autor als „Endzeit“ versteht?

2. Lehren und Meinungen nach der Wanderung.
John von Düffels „Stundenbuch“ weckt den Eindruck, der Autor hätte an einem einzigen Tag, dem Neujahrstag, von fünf Uhr früh („Die fünfte Stunde“) bis zur 18. Stunde am Abend, jeweils zu jeder Stunde philosophische Meditationen direkt aus dem gelebten Erleben heraus verfasst. Aber das so genannte Stundenbuch enthält Einsichten, die sich dem Autor beim Wandern im einsamen Hinterland Liguriens, in der Nähe von Ventimiglia, zeigten. Und die er danach in der Ruhe der „Herberge“ zu Papier brachte.

3. Etliche Bonmots.
Dieses Stundenbuch enthält, anders als die ursprünglichen Stundenbücher, keine Gebete, aber auch keine poetischen Texte, keine Poesie. Manchmal und zwischendurch aber zweizeilige Merkverse: „Wo Sinn war, ist Suche“ (S. 120). Oder: „Jeder Gang ist ein Umgehen mit dem Unverfügbaren“ (S. 44), ein Bonmot sozusagen, das auch von Martin Heidegger stammen könnte. Oder auch, in Heideggers Sinn, etwas kryptisch: „Das Wenige ist wesentlich, wenn es den Unterschied macht, zwischen Nichts und etwas“. Oder auch: „Weil ich nie bekomme, was ich wirklich brauche, bekomme ich nie genug“ (S. 145. (Diese Zitate sind hier nicht „poetisch gedruckt“ wie in dem Buch selbst).
Von Düffel lässt seine Einsichten und Lehren wie Elegien, Hymnen oder Oden drucken, so, wie man sie etwa von Hölderlins langen Gedichten kennt. Zudem geht er äußerst sparsam mit Kommata um, Punkte setzt er fast gar nicht, offenbar soll dadurch der Eindruck von Poesie geweckt werden. Für die Lektüre ist diese Art zu drucken allerdings eher selten eine Hilfe.

4. Politische Kritik am Kapitalismus.
Der Titel „Das Wenige und das Wesentliche“ zielt deutlich auf eine Gesellschaftskritik, eine Kritik des herrschenden Konsumieren, des Verbrauchens der Natur bis hin zu ihrer Zerstörung wegen der Gier nach dem „Immer mehr“, dem Haben und Herrschenwollen des westlichen Konsumenten. Im Mittelteil seines Stundenbuches (Die Vierzehnte Stunde, ab Seite 107) wird diese Perspektive sehr explizit ausgeführt. Diese Einsichten und Lehren sind für mich das philosophische und gesellschaftskritische Zentrum des Buches. Gelegentlich spricht von Düffel sogar explizit vom Kapitalismus (etwa Seite 179) als dem System, das die Ökologie der Ökonomie unterordnet und so „eine Zerstörungsdynamik“ (S. 123) erzeugt. „Wir sind Patienten, die die eine tödliche Diagnose erhalten“ (S. 125). Wir wissen, „dass es (gemeint ist die Naturzerstörung, C.M.) „so nicht weitergeht, und machen dennoch so weiter“ (S. 128). Sehr wichtig sind die Reflexionen über die Dominanz des Digitalen heute: „Die digitale Welt der Verfügbarkeit ist eine Welt ohne Erfahrung…Die Weglosigkeit des Virtuellen, seine Lösung von Raum und Zeit, ist eine Form der Körperlosigkeit“ (S. 176). „Von allen Dualismen ist das Digitale die säkularste Form der Transzendenz“ (S. 179):
Das moderne Stundenbuch will also aufrütteln, den einzelnen als einzelnen zur Vernunft bringen und zum maßvollen Handeln motivieren, auch wenn der Autor mehrfach betont, dass letztlich das Engagement wenig erfolgreich sein wird. Der Mythos des Sisyphus wird dabei mehrfach ausführlich bedacht und – darin Albert Camus folgend – Sisyphus „als glücklicher Mensch“ empfohlen (S. 131).

5. Der einzelne als einzelner.
Der Autor vertraut als Philosoph darauf, dass Menschen durch Erkenntnis des Richtigen auch zum richtigen Handeln finden könnten. Erkenntnis – nur darum geht es ihm. Dem Erkennen spricht er eine heilsame, erlösende (?) Wirkung zu. Schon gleich am Anfang seines Textes wird das betont. Und mehrfach erinnert er an ein berühmtes Adorno-Zitat – ohne ihn zu erwähnen – wenn er schreibt: „Es gibt kein richtiges Leben im Falschen, aber es gibt im Falschen eine richtige Richtung“ (etwa S. 133). Wobei Adorno nicht DAS Falsche meinte, sondern das falsche Leben. Wie auch immer: Also ist DAS Falsche doch nicht ganz falsch, sonst gäbe es ja nicht darin noch die RICHTIGE Richtung.
Immer ist offenbar der/die einzelne gemeint, der/die von der richtigen Erkenntnis zur guten Tat schreiten soll. Gruppen, Gemeinschaften, Klima-NGOs, Öko-Parteien, werden als solche nicht genannt. So ist das „Stundenbuch“ nur „milde“ politisch und nur etwas politisch präzise. Dabei klingt durchaus ein gewisser Pessimismus an, etwa wenn von Düffel schreibt. „Nichts ändert sich, wenn ich mich ändere“ (S. 130). So ist es wohl auch, wenn man nur an den kleinen einzelnen als einzelnen politischen Akteur – ohne jegliche Verbindung mit Gruppen etc. – denkt.

6. Der gottlose Asket der Zukunft.
John von Düffel plädiert in seinem neuen Buch für den „Asketen bzw. die Askese der Zukunft“. Dabei lässt er schon in den ersten Zeilen seines Stundenbuches keinen Zweifel: Mit Religion oder gar Gott haben es diese „Asketen der Zukunft“ ganz und gar nicht zu tun. „Das Ideal des modernen Asketen ist nicht Gottesnähe, sondern die größtmögliche Nähe zum richtigen Leben“ (S. 10). Aber normativ im Sinne Kants und seiner praktischen Vernunft gedacht, gibt es keinen Gegensatz zwischen dem richtigen Leben und einer absoluten, möglicherweise göttlich genannten Wirklichkeit. Diese strenge Abwehr einer göttlichen Wirklichkeit durch von Düffel ist vielleicht auch biographisch bedingt: In einem Interview mit dem Deutschlandfunk Kultur am 25.9.2016 hat er auf seine atheistische familiäre Prägung verwiesen.
Erstaunlich bleibt dann, dass von Düffel einen bekannten Text aus der hebräischen Bibel reflektiert, die Hiobs-Erzählung (Seite 109 ff.). Hiob ist für den Autor ein Beispiel der sturen Glaubenshaltung, „ein Exempel der Unerschütterlichkeit“ (S. 111). „Man kann Hiobs Geschichte auch anders lesen, seine Standfestigkeit lässt sich als Starrsinn kritisieren“ so kann man Hiob dann als „Fanatiker“ oder Fundamentalisten“ sehen (S. 115). Auf den Gedanken, auch Mythen und Erzählungen des Neuen Testaments für seine Argumentation (Das Wesentliche!) heranzuziehen, kommt von Düffel nicht. Etwa die Bergpredigt Jesu von Nazareth zu erwähnen, wäre recht passend zum Thema gewesen.

7. Tod als Sturz ins Nichts.
Die in von Düffels Buch mitgeteilten philosophischen Lehren und Überzeugungen laufen angesichts dieser als trostlos beschriebenen Welt und der weitgehenden Hilflosigkeit des einzelnen, das Bessere zu schaffen, auf eine Annahme des Todes, meines Todes, hinaus. Im Sinne von Düffel kann der Tod nur das absolute Ende sein. Er sagt es ein wenig poetisch, dem Naturgeschehen und der ewigen Wiederkehr des Gleichen in der Natur abgelesen: „Auf den Abend folgt die Nacht, die völlige Dunkelheit“. (S. 199) – das heißt: es folgt das Versinken ins Nichts. Woher weiß das Herr von Düffel so genau? Wie ein Dogma betont er kurz und bündig :„Das ist so“ (S. 198). Punkt. Ende der Debatte.

8. Sisyphus als Vorbild.
Dem Sisyphus-Mythos der alten Griechen wird, wie gesagt, viel Aufmerksamkeit geschenkt, Sisyphus passt bestens in die Erfahrung der Aussichtslosigkeit allen Tuns, auch der „Asket“, der Philosoph Diogenes wird gerühmt. Bei der genannten weitgehenden Abwehr christlicher Traditionen und christlicher Mythen durch den Autor in diesem „Stundenbuch“ wundert es nicht, dass die alten Asketen, wie er sagt, wie verblendete Leute dargestellt werden. Weil von Düffel keine konkreten Namen dieser „alter Asketen“ nennt, denkt er wohl an die Wüstenheiligen irgendwo hoch oben auf einer Säule hockend…
Dass sie leibfeindlich waren, ist gar keine Frage! Aber gibt es nur diese eher verwirrten Typen in der Wüste als Beispiel für die so genannte „alte Askese“. War ein Franziskus von Assisi ein alter, also überholter, ad acta zu legender Asket? Sicher nicht! Um nur zwei aktuelle Beispiele zu nennen: War Bischof Helder Camara aus Recife unter den Armen Brasiliens (1909 – 1999) ein alter, belanglos gewordener Asket? Oder war Oscar Romero (1917-1980), der sich dem Befreiungskampf in El Salvador zugunsten der Armen hingegeben hatte, etwa ein „alter“, ein „überholter Asket? Wollte er als „alter Asket“ wirklich nur das „Aufgehen in der Immaterialität und dem ewigen Leben“ (S. 189). Und die als Ideal beschworenen neuen Asketen: Diese sind nur die vielen einzelnen, sie haben ein Vorbild, ihren Sisyphus, den sie sich als glücklichen Menschen vorstellen MÜSSEN“ (S. 131). Von Düffel spricht wirklich von MÜSSEN. Ein Dogma, auch bei ihm.

9. Ist der Mensch vor allem auch ein Tier?
Viele philosophisch Gebildete und andere Nachdenkliche stört es sehr, wenn sogar Philosophen pauschal behaupten, der „Mensch sei doch vor allem auch ein Tier“. Die große philosophische Tradition – etwa Aristoteles – hatte doch recht, wenn sie durchaus Tierisches im Menschen sah, den Menschen dann aber immer als ANIMAL RATIONALE, als vernünftiges Tier, als „Lebewesen, das Vernunft hat“, definierte! Ich frage: Sollte man philosophisch korrekt nur vom Menschen als dem einzigen denkenden, rationalen „Tier“ sprechen? Ich habe jedenfalls von keinem Schwein eine Sonate am Klavier gehört, von keinem Kamel Reflexionen über die Wüste… Von Düffel nennt den Menschen, so wörtlich, „das seltsamste aller Tiere“ (S. 183). Dabei geht er so weit zu behaupten: Das herumkrabbelnde Kleinkind habe wie ein Tier, vielleicht ein Hund, förmlich vier Füße, seine zwei Hände noch als Füße nutzend…das Kleinkind könnte also eher dem Tierischen zugerechnet werden ? (S. 191). Und der Greis hat dann, so von Düffel, mit seinem Krückstock – ein bißchen tierisch – ein drittes Bein, der alte Mensch nähert sich also am Ende des menschlich-tierischen Daseins wieder mehr dem Tierischen an. Nur der Erwachsene (der Gesunde ?) läuft auf „zwei Beinen wie kein Tier“ (S. 191)…Und wandert im Winter durch Ligurien…

10. Wo sind die Meditationen, die zu einem “Stundenbuch” gehören?
Das Stundenbuch, das John von Düffel vorlegt, ist insgesamt kein meditatives Buch, kein poetisches, schon gar nicht ein religiöses Stundenbuch. Es ist ein Buch der Lehre und der Weisungen, der Behauptungen und der Thesen …und eben auch – siehe oben – etlicher geistvoller Bonmots. Und das ist schon viel, wenn man als LeserIN durch diese Lehrtexte ins Denken und selbstverständlich dann auch ins Widersprechen kommt. Dazu anzuregen, ist ja Sache der Philosophien. Nur muss man aufpassen, dass nicht schnell wieder Dogmen verbreitet werden.

11. Auch Atheismus ist nichts als ein Glaube.
Und mindestens diese Erkenntnis ist kein Dogma, sondern eine Evidenz: Auch der Atheismus ist ein Glaube! Atheismus ist keine Wissenschaft oder gar der letzte Schrei der Philosophie. Aber bitte, das heißt nicht, dass der Autor dieses Hinweises ein klerikaler Verteidiger der (römischen) Kirche wäre. Ganz und gar nicht. Er meint nur. Es gibt vernünftige Traditionen und Mythen im Christentum und im Judentum, die es verdienen, vernünftig oder auch meditativ aktualisiert zu werden. Gerade bei dem Thema!! Und zumal in einem Buch, das sich als „Stundenbuch“ nennt.

John von Düffel, „Das Wenige und das Wesentliche. Ein Stundenbuch“. Dumont Verlag, Köln, 2022, 208 Seiten, Hardcover, 23 €.

Copyright: Christian Modehn, religionsphilosophischer-salon.de

„Wir brauchen eine ökologische Klasse, die für die Rettung der Welt kämpft“.

Der Philosoph Bruno Latour und der Soziologe Nikolaj Schultz verfassen ein Memorandum zugunsten eines neuen, eines ökologischen Klassenkampfes.

Ein Hinweis von Christian Modehn.

Eine Buchempfehlung, für Menschen, die noch an eine Zukunft der Menschheit glauben. Also für alle, für die Vernunft noch eine Bedeutung hat!

1. Klassenkampf.

Jetzt also das letzte Buch des französischen Philosophen Bruno Latour, verfasst zusammen mit dem jungen dänischen Forscher Nikolaj Schulz. Und sicher ist es keine nur „theoretische“ Studie, sondern ein wegweisendes Buch, weil es praktische Vorschläge macht, die ökologische Katastrophe vielleicht doch noch „kämpferisch“ zu verhindern. Ein Memorandum eben, eine Denkschrift, die ins Handeln führen will. Ein Memorandum als Aufruf, gemeinsam, in einer neuen, breit aufgestellten ökologischen Bewegung politisch die Welt zu retten. Die Autoren verwenden den alten sozialistischen Begriff der Klasse, einer Klasse allerdings, die diesmal nicht aus Proletariern zusammengefügt ist, sondern aus allen Menschen „guten Willens“. Sie verbünden sich in einem alle Ideologien übergreifenden Klassenkampf zugunsten der Rettung dieser Welt.
Als Erinnerung: Für Bruno Latour gilt wahrlich das Prädikat „bedeutend“ oder „weltbekannt“. Latour, Autor zahlreicher Studien aus den weiten Fragen der Soziologie und Philosophie ist am 9. Oktober 2022 in Paris im Alter von 75 Jahren gestorben. Seine besondere Liebe galt immer der Philosophie, dies betonte er kürzlich noch ausdrücklich.

2. Die ERDE.

Latour und Schulz legen also ein Memorandum vor, einen dringenden Appel. Er besteht aus 76 Kurz-Texten und einem Nachwort, das Ganze überschaubar auf 90 Seiten dargestellt. Die Autoren schreiben von der noch möglichen Rettung der Erde. Um dem allen Nachdruck zu verleihen, erscheint ERDE im Buch immer in Großbuchstaben. ERDE: Das Wort erinnert an den spirituell wichtigen Begriff Gaia: Er spielt nicht nur in esoterischen Sondertraditionen eine Rolle, sondern auch für viele andere, die an eine gewisse Heiligkeit dieser den Menschen anvertrauten „Mutter Erde“ denken.

3. Einen neuen Sinn des Lebens entdecken.

Der Klassenkampf der vielen Menschen guten Willens muss die bisher übliche Fixierung auf Ökonomie, aufs Produzieren und auf das stetige Wachstum überwinden. Es geht also um eine andere Emanzipation, um das Wahrnehmen: Wir Menschen leben nicht nur VON der Erde, sondern wir vor allem IN der Erde, sind Teil der Erde. Diese Erkenntnis soll sich durchsetzen, was nicht einfach ist, das wissen Bruno Latour und Nikolaj Schultz. Aber die Verheißung dieser neuen Erkenntnis und der ihr folgenden Praxis, dem ökologischen Klassenkampf, heißt: Es wird ein neuer Sinn des Lebens für diese ökologischen Klassenkämpfer sichtbar, durchaus auch – so die Autoren – ein neuer Sinn der Geschichte.

4. Das Christentum muss sich inmitten des ökologischen Klassenkampfes neu definieren.

Für unseren Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon ist es von besonderer Bedeutung, dass die Autoren in Nr. 46 (Seite 56) auch von den Religionen bzw. speziell vom Christentum leider nur kurz sprechen. Latour und Schultz zeigen, dass die Ökologie jetzt der Gesamtrahmen des Weltverstehens ist. Alles Denken, Fragen, Forschen ist von ökologischen Themen „durchdrungen“. Das gilt auch für das Christentum, die Kirchen und die Christen. „Nun sehen sie in der Ökologie einen Appell, der ihre Dogmen erneuern könnte“, schreiben die Autoren (S. 56). Die alte Position der Herrschaft des Menschen (des Mannes) über die Natur, im Buch Genesis von Gott selbst vorgeschrieben, wird also hinfällig. Die Autoren nennen keine Details, sie sind aber überzeugt, dass die Kirchen und die Theologien „Faden für Faden“ bisheriger Stränge der Dogmen „ganz neu entwirren“ müssen (ebd.). Zu einem ökologischen Weltbild des Miteinanders passt ohnehin die Hierarchie gar nicht mehr. Hierarchisches Verhalten, wie in der römischen Kirche üblich, die ohne jeden Respekt für die Demokratie nach wie vor agiert, hat keine Zukunft mehr. Auch dagegen wendet sich der ökologische Klassenkampf.

Nebenbei: Bruno Latour war in seiner Jugend aktives Mitglied der politisch linken katholischen Studentenbewegung “Jeunesse étudiante chrétienne” und ein eifriger Leser der Werke Charles Péguys, Sozialist und Katholik (siehe dazu Le Monde, 11.oct. 2022, Seite 28 und 29).

5. Die „letzte Generation“.

Die Autoren sprechen nicht unmittelbar von der Bewegung der „letzten Generation“, sie schreiben aber in voller Sympathie für junge Menschen, die sich ganz dem ökologischen Klassenkampf verschrieben haben: „Die plötzliche Revolte der Jugendlichen, die sich von den Alten verraten fühlen, besteht darin, die Babyboomer (die einstigen Jugendlichen) als verwöhnte und unreife Teenies zu betrachten“ (S. 54). Oder noch einmal: Die jungen Menschen haben den Eindruck, „von den Alten verraten zu sein“. Sie finden sich als junge Menschen „im buchstäblichen Sinn ohne Zukunft wieder“ (ebd.).

6. Vom ökologischen Klassenkampf.

Manche gut bürgerlichen Leute werden sich an dem Begriff Klassenkampf stören. Aber ohne die Schärfe, die in diesem Begriff aus sozialistischen Zeiten aufscheint, hätten die beiden Autoren, alles andere als die „letzten Kommunisten“, die Radikalität der ökologischen Herausforderung nicht ausdrücken können. Es geht wirklich um ein neues Klassenbündnis, das Mitglieder der vielen bisherigen, „traditionellen“ Klassen neu vereint. Wozu denn eigentlich? Zum Kampf gegen die Ideologien der alten Welt, die von der Herrschaft der Produktion, des Wachstums und der Ungerechtigkeit bestimmt ist. Dabei wissen die Autoren, dass die alten, immer noch etablierten herrschenden Klassen „einen Höllenlärm veranstalten, den gesamten Medienraum in Beschlag nehmen“ (S. 59), um die neue ökologische Bewegung zu schädigen. Man denke jetzt, Ende November 2022, an die Polemik etablierter Kreise vor allem aus dem Lager der CDU, FDP und SPD gegen die Aktionen der Mitglieder der letzten Generation. Es muss noch die Hegemonie der ökologischen Klasse errungen werden, das wissen die Autoren des sehr lesenswerten Memorandums „Zur Entstehung einer ökologischen Klasse“.

7. Einige Merk-Sätze.

„Die ökologische Klasse ist also diejenige, die sich der Frage der Bewohnbarkeit der Erde annimmt“ (S. 31).

„Eigentum ist nicht das Eigentum der Menschen an der Welt, sondern das Eigentum einer Welt an den Menschen“ (S. 41).

„Wir Menschen sind die Natur, die sich verteidigt“ (S. 42).

„Man hat den fatalen Eindruck, dass der Kampf (der ökologische Kampf) noch gar nicht richtig begonnen hat“ (S. 59).

„Die einfachen. Leute haben immer schon als erste zum Widerstand gegriffen. Sie sind es, die mit voller Wucht die Folgen des (kapitalistischen)
Zerstörungssystems zu erleiden haben“ (S. 84).

„Es wäre so tröstlich, wenn Ökologie und Zivilisation gleichbedeutend sind“. (S. 92).

Bruno Latour, Nikolaj Schultz
Zur Entstehung einer ökologischen Klasse
Ein Memorandum
Aus dem Französischen von Bernd Schwibs
Suhrkamp Verlag
Broschur, 93 Seiten, 14 euro.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

Superyachten – Obszöne Kapitalisten.

Ein Buch über Milliardäre, die auf den Weltmeeren den Normen der Menschheit entgleiten.

Ein Hinweis von Christian Modehn.

Zur Einstimmung:
Es gibt ganz wenige Leute, die stellen sich allen Ernstes die Frage: Wie kann am besten aus den Duschen ihrer Superyacht außer Wasser auch Champagner sprudeln? Um dieses Problem kümmern sich spezielle Firmen, die ausgefallene Wünsche von Eigentümern der Luxusyachten gewöhnt sind. Die Fachleute für Luxus-Duschen fragen dann nur: Wie stark gekühlt oder wie warm soll denn der Champagner sein, mit dem sich die nackten Herren und Damen Milliardäre erfrischen wollen.
Davon berichtet der Soziologe Grégory Salle in seiner Studie „Superyachten“ auf Seite 24. (Suhrkamp Verlag 2022).

1.
Der Wahnsinn des Neoliberalismus, d.h. der Wahnsinn in der ungerechten Verteilung des Eigentums, ist ein philosophisches Thema. Über die These Proudhon „Eigentum ist Diebstahl“ wurde schon ein viel beachteter Beitrag auf dieser website publiziert. LINK.

2. Das Obszöne ist ethisch und deswegen politisch
Nun wird es noch spannender und von der Lektüre-Erfahrung durch viele Fakten anschaulicher und deswegen schockierender, aber auch fast unterhaltsamer, weil die Tatsachen an eine absurde, surreal wirkende Welt erinnern.
Das Thema ist die Gegenwart des Obszönen in unserer Welt. Das Obszöne ist, ästhetisch gesehen, das Ekelhafte, Abstoßende. Und zugleich für die klassische Moral vor allem das sexuell definierte Schamlose. Die bürgerliche Ethik war bisher so begrenzt und legte das Obszöne auf angebliche oder tatsächliche sexuelle Verfehlungen fest.
Nebenbei: Die heutige Fixierung auf die schamlosen sexuellen Übergriffe durch den Klerus ist zwar notwendig, aber sie lässt auch keine Zeit, sich mit dem Schamlosen des Kapitalismus, etwa mit dem Obszönen der Milliardäre, kritisch zu befassen.
Ein neues Buch sorgt dafür, das Obszöne in dieser Welt des totalen Kapitalismus wahrzunehmen.

3. Eintausend Quadratmeter Wohnfläche
Eine sachlich dokumentierende Recherche berichtet vom schamlosen, schon üblichen Verhalten unter Multi-Milliardären. Es geht nicht um deren sexuelles Vorlieben, es geht um deren SUPERYACHTEN. Diese sind obszöne Symbole des Exzesses einiger Milliardäre.

Superyachten müssen als Symbole gedeutet werden, als Symbole dafür, dass Exzesse, die sich kaum noch steigern lassen, das Lebensgefühl der Milliardäre sichtbar machen. Die eher noch bescheidene Superyacht „Octopus“ hat 235 Millionen Euro gekostet. (S. 35), eine Kleinigkeit für Multi-Milliardäre.
Superyachten – ein Phänomen also, das wahrscheinlich sehr vielen schon irgendwie aufgefallen ist, die sich an der Cote d Azur (speziell St-Tropez) oder in der Ägäis oder im spanischen Mittelmeer aufgehalten haben. Sie sahen Luxusyachten … oder auch vom Untergang bedrohte Kähne von Flüchtlingen aus Afrika. Auf den Luxusyachten von 75 bis 100 Meter Länge mit ca. 1000 Quadratmeter Wohnfläche auf mehreren Etagen wohnen ca. 30 Personen, davon 20 Angestellte in Kabinen, auf den Kähnen aus Afrika kauern manchmal 70-100 Menschen zusammen, alle in Gefahr, kurz vor dem Ertrinken. An eine Champagner-Dusche denken sie nicht. Die Luxusyachten steuern mit Selbstverständlichkeit Häfen an, wo die Luxusrestaurants die internationalen Gäste mit Freuden begrüßen und als alte Bekannte umarmen. Die Flüchtlinge, kurz vor dem Verdursten, sind froh, wenn sie von NGO – Schiffen gerettet werden, die auf der Suche sind nach einem Hafen. Aber am liebsten würden etwa die jetzt regierenden rechtsextremen Politiker Italiens diese „störenden Menschen“ wieder in die „schöne“ afrikanische Heimat zurückschicken…

4. Endlich: Beschlagnahmen!
Manchmal wird von dem eher hilflosen Versuch der westlichen Demokratien berichtet, nach dem Angriffskrieg Putins gegen die Ukraine die Superyachten der russischen Milliardäre zu beschlagnahmen. Beschlagnahmen: Was für ein Wort für die biedere Öffentlichkeit: Die Beschlagnahme! Unerhört, dieses Wort, wo wir doch alle immer an das heilig verstandene Privateigentum glauben.
Der Krieg Putins hat zumindest den bescheidenen positiven Aspekt, dass nun über „Beschlagnahmung von Milliardärs-Eigentum“, also der Superyachten, öffentlich und zwar zustimmend die Rede ist. Welch ein Gewinn! Welch eine Chance, dadurch die Umrisse unserer Zeit als Epoche des finanziellen Exzesses zu verstehen. Die Plutokratie wird zwar fortbestehen, aber eben noch kritischer betrachtet als vorher. Beschlagnahmung also als gerechte Handlungsform eines demokratischen Staates, wenn er sich denn in dem Wirrwarr seiner eigenen Gesetze zum Thema Superyachten auskennt.. In der geistigen Nähe zu diesem Stichwort befindet sich bekanntlich das noch umstrittenere Wort „Enteignung“…Wird man darüber in absehbarer Zeit differenziert diskutieren können, ohne gleich von konservativen und sich FDP-liberal nennenden Herren – auch Herren der Kirche – als Kommunist verdammt zu werden?

5. KAPITALOZÄN
Der französische Soziologe Grégory Selle hat jetzt eine gut lesebare und sehr gut dokumentierte Recherche zu den Luxusyachten von Milliardären vorgelegt, Suhrkamp Verlag, 150 Seiten, 16 Euro. Das Buch verdient viel Aufmerksamkeit vieler Leser. Der Untertitel deutet den Wandel an in der Deutung der globalen Weltstruktur: Grégory Salle spricht von „Kapitalozän“, anstelle des üblichen Begriffs „Anthropozän“: „Luxus und Stille im Kapitalozän“ ist also der Untertitel dieses Buches, das man durchaus eine politische, ökonomische Variante eines authentischen Kriminalromans nennen könnte. Luxus und Stille – ein merkwürdiger Untertitel: Gibt’s diesen Luxus „Superyachten“ vielleicht nur, weil es um ihn bisher in der Öffentlichkeit so viel Stille herrschte, weil die Öffentlichkeit sich um diesen Wahn der Superyachten nicht kümmerte?

6. Grenzenlose Freiheit
Das Buch handelt also von notorischen (nicht nur russischen) Kleptokraten, die ihre Milliarden gern in letztlich bescheidene Multi-Millionen-Objekte investieren, wie eben die Luxusachten mit den hübschen Namen „Graceful“ oder „Scherzende“. Der Vorteil dieser Millionen-Fahrzeuge für ihre Eigentümer: Mit einer Luxusyacht ist man auf den Meeren überall und nirgendwo zuhause, man lebt förmlich außerhalb überschaubarer nationaler Gesetze, kann Steuern enorm sparen, Geldwäsche betreiben, kann zusätzlich Geld machen, wenn man denn die Yacht später teuer vermietet. Und man hat nette gleichgesinnte Milliardärs-Menschen um sich, wenn man sich auf Messen trifft, wie im Amsterdamer „Global Superyacht Forum“.

7. Milliardäre als Zerstörer der Umwelt
Mit einer Luxusyacht kann man ungestraft auch viele gravierende Umweltschäden anrichten, die Natur im Meer zerstören und die Klimakatastrophe beschleunige. Aber das ist den Herrenmenschen, den Plutokraten, völlig egal, dass sie mehr als 20 Liter Treibstoff für ihre Superyachten pro Kilometer verbrauchen, ist ihnen völlig schnuppe. Ihre Öko-Verbrechen werden nicht untersucht und bestraft.

8. Verantwortungslos
Das Buch Superyachten mag zunächst wie ein bizarres Sonderthema erscheinen in der so drängenden Frage nach extremem Reichtum und extremer Armut in dieser neoliberalen globalisierten Welt. Aber die Superyachten sind ein Symbol für die obszöne Mentalität der totalen Verantwortungslosigkeit, der Gier nach „immer mehr“, der ungebremsten egoistischen Haltung der Milliardäre (man lese, wie diese Herrenmenschen mit den Untergebenen umgehen).
Es ist ein Buch, das zu der philosophischen Einschätzung führt: Diese Welt der Eigentümer der Superyachten ist eine nihilistische, von Sinnlosigkeit zersetzte und zerfressene Welt einiger Herrenmenschen. Ihnen steht die demokratische Welt leider bis jetzt weitgehend hilflos gegenüber.

8.
Das Buch „Superyachten“ ist auch ein denkwürdiges Weihnachtsgeschenk.

9. Über die Angestellten auf den Superyachten:
„Das wenige, was durchsickert, entlarvt die Kehrseite dieser Traumwelt: Disziplin, Sonderregelungen bei Arbeitszeiten, strikte Folgsamkeit, beengte Unterbringung in winzigen Kabinen und ein eng getakteter Arbeitsrhythmus, um ständige Verfügbarkeit zu gewährleisten. Und das lächelnd, selbst bei den abstrusesten Aufgaben. In der Karibik verlangte eine Frau einmal auf der Stelle 1000
weiße Rosen, um die Superyacht ihres Ehemanns zu schmücken. Das Personal ließ die Blumen von Miami mit dem Hubschrauber einfliegen“. (S. 60).

Was eine humane Menschheit mit den Ausgaben für die Superyachten machen könnte? 
„In einem Artikel vom Mai 2018 wies der Journalist Rupert Neate darauf hin, dass die kumulierten jährlichen Ausgaben für die ungefähr 6000 in Betrieb befindlichen Superyachten die gesamten Schulden der sogenannten »Entwicklungsländer« tilgen könnten“. (S. 54).

Grégory Salle, „Superyachten. Luxus und Stille im Kapitalozän“, Suhrkamp Verlag, 150 Seiten, 16€. Übersetzt von Ulrike Bischoff.

Grégory Salle ist Soziologe und Politikwissenschaftler.
Er ist Research Fellow am Centre national de la re-cherche scientifique.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Jesus in Rom: Der “Großinquisitor” von Dostojewski, aktuell für heute und morgen.

Im November 2022 ist das Buch „Der Sommer des Großinquisitors“ des Literaturwissenschaftlers Helmut Lethen (Rowohlt Verlag Berlin) erschienen.  Und im November 2021 wurde an den 200. Geburtstag von Fjodor Dostojewski erinnert.
Anlass genug, der Spur Dostojewskis im Roman „Die Brüder Karamasow“ zu folgen und jetzt aktuell an die Wiederkehr Jesu Christi in Rom 2021 zu erinnern,. Dabei folge ich dicht der Erzählstruktur Dostojewskis.

Von Christian Modehn am 18.11.2022.

Der Beitrag hat vier Teile:
1. Jesus in Rom heute.

2. Jesus wird in den Vatikan gebracht und dem Großinquisitor Ratzinger gegenübergestellt.

3. Jesus und Papst Franziskus werden im Büro der Glaubensbehörde des Vatikans erschossen.

4. Ein Hinweis auf den „Großinquisitor“ Dostojewskis.

1. Jesus in Rom heute

Iwan erzählt im Jahr 2021 seinem Bruder Aljoscha Karamasow sein neues Poem. Wie schon in Dostojewskis Roman aus dem Jahr 1879 ist Iwan der Religionskritiker, Aljoscha der Fromme in der Familie. Aljoscha ist so erstaunt über die Einsichten seines Bruders, dass er diesmal nur selten wagt nachzufragen.  Iwan also erzählt:
„Jesus Christus ist kürzlich in den trostlosen Vorstädten Roms aufgetaucht. Im Viertel Corviale geht er den Hochhäusern entlang, betritt dunkle, schmutzige Hausflure, spricht mit den Alten, den Frauen mit ihren vielen Kindern. Geld hat er nicht, aber er spürt die göttliche Vollmacht, für Gerechtigkeit auf Erden zu sorgen. Darum sammelt er schließlich die Menschen auf einem Platz. Sie erkennen ihn an seiner sanften Sprache, fühlen sich von ihm ernst genommen und verstanden, sie sind erstaunt, wie er, Jesus Christus, die Obdachlosen umarmt, den Flüchtlingen hilft, Zelte zu bauen.

Mit sanfter, aber eindringlicher Stimme fordert Jesus Christus diese Menschen auf, sich gut vorzubereiten, loszuziehen und dann die Paläste im Vatikan zu besetzen. Die Kardinäle sollen aus ihren luxuriösen Wohnungen vertrieben werden. „Vielleicht finden sie als die Nachfolger der armen Apostel Petrus und Paulus bei euch dann eine Bleibe“. Jesus Christus lächelt, nicht ohne Ironie.. Dann fährt er sehr bestimmt fort: „Die berüchtigten Finanzjongleure in der Vatikanbank werden dann zu Altenpflegern umgeschult. Und die vielen hundert Priester und Prälaten in den päpstlichen Behörden werden zu Lehrern ausgebildet für die römischen Vorstädte“. Schließlich fordert er die Flüchtlinge und Obdachlosen auf, mindestens zehn Kirchen und fast leerstehende Klöster in der Innenstadt zu besetzen. „Die stehen ja an jeder Ecke und sind fast nur noch Museen“, sagt Jesus. „Dabei sind Gotteshäuser immer Häuser für die Menschen, die Ausgegrenzten zumal“. Die Leute sollen also, fordert er, die Bänke wegschaffen und Notunterkünfte einrichten. „Für die Besichtigung der Kunstwerke in euren besetzten Kirchen könnt ihr Eintritt verlangen, dann ist für Speis und Trank gesorgt“..

„Jesus Christus weilt in der heiligen Stadt Rom“, das haben die Lokalreporter inzwischen längst dem Vatikan gemeldet. Die Bischöfe und Prälaten in den riesigen Renaissance- und Barock – Gemäuern der kirchlichen Verwaltung sind entsetzt über diese Wiederkunft Jesu Christi in Rom. „Der stört uns doch, der raubt uns die Zeit“, lautet die einhellige Meinung. „Hatte nicht der Großinquisitor in Dostojewskis Erzählung bereits Jesus verboten, sich jemals wieder auf diesem christlichen Boden und dieser kirchlichen Welt zu zeigen?“, fragt ein etwas literarisch gebildeter Substitut der Glaubenskongregation. Er blickt mit müden Augen von einem Papierstapel auf, das sich mit einer erneuten Verurteilung des Frauenpriestertums befasst. Und dabei auch noch den Pflichtzölibat der Priester verteidigen muss.

2. Jesus wird in den Vatikan gebracht und dem Großinquisitor Ratzinger gegenübergestellt.

Mit Hilfe der Mafia sorgen schließlich emsige Beamte der Vatikanbank dafür, Jesus Christus sehr diskret aus der erbärmlichen Vorstadt Roms zu entführen und direkt in den Vatikan zu bringen. Einer der vatikanischen Finanzjongleure hat eine Idee: „Bringt den Kerl bloß nicht in unsere Bank, er soll ins nahe gelegene Gebäude des Heiligen Offiziums, einst die Inquisitionsbehörde, verfrachtet werden“.
Ein obligater SUV der Mafia bringt also Jesus Christus, in einer Jeanshose gekleidet und mit einem Wollpullover, wohlbehalten ins „Heilige Offizium“.  „Am besten gleich ins Büro“ heißt die Devise, in das Büro, in dem Kardinal Ratzinger als Behördenchef und Grossinquisitor viele Jahre wirkte. Aber wie es der Zufall will, schaut Ratzinger, nun als Ex-Papst Benedikt XVI., mal wieder in seiner Behörde nach dem Rechten.

So stehen sich also plötzlich Benedikt XVI. und Jesus Christus gegenüber. Beide schweigen lange Zeit. Und Jesus blickt dann voller Tränen auf den Ex-Papst. „Warum weinen Sie, Herr Jesus“, fragt Ratzinger. Jesus winkt nur ab und flüstert nach einer Weile dem greisen Ratzinger ins Ohr: „Was habt Ihr nur aus meiner so einfachen, so menschenfreundlichen Botschaft gemacht“. EX-Papst Benedikt läuft rot an vor Wut, der Farbe seiner feinen Schuhe übertreffend: „Mit ihrer humanen friedlichen Lehre kommen wir nicht weiter, ihre Bergpredigt taugt nichts im Alltag von Staaten und Kirchen! Sie sind ein naiver Idealist, mein Herr und mein Gott“, schnaubt Benedikt mit letzter Kraft. „Wir als Kirche haben inzwischen unsere eigene Religion geschaffen, wir nennen uns nur noch christlich oder katholisch. Wir haben mit Jesus von Nazareth nichts gemein. Wir wollen nur herrschen, befehlen, verlangen Gehorsam, nicht Glauben“.
Der greise EX Papst Benedikt Ratzinger, der hoch gelobte Theologe dieser Religion, die sich nur noch christlich nennt, greift zum Schreibtisch und übergibt dem leibhaftigen Jesus Christus seine drei dicken Bücher über keinen geringen als …Jesus Christus. „Lesen Sie das“, mahnt der Ex-Papst eindringlich. Aber Jesus Christus greift nach den Druckerzeugnissen und schleudert sie auf den Boden. Eine große goldumrandete Vase aus dem 16. Jahrhundert geht dabei zu Bruch, und ein inzwischen fast blinder Spiegel aus dem Neapel des 17. Jahrhunderts beginnt zu wackeln.

Im Spiegel aber erkennt Jesus Christus, dass Papst Franziskus das Büro des Glaubenshüters betreten hat. Jesus und Papst Franziskus sehen sich schweigend an. Viele Minuten stehen sie einander gegenüber, schauen nicht um sich, blicken sich nur in die Augen. Dann berühren sie einander sanft, streicheln sich am Arm, etwas verlegen auch auf den Wangen. Und Jesus Christus entdeckt, dass Papst Franziskus seine Tränen nicht mehr unterdrücken kann. „Ich bin gescheitert in dieser Welt, in dieser Kirche der verfälschten Religion“, flüstert Papst Franziskus Jesus Christus ins Ohr. „Diese Kirche ist jetzt am Ende, der sexuelle Missbrauch durch Priester hat die Kirche definitiv ruiniert. Es ist aus. Meine Meinung: Die Leute sollen einander lieben und Gott ehren, das ist alles. Aber die Beamten, die Priester, wollen, dass der Betrieb weiterläuft“. Jesus Christus schweigt, aber er nickt mehrmals. Zustimmend.
 Der greise Ex-Papst Benedikt wird ungeduldig und betrachtet von der Seite die beiden. Mit der letzten Energie des obersten Glaubenshüters schreit er: „Jetzt reicht es mir mit euch beiden“.

3. Jesus und Papst Franziskus werden im Büro der Glaubensbehörde des Vatikans erschossen.

An der Stelle der Erzählung wagt es Aljoscha, seinen Bruder zu fragen: „Und wie geht es dann weiter?“ „Du weißt“, sagt Iwan, “dass ich dem Katholizismus und dem ganzen institutionellen religiösen Apparaten kritisch gegenüber stehe. Aber ein bisschen schwer fällt es mir doch, dir als einer frommen Seele das Ende zu erzählen“. „Sag es, bitte“, fleht Aljoscha. „Nun ja, eine geheime Tapetentür hinter dem Rücken des Ex-Papstes Benedikt öffnete sich und … wie von von einem Scharfschützen, aber im Priestergewand, werden beide erschossen, Jesus Christus und Papst Franziskus. Und der Ex-Papst Benedikt? Der hat vor Schrecken einen tödlichen Herzinfarkt bekommen. Die geheime Tür in der Inquisitionsbehörde schloss sich wieder ganz schnell, und das alles geschah sehr diskret, wie üblich, fast wie eingeübt“.
Nach einer Weile sagte Aljoscha kaum vernehmbar: „Und diesen Bericht hast du, Iwan, dir ausgedacht? Oder war es gar ein Traum“?  „Es war gewiss ein Traum, aber ein Traum enthält die Wahrheit.

Aber das Ende habe ich dir noch nicht erzählt: Die drei Leichen waren nämlich ganz schnell aus der Glaubensbehörde herausgeschafft worden, von wem und wohin, das weiß niemand“.
„Und nun?“, fragte Aljoscha. „Alles geht im Vatikan und in Rom wieder seinen üblichen Gang, Nachfragen und Nachforschungen werden nach alter klerikaler Manier unterdrückt“, antwortete Iwan. „Ein paar Arme aus der Vorstadt hatten inzwischen eine Kirche und ein Kloster tatsächlich besetzt, sie wurden aber schnell vom Klerus vertrieben und kehrten in ihr Elend zurück. Alles geht alles im üblichen Ritus weiter, die nächste Papstwahl steht bevor“.
 Und dann sagte Iwan noch sehr bestimmt: „Diese Geschichte kann sich auch in anderen Kirchen, in Genf, in Moskau, in Nigeria, in Washington ereignen.
Und du, Aljoscha, solltest deinen FreundInnen sagen: Denkt euch selbst eine andere Fortsetzung des „Großinquisitors von Dostojewski“: Was geschieht, wenn Jesus Christus plötzlich in unseren Städten herumläuft? Vielleicht ist er auch längst da, und wir sehen ihn nicht, weil wir kirchlich verblendet sind. Und vergessen wir nicht: Dostojewski schrieb die Geschichte vom Großinqisitor als Kritik am römischen Katholizismus.

Heute würde Dostojewski sicher die offizielle russisch-orthodoxe Kirche, vor allem diesen Patriarchen Kyrill als Kriegstreiber dieser Putin-Kirche verurteilen. Auch das sagte Iwan noch, seine Stimme vor Schmerz kaum noch zu hören….Auch Atheisten leiden unter den Verbrechen der Kirchenführer, dachte Aljoscha.

4. Ein Hinweis auf den „Großinquisitor“ Dostojewskis.

In Fjodor Dostojewskis umfangreichem Roman „Die Brüder Karamasow“ (verfasst 1879-188o) enthält das „Fünfte Buch“ ein Kapitel mit dem Titel „Der Großinquisitor“. Es umfasst in der Neuübersetzung von Swetlana Geier (Fischer-Taschenbuch, 2013) nur 30 Seiten. Das Kapitel erscheint wie eine in sich geschlossene Erzählung:

Iwan, der Atheist, erzählt seinem frommen Bruder Aljoscha, sein „Poem“, wie er sagt. „Glühend vor Eifer habe ich es mir ausgedacht…Mein Poem heißt der Großinquisitor – es ist absurd, aber ich möchte es dir gern erzählen“ (S. 397.)
 Während der Herrschaft der katholischen Inquisition im 16. Jahrhundert erscheint plötzlich und unerwartet Jesus Christus inmitten der Stadt Sevilla. Er wird von den Menschen erkannt, einige bitten um seine heilende Wunderkraft. Der greise Großinquisitor, ein Kardinal, darüber empört, befiehlt, Jesus Christus zu verhaften. Das gläubige Volk protestiert nicht dagegen, es ist dem Kardinal ergeben.
 Jesus Christus wird in einem Verlies untergebracht. Der Großinquisitor besucht nachts den verhafteten Heiland, er wirft ihm vor, überhaupt kein Recht zu haben, hier wieder aufzutreten und so wörtlich, „die Ruhe zu stören“.

Für den Großinquisitor ist Jesus Christus ein Ketzer, den er am nächsten Morgen dem Feuertod übergeben will. In seinem Monolog kritisiert der Kardinal die Auffassung Jesu von der Freiheit eines jeden Menschen…Nur durch die strengen Weisungen der Kirchenführer könnten die Menschen von ihrer individuellen Freiheit befreit werden und zu Untertanen werden.
Die Kirchenfürsten haben also im Laufe der Kirchengeschichte Jesu Lehre von der Freiheit und der Gewissensfreiheit korrigiert bzw. „verbessert“ und so die Menschen zu ihrem Glück gezwungen, und das heißt: Sie folgen nun den kirchlichen Weisungen als unfreie, aber in kirchlicher Sicht glückliche Menschen.
Der Großinquisitor geht so weit, sich zum Antichristen zu bekennen: „Wir sind nicht mit Dir im Bunde, sondern mit ihm, (dem Antichristen), das ist unser Geheimnis!“ Die Kirche folgt also dem Antichristen! Dies ist für die Kirchenführer eine Tatsache, die sie nicht öffentlich preisgeben, selbst wenn sie unter diesem geheim gehaltenen Verrat an der Lehre Jesu leiden.
Der Großinquisitor erwartet eine Antwort Jesu. Er hat während des ganzen Monologs geschwiegen.

Dann aber – ganz überraschend – küsst Jesus Christus den greisen Inquisitor…und der öffnet die Gefängnistür und sagt: „Geh, und komme nicht wieder niemals, niemals. Und er lässt ihn hinaus auf die dunklen Plätze der Stadt. Der Gefangene geht.“ (S. 424).

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Wir philosophieren immer schon: Ideen zum Welttag der Philosophie am 17.11.2022.

Von Christian Modehn und Hartmut Wiebus.

Zum “Welttag der Philosophie” am 17.11.2022.

1. Nur einen Tag lang Philosophieren? Das kann doch nicht der Sinn des „Welttages der Philosophie“ sein. Am 17. November 2022 wird dieser Welttag, auf Vorschlag der UNESCO, wieder einmal – ja was denn – „begangen“? „Gestaltet“? Gefeiert“? Vergessen? Ignoriert, weil es angeblich Wichtigeres gibt?

Der „Welttag der Philosophie“ hat nur den Sinn, daran zu erinnern, dass Menschen „immer schon“ in ihrem Leben philosophieren. Philosophieren ist also nur ein anderer Name für geistiges, vernünftiges Leben.
Was heißt: Philosophieren geschieht „immer schon“?
Zum Beispiel in jeder Entscheidung, die in einer Alternative geschieht, inmitten der Frage: Für welche Möglichkeit entscheide ich mich… Da kommen meine eigenen, meist unbewussten Werte, „immer schon gelebt“, und Normen zur Geltung.

2. Philosophie geschieht also als Philosophieren, als der Praxis des Denkens, des Nachdenkens, des Vorausdenkens, des kritischen Urteilens. Und Philosophieren findet immer im Gespräch statt, das beginnt schon beim inneren Selbst-Gespräch in meinem Denken (siehe Reflexion auf Alternativen) und … vor allem wichtig: im Dialog mit anderen. Dialog kann philosophisch oft zum Streitgespräch werden, und das ist gut so. Streiten ist das Ringen um eine tiefere Erkenntnis, auch um eine solche, die unbedingt gilt? Wir denken: Ja, darum geht es. Deswegen sind wir auch von Kant inspiriert. Stichwort: Kategorischer Imperativ!

3. Wir haben von 2007 bis 2020 philosophische Salonabende gestaltet, meistens monatlich, auch Ausflüge und Feiern, alles Versuche, das kritische Denken miteinander zu pflegen, auch und gerade zu explizit religiösen Fragen. Und angesichts der hoffnungslos erstarrten kirchlichen (katholischen) Institutionen wollten wir einen Weg weisen in eine eigene religiöse, spirituelle Haltung, die vor der Vernunftkritik bestehen kann. Auch zum Welttag der Philosophie hatten wir früher größere Veranstaltungen organisiert… das war einmal … aber dies nur ganz nebenbei gesagt.

4. Philosophie ist prinzipiell alles andere als eine schwierige Wissenschaft, wie etwa die Mathematik.
Nur sind leider viele philosophische Texte von Philosophen oft schwer verständlich, schwer „zugänglich“. Liegt das immer an der Schwierigkeit der behandelten Themen? Sicher auch! Manchmal aber auch an dem Ehrgeiz der Herren und Damen Philosophie-Professoren, die tatsächlich leider heute im ganzen der weiten wissenschaftlichen Welt eine Nebenrolle spielen. In diese Nebenrolle haben sie sich oft selbst manövriert – auch wegen ihrer eigenen schwierigen Texte, die dann ein „Alleinstellungsmerkmal“ DER Philosophie ausdrücken sollen. Heidegger war wohl von dieser Idee fixiert, etwas „ganz Besonderes“ liefern zu müssen. Und dann ereignete sich ihm das Sein und nur drei Leute verstanden ihn, die anderen staunten…

Ein anderes Beispiel: Der nun wirklich weltbekannte französische Philosoph Bruno Latour (1947 -2022) schätzte die Philosophie über alles, wie er mehrfach betonte (vgl. “Le Monde”, 11. Oktober 2022, S. 29). Er sagte als sein Bekenntnis: “Die Philosophie, sie ist so schön” (ebd.).” Die Philosophie  – und die Philosophen wissen das – ist diese erstaunliche Form, die sich für das Ganze, die Totalität interessiert. Und die diese  Totalität niemals erreicht, weil dieses Ziel gar nicht zu erreichen (zu wissen) ist, sondern (nur) zu lieben ist. Die Liebe, das ist das Wort, das Motto, der Philosophie” (ebd. Seite 29, Übersetzung C.M.) Latour arbeite gern im Team, er schätzte die empirische Untersuchung, die Soziologie…Siehe etwa sein letztes wichtiges Buch “Zur Entstehung einer ökologischen Klasse”, gemeinsam mit dem jungen dänischen Soziologen Nikolaj Schultz, Suhrkamp, 2022, LINK.

5. Aber philosophische Texte sind auch literarische Texte, philosophische „Texte“ sind auch Kunstwerke, auch Kompositionen der Musik, auch Landschaften, auch Gesichter, auch Fotos, auch Eindrücke von dem grausigen Kriegsgeschehen: Überall ist Philosophie, man muss nur mit der entsprechenden Haltung des Nachdenkens und vor allem des Fragens diese Welten betrachten. Und dann passiert etwas im Neu-Verstehen der Welt, und … das Leben wird nicht immer leichter beim Verlust von Naivität. Zum Philosophieren gehört Mut. „Wage es…“ sagt Kant.

6. Philosophieren als Praxis der Philosophie wird dann zur Lebenshaltung, manchmal sogar zur Lebenshilfe. Dies ist eine Einschätzung, die Philosophieprofessoren in ihrem
abgeschotteten Uni-Dasein oft ablehnen. Dass heute in der Häufung der Krisen der Welt die PhilosophInnen meistens schweigen – zu den Krisen – hängt sicher damit zusammen: Diese Herren und Damen zieren sich, kritische und warum auch nicht vorläufige Hilfen im Leben vorzuschlagen.
Aber wenn kritisches eigenes Nachdenken nicht mehr hilft inmitten des Lebens, was hilft dann noch? Doch wohl nicht ein religiöser Fundamentalismus, der sich wie eine Pest heute ausbreitet in allen großen Religionen als Institutionen!

7. Damit wird eine enge, niemals aufzulösende Verbindung des einzelnen Philosophierenden bzw. der philosophischen Gruppen mit der realen politischen Situation deutlich: Philosophieren heute ist niemals eine kulturelle Idylle für “Schöngeister”.

Philosophieren konfrontiert jeden und jede mit den universal geltenden Menschenrechten, mit der Aufforderung, für die Herrschaft der Menschenrechte einzutreten. Und Politikern, die in unseren Demokratien Blabla reden oder taktisch zögern im Eintreten für die Menschenrechte, etwa zugunsten des Widerstandes gegen die Herrscher im Iran, in aller Schärfe und Ablehnung zu begegnen.  Zu den Menschenrechten gehört heute die Klimagerechtigkeit wie auch der Kampf gegen totalitäre Systeme.

Wer sich im Denken für die Welt des Politischen öffnet d.h. logischerweise öffnen muss, wer also für die Menschenrechte eintritt, erlebt erst die ganze Fülle und Tiefe philosophischen Denkens. Die Philosophierenden werden sich im Denken schützen können, um in dieser Situation nicht zu verzweifeln. Hoffen war ja eines der großen Themen Immanuel Kants. Er fand Überlebens-Hoffnung auch in einer vernünftigen (selbstverständlich nicht in einer konfessionell- klerikal begrenzten) Kirche bzw. Religion. Man lese Kants wichtige Schrift  “Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft”. LINK.

8. Die Bedeutung der Philosophie bzw. der Philosophen in der Gegenwart wird selbstverständlich in großer Vielfalt beurteilt. Wer philosophierend lebt, fragend und suchend und zweifelnd und gerade inmitten des Zweifelns am Zweifeln zweifelnd und so neue Gewissheit gewinnend, wird seine persönliche Antwort geben: Was ist Philosophie?
Allerdings: Kann „meine Philosophie“ nur „meine“ sein ? Oder sollte ich mich öffnen den Einsichten anderer …um dann zu einer neuen Gestalt „meiner“ Philosophien zu gelangen.

Michel Foucault (1926-1984), um nur ein Beispiel zu nennen, hat die Begrenztheit der klassischen Philosophie als System, als Idealismus, als Lehre von „der“ Wahrheit überwinden wollen. Er verstand sich als Historiker, Soziologe, Schriftsteller und eben auch als Philosoph, aber dann mit einer merkwürdigen Definition seiner Philosophie. In seinem Buch „Von der Subversion des Wissens“ ( Frankfurt, 1987) heißt es: „Ein Typ philosophischer Tätigkeiten besteht darin, dass man die Gegenwart einer Kultur diagnostiziert. Dies scheint mir die wahre Funktion zu sein, die den Individuen, welche wir Philosophen nennen, zukommen kann“ (S. 27).

Um Diagnose also geht es Foucault in seiner Philosophie. Aber Diagnose ist Beschreibung eines Zustandes, der, etwa in der Medizin, als Krankheit, als Übel bestimmt werden kann. Und Krankheit als Krankheit erkennen, ist wieder eine normative Leistung, die Gesundheit als Ziel vor Augen. Wendet sich Philosophie also der kranken Kultur diagnostisch zu, dann hat sie immer auch und immer schon eine normative Idee vor Augen. Davon sprach Michel Foucault nicht. In dem genannten Buch sagt er mit Blick auf Nietzsche: „Die Philosophie hat die Aufgabe des Diagnostizierens, sie sucht nicht mehr eine Wahrheit, die für alle zu allen Zeiten gültig ist“ (S. 12). Damit lehnt Foucault eine universelle Wahrheit ab, für Kant und die Seinen schon ein Problem. Und sie würden fragen: Ist universelle Wahrheit aber doch implizit gemeint, wenn Foucault wirklich Diagnose meint, die einen Befund von Krankheit, Übel etc. ALS solchen erkennt. Verschiedene Völker verschiedener Zeiten werden konkrete Krankheiten je anders diagnostizieren und in ihrer Qualität bewerten, aber sie werden immer Krankheit als etwas zu Überwindendes verstehen und darstellen.

Damit will ich nur darauf hinweisen, wie schwierig es ist, sich philosophisch mit der Frage zu befassen: Was ist meine Philosophie, wo hat sie ihre Grenzen, wo sind ihre selbstgewählten, aber noch unreflektierten Einschränkungen. Philosophieren ist also das lebendige Leben inmitten aller Zweifel und Widersprüche. Anders „geht“ geistiges Leben nicht. Nur Fundamentalisten predigen das Gegenteil.

Der Religionsphilosophische Salon Berlin: Christian Modehn und Hartmut Wiebus. www.religionsphilosophischer-salon.de

Link zum Welttag der Philosophie 2022: LINK
Link zu den Veranstaltungen des Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salons von 2009 bis 2020. LINK

Julian Barnes Bekenntnisse: Propaganda für den Polytheismus und das Heidentum.

Der neue Roman von Julian Barnes „Elizabeth Finch“
Ein Hinweis von Christian Modehn.

Eine neue religionsphilosophische und theologische Debatte steht bevor: Die Diskussionen werden sich – wie manchmal schon zuvor – mit dem Rühmen des Polytheismus (Heidentum) befassen und der schon üblichen Verurteilung „des“ Monotheismus, also auch der christlichen Kirchen.

1.
Julian Barnes, weltweit bekannter englischer Autor und Essayist, hat einen neuen Roman publiziert: “Elizabeth Finch“ ist der Titel. Auf Französisch liegt der Roman schon seit dem 1. September. Deswegen hat „Le Monde“ Barnes in London besucht, einen langen Artikel veröffentlicht mit wichtigen Zitaten von Barnes (veröffentlicht am 26. August 2022, S. 12, in der Beilage „Le Monde des Livres“.) Der Roman “Elisabeth Finch” von Julian Barnes liegt nun (Mitte November 2022) auch auf Deutsch vor.

2.
Barnes zeigt sich in dem Beitrag als leidenschaftlicher Verteidiger des Polytheismus, für ihn identisch mit dem Heidentum. Und konsequenterweise als leidenschaftlicher Gegner „des“ Monotheismus. Das Christentum erwähnt er ausdrücklich, er denkt aber wohl auch an die beiden anderen monotheistischen Religionen, das Judentum und das Islam. Aber es ist wohl auch die Verachtung der gegenwärtigen Kirchen (auch der Kirche in England), die ihn zur Verurteilung des Monotheismus motiviert.

3.
Im Roman ist die Protagonistin, Elizabeth Finch, eine Kulturwissenschaftlerin, eine explizite Verehrerin des römischen Kaisers Julian Apostata: Er wandte sich als Christ wieder dem alten römischen und griechischen Glauben des Polytheismus bzw. dem Heidentum zu und wollte die sich herausbildende Vormachtstellung des Christentums zurückdrängen. Er lebte von 331 bis 363, als Kaiser regierte er von 360 bis 363, er starb am Tigris, damals im persischen Reich, im Kampf gegen das Sassanidenreich.
Die Begeisterung der Professorin Finch für den „abtrünnigen“ („Apostat“) Kaiser Julian wird von ihrem Schüler Neil erzählt. Er erinnert sich, wie Elizabeth Finch davon öffentlich sprach, wie der Monotheismus (gemeint ist das Christentum) eine Katastrophe für die Menschheit war, wie der Monotheismus als „Herrschaft und Korruption zur Auszehrung des europäischen Geistes führte“. Auch dies: Dass Julian Apostata moralisch viel höher stand als die ganze Reihe der Päpste. Und dass mit dem Ende des Heidentums, mit seinem Propagandisten Kaiser Julian, die Lebensfreude aus Europa verschwand…

4.
Sehr verwunderlich ist, dass Julian Barnes in dem Interview mit „Le Monde“ selbst sehr heftig Partei ergreift für den Polytheismus und das Heidentum. Zu Beginn gesteht Barnes: „Ich bin überhaupt nicht religiös, alle Religionen sind Fiktionen. Aber ich glaube, unter allen Religionen sind diejenigen, die sich auf den Polytheismus gründen, am besten erfolgreich“. Kaiser Julian Apostat habe mit seiner Toleranz gegenüber allen bestehenden, also heidnischen Religionen, so wörtlich, einen „Supermarkt der Religionen“ erfunden. Das findet Barnes gut, deutet das als Toleranz, laut „Le Monde“.
Das ist der Gipfel der Phantasie: Wenn Kaiser Julian Apostata länger gelebt hätte, dann hätte unsere Welt eine andere, eine bessere Richtung genommen. Julian hätte dann, so der Wunsch des Autors Barnes, das Christentum marginalisiert. Christliche Priester hätten nur noch „eine bescheidene Rolle gespielt neben den Heiden und Druiden, den Anbetern der Bäume usw.“ Dann „träumt“ (so wörtlich) sich der weltbekannte Autor Barnes laut „Le Monde“ in eine heidnische Welt, in der es dann aufgrund der angeblichen Toleranz des Heidentums keine Kriege gegeben hätte, eine bessere Förderung der Wissenschaft ebenso, behauptet Barnes. Und vor allem hätten die Menschen in einer Hoffnung gelebt, die sich ganz ausschließlich aufs irdische Dasein bezieht und nicht, so wörtlich, dem „absurden himmlischen Disneyland im Jenseits nach dem Tod“ geglaubt.
Julian Barnes erinnert sich in dem Gespräch mit Le Monde an die Romanschriftstellerin Anita Brookner (1928-2016), sie hätte so hübsch gesagt: „Monotheismus. Monomanie. Monogamie. Monotonie: Nichts Gutes im menschlichen Zusammenhang beginnt mit der Vorsilbe MONO“.

5.
Die Auseinandersetzung mit diesen Lobeshymnen auf Kaiser Julian Apostata und die angeblich enormen menschlichen und wissenschaftlichen Vorzüge des Heidentums, des Polytheismus, muss ausführlich geführt werden.
Es ist bekannt, dass der Polytheismus auch in philosophischen Kreisen ein gutes Ansehen genießt, man denke an an den Philosophen Odo Marquard, der 1978 einen vielbeachteten Vortrag hielt „Lob des Polytheismus“ (in: „Abschied vom Prinzipiellen“, Reclam, 1981, S. 91 -116). Man denke an die Vordenker der „Neuen Rechten“, etwa an den Franzosen Alain de Benoît, der auf Deutsch 1982 sein Buch „Heidesein. Zu einem neuen Anfang. Eine europäische Glaubensperspektive“ veröffentlichte (Graber Verlag in Tübingen). Zuvor war schon in dem genannten Verlag der Sammelband „Das unvergängliche Erbe“ erschienen, mit dem bezeichnenden Untertitel „Alternativen zum Prinzip der Gleichheit“ (herausgegeben von Pierre Krebs). Damit wurde schon im Untertitel angedeutet: Der zu überwindende Monotheismus, etwa das Christentum, setze stark auf das Prinzip der prinzipiellen rechtlichen Gleichheit aller Menschen. Und das wollen die genannten Herren rund um Alain de Botton nun gar nicht. Antisemitismus und Heidentum/Polytheismus gehören oft zusammen…

6.
Auch das gilt: Der Monotheismus kann selbstverständlich nicht pauschal verteidigt werden. Monotheistisch-fromme Menschen, etwa Christen, Theologen, Päpste usw .haben im Laufe der Kirchengeschichte ihre Haltung bewiesen: „Wir besitzen die absolute Wahrheit, und wir drängen diese unsere absolute Wahrheit allen anderen auf, durch Kolonialismus, Mission, Bekehrung“. Da hat sich also die Überzeugung durchgesetzt, subjektiv etwas Wahres erkannt zu haben, total auf objektive Welt, in die Gesellschaft, die Staaten übertragen. Und die Kirchen als Institutionen haben die nur für den einzelnen Menschen privat mögliche absolute Wahrheit ins Objektive, ins Allgemeine, als allgemeine Lehre, übertragen. Und dann begann die Katastrophe des Kolonialismus usw.

7.
Es muss hier nicht ausführlich besprochen werden, dass selbstverständlich innerhalb des Monotheismus, also der Kirchen, einzelne und Gruppen lebten und leben, die den Respekt der universalen Menschenrechte über ihre subjektive Glaubensform stellen. Man denke an Franz von Assisi oder auch an den Verteidiger der Indigenas, Pater Bartolome de las Casas.
Eine pauschale Verurteilung des Monotheismus, wie sie Julian Barnes versucht, ist schlicht und einfach historisch falsch. Genauso, wie es auch falsch ist, den Polytheismus pauschal gut und prächtig zu finden. Tatsache ist, dass heidnische Religionen, man denke an die Azteken, in ihrer rituellen Praxis nicht gerade ein Inbegriff der Menschlichkeit und Sanftheit waren. Ob der polytheistische Hinduimsus pauschal so menschenfreundlich ist, bleibt angesichts der jetzigen Hindu-Nationalisten sehr fraglich. Und ob die germanischen heidnischen Stämme einst nun große wissenschaftliche Leistungen hervorgebracht hätten, wie Barnes hofft, ist auch fraglich.
Und kann man heute gar nicht davon davon absehen, dass viele Soziologen und Politologen von den neuen Göttern des Kapitalismus und Neoliberalismus sprechen, Götter, die das permanente Wachstum gebieten und die Herrschaft der „Alternativlosigkeit“ predigen. Diese neuen materiellen Götter des polytheistischen Kapitalismus haben bei vielen jedenfalls keine gute Presse. Gott sei Dank, oder den Göttern sein Dank!

8.
Allein differenzierendes Argumentieren hilft bei dem Thema weiter und eine genau Kenntnis der Geschichte des spätrömischen Reiches, als es um das Zusammenleben von Heiden und Christen (und Juden) ging. Dazu gibt es vorzügliche historische Studien von bedeutenden Historikern, ich nenne nur den Engländer E.R. Dodds, Gräzist in Oxford, von ihm liegt auf Deutsch u.a.vor: „Heiden und Christen in einem Zeitalter der Angst“ (Suhrkamp, 1985).

9.
Es wäre im einzelnen zu zeigen, dass die universal geltenden Menschenrechte erst im Zusammenhang des Monotheismus möglich wurden. Die Menschenrechte sind ein Produkt der philosophischen Aufklärung, aber diese lebte von dem Gedanken, dass es ein oberstes Prinzip (manche nannten es noch Gott, die Deisten) geben muss als schöpferische Kraft fürs Entstehen aller Menschen. Über diese oberste schöpferische Kraft (Monotheistisch) sind also alle Menschen über die eine gemeinsame Herkunft miteinander verbunden, als Brüder und Schwestern.

10.
Es muss weiter untersucht werden, wie sich vor allem im Katholizismus eine offiziell nicht eingestandene polytheistische Tradition entwickelt hat, man müsste also ernsthaft über den Marienkult reden als Form der Verehrung einer weiblichen Gottheit; man müsste über den Kult der Engel sprechen, heute sehr beliebt, nicht nur bei den geschätzten 20 Engelbüchern von Pater Anselm Grün, sondern auch bei „kirchenfernen“ Leuten. Man müsste sprechen die Heiligenkulte, die Reliquienkulte, die Segnungen von Bäumen und Autos und Handys und Tieren im Katholizismus. Und vor allem: Allen Ernstes müsste endlich gezeigt werden, wie polytheistische Inhalte im Glauben an die Trinität enthalten sind, der Theologe Edward Schilleeeckx hat drauf hingewiesen. Für Kirchenchefs ein peinliches Thema!

11.
Man ist aber insgesamt sehr erstaunt, wie ein „weltbekannter“ Autor wie Julian Barnes (40 Bücher, übersetzt in 30 Sprachen und vielfach mit Preisen überschüttet) sich derart fürs Heidentum heute einsetzen kann.
Aber Religionsphilosophen können auch dankbar sein, dass durch die ziemlich oberflächlichen Behauptungen und „Träume“, wie Barnes selbst sagt, das Thema „Wie böse ist denn nun =der= Monotheismus“ gründlicher diskutiert wird. Und deutlich werden muss auch: Alle rechtsextremen Kreise heute wie damals schmücken sich gern mit heidnischen Ideologien oder Versatzstücken von Edda und Wotan usw. Und sie sind oft Antisemiten!

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

Demokratie braucht Religion! Behauptet Hartmut Rosa.

Ein Hinweis auf eine Broschüre mit dem gleichen Titel.
Von Christian Modehn.

1.
Der Titel der Broschüre von Hartmut Rosa „Demokratie braucht Religion“ ist verwirrend: Denn die größte, auch quantitative Aufmerksamkeit des Soziologen gilt der Analyse der heutigen westlichen Gesellschaft, einer Analyse, die als Wertung zu den umfassenden wichtigen Studien Rosas zur Redundanz führt.

2.
Wenn der Autor hier von Religion spricht, dann meint er explizit immer auch die „starke Stimme der Kirche“ (S. 25), Religion und Kirche(n) werden also ziemlich unbefangen identifiziert. Abgesehen davon: Der Autor betont sehr allgemein und sehr knapp: „Kirche hat … eine verdammt wichtige, sehr wichtige Rolle in dieser Gesellschaft zu spielen. Ganz einfach weil ich glaube, dass sie einer Gesellschaft etwas anzubieten hat“ (S. 26f.) Bei diesen Allgemeinheiten bleibt es denn auch, vielleicht noch der ebenso allgemeine Hinweis, dass wir in der „ernsthaften Krise“ der „religiösen Einrichtungen, Traditionen, Praktiken, Riten usw. bedürfen“ (S. 27). Die Kirche kann das in dieser Gesellschaft fehlende „hörende Herz“ (S. 27) pflegen und bereiten, heißt es dann noch.

3.
Kein Wort dazu, dass gerade die katholische Kirche in Deutschland und tatsächlich weltweit in mehrfachen selbst gemachten, eigenen, gravierenden Krisen steckt, allen voran der tausendfache sexuelle Missbrauch durch den angeblich zölibatären Klerus; der Niedergang von Pfarr-Gemeinden durch den Priestermangel; die Abweisung der Frauen vom Priesteramt; die Abweisung der Ehe für homosexuelle Paare; das Verbot des gemeinsamen Abendmahls von Katholiken mit Protestanten und so weiter und so weiter. Da ist es schon sehr mutig und sehr gewagt, wenn ein prominenter Soziologe (und Christ bzw. auch Organist in einer evangelischen Kirche im Schwarzwald) solche Allgemeinheiten zu der angeblichen Notwendigkeit der Kirche verbreitet.

4.
Der Text der Broschüre Hartmut Rosas geht auf eine Einladung des Bistums Würzburg im Jahr 2022 zurück, das Bistum hatte einen Diözesan-Empfang organisiert, den sie mit einem akademischen Vortrag schmücken wollte: Tatsächlich hatte der Vortrag in Würzburg einen anderen Titel als das Buch, er lautete in Würzburg: „Rasender Stillstand. Individuum, Kirche und Gesellschaft im Angesicht der Krisen – ein soziologischer Bestimmungsversuch.“

5.
Das Thema der Broschüre wird als herausfordernde These, nicht als Frage, formuliert „Demokratie braucht Religion“. Und es ist nicht nur meine Meinung, wenn diese Erkenntnis diskutiert würde: Die Demokratie braucht zumindest nicht diese Religion, also diese katholische Kirche in Deutschland. Die Demokratie muss sich aus eigener Kraft, durch gerechte Gesetze und unabhängige Richter sowie nicht korrupte Politiker selbst stärken und selbst verteidigen, denn sie ist eine Demokratie in einem religiös, weltanschaulich pluralistischen Staat. Da braucht man auch nicht die Hilfe etwa des konservativen Islams oder der orthodoxen Juden usw. Denn die römisch-katholische Kirche kann aufgrund ihrer Verfassung gar nicht wirksam Demokratie fördern und glaubhaft Menschenrechte verteidigen. Denn sie ist bekanntlich selbst in keiner Weise demokratisch organisiert, sie lässt die Menschenrechte in der eigenen Institution nicht gelten, siehe auch das verzweifelte Bemühen einiger Unentwegter im „Synodalen Prozess“. Diese Kirche ist ein Club, in dem Männer alles Wichtige definitiv aufgrund angeblicher göttlicher Vollmacht entscheiden. Und dieser Männerclub ist insgesamt sehr extrem moralisch belastet und kaum noch glaubwürdig, ist eingezwängt von berechtigten Anklagen, Prozessen… und diese Kirche stinkt trotzdem vor Geld – verglichen mit anderen Kirchen, etwa in Frankreich. Denn trotz der stetig steigenden hohen Austrittszahlen fließen die vielen Millionen Euros an Kirchensteuer. Diese Kirche lebt materiell also von “nicht-praktiziernden Katholiken”, das sind ca. 80 Prozent aller, die sich als Mitglieder dieser Kirche bezeichnen.

6.
Also, in dieser aktuellen Situation zu behaupten, „Demokratie braucht Religion“ ist geradewegs verwegen, zumal nicht die private, möglicherweise innige mystische Religion und Frömmigkeit gemeint ist, sondern die römisch katholische Kirche als Institution. Meine Meinung: Diese muss erst eine Reformation (nicht Reform, sondern Reformation) erleben, um wieder „gebraucht“ zu werden, Das heißt ja nicht, dass einzelne Pfarrer, Ordensleute oder ehrenamtliche Frauen und Männer an der Basis Hilfen etwa im caritativen Bereich leisten, aber das „Gesamtimage“ der Kirche ist zu beschädigt, als da noch von „Gebrauchtwerden“ die Rede sein könnte. (Ergänmzung am 15.11.2022: Siehe dazu unter Nr. 11 einen Hinweis auf eine katholische Fachtagung “Religionsfreiheit und Populismus” am 14.11.2022)

7.
Das heißt nun wiederum nicht, dass die ca. 40 Seiten der Broschüre, die sich auf die soziologische Analyse und die Präzisierung des Begriffes Redundanz beziehen, nicht lesenswert seien. Im Gegenteil, wegen dieser komprimierten Zusammenfassung DES Forschungsthemas von Prof. Hartmut Rosa lohnt es sich, das Büchlein zu lesen. Ich brauche hier diese Kurzfassung der Rosa Thesen zur Redundanz nicht zu wiederholen, die Broschüre bietet sie leicht nachvollziehbar an.

8.
Am Ende dieser Darstellung wird noch einmal auf die Religion verwiesen, merkwürdigerweise sogar auf das Dogma der Dreifaltigkeit (S. 69), in dem Rosa ein „Resonanzverhältnis zwischen Vater, Sohn und Heilige Geist“ entdeckt, der Philosoph Hegel hätte sich über diesen Hinweis sehr gefreut. Wesentlich hilfreicher sind dann die schon ins Theologische greifenden Thesen Rosas: „Am Grund meiner Existenz liegt nicht das schweigende, kalte, feindliche oder gleichgültige Universum, sondern eine Antwortbeziehung“, Rosa denkt dabei vielleicht an einen schöpferischen Gott, absoluten Geist, an eine unendliche Kraft von allem?

9.
Wie Jürgen Habermas schon seit 2000 ist auch Hartmut Rosa überzeugt: Religionen und Kirchen haben doch noch ein „Ideenreservoir“ (S. 74), das unsere Gesellschaft niemals vergessen darf. Denn sonst „ist sie (die Gesellschaft, diese Welt) endgültig erledigt“ (S. 74). Man schaue aber nur auf die Russisch-orthodoxe Kirche und ihren Kriegstreiber Patriarch Kyrill von Moskau, um dann doch Zweifel zu formulieren: Ist diese Welt nicht gerade wegen dieser korrupten Kirche und anderer korrupter Kirchen (solcher, die Menschenrechte missachten, den Faschismus dulden etc.)„erledigt“. Darüber würde man sich weitere Ausführungen bei weiteren „Diözesanempfängen“ wünschen….

10.
Zu der Broschüre hat der Politiker Gregor Gysi (Partei Die Linke) ein kleines Vorwort verfasst. Gysi, der „Nichtglaubende“ (S. 13) wiederholt seine These: Der befreiende (!) Gehalt religiöser Ideen sollte nicht verloren gehen“ (ebd.) Der bekannte Politiker muss sich eingestehen, dass die Linke jetzt keine grundlegenden Moral – und Wertvorstellungen allgemeinverbindlich in der Gesellschaft“ (S. 14) anbieten kann. Das ist schlimm genug, zumal der Markt (also der Kapitalismus) „auch keine Moral-und Wertvorstellungen hervorbringen“ kann (S. 15), meint Gysi. In einer Gesellschaft ohne Moral soll also die Kirche helfen? Gysi lobt bei diesen trüben Aussichten das ehrenamtliche Engagement vieler Mitglieder der Kirche zugunsten der Humanität, „auch wenn bei den Kirchen nicht alles im Lot“ ist. Wenn man diese Zeilen Gysis liest, könnte man sich wünschen: Ein Dialog Gysi – Rosa beim „Diözesanempfang“ wäre in jedem Fall spannend gewesen, wenn sich denn auch der Bischof in diese Runde diskutierend begeben hätte… Dann wäre danach sogar noch ein Buch entstanden.

11. Aus der katholischen Fachtagung “Religionsfreiheit und Populismus”: Am 14.11.2022:

Der Beauftragte der Bundesregierung für Religions- und Weltanschauungsfreiheit, Frank Schwabe (SPD), forderte die Entlarvung religiös begründeter Populismen – sonst werde Religion am Ende “wirklich weltweit in ganz unterschiedlichen Systemen der Treiber für Unfreiheit”. Ideologische Abgrenzungen und einfache Wahrheiten seien eng verwoben mit rechtspopulistischen Ansichten: “Und das zusammen wird eine ganz, ganz gefährliche Melange, die am Ende dazu geeignet ist, Demokratien in Diktaturen zu verwandeln.“

ONLINE-Fachtagung “Religionsfreiheit und Populismus“ am 14.11.2022 um 14.30 Uhr.

Hartmut Rosa, Demokratie braucht Religion. Mit einem Vorwort von Gregor Gysi. Kösel Verlag München, 2022, 75 Seiten. 12 Euro.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

Heiliges Privat-Eigentum. Weil einige viel zu viel Privateigentum haben, müssen heute 3 Milliarden Menschen hungern.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 17.10.2022. ZUR “BÜRGERBEWEGUNG FINANZWENDE”: Siehe die Informationen am Ende dieses Beitrags (Nr.11)

Das Leitwort: “330 Milliarden US-Dollar könnten helfen, um Hunger und Armut zu beenden, laut einer von der deutschen Regierung unterstützten Studie. Dies betont Thomas Rath,  vom “Fond für landwirtschaftliche Entwicklung”, IFAD, im Tagesspiegel, 18. Oktober 2022. Und ich füge hinzu: Diese 330 Milliarden könnten die vielen Milliardäre zusammen mit solidarischen Millionären heute weltweit mit Leichtigkeit aufbringen. Und ethisch korrekt gesagt: Wenn diese Herren Milliardäre ein soziales Gewissen hätten… Und eine entsprechende politische Debatte geführt würde. Aber die demokratischen Politiker sind dazu zu feige…

1.
Die Fixierung aufs Privat-Eigentum ist eine der leidenschaftlichsten Energien der meisten Menschen, sie ist mit grenzenloser Gier und Habsucht verbunden. Und die äußern sich aggressiv, kriegerisch, tötend. Auch Nationalismus ist Gier, wird zum Wahn, siehe Putin, siehe Xi. Wer viel Eigentum hat, etwa die Millionäre und Milliardäre, denkt bestenfalls daran, mit den üblichen Spenden das elende Leben von hungernden Millionen Menschen zu verbessern. Dabei könnte, pauschal gesagt, die gesetzliche Halbierung des Privateigentums von Milliardären den Hunger in der Welt besiegen, abgesehen von vielen anderen Wohltaten für die Menschheit. Aber nein, diese gesetzliche Halbierung will fast niemand, spricht fast niemand an, so krepieren Millionen Hungernder weiterhin und die Milliardäre zählen ihr Geld. Geld als Geldvermehrung ist ihr Lebenssinn. Die Welt dieser Leute ist auch erbärmlich, diese Leute sind ausgehungert an Geist und humaner Vernunft.

2.
Wer philosophisch – kritisch denkt, von christlichem Geist des Teilens soll gar keine Rede mehr sein, weil selbst die reichen Kirchen auch meist zu bescheidenen Spenden bereit sind, wer also philosophisch-kritisch denkt, beachte diese Erkenntnis: Sie wird von der seriösen und gar nicht marxistisch angehauchten „Enzyklopädie Philosophie“ mitgeteilt: „Es gibt keine pauschale Rechtfertigung für die eigentumsrechtlichen Strukturen der gegenwärtigen Marktgesellschaften… Es gibt jedenfalls wohl erworbene und schlecht erworbene Eigentumsrechte. Und auch die wohl erworbenen Eigentumsrechte müssen dem politischen Zugriff offen stehen, wenn sie der weiteren gesellschaftlichen Entwicklung schädlich sind, wie es sich in der Geschichte der Übergang der Feudalgesellschaft zur bürgerlichen Gesellschaft gezeigt hat“, „Enzyklopädie Philosophie”, Band I, S. 454, Felix Meiner Verlag, Hamburg, 2010, der Beitrag „Eigentum“ ist verfasst von Helmut Rittstieg.
Der Psychoanalytiker und Philosoph hat daran erinnert, welche seelischen Schäden die Fixierung aufs Eigentum bewirkt, man denke an sein Werk „Haben oder Sein“, in dem er klar die Alternative formulierte: Erstarrtes Ego-Leben in der Fixierung aufs Haben (Eigentum) ODER lebendiges Miteinander im Sein, in der umfassenden Bejahung des geistigen Lebens und des Teilens. Wer allen Wert aufs Eigentum, aufs Haben legt, meint: Ich bin, was ich habe. Mein Eigentum begründet meine Identität. Ich kontrolliere dann alles, was ich habe, auch Menschen. Der aufs Eigentum fixierte Mensch definiert sich durch seine Bindung an die Objekte, ans Eigentum. Er verliert sich selbst als Subjekt.

3.
Trotz dieser üblichen Verbindung von Gewalt und der maßlosen Liebe zum Privat-Eigentum bleibt für die reiche Welt, inklusive der Frommen und der religiösen Führer aller Religionen, Eigentum wichtigster Lebenssinn. Die Privateigentümer legen wert auf ein undifferenziertes Verständnis des Eigentums, es wird so getan, als wäre das maßlose Privateigentum der Milliardäre genauso ein unstrittiger Wert wie das selbstverständliche Eigentum der Bürger: Diese nutzen ihr bescheidendes Privateigentum als persönliches Gebrauchseigentum nur für die individuelle Lebensgestaltung. Ethisch steht fest: Nur dieser überschaubare, praktische Gebrauch meines Eigentums zur privaten Lebensgestaltung ist ethisch sinnvoll. Eigentum ist nicht automatisch und in jedem Umfang und immer etwas Gutes, eine geradezu banale Aussage, die längst nicht selbstverständlich ist. Das Eigentum muss, das lehrte schon Aristoteles, in den Dienst des Lebens aller Menschen gestellt werden. Privateigentum in extremem Auswuchs darf nicht das Menschenrecht aushebeln, dem folgend alle Menschen Anspruch auf menschenwürdiges Leben haben, und nicht nur einige. Darauf haben jetzt u.a die Philosophin Martha Nussbaum und der Ökonom Amartya Sen immer wieder hingewiesen.

4.
Falls man noch christlich interessiert ist im Sinne des Propheten Jesus von Nazareth, könnte als Motto zu diesem philosophischen Hinweis ein Zitat des außergewöhnlichen sozialkritischen Bischofs und Theologen Johannes Chrysostomos (349-407) stehen: “Den Armen nicht einen Teil der eigenen Güter zu geben bedeutet: Von den Armen zu stehlen. Es bedeutet: Sie ihres Leben zu berauben. Und: Was wir besitzen, gehört nicht uns,  sondern ihnen”. Das Zitat findet sich auch im Schreiben (“Enzyklika”) von Papst  Franziskus “Fratelli Tutti” (2020), dort unter Nr. 119 mit dem Titel: “Über die Geschwisterlichkeit und die die soziale Freundschaft”. (Zu Johannes Chrysostomos: De Lazaro Concio, II, 6: PG 48, 992D.) Wegen seines radikalen Eintretens für die Rechte der Armen wurde Bischof Johannes Chrysostomos (349-407) von den reichen Christen gehasst und verfolgt… Bekanntlich haben sich die Kirchenleitungen nicht an die Weisungen von Johannes Chrysostomos gehalten… Die Päpste haben die Etablierung des Adels geduldet, sie haben die oberen Klassen des Klerus selbst dem Adel reserviert, sie haben die Gier der Priester zum üblichen Alltag gemacht und Armutsbewegungen wie die Franziskaner erst dann geduldet, als diese sich den Päpsten unterwarfen. Und heute? Die Gehälter der Bischöfe und Erzbischöfe, der Landesbischöfe und Generalsuperintendenten in Deutschland sind auch Beweis, dass es diesen hohen Herren und auch protestantischen kirchenleitenden Damen doch sehr auf ein sehr reichlich bemessenes Eigentum ankommt. Kürzlich hat Kardinal Marx aus seinem „Privateigentum“ 500.000 Euro in eine soziale Stiftung umgewandelt, aus Ersparnissen seines Gehaltes von 13.654,43  Euro monatlich kann solch eine Summe kaum entstehen… Leider hat Kardinal Marx in seiner Großzügigkeit unter seinen „Mit-Oberhirten“ keine Nachfolger gefunden. (Quelle: https://juedischerundschau.de/article.2020-05.corona-elftausend-euro-mannbedford-strohm-fordert-verzicht-von-anderen.html)
5.
Die Gesellschaft und die Staaten sind jetzt, in diesen Zeiten vielfältiger Krisen gespalten, katastrophal gespalten, nicht Kooperation, sondern Feindschaft ist die Ideologie der um Eigentum an Land, Bodenschätzen, Einflusssphären kämpfenden Staaten. In den demokratischen Gesellschaften kämpfen die vielen prekär lebenden, eigentumslosen Menschen mit den eher wenigen, die auch in Krisenzeiten ökonomisch privilegiert dastehen. Weltweit wird die ungerechte Verteilung des Eigentums immer bedrohlicher: Arme gegen Reiche, Millionen Bettelarmer gegen einige tausend Milliardäre. Millionen Menschen mit einem Dollar pro Tag stehen schwach und ausgehungert gegen Leute mit einer Million Dollar pro Tag als „Taschengeld“. „Die armen Länder sollten Anrecht auf einen Teil der Steuern multinationaler Konzerne und der Milliardäre dieser Erde haben. „Denn der Wohlstand der reichsten Akteure ist völlig dem globalen Wirtschaftssystem und der internationalen Arbeitsteilung geschuldet“ (Thomas Piketty, „Ungleichheit“, C.H.Beck Verlag 2022, S. 232). Die „reichen Länder verdienen an den armen Ländern aufgrund des von der Welt der Reichen bestimmten kapitalistischen Wirtschaftssystems.

6. Erinnerung an einige Fakten:
Die internationale Hilfsorganisation OXFAM schreibt am 12.1.2022:
Die Reichsten verdoppeln ihr Vermögen – während über 160 Millionen zusätzlich in Armut leben. Die einen verdienen, die anderen sterben: Wie die Covid-19-Pandemie Ungleichheit befeuert. Während der Covid-19-Pandemie konnten die zehn reichsten Milliardäre ihr Gesamtvermögen verdoppeln, auf insgesamt 1,5 Billionen US-Dollar.
Ungleichheit ist zudem eine Frage von Leben und Tod: Jedes Jahr sterben Millionen Menschen, etwa weil sie keine adäquate medizinische Versorgung bekommen. Oxfam fordert von den Regierungen weltweit, Konzerne und Superreiche zur Finanzierung sozialer Grunddienste stärker zu besteuern, für globale Impfgerechtigkeit zu sorgen und die Wirtschaft am Gemeinwohl auszurichten“. (Quelle: OXFAM, 12.1.2022)

7.
Zur dramatischen Nahrungsmittelkrise: „Wir entfernen uns immer weiter von der Beendigung des Hungers“. Zum Welternährungstag am 16. Oktober 2022 zeichnet sich ab, „dass die globalen Ernährungssysteme versagen. Die Lage verschlechtert sich drastisch“. (Tagesspiegel 16.10.2022)
Laut Paritätischem Armutsbericht 2022 hat die Armut in Deutschland mit einer Armutsquote von 16,6 Prozent im zweiten Pandemie-Jahr (2021) einen traurigen neuen Höchststand erreicht. 13,8 Millionen Menschen müssen demnach hierzulande, in DEUTSCHLAND, derzeit zu den Armen gerechnet werden, 600.000 mehr als vor der Pandemie.
Die Öffentlichkeit weiß mehr über Armut und Arme als über die Reichsten, sie sind diskret. Es gibt Armutsforschung, aber fast keine Reichtums Forschung. Das kann sich ändern, wenn sich mehr Leute informieren: Über die Top 20 deutschen Milliardäre: LINK https://www.merkur.de/wirtschaft/reichste-deutsche-vermoegen-geld-deutschland-milliardaere-gehalt-thiele-aldi-lidl-sap-plattner-bmw-albrecht-zr-90101849.html
Die reichsten Milliardäre weltweit: LINK: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/181482/umfrage/liste-der-top-25-milliardaere-weltweit/

8.
Wie kann Gerechtigkeit gesetzlich geschaffen werden in einer Welt zunehmender Ungleichheit in der Verteilung des Privateigentums? An die gesetzliche Halbierung des Milliardärs-Eigentums ist kaum zu denken. ABER:
Die Frage wird eher selten gestellt. Wer sind konkret namentlich diejenigen, die über eine offenbar allmächtige Lobby auch weltweit verfügen und über bestimmte, sich in Europa liberal nennende Parteien durchsetzen, um ihren luxuriösen Luxus-Standart gesetzlich festschreiben lassen: Also Parteien, die als Vertretungen eher von Minderheiten so mächtig sind, dass sie etwa in Deutschland gerechte Vermögenssteuer verhindern und gerechte Erbschaftssteuer, gerechte Verfolgung von Milliardären, die sich als Oligarchen aus autokratischen Regimen in Demokratien niederlassen usw.

9.
Der Religionsphilosophische Salon befasst sich mit dem Thema „Eigentum“, weil Privat-Eigentum, in welcher Form auch immer, in weiten Kreisen als heilig gilt, also als unantastbar, als verehrungswürdig, als Phänomen, vor dem man förmlich niederkniet, dem man als Geld und als Wachstum des eigenen Vermögens alles opfert … an eigener Lebens-Zeit und geistiger Energie: Dieses Privateigentum ist also göttlich. Eigentum also ein dringendes religionsphilosophisches Thema. Ein Thema der Religionskritik: Zu den vielen Göttern der kapitalistischen Gegenwart gehört als einer der Ober-Götter das Privateigentum.Vor ihm knien alle nieder. Insofern ist unsere „säkulare“ Gesellschaft frei vom Glauben an den Gott der Bibel, aber es gibt genug Ersatz-Götter.

10.
Im August 2021 hatte ich einen etwas ausführlicheren Hinweis zu Pierre-Joseph Proudhon veröffentlicht unter dem Titel, auf sein Werk bezogen: Eigentum ist Diebstahl“. Dieser Beitrag hat viel Aufmerksamkeit gefunden: LINK https://religionsphilosophischer-salon.de/13911_eigentum-ist-diebstahl-proudhon-1809-1865_aktuelle-buchhinweise/philosophische-buecher

11.

Ist die Debatte über Eigentum überhaupt die richtige Diskussion? Müsste man sie nicht umlenken auf die Debatte über Reichtum und über das Vermögen?, so fragt der Ökonom und Sozialethiker Friedhelm Hengsbach SJ. Er ist Mitbegründer einer wichtigen Initiative: “Finanzwende”: https://www.finanzwende.de/ueber-uns/wer-wir-sind/

Bürgerbewegung Finanzwende e. V.
Motzstraße 32 · 10777 Berlin  
Telefon 030 208 370 810
newsletter@finanzwende.de
www.finanzwende.de

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Abschied vom klassischen Herrscher – Gott in der Höhe. Und dabei den schwachen Gott entdecken.

Ein Hinweis auf ein neues Buch von John D. Caputo.
Von Christian Modehn.

Das Buch von John D. Caputo „Die Torheit Gottes“ ist sicher eines der besonders anregenden (und „zugänglichen“) Bücher über Religion und Glauben in diesem Herbst 2022. Endlich ein theologisches Buch (von einem Philosophen !), das etwa die ewigen Debatten über Strukturreformen der katholischen Kirche beiseite setzt, weil es zeigt: Auf etwas ganz anderes kommt es an: Auf die Korrektur des Gottesbildes, also auf die Korrektur der üblichen herrschenden Dogmatik der klerikalen Herrscher.
Es geht in diesen jetzt existentiell hoch belastenden Zeiten also um viel Wichtigeres, es geht um die Frage: An welchen Gott (des Christentums) kann ich und will ich vielleicht noch glauben? Welcher Gott erdrückt mich nicht mit seiner absoluten Last der Gesetze, welcher Gott ist förmlich sanft und machtlos, welcher ruft in ein Leben der Freiheit? Dies ist der Ausgangspunkt des Buches „Die Torheit Gottes“ von John D. Caputo.

1.
Darüber besteht für Caputo – und nicht nur ihn – völlige Gewissheit: Wer heute mit klarer Vernunft an Gott glauben will, sollte sich von den klassischen Gottesbildern befreien. Das tun Gott sei Dank allmählich viele. Denn eine dauerhafte Bewusstseinsspaltung zwischen einem naiven Kinder – Glauben und einem kritischen Bewusstsein wollen nur die vielen Evangelikalen, Pfingstler, konservativen Katholiken und Putin-gläubigen Orthodoxen hinnehmen. Vor allem das Bild von Gott als oberstem Sein selbst, als Gott in der Höhe, an der obersten Spitze aller denkbaren Hierarchien, allmächtig und von Engeln umgeben und so weiter, kann ein Mensch mit klarer Vernunft nicht akzeptieren. Dort startet Caputo mit seinen Reflexionen, die in 10 Kapiteln immer wieder die eine Grund-These umrunden: Nur ein schwacher Gott eröffnet heute lebendiges, freies Leben.

2.
Dabei ist der „schwache Gott“ für jene Leute, die immer noch an einen göttlichen Tyrannen im Himmel glauben, die größte Provokation. Caputos Buch ist insofern der Aufruf zur Reform, mehr noch: Zur Reformation des christlichen Denkens und Handelns. Alles kommt darauf an, die materiell gar nicht greifbare Stimme des schwachen Gottes im Gewissen (im Geist) zu vernehmen. Dort und nur dort ereignet sich der Unbedingte, der Gott, der leise die Menschen zum ethisch guten Leben und politischen Handeln aufruft. Diese Stimme des schwachen Gottes ist unbedingt, kann aber vom Menschen ignoriert und überhört werden, was ja faktisch ständig geschieht bei so vielen Verbrechern in der Politik in dieser verrückten Welt.
Das ist der Mittelpunkt des Plädoyers Caputos für den schwachen Gott. Wer dieses Zentrum erreichen will, lese zu Beginn die letzten Zeilen unter dem Titel „Genug gesagt“ in dem Buch, S. 149 bis 152.

3.
Hier aber noch einige weitere Hinweise und Bemerkungen zu dem Buch mit dem provozierenden Titel „Die Torheit Gottes. Eine radikale Theologie des Unbedingten“.
Der US-Amerikaner John D. Caputo wurde 1940 geboren, er ist katholisch gebildet, er war einige Jahre Mitglied des Ordens der „La Salle-Schul-Brüder“ (Quelle: Revista Hispanoamericana T.O.R., Num. 2, 2021, P. 69 ff)
Eine lange Liste Englisch sprachiger Bücher dokumentiert die philosophische Leidenschaft Caputos, die Bibliographie nennt 13 Titel (S. 153).

4.
Caputos Buch„Die Torheit Gottes“ hat den Untertitel „Eine radikale Theologie des Unbedingten“. Und auf S. 100 werden wir informiert: „Die Torheit Gottes besteht darin, dass Gott nicht existiert“. Das ist ein typischer Caputo-Satz. Der Philosoph mit einer starken Kompetenz für theologische Probleme neigt auch zu sperrigen Formulierungen, manchmal sind sie etwas flapsig, leicht ironisch, so auch hier: Der gerade zitierte Satz könnte (von mir) also übersetzt werden, leicht provozierend wie bei Caputo selbst: „Der klassisch verehrte Gott ist so dumm (so töricht, Torheit!), dass dieser klassische Gott gar nicht existiert“. Auf S. 67 stellt Caputo die eher rhetorische Fragen: „Was ist Gott anderes als die Möglichkeit des Unmöglichen, das Wort für das Ereignis des (Un)Bedingten?…“ Das „Ereignis“ ist das überraschende Geschehen der Öffnung des Daseins aus den Verklemmtheiten und Versperrungen im Denken: Im Ereignis spricht uns etwas Unbedingtes zu, „die Aussicht auf etwas, das im Kommen ist und das den Horizont der Gegenwart erschüttert“ (S. 119).

Im „Ereignis“ also zeigt sich das Unbedingte, ein Wort, das Caputo sehr schätzt in seiner Hochachtung für den Theologen Paul Tillich! Und dieses Unbedingte als das lebendig Göttliche existiert nicht, sondern, und das ist mehr als ein Sprachspiel: Dieser Gott in-sistiert, d.h. er drängt sich auf inmitten des Lebens. Er ruft – im Gewissen, so interpretiere ich – den Menschen auf, lebendiger als bisher zu leben, Verantwortung zu übernehmen, zu lieben… Aber es ist keine objektiv greifbare Wesenheit, die da ruft, betont Caputo etwas verschlüsselt, sondern eine „nicht-existierende Unbedingtheit“ (S.151). Es ist ein niemals zu greifender Gott, der in seinem sanften In-sistieren im Geist der Menschen „auftritt“ und insgesamt schwach ist und nicht herrschend und mächtig. Der schwache Gott ist DAS Thema Caputos, ein Thema, das ihn mit dem italienischen Philosophen Gianni Vatttimo verbindet (vgl. etwa Gianni Vattimo, „Glauben-Philosophieren“, Reclam 1997).

5.
Dieser Gott, der nicht „greifbar“, nicht definierbar ist, der nicht existiert, führt die glaubenden Christen zur Einsicht: Sie, die den nicht-existierenden („objektiv vorhandenen“) Gott ablehnen, sind eigentlich auch Atheisten, weil sie den klassisch – dogmatisch vermittelten Gott zurückweisen. Und die klassischen, „aufklärerischen“ Atheisten, die gerade diesen angeblich objektiv existierenden Gott ablehnen, müssen sich nun auch neu orientieren, wenn denn der „wahre Gott“ der jeweils neu mitten im Leben insistierende schwache Gott ist!
Man möchte fast den Gedanken in Formulierungen der etwas flapsiger Art fortführen, ein Stil, den auch Caputo in dem Buch schätzt und dann sagen: Vielleicht werden angesichts des schwachen Gottes auch die Atheisten schwach und… beginnen an den schwachen Gott zu glauben?

6.
Caputo ist einer der wenigen katholischen Philosophen und Theologen, die sich explizit zustimmend und lernend auf den Philosophen Jacques Derrida beziehen. Auch in diesem Buch! Caputo hatte zuvor intensiv Heidegger studiert, Thomas von Aquin ebenso und Augustinus und Kierkegaard… Derrida ist (neben Tillich) sozusagen die wichtigste Quelle der Inspiration für Caputo. Über Derrida hat Caputo mehrere Tagungen an der Villanova-Universität (Philadelphia, USA, geleitet vom Augustiner-Orden) organisiert.

7.
Caputo liebt die philosophische Spekulation, das Hin und Her der Begriffe, er begibt sich auf seine Art in die Abgründe der Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie, die ewig die Frage diskutiert: Welcher Gott ist denn nun wirklich göttlich und kann als solcher von den kritischen Menschen akzeptiert werden. Auch den Menschen in Indien, in Tokio, am Amazonas? Diese Frage stellt Caputo nicht. Er ist als westlicher, klassisch gebildeter Philosoph mit seiner Liebe zur Postmoderne und zur „Dekonstruktion“ (die wichtigste philosophische Aktivität von Jacques Derrida) immer noch auf der alten europäischen Fährte der Suche nach einem göttlichen Gott, dem ganz Anderen, der alle Begriffe sprengt.
So will Caputo im Denken freien Raum schaffen, er muss alte Gottesbilder entfernen, nur so kann er auch neu über den Zentralbegriff der biblischen Botschaft nachdenken, das Reich Gottes. Bei dem Thema kommen dann zum ersten Mal etwas politisch bestimmte Aspekte zur Sprache.

8.
Letztlich ist für Caputo das Reich Gottes eine Welt der Menschen, die sich ganz der Nächstenliebe verschrieben haben. Nur darauf kommt es an! Wahrscheinlich hat Caputo dieses Buch vor allem geschrieben, um zu dieser Einsicht die Glaubenden, auch die Kirchen, aufzufordern: Menschlichkeit ist das Wichtigste, sie zu fördern ist die einzige und wahre Antwort auf den „schwachen“ Ruf des Unbedingten im Menschen. Denn wenn der Ruf des schwachen Gottes im Gewissen eines jeden Menschen sich ereignet, ist ja – wie gesagt – die universelle humane Dimension des Gewissens gemeint. Denn es wäre ja verfehlt, den Ruf des Gewissens als ein explizit religiöses Ereignis zu verstehen, der Ruf des Unbedingten im Gewissen ist etwas Humanes. Wer Caputo so versteht, muss ihm förmlich eine notwendige Säkularsierung des göttlichen Rufes zugestehen. Mit anderen Worten: Es geht in dem langen Text nur um die eigentlich schlichte Einsicht: Die Menschen sollen – um Gottes willen – endlich ihrem Gewissen praktisch folgen. Kant sprach vom Kategorischen Imperativ, viele religiöse Traditionen sprechen von der „Goldenen Regel“.

9.
Es wäre weiterführend und hilfreich gewesen, wenn Caputo noch Stellung genommen hätte, zu der Frage: Wenn die Menschen diesem Ruf des Unbedingten überhaupt nicht folgen, sich also in Kriegen abschlachten und wenn die reiche kapitalistische Welt das Verhungern von Millionen Menschen einfach so hinnimmt mit wortreichen Statements, was bedeutet dann der schwache Gott? Ist er also schwach mit den (moralisch, geistig, politisch) schwachen Menschen? Von der Klimakatastrophe, von Menschen gemacht, hätte Caputo auch ein paar Worte sagen können, als Beispiel, wie der schwache Gott im Menschen wirkt oder eben nicht gehört wird.
Man möchte meinen: Vielleicht ist der schwache Gott mit seinem stillen Ruf, wie Caputo lang und breit immer wieder umschreibt, doch hoffnungslos zu schwach… und lässt es zu, dass sich die Menschen ihr eigenes und der Welten Ende bewirken. So könnte man förmlich von einer Art neuen negativen Theodizee sprechen, also von einer ungewöhnlichen Rechtfertigung Gottes angesichts des Elends der Welt!
Wer dann aber noch an dem Mythos der Schöpfung der Welt und der Menschen durch einen Gott festhält, muss angesichts des schwachen Gottes sagen: Der schwache Gott hat schwache Menschen erschaffen, die in der Lage sind, die Welt in den Abgrund zu stürzen. Könnte man das ganze Geschehen eine göttliche Katastrophe nennen? Ein tröstlicher Gott ist der schwache Gott, der Gott als Torheit, jedenfalls nicht. Beruhigendes Opium ist dieser schwache Gott nun absolut gar nicht. Der Mensch steht nun angesichts des schwachen Gottes nackt und schutzlos da. Wird diese Einsicht viele Menschen, auf göttlichen Trost fixiert sind, bewegen, d.h. zur Zustimmung zu Caputos Corsxchlägen führen?

10.
Der frühere allmächtig genannte Gott, so laut und innig in so vielen theologisch dummen Kirchenliedern besungen („Großer Gott wir loben dich, Herr wir preisen deine Stärke“, oder: „Ein feste Burg ist unser Gott…“ usw. usw.) war ja auch schon schwach. Er hat sich gegenüber den damals schon schwach glaubenden Menschen auch nicht „stark“ durchgesetzt. Alle Lieder und Bekenntnisse waren Trallala, nette naive Poesie zur Abwechslung in den ewigen Kriegszeiten. Der Große Gott im Himmel hat das Elend der Welt auch nicht überwunden. Diese Lieder vom allmächtigen Gott waren also Ideologie der Herrscher, Beruhigung, Opium…

11.
Nebenbei: „Großer Gott wir loben dich“ wurde auf Befehl der Kaiserin Maria Theresia 1774 ins „katholische Gesangbuch“ aufgenommen. Maria Theresia war eine innenpolitisch reaktionäre, intolerante Herrscherin, sie führte drei Kriege und pries dann den großen Gott für ihre Siege… Auch Angela Merkel schätzte übrigens sehr den Song „Großer Gott wir loben dich“, siehe Zapfenstreich…Heute wissen wir, dass so vieles Löbliches bei Angela Merkel auch nicht übrig bleibt, angesichts ihrer jetzt offenkundigen Naivität und Nachlässigkeit im Umgang mit dem schon seit 2006 bekannten Diktator und Kriegstreiber Putin.

13.
Noch einmal gefragt: Kurz gesagt: Welchen Sinn hat der Glaube an einen schwachen oder auch an einen starken Gott eigentlich, wenn die Menschen diese Welt (eine Schöpfung Gottes?) In vielfacher Hinsicht systematisch zerstören und vernichten. Und die Kirchenführer sind hilflos, dem Faschismus, dem Rechtsextremismus usw. Parole zu bieten und ihre frommen Schäfchen zur politischen Vernunft, also zum praktischen Respekt der universal geltenden Menschenrechte, zu bringen.

14.
Die Übersetzer des Buches „The Folly of God“ (2016) bieten im Buch zusammen mit dem Theologen Prof. Michael Schüßler, Tübingen, noch „Resonanzen“, Reflexionen persönlicher Art, zu Caputos Einsichten (S. 157 – 166)

John D. Caputo, „Die Torheit Gottes. Eine radikale Theologie des Unbedingten“. Übersetzt von Helena Rimmele und Herbert Rochlitz, Grünewald-Verlag, 2022. 167 Seiten, 19€.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

Auch Gott untersteht dem Recht und der universellen Gerechtigkeit!

Für Abraham ist Gott nicht das „Wichtigste“!
Ein Hinweis von Christian Modehn.

Das Motto:
Wenn die Erkenntnis der Bibel, mitgeteilt in einigen Geschichten über Abraham, von den Religionen und Kirchen beachtet würde: Dann wäre die wahre Religion die ethische Haltung, die Gerechtigkeit für alle fordert und lebt. Dann wäre ein Ende der offenbar allmächtigen Klerus-Herrschaft (Klerus gibt es bekanntlich in allen Religionen) absehbar…

1.
Erich Fromm, Psychologe und Philosoph, hat in seiner Studie „Psychoanalyse und Religion“ (1950) eine grundlegende Erkenntnis zum Verhältnis des Menschen zu Gott (in der Überlieferung des Alten Testamentes) formuliert.
Diese Erkenntnis hat leider im Laufe der Geschichte des jüdischen Volkes und der Kirchen nur wenig Beachtung gefunden.
Und das sollte sich ändern. Nun hat sich auch der Philosoph und Kenner der hebräischen Bibel (Altes Testament) Omi Boehm in seinem neuen Buch „Radikaler Universalismus“ (2022) dieser Erkenntnis von Erich Fromm angeschlossen.Sie wird in gewisser Weise unterstützt im neuen Buch des US-amerikanischen Philosophen John D. Caputo „Die Torheit Gottes“.

2.
Worum geht es? In den Erzählungen des Alten Testaments verpflichtet sich Gott selbst, niemals alles Leben auf Erden zu vernichten (Gen. 9,11). Gott schließt einen Bund mit den Menschen, und diese sollen sich ihrerseits verpflichten, niemals einen anderen Menschen zu töten. Gott bindet sich also in einen Vertrag, an „ein Prinzip, das er, Gott, nicht verletzen darf, nämlich das Prinzip der Ehrfurcht vor dem Leben….Der Mensch kann auch Gott zur Rechenschaft ziehen, wenn er sich der Verletzung des Prinzips schuldig macht“ (betont Erich Fromm, Gesamtausgabe Band VI, S. 253).
Als Gott die Städte Sodom und Gomorrha wegen der Sünde der Menschen dort vernichten wollte, wird er von Abraham daran erinnert: Er, Gott, wollte sich selbst unter das Gesetz der Gerechtigkeit stellen. Und Gott lässt sich durch Abraham an seinen Grundsatz erinnern. (Vgl. Die Erzählung Genesis, 18, Vers 25).

1966 ist Erich Fromm erneut auf dieses Thema zurückgekommen, in seinem Beitrag „Ihr werdet sein wie Gott“ (1966): „Mit der Kühnheit eines Helden fordert Abraham (im Fall von Sodom und Gomorrha) Gott auf, sich an die Grundsätze der Gerechtigkeit zu halten. Abraham verhält sich also nicht wie ein demütiger Bittsteller, sondern wie ein stolzer Mann, der das Recht hat, von Gott zu verlangen, dass dieser sich an das Prinzip der Gerechtigkeit hält“ (S. 99).

3.
Abraham ist der Vater der (monotheistisch) Glaubenden, er lehrt: Über Gott steht die Gerechtigkeit, stehen die Gesetze, zu denen er sich selbst verpflichtet hat. „Weil Gott durch die Normen von Gerechtigkeit und Liebe gebunden ist, ist der Mensch nicht länger sein Sklave. Beide Mensch und Gott, sind an festgelegte Prinzipien und Normen gebunden“, so Erich Fromm (ebd.).

4.
Auch in der späteren Erzählung über Abraham und seinen Sohn Isaac zeigt sich, dass Abraham sich dem Befehl Gottes widersetzt, seinen Sohn Isaac abzuschlachten. (Vgl. Genesis, Kap. 22, bes. Verse 9 ff.) Es sind die gründlichen Studien des Philosophen Omri Boehm, die uns von dem Klischee befreien, Abraham sei der total Gehorsame, der sich nur von einem Engel (Vers 11) davon abhalten lässt, seinen Sohn Isaac zu töten. Denn mit dem „Engel des Herrn“ wird noch unterstellt, dass Gott selbst noch die Initiative ergreift, um Abrahams Gehorsam nicht bis zur tödlichen Konsequenz zu treiben. Boehm weist nun nach, dass die beiden Verse 11 und 12, also die Verse, die vom Eingreifen des göttlichen Engels sprechen, später eingefügt wurden. Nimmt man diese beiden Verse aus der Erzählung sinnvollerweise heraus, dann ist es Abraham selbst, der zur Erkenntnis kommt: Ungehorsam gegen Gottes Tötungsbefehl ist das Wahre. Abraham entdeckt selbst den Widder, den er anstelle Isaacs tötet.

5.
Immanuel Kant hat in seiner Publikation „Streit der Fakultäten“ (1798) als einer der ersten Philosophen deutlich gefordert, dass Abraham seinen Sohn niemals hätte töten dürfen, Nur Ungehorsam gegen Gott wäre also richtig und ethisch wahrhaftig gewesen. Kant schreibt: „Abraham hätte auf diese vermeinte göttliche Stimme antworten müssen: Dass ich meinen guten Sohn nicht töten soll, ist ganz gewiss; dass aber du, der du mir erscheinst, Gott sei, davon bin ich nicht gewiss und kann es auch nicht werden“.

6.
Der Philosoph Omri Boehm hat sich ausführlich, auch von dem jüdischen Philosophen Maimonides inspiriert, mit dem ethisch richtigen Ungehorsam Abrahams befasst. „Abrahams Punkt ist, dass eine universalistische Moral nur über der Gottheit stehen kann“ (in „Radikaler Universalismus“, S. 54). Aufgrund der universellen Gerechtigkeit (die ausnahmslos ALLEN Menschen immer gilt) ist es wahr, „Gottes Autorität zu widersprechen“ (ebd.)

7.
Die revolutionäre, sozusagen Gott-kritische Erkenntnis heißt also:
„Die wichtigste Errungenschaft des biblischen Monotheismus ist das Bekenntnis zu einer exklusiv einzigen, wahren Gottheit – um diese anschließend einer noch höheren, über ihr stehenden Gerechtigkeit zu unterwerfen“ (von Omri Boehm kursiv gesetzt, S. 21) Abraham ist der Vater aller Völker, eine Bedeutung, die ihn über Moses erhebt, betont Boehm. “Es gibt nur einen wahren Gott, doch die Autorität der universellen Gerechtigkeit steht über ihm“ (Omri Boehm, S. 22).

8.
Dies ist eine provozierende, wenn nicht unangenehme Erkenntnis für die Religionen und Kirchen. Denn ihre Theologen und Kirchenleiter und Religionsführer bedienen sich ständig mit göttlicher Autorität der Weisungen, die angeblich von Gott selbst stammen. Die Religionsführer brauchen förmlich Gott und seine begrenzten Gebote, um ihre eigene Herrschaft zu zementieren. Tausend Beispiele wären zu nennen, etwa: Israel ist nur der Staat der Juden; Frauen dürfen niemals katholische Priesterinnen werden; Frauen sind den Männern im Islam untertan usw… Es wäre wichtig, eine große Studie in Gang zu bringen, die die – geringe – Bedeutung Abrahams im Laufe der Geschichte der drei monotheistischen Religionen aufzeigt, Gehorsam gegen Gott erschien immer die den Religionsführern bequemere Lösung als das Eintreten für einen universellen religiösen Humanismus.

9.
Die entscheidende und dringend geforderte Reformation der drei monotheistischen Religionen kann nur gelingen, wenn die Religionsführer und die von ihnen geführten Gläubigen wahrnehmen und in der Praxis anerkennen: Über Gott und seinen von den Religionsführern interpretierten Gesetzen steht die universale Gerechtigkeit für alle Menschen überall und immer. Abrahams Erkenntnis könnte also heute die drei monotheistischen Religionen in ihrer Beton-Mentalität aufsprengen und endlich aus den Religionen humane Institutionen werden lassen. Aber das setzt vor aus. Dass die Religionsführer der drei monotheistischen Religionen lernfähig werden und sich endlich um die Erkenntnisse Abrahams kümmern. Aber die Konsequenzen wäre Machtverlust des gesamten „Klerus“ der drei Religionen. Und diesen Machtverlust wollen diese Herren (es sind fast immer Männer) überhaupt nicht hinnehmen. Also bleibt Abrahams entscheidender, humaner Ungehorsam gegen Gott auf Dauer doch marginal … und fast vergessen.…

10.
… So, wie die entscheidende Rede Jesu „Vom Weltgericht“ (Matthäus-Evangelium, 25. Kap., Verse 31 bis 46) als Umsturz alles nur „Religiös-Frommen“ und als Durchbruch einer humanen ethischen Haltung ALS Religion von den Religionen, Kirchen, nicht respektiert wird. Die Aussage Jesu gipfelt bekanntlich in einer Lehre umfassender Humanität: „Was ihr Menschen für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Vers 40). Das heißt: Der wahre Gottesdienst im Sinne des Propheten Jesus von Nazareth ist Nächstenliebe. Alles andere ist zweitrangig, das Zweitrangige, also das Religiöse, die Gottesdienste, Liturgien, Kirchengesetze etc. werden aber vom Klerus als erstrangig gefordert und durchgesetzt. Und die Gläubigen glauben in ihrer autoritären Bindung dem Klerus auch noch und folgen nicht den Weisungen des Propheten Jesus von Nazareth..

11.
Nur einige gebildete religiöse Menschen werden die Kraft haben, sich aus dieser Herrschaft der Religionsführer zu befreien und sich einer humanen Vernunft-Religion anschließen, die schon Immanuel Kant beschrieben und gefordert hat in seiner sehr lesenswerten Publikation „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“. LINK

12.
Auch die Studien des US-amerikanischen Philosophen John D. Caputo folgen einer Erkenntnis, die der Erzählung über Abrahams Einsicht entspricht: In seinem Buch „Die Torheit Gottes“ (Grünewald-Verlag, Ostfildern 2022) befreit Prof. Caputo das religiöse Denken vom Glauben an den allmächtigen Gott in der Höhe oder auch in der Tiefe. In seinen durchaus provozierend gemeinten Überlegungen zeigt Caputo: Gott existiert nicht (als ein vorzeigbares „Objekt“), Gott existiert nicht, aber er INSISTIERT: Das heißt das göttliche Leben insistiert im Menschen als Ruf, als Aufforderung, human zu leben. Das Bild „Reich Gottes“ sagt diese Möglichkeit aus, einen universal geltenden Humanismus zu leben. (Vgl. bes. das Kapitel „Dein Reich komme“ in „Die Torheit Gottes, S. 137 ff.) Auch Caputo erinnert eindringlich an die revolutionäre Kraft der Rede Jesu vom Endgericht (S. 143).

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

 

Gegen den Wahn, sich in „Identitäten“ abzukapseln. Für einen radikalen Universalismus.

Über ein wichtiges neues Buch des Philosophen Omri Boehm.
Von Christian Modehn.

1.
Nun haben sich schon wieder Nationalisten als stärkste Parteien durchsetzen können: die Rechtsextremen und die Post-Faschisten in Italien bei den Wahlen am 25.9.2022. Ihnen gemeinsam ist die Fixierung auf die „Identität“, die sich immer über das entscheidende Wort „zuerst“ definiert: Also nun auch „Italien zuerst“, wie die postfaschistische Girorgia Meloni betont, wie früher schon Madame Le Pen mit ihrem „Frankreich zuerst“ (Le Pen) oder auch „America first“ von Mister Trump.

2.
In dieser Situation einer zunehmenden nationalen und ins Faschistische abgleitenden Identitäts-Politik ist das neue Buch des Philosophen Omri Böhm von besonderer aktueller Bedeutung. Der Titel „Radikaler Universalismus. Jenseits von Identitäten“ (Propyläen-Verlag, 2022) beschreibt sein philosophisches Programm, das Boehm mit aller Schärfe und Klarheit der Argumentation vorträgt. Boehm, Jahrgang 1979, ist israelischer und deutscher Staatsbürger, er lehrt als Associate Professor für Philosophie an der „New School of Social Research“ in New York.

3.
Die heutige Betonung einer angeblich absoluten Geltung der Identitäten betrifft nicht nur die nationalistischen und faschistischen politischen Strömungen. Identitäts-Fixierungen werden sichtbar, so Boehm, in zahlreichen aktuellen Theorien und Ideologien. Etwa, wenn behauptet wird, dass vorrangig die Identitäten von Geschlechtern oder sozialen und politischen Minderheiten respektiert werden müssen, dass also „meine Bindung“ an „meine besondere Gruppe“ (bzw. Nation) wichtiger sei als mein Respekt der universalistischen Werte der Menschheit.
Jedoch gilt: An dieser „allgemeinen“ Menschheit mit ihren universalen Rechten und Pflichten hat aber jeder einzelne Mensch als Mensch Anteil. Und diese allen gemeinsame Bindung an die Menschheit mit ihren rechten und Pflichten muss bestimmender und vorrangiger sein als die begrenzten Werte, die aus meiner/unserer immer begrenzten Identität (etwa als Homosexueller, als Indigener usw.) folgen. Boehm tritt also in aller Schärfe für einen „universellen Humanismus“ ein, das betont er schon in seinem „Prolog“ auf S. 12. Boehm zeigt, dass der moralische Universalismus die unbedingte Pflicht eines jeden Menschen bedeutet, für die universale Gerechtigkeit und für alle geltende Gleichheit einzutreten und diese zu leben und auch politisch zu gestalten.

4.
Die Kämpfer für die „identischen“ Rechte von bestimmten, abgegrenzten Gruppen (etwa „LGBTQ-Menschen, S. 13) will Boehm keineswegs diffamieren. Er will nur beweisen, dass sie in ihrem Einsatz für ihre Identitäten durchaus die Verbindung mit den universalen Grundrechten benötigen, soll denn das Engagement zum Ziel führen, also für sie selbst erfolgreich sein. Der universelle Humanismus soll also für Boehm „ein Kompass, sogar eine Waffe“ sein (14). Und Boehm weiß, dass es viele „falsche Universalisten“ gibt, die mit ihren Sprüchen und Taten nur die westliche Vorherrschaft meinen, etwa: Von Menschenrechten groß schwadronieren, aber sich selbst nicht an sie binden. Das trifft etwa für die katholische Kirchenführung zu, dieses Beispiel nenne ich, konsequenterweise, nicht Boehm.

5.
Immanuel Kant ist für Omi Boehm „der unverzichtbare Denker“ (16). Kant hat, sage ich nun mit einem klassischen Begriff, „Wesentliches“ vom Menschen gedacht. Boehm meint dasselbe, wenn er betont: Kant habe den Menschen „frei von jeder Beimischung biologischer, zoologischer, historischer und soziologischer Tatsachen“ (16) erkannt. Diese Konzentration Kants auf das Allgemeine, „Wesentliche“ des Menschen bzw. der Menschheit, nennt Boehm durchgehend in seinem Buch „abstrakt“. Der entscheidende Begriff „des“ Menschen, muss also Kant folgend, „abstrakt bleiben“ (16), das betont Boehm immer wieder.
Ich möchte fragen, ob es geschickt ist, diesen universalen „Wesensbegriff“ des Menschen „abstrakt“ zu nennen. „Abstrakt“ hat oft eine negative Konnotation.
Aber abgesehen davon: Durch Kant wird die Menschlichkeit des Menschen nicht durch natürliche Bestimmungen festgelegt, sondern durch die geistigen Leistungen der Freiheit, zu der auch die Pflicht gehört, das moralische Gesetz in mir als unbedingt auch für mich geltend wahrzunehmen und ihm zu folgen. Denn der Mensch kann in seiner Freiheit dem moralischen Gesetz in seiner Lebenspraxis folgen, betont Kant, warum sonst würde sich dieses moralische Gesetz denn sonst im Menschen überhaupt unbedingt zeigen?
Wenn der Mensch sich von sich distanzieren kann, wenn er also fragen kann, was er tun soll, dann zeigt er sich darin als freie Person. Er kann dem kategorischen Imperativ prinzipiell folgen!
Dieser „kategorische Imperativ“ ist eine geistige Wirklichkeit, diese ist „nicht von Menschen gemacht“ (17), sie kann also auch nicht von Menschen ausgelöscht werden. D.h.: Der kategorische Imperativ ist also nicht an bestimmte Konventionen gebunden oder historische Umstände, er gilt universell. Nur im Respekt vor einem „höheren Gesetz“ (20), also dem Kategorischen Imperativ, kann der einzelne darauf hoffen, dass seine persönlichen Wünsche (etwa hinsichtlich der Bindung an eine Identität) von anderen respektiert werden. Jeder, der ernsthaft seine eigenen Identitäten verteidigt, braucht als argumentative Unterstützung notwendigerweise die universalen Menschheitswerte der Freiheit, der Gleichheit, der Gerechtigkeit. „Die abstrakte, absolute Verpflichtung auf die Menschheit (durch die universalen Rechte, CM) löscht die Identitäten ja nicht aus; ganz im Gegenteil sind es die Identitäten, die sich gegenseitig auslöschen. Letztlich wird nur der Universalismus sie verteidigen können“. (155).

6.
Boehm ist mit der jüdischen Spiritualität bestens vertraut. Seine besondere Leistung ist, dass er auch in seinem neuen Buch alt vertraute biblische Erzählungen korrigiert, etwa die Erzählungen der hebräischen Bibel, des Alten Testaments, die sich auf die Gestalt Abrahams beziehen. Abraham ist für Boehm die entscheidende und prägende Figur der Bibel: Abraham hat als gläubiger Mensch den Mut, Gott zu widersprechen und sogar noch weiter zu gehen, wenn er betont: Dass es für Gott eine noch über ihm stehende Gerechtigkeit gibt, der auch Gott unterworfen ist. Gerechtigkeit, durch die Vernunft der Menschen erkannt, steht nicht über den göttlichen Geboten, mehr noch: Gott selbst steht in der Erfahrung Abrahams unter dem universalen Gebot der Gerechtigkeit! Was für eine Aussage, deren Konsequenzen leider Boehm nicht weiter entwickelt! Diese Erkenntnis führt zu einer radikalen Kritik des überlieferten und konfessionell immer nicht prägenden Begriff Gottes!

7.
In seiner Auseinandersetzung mit Gott angesichts der Bestrafung von Sodom und Gomorrah betont Abraham: „Sollte der Richter aller Welt, Gott, nicht gerecht richten“? (Genesis, 18., Vers 25). Die universelle Gerechtigkeit, die eben auch die Rettung der wenigen Unschuldigen in Sodom und Gomorrha betrifft, ist also wichtiger und größer als Gott selbst! Gort muss sich an das Prinzip der Gerechtigkeit binden!
Diese Erkenntnis bezieht Boehm auch auf die bekannte Geschichte von Abraham und seinem Sohn Isaac. Boehm zeigt: Abraham widerspricht Gott, und er opfert seinen Sohn gerade NICHT, wie es Gott anfänglich verlangte. Boehm hat zu dieser biblischen Erzählung ausführliche Studien betrieben. In der „Jüdischen Allgemeinen“ hat er schon am 24.2. 2015 darüber kurz berichtet: „Ich versuche nun, zu zeigen, dass zwei Verse dieser biblischen Geschichte in Wirklichkeit nachträgliche Hinzufügungen zum Originaltext sind. Es handelt sich um die Verse 11 und 12 in Genesis, Kapitel 22, in denen der Engel des Herrn Abraham im letzten Moment davon abhält, seinen Sohn zu töten. Wenn man diese Verse – eine spätere Einfügung – wieder herausnimmt, bekommt man eine in sich geschlossene, aber völlig andere Geschichte. Das heißt: Abraham entscheidet selbst und auf eigene Verantwortung – ohne das Eingreifen des Engels –, Gottes Weisung nicht zu befolgen“.
Noch einmal: In seinem neuen Buch betont Boehm: „Da die Gerechtigkeit universell ist, steht sie auch über der Autorität der einen wahren Gottheit“ (53). Diese über allem und allen stehende Gerechtigkeit ist entscheidender noch als Gott! Das in dieser Deutlichkeit zu sagen, ist sensationell, weil dann Gott nicht mehr der „Aller-Oberste“ ist. Es gibt noch eine Art „Gott über Gott“, dies ist die universale Gerechtigkeit. Aber die zeigt sich in der Erfahrung der Menschen als eine nicht von Menschen gemachte und von Menschen verfügbare Wirklichkeit.

8.
Ist diese oberste Gerechtigkeit also selbst „wahrhaftig“ göttlich zu nennen, sozusagen der „oberste Gott“? Sollte sie, diese universale Gerechtigkeit, dann nicht auch – in welcher Form – verehrt werden?
Diese Frage wird leider von Boehm nicht erörtert. Nebenbei: Es gab ja bei dem protestantischen Theologen Paul Tillich schon den Gedanken, dass es einen „Gott über Gott“ gibt. Und auch Meister Eckart hat unterschieden zwischen Gott und der Gottheit, die er allerdings für unerkennbar bzw. undefinierbar hielt. Eine weitere Frage: Ist nicht diese oberste Gerechtigkeit („über Gott“ noch stehend) auch notwendigerweise dann doch (allzu) menschlich gedacht? Wenn ja, was sicher ist: Wie kann man dann aber noch an einem „eigentlich“ unerkennbaren, bildlosen Gott des Alten Testaments festhalten?

9.
Boehm zeigt weiter in seinem Buch, wie der Bürgerrechtler Pastor Martin Luther King ebenfalls die universalen Menschenrechte in seinem Kampf zugunsten der Rechte der Schwarzen an die erste Stelle setzte.
Eher auf die US-amerikanische Situation bezogen sind Böhms Auseinandersetzungen mit dem dort überaus populären Philosophen Richard Rorty: Er entwickelt eine eher „liberal“ genannte Philosophie, die sich auch nicht scheut, die Bedeutungslosigkeit der Philosophie für die Politik öffentlich zuzugeben. Auch der us-amerikanische Philosoph Dewey wird von Boehm heftig kritisiert, weil er eine kategorisch geltende Wahrheit ablehnt.

10.
Omi Boehm, geboren in Haifa, setzt sich seit einigen Jahren auch mit der Politik des Staates Israel auseinander, vor allem was den Aufbau gerechter Verhältnisse mit den Palästinensern angeht. Er kritisiert auch in seinem neuen Buch, so wörtlich, „die Apartheitstruktur“ (S. 150), die die israelische Siedlungspolitik im Westjordanland „seit vielen Jahren betreibt“. Wie alle westlichen liberalen Demokratien ist in Böhms Sicht auch der Staat Israel „auf der gewaltsamen Unterdrückung anderer gegründet“ (S. 152). Diese Identitätspolitik der Palästinenser wie der Juden kann nur, so Boehm, „jeweils zur Auslöschung der anderen führen“. Boehm plädiert für die „Einstaatenlösung“.

11.
So wird Omi Boehm durch seine erneute Auseinandersetzung mit Israel zu der Erkenntnis geführt: „Die einzige Möglichkeit, die Antinomien von Identitäten aufzulösen, die einander nihilistisch auslöschen, besteht darin, auf dem Universalismus als Ursprung zu beharren statt auf Identität. Darin, die eigen Politik mit der Verpflichtung auf die Gleichheit aller Menschen zu beginnen und die Ansprüche von Identität an dieser Verpflichtung zu prüfen“ (154).

12.
Das Buch „Radikaler Universalismus“ verlangt eine konzentrierte Lektüre, es ist aber nicht für die wenige Fachphilosophen“ geschrieben. Ausnahmsweise muss man als Rezent einmal sagen: Ich hätte mir sogar noch ausführlichere Darstellungen und Begründungen und Ausweis von Konsequenzen gewünscht.

13.
Kants Studie „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ sollte in dem Zusammenhang viel mehr gewürdigt werden. Vielleicht gelingt das zum Kant Jubiläum 2024 (300. Geburtstag). Kants Vorschläge könnten den Christen (auch den Juden und Muslime) Möglichkeiten zeigen, ohne dogmatische Bindungen und ohne religiöse fixierte Institutionen ein vernünftiges religiöses Leben zu gestalten. Eben in der Überordnung des Ethischen (des moralisch guten Lebens) über die religiösen Gebote und Gesetze, über die kirchlichen Lehren sowieso, wie Kant dringend fordert! Ausführliche Hinweise, siehe: LINK.

Omri Boehm, „Radikaler Universalismus. Jenseits von Identitäten“. Propyläen Verlag, Berlin, 2022, Aus dem Englischen übersetzt von Michael Adrian. 175 Seiten, 22 Euro.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 

 

 

 

Ludwig Feuerbach, vor 150 Jahren gestorben: „Der Mensch erschafft sich Gott“!

Wie aktuell ist der radikale Überwinder einer christlichen Theologie? Ludwig Feuerbach am 13.9.1872 gestorben.
Ein Hinweis von Christian Modehn.

Der Ausgangspunkt:
In der Erinnerung an den Philosophen Feuerbach wird deutlich: Philosophische Reflexionen, zugespitzt auf griffige Formeln, werden weit über die kleine philosophische Fachwelt hinaus verbreitet, sie können dann das Denken und Fühlen weiter Kreise bestimmen. Ludwig Feuerbachs Ethik mit der Formel „Der Mensch ist dem Menschen ein Gott“ gehört zu diesen Slogans wie auch seine Behauptung: „Die Vernunft, die an Gott glaubt, glaubt nur an sich selbst, also an die Realität ihres eigenen unendlichen Wesens“. Solche Sprüche haben sich durchgesetzt und wurden – wie sollte es anders sein – auch wiederum nur geglaubt und als allgemeiner Glaube wie für selbstverständlich gehalten. Die Wirkungsgeschichte gerade des Buches „Das Wesen des Christentums“ ist paradox, betonte doch Feuerbach darin ausdrücklich, sein sehr umfangreiches Werk sei vor allem für die gebildeten Kreise bedeutsam. Dennoch haben sich bestimmte publikumswirksame Thesen der Religionskritik Feuerbachs schnell weit verbreitet …und werden wie Dogmen geglaubt.

1. Der große Umbruch der Mentalitäten!
Nach dem Tod G.W.F. Hegels im Jahr 1831 spürten die Intellektuellen, wie sich der geistige Horizont veränderte, wie sich ein Umbruch in der Mentalität ereignete, nicht nur unter den genanten gebildeten Kreise in Deutschland, sondern darüber hinaus. Was Feuerbach inszenierte, war eine Revolution des Denkens, der Normen, der Werte, des politischen Handels, der Bindung an die Kirchen usw. Diese grundstürzende Veränderung nahm ihren Ausgangspunkt an der Kritik der von ihm erlebten spekulativen Philosophie, zumal der Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie Hegels. Dieser geistige, philosophische und religiöse Umbruch fand statt inmitten der Etablierung der politischen Reaktion im so genannten „Vormärz“ (1815-1848). Vielleicht war Feuerbachs philosophisches Bemühen der Versuch, etwas – mindestens philosophisch Revolutionäres – der reaktionären Welt entgegen setzen.

2. War Hegel ein Pantheist? Feuerbach behauptet dies.
Hegel wusste, dass die christliche Religion, auch der in den Kirchen gelehrte Glaube, in der Form der dogmatischen Behauptungen mit ihren historischen Details keine Überlebenschancen („Akzeptanz der Menschen“) mehr hat. Er wusste: Die dogmatischen Formeln wurden noch nachgesprochen, aber sie fanden kein Echo im Denken der sich noch nach außen hin kirchlich gebenden Leute. Hegel zeigte in den Berliner Jahren an der Universität einen Ausweg: Der Inhalt der christlichen Lehre (Dogmatik) wurde in seiner Philosophie „aufgehoben“, wurde also in wesentlichen Aussagen bewahrt, aber eben auch verändert („erhoben“): D.h.: Die dogmatischen Lehren wurden aus der Anschaulichkeit der Gottesdienste und Bilder, der Wallfahrten und der Überordnung des Klerus über die Laien befreit: Die dogmatischen Glaubensbekenntnisse wurden in die Form philosophischer Begriffe erhoben und deswegen für alle Vernünftigen auch vernünftig erklärt. Gott ist dann also kein heiliger „Gegenstand im Himmel“, auch keine „Person“, sondern er ist absoluter Geist, der sich aber in das Andere seiner selbst, in Welt und Mensch, entäußert, also als göttlicher Geist in Welt und Mensch lebt.
An dem göttlichen Geist hat also jeder Mensch Anteil. Der göttliche Geist ist in der Welt, aber die Welt ist nicht Gott. Hegel war kein Pantheist, wie Feuerbach behauptete, darauf hat der Philosoph Wilhelm Weischedel (in: „Der Gott der Philosophen. Erster Band“, Darmstadt 1972, Seite 390) hingewiesen. Hier liegt der entscheidende Fehler in Feuerbachs Verständnis der Philosophie Hegels: Feuerbach behauptet, Hegel sei als Pantheist ein Denker, der „das göttliche, absolute Wesen nicht als ein von der Welt Verschiedenes, als jenseitiges, himmlisches Wesen, sondern als ein Wirkliches mit der Welt identisches Wesen erfasst“ (Band II der Gesamtausgabe Feuerbachs, S 379). Hegel denkt hingegen Gott als absoluten Geist sozusagen auch „außerhalb“ der Welt, aber eben doch auch in der Welt, in der Lebendigkeit endlicher Menschen. Wenn man schon einen griffigen Begriff will: Hegel war Pan – en -Theist. Das heißt: Hegel dachte auch die Gestalt der Religionen in der Welt als Ausdruck des göttlich-menschlichen Geistes, also auch als Ausdruck der göttlichen Schöpferkraft, die sich mit den Menschen „äußert“, also institutionelle „äußere“ Realität wird.

3. Hegel – Feuerbach – Marx
Hegels Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie fand den leidenschaftlichen Widerspruch unter seinen Schülern. Sie litten förmlich unter der Übermacht der Geistphilosophie und der Degradierung des Sinnlichen, des Leiblichen, also dessen, was sie die wirkliche Welt nannten. Wirklichkeit sollte ausschließlich die empirische und über die Sinne erfahrene Realität sein. Dass diese irdische Realität in geistigen Begriffen ausgesagt werden musste, störte die Leidenschaft dieser Verteidiger der ausschließlich irdischen Wirklichkeit gar nicht.
Ludwig Feuerbach, einer aus dem Kreis der Anti-Hegelianer, auch „Linkshegelianer“ (oder „Junghegelianer“) genannt, setzte sich mit rigorosem Nachdruck für das Irdische, Menschliche, Sinnliche als Prinzip der Philosophie ein. Er wurde dadurch zum „Freund der Menschen“. Der übliche christliche Gott der Tradition wurde von ihm als Illusion abgetan, als Produkt des noch nicht zum richtigen Verstand gekommenen Menschen gedeutet. Den Begriff „Illusion“ wird später Freud in dem Zusammenhang verwenden! Das Christentum und seine Theologie wurde also wirklich abgeschafft, als Wunsch-Projektion der Menschen disqualifiziert. Aber Feuerbach wusste, dass seine radikale Leidenschaft für die Welt und den Menschen nur ein Ausgangspunkt, ein Anfang, einer neuen Epoche sein konnte.
In der Hinsicht entwickelten Karl Marx und Friedrich Engels nach ihrer Lektüre von Feuerbach ihre politische und ökonomische Gesellschaftskritik. Nicht vom abstrakten Menschen und seiner Sinnlichkeit (wie bei Feuerbach) war bei ihnen die Rede, sondern von der Überwindung der ungerechten politischen und ökonomischen Verhältnisse, in denen Menschen leben müssen. Revolutionär war also nicht mehr die Behauptung Feuerbachs, Gott sei eine Illusion des Menschen. Revolutionär war nun die Lehre, dass Menschen, die Proletarier, im politischen Kampf ihr Leiden zugunsten einer gerechten Gesellschaft überwinden sollen. Philosophie als Form der vernünftigen Selbstverständigung konnte es unabhängig vom Klassenkampf nicht mehr geben. Und die Gottesfrage war für Marx und Engels durch Feuerbach ohnehin „erledigt“.
Diese Skizze des großen Umbruchs der Mentalitäten in der Mitte des 19. Jahrhunderts führt also zu Feuerbach, der in der Mitte steht zwischen dem Philosophen Hegel, der das Christentum denkend retten wollte und den Gesellschaftskritikern Marx und Engels, für die Religion und Kirchen bestenfalls noch „Opium des Volkes“ waren.

4. Das Zentrum der Philosophie Feuerbachs:
Ludwig Feuerbach ist in „weiten Kreisen“ noch heute bekannt: Mit einer gewissen Leichtigkeit verbreitete sich seine These, die dann geradezu populär wurde: Was die Menschen Gott nennen, ist kein Urgrund, keine himmlische Person, sondern ein Bild des idealen, des vollkommenen Menschen. Die Erkenntnis Gottes ist nichts anderes als die Selbsterkenntnis des Menschen. Theologie wird also für Feuerbach zur Anthropologie, der Mensch ist für ihn das höchste Wesen. „Das Höchste ist für den Menschen der Mensch“, so Karl Löwith, einer der frühen Feuerbach-Spezialisten im 20. Jahrhundert („Von Hegel zu Nietzsche“, Fischer Verlag 1969, S. 95).
Die Feuerbach Spezialistin Prof.Ursula Reitemeyer schreibt: „Ist Gott aber nur das Produkt menschlicher Phantasie, die Projektion einer Allmachtsidee im Angesicht menschlicher Ohnmacht, dann verkünden das Dogma und die sie stützende spekulative Logik, nur relative, vom Zeitgeist abhängige Meinungen, aber keine absolute Wahrheit. So trennt sich im Zuge von Feuerbachs Hegelkritik die Philosophie nicht nur ein weiteres Mal von der Theologie, sondern zugleich von der Macht der Meinungsmonopole. Dadurch wird Religionskritik zur Ideologiekritik.“ (https://www.uni-muenster.de/EW/forschung/forschungsstellen/feuerbach/ueber/index.html).
Gott als personales Wesen als Idee, absoluter Geist außerhalb der Menschenwelt wird von Feuerbach beseitigt, aber die Prädikate, die Gott einst schon auszeichnen, Güte, Liebe, Gerechtigkeit, Weisheit bleiben als absolute Werte erhalten, auch wenn es Gott als Person, dem einst diese Prädikate zugesagt wurden, nicht mehr „existiert“. Es geht Feuerbach also um ein merkwürdiges Fortleben göttlicher Prädikate bei einem verstorbenen Gott. So kann Feuerbach behaupten, Atheist sei nur der, der die Bedeutung der Prädikate Gottes (Güte, Liebe etc. ) leugnet. „Güte und Gerechtigkeit sind keine Chimären, selbst wenn die Existenz Gottes eine Chimäre ist“ (VI. Band der Sämtlichen Werke Feuerbachs, S. 26). Tugenden werden also von Feuerbach vergöttlicht, und dies kann der Mensch durchaus leisten, meint er, weil im Menschen doch noch eine gewisse Unendlichkeit lebt: „Es gibt eine Unendlichkeit des Denkvermögens“… „fühlst du das Unendliche, so fühlst und betätigst du das Unendliche“ (VI. Band, S 10). Diese Ambivalenz (als Ja und Nein zum Unendlichen, Ja und Nein zum Göttlichen….) ist typisch für Feuerbach.

5. Biographischer Hinweis:
Ludwig Feuerbach starb vor 150 Jahren, am 13.9.1872, in Rechenberg bei Nürnberg, geboren wurde er am 28.7.1804 in Landshut. Er hat ein umfangreiches religionskritisches Werk verfasst, er war auch ein kenntnisreicher Theologe, vor allem: er war ein Schüler Hegels an der Berliner Universität. Wenige Jahre nach Hegels Tod (1831) setzte sich Feuerbach entschieden von seinem Lehre ab, den er bis dahin seinerseits auch in Vorlesungen erklärte. In seiner Schrift „Zur Kritik der Hegelschen Philosophie“ (1839) behauptet Feuerbach, Hegel verbreite den „Unsinn des Absoluten“ , die Philosophie Hegels sei völlig haltlos, ohne Verbindung mit der realen Welt, sie bewege sich in einer reinen Welt der Begriffe. Nun aber, so Feuerbach, sei eine neue Epoche angebrochen, in der die Welt, die Natur, die realen, leibhaftigen Menschen nicht nur Ausgangspunkt der Philosophie sein müssen, sondern auch oberste Prinzipen und Normen darstellen.
Feuerbach war ein Gegner der politischen Restauration in Deutschland, die im „Vormärz“ das Leben bestimmte, einschränkte, kontrollierte.
Die reaktionären Fürstenstaaten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts legitimierten sich durch theologische Argumente. In Preußen gab es eine starke Verbindung von Thron und Altar, protestantische Theologen hatten einen enormen Einfluss auf die Gestaltung der Bildung, auch in den Universitäten. Wer evangelischer Theologe wurde, hatte die Gewissheit, berufliche Karriere im Staat zu machen.

Schon Feuerbachs frühe Schrift „Gedanken über Tod und Unsterblichkeit“ von 1830 brachten ihm Probleme mit der Obrigkeit, im Revolutionsjahr 1848 musste er wegen seiner politischen Haltung alle Hoffnungen auf eine Professur aufgeben, er starb zurückgezogen und verarmt.

6. Was ist Wirklichkeit?
Mit allem Nachdruck muss unterstrichen werden, dass der Übergang von Hegel zu Feuerbach sich an der unterschiedlichen Erfahrung und Wertung des Wirklichen festmachen lässt. Das Christentum und seine klassische Theologie war bis ins 19. Jahrhundert (und darüber hinaus) durchaus ein Feind der sinnlichen, irdischen, leiblichen und sexuellen Erfahrung. Die entsprechenden moralischen Weisungen (bzw. Abweisungen des Irdischen, Sexuellen etc. ) des Apostels Paulus und seiner Schüler, formuliert in den zum Neuen Testament gehörenden Briefen, sind bekannt. Die Philosophin Ursula Reitmeyer fasst Feuerbachs Position zusammen: „Erst mit der Etablierung des sinnenfeindlichen Christentums, das den Verlust der sinnlichen Vernunft durch eine Ästhetik des Übersinnlichen kompensiere, habe sich formelhaftes Wissen an die Stelle eines lebensweltlichen Materialismus gesetzt. Folge sei, daß der wirkliche, real arbeitende Mensch, ebenso entmündigt wie entleiblicht, seine Existenz kaum fristen könne, während sich das System und mit ihr die Elite permanent reproduziert. (Ursula Reitemeyer, in dem Beitrag „Über Feuerbach“, https://www.uni-muenster.de/EW/forschung/forschungsstellen/feuerbach/ueber/index.html).

7. Kritische Hinweise zu Ludwig Feuerbachs Philosophie:
Feuerbach hat das leidenschaftliche Interesse, an die Stelle der Theologie die Anthropologie zu setzen, und dabei musste er bei seinem auf Sinnlichkeit fixierten Anthropologie – Begriff unbedingt auf metaphysische Spekulationen – etwa im Sinne der Vernunftphilosophie seines Lehrers Hegel – verzichten. Bei diesem radikalen Bruch in der Geschichte des Denkens hat Feuerbach bestimmte Differenzierungen und Nuancen übersehen. Abgesehen davon, dass Feuerbach Aussagen in „Das Wesen des Christentums“ durchaus sehr langatmig und gedehnt erscheinen, der Philosoph Walter Schulz nennt sie vornehm „weitausholend“ („Philosophie in der veränderten Welt“, Neske Verlag, 1980, S. 371). Wichtiger sind inhaltliche, philosophische Vorbehalte zu einigen zentralen Thesen Feuerbachs im „Wesen des Christentums“: „Feuerbach hat die (zentrale) These, dass der Mensch ein sinnliches Wesen sei, zwar propagiert – seine Schriften sind, wie die Titel zeigen, zumeist überhaupt Programmentwürfe – aber nicht wirklich reflektiert“ (, so Walter Schulz a.a.O., S 376). Walter Schulz meint, Feuerbach habe einfach die traditionelle Überzeugung, dass die Vernunft das Herrschende sei, in ihr Gegenteil verkehrt: “Der Mensch ist wesentlich NICHT von der Vernunft, sondern vom nichtvernünftigen Willen, dessen Träger der Leib ist, bedingt“ (a.a.O.).
Eine allgemein geteilte philosophische Erkenntnis ist, dass auch die sinnlichen Erfahrungen im Menschen eben Begriffe, Sprache, werden müssen, wenn sie denn als relevant im Menschen sein sollen: Das heißt die Sinnlichkeit, wenn sie denn als solche Erkenntnis befördert, muss sich eben doch in vernünftiger, also geistiger Sprache äußern.
Von Gott kann sich Feuerbachs Theorie der gottlosen Anthropologie auch nicht ganz befreien, auch daran muss noch einmal nachdrücklich erinnert werden: Feuerbach muss zur Bewertung des Menschen und die Bindung des einzelnen an die Gattung des Menschen dann doch auf Qualitäten des Göttlichen zurückgreifen: Der abgeschaffte Gott hinterläßt der gottlosen Menschheit die Bindung an die göttlichen und heiligen Prädikate des göttlichen Wesens. Denn bestimmte gute Eigenschaften hatte die Menschheit Gott zugeschrieben, jetzt sollen diese Eigenschaften allein als göttlich gelten. Der Mensch kommt also für Feuerbach nicht vom Göttlichen los, das kann daran liegen, dass, wie Hegel richtig sah, das schöpferische Göttliche (absoluter Geist) eben doch im Menschen wirkt. Religionen sind dann also Ausdruck der Geistigkeit des Menschen. Das deutet Feuerbach selbst an, wenn er Vernunft, Wille, Liebe, als Kräfte bezeichnet, die der Mensch nicht gemacht hat, also „göttliche, absolute Mächte sind, denen der Mensch keinen Widerstand entgegensetzen kann“ (zit in Weischedel,a.a.O, S. 400, auch Feuerbach Sämtliche Werke, Band VI 3f.).
Karl Löwith schreibt in seinem Buch „“Von Hegel zu Nietzsche“ (S. 96). „Gemessen mit dem Maß von Hegels Geschichte des Geistes muss Feuerbachs massiver Sensualismus gegenüber Hegels begrifflich organisierter Idee als ein Rückschritt erscheinen, als eine Barbarisierung des Denkens , die den Gehalt durch Schwulst und Gesinnung ersetzt“ .

8. Das Ende der Philosophie ?
Feuerbach selbst betonte, sein Denken als ein Denken der Sinnlichkeit, der sinnlichen Wirklichkeit von Welt und Mensch, sei bereits eine Negation der Philosophie, also der klassischen, Hegelschen Philosophie. Feuerbach meinte sogar, „sein Denken sei gar keine Philosophie mehr“. Die spekulative Philosophie sei – so wörtlich- eine betrunkene Philosophie. „Die Philosophie muss daher wieder nüchtern werden“, also nicht spekulativ, sondern sinnlich werden. (zit bei Weischedel, a.a.O., S. 392). Dabei sind viele Formulierungen Feuerbachs, leidenschaftlich und polemisch, alles andere als Ausdruck einer „nüchternen Philosophie“.
Nur in dieser Haltung glaubte Feuerbach, den „Menschen zur Sache der Philosophie zu machen“, eine Philosophie, die wie gesagt, die ihr eigenes Ende einläutet, also explizit sich selbst aufheben will und dies behauptet. Feuerbach sagt: „Die wahre Philosophie ist die Negation der Philosophie, ist keine Philosophie“ (Feuerbach Sämtliche Schriften, II, 409 f., zit auch bei Weischedel, a.a.O. 395). Tatsächlich aber waren die Gedanken Feuerbach dann doch wieder eine Gestalt von Philosophie, wie sollte es auch anders sein, man denke an Feuerbachs Reden von der Unendlichkeit des menschlichen Bewusstsein oder von der Göttlichkeit der menschlichen Prädikate Gottes.
Ludwig Feuerbach ist der durchaus irritierende, wenn nicht verwirrende Philosoph bzw., wie er selbst sagt „Nicht-Philosoph“, der wegen seiner populär verbreiteten Slogans eine enorme Wirkungsgeschichte hat. Aber eins ist sicher: Atheist – als heftiger Feind alles Göttlichen- war Feuerbach sicher nicht, wie auch Vittorio Hösle betont, und Feuerbach war kein heftiger Feind des Christentums und der Kirche, wie Nietzsche. Feuerbach bleibt ein Denker der „Zwischenstellung“, zwischen klassischer, sich noch fürs Christliche interessierenden Philosophie und der radikalen Gesellschaftskritik bzw. dem radikalen Atheismus. Für ihn ist Gott keine „himmlische Person“, die Abwehr der göttlichen Person verbindet ihn zwar mit Hegel, hingegen hielt Hegel bekanntlich an einer eigenständigen Wirklichkeit des „absoluten Geistes“ fest.

9. Gott ist die Liebe. Die Liebe ist göttlich.
Man darf niemals vergessen: Feuerbachs Grundsatz war: „Gott ist die Liebe“, verstanden als „Die Liebe ist göttlich“. Die Liebe sei zudem der Maßstab im Leben Jesu Christi. „Wer also den Menschen um des Menschen willen liebt … der ist Christ, der ist Christus selbst“ (zit. In Vittorio Hösle, Eine kurze Geschichte der deutschen Philosophie“, S. 172). Diese Liebe zum Menschen, die bei Feuerbach göttliche Qualitäten hat, zeichnen diesen immer wieder irritierenden Denker Ludwig Feuerbach besonders aus. Er versuchte im 28. Kapitel seines „Wesen des Christentums“ die anthropologisch relevante Dimension der kirchlichen Sakramente aufzuzeigen, etwa das christliche Abendmahl, verstanden als das Essen und Trinken als ein „Mysterium“ (S. 409 ff, in Reclam Ausgabe., 1971).
Feuerbach beendet diese seine umfangreiche Studie mit einer Übersetzung des christlichen Abendmahls in eine noch mögliche weltliche Bedeutung mit den Worten: „Heilig sei darum das Brot, heilig der Wein, aber auch heilig das Wasser! Amen.“ Das Amen beendet dieses grundlegende religionskritische Werk! Der Philosoph Vittorio Hösle findet dieses „Amen am Ende des Buches nicht aufgesetzt“ (a.a.O. . 172). Das Amen ist Ausdruck des irritierend frommen wie religionskritischen Denkers Feuerbach. Glaubte er mit seinem Opus amsterdam2
eine neue, anthropologische Predigt gehalten zu haben? Vielleicht!

Ich empfehle die Studien der „Arbeitsstelle Internationale Feuerbach-Forschung“ in Münster zu beachten, mit der Prof. Ursula Reitemeyer. Siehe: https://www.uni-muenster.de/EW/forschung/forschungsstellen/feuerbach/index.html.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 

 

 

 

„Wie die Lepra zerfraß die Gier die Kirche“

Die aktuelle Kirchenkritik des französischen Schriftstellers Joris-Karl Huysmans
Ein Hinweis von Christian Modehn

1.
„Gegen den Strich“ („A rebours“) ist das wichtigste und bis heute am weitesten verbreitete Werk des französischen Schriftstellers Joris-Karl Huysmans (1848-1907). Er wollte, wie er später sagte, mit dem Roman „um jeden Preis etwas Neues schaffen“, einen Text, der die Mentalität des „Fin de Siècle“ widerspiegelt und reflektiert.
Der Roman, 1884 veröffentlicht, wurde mit vielen Begriffen “eingeordnet”, darunter „Literatur der Dekadenz“… Michel Houellebecq hat sich in seinem Roman „Unterwerfung“ mehrfach auf Huysmans bezogen und durchaus eine Huysmans-„Renaissance“, auch in Deutschland, angestoßen… Der Roman hat autobiographischen Charakter.

2.
Manche haben „Gegen den Strich“ („A rebours“) einen Anti-Roman genannt, und sie können sich dabei auf Huysmans Äußerungen beziehen. Er sagte 1903 (im Vorwort zur zweiten Auflage des Buches), die „Romanform hätte er nur als Rahmen benutzt für ernstere Themen“. Das heißt: Der Roman enthält auch sozusagen Fragmente sachlicher Essays.

3.
Eines dieser „ernsteren Themen des Romans“ mit 16 Kapiteln ist die katholische Kirche. 1884 hatte sich Huysmans noch nicht explizit der katholischen Kirche angeschlossen, das wurde erst deutlich in seinem Roman „Unterwegs“ (1895). Von 1899 bis 1901 lebte er als Laienmitglied („Oblate“) in einem Haus des Benediktinerklosters Ligué bei Poitiers. Aber er war schon als junger Autor 1884 stark an religiösen Fragen interessiert, die ihn auch zu esoterischen Erfahrungen führten, dargestellt etwa in dem Roman „Là-Bas“, der auch sein Interesse am Satanismus dokumentiert.

4.
Zu den „ernsten Themen“ des Romans „Gegen den Strich“ gehört also die Kirchenkritik im 16. Kapitel, sie äußert der Protagonist des Romans, Des Esseintes, aber in dessen Urteil wird die Position Huysmans sichtbar. An dessen Kirchenkritik heute, 2022, zu erinnern ist wichtig, weil es immer noch überraschend ist, wie spirituell interessierte Autoren in Frankreich vor der radikalen Trennung von Kirchen und Staat dort (1905) den Katholizismus grundlegend kritisierten. Huysmans hat seine heftige Kirchenkritik im Roman „Gegen den Strich“ auch nach seiner „katholischen Wende“ verteidigt, deutlich im Vorwort zur zweiten Auflage 1903. (vgl. das Nachwort von Ulla Komm in der deutschen Ausgabe des Romans, DTV 2021, S. 264).

5.
Aus aktuellen Gründen also ist es interessant zu sehen, wie Elemente heutiger Kirchenkritik sich schon in einem Roman von 1884 wiederfinden. Trotz einiger Reformen des 2. Vatikanische Konzils (1962-65) wurde keine grundlegende Reformation eingeleitet: Die Allmacht des männlichen Klerus ist bis heute ungebrochen.
Die kritische Position Huysmans ist sogar eher konservativ geprägt! Huysmans verabscheut die „Gewinnsucht“, „diesen pekuniären Juckreiz“ des Klerus (S. 255). „Die Klöster hatten sich in Fabriken für Pillendreher und Likörhändler verwandelt“. (Man denke heute an die Brauereien mancher Klöster)….Der Autor geht förmlich, als empirischen Beleg, fast alle Orden und Klöster durch, also nennt er etwa (S. 255) die Schokolade aus dem Kloster Citeaux, den Likör der Trappisten, den Likör der Benediktiner, den „Chartreuse“ der “Ordensbrüder des heiligen Bruno“, also der Kartäuser, usw.

6.
„Wie die Lepra zerfraß die Gier die Kirche, beugte die Mönche über Verzeichnisse und Rechnungen“… „Der Handel war in die Kirche eingedrungen, wo „anstelle der Choralbücher dicke Rechnungsbücher auf den Pulten lagen“ (S. 255).
Man schaue sich heute, zum Studium der aktuellen Lage, etwa die Etats der großen Klöster und Stifte in Deutschland oder Österreich oder Belgien an, falls überhaupt Informationen zur „Finanzlage“ dieser sich „arm“ nennenden Mönche publiziert werden. (Fußnote 1) Man denke daran, dass etwa der Orden der „Legionäre Christi“, gegründet von dem allgemein als Verbrecher bewerteten Pater Marcial Maciel, in der spanischen Welt treffend und zurecht als „Millionarios Christi“ bezeichnet usw…
Und man lese als eine aktuelle Fortsetzung zur Gier des (vatikanischen usw.) Klerus die faktenreiche Studie des italienischen Vaticanologen Emiliano Fittipaldi „Avaricia“ („Habsucht“) über die Finanz-Skandale im heutigen Vatikan (Editionen Akal, Madrid 2015).

7.
Huysmans schreibt die entscheidenden, heute gültigen Worte: „Es sind nicht einmal die Physiologen (Naturwissenschaftler und Materialisten, CM) oder die Ungläubigen, die den Katholizismus zertrümmern, es sind die Priester persönlich, deren ungeschickte Werke noch den festesten Glauben ausrotteten“ (S. 257).

8.
Diese Zitate sind Reflexionen des Protagonisten Des Esseintes im Roman „Gegen den Strich“. „Für ihn (den Suchenden, Verzweifelten, sicher auch seelisch Belasteten) gab es entschieden „keinen Ankerplatz, kein Ufer“ mehr, heißt in den letzten Zeilen des Romans (S. 258).

9.

Angedeutet wird in dem Roman eine gewisse,  im allgemeinen sich eher verklemmt äußernde Homosexualität des Protagonisten. Im 9.Kapitel des Romans hingegen wird deutlich von einer Begegnung des Esseintes mit einem jungen Mann in Paris berichtet: “Aus dieser zufälligen Begegnung war eine fordernde Freundschaft entstanden, die monatelang anhielt” (S. 133). Aber an diese erotisch geprägte Freundschaft kann  des Esseintes nur “mit Erschauern” zurückdenken. Sie war für ihn ein “verlockendes und unerbitterliches Joch”, weil er als frommer Katholik und Jesuitenschüler die Abhandlungen der Theologie “über die Verstöße gegen das sechste und neunte Gebot” (S. 133) verinnerlicht hatte. Die sexualethischen Forderungen der Kirche und ihrer Theologen erscheinen ihm als “außermenschliches Ideal”, das keine Befreiung bringt, sondern sogar eher  “das gesetzeswidrige Ideal der Wolllust nährt” (ebd.).

Nebenbei: Der Literaturwissenschaftler Hans Mayer weist in seiner Studie  “Außenseiter” (Suhrkamp 1981, S. 262) , darauf hin, dass es durchaus Anregungen Huysmans auf Oscar Wilde in dessen Konzeption von “Dorian Gray” gegeben hat. Ausführlicher zur Homosexualität im Werke Huysmans und  im Roman “Gegen den Strich”: Ein Beitrag von Patrick Mimouni:     LINK

 

Fußnote 1:
Einen Hauch von Transparenz bieten einige der großen Klöster in Österreich. Die Prämonstratenser in Schlägl beziffern ihren Waldbesitz mit 6.500 Hektar (also 65 Quadratkilometer). Einnahmen bietet ihnen auch die Brauerei, ein Hotel, und die Produktion von Ökostrom in Wasserkraftwerken usw. Das Augustiner-Chorherren-Stift Klosterneuburg nennt selbst als Eigentum 8000 Hektar Wald! Es hat 108 Hektar Weinanbau, 700 Wohnungen sind Stifts-Eigentum und 4.000 Pachtverträge für Immobilien. Natürlich kostet der Erhalt des prachtvollen Kloster-Palastes viel Geld, allerdings hilft bei Renovationen kräftig der österreichische Staat.
Das sehr wohlhabende Klosterneuburg hat z.B. 2013 15.000 Euro für Hochwasseropfer gespendet, auch der Armen in Rumänien wird mit relativ gesehen bescheidenen Spenden gedacht (Quelle: Spenden des Klosterneuburg:
http://www.stift-klosterneuburg.at/suche/
Zu Saft Schlägl: Der Waldbesitz beträgt derzeit ca. 6500 ha. Damit liegt das Stift auf dem 6. Rang der Stifte Österreich: http://www.stift-schlaegl.at/prodon.asp?peco=&Seite=373&UID=&Lg=1&Cy=1

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

„Wenn das Christentum nicht mehr liebenswürdig ist“…

Immanuel Kant deutet das „Ende aller Dinge“, also den „Untergang der Welt“.
Ein Hinweis von Christian Modehn.

1.
Aktuell wird über die Zukunft der Kirchen in Europa heftiger als je zuvor nicht nur debattiert; es gibt Kirchenaustritte von mehreren hunderttausend Gläubigen seit vielen Jahren; es gibt sexuellen Missbrauch durch den Klerus; unverminderten Anspruch des katholischen Klerus, in allen relevanten Fragen herrschend und allbestimmend zu bleiben; nicht zu leugnen ist die Schwäche des Christentums, tatsächlich Frieden zu schaffen trotz der vielen „Friedenssprüche“; der theologische Fundamentalismus in weiten Kreisen aller Kirchen wird politisch immer gefährlicher, siehe USA usw.

2.
Ist das Ende der Kirchen in Europa und Nordamerika absehbar? Religionssoziologen schließen das nicht aus, und sie sehen, dass einstige Großkirchen langsam, aber sicher verschwinden: Man denke etwa an die Entwicklungen in den Niederlanden.

3.
Das Ende aller Dinge, also den Untergang der Welt und das End-Gericht Gottes, hat Immanuel Kant, der Philosoph der Aufklärung, mit dem Niedergang des Christentums, der Kirchen, verbunden. In seiner wenig beachteten Schrift von 1794 mit dem Titel „Das Ende aller Dinge“ kommt er zu dem Ergebnis: Der definitive Untergang der Welt kann bevorstehen, wenn das Christentum, wenn die Kirchen, aufhören, wenigstens noch Spuren des „Liebenswürdigen“ in sich zu haben.

4.
Mit anderen Worten: Hören die Kirchen auf, noch liebenswürdig zu sein, können und sollen die Menschen „eine Abneigung und Widersetzlichkeit
gegen das Christentum“ als ihre „herrschende Denkart“ praktizieren, d.h. sie könnten und sollten sich von diesem Christentum befreien. (I.K., „Zum ewigen Frieden“, Fischer-Taschenbuch, 2008, S. 150f.).

5.
Noch schimmert die Liebenswürdigkeit des Christentums durch, meint Kant (S. 150). Er versteht Liebenswürdigkeit nicht im populären Sinne etwa als Aufopferung eines Menschen für andere, sondern als menschliche Haltung, die sich ganz der Sittlichkeit verpflichtet weiß, als Resultat der freien Entscheidung, dem kategorischen Imperativ zu folgen. Der wahre Christ folgt – so Kant – nicht aus Angst vor göttlichen Strafen den ethischen Prinzipien des Christentums; er folgt den Weisungen des Christentums aus freier Einsicht, weil sie human, weil sie menschlich vernünftig sind und mit den vernünftigen ethischen Prinzipien identisch sein müssen.

6.
Ein „liebenswürdiges Christentum“ ist also ein Christentum der Freiheit, ohne Zwang, ohne entfremdenden Dogmen-Glauben, ohne „Befehlshaber“, wie Kant sagt (S. 149), ein Christentum also „des sanften Geistes“ „ohne gebieterische Autorität“ (S. 150). Und wenn dieses liebenswürdige Christentum aufhört lebendig zu sein, dann… ist das “Ende der Zeiten“ nahe, das schreibt Kant in einer seiner letzten Publikationen überhaupt. Dabei sollte man die Formel Kants „Ende der Zeiten“ nicht wortwörtlich verstehen, sondern als Hinweis darauf, dass dann die Welt, selbst wenn sie fortbesteht, flach, geistlos und eindimensional (ohne Spuren des Transzendieren) wird.

7.
Kant hat sich mit der Reflexion über das kirchliche Symbol „Ende der Zeiten“ noch einmal in seine bekannte Religions – und Kirchenkritik begeben. Sein Urteil fällt auch diesmal deutlich aus, wenn man seine Jahre langen, heftigen Auseinandersetzungen mit der sich orthodox, rechtgläubig, nennenden Theologie vor Augen hat: Dem kirchlichen Glauben, der auf die Macht der Dogmen und Gebote setzt, gab er keine Zukunft. Und eine gewisse Trauer bleibt bei einigen, dass das Christentum – trotz aller Sprüche – dann doch nicht liebenswürdig war…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.