Über den Egoismus der Bürger und betrügerische Kaufleute in Amerika: Der Philosoph Hegel blickt auf die USA.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 6.5.2026

Was die Menschen in den USA, was deren  politische und religiöse Mentalität prägt und bestimmt, hat der Philosoph Hegel schon 1822 erkannt. Seine Erkenntis gilt bis heute. 

1.
Anläßlich der Feierlichkeiten „250 Jahre Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten“ am 4. Juli 2026 ist es sicher interessant wahrzunehmen, wie schon wenige Jahrzehnte nach der „Unterzeichnung der Unabhängigkeits-Erklärung“ 1776 der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich HEGEL das Wesentliche und Typische dieses Amerika (USA) analysierte und bewertete.
Seine „Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte“ hat Hegel in Berlins Universität seit 1822 insgesamt fünf mal gehalten, posthum wurden die Vorlesungen 1837 veröffentlicht. In dieser seiner Philosophie der Geschichte spricht HEGEL auch von „Nordamerika“, seine Aussagen beziehen sich, wie er sagt, auf die „nordamerikanischen Freistaaten“ (S. 111), also auf das, was wir heute USA nennen.

2.
Hegel hat allen Wert darauf gelegt, die empirischen historischen Fakten mit seinem philosophischen Begriff der Geschichte zu verbinden, also die empirische Geschichte mit der für ihn grundlegenden Einsicht zu harmonisieren: Dass in der Geschichte die Vernunft in eine greifbare, weltliche, politische Existenz tritt. Diese Einsicht kann hier nicht vertieft werden. Hier geht es um einige Erkenntnisse zum „Wesen“ des nordamerikanischen Menschen durch Hegel.
Dazu bieten wir einige Zitate aus Band 12 der „Theorie Werkausgabe“ des Suhrkamp Verlages (1970):

3.
Puritaner und Mitglieder anderer Glaubensgemeinschaften „wanderten nach Nordamerika aus, um die Freiheit der Religion zu suchen“ (S. 111)

Sie bauten dort ein Gemeinwesen auf, „das von den Atomen (isolierten einzelnen) der Individuen ausging, so dass der Staat nur ein Äußerliches zum Schutz des Eigentums war“ (S. 112).
Hegel erwähnt die republikanische Verfassung: „Allgemeiner Schutz des Eigentums und beinahe Abgabenlosigkeit sind Tatsachen, die beständig angepriesen werden“ (ebd.). „Abgabenlosigkeit“, also vergleichsweise geringe Steuern, bestimmen auch heute die USA.
Wichtig auch Hegels Insistieren auf dem ganz zentralen Schutz des Privateigentums in Amerika ..
Der „Grundcharakter der amerikanischen Republik“ besteht für Hegel „in der Richtung (Hauptinteresse) des Privatmannes auf Erwerb und Gewinn, in dem Überwiegen des partikulären Interesses, das sich dem Allgemeinen nur zum Behufe des eignen Genusses zuwendet.“(S. 112).
Also: Egoismus der Privatleute, Unternehmer, wird schon 1822 angesprochen, gilt bis heute
Und, auch das betont Hegel, zum Respekt der Händler und Unternehmer vor den Gesetzen in Nordamerika (USA): Hegel schreibt: „Diese Rechtlichkeit ist eine Rechtlichkeit ohne (persönliche) Rechtschaffenheit, und so stehen denn die amerikanischen Kaufleute in dem üblen Rufe, durch das Recht geschützt zu betrügen.“ (ebd.) Sehr treffend erkannt, bis heute gültig…

4.
Weil für Hegel alle politische Organisation immer auch mit der Religion, bzw. hier mit dem Christentum, zu tun hat, schreibt er: „In Amerika kann jeder seine eigene Kirche haben“… „Das Zerfallen in so viele Sekten, die sich bis zum Extrem der Verrücktheit steigern und deren viele einen Gottesdienst haben, der sich in Verzückungen und mitunter in den sinnlosesten Ausgelassenheiten kundgibt…“ (S. 113). Gültige Erkenntnis bis heute, siehe die Evangelikalen, Pfingstler, die Megachurches usw…

5.

Hegel betont also: Die vielen, nicht von Vernunft bestimmten Kirchen und Sekten in den USA sind auch mitverantwortlich für die allgemeine politische Verwirrung in den USA hinsichtlich einer humanen, vernünftigen, den Menschenrechten verpflichteten Gesellschaft und Rechtsstaatlichkeit..

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 

Martin Heidegger vor 50 Jahren gestorben: Und seine Philosophie? Eher tot als lebendig!

Ein Hinweis von Christian Modehn anläßlich des Todestages Martin Heideggers am 26. Mai 1976.

ERSTES KAPITEL:
Der Ausgangspunkt:
Heideggers „noch frühe“ Philosophie (etwa „Sein und und Zeit“ von 1927) , vor allem sein spätes „Denken“ seit Mitte der dreißiger Jahre können keine inspirierende Orientierung bieten zu den großen Problemen unserer Gegenwart. PhilosophInnen leben und denken nicht in esoterischen, weltfernen Zirkeln. Sondern inmitten der Krisen der Welt wollen sie helfen, unsere Gegenwart „auf den Begriff zu bringen“ Und da ist bei Heidegger für die philosophisch Interessierten, die LeserInnen, nichts Weiterführendes, nichts Hilfreiches, zu entdecken: Da kann man sich bestenfalls abarbeiten an der Frage` Wie können wir seine Aussagen ganz anders denken und überwinden?
Es ist schon klar, dass direkte politische Ratschläge von PhilosophInnen nicht zu erwarten sind. Aber bei Heidegger ist die Situation besonders irritierend: Hat er doch eine ausgearbeitete Ethik oder „praktische Philosophie“ nicht denken können und wollen. Aber selbst zwischen den Zeilen seiner dann – nach der Wende, Kehre seines Denkens in den dreißiger Jahren – schwer nachvollziehbaren Texte gibt es keine Perspektiven, die als Orientierung zu jetzt aktuellen Problemen zu deuten wären.

Zu den seit Jahrzehnten besprochenen, aber nicht gelösten Umweltkatastrophen, zur globalen Ungerechtigkeit gegenüber den Armen, zum Neoliberalismus, Neokolonialismus, zur Umverteilung des Reichtums der Milliardäre, zum Neofaschismus in allen Ländern Europas, zur Krise der Demokratie, Verachtung der Menschenrechte weltweit… und so weiter hat Heidegger nichts gesagt und heute nichts zu sagen. Wer auch nur ansatzweise die Philosophie und das Denken Heideggers kennt, muss das erkennen! Es sei denn, man zieht noch einzelne Sätze, einzelne Aspekte, aus seinem Werk heraus, etwa zu seiner Technik – Kritik oder zur „Verfallenheit“ der Menschen an das „Man“. Aber wer etwa Hölderlin oder Nietzsche als solche verstehen will, braucht nicht Heideggers absonderliche Interpretationen; wer die Geschichte der Metaphysik verstehen will, muss sich nicht auf die totale Ablehnung der (klassischen) Metaphysik durch Heidegger einlassen und nur noch die Vorsokratiker hochschätzen.

Es muss von Anfang an deutlich sein: Heideggers umfangreiches Werk liegt nun zwar vor, aber lediglich als so genannte „Gesamtausgabe“. Sie kann den Anspruch einer für wissenschaftliche Forschung übliche kritische Werkausgabe nicht erfüllen. Deswegen werden sich selbstverständlich Philosophen, Politologen, Historiker und vor allem auch Psychologen wegen seines extremen egozentrischen „Sendungsbewusstseins“ weiter Heidegger wissenschaftlich – kritisch befassen müssen. So wie es ja auch selbstverständlich ist, eine kritische wissenschaftliche Forschung zu Ernst Jünger, Carl Schmitt, Arnold Gehlen oder Céline und vielen anderen zu leisten, die sich wie Heidegger in einem rechtsextremen Denken verirrten. Der Philosoph Hans Jörg Sandkühler hat in seinem Beitrag „Kaum einer, der sich nicht angepasst hätte“ über in Deutschland verbliebenen deutschen Philosophen in der Nazi-Zeit geschrieben: Fast alle waren, wenn nicht überzeugte Nazis, so doch Mitläufer und Sympathisanten. Dieser wichtige Beitrag zeigt die Verführbarkeit der Philosophen durch rechtsextremes, antisemitisches Denken, siehe unten den Literaturhinweis.
Die immer wiederkehrende, stereotype „allgemeine“ Einschätzung Heideggers als eines „Philosophen von Weltrang“ wird man also neu bestimmen müssen … und als globale „Ehrenbezeichnung“ wohl beiseite legen: Das sind die grundlegenden Perspektiven zum 50. Todestag Martin Heideggers. Sein Werk muss weitererforscht werden, es ist aber für die Probleme der Gegenwart irrelevant, nicht weiterführend, kurz: nicht hilfreich. Das gilt für die LeserInnen seiner Werke, es sei denn man will In der reflektieren Ablehnung Heideggers auf eigene Gedanken der Kritik kommen…

Diese hier nur skizzierte Erkenntnis ist schmerzlich für die vielen „alten“, also ehemaligen Heidegger – Fans, Schüler Heideggers , die einen großen Teil ihrer Lebenszeit mit dem Entziffern, Hin – und Her-Wenden, dem Durchkauen und Nachbeten von Heidegger Texten verbracht haben. Sie fragen sich: Wohin hat uns unser Heidegger – Studium geführt? Ist unsere Existenz, unser Dasein, durch seine Ausführungen heller, klarer, lebendiger geworden?
Im zweiten Kapitel unseres Hinweises – aus aktuellem Anlass – einige zentrale Erkenntnisse zu Leben und Werk Martin Heideggers, wieder in gebotener Kürze und in nachvollziehbarer, nicht im esoterischem Jargon des späten Heidegger. Es wird also auf elementare Erkenntnisse zu Leben und Werk Heidegger hingewiesen, so wird deutlicher, was in unseren Thesen des ersten Teils aufgezeigt wurde. Die Hinweise des Zweiten Kapitels sind bei dem umfangreichen Werk selbstverständlich kleine, fragmentarische Essays. Sie können die weitere Auseinandersetzung für „Nicht – Fach – Philosophen“ fördern. Aber: Wer darf sich schon „Fachphilosoph“ nennen, wenn man nur an die allgemeine Verführbarkeit der allermeisten in Deutschland verbliebenen Philosophen durch die Nazi – Ideologie denkt? Karl Jaspers gehört sicher zu den wenigen Aufrechten in dieser Zeit…

ZWEITES KAPITEL:

1.
Zur Gesamtausgabe:
Zur sogenannten „Gesamtausgabe“ muss beachtet werden: „Es existiert kein unabhängiges wissenschaftliches Herausgeber-Gremium, sondern es ist die Familie Heideggers, die die Herausgeber bestimmt, als ersten den letzten persönlichen Assistenten Heideggers Friedrich Wilhelm von Herrmann, der dann zum ‚leitenden Herausgeber‘ aufstieg.“ Quelle: Anton M. Fischer: Späte Götterdämmerung. In: Marion Heinz, Sidonie Kellerer (Hrsg.): Martin Heideggers ‚Schwarze Hefte‘, Berlin 2016, S. 416–439. hier: S. 423.
Der us-amerikanische Philosoph und Heidegger – Spezialist Richard Wolin betont, „dass die Hüter von Heideggers Nachlass ebenso wie die Editoren systematisch pro-nazistische und antisemitische Äußerungen aus den veröffentlichten Versionen von Heideggers Texten getilgt haben. Was die oft vorgebrachte Behauptung, es handele sich um eine Ausgabe ‚letzter Hand‘, Lügen straft“. Solange es keine Kritische Ausgabe von Heideggers Werken gebe, habe man keine Gewissheit über das, was Heidegger seinerzeit geschrieben hat, betont Richard Wolin. Quelle: Richard Wolin: Heideggers „Schwarze Hefte“: Nationalsozialismus, Weltjudentum und Seinsgeschichte. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte (Heft 3-2015). de Gruyter, München. Wolin hat kürzlich das grundlegende Buch veröffentlicht: „Heidegger in Ruins: Between Philosophy and Ideology“ (2022).
Der Journalist Eggert Blum erklärt vor dem Hintergrund der Veröffentlichung der „Schwarzen Hefte“, warum „Heideggers Judenfeindschaft“ nicht schon früher in der Gesamtausgabe sichtbar geworden sei. Blum erhebt den Vorwurf, dass Heideggers Erben über viele Jahre antisemitische Spuren „mit Eifer verwischt“ hätten, beispielsweise im Band 69 der Gesamtausgabe „Geschichte des Seyns“ den Satz mit der „Vorbestimmung der Judenschaft für das planetarische Verbrechertum“, den der junge Herausgeber Peter Trawny 1998 auf Geheiß von Friedrich-Wilhelm von Herrmann eliminiert hatte. Quelle. Eggert Blum, Schwarze Hefte, geschönte Werke, „SWR2“, 12. November 2014.

2. Zu den „Schwarzen Heften. …..
Die in weiten Kreisen übliche Qualifizierung Heideggers als eines Denkers von Weltrang wurde definitiv erschüttert durch die Veröffentlichung der so genannten „Schwarzen Hefte“. Es handelt sich dabei im Original um 33 schwarze Wachstuch-Hefte, die Heidegger als seine „Denk-Tage-Bücher“ verwahrte und deren Veröffentlichung er erst post mortem gestattete. Im dritten Band dieser Hefte, im März 2014 publiziert, zeigt sich Heidegger mit antisemitischen Äußerungen und seiner Verbundenheit mit der Nazi – Ideologie. „Mit der Veröffentlichung von Heideggers „Schwarzen Heften“ im Jahr 2014 wurde deutlich, dass er eine weitaus radikalere Vision der `konservativen Revolution` vertrat, als zuvor vermutet. Wie sich herausstellt, bestand seine Unzufriedenheit mit dem Nationalsozialismus hauptsächlich darin, dass dieser nicht weit genug ging. Die Hefte zeigen, dass Heideggers Philosophie keineswegs vom Nationalsozialismus getrennt war, sondern vielmehr von ihm durchdrungen war,“ so Richard Wolin in „Heidegger in Ruins: Between Philosophy and Ideology“ 2023. In diesen persönlichen Notizen der „Schwarzen Hefte“ behauptet Heidegger, das Judentum zeichne sich durch „rechnendes Denken“ aus, zudem sei das Weltjudentum Schuld am 2.Weltkrieg.
Dabei hatten kritische Heidegger Forscher schon viele Jahre zuvor Heideggers Bindung an die Ideologie des Nationalsozialismus herausgearbeitet, etwa Studien über „Philosophie und Politik bei Heidegger“ von Otto Pöggeler (1972) oder schon 1965 Alexander Schwan. Der Philosoph und Politologe Prof. Alexander Schwan betonte erneut in seinem Beitrag in dem Band „Heidegger und die praktische Philosophie“ (1989): „Heidegger bietet nichts, was zur Überwindung des Nationalsozialismus beitragen könnte.“ (S. 100). Zudem hat Heidegger, so Alexander Schwan, „das Auftreten von Rassengedanken und Rassenzüchtung als seinsgeschichtliche Notwendigkeit anerkannt.“ (ebd.) Heidegger wird also nun deutlich gesehen als politisch gebundener rechtsextremer Philosoph, der nicht nur die Demokratie verachtete und das Führer-Prinzip fördern wollte, sondern dessen „schablonenhaften Analysen zum gegenwärtigen Zeitalter und zu den politischen Vorgängen gänzlich unzureichend sind. Sie sind darüber hinaus in ihrer Apodiktik gefährlich… Das damit von Heidegger eingeschlagene philosophische Vorgehen ist unzumutbar und inakzeptabel.“ Quelle: Alexander Schwan, „Heidegger und die praktische Philosophie“, Suhrkamp, 1989, S. 105). Und der US-amerikanische Historiker und Philosoph Richard Wolin zeigt, „dass Heideggers gesamter vernunftkritischer Ansatz und seine verstörenden antisemitischen Bekundungen eng verknüpft sind“.
In seiner großen Heidegger Biografie schreibt der Philosophie-Historiker Guillaume Payen : „Heideggers Volk bestand aus einheitlichem Blut , das die Juden ausschloss“ (S. 602). Und: „Seine Überzeugung ist, dass Deutschlands Heil Adolf Hitler heißt, das stand vor Januar 1933 für ihn fest“, schreibt der Philosoph Jean-Paul Bled, in Payen, S. 11.
Zu dem Buch „Martin Heideggers Schwarze Hefte“ (hg. von Marion Heinz und Sidonie Kellerer, Suhrkamp 2016), schreibt Sabine Hollewedde zusammenfassend: „Bis in postmoderne Positionen hinein zieht sich das Erbe der Heideggerschen Subjekt- und Vernunftkritik sein ‚fatalistischer Kern‘, der den Menschen jede Fähigkeit zur Emanzipation abspricht und gar noch fordert, sie mögen sich in das (Seins-)Geschick fügen. Dass ein solches Denken nicht bloß Affinität zu einem faschistischen Politikverständnis besitzt, sondern diesem seinem Kern nach entspricht, macht die Lektüre der Beiträge dieses Bandes deutlich.“ (zit. in https://www.socialnet.de/rezensionen/21684.php)
Direkt zum Antisemitismus Heideggers in den „Schwarzen“ Heften“, oft schwer genau zu entschlüsseln, hat der Jurist Alfred J.Noll in seiner Heidegger – Kritik Einges Wesentliche gesagt, er fasst Äußerungen Heidegger in den Schwarzen Heften, veröffentlicht in der „Gesamtausgabe“ Band 96, zusammen: “Die Juden sind unfähig, und sie sind unwert – und sie werden, können und sollen in Hinkunft keine Bedeutung mehr haben“ (S. 188 in Noll). In Band 97 der „Gesamtausgabe heißt es: „ Die modernen Systeme der totalen Diktatur entstammen dem jüdisch-christlichen Monotheismus“ (S. 1189 in Noll).

3. Die Briefe an seinen Bruder Fritz
Auch in den Briefen Martin Heideggers an seinen Bruder Fritz aus den Jahren 1930 bis 1949 wird die Verbundenheit Martin Heideggers mit der Nazi-Ideologie und dem Antisemitismus deutlich. Oft spricht der Philosoph von der Sorge um seine „Kisten“ (also eigene Bücher- und Manuskript-Kisten), die doch bitte schön irgendwo gut versteckt und vergraben werden sollen – angesichts der Bombardements. Von den verfolgten und vernichteten Juden ist hingegen an keiner Stelle des Briefwechsels die Rede. Mitfühlende Äußerungen wurden von den Herausgebern gewiss nicht weggelassen. Denn solche Worte hätten ja wenigstens ansatzweise einen menschlichen, für die Juden und die anderen Verfolgten des Nazi-Regime mitfühlenden Heidegger gezeigt. Das war er aber nicht! Briefe sind enthüllender als Buchpublikationen eines Autors.
Es wird in den Briefen auch die maßlose, durchaus in Lächerliche gehende Selbsteinschätzung Martin Heideggers dokumentiert. So schreibt er am 10. Mai 1944, er müsse „hinauf“ in die Hütte von Todtnauberg. Denn er „spüre, dass das Seyn ihm etwas zu sagen habe“: „Ich fühle das Erwachen eines Denkens, dem ich mich jetzt einfach hinhalte, umweht von einem weither kommenden Atem der Geschichte des Seyns…“ Tausende Menschen sterben, Soldaten erfrieren, Juden werden systematisch umgebracht, und Heidegger „hält sich dem Seyn hin“ und fühlt sich „umweht“…. Dann folgt die maßlose Überhöhung seiner eigenen Rolle: „Zumal ist dies: Dass durch einen einzigen Menschen das Geheimnis spricht und in mir die Kühnheit des Denkens dem entgegenkommt und es befreien darf ins klare Wort“ (S. 101). Heidegger maßt sich eine geradezu prophetische Rolle an: „Durch einen einzigen Menschen spricht das Geheimnis“, also das göttliche Geheimnis? Heidegger sieht sich als diesen „einzigen Menschen“, durch ihn wird förmlich die Erlösung vermittelt, durch die ihm gewährte Gnade der Seyns-Hörigkeit.
Einige zentrale Sätze aus den „Briefen“ Martin Heidegger an seinen Bruder Fritz in Meßkirch:
Am 18. Dezember 1931:
„Es sieht so aus, als ob Deutschland erwacht und sein Schicksal begreift und erfasst. Ich wünsche sehr, dass du dich mit dem Hitlerbuch („Mein Kampf“) auseinandersetzt. Dass dieser Mensch einen außergewöhnlichen und sicheren politischen Instinkt hat… das darf kein Einsichtiger bestreiten. Es geht nicht um kleine Parteipolitik mehr, sondern um Rettung oder Untergang Europas und der abendländischen Kultur. Wer das auch jetzt nicht begreift, der ist wert, im Chaos zerrieben zu werden.“ (S. 21, 22)
Am 27.Juli 1933, S. 29:
„Ich nehme an, dass du nicht zu den Brüning Bewunderern (Brüning war Politiker der katholischen Zentrumspartei, CM) gehörst und das Zentrum den Weibern und den Juden als Zufluchtsstätte überlässt.“(S. 29). Der tiefsitzende Hass Heideggers auf alles Katholische kommt da erneut zum Ausdruck, CM.
Im Brief vom 3. 4. 1933 spricht Heidegger von der „internationalen jüdischen Hochfinanz.“
Am 12.2. 1945:
„Vermutlich ist jetzt trotz des Elends wenig Schmerz in der Welt“.
Am 23. Juli 1945, nach Kriegsende und dem Beginn der Überprüfungen der Nazi-Täter::
„ Alles ist übel und schlimmer als zur Nazizeit. (S 127).
Am 23. Juli 1945: „Hier (zu Hause, In Freiburg) ist es wenig schön, wir müssen KZ-Leute in die Wohnung nehmen… (bei den „KZ-Leuten“ handelt es sich wohl nicht um KZ Aufseher, sondern um überlebende Juden, dieses irritierende Wort „KZ – Leute wird in den langen Kommentaren zu den Briefen von den Herausgebern, dem Rabbiner Walter Homolka und dem Enkel Arnulf Heidegger, nicht kommentiert!), S. 126.
Am 31. Juli 1945: „Der Gesinnungsterror der (von Nazis nun etwas befreiten Fakultät) wird noch stärker als in der Zeit des Nationalsozialismus.“ (S.129).

4. Biografische Hinweise
Es darf nicht vergessen werden, dass Martin Heidegger als Kandidat fürs Priesteramt von 1909 bis 1911 katholische Theologie in Freiburg studierte, aus „gesundheitlichen Gründen“ dann dieses Studium aufgab zugunsten von Philosophie, Geschichte und Mathematik. (Vgl. Johannes Schaber, in Heidegger und die christliche Tradition, S.93. ). Am 30.9. 1909 war Heidegger sogar in das Noviziat der Jesuiten in Tipis bei Feldkirch eingetreten, wurde er aber schon am 13.10. 1909 wegen „schwacher physischer Konstitution“ entlassen. Daraufhin entschied er sich fürs Priesteramt in der Diözese Freiburg, dieses Projekt gab es 1911 auf, weil ihn Philosophie sehr viel mehr interessierte. (Quelle: Heidegger Handbuch, hg. Dieter Thomä, 2003, S. 517).
Kein biografischer Hinweis darf die Charakterstruktur Heideggers außer Acht lassen: Heidegger wollte schon als junger Philosoph ein ganz Besonderer sein, als eine Ausnahmegestalt gelten, spätestens seit „Sein und Zeit“ bis zum Tod und darüber hinaus durch die von ihm als posthum verfügten Schriften. Nur wer diesen exzessiven Drang zum Außergewöhnlichen bei Heidegger wahrnimmt, mit einer ganz besonderen Sendung ausgestattet und damit zur Führung berufen, kann verstehen, dass Heidegger so viele Leute tatsächlich über so viele Jahre auch seit 1950 etwa als eine Art Führergestalt faszinieren konnte. Heidegger als früheres Mitglied der Nazi-Partei passte seit den 1950 Jahren genau in eine bürgerliche politische Kultur der Bundesrepublik (und Frankreichs), die schon wieder einen weisen Führer verlangte, der zwar für die meisten Hörer und Leser viel Unverständliches-Esoterisches sagte und schrieb, der sich aber als ein hochbegabter philosophischer „Führer“ selbst von persönlicher Schuld in der Nazi – Herrschaft freisprach und damit anderen Mitläufern und Partei-Mitgliedern auch die Möglichkeit eines guten Gewissens bot: Denn Heidegger lehrte: Auch die Täter und Mitläufer der Nazi-Zeit folgten einer Art Schicksal, von ihm vornehm „Schickung“ genannt, dem bzw. der sie nicht entkommen, geschweige denn Widerstand leisten konnten. Heidegger hatte keine Scheu, sich als gehorsamer Hirte des Seins bzw. Seyns zu verstehen, der nur den Winken des Seins, Seyns, hörend und gehorsam folgen musste. „Oft danke ich dem Seyn, dass es mir Triebe zum Namenlosen des unscheinbaren Denkens zugeboren und durch Herkunft und Erziehungsgang festgegründet hat.“ , (Brief an Fritz, vom 21.2. 1946, S. 134).

5.Jugend und katholische Studentenzeit
Die sehr umfangreiche, sehr gründliche und um Objektivität bemühte Studie des französischen Historiker Guillaume Payen, in Frankreich unter dem Titel „ Martin Heidegger. Catholicisme, Révolution, Nazisme“ im Jahr 2016 veröffentlicht, in Deutschland erst 2022 publiziert unter dem allgemeineren Titel „Heidegger. Eine Biographie“ (Übersetzung von Walther Fekl). Die deutsche Ausgabe hat 703 Seiten, davon werden der Jugend und der frühen Dozentenzeit bis 1923 ca. 150 Seiten gewidmet. Mit anderen Worten: Auch für Pschologen, die sich mit Heideggers Charakter befassen werden, ist diese Jugendzeit im erzkatholischen Messkirch für Heidegger entscheidend und prägend. Hier nur so viel: Martin Heidegger wurde von seiner Familie (der Vater war Messner) in einem „brennenden katholischen Glauben erzogen“, betont der Philosoph Jean- Paul Bled in seinem Geleitwort zu Payens Studie. „Der Katholizismus seiner Familie war konservativ geprägt und lehnte die gottlose Moderne ab. Tradition, Demut und Gehorsams gegenüber dem Schöpfer waren die alles beherrschenden Begriffe ..“ So Guillaume Payen, Seite 47. Heidegger hatte sich, wie gesagt, fürs katholische Priesteramt entschieden, studierte von 1909 -1911 katholischeTheologie, wandte sich dann aber 1917 von der Kirche ab und wurde zum heftigen Gegner der Katholischen Kirche. Heideggers Begründung: Die Bindung an die Katholische Kirche und ihre Dogmen würde seine Freiheit als Philosoph zu sehr einschränken. Seine vielseitig gebildete Frau Elfride (sic) war Protestantin und sehr früh schon überzeugte NSDAP-Sympathisantin, sie bestärkte ihren Freund, späteren Mann in der Ablehnung des Katholizismus. Diese Haltung schloß für Heideger nicht aus, sich in seiner frühen Dozentenzeit sehr für Paulus und seine Briefe sowie für den Augustinus der „Confessiones“ zu interessieren sowie auch für Luther. Immer geht es dabei Heidegger um die Freilegung der frühchristlichen Lebenshaltung, dabei spricht er viel von Paulus, aber nicht von Jesus von Nazareth. Dieses Desinteresse an Jesus von Nazareth und seiner Botschaft zieht sich bis ins Spätwerk hin, wenn es um die Frage nach Gott bzw. den Göttern und dem Seyn geht. Trotzdem ist das heftige Interesse des „frühen Heidegger“ an der urchristlichen Lebenshaltung bemerkenswert, zumal er dabei für eine christliche Theologien plädiert, die sich von allen griechischen, d.h. metaphysischen Einflüssen freihält! (Constantino Esposito, „Von der Faktizität der Religion zu Religion der Faktizitäten“,S. 54 ff.)
Heidegger war seit 1927 „weltberühmt“ geworden wegen seines Buches „Sein und Zeit“, ein Versuch über die Analysen des faktisch gelebten „Daseins“ und dessen Bindung an die Zeit („Dasein“ nennt Heidegger den Menschen) die Frage nach dem Sein klären zu können. Dieses Projekt aber scheitert, trotz mancher vielfach zitierter Analysen des Daseins sieht Heidegger sein Werk „Sein und Zeit“ eher als Fragment an. Deswegen die „Kehre“ im Denken Heideggers: Da wird der Denker zum Hörer der Offenbarungen des Seins… Das umfangreiche „Sein und Zeit“ wurde als philosophische Sensation wahrgenommen und hatte Heidegger berühmt gemacht .. und er konnte glauben: Er sei als Philosoph zu Höherem berufen, so auch später zum philosophischen Führer selbst unter dem Führer Hitler…Über die Begrenztheit der Analysen des Menschen („Dasein“) in „Sein und Zeit“ gibt es zahlreiche Studien. Der Philosoph und Heidegger – Spezialist Jacques Taminiaux sagt in dem genannten Heft „Die Philosophen und der Nationalsozialismus“ (S. 67): Heidegger denke in „Sein und Zeit“ nur den radikal isolierten Menschen. „Für Heidegger dreht sich alles um die Konfrontation des einzelnen mit seiner eigenen Sterblichkeit, mit seiner endlichen Existenz… Weil er auf den Tod zuläuft, das heißt auf das Nichts. Zu keinem Zeitpunkt scheint ihm, wie der Philosoph Lévinas betont, der Tod eines anderen etwas anzugehen. Auf das Dasein eines Volkes übertragen, führt dieser Solpsismus Heidegger geradewegs in einen übersteigerten Nationalismus.“

6.Rektorat der Universität Freiburg
Die Diskussion um Heideggers Verstrickung in den Nationalsozialismus bezieht sich auch auf die Zeit seines Amtes als Rektor der Universität Freiburg. Im April 1933 wurde Heidegger Rektor der Freiburger Universität. Am 1. Mai 1933 war er in die NSDAP eingetreten. Seine Antrittsrede am 27.Mai 1933 hatte den Titel „Die Selbstbehauptung der deutschen Universität“. Am 3. November 1933 veröffentlichte Heidegger in der Freiburger Studentenzeitung einen Artikel mit dem Titel „Deutsche Studenten!“, darin schreibt er: „Lasst nicht Theoreme und Ideen die Regeln eures Lebens sein. Der Führer selbst und er allein ist die deutsche Wirklichkeit von heute und morgen und ihr Gesetz“; er schloss seine offizielle Rede mit dem Satz des nationalsozialistischen Grußes ‚Heil Hitler‘. (Quelle: www.information-philosophie.de/heidegger-nationalsozialismus.html)
Im April 1934 legte er jedoch das Amt des Rektors nieder, aber er lehrte weiter an dieser Universität. Als Rektor der Universität Freiburg will er ausdrücklich die Universität im Sinne der nationalsozialistischen Politik umgestalten. Er führt einen unerbittlichen Kampf, um zum philosophischen Vordenker der Bewegung der Nationalsozialisten zu werden, er ist so selbstbewusst, „den Führer zu führen“. Er muss erkennen, dass ihm das nicht gelingt und nennt später die Einschätzung seiner politischen Rolle seine Dummheit. Freilich sieht es Heidegger selbst nicht als Dummheit an, überhaupt Mitglied der NSDAP gewesen zu sein. Vom 1.Mai 1933 bis zum Ende des Hitler Regimes 1945 blieb er NSDAP-Parteimitglied.
Die französische Militärregierung, zuständig auch für die Universität Freiburg, verfügte Ende 1946, im Rahmen des „Entnazifizierungs-Verfahrens“ ein Lehrverbot „auf Dauer“ und den Ausschluss Heideggers aus der Universität. 1949 durfte Heidegger in Deutschland aber wieder veröffentlichen, und 1949 wurde das Lehrverbot aufgehoben, Heidegger blieb zwar offiziell emeritiert, seit dem Wintersemester 1950/51 durfte er wieder an der Universität als Lehrbeauftragter lehren. (Vgl. Nachwort zu „Was heißt Denken, Stuttgart 1992, s. 73.). Im Wintersemester 1951 hielt Heidegger die Vorlesung „Was heißt Denken?“, die Hauptthese: „Wir denken (noch) nicht“. Und Heidegger dachte in dieser Vorlesungen nicht im entferntesten daran, ein Wort zu seinem „Dasein“ in der Nazi – Zeit zu sagen. Und er dachte auch nicht daran, sich von seiner berühmten Rektoratsrede von 1933 zu distanzieren. Natürlich meinte Heidegger mit Denken nicht das selbstkritische, politische Denken, sondern wie immer bei ihm: Das Denken des Seins (Seyns)…Das war sein einer und einziger Gedanke…

7. Zur Gottesfrage
Seit 1919 ist Heidegger ein entschiedener Feind des Katholizismus, nicht aber des Christentums, wie er in einem Brief an Engelbert Krebs vom 9.1.1919 betont. Das Christentum erforscht Heidegger in den Briefen des Apostels Paulus, dabei geht es ihm nicht um den dogmatischen Inhalt, sondern um die formale Lebenshaltung der ersten Christen in der „Urkirche“, zumal ihr Umgang mit der Zeit ist ihm wichtig, vor allem mit der Erwartung der „Endzeit“. Dabei lässt Heidegger auch die Erörterung über Jesus als Messias beiseite. Mit der Abwendung Heideggers von der für die katholische Theologie damals grundlegenden Scholastik wird Luther für ihn wichtig, wobei es auffällt, dass Heidegger dabei das zentrale Luther-Thema der Rechtfertigung aus dem Glauben ignoriert (vgl.Karl Lehmann, Heideggers Beziehung zu Luther, in „Heidegger und die christliche Tradition“, s. 161).
In seiner Spätphilosophie seit Mitte der 1930 Jahre geht es Heidegger um eine Gottesfrage, die einerseits stark an die griechische Erfahrung im Sinne seines Verständnisses von Hölderlins gebunden ist, also an die Erfahrung der „Schickung“ von Einsichten durch das Sein, in gewisser Weise um privilegierte Offenbarungs- Erfahrungen für den Denker. An dieser Stelle fällt Heidegger ins esoterische Sprechen, das nur einige Erwählte verstehen können. Heidegger wehrt sich gegen das objektivierende Verfügbarmachen Gottes in der klassischen Metaphysik und Religion. „Wenn es überhaupt menschenmöglich ist, das Göttliche zu denken, dann nicht mehr als vorhandenes Etwas… Die Dimension des Göttlichen soll das Andere bleiben, das Andere des Seins, denn nur als das Andere des Seins erlangt die Dimension des Göttlichen ihre eigene Würde.“( Paola-Ludovica Coriando, in „Die Gottesfrage im Denken Martin Heideggers“, s. 94). Nur wenige können diesen „anderen“ Gott erfahren, es sind „die großen und verborgenen Einzelnen“, die `Reifen`, die den „Vorbeigang“ dieses Gottes würdigen können.
Jürgen Habermas urteilt sehr klar über das Gottes-Denken des späten Heidegger, er zeigt, dass Heidegger „von einem Ort jenseits des Logos spricht“, also außerhalb der allgemein zugänglichen Vernunft und ihrer Begriffe. Habermas meint, Heidegger gebe sich, so wörtlich, „neuheidnischen Spekulationen über die Flucht oder Ankunft der Götter hin. Dabei gebe er sich einer Rhetorik hin, „die die Kraft des überzeugenden Arguments hinter sich gelassen hat und durch die beschwörende Selbstinszenierung der großen und verborgenen Einzelnen ersetzt. (Habermas in „Zwischen Naturalismus und Religion“, 2005, S. 256. ). Habermas weist darauf hin, dass sich der späte Heidegger eines Wortschatzes bedient, der letztlich dann doch aus der von ihm abgelehnten Herrschaft der Kirchen herkommt: Etwa: Wagnis und Sprung, Entschlossenheit und Gelassenheit, Hingabe und Geschenk, Ereignis usw.
Und letztlich blieb Heidegger an die uralte katholischeWelt seiner Kindheit gebunden, als er sich in seinem ganzen Leben gegen Demokratie und liberalen Rechtsstaat stellte und so dann doch Positionen des Papstes Pius IX. akzeptiere, als dieser in seinen Enzykliken die Demokratie und die Menschenrechte ablehnte. Heidegger ist also sehr indirekt, aber wirksam-intensiv im Sinne der katholischen Theologie des 19. Jahrhunderts doch katholisch geblieben. „Heideggers erste Bestimmung, die katholische, blieb ausschlaggebend für seine politische Beziehung zur Modernität, auch in Bezug auf den Antisemitismus“, (S. 614 Payen.)
Aber es ist sehr die Frage, wie dieser vom späten Heidegger letztlich im Rahmen griechischer Begriffe gedachte Gott etwas mit dem biblischen Gott zu tun hat. Man beachte, dass der junge Heidegger, vor „Sein und Zeit“, ausdrücklich das christliche Denken von der Rezeption griechischer Begriffe befreien wollte und explizit für ein nicht-griechisches, also nicht – metaphysisches Denken des christlichen Glaubens eintrat. Man denke etwa an Martin Heideggers Vorlesung Einleitung in die Phänomenologie der Religion, gehalten im WS 1920/21,.

8. Das Sein (Seyn) Heideggers
Dies ist die entscheidende und schwierige Frage, die aber außerhalb der esoterischen Begriffe Heideggers beantwortet werden muss! Was ist das Sein bzw. in der Spätphilosophie das Seyn?
Ein Versuch des nicht esoterischen Verstehens. Das Sein ist das alles Seiende in seinem Sein Einsetzende, sozusagen die übergeordnete Macht und Kraft. Das Sein ist also durchaus dem Gott verwandt, vielleicht mit Anklang an den biblischen Schöpfer-Gott, aber Sein meint Gott sozusagen in säkularisierter Begrifflichkeit… vielleicht ist also Gott doch mit Sein, Seyn, sehr verwandt?
Und wenn über Heidegger und die christliche Religion nachgedacht wird, bitte noch einmal beachten: Heideggers Gott steht nicht mit Jesus von Nazareth und seinem Evangelium in irgendeiner Verbindung. Es wäre ein Forschungsthema für Unentwegte noch einmal zu fragen: Spricht der Philosoph Heidegger von Jesus und seinem Evangelium vielleicht irgendwo „zwischen den Zeilen? Etwa von der Bergpredigt? In dem 574 Seiten umfassenden Buch „Heidegger Handbuch“ kommt im Sachregister das Stichwort Evangelium , Bibel oder gar Bergpredigt nicht vor, im Personenregister kein Hinweis auf Jesus von Nazareth, hingegen 4 Hinweise auf den Apostel Paulus und seine Briefe.
Zur Beisetzung Heideggers am 28. Mai 1976 hielt der katholische Theologe und Priester sowie auch Philosoph Bernhard Welte – auch er stammte aus Meßkirch – eine Ansprache: Heidegger hatte von Welte, seinem Freund, möchte man fast sagen, ausdrücklich eine christliche Beerdigung gewünscht, eine übliche katholische Trauerliturgie fand allerdings nicht statt. Welte behauptete dabei u.a.: „Heidegger hat auch sonst seine Verbindung zur Gemeinschaft der Glaubenden nie unterbrochen. Er ist freilich seinen eigenen Weg gegangen, und er hat ihn wohl gehen müssen (sic!), seinem Geheiß (sic!) folgend und man wird diesen Weg nicht ohne weiteres einen christlichen im üblichen Sinne des Worte nennen können“. (zit. in: „Martin Heidegger – Bernhard Welte. Briefe und Begegnungen“, hg. Alfred Denker und Holger Zaborowski, Stuttgart 2003, dort S. 127). Man beachte, dass Welte damals den Lebens- und Denkweg Heideggers als Schicksal interpretierte, so , wie Heidegger es selbst tat, wenn er an seine politischen Verirrungen in der Nazizeit und danach dachte…Zur Beisetzung wurden übrigens von Heidegger ausgesuchte Verse von Hölderlin vorgetragen, ein deutlicher Hinweis: „Mein Glaube ist wesentlichen Hölderlin inspiriert.
Kardinal Karl Lehmann, auch er ein Kenner der Philosophie Heideggers, schrieb anläßlich des 30. Todestages von Heidegger sehr versöhnend und sehr wohlwollend: “Wer vor dem Grab von Martin Heidegger steht, wird entdecken, dass da statt des – in Meßkircher Gegend – üblichen Kreuzes ein Stern auf dem Grabstein zu finden ist. Vielleicht hat er bei diesem `großen Suchenden` Martin Heidegger mehr mit dem Stern von Bethlehem zu tun, als viele denken mögen. Vielleicht auch mehr als er selbst.“ Über Heidegger und den „Stern von Bethlehem“ gibt es meines Wissens noch keine Doktorarbeit, aber: eine ziemlich gewagte These verbreitet da der Heidegger Versteher Kardinal Lehmann… (zit. In „Feldweg und Glockenturm“, Festschrift anläßlich des 30. Todestages von Martin Heidegger“, Gmeiner Verlag 2007, s. 28).
Heidegger hatte zweifellos kein Interesse an der Jesus Gestalt, dessen Ethik hätte ihn vielleicht auf den Gedanken gebracht, selbst eine Ethik zu denken. Heidegger hielt sich in seinem Größenwahn hätte ich fast gesagt ausschließlich an die Seinsfrage oder Seynsfrage, mit der er die ihn Lesenden fesselte. Im Rahmen seiner Vorliebe für Griechenland und seine frühen Denker war er mehr am Geschick interessiert, wohl einem anderen Wort für Schicksal, als einer waltenden Macht des Seyns, der er sich hingab, auf die er gehorsam hörte als „Hirt des Seins“. So konnte er sich unschuldig fühlen in seinen Verstrickungen in der Nazi-Zeit und sein rechtsradikales Denken insgesamt. An seinen Bruder Fritz schrieb er am 3. Dezember 1944, welche Gefühle bei ihm aufkommen angesichts der zerstörten Straßen in Freiburg: “Trotz allem rührt es nicht an das Innerste und an das Vertrauen und Wissen, das sich geborgen gibt in das Unzerstörbare und im Innersten huldvolle GESCHICK:“ (S. 113, „Heidegger und der Antisemitismus). Und ein Beispiel für Heideggers esoterische „Spiritualität“, ebenfalls in einem Brief an seinen Bruder Fritz am 22.2. 1945: „In der Verdüsterung des Seienden ist das helle Licht des Seyns um mich. Ich wünsche sehr, dass du daran Anteil hast“. (S. 123).

9 .Mit Heidegger hoffen lernen?
Zu Beginn dieses Hinweises haben wir erklärt: Heidegger hat zu den drängenden aktuellen Fragen der Menschheit „eigentlich“ nicht viel zu sagen, z.B., elementar: wie Menschen Hoffnung entwickeln können in dieser jetzt offenbar besonders verrückten kriegerischen Welt. In einem seiner neuen Bücher „Der Geist der Hoffnung“ (Berlin 2024) hat der Philosoph Byung-Chul Han (er hat über Heidegger seines philosophische Doktorarbeit verfasst) seinen Gesamteindruck geschrieben: „Heideggers Denken besitzt keine Sensibilität für das Mögliche, für das Kommende… Er ist unterwegs zum Gewesenen, zum Wesen… Das Denken der Hoffnung orientiert sich nicht am Tod, sondern an der Geburt, nicht am In-der-Welt-Sein, sondern am In-die- Welt-Kommen… Hoffnung hofft über den Tod hinaus.“ (S. 112)… „Wer hofft, rechnet mit Unberechenbarem, mit Möglichkeiten gegen alle Wahrscheinlichkeit.“ (S. 93).

10. Immer wieder „Sein und Zeit“: Die Tagung End Mai 2026
Im Schloß Meßkirch findet vom 29. bis 31. Mai 2026 eine von der großen Anzahl der Referate und Arbeitsgruppen äußerst anspruchsvolle Tagung der Heidegger Gesellschaft statt, aber es geht nicht etwa um den politischen Heidegger oder gar über seine Nazi-Bindung, sondern über „Sein und Zeit“. Ist da nicht alles vielfach schon gesagt? Unter den ReferentInnen der Tagung habe ich keinen prominenten Heidegger – Kritiker entdeckt.
Am Donnerstag, 28.05.2026, um 19:00 Uhr findet dort jedenfalls ein Festakt zum Gedenken an Heideggers 50. Todestag statt. Den Festvortrag hält Prof. Dr. Dr. Holger Zaborowski, Universität Erfurt: „Warum Heidegger weltweit fasziniert – und was der uns heute noch zu sagen hat“. Prof. Zaborowski setzt sich durchaus kritisch, aber immer auch wohlwollend seit Jahren mit Heidegger auseinander, er ist jetzt Vorsitzender der Heidegger – Gesellschaft. Zaboroski hat also Prof. Harald Seubert offenbar als Vorsitzenden dieser Gesellschaftabgelöst, Seubert war vor einigen Jahren durch Publikationen und rechtsradikalen Blättern aufgefallen, siehe: https://religionsphilosophischer-salon.de/keys/harald-seubert-vorsitzender-der-heidegger-gesellschaft
Das esoterisch wirkende Motto der Heidegger Gesellschaft heißt: „Winke, die Zugewunkenes weiterwinken.“ Von Heidegger stammt dieses „winke Winke“ – Zitat. Vielleicht meint das Motto aber auch: Reflektiert kritisch ein Abschiednehmen von oberflächlichen, verherrlichenden Interpretationen von Heideggers Werk … also „winke Winke“…??

11. Neue Projekte 
Einige kritische Historiker sollen selbstverständlich den „Ober-Hirten“ des Seins (Seyns) untersuchen. Und nach wie vor fragen: Wie geriet ein eigentlich kluger Philosoph in die Nazi – Ideologie? Das schon genannte Problem ist nur: Eine kritische (!) Gesamtausgabe inklusive aller Briefe Heideggers werden wir wohl nicht mehr erleben. So werden wir wohl noch viele deswegen immer unpräzise Heidegger Tagungen erleben. Vielleicht mal was Neues: Eine Tagung über Elfride Heidegger, die Gattin und sehr frühe und leidenschaftliche Nazi – Anhängerin.

Trotzdem bleibt es dringend weiter zu untersuchen, in welcher Weise Heideggers Bindungen an die Nazi -Ideologie, seine Rassenlehre usw., heute in rechtsextreme Parteien eindringen und dort rezipiert und zitiert werden. Die neuen Rechtsextremen setzen auf eine rechte „Kulturrevolution“, und da wird Heidegger als ein Meisterdenker hoch bewertet. Man studiere aufmerksam, in welcher Weise in der rechtslastigen Presse Heideggers 50. Todestag „gewürdigt“ wird. Heideggers Assistent Friedrich – Wilhelm von Herrmann hatte sich 2013 dem rechtsextremen russischen Philosophen Alexander Dugin zum mehr als einstündigen TV Gespräch zur Verfügung gestellt.
Zur Nähe der „Neuen Rechten“, auch der AfD, zu Heidegger: siehe den wichtigen Beitrag von Micha Brumlik mit dem Titel: „Mit Heidegger und Evola gegen die offene Gesellschaft“: https://www.blaetter.de/ausgabe/2016/maerz/das-alte-denken-der-neuen-rechten

Hinweise zur hier erwähnten Literatur:
Guillaume Payen, „Heidegger. Die Biographie“, WBG Theiss Verlag, 2022.
Dieter Thomä (HG), „Heidegger Handbuch“, Metzler Verlag, 2005
Walter Homolka und Arnulf Heidegger, „Heidegger und der Antisemitismus“, Mit Briefen von Martin und Fritz Heidegger, Herder Verlag, 2016.
Jürgen Habermas, „Zwischen Naturalismus und Religion“, Suhrkamp Verlag, 2005
Norbert Fischer und Friedrich-Wilhelm von Herrmann, Heidegger und die christliche Tradition“, Hamburg 2007
Dies., „Die Gottesfrage im Denken Martin Heideggers“, Hamburg, 2011.
Richard Wolin: „Heideggers „Schwarze Hefte“: Nationalsozialismus, Weltjudentum und Seinsgeschichte“. In: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte (Heft 3-2015)

Byung-Chul Han, Der Geist der Hoffnung“, Ullstein Verlag, 2024.

„Heidegger und die praktische Philosophie“, Suhrkamp Verlag 1989, dort vor allem der Beitrag von Alexander Schwan, aber auch die Beiträge von Hugo Ott und Otto Pöggeler.

Sehr wichtig das Interview (von Catherine Newmark) mit dem Philosophen und Philosophiehistoriker Hans Jörg Sandkühler über deutsche Philosophen in der Nazi – Zeit: In der Sonderausgabe des „Philosophie -Magazin“ (2014) mit dem Titel „Die Philosophen und der Nationalsozialismus“, dort die Seiten 57 – 62, grundlegend auch die Studien zum Thema von Wolfgang Fritz Haug.

Micha Brumlik: „Mit Heidegger und Evola gegen die offene Gesellschaft“: https://www.blaetter.de/ausgabe/2016/maerz/das-alte-denken-der-neuen-rechten

Unter unseren zahlreichen Hinweisen auf Heidegger im Laufe der Jahre weisen wir nur hin auf „Heideggers esoterische Philosophie“: LINK : https://religionsphilosophischer-salon.de/5689_heidegger-ein-esoterischer-philosoph-hinweise-auf-ein-buch-von-peter-trawny_buchhinweise/philosophische-buecher

Alfred J. Noll, „Der rechte Werkmeister, Martin Heidegger nach den schwarzen Heften“, PapyRossa Verlag, Köln 2016, zu Heideggers Antisemitismus: S. 186 ff.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 

Wenn politische Regression unser Leben bedroht

Hinweise von Christian Modehn am 15. April 2026

1.
Wenn Philosophieren noch die gegenwärtige Zeit auf den Begriff bringen will, ist es angebracht, diese Gegenwart als Zeit der Regression zu verstehen. Manche Soziologen sprechen auch von „Großer Regression“, allerdings in einem Buch aus dem Jahr 2015. (Fußnote 1). Die Zeitdiagnose des Politologen Giuliano da Empoli, zehn Jahre später publiziert, ist deutlich heftiger, schonungsloser: Wir leben in der „Stunde der Raubtiere“ (Fußnote 2). Wahrlich defätistisch seine Erkenntnis: „Die Weltuntergangs-Uhr in Manhattan… zeigt seit 2023 Mitternacht minus 90 Sekunden an – seit diese Uhr 1947 geschaffen wurde, waren wir dem Ende noch nie so nahe.“(S. 33).
2.
Die Raubtiere da Empolis können uns alle zerfetzen. Wer noch Regressionen feststellt, spricht nicht von Tieren, sondern von Menschen, also von „eigentlich“, „grundsätzlich“, „wesentlich“ doch immer noch etwas vernünftigen Menschen. Aus Gier, aus Bequemlichkeit, Nationalismus sinken sie in einen unvernünftigen Zustand zurück. Aber wer noch Regression festzustellen meint, hat immerhin noch den Begriff der Heilung, der Überwindung von Regression im Hinterkopf, also letztlich noch die Idee eines Fortschritt. Wer sich aber von Raubtieren umzingelt sieht, muss sich verstecken, aus Angst einmauern, bis dann doch die Raubiere alles zerfleischen. Wer die Übeltäter, die Kriegstreiber, noch für regressive Typen hält, kann noch handeln, versuchen, die Wende zur Demokratie, zu den Menschenrechten, zur Humanität zu probieren.
3.
Mit der Wahlniederlage des nationalistischen, antidemokratischen, populistischen Herrschers Viktor Orban in Ungarn, hat dort und für die EU wahrscheinlich die Demokratie wieder eine Chance. Es waren Kämpfe der noch demokratisch orientierten Bürger gegen die Allmacht Orbans, die zum Erfolg führten. Orban ist – hoffentlich – definitiv entmachtet und … er wird bestraft…
4.
Die Herrschaft Orbans war eine Zeit der Regression, der radikalen Rückkehr zu nationalistischer Willkür und zur Zerschlagung demokratischer Werte und Strukturen. Dieser Herrscher der Regression war eng verbunden mit anderen Herrschern der Regression, vor allem mit dem allmählich ins Wahnsinnige abirrenden Donald Trump und mit Putin sowie den nationalistischen Ministerpräsidenten der Slowakei und Tschechiens sowie mit den reaktionären erz-katholischen PiS Politikern in Polen. Vielleicht beginnt die Mauer der Regressiven in Europa nun etwas zu bröckeln.
5.
Es könnten andere Beispiele besprochen werden: Das entschiedene, kämpferische demokratische Handeln der Demokraten kann noch regressive Regime zu Fall bringen: An Brasilien wäre zu denken, an den Sieg des linken Demokraten Inacio Lula da Silva über den Verbrecher Bolsonaro. Oder: In den Niederlanden konnte bei den Parlamentswahlen 2025 die rechtsradikale Partei PVV von Herrn Wilders auf Position zwei – nach dessen Wahlsieg 2023 – gedrückt werden durch die linksliberale Partei D66.
6.
Regression ins Rechtsradikale und Rechtsextreme ist also kein Schicksal. Obwohl heute vielfach der Eindruck vorherrscht, der Aufstieg der rechtsradikalen AfD etwa in Sachsen-Anhalt sei eine Art von Schicksal. Wenn die CDU dort mit den Linken zusammenarbeiten würde und auch mit den anderen demokratischen Parteien eine Art „demokratische Front“ bilden würde, wäre die AfD erstmal stark eingeschränkt. Man erinnere sich: Die total regressive, rechtsradikale Partei „Front National“ von Le Pen konnte die Präsidentschaftswahl 2002 nicht gewinnen, weil sich alle demokratischen Parteien dort für die Wahl des konservativen Chirac im 2. Wahlgang entschieden hatten und ihm ein Wahlergebnis von 82 Prozent bescherten. Das ist gemeinsamer, überparteilicher Widerstand von Demokraten gegen regressive, rechtsradikale Politiker.
7.
Zum Begriff Regression. Er bezieht sich erstens auf die seelische, geistige Verfassung vieler Menschen. Und dann, im weiteren Sinne, auch auf die politische, ökonomische, soziale, kulturelle, religiöse Situation dieser Welt. Diese Regression ist immer das bewusst eingesetzte Aufgeben bisher errungener Standards demokratischen Lebens und des Respektes der Menschenrechte.
8.
Regression ist also erstens eine krankhafte Verirrung des einzelnen Menschen: „Regression psychoanalytisch betrachtet, bezeichnet einen Vorgang, in dem ein Individuum oder eine Gruppe ein schon erreichtes psychisches Struktur – und Funktionsniveau verlässt und zu einem früheren, und /oder niedriger strukturierten Niveau des Denkens, Fühlens und Handelns zurückkehrt.“ (Rachel Jaeggi, „Fortschritt und Regression“, Berlin 2025, S. 215.). Nebenbei: Es gibt allerdings auch gelegentlich die kurzfristige, etwa die spielerisch ausgelebte und gestaltete Regression, etwa, wenn Erwachsene ihre Kindheit nachspielen… Darum geht es hier nicht.
9.
Regression ist dann auch politisch das bewusste Abdriften in unvernünftigere, längst überwundene und eher offiziell minderwertig eingeschätzte Formen der Lebensgestaltung, des Zusammenlebens, der Gesetze, der internationalen Kooperationen usw.
Politiker und die ihnen folgenden Wähler handeln im Sinne der Regression, etwa in der MAGA-Bewegung der USA, für den autoritären Staat der Weißen in einem System, das nur noch den Namen Demokratie hat. Regression ist, etwa in den USA, unter den Bewohnern auch der Verzicht auf immer mühsames kritisches Nachdenken über eine bessere, gerechtere Zukunft für alle Menschen.
Wir sind deswegen geneigt zu sagen: Regression ist auch das Sich – Durchsetzen von Dummheit. Wobei die Dummen zu verstehen sind als die von despotischen Herrschern und ihren Staats-Medien Dumm-Gemachten. Skepsis und Selbst-Denken werden in diesen despotischen Regimen zu Un-Werten.
10.
Regression ist mit Rückschritt identisch, mit der Entscheidung einzelner oder Gruppen, mit einer Leidenschaft für Nostalgie, hinter die Standards demokratischer Prinzipien der Gegenwart zurückzugehen. Rückschritt, Regression, ist ein Zurückdrehen der Zeit auf einen früheren, angeblich glorreich imaginierten Zustand. Rückschritt als Nostalgie ist Flucht aus der belastend empfundenen Gegenwart. Regression führt bei den politischen Akteuren zu seelischer Erstarrung, maßloser Polemik und Feindschaft gegen die Verteidiger des Neuen und Richtigen. Regression führt oft zum (Bürger)Krieg.
11.
Noch einmal: Regressive PolitikerInnen leben und handeln unter dem Niveau heutiger Menschlichkeit. Die unflätige, unverschämte Sprache etwa von Präsident Trump liefert den Beweis: Regressive Politik wird von seelisch – geistig regressiven Herrschern betrieben. Weitere Beispiele lassen sich leicht finden, in Russland, Iran, Belarus, Israel etc..
12.
Wer von Regression und Rückschritt spricht, muss immer auch an den schwierigen Begriff Fortschritt denken: Fortschritt verstanden als Überwindung der für den einzelnen wie für Gesellschaften tödlichen Fixierung auf überlebte, überholte Lebensmodelle. Der Philosoph G.W.F. Hegel ist bekanntlich einer der deutlichsten Verteidiger des Begriffs Fortschritts in der Philosophie der Weltgeschichte. Er behauptete nicht, dass alles im Laufe der Weltgeschichte global und überall immer besser und „fortschrittlicher“ wird. Hegel wollte lediglich darauf aufmerksam machen, dass Fortschritt zu verstehen lediglich in der bescheiden wirkenden Dimension als „Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit“. Lediglich das Wissen der Menschen hat sich im Laufe der Geschichte ziemlich universell verbreitet: dass der Mensch wesentlich frei sein sollte. Und die geistige, im Bewusstsein nie auszulöschende Überzeugung drückt sich „materiell“ aus, wie Hegel betont, sie wird Welt, gestaltet also Gesellschaft, Staat, Kultur, Religionen. Diese Realisierungen der Freiheit sind aufgrund der Willkür der Menschen immer wieder bedroht. Aber nie mehr abzuschaffen…„Fortschritt ist Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit“ ist selbstverständlich überhaupt keine „europäische (`kolonialistische`) Idee“, also nur für den Ort ihres Entstehens gültig. Die Idee „Fortschritt ist Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit der Menschen“ wird nach langen Kämpfen endlich heute weltweit geschätzt, in den Diktaturen Afrikas oder Asiens mindestens von den Oppositionellen in den Gefängnissen und Lagern. Sie alle fordern nicht nur in ihrem Bewusstsein, nicht nur ihrem Denken: Freiheit. Und mit dieser Forderung meinen sie letztlich die Geltung der Menschenrechte für sich selbst und für alle. Und die Bestrafung der Herrscher, die sich Politiker nennen.
13.
Regression ist die Ablehnung der Menschenrechte für alle. Fortschritt die Geltung von Freiheit und Menschenrechten für alle. Die „Stunde der Raubtiere“ kann vielleicht noch im Kampf für die Demokratie etwas hinausgezögert werden. Auch wenn man nach der Lektüre dieses Buches skeptisch bleibt. Aber den Elan des Widerstandes – selbst gegen die „Raubtiere“ – erhalten wir nur in einer Philosophie der Vernunft. Und die sammelt Menschen des Widerstandes gegen die Populisten, Rechtsradikalen und Faschisten heute, nicht nur in Deutschland…

Fußnote 1:
Die große Regression. Edition Suhrkamp, Berlin 2017.

Fußnote 2:
Giuliano da Empoli, Die Stunde der Raubtiere. C.H.Beck Verlag 2025.

COPYRIGHT: Christian Modehn, Religionsphilosophischer-salon.de

Christliche Dogmen dürfen nicht die Wissenschaften bestimmen: Francis Bacon

Über den Wissenschaftler und Philosophen Francis Bacon, vor 400 Jahren gestorben
Ein Hinweis von Christian Modehn am 9.April 2026

Das Motto:
Es gibt noch immer fundamentalistische Christen (oft Evangelikale), auch fundamentalistische ultra-orthodoxe Juden, die die Mythen des biblischen Schöpfungsberichtes („in 6 Tagen hat Gott die Welt erschaffen“) als gültige Aussagen für die Naturwissenschaften verstehen. Man möchte sagen: Diese Leute sollten die Werke des Naturforschers und Philosophen Francis Bacon studieren, um von ihrem Wahn loszukommen. Er war, vor 400 Jahren gestorben, weiter im Denken und vernünftiger als die heutigen Fundamentalisten.

1.
Der englische Natur-Wissenschaftler, Politiker und Philosoph Francis Bacon (geboren am 22.1.1561, gestorben am 9.4.1626) lebt in einer Zeit, die von radikalem religiösen Umbruch bestimmt ist.
Wir konzentrieren uns hier auf Bacons richtiges Verständnis des Zusammenhanges von Wissen und Glauben sowie auf seine kirchlichen Bindungen und religiösen Interessen; sie werden oft nicht explizit dokumentiert und ausführlich bewertet. Wir bieten einige Hinweise.

2.
Zunächst:
Francis Bacon, vielseitig begabt, ist Jurist und Staatsmann (Lordkanzler, Generalstaatsanwalt), er erforscht die Natur, ohne dabei religiös vermittelte Weisheiten anzuwenden. Und das war neu und sensationell. Man kann durchaus sagen, in seinem wissenschaftlichen Denken, philosophisch begründet, beginnt die Neuzeit. Religiöse Weisungen haben für Bacon in der Forschung nichts zu suchen. Keine Vermischung von religiösen Lehren und wissenschaftlicher Erforschung der Welt! Das war langfristig inspirierend und orientierend, man denke an die Naturforschungen Newtons.
Gott spricht für Bacon förmlich in zwei Sprachen: Durch die Bibel und die Welt, wenn man die Welt, wie Bacon, als Schöpfung versteht. Aber diese Welt selbst muss in ihren vielen Details und Aspekten wissenschaftlich, durch Experiment und empirische Erfahrung, erforscht werden. Und diese wissenschaftliche Arbeit wiederum verstand Bacon als Beitrag zur Verbesserung der Lebensbedingungen, und genau dies wiederum entspricht für ihn dem Willen Gottes.
Aber immer wieder hat sich Bacon, zumal in persönlichen Lebenskrisen, explizit zu seiner eigenen christlichen Spiritualität geäußert – und dabei gezeigt, dass er sich weithin im Rahmen der englischen Staatskirche orientiert.
Auch die Auseinandersetzung mit Atheisten war ihm wichtig. Er meinte, Atheisten blieben in ihrem Denken und Forschen der Vielfalt der weltlichen Wirklichkeit verhaftet. Sie fragen also nicht nach der schöpferischen Kraft von allem, Gott genannt.
Diese Verbindung von naturwissenschaftlicher Forschung und dem philosophisch eingegrenzten religiösem Glauben finden wir dann auch – auf radikalere, heterodoxe – Art bei Newton.

3.
1617 sollen in England 900.000 Atheisten gelebt haben, erwähnt Georges Minois in seiner großen Studie „Geschichte des Atheismus“, Weimar 2000, Seite 159. Auch zahlreiche Adlige, Wissenschaftler und Philosophen bekannten sich explizit zu ihrem Unglauben. Die menschliche Vernunft begrenzt sich förmlich auf ihre wissenschaftlichen , empirischen Erfahrungen mit der Welt. Nach Gott, der „Erstursache“ dieser Welt, wird nicht gefragt.
Francis Bacon will als Philosoph eine vermittelnde Stellung einnehmen. Denn wenn der Forscher im Verlauf seiner Forschung, auch in die Tiefe der letzten Begründung geführt wird, kann der Mensch durchaus Gott durch die Welt als Schöpfung Gott erkennen.
Diese Fragen sind dann nicht mehr Teil der religionsfreien naturwissenschaftlichen Forschung, sondern gehören in die Philosophie. Bacon war nie als Philosoph an einer Universität angestellt. Er blieb sozusagen ein unabhängiger, freier Philosoph.

4.
Es gibt zahlreiche Stellungnahmen Francis Bacons zur Religion, zum Atheismus oder zur Bedeutung des christlichen Glaubensbekenntnisses für ihn selbst. Einige ausführliche Zitate hier sind in dem Buch „Francis Bacon, Pensées sur la religion“ in der Alicia Editions veröffentlicht. 2019 ist das Buch erschienen, ein Herausgeber oder Übersetzer aus dem Englischen wird nicht genannt; erwähnt wird lediglich, dass dieses Buch (112 Seiten) „by Amazon Distribution“ GmbH, Erfurt und „Printed in Germany“ realisiert wurde.
In seinen Reflexionen zu Glaube und Atheismus bezieht sich Bacon auch auf Philosophen der Antike (Epicur, Demokratit…) oder auch auf Texte der Bibel. Das Buch versammelt oft einzelne Thesen zum Thema.

5.
Als eine Art Motto ist dem Buch ein Zitat Francis Bacons voranstellt: „Es ist wahr, dass ein Bißchen Philosophie die Menschen zum Atheismus geneigt macht. Aber eine vertiefte Kenntnis der Natur führt die Menschen zur Religion zurück“. (Alle Übersetzungen aus dem Französischen von Christian Modehn)

6.
In seinem Essay „Betrachtungen über den Atheismus“ schreibt Bacon: „Gott hat niemals Wunder getan, um einen Atheisten zu überzeugen…. Der Mensch, der die Zweitursachen (innerhalb der Welt) betrachtet, wie sie getrennt und ohne Ordnung sind, kann sich manchmal auf diese Betrachtung beschränken und dann nicht weiter forschen. Aber wenn der Mensch wirklich dazu kommt, die Zweitursachen so zu betrachten, wie sie verbunden und verkettet sind miteinander, dann ist der Mensch gedrängt, eine (göttliche) Vorsehung anzunehmen und eine Erstursache (von allem), um die wechselseitige Abhängigkeit und dieser bewundernswürdigen Verkettung (der Zweitursachen) zu begründen.“ (S. 1).
PS: Ein Hinweis zur klassischen Metaphysik, deren Denk-Modell Francis Bacon hier respektiert: Die eine Erstursache von allem ist selbst nicht von anderem verursacht, sie ist also höchstes Prinzip, Gott… Die Zweitursachen (Plural) sind alle Dinge dieser Welt, sie verursachen im Umgang mit anderen Dingen wieder Neues, Dinghaftes etc., aber eben Endliches, das dann aber auch als Zweitursache wieder für anderes zu betrachten ist…Das gründliche., differenzierende Studium der Natur führt also zur Erkenntnis Gottes.

7.
Für den Atheismus nennt Bacon verschiedene Ursachen. „Die vielfältigen Spaltungen innerhalb der Religion, die aus der Religion selbst hervorgehen, könnten zum Atheismus führen. Eine andere Ursache für den Atheismus, ist das skandalöse Leben der Priester. Und eine dritte Ursache ist die Gewohnheit zu scherzen und Witze zu machen über heilige Dinge. Nichts schadet so deutlich dem Respekt vor der Religion mehr als diese Gewohnheit. Leute, die die Gottheit ablehnen, zerstören das, was im Menschen am wertvollsten ist. Wenn der Mensch – wie für die Atheisten – in seiner Seele überhaupt nicht Gott ähnlich ist, dann ist er nur eine gemeine und schändliche Kreatur…“ (S. 4). Das Zitat ist entnommen dem Buch „Fideles Sermonen ethici…“, eine posthume Übersetzung (von 1644) des grundlegenden, wichtigen Buches „Essays“ von Francis Bacon, zuerst 1597 veröffentlicht.

8.
In seinen Glaubensbekenntnissen (etwa „a confession of faith“, 1641 posthum veröffentlicht) zeigt sich Bacon als überzeugter Christ der „Church of England“. Bacon hat auch persönliche Gebete verfasst. Einen sehr persönlich, demütig gestimmten Text, verfasste Francis Bacon, während der Zeit seiner politischen „Schwierigkeiten“ und seines Machtverlusts im Jahr 1621. Sein Gebet ist eine Reflexion über sein Leben, seine Sünden, seinen Sturz aus der politischen Gunst und sein Vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit.
Das Gebet zeigt einen Mann, der nach dem Verlust seiner politischen Macht Trost bei Gott sucht.
Auch Psalmen des Alten Testaments hat Bacon übersetzt, darin zeigt er seine poetische Begabung. Bacon hat etwa die Psalmen 1, 12, 90, 104 ins Englische übersetzt.

Copyright: Christian Modehn, www.religionsphilosophischer-salon.de

Die „unsichtbare Religion“ – lebt in der säkularisierten Gesellschaft

Ein Hinweis auf ein ungewöhnliches Thema des Soziologen Thomas Luckmann
Von Christian Modehn am 30.3.2026

Vorwort:
Der Soziologe Thomas Luckmann hat den engen Begriff „Religion“ erweitert, wenn nicht gesprengt, durch seine These der „unsichtbaren Religion“. Darauf vor allem wird hier hingewiesen. Diese Öffnung des Religionsbegriffes über die engen Grenzen der religiösen, der kirchlichen Institutionen hinaus hat bereits Immanuel Kant geleistet, nicht zuletzt aber der Weisheitslehrer Jesus von Nazareth oder aktuell der große Theologe Karl Rahner. Darauf wird am Ende dieses Beitrags hingewiesen (Nr. 14 ff.)

1.
Thomas Luckmann hat als Soziologe schon 1967 eine neue, ziemlich gewagte These publiziert: Eine von ihm „unsichtbar“ genannte, das heißt „außerhalb der kirchlichen Institutionen“ lebendige, nur individuell je verschieden geprägte Religion sei heute in Europa bestimmend. Wenn das Zerbrechen institutioneller religiöser Bindungen in individuelle Vielfalt gilt, wenn also sehr viele Menschen ihre je eigene Religion, ihren je eigenen „transzendenten Mittelpunkt“ und „Gott“ selber entwickeln, dann muss man an der gängigen sozialwissenschaftlichen und philosophischen These zweifeln: Unsere westliche Gesellschaft sei grundlegend „säkularisiert“, also ohne Bindungen an oberste, für göttlich gehaltene Werte. Es lohnt sich also, über diese „unsichtbare Religion“ nachzudenken… Aber auch die Grenzen dieser liberalen These zu erkennen.

2.
Der vielseitig gebildete Soziologe Thomas Luckmann hat mit seiner “unsichtbaren Religion“ eine heftige Diskussion eröffnet. Er hat gezeigt, dass Religionssoziologie umfassender, durchaus auch philosophisch interessierter ist als die populäre, eher schlichte Kirchensoziologie: Sie ist seit etwa 1945, zumal in Frankreich, etwa auf Statistiken zur „religiösen Praxis“ am Sonntag fixiert oder auf die Anzahl der Priester in ländlichen Gegenden usw. Französische Religionssoziologen hatten einst dieses Hauptinteresse, sie erforschten die religiöse Welt nicht umfassend, sie meinten, angesichts der Teilnehmer – Zahlen an der Sonntagsmesse in allen Regionen Frankreichs Rückschlüsse auf die so genannte „Entchristlichung“ („Säkularisierung“) der jeweiligen Regionen bzw. Bistümer ziehen zu können. Heute ist die französische Religionssoziologie (im Unterschied zu Deutschland) sehr lebendig und viel breiter aufgestellt. Man denke etwa an die zahlreichen wegweisenden Arbeiten von Prof. Danièle Hervieu-Léger in Paris, an ihre Forschungen zur Dominanz subjektiver Religion, die sie unter dem etwas provozierenden Stichwort „Bricolage“, also „Basteln“, „Etwas selber zusammenstellen“ diskutiert. Dies ist nur ein Beispiel für die aktuelle Wirkungsgeschichte der These der „unsichtbaren Religion“ Luckmanns……

3.
Ein Anlass unseres Hinweises ist auch der 10. Todestag Thomas Luckmanns, er ist am 10.Mai 2016 im Alter von 88 Jahren in seiner „Wahlheimat“ Kärnten gestorben, geboren wurde er in Jesenice, Slowenien, am 14.Oktober 1927. Thomas Luckmann ist einer der bedeutenden Soziologen des 20. Jahrhunderts, 1969 wurde er mit entscheidenden Studie „Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit“ (gemeinsam mit Peter L. Berger) weltbekannt.

4.
Uns interessiert hier Luckmanns Essay „Die unsichtbare Religion“, er wurde 1967 in New York unter dem Titel „The Invisible Religion“ veröffentlicht, aber erst seit 1991 liegt eine deutsche Ausgabe vor.
Wir können hier nur auf Luckmanns entscheidende Einsichten zur Entwicklung der christlichen Kirchen hinweisen. Sie zielen auf die schon genannte stark individualisierte, nicht mehr an kirchliche Institutionen gebundene Religion. Die Zitate hier beziehen sich auf die deutsche Ausgabe, erschienen im Suhrkamp Verlag. Das ausführliche Vorwort hat der Soziologe Prof. Hubert Knoblauch, Berlin, verfasst. Zentral ist also Luckmanns These: „Ich halte die Ansicht für falsch, das moderne Leben sei bar jeder Religion, sie sei im Kern areligiös“.( S. 164.) Die Religion könne gar nicht verschwunden sein, denn, so Luckmann: „Die grundlegend religiöse Verfassung des menschlichen Lebens ist nicht verloren gegangen“.( ebd.). D.h.: Zum Menschsein gehört also Religion…Diese heute lebendige, aber „unsichtbare Religion“ lebt überall dort, wo „aus dem Verhalten der Menschen moralisch beurteilbare Handlungen werden.“ (S. 165). Religion ist also ein moralisches Leben, ein Leben, das den Einsichten des Kategorischen Imperativs entspricht, dies kann man weiterführend im Sinne Kants sagen. Zu Kant siehe Nr. 14.

5.
Hubert Knoblauch betont in seinem Vorwort, dass der Begriff „unsichtbare Religion“ lediglich im Titel des Buches genannt wird (S.11). Aber die Idee einer „unsichtbare Religion“ bestimmt das ganze Buch, ist sozusagen das entscheidende Thema. Diese unsichtbare Religion (man sollte angesichts ihrer Pluralität eher den Plural Religionen verwenden) ist faktisch eine Alternative und eine Konkurrenz zu den etablierten Kirchen geworden.

6.
Deswegen weitere zentrale Aspekte zur „unsichtbaren Religion“ im Sinne Luckmanns: Die „unsichtbare Religion äußert sich in verschiedenen menschlichen Verhalten, immer dann, wenn inmitten des Alltags eine bestimmte Praxis zur einer Art absolutem Mittelpunkt des Lebens wird: Dieser „Mittelpunkt“ kann Sport sein, Fußball zumal, dem alle Interessen gelten; er kann auch der Beruf sein; oder können Erotik und Sexualität sein, alles kann zum absoluten Mittelpunkt im Leben werden. Viele Menschen werden sogar gleichzeitig einige Mittelpunkte in ihrem Leben haben, denen sie Zeit, Energie zuwenden, wenn nicht „opfern“.

7.
Allgemein verbindliche, universell für alle geltende Religionen bestimmen nicht mehr das Leben der Menschen von heute, betont Luckmann: „Die traditionellen, institutionell spezialisierten Kirchen konnten ihr Monopol nicht einmal für die spezifisch religiösen Themen aufrechterhalten.“ (S 180.). „Die Kirchen sind Institutionen unter anderen geworden.“ (S. 182).
Die verschiedenen Gestalten unsichtbarer, d.h. also institutionell nicht-gebundener Religion, setzen sich durch, weil „die religiöse Repräsentation durch die Kirchen zu einem System bloßer Rhetorik geworden ist.“ (S. 139). Das heißt: Die religiöse Botschaft der Kirchen ist für die meisten Menschen nicht mehr nachvollziehbar, nicht mehr glaubwürdig, sie wird nicht mehr hilfreich im individuellen Leben erlebt. Weil die Führer dieser Kirchen, die Theologen offenbar und die Prediger etc. zur bloßen „Rhetorik“ neigen. Das heißt wohl: Leere, seit Jahrhunderten identische Worthülsen dogmatischer Art verbreiten…

9.
Thomas Luckmann hat also schon vor 60 Jahren den weitreichenden Bruch in der religiösen Praxis wahrgenommen. Der einzelne Mensch baut sich, „bastelt“ sich, wie französische Religionssoziologen sagen, sein persönliches System für ihn gültiger Werte und Orientierungen, oft vorläufig, für bestimmte Lebensphasen. Die individuelle inhaltliche Aussage dieses je von mir „gebastelten“ Glaubens kann sich im Laufe des Lebens bei immer neuen Lebenserfahrungen selbstverständlich wieder ändern. Früher gab es z.B. Konversionen vom Katholizismus zum Protestantismus, jetzt gibt es ganz andere Konversionen, etwa: Ein älterer Mann konvertiert von seiner Sport- Trainings – „Vergottung“ zur Yogapraxis und zum veganen Leben in vegan verpflichteten (dogmatischen?) Lebensgemeinschaften…

10.
Die „unsichtbare Religion“ im Sinne Luckmanns trifft eine wesentliche Tendenz in der Veränderung dessen, was seit etlichen Jahren in Europa als Religion oder „höchstes Gut“ oder „Göttliches“ wahrgenommen und gelebt wird. Dennoch bleibt die Frage offen, ob es ein normative Kriterien dafür gibt, was man also mit guten Gründen unter den wichtigen Präferenzen im Leben Religion oder Religionen tatsächlich dann nennen sollte. Denn es kann nicht jeglicher vom einzelnen hoch geschätzter Wert als religiös bezeichnet werden.

11.
Dann ist es auch problematisch, wenn im Sinne der totalen Individualisierung der Religion der Aspekt der Gemeinschaft eher vernachlässigt wird. Menschen brauchen immer und überall den Austausch über Lebenserfahrungen und über den Mittelpunkt im jeweiligen Leben. Sie brauchen also Gemeinschaften. Aber gibt es im Ernst etwa SportlerInnen, die sich so intensiv über Sport austauschen, dass damit auch die klassischen religiösen Themen (Sinn des Lebens, Liebens Sterbens, Todes…) zur Sprache kommen und diese Themen auch irgendwie rituell „bearbeitet“, zelebriert werden? Das müsste man empirisch untersuchen. Ich bezweifele, ob man dabei nicht die Sportgemeinschaften oder der Opernliebhaber oder der Vegetarier-Fans usw. sozusagen religiös „überfordert“.

12.
Im ganzen habe ich den Eindruck, dass Luckmanns These der „unsichtbaren Religionen“ in eine Hochphase liberalen Denkens passt, als die Individualisierung sozusagen heilig gesprochen wurde. Bernt Schneller bezeichnet in seiner Studie „Thomas Luckmann“, (UVK, Konstanz 2006, S. 119) die Idee der „Sakralisierung des Individuums“ als eine entscheidende Leistung Luckmanns,. Schneller nennt als neue „religiöse Gemeinschaften“ im Sinne Luckmanns nach dem Ende der kirchlichen Institutionen: „ Selbsthilfegruppen, Cliquen (sic) und andere sinnstiftende Gemeinschaften.“ (S. 119). Den religiösen Aspekt von Selbsthilfegruppen oder zivilgesellschaftlichen NGOs wissenschaftlich herauszustellen, wäre tatsächlich ein interessantes Projekt. Bei den „Anonymen Alkoholikern“ hat bekanntlich ein Gottesbezug und sogar die Hochschätzung des „Vater Unser“ eine hilfreiche Bedeutung… Und: Wie die stark etwa die engagierten, oft im Einsatz gefährdeten Mitarbeiter der „Ärzte ohne Grenzen“ eine Spiritualität leben (müssen, um durchzuhalten), ist manchmal von ihnen selbst beschrieben worden.

13.
Wahrscheinlich ist die These Luckmanns von der „unsichtbaren Religion“ heute zu ergänzen, wenn nicht zu ersetzen durch den Begriff der Vielfalt der Spiritualität, ohne die nun kein Menschen als geistiges (das heißt immer auch „spirituelles“ )Wesen zu leben vermag. Die Kirchen als Institutionen von Dogma und Klerus haben diesen Wandel in der Bindung der Menschen nicht grundlegend verstanden: Die Menschen suchen heute Spiritualität, eher nicht die von den Kirchen klassisch angebotene dogmatische Lehre.

14.
Die „unsichtbare Kirche“ ist auch ein Begriff für die eine zentrale Erneuerung des engen dogmatischen Kirchenbegriffs durch den Philosophen Immanuel Kant in seiner Schrift „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ (1793). Diese „unsichtbare Kirche“ nennt Kant „eine Idee von der Vereinigung aller Rechtschaffenden unter der göttlichen unmittelbaren (also nicht durch die Kirche vermittelten, CM), aber moralischen Weltregierung…“ (im Text Kants auf Seite B 142). Wir haben zu Kant und auch zu seinem wichtigen und aktuellen Religionsbegriff etliche Hinweise publiziert, siehe etwa: LINK

15.
Auch der Mensch Jesus von Nazareth hat als freier, radikal – kritischer Weisheitslehrer im damaligen Judentum, in seinen Predigten (und seinem provozierenden Handeln) ausdrücklich die engen Grenzen einer Gesetzes-rigiden Religion gesprengt und dadurch ein anderes, sozusagen reformiertes Verständnis für ein gottgefälliges Leben geöffnet über die Religionsgrenzen hinaus. Man denke etwa an die Bergpredigt Jesu: Dort werden mit den Forderungen eines humanen Lebens die „Einlassbedingungen“ der Menschen für die Zugehörigkeit zum universellen „Reich Gottes“ als Reich des Friedens und der Gerechtigkeit dargelegt. Siehe dazu das Evangelium nach Matthäus, 5. Kapitel. Noch wichtiger für diese Zurückweisung enger religiöser konfessioneller Normen für ein authentisches religiöses Leben ist die Rede des Weisheitslehrers Jesus über das „Weltgericht“, Matthäus, 25. Kapitel, 31 ff. besonders ab Vers 34. Deutlicher kann die alle Grenzen der eigen Religion (der jüdischen wie der christlichen) sprengenden humanistisch – weiten Spiritualität Jesu nicht mitgeteilt werden. Wenn Matthäus diese Rede Jesu unter dem Stichwort „Weltgericht“ darstellt, dann will er nur mit den Mitteln seiner damals zur Verfügung stehenden Sprache sagen: Weltgericht bedeutet die alles entscheidende Norm für eine Praxis und Lebensorientierung der Menschen, die sich menschlich nennen darf…Aktuell – provozierend ist etwa die Aussage des Weisheitslehrers Jesus: „ Ich bin ein Fremder gewesen, und ihr habt mich aufgenommen“, denn in den Fremden wird Jesus, wird sogar Gott repräsentiert, das ist die humane, menschliche Weisheit des Neuen Tetamentes. (Siehe Matthäus Kap. 25, Vers 35).

16.
Auf das alle engen konfessionellen Grenzen sprengende Denken des großen katholischen Theologen Karl Rahner soll hier noch kurz hingewiesen werden. Sehr häufig hat Rahner ausführlich argumentiert: Der christliche Glaube ist eigentlich eine – vom Umfang der Lehrmeinungen her gesehen – sehr einfache, insofern „bescheidene“ Weisheitslehre. Gott (als letztlich niemals zu definierendes Geheimnis, so Rahner ) ist allen Menschen nahe, ob innerhalb der Kirche oder außerhalb. Gemeint ist der bergende, der nur unbeholfen göttlich zu nennende menschenfreundliche Sinn-Grund, auf den sich alle Menschen sbeziehen können, im Leben, Lieben, Schmerz, im Sterben. Dieser Verbindung mit Gott als dem bergende Geheimnis entspricht die menschliche Praxis der – immer auch politisch zu gestaltenden – Nächstenliebe. So einfach ist der christliche Glaube, universell verstanden als gelebte Möglichkeit für viele auch außerhalb der Kirchen: Gottesliebe und Nächstenliebe sind eins, untrennbar verbunden. Wer entsprechend zu leben versucht, fügt Rahner hinzu, gehört dann auch zur unsichtbaren Kirche… Die Idee der „unsichtbaren Kirche“ im Sinne Kants klingt wieder an…(Siehe unter vielen Beiträgen Rahners zum Thema etwa den Aufsatz „Der Glaube der Christen und die Lehre der Kirche“, 1971, in „Schriften zur Theologie, Band X., S. 262, bes. S. 283 f.)

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 

 

 

 

Ein Glaubensbekenntnis eines Atheisten: Über Julian Barnes

Ein Hinweis von Christian Modehn am 25.3.2026

1.
Bei der Lektüre des Buches von Julian Barnes „Abschied(e)“ (englischer Originaltitel „Departure(s)! “) stolpert der Leser über das Glaubensbekenntnis des Autors. Auf Seite 111 heißt es: “Wir kommen aus dem ewigen Nichts, und dorthin kehren wir zurück.“

2.
Eine starke Behauptung, das Glaubensbekenntnis eines Autors, der sich in dem Buch meist Atheist, manchmal nur Agnostiker nennt (S. 237 ). In diesem seinen Bekenntnis zeigt sich Barnes als Atheist, der offensichtlich sehr genau weiß, woher er kommt und wohin er nach dem Tod geht.

3.
Wer sich philosophisch – kritisch mit diesem Bekenntnis befasst, muss feststellen: Der Satz: “Wir kommen aus dem ewigen Nichts, und dorthin kehren wir zurück“ ist eine von vielen existentiellen Überzeugungen. Der Satz ist nichts als ein Ausdruck eines Glaubens, den heute viele Leute, nicht ohne Stolz, als „meine Lebensweisheit“ daher sagen, oft mit dem Anspruch: „Dies ist doch wohl auch eine wissenschaftliche Wahrheit“.

4.
Jeder kann natürlich sagen und behaupten, was er will, solange andere existentiell nicht gefährdet sind. Für letzte metaphysische Wahrheiten gibt es in Demokratien stets freie Rede. Aber jeder und jede muss selbstverständlich bereit sein, das eigene Glaubensbekenntnis kritisch zu befragen oder von anderen befragen zu lassen. Das gilt selbstverständlich auch für die christlichen Glaubensbekenntnisse und Überzeugungen, aber die sind hier nicht unser Thema.
Hier geht es darum, mit philosophischen Argumenten zu dem Bekenntnis “Wir kommen aus dem ewigen Nichts, und dorthin kehren wir zurück“ kritisch Stellung zu nehmen. Dabei ist klar: Dieses atheistische Glaubensbekenntnis öffnet weite philosophische und religionsphilosophische Horizonte für ausführliche Reflexionen. Hier sollen nur einige, wesentliche Anmerkungen mitgeteilt werden.

5.
„Wir kommen aus dem ewigen Nichts“ ist der Teil des Barnes – Bekenntnisses. Woher weiß der Autor, dass wir aus einem Nichts kommen? Es ist faktisch, auch wissenschaftlich eviden, dass wir Menschen aus der Verschmelzung einer Eizelle unserer Mutter und der Samenzelle unseres Vaters „kommen“, also nicht aus dem Nichts in die Welt gesetzt wurden. Und diese unsere Eltern haben selbstverständlich ihre Eltern und diese Eltern wieder ihre Eltern und so weiter: Unsere Geburt und unsere Existenz führt uns in eine endlose Linie der Evolution. Sicher sind wir Menschen auch Nachfahren der Affen, aber auch diese haben Nachfahren usw..

6.
Der erste Teil des Glaubensbekenntnisses von Julian Barnes und der vielen anderen, die diesen Spruch dahersagen, führt uns in die Evolution, die sicher nicht als „ewiges Nichts“ bezeichnet werden kann. Und von der Evolution aus stellt sich die Frage: Wie kommt diese Evolution zustanden? Und da gibt es die eine Erkenntnis: Die Evolution kann ein ewiger und nur erstaunlich zu nennender Prozess sein, dessen Ursprung wir nicht kennen. Oder auch, wie etliche Philosophen und Wissenschaftler sagen: Es gibt durchaus eine andere ernsthaft zu diskutierende Erkenntnis: Irgendwie ist durch einen „Urknall“ das Ganze entstanden. Das ist eine naturwissenschaftliche Erklärung zu der Frage, WIE das Universum entstanden ist. Warum und wodurch das Universum (und damit auch „wir“) entstanden ist, darüber kann und will Naturwissenschaft selbstverständlich keine Erkenntnis mitteilen.

7.
Die sehr relevante Frage „Warum und durch welche Kräfte ist das Universum und mit ihm die Evolution entstanden?“ führt also notwendigerweise in die Philosophie oder auch die Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie. Sie hat die Aufgabe, das klassische wie auch aktuell – moderne Thema „Schöpfung durch eine göttliche Wirklichkeit“ zu reflektieren. Auch diese weiter zu bedenkende Hypothese einer „Schöpfung“ ist angesichts dieses globalen Themas Ausdruck eines Glaubens, der als Glaube selbstverständlich die gleiche Würde und Wertung hat wie der erste Teil des Glaubens – Satzes von Julian Barnes “Wir kommen aus dem ewigen Nichts“…

8.
Man muss weiterfragen: Mit welcher Erkenntnis begründet Barnes sein Bekenntnis, das Nichts wäre seiner Behauptung nach „ewig“? Damit bedient er sich einer Qualifizierung des Nichts, nämlich des „ewigen Nichts“, das führt in die von ihm als Atheisten eigentlich gar nicht verwendbare oder relevante Metaphysik. Kommt eine Atheist also ohne Metaphysik („ewig“) vielleicht nicht aus?

9.
Wir sind philosophisch überzeugt: Der erste Teil des Satzes “Wir kommen aus dem ewigen Nichts“ ist angesichts der sehr lebendigen, alles andere als „nichtigen“ Evolution schlicht und einfach falsch. Er könnte unsrer Überzeugung nach nur Ausdruck eines beliebten, weit verbreiteten Geredes, vielleicht einer bequemen Ideologie heute sein.

10.
Was bedeutet der zweite Teile des Barnes Satzes: „Und dorthin (also ins Nichts) kehren wir zurück.“ Auch hier wird ein Glaubensbekenntnis ausgesprochen. Denn woher weiß der jetzt noch lebendige Julian Barnes, dass er im Tod ins ewige Nichts geht bzw. „zurückkehrt“ wie Barnes sagt? Berichte von Verstorbenen über eine postmortale „Seinsweise“ liegen Barnes und allen anderen Menschen nicht vor, um allen Ernstes und als Ausdruck von gedanklicher Reife behaupten zu können: Wir versinken mit dem Tod in einem „ewigen Nichts“…Das ist pure Glaubenssache.

11.
Barnes will wohl seinen LeserInnen beweisen, so möchte ich vermuten, dass auch er sich als Atheist den populären Sprüchen seiner weithin sich säkular nennenden Umgebung anschließt. Der Autor, der zweifellos viele körperliche Leiden und manche seelische Schmerzen erlebt hat, bekennt in dem Buch selbst, „dass ich mit meiner Lebenszeit Glück gehabt habe….und in der zweiten Hälfte meines Lebens beruflich erfolgreich war.“ (S. 237). Dann sagt er noch freundlicherweise: „Ich sage Ihnen nicht, was sie denken und wie sie leben sollen. Ich schreibe nicht ex cathedra“. Barnes betont also: Es ist nur sein privates atheistisches Glaubensbekenntnis, das er da mitteilt. Auf Seite 235 bekennt Barnes: Er habe „den Verfall seines Körpers akzeptiert“. Also ist sein Abschied dann doch von der Stoa geprägt? Immerhin lehrten aber die meisten Stoiker: Wir Menschen sind ein Bestandteil des Kosmos, dem wir entstammen und in den wir zurückkehren, als kleiner Teil eines ewigen Kreislaufs…

12.
Barnes nennt sein Glaubensbekenntnis, das zu kritischen Nachfragen führt. Und auch Christen haben ihre eigene Philosophie zur Frage „Woher kommen wir – wohin gehen wir.“ Dieses Thema wird leider sehr oft durch Dogmen und uralte, verstaubte Überzeugungen der Klerus-Kirchenleitungen irritierend und sogar falsch gelehrt. Man denke nur an die fundamentalistischen Vorstellung einer „leiblichen Auferstehung eines toten Menschen“… Das ist ein anderes Thema.

13.
Ein kritischer Schöpfungsbegriff, der die Evolution einbezieht, kann zeigen: Mit der Schöpfung von allem und allen durch eine „göttliche Wirklichkeit“ ist der göttliche „Geist“, die „Vernunft“, also die ewige göttliche Wirklichkeit in allem und allen lebendig. Und dieser „ewige“ Geist, diese „ewige Vernunft“ in allem und allen, bedeutet: Dieser göttliche Geist in allen wird auch den Tod des einzelnen menschlichen Körpers überleben, weil der Mensch in seinem Geist Teil des Ewigen selbst ist. Man lese den Philosophen Hegel in dem Zusammenhang. Es gibt also für diese christliche Glaubenshaltung kein Verschwinden des Toten in einem Nichts. Es sei denn, man ist philosophisch so gebildet, und kann sich das „Nichts“ auch als göttlich denken. Dieses Nichts ist für Mystiker (Meister Eckhart) und einige Religionsphilosophen als das „göttliche Nichts“ das letztlich bergende helle Licht, um es in der Sprache der (westlichen) Mystik zu sagen.

14.
Natürlich hat niemand etwas dagegen, dass Julian Barnes an seiner atheistischen Überzeugung festhält. Er will ja auch gar nicht „ex cathedra“ sprechen, ist also offenbar froh und dankbar für kritische Anfragen; nur dies haben wir hier in aller Kürze versucht.

15.
In seinem – angeblich letzten – Buch „Abschied(e)“ erinnert er sich an einige offenbar für ihn entscheidende Stationen seines Lebens, es sind sehr persönliche und dann auch stolz erzählte literarische Erinnerungen. Politische Erinnerungen oder gar Erinnerungen an seine (möglichen?) Hilfen und Leistungen für die bedrohte Menschen auch in der Ferne (Stichwort: Solidarität) sucht man allerdings vergebens. Ein gewisser Egozentrismus wird sichtbar. Es verabschiedet sich in dem Buch – in unserer Sicht – ein ziemlich egozentrischer, aber berühmter alter Mann, der vor allem als Autor gelten will. Und der nun gern und offenbar angstfrei (?) ins „ewige Nichts“ schreitet…

16.
In einigen Gegenden Deutschlands und der Schweiz sagte man früher oft: „Adieu“ bei der Verabschiedung: „A – Dieu“ also, d.h. zu Gott. Und in Spanien gibt es noch heute die gängige Abschieds-Formel „Adios“, „zu Gott“ wörtlich, aber mit der Bedeutung. „Leb wohl“…weil das Wohlleben doch irgendwas mit Gott (dem Schöpfer von allem) zu tun hat.

17.

2022 hat sich Julian Barnes mal zur Abwechslung zum „Polytheismus“ bekannt, der „Religionsphilosophische Salon Berlin“ hat das dokumentiert:LINK 

Copyright: Christian Modehn, religionsphilosophischer-salon.de

 

 

Wenn die Philosophie schläft. Ein kritischer Hinweis des Philosophen Wolfram Eilenberger

Ein Beitrag von Christian Modehn am 18.3.2026

1.
Der Philosoph und Buchautor Wolfram Eilenberger hat in der „ZEIT“ vom 12.3.2026, Seite 49, eine kurze provozierende Analyse zum Zustand der Philosophie in Deutschland verfasst. Der sehr ausführliche Titel seines Beitrags: „Ist da jemand noch wach? Das Jahrhundert bebt, doch die zeitgenössische Philosophie scheint zu schlafen. Eine Ermunterung zur Geistesgegenwart“. Die Ausführungen Eilenbergers sind provozierend gemeint. Er ist wohl überzeugt, nur auf diese Weise, die PhilosophInnen (denn nur durch PhilosophInnen gibt es „die“ Philosophien) aus dem Schlaf aufwecken zu können. Philosophen schlafen in der Sicht Eilenbergers, weil sie sich zu wenig mit dringenden und drängenden Problemen und Katastrophen der Gegenwart befassen.

2.
Zum Mittelpunkt der Kritik an der mangelnden kritischen Präsenz der Philosophie in der heutigen Welt nennen wir nur einige zentrale Stichworte Eilenbergers:
Die „analytische Philosophie“ hat die klassischen Philosophien, also die „Liebe zur Weisheit“, wie der Name sagt, verdrängt; die „analytische Philosophie“ ist für Eilenberger „eine reine – nicht zuletzt gegenwartsgereinigte – Begriffswissenschaft. Man glänzt durch öffentliche Abwesenheit.“
Diese analytische Philosophie dominiert, sie ist hoch spezialisiert, extrem ausdifferenziert, es gibt bei ihr „kein geteiltes Fundament, nirgendwo“, so Eilenberger.

3.
Er kritisiert auch die „scheußliche Art“ der PhilosophInnen in ihrer traditionell arroganten Art zu schreiben, in dieser wohl sehr oft zutreffenden Erkenntnis schließt sich Eilenberger dem Urteil der us-amerikanischen Philosophin Christine Korsgaard an.

4.
Eilenberger kritisiert die Publikationsfluten zumal der analytischen PhilosophInnen; viele dieser hoch spezialisierten Publikationen werden „auch fünf Jahre nach ihrer Veröffentlichung kein einziges Mal zitiert.“ Dass die analytische Philosophie ein Versuch ist, an den Universitäten sozusagen wissenschaftlich mit den anderen Wissenschaften „mithalten“ zu können, erwähnt Eilenberger nicht.
Es ist bekanntlich eine lange Geschichte, dass die Philosophen sich mit ihrem Auftrag, die Liebe, die Freundschaft, zur Weisheit zu verbreiten, nur abfinden konnten, indem sie ins Mathematische, Begriffliche, Logische allein abdrifteten. Über Husserl wäre in dem Zusammenhang zu sprechen.

Unsere Mweinung: Das Eigene, Einmalige der Philosophie als „Liebe zur Weisheit“ könnte und sollte zu Kooperationen mit Literaturwissenschaften, Kunstwissenschaften, Theologien, Religionswissenschaften, Sozialwissenschaften, Biologie, Medizin führen. Philosophie wird es wohl nur in Kooperation mit diesen Wissensformen geben. Jürgen Habermas, der jetzt hoch gerühmte „große Philosoph“, war ja auch Soziologe und politisch, politologisch hoch gebildet, das machte die exzellente Qualität seines Denkens aus. Darauf weist Eilenberger nicht hin, aber gerade das wäre wichtig: Philosophie sollte bei diesen Kooperation niemals auf sich selbst verzichten, sie sollte sozusagen „tonangebend“ auch normativ bleiben!

5.
Der zentrale, uns sehr wichtig und treffend erscheinende Vorschlag Wolfram Eilenbergers: Die Philosophie sollte wieder ganz deutlich und stark „Liebe zur Weisheit“ werden. Eilenberger kann bei diesem seinen Plädoyer leider nicht auf ein Wort-Ungetüm verzichten und spricht also von, so wörtlich, „mündigkeitserhöhender Daseinstransformation“.
Nebenbei: Da wird also die aufklärerische Mündigkeit mit dem an Heidegger erinnernden „Dasein“ verbunden. Also arbeiten wir bitte an „mündigkeitserhöhender Daseinstransformation“. Das heißt: Denken wir, treffender gesagt, nach, was Philosophien jenseits der analytischen Begriffswissenschaft sein könnten und sein sollten. Vor allem doch wohl auch Orientierung im Leben, „Daseinstransformation“ ist da noch weitreichender, das Wort erinnert an Rilkes „Du musst dein Leben ändern“… Und das kann nur eine Philosophie, die sich als Liebe zur Weisheit versteht. Pure Logik oder Begriffsanalysen sind da nicht kompetent.

6.
Eilenberger deutet am Schluß seines provozierenden, aus dem „Schlaf der Vernunft“ (aus dem bekanntlich Ungeheuer hervorgehen, siehe Goya) heraus-weisenden Beitrags auf das in unserer Sicht Wichtige hin:
Es ist die „wache Sorge um das eigenen Selbst sowie das der Mitwesen“. Dieser Satz klingt ein bißchen nach dem Populärphilosophen Wilhelm Schmid. Eilenberger plädiert im Sinne der Philosophie für die meditative Lektüre der alten philosophischen „Gründungstexte“, auf die niemals verzichtet werden darf. Und auch das ist wichtig: Die knappe Andeutung wenigstens, dass es auf eine Öffnung „für außerweltliche Weisheitstraditionen ankomme.“ In dieser Rezeption asiatischer, afrikanischer und lateinamerikanischer Philosophien erhielte die neue Aufklärung – verbunden mit Weisheit – einen wichtigen Durchbruch. Aber wo wird in Deutschland asiatische oder afrikanische Philosophie gelehrt und entsprechend unters Volk gebracht? Philosophie in Deutschland ist doch sehr deutsch und manchmal europäisch bzw. us-amerikanisch….

7.
Die eigene philosophische Meinung für eine „wache Philosophen heute“ teilt uns leider Eilenberger nicht ausführlich mit, also wie Philosophie sich verhält zu dieser gegenwärtigen Welt der Kriege, der Gewaltherrscher, der Diktatoren, des total unbeherrschten, moderat gesagt „unklugen“ Präsidenten der USA, der reaktionären permanent nur ans Töten der Feinde denkenden Politiker in Israel, der Verirrungen der Religionen in Richtung Fundamentalismus, der Abwehr der rettenden Klimapolitik durch neoliberale Politiker etwa in der CDU, die Zunahme des Faschismus in ganz Europa usw. Erst wenn diese Themen sehr gut nachvollziehbar philosophisch gedacht und entsprechend publiziert werden, kann die Philosophie aus dem Schlafzustand befreit werden. Insofern ist dann Eilenbergeres Beitrag etwas „verschlafen“. 

8.
Die Frage ist natürlich, ob es nicht auch PhilosophInnen heute auch in Deutschland gibt, die diese in Nr. 7 genannten Themen nachvollziehbar bearbeiten und publizieren. Ich habe den Eindruck, diese gibt es. Eilenberger nennt leider keine Beispiele. Ich nenne nur: Lea Ypi oder Rahel Jaeggi oder Bettina Stangneth oder Eva von Redecker….

9.
Absolut wichtig für uns im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon ist:
Von Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie oder Metaphysik spricht Eilenberger nicht! dDes sind aber die klassischen Themen der Philosophien, die sich als Liebe zur Weisheit verstehen. Angesichts der viel besprochenen Säkularisierung in Europa und dem rasanten Niedergang der Kirchen in Europa ist doch Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie (auch im Plural natürlich) dringend, auch dringend als Orientierung not – wendig.

Leider gibt es nicht in allen Städten religionsphilosophische Salons, also kleine Schulen der Liebe zur Weisheit. Das Interesse der etablierten Universitätsphilosophie an dem Projekt praktischer Philosophie ist überhaupt nicht dokumentiert, also wohl nicht vorhanden. PhilosophInnen bleiben in ihren Seminarbibliotheken hocken… Die schrumpfenden Kirchen könnten erkennen, dass sie noch hilfreich sein können, wenn sie mit ihrme immer noch reichlich vorhandenen ihrerseits freie Orte des philosophischen und theologischen Austauschs schaffen und wieder mehr offene, undogmatische geistige Präsenz zeigen, gerade in Gegenden, in denen sich der kritische Geist verabschiedet, wie in vielen Bundesländern im Osten Deutschlands. ….Abschied von den Kirchen wird dann das philosophische Thema einer philosophischen Zeitanalyse.

10.
Warum spricht Eilenberger, warum sprechen Uni – Philosophen, nicht von neuen philosophischen Studiengängen: Etwa den Beruf der philosophischen Praktiker, die in freien philosophischen Salons, in der Erwachsenenbildung, in den Schulen, in Galerien, in den Medien usw. diese Liebe zur Weisheit lehren und verbreiten?

11.
Der Beitrag von Wolfram Eilenberger in der „ZEIT“ ist nach unserem Eindruck  inspirierend und – wie gezeigt – weiter führend. Wirklich ins Weite führend wäre eine sehr breite Diskussion über Hegels Verständnis von Philosophie als „Erkenntnis, die ihre Zeit in Begriffen aussagt“. Also: Geschichtsphilosophie wäre doch wohl auch hilfreich. Anläßlich des 150. Geburtstages von Martin Heidegger könnte man die ins Weite führende Frage erörtern: Was gewinnt Philosophie, wenn sie sich intensiv mit Dichtung, Poesie und Kunst befasst?

Vielleicht haben Philosophie  eine Zwischenstellung: Zwischen Wissenschaften und Kunst und Religion? Und trotzdem gehört sie an die Universitäten… wegen ihrer „besonderen Bedeutung“ als Verteidigerin der universell geltenden Vernunft (Kant).

Copyright: Christian Modehn, religionsphilosophischer-salon.de