Ich habe nur „meinen“ Gott …

Der Soziologe Ulrich Beck lässt sich von Etty Hillesum inspirieren
Ein Hinweis von Christian Modehn am 24.9.2025

1.
Ihre „eigene Religion“ haben Menschen sogar inmitten der Säkularisierung der westlichen Welt entwickelt. Das Bekenntnis heißt: „Ich habe mir meine eigene Religion gestaltet (manche sagen `gebastelt).“ Oder: „Ich lebe meine Spiritualität, meine Religiosität, also eine, die zu mir passt und die mir gehört.“

2.
Die „eigene Religion“ wurde in gewisser Weise auch einst, in Zeiten intensiv erscheinender Kirchenverbundenheit gelebt – inmitten der fest strukturierten Konfessionen. Aber dabei wählten die Frommen einzelne Aspekte INNERHALB dieser vorgegeben Konfession und ihrer Traditionen bzw. Dogmen aus: Man verehrte etwa heftig die „Gottesmutter Maria“ oder war von der Erlösung durch das Kreuz Christi bis zu Tränen gerührt begeistert. Aber an dem offiziell vorgegebenen dogmatischen Rahmen rüttelten diese Frommen nach außen hin nicht, das taten nur wenige Häretiker und Schismatiker.

3.
Jetzt geht es um etwas viel Radikaleres: Es geht um die religionsphilosophisch interessante Tatsache: Menschen sagen explizit:Wir schaffen uns selbst unsere eigene Religion, den eigenen Glauben, den je-eigenen, „meinen“ Gott.

4.
Auf dieses Thema machte im Jahr 2008 auch der Soziologe Ulrich Beck aufmerksam. Ein spezielles Interesse an der inneren Welt des Christentums war in seinem umfassenden Werk nie deutlich hervorgetreten. Nun aber versammelte er Aufsätze unter dem Titel “Der eigene Gott. Friedensfähigkeit und Gewaltpotential der Religionen“, erschienen ist das Buch im „Verlag der Weltreligionen“. Und das erste Kapitel dieses komplexen religionssoziologischen Buches findet unser besonderes religionsphilosophisches Interesse: Dieses Kapitel hat den Titel: „Das Tagebuch des `eigenen Gottes`: Etty Hillesum, eine unsoziologische (sic) Einleitung.“

5.
Es ist also erstaunlich, dass sich ein renommierter Soziologe, der sich selbst „ungläubig“ nennt, auf ein spirituelles Tagebuch einlässt. In ihrem „Tagebuch“ fasst die junge niederländische Jüdin vom März 1941 bis September 1943 ihr Leben selbst in Worte, sie will Klarheit für sich selbst und über sich finden und dabei spricht sie unmittelbar, ohne „Filter“, von ihrer Hoffnung, ihrem Glauben inmitten der Verfolgung durch die Nazis. Und das ist das Bemerkenswerte: Sie spricht ausdrücklich, wie sie schreibt, von dem „Allertiefsten, das ich der Einfachheit halber als Gott bezeichne“.

6.
Nur ganz kurz: Etty Hillesum wurde am 15.1.1914 in Middelburg , Niederlande, geboren, sie war schon als junges Mädchen, in einer liberalen jüdischen Familie geboren, literarisch interessiert; von einem Psychologen wurde sie angeregt, Tagebuch zu schreiben. Sie spricht ihr Leben aus während der Besetzung der Niederlande durch die Deutschen, die Nazis, und sie begann im März 1941, Tagebuch – Einträge zu verfassen. Seit dem 6.6.1943 wurde sie im Nazi – Lager Westerbork festgehalten, am 7.9.1943 wurde sie mit ihren Eltern nach Auschwitz deportiert; am 30. November wurde sie dort (im Alter von 29 Jahren) von Nazis und ihren Helfern ermordet. Sie wusste, dass ihre Tagebücher von bleibendem Wert sind und überließ ihre Texte noch rechtzeitig einer Freundin in den Niederlanden.

7.
Der weltweit viel beachtete Soziologe Prof. Ulrich Beck (1944-2015) ist über die Tagebuchnotizen Etty Hillesums nicht nur höchst erstaunt. Man möchte sagen, er ist von ihnen tief berührt, wendet er sich doch wie in einem Brief an die junge Frau mit der Anrede „Liebe Etty“ (S. 26). Was findet Beck so wichtig? Inmitten der Verfolgung und Ermordung der Juden ist Etty Hillesum überzeugt: Gott ist in ihrer eigenen Seele sozusagen als das Beste und Wertvollste anwesend. Dieses Beste und Wertvollste wird dabei als ihr eigener Gott verstanden und hoch geschätzt; es ist nicht der Gott im fernen Himmel, nicht der allmächtige Herr der Schöpfung. Betty Hillesum spricht auch zu ihrem inneren Gott, zu einer inneren Präsenz in ihrem Leben. Und dabei weiß sie etwas Überraschendes: So wie sie als einzelner Mensch hilflos ist angesichts der Vernichtung der Juden, so glaubt sie auch: Ihr eigener Gott ist ebenso hilflos. Aber Etty Hillesum braucht dieses innere Gegenüber, diesen menschlichen Gott, nicht etwa nur, um ins philosophische Nachdenken zu kommen. Sie braucht ihren Gott, weil sie weiß: Gott gehört zu ihr wie eine Art Gesprächspartner. „Aus dem Selbstgespräch Hillesums entwickelte sich ein Gespräch mit einem eigenen Gott. Sie erhoffte sich keine Rettung. Sie sah ihren Gott als hilflos. Sie war es, die Gott helfen musste, damit er seine Stimme in der Katastrophe des Holocaust nicht verliert“, sagt Ulrich Beck in einem Interview (von Sven Hillenkamp) mit dem „Tagesspiegel“ vom 20.7.2008. Und in dem genanten Buch schreibt Beck: „Es ist der Gott, der in der endzeitlichen Katastrophe ohnmächtig und heimatlos ist. Der Gott, der die Menschen braucht, um nicht unterzugehen… Der hilflose Mensch muss den hilflosen Gott in sich bewahren, retten.“ Etty Hillesums klammert sich förmlich an die Erfahrung: Dieser mein Gott ist in mir, er gehört zu mir, er ist das `Produkt` meiner Seele. Aber dieser „mein Gott“ darf nicht untergehen, nicht verschwinden angesichts von Verfolgung und Mord. Ulrich Beck: „Etty Hilversum findet Trost und Würde (nicht Sicherheit!) in der Intimität des eigenen, hilflosen Gottes, in der Gott selbst zum Fragenden wird, der keine Antwort weiß.“(S. 23).

8.
Ulrich Beck fasst die Erfahrung und die Erkenntnis Etty Hillesums zusammen: „Liebe Etty… Sie haben Gott in ihre eigenen Hände genommen… Denn vorher wurde man in eine Amtskirche hineingeboren… sie sind auf die Idee verfallen, etwas mehr erlangen zu wollen, über die Fügsamkeit predigende Kollektivreligiosität hinaus…“(S. 25).

9.
Der Soziologe Ulrich Beck hat sich
auf Etty Hillesums Tagebücher durchaus voller Sympathie eingelassen, sie waren wohl für ihn auch ein Erkenntnisgewinn… Denn er deutet die zentrale Aussage Hillesums als deutlichen Hinweis auf die religiöse Situation heute: Faktisch orientieren sich in Europa und Amerika nicht mehr gehorsam an den vorgegebenen Dogmen und Lehren. Sie (er)finden ihre eigene Religiosität und damit (er)finden sie auch ihren „eigenen“ Gott. „Mir ging es bei Etty Hillesum darum zu zeigen, dass der eigene Gott nicht als Esoterik abgetan, sondern als eine neue historische Form der Religiosität begriffen werden muss. Ich will die Individualisierung Gottes als soziologisches Phänomen ernst nehmen“, so im genannten Interview mit dem „Tagesspiegel“.

10.
Aber was bedeutet die „Individualisierung Gottes“ für theologische und philosophische Überlegungen?
Theologisch und damit auf die Kirchen bezogen nur der knappe Hinweis: Faktisch leben heute sogar kirchengebundene Christen ihre eigene Religiosität und entdecken auch in ihrer Seele ihren je – eigenen Gott. Man untersuche etwa die Spiritualität von Frauen, die noch mit der katholischen Kirche verbunden sind…Viele andere geben hingegen – dogmatisch befreit – ihre konfessionelle Bindung auf, aber sie werden nicht „Atheisten“, sondern leben ihren eigenen Gott. Natürlich gibt es auch Christen, die es mit ihren traditionellen dogmatischen Glaubensbekenntnissen und der Kirchen-Moral noch ernst meinen.

11.
Für die Christen, die ihren eigenen Gott entdecken, stellt sich theologisch und religionsphilosophisch die Frage, die dann doch ins Normative führt: Ist „mein“ Gott eine Wirklichkeit, die wichtigen Charakteristika Gottes gerecht wird, wenn denn der Begriff und irgendwie noch klassisch überlieferte Titel „Gott“ noch einen Sinn macht. Über die wahrhaftig ausgesprochene Gotteserfahrung Etty Hillesums soll hier nicht geurteilt werden. Nur so viel: Ihr „eigener Gott“ bedeutet ihr so viel, dass sie auf keinen Fall das Verschwinden Gottes inmitten des Nazi – Mordens zulassen will: Es ist eben Gott und nicht nur ihr eigener Gott, den sie nicht sterbend erleben möchte.
Um bei der Frage nach einem normativen Kriterium zu bleiben: Andere religiöse Menschen werden sich – normativ – fragen: Ist mein Gott eine Wirklichkeit, die mich zu einem umfassenden humanen Leben wirklich befreit, mich zur Selbst -Liebe wie zur Liebe der anderen, auch der Nächsten, ermuntert, wie auch zum Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden. Oder ist dieser „mein“ Gott doch nur eine Art ideologische Bestätigung meines üblichen Lebensmodells, das Egoismus und Nationalismus und Krieg als oberste „Werte“ wie Götter hochschätzt.

12.
Theologisch und religionsphilosophisch wird man wohl auf die Frage nach dem Normativen in der Auseinandersetzung mit „meinem“ individuellen Glauben nicht und niemals verzichten können. Und die Frage bleibt, in welcher Form unterschiedliche Menschen unterschiedlichen Glaubens (an den je „meinen“ Gott) eine Gemeinschaft formen können.
Aber die kritischen Normen für eine über das Subjektive hinausgehende Beurteilung der vielen je – meinigen Religionen können niemals den Religionen und Kirchen selbst entstammen. Diese kritischen Normen können nur in allgemein gültigen philosophischen Erkenntnissen begründet sein, man denke etwa an den Kategorischen Imperativ von Immanuel Kant.

13.
Das führt weiter: Menschen sind mit dem förmlich absolut im geistigen Leben präsenten „Kategorischen Imperativ“ – sozusagen unauslöschlich – „ausgestattet“? Weist der gelebte „kategorische Imperativ“ in seiner universellen Bedeutung nicht in die Richtung einer geistigen, aber unkirchlichen, deswegen eher unbeholfen zu nennenden „säkularen Heiligkeit“? Wobei Heiligkeit nicht mit dem klassischen Gottesbegriff verbunden ist, sondern einfach die Unantastbarkeit eines jeden Menschen meint, seine Würde, die dann zur Forderung der wesentlichen Gleichheit aller Menschen führt. Der Soziologe UlrichBeck hat sich in seinem genannten Interview mit dem Tagesspiegel leider zu kurz, aber deutlich geäußert: „Die Menschenrechte heiligen das Individuum. In diesem Sinne stellt Amnesty International eine moderen Kirche des eigenen Gottes dar.“ Ist also dereigene Gott, den Etty Hillesum in ihrem Leiden als „meinen“ Gott in ihrer Seele entdeckte, vielleicht auch inhaltlich zu beschreiben mit den auch heute überall nur verbal behaupteten, oft niedergetretenen und mißachteten, aber trotzdem nach wie vor, „an sich“, universell geltenden Menschenrechten?

14.
Eine philosophische Reflexion zum Thema „mein Gott“ müsste sich mit dem Thema „Gott – und die Götter – durch den Menschen geschaffen“ befassen. Damit wird etwa auf Ludwig Feuerbachs „Wesen des Christentum“  verwiesen. Wir haben in einem früheren Beitrag in Auseinandersetzung mit Feuerbach zu zeigen versucht: Wenn der Mensch selbstverständlich seinen Gott schafft, dann ist dabei immer auch Gott selbst tätig dabei: In der Gestalt des Geistes im Menschen, eines Geistes, den man auch göttlich nennen kann: Der Mensch wird in einer metaphysisch orientierten Philosophie als Geschöpf eines Gottes verstanden. Und dieser Gott hat seine Schöpfung, die Welt, und damit die Menschen, mit seinem schöpferischen Geist ausgestattet. Geist ist für die klassische Metaphysik etwas Göttliches. Darum kann gelten: Die Menschen, geistvoll und kreativ, schaffen sich ihren Gott und ihre Götter: Und daran ist Gott selbst – durch seinen Geist – beteiligt.

15.
Wirklich „nur“ von Menschen gemachte Religion und Götter gibt es also nicht. Und den Menschen bleibt auch heute die dringende – auch politische – Aufgabe, einen Gott der Befreiung und Humanität von den Göttern und Götzen des Materialismus, Egoismus, Nationalismus zu unterscheiden.

In unserer Welt heute wimmelt es bekanntlich von Göttern und Götzen. Trump hat seinen Gott, aber der ist sein Götze, der ihm ständig einen guten „Deal“ zu eigenen Milliardärs – Gunsten diktiert. Putin hat seinen Götzen, den Wahn des russischen Nationalismus in russisch-orthodoxem Gewand, Neoliberale haben ihre Götzen, die ihnen ständig Wachstum um jeden Preis diktieren und dabei die universelle Gerechtigkeit ignorieren. Kann Sport, kann Fußball, zum Götzen werden? Über diese „meine“ Götter und „meine“ Götzen des Alltags wäre endlich öffentlich – etwa in so genannten Talk-Shows – zu sprechen. Wer kann sich erinnern, dass Religionen und Kirchen in den letzten drei Jahren Themen einer Talkshow im Ersten oder im ZDF waren? Diese Themen werden wohl bewusst übersehen zugunsten immer derselben Sachen mit denselben Gästen….Und die katholische Kirche – sie könnte öffentlich über ihren spezifischen Götzen debattieren, um diesen Götzen dann bitte abzuschaffen: Dieser Götze ist die Jahrhunderte alte Klerus-Herrschaft, die der Klerus – fundamentalistisch und falsch – von Jesus von Nazareth herzuleiten meint. Natürlich ist gerade auch diese Götzenkritik nicht mehr als ein absolut “frommer Wunsch“…

16.
Wo also ist Gott, „mein“ Gott, der diesen Namen Gott wirklich verdient?

Weiteres zur Auseinandersetzung mit Ludwig Feuerbach „Wesen des Christentums“: LINK. https://religionsphilosophischer-salon.de/15229_ludwig-feuerbach-vor-150-jahren-gestorben-der-mensch-erschafft-sich-gott_religionskritik

Literaturhinweise:
Die Tagebücher Etty Hillesums: „Das denkende Herz“, Rowohlt Verlag.
Sehr ausführlich: „Ich will die Chronistin dieser Zeit sein“. Sämtliche Tagebücher und Briefe. C.H. Beck Verlag.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

 

Religiöse Giftmischer heute

Friedrich Nietzsche über die Propagandisten „überirdischer Hoffnungen“ – aktuell interpretiert

Ein Hinweis von Christian Modehn am 4.9.2025

1.
Das Wort „Giftmischer“ werden sich Religionskritiker und Verteidiger von Demokratie und Menschenrechten einprägen, selbst wenn es von Friedrich Nietzsche stammt: In der Vorrede seines Buches „Also sprach Zarathustra“ (§ 3) lässt Nietzsche seinen Zarathustra sagen: „Ich beschwöre euch, meine Brüder, bleibt der Erde treu (von Nietzsche kursiv) und glaubt denen nicht, welche euch von überirdischen Hoffnungen reden! Giftmischer sind sie, ob sie es wissen oder nicht.“

2.
Man muss kein Fan der literarischen und philosophischen Arbeiten Nietzsches sein, ich bin es auch nicht, um dem Begriff „Giftmischer“ dann doch sehr treffend zu finden als Beschreibung der entscheidenden Qualität der Propagandisten „überirdischer Hoffnungen“. Dabei weiß ich, dass dieses Wort Nietzsche in seine Erörterung des „Übermenschen“ gestellt hat. Aber, ich meine, eine aktuelles Verstehen von Nietzsches Aussage kann diesen Satz aus dem ursprünglichen Kontext lösen und ihn wie einen allgemein gültigen Aphorismus betrachten. Nietzsche liebte ja sehr Aphorismen oder kurze Essays. Es ist aktuell erhellend, einzelne Worte dieser These Nietzsches näher zu betrachten.

3.
Die Propagandisten reden von „überirdischen Hoffnungen“. Dabei muss man heute nicht automatisch an religiöse oder metaphysisch begründete Hoffnungen auf ein Jenseits denken. „Überirdische Hoffnungen“ sind auch die von rechten und rechtsextremen Ideologen und ihrer Parteien angezielten rückwärts gewandten Utopien, sie rühmen die Abschaffung der Demokratie und der universell geltenden Menschenrechte. Sie propagieren auch Dystopie, negative, erschreckende Zukunftsvorstellungen.

4.
Wer diese rechtsextremen Propagandisten falscher Hoffnung bekämpft und hoffentlich überwindet, der „bleibt der Erde treu“: Unsere aktuelle Nietzsche Interpretation – sozusagen gegen den Strich gebürstet, um es populär auszusagen – meint also: „Der Erde treu bleiben“ heißt: Der Welt der Menschen und der ganzen Natur mit ihrer Schönheiten und ihren Gefährdungen, dieser Welt also mit ihren Sinn stiftenden Erfahrungen und ihren menschengemachten Katastrophen verbunden bleiben, das ist: „Unserer „Erde treu bleiben.“ Und eben nicht in zerstörerischen Dystopie versinken. Die Sorge um Natur, Umwelt, Ökologie, Gerechtigkeit muss als ein „kategorischer Imperativ“ angenommen werden. In diese Gedanken kann also eine ungewöhnliche, aber heute mögliche Nietzsche – Interpretation führen.

5.
Am wichtigsten ist das Urteil Nietzsches über diese Propagandisten „überirdischer Hoffnungen“: Nietzsche nennt sie sehr treffend Giftmischer. Jeder demokratisch denkende Mensch weiß heute, wo diese Giftmischer ihre Herrschaft ausüben: Und jeder und jede wird Beispiele nennen, Namen nennen: Ich denke etwa an den Patriarchen Kyrill von Moskau, er ist der russisch – orthodoxe Chefideologe Putins und heftigster Propagandist des Angriffskrieges gegen die Ukraine. Den gefallenen russischen Soldaten versprach er bezeichnenderweise den sofortigen Eintritt ins Himmelreich. Mehr „Giftmischung“ geht gar nicht. Wir haben etliche kritische Hinweise zum Putin Freund Patriarch Kyrill publiziert: LINK.

6.
Wo sind die Giftmischer in Deutschland heute? In der Lügenpropaganda der nachgewiesen in weiten Teilen rechtsextremen Partei AFD wird man fündig. Oder in konservativen Kreisen der sich christlich nennenden Parteien, die einen wahrlichen Kulturkampf einleiteten, etwa als es um die Wahl der Juristin Frauke Brosius – Gersdorf ins Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe ging…. diese CDU Kreise haben ihren Kulturkampf erfolgreich bestanden…

7.
In Frankreich versuchen extrem konservative katholische Milliardäre mit ihren Massenmedien die Linie der katholischen Kirche Frankreich zu bestimmen, wir haben auf dieses in Deutschland kaum beachtete Phänomen hingewiesen: LINK.

8.
Wo sind die Giftmischer in den USA und im Umfeld des Trump – Regimes: Neben Trump und im finanzkräftigsten Hintergrund agieren Drahtzieher gegen die Demokratie und die universell geltenden Menschenrechte. Diese Giftmischer stammen vor allem aus verschiedenen Kirchen, vor allem aus evangelikalen Kreisen und aus dem finanzkräftigen reaktionären katholischen Milieu. Sie betreiben die Verfolgung von Minderheiten, von Immigranten und Homosexuellen und Transgender, „people of colour“, Flüchtlinge usw. werden schon deportiert; die Meinungsfreiheit eingeschränkt: Diese religiösen Giftmischer haben nicht nur die die Mentalitäten vergiftet, sie zerstören mit ihrem Gift Staat und Gesellschaft.

9.
Wo sind die Giftmischer in der katholischen Kirche in den USA zu suchen? Etwa in den weitgehend geheim agierenden internationalen katholischen Organisationen: Auch in den USA ist das Opus Dei eng mit den finanzkräftigen Freunden Trump verbunden. Die Theologin Prof. Hille Haker (Loyola University in Chicago) schreibt in der empfehlenswerten Zeitsxchrift „PUBLIK FORUM“ (5.9.2025): „Die juristische Vereinigung `Federalist Society` wurde vom Juristen Leonard Leo gegründet, diese Gruppe ist nicht nur eine Richterschmiede, sondern auch ein Motor für die Ernennung von Richtern auf Lebenszeit. Leonhard Leo beeinflusst seit vielen Jahren das Rechtssystem. Bei ihm laufen die Fäden zusammen, und er spinnt ständig neue. Fast 30 Prozent der von Trump ernannten Richterinnen und Richter und die Wahl von drei Obersten Verfassungsrichtern gehen auf die Vorschläge der „Federalist Society“ zurück. Leonhard Leo ist nicht nur gut mit der `Koch Foundation` vernetzt, sondern auch mit dem Opus Dei, für dessen Catholic Information Center er im Vorstand sitzt. Vizepräsident Vance unterhält gute Beziehungen zu ihm. Leonhard Leos Einfluss auf die katholisch geprägte Politik und den Umbau der staatlichen Institutionen kann nicht überschätzt werden. Mithilfe der milliardenschweren Spende eines Unternehmers an ihn persönlich baut Leonhard Leo nun ein neues Netzwerk auf: »Teneo« heißt es, es soll, wie er selbst sagt, den liberalen Einfluss überall zurückdrängen: in den Medien, den Universitäten, der Unterhaltungsindustrie, im Sport und in der Politik. So wird die antiliberale, christlich-moralische Auslegung der amerikanischen Verfassung vorangetrieben und darüber hinaus die Demokratie in eine Theoautokratie verwandelt.“ LINK 

10.

Nietzsche fügt seinem Satz über die religiösen Giftmischer unmittelbar sehr Wichtiges hinzu: „Verächter des Lebens sind die Giftmischer, Absterbende und selbst Vergiftete, deren die Erde müde ist: ob sie es wissen oder nicht.“
Eine Hoffnung also formuliert hier Nietzsche: Trostvoll für Demokraten und Verteidiger der universell geltenden Menschenrechte: Diese religiösen Giftmischer sind selbst schon vergiftet von ihrem eigenen Gift. Aber für uns sind die letzten Worte Nietzsches hier leider nicht mehr als ein Wunsch.  Wollen wir hoffen, dass in diesem Falle Nietzsche recht hat.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Edvard Munch in Chemnitz: Die Angst wahrnehmen, ausdrücken! Und überwinden?

Über den großartigen Katalog zur Munch Ausstellung in Chemnitz
Ein Hinweis von Christian Modehn am 29.8.2025

1.
Es ist sehr treffend, dass ausgerechnet in Chemnitz, Sachsen, eine große und bedeutende Ausstellung über ANGST gestaltet wird; sie ist bis zum 2. November 2025 in den „Kunstsammlungen Chemnitz“, Theaterplatz 1, zu besichtigen. Chemnitz hat das große Glück, 2025 eine „Kulturhauptstadt Europas“ zu sein. Und der Höhepunkt ist zweifellos die große Präsentation von etwa 90 Arbeiten des norwegischen Malers Edvard Munch, etwa 50 weitere Werke heutiger Künstler führen die Erfahrungen der ANGST über Munch hinaus … und ins Nachdenken.

2.
Es ist irgendwie auch ein merkwürdiges Zusammentreffen, dass DER moderne Maler der Angst, Edvard Munch, einige Zeit (1905 und 1926) in Chemnitz lebte. Und Tatsache ist auch, dass die Menschen in Chemnitz – wie überall auf unterschiedliche Weise – spezielle Erfahrungen mit Angst haben: Im „realen Sozialismus“ der DDR die Angst der Opposition vor der Stasi. Und dies in einer Stadt, die 1953 nach Karl Marx benannt wurde, mit der monumentalen Marx-Büste bis heute im Zentrum der nun wieder Chemnitz genannten Stadt. Karl Marx hat übrigens, wissenschaftlich erwiesen, mit der Stasi (oder dem KGB) so wenig zu tun wie die Ketzerverfolgung der Kirchen mit dem Evangelium Jesu von Nazareth.

3.
Seit einigen Jahren, nach der so genanten Wende, haben demokratisch gesinnte Chemnitzer eine ganz andere Angst, Angst vor den Aggressionen der verschiedenen rechtsextremen und rassistischen Parteien, wie der AFD: Sie gilt in Sachsen ganz offiziell als „gesichert rechtsextrem“, sie kann aber weiter Demokratie zerstören…Wird aus der Wende von 1989 die Wende Richtung 1933? Dies auch in Chemnitz eine begründete Angst. Die Erinnerung an die gewalttätigen Ausschreitungen der Rechtsextremen im Herbst 2018 in Chemnitz sind hoffentlich noch allen im Gedächtnis. Ebenso wichtig aber auch der bis heute lebhafte Widerstand von Basisgruppen der mehrheitlich noch demokratisch gesinnten Bürger von Chemnitz gegen die Rechtsextremen.

4.
Erst wer diese Zusammenhänge wahrnimmt, kann seine Freude ausdrücken, dass nun, 2025, Edvard Munch nach Chemnitz zurückgekehrt ist mit 90 seiner wichtigen Werke. Wer die Ausstellung in Chemnitz nicht besuchen kann, sollte den großartigen Katalog zur Ausstellung (erschienen im Hirmer – Verlag) studieren, die Bilder betrachten und sich vor allem von den Autoren der sechs erhellenden Essays zu der Frage anregen lassen: Warum können gerade Edvard Munchs Gemälde, seine Graphiken, den Umgang mit Angst inspirieren und vielleicht aus der Angst herausführen?

5.
Zweifellos ist Edvard Munch einer der wichtigsten Maler der Moderne. Und einige seiner Arbeiten , vor allem „Der Schrei“, (1893), gehören geradezu zum „kulturellen Gedächtnis“ sehr vieler Menschen. Angst, Einsamkeit, Verlorenheit sind die Stichworte der eigenen Lebenserfahrungen, die Munch zum Ausdruck bringt. Diana Kopra betont in ihrem Beitrag: dass die Angst im Werk von Edvard Munch stets zugegen“ sei (S. 172). Und dass Munch wesentliche Bedeutung heute darin besteht, „das existentielle Zittern der Angst ausgehalten zu haben.“ Munch sagt: „Ich male nicht, was ich sehe, sondern was ich gesehen habe“ (in dem genannten Buch S. 161), also was er selbst im Leiden seiner Seele „gesehen“ hat. Und Munch ist überzeugt: Die Darstellung der ANGST ist nicht nur die Darstellung seiner eigenen ANGST, sondern sie berührt alle Menschen – in ihrer jeweiligen Lebensangst. In den 1930 Jahren sagt er: „In meiner Kunst habe ich versucht, mir das Leben und seinen Sinn zu erklären. Ich hatte auch die Absicht, anderen zu helfen, ihr eigenes Leben zu verstehen“ (zit. S. 161).

6.
Wir weisen auf den Beitrag des Psychoanalytikers und Psychiaters Borwin Bandelow hin, er hat seinem Essay den Titel gegeben: „Edvard Munch – die Angst des Genies“. Zwei wichtige Zitate:. „Seine Kunst ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie Schmerz und Angst als Quelle von Kreativität genutzt werden können.“ „Nicht trotz, sondern wegen seiner zerbrechlichen Seele gilt Munch als einer der bedeutendsten Maler in die Geschichte“ (S.26).

7.
Edvard Munch war kein politischer Künstler! Seine Arbeiten zeigen in die Seele und ihre Ängste. Sind sie deswegen heute, für Chemnitz und andere Städte, Regionen, mit starker Präsenz rechtsextremer Menschen und deren Parteien, eher irrelevant? Wir meinen: Sicher nicht: Denn Munch fordert Menschen auf, die seine Kunst betrachten und nicht nur flüchtig mal hinsehen, die zerrissene und kranke Welt der eigenen Gedanken und der eigenen Seele wahrzunehmen. Und diese Situation anzuerkennen. Dann kann eine Heilung geschehen, auch eine Heilung der irrigen rechtsextremen Bindungen.
8.
Werden die rassistischen und rechtsextremen Menschen und ihre Parteien in Chemnitz und anderswo diese ihre eigene seelische Zerrissenheit und Krankheit erkennen und anerkennen und mit Hilfe von Psychotherapie bearbeiten und möglicherweise heilen? Werden diese rechtsextremen Menschen überhaupt die Kunst Edvard Munch in Chemnitz betrachten und wahrnehmen? Offene Fragen! Genauso wie die Frage: Werden die auf andere Weise von Angst geplagten demokratischen Bürger Inspirationen von Edvard Munch erhalten? Machen Munch Arbeiten Mut zum Leben, Mut zum Kämpfen für die Menschenrechte, die Demokratie? Vielleicht auch nur in der Hinsicht: Die eigenen Ängste anzunehmen und dabei, in aller reflektierten Schwäche, TROTZDEM Ja zu einem menschenwürdigen Leben für alle in einer Demokratie zu sagen… auch wenn die Feinde dieser Demokratie so stark sind und sich weigern, in eine heilende Psychotherapie ihrer verirrten Seelen einzutreten. Erst wenn auch Rechtsextreme erkennen, dass sie seelisch und geistig krank sind und Therapien brauchen, kann Demokratie gelingen. Das heißt ja nicht, dass alle, die sich in Europa Demokraten nennen (oder „Republikaner“ in den USA) seelisch und geistig gesund, geschweige denn vernünftig  sind…

9.
Der ausgezeichnete Katalog bietet alle Essays auf Deutsch und auf Englisch, er hat 336 Seiten mit 170 Abbildungen in Farbe sowie eine Liste der in Chemnitz ausgestellten Werke, zudem bietet das Buch eine ausführliche Daten – Biographie zu Edvard Munch (und einen biographischen Essay).

Der Katalog zur Ausstellung:
“Edvard Munch – Angst“
: Herausgegeben von Kerstin Drechsel, Diana Kopka, Florence Thurmes, Hirmer Verlag
, 336 Seiten, 170 Abbildungen in Farbe
, Klappenbroschur, 50 Euro.

Über die MUNCH -Ausstellung in Berlin, siehe unseren Hinweis: LINK 

Über Edvard Munch, seine Spiritualität und die norweglische Staatskirche, siehe unseren Hinweis: LINK 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Unmoralische Rechtsextreme: Gegen die Verachtung der universell geltenden Moral

Das Buch „Das M Wort“ von Anne Rabe
Ein Hinweis von Christian Modehn am 20.8.2025

1.
„Moral hat nichts mit Realitätsferne oder Ideologie zu tun“, betont die Schriftstellerin und Essayisten Anne Rabe in ihrem neuen Buch „Das M Wort. Gegen die Verachtung der Moral“. Ein wichtiges Buch, das zur richtigen Zeit veröffentlicht wird, da sich in Deutschland rechtsextremes Denken und Handeln mit einer weithin offiziell als rechtsextrem bewerteten Partei immer schärfer und aggressiver durchsetzen. Und konservative Parteien, wie die CDU/CSU, nichts Dringenderes zu tun haben, als möglichst viel ideologisches Material dieser Rechtsextremen zu übernehmen. Anne Rabes Buch ist eine deutliche Analyse der Gefahren von rechtsaußen. Sie kann sich zur AFD und ihrer Verbündeten kompetent äußern: Denn nicht nur politische Analysen sind für sie wichtig, sie unterstützt den demokratischen Widerstand gegen Rechtsaußen in kleinen und großen Städten, vor allem in Sachsen, sie ist mit den wenigen mutigen Menschen dort so verbunden, dass deren Einsatz ein Hoffnungsschimmer in dunklen Zeiten ist. Wir wünschen dem Buch viele LeserInnen.

2.
In einem Interview mit dem „Tagesspiegel“ (9.August 2025, Seite 24) antwortet Anne Rabe sehr deutlich auf die Frage: „Ist es unmoralisch, AFD zu wählen?“: „Diese Partei stellt die Grundsätze unserer Gesellschaft infrage. Als demokratischer Mensch darüber hinwegzusehen, ist unmoralisch… Wenn jemand auf Dauer die Gleichwertigkeit aller Menschen infrage stellt (wie die AFD), dann bedroht solch ein Menschenbild am Ende auch meine Existenz. Wenn man zur AFD schweigt, rutschen uns im Hintergrund all unsere Grundsätze weg. Wir müssen offen sagen, wer unsere Werte angreift. Und etwas dagegen tun.“

3.
In ihrem neuen Buch „Das M Wort. Gegen die Verachtung der Moral“ entfaltet Anne Rabe diese Erkenntnis faktenreich ausführlich, durchaus „spannend“ zu lesen. Wenn Moral als zentrale Orientierung für humanes menschliches Leben ignoriert wird, setzen sich Nationalismus, ökonomischer Egoismus, Bereitschaft zum Krieg, Frauenverachtung, Queer – Feindlichkeit usw… durch, es herrscht dann das Gesetz des Stärkeren bzw. der stärksten Partei und ihres Führers. In einem solchen Chaos werden dann z. B. kritsch gewordene Parteigänger dieser Ideologie wehrlos zugrunde gehen. Sie haben ja keinen Anspruch auf universell geltende Menschenrechte…
Leider begrenzt Anne Rabe ihre Reflexionen auf Deutschland. Der Niedergang eines eigentlich einmal durchaus demokratischen Staates wie der USA wird nicht thematisiert, dabei ist Trump jetzt wie ein Alleinherrscher ein deutlicher Beweis dafür, das ein eigentlich demokratischer Staat sich zu einer Art Diktatur entwickelt! Und dies, weil der nun (fast) absolute Herrscher und seine Clique moralisches Bewusstsein ignorieren bzw., falls einst vorhanden, verloren haben.

4.
Die LeserInnen in Deutschland werden im Buch auch an „längst vergangene“ und vielleicht schon längst vergessene politische Ereignisse erinnert, etwa im Umgang mit den Fremden, den so genannten „Asylanten“, den Flüchtenden. Dabei ist es nur gut 30 Jahre her, dass die CDU/CSU „eine gravierende Beschränkung des Asylrechts“ (S. 170) durchsetzte: CDU Generalsekratär Volker Rühe hatte damals per Rundschreiben an alle Gliederungen seiner Partei zugunsten dieses Projekts aufgefordert, für die starke Einschränkung des Asylrechts mit allen Mitteln der Propaganda einzutreten „Die CSU übernahm sogar die Parole der rechtsextremen Republikaner und titelte „Das Boot ist voll“ (S. 171, mit Hinweis auf eine Studie zu diesem Thema). Besonders Unmoralisches wird von Anne Rabe benannt: „ Keine extremistische Bewegung hat in Deutschland so viele Todesopfer und Verletzte gefordert wie der Rechtsextremismus. Und für keine andere Bewegung wurde so oft die Schuld nicht bei den Tätern selbst, sondern vorrangig bei den Opfern gesucht“ (S. 172).

5.
Anne Rabe weiß, dass ihre Erkenntnisse zu den von Rechtsextremen schon dominierten Verhältnissen eher zu Resignation und Ohnmacht führen können, auch unter den noch demokratischen LeserInnen, denen die Menschenrechte der unbestreitbare Ausdruck humaner Moral ist.

6.
Deswegen zitiert die Autorin zum Schluß Erich Kästner: „Die Ereignisse von 1933 bis 1945 hätten spätestens 1928 bekämpft werden müssen. Später war es zu spät…Man muss den rollenden Schneeball zertreten. Die Lawine hält keiner mehr auf.“ (S. 200). Und in ihren Worten sagt Anne Rabe: „ Das, was die Rechtsextremen bekämpfen, muss uns das Heiligste sein – eine Gesellschaft , deren höchstes Ziel die Freiheit und Gleichheit aller ihrer Mitglieder ist. Die Herausforderungen unserer unserer Zeit, wie die globale Erwärmung, die Verknappung der Ressourcen, die Verteilung von Macht und Reichtum aber auch der Versuch vieler Menschen, Armut und Gewalt zu entkommen, kennen keine einfachen Lösungen… Aber die Gewissheit, dass alle Menschen gleich sind, muss der Anker sein für unser Denken und Handeln.“ (S. 201)

7.
Und dann der entscheidende Satz: „Die Moral ist keine Last, sie befreit uns von unseren niederen Instinkten. Sie gibt uns die Freiheit zu hoffen, weil wir wissen: Dass eine humane Welt, die wir denken können, auch eine Welt ist, die es wirklich geben kann.“

8.
Philosophisch könnte dieser Gedanke weiter vertieft werden: Denn Moral als zentrale, entscheidende Lebensorientierung der Menschen ist das zentrale Kriterium, unmenschliches Verhalten von menschlichem, also vernünftigem Leben zu unterscheiden. Menschliches Leben als moralisches Leben ist in der treffenden Sicht Anne Rabes der praktische Respekt vor der wesentlichen Gleichheit aller Menschen. Wer darauf hinweist, folgt nicht einer bestimmten politischen Laune, er respektiert das, was in der Vernunft eines jeden Menschen sozusagen „eingeschrieben“ ist. Selbst der unmoralisch Handelnde entkommt nicht dem Grundsatz der Moral: Er muss sein Tun für sich selbst als „gut“ empfinden…

Legen wir also endlich das populär gemachte Missverständnis beiseite, Moral habe nur etwas mit „sexuellem Leben oder dergleichen“ zu tun, gelte aber nicht in der Politik, der Ökonomie, der staatlichen und gesellschaftlichen Ordnung.

Humane und universell geltende Moral findet ihren besten Ausdruck in den Menschenrechten, formuliert von der UN 1948, sie formulieren zwar Rechte, haben aber als Basis eine universell geltende Idee, eine MORAL vom Menschen. Es war der Philosoph Immanuel Kant, der mit der Entdeckung des universell geltenden „Kategorischen Imperativs“ (siehe Fußnote) ein Kriterium formuliert hat, mit dem Menschen ihre persönlichen und politischen und ökonomischen Maximen hinsichtlich ihrer ethischen Gültigkeit überprüfen können und sollen. Also überprüfen, ob sie mit diesen ihren Maximen moralisch, also menschlich handeln oder nicht.

Fußnote:
Den „Kategorische Imperativ“ hat Immanuel Kants unterschiedlich, aber mit gleichem Ziel, formuliert: Etwa: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, daß sie ein allgemeines Gesetz werde.“  Oder: „Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst.“

Anne Rabe, Das M Wort. Gegen die Verachtung der Moral. Klett-Cotta Verlag, 2025, 218 Seiten, 20€.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

Gefährliche Erinnerung: Die Arbeit von „Memorial“ in Russland und anderswo

Ein Hinweis auf ein wichtiges Buch

Von Christian Modehn am 3.8.2025

1. „Erinnern ist Widerstand:“ Das Motto von „Memorial“, der wichtigen NGO, gegründet in Russland. Eine Basisinitiative von Menschen, denen die Geltung der universellen Menschenrechte am wichtigsten ist: „Memorial“ legt die Verbrechen der russischen Diktatoren frei! Gibt den vielen tausend Ermordeten und Gequälten der Verbrechen Stalins sowie der folgenden Diktaturen bis zu Putin die Menschenwürde zurück, die Würde: einen Namen zu haben, nicht vergessen zu sein. Die kritische Erinnerung dient dem einzigen Zweck: Nie wieder diese Menschenquälerei durch Diktaturen. Nie mehr totalitäre Gewaltherrschaft.

2.
 Memorial ist eine in demokratischen Staaten und unter Demokraten hoch angesehene NGO. „Memorial“ studiert und dokumentiert in aller Objektivität seit mehr als 30 Jahren die Verbrechen der Sowjetherrschaft. Und Putin, der absolute Machthaber der Russischen Föderation, hat genau verstanden: Strukturen totalitärer Herrschaft werden durch die kenntnisreichen und widerständigen Mitarbeiter von „Memorial“ selbstverständlich auch in seinem Herrschaftsbereich freigelegt. Deswegen löste Putin die NGO „Memorial“ im Dezember 2021 auf, zwei Monate vor seinem Angriffskrieg gegen die Ukraine. Am 10. Dezember 2022 erhielt die NGO „Memorial“ den Friedensnobelpreis,  „Memorial“ hatte 80 Arbeitskreise in vielen Städten Russland.

3. 
Heute ist die Arbeit von Memorial in Russland sehr schwierig. Die Ergebnisse der aktuellen dortigen Recherchen werden im Exil publiziert.

In Berlin wurde „Memorial e.V.“ gegründet. LINK.
 Wichtig ist auch das große Angebot von Podcasts durch Memorial LINK:

4.
 Wer den Widerstand gegen das Sowjetimperium und die folgenden Diktaturen dort verstehen will, muss sich also mit Memorial befassen. Der C.H.Beck Verlag legt jetzt ein Buch vor, 14 Autorinnen bewerten einige Aspekte der Geschichte von Memorial und nennen den aktuellen Stand der Forschung und Dokumentation. Wir empfehlen das Buch ausdrücklich! Es umfasst 192 Seiten, darunter (auf mehr als 40 Seiten) kommentierte „Bilder und Fotos aus der Memorial-Sammlung“. Sie beziehen sich auf Kunst und Literatur, unter qualvollen Bedingungen in den Lagern entstanden, sowie auf Fotos der ersten öffentlichen Kundgebungen von „Memorial“ in Russland 1988. Die HerausgeberInnen des Buches „Memorial“: Irina Scherbakowa engagiert sich als Gründungsmitglied von Memorial im Exil weiter für die Arbeit Erinnerung und das Eintreten für Menschenrechte, Filipp Dzyadko und Elena Zhemkova sind als Gründungsmitglieder von Memorial in Russland jetzt in Berlin tätig.

5.
 Der Titel „Erinnern ist Widerstand“ ist sehr treffend gewählt, angesichts der von Rechtsextremen seit Jahren schon verspotteten Erinnerung – Kultur! Wer sich an die Verbrechen nicht nur in Russland erinnert, sondern weiter denkend auch an die Verbrechen gegen die Menschheit, verursacht von Staaten, Kulturen, Religionen, Parteien, legt das Negative frei, indem er auch einen Vorschein und Ausblick auf eine bessere, d.h. humane und demokratische Zukunft ermöglicht.
Die Erinnerung ist geistige wie seelische Arbeit, aber auch körperliche Arbeit… bedingt durch die weiten Reisen zu den Orten der Verbrechen und den Recherchen dort! Das Tätigkeit – Wort Gedenken erhält etwa bei Walter Benjamin die Zuspitzung des „Ein-Gedenkens“. Und damit ist wohl gemeint: Das Erinnerte sollte der Mensch in seinen eigenen Geist hin-ein-nehmen, also nicht bloß oberflächlich etwas Vergangenes zur Kenntnis nehmen, also nicht bloß historisch – faktisch an Daten und Namen erinnernd denken, sondern sie ein-gedenken, also das Erinnerte mit dem eigenen Geist eng verbinden, es in den eigenen Geist, ins eigene Leben, in die eigene Gefühlswelt hineinnehmen… und Sich Hineinversetzen…Es ist wohl diese Form des Ein – Gedenkens, die dem Erinnern durch die „Memorial“ Arbeit die wahre Bedeutung gibt.
Ein einzelner kann natürlich nicht überall und zu allen Themen Erinnerungsarbeit leisten. Jeder und jede kann nur an einer Stelle, an seinem Ort, seine Erinnerungsarbeit wählen, zu Russland eben oder zu anderen Diktaturen und autoritären Herrschaftsformen oder zu Religionen und Konfessionen, die im Fundamentalismus der Gewalt versinken.

6.
 Das neue Buch aus dem C.H. Beck Verlag dokumentiert die Rede von Jan Rachinsky anläßlich der Verleihung des Friedensnobelpreises am 10. Dezember 2022 in Oslo. Rachinsky legt allen Nachdruck darauf: Es sei das Gefühl und die Erkenntnis der bürgerlichen Verantwortung, die Menschen zur Memorial Erinnerungsarbeit führen. Es geht um die Verantwortung dafür zu sorgen, dass die leidenden und vernichteten Menschen früherer Generationen nicht dem Vergessen preisgegeben werden, „denn der Mensch empfindet seine Einheit mit vorangegangenen Generationen“ (S. 43). Interessant ist für mich, dass in einigen Beiträgen der „Memorial“ MitarbeiterInnen auf den Philosophen Karl Jaspers verwiesen wird als philosophischen Inspirator…

7.
 Irina Scherbakowa, Mitbegründerin von „Memorial“, berichtet ausführlich über den „Kampf für das Erinnern“. In den 35 Jahren der aktiven Präsenz in Russland konnten die MitarbeiterInnen von Memorial „Informationen aus Geheimarchiven öffentlich zugänglich machen und die Schicksale hunderttausender Staatsterror – Opfer aufklären…In einer Reihe von Städten wurden an Orten von Massengräbern Gedenktafeln und Gedenkzeichen für die Opfer politischer Repressionen angebracht… Das Archiv, das Memorial in den Jahren seiner Tätigkeit aufgebaut hat, umfasst hunderttausend Dokumente …Im Herbst 2021 wurde das Hauptgebäude von „Memorial“ in Moskau von Putin geschlossen, typischerweise ließ der Diktator die Eingangstür mit Handschellen verschließen! Und auch dies: Stalin erlebt in der russischen Gesellschaft seit Jahren wieder ein Come-back…In Berlin setzt Memorial seine Arbeit fort, in Paris befindet sich das Memorial Menschenrechtszentrum, es unterstützt die politischen Gefangenen…

8.
 Nur einige Hinweise zu einigen der 12 AutorInnen, die „Memorial“ kommentieren.
Alida Assmann bezieht „Memorial“ auf Repressionen außerhalb Russlands, sie nennt die Protestbewegung der „Mütter und Großmütter von der Plaza de Mayo“ in Buenos Aires gegen die Militärjunta. „Die Frauen haben für die Menschenrechte gekämpft und die Junta zu Fall gebracht, obwohl sie unbewaffnet waren und die Zivilgesellschaft repräsentierten…Ihre politische Macht lag in der Erinnerung an die Verbrechen der Militärjunta“ (S. 94).

Der Historiker Karl Schlögel zeigt, dass die Erfahrung von Terror und Gewalt in der Gegenwart die junge Generationen sensibel machen sollte für die Gewaltherrschaft, die frühere Generationen ausübten bzw. erleiden mussten. Schlögel hofft, dass durch diese intensive Konfrontation mit früheren Verbrechen „eine apolitisierte und apathische Gesellschaft aus ihrer Gleichgültigkeit herausgerissen wird.“ (S. 98).

Aus der Erfahrung des Leidens und der sinnlosen Gewalt (etwa durch den Diktator Putin) könnte dann im westlichen Europa der Wille zum Widerspruch und zum Widerstanden stehen. Eine Hoffnung!
Auf den Unterschied zwischen Widerstand und Resistenz macht Filip Dzyadko aufmerksam: Widerstand ist für ihn das direkte radikale und auch gewaltsame Vorgehen gegen eine Diktatur. Resistenz hingegen kann sich in verschiedenen noch „milderen“ Formen des Widerspruchs äußern, etwa durch öffentliche Kritik, durch sozialen Ungehorsam, Verweigerung, Ablehnung der Kooperation mit Behörden der Diktaturen…

Auch der Schriftsteller Jonathan Littell (Autor des Romans „Die Wohlgesinnten“) ist mit „Memorial“ verbunden durch seinen Einsatz zugunsten der Menschenrechte in den Tschetschenien Kriegen. Littell meint ziemlich provokativ, dass die heute inszenierten Kriege in der Ukraine, in China, in Israel usw. ablenken von der noch größeren Katastrophe, der „Zerstörung des Planeten durch die Menschheit, die sich im System des Kapitalismus verstrickt hat, in dem wir alle leben.“ ( S.160). Littell meint also, die heutigen Kriege, verursacht von Gewaltherrschern, seien so etwas wie Ablenkungsfaktoren: Sie lenken ab von dem größten aller dringenden Probleme: der Klimakatastrophe (S. 164). Tatsächlich ist das Interesse der Herrschenden an der Verhinderung der Klimakatastrophen jetzt weltweit zurückgegangen. Und fast alle großen Medien sprechen ständig  von Putin, Trump, Xi , der Hamas oder Netanjahu… Littell sagt: „Ich bin keineswegs überzeugt, dass unser Planet im Jahr 2100 noch geeignete Lebensbedingungen bieten wird. ..Ich habe keine Hoffnung, sie geht mir gegenwärtig vollkommen ab“ (S. 165, 164.).

9.
 Der „Tagesspiegel“ hat ein ausführliches Interview mit einem der Mitbegründer von Memorial publiziert: mit Oleg Orlow. Er wurde am 27.2. 2024 wegen eines Anti-Kriegs-Artikels zu zweieinhalb Jahren Lagerhaft verurteilt. Im Rahmen eines Gefangenenaustausches kam er fünf Monte später frei. Er betont, jetzt in Freiheit, in Berlin: Als 2021 Memorial „vom russischen Staat offiziell liquidiert wird, können Menschenrechtler nur noch in losen Vereinigungen tätig sein. Die Kollegen in Russland sammeln und registrieren wieder Informationen über die Menschenrechtslage in Russland. Veröffentlicht werden diese Daten aus Sicherheitsgründen dann von uns aus dem Ausstand heraus. Vor Ort bieten wir nach wie vor Rechtsbeistand für die Opfer staatlicher Repressionen an…“. („Tagesspiegel“ 1. August 2025, Seite 12.)

10.
 Solange es Menschen gibt, die so stark indoktriniert werden, dass sie sich aus Passivität, Faulheit, Bequemlichkeit die menschenfeindliche autoritäre Führung eines Führers wünschen, wird es immer Verfolgung und Unterdrückung der Mensch gebliebenen Menschen geben; wird es Lager geben, die zur umfassenden Vernichtung der so genannten Widerspenstigen, der Demokraten und Verteidiger der Menschenrechte bestimmt sind. Man fragt sich deshalb, ob nicht die Idee der „Memorial Arbeit“ als einer Basis – Initiative von Demokraten (und nicht von Historikern allein) überall wirksam werden sollte.
Die Geschichte der katholischen Kirche z.B. wird nicht umfassend nach Memorial- Art untersucht: Alle die verfolgten, gequälten und verbrannten Ketzer und Hexen, alle ohne großen Namen, alle die gemarterten Irrlehrer, die selbständig und ungehorsam Frommen, alle kirchlich Unterdrückten … sie werden bisher im großen Graben der Vergessenheit belassen. Sie finden keine Erwähnung in den großen Studien der Kirchengeschichte. Sie liebt ohnehin die großen Helden und Heiligen viel mehr als die „kleinen Leute“ in ihrer eigenen Art, ihren Glauben trotz aller Klerus-Herrschaft zu leben. 
Die vielen Namen der seelisch und körperlich Gequälten, der Mißhandelten und Getöteten, müssten natürlich auch in anderen Religionen freigelegt und öffentlich gemacht werden, etwa in der Religion der Muslime oder der Hindus oder der Buddhisten usw.
Die Philosophie und die Arbeitsweise von „Memorial“ sollte „universell“ werden, wenn sich denn die Kirchenhistoriker auf diese Arbeit einlassen und vor allem in den Gemeinden entsprechende Memorial – Arbeitsgruppen entstehen. Die langsame und sehr restriktive Öffnung der Archive des Vatikans, auch der einzelnen Diözesen und vor allem der kritisch völlig unerforschten Zentralen der katholischen Ordensgemeinschaften ist bezeichnend.
Eines Tages werden auch die vielen tausend Namen der Missbrauchsopfer durch den Klerus veröffentlicht werden wie die vielen tausend Namen der klerikalen Täter.
Die „Memorial“ – MitarbeiterInnen in Russland waren auch mit heftigem Widerstand konfrontiert bei ihren Recherchen in den Lagern und Zentralen der Kommunistischen Partei usw. Diese mühevolle Arbeit kann katholische „Memorial“ – MitarbeiterInnen „trösten“, wenn sie denn etwa ihre umfassende Freilegung der Erinnerung zur weiter „vergangenen“ oder auch aktuellen Kirchengeschichte beginnen.

11. „Die Wahrheit wird euch frei machen“ sagt Jesus von Nazareth (Johannes-Evangelium 8.Kap., Vers 32). Eine treffende und aktuell bedeutsame Erkenntnis, die allerdings die meisten Hierarchen, Autokraten und alle Führer fürchten, auch in den Kirchen, selbstverständlich auch in den orthodoxen Kirchen, etwa im Patriarchat von Moskau: Dort herrscht der ehemalige KGB Mitarbeiter und Putin Freund Patriarch Kyrill als Kriegstreiber. Und … mit diesen Kirche will sich der Papst unbedingt in einer „Einheit“ zusammen schließen.
Die Kirchen haben Angst vor der Wahrheit, die frei macht. Denn durch die Freilegung von historischer Wahrheit könnten sich die Akteure sinnvollerweise auch von der Kirche als Institution befreien und … trotzdem Christen bleiben! Das würde das Ende dieser Institution befördern, die sich als katholische Kirche bekanntlich selbst und voller Stolz bis heute explizit als „nicht – demokratisch“ definiert; vielleicht will sie jetzt ein bißchen „synodal“ werden, aber ohne eine wirkliche Synode, d.h. ein Parlament mit Mehrheitsentscheidungen der Gleichberechtigten, einzuführen.

Die Adresse: „Memorial e. v. Deutschland“: Greifswalder Str. 5, 10405 Berlin

Memorial. Erinnern ist Widerstand“. C.H. Beck Verlag München, 2025, 192 Seiten, 25 €.

Copyright: Christian Mohn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Exzentrisch, asketisch, spirituell: Zum 100. Todestag des Komponisten Erik Satie am 1. Juli 2025

Ein Hinweis von Christian Modehn am 28.6.2025

1.
An Erik Satie (17.5.1866 – 1.7.1925) erinnern: Den Musiker und Komponisten, den Menschen, den so viele für skurril und rätselhaft hielten und halten, der aber auch so viele begeistert mit seiner Musik …. des minimalen Klangs, der irritierenden Einfachheit, der Mißachtung üblicher musikalischer Regeln. Satie zeigt sich immer wieder als eigenständiger, Ungewohntes und Ungehörtes schaffender Komponist, er ist keiner „Schule“ verpflichtet und verzichtet auf brillante oder schillernde musikalische Effekte… darüber ist viel geschrieben worden. Wir zitieren nur den einen Satz: „Die aufscheinende Skepsis Saties gegenüber etablierten Vorstellungen vom musikalischen Kunstwerk hat spätere Künstler bis hin zu John Cage nachhaltig beeinflusst.“ Zitat siehe: LINK.

2.
Wir wollen auf den Esoteriker hinweisen, und dazu gehört auch: an den eher unbekannten Kirchengründer Eric Satie erinnern. Zunächst in enger Verbindung mit den esoterischen „Rosenkreuzern“ suchte Satie seinen eigenen Weg: Er verließt diese Gemeinschaft und gründete 1893 seine eigene Kirche und gab ihr den etwas schwierigen und durchaus mysteriös klingenden Titel: „Église Métropolitaine d’Art de Jésus Conducteur“, „Metropolenkirche der Kunst von Jesus dem Lenker“. Kirchen zu gründen war in Frankreich keine Seltenheit: Intellektuelle, Schriftsteller und Künstler wollten sich vom herrschenden dogmatischen und weithin monarchistisch gesinnten Katholizismus absetzen und gründeten eigene Kirchen-Gemeinschaften. Satie zeigt sich also nicht nur in seinen Kompositionen, auch in seiner Kirchen-Gründung und seiner Messe als mutiger, Konventionen sprengender Individualist. Siehe auch Fußnote 1.

3.
Es gehört zum exzentrischen Charakter Erik Saties, dass er das einzige Mitglied seiner Kirche blieb und wohl auch bleiben wollte; er gab zwar sein Gemeindeblatt heraus, aber er fand keine Mitglieder und wollte wahrscheinlich auch keine um sich sehen in seinem Haus, der „Kirchenzentrale“ in Arcueil bei Paris. Aktuelles Foto: LINK.

4.
In diesem spirituellen Erleben komponierte er um 1895 eine von ihm selbst so bezeichnete „Messe der Armen“, weil er sich selbst als Asket, als Künstler „am Rande“ verstand. Satie hatte offenbar für sich selbst ein Gelübde der Armut ausgesprochen, einer Armut, die er selbst in seinem Lebensstil zeigte.
Mit der ihm vertrauten mondänen Welt von Montmartre und ihren Vergnügungen hatte er offenbar gebrochen. Olivier Messiaen hat diese Messe zuerst aufgeführt. Sie enthält von den üblichen Gebeten (den „Ordinarien“) der römisch – katholischen Messe lediglich das Kyrie, hingegen aber auch Gebete, etwa speziell „für die Reisenden und die Seeleute in Todesgefahr“ und zum Schluß auch ein „Gebet für meine Seele“. Diese Satie – Messe hat den Untertitel, offenbar an Gott adressiert: „Intende Votis supplicum“, „Sei bedacht auf das Flehen des Gebetes.“

5.
Die spirituelle Prägung Eric Saties könnte uns inspirieren, seine Musik, seine Klaviermusik, etwa die „Gnossiennes“ auch als Ausdruck einer ungewöhnlichen, nicht – dogmatischen Frömmigkeit zu hören und zu verstehen. Und musikalisch ins Meditieren zu kommen.

Fußnote 1: LINK

Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon

Die Theologie Augustins überwinden.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 10.6.2025 und am 4.8.2025 wegen der ständigen „Augustinus-Zitierei“ durch Papst Leo XIV.

Ergänzung am 4.8.2025: Während der katholischen Weltjugendtage in Rom Anfang August 2025 zitierte Papst Leo XIV. ständig nette Sprüche und irgendwelche Weisheiten seines viel geliebten Meisters Augustinus aus dem 4.und 5. Jahtrhundert. Dieser Augustin sollte angesichts seiner verheerenden Lehren etwa zur Erbsünde  endlich beiseite gelassen und überwunden werden. Aber nein, den ahnungslosenen und enthusiastischen  Jugendlichen aus aller Welt wird ein „weiser“ und angeblich aktueller Augustinus mit einigen hübschen Zitaten als Vorbild empfohlen. Wir halten das für einen Irreweg. Kann ein Papst nicht eher die Mitarbeit an demokratischen NGOs empfehlen als fromme und allgemeine, letztlich belanglose Ermahnungen von sich zu geben? Und es wird hoffentlich die Zeit kommen, in der sich kritische und kirchenunabhängige Historiker und Religionswissenschaftler die Mühe machen, diese Augustinus – Zitierei von Papst Leo XIV. zu dokumentieren und krtitisch zu bewerten.

Diese Reden des Papstes Leo XIV. von der „Einheit der Kirche“ sind, nebenbei, eine Illusion: Die Katholische Kirche ist weltweit de facto und unumkehrbar schon jetzt  so stark auseinandergebrochen in ihrer Vielfalt, dass eine uniforme, päpstlich-fixierte Einheit nichts als ein Traum ist. Und dieser Traum, man möchte sagen diese klerikale Ideologie, sollte beendet werden zugunsten einer explizit gewollten Pluralität IM Katholizismus…Aber auch dies zusagen ist nur ein Traum angesichts der nach wie vor absoluten klerikalen Macht.

Im Juni 2025  notiert: Wir haben mit der Wahl eines Augustiners („Sohn des heiligen Augustinus“, Selbstbezeichnung Leo XIV.) zum Papst eher Schlimmes befürchtet: Dies ist die ständige Bezugnahme auf den heiligen Augustinus, er lebte im 4. und 5. Jahrhundert. Ein moderner Heiliger? Garantiert nicht. Lassen wir ihn ruhen.  Aber leider bestätigt sich diese unsere Prognose der Augustinus Zitiererei durch den Papst  fast ständig: Den Kandidaten für Priesteramt („Seminaristen“) empfahl Leo XIV., sich an Sprüche Augustins  zu halten und vor allem den Zölibat hochzuschätzen. Mit etwas Anstrengung sei der Zölibat doch zu leben, sagte er den 20 -25 Jahre jungen Männern, darf man das theologisch und psychologisch naiv nennen? Natürlich. LINK:

Und auch die am 25. 6. versammelten Bischöfen ermahnte er, „Vorbild“ zu sein. LINK

Immer wieder wird Augustin zitiert von Papst Leo XIV.: Der Journalist und Vatikan – Spezialist der angesehenen katholischen Tageszeitung LA CROIX (Paris), Mikael Corre,  schreibt am 14.6.2025 zusammenfassend über die Form der Argumente von Papst Leo XIV.: Er hielt einen Vortrag für Priester, Mikale Corre berichtet.: Leo XIV. beendet sein Statement für die Priester, indem er den heiligen Augustinus zitiert, wie er es in fast allen seinen Ansprachen tut: Papst Leo zitierte also Augustin: „Liebt diese Kirche, bleibt in dieser Kirche, seid diese Kirche. Liebt den Guten Hirten, den sehr schönen Gatten (sic), der keine Person täuscht und nur will, dass keine Person untergeht…“ (Le 12 juin, Léon XIV terminait son adresse aux prêtres en citant saint Augustin (Sermons 138, 10), comme il le fait dans presque tous ses discours. « Aimez cette Église, restez dans cette Église, soyez cette Église. Aimez le bon Pasteur, l’Époux très beau, qui ne trompe personne et ne veut que personne ne périsse…“). LINK

Wie soll theologisch diese offenbar vom Papst geteilte Priesterspiritualität aus dem 4. Jahrhundert bewertet werden? In jedem Fall ist sie nicht auf der Höhe der Theologie von heute… Nach einer Abschaffung des sinnlosen Zölibatsgesetzes klingen seine Worte jedenfalls  nicht…Wir haben unsere Meinung schon früher mitgeteilt: Zu den „Progressivsten“ zählen die dem Denken des heiligen Augustin verpflichteten Theologen, also auch die Augustiner, bekanntermaßen nicht. Wegweisende moderne Theologen gehören eher anderen Orden an. Ob auch der Augustiner Papst Leo XIV. zu den eher behutsamen, durchaus das übliche Katholische unbedingt bewahrenden, auf Ausgleich und „Einheit“ bedachten Augustinern gehört, ist wahrscheinlich…

Nebenbei: Kann ein Papst dieser Kirche überhaupt progressiv sein? Erst dann, wenn er selbst das Papsttum abschafft. Das könnte zumal ein Papst, dessen Mitbruder im Augustinerorden Martin Luther ist! Aber von Martin Luther hat Leo XIV. bisher nicht einmal gesprochen…

Ein Vorwort zu unserem Hinweis, einer „Provokation“: 
Heute sollten sich Christen und TheologInnen mit der Theologie des Augustinus befassen, um die Grenzen und Begrenztheiten des Theologen Augustin zu erkennen und sich auch von den Verirrungen seiner Theologie zu befreien. Augustinus mag ja einige allgemeine humane Weisheiten etwa in seinen „Confessiones“ geschrieben und etwa über die Zeit treffend philosophiert haben: Aber einzelne populäre Weisheiten wie: „Unruhig ist unser Herz, bis ruht in dir o Gott“ (das heißt: „Ruhe gibt es auf Erden nicht, auch nicht durch die Philosophie, auch nicht durch den Glauben“) bestimmen nicht das Gesamtwerk.
Dabei sind wir uns der Allmacht der Theologie Augustins bis heute bewusst, etwa auch im offiziellen „Katechismus der Katholischen Kirche“ (Vatikanstadt 1993): Dort wird Augustinus in 88 Paragraphen zitiert, häufiger als Thomas von Aquin… Nebenbei: Aus dem 20.Jahrhundert wird niemand zitiert, aus dem 19. Jahrhundert nur der Pfarrer von Ars, der zwar heiliggesprochen wurde, aber theologisch völlig ungebildet war, betonen Historiker. Der Pfarrer von Ars, Johannes Vianney, wird im Katechismus zitiert: „Der Priester setzt auf Erden das Erlösungswerk fort“…, § 1589.

Zu Augustins Aussagen über „die Frauen“ siehe FUßNOTE 2.

 

Unsere Thesen:

1.
Augustinus und seine Theologie wird zweifellos im Mittelpunkt der theologischen Debatten und spirituellen Interessen der nächsten Monate und Jahre stehen: Auch eine „augustinische Bücherflut“ ist wahrscheinlich… Papst Leo XIV. ist Mitglied des Augustinerordens (OSA), er hat von Anfang an als Papst betont „Ich bin ein Sohn des heiligen Augustinus“, er spricht immer wieder in seinen Ansprachen von einigen allgemeinen Aspekten der Theologie Augustins. Und der Papst setzt sich sogar gelegentlich, im allgemeinen verbleibend, von ungewöhnlichen theologischen Aussagen Augustins ab (Fußnote 1).

2.
Es ist also Zeit, etwas näher das theologische Profil von Augustinus außerhalb von wohlwollenden Zitaten kritisch zu betrachten. Angesichts des nur riesig zu nennenden Umfangs der Schriften des Augustinus können hier selbstverständlich nur einige „Grundlinien“ seines Werkes kritisch erwähnt werden, eines Denkens, das durchaus Entwicklungen vorweist, und diese Entwicklung führt weg von großer Offenheit in jungen Jahren hin zur Strenge und Militanz im Alter als Bischof.

3.
Kurt Flasch, Philosophiehistoriker und Philosoph, Spezialist für mittelalterliches Denken, ist ein international geschätzter Kenner der Werke des Augustinus. Kurt Flaschs Studien sind deswegen wichtig, weil sie nicht kirchengebunden sind, die bekanntlich oft der „enormen Größe und Bedeutung des heiligen Augustinus“ erliegen und nur nebenbei die Grenzen seines Denkens freilegen.

4.
Kurt Flasch bietet in einigen Kapiteln seines Buch „Warum ich kein Christ bin“ aus dem Jahr 2013 ( C.H.Beck Verlag) zentrale Erkenntnisse zu wichtigen theologischen Aussagen Augustins: Die Seitenzahlen in den Zitaten hier beziehen sich auf dieses Buch. Auf die große Augustinus – Studie Kurt Flaschs „Augustin. Einführung in sein Denken“, 487 Seiten (Reclam Verlag, 1980) kommen wir später zurück, um die eher knappen Ausführungen Flaschs von 2013 zu bestätigen.

5. Zum Umgang mit der Bibel:
Augustin will in seinem Buch „De consensu evangelistorum“ („Über den Konsens der Evangelisten“) eine Harmonie der Aussagen der vier Evangelisten herausstellen. „Augustin sah die Autorität der Glaubenszeugen bedroht, wenn sie nicht mit EINER Zunge sprachen. Seine Argumentation illustriert als ihr Gegenteil die historisch – kritische Methode der Bibelauslegung.“ (S. 53). „An einer kulturell – historischen Einordnung des Bibeltextes hatte er kein Interesse.“ (Ebd.). „Augustinus konnte kein Hebräisch und kaum Griechisch verstehen“ (ebd.), er glaubte mit den Übersetzungen der Bibel ins Lateinische die Bibel kompetent auslegen zu können…

6.
Augustin war als neu-platonischer Philosoph an rationalen Begründungen des Glaubens interessiert. Aber als Begründungen, sich auf den Glauben einzulassen, waren ihm dann doch äußerliche Fakten wichtig: Etwa: Die Missionserfolge der Kirche wurden gerühmt, auch die Wunder Jesu seien ein Grund zu glauben; und die regelmäßige Abfolge der Bischöfe seit Petrus sei hoch zu respektieren. Und vor allem: „Allein seine, Augustins Kirche sei die katholische, denn selbst Häretiker nennen sie so“ (S. 64).

7.
Platon spielte in der geistigen Entwicklung Augustins eine entscheidende Rolle. Augustin lehrte: „Der Glaube an die zeitliche Offenbarung (in Jesus) ermögliche die rein geistige Einsicht. Diese bestehe in der platonisierenden Erkenntnis Gottes als dem einzig beständigen Glück der Seele“ (S. 92f.)
Wesentliches der Philosophie Platons stimme mit dem christlichen Glauben überein, meinte Augustin. Das können Christen aber erst erkennen, wenn sie von der Gnade Gottes angeleitet werden.
„Wenn die großen griechischen Philosophen noch lebten, würden sie Christen sein. Sie bräuchten an ihren Lehren nur wenige Worte zu ändern“, so fasst Kurt Flasch Augustins Überzeugung zusammen (S. 93).
Augustin übernahm also den „platonisch-universalen Theismus“ (S. 93). Platons Begriff von Gott als dem „höchsten Gut“ setzte sich dann in der Kirche durch, ebenso die platonische Überzeugung, „sinnliches Vergnügen sei der Bestimmung der Seele fürs Jenseits unterzuordnen. (S. 94). „Augustins Neu – Platonismus konzentrierte sich darauf, die Seele durch asketisches Leben zum jenseitigen Dauerglück beim rein geistigen Gott zu führen.“ (S. 94).

8.
Die radikale Lehre von der Gnade, die Gott gewährt, ist seit 396/397 für Augustin entscheidend: „Für ihn endeten nicht mehr nur alle Ungetauften im ewigen Höllenfeuer, sondern auch die Mehrheit der Christen“ (S. 87).

9.
Auf die verheerende Erbsündenlehre Augustins, haben wir schon oft hingewiesen. LINK. Mit seiner Erbsündenlehre hat Augustin das christliche Denken vergiftet und Sexualität letztlich als „Übertragungsweg“ der Erbsünde deklariert.
Kurt Flasch schreibt: „Augustinus machte aus dem Apfelbiss, den der Jesus der Evangelien nie erwähnt hatte, den Sündenfall der gesamten Menschheit und den Beginn der Teufelsherrschaft auf Erden“ (S. 196). „Augustin dachte die Erbsünde als die durch geschlechtliche Vermehrung übertragene Fortdauer der Ursünde im Paradies. Augustin ERFAND die Erbsünde, die in der Theologie vor ihm nur ein Erbschaden war, nun als wahre Schuld, als wirkliche Sünde, die auch den Neugeborenen anhafte…“ (S. 197).
Die Konsequenz: „Im Denken Augustins kommen selbst alle Getauften nicht mehr in den Himmel.“ (S. 197) Erlösung heißt dann: Der von den Sünden der Menschen erzürnte Gott (Vater) „kann allein besänftigt werden durch die Tötung seines eigenen Sohnes, des Gottesohnes, am Kreuz“ (S. 198.) Diese abstoßende Vorstellung von einem Gott, der seinen Sohn in den Tod schickt als Erlösung der Menschen wird heute noch theologisch gelehrt, hat sich aber heute de facto wohl erledigt: Gebildete Christen glauben das einfach nicht mehr…
Aber Augustinus sagt: „Wenn Gott wollte, würden alle gerettet. Aber Gott will es nicht seit Adams Sünde; er rettet aus der Masse der Sünder nur, wen er retten will. Also geht die überwiegende Mehrheit für immer verloren“ (S. 208). An dieser Stelle muss an das Fortleben dieser theologischen Ideologie etwa im Denken des Reformators Calvins erinnert werden…

10.
Kritische Hinweise zu einigen zentralen theologischen Aussagen Augustins bietet keineswegs nur Kurt Flasch. Man muss nur die ausführliche Biographie des Historikers Peter Brown (Oxford) „Augustinus von Hippo“ lesen (auf Deutsch erschienen 1982): Auch Peter Brown beschreibt den schwierigen Charakter Augustins, seine Strenge als Bischof im Kampf gegen die große Glaubensgemeinschaft der Donatisten, seinen leidenschaftlichen, polemischen Kampf gegen Andersdenkende insgesamt. Sein Kampf galt auch kompetentem gebildeten Bischöfen wie Julian von Eclanum: Er lehnte die Erbsündenlehre Augustins ab und wurde von ihm verfolgt… Die Erbsündenlehre Augustins, die Julian von Eclanum zurecht ablehnt, beschreibt Peter Browns: „Da der Geschlechtstrieb für Augustin eine permanente Strafe war, wurde er als permanente Neigung, als triebhafte Spannung dargestellt, der man widerstehen konnte, die jedoch in Tätigkeit blieb, selbst wenn sie unterdrückt wurde“ (S. 340). Und weiter: „Der Gott des Augustinus war ein Gott, der eine Kollektivstrafe für die Sünde eines Mannes (Adam) verhängt hatte“. Die Lehre des 1. Timotheus Briefes im Neuen Testament: „Gott will, dass ALLE Menschen gerettet werden“ (1 Tim. 2,4) bemühte sich „Augustin wegzuerklären… (S. 351), also beiseite zu lassen, zu ignorieren. Und angesichts der theologischen Lehren des „liberalen“, auf die Kraft der menschlichen Freiheit setzenden Theologen Pelagius wollte er seine katholische Gemeinde wie in eine Festung einsperren, um sie vor den Angriffen des Irrlehrers zu schützen.“(S. 352). Über Pelagius contra August hat Kurt Flasch in seiner Studie „Augustin. Einführung in sein Denken“ ausführlich geschrieben (S. 176 ff.): “Als der Bischof von Rom, Zosimus, den Theologen Pelagius rehabilitierte, intrigierte Augustin solange beim kaiserlichen Hof in Ravenna, bis der Kaiser intervenierte…“ Deswegen wurde Pelagius aus Rom verbannt…“ (S. 178) und seine Anhänger auf Betreiben Augustins verfolgt. Augustin gelang es mit Bestechungen die Pelagius – Freunde einzuschränken, „gegen die verbleibenden Anhänger des Pelagius mobilisierte Augustin die Staatsgewalt“ (S. 179).

11.
Man mag auch im Buch von Peter Brown einzelne Zitate und Sentenzen finden, die einen sympathischen Augustinus zeigen: Aber im ganzen war er als Bischof ein sehr polemischer Theologe in den aufgewühlten Zeiten des 4. und 5. Jahrhunderts. Und es mag ja sein, dass seine Weisungen, also seine „Regel“ zum Zusammenleben der Priester (die so genannte Ordensregel) nach wie vor allgemein gehaltene, durchaus noch inspirierende Vorschläge enthalten, aber was bleibt denn sonst noch?
Nebenbei: Dass Augustinus von seiner Herkunft her ein Afrikaner ist, wird meines Wissens oft übersehen oder vergessen. Vielleicht wäre dieser „afrikanische Augustinus“ nicht nur eine Herausforderung für die Augustinerorden (es gibt ja mehrere), etwa indem sie ihre Klöster in Europa für Flüchtlinge aus Afrika öffnen und – wie die Jesuiten – einen „Flüchtlingsdienst“ einrichten…

12.
Henri Marrou, ein „klassischer“ Augustinus- Kenner und durchaus Augustinus – Freund, schreibt über die enorme Bedeutung Augustins in den Kirchen im 17. Jahrhundert: „Er erfüllt das ganze Jahrhundert, alle zitieren, benutzen und kommentieren ihn… es wird schließlich eine Besessenheit daraus: Man wagt nicht mehr, Vorbehalt und Kritik zu äußern, der heilige Augustinus hat immer und überall recht.“ (in Rowohlts Monographie „Augustinus“ von Henri Marrou, 1984, S. 147).

13.
Hinweise von Kurt Flasch aus einem Buch „Augustin. Einführung in sein Denken“, Reclam, 1980:
Im 17. Kapitel seiner Studie spricht Flasch vom „Zwiespalt Augustins“ (S. 403 ff.). Augustin sieht „das Böse gerade bei den `guten` Taten (S. 404). „Er bestand darauf, das Höllenfeuer sei körperliches Feuer“ (S. 419). „Solche Sätze gaben dem Kirchenglauben der westlichen Christenheit eine Buchstäblichkeit und Enge, die ihn mit der (philosophischen) Aufklärung in Konflikt brachte (S. 419). Und auch dies: „Die Gewohnheiten der Gruppe (bestimmter Christen) sollte das Sprechen einzelner normieren. Vielleicht hat Augustin an keiner anderen Stelle seinen Bruch mit dem antiken Ideal freier Rede härter und folgenreicher ausgesprochen als an dieser Stelle“ ( S. 420). „Der Militärdienst wurde bei ihm unbedenklich. Augustin konnte christliches Leben und Militärdienst erbaulich in Parallele setzen“(S. 422).

14.
Papst Leo XIV. beschwört als Augustiner seit Beginn seiner Regierung ständig den Wert der EINHEIT unter den Gläubigen. Der Papst meint, Einheit sei DIE zentrale Forderung Augustins für die Kirche auch heute. Wer sich allerdings genauer anschaut, wie im einzelnen Augustin als Bischof für die Einheit unter den vielfältigen Christen in Nordafrika damals sorgte (von der großen kirchlichen Bewegung der Donatisten war schon die Rede) und seiner katholischen Kirche auch mit Druck und Zwang zum Sieg verhalf, der hat seine Zweifel an der Relevanz der augustinischen Einheits-Idee. Sie passt angesichts der Pluralität der Kulturen und Theologien nicht mehr in unsere Zeit.

15.
Die Idee einer theologischen Einheit unter den eineinhalb Milliarden Katholiken heute ist ohnehin sehr problematisch. Denn die Vielfalt der Glaubensüberzeugungen und moralischen Vorstellungen ist unter den 1,5 Milliarden Katholiken heute so unterschiedlich, dass von einer Einheit keine Rede sein kann, Einheit im Sinne von: “Wir Katholiken glauben alle das Gleiche und haben die gleichen theologischen Prinzipien etwa zur Rolle der Frauen oder der Homosexuellen in der Kirche“ . Und eine solche Einheit „Alle glauben das Gleiche und sprechen in gleichen Formeln vom Glauben“ ist nicht nur faktisch unmöglich, sondern auch theologisch nicht wünschenswert und angesichts der Vielfalt der Kulturen auch sinnlos.

16.
Über die Bedeutung der Einheitsvorstellung beim Augustiner Papst Leo XIV. wird in Zukunft noch viel debattiert und kritisiert werden, hoffentlich.

Fußnote 1:
Es ist aber beachtlich, dass der Augustinus – begeisterte Papst Leo XIV. schon am 18.Mai 2025 in seiner ersten großen, wichtigen Predigt zur Amtseinführung betonte: „Es geht niemals darum, andere durch Zwang, religiöse Propaganda oder Machtmittel zu vereinnahmen, sondern immer und ausschließlich darum, so zu lieben, wie Jesus es getan hat.“ Und der Augustiner Papst Leo XIV. machte diese Aussage noch deutlicher: „Wir sind gerufen, allen Menschen die Liebe Gottes zu bringen, damit jene Einheit Wirklichkeit wird, die die Unterschiede nicht aufhebt, sondern die persönliche Geschichte jedes Einzelnen und die soziale und religiöse Kultur jedes Volkes zur Geltung bringt.“ Das sind hoffentlich programmatische, man möchte beinahe sagen: anti – augustinische Worte. LINK https://www.vaticannews.va/de/papst/news/2025-05/wortlaut-predigt-von-leo-xiv-zur-amtseinfuhrung.html
Der Augustiner Papst Leo XIV. widerspricht der höchst problematischen Weisung des Bischofs Augustinus, man solle die unwilligen Menschen auch zwingen, den Glauben anzunehmen… Augustinus bezieht sich dabei auf das Gleichnis Jesu vom großen Gastmahl (Lukas14,23). Dieses Wort Jesu ist eine Einladung fremder Gäste zu einem Festmahl, es hat aber nichts mit zwanghafter Einfügung von Ketzern in die katholische Kirche zu tun, wie Augustinus dieses Jesuswort umdeutete. Augustinus versteht es als „Aufforderung zur Gewaltanwendung und er verwendet es neben anderen Argumenten als Beleg zur Billigung von Gewaltmaßnahmen gegen Häretiker. Das von Augustinus als dem erstem, doch nicht häufig verwendete Zitat hatte für die Ketzerbekämpfung in Mittelalter und Neuzeit verheerende Wirkung.“ LINK:

Fußnote 2:

Augustins Aussagen über Frauen:

„Ist Augustin auf eine gleichrangige Bewertung beider Geschlechter bedacht, so ändert sich das Bild bei der Frage nach dem Zweck der Erschaffung eines weiblichen Partners für Adam und den daraus folgenden spezifischen Aufgaben der Frau. Augustin: „Erschaffen wurde die Frau also für den Mann, aus dem Mann, mit ihrem Geschlecht, ihrer Formung und der Verschiedenheit ihrer Organe, die das Kennzeichen der Frau sind.“ Die Hilfsfunktion der Frau erfüllt sich ausschließlich in ihrer Rolle als Mutter. Die Frage nach möglichen Alternativen für die Rolle der Frau stellt Augustin sichtlich vor ein Rätsel: „Wenn die Frau nicht dem Manne zur Hilfeleistung, um Kinder hervorzubringen, gemacht worden ist, zu welcher Hilfe ist sie dann gemacht worden?“ Der Gedanke, Mann und Frau könnten durch freundschaftliche Beziehungen miteinander verbunden sein, erscheint Augustin als abwegig, schließlich birgt der Umgang mit Frauen stets die Gefahr der Erotisierung in sich, welche die Reinheit des freundschaftlichen Umgangs trüben könnte. Zudem implizierte der antike Freundschaftsgedanke die Freundschaft unter Gleichen, die allein die notwendige Einheit und Verbundenheit zu erbringen vermag.

Ihre anthropologische Bestimmung als Gehilfin des Mannes verpflichtet die Frau in der ehelichen Beziehung zu spezifischen Pflichten und Wesenszügen. Augustin entwirft das Sittenbild einer christlichen Ehefrau mit den wesentlichen Tugenden des Gehorsams und der Sittsamkeit im Rahmen ihrer Aufgabe als treusorgende Mutter der aus der Ehe entsprungenen Kinder.

Augustin beschränkt die Möglichkeiten weiblicher Selbstverwirklichung wie seine christlichen Zeitgenossen auf die Ehe, die Witwenschaft und die Jungfräulichkeit, wobei er stets die Superiorität der Jungfräulichkeit hervorhebt. Paradebeispiel für die Vollendung des „züchtig-frommen Frauentypus“ ist Maria, da sie sowohl das Ideal der Jungfräulichkeit als auch das der Ehefrau und Mutter in Reinform repräsentiert. An ihr wird auch die androzentrische Perspektive des frühchristlichen Frauenbildes deutlich, denn Maria erscheint nie als eigenständige Persönlichkeit, sondern stets nur in ihrer Beziehung zu einem männlichen Partner: Sie ist die jungfräuliche Mutter, die Braut Christi und die folgsame Gattin Josefs, und ihre Aufgaben beschränken sich auf ihre dienende mütterliche Funktion.

Sexuelle Enthaltsamkeit ist für Augustin aber nur dann von moralischer Bedeutung, wenn sie in dem höheren sittlichen Zweck der exklusiven Bindung an Gott und der Abwendung von allem Weltlichen gründet. Selbst eine mehrfach verheiratete christliche Frau ist für Augustin besser als eine jungfräuliche Häretikerin, da die spirituelle Virginität auch ohne die des Körpers realisierbar ist und umgekehrt.

Allerdings gibt der Autor Kiesel zu bedenken, dass Augustins Frauenbild auf dem Boden einer asketisch geprägten eschatologischen Naherwartung entstanden ist und demzufolge alle irdischen Beziehungen unter dem Aspekt der Vorläufigkeit und Zweitrangigkeit zu betrachten sind.“

Quelle: https://www.information-philosophie.de/augustinus-frauenbild.html.

SIEHE AUCH UNSEREN BEITRAG „AUGUSTIN EIN RIGIDER THEOLOGE der spätantiken Welt. veröffentlicht am 26.5.2025: LINK 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.