Zuerst die Menschlichkeit. Danach kommt die Religion

Zuerst die Menschlichkeit: An zweiter Stelle stehen die Religionen

Von Christian Modehn

Eine zentrale Überzeugung unseres „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin“ wurde mehrfach diskutiert, zuletzt im Salon am 27. Februar 2015: Angesichts der Welle von Hass und Gewalt, im Namen von Religionen, heute wie damals, können wir als Prinzip unseres Denkens und natürlich auch Handelns nur betonen und versichern: „Zuerst kommt die Pflege der Menschlichkeit, an zweiter Stelle die Pflege der Religionen“, also auch meiner Religion und der Religion der anderen.

Mit anderen Worten: Die Religion und das Bekenntnis zu einem konkreten Glauben sollen niemals das Zentrum des Lebens sein, auch nicht des öffentlichen Lebens. Die Trennung der Religionen vom Staat ist ein Gewinn, der niemals aufgegeben werden darf. Die ursprüngliche Laizität in Frankreich ist da maßgeblich.

Die Pflege der Humanität, die sich als solche äußert noch vor aller religiösen Bindung und Indoktrination, ist der Mittelpunkt, das Zentrum des Menschen, jedes Menschen.

Natürlich gibt es unterschiedliche Kulturen. Aber in allen Menschen aller Kulturen gibt es aufgrund der allen gemeinsamen Vernunft eine Überzeugung von dem alle Menschen verbindlichen Ethos, das sich natürlich in verschiedenen Sprachen ausspricht, aber doch eine gemeinsame Grundlage hat. Sie äußert sich praktisch im Alltag, etwa im Nein zu Mord und tötender Gewalt, zu Folter, Frauenverachtung und Verfolgung von Homosexuellen, zu Rassismus usw. In diesem in der Lebenspraxis ausgesprochenen NEIN zeigt sich direkt oder indirekt die Überzeugung: Der praktische Respekt vor den Menschenrechten verbindet alle Menschen. Es gibt eine humane Basis einer allgemeinen, allen Menschen gemeinsamen Menschlichkeit. Es gibt immer wieder bei den Menschen das starke Gefühl und die Überzeugung: Hier handle ich als Mensch, und nicht als Angehöriger meiner Religion mit ihren Grundsätzen. Dies steht an erster Stelle, im Leben in der Gesellschaft, in der Bildung usw.

Darauf hat jetzt auch der in Paris lebende Theaterregisseur und Essayist Benjamin Korn in seinem Beitrag im „Tagesspiegel“ (10. März 2015, Seite 19) hingewiesen. Er erinnerte an den Angestellten Lassan Bathily, ein Muslim aus Mali, der „nur“ menschlich handelte: Er schützte am 7. Januar 2015, schnell entschlossen, im Keller des jüdischen Supermarktes „Hypermarché Cacher“ in Paris mehrere jüdische Kunden vor dem (islamischen) Massen-Mörder, der ebenfalls aus Mali stammt. Als Muslim konnte Lassan Bathily im jüdischen Supermarktes seine Gebete nach Mekka gewandt selbstverständlich immer sprechen. Benjamin Korn schreibt: „Der junge Retter Lassan Bathily führte für seine Tat nicht den Islam ins Feld. Gefragt, woher er den Mut und die Geistesgegenwart genommen habe, in dem von ihm vorher abgeschalteten Kühlraum zu verstecken, sagte er: Er habe nicht lange nachgedacht, er habe auf sein Herz gehört. Und fügte ein paar Sätze hinzu, die man an den Sternenhimmel schreiben könnte: Ich bin kein Held. Ich keine Juden gerettet. Ich habe nur Menschen gerettet“.

Eine wunderbare Formulierung.

Zuerst also die Menschlichkeit! Zuerst das auf das eigene Herz, das Gewissen hören und ihm folgen. Das steht im Mittelpunkt aller Beziehungen in einer multireligiösen Gesellschaft. Fragen wir nicht zu erst, welcher Religion gehörst du an! Fragen wir: Wie können wir gemeinsam unsere Menschlichkeit entwickeln und miteinander pflegen. Erst danach kann man auch über unterschiedliche religiöse Weisungen sprechen. Aber sie dürfen nicht der gemeinsamen Menschlichkeit konträr sein. Wenn sie das sind, sollte man sie beiseite lassen und sich Wichtigerem, eben dem Menschlichen, zuwenden.

In unserer Gesellschaft gibt es leider wenige Orte, die diese Menschlichkeit des Menschen, aller Menschen, ausdrücklich in der Öffentlichkeit pflegen. Es fehlen die Agoras, die Treffpunkte der Bürger, wo jeder und jede kostenfrei debattieren kann. Die modernen Demokratien haben offenbar von sich kein Interesse, solche Agoras zu fördern und zu finanzieren.

Die Schulen sind da gefordert: Aber wahrscheinlich sind sie viel zu sehr aufs Erlernen technischer Fähigkeiten aus. Eher könnten es die Religionen und Kirchen selbst sein. Indem sie erkennen: Der wahre Gottesdienst ist zuerst Menschendienst, im Sinne der Entwicklung der Humanität. Aber welcher Pfarrer, welche Gemeinde, hätte schon den Mut, an einem Sonntag auch einen ganz neu gestalteten „Menschendienst“ anstelle der Messe zu feiern? Welcher Imam würde am Freitag auch mal einen „Menschendienst“ gestalten, als offenes Gespräch der Gemeinde zur Frage: Warum sind wir Muslime zuerst Menschen wie alle anderen und erst an zweiter Stelle selbstkritische Muslime?

Copyright: Christian Modehn

Was ist das Wesen des Islams? Neue Aspekte einer Diskussion

Was ist das Wesen des Islam? Neue Aspekte einer Diskussion

Von Christian Modehn

Ende Dezember 2014 haben wir eingeladen, über das „Wesen des Islam“ nachzudenken. Weiter unten steht der Text, der damals publiziert wurde.

Anfang März 2015 haben wir eher behutsam-optimistische Hinweise veröffentlicht zur Rolle der Vernunft im heutigen Islam, wenigstens in Deutschland, siehe die Stellungnahmen von Abdel-Hakim Ourghi weiter unten.

Am 8.3. 2015 noch einmal erweitert: Ein Hinweis auf den absoluten Nihilismus auch kultureller Art bei denen, die sich Islamischer Staat (IS) nennen (aber mit einem authentischen Islam nichts zu haben) und ihr Imperium offenbar immer mehr erweitern: Nun hat der IS wichtigste kulturelle Schätze in Mossul und Nimrud zerstört, in einem religiös gefärbten Wahn, in einer nihilistischen Tat, die alle Zeugnisse kulturellen Leben VOR dem Auftreten des Islam nicht sichtbar gepflegt lassen und erhalten will. Heidnisches, Fremdes, für IS Mörder schwer Verständliches darf nicht existieren! Dabei spielen sicher auch ökonomische Interessen des IS eine Rolle, durch Verkauf wertvoller Objekte in den Westen…

Wenn nun der IS diese Regionen durch Zerstörung „säubert“, will er Raum schaffen für die in IS Sicht „pure“ islamische Welt, wie sie in Medina im Umfeld des Propheten existierte. Darum weist die nihilistische Zerstörungswut in Mossul und Nimrud auf noch viel Tieferes hin: Die IS Gebiete sollen auch von allen Zeichen, aller Lebendigkeit jüdischer und christlicher Kulturen, befreit werden. Befreiung stets verstanden als Zerstörung der Kultur und als Mord und Totschlag. Es spielt dabei auch der Hass der monotheistischen IS Muslime eine Rolle, der Hass auf die beiden anderen monotheistischen Religionen, auf Judentum und Christentum, also auf die Bibel in der Form des AT und NT. Bekanntlich hätte es keinen Koran geben können, ohne die Bibel, ohne die beiden Religionen Judentum und Christentum. Indem der IS diese Wurzeln des eigenen Glaubens vernichtet, zerstört er letzlich auch sich selbst. Es ist der Wahn, der da beim IS durchschlägt, als gäbe es eine Steigerung des monotheistischen Glaubens, von den angeblich primitiven frühen Formen des Judentums und Christentums hin zum späteren, evolutionär sozusagen höher stehenden Islam. Nur diese letzte, angeblich beste Stufe zählt. Diese These wird ja nicht nur vom IS vetreten! Sie ist vielerorts zu hören. Wer zur angeblich einfachen Gesellschaft des Propheten in Medina zurückkehrt, wehrt sich gegen Toleranz und Vernunft. Bekanntlich loben ja gebildete Muslime die Kultur des Propheten in Mekka, und die dort geschriebenen eher toleranten Texte gegenüber den eher heftigen Passagen des Koran, wie sie dann, für Medina gültig, aufgeschrieben worden. Insofern ist der IS auch eine Engführung des frühen Islam selbst und eine Art Halbierung des Propheten.

…………….

Jetzt, Anfang März 2015, wird die Debatte darüber in Deutschland weiter vertieft, mit neuen, präzisen Erkenntnissen des muslimischen Islam-Wissenschaftlers Abdel-Hakim Ourghi, Prof. an der Pädagogischen Hochschule in Freiburg.

Die Frage nach dem „Wesen einer Religion“ mag etwas großspurig erscheinen. Aber sie ist notwendig, weil sie ein Profil sucht, das über die faktischen Religionen, so wie sie heute leben, hinausweist. Der Wesens-Begriff ist nie ganz realisiert, er ist insofern ein kritischer Begriff. Das gilt auch für das Christentum, denn kein ernstzunehmender Beobachter des Christentums wird meinen, die evangelikalen MegaChurches in den USA seien Inbegriff des Christentums oder bestimmte Kreise des traditionalistischen Katholizismus typisch katholisch. Wer nach dem Wesen einer Religion fragt, sucht sozusagen die bessere, die humanere und spirituell-reine Gestalt des jeweiligen Glaubens in der religiösen Institution. Er sucht vor allem eine Gestalt, die vor dem bleibenden und gültigen Anspruch der Vernunft, wie sie sich heute artikuliert, bestehen kann.

Wichtig ist das Interview, das der islamische Theologe und Religionspädagoge Abdel-Hakim Ourghi (Freiburg) der Zeitschrift HERDER KORRESPONDENZ gegeben hat (Heft 3/2ß15 S. 124 ff.) Wir können nur einige zentrale Aussagen zitieren und die Lektüre des ganzen Interviews dringend empfehlen.

– „Der Islam hat mit dem islamischen Terrorismus zu tun. Auch die Extremisten sind Muslime. Sie beten in Moscheen, erkennen den Koran und die Tradition des Propheten als kanonische Schriften an. Sie begründen ihre Taten mit dem Koran…“ (S. 124)

– Die Extremisten beziehen sich auf einzelne Suren aus der Zeit Mohammeds in Medina, „es findet eine Rückkopppelung der Extremisten an diese medinensische Phase statt“ (S. 125).

– „Wir müssen auch die unangenehmen Aspekte in den kanonischen Quellen kritisieren, um das Klima für eine angemessene Interpretation des Islam zu schaffen“. (ebd.)

– „Muhammed ist 632 gestorben, schon in der ersten gemeinde des Propheten kam es innerhalb der Gemeinschaft zu Gewalttaten“ (S. 126).

Am wichtigsten ist in unserer Sicht:

– „Es geht darum, den Koran ALS TEXT zu verstehen“… “ Die Muslime müssen sich der Tatsache stellen, dass der Islam des 7. Jahrhunderts nicht mehr unser Islam ist – und auch nicht sein kann“ (ebd.)

– „Es besteht die Freiheit, heute unangemssene Koranstellen zu kritisieren“. (S. 127)

– „Notwendig ist ein rationaler Verstehenszugang zum Koran“ (S. 128)

– „Es ist an der Zeit einzugestehen, dass der Islam nicht die einzige Religion ist“ (ebd.). PS: Will Abdel-Hakim Ourghi eigentlich sagen, nicht die einzig WAHRE Religion ist“ (C. M.)

– „Mich stört es nicht, wenn es solche Karikaruren wie in Charlie Hebdo gibt. Im Gegenteil: Ich brauche keine Angst um meinen Propheten zu haben. Es muss ganz normal sein, dass man den Propheten kritisieren darf“ (S. 128)

Das Interview ist ein Beispiel dafür, dass unter gebildeten Muslimen ein Islam gedacht und damit praktisch wohl auch vorbereitet wird, der zu den Grundlagen einer vernünftigen Kultur nicht mehr im totalen, feindlichen Widerspruch steht. Eine Anerkennung der Menschenrechte als der obersten Norm und als der kritischen Instanz auch in religiösen Fragen würden wir uns noch deutlich von Abdel-Halim Ourghi wünschen. Aber seine Überzeugung weist in diese Richtung: Wenn er etwa ablehnt, dass islamische Geistliche in Deutschland vom türkischen Religionsministerium bestellt werden. Dahinter steht der Wunsch, einer konsequenten Trennung der (islamischen) Religion von jeglichem staatlichen Einfluss.

Die ganze Debatte, die wir hier für wichtig halten, steht im Dienst der Religionskritik, die ja durchaus nach dem vernünftigen Potential der Religionen, auch des Islam, fragt. Es ist keine Frage: Ein sich reformierender Islam gehört selbstverständlich auch zu Deutschland, weil die Muslime hier leben, die sich auf diesen religiösen Weg begeben haben.

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Dieser Text wurde Ende Dezember 2014 publiziert:

Seit etlichen Jahren werden wir von Islam-Wissenschaftlern und Vertretern islamischer Organisationen in den demokratischen Ländern des Westens belehrt mit vielerlei Erläuterungen, die alle den einen Grundtenor hatten und haben: „Eigentlich ist der Islam eine menschenfreundliche Religion. Vielleicht sind da und dort in einigen Formulierungen etwas scharf, aber sonst ist „der“ Islam doch sehr normal“.

Das trifft für viele Angehörige dieser Religion ja auch wohl zu. Wobei, philosophisch gesehen, kein Mensch in das Herz, also in die wahren inneren Überzeugungen eines anderen, völlig hineinschauen kann. Das gilt selbstverständlich auch für Christen, Juden oder Atheisten und alle anderen Menschen. Ob jemand friedlich IST, zeigt sich an seinem friedlichen und toleranten Leben, nicht in netten Worten allein.

Natürlich weiß allmählich jeder, dass es keine religiöse Zentralstelle, etwa einen Papst, der Sunniten oder der Schiiten gibt. Dennoch wären sehr deutliche Zeichenhandlungen von muslimischen Mitbürgern in allen Teilen Europas usw. möglich. Etwa: Sehr viele Moscheen veranstalten am Freitag kein Mittags-Gebet, sondern halten zur selben Zeit große Demonstrationen der Frommen in der Öffentlichkeit. Sozusagen ein pazifistischer Streik der Moscheen und ihrer Gottesdienste. Die Prediger könnten ausruhen und noch mehr nachdenken. Diese Demonstrationen können deutlich machen: Wir „normalen Muslime“ haben mit den IS Verbrechern nichts zu tun und wir halten diese Mörder auch nicht für Muslime. Wir verbannen sie, sind aber bereit, Menschen aufzunehmen und zu bilden, wenn sie sich von der Henker-Existenz abwenden. ANTI – IS Erklärungen gab es ja da und dort aus muslimischen Kreisen. Aber was bewirken Worte in diesen bestialischen Zusammenhängen?

Der Sufismus wurde und wird oft als der spirituelle Mittelpunkt eines mystischen, so innig religiösen und deswegen so friedlichen Islams hingestellt. Das wird so sein. Seitdem Zentren des friedlichen und mystischen Sufismus durch Terrormilizen des IS zerstört werden, seitdem bestialische Mordattacken und das Vernichten von wertvollsten Kulturgütern durch islamistische IS Terroristen üblich sind, gibt es immer mehr Fragen, die einfach ernst genommen werden sollen: Offenbar verstehen die Terroristen, dass die Sufis eine menschenfreundliche Religion darstellen, also sollen sie ausgeläscht werden. Und vor allem: Erneut die Frage: Was ist denn nun wirklich wesentlich im Islam? Vielleicht sind die Sufis gar die einzigen wahren Muslime? So, wie die katholischen Mystiker, die sanften und friedlichen, die einzigen wahren Christen waren in Zeiten der blutigen Expansion des Christentums in Afrika und Amerika?

Also: Was ist wesentlich am Islam? Diese Frage scheint in dieser Dringlichkeit neu zu sein und sie sollte mit aller Sorgfalt diskutiert werden. Denn einige radikale („deutsche“, „französische“, „niederländische“ usw.) Kreise in Europa warten förmlich darauf, aus eigenen (innen-) politischen Interessen das Bild der Fremden, auch der „fremden Muslims“ in Europa, so schlecht wie möglich hinzustellen. Damit man wieder ein „abendländisches“, also ein nur europäisches Europa in völliger Abschottung erleben kann…Diese reaktionären Kreise benutzen „den“ Islam nur für ihre eigene rigide Haltung. Sie nennen sich Abendländer, haben aber nicht verstanden, dass Abendland zuerst Dialog, Lernbereitschaft und Freundlichkeit bedeutete.

Trotzdem bleibt die Frage:

Viele Beobachter haben seit dem Auftreten der Terrormiliz IS (Islamischer Staat) die fundierte Überzeugung: Der Islam steckt in einer tiefen Legitimationskrise, niemand auch unter den etwas gebildeteren Frommen weiß noch, was nun wesentlich zum Islam gehört, weiß noch, ob denn nun der Koran wesentlich human, wesentlich menschlich für ALLE Menschen ist oder nicht. Ob der Humanismus, also der Respekt vor JEDEM Menschen, Kern des Korans ist oder nicht und ob der Humanismus absolut vor jeder religiösen Lehre steht oder nicht? Dass diese Fragen nach der völligen Vorrangigkeit des Humanismus vor allem religiösen Dogmatismus selbstverständlich mit der gleichen Intensität auch dem Katholizismus, der russischen Orthodoxie, dem (ultra)orthodoxen Judentum oder Kreisen der fundamentalistischen „evangelischen“ Pfingstler gestellt werden müssen, ist völlig klar und sollte geschehen. Nur: In diesem kleinen Hinweis hier geht es nun einmal um den Islam!

„Der Islam, so wie er sich heute als Religion organisiert, kann seine Kernbotschaft nicht mehr kohärent formulieren, vermitteln und begründen. Gilt das Tötungsverbot oder gilt es nicht? Warum machen sich Selbstmordattentäter heutzutage wie eine Pest breit“? Diese und andere weit reichende Fragen stellt der in Kairo lebende Journalist Martin Gehlen in „Der Tagesspiegel“ vom 21. Dezember 2014, Seite 4f. Einige andere Spezialisten gehen noch weiter, wie der Palästinenser Ajhmad Mansour, Mitglied der Islamkonferenz in Deutschland. Er sagte – so zitiert M. Gehlen- in einem SPIEGEL Beitrag: „Die Islamisten haben im Prinzip nichts Neues erfunden. Sie haben die Inhalte des gängigen Islamverständnisses überspitzt und radikalisiert. Ihre Haltung zum Umgang mit Ungläubigen usw. unterscheidet sich vom gängigen Islamverständnis nur graduell, nicht prinzipiell. D.h. diese radikalen Strömungen seien, so wörtlich „in Ähnlichkeit“ zum normalen Islam.

Es sind verstörende, unbequeme Einsichten, die jetzt, beim Erstarken der Terrormiliz IS, über das „Wesen des Islams“ öffentlich gemacht werden, eben von renommierten Islamwissenschaftlern und „Mitgliedern“ der islamischen Gemeinschaft selbst, wie dem Wiener Muslim und Islamwissenschaftler Ednan Askan (geboren in der Türkei). Er hat in „Die Zeit“ vom 17. Dezember 2014 Seite 58 ein hoch aktuelles Interview gegeben. Er sagt im Blick auf die islamischen Gewalttäter, die sich auf den Koran berufen: „Eigentlich müssten wir uns von den religiösen Inhalten distanzieren, auf die gewaltbereite Muslime sich berufen. Wenn wir ehrlich wären, würden wir zugeben, dass wir im Islam seit Jahrhunderten solche (gewalttätigen) Inhalte lehren“. Mit anderen Worten: Prof. Aslan plädiert dafür, bestimmte religiöse Inhalte der Tradition, dann wohl auch aus dem Koran, als nicht mehr relevant, wenn nicht gefährlich beiseite zu legen und künftig als ungültig, weil inhuman, zu betrachten. Ähnliches gilt etwa auch für den verhängnisvollen antihumanen Spruch aus dem Alten Testament, der immer wieder zitiert und im Umgang mit Feinden in Israel und Palästina angewendet wird: „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ aus dem Buch Exodus, 21,23–25. Eine Religion, die sich menschenfreundlich nennt und nach außen hin auch sein will, also faktisch Humanismus höher wertet als religiöse Gebote aus uralter Zeit, sollte heute sofort diesen Satz aus dem heiligen Buch streichen und verbannen. Das ist unsere Meinung im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon. Warum müssen alte Religionen vielen alten ideologischen „Schrott“, den man nur nach zweijährigem Studium versteht, mit sich herumschleppen? Wer wagt es denn, in den religiösen Traditionen von wegzuschaffendem Schrott zu sprechen? Wie eingeschüchtert sind eigentlich Theologen? Ist es einzig die unabhängige Philosophie, die klare Worte findet, die viele denken, aber nicht aussprechen können?

Aber, welche Religion hat so viel Mut, sich von den eigenen bösen Traditionen zu trennen und zu sagen: Diese inhumanen Sprüche gehören nicht mehr zu unserem menschenfreundlichen Glauben.

Um noch einmal auf das Interview von Evelyn Finger mit Prof. Ednan Aslan zurückzukommen: „Wir muslimischen Theologen müssen endlich den Mut haben zu sagen, das bestimmte (fundamentalistische) Interpretationen des Islams falsch sind. Inakzeptabel, Das tun wir aber nicht“.

Frage: Warum?

Antwort von Prof. Aslan, Wien: „Weil wir seit dem 17. Jahrhundert keine lebendige Theologie mehr haben, sondern eine Theologie des Krieges, die geistig rückständiger ist als die des 9. Jahrhunderts“..

Aslan fordert weiter, die Auffassungen der alten, immer noch gültigen islamischen Rechtsschulen als überholt zu bewerten …und „sie durch ein aufgeklärtes Islamverständnis zu ersetzen“.

Bis jetzt aber gebe es keine wirksame Theologie gegen die zunehmende Radikalisierung. „Es gibt keine starke Gegentheologie. Die Theologie der Gewalt ist derzeit die (islamische) Religion. Damit muss Schluss sein“.

Die Aufgabe ist gewaltig: Es gilt, die humanistischen Kräfte im Islam, die liberalen Gruppen und die vernünftigen Islam-Wissenschaftler zu stärken und zu schützen. Vor 400 Jahren noch waren viele christliche Theologen Anhänger der Hexenverbrennung und der Vernichtung von Ketzern. Eine halbwegs humane christliche Theologie ist erst entstanden, als sich der Humanismus und der Geist der Menschenrechte durchsetzte, also mit Hilfe säkularer Gruppen fand die christliche Theologie zurück auf die Wege des Friedens.

Die Stärkung der demokratischen Grüppchen einer Zivilgesellschaft in der arabischen Welt wäre wohl in dem Zusammenhang das oberste Gebot.  Damit aus Grüppchen einst mächtige Volksbewegungen werden. Eine Utopie?

Copyright: Religionsphilosophischer Salon

Der Islam gehört nicht zu Deutschland ??? Wenn das logische Denken versagt

Wenn das logische Denken bei einem CDU Poliitker versagt

Von Christian Modehn, veröffentlicht am 26.1.2015.

In leicht veränderten Form liegt der Beitrag auch auf der website der Zeitschrift PUBLIK FORUM vor, die wir erneut empfehlen! Zur Lektüre dieses Kommentars und anderer aktueller Beiträge klicken Sie bitte hier.

Später hat der CSU „Spitzen“-Politiker Horst Seehofer ebenfalls behauptet: Der Islam gehört nicht zu Deutschland. Sehr früh also wurden von CDU/CSU Politikern eine Abneigung gegen „den“ Islam  propagiert. Die Früchte dieser pauschalen Verachtung „des“ Islam sieht man heute an dn Wahlerfolgen der AFD… (notierz von Christian Modehn am 29.9.2025).

 

„Der Katholizismus gehört nicht zu Deutschland. Allerdings sind Katholiken willkommen und können ihre Religion ausüben“. „Auch der Atheismus gehört nicht zu Deutschland. Allerdings können Atheisten hier ihre Überzeugung ausüben“. Den logischen Unsinn dieser beiden Sätze erkennt jeder noch halbwegs denkende Mensch sofort. Den Katholizismus gibt es nur, weil und wenn es Katholiken gibt. Den Atheismus nur, weil und wenn es Atheisten gibt. „Der Katholizismus“ wie „der Atheismus“ sind allgemeine, rein gedankliche Begriffs-Konstrukte, die als solche und identisch-greifbar gar nicht vorkommen. Es gibt immer nur Menschen, die ihre jeweilige Überzeugung leben und öffentlich zeigen.

Selbst wenn in einer phänomenologischen Betrachtung Religionen analysiert werden, etwa in der Untersuchung ihrer grundlegenden Texte, sind es immer Menschen in unterschiedlichen Situationen und unterschiedlichen Zeiten (und Kenntnissen), die dann ein angebliches „Wesen“ ihrer phänomenologisch betrachteten Religion beschreiben. Eine konkrete Religion gibt es also nicht „an sich“, sondern immer nur in Verbundenheit mit Menschen, die diese Religion untersuchen und/oder dieser Religion als Gläubige folgen. Islam ohne Muslime gibt es also genauso wenig wie Muslime ohne Islam! Man kann nicht Muslime schätzen und „den“ Islam (naiv als eine Einheit verstanden) verachten.

Nun outet sich der sächsische Ministerpräsident Stanislaw Tillich am Sonntag, den 25. Januar 2015 in einem Interview mit der „Welt am Sonntag“ als treuer Gefolgsmann der nur selten dem logischen Denken verpflichteten Pegida – Bewegung: Der Ministerpräsident sagt: „Muslime sind in Deutschland willkommen und können ihre Religion ausüben. Das bedeutet aber nicht, dass der Islam zu Sachsen gehört“. Falls sich Sachsen nicht wieder als eigenständiges Königreich mit einem König Stanislaw dem Starken etablieren will, gehört Sachsen nach wie vor zum Rechtssystem der Bundesrepublik Deutschland. Dann kann der jedem logischen Denken ferne Satz des Herrn Tillich tatsächlich nur übersetzt werden: „Das bedeutet, dass der Islam nicht zu Gesamt-Deutschland gehört“.

Aber was heißt das eigentlich? Was will Tillich unternehmen, dass „der Islam“ nicht (länger) zu Deutschland gehört? De facto ist der Islam in Deutschland und (zahlenmäßig ganz schwach) in Sachsen vorhanden, in Moscheen, Bildungsinstituten und kleinen oder größeren Gebetsstuben, in Koranausgaben und Treffpunkten, wie Teestuben und Buchhandlungen. Vor allem ist der Islam präsent in den Muslimen. Sollen diese Institutionen also verschwinden, „weil sie nicht zu Deutschland/Sachsen gehören“? Das ist unmöglich, weil ein großer Teil der Muslime diese Institutionen gebaut haben und gebrauchen. Muslime in Deutschland haben zudem in großer Anzahl auch die deutsche Staatsbürgerschaft. Darf man Deutschen ihre eigenen Institutionen nehmen? Bis jetzt ist das unmöglich.

Der Pegida-Satz des Herrn Tillich übersieht zudem, dass es „den Islam“ auch in Deutschland als einen festen einheitlichen Block nicht gibt. Es gibt Theorien und Theologien eines liberalen Islams, eines mystischen Islams, eines konservativen Islams, und, auch das, quantitativ eher schwach vertreten, eines fundamentalistischen Islams. Und es gibt die vielen Türken hier, denen die Bindung an „den Islam“ ziemlich gleichgültig ist, so wie es Hundertausende von Katholiken und Protestanten gibt, denen ihre Kirchenbindung nur am Heiligabend wichtig ist.

Aber diese sehr verschiedenen Ausprägungen des Islams gibt es nur, weil es Menschen gibt, die sie formulieren und zu Papier bringen. Logisch gesehen heißt das: Wer großspurig „den“ Islam hier nicht will, der will auch nicht diejenigen hier, die sich auf vielfache Weise an den Islam binden. Wer sagt, der Islam gehört nicht zu Deutschland/Sachsen, der will, ohne es schon direkt zu sagen, dafür sorgen, dass die Muslime hier verschwinden. Denn, siehe oben, „den Islam“ gibt es nur, weil es Islam-Gläubige gibt. Und er will eine noch rigidere und unmenschliche Asylpolitik, weil etliche Hilfe-Suchende aus islamischen Ländern stammen. Er will das angeblich brave (Pegida) Volk aufhetzen, wenn sich irgendwo „der Islam“ zeigt, etwa im Bau von Moscheen. Hingegen ist wohl Tillich dafür, dass Handelsbeziehungen zu den islamischen Staaten blühen, denn die bringen ja Arbeitsplätze auch in Sachsen.

Was Ministerpräsident Stanislaw Tillich betreibt, ist also eine versteckte Form des Rassismus: Muslime raus, könnte er im Klartext reden, doch dazu fehlt ihm wohl noch der Mut. In diesen Tagen denken wir an die Befreiung des KZ Auschwitz vor 70 Jahren: Dabei denken wir daran, dass schon einmal in Deutschland propagiert wurde: Das Judentum passt nicht zu Deutschland, zum Abendland usw. Daraus wurde dann unverhohlen seit 1933 die tötende Botschaft: Die Juden als Juden passen nicht zu Deutschland. Dann wurden sie vertrieben und vergast.

Wie lange ist ein Ministerpräsident tragbar, der sich jedem logischen und damit humanen Denken verschließt? Der unlogische Propagandasprüche verbreitet? Sind ihm die Pegida Leute parteipolitisch wichtiger als Logik und Menschlichkeit? Wenn es Charlie Hebdo Zeichner in Deutschland gebe, würden sie wohl zeichnen: Eine Demonstration in Dresden, auf der alle die Schilder tragen mit der Botschaft: „Der Vorname Stanislaw passt nicht zu Sachen“.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

Als Background:

Quelle: http://www.welt.de/politik/deutschland/article136740584/Der-Islam-gehoert-nicht-zu-Sachsen.html

Welt am Sonntag: Die größte Sorge der Pegida-Bewegung ist die vermeintliche Islamisierung der Gesellschaft. Frau Merkel sagt nun in diesen Tagen ganz offensiv: Der Islam gehört zu Deutschland. Gehört der Islam auch zu Sachsen?

Tillich: Ich teile diese Auffassung nicht. Muslime sind in Deutschland willkommen und können ihre Religion ausüben. Das bedeutet aber nicht, dass der Islam zu Sachsen gehört.

 

 

Konsumismus als Religion. Ein Kommentar nicht nur zum 9.November

Konsumismus als Religion: Die neuen Götter in Berlin

Ein Kommentar nicht nur zum 9. November

Von Christian Modehn

Ein Motto zu Beginn: „Jetzt kommen die Investoren, denen ist Berlin völlig egal. Weil sie die Stadt als große Spielwiese der Spekulationen sehen. Da gibt es kein Halten mehr. Wir benötigen Gesetze, die alle diese Investoren ein bißchen im Zaum halten. Man kann denen doch nicht die Stadt überlassen. Wem gehört die Stadt, das ist die Frage“. Katja Lange-Müller, Schiftstellerin, in Der Tagesspiegel, 9. November 2014, Seite 23.

An der zentralen Schnittstelle zwischen dem einstigen Ost- und West-Berlin, am Leipziger Platz, gibt es seit Ende September 2014, wie ein Stadtmagazin schreibt, „die schöne, neue Shopping-Welt: Die Mall of Berlin“. An der früheren Wall of Berlin mit ihrem Todesstreifen nun also die „innovativste“ und „superlativträchtige“, wie es heißt, Mall of Berlin. Sie umfasst 270 Geschäfte auf 76.000 Quadratmetern Verkaufsfläche, es gibt Büros und sogar Wohnungen, natürlich in der üblichen Luxusausstattung, auch ein Parkhaus und ein Motel. Die Kosten: 1 Milliarde Euro, so „TIP“ Berlin.

An Einkaufsscenters ist in Berlin seit dem Fall der Mauer wahrlich kein Mangel: Die „Potsdamer Platz Arkaden“ sind unmittelbar Nachbarn, in der Nähe das „Alexa Shopping Center“ mit bloß 57.000 Quadratmetern Verkaufsfläche; weiter entfernt das „Bikini Berlin“ oder die „Gropiuspassagen“ mit 85.000 Quadtratmetern Verkaufsfläche oder der „Boulevard Berlin“ in Steglitz mit bloß 76.000 Quadratmetern für Geschäfte und Boutiquen.

Dies ist nur eine kleine Auswahl an Centers, „Arcaden“ und Kaufhäusern, die über die ganze Stadt Berlin verteilt in bester Lage und niemals zu übersehen mit ihrer dominanten Architektur eine einzige und einfache „gute Botschaft“ verbreiten: „Ihr Menschen seid in erster Linie Käufer, ihr seid wesentlich Konsumenten. Ihr braucht z.B. ständig Neues, das euch von den so genannten Modeschöpfern als der weltweite Stil des Jahres aufgedrängt und von der Werbung eingeredet wird. Fragt nicht, warum die Preise eurer Klamotten so billig sind, fragt nicht nach den Produzenten, kauft und schmeißt diesen Krempel spätestens im nächsten Mode-Jahr bitte wieder weg. Aber bleibt eurer Marke, eurer Firma, treu, sie gibt euch das Gefühl, wertvoll zu sein, einen Status zu haben. Steigt also niemals aus dem endlosen Prozess des Kaufens aus, verlasst nicht diesen Kreislauf, der euer Leben bestimmt“.

Hier wäre ein Ansatz für ein Kapitel kritischer Philosophie zum Thema „25 Jahre nach dem Mauerfall“. Eine solche Philosophie wurde noch nicht geschrieben. Anregungen gäbe es bei Pier Paolo Pasolini und seiner Konsumismuskitik, vielleicht wird sie anlässlich von seinem 40. Todestag 2015 (2. Nov.) umfassend gewürdigt.

Also: Was wurde wirklich neu gebaut im vereinten Berlin? Was fällt in die Augen, wer durch die Straßen flaniert? Kirchen, Orte der Stille, der Ruhe, der Kontemplation, wurden nicht neu errichtet, eher wurden sie verkauft wie die St. Agnes Kirche. Auch erkennbare Neubauprojekte, Tempel anderer Religionen, etwa des Buddhismus, sind nirgendwo in Sicht. Ein so genanntes Interreligiöses Zentrum (die evangelische „Petrikirche“ in Mitte) soll gebaut werden, mit sehr mäßiger muslimischer und sehr mäßiger jüdischer Beteiligung, Buddhisten sind nicht dabei, Katholiken oder Orthodoxe auch nicht, Freikirchen auch nicht. Humanisten und Atheisten (da gibt es doch auch Glaubenshaltungen!) sind nicht mit von der Partie. Das soll inter-religiös sein? Da und dort wurde in Berlin eine Moschee errichtet. Ein neues Theater wurde nicht gebaut, kleinere Kinos wurden abgerissen (wie die Kurbel), neue Kino-Komplexe gebaut. Haben diese etwa Charme? An eine Agora, als einem geräumige Platz/Ort für den Disput der Bürger, denkt offenbar niemand. Lediglich die Zahl der Galerien ist gestiegen, geht es dabei aber zuerst auch um Kommerz oder um Kunst?

Die Stadt Berlin ist – wie alle anderen Städte der reichen Welt – nach dem Mauerfall zur „Stadt des Konsums, zur Stadt der malls und Shoppinglandschaften“ geworden. „Ich shoppe, also bin ich“, heißt das Credo. Mindestens 400.000 Berliner können an dieser wunderschönen Konsumwelt nicht teilhaben, sie sind Hartz IV Empfänger und oft ziemlich arm, sie leben von Suppenküchen und nicht von den Menus in den Restaurants der Malls.

Die Konsum-Tempel sind langweilig, öde. Sie strapazieren die Seele. So waren sie wohl schon immer. Vielleicht hat man in den „goldenen Zwanzigern“ die großen Kaufhäuser von Tietz und Co. noch mit glänzenden Augen verlassen, staunend und entzückt vom unendlichen Angebot an Käuflichem. Der Charme des Neuen kann jetzt gar nicht entstehen, man glaubt dort, keine wirklichen Überraschungen mehr zu erleben, die Phantasie ist ausgelöscht bei all den Neubauten, deren Architektur man schon tausendmal gesehen hat.

Wer als Flaneur in Berlin durch die neuen shoppings malls geht, findet immer dieselben Namen multi-nationaler Ketten, kein einziges individuelles Geschäft mehr. Die kleinen Händler haben keine Chance, da machen sie den Charme einer Stadt aus: Der Verlust des Individuellen, typisches Kennzeichen der heutigen Gesellschaft, wird hier mit Händen zu greifen. In den Malls sucht man etwa kleine, private Buchhandlungen vergeblich, mit einem Buchhändler, den man kennt, mit dem an plaudert usw… Es gibt dort keinen privaten Stil, nichts „Kleines“, nichts Experimentelles.

Und so ist man hilflos in der Erkenntnis, dass es der kapitalistischen Wirtschaft in den letzten Jahrzehnten gelungen ist, uns einzureden: Der Mensch ist wesentlich der Käufer, er gilt als der Bedürftige, der ständig Neues braucht, der ständig stolz auch Neues wegwirft, der also der Gierige ist. Es wird das Bild eines Menschen propagiert, der förmlich wie ein hungriges Baby ewig schreit „Haben, haben, haben“. Die dermaßen vom System total reduzierte Person stolziert also gelangweilt, eigentlich alles schon habend, nichts wirklich brauchend, durch diese malls. Und fühlt sich inmitten der Käufer allein.

Es gibt keine Institutionen mehr, die diesen trostlosen Charakter unseres fremdbestimmten Daseins auch nur ansatzweise kritisieren. Noch denkt man bei dem Thema in unseren Breiten an die Kirchen, aber die sind selbst viel zu sehr mit ihren Kirchensteuer und sonstigen Milliarden Einnahmen befasst, sie verwalten sich selbst und schweigen als Komplizen des Systems zu dieser Verblendung. Die evangelischen Kirchen kritisieren gelegentlich das System, aber ihre Stimme wird kaum gehört, ist paradoxerweise trotz/wegen ihres Reichtums zu schwach. Nur zu Weihnachten sind die Kirchen voll. Aber da ist prophetische Kritik unerwünscht, weil störend. Es könnten ja anschließend die Gottesdienstbesucher aus der Kirche austreten…

Was hat das alles mit dem 9. November zu tun, dem Durchbruch durch die Mauer, dem Abreißen der Betonwände, von betonierten Köpfe errichtet? Man wird traurig über den offenbar totalen Sieg des Konsumismus auch in dieser Stadt, die sich rühmt, irgendwann einmal, in der fernen Vergangenheit von 1989, die Freiheit als der Güter Höchstes proklamiert zu haben. „Wir sind das Volk“ von 1989 meinte „Wir sind ein freies Volk“, nicht aber “Wir wollen unbedingt ein Volk der Konsumenten werden“.

Tatsächlich siegte die Herrschaft des Geldes, auch in Berlin. Profit, nicht Freiheit und Gerechtigkeit, wurde zum obersten aller Götter erklärt, dem sich jeglicher Wunsch nach Individualität bitte schön unterzuordnen hat. Alles, was menschlich, human, notwendig wäre, was also die viel besprochene Lebens-Qualität fördern könnte, aber eben doch dem Staat Geld kostet, wird unterlassen: Orte freien Gesprächs, Orte, wo man kostenfrei sitzen, lesen, dösen, diskutieren kann ohne für Geld konsumieren zu müssen. Orte also, wo man sich mit vielen Touristen zwanglos treffen kann, um in ein freundliches Gespräch über dieses vielfältige Europa einzutreten. Wer hat denn auch im entferntesten daran gedacht, in einer Stadt mit ca. 4 Millionen ausländischen Touristen Orte der freien, „kostenlosen“ Begegnung zu schaffen? Oder auch Orte, wo nicht ganz Arme mit wirklich Armen das Brot teilen, Orte, wo man probieren kann, ob und wie jeder Mensch wirklich ein Künstler ist (Beuys), Orte, in den der Disput über die Zukunft der Stadt gepflegt wird: All das gibt es nicht, all das will man nicht vonseiten einer technokratischen Regierung.

Eigentlich wäre da, wie gesagt, auch eine Aufgabe der Kirchen, aber die sind fixiert auf Dogmen und Geld. Und tun diakonisch viel Gutes, sie tun das, was eigentlich ein Staat, der sich Sozialstaat nennt, leisten müsste. Kirchen sind doch mehr als diakonische Unternehmen, die einspringen, wenn der angeblich soziale Staat versagt.

So müssen die Bürger sich abfinden, die Rolle des konsumierenden Geldausgebers spielen zu dürfen, wenn sie die Öffentlichkeit, und dies ist wesentlich Konsum-Öffentlichkeit, betreten, in der bei allem Reden und Gerede und bei allem florierenden „Kulturbetrieb“ (Adorno) das Gespräch, der Dialog, das freie Miteinander, irgendwie schon ausgestorben zu sein scheint.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

Eine rassistische Flüchtlingspolitik überwinden. Zum Welttag der Flüchtlinge

 

Eine rassistische Flüchtingspolitik der deutschen Bundesregierung überwinden.

Der „Religionsphilosophische Salon Berlin“ versteht Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie immer auch als Kritik bestehender Religionen, Weltanschauungen und ideologisch/politischer Überzeugungen. Das sich angstvolle Einkapseln Europas in eine Welt der Reichen gegen eine Welt der Armen und Entrechteten hat durchaus Charakteristika einer Glaubensoption, einer Ideologie, eines Götzen, zu dem es angeblich keine Alternative geben soll, wie die hieisigen herrschenden PolitikerInnen gern behaupten.

Heute, am Welttag der Flüchtlinge, weisen wir darauf hin, wie die Bundesregierung, zu der  zwei sich christlich nennende Parteien gehören  sowie eine Partei, die das Wort sozial im Titel führt,  eher rassistisch anmutende Positionen vertritt.

Wir publizieren gern eine Stellungnahme der international hoch angesehenen Organisation „Jesuiten – Flüchtlingsdienst“ (JRS).

Am Montag, den 23. Juni 2014, wird im Bundestag mit Fachleuten die Absicht diskutiert, Serbien, Mazedonien und Bosnien-Herzegowina zu sicheren Herkunftsländern zu erklären. Etwa 20.000 Asylsuchende kamen 2013 aus diesen Ländern. „Müssen wir dafür Grundrechte beschneiden?“, kristiert der Direktor des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes, Pater Frido Pflüger SJ. In Verbindung mit einem weiteren Gesetzesvorhaben erhalten diese Pläne zusätzliche Brisanz zu Lasten von Schutzsuchenden.

Asylanträge aus „sicheren Herkunftsländern“ können als „offensichtlich unbegründet“ noch schneller abgelehnt werden. Für Asylsuchende wird es dadurch schwieriger, ihren Schutzanspruch zu beweisen. Von der scharfen Kritik zahlreicher Menschenrechts- und Flüchtlingsorganisationen zeigt sich die Regierungskoalition bisher unbeirrt.  „Das deutsche Asylrecht beruht auf der Erfahrung: Menschen, die in ihrer Heimat rassistischer Verfolgung ausgesetzt sind, brauchen internationalen Schutz“, so Pater Pflüger SJ. „Obwohl alle genau wissen, dass viele Roma schwerer rassistischer Diskriminierung ausgesetzt sind, werden sie bei uns als ‚Armutsflüchtlinge‘ verleumdet. Mich beunruhigt es, wenn die Anerkennungsquote von Asylanträgen aus diesen Ländern gegen Null geht, während sich die Berichte über Gewalttaten und lebensgefährliche Ausgrenzung dort häufen.“

Zusätzliche Brisanz erhält das am Montag diskutierte Vorhaben durch einen zweiten Entwurf, der dem Jesuiten-Flüchtlingsdienst und anderen Verbänden zur Stellungnahme vorliegt. Wessen Asylantrag als „offensichtlich unbegründet“ abgelehnt wird – was für „sichere Herkunftsländer“ automatisch der Fall wäre –, soll per Gesetz als Sozialbetrüger gelten und mit einem Aufenthalts- und Wiedereinreiseverbot belegt werden. Das dürfte nicht nur schwerwiegende Folgen für die direkt Betroffenen haben. „Damit würden gängige feindselige Vorurteile gegenüber Asylsuchenden und Roma per Gesetz verfestigt. Auch unter diesem Aspekt sind die Pläne verantwortungslos“, urteilt Pater Pflüger SJ.

Schon jetzt stellt Serbien Roma unter Strafe, die im Ausland Asyl suchen. Wenn die Bundesregierung ihre Pläne verwirklicht, würden Serbien und Deutschland das Menschenrecht in die Zange nehmen, das eigene Land zu verlassen, um Schutz vor Verfolgung zu suchen. „Ich hoffe, dass die Abgeordneten der Regierungskoalition diese beiden unseligen Vorhaben letztlich ablehnen“, so Pater Pflüger.

Zur Vertiefung: JRS-Stellungnahme vom 14.4.2014 zum Gesetzesvorhaben: http://tinyurl.com/l38qzfn Gemeinsamer Appell für die Rechte von Roma-Flüchtlingen vom 30.4.14: http://tinyurl.com/n3nap9l

Zwei wichtige Hinweise:

Der Jesuit Refugee Service (Jesuiten-Flüchtlingsdienst, JRS) wurde 1980 angesichts der Not vietnamesischer Boat People gegründet und ist heute als internationale Hilfsorganisation in mehr als 50 Ländern tätig. In Deutschland setzt sich der Jesuiten-Flüchtlingsdienst für Abschiebungsgefangene ein, für geduldete Flüchtlinge und für Menschen ohne Aufenthaltsstatus („Papierlose“). Schwerpunkte seiner Tätigkeit sind Seelsorge, Rechtshilfe und politische Fürsprache.

Der Jesuiten-Flüchtlingsdienst Jesuit Refugee Service Der Jesuiten-Flüchtlingsdienst Deutschland ist ein Werk der Deutschen Provinz der Jesuiten K.d.ö.R. Dr. Dorothee Haßkamp Öffentlichkeitsarbeit Witzlebenstr. 30a, D-14057 Berlin Spendenkonto: 6000 401 020 Pax-Bank Berlin BLZ 370 601 93 Telefon (030) 3260-2590 Telefax (030) 3260-2592 E-Mail dorothee.hasskamp@jesuiten-fluechtlingsdienst.de Internet www.jesuiten-fluechtlingsdienst.de

Christian Modehn für den Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin

Manifest für ein Europa der Bürger. Ein Gastbeitrag von Solange Wydmusch

Wir freuen uns, in unserem Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin, einmal mehr einen „Gastbeitrag“ veröffentlichen zu können. Die Französin, aber in erster Linie Europäerin Solange Wydmusch, Soziologin und Mitglied der Evangelischen Kirchenleitung Berlin-Brandenburg-Oberlausitz (EKBO),  hat anläßlich der Europawahlen 2014 und vor allem angesichts der Ergebnisse in Frankreich (mit dem erschreckenden Gewinn des rechtsextremen Front National) einen Text, ein Manifest, für ein humanes Europa pubiziert, auf Deutsch, Französisch und Englisch. Es ist ein persönliches Bekenntnis zu Europa!

Wir empfehlen das „Manifest“ zur Lektüre.

MANIFEST FÜR EIN EUROPA DER BÜRGER: EIN EUROPA DER ZUKUNFT UND NICHT DER ABSCHOTTUNG

Von Solange Wymusch, Berlin

Angesichts des Aufstiegs von Europagegnern, Europaskeptikern und Rechtsextremen beteuere ich mutig meinen Glauben an die Zukunft Europas, erfüllt von der Hoffnung, dass Gottes Reich im Werden ist.

Ich weigere mich, die demokratische Tragödie der Europawahl vom 25. Mai 2014, die Europa ins Herz getroffen hat, zu akzeptieren.

Ich weigere mich zu glauben, dass die europäischen Bürger es zulassen werden, dass der Rückzug auf eine abschottende Identität und auf falsch verstandene nationale Interessen Boden gewinnt. Ich glaube stattdessen, dass die Bürger, die dem gemeinsamen europäischen Projekt in aller Meinungsverschiedenheit verbunden sind, zusammen Widerstand leisten und dieses Projekt weiterverfolgen werden.

Ich weigere mich zu glauben, dass die Ablehnung und Missachtung der Politiker eine zunehmende Zahl von Nichtwählern hervorruft, die dadurch den Erfolg der extremen herbeiführen und dass unser Kontinent vom kalten Wind der Rückwärtsgewandtheit erfasst wird.

Ich weigere mich zu glauben, dass ein Europa, das durch einen Mangel an Transparenz, durch Unverständnis, durch Ablehnung einer bestimmten Technokratie und der politischen Parteien gekennzeichnet ist, seine Bürger geradezu unfähig macht, ihr großartiges Projekt weiter zu verfolgen: ein Projekt des Friedens, der sozialen Gerechtigkeit, der Solidarität unter den Ländern, der Freizügigkeit von Personen und Ideen, kurz für einen friedlichen, europäischen Kontinent, in dem es sich gut leben lässt.

Die Verwirrung vieler Bürger ist verständlich angesichts eines undurchschaubaren Zusammenwachsens Europas, verschiedenster Ausgrenzung, der Herausbildung eines Europas der verschiedenen Geschwindigkeiten sowie der Angst vor falschen Vorstellungen über die Europäische Union.

Ich glaube dennoch, dass Transparenz und die ständige Betonung der europäischen Errungenschaften dazu verhelfen werden, das Feuer dieses Projektes, welches von visionären Politikern entzündet wurde, erneut zu entfachen. Und dass – nur vereint – die Europäer die Herausforderungen meistern werden, die alle mit gleicher Schärfe spüren.

Unser Glaube hilft uns, die Hände nicht in den Schoß zu legen, sondern die Bedrückten aufzurichten und dazu beizutragen, dass Gottes Reich in unserer Welt sichtbar wird.

Ja, ich möchte bekräftigen, dass aus unserem christlichen Glauben Vorhaben entspringen und keine Verwerfung.

Ja, die Liebe, die Gott uns bezeugt, und die Gewissheit vom Sieg des Lebens über den Tod sowie das Beispiel Christi, der die Vernachlässigten in den Mittelpunkt des Evangeliums stellt, verändern unseren Blick auf unsere Nächsten. Der Ostermorgen verwandelt unser Leben: Wie die Frauen, die von Enttäuschung bedrückt waren, sind auch wir dazu berufen aufzuerstehen, uns aufzurichten und unseren Weg wieder aufzunehmen.

Gottes Geist macht nicht alle Menschen gleich. Im Gegenteil: an Pfingsten offenbart er die Verschiedenartigkeit. Da schuf Gott die Kirche; eine Gemeinschaft, in der jeder in seiner Sprache spricht und in der die Vielfalt siegt.

Protestanten, Katholiken, Anglikaner, Orthodoxe, Christen Europas: Lasst den Kopf nicht hängen! Wagen wir es, uns in die europäische Debatte einzumischen! Lasst uns wagen, die Politiker und die Beamten direkt anzugehen! Lasst uns die europäische Bürgerschaft, welche die nationalen Grenzen überwindet, voll und ganz leben und lasst uns laut und deutlich für die Würde jedes Menschen eintreten! Lasst uns ein Wort des Willkommens, nicht der Abschottung verbreiten und jeden Angriff auf die Menschenwürde zurückweisen!

Lasst uns auf diesem Kontinent gemeinsam beten für dieses besondere Friedensprojekt, für die Aufnahme von Fremden und für die Achtung der Menschenwürde!

 

Berlin, 28. Mai 2014

 

Solange Wydmusch
, Protestantin, europäische Bürgerin

(Übersetzung aus dem Französischen)

 

 

En Francais:

Manifeste pour une Europe citoyenne : une Europe de projet et non de rejet

Aujourd’hui, dans une Europe marquée par la montée des europhobes, des eurosceptiques et de l’extrême droite et dans l’espérance du royaume de Dieu en devenir, j’affirme avec audace ma foi en l’avenir de l’Europe.

Je refuse d’accepter la tragédie démocratique des élections européennes du 25 mai 2014 qui a blessé l’Europe au cœur.

Je refuse de croire que les citoyens européens accepteront que les replis identitaires et des intérêts nationaux mal compris gagnent du terrain et je crois au contraire que, unis par le projet dans la diversité de leurs opinions, ils résisteront ensemble et poursuivront leur projet.

Je refuse de croire que le rejet et le mépris de la classe politique formeront de plus en plus d’abstentionnistes qui cautionneront le vote des extrêmes en ne se déplaçant pas et qu’un vent de régression soufflera sur notre continent.

Je refuse de croire qu’une Europe marquée par un manque de transparence, par des incompréhensions, par le rejet d’une certaine technocratie et des partis politiques, rende les citoyens européens incapables de poursuivre leur formidable projet : un projet de paix, de justice sociale, de solidarité entre les nations, de libre circulation des personnes et des idées pour un continent européen pacifié qui nous offre un extraordinaire espace de vie.

Le désarroi des citoyens devant une construction européenne illisible, devant une société à exclusions multiples et la crainte fondée de voir émerger sur le continent une société à plusieurs vitesses, ainsi que la peur suscitée par des idées fausses sur l’Union européenne, sont compréhensibles.

Je crois cependant que la transparence et la mise en avant des acquis européens aideront à raviver la flamme de ce formidable projet initié par des hommes politiques visionnaires. Et qu’unis, les Européens parviendront à relever les défis qu’ils ressentent tous avec la même acuité.

Notre foi nous aide à ne pas baisser les bras, à remettre debout les accablés, à contribuer à la visibilité du royaume de Dieu dans notre monde.

Oui, je veux réaffirmer que notre foi chrétienne est source de projet et non pas de rejet.

Oui, l’amour que Dieu nous témoigne, la certitude de la victoire de la vie sur la mort, l’exemple du Christ mettant les laissés pour compte au cœur de l’Évangile, changent notre regard sur nos prochains. Le matin de Pâques transforme notre vie : comme les femmes accablées par un discours négatif, nous sommes appelés à ressusciter, à nous relever, à reprendre la route.

L’Esprit de Dieu ne nivelle pas les humains, au contraire il manifeste à Pentecôte la diversité. Dieu crée alors l’Église, une communauté où chacun s’exprime dans sa langue, où la diversité triomphe.

Protestants, catholiques, anglicans, orthodoxes, chrétiens européens : ne baissons pas les bras, osons nous engager dans le débat européen, osons interpeller les politiques et les grands fonctionnaires, vivons pleinement notre citoyenneté européenne qui transcende les frontières et affirmons haut et fort la dignité de tout humain, propageons une parole d’accueil et non pas de rejet, dénonçons toute atteinte à la dignité de l’Homme.

Prions ensemble sur tout le continent pour ce formidable projet de paix, d’accueil de l’étranger et de respect de la dignité humaine.

Solange Wydmusch
Protestante, citoyenne européenne.

Berlin, 28 Mai 2014

 

In English:

Manifesto for a Citizens’Europe: a Project Europe not a Europe of Rejection

Today, in a Europe marked by the rise of europhobes, eurosceptics, and the extreme right, and in anticipation of the coming Kingdom of God, I boldly affirm my faith in the future of Europe.

I refuse to accept the democratic tragedy of the European elections of 25 May 2014, which have pierced the heart of Europe.

I refuse to believe that the citizens of Europe will accept that isolationism and misunderstood national interests are gaining ground; on the contrary, I believe that, united in the diversity of their opinions, they will together resist and pursue their European project.

I refuse to believe that rejection and disdain of the political class will produce more and more abstainers who lend support to the extreme vote by not going to the urns, and that a wind of regression will sweep across our continent.

I refuse to believe that a Europe marked by a lack of transparency, by incomprehension, by the rejection of a certain technocracy and the political parties will make European citizens incapable of pursuing their immense project: a project of peace, of social justice, of solidarity among nations, of freedom of movement for people and ideas for a European continent at peace that offers us an extraordinary place to live.

The consternation of citizens is understandable in the face of an illegible European construction, of a society of multiple exclusion, and of well-founded fears of seeing a multi-speed society emerge on the continent, and of fears provoked by mistaken ideas about the European Union.

I nevertheless understand that transparency and focusing attention on what has been achieved in Europe will help revive the fires of this tremendous project initiated by visionary politicians. And that, united, Europeans will succeed in taking up the challenges they all feel with the same urgency.

Our faith helps us not to give up, helps us to put those in distress back on their feet, to contribute to the visibility of the Kingdom of God in our world.

Yes, I wish to affirm that our Christian faith is a source of project and not of rejection.

Yes, the love that God gives us, the certitude that life will be victorious over death, the example of Christ who put those left behind at the heart of the Gospel changes how we see our neighbours. The morning of Easter transforms our lives: like the women distressed by a negative discourse, we are called upon to resuscitate, to rally, to set out once again.

The Spirit of God does not make all human beings the same; on the contrary, at Whitsun it manifests diversity. God thus created the Church, a community where all express themselves in their own languages, where diversity triumphs.

Protestants, Catholics, Anglicans, Orthodox, European Christians: do not give up the struggle; let us engage in the European debate; let us question the politicians and the high officials; let us live to the full our European citizenship, which transcends borders; and let us affirm with a loud and strong voice the dignity of all human beings; let us proclaim a message of welcome and not of rejection; let us denounce all violation of the dignity of humanity.

Let us pray together throughout the continent for this immense project of peace, of welcome for others, and for the respect of human dignity.

Solange Wydmusch 
Protestant, European Citizen.

Berlin, 28 May 2014

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Weder sozial noch demokratisch noch christlich. Der Koalitionsvertrag und die Flüchtlinge

Weder sozial noch demokratisch noch christlich
Der Koalitionsvertrag und die Flüchtlinge

Der „Religionsphilosophische Salon Berlin“ liebt die Philosophien, vor allem die Basis, das Philosophieren eines jeden. Aber Philosophieren ist nicht nur eine grundsätzliche, manchmal abstrakte Denkhaltung. Sie ist immer gebunden an das Eintreten für die Menschenrechte. Darum veröffentlichen wir gern eine Stellungnahme des Jesuiten–Flüchtlingsdienstes vom 27. 11. 2013 über die Ausgrenzung von Flüchtlingen im Koalitionsvertrag von Union und SPD. Die so genannte Demokratie zeigt dort ihr wahres Wesen, wie sie mit den Schwächsten umgeht. Und zu den Schwächsten hier bei uns zählen die Flüchtlinge.
Christian Modehn

Der Jesuitenflüchtlingsdienst Berlin schreibt am 27. 11. 2013:

Ein skeptisches Fazit zu den flüchtlingspolitischen
Vereinbarungen der möglichen Großen Koalition hat Pater Frido Pflüger SJ,
Direktor des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes Deutschland, gezogen. „Dieser
Koalitionsvertrag ist ein Dokument des Misstrauens gegenüber
Flüchtlingen“, sagte Pflüger heute in Berlin. Er enthalte nebeneinander
positive Bekenntnisse zur nötigen Willkommenskultur und Drohungen von
Ausweisung und Abschottung.

Pflüger begrüßte, dass sich Union und SPD grundsätzlich auf eine
stichtagsunabhängige Bleiberechtsregelung für Menschen geeinigt haben, die
lange Zeit von den Ausländerbehörden nur geduldet wurden. „Das betrifft
bis zu 86.000 Menschen, oft Familien, deren Kinder schon in Deutschland
geboren sind. Ihnen müssen wir eine Lebensperspektive bieten“, sagte
Pflüger, der als Mitglied der Berliner Härtefallkommission täglich mit den
humanitären Defiziten der bisherigen Regelung konfrontiert ist. Auch die
geplanten Erleichterungen beim Zugang zum Arbeitsmarkt und die Lockerungen
der sogenannten „Residenzpflicht“, die es Geduldeten und Asylsuchenden
verbietet, ihre Stadt oder ihren Landkreis zu verlassen, begrüßte Pflüger.

Zum Flüchtlingsschutz in Europa beschwöre der Entwurf zwar die Solidarität
der EU-Staaten untereinander und die Einhaltung menschenrechtlicher
Standards. „Aber im Mittelmeer ertrinken Flüchtlinge, in Syrien sind wir
mit der größten humanitären Katastrophe der letzten Jahrzehnte
konfrontiert. Deutschland müsste jetzt konkrete Initiativen ergreifen,
damit sichere und legale Fluchtwege nach Europa geöffnet und die
Zuständigkeitsregeln für Asylverfahren innerhalb der EU vernünftig
reformiert werden. Statt dessen beschränkt sich der Vertrag auf
Allgemeinplätze.“

Der Jesuit lobte die Absicht von Union und SPD, das so genannte
Resettlement auszubauen, also mehr Flüchtlinge direkt aus Krisenregionen
aufzunehmen. „Hier kann Deutschland noch deutlich mehr anbieten“, so
Pflüger.

Zur Absicht der Koalitionäre, Asylverfahren für Flüchtlinge aus
Balkanstaaten wie Serbien und Mazedonien abzukürzen, sagte Pflüger: „Das
ist armselig. Aus diesen Ländern fliehen Angehörige der Roma-Minderheit
vor erwiesener und schwerster Diskriminierung, Rassismus und Elend. Aber
statt uns damit auseinanderzusetzen, schieben wir sie so schnell wie
möglich wieder dorthin ab.“ Stärker als der Flüchtlingsschutz werden
letztlich die Ausweisung und Abschiebung akzentuiert. Das erfülle ihn mit
Sorge, so Pflüger.

Der Jesuit Refugee Service (Jesuiten-Flüchtlingsdienst, JRS) wurde 1980
angesichts der Not vietnamesischer Boat People gegründet und ist heute als
internationale Hilfsorganisation in mehr als 50 Ländern tätig. In
Deutschland setzt sich der Jesuiten-Flüchtlingsdienst für
Abschiebungsgefangene ein, für geduldete Flüchtlinge und für Menschen ohne
Aufenthaltsstatus („Papierlose“). Schwerpunkte seiner Tätigkeit sind
Seelsorge, Rechtshilfe und politische Fürsprache.

Kontakte:
Jesuiten-Flüchtlingsdienst Deutschland
Jesuit Refugee Service (JRS). Dr. Dorothee Haßkamp (Pressearbeit)
Witzlebenstr. 30a
D-14057 Berlin
Tel.: +49-30-32 60 25 90
dorothee.hasskamp@jesuiten-fluechtlingsdienst.de
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