„Mit freiem Willen das Böse getan und Hitler unterstützt“: Carl Eduard, der Herzog von Coburg (gest.1954)

Ein Hinweis auf eine historische Studie: Ein „hoch“- adliger Überzeugungstäter

Von Christian Modehn

Vor kurzem erschien eine wichtige wissenschaftliche Studie des Historikers Professor Hubertus Büschel (jetzt Uni Groningen NL) über den leidenschaftlichen Nazi, SA Mann und Hitlerfreund Herzog Carl Eduard von Coburg. Dieses Buch widmet sich dieser Person aus dem Hochadel, von der eine breitere Öffentlichkeit, außerhalb Coburgs, wohl eher geringe Kenntnisse hat. Und man wundert sich, dass noch nicht ein großer Spielfilm über diesen herzoglichen NAZI gedreht wurde! Kommt vielleicht noch, die historischen Orte sind ja alle bestens erhalten. Denn Coburg wurde fast nicht bombardiert. Weil dort ein Nachkomme des englischen Königshauses saß?

Angesichts dieser Fragen: Um so erfreulicher die Studie von Hubertus Büschel über Carl Eduard, den Enkel von Queen Victoria: Geboren wurde er in England 1884 und schon 1905 Regent von Coburg.

Im Rahmen unserer philosophischen Interessen ist dieses Buch wichtig, weil es konkret den Blick richtet auf die faktische Entwicklung von Unmoral und: Wie ein Mensch aus egozentrischen Gründen zum Täter in einem mörderischen Regime wird.

Das Buch von Hubertus Büschel endet mit einem philosophischen Hinweis: „Beim Handeln im Nationalsozialismus gab es immer auch einen freien Willen…“ (S. 239). Diese Erkenntnis wird auf Carl Eduard bezogen, den Herzog von Coburg, der alles getan hat, so wörtlich, „eine Politik (Hitlers) zu kaschieren, die sich ganz unverhohlen aggressiver Expansion, Rassismus und Antisemitismus verschrieb – und letztlich zum Tod von Millionen Menschen führte“ (ebd). Carl Eduard, der Herzog aus englischem Königshaus, tat dies alles freiwillig. Er folgte nicht seinem Gewissen und wurde zum Täter im Nazi-System. „Jedenfalls nutze er seine Bekanntschaft mit Hitler, Himmler und Heydrich nie, um… Juden vor der Deportation zu retten…Wann immer jemand sich auf der Suche nach Hilfe an den Herzog von Coburg selbst wandte, schritt dieser den üblichen Dienstweg ein und denunzierte die Betreffenden beim Gestapo-Chef Heydrich“ (S. 231). So weigerte er sich auch, die Witwe des bekannten Malers Liebermann, Martha Liebermann, zu retten….

Mit „kaschieren“ meint Hubertus Büschel die Tätigkeit des Nazi-Herzogs in seiner Funktion als Chef des Deutschen Roten Kreuzes: Auf seinen zwei Weltreisen als NAZI-DRK Chef hat er führende Politiker in den USA belogen und das Nazi Regime als human dargestellt, was diese Politiker dann lange Zeit glaubten und ihre Politik offenbar nach diesen Lügen ausrichteten.

Wer heute Coburg besucht mit seiner entsprechenden „Veste“ und den Schlössern dieses Herren, findet eigentlich unglaublich wenige kritische Erinnerungen an diesen Verbrecher, denn das sind ja wohl „Täter“ in der Nazi-Herrschaft.

Carl Eduard hat sich schon 1922 voller Sympathie Hitler zugewandt, er wurde SA Obergruppenführer und war seit 1933 Mitglied der NSDAP. Als Chef des Nazi-gesteuerten „Deutschen Roten Kreuzes“ tat er, wie gesagt, alles, um Hitler als seriösen Politiker erscheinen zu lassen.

Coburg war schon vor 1933 ultra-braun, mit entsprechenden Schikanen gegen Juden und Sozialdemokraten. Dass die Juden aus Coburg vertrieben und vernichtet wurden, ist sicher auch Carl Eduards Mit-Schuld. An die jüdische Vergangenheit in Coburg habe ich außer einer „Judengasse“ sowie einigen im Boden befindlichen „Stolpersteinen“ sowie einem eher wenig spezifischen Gedenkstein auf dem Friedhof nichts entdeckt. Eine jüdische Gemeinde gibt es in Coburg nicht mehr.

Bei den Wahlen 1929 errang die NSDAP 43,1% der Stimmen. Seit 1939 konnte Coburg die Ehrenbezeichnung „Erste nationalsozialistische Stadt Deutschlands“ führen. Dies alles nur aufgrund des Engagements des Herzogs Carl Eduard.

Bis 1945 war Carl Eduard Hitler treu ergeben; was er nach 45 dachte, ist noch unklar. Ob er dann ein „lupenreiner Demokrat“ wurde, ist bei seiner totalen Verblendung eher unwahrscheinlich.

Das Buch des Historikers Hubertus Büschel (er wurde in der Nähe von Coburg 1969 geboren) kommt zur richtigen Zeit, weil bei der heute allgemein wieder zunehmenden Rechts-(Extrem)-Lastigkeit endlich Wissenslücken etwas überwunden werden. Ein Beispiel: Die Tochter Carl Eduards, Prinzessin Sibylla, ist die Mutter des amtierenden Königs Carl XVI. Gustaf von Schweden; er besucht öfter noch das schöne Coburg, so ist zu hören. Der Hochadel und die Nazis: Ein unbekanntes Thema…

Hier kann die lange Nazi-Geschichte des Herzogs Carl Eduard, wie sie die Buch leider manchmal noch zu kurz dokumentiert, nicht wiedergegeben werden. Wichtig ist: Dieser Nazi-Verbrecher wurde nach 1945 als Mitläufer freigesprochen: Ihn hat „reingewaschen“ seine alte Nazi-Kameradschaft, seine herzogliche Autorität, sicher auch die jetzt allgemein bekannte NS-Bindung der meisten Richter in der BRD nach 1945 sowie vor allem seine adlige Herkunft aus England. Wer will schon einen Angehörigen des englischen Hochadels für 30 Jahre ins Gefängnis bringen. Was hätte denn dann die liebe Königin Elisabeth gedacht? So wurde „Recht“ gesprochen, Schuldige wurden reingewaschen…. und Carl Eduard zu einer Strafe von 5000 Mark (sic) verurteilt (S.235). Der treffende Begriff „Klassenjustiz“ hätte hier sein gutes Recht!

Leider wird in der Studie nur kurz die Verquickung der dortigen evangelischen Kirche mit dem Herzog seit 1922 dokumentiert; erwähnt wird, dass die Trauerfeier für den Nazi-Herzog am 10. Mai 1954 von dem lutherischen Dekan Curt Weiß geleitet wurde. Er sagte so viel Unverschämtes, etwa: Der Herzog sei in „seinem guten Glauben, seinem aufrechten und edlen Sinn und seiner unerschütterlichen Treue missbraucht und schließlich im Stich gelassen worden“. Vom wem wurde er im Stich gelassen? Seine Nazi-Freunde standen doch zu ihm und bis auf das britische Königshaus hatten viele große adligen Herrscherhäuser von Holland über Norwegen und Preußen (Prinz Louis Ferdinand) ihr tiefes Beileid der Witwe mitgeteilt…Im Jahr 2017 wird in Coburg auch wieder an Luther in Coburg erinnert, dies wäre eine gute Gelegenheit am richtigen Ort, über die Verquickung von lutherischer Theologie zu autoritären Systemen nachzudenken und überhaupt zu fragen: Was hat uns der „politische Theologe“ Luther heute eigentlich noch zu sagen? Wahrscheinlich wenig! Luther liebte die Herrscher! Lutheraner waren nie Revolutionäre. Wer besser weiß, melde sich bei mir…

Eine erfreuliche Nachricht: Die Stadt Coburg hat – endlich !!!, 70 Jahre nach den Nazi-Verbrechen, an denen der Herzog Carl Eduard von Coburg direkt beteiligt war – eine Historiker-Kommission eingesetzt: Sie soll die braune Geschichte Coburgs endlich freilegen. Mal sehen, wann die ersten Forschungsergebnisse vorliegen.

Hubertus Büschel, „Hitlers adliger Diplomat. Der Herzog von Coburg und das Dritte Reich“. S.Fischer Verlag Frankfurt a.M. 2016, 336 Seiten, 22,99€.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

„Die Philosophie ist dem Glauben überlegen“ Erinnerung an Averroes bzw. Mohammed ibn Ruschd, gestorben am 11.12. 1198

Wir müssen uns nicht nur als Philosophen, sondern im allgemeinen schon als Menschen dieses 21. Jahrhunderts endlich an die muslimische Philosophie erinnern, etwa an die Denker, die im 11. und 12. Jahrhundert in Europa lebten und arbeiteten und bis heute anregend und „aufregend“ sind. Einer von den „ganz Großen“ ist für uns Averroes bzw. Mohammed ibn Ruschd, geboren 1126 in Cordoba (heutiges Spanien), gestorben am 11. Dezember 1198 in Marrakesch. Averroes ist in vieler Hinsicht wichtig: Wir denken nur an seine Schrift gegen den muslimischen Philosophen Al-Gazali. Darin zeigt Averroes, dass die Philosophie dem religiösen Glauben überlegen ist: Schon unser menschliches Denken als Denken hat es mit Ewigem, Allgemeinen und Bleibenden zu tun. Geistige und philosophische Erkenntnis ist unabhängig von religiösen Büchern, wie der Bibel oder dem Koran. Religion kann für Averroes niemals die höchste Form menschlichen Wissens sein. Diese Sätze missfielen auch den christlichen Theologen, 1270 wurden seine Thesen in Paris verurteilt.  Averroes wurde von dem Kalifen aus seiner Heimatstadt Cordoba, dem blühenden kulturellen Zentrum, vertrieben, er starb förmlich in der Verbannung in Marrakesch am 11. 12. 1198. Wir erinnern an diesen großartigen, vielseitigen Denker. Ob man seine Bücher heute auch in islamistischen Kreisen liest? Averroes könnte Menschen zur Vernunft bringen! Auch für Christen der orthodoxen Dogmatik und der evangelikalen, absoluten Bibeltreue ist Averroes ein Impuls, über den sie ein paar Monate debattieren könnten: Die These, aktueller denn je: Für die Anhänger des Philosophen Averroes sind die religiösen Dogmen eine Art sehr schlichter, er würde sagen primitiver Vorläufer der allgemeinen, der allgemein menschlichen Philosophie. Dogmen und Bräuche sind also fürs Menschsein und für die Spiritualität – gegenüber dem klaren Denken – zweitrangig. Das heißt ja nicht, dass religiöse Praxis sinnlos ist. Nur: Keine Religion und Kirche darf als solche eine weltgestaltende, bestimmende politische Kraft sein. Deswegen wird an die Überlegenheit allgemeinen Denkens, also der Philosophie, und mit ihr der Menschenrechte, erinnert.

„Die größten Übeltäter sind jene, die sich nicht erinnern“: Hannah Arendt, verstorben am 4.12.1975.

Auf das politische Denken und damit die Philosophie Hannah Arendts (besonders in der Nähe zu Kant) wird niemand verzichten. In ihrer Vorlesung „Über das Böse. Eine Vorlesung zu Fragen der Ethik“ (Ungekürzte Taschenbuchausgabe, PIPER Verlag) sagt sie diesen Satz: „Die größten Übeltäter sind jene, die sich nicht erinnern, weil sie auf das Getane niemals Gedanken verschwendet haben, und ohne Erinnerung kann nichts sie zurückhalten“ (dort S. 77).

Am 4.12.1975 ist Hanna Arendt in New York gestorben, geboren wurde sie am 14.10. 1906 in Linden bei Hannover, 1933 musste sie als Jüdin Deutschland verlassen.

Auf unserer Website befinden sich mehrere längere Hinweise zu Hannah Arendt. Zweifellos würde sie die tieferen Dimensionen von Rassismus und Hass in den Worten von Mister Trump und seinem ebenso fühlenden Umfeld freilegen und anklagen. Wer berichtet hierzulande endlich über Philosophen in den USA, die im Sinne Hannah Arendts das sich in den USA etablierende Regime (obzwar demokratisch gewählt, wie man sagt) kritisieren? Insofern denken wir an Hannah Arendt, auch wenn es kein „runder Gedenktag“ ist.

Heftig diskutiert wird jetzt auch – nach der Veröffentlichung der „Schwarzen Hefte“ Martin Heideggers und nach der veröffentlichung des Briefwechsels mit seinem Bruder Fritz (erschienen im Herder-Verlag 2016) – die Frage: Wie ist das Verhältnis/die Beziehung (der Jüdin) Hannah Arendt (Heideggers früher -heimlicher – Geliebten, seit 1924) zu dem nun zweifelsfrei Nazi und auch Antisemiten zu nennenden Heidegger zu sehen? Dazu bietet die Hanna Arendt Spezialistin Antonia Grunenberg in dem genannten Buch aus dem Herder-Verlag („Heidegger und der Antisemitismus“) wichtige Hinweise unter dem Titel „König im Reich des Denkens – oder Fürst der Finsternis. Wie Hanna Arendt das Denken Martin Heideggers auseinandernahm“.

Antonia Grunenberg zeigt eine Entwicklung auf:  1946 schreibt Arendt einen ersten politischen Essay entschieden gegen Heidegger. Seit der Zeit „war ihr Verhältnis über die Jahre von Widersprüchen und Brüchen gekennzeichnet“… 1969, anläßlich des 80. Geburtstages von Heideggers, verfasst Arendt einen Radio-Essay für den BR: In dem Text findet sie anerkennende, lobende Worte für die bleibende Bedeutung von Heideggers Denken: „Dies Denken hat eine nur ihm eigene bohrende Qualität…Heideggers denkt nie über etwas etwas; er denkt etwas…“ „Es“ (das Sein/Seyn) dachte also in ihm, wie er ja selbst behauptete. Arendt folgt dieser (esoterischen) Selbsteinschätzung eines Philosophen, die nichts anderes bedeutet: Heidegger hatte keinen Abstand zu seinen eigenen Einsichten. „Es“ geschah ja mit ihm Wesentliches (Sein/Seyns-Geschick usw.). Die Frage stellt Hannah Arendt am Ende ihres Lebens und ihrer (liebenden) Beziehung zu Heidegger nicht: War denn auch seine Nazibindung und sein Antisemitismus eine Art „Überkommnis“ des Seyns, der er passiv und intellektuell ohnmächtig ausgesetzt war?  Mag Heidegger sich später auch mit solchen gewagten Thesen herausgeredet haben: So viel Esoterik ist im politischen Denken Heideggers nicht angebracht. Heidegger war schlicht und einfach kein Demokrat; er hat nicht an der Pluralität der Weimarer Republik gehangen, das zeigen andere Autoren in dem genannten Buch aus dem Herder-Verlag. Heidegger liebte nicht den öffentlichen Streit und Disput,  die für Arendt eigentlich seit 1933 so entscheidend wurden. Um so erstaunlicher, dass die (immer noch – etwas ? – liebende) Hannah Arendt diese Denk-Strukturen bei ihrem einstigen Geliebten offenbar übersah.

Copyright: Christian Modehn

 

 

Dem Philosophieren geht es doch recht gut: Das neue „Philosophie Magazin“

Ein Hinweis von Christian Modehn

Der Philosophie bzw. dem aktiven Philosophieren des einzelnen (als notwendiger Voraussetzung der Philosophie) geht es offenbar recht GUT.

Jedenfalls in einer Hinsicht, wenn man nun hört: Von dem alle 2 Monate erscheinenden Heft PHILOSOPHIE MAGAZIN werden jedes Mal etwa 30.000 Exemplare verkauft (bei 10.000 Abonnenten). Wer hätte das gedacht? Kritisches Reflektieren „verkauft sich noch recht gut“ in einer Konsumgesellschaft, die, so wird behauptet, offenbar besonders oberflächliche Sprüche und populistische Phrasen liebt…

Dabei gibt es noch ein weiteres Philosophiemagazin in Deutschland, die HOHE LUFT aus Hamburg, die Konkurrenz, mit einem anderen Stil, einem anderen Lay-Out. Und natürlich muss auch „Der blaue Reiter“ und die „Information Philosophie“ erwähnt werden.

Das „Philosophie Magazin“ aus Berlin ist, so die Pressemeldung, heute in Deutschland Marktführer in diesem Segment. Das für Deutschland inspirierende französische Vorbild „Philosophie Magazine“ hatte als Monatszeitschrift aus Paris (2014) eine Auflage von 90.000 Stück.

Vor 5 Jahren startete in Deutschland jedenfalls das lesenwerte „Philosophie Magazin“ als nicht nur philosophisches, sondern auch verlegerisches und journalistisches Experiment: Und es hat sich bewährt und wird sich bewähren, hoffen wir. Nun wird das Heft ab 2017 sicher noch anregender, wenn zwei weitere Redakteure einsteigen. Chefredakteur Wolfram Eilenberger ist überzeugt: „In engem Austausch mit den führenden Denkern unserer Zeit wird das Magazin seinen Lesern auch weiterhin neue Einsichten für die wichtigsten Bereiche des Lebens und der Gesellschaft ermöglichen. Einsichten, wie sie gerade jetzt von der Philosophie erwartet werden.“

Der Erfolg der Philosophie-Zeitschriften ist sicher auch ein kulturelles Signal: Menschen suchen Information und möglicherweise auch Anregungen zur Lebensgestaltung nicht mehr nur in der Psychologie, die sich offenbar zu oft auf das Niveau des Ratgebens aufhält und naturgemäß nicht den nun einmal immer weiten Horizont der Philosophie hat. Und auch religiöse Zeitschriften, die auf reflektierter Ebene, also mit reduzierter Propaganda-Intention, schreiben, haben es in der deutschen Presselandschaft schwer. Es gibt ja keine christliche, aber reflektierte Zeitschrift in Deutschland, die am Kiosk, also öffentlich zu kaufen ist. Und keiner der vielen Christen in Deutschland vermisst da etwas… Offenbar haben die Theologen (und ihre Kirchen) zuviel Angst und verstecken sich im Getto. Aber das am Rande…Immerhin bietet Thea Dorn in dem neuen Heft Philosophie Magauzin einen längeren Beitrag über den – allmählich schon medial überstrapazierten – Luther  … und die Angst…

Für PhilosophInnen ist der „Marktplatz“, die AGORA, der öffentliche Raum, der Salon !, der klassische Denkplatz, der Ort des Widerspruchs, des guten Streits: All das fördert das Philosophie Magazin, auch in der neuen Ausgabe mit einem Schwerpunktthema zur FAMILIE. Dieses Heft kommt zur richtigen Zeit, weil nun auch in Deutschland polemische, nicht vernünftige Debatten und Demonstrationen stärker werden: Da gibt es Leute, die sagen: Dass zur Familie immer die Präsenz einer Frau und eines Mannes, also einer Mutter, die von diesem einen bestimmten Mann „empfangen“ hat, gehört. Familie ist aber primär immer da, wo Kinder sind, schreibt Wolfram Eilenberger. Darum ist es meiner Meinung nach eigentlich egal, ob diese Familie mi Kindern auch zwei Frauen oder zwei Männer als Eltern hat. Für viele LeserInnen absolut neu, wenn ich so sagen darf, ist ein Bericht über einen Afrikaner, „einen Mohr“, wie man im 18. Jahrhundert in Deutschland sagte, der zur Philosophie der Aufklärung in Deutschland gehört. Sein Name: Anton Wilhelm Amo. Man sollte diesen Bericht von Martin Duru lesen und sich fragen, wie viele unbekannte Afrikaner oder Asiaten oder Lateinamerikaner schon seit dem 17. Jahrhundert die europäische Kultur mit geprägt haben.

Über alle Themen des neuen Heftes, das am 17. November 2016 in den Kiosken ausliegt, siehe: http://philomag.de/

Copyright: Christian Modehn

Verlust des Schweigens – Verlust des Selbst. Zu einem neuen Buch von Alain Corbin

Ein Hinweis von Christian Modehn

Kann man Historiker „originell“ und „kreativ“ nennen? Einige gewiss. Vor allem einige in Frankreich. Zum Beispiel Alain Corbin, em. Professor der Sorbonne, Autor einiger ungewöhnlich inspirierender Bücher, die beispielhaft Mentalitätsgeschichte oder treffender noch die „Histoire de sensibilités“ erschließen, etwa „Pesthauch und Blütenduft“ oder „Die Sprache der Glocken“. Sie wurden in Deutschland oft beachtet. Nun hat Corbin ein vom Umfang her eher kleines, der Sache nach aber großes Buch veröffentlicht, das auch die Aufmerksamkeit   philosophisch Interessierter verdient: “Histoire du silence“, Geschichte des Schweigens von der Renaissance bis heute“, erschienen bei Albin Michel in Paris, das Buch hat 204 Seiten, davon über 20 Seiten weiterführende Literaturhinweise. Es ist eher ein Buch zum Weiterstudieren als ein umfassendes „Studien-Buch“.

Heute, so Corbins These, ist es schwierig geworden, im Schweigen zu leben, auch „Schweigen zu vollziehen“ („faire silence“). Aber: Im Schweigen leben ist entscheidend für den Menschen: Wer nicht schweigen kann, so die These, hört auch sein Selbst nicht mehr… und „so wird auch die Struktur des Individuums selbst verändert“ (S. 11). Wir aber leben in einer lauten, schreienden Welt, Orte des Rückzugs sind rar, selbst in Gottesdiensten („Gott lebt im Schweigen“) wird permanent gesprochen, eingeredet, gesungen. Wenn von Stille die Rede, sind es immer, so wörtlich, „Momente der Stille“. Kulturen, die das ständige Musik-Geräusch lieben, den permanent vernehmbaren Salsa usw., was wollen sie musikalisch zudecken und zum Verschwinden bringen? Wäre eine interessante Frage.

Corbin wendet sich vor allem der französischen Geschichtezu und nennt historische Details: Etwa: 1883 gab es eine Kampagne gegen den Lärm der Glocken (s. 94), in Montauban durften die Bäcker hingegen des Nachts – trotz einiger Proteste – bei ihrer Arbeit laut singen (S. 95)… Der erste Weltkrieg war auch eine „akustische Hölle“. Corbin plädiert dafür, sich wieder an die vielfältigen Formen der Kulturen des Schweigens auch in der europäischen Tradition zu erinnern, „um wieder heute das Schweigen zu lernen, das heißt: man selbst zu sein. („C` est à dire à etre soi). Nur in einer Kultur, die das Schweigen pflegt, kann die Bedeutung des Wortes wahrgenommen werden. Diese Kultur gab es einmal, Corbin führt uns in dieses Thema ein, dabei breitet er, notgedrungen oft in knappen Hinweisen, ein breites literarisches Panorama aus.

Im Schweigen leben, das ermöglichen etwa auch die eingestimmten Besuche abgelegener, leerer Kirchen, Huysmans spricht davon. Bernanos kommt nicht los (obsédé) vom Schweigen der Wohnzimmer etwa in „Monsieur Ouine“. Die Provinzstädte in der „Comédie humaine“ von Balzac sind bestimmt von „Schweigen, Kälte, Passivität, Egoismus“… Hinweise, die ermuntern wieder einmal den „Curé de Tours“ zu lesen. Von Palmyra spricht Corbin, wenn er an das „Schweigen der Ruinen“ erinnert, das Chateaubriand damals dort als „Aufenthaltsort des Schweigens“ beschreibt. Heute wird man ein ganz neues trostloses Schweigen durch die Zerstörungen des sogen. Islamischen Staates besprechen müssen. Chateaubriand hat – nach Corbin – das „Schweigen der Orte“ gehört (Escorial, Soligny, Grande Trappe) und dieses Schweigen mitgeteilt.

Diese Hinweise zeigen, dass Corbin sich weit auf die Spuren des Schweigens vor allem in der französischen Literatur begibt. Religionsphilosophisch Interessierte werden sein Kapitel „Les Quetes du silence“ aufmerksam lesen; darin geht es um den (ursprünglich monastischen Kampf) gegen die Ablenkungen, um zum inneren Gebet zu finden. Corbin erwähnt unter anderen die Karthäuser-Mönche, die den ganzen Tag allein leben …. und schweigen. Gérald Chaix nennt sie deswegen die „fous de Dieu“, die Verrückten Gottes. Verrücktheit und Spiritualität wird hier in einen Zusammenhang gestellt (S. 71). Und zum Schweigen Gottes in dieser Gegenwart schreibt Corbin:“ Man hat überwiegend aufgehört sich zu fragen, ob das Schweigen eines sich verbergenden Gottes nicht doch eine Äußerung, ein „Wort“, ist!

Ein großer Schweiger, meint Corbin, sei auch der Heilige Josef gewesen, dabei hat der Autor die dürftigen Erzählungen über ihn, den Schweiger, im Neuen Testament im Blick. Nebenbei würde der Religionskritiker wohl sagen: Der heilige Josef als der so genannte „Pflegevater“ Jesu durfte auch nichts sagen, sonst hätte er vielleicht die historische Wahrheit erzählt, dass er der Vater Jesu von Nazareth und dessen Geschwister ist. Josefs Schweigen ist also ein kirchlich-dogmatisch erzwungenes Schweigen! In dem Buch wird (neben drei weiteren 7 anderen Gemälden) ein prächtiges Bild von Georges La Tour (von 1640) präsentiert: Der Heilige Josef als Tischler und das Jesus-Kind, das fast wie Mädchen erscheint: Jesus hält dem Vater eine Kerze während der Arbeit! Warum soll Josef dabei nichts gesagt haben?

Für alle an Frankreich Interessierten ist dieses Buch von Alain Corbin eine wahre Fundgrube, wenn er etwa daran erinnert, dass das Werk von Patrick Modiano vom Schweigen her sich gruppiert. Im 18. Jahrhundert wurde die „Kunst zu schweigen“ gepflegt und literarisch empfohlen als Teil einer Lebenskultur! Corbin vertritt trotz der Fülle verschiedener literarischer Bezüge und Verweise seine eigene Philosophie: Der Gedanke „arbeitet“ im Schweigen.

Ich breche diese Hinweise ab mit einem Zitat von Francois Mauriac: „Jedes große Werk entsteht im Schweigen und kehrt dorthin zurück“ (s. 122). Studieren wir also das Schweigen. Aber bitte – hoffentlich- in Stille.

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin

Luther würde sagen: Es ist genug! Hört auf, mich zu bejubeln. Eine Art Zwischenruf

Von Christian Modehn. Vorschläge für eine neue Reformation anno 2016.

Das aktualisierte Motto: „Welches Buch haben Sie nicht zu Ende gelesen?“ fragt „Der Tagesspiegel“ am 11.12.2016 Margot Käßmann, die „Botschafterin für das Lutherjubiläum 2017“. Die Luther – bzw. Reformations-Botschafterin antwortet: „Nicht zu Ende gelesen habe ich die gefühlt 17. Lutherbiografie“. Also, so sagt man sich auch:“Es ist genug, es reicht“…

Natürlich kann ich nicht mit 20 Fußnoten belegen, dass Luther in irgendeinem Brief oder bei einem Tischgespräch seinen Freunden zurief: „Hört auf, mich zu bejubeln“. Aber es ist – von außen betrachtet – mehr als wahrscheinlich, dass er bei all den aktuellen Jubelfeiern, Gedenkfeiern genannt, doch jetzt sagen würde: „Ich bin zwar in mancher (!) Hinsicht noch inspirierend und manchmal noch wichtig. Aber heute, angesichts dieser Welt im Jahr 2016, gibt es wirklich Dringenderes als mich und die Wittenberger Reformation“. Gerade für religiöse Menschen, die sich Christen nennen und Protestanten speziell. Also: „Wendet euch dem Dringenden zu“, würde Luther sagen. Fraglos inspirierend bleibt sein Mut, der allmächtigen Herrschaft der römischen Kirche entgegenzutreten und eine andere Gestalt von Kirche tatsächlich dann zu fördern. Fraglos wichtig bleibt seine Lehre vom „allgemeinen Priestertum“ aller Christen ebenso die Ermunterung, dass ein jeder selbst die Bibel lese und … historisch-kritisch studiere, möchte man anfügen. Abzulehnen bleibt Luthers gewalttätige Abwehr eines sozialkritischen Glaubens an der Seite der Armen, vertreten durch Thomas Müntzer, den er hasste. Abzulehnen bleibt Luthers viel besprochener und leider so wirksam gewordener Antisemitismus. Abzulehnen bleibt seine bis heute spürbare Bevorzugung der staatlichen Autoritäten… Alle diese guten und diese unerfreulichen Aspekte Luthers sind allmählich, bis hin zu den theologisch eher wohl ein bißchen uninteressierten BILD-Zeitungslesern, bekannt. Sollen alle diese historischen Luther-Themen nun monatelang weiter, auch durch den Kirchentag 2017, erneut in aller Popularisierung durchgekaut werden? Gott bewahre uns davor! Schon vor der Luther-Bücherflut im Herbst 2015 konnte ER uns nicht retten, klicken Sie hier. Mit Luther lässt sich eben doch auch Geld machen, und seien es die Buch- und Vortragshonorare.Und die Kirche kann mit staatlichen Fördermillionen feinste Luther-Gedenkstätten, also Museen, schaffen.

Es geht angesichts einer Welt zunehmender Gewalt, Krieg, Zerstörung, Wahn der Dikatoren usw.  heute darum, die religiösen Traditionen und theologischen Debatten auf den zweiten Platz zu setzen. Also die Luther-Lehren, die katholischen und evangelischen Dogmen und religiösen Weisheiten und alle die hübschen Erinnerungen an das 16. Jahrhundert, all das sollte bitte nicht länger im primären Interesse von Information, Bildung, Veranstaltung kirchlicherseits stehen. Dringend ist es in der heutigen Lage der Menschheit nicht, alle Details über Luther zu wissen. Natürlich muss es historisch-kritische Luther-Forschung geben. Aber was nützt all diese Kenntnis, um wenigstens schrittweise eine gerechtere Welt zu schaffen? Um die Menschen zu mobilisieren, für den Frieden und die universale Gerechtigkeit wirksam einzutreten? Ob dabei die ewigen und so oft durchgekauten Debatten über reformatorische Lehren, Zwei-Reiche-Lehren usw. weiterhelfen, darf sehr bezweifelt werden. Es geht nicht nur um die für religiöse Menschen zugängliche Wahrheiten. Es geht um die Verbreitung von elementaren ethischen Einsichten, die sich der Vernunft, jeder Vernunft, erschließen. Es ist eben ein grober Denk-Fehler, wenn etwa Antje Jackelén, die lutherische Bischöfin von Uppsala, Schweden, sagt: „Wir müssen den Flüchtlingen helfen, weil wir Christen sind“ (FAZ 31.10.2016, Seite 4). Nein, es muss heißen: „Wir müssen als Menschen den Flüchtlingen helfen, wir müssen helfen, weil wir Christen wie alle anderen eben auch und zuerst Menschen sind“. Der christliche Glaube (Beispiel: Barmherziger Samariter usw.) kann lediglich verstärkend und unterstützend die allgemeine, für alle gültige Ethik unterstützen! Es gibt in dem Sinne eben keine „christliche Ethik“!

Wichtig ist, so kann man in einem philosophischen Denken meinen, also die Bildung und Verbreitung der Ethik, einer politischen Ethik. Sie stellt die sich stets weiter entwickelnden Menschenrechte in den Mittelpunkt des Interesses und der zentralen Verpflichtung unseres Menschseins. Selbst wenn diese Menschenrechte in Europa dank der Philosophie und des Humanismus (fast gar nicht dank der Kirchen !) entstanden sind, so sind sie doch für alle Menschen gültig, selbst wenn die USA, offenbar noch eine Demokratie, in ihrer Politik permanent die von ihnen hoch geschätzten Menschenrechte so oft ignoriert haben und ignorieren…

Also: Auch für eine der Menschheit dienende Kirche („Kirche für andere“, Bonhoeffer) gilt heute: Die Menschenrechte zuerst, die ethische Bildung zuerst, die politischen Debatten in diesem Sinne zuerst auch in den Kirchen. Und das hat zur Konsequenz: Es muss der nationale Egoismus überwunden werden. Es gilt, tatsächlich das große Projekt zu bearbeiten: Aufbau einer gerechten Gesellschaft; Schluss damit, dass sich die reichen Christen angewöhnen,die Millionen Hungernder einfach so zu akzeptieren; Beendigung des Waffenhandels durch sich christliche nennende Staaten. Erst wenn sich die Kirchen primär an diesem Thema abgearbeitet haben, kann man das weite Feld des Religiösen studieren… und ein bißchen, in vernünftigen Rahmen, auch Luther feiern. Welche Art von Verstopfung Luther hatte, wie er sprach, wie er liebte, wie zornig er sein konnte und so weiter: Das ist alles Folklore, unnützes Wissen. Populär gemachtes Bla Bla aus Gründen der Anbiederung.

Nützliches Wissen ist für die Christen, eben weil sie Menschen sind: Was ist der Kategorische Imperativ im Sinne Kants, das universale moralische Gesetz; was ist die „Goldene Regel“, was ist Empathie. Eine Kirche, die sich der jesuanischen Reich-Gottes-Idee verpflichtet weiß, also der gerechten Gesellschaft, kann tatsächlich und muss es auch im Sinne Jesu, Ethik wichtiger nehmen als interne religiöse Dogmen und Weisheiten. Die kann man ja pflegen, aber bitte erst, wenn alle Gottesdienste im Luther-Gedenkjahr sich um die Ausbildung einer humanen Ethik drehen. Dann wird man erkennen: Eigentlich ist der christliche Glaube etwas – von der Lehre her gesehen – Einfaches: Er ist die Lebenshaltung der Liebe, der Hoffnung, des Glaubens an eine Dimension des Göttlichen, das in allen menschlichen Leben wachgerufen werden kann. Der christliche Glaube hat jedenfalls in dieser alles entscheidenden elementaren Form nichts zu tun mit den 814 Seiten eines katholischen Katechismus, der ziemlich alle Details des Innenleben Gottes zu kennen meint; ein evangelischer Katechismus ist nur etwas kleiner.

Sagen wir es kurz und bündig: Glauben ist zuallererst ethische Praxis; Glauben ist Leben nach den Menschenrechten. Man lese bitte wieder Kant, etwa das Buch „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“. In der „moralischen Anlage“ des Menschen, jedes Menschen, sah Kant „eine Heiligkeit“. Er sprach davon, dass diese moralische Anlage im Menschen (also der kategorische Imperativ) eine „göttliche Abkunft habe“. So viel Göttliches IM Menschen reicht, um menschlich zu leben mit anderen. Meister Eckart sah das nicht viel anders!

Kant ist also weder Atheist noch „veraltet“. In seinem Sinne gilt: Es würde den Kirchengemeinden gut anstehen, die ethische Bildung, auch gesprächsweise mit den Muslims, in den Mittelpunkt zu stellen, im Verbund mit Menschenrechts-Organisationen.

Welche ethisch-moralischen Katastrophen auch aus dummer Frömmigkeit entstehen, sieht man gegenwärtig in den USA und dem dortigen Wahl-Gemetzel. Die unflätigen Hass-Attacken eines Herrn Trump finden jubelnd Zustimmung bei einer Bevölkerung, die ganz überwiegend nicht nur christlich, oft evangelikal ist, sondern auch zu eifrigsten Kirchengängern zählt. Wie passt das alles zusammen? Diese Frommen haben kein Nachdenken gelernt, kein Reflektieren, sie haben kein Bewußtsein von universaler Ethik. Sie denken mit dem Bauch. Die sich zum Hass aufstachelnden Trump-Freunde haben von ihren (evangelikalen oder pfingstlerischen) Predigern offenbar so viel spirituellen Blödsinn gehört, dass sie jetzt auf diesem Niveau gelandet sind. Damit ist nicht gesagt, dass Hillary Clinton in ihrer Lust, „die amerikanische Macht weltweit unbedingt zu stärken“ politisch klug ist und dem Welt-Frieden dient. PS: Zum Wahlverhalten der „weißen Evangelikalen“ in den USA am 8. Nov. 2016: Siehe den Beleg für unsere These zur Trump Nähe und evangelikaler Frömmigkeit unten, am Ende des Beitrags.

Es ist schon verstörend, dass die Luther-Jubelfeiern vor allem in einem Bundesland Sachsen-Anhalt stattfinden, in dem die AFD leider so unglaublich hohe Zustimmung findet. 17 Prozent der Protestanten haben AFD gewählt. Bei den Katholiken waren es genauso viele. Luther-Jubel, Luther Restauration (alle diese renovierten Luther-Häuser als Museen)  in einem von der AFD geprägten Land, das ist bis jetzt noch kein Thema. Allgemein übersetzt: Luther und der (neue) Nationalismus sollte bearbeitet werden.

Die Verirrungen in der Mentalität in den USA zeigen einmal mehr, wie wichtig es jetzt ist, wenn Luther sagt: „Hört auf mit allen theologischen Spitzfindigkeiten. Kümmert euch nicht so sehr um mich, den spätmittelalterlichen Mönch; kümmert euch um die Entwicklung einer Menschenrechts orientierten universalen Ethik, werdet reife, werdet nachdenkliche Menschen, kritische Bürger“. Und der fromme Mann würde wohl hinzufügen: „Allein dies gefällt Gott!“

PS: Dass hier vom römischen Katholizismus so wenig gesprochen wird, liegt lediglich an dem Fokus dieses Beitrags. Die Forderung: „Universale Ethik ist wichtiger als römischer Glaube“ gilt selbstverständlich auch für den Katholizismus. Hier wäre noch von dem viel massiveren Klerikalismus zu sprechen, jener unverzeihlichen Sünde Roms, die schon Jan Hus, aber auch Luther richtigerweise, aber erfolglos, attackierten. Bis heute. Man lese etwa die entsprechende Kritik von Papst Franziskus an der ihn umgebenden Kurie, als dem „Hof“ der Kardinäle und Prälaten…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Weiße Evangelikale absolut für Trump: 1.Despite reservations expressed by many evangelical and Republican leaders, white born-again/evangelical Christians cast their ballots for the controversial real estate mogul-turned-politician at an 81 percent to 16 percent margin over Hillary Clinton“. Quelle: http://www.christianitytoday.com/gleanings/2016/november/trump-elected-president-thanks-to-4-in-5-white-evangelicals.html gelesen 9.11. 2016,  19.00 Uhr.

2. : White evangelical voters have been reliable Republican voters for decades, but this year some are having trouble reconciling their Christian values with Donald Trump’s unholy language. Quelle: http://abcnews.go.com/Politics/evangelical-values-voters-struggle-choosing-trump-president/story?id=43303321    gelesen am 9.11. 2016 19.00 Uhr.

 

 

„Der Mensch ist böse und Gott hat ihn geschaffen“. Thesen im Rückblick auf den Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon am 26.10.2016

Von Christian Modehn

Notiert am 9. November 2016: Entscheidend bleibt die Erkenntnis von Hannah Arendt: Böses entsteht, wenn Menschen nicht mehr die Kraft und den Willen haben, selbstkitisch nachzudenken, wenn sie weithin gedankenlos handeln. Und unverzichtbar bleibt, selbst wenn es manchmal zu „spät“ ist, die fundamentale Erkenntnis Kants, die auch im Politischen gilt: Wenn sich die Maximen des einzelnen und ganzer  großer Gesellschaftsgruppen vom dummen Egoismus bzw., was prinzipiell dasselbe ist, sich vom ebenso dummen Nationalismus bestimmen lassen  und nicht mehr in Übereinstimmung mit dem kategorischen Imperativ handeln, entsteht Böses.

Über „das Böse“ nachzudenken: Da bleiben mehr Fragen als Antworten. Aber Fragen führen weiter. Antworten, etwa religiöser Traditionen, fixieren auf eine bestimmte Weise zu denken. Entscheidend ist die Frage:

„Gibt es“ „das Böse“ überhaupt ? Das Böse verstanden als dingliche Gegebenheit, als Macht und Kraft, vielleicht sogar irgendwie als „Subjekt“, wie ein Teufel und böser Dämon?

Sicher „gibt es“ für kritische Erkenntnis nicht dieses greifbare und verfügbare und umfassend erkennbare Böse verdinglichter Art. Den Menschen fällt es leicht, diese Verdinglichung, „das Böse“, vorzunehmen und es dann zu beschwören in Riten usw., die den klaren Verstand gerade aber ausschalten. Insofern wird dann oft noch mehr Böses befördert. Man spricht, um der schnellen Verständigung willen, auch in philosophischen Büchern, von „dem Bösen“. Denkt aber dabei nicht an eine dinghafte oder „personale“ Gegebenheit. „Das Böse“ ist also lediglich eine begriffliche Hilfskonstruktion. „Den Teufel“ sollte man vernünftigerweise längst aus dem Denken und der furchtbaren religiösen Praxis vertrieben haben (Teufelaustreibungen gibt es bis heute im Katholizismus und eine Schande fürs Christentum: Die Verteufelungen etwa von Frauen, Hexen usw.).

Das Böse ist also nur ein Begriff, der wie eine abstrakte Idee dann verwendet wird, wenn Menschen so handeln, dass sie in ihrem Gewissen, dem „moralischen Gesetz“ (Kant), wissen: Diese meine Handlung war nicht gut, sie beschädigt mich und andere. Diese meine Handlung ist also böse.

Das Wort böse hat eigentlich nur Sinn, wenn man es auf Handlungen aus Freiheit bezieht. Darin zeigen sich dann unterschiedliche Aspekte des Tuns des Bösen.

In einer philosophischen Reflexion über das Böse, die auch das Religiöse einbeziehen will, muss an die Schöpfung der Welt und den Sündenfall erinnert werden. Im ersten Kapitel der hebräischen Bibel, Altes Testament genannt, ist davon die Rede. Die beiden dort erzählten Mythen sind sicher die am meisten besprochenen und am meisten künstlerisch gestalteten: Nur ein Beispiel: Lucas Cranach der Ältere und der Jüngere haben schätzungsweise 50 mal dieses hübsche Thema des fast nackten Paares in kürzester Zeit gemalt. Wer hat diese Gemälde bestellt, und warum gewollt gerade in der Reformationszeit?

Dieser Mythos enthält viele bedenkenswerte Elemente, die bis heute in den Köpfen sich festgesetzt haben: Das Paradies, die verführerische Schlange, sozusagen ein erstes Bild des Teufels, der Glaube an Teufel und Hexen hat letztlich in der verführerischen Schlange ein gewisses Urbild. Durch den Ungehorsam Evas und Adams haben die beiden Menschen Erkenntnis gewonnen, sie erkannten einander als sexuelle Wesen. Aber Gott hat den Ungehorsam bestraft. Ohne Ungehorsam keine Erkenntnis, könnte man denken. Im Alten Testament ist als göttliche Strafe nur die Rede von der Notwendigkeit zu arbeiten für den Mann; und für die Frau, dass sie Kinder nur unter Schmerzen zur Welt bringen kann. Dass sie aus Adams Rippe stammt, also dem Mann unterlegen und von ihm abhängig ist und untertan, das haben die alten Theologen nicht als Übel betrachtet. Das war offenbar normal. Paulus ist in seinem Römerbrief der Überzeugung, dass „der Tod durch die Sünde des einen Menschen, Adam, in die Welt gekommen ist“ (Kap. 5, 12). Die Sterblichkeit der Menschen ist also eine Strafe für die Sünde im Paradies, die dann später als Erbsünde (schon durch Paulus) gedeutet wird.

Philosophen haben sich von der unmittelbaren Lektüre des Mythos gelöst und auf einige Unstimmigkeiten in den Erzählungen aufmerksam gemacht.

Ich nenne hier nur den Philosophen Pierre Bayle, einen Protestanten aus Frankreich, der sich unter Ludwig XIV. nach Holland, nach Rotterdam, retten konnte und dort u.a. ein umfassendes und viel gelesenes Dictionnaire, eine Art Lexikon, verfasste. Darin geht es um die zentrale Frage, damals, um 1690, genauso aktuell wie heute:

Wenn man annimmt, Gott habe die Welt und die Menschen geschaffen: Dann stellt sich die Frage: Wie ist es dann möglich, dass Gott, wenn er denn Gott ist, also allmächtig und gütig, es zulassen kann, dass in seiner Schöpfung die Menschen, als seine Geschöpfe, moralisch Böses tun? In dieser Reflexion wird Gott sozusagen zum verfügbaren Gegenstand für die Reflexion. Die Sache wird komplizierter: Wer aber hat denn die Freiheit geschaffen? Ist es nicht Gott gewesen, der den Menschen als Menschen, also als freies Wesen mit Vernunft, geschaffen hat? Ist also Gott nicht nur unweise und unallmächtig, also ohnmächtig, zu nennen, sondern auch unfähig, weil er den Menschen mit der Freiheit ausgestattet hat, eben auch Böses zu tun. Ist die Freiheit selbst also etwas Böses, heißt die Frage, die dann viele umtreibt. Die Spekulation reicht noch weiter: Oder versteckt sich hinter dem offenbar böse agierenden Gott noch der eigentliche Gott, der diesen bösen Gott als Gegner sich gegenüber sieht. Aber durch diese Verdoppelung Gottes wird das Problem nur verschoben.

Die Erbsündenlehre interpretiert den genannten biblischen Mythos. Die Erbsündenlehre wurde im 4. Jahrhundert als eine bis heute allmächtige Kirchenlehre erfunden, um irgendwie theoretisch zu klären, warum denn alle Menschen irgendwie immer Böses tun. Diese universale Dimension, dass der Mensch, jeder Mensch, immer und überall, ein irgendwie auch böses Wesen hat, sollte mit dem Begriff der Erbsünde erklärt werden. Da gab es nur die Schwierigkeit, dass Sünde immer eine vom einzelnen begangene in freier Entscheidung getätigte Untat ist. Sünde des einzelnen ist also etwas Erlebbares. Die Erbsünde hingegen ist als solche nicht erlebbar. Sie ist ein gedankliches Konstrukt, pure Theorie, manche sagen Ideologie. Warum wurde von Augustinus dieses Konstrukt erfunden? Er wollte die totale Übermacht des gnadenhaften göttlichen Handelns angesichts des Bösen und der sündigen Menschen unterstreichen. Nur Gott rettet ist seine Devise.

Wegen der Erbsünde müssen schon Babys getauft werden, wenn sie als Babys sterben, kommen sie in die Hölle, darum ist die Kirche und der taufende Klerus so wichtig usw. Die Erbsünde wird übertragen im Moment der Zeugung. Sex überträgt das Böse, deswegen ist, so heißt es dann weiter, Sex sowieso irgendwie doch nicht so gut, wenn nicht böse. Wenn Kinder geboren werden und nicht getauft werden, dann kommen sie in die Hölle. Denn vor der Hölle kann einzig die Gnade Gottes bewahren.

Die Lehre von der Erbsünde hat das Bewusstsein der Christen verdorben. Es hat jede Lebensfreude genommen, jede Zuversicht, im freien Tun etwas Gutes zu schaffen. Eine düstere Wolke der Verzweiflung und Angst („Hat mich denn nun der willkürlich erlösende Gott tatsächlich erlöst? ) hat sich über das sich christlich nennende Europa gelegt. Die Überwindung der Erbsündenlehre des Augustinus ist eine der dringenden Aufgaben der heutigen Theologie, die aber noch nicht angepackt wird

Immanuel Kant versucht, die Debatte über das Böses Tun weitgehend von der Bezogenheit auf Gott zu befreien, er ist ein Gegner der orthodoxen Erbsündenlehre. Wenn Kant über „das Böse“ nachdenkt, dann nur Zusammenhag der gelebten menschlichen (Willens)-Freiheit. Ich kann mir Maximen, individuelle für mich geltende Lebensentwürfe, schaffen: Und dabei das moralische Gesetz, den Gewissensspruch, ignorieren. Wenn Maximen nicht mehr dem kategorischen Imperativ entsprechen, sind sie böse. Im Spruch des Gewissens äußert sich das moralische Gesetz, wer ihm folgt, folgt dem moralisch guten Leben. Aus der dauerhaften Praxis moralisch böser Taten entwickelt sich der „Hang“ zum Bösen, von dem Kant in einer gewissen Unentschiedenheit spricht: Ist er „angeboren“ oder/und erworben? Es gibt für Kant jedenfalls so wörtlich einen „faulen Fleck“ in unserer Gattung, den herauszubringen, also lozuwerden, notwendig ist, um den „Keim des Guten“ in uns zu entfalten (S. 48 in „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“, Hamburg 2003).

Für Kant aber ist die Anlage zum Guten herrschender und stärker als der “Hang“ zum Bösen: Denn selbst wer als Egoist Böses tut, meint noch in dieser Tat zumindest für sich selbst etwas Gutes getan zu haben. Das heißt: Der Bezogenheit auf Gutes kann kein menschlicher Geist entkommen. Man könnte diese Bezogenheit auf Gutes „transzendental notwendig“ nennen.

Für Kant ist Religion und die Stimme eines göttlichen Wesen im Gewissen zu vernehmen. Das Gewissen ist der ort, wo das moralische Gesetz und letztlich auch Gott spricht. Kant sieht: Es gibt Vorwürfe des Gewissens gegen unser Tun. Diese Stimme des Gewissens ist nur dann von Wirkung, wenn man sie als Repräsentanten Gottes denkt: „Gott hat einen erhabenen Stuhl über uns und in uns einen Richterstuhl“, so in der „Schrift über Pädagogik“, 1803. Zit nach „Kant Reader“, Würzburg 2005, S. 335. Dieser Gott im Gewissen vernehmbar ist für Kant die Grundlage aller vernünftigen Religion. Alle anderen Formen (dogmatischer Fremdbestimmung) lehnt er als unvernünftig und für den Menschen eher schädlich ab. Über dieses Gottes-„Bild“ von Kant wäre heute aus aktuellen Gründen einer veräußerlichten, gewalttätigen Religion vermehrt zu sprechen! Kant spricht auch vom Hang zum Bösen, wenn er an die Geschichte der Kirchen erinnert, an ihre Machtbesessenheit, an das blinde Wüten der verfeindeten Konfessionen. Kurz: Die Religionen folgen selbst nicht dem Kategorischen Imperativ. (Dazu S. 177 ff. in „Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“)

Ein Hinweis auch zu Hannah Arendt, sie ist stark bezogen auf Kant, mit ihm oft verbunden, auch in ihrem Buch „Über das Böse“, bei Piper erschienen.

Von Hannah Arendt stammt das Stichwort von der „Banalität des Bösen“. Damit meinte sie nicht, dass das Böse banal sei. Sie meinte, Böses tun kann bei Menschen den Charakter des Banalen haben. Etwa: Wenn denn diese Menschen blind und stumm den Weisungen anderer folgen. Der autoritäre Charakter spielt da rein. Nur das eigene Nachdenken, das Reflektieren auf das, was man tut, kann vom Böses Tun befreien. Notwendig ist: Man denkt noch mal über das eigene Denken nach. „Denken ist Reden mit sich selbst“.

Und auch zum Willen zeigt sich diese Doppelung: Ich bin zum Handeln bewegt und muss mich aber entscheiden, wenn ich etwas tue und handle. Ich muss also IM Handeln urteilen können. Im Handeln und dem Willen zu handeln zeigt sich immer ein Urteilen. Es gibt einen Schiedsrichter, sagt Arendt, der in meinem Handeln entscheidet.

DUMM ist der, der nicht urteilen kann. Der Mangel an Urteilskraft ist das Schlimmste. „Mangel an Urteilskraft ist das, was man Dummheit nennt“, sagt Kant. Das angewendet auf die Mitläufer in der Nazis. Auf die Mitläufer heute.

Im Urteilen innerhalb einer praktischen Entscheidungssituation, in der mein Wille aufgerufen ist, wird auch die Einbildungskraft lebendig. Ich stelle mir vor, was ist mit den anderen, die ich kenne oder die ich vor Augen habe, wenn ich diese Tat vollziehe.

Die Freiheit ist gut. Aber der Mensch ist niemals auf etwas „nur Gutes“ oder „nur Böses“ festzulegen. Es bleibt die Ambivalenz in jedem Menschen selbst. Jeder ist gut und böse. Wer sich nur für rundum gut hält, ist dumm und neigt deswegen zum Bösen, weil das Böse gar nicht mehr wahrnimmt und vor allem die Dimensionen der Freiheit ignoriert. Die Macht der eigenen egoistischen Maximen. „Der Tugendhafte“ wurde Robespierre genannt. Dies ist auch das ganze Problem der Heiligen und der Heiligenverehrung, die oft als rundum gute Menschen dargestellt werden. Und bei denen auch Makel und Böses offiziell oft verschwiegen und verdrängt werden.

Was bleibt angesichts „des Bösen“? Die bösen Taten müssen so weit es geht, überwunden werden. Das ist eine Aufgabe der Pädagogik und des politischen Handelns in der Demokratie. Es gibt aber auch böse Strukturen, Verfestigungen der individuell bösen Taten, die den einzelnen von vornherein belasten und prägen und vielleicht gar keine Ahnung schaffen, was Freiheit ist und was Gutes Tun überhaupt sein könnte. Diese üblen Strukturen der Unfreiheit und im ganzen Strukturen der Unmenschlichkeit müssen abgebaut werden. Das muss als Ziel immer wieder formuliert werden.

Die Freiheit der egoistischen Maxime führt zu falschen, moralisch verwerflichen Entscheidungen auch bei Politikern. Das Böse, das unsere westliche kapitalistische und immer noch imperialistische Politik(er) und Ökonomen erzeugen, wird von uns Bürgern meistens verdrängt und beschönigend-naiv„weg-interpretiert“. Gegen dieses Böse muss man handelnd eingreifen. Der Gedanke, dass wir doch alle Erbsünder sind, also irgendwie hilflose arme Typen, beschwichtigt da nur. Und ist ohnehin falsch. „Das Böse“ ist auch eine Form des Verdrängens und falschen Entschuldigens.

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin