Karl Jaspers: Plädoyer für den philosophischen Glauben.

Ein Hinweis von Christian Modehn

Am 26.2 1969 ist der Philosoph Karl Jaspers in Basel gestorben (geboren wurde er am 23.2. 1883 in Oldenburg). Der Religionsphilosophische Salon Berlin erinnert an Jaspers als einen kritischen politischen Denker in der BRD und einen entschiedenen Kritiker der politischen Verblendung von Martin Heidegger und: Vor allem als einen Denker, der die Vernunft so reflektierte, dass er für einen “philosophischen Glauben” (so der Buchtitel von 1948) eintreten konnte und für den “philosophischen Glaube angesichts der Offenbarung” (1962) sich stark machte. Die Konzeption und Weiterentwicklung eines vernünftigen philosophischen Glaubens bleibt ein Thema unser Diskussionen. Der “philosophische Glaube” bietet nicht nur Denk-Möglichkeiten, gerade in Zeiten, in denen der konfessionelle dogmatische Glaube der Kirchen nicht mehr als geistig-bewegende Lebendigkeit erfahren wird. Der philosophische Glaube im Sinne von Jaspers kennt nur Grundsätze, keine Dogmen. Gewalt gegen Andersdenkende wird selbstverständlich abgelehnt, er ist offen für Einwände, hält nicht wunderbare Behauptungen für selbstverständlich, er gibt keine Ruhe im Denken und Fragen. Aber der philosophisch Glaubende interessiert sich für die “Chiffren”, für vieldeutige Zeichen, die aber auch auf Transzendenz weisen können.

Es wäre interessant, den philosophischen Glauben im Sinne von Jaspers mit den Thesen des südafrikanischen Theologen und Bischofs Desmond Tutu zu konfrontieren, Thesen, die er in dem Buch “Gott ist kein Christ. Mein Engagement für Toleranz und Gerechtigkeit” (2012) mitgeteilt hat. Tutu weist die Vorstellung zurück, dass Christen im Besitz einer alleinigen Wahrheit sind, er sucht das Gemeinsame in den Religionen…; jeder Mensch lebt in enger Verbindung mit dem Göttlichen, die Vernunft in allen Menchen ist das wahrhaft Religiöse…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

Spinoza und die kritische Bibelforschung

Ein Hinweis auf einen Gedenktag, also einen Tag zum Denken….an Spinozas Bibelkritik und seine Verteidigung der Philosophie….

Von Christian Modehn

Am 21. 2.1677 ist in Den Haag der Philosoph Baruch de Spinoza gestorben (geboren wurde er am 24.11. 1632 in Amsterdam). Auch als Verteidiger und Förderer der historisch-kritischen Bibelexegese muss er für weite Kreise (besonders der unbegildeten heutigen Bibel-Fundamentalisten)  noch entdeckt werden. Genau so wichtig ist Spinozas Forderung: Die Theologie (also auch die Leitung der Religionsgemeinschaften) darf der Philosophie nicht das Recht auf eigenständige Erkenntnis, auch Gotteserkenntnis, streitig machen. Der wahre Gottesdienst für Spinoza ist die lebendige Gestaltung von Gerechtigkeit und Nächstenliebe. Wichtig ist hier das Buch Spinozas “Tractatus Theologico-Politicus“, (1670 anonym erschienen).Darin wendet sich Spinoza auch gegen den schlichten Wunderglauben, der da meint: Gott wirke im Ungewohnten und Außergwöhnlichen. Man solle Gott vielmehr suchen in der durchgängigen Gültigkeit der Gesetze der Natur. Jeder Mensch hat das Recht, frei seine eigenen religiösen Überzeugungen zu sagen, diese Freiheit sei die Bedingung für eine staatliche Ordnung.

….Goethe sagte über Spinoza: “Ich fühle mich ihm sehr nahe, obgleich sein Geist viel tiefer und reiner ist als der meinige”.

Der Text des Tractatus von Spinoza ist erreichbar unter: http://www.linke-buecher.de/texte/romane-etc/Spinosa–Theologisch-politische%20Abhandlung.pdf

Die Heimat des Weltbürgers. Ein Text zum Salongespräch am 27.1.2019

Hinweise von Christian Modehn

Das dringende Thema voller offener Fragen

Die Begriffe Heimat – Nation und Weltbürger (Kosmopolit) stehen in einer Spannung zueinander, nicht nur in der politischen Philosophie, sondern in der Existenz des einzelnen. Es kommt heute in der globalen Welt darauf an, eine vernünftige Gestalt des Weltbürgers zu beschreiben und gleichzeitig eine kritische Verbundenheit mit Heimat bzw. Heimaten zu entwerfen. Dabei ist (geographische) Heimat einbezogen in einen Nationalstaat und wiederum in eine übergreifende politisch-ökonomisch-kulturelle Struktur, die EU.

Ausgangspunkt für unser Thema kann nur die kritisch reflektierte Erfahrung gegenwärtiger Politik sein. Und da hat sich in den letzten Jahren eine Metamorphose vollzogen. Man kann sie inhaltlich als bewusste Abkehr von den humanen und demokratischen Werten beschreiben, die noch vor 15 Jahren „eigentlich“ für die allermeisten selbstverständlich waren. Aber die demokratisch Gesinnten waren zu naiv: Unter dem Schein des „Normalen“ schlummerten bei vielen Rassismus, Anti-Humanismus, Nationalismus.

Es gibt also immer mehr eine aggressive Abwehr von Fremden und Flüchtlingen, mit Stacheldraht wie etwa in Ungarn, in den USA, nun auch zusätzlich noch mit Mauern.

Wir leben wieder in einer Zeit, die scharf bewachte Grenzen liebt und aktuell das mögliche Erfrieren von Flüchtlingen in der eisigen Kälte in Serbien einfach so hinnimmt. Hotels für Sommergäste stehen in den griechischen Inseln leer, und vor den Türen erfrieren Flüchtlinge in der Kälte. Und kein Mensch kommt auf die Gedanken, im Rahmen eines „humanitären Notstands“ die Hotelzimmer zwangsweise zu öffnen… Heimatliebe und Privateigentum gehen eben vor. Es gibt eine neue Fixierung auf das Eigene. Die Humanität wird vom Egoismus zerfressen und droht dabei unterzugehen.

Ich fand in der neuesten Broschüre der katholischen Akademie Frankfurt am Main auf Seite 29 angesichts der zunehmenden ungleichen Verteilung von Reichtum ein Zitat des bekannten Theater-Autors Heiner Müller: “Irgendwo werden Leiber zerbrochen, damit ich wohnen kann in meiner Scheiße“, so in dem Theaterstück „Die Hamletmaschine“ von 1977. Ein literarischer Ausdruck für erstarrte Menschlichkeit, für die dialektische Abhängigkeit vom Leiden der fernen Anderen und dem dann doch nicht so erfreulichen Leben in einer materiell gut versorgten Welt. Die katholische Akademie Frankfurt schreibt: „Doch wenigstens diese künstlerische Übermittlung der Wahrheit sollten wir wohl aushalten können. Machen wir uns nichts vor: Genauso wie es der Dramatiker Heiner Müller ausdrückt, ist es“.

Wir müssen uns z.B. angesichts des Trump-Regimes darauf einstellen, dass wir weiterhin mit einer dauerhaften gezielten Sprachverwirrung konfrontiert werden. Man denke etwa an das dort propagierte Wort der „alternativen Tatsachen“ bzw. „alternativen Wahrheit“, also der vom Regime bestimmten Wahrheits-Propaganda als Leugnung der überprüften und überprüfbaren Tatsachen. Erstaunlich und bezeichnend, dass der große Roman „1984“ von George Orwell zur Zeit wieder höchste Auflagen erlebt, nicht nur in den USA.

Heimat braucht Kritik

Der Begriff Heimat, ein typisch deutsches Wort, das immer noch romantische Vorstellungen wachruft. „Am Brunnen vor dem Tore, da steht ein Lindenbaum…“ Der Text des bekannten Liedes von Franz Schubert endet mit einer Verheißung: „Nun bin ich manche Stunde entfernt von jenem Ort und immer hör ich’s rauschen: du fändest Ruhe dort“. Heimat, ein Sehnsuchts-Ort, an dem man Ruhe findet in der „tiefen Nacht“ der fremden Welt. Heimat ist in dem Sinne der vertraute Ort der Geborgenheit, der Familie und der guten Menschen, des Naturerlebens. Heimat ist auch eine überschaubare Region, in der das eigene Leben sinnvoll und lebenswert erscheint. Dies ist ein gutes Recht des Bürgers, sich diese Heimat als Ideal zu wünschen. Unter der Bedingung, dass diese Heimat von den Bürgerrechten und der Demokratie bestimmt ist. Und das ist auch in Deutschland nicht selbstverständlich. Wie viele Flüchtlinge werden in den kleinen Dörfern der Heimatverbundenen schikaniert und bedrängt. Heimatverbundenheit und Respekt der Menschenrechten gehören zusamen. Selbstverständlich haben viele Menschen mehrere „Heimaten“: Etwa die Literatur, die Musik, auch die Religionen, geistige Sphären, in denen man sich, wo auch immer man lebt, wohl fühlt, zuhause fühlt.

Der Nationalstaat und seine Aggressionen

Die geographische Heimat gibt es seit Ende des 18. Jahrhunderts nur als Einbindung in einen Nationalstaat. Der Nationalstaat ist eine moderne Erfindung. Im Nationalstaat werden wir mit bestimmten Bürgerrechten ausgestattet, wir haben etwa Ausweispapiere, sind also nicht staatenlos, „ohne Papiere“, wie man heute in Flüchtlingskreisen sagt. Der Nationalstaat mit der einheitlichen Sprache, der Zentralverwaltung und Verfassung und den festen Grenzen und Grenzkontrollen entwickelt eine Art Sendungsbewusstsein, einen missionarischen Drang. Die „Grande Nation“, Frankreich, hatte diese Mission, sie wirkte sich kolonialistisch aus; die USA hatten und haben eine Mission, weil sie meinen, die freie Welt zu repräsentieren und den eigenen Lebensstil allen anderen aufzudrücken, bis hin zum US Imperialismus.

Der Nationalstaat wird von den Herrschern als bindender Wert für alle Bürger beschworen: Siehe die Hymnen, die Flaggen-Verehrung, die Staatsfeiertage usw. Es wird der Nationalstaat auch emotional als wirksame Ideologie verbreitet, die sich in den Köpfen der Bürger festsetzen soll. Der Nationalstaat braucht als „identischer Ort“ die ideologische Abgrenzung von den anderen, den Fremden. Ich zitiere aus dem Buch „Enzyklopädie Philosophie“, Band II, ein Beitrag von Peter Alter: “Die Nation braucht Feinde, weil das offenbar die Suche nach der eigenen Identität erleichtert“ (S. 1702).

Der Nationalstaat ist nicht nur kriegerisch, er ist imperialistisch und kolonialistisch. Noch die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts war eine Blütezeit der Sklaverei. Trotz einiger Kritik vor allem in England wurden 3,3 Millionen Sklaven noch im 19. Jahrhundert von Afrika über den Atlantik transportiert. (Christopher Baly, Die Geburt der modernen Welt, Frankfurt 2006, Seite 500). Erinnert werden muss an die so genannte „Kongo-Konferenz“ in Berlin 1884-1885, als Europa, auch Deutschland, sich Afrika aufteilte und Kolonien festlegte.

Heute erleben wir ein massives Erstarken des Nationalismus in ganz Europa und in den USA. Man denke an die Sprüche von Mister Trump „America first“ usw. Die AFD und ihr Vorzeigephilosoph Marc Jongen beziehen sich gern auf den jetzt offenbar wieder beliebten Nazi-Vordenker Carl Schmitt. Er hat in seinem Buch „Begriff des Politischen“ (1927) nicht nur die Vernichtungsmaschinerie der NAZIS vorformuliert, er stellt die Vernichtung des Heterogenen, also was nicht in den deutschen Staat passt, heraus. Schmitt hat das Freund-Feind-Schema hochgejubelt; er ist für die Plebiszite als der angemessenen Form der Demokratie eingetreten: „Die Regierten (also die Bewohner) sollten sich mit den Regierenden identifizieren!“ (in: Enzyklopädie Philosophie, II, S. 2090, Beitrag von Werner Goldschmidt). Es ist heute Konsens der Demokraten, dass die AFD “nationalistisch, autoritär und frauenfeindlich” ist, wie es Justizminister Heiko Maas sagte. „Das Programm der rechtspopulistischen Partei ist der Fahrplan in ein anderes Deutschland, in das Deutschland von vorgestern”, schreibt er für SPIEGEL Online.

Heute kommt es darauf an, die Macht selbst eines demokratischen Nationalstaates zu begrenzen und dafür zu sorgen, dass er in über-nationale Zusammenhänge und Staaten-Bündnisse (EU) eingebunden ist. Die Chancen dafür sind im Augenblick nicht gerade verheißungsvoll. Aber: Eines Tages wird es wohl eine friedliche „Nation Europa“ geben, ein Bundesstaat Europa hätte den Nationalismus überwunden.

Europa muss die Weite des freien Geistes, der Aufklärung, wieder als die Grundlage der eigenen Staaten und der vielen europäischen Heimaten erkennen.

Wir brauchen wieder die Philosophie der Aufklärung, wir brauchen den kritischen Geist gegen die Herrschaftsformen, die Ablehnung alles Totalitären in Staat und Kirchen, kurz: wir brauchen wieder mehr KANT.

 Der Weltbürger Kant und der „ewige Friede“

Es ist wichtig, an Immanuel Kant zu erinnern.

Er zeigt sich als Kosmopolit, als ein Philosoph, der die Menschheit wichtiger bewertet als die Bindung an eine Heimatregion. Er entwirft in seiner Schrift „Zum ewigen Frieden“ (von Ende 1795) die Prinzipien einer internationalen Rechts- und Friedensordnung. Nur diese Hinweise:

Kant geht es nicht um den angeblichen Frieden, genannt Waffenstillstand. Er will Frieden auf Dauer, „auf ewig“. Und dies nicht als schönen Traum, über den die Staatsoberhäupter, „die des Krieges nie satt werden können“, so wörtlich, nur lächeln können. Kant ist überzeugt: Ewiger Friede ist langfristig möglich, und er muss auf gesetzliche Weise gestaltet werden. Generell wird der Krieg von ihm geächtet. Aber solange es noch Kriege gibt, muss wenigstens eine auf den Frieden bezogene Reform der Kriegsplanungen stattfinden. Kant plädiert darum in seinen Maximen fürs Abrüsten; es darf keine Staatsschulden geben, die für ihn zur ständigen Aufrüstung führen; es darf kein stehendes Heer geben, das nur zum Wettrüsten führt; man darf sich nicht mit Gewalt in andere Regierungen einmischen, sie sollen sich selbst reformieren. Frieden setzt humanes Vertrauen untereinander voraus und das muss gefördert werden.

Was treibt die Menschen zum globalen Frieden? fragt Kant. Man sollte sie an die Schrecken der Kriege ständig erinnern; die Republik fördern als Mitbestimmung aller, also für die Demokratisierung eintreten. Die Bürger haben aus Liebe zum eigenen Leben kein Interesse an Krieg! Das heißt: Der aufgeklärte, (selbst)kritische Mensch will keinen Krieg. Nur der aufgeklärte Mensch in einer Republik, kann Frieden schaffen.

Das ist der Geist der AUFKLÄRUNG: Die Menschen sollen sich an das erinnern, was sie sein können und tun können, sich nicht auf den Ist-Zustand begrenzen. Wir leben in Zeiten, in denen die angeblich Klugen, die Besserwisser, jegliche positive Entwicklung abweisen, lächerlich machen. Diese Stimmung kann den kritischen Elan der Vernunft einschränken.

Hinter diesem Realismus der Realpolitiker verbirgt sich nur der Machterhalt der eigenen Privilegien. Wer ernsthaft in Deutschland die Rüstungsindustrie als den Kriegs befördernde Industrie nicht einschränkt und verbietet, hat als Politiker bestimmte (materielle) Interessen. Er steht nicht aufseiten des Friedens, sondern der Waffenschmiede. Warum werden solche Politiker nicht befragt und ggf. nicht mehr gewählt?

Kant fordert für das Leben einer sich dem Frieden zuwendenden Welt: Die Menschen können zwischen den Staaten hin und her verkehren; Forscher, Händler, Missionare. Immer aber sollen sie ohne Gewalt in anderen Ländern tätig sein. Im Weltbürgerrecht gibt es das Recht, dass jeder Fremde die Hospitalität, also ein Recht des Besuchens, genießen kann. Jeder kann jedes Land besuchen. Kant spricht also nicht von Gastrecht, also von einer Form des Bleiberechts. Er will nur das Besuchsrecht. Das sagt er im Blick auf die Kolonialherren: Die dürfen sich in fremden Territorien nicht niederlassen, nicht festsetzen. Kant kritisiert die Kolonialpolitik der europäischen Staaten. Die Europäer verstehen das Besuchsrecht in Afrika usw. als Eroberungsrecht. Das ist Missbrauch des Besuchsrechts. Und das muss abgewiesen werden. Darum plädiert er nur für das globale Recht, alle Länder (kurzfristig) zu besuchen.

Kant plädiert bloß für einen eher „locker verbundenen“ Völkerbund, das ist sicher ein Mangel in Kants Überlegungen.

Er sieht, dass seine Idee des Völkerbundes noch keine übergeordnete vereinheitlichende Staatsmacht kennt. Kant kann mit seiner Völkerbundsidee nur hoffen, dass die einzelnen Staaten ihre egoistische Staatsraison zurücknehmen, um des Friedens willen. Es gilt für Kant immer die MORALISCHE Pflicht, den Frieden zu fördern. Das können nur Politiker, die selbst den Prinzipien der Moral (Kategorischer Imperativ) entsprechen.

Was ist kosmopolitisch? Wer ist ein Weltbürger?

Kosmopolitisch leben heißt: Verbundenheit mit einer über alles Nationale hinausgehenden Wirklichkeit, der ganzen Welt prinzipiell. Schon Diogenes von Sinope (323 vor Chr. gestorben), der Kyniker, also der radikale Alternativler in der Antike, sah sich mehr in der Ordnung des Kosmos als in der eigenen Polis verwurzelt. Später hat dann Dante in seinem politiktheoretischen Werk „Monarchia“ von 1316 ein Weltkaiserreich entworfen, in dem die Bürger ihre partikulare Herkunft überwinden und so friedlich miteinander leben können.

Heute sind wir de facto schon immer Weltbürger. Wir sind immer schon hinausgewachsen aus den engen Grenzen von Heimat und Nation, das gilt für den Lebensstil und die Nutzung der Technik, das gilt für die Vernetzung in der Ökonomie.

Der Soziologe Ulrich Beck hat sich in zahlreichen Studien mit dem Kosmopolitismus auseinandergesetzt, für ihn hat er „eine uralte und zukunftsweisende Bedeutung“: Er ist pränational und postnational (S. 24 in: „Das kosmopolitische Europa“, 2007). Das kosmopolitische Projekt ist das Bemühen, „neue demokratische Formen der politischen Herrschaft jenseits der Nationalstaaten zu konzipieren“ (S. 25).

Kosmospolitisch handeln beginnt schon, wenn man in größeren Zusammenhängen, etwa Europas oder der Beziehungen Deutschlands zu Afrika denkt.

Dabei kommt es zuerst darauf an wahrzunehmen, dass wir immer schon in kosmopolitische Zusammenhänge hineingestellt sind:

In der eigenen Nation leben heute Menschen verschiedener Herkunft und verschiedener ursprünglicher Heimaten. In Deutschland sind 20 Prozent aller Mitbürger „anderer Herkunft“, also Immigranten, Gäste, Studenten von weit her, Flüchtlinge usw. Den deutschen Pass haben Menschen, die nicht in Deutschland geboren sind, sie sind Deutsche! Dadurch wird die Form der homogenen Heimat überwunden.

Wir leben längst schon in kosmopolitischen HANDLUNGSRÄUMEN, betont der Soziologe Ulrich Beck. Allein schon in der Lebensgestaltung, in den neuen transnationalen Lebensräumen, sind wir mit der Welt verbunden, oft auf eine bloß äußerliche Art…

ABER: Wir sind, wegen unserer, im übrigen schon gar nicht mehr aufzuhebenden internationalen Bindungen, noch längst nicht Kosmopoliten. Die internationalen Bindungen können auch für die Vorherrschaft der eigenen Nation oder des eigenen Konzerns usw. genutzt werden. Die Zusammenhänge des Welthandels hingegen gerechter zu gestalten, ist eine „Dauerforderung“ des Kosmopoliten. Er muss sich Formen politischen Handels überlegen, um dieses Ziel durchzusetzen.

Zum Kosmopolitischen Leben und dem Weltbürger gehört elementar: Die Anerkennung des anderen Menschen ALS Menschen. „Das Fremde wird nicht als bedrohlich, desintegrierend, fragmentierend erfahren und bewertet, sondern als bereichernd….Wer die Sicht der Anderen im eigenen Lebenszusammenhang integriert, erfährt mehr über sich selbst UND die Anderen“ (Ulrich Beck, a.a.O, S 28). Zum Weltbürger gehört: Die Herrschaft des gerechten Rechts, politische Gleichheit, soziale Gerechtigkeit….

Die politische und ethische Praxis des Weltbürgers

Ein Kosmopolit ist also nicht einfach schon jeder Weltreisende. Weltbürger sein ist zuerst und vor allem eine geistige, politische, vielleicht sogar spirituelle Haltung! Ein Kosmopolit hat Kenntnisse der anderen Kulturen und Nationen. Er kann sich in die Menschen anderer Kulturen hineinversetzen, indem er mindestens die eigenen übliche Sitten und Gebräuche relativiert.

Ein Kosmopolit schätzt den anderen und die anderen, die Fremden und Befremdlichen, als gleichberechtigte menschliche Wesen. Ein Kosmopolit will die anderen als andere. Das ist kein romantisches Gefühl, in dem man sich unter Tränen der Rührung der eigenen Großzügigkeit erfreut. Den anderen und die anderen weltweit prinzipiell als Menschen anzuerkennen, hat rechtliche Konsequenzen.

Ein Beispiel: Wer etwa in seiner Heimat, seinem Nationalstaat Deutschland, gut lebt, hoffentlich aufgrund gerechter Wirtschaftsbeziehungen, und wer dieses gute Leben für sich beansprucht, muss sich sagen: Ich kann nur frei sein (also gut leben, Freiheit ist die unverzichtbare Basis dafür), wenn auch die anderen frei leben können, also gut leben können. Und zwar letztlich „alle anderen“!

Kosmopolitisches Leben hat heute vor allem angesichts der katastrophalen ungleichen Verteilung der Güter und der Einkommen Auswirkungen, es geht um den Aufbau gerechter Gesellschaften innerhalb der einen Weltgemeinschaft.

Es geht dann auch um den Willen, einen eigenen Beitrag zu leisten für den Aufbau einer gerechten Weltordnung, und das ist eine Weltgesellschaft, in der alle Menschen menschlich leben können, also gesund, gebildet, mit wirklichem Wohnraum, in demokratischer Ordnung.

Zu dem Eintreten für internationale Solidarität (als Ausdruck der weltbürgerlichen Existenz und vor allem als Ausdruck dafür, dass wir alle einer Menschheit angehören) eine Erinnerung:

In einer nüchternen philosophischen Betrachtung kann man sich auf die Weisheitssprüche des Neuen Testaments beziehen: Denken Sie etwa an das Wort Jesu bzw. schon der hebräischen Bibel: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“. Mit dem „Nächsten“ ist der andere Mensch gemeint, auch der in der weiten Ferne lebende andere.

Jesus spricht auch vom Barmherzigen Samariter, das Lukasevangelium im 10. Kapitel erzählt davon. Jesus verwendet das Gleichnis vom hilfsbereiten Samariter, als Beispiel, um die Frage zu illustrieren: Wer ist denn mein Nächster? Ich will hier nur aufmerksam machen, dass der barmherzige Samariter tatsächlich schon strukturelle Hilfe leistet: Er pflegt nicht nur die Wunden des Verletzten, er bringt ihn eine Herberge , bleibt bei ihm und bezahlt den weiteren Aufenthalt des Verletzten.

Stefan Gosepath, Philosoph in der FU, meint: Es gibt eine HILFSPFLICHT: Die unmittelbare Not eines anderen Menschen verpflichtet mich zu helfen, und zwar gilt diese Pflicht für nahe Menschen vor unseren Augen wie für Menschen in der weiten Ferne. Die Hilfspflicht geht von der Einsicht aus: Ich will, dass man mir in meiner Not tatsächlich hilft. Ich kann es nicht ertragen, wenn man mir in meiner Not nicht hilft. Daraus folgt: Auf Hilfe hat prinzipiell jeder Mensch als Mensch Anspruch, gerade dann, wenn er in einem Umfeld lebt, in dem humane Strukturen wenig ausgebaut sind.

Der Weltbürger sucht sich Kontakte, Partner, weltweit

Man kann wohl als einzelner Weltbürger hier nicht die Lebenssituation aller Menschen in Afrika oder wenigstens in einem Land zum Positiven verändern. Aber der deutsche Weltbürger kann sich sagen: Auch die fernen Leidenden, sagen wir in Bangui, Zentralafrikanische Republik, haben Anspruch darauf, ein menschenwürdiges Leben zu führen. Es ist doch seltsam, dass dort wie fast überall in Afrika die wenigsten Menschen z.B. Zugang zu sauberem Trinkwasser haben, aber smartphones besitzen, auf denen sie den Luxus der Europäer der einstigen Kolonialherren, sehen und bewundern…

Der Kosmopolit, der Weltbürger, ist der sich ständig fortbildende Bürger. Er sucht, wenn möglich, persönliche Beziehungen zu Menschen in der „Ferne“, etwa in Afrika oder Lateinamerika..

Über den kleinen Horizont der Heimat und Nation muss jeder hinausschauen … und wahrnehmen: Es sind die von den reichen Nationen dominierten ökonomischen Strukturen, die das Leben der Armen – weltweit – behindern. Und in Afrika und Lateinamerika leben überwiegend „arm gemachte Menschen“. Diese ökonomischen Strukturen muss der Weltbürger öffentlich machen und freilegen. Und sich NGOs anschließen, die diese ökonomische Allmacht gewisser transnationaler Konzerne kritisieren, sich mit dem „transfairen Handel“ befassen usw… Es gibt also „Pflichten“ des Weltbürgers! Und es gibt Pflichten, sich zu informieren: Was die eigene persönliche Gesundheit angeht, informieren wir uns pflichtgemäß über Nebenwirkungen der Medikamente usw. Wir müssen uns auch informieren, unter welchen antihumanen Bedingungen Menschen in Afrika (vor allem Kinder) dafür sorgen, dass wir modernste (Elektro)Geräte in Europa und Amerika verwenden können.  Lesen Sie dazu den aktuellen Beitrag des Geographen Michael Reckordt in der SZ, klicken Sie hier.

Zu den Grenzen von bloßer Toleranz und dem „Multi-Kulti“

Weltbürgersein erschöpft sich NICHT in Toleranz: Toleranz bedeutet bekanntlich: Ich ertrage jemanden, dessen bestimmte Eigenarten ich eigentlich nicht mag, den ich aber aus gesetzlichen Gründen nicht aus meiner Heimat vertreiben kann; mit dem ich mich also arrangieren muss. Das ist eine ganz schwache Form des Miteinanders oder besser Nebeneinanders.

Hingegen: Weltbürgersein heißt: Der Weltbürger respektiert und schätzt die einzelnen Individuen, aber er liebt in ihnen auch die Menschheit, das Gemeinsame, das uns alle verbindet. Darum gilt: In jedem einzelnen leuchtet die einmalige Individualität auf und die allen gemeinsame Menschheit.

Die Frage ist, ob eine neue weltbürgerliche Welt-Gesellschaft ohne Formen der Veränderung des eigenen Lebensstandards hierzulande und bei den so genannten Eliten in den armen Staaten gelingen kann. Das Wort Verzicht hatte noch nie einen guten Klang, es wirkt altmodisch und zu spirituell. Aber wird ohne Verzicht bestimmter Kreise, auch mit Umverteilung des Reichtums, die Krise überstanden werden? Dabei ist es selbstverständlich, dass ein Millionär anders verzichten muss als ein Mensch aus dem Mittelstand. Mit anderen Worten: Ohne eine Neuordnung des Besitzes, etwa durch Steuern auf Vermögen und Erbschaft, wird eine weltbürgerliche Ordnung, die den Namen verdient, kaum realisierbar sein.

Auch der Begriff des „Multi-Kulti“ ist kritisch zu sehen: Er unterstellt die Anwesenheit vieler verschiedener Kulturen, die aber gerade nebeneinander leben und sich nur präsentieren, etwa bei einem Karneval der Kulturen. Die anderen können sich in ihrem eigenen, abgegrenzten Bereich austoben, ihre separate Kultur pflegen und sie mir in einer Show, Karneval der Kulturen etwa, zeigen. Aber es ist exotischer, ferner Charme, der sich da zeigt, der mich nichts angeht. Der Kosmopolit ist nicht in erster Linie ein Ästhet, sondern ein politischer Ethiker der Verbundenheit unter Gleichberechtigten!

Das Nebeneinander des Multikulturellen (in England etwa Kommunitarismus) sollte durch weltbürgerliches Miteinander über werden.

Die Überwindung der skandalösen Verteilung von Reichtum: Eine Aufgabe des Weltbürgers

Nur Zur Erinnerung: Acht Multimilliardäre besitzen ebenso viel an Vermögen wie die Hälfte der Weltbevölkerung. … Lauf Oxfam besitzt das reichste eine Prozent der Weltbevölkerung weit mehr als die restlichen 99 Prozent der Weltbevölkerung. Was folgt daraus für aufgeklärte Menschen: Es muss eine Umverteilung von Arbeit, Einkommen und Vermögen stattfinden. Die dumme und längst auch widerlegte Glaubenshaltung einiger Ökonomen, denen sich auch Mister Trump angeschlossen hat, heißt: „Der Markt richtet alles zum Guten, was den Reichen und Superreichen nutzt, wird am Ende allen nützen,“. Weil der Reichtum dann von oben, von den Milliardären, nach unten, zu den kleinen Leuten wie von selbst fließt. Dieser Glaubenssatz ist falsch, hat sich als dreiste Lüge erwiesen. Es muss auch darüber nachgedacht werden, in welcher Weise, nach demokratischen Regeln, Milliardäre enteignet werden zugunsten des Überlebens der vielen Millionen Hungernder.

Der kosmopolitisch Religiöse und der kosmopolitische Humanist

Zum Schluss nur der Hinweis, der später vertieft werden muss: Auch Religionen und Philosophien werden weltbürgerlich. Ich kann nicht mehr nur Christ sein, ich lerne – auch inhaltlich, von den Weisheiten anderer Religionen, verbinde mehrere Traditonen, werde also in gewisser Weise „multireligiös“. Auch Humanisten können nicht bloß europäisch-fixiert sein, sie lernen von nicht-europäischen Humanismen und (warum nicht auch religiösen) Weisheitslehren. Viele Religionen sind noch nationalistisch geprägt, sie leben in verengten Horizonten, spiegeln eher das Nationale und das Heimatliche als die Weite des Spirituellen, das überall lebt und überall anregend und aufregend ist.

Diese Hinweise sind nicht mehr als eine Einladung zum Gespräch und zum weiteren Nachdenken. Die Befreiung aus den starren emotionalen und rationalen Bindungen ans Heimatliche, Nationale und Nationalistische wird wohl dem einzelnen als einzelnen nicht so einfach gelingen. Darum: Die schrittweise Befreiung hin zum Weltbürger bedarf der Gesprächs- und Lerngemeinschaften, die wenigstens partiell auch politisch handeln, im Sinne des Kosmopolitischen. Solche Lern – und Lebensgemeinschaften (eigentlich sollten das christliche Gemeinden auch sein, aber die sind fixiert auf Fromme und Dogmatische und Traditionelle) sind förmlich ein „Gebot der Stunde“. Vielleicht wird die Philosophie noch einmal auch in der Hinsicht etwas belebend?

 Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

 

 

 

Trump und der Roman “1984”: Dichtung wird Wahrheit?

Ein Hinweis von Christian Modehn.

In den Kommentaren zum Umgang der Trump-Administration mit Fakten wird immer häufiger auf den berühmten Roman „1984“ verwiesen. Es ist gut, sich erneut an den Roman von George Orwell zu erinnern:

Der Roman „1984“ erschien 1949. Er ist wieder ein Bestseller seit dem Regierungsantritt von Trump.

Der Roman 1984 zeigt eine gespaltene Welt, in der Kriege geführt werden, nur um die Gewalt im eigenen Machtbereich zu kaschieren. Das Ziel der Regierung etwa in London ist die totale Auslöschung des individuellen Bewusstseins. Die Partei befiehlt neue Wahrheiten: „Krieg ist Frieden. Freiheit ist Sklaverei. Unwissenheit ist Stärke“. In dieser totalitären Welt gibt es keine Tatsachen mehr, keine historische Faktizität. Im „Wahrheitsministerium“ wird die Wahrheit vom Staat stets neu geschrieben. Wahrheit und Lüge haben die gleiche Wertigkeit. Am schlimmsten sind die „Gedankenverbrechen“, also wenn Menschen unabhängig zu denken. Dann gibt es nur die Zerstörung des Menschen durch eine perfekte Staatsmaschinerie. Soweit einige Hinweise zum Roman.

Dazu aktuelle Information aus dem TRUMP- Land:

Trump hat mit seinen facebok- und Twitter Accounts ein persönliches Netzwerk voller Fakes aufgebaut. Und Stephen Bannon ist sein oberster Stratege, er arbeitete für das Hetzblatt „Breitbart“.

In Umfragen und Studien lässt die Begeisterung für die Demokratie in den USA schon ständig nach. Darauf kann Trump indirekt und direkt zustimmend reagieren.

„Gottlob sind die USA weder die Weimarer Republik noch Italien in den 20er Jahren“, schreibt der „New Yorker“, die Wirtschaft sei stabil und wachse. Trump sei weder Adolf Hitler noch Benito Mussolini. „Aber er ist Trump, und das ist eine echte Gefahr.“ Die Argumente: Trump habe keinerlei Respekt vor der Demokratie und der Verfassung. Er präsentiere sich als starker Alleinherrscher. Er respektiere keinerlei Normen. Er lasse sich von Ultrarechten und Antisemiten unterstützen. Er rede rassistischen Methoden der Polizei das Wort. Er hetze gegen Minderheiten. Er schüre Angst. Und er verachte Medien und Journalisten zutiefst: „Die niedrigste Form menschlichen Lebens“, so nannte er sie im Augus 2016t. (Quelle: Stuttgarter Zeitung, 29. Dez. 2016)

Viel beachtet legte Professor Jeff Colgan von der Brown University eine Liste mit zehn Anzeichen einer demokratischen Erosion vor. Mit allem Vorbehalt formuliert, finden sich auch dort die Ausschaltung oder Missachtung von Medien, eine Dämonisierung der Opposition oder ihrer Anführer, Angriffe auf Minderheiten, das Benennen von Sündenböcken und die scharfe Betonung der inneren Sicherheit.

Colgan: „Alle daraufhin ergriffenen Maßnahmen werden mit der Überbetonung eines angeblichen Notstandes entschuldigt, begleitet von offenem Nationalismus und wachsender Polarisierung.“ Das findet sich bei Trump eins zu eins, man kann nicht sagen, dass er das im Wahlkampf sorgfältig versteckt hätte.

Die große Gefahr für die USA, meint Colgan, liege aber nicht in einer rapiden Änderung über Nacht. Sondern in einem schleichenden, fast unmerklichen, zersetzenden Prozess, von dem die Herrschenden mit aller Macht abzulenken versuchten.

Wie Autokraten durch die Kontrolle von Information überleben, hat George Orwell schon in seinem Roman „1984“ beschrieben. „Wer sich damit auskennt, wie Gesellschaften zerfallen und wie Diktaturen entstehen, weiß, dass dafür das Strangulieren einer freien Presse ein Schlüsselfaktor ist“, schrieb die Schriftstellerin Rebecca Solnit nun für den „Guardian“.

Die Neue Züricher Zeitung schreibt:

Der neue Sprecher des Weißen Hauses, Sean Spicer, beschränkte seinen ersten Auftritt am Samstag ebenfalls auf eine Medienschelte, über weite Teile zum gleichen Thema. Fragen akzeptierte er keine.

Spicer ist kein Neuling aus dem Umfeld von Trumps Unternehmen, sondern war ab 2011 Kommunikationschef der republikanischen Parteiführung. Das hinderte ihn nicht, entgegen aller Vernunft und allen Beweisen zu behaupten, die Zuschauerzahl – sowohl in Washington als auch am Fernsehen – sei bei Trumps Vereidigung größer gewesen als je zuvor. Erfasst werden kann das nur noch in Kategorien von George Orwells Doppeldenk aus dem Roman ‘1984’

Quelle: http://www.salzburg24.at/pressestimmen-zur-amtseinfuehrung-von-us-praesident-trump/4937880)

Elmar Schenkel, Literaturwissenschaftler, schreibt: “Es ist unheimlich, wenn man den Roman 1984 wieder in die Hand nimmt. […] Das Weltbild wird geschnitten, zensiert, selektiert usw. Fakten werden verändert. Das ist absolut der Vorgang, mit dem wir jetzt allmählich vertraut gemacht werden in der Wirklichkeit. Das ist unheimlich, wie Literatur zu Wirklichkeit wird”….

“Und wir alle sind willig, wir wollen das (Überprüftwerden). Das ist der Unterschied zu Orwell, dass wir nicht gezwungen werden, sondern wir wollen uns mitteilen über Facebook, über Fotos, unsere Lebensläufe. Wir wollen gesehen werden. Das ist auch freiwilliges Aufgehen in diesem Totalstaat”.

Elmar Schenkel. Er ist Literaturwissenschaftler quelle: http://www.mdr.de/kultur/themen/george-orwell-neunzehnvierundachtzig-100.html

 

Copyright: Religionsphilosophischer Salon Berlin

Immanuel Kant stirbt nicht: Hinweise anläßlich seines Todestages

Immanuel Kant ist 12. Februar 1804 in Königsberg gestorben. Seine Mitbürger wussten genau, dass nun einer der wichtigsten Denker überhaupt nur noch durch seine seine Büchern weiterlebt. “Er war als Sohn eines armen Handwerkers (am 22.4.1724) geboren worden und wurde wie ein König begraben. Alle Glocken der Stadt läuteten. Der Verkehr stand still, und der Menschenstrom, der dem Sarg folgte, schien nicht abzubrechen”, schreibt Manfred Geier in “Aufklärung. Das europäische Projekt”, S. 291. Und er zitiert Karl Popper: Diese große Anteilnahme  zeigt: “Kant war für seine Mitbüger zu einem Symbol der Ideen der amerikanischen und französischen Revolution geworden; sie wollten Kant danken als einem Lehrer und Verkünder der Menschenrechte, der Gleichheit vor dem Gesetz, des Weltbürgertums, der Selbstbefreiung durch Wissen und des ewigen Friedens auf Erden” (ebd.)

Nicht nur die Philosophien, auch heute, brauchen Kant. Sein Denken klärt und vertieft und inspiriert die ethischen, religiösen und politischen Überzeugungen vieler Menschen weltweit. Man darf wohl sagen: Kant lebt. Er hilft immer noch den eigenen Geist von religiösen Vorurteilen zu befreien, er hilft, die ethische Praxis zu reflektieren: Zum Beispiel: Wenn Menschen Böses tun, so hat dies nichts mit dem theologischen Konstrukt der Erbsünde zu tun: Sie erlauben sich vielmehr in ihrer Freiheit, für sich eine Ausnahme im Respekt des Gesetzes zu machen; sie belügen sich hinsichtlich der eigenen Sonderrolle. Der “faule Fleck” im Menschen ist das menschliche Vermögen, sich selbst zu belügen. Das “moralische Gesetz in mir” beschreibt  den absoluten Wert des Menschen. Aus dem Respekt vor dem moralischen Gesetz entsteht die Selbstachtung. Moralisches Verhalten (nicht: legales Verhalten) ist das Entsprechen des moralischen Gesetzes IN MIR, nicht irgendeines kirchlichen oder göttlichen oder weltlichen Gesetzes “von außen”. Also: Zuerst kommt die Moral, danach kann sich ein vernünftiger Glaube entwickeln. Religion (bzw. religiöse Institution) darf niemals die Moral bestimmen, sie wäre ein Gesetz, das fremd von außen zum Menschen spricht.

Wer das Böse verstehen will, muss die menschliche Freiheit verstehen. Sie allein führt zu dem Willen, Böses zu tun. Aber würde der Mensch immer nur Gutes tun, wäre er nicht mehr frei. Die Diskussionen über Ausmaß und Qualität des Bösen sind Diskussionen über Ausmaß und Qualität der Freiheit, nicht einer irgendwie “dem” Menschen anheftenden Erbsünde. Diese ist ein Konstrukt, von Kirchenlehrern (Augustinus) erfunden, um die heilsnotwendige Rolle der Kirche zu etablieren (“die Taufe allein befreit von der Erbsünde…”)

 

Wer sich abschottet, der stirbt. Zum “Philosophie Magazin”, Ausgabe Februar-März 2017

Ein Hinweis von Christian Modehn

Wer heute für eine immer größere Abschottung und Abgrenzung von „den anderen“, den „Fremden“, eintritt, schließt sich selbst ein, begibt sich in einen Raum, in dem es auf Dauer nichts mehr zu atmen gibt: Weil die anregende frische Luft fehlt, die es nur im Austausch, also in der Offenheit gibt. Wolfram Eilenberger, der Chefredakteur des „Philosophie Magazin“, bringt diese Erkenntnis auf den Punkt: „Nur wer offen ist, kann dicht bleiben“ (Seite 3). Diese „Mitte“ zwischen Offenheit und Abgrenzung erst formt die eigene Identität; diese Mitte ist je neu in unterschiedlichen Situationen zu finden. Jede Selbstbegrenzung ist allerdings immer schon – zumindest geistig – über die eigenen Grenzen hinaus, also auf die anderen bezogen. Abschottung, Nationalismus usw. sind ein Selbst-Widerspruch, und somit Unsinn.

Aber wie das so ist mit den philosophischen Erkenntnissen: Sie können als Maxime der eigenen Lebenshaltung nur dargestellt und empfohlen, nicht aber politisch durchgesetzt werden. Gegen bornierte Dummheit, als bequemer Gehorsam gegenüber populistischen Sprüchen der Politiker, hat Philosophie nur die Macht des Arguments und des Dialogs. Wer sich heute mit den sehr rechtslastigen Freunden der Abgrenzung, die sich etwa auch „Identitäre“ nennen, auseinandersetzt, der erlebt einmal mehr die politisch-praktische Schwäche des Denkens, der Philosophie. Vielleicht sollte sie sich mit Künstlern verbinden und verbünden: Der radikale demokratische Aktionskünstler Pjotr Pawlenski, Russland kritisiert den Wahn des Putin-Regimes mit dem schmerzhaften Einsatz seines eigenen Körpers (bis hin zum Zunähen der eigenen Lippen). Über ihn wird im „Philosophie Magazin“ berichtet.

Die Februar Ausgabe (2017) des inzwischen vielfach geschätzten philosophischen Magazins kann, wie immer bei der Philosophie, dem Leser, der Leserin, nur zu denken geben. Und das ist viel. Philosophie kann die üblichen Begriffe stören und den angeblichen gesunden „Verstand des Volkes“ bloßstellen. Nur so können Neu-Orientierungen beginnen. Und dazu bietet das neue Heft ein weites Feld fürs eigene Nachdenken: Sind die ganz großen Pop-Diven die letzten mythischen Lebewesen? Sind Björk, Adele, Beyoncé und die anderen etwa die Göttinnen der (angeblich) säkularen Welt? Kann die so vielfach geliebte japanische Cyber-Celebrity Hatsune Miko die japanische, zenbuddhistisch inspirierte Spiritualität neu beleben? Dass alles Illusion ist, das alles Leibliche und Greifbare, also Menschliches vergeht? Dieses Thema, die neuen Götter und Engel, die sich in der POP-Szene tummeln, könnte weiter ausgebreitet werden: Sind die säkularen Menschen also doch irgendwie (noch) fromm, brauchen sie HalbgöttInnen und Schutzpatroninnen (wie Beyoncé)? Können diese mythische und göttliche Rolle nur Frauen übernehmen? Ist die klassische, männlich geprägte Religion irgendwie dann doch am Ende, trotz oder besser wegen der aggressivsten Männlichkeit, etwa in fundamentalistisch islamistischen Kreisen? Wenn man Göttinnen (des Pop) erzeugen kann, darf man dann auch menschliches Leben künstlich erzeugen, wird gleich im Anschluss im Heft gefragt. Ist das menschliche Leben ein „Designobjekt“ (S. 36) ?

Angesichts der bevorstehenden Wahlen in Frankreich (im Mai ) ist die Reportage über die französisch-israelische Soziologin Eva Illouz besonders interessant: Sie besucht die Stadt Sarcelles in der Nähe von Paris; dort hat sie als Jugendliche gelebt, dort gab es immer wieder Auseinandersetzungen zwischen Juden und Muslims. Heute werde dort der Schein des guten Zusammenlebens aufrecht erhalten, meint Frau Illouz: Religiöse Juden und religiöse Muslime sind vereint in der Ablehnung des Laizismus, der als Trennung von Religionen und Staat immer noch ein entscheidendes (und in unserer Sicht richtiges) kulturelles und religiöses Merkmal Frankreichs ist. Beim Kampf (Demonstrationen und Polemiken) gegen die „Ehe für alle“ waren religiöse Führer aller Religionen (bis auf Protestanten, also Reformierte und Lutheraner) ökumenisch vereint.

Die Ehe für alle ist dann – Gott sei dank – doch Gesetz geworden. Für die konservativen Religionen, auch in Deutschland, ist das Thema allerdings nicht beendet….

Im offensichtlichen Sinne philosophisch sind die Beiträge über Epikur, da breitet Pierre Vesperini, Experte für antike Philosophie, die These aus: Epikur habe in seinem berühmten Garten so etwas wie einen religiösen Verein geleitet; eine These, der im Heft auch widersprochen wird. Dabei spricht vieles für die These des Philosophen Pierre Vesperini, Epikur habe wie die anderen großen Philosophen in Athen eine spirituelle Schule geleitet und sich selbst als religiösen Meister gesehen. Die religiöse Bedeutung der antiken Philosophieschulen hat ja auch Pierre Hadot in seinem umfangreichen Werk hervorgehoben, er ist sicher einer der besten Kenner. Etwa wenn er von den religiösen Exerzitien und geistlichen Übungen im Umfeld der griechischen Philosophen spricht. Der Beitrag verführt dazu, die Verbindungen der frühen Kirche mit der griechischen Philosophie weiter zu studieren: Etwa: Der Apostel Paulus hat in Athen den Dialog mit Philosophen auf dem Areopag gesucht, und in ihrem Sinne (so berichtet die Apostelgeschichte) allen Ernstes betont: „Da wir Menschen nun göttlichen Geschlechts sind…“ eine Formulierung, die auch an Epikur und andere erinnert. In der Theologie und der Philosophie ist leider auch die Tatsache der praktischen Hilfsbereitschaft der Philosophen für die frühe Kirche vergessen: Paulus hat nämlich in Ephesus zwei Jahre Unterkunft bei dem Philosophen Tyrannus gefunden und in dessen Schule gepredigt (!), weil der Apostel in der Synagoge nicht mehr reden konnte und wollte… (APG., 19, 8 ff.)

Erfreulich und inspirierend ist weiter, dass ein Interview mit dem umfangreichen Werk des Philosophen Hermann Schmitz (Kiel) bekannt macht: Schmitz ist der Begründer der „neuen Phänomenologie“: Sie will die Vielfalt subjektiver Erlebnisse, vor allem die unwillkürlichen Lebenserfahrungen, zur Sprache bringen und kritisch untersuchen, ein bislang oft übersehenes, schwieriges Unternehmen.

…..diese wenigen Hinweise können zeigen: Es lohnt sich wieder, das Philosophie Magazin zu lesen.

www. philomag.de

Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon, Berlin

 

Zygmunt Bauman: Gegen die Propaganda von Angst und Panikmache.

Ein Hinweis von Christian Modehn

Professor Zygmunt Bauman, 1925 in Posen geboren, ist am 9. Januar 2017 in Leeds, England, gestorben. Viele werden sein umfangreiches Werk kennen und schätzen, es kann als soziologisch begründete, stets auch philosophisch interessierte Zeitdiagnose gelesen werden. Bauman sei ein „jüdischer Kosmopolit“, hatte 2014 noch Ulrich Beck treffend bemerkt.

Leider sind in Deutschland Baumans Bücher aus dem Jahr 2015 über Gott und die Menschen kaum bekannt: Zygmunt Bauman hat sich darin auf einen Dialog mit Stanislaw Obirek eingelassen, dem heute vor allem in Polen bekannten katholischen Dissidenten: Er war (als Kritiker der polnischen Kirchenmacht) bis 2006 Jesuit und ist jetzt Universitätsprofessor in Warschau. Ein Buch hat den Titel: „Of God and Man“, das andere „On the World and Ourselves“, beide sind in Cambridge, Polity Press, erschienen als Übersetzungen aus dem Polnischen. Beide Autoren entwickeln in dem Buch „Of God and Man“ ihre gemeinsame Position des Agnostizismus, als einer „Antithese zum Monotheismus und einer abgeschlossenen Kirche(nlehre)“. Sie sehen den Agnostizismus als Weg der Befreiung von einem blinden und arroganten Wissen zu einer eher zurückhaltenden Position des Zeugnisses von der Vielfalt menschlicher Wahrheiten.(„paths from the blind arrogance of the possessor of a single truth to the restraint of a witness to multiple human truths“…(2). Diese Haltung schließt nicht aus, dass auch das Wissen und die Weisheiten der alten Religionen inspirierend sein können in einer sich „säkular“ nennenden Gesellschaft. Lediglich der religiöse Fundamentalismus (auch in der polnisch-katholischen Form) wird zurückgewiesen. Beide Bücher sind ursprünglich für ein polnisches Publikum verfasst worden. Sie haben große Bedeutung auch angesichts der offenkundigen Krise bzw. der latenten Abschaffung der polnischen Demokratie, verursacht von der sich allmächtig fühlenden reaktionär-katholischen PIS-Regierung.

In philosophischer Hinsicht sind viele Themen Baumans bleibend aktuell, seine zentralen fragen: Wie destruktiv ist die Ratio der Aufklärung (im Blick auf den Holocaust)? Wie begegnen die westlichen Gesellschaften dem Zusammenbruch der alten rationalen Ordnungen? In wiefern ist die Moderne flüchtig, zerbrechlich, verschwimmend? Wo zeigt sich ein Halt in dieser Situation? Gibt es überhaupt noch eine Sprache, gibt es Begriffe, für diese neue Situation des globalen Wandels?

Ulrich Beck hat darauf hingewiesen, wie auch zentrale Begriffe Baumans zu weiterer (philosophischer) Reflexion auffordern: Etwa das Wort Überleben. Gemeint ist: Wenn ich überleben kann und darf, wurde ich aus einer größeren Gruppe von Todeskandidaten ausgesondert. Überleben hat also auch mit Selektion zu tun. Nur der Stärkere überlebt. Sind das Erkenntnisse, die auch in der Debatte über Flüchtlinge eine Rolle spielen? Auch viele Menschen in den westlichen Gesellschaften haben –etwa angesichts der vom Neoliberalismus bzw. Neo-Kapitalismus verursachten Krisen – die Überzeugung, physisch und psychisch nur noch zu „überleben“. Von einer eigenen, freien autonomen Lebens-Führung kann bei vielen Menschen selbst in der westlichen Welt keine Rede mehr sein.

Wichtig bleiben Baumans Überlegungen zu dem Trend, sich wieder in die eigene Nation abzukapseln: In seinem Buch „Flüchtige Moderne“ (Suhrkamp 2003) ist vor allem das Kapitel „Gemeinschaft“ wichtig. Nationalismus, so Bauman, lebt grundlegend vom Hass auf die anderen. Man will als Nationalist (Patriot) den eigenen Staat und damit das eng umgrenzt Eigene ausleben und feiern. Man fühlt sich nur noch in der Runde der mit mir Identischen, der Patrioten, wohl. Nur mit diesen Menschen will man verbunden sein, so entstehen Abneigung und Hass auf alle „Andersartigen“. Der Kommunitarismus wird aktiviert jetzt z.B. in Ungarn oder Polen,in Frankreich finden die nationalistischen Sprüche wie „La France d abord“ immer mehr Zustimmung. Mister Trump will die USA am liebsten einmauern als Lebensraum für die „richtigen Amerikaner“, die so weiß und christlich bzw. unchristlich wie er selbst sind. Für Baumann ist klar: Die Fixierung auf die vertraute, Fremde ausschließende Gemeinschaft führt zu einer gefährlichen „Verengung“ des ganzen Lebens, die sich in Aggressionen gegenüber den anderen nicht nur an der Grenze des Eigenen entlädt.

„Die Angst vor den anderen“ ist eines der letzten Essays von Zygmunt Bauman, bei Suhrkamp 2016 erschienen. Es zeigt, dass die europäischen Regierungschefs sich längst an die politische Lösung des ungarischen Nationalisten und Ministerpräsidenten Orban halten: Die Grenzen für Flüchtlinge zu schließen, auch durch den Einsatz von hohen Stacheldrahtzäunen. Bauman zitiert einen Artikel in der NYTimes vom 21. 12. 2015 an, der zeigt: Dass sich europäische Staatschefs „wenn auch nicht im selben hässlichen Tonfall an Orbans Politik angeschlossen haben“. Aber: „Diese Europäer verstecken ihre Botschaft feige oder scheinheilig hinter dem Schleier eines politisch korrekten Vokabulars“: Sie wollen als angeblich gute Europäer, aber sich oft versteckt gebende Nationalisten unbedingt die „Kontrolle über die Außengrenzen des Kontinents wiedergewinnen“: Dahinter stecke, so Bauman mit Michel Agier (einem der kenntnisreichsten Erforscher der mehr als 2000 Millionen Migranten) die Vorstellung, eine „Aufteilung der Welt in zwei große Weltteile (zu verfestigen): Auf der einen Seite eine saubere, gesunde und sichtbare Welt; auf der anderen Seite die Welt des dunklen, kranken und unsichtbaren Rests…. Flüchtlings-Lager werden nicht mehr dazu dienen, wehrlose Flüchtlinge am Leben zu erhalten, sondern unerwünschte Menschengruppen jeglicher Art zu parken und unter Bewachung zu halten“ (S. 88). Mit anderen Worten: Die Flüchtlingspolitik der zudem angeblich so christlichen und kirchlichen Europäer führt zur Sichtbarkeit eines (lange schon lebhaften) globalen Rassismus. Die Einwanderung, auch von Flüchtlingen, wird nicht mehr als positive, auch ökonomisch positive Entwicklung gesehen. Die Tatsache, dass einige Terroristen unter den vielen tausend Flüchtlingen sind, wird auch von den Medien, die darin den Politikern folgen, so sehr in den Mittelpunkt aller politischen Überlegungen und Entscheidungen gestellt, dass der Eindruck entstehen soll: Flüchtlinge sind a priori nur gefährlich, tendenziell gewalttätig. Wenn dieser falsche Eindruck weiterhin von führenden Politikern auch in Deutschland propagiert wird, weil sie sich der angeblichen Volksstimmung anpassen (ihrer eigenen Politiker Karriere willen), wird nur das Ziel des so genannten Islamischen Staates betrieben: Das Ziel ist: Angst zu schüren, Nationalismus zu fördern, die Gesellschaft im Westen zu spalten. Politiker, die heute Flüchtlinge nur als Gefahr ansehen, betreibe sozusagen in gewisser Weise unbewusst das Geschäft des so genannten IS. Können Argumente, können Gespräche, noch die Vernunft fördern, die darin besteht: Die Flüchtlinge als Chance zu sehen und in den Herkunftsländern tatsächlich für eine Verbesserung der politischen und ökonomischen Verhältnisse zu sorgen sowie hier die bestehenden (!) Gesetze zur Abwehr von Terroristen europäisch koordiniert anzuwenden. Momentan aber wird angesichts des Terrors weitgehend bewusst eingesetzte Panikmache betrieben. Und wie mit Selbstverständlichkeit wird der Wahn verbreitet: Sicherheit sei für den Menschen und die Gesellschaft immer wichtiger als individuelle und gesellschaftliche Freiheit. Wenn die Freiheit der Sicherheit geopfert wird, gibt es keine umfassend menschlichen Wesen mehr, für die die Sicherheit noch relevant sein könnte. Unfreie Menschen leben nicht mehr im emphatischen Sinne; sie überleben bloß noch, aber sicher. Bloß wozu noch? Um den autoritären Staaten und ihren autoritären Regierungen zu dienen.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.