Für eine weltliche Religiosität: Zur Spiritualität von Umberto Eco

Für eine weltliche Religiosität: Zur Spiritualität von Umberto Eco

Ein Hinweis von Christian Modehn

Er hat sich in seinem großen Roman „Der Name der Rose“ als bester Kenner der mittelalterlichen (und sicher nicht nur der mittelalterlichen) Kloster-Welt gezeigt. Das verwundert nicht, hat doch Umberto Eco z.B. seine philosophische Dissertation über das Denken des Dominikanermönchs (und bis heute berühmten Theologen und Philosophen) Thomas von Aquino (1225-1274) verfasst.

Über die Spiritualität bzw. den Glauben Umberto Ecos ist nach meinem Eindruck auf Deutsch nicht viel publiziert worden.

Eco berichtet, dass er bis zu seinem 22. Lebensjahr („da kam der Bruch“) sehr stark auch innerlich vom Katholizismus geprägt war, er hat sich zu seiner agnostischen Haltung durchgerungen, „erkämpft“ wie er sagt. Die alte katholische Welt sei er aber nicht losgeworden, wie er in dem Buch „Woran glaubt, wer nicht glaubt?“ betont (S. 82 f.). Lesenswert ist immer noch der Briefwechsel (vom Ende der neunzehnhundertneunziger Jahre) mit dem Mailänder Kardinal Carlo Maria Martini (1927-2012) aus dem Jesuitenorden. Er kann als ausdrücklich progressiver Denker bezeichnet werden. Manche bedauern, dass er nicht anstelle von Joseph Ratzinger Papst wurde…

Allein schon die Tatsache, dass sich ein eher agnostisch fühlender Philosoph mit einem Kardinal ausführlich in Briefen (!) austauscht, verdient große Beachtung. Gibt es ähnliches aus dem deutschsprachigen Raum??

Auf Deutsch ist das Buch unter dem treffenden Titel „Woran glaubt, wer nicht glaubt“ im DTV Verlag 1999 erschienen. Denn klar ist für Umberto Eco: Mein Agnostizismus ist eine Glaubenshaltung! Die Zeiten sind inzwischen vorbei, in denen sich Atheisten und Agnostiker als Spitze der Weltentwicklung fühlten und ihre Überzeugung als Wissenschaft, somit als beweisbare Lehre, verkündeten.. Nur in einer Glaubenshaltung kann man sich der Frage nach dem „Ganzen“ usw. stellen, die glaubende Antwort kann dann unterschiedlich ausfallen.

Wichtig und zur Lektüre zu empfehlen ist vor allem Umberto Ecos Text „Wenn der andere ins Spiel kommt, beginnt die Ethik“, S. 82 ff. Und man möchte in den heutigen Schlammschlachten, die von rechtslastigen und populistischen Parteien Europas angezettelt werden, diesen Text – wieder mal – als Pflicht-Lektüre empfehlen. Den fundamentalistischen Mörderbanden, die sich auf den Islamismus beziehen, sowieso. Falls sie lesen.

Nur zwei Zitate von Umberto Eco: „Wir müssen in erster Linie die Rechte der Körperlichkeit anderer respektieren…“ S. 85. Rechte des Körpers: Darauf besteht Ecos weltliche Ethik: „Sie gründet auf dem natürliche Faktum unserer Körperlichkeit und auf dem Gedanken, dass wir instinktiv wissen, dass wir nur durch die Gegenwart anderer (d.h. durch den Blick des anderen auf uns) eine Seele haben“. (89) „Diese natürliche Ethik kann auch der Gläubige nicht verkennen“ (90). In der natürlichen Ethik sieht Eco sogar eine „tiefe Religiosität“ (93) ganz neuer, humanistischer Art. Diese natürliche Ethik trifft sich für Eco mit der Ethik der Glaubenden. Ein Thema, das unbedingt vertieftwerden müsste: „Natürliche Ethik als tiefe Religiosität“: Das weist – wieder einmal – zu Immanuel Kant.

Nebenbei, für Theologen: Auch die moderne katholische Ethik basiert auf der Autonomie der Moral, entwickelt etwa durch den Theologen Franz Böckle und andere, inspiriert aber letzten Endes von Thomas von Aquin. Die aus dem Evangelium stammende Moral kann dann diese vernüftige Moral vertiefen und provozierende Fragen stellen, wie zum Thema „Feindesliebe“… Aber an erster Stelle steht dieVernunft-Moral, die alle Menschen verbindet.

 

Copyright: Christian Modehn

 

An (und mit) Montaigne denken: Am 28. Februar

Am 28. Februar 1533 wurde Michel de Montaigne geboren. Gestorben ist er am 13. September 1592. Wohl kaum ein anderer philosophierender Autor, den wir durchaus Philosoph nennen sollen, (denn dieser Titel ist doch nicht Universitäts-Professoren vorbehalten), hat in den letzten Jahren so viel Beachtung gefunden, so viele Leser, die mit Vergnügen seine skeptischen und wahrhaftigen Essais lesen. Und als Inspiration begreifen, das Leben „trotz allem“ zu lieben.

Ein Hinweis mit einer Lese-Empfehlung:

Michel de Montaigne: Er lehrt die Menschen „wie sie mit sich selbst sprechen sollen“

Ein Hinweis von Christian Modehn

Eigentlich muss man das Werk Michel de Montaignes nicht mehr empfehlen, er ist jetzt beliebt selbst bei Menschen, die sich sonst schwer tun mit philosophischer Lektüre. Dabei wäre es auch falsch, Montaignes Denken „leicht“ zu finden. Ihm gelingt es, komplexe Lebens-Erfahrungen nachvollziehbar und in angenehmer Sprache zu benennen. Er macht Lust am Selber-Denken. Und er ist in Zeiten der Religionskriege des 16. Jahrhunderts kritisch und selbstkritisch, man lese etwa Essay 56 „Über das Beten“ bzw. über die Verlogenheiten beim Beten und die offiziell erwünschte Frömmigkeit.

Was die Lektüre der Essais, also des Hauptwerkes von Montaigne, so erfreulich macht, ist die man möchte sagen umfassende, nahezu absolute Wahrhaftigkeit des Autors; ist die Tatsache, dass da ein Mensch im Angst-besetzten 16. Jahrhundert sich ganz frei zeigt, „ich“ sagt, eigene Überzeugungen begründet, immer als Beispiel, wie Leben auf dieser verrückten und feindseligen Welt doch noch einen Schimmer des Gutseins und der Hoffnung bewahrt. Man lese seine Empfehlung zum Selbst-Denken: “Worauf ihr zu sinnen habt, ist nicht mehr, dass die Welt von euch spreche, sondern wie ihr MIT EUCH selbst sprechen sollt. Zieht euch in euer Inneres zurück, vorher aber macht alles bereit, euch dort empfangen zu können…“ (Essay 39, Über die Einsamkeit). Und vor allem: “Wir müssen uns ein Hinterstübchen zurückbehalten, ganz für uns, ganz ungestört, um aus dieser Abgeschiedenheit unseren wichtigsten Zufluchtsort zu machen, unsere wahre Freistatt…“

Unpolitisch war er nicht, bei aller Liebe zu einer skeptischen Lebenshaltung: Schon als junger Mann hat er sich als Stadtrat von Bordeaux um das Wohl der Bürger gekümmert. Und vor allem kann er darauf verweisen, dass er vier Jahre lang als Bürgermeister von Bordeaux tätig war, zur Zufriedenheit der Bürger übrigen. Allerdings hat er selbst auch negative Erfahrungen gemacht: „Die Gesetze werden oft von Hohlköpfen gemacht und noch öfter von Leuten, die die Gleichheit aller Menschen hassen und dabei ihres Sinnes für die Gerechtigkeit beraubt werden. Diese Gesetzgeber sind windige und wetterwenderische Macher…. Ich finde die Gemeinwesen am gerechtesten, die am wenigsten Ungleichheit zwischen Oben und Unten in der Gesellschaft, sagen wir zwischen Vorgesetzten und Untergebenen, zulassen“.

Nach wie vor empfehle ich die Übersetzung der Essais durch Hans Stilett, eine großartige Leistung. Zuerst 1998 im Eichborn Verlag 1998 in einer prächtigen Ausgabe erschienen.

Copyright: Christian Modehn

Ohne Zweifeln keine Sicherheit im Leben. Warum Descartes hilfreich bleibt.

Ohne Zweifeln keine Sicherheit im Leben. Warum Descartes hilfreich bleibt.

Ein Hinweis von Christian Modehn

Inmitten der Katastrophen des Dreißigjährigen Krieges, der Religionskriege in Frankreich, der gesamt-europäischen Verfolgung von Ketzern als Folge der brutal agierenden Inquisition, also inmitten einer Zeit allgemeiner Angst und Verwirrung, bietet der Philosoph René Descartes einen Vorschlag geradezu als Lebenshilfe: Es ist seine Lehre vom Zweifeln. Sie öffnet einen Weg, inmitten der Katastrophen noch einen letzten vernünftigen Boden der Lebens-Gewissheit für sich als einzelnen zu entdecken. Dies gilt, auch wenn einige seiner Lehren, etwa die Spaltung von Innenwelt und Außenwelt oder seine Einschätzung der Tiere als Gegenstände, heute überwunden werden müssen. Darin werden die Grenzen seines Denkens sichtbar.

Es gilt jedoch: Wahrheit zeigt sich dem einzelnen denkenden Menschen nur, wenn er sich seines eigenen Verstandes selbständig bedient. Die Kraft der Vernunft ist autonom, von keinem Einspruch eines Herrschers abhängig; einzig Gott, so meinte Descartes, garantiert die richtigen Leistungen der Vernunft. Auf den einzelnen kommt es an, zu fragen, zu zweifeln, darin lebt die Form des „klaren Denkens“. So muss sich der einzelne an den vorgegebenen Lehren, Dogmen, Ideologien, an den Propaganda-Sprüchen abarbeiten, um „sicheren Boden“ selbst für sich zu finden.

Philosophie des Zweifelns wird so zur Befreiung von der Macht der Autoritäten und uralten, deswegen oft falschen (weil etwa wissenschaftlichen erwiesenermaßen überholten) Traditionen.

Die religiösen Autoritäten haben genau erkannt, dass ihre Macht und Verfügung über die geistige Orientierung der Menschen durch Descartes stark bedroht wird. Sie fürchteten vor allem Descartes als Lehrer dieser neuen, emanzipatorischen Geisteshaltung. Seit 1653, drei Jahre nach seinem Tod in Stockholm, stehen seine Schriften auf der päpstlich verfügten Liste der Verbotenen Bücher (Index), 1691 folgte das königliche Verbot in Frankreich, seine Lehren an französischen Schulen zu unterrichten. Auch Universitäts-Professoren wird es untersagt, das Denken von Descartes zu verbreiten und zu lehren. Die Jesuiten veröffentlichen 1706 ein Buch, das die Lehre vom „Systematischen Zweifel“ im Sinne Descartes verbietet (Siehe Georges Minois, Geschichte des Atheismus, 2000, Seite 251), Aber diese Verbote verbunden mit der Drangsalierung von Descartes-Forschern, nützten wenig. In der allmählich antiklerikal eingestellten Gesellschaft etwa Frankreichs wurden seine Bücher mit Begeisterung gelesen, populäre Interpretationen wurden verbreitet („L art de vivre heureux selon les principes de M. Mesdcartes“ aus dem Jahr 1667. Oder, man stelle sich das heute vor, es gab spezielle Descartes-Einführungen für die Damen gelehrter Salons, etwa von René Bary. Und Madame de Sévigne, die berühmte Pariser Salonnière, ist voll des Lobes für Descartes.

Descartes ist nur ein Beispiel, wie zuvor schon in Italien, der Zweifel zu einer Art „Habitus Mentis“ wurde, wie Minois schreibt (S. 117), zu einer allgemeinen Geisteshaltung. Dabei war Descartes persönlich eher ängstlich, er wollte die Auseinandersetzungen mit der Inquisition meiden. In seinen Briefen wird seine Persönlichkeit sichtbar. Dem Philosophen Pater Mersenne vertraut er an: “Mein Wunsch in Frieden zu leben, zwingt mich dazu, meine Theorien für mich zu behalten“ (in Minois, Seite 248). D.h. er hat längst nicht „alles“ öffentlich gesagt, was ihm wichtig war. Trotzdem galten seine veröffentlichten Lehren den Herrschern bereits zu Lebzeiten als hoch gefährlich: Der Philosoph Prof. Theodor Ebert (Erlangen) hat in seiner Studie (Der rätselhafte Tod des René Descartes) gezeigt, dass Descartes in Stockholm sehr wahrscheinlich von dem französischen Priester François Viogué aus dem Augustiner-Orden vergiftet wurde, offensichtlich um Descartes „kritischen (antikatholischen) Einfluss“ auf die zum Katholizismus tendierende König Christine definitiv zu beenden.

Jedenfalls hat sich der Katholizismus in seiner Abwehr des Zweifelns (auch als gültige Dimension der Wissenschaften, der Theologien, der Bibel-Deutung usw.) selbst ins Getto der „Ewig-Gestrigen“ begeben und sich von der intellektuellen Debatte weithin verabschiedet. Die Mentalität der „von Feinden belagerten Stadt“, wie der Historiker Jean Delumeau („Angst im Abendland“) treffend sagt, galt im Katholizismus sozusagen noch bis vorgestern. Diese Abwehr von neuen Erkenntnissen zeigt sich heute etwa im rigorosen Nein zur Vielfalt der Formen der Ehe, also auch der Homo-Ehe. Dabei berufen sich die meisten Katholiken und ihre leitenden ehelosen (!) Bischöfe und Prälaten auf einige Verse aus der Bibel und praktizieren so die Methode, die einige fundamentalistische Muslime in ihrer Koran-Interpretation leisten: Wenn im biblischen Buch Genesis steht: „Als Mann und Frau schuf Gott die Menschen“, (Genesis 1, 27) so schließen die Prälaten aus dieser schlichten Tatsachen-Behauptung: Also hat Gott für alle Zeiten nur die EHE von Mann und Frau zugelassen. Solche Schlüsse entbehren jeder Logik, sie sind Ausdruck fundamentalistischer Bibellektüre. Könnte man nicht gleichermaßen den Satz aus Genesis 2, 18 zitieren: „Es ist nicht gut, dass der Mensch (hier ist der Mann gemeint), allein sei“ und folgern: Also ist wegen der göttlichen Abwehr des Alleinseins auch eine Homoehe eben als Überwindung des Alleinseins gottgefällig? Aber lassen wir den fundamentalistischen Wahn: Jedenfalls glauben die frommen und oft theologisch-dumm gehaltenen Massen diese steilen Sprüche ihrer Glaubens-Hüter, sie können und wollen eben nicht zweifeln (!), wie jetzt, anlässlich der Diskussionen und Demonstrationen gegen die „eingetragene Partnerschaft von Homosexuellen“ in Italien. Bisher hat der Vatikan das Gesetz, selbst im katholischen Spanien seit langem üblich, verhindern können. In Italien darf es eben keine Politik ohne den Vatikan geben. Die auch staatliche, gesetzliche Gestaltung der Sexualität ist die letzte eigene „Bastion“, um die die Kirche heute kämpft. Da will sie die alte Übermacht des Geistlichen über das Weltliche (so die Kämpfe seit dem Mittelalter) noch einmal demonstrieren. Langfristig ist dieser Kampf – Gott sei Dank – vergeblich.

Man sieht, wie aktuell Descartes heute sein kann: Der Zweifel als Lebenshaltung wäre gerade heute eine Tugend, sie könnte die Leichtgläubigkeit beenden, das schnelle Urteilen einschränken, das mediale „Immer schon wissen, was genau passiert ist“. Der Zweifel als Haltung auch der Politiker würde Abstand bringen zum Stress, den Propaganda-Sprüche verursachen. Der Zweifel könnte eventuell den Wahn religiöser Fundamentalisten eben zweifelhaft und falsch erscheinen lassen. Aber die Macht derer, die schnelle Sicherheit versprechen, ist so groß, dass die Tugend des Zweifelns wenige Chancen hat, bestimmend zu werden. Gerade in Zeiten, die von übereilten, so wenig kritischen und selbstkritischen Äußerungen zum Thema Flüchtlinge bestimmt sind, wäre Zweifeln sozusagen die „heilige Tugend“ der Menschen. Aber wehrt lehrt das Zweifeln? Sind Schulen und Universitäten Orte des systematischen Zweifelns? Sollten es christliche oder buddhistische oder jüdische und muslimische Gemeinden nicht auch sein, Orte des selbstkritischen Zweifelns?

Aber viele Menschen können das eigene Zweifeln kaum aushalten, weil sie sich lieber selbst an schnelle, falsche Antworten halten als an das geduldige, die Wahrheit erkundende Fragen. Weil sie im Zweifeln also eine Bedrohung ihrer Existenz sehen und nicht wahrnehmen, dass die ganze Kunst des Lebens darin besteht, am angenommenen und gelebten Zweifeln nochmals selbst zu zweifeln. Um dabei zu entdecken, dass der Zweifel eine Dimension und eine Form der Aktualisierung des menschlichen Geistes ist.

 

Copyright: Christian Modehn

 

An René Descartes denken: 11. Februar

An René Dscartes denken:

Am 11. Februar 1650 ist René Descartes in Stockholm gestorben, zweifellos einer der wichtigsten Philosophen der Neuzeit, geboren am 31. 3. 1596 in der Touraine. Sein Denken hat die grundlegende „Mentalität“ der europäischen Moderne und der „modernen“ Menschen grundlegend bestimmt.

Ohne Zweifeln keine Sicherheit im Leben. Ein Hinweis von Christian Modehn. Veröffentlicht am 30.1.2016

Inmitten der Katastrophen des Dreißigjährigen Krieges, der Religionskriege in Frankreich, der gesamt-europäischen Verfolgung von Ketzern als Folge der brutal agierenden Inquisition, also inmitten einer Zeit allgemeiner Angst und Verwirrung, bietet der Philosoph René Descartes einen Vorschlag geradezu als Lebenshilfe: Es ist seine Lehre vom Zweifeln. Sie öffnet einen Weg, inmitten der Katastrophen noch einen letzten vernünftigen Boden der Lebens-Gewissheit für sich als einzelnen zu entdecken. Dies gilt, auch wenn einige seiner Lehren, etwa die Spaltung von Innenwelt und Außenwelt oder seine Einschätzung der Tiere als Gegenstände, heute überwunden werden müssen. Darin werden die Grenzen seines Denkens sichtbar.

Es gilt jedoch: Wahrheit zeigt sich dem einzelnen denkenden Menschen nur, wenn er sich seines eigenen Verstandes selbständig bedient. Die Kraft der Vernunft ist autonom, von keinem Einspruch eines Herrschers abhängig; einzig Gott, so meinte Descartes, garantiert die richtigen Leistungen der Vernunft. Auf den einzelnen kommt es an, zu fragen, zu zweifeln, darin lebt die Form des „klaren Denkens“. So muss sich der einzelne an den vorgegebenen Lehren, Dogmen, Ideologien, an den Propaganda-Sprüchen abarbeiten, um „sicheren Boden“ selbst für sich zu finden.

Philosophie des Zweifelns wird so zur Befreiung von der Macht der Autoritäten und uralten, deswegen oft falschen (weil etwa wissenschaftlichen erwiesenermaßen überholten) Traditionen.

Die religiösen Autoritäten haben genau erkannt, dass ihre Macht und Verfügung über die geistige Orientierung der Menschen durch Descartes stark bedroht wird. Sie fürchteten vor allem Descartes als Lehrer dieser neuen, emanzipatorischen Geisteshaltung. Seit 1653, drei Jahre nach seinem Tod in Stockholm, stehen seine Schriften auf der päpstlich verfügten Liste der Verbotenen Bücher (Index), 1691 folgte das königliche Verbot in Frankreich, seine Lehren an französischen Schulen zu unterrichten. Auch Universitäts-Professoren wird es untersagt, das Denken von Descartes zu verbreiten und zu lehren. Die Jesuiten veröffentlichen 1706 ein Buch, das die Lehre vom „Systematischen Zweifel“ im Sinne Descartes verbietet (Siehe Georges Minois, Geschichte des Atheismus, 2000, Seite 251), Aber diese Verbote verbunden mit der Drangsalierung von Descartes-Forschern, nützten wenig. In der allmählich antiklerikal eingestellten Gesellschaft etwa Frankreichs wurden seine Bücher mit Begeisterung gelesen, populäre Interpretationen wurden verbreitet („L art de vivre heureux selon les principes de M. Mesdcartes“ aus dem Jahr 1667. Oder, man stelle sich das heute vor, es gab spezielle Descartes-Einführungen für die Damen gelehrter Salons, etwa von René Bary. Und Madame de Sévigne, die berühmte Pariser Salonnière, ist voll des Lobes für Descartes.

Descartes ist nur ein Beispiel, wie zuvor schon in Italien, der Zweifel zu einer Art „Habitus Mentis“ wurde, wie Minois schreibt (S. 117), zu einer allgemeinen Geisteshaltung. Dabei war Descartes persönlich eher ängstlich, er wollte die Auseinandersetzungen mit der Inquisition meiden. In seinen Briefen wird seine Persönlichkeit sichtbar. Dem Philosophen Pater Mersenne vertraut er an: “Mein Wunsch in Frieden zu leben, zwingt mich dazu, meine Theorien für mich zu behalten“ (in Minois, Seite 248). D.h. er hat längst nicht „alles“ öffentlich gesagt, was ihm wichtig war. Trotzdem galten seine veröffentlichten Lehren den Herrschern bereits zu Lebzeiten als hoch gefährlich: Der Philosoph Prof. Theodor Ebert (Erlangen) hat in seiner Studie (Der rätselhafte Tod des René Descartes) gezeigt, dass Descartes in Stockholm sehr wahrscheinlich von dem französischen Priester François Viogué aus dem Augustiner-Orden vergiftet wurde, offensichtlich um Descartes „kritischen (antikatholischen) Einfluss“ auf die zum Katholizismus tendierende König Christine definitiv zu beenden.

Jedenfalls hat sich der Katholizismus in seiner Abwehr des Zweifelns (auch als gültige Dimension der Wissenschaften, der Theologien, der Bibel-Deutung usw.) selbst ins Getto der „Ewig-Gestrigen“ begeben und sich von der intellektuellen Debatte weithin verabschiedet. Die Mentalität der „von Feinden belagerten Stadt“, wie der Historiker Jean Delumeau („Angst im Abendland“) treffend sagt, galt im Katholizismus sozusagen noch bis vorgestern. Diese Abwehr von neuen Erkenntnissen zeigt sich heute etwa im rigorosen Nein zur Vielfalt der Formen der Ehe, also auch der Homo-Ehe. Dabei berufen sich die meisten Katholiken und ihre leitenden ehelosen (!) Bischöfe und Prälaten auf einige Verse aus der Bibel und praktizieren so die Methode, die einige fundamentalistische Muslime in ihrer Koran-Interpretation leisten: Wenn im biblischen Buch Genesis steht: „Als Mann und Frau schuf Gott die Menschen“, (Genesis 1, 27) so schließen die Prälaten aus dieser schlichten Tatsachen-Behauptung: Also hat Gott für alle Zeiten nur die EHE von Mann und Frau zugelassen. Solche Schlüsse entbehren jeder Logik, sie sind Ausdruck fundamentalistischer Bibellektüre. Könnte man nicht gleichermaßen den Satz aus Genesis 2, 18 zitieren: „Es ist nicht gut, dass der Mensch (hier ist der Mann gemeint), allein sei“ und folgern: Also ist wegen der göttlichen Abwehr des Alleinseins auch eine Homoehe eben als Überwindung des Alleinseins gottgefällig? Aber lassen wir den fundamentalistischen Wahn: Jedenfalls glauben die frommen und oft theologisch-dumm gehaltenen Massen diese steilen Sprüche ihrer Glaubens-Hüter, sie können und wollen eben nicht zweifeln (!), wie jetzt, anlässlich der Diskussionen und Demonstrationen gegen die „eingetragene Partnerschaft von Homosexuellen“ in Italien. Bisher hat der Vatikan das Gesetz, selbst im katholischen Spanien seit langem üblich, verhindern können. In Italien darf es eben keine Politik ohne den Vatikan geben. Die auch staatliche, gesetzliche Gestaltung der Sexualität ist die letzte eigene „Bastion“, um die die Kirche heute kämpft. Da will sie die alte Übermacht des Geistlichen über das Weltliche (so die Kämpfe seit dem Mittelalter) noch einmal demonstrieren. Langfristig ist dieser Kampf – Gott sei Dank – vergeblich.

Man sieht, wie aktuell Descartes heute sein kann: Der Zweifel als Lebenshaltung wäre gerade heute eine Tugend, sie könnte die Leichtgläubigkeit beenden, das schnelle Urteilen einschränken, das mediale „Immer schon wissen, was genau passiert ist“. Der Zweifel als Haltung auch der Politiker würde Abstand bringen zum Stress, den Propaganda-Sprüche verursachen. Der Zweifel könnte eventuell den Wahn religiöser Fundamentalisten eben zweifelhaft und falsch erscheinen lassen. Aber die Macht derer, die schnelle Sicherheit versprechen, ist so groß, dass die Tugend des Zweifelns wenige Chancen hat, bestimmend zu werden. Gerade in Zeiten, die von übereilten, so wenig kritischen und selbstkritischen Äußerungen zum Thema Flüchtlinge bestimmt sind, wäre Zweifeln sozusagen die „heilige Tugend“ der Menschen. Aber wehrt lehrt das Zweifeln? Sind Schulen und Universitäten Orte des systematischen Zweifelns? Sollten es christliche oder buddhistische oder jüdische und muslimische Gemeinden nicht auch sein, Orte des selbstkritischen Zweifelns?

Aber viele Menschen können das eigene Zweifeln kaum aushalten, weil sie sich lieber selbst an schnelle, falsche Antworten halten als an das geduldige, die Wahrheit erkundende Fragen. Weil sie im Zweifeln also eine Bedrohung ihrer Existenz sehen und nicht wahrnehmen, dass die ganze Kunst des Lebens darin besteht, am angenommenen und gelebten Zweifeln nochmals selbst zu zweifeln. Um dabei zu entdecken, dass der Zweifel eine Dimension und eine Form der Aktualisierung des menschlichen Geistes ist.

Copyright: Christian Modehn

 

Die Lehrer der Weisheit und die Flüchtlinge in Deutschland. Zum neuen Heft „Philosophie Magazin“

Die Lehrer der Weisheit und die Flüchtlinge in Deutschland: Zum neuen Heft „Philosophie Magazin“

Ein Hinweis von Christian Modehn

Wie die „TAZ“ am 16. Januar 2016 auf Seite 2 berichtet, hatte Wolfram Eilenberger, Chefredakteur des „Philosophie Magazin“ in Berlin, eine Art philosophische Erleuchtung: Er fand die Planung des ursprünglichen Schwerpunktthemas fürs neue Heft („Sind wir dafür geschaffen in Paaren zu leben?“) höchst unpassend angesichts der drängenden aktuellen politischen Entwicklung in Deutschland und Europa: Darum setzte er durch, dass das Thema Flüchtlinge im Mittelpunkt des Februar Heftes steht. In Abwandlung des ursprünglich vorgesehenen Themas hätte man auch sagen können: „Sind wir Deutschen und Europäer dafür geschaffen, mit vielen tausend Flüchtlingen zusammenzuleben“? Die Antwort „Ja“ hätte von verschiedenen Seiten begründet werden können!

Wie auch immer: Man kann ihm und seinem Team nur gratulieren: 27 PhilosophInnen (mehr Männer als Frauen) sind also in dem Heft auf 20 Seiten, nach einer Einleitung von Wolfram Eilenberger, versammelt. Sie geben unter der großen Leitfrage „Was tun ?“ – angesichts der Flüchtlinge (in Deutschland) – Impulse zum Weiterdenken und Widersprechen, hoffentlich auch zum politischen Handeln. Nicht alle 27 Autoren sind so genannte „Fach-Philosophen“ an Universitäten, einige sind z.B. Professoren der Literaturwissenschaftler oder Politologen. Und das ist auch gut so, denn philosophische Dimensionen melden sich bekanntlich in jeder Wissenschaft und Forschung, vor allem in jedem nachdenklichen Menschen förmlich von selbst. Schade ist in unserer Sicht, dass kein Religionswissenschaftler und kein kritischer Theologen zu Wort kommt. Zeigt sich da eine traditionelle, tief sitzende Abwehr philosophisch arbeitender Journalisten, diese Ablehnung von Religionswissenschaft und kritischer Theologie? Das ließe sich und sollte sich ändern, unserer Meinung nach.

Und schade ist auch, dass kein „Engagierter“ aus der Flüchtlingshilfe, der oder die ja zweifelsfrei auch philosophierend nachdenkt, zu Wort kommt. Denn Philosophie ist sicher immer sehr viel mehr als das, was sich an den philosophischen Uni-Seminaren oder in Fachpublikationen für ein Fachpublikum von ca. 500 Buchkäufern so alles abspielt. Das Philosophie Magazin, in gewisser Weise eine Dependance des großen „Philosophie Magazine“ aus Paris, hält dagegen und vermittelt ein anderes Bild von Philosophie! Dafür sollte man diese Initiative loben. Aber schade ist auch, dass bei dem Thema kein philosophierender Mensch oder gar ein „Fachphilosoph“ aus dem arabischen Raum, und das heißt immer auch aus dem muslimischen Raum, zu Wort kommt. Abgesehen von Souleymane Bachir Diagne, New York und Lamya Kaddor, Bochum.

Aber : Diese kritischen Hinweise einmal beiseite lassend: Das Februar Heft des Philosophie-Magazin verdient alle Aufmerksamkeit allein schon des Schwerpunktthemas wegen. Nebenbei kann man sich auch u.a. mit Henri Bergson befassen und seiner Lehre vom Gedächtnis… und viele wichtige Buchempfehlungen lesen. Wir empfehlen ebenso das Buch „Aufklärung. Das deutsche 18. Jahrhundert. Ein Epochenbild“ (Rowohlt Verlag Berlin ) von Steffen Martus. Besonders wichtig und zu neuem Handeln auffordernd ist sicher das ausführliche Interview mit dem französischen Philosophen und Soziologen Bruno Latour unter dem Titel:“Die Natur muss ins Parlament“. Dabei geht Bruno Latour von der Erkenntnis aus, dass die Natur nicht länger Objekt, sachliches Ding, ist; sondern Lebewesen, wie die „Große Mutter der griechischen Mythologie“. „Die Erde ist nicht leblos, unsere Umwelt besteht komplett aus Lebendigem“. Dabei bezieht sich Latour oft auf James Lovelock und dessen „Gaia-Hypothese“, ohne dass Latour dabei in eine „esoterische Position“ gerät. Die Ergebnisse des Pariser Klimagipfels 2015 sieht Latour als ermutigend, wenn auch nur als ersten Schritt“ (S.38). Fast noch utopisch, aber richtig, ist Latours Vorschlag, ein Parlament zu schaffen, in dem Vertreter der konfliktreichen Gebiete vertreten sind, Vertreter, die also die bedrohten Wälder, die verschmutzten Gewässer, die sich zurücknehmenden Küsten verteidigen, direkt und ständig. „Wir brauchen einen Rat, der auch die Nicht-Menschen“ vertritt, also die Natur, das ist ein Parlament der Dinge=“.

Um etwas Geschmack am Heft zu machen, und um zum Lesen der Texte selbst aufzufordern, nur einige Zitate aus den Beiträgen zum Thema Flüchtlinge, Beiträge, die zu denken geben. Die Literaturwissenschaftlerin Aleida Assmann (Konstanz) schreibt im Blick auf die unsäglichen Versäumnisse der Deutschen angesichts der Judenvernichtung unter den Nazis: “Die Lehre aus der Geschichte kann nur heißen: Nie wieder ein solcher Mangel an Mitgefühl gegenüber Menschen, die am Nullpunkt ihrer Existenz angekommen sind. Weil wir genau wissen, wozu es führen kann, Menschen als fremd zu etikettieren und ihnen unsere Empathie zu entziehen…“ (S. 48). Der vielseitige, höchst interessante Philosoph Armen Avanessian (von dem wir hoffentlich noch sehr viel hören und lesen werden) schreibt: “Kriegsflüchtlinge sind Opfer einer bellizistischen Wirtschaftspolitik. Und Wirtschaftsflüchtlinge sind Opfer einer Durchsetzung geopolitischer Interessen mit anderen, „nur“ ökonomischen Mitteln“. Und Prof. Julian Nida-Rümelin (München) schreibt im Blick auf die „deutsche Leitkultur“: „Es bedarf keiner spezifisch deutschen Leitkultur, sondern einer alltäglich praktizierten Leitkultur der Humanität, des wechselseitigen Respekts, der gleichen kulturellen Anerkennung, der Akzeptanz von weltanschaulichen und kulturellen Unterschieden“.

Wir könnten uns vorstellen, dass das Heft Philosophie Magazin mit seinem Schwerpunkt „Flüchtlinge“ auch weiter die Philosophie und das Philosophieren mit den aktuellen politischen und sozialen und religiösen Fragen verbindet, damit das Hegelsche Projekt „Philosophie ist die Zeit in Gedanken erfasst“ immer neu belebt wird. Ein Schritt dahin ist mit diesem Heft gemacht.

Im August 2015 hat unser religionsphilosophische Salon einen Beitrag (als Forschungsprojekt) verfasst zum Thema „Philosophen und Theologen, die Flüchtlinge sind“, zur Lektüre klicken Sie bitte hier.

Das Philosophie Magazin erscheint in Berlin, es ist in größeren Zeitungsläden zu haben. Tel. des Verlages:

030 47377118.   email: redaktion@philomag.de

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon

 

Der Mensch als Gabe, die Welt als Gabe

Der Mensch als Gabe, die Welt als Gabe

Hinweise von Christian Modehn

Im Umfeld des Weihnachtsfestes haben wir in kleinem Kreis versucht, einige Elemente einer Philosophie der Gabe und des Gebens deutlicher zu sehen. Damit versuchten wir, dieses besonders unter französischen Philosophen der Gegenwart diskutierte Thema uns näher zu bringen.

Wir sind als Menschen immer schon Gebende (und Nehmende) und manche deuten das Dasein, ihr eigenes Dasein, nicht in der objekthaften Weise des bloßen Vorhandenseins, sondern eben als Gegebensein, als Gabe, bzw., wie bei Heidegger (und dann auf andere Art auch) bei Sartre, als „Geworfensein“. Auf die Unterschiede der beiden Daseinverständnisse (Gegebensein/Geworfensein) folgen weiter unten einige Fragen und Hinweise.

Die Frage nach der Gabe und dem Geben ist also kein philosophisches und religionsphilosophisches (auch theologisches) Sonderthema etwa einer speziellen Anthropologie, die sich mit „allerhand“ Nebenaspekten des Daseins befasst…Vielmehr: Diese Frage ist fundamental für das Selbstverständnis der Menschen. „Ich bin eine Gabe“, ist ein beinahe poetisches Selbst-Bekenntnis zu einer Wirklichkeit, die über alles Technisch-Fixierte hinausgeht, die in eine Herkunft „von weither“ verweist…

Dabei bleibt offen, warum sich Menschen etwa in buddhistisch geprägten Kulturen nicht als Gegebene, nicht als Gabe, verstehen. Es hängt wohl damit zusammen, dass die Vorstellung einer Schöpfung, einer schaffenden und gebenden (göttlichen) Kraft in buddhistischen Kulturen nicht in den Blick gerät. Daraus können wir schließen, dass der Gabe-Begriff und die Realität des Gebens und des Gegebenseins in den europäischen Raum gehört, der von biblischen Vorstellungen geprägt bleibt, zumindest in der Annahme, auch bei vielen ernstzunehmenden Denkern, dass es einen schlechthin Gebenden, einen „Schöpfer“ der Erde und damit der Menschen „gibt“. Aber inwieweit dieses „Gegebensein“ des „Göttlichen“ von den anderen Gebenden verschieden ist, muss noch geklärt werden. Es „gibt“ Gott in einer alltäglichen Form, außerhalb jedes Analogiedenkens, natürlich nicht!

Damit gibt es dennoch die Vermutung, dass Gabe, Geben, Gegebensein, ja selbst Geworfensein (Wer wirft?) mit einer Vorstellung einer göttlichen schöpferischen Kraft verbunden sein können. Wer aufmerksam die Texte des Neuen Testaments liest, wird an vielen Stellen auf die Gabe als Zentralbegriff christlicher Spiritualität stoßen. Die Texte der Weihnachtsliturgie aktivieren alttestamentliche Texte, wenn es etwa heißt: “Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns geschenkt (gegeben), und die Herrschaft liegt auf seinen Schultern. Man nennt ihn wunderbarer Ratgeber, starker Gott, Vater in Ewigkeit, Fürst des Friedens“. (Aus dem Buch des Propheten Jesaja 9, 6 in der Einheits-Übersetzung).

Zahlreiche Weihnachtslieder beziehen sich sehr direkt auf diese Zusage des Propheten; diese sehen die Christen in der Gestalt des Jesus von Nazareth erfüllt. Und das ist „eigentlich“ Weihnachten, das Fest, in der die Gabe des göttlichen Kindes, besser des von Gott geprägten Menschen Jesus von Nazareth gefeiert wird.

Alle Geschenke, die an diesem Tag ausgetauscht werden, wenn sie denn Ausdruck der Freude sind, also mehr sind als ein banaler Konsumrausch, der sich schon selbst nicht mehr versteht, beziehen sich (oder bezogen sich) auf diese Gabe Gottes! Wegen der „Gabe“ Gottes geben wir Menschen weiter. Unser Geben ist Antwort. Für die kapitalistische Konsum-Unkultur sind diese Sätze unbrauchbar, wenn nicht lächerlich.

Es ist letztlich die Erhöhung „des“ Menschen als Menschen, die da Weihnachten gefeiert wird. Diese Erhöhung des Menschen als Menschen, Religionsphilosophen, auch Mystiker sprechen von dem „göttlichen Kern, göttlichen Funken“, ist DIE Gabe schlechthin. Auf dieser Basis können sich Menschen als „gegeben“ (also geschaffen) und beschenkt erfahren und deuten.

Die religionsphilosophische Basis fürs Schenken ist die Erkenntnis: Dass jeder Mensch sich selbst als Gabe versteht: Ich bin jemand, der von anderen Menschen gegeben wurde; ich bin selbst ein Geschenk, das sagen ja Eltern oft von ihren Kindern, wenn sie sich denn über ihre Kinder freuen. Aber nun sind die Eltern selbst wiederum Geschenke für ihre damaligen Eltern usw. Das heißt, jeder Mensch ist eigentlich ein Geschenk. Diese unendliche Reihe von Schenkenden (Eltern) und Beschenkten (Kinder als Geschenk) kann durch die Hebung auf eine neue, qualitativ andere Ebene verstanden werden: Indem ein prinzipiell Schenkender, den die Menschheit auch Schöpfer nennt, gedacht wird: Die konkrete Gestalt dieses ursprünglich, gründend Schenkenden, kann natürlich im Detail nicht exakt, schon gar nicht wissenschaftlich beschrieben werden, weil diese Wirklichkeit des ursprünglich Schenkenden, alles weitere Schenken erst stiftenden, nicht in die materielle Welt der Forschungs-Objekte gehört. Wenn dieser Schöpfer also nicht wissenschaftlich, d.h. für alle Leute ja immer noch „naturwissenschaftlich“ beweisen werden kann, ist das auch richtig so: Dieser alles gründende Schöpfer kann nicht bewiesen, er kann nur als notwendige „Ursache“ gedacht und vor allem erfahren werden, als erstaunlicher, sagen wir ruhig, wunderbarer Stifter des Lebens. Welche Eltern meinen denn im Ernst, sie allein seien die Schöpfer und die Macher (und damit dann wohl auch die Herren) ihres Kindes? Wahrscheinlich kann nur Poesie, kann nur Musik umfassend diese Einsicht ausdrücken…

Von daher ergeben sich weitere Konsequenzen: Wir erleben uns selbst und damit die Welt im ganzen als eine gegebene. Wir leben also in einem vor-gegebenen Umfeld, über das wir wesentlich nicht verfügen können. Selbst wenn wir die Natur zerstören, zerstören wir die uns gegebene (und uns anvertraute) Natur. Und wenn bald Roboter an unserer Seite stehen mit einer angeblichen Intelligenz, dann sind es eben von uns gemachte Wesen, von uns gemacht, die wir selbst „gemacht“, also gegeben sind. Erst wenn die von uns gegebenen Roboter sich selbst vermehren, wird es problematisch, aber dann sind es doch immer noch Roboter, die wir so gemacht haben, dass sie sich selbst vermehren…Dies nur als kleiner Ausblick zum Thema Relativität und Beschränktheit unserer Autonomie.

Jean-Paul Sartre sprach in „Das Sein und Nichts“ von dem Geworfensein als der alles gründenden Existenzform des Menschen. Darin durchaus Heidegger folgend, siehe Sein und Zeit. Geworfenheit bei Heidegger bedeutet „die konstitutive Form jedes Lebens, ungefragt und ohne persönliche Zustimmung in die Welt gekommen zu sein. Diese Struktur der Faktizität bedeutet für jeden Lebenden, `sein Da sein zu müssen`“, so Thomas Rentsch, in „Heidegger Handbuch“, Stuttgart-Weimar, 2003, Seite 63). Thomas Rentsch schreibt: „Die formale Grundstruktur menschlicher Existenz, wie sie Heidegger freigelegt hat, trägt Züge einer gottlosen Theologie: Der (christlichen) Lehre von der Schöpfung entspricht die von der Geworfenheit….“ (ebd. S. 74).

Bei Sartre wird der Gedanke zur Freiheit (also zum eigenen Leben) verurteilt zu sein, mit eigenen Erfahrungen verbunden. In seiner Kindheitsbiografie schreibt Sartre: “Er lernte einen Gott kennen, den seine Seele gerade nicht erwartete, ich brauchte einen Weltschöpfer, aber man gab mir einen obersten Chef“. Sartre erlebte also einen Gott als einen obersten Polizisten, dies empfang Sartre so wörtlich „als grobe Taktlosigkeit“ (vgl. Lexikon der Religionskritik, Herder-Verlag, S. 270).

Es lohnt sich vielleicht, die inhaltlichen Bestimmungen von Geworfensein und Gegebensein weiter zu bedenken. Ich meine: Mit dem Wort „Geworfen“ klingt mit das Hingeschleudert-, Abgelagert-, Hingelegtsein. Tiere werfen bekanntlich, wenn sie Junge zur Welt bringen. Die Mutter Tiere ziehen die Kleinen auf, aber wenn sie stark sind, verliert man sich aus den Augen. Der Mensch als Geworfener weiß eigentlich nicht, wer oder was da ihn warf. Er MUSS sein Leben gestalten, so recht und schlecht. „Jeder Existierende fühlt sich überflüssig alles ist grundlos, exstieren ist nur einfach Dasein“, so Sartre (zit. in Lexikon der religionskritik, S. 272). Der Mensch ist eine nutzlose Leidenschaft. Soweit Sartre…

Zur aktuellen französischen Philosophie der Gabe:

Sie ist sehr vielfältig, aber meist beziehen sich die Philosophen auf den grundlegenden Text des Ethnologen und Soziologen Marcel Mauss, er hat 1924 – auf Französisch – das Werk veröffentlicht: „Die Gabe. Form und Funktion des Austausches in archaischen Gesellschaften“.

Nur ein erster kurzer Hinweis für das weitere Studium: Mauss zeigt, wie das Geben und Nehmen, dann das Antworten mit Geschenken auf die Gabe, eine Art gründende Funktion hat für den Aufbau einer Gesellschaft in archaischen, frühen Zeiten der Menschheit. Es läuft darauf hinaus, dass sich Menschen als Gebende gegenübertreten und dadurch in dieser Form der Bekundung von Nähe, wenn nicht Freundschaft, dann Feindseligkeiten, ja Gewalt überwinden. Es wird durch die Gabe ein soziales Band gestiftet. Dabei geht es nicht zuerst um Tausch, also um ein Zurückgeben einer Sache im gleichen Wert, sondern die Gabe kann durchaus als selbstloses Geschenk verstanden werden. So können Formen von Verbindungen, Bündnisse, entstehen, auch Formen der wechselseitigen Anerkennung.

Das Thema Geben wird in Frankreich heute vertieft. Wir können hier nur andeuten zur weiteren Vertiefung: Etwa Marcel Hénaff, „Der Preis der Wahrheit“, Hénaff ist sicher einer der ganz großen Denker der Gabe heute. Kritisch dagegen Pierre Bourdieu, etwa in seiner „Praktischen Vernunft“: Beim Geben werden die realen Interessen verschleiert. Geben und Gabe beschönigen nur die Verhältnisse.

Ich meine: In unserer kapitalistischen Gesellschaft ist der großzügige Mensch, der schenkende Mensch, eigentlich ein Narr. Diese Gesellschaft will keine Schenkenden. Sie liebt nicht die freie Gabe, die Großzügigkeit, das Nicht-Berechnete, sie liebt nicht die überraschend eintretende Freiheit als Handlung der Liebe. Alles wird in Geld-Beträge umgerechnet. „Wie du mir, so ich dir“, heißt dann das Prinzip, das auch bis ins Militärische sich ausweitet. Kann die freie Gabe diese Gesellschaft noch „retten“? Sie wertet den Menschen auf, befreit von der materiellen Verwertbarkeit, schafft Raum für ein befreites Dasein.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon

 

 

Was sind unsere Mythen des Alltags? Zur Aktualität von Roland Barthes, anlässlich seines 100. Geburtstages

Was sind unsere Mythen des Alltags? Zur Aktualität von Roland Barthes, anlässlich seines 100. Geburtstages (am 12. November 2015)

Ein Hinweis von Christian Modehn

Roland Barthes ist ein Philosoph der besonderen Art, er wählt fürs Philosophieren auch eher seltene Themen, man denke an die „Mythen des Alltags“. Sein 100. Geburtstag am 12. November 2015 ist ein Anlass, sich auf seine Arbeiten (wieder) einzulassen. Barthes ist, man verzeihe den Ausdruck, ein „typisch“ französischer Denker: Er fühlte sich eher den Essayisten zugehörig als den „Systemdenkern“, die – vor allem in Deutschland – häufig an den Universitäten als verbeamtete Philosophie-Professoren anzutreffen sind. Schon Michel Foucault hat in einem Radio Interview 1975 von dieser philosophischen Begabung Barthes „am Rande“ des/der Etablierten gesprochen. Foucault meint, Barthes hätte das Etablierte „erschüttert“.

Barthes, am 12. 11. 1915 in Cherbourg geboren, hat etliche Jahre als Gymnasiallehrer, Lektor und Redakteur gearbeitet, ehe er an der „Ecole Pratique des Hautes Etudes“ in Paris arbeitete und später noch, bis zu seinem plötzlichen Tod am 26.3.1980, am Collège de France Vorlesungen hielt. Die Berufung ins „Collège“ ist sicher eine der höchsten Auszeichnungen für diesen Denker „am Rande“ der Etabliertheiten.

Seine Arbeiten sind sehr vielschichtig, manche sagen, wie Professor Eric Marty, ein Freund und Interpret, sie seien manchmal zweideutig und im Grunde oft nicht sehr leicht lesbar. In den letzten Jahren erschienen posthum einige Werke von Barthes, erstaunlich etwa sein „Journal de deuil“, erschienen bei Seuil 1999. Durchaus ein Buch der Melancholie, sehr persönlich, manchmal intim. Im Herbst erscheinen ebenfalls bei Seuil Vorlesungen, die Barthes am Collège de France gehalten hat (1978-1980).

Eric Marty hat im Barthes Gedenkjahr 2015 einen Band herausgegeben über Barthes als Briefschreiber, so wird die biographische Entwicklung noch deutlicher, auch der Umgang mit der Krankheit, die sein Leben bestimmte. Eine sehr differenzierte, leicht nachvollziehbare Biographie hat Thiphaine Samoyault vorgelegt, (Editions du Seuil, 720 Seiten nur 28 €, jetzt auch auf Deutsch bei Suhrkamp für 39,95 €), sie erinnert natürlich auch an seine Kindheit in Südwestfrankreich, spricht von seiner Liebe zum Licht, sein Verschmähen des Konformismus, seiner Leidenschaft für das Reale, Wirkliche…

Eher traurig macht das Urteil von Eric Marty (Le Monde, 23. Januar 2015), dass die (französischen) Philosophen überhaupt nicht (mehr) Barthes lesen. Er werde stärker „auf dem literarischen Feld“ beachtet. Tatsächlich hatte Barthes kein Interesse am Einsortiertwerden in Schubfächer und an Aufteilungen des intellektuellen Lebens in fixe Kategorien. Darum lebt der philosophische Gedanke in vielen seiner Werke. Diese implizite und explizite Anwesenheit des Philosophischen in den Werken der Kunst, der Literatur, der Soziologie ist unseres Erachtens das eigentlich Spannende am philosophischen Denken.

Nur auf einige Ansätze im Denken Barthes kann hier hingewiesen werden. Bekannt und weit verbreitet auch in Deutschland sind „Die Mythologien des Alltags“ und „Fragmente einer Sprache der Liebe“.

Besonders aktuell, so scheint uns,  sind die „Mythen des Alltags“, das Buch geht auf Texte aus den Jahren 1954 bis 1956 zurück, 1957 erschien die erste Buchausgabe der Mythologies bei Seuil. Seit 5 Jahren liegt übrigens eine neue, eine vollständige Ausgabe dieses Textes zu den Zeichen des Alltags auch auf Deutsch vor, sie ist bei Suhrkamp erschienen, hat 325 Seiten und kostet 28€. Gegenüber der knappen Textauswahl als Taschenbuch (seit 1964 auf Deutsch) ein enormer Gewinn!

Wir empfehlen dringend diese vollständige Ausgabe der „Mythen des Alltags“. Darin wird der falsche Schein der Wirklichkeit enthüllt, nämlich die Behauptung, Phänomene des Alltags seien bloß natürliche, sozusagen „normale“;  dabei wird das geschichtliche Gewordensein dieser Phänomene unterschlagen. Man lese etwa das Kapitel  „Stumme und blinde Kritik“ in den „Mythen des Alltags“: Dort wird die Arroganz der Kritiker gegenüber Themen/Autoren freigelegt, von denen sie, die Kritiker, dann stolz ihren Lesern bekennen: „Dies verstehen wir nicht“. Damit rücken sie sich in die Position der Herrschenden, die den Autor, den angeblich unverstehbaren, schlecht machen. Hinter dieser Arroganz der Kritiker, die nichts als Dummheit ist, sieht Barthes die Macht des „gesunden Menschenverstandes“, dessen vorausgesetzte Gesundheit die Kritiker selbstverständlich nicht prüfen. Die Kritiker glauben sich absolut auf der Seite des vorausgesetzten gesunden Menschenverstandes zu befinden. Deswegen können sie den Autor, sein Werk, niedermachen. Aber Barthes tröstet sich und die Leser damit, dass die Philosophie den angeblich „gesund-vernünftigen“ Kritikern überlegen ist. Denn der Philosoph erkennt und begreift beide, den Kritiker und das Werk. Während der Kritiker in seiner kleinen Welt befangen bleibt.

Ich meine, das Inspirierende des Buches „Mythen des Alltags“ liegt ja gerade darin, diesen Text immer weiter fortzuschreiben, aktuell, über die konkreten Beispiele von Barthes hinaus. Denn die „Barthes-Mythen“ werfen beim Lesen dringend die Frage auf: Wo sind heute unsere „Alltagsmythen“? Wer kann von ihnen so nüchtern – distanziert schreiben, wie Barthes? Wer hat den Mut der Entdeckerfreude, wer wagt es,  heutige Alltags-Themen tatsächlich als einflussreiche Mythen, die das Bewusstsein prägen, zu beschreiben? Ist Fußball etwa der größte und allmächtigste Mythos der Gegenwart, ist die fast religiös anmutende Lust am Fußball so stark, dass selbst heftigste Verfehlungen korrupter Fußball-Manager von den Fussball-Gläubigen verziehen und „überspielt“ werden? Das klingt dann fast wie in der Kirche: Der Klerus ist korrupt, aber das stört die Frommen nicht so sehr, denn der vom Klerus gepredigte Gott bleibt offenbar unanstastbar! Ist auch die Lust an der Tätowierung des eigenen Körpers ein Mythos? Oder ist der so häufige Ortswechsel der nicht ganz Armen in Form des häufigen Reisens, der Seefahrten usw. ein Mythos? Gibt es Alltags-Mythen, die nach einer längeren Zeit, den Charakter des Mythos wieder verlieren, etwa der Mythos einer vegetarischen Lebensweise oder jetzt die Form veganen Lebens? Ist unsere ständige Fixierung auf Gedenktage im kulturellen Leben ein Mythos, weil man sich vor der Utopie und dem Blick nach vorn, der Zukunftsgestaltung,  scheut? Ist die gelegentliche Abgabe von Stimmzetteln bei Wahlen ein Mythos, weil uns eingeredet wird, das „Kreuzchenmachen“ auf Wahlzetteln sei schon das Wichtigste am „demokratischen Bekenntnis“? Aber sind wir nur von Mythen umgeben? Ist im Alltag alles Mythos und möglicherweise so vieles Mystifizierung? Wohl kaum, es gibt noch den Blick der klaren Vernunft auf die Realität der Welt. Wer Mythen als solche entdeckt, will ja gerade Raum schaffen für die Erfahrung der unverstellten Wirklichkeit.

Der Begriff vom Mythos ist bei Barthes verbunden mit dem Begriff der Mystifizierung, der bewusst eingesetzten Positionierung ins Außergewöhnliche, man möchte fast sagen der Heiligsprechung.  Die Aufgabe heißt: Entschleierung, Aufklärung, Licht (lumière), umfassende Kritik.

copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.