Beten und Gebete: Plädoyer für die Poesie.

Ein Hinweis von Christian Modehn

Gerade im Umfeld von Festen, die in unserer Gesellschaft manchmal noch einen gewissen religiösen Charakter bewahrt haben, wie Weihnachten, stellen manche die Frage: Was könnte denn meine persönliche Übung sein, auch spirituell diese Tage von Advent und Weihnachten zu gestalten? Eine Möglichkeit: Die eigene persönliche Poesie entdecken und sie ausdrücken, aussprechen, notieren: Diese persönliche Poesie kann vielleicht zum persönlichen Gebet werden.

Zuerst einige Andeutungen zum Problem, bevor das eigentlich Plädoyer formuliert wird:

Eigentlich gehört zur Poesie auch das Gebet. Man denke an die 150 Psalmen der Bibel. Dieser Zusammenhang von Dichten und Beten galt, so denke ich, bis ins 20. Jahrhundert, er war eher selbstverständlich, wenn auch dabei poetische Texte geschaffen bzw. propagiert wurden, die eher für den frommen, begrenzten Alltagsgebrauch im Gottesdienst bestimmt waren. Für diese Erbauungs-Poesie war das Reimen das Allerwichtigste: „Maria du feine, du bist ja die Reine“, „Gott du bist groß, drum lass uns nicht los“ usw. Solche Gebete werden als Lieder heute noch in Kirchen gesungen und so ähnlich in evangelikalen Songs als „Sacro-pop“ geschmettert. Dagegen ist im Rahmen kultureller und religiöser Freiheit gar nichts zu sagen. Nur haben eben diese schlichten Ergüsse den Gedanken blockiert, es gebe auch anspruchsvolle Poesie, die sich als Auslegung sehr persönlicher religiös gestimmter Lebensdeutung versteht, also als Gebet. Insofern haben die frommen Reimereien vieles seriöse Nachdenken übers Beten verhindert. Und das Gebet ALS Poesie fast ins Irreale abgeschoben.

Aber weil nun in unserer (angeblich säkularisierten) Kultur die Gottesfrage eher selten ins persönliche Fragen und Erleben gerät, sondern meist in der Abstraktion verweilt,  gibt es auch kaum schöpferische poetische Leistungen, die von sich behaupten: Das ist meine, aus der nachdenkend-glaubend-zweifelnden-suchenden Daseinsauslegung stammende Poesie: „Das sind meine Gebete. Also: Das ist meine Poesie, die aus dem Alltag erhebt, also transzendiert und mich dem Geheimnis des Lebens aussetzt“.

Hinzu kommt, dass viele allgemein Gebildete eben religiös und theologisch katastrophal ungebildet sind (und sich dessen auch nicht schämen) und etwa sagen und glauben, Gott Vater habe einen Bart, der heilige Geist sei eine Taube und zur Trinität gehören etwa Maria, Josef und Anna. In einer Kultur zerfallender religiöser Aufgeklärtheit und Bildung kann Gebet als persönliche Poesie gar nicht entstehen.

Wenn es heute Chancen gibt, poetische Texte zu erleben und dann auch zu schreiben und ins Gespräch zu stellen, dann ist eine Voraussetzung unabdingbar: Gebete sind Äußerungen von verschiedenen Menschen, von leibhaftigen Subjekten. Gebete sind nicht hübsch verpackte dogmatische Wahrheiten, wie sie im Katechismus stehen. Gebete, wenn sie denn ernst genommen werden sollen in der allgemeinen Kultur der Poesie, sind nur als Sprache des einzelnen denkbar, mit aller Freiheit, die das Sich-Aussagen nun einmal mit sich bringt: Also, heute ereignet sich Gebet als Poesie wie alle Poesie außerhalb der Gewöhnlichen. Auch Gebete ALS Poesie sind provokativ.

Einige Hinweise zur Sache selbst:

Nicht nur da, wo religiöse Poesie, wo Gebet drauf steht, ist immer auch Gebet enthalten. Oft stimmt das Gegenteil. Die sprachliche Weite des Gedichts öffnet beim Leser möglicherweise Inspirationen, Gefühle und Erkenntnisse des Transzendenten. „Nicht-religiöse“ Gedichte können religiös sein. Das ist ein eigenes Thema, auf das hier hingewiesen wird. Deutlich ist die Aussage von Rose Ausländer in ihrem Gedicht „Die Auferstandenen“:

Wo sind

Die Auferstanden

Die ihren Tod

Überwunden haben

Das Leben liebkosen

Sich anvertrauen

Dem Wind.

Kein Engel

Verrät

Ihre Spur.

Selbst in der Abweisung von Transzendenz und Göttlichem, von bergendem Sinn, wie auch immer, drückt sich die Sehnsucht aus, die Sehnsucht nach unerreichbarer Ganzheitlichkeit, die Sehnsucht nach Liebe, die gilt; nach Sinn, der auch in der Verzweiflung noch trägt. Da ist das Schreien der Entrechteten, der Geplagten, der Gequälten. Man lese die Neuschöpfungen der Pslamen durch Ernesto Cardenal, geschrieben im Widerstand gegen das Somoza-Regime in Nikaragua.  Klage und seelische Not wird ausgesprochen auch im sehr frommen amerikanischen, aber viel gehörten Song von Elvis Presley „Precious Lord, take my hand…“

„Ich bin müde, ich bin schwach,

Bin getragen

Durch den Sturm, durch die Nacht…

Nimm meine Hand, Precious Lord,

und führe mich nach Hause“.

Anders klingt da schon die Verzweiflung, die sich an Gott wendet (!), im Psalm 22, den, so wird berichtet, noch Jesus von Nazareth, der Gerechte und schuldlos Verurteilte, am Kreuz gesprochen hat: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Ich heule; aber meine Hilfe ist ferne. Mein Gott, des Tages rufe ich, so antwortest du nicht; und des Nachts schweige ich auch nicht…“

Früher kannten viele religiöse Menschen „ihre“ Psalmen und „ihre“ manchmal durchaus ansprechenden Paul-Gerhardt-Gedichte auswendig. Diese Menschen fanden ihre eigene Lebenssituation treffend ausgedrückt in diesen geschriebenen poetischen Texten. Gebet als Poesie war einmal Lebenshilfe. Das muss man doch nicht immer gleich als Opium verdächtigen! Diese Verbundenheit mit religiöse Poesie ist wohl verschwunden. Ein auswendig gekanntes Gedicht kann doch auch Ausdruck des eigenen Lebens sein. Und was erleben Menschen, die die Songs von Madonna oder Prince mit-singen? Erleben sie auch Erhebendes in dieser Poesie? Wurde diese Frage schon einmal –empirisch- untersucht?

Der protestantische Theologe Prof. Wilhelm Gräb (Humboldt-Universität Berlin) schließt sich der Neuinterpretation des Gebets ALS persönlicher Poesie an: Er sagt in einem Interview für den Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin zu der Frage: Kann Poesie die Form des Betens sein? „Da das Beten einen Form gesteigerter Selbstbesinnung und damit der Ausdrücklichkeit in der Bewusstheit unseres Lebens ist, kann es sich besonders gut in metaphorischer Sprache artikulieren. Metaphern bereichern unser Leben. Sie schreiben der Wirklichkeit einen Mehrwert zu. Sie drücken unsere Ängste und Hoffnung, Wünsche und Sehnsüchte aus. Insofern ist die Metaphorik religiöser Sprache gut geeignet, unsere tieferen Empfindungen und unser Wirklichkeitserleben auf dichte Weise zur Sprache zu bringen. Sie holt den Überschuss an Sinn ein. Die vom Reichtum der Metaphern lebende Poesie der Sprache öffnet die Dimension der Tiefe, aus der heraus unser Leben in einen letzten Deutungszusammenhang einrückt. So kann gerade die poetische, dichte Sprache zur Sprache des Gebets werden… Wer sein Leben vor Gott durchdenkt, dem fügt es sich ein in das Ganze eines Sinnzusammenhanges, der auch noch die negativen Erfahrungen mit einem positiven Vorzeichen versehen lässt. Das ist oft ein Ringen, eine Durchdenken von Möglichkeiten und Unmöglichkeiten, aber vor Gott immer in der Hoffnung auf einen guten Ausgang der Dinge. Beten ist ein getröstetes Denken“.

Gebet als Poesie – es entspringt wie alle Poesie einer Frage-Bewegung. Das heißt: Im Gebet ist die göttliche Wirklichkeit, das absolute Geheimnis, das Göttlich, wie auch immer, eher sehr selten bereits vorausgesetzt. Aber: Gott kann nur deswegen als Frage formuliert werden, weil er bereits „in uns“ (im Geist) die treibende Dynamik der Frage ist. Der Mensch kann nur nach etwas fragen, wenn er es ansatzweise, ahnungsweise, bereits irgendwie als Vorverständnis kennt, siehe Gadamer, „Wahrheit und Methode“. Diese elementare Einsicht vergessen leider manche Leute.

Wenn ein religiöser Mensch seine Poesie als Bezug zum Göttlichen sagt, dann spricht er seine Beziehung aus, seine Liebe, seinen Wut, sein Ringen, wie das der niederländische Poet und Theologe Huub Oosterhuis in einem seiner Lieder „Die zegt God te zijn“ aussagt:

„Der da sagt, Gott zu sein.

So lass er doch zum Vorschein kommen

was wir denn an seinem Namen haben

Soll er doch auftreten, damit wir ihn sehn.

Die Stimme aus der Feuerwolke in der Ferne

reicht nicht aus

für diese Erde aus Scherben und Rauch

wo uns kein Leben gegönnt wird“ (Übers. Christian Modehn).

In den Gedichten von Huub Oosterhuis (Amsterdam) wird die „Kultur des poetischen Gebets“ gepflegt: „Beten ist aber viel mehr als Suchen. Beten ist eher Warten. Suchen ist immer noch Aktion und Ungeduld. Warten hingegen ist Aufmerksamkeit“ (Huub Oosterhuis)

Ein besonderes Thema ist die Poesie des Gebets als Bittgebet: Ich spreche mich dem Unendlichen gegenüber aus in der Form einer Bitte. Wenn diese Bitte nicht kleinlich, egozentrisch und albern ist, sondern eine Bitte um Frieden, um den Sieg der Vernunft in einer politischen Situation, wo der Wahn um sich greift, dann ist Bitten als Sich Wenden an die göttliche Wirklichkeit durchaus, anthropologisch gewendet, sinnvoll. Marina Alvisi in Berlin, Yogalehrerin und spirituelle und theologische Meisterin, sagte mir in einem Interview für das Kulturradio des RBB: „Das Bittgebet ist für mich wirklich ein Gespräch mit dem Geliebten, mit dem, der mir am nächsten ist und nach dessen Nähe ich mich sehne die ganze Zeit. Gott ist für mich das Allerliebste. In der Liebesbeziehung spreche ich einfach mit dem anderen Partner. Also ich sage zu meinem Geliebten auch: Du, bitte komm, hilf mir doch. Ich schaffe es nicht allein, komm her, ich brauch dich jetzt, ja. Obwohl man beieinander ist, obwohl man sich kennt. Und trotzdem, bittet man sich gegenseitig um Unterstützung, um Hilfe. Und Gott ist quasi der Geliebte. Es ist wirklich diese Sehnsucht nach Gottes Nähe. Wenn ich danach schreie, dann spüre ich oft auch diese innere Antwort wirklich als tiefe Empfindung, also als Entlastung, dass man sich gereinigt fühlt, dass man sich mehr angekommen fühlt, dass man sich selber wieder besser spürt. Du spürst es im Herzen. Die Antwort ist da, der Ruf ist erhört. In Form von einer starken Liebe, von einer starken Ruhe. Das ist einfach was Intensives“.

Natürlich gibt es auch andere Perspektiven: Wer glaubt, weiß sich in Gott geborgen, er braucht also gar nicht um weitere Geborgenheit zu bitten. Der Mystik-Spezialist Alois M. Haas (Zürich) schreibt: „Meister Eckart lehrt: Wer da um etwas anderes als nur um Gott bittet, der bittet unrecht. Wer immer um irgendetwas anderes bittet, der betet einen Abgott an“. Diese Einsicht überzeugt: Wer Bittgebete spricht, weiß sich „immer schon“ vom Göttlichen getragen. Er bittet nicht um Wunder, die Gott an seiner Person und nur an seiner Person im Ausschluss von anderen Personen „leistet“. Für den Mystiker gibt es nur einziges Wunder: Dass Gott nahe, „inwendig“, ist. Da braucht man eigentlich kein Bittgebet mehr. Wahrscheinlich hat der Brauch, immer noch Bittgebete weiter zur sprechen, auch im Gottesdienst, ein eher probematisches, weil wenig-mystisches Gottesbild befördert: Wer Gott um Frieden im Gottesdienst bittet, die und der bittet letztlich darum, dass sie/er selbst – auch politisch – für den Frieden eintreten will, d.h.für eine gerechtere Welt sorgt … in den berühmten „kleinen Schritten“.

Ob explizit religiös oder nicht: Dabei bleibt es: Poesie ist die Sprache der Lebendigen, derer, die lebendig, geistvoll, bleiben wollen und dies auch aussagen in Versen und Fragen. Dieses Verständnis von Poesie ist entscheidend, sagte mir in einem Interview der Pariser Theologe und Dichter (und Dominikaner-Pater) Jean Pierre Jossua: „Die Poesie ist für unglaublich viele Menschen, und darunter sicher die besten, eine Form spiritueller Bewegtheit geworden. Sie könnte für sie gar die Religion ersetzen, die ihnen sonst wie tot vorkommt. Poesie könnte als ein Weg zu Gott, zum Absoluten, erscheinen. Tatsächlich könnte man sagen: Die Poesie hat die Funktion des Gebets angenommen“.

Ist Poesie, ist Lyrik, also immer „irgendwie“ ein Gebet? Darüber ließe sich diskutieren. In jedem Fall sollten christliche Gemeinden, die irgendwie noch Interesse haben, dem theologischen Niveau unserer Zeit zu entsprechen, Poesie als offenes Sich-Aussagen der Glaubenden und Nicht-Glaubenden zu pflegen. Und mit den leeren, abgenutzten frommen Floskeln Schluss zu machen.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

Verlust des Schweigens – Verlust des Selbst. Zu einem neuen Buch von Alain Corbin

Ein Hinweis von Christian Modehn

Kann man Historiker „originell“ und „kreativ“ nennen? Einige gewiss. Vor allem einige in Frankreich. Zum Beispiel Alain Corbin, em. Professor der Sorbonne, Autor einiger ungewöhnlich inspirierender Bücher, die beispielhaft Mentalitätsgeschichte oder treffender noch die „Histoire de sensibilités“ erschließen, etwa „Pesthauch und Blütenduft“ oder „Die Sprache der Glocken“. Sie wurden in Deutschland oft beachtet. Nun hat Corbin ein vom Umfang her eher kleines, der Sache nach aber großes Buch veröffentlicht, das auch die Aufmerksamkeit   philosophisch Interessierter verdient: “Histoire du silence“, Geschichte des Schweigens von der Renaissance bis heute“, erschienen bei Albin Michel in Paris, das Buch hat 204 Seiten, davon über 20 Seiten weiterführende Literaturhinweise. Es ist eher ein Buch zum Weiterstudieren als ein umfassendes „Studien-Buch“.

Heute, so Corbins These, ist es schwierig geworden, im Schweigen zu leben, auch „Schweigen zu vollziehen“ („faire silence“). Aber: Im Schweigen leben ist entscheidend für den Menschen: Wer nicht schweigen kann, so die These, hört auch sein Selbst nicht mehr… und „so wird auch die Struktur des Individuums selbst verändert“ (S. 11). Wir aber leben in einer lauten, schreienden Welt, Orte des Rückzugs sind rar, selbst in Gottesdiensten („Gott lebt im Schweigen“) wird permanent gesprochen, eingeredet, gesungen. Wenn von Stille die Rede, sind es immer, so wörtlich, „Momente der Stille“. Kulturen, die das ständige Musik-Geräusch lieben, den permanent vernehmbaren Salsa usw., was wollen sie musikalisch zudecken und zum Verschwinden bringen? Wäre eine interessante Frage.

Corbin wendet sich vor allem der französischen Geschichtezu und nennt historische Details: Etwa: 1883 gab es eine Kampagne gegen den Lärm der Glocken (s. 94), in Montauban durften die Bäcker hingegen des Nachts – trotz einiger Proteste – bei ihrer Arbeit laut singen (S. 95)… Der erste Weltkrieg war auch eine „akustische Hölle“. Corbin plädiert dafür, sich wieder an die vielfältigen Formen der Kulturen des Schweigens auch in der europäischen Tradition zu erinnern, „um wieder heute das Schweigen zu lernen, das heißt: man selbst zu sein. („C` est à dire à etre soi). Nur in einer Kultur, die das Schweigen pflegt, kann die Bedeutung des Wortes wahrgenommen werden. Diese Kultur gab es einmal, Corbin führt uns in dieses Thema ein, dabei breitet er, notgedrungen oft in knappen Hinweisen, ein breites literarisches Panorama aus.

Im Schweigen leben, das ermöglichen etwa auch die eingestimmten Besuche abgelegener, leerer Kirchen, Huysmans spricht davon. Bernanos kommt nicht los (obsédé) vom Schweigen der Wohnzimmer etwa in „Monsieur Ouine“. Die Provinzstädte in der „Comédie humaine“ von Balzac sind bestimmt von „Schweigen, Kälte, Passivität, Egoismus“… Hinweise, die ermuntern wieder einmal den „Curé de Tours“ zu lesen. Von Palmyra spricht Corbin, wenn er an das „Schweigen der Ruinen“ erinnert, das Chateaubriand damals dort als „Aufenthaltsort des Schweigens“ beschreibt. Heute wird man ein ganz neues trostloses Schweigen durch die Zerstörungen des sogen. Islamischen Staates besprechen müssen. Chateaubriand hat – nach Corbin – das „Schweigen der Orte“ gehört (Escorial, Soligny, Grande Trappe) und dieses Schweigen mitgeteilt.

Diese Hinweise zeigen, dass Corbin sich weit auf die Spuren des Schweigens vor allem in der französischen Literatur begibt. Religionsphilosophisch Interessierte werden sein Kapitel „Les Quetes du silence“ aufmerksam lesen; darin geht es um den (ursprünglich monastischen Kampf) gegen die Ablenkungen, um zum inneren Gebet zu finden. Corbin erwähnt unter anderen die Karthäuser-Mönche, die den ganzen Tag allein leben …. und schweigen. Gérald Chaix nennt sie deswegen die „fous de Dieu“, die Verrückten Gottes. Verrücktheit und Spiritualität wird hier in einen Zusammenhang gestellt (S. 71). Und zum Schweigen Gottes in dieser Gegenwart schreibt Corbin:“ Man hat überwiegend aufgehört sich zu fragen, ob das Schweigen eines sich verbergenden Gottes nicht doch eine Äußerung, ein „Wort“, ist!

Ein großer Schweiger, meint Corbin, sei auch der Heilige Josef gewesen, dabei hat der Autor die dürftigen Erzählungen über ihn, den Schweiger, im Neuen Testament im Blick. Nebenbei würde der Religionskritiker wohl sagen: Der heilige Josef als der so genannte „Pflegevater“ Jesu durfte auch nichts sagen, sonst hätte er vielleicht die historische Wahrheit erzählt, dass er der Vater Jesu von Nazareth und dessen Geschwister ist. Josefs Schweigen ist also ein kirchlich-dogmatisch erzwungenes Schweigen! In dem Buch wird (neben drei weiteren 7 anderen Gemälden) ein prächtiges Bild von Georges La Tour (von 1640) präsentiert: Der Heilige Josef als Tischler und das Jesus-Kind, das fast wie Mädchen erscheint: Jesus hält dem Vater eine Kerze während der Arbeit! Warum soll Josef dabei nichts gesagt haben?

Für alle an Frankreich Interessierten ist dieses Buch von Alain Corbin eine wahre Fundgrube, wenn er etwa daran erinnert, dass das Werk von Patrick Modiano vom Schweigen her sich gruppiert. Im 18. Jahrhundert wurde die „Kunst zu schweigen“ gepflegt und literarisch empfohlen als Teil einer Lebenskultur! Corbin vertritt trotz der Fülle verschiedener literarischer Bezüge und Verweise seine eigene Philosophie: Der Gedanke „arbeitet“ im Schweigen.

Ich breche diese Hinweise ab mit einem Zitat von Francois Mauriac: „Jedes große Werk entsteht im Schweigen und kehrt dorthin zurück“ (s. 122). Studieren wir also das Schweigen. Aber bitte – hoffentlich- in Stille.

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin

Den eigenen Visionen folgen – zur Inspiration für die anderen. Interview mit der Künstlerin Ursula Sax, Berlin

Die Fragen stellte Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Ursula Sax, geb. 1935 in Backnang, ist Bildende Künstlerin und Bildhauerin mit einem umfangreichen und vielgestaltigen Werk, das nicht nur Skulpturen, Abstraktes und Konstruktives umfasst, sondern etwa auch Grafiken. Sie war u.a. auch Professorin an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig wie danach, von 1993 bis 2000, an der entsprechenden Hochschule in Dresden. Heute lebt sie als freie Künstlerin wieder in Berlin. Über ihr Werk, auch mit Fotos, erschien kürzlich in der Zeitschrift „Weltkunst“ ein Beitrag, der sich als Einführung in ihr Werk gut eignet. Zur Lektüre klicken Sie bitte hier. Im Oktober 2016 stellte sich Ursula Sax einigen weiteren, grundlegenden Fragen. CM.      Über die Christusgestalt hat sich Ursual Sax geäußert: LINK.

In einer philosophischen Gesprächsrunde diskutierten wir kürzlich mit Ihnen die Frage, wie es denn Menschen gelingen kann, an den Werten von Gerechtigkeit und Frieden unbedingt festzuhalten. Da meinten Sie, entscheidend sei für die Qualität des menschlichen Lebens, auch für KünstlerInnen, eine Vision zu haben und dieser Vision in der Lebenspraxis zu folgen. Wie beschreiben Sie Ihre Vision, also diese geschenkte Einsicht, die für ihr Schaffen als Bildhauerin inspirierend ist?

Die großen Menschen der Geschichte, die herausragenden Männer und Frauen, hatten alle eine Vision, z.B. Gandhi, die Jeanne d´Arc, Martin Luther King und viele viele andere. Sie folgten diesen ihnen vorschwebenden Ideen bedingungslos, meist zum Unverständnis ihrer Umgebung, weil sie etwas sahen und für realisierbar hielten oder wussten, einer inneren Gewissheit folgten, die die Umwelt für unmöglich hielt und die sie, gegen alle Widerstände, Stück für Stück in der äußeren Welt sichtbar umsetzten. Schiller hat in etwa gesagt, wenn man im Leben die Richtung verloren hätte, solle man sich an die Träume seiner Jugend erinnern.

Als ich mit 15 Jahren an der Kunstakademie Stuttgart anfing zu studieren, zufällig in der Bildhauervorklasse, (eigentlich wollte ich in eine Malklasse), öffnete sich für ein kurze Zeit „der Himmel“. Ich war wie neu geboren, wie der Fisch im Wasser, ich war in meinem Element, das ich bisher nicht gekannt, nicht gewusst hatte. Ich hatte unerhörte Ahnungen von der Größe des Geistes, meines Geistes.

Das war ein Quantensprung. Plötzlich war ich kompetent in vielen Dingen – wurde zu einer Autorität in der Familie. Dann verdunkelte sich das Leben allmählich wieder. Vor kurzem fiel mir diese Erfahrung wieder ein. Es war eine Initialzündung. Doch ich habe diesen Zugang wieder verloren.

Ich bin heute 81 Jahre alt und habe mir den Weg dahin in vielen Jahren neu erarbeitet, über viele Stationen und Umwege und das Erwerben von Wissen. In der Jugend konnte ich diese Dinge nicht benennen, nicht überblicken, nicht einordnen. Noch einmal Schiller: „Der gute Mensch in seinem dunklen Drange, ist sich des rechten Weges wohl bewusst.“ Die große Vision war mir nicht vergönnt, aber Ahnungen, immer wieder – immer wieder abhanden gekommen. Visionen situationsbedingt. Schillers „dunkler Drang“ ist auch etwas wie eine Vision, man muss etwas tun, ohne zu wissen, wohin es führt.

Es gibt im Künstlerberuf Gelegenheiten eine Vision zu erfahren, bezogen auf ein Projekt, hier ein Beispiel: Meine Arbeit für das Albertinum in Dresden.

Ich war aufgefordert, mir für diesen Raum etwas einfallen zu lassen. Der Direktor der Skulpturenabteilung, der mich das fragte, sagte dazu: Sie können das! (Er kennt und schätzt meine Looping-Skulptur). Das war eine Herausforderung, das wollte ich beweisen.

Die Umstände waren so unmöglich, dass mich das reizte. Als dann nach vielen Monaten mein Entwurf da war, sagten zwei meiner engsten Freunde und Berater: Das geht nicht!!!! Wenn Du meine Studentin wärst, würde ich sagen: Mädel, lass Dir etwas anderes einfallen – dieses hier geht nicht. (Beide sind Professoren). Ich habe mir das angehört und ich wusste: Das geht. „Bis zu dem Moment wo es sichtbar wird, scheint es unmöglich“. Hat einer der Visionäre gesagt.

Das war eine Vision, ich hatte das im Geiste hängen sehen. Das gab es des Öfteren – am Anfang nicht – dass ich eine Skulptur fix und fertig vor mir sah und sie nur noch ausführen musste. Früher dachte ich: Das kann doch nichts Rechtes sein, es ist doch nicht erarbeitet. Mein Verstand war kleiner und unerfahrener als mein visionärer Geist.

Ideen, Impulse, Inspirationen, Visionen, Einsichten im Kleineren, sind Wegweiser, denen wir viel zu selten nachgehen, einerlei auf welchem Gebiet. Etwas taucht auf, wir verwerfen oder ignorieren es.

Jeder Mensch ist einmalig und besitzt eine einmalige Fähigkeit, die kein anderer hat.

Wären wir nicht so unbewusst, so wüssten wir was unsere Bestimmung ist und was wir beizutragen im Stande sind. Wären wir bewusster, selbst-bewusster, so könnten wir unsere Bestimmung klar erkennen: das wäre eine Vision.

Ich habe meinen Lebenssinn – eine Künstlerin zu sein – erkannt und ihn dennoch viele Lebensstrecken lang von mir werfen wollen, weil die Verstrickung in die eigene Geschichte meine Sicht verunklarte. Der Eigensinn, das Ego, verhindern den klaren Blick.

Wir verwechseln unser reines Sein mit der Person, die wir bemüht sind der Welt vorzustellen, weil wir denken nicht gut genug zu sein, weil wir nicht glauben und wissen, dass das Höchste das uns gegeben ist unsere Einmaligkeit ist.

Wir glauben diese ursprüngliche Person sei nicht gut genug und wir vergleichen uns mit Anderen.

Gerechtigkeit und Frieden kann es auf der Menschenwelt nur geben, wenn jeder einzelne selbstbewusst zu sich selber steht und sein eigenes Potential realisiert. Seinen eigenen Visionen folgt und die Resultate dem Ganzen zur Verfügung stellt.

So entsteht der Fortschritt auf allen Gebieten. Unzählige Wissenschaftler sind Visionen gefolgt und haben Dinge erkannt, die andere nicht sehen konnten und haben so zur Entwicklung des Ganzen beigetragen.

Diese Visionen haben sich in Ihrem Werk offenbar vielfach ausgestaltet. In einem Interview mit der Zeitschrift „Weltkunst“ sagten Sie, Veränderung sei für Sie wichtig, dieses Nicht-Stehen-Bleiben: Wie sind Sie zu dieser Vielfalt in Ihrem Werk (Sandstein, Bronze, Papierarbeiten) gekommen?

Kürzlich sagte ein prominenter Kollege zu mir :“Du hast es Dir nicht leicht gemacht“. Weil ich im Gegensatz zu den meisten Kollegen immer wieder das Metier wechselte, vielmehr das Material, in dem ich gerade noch gearbeitet hatte und das die Umwelt jeweils bereit war, für mein endgültiges Medium zu halten. Das brauchte jedes Mal wieder eine Anlaufzeit, bis ich die neuen Möglichkeiten verstanden hatte. Das galt als unprofessionell. Ich hatte keine Wahl. Ich habe mir das nicht ausgedacht. Es gibt einen Zug in meinem Wesen, der mich nach einer Zeit der Kontinuität weitertreibt. Genug – was nun ? Wie ich zu der Vielfalt gekommen bin? Es ging nicht weiter. Ich musste mir eine neue Straße suchen.

Hinter diesem Ja zur Veränderung steht gewiss auch eine philosophische Haltung zum Leben insgesamt?

Das JA zur Veränderung war kein Plan von mir, es stellte sich im Lauf der Zeit heraus, dass ich so bin, dass ich dem folgen muss, auch auf anderen Gebieten. Damit konnte man nicht sehr erfolgreich sein. Galeristen und Kunsthistoriker erwarteten ein Markenprodukt, kein „Sammelsurium“.

Dass das im Abstand betrachtet ein ganz lebendiges Prinzip ist mit einer philosophischen Dimension, habe ich damals nicht übersehen.

Es bedeutete viele Krisen, Selbstzweifel, Verzweiflung.

Sie sind viel gereist, etwa auch nach Asien. Waren die Begegnungen in diesen Kulturen für Sie auch spirituell von Bedeutung? Hat sich Ihre eigene Spiritualität verändert?

Ich war immer interessiert an der Welt, am Reisen, Kennenlernen von Neuem. Ich bin keine „Wieder-Kommerin“ – selten. In den ersten Jahrzehnten waren es Neugier- und Bildungsreisen, später war ich viele Male in Indien – Rundreisen auch, aber auch regelmäßig war ich in einem Ashram in Rischikesh, bei einem powervollen Yogi, auf der  Suche nach spiritueller Unterrichtung. Da ich in meinem Elternhaus täglich die Lektüre der Bibel erlebte, interessierte ich mich, als ich mein eigenes Leben in die Hand nahm, für die anderen Religionen: Wie kann man die Dinge noch sehen, was sind die Gewissheiten der anderen Glaubenssysteme, die Ziele, die Versprechungen und wo ist der Konsens, das Verbindende, das allen Gemeinsame? Mein Fazit: Alle haben recht – im Grunde. Einmal bin ich ganz spontan von Rom aus – wo ich mich längere Zeit aufhielt – mit einer Gruppe von Pilgern zur Madonna von Medjugorie nach Bosnien gefahren. Ich bin nicht katholisch.

Wie ist Ihr Interesse gewachsen, andere Menschen zu begegnen, hörend und helfend und therapeutisch?

Mein Interesse an Psychotherapie habe ich früh entdeckt.

Ein Medizinstudent, den ich kannte, hat mir Bücher geliehen, in denen ein Psychiater Fallstudien mitteilte. Ich war fasziniert, „wie Krimis“, dachte ich. Ich war 15 Jahre alt und hatte gerade mein Studium an der Kunstakademie Stuttgart begonnen. Später habe ich verschiedenste Psychotherapien und Psychotherapeuten in Anspruch genommen, war fasziniert von der Technik Psychodrama und habe eine Ausbildung gemacht, auch noch ein paar andere Techniken hinzugenommen.

Damit habe ich dann begonnen mit Menschen zu arbeiten, was mir sehr große Freude machte. Das ist auch eine meiner Begabungen.

Wäre dies jetzt auch der Ort, vom Wert des Schwebens, des Freiseins, zu sprechen. Eine Ihrer Skulpturen in Dresden war ja ein eindringliches Zeugnis vom Schweben hoch oben im Raum. Kunst und Schweben, Kunst und Leichtigkeit, passt das gut zusammen auch für eine Bildhauerin?

Der Wert des Schwebens……….

Ich habe besonders gern immer wieder hängende Skulpturen gemacht, in Holz und in Eisen.

Hängen und Schweben sind nahe beieinander und doch nicht dasselbe. Es hat mich beglückt, dass die Dinge von oben kommen. Die einzigen Hängeobjekte, die wir im Alltag kennen, sind Lampen, Kronleuchter – Licht von oben, das ist pragmatisch, aber auch tiefsinnig. Da die Bildhauerei sonst mit Gewicht und Standfestigkeit arbeitet und eher erdverbunden ist, gefällt mir dieser Gegensatz. „Doch der Segen kommt von oben“, um noch einmal Schiller zu zitieren.

Von Ernst Barlach gibt es eine hängende oder schwebende Engelsfigur im Dom zu Güstrow. Die einzige Skulptur „in der Luft“, die ich kenne, doch sie ist nicht leicht, wie Barlach nie leicht ist.

Das Hängen gefiel mir, als ich die vor Jahrzehnten kennen lernte.

Ihre großen Skulpturen, etwa Looping in Berlin an der Avus, sind eine monumentale Raumgestaltung. Sie wollen offenbar positiven Einfluss nehmen auf den (oft so hässlichen) öffentlichen Raum?

Kunst im öffentlichen Raum hat die Aufgabe die vorgefundene Situation, die in der Regel innerstädtisch ist, zu bereichern, manchmal sogar zu retten. Sie muss ein neues Element beitragen.

Ich betrachte den Standort vom städtebaulichen Gesichtspunkt aus. Was braucht der Platz ? Welche Maße tun ihm gut ?

Beim Standort meiner Skulptur LOOPING handelt es sich um einen Unort. Es war dort für den neu gebauten (und später nie geöffneten) Messeeingang ein kleineres Kunstwerk am Aufgang ausgeschrieben.

Ich habe mir den Ort gründlich angesehen und kam zu der Überzeugung, dass diese unstädtische Gegend etwas Größeres braucht. Das ist keine Wohn- und keine Einkaufsgegend. Da sind kaum Passanten, aber viele viele Autos, die da ununterbrochen vorbei jagen. Das musste vom Auto aus erlebbar sein, also ein bestimmtes Format, eine bestimmte Ausdehnung haben.

 Was bedeutet es für Sie, wenn heute in Städten wie Berlin in rasantem Tempo Häuser hochgezogen werden und die Angst berechtigt ist, es werde eine neue Form der hässlichen, zugestellten Stadt entstehen?

Man kann und soll sich nicht gegen die Zeit stellen. Es gibt Entwicklungen, die wir bedauern, doch nicht aufhalten können. Das, was sich zeigt, ist die Wirklichkeit und die Wirklichkeit hat zunächst einmal recht. Das ist ja eine weltweite Entwicklung, überall werden in rasantem Tempo Häuser hochgezogen.

Städte verändern sich, oder verschwinden – teilweise.

In meinem Leben habe ich gesehen, wie Städte zerbombt wurden und wieder auferstanden.

In den 6oer Jahren gab es hier in Berlin eine Reihe erfolgreicher junger Architekten, die große Aufträge bekamen und ich hatte das Glück für verschiedene dieser Häuser die Kunst machen zu dürfen. Ich dachte das bleibt nun so. Inzwischen sind viele dieser Bauten wieder abgerissen, mitsamt meiner Kunst. Ohne Krieg.

Ich erfahre im Lauf meines Lebens, dass nichts von Dauer ist.

Eine ewige Bewegung – Tod und Auferstehung.

Meine Antworten sind mehr autobiografisch, weil sich lebend ergibt, was und wie es werden wird. Man hat nicht erst ein philosophisches Konzept und füllt es dann mit Leben, vielmehr ist im Nachhinein, im Abstand die philosophische Haltung sichtbar und anschaulich vor Augen.

Berlin, Oktober 2016

Copyright: Ursula Sax, Berlin.

Zu den Arbeiten von Ursula Sax über Christus: „Christus ist kein nur christliches Phänomen“ klicken Sie hier.

Wichtig auch:  www.werksax.de

Christoph Marthaler: „Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter“. In der Volksbühne.

Ein Hinweis von Christian Modehn

Nichts ist für mich schlimmer, als wenn in der Volksbühne in „Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter“, zu viel gelacht wird. Eine Nachbarin kicherte und lachte zu oft, beinahe ständig, so dumm, als sei das neue Stück Christoph Marthalers eine Art Klamauk, eine Darstellung witziger Episoden. Etwas zum Schmunzeln. Was könnte „falscher“ sein….

Mein Eindruck, wie schon bei dem berühmten und unvergessenen Stück Marthalers „Murx den Europäer…“ (1993), das ich dreimal sehen konnte: Die Stimmung ist auch hier, wie bei „Murx den Europäer“, einmal mit einem Stichwort beschrieben, eher traurig, sogar schon jenseits des Pessimismus: Diese Menschen sind am Ende, fertig, haben sich selbst und anderen eigentlich nichts mehr zu sagen. Und sie sagen ja fast gar nichts in „Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter“. Wenn sie aus ihrer Erlahmung und Müdigkeit erwachen, dann singen sie einzeln, wunderschön, oder gemeinsam, noch schöner. Es ist die Musik, die, wieder einmal, die Menschen am Leben noch ein bisschen erhält, etwas Schwung bringt, wenigstens für Momente, bevor man wieder versinkt im Alleinsein oder sich in drolligen Aktionen die Zeit vertreibt: Diese sollen die Sehnsucht nach körperlicher Nähe ausdrücken, wenigstens dies; gar nicht lustig sind die Bewegungen, wenn sich die Menschen zur Erde bücken, um sich aus Fressnäpfchen etwas zum Beißen zu holen.

Sehnsucht, Ahnung von anderen Welten, ein ganz kleines bisschen Traum: Das ist aber auch noch vorhanden. Und darin sehe ich, so komisch das klingen mag, fast ein romantisches Element auch in diesem Stück, das natürlich eher eine Abfolge „leicht bewegter Standbilder“ ist als ein klassisches Drama in 4 Akten. Diese klassischen Zeiten sind entschwunden. Das Bühnebild, wieder von Anna Viebrock großartig gestaltet, sagt in seiner Ödnis eines leeren Museum-Saales alles: Da ist nichts Schönes mehr zum Ausstellen, da werden nur die kaputten Menschen aufgestellt und ausgestellt und weggeschoben. Im Erbärmlichen wächst etwas Sehnsucht.

Aber: Diese Sehnsucht ist noch „leicht glimmend“ da, hier gehaucht, geflüstert. Diese fast erloschene Hoffnung  drückt sich etwa aus in dem Lied „Brüder zur Sonne, zur Freiheit“, das die Menschen auf der Bühne schon sehr leise gemeinsam anstimmen, bis das Lied nach wenigen Strophen ausklingt, nicht einmal mehr geflüstert, sondern nur noch in den Lippenbewegungen ahnbar. „Brüder, zur Sonne zur Freiheit“ ist dieser weltliche Choral der Sozialdemokraten: Das war einmal, da sang man es voller Inbrunst und glaubte an den bewegenden Inhalt. Das ist verschwunden, d.h. kaputt gemacht worden: „Brüder zu Hartz IV und in die Mitte nach rechts“ könnte man jetzt als neuen Text über die Melodie legen. „Sozial und demokratisch“, das war einmal, das ist verstummt, nicht nur bei Marthaler in der Volksbühne. Diese Sehnsucht, die es noch festzuhalten gilt: Sie kommt auch in den Sologesängen zum Ausdruck, in romantischen Liedern oder vor allem in dem „Kyrie eleison“ aus der Messe von Eric Satie: Da singen diese Menschen das „Herr erbarme dich“, aus einer Messe, die Satie die „Messe der Armen“ ausdrücklich nannte. Welche musikalische Wahl könnte besser sein? Diese Messe ist bezeichnenderweise ein Fragment geblieben, über das Kyrie und ein Gebet in Todesgefahr (!) konnte (wollte ?) Satie die Messe nicht weiter hinaus komponieren. Aber durch das flehentlich leise Kyrie eleison (am Harmonium begleitet) ist für mich die Stimmung bei Marthaler jetzt durchaus religiös gefärbt. Muss man sich dafür entschuldigen, dass man dieses Wort hier religiös verwendet? Ich hoffe nicht, denn Religion oder Spiritualität hat ja bekanntlich nichts mit bürokratischen Kirchen-Institutionen zu tun. Wunderbar auch der Chorgesang von Händel  „Lascia ch’io pianga“   („Laß mich mein grausames Schicksal beweinen und seufzen um meine Freiheit…“).

Eine Szene, die vieles erschließt: Wenn Irm Hermann, großartig, gefühlte fünf Minuten auf der Bühne leise vor sich hin lacht, sich einfach nicht fassen kann, ohne dass es in einen hysterischen Lachkrampf ausartet. Sie lacht über das Leben dort, die Menschen, vielleicht über die offenkundige Sinnlosigkeit insgesamt. Lacht sie sich frei? Vielleicht für einen Moment.

„Bekannte Gefühle – gemischte Gesichter“ ist mehr als ein Stück über den Abschied Marthalers und seines Ensembles von der Volksbühne, so wird es oft in einem ersten Blick interpretiert. Aber es ist mehr. Es ist ein Stück über das Ende des Daseins, oder: eines bestimmten Daseins, von dem man sich verabschieden kann, wenn es geht.

Copyright: Christian Modehn

 

Denk mal: Zum Tag des offenen Denkmals.

Ein philosophischer Hinweis von Christian Modehn

Am vergangenen Wochenende (am 10. und 11. September 2016) fand wieder der „Tag des Offenen Denkmals“ statt, ein kulturelles Ereignis, das offenbar immer mehr Interessierte findet und nicht nur in Deutschland „begangen“ wird. Auch über diese beiden“Gedenktage“ hinaus bleibt die Besinnung auf das, was offene Denkmäler denn zu denken geben, wichtig. Der Tag des offenen Denkmals ist vom Titel her verlockend für eine philosophische Meditation. Und sie könnte sozusagen wie eine Art Begleitmusik gelten für alle, die an dem Tag und auch sonst Orte und Häuser betreten und betrachten, die sich – offiziell – Denkmäler nennen.

Zunächst könnte man sprachphilosophisch meinen, das Substantiv Denkmal sei ursprünglich eine verbale Befehlsform gewesen, in dem Sinne von „Nun denk mal“ angesichts eines bestimmten Raumes und Ortes. Ich finde die Erneuerung des Denkmal-Begriffes aus dem Geist der verbalen Aufforderung „Denk mal!“ recht hübsch und hilfreich.

Die philosophische Frage wäre vorher aber doch die: Welche Gebäude, Orte und Räume werden dann vom wem eigentlich zu Denkmälern offiziell erklärt? Ich denke, mit starker Abwehr, an die überall noch anzutreffenden Denkmäler der Kriegshelden, „die für Volk und Vaterland gestorben“ sind, im 1. Weltkrieg etwa. Mir tun die Hinterbliebenen natürlich leid und die Toten selbst auch, die sich in jungen Jahren als „Kanonenfutter“, der Begriff ist treffend, im Rahmen des nationalistischen Wahns (von anderen Europäern und Christen ebenso) abknallen lassen mussten. Schlimm ist, dass diese Denkmäler heute auf die Kriegsumstände, also etwa auch auf das „Kanonenfutter“, nicht aufmerksam machen. Von daher sind diese Denkmäler in dieser gegebenen Form (!) eben wohl keine Orte, die von vornherein zum Bedenken des Friedens und der Überwindung jeglichen Nationalismus führen. Wo sind genauso zahlreich vertreten die Denkmäler, Denkräume, etwa für die wenigen Widerstandskämpfer in der Nazi-Zeit?

Es gibt auch Orte, die noch keine offiziellen Denkmäler sind, dies aber – zumal in diesem Jahr – werden sollten: Etwa die Orte und Plätze, wo Flüchtlinge im vergangenen Jahr willkommen geheißen wurden; und die Flüchtlings – Unterkünfte, die vielen, die von Rechtsradikalen dann in Brand gesetzt wurden aus purem Hass. Diese Häuser sind Denkmäler, dort sollte man verweilen im Sinne von Denk-Mal politisch weiter!  Also: Denken an den Humanismus, als der Basis menschlichen Miteinanders. Denken an die spontane Hilfsbereitschaft als Ausdruck eines neuen menschlichen Miteinanders! Aber diese Orte kommen in den Listen der Denkmals-Orte am 10. oder 11. September nicht vor. Ähnliche Gedenkorte wären etwa auch jene Häuser, wo heute die Büros von Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International untergebracht sind. Lebendiges und aktuelles Gedenken könnte man das nennen.

Natürlich kommt man, philosophisch gesehen, überall und immer ins philosophische Denken. Darum sollte man beim Tag des Offenen Denkmals eben unterscheiden: Einerseits wird das Denken aktiviert im Sinne des klassischen, kulturellen historischen Wissens: Ich sollte also lernen und wissen, so lautet die Aufforderung, dass in diesem Schloss XY, als Denkmal, Großfürst Isidior mit seiner Geliebten Charlotte im 18. Jahrhundert lebte. Das ist alles Sache der Historiker, die bei den Denkmälern zurecht ihre Aufgaben sehen.

Andererseits: Das philosophische Denken und Gedenken ist vom historischen Wissen und Gedenken auch verschieden: Philosophisch wird es, wenn man fragt: Warum gibt es eigentlich bestimmte Orte und Räume, die explizit an einigen Tagen zum Denken auffordern? Sind nicht alle Orte erstaunlich? Ist nicht mein Leben, unser Leben, erstaunlich und verwunderlich? Von Sokrates wird berichtet, dass er auf der Straße längere Zeit meditierend „verwundert“ stehen blieb und nur nach nachdachte. Thaumazein nannten die Griechen diese elementare philosophische Erfahrung! Worüber wundert sich der Philosoph und kommt dadurch ins Denken? Über das Erstaunliche, dass er da ist, dass die Welt da ist, dass wir erkennen können, gut sein können, leben dürfen, andere Menschen als Geschenk erleben usw. Von daher ist für Philosophen jeder Tag ein Tag des offenen (also einladenden) Denk Mal! „Tage des offenen Denkmals“ wären philosophisch gesehen Tage, an denen sich Menschen austauschen über dieses Erstaunen, dieses sokratische „Thaumazein“…

Damit ist gar nichts gegen das Bedürfnis gesagt, historisch viel mehr und immer mehr zu wissen von den offiziell zu denkwürdig erklärten Häusern. Aber alle, die am 10. und 11. September durch Denkmäler laufen oder durchgeschleust werden und sonst sowieso durch Museen fotografierend eilen, sollten sich aber fragen: Was geben und bedeuten mir diese Räume und Orte denn nur wirklich für mich in meinem Leben und in meinem Fragen? Geben sie mir zu denken? Oder habe ich gar schon wieder schnell vergessen, was denn Großfürst Isidor mit seiner Charlotte in seinem Schloss XY alles gemeinsam unternommen hat? Kurz und gut: Historisches Wissen ist flüchtig, weil es im allgemeinen nicht den eigenen Geist, die „Seele“, berührt. Historisches Wissen muss per se äußerlich bleiben und wird deswegen leider oft schnell vergessen. Philosophisches Wissen, es ist Weisheit, ist anders: Da erinnert man sich sein Leben lang an eine Erschütterung, die viele Minuten dauerte, weil man sich angesichts von Großfürst Isidor, um bei diesem Beispiel zu bleiben, doch fragte: Was macht eigentlich gemeinsames Leben aus, was bedeutet Macht und Herrschen, was bedeuten Reichtum und Luxus im Schloß XY?

Bemerkenswert von philosophischer Seite ist: Auch Kirchengebäude, manchmal Gotteshäuser genannt, sind bei den Tagen des offenen Denkmals, in Berlin etwa, reichlich vertreten. Eigentlich wird ja in Kirchen de facto mehr das Beten gepflegt und das Singen usw als das umfassend kritische Denken. Darum ist es bemerkenswert, dass sich die Kirchengemeinden selbst dem Denken verpflichtet wissen: In Kirchen soll also ganz offiziell auch philosophisch und kritisch und religionskritisch gedacht werden! Das wäre ja eine frohe Botschaft!

Trotzdem meine ich: Wir alle brauchen wohl auch philosophische Tage des „Denk mal!“ Und diese Tage sind eigentlich immer, an jedem Tag.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

Hannah Arendt: Pluralität und Erfahrung des anderen. Sie haben ihre Wurzeln im Selbstgespräch des einzelnen.

Ein Hinweis auf ein neues Buch von Hannah Arendt.

Hannah Arendt hat als Flüchtling in den USA nur noch politische Philosophie bzw. politische Theorie betreiben wollen, das hat sie etwa auch in dem berühmten Fernseh-Interview mit Günter Gaus betont. 1954 hat Hanna Arendt an der Notre-Dame University Vorträge zu dem Thema gehalten, auch über Sokrates und Platon hat sie gesprochen. Damit zeigte sie, dass die klassischen Themen der klassischen Philosophie für sie doch auch selbstverständlich wichtig blieben; sie wollte diese nur ausdrücklich im Zusammenhang des politischen Zusammenlebens erörtern.

Jetzt ist im Verlag „Matthes und Seitz“ (Berlin) zum ersten Mal eine deutsche Übersetzung ihres Vortrags mit dem Titel „Sokrates. Apologie der Pluralität“ erschienen. Dieser eher knappe Text ist originell und bedeutsam für weitere Diskussionen, weil er die Erfahrung der Andersheit der vielen anderen Menschen (Pluralität) gerade IN der Erfahrung des Selbst begründet: Von Selbstbewusstsein, diesem klassischen philosophischen Begriff, spricht Arendt in dem Text – soweit ich sehe – nicht. Aber sie verweist auf die elementare Denkerfahrung, die sich abstrakt etwa so beschreiben lässt: Ich denke mich und erlebe mich dabei als den von mir Gedachten, wobei das von mir gedachte Ich in gewisser Weise von mir als dem Denkenden verschieden ist. Es ist also eine gewisse Spaltung, „Pluralität“, im Ich oder im Selbstbewusstsein sichtbar und erfahrbar. Also eine Art zweifache Gegebenheit des einen Ich, so dass Hannah Arendt tatsächlich meint: Das Ich ist in seinem Selbstbewusstsein pluralistisch: „In sich selbst trägt der Mensch die Signatur dieser Pluralität in sich“ (Seite 60 in dem genannten Buch). Also ist die Vielfalt verwurzelt im Ich selbst, und nur aufgrund dieser pluralistischen Erfahrung kann der einzelne auch den anderen als den anderen erkennen. Dies ist die zentrale These in dem Buch. (Es bietet darüber hinaus und im Gang der Argumentation wichtige Hinweise zu einer Philosophie der Freundschaft oder zur Differenz Sokrates-Platon, darauf kann hier nicht näher eingegangen werden).

Diesen zentralen abstrakten Gedanken formuliert Arendt mit den Begriffen des im einzelnen immer schon gegebenen Selbstgesprächs: „Indem ich mit mir selbst spreche, lebe ich auch mit mir zusammen…. Die Menschen tragen die Signatur der Pluralität in sich“ (S.26 in dem genannten Buch). Das hat ethische Konsequenzen: Ich muss also mit mir (als dem gedachten Ich) ins Reine kommen; ich darf mit mir (als dem gedachten Ich) nicht im Widerspruch stehen. Ziel ist eigentlich: Ich muss mit mir übereinstimmen. Das ist der oberste Lebenssinn für Sokrates. Und Hannah Arendt zeigt in dem Buch, wie Sokrates dieses Mit-sich-Eins-Sein selber lebte und lehrte. Dieses Mit-sich-Eins-Sein ist ein Werden, ein Prozess, eine bleibende Aufgabe.

Wer als Ich diese dauernde Aufgabe erkennt, wird auch mit den anderen Menschen in seiner Umgebung geduldig umgehen, weil diese sich ja auch wahrscheinlich bemühen, mit sich selbst überein zu stimmen. Voraussetzung für eine humane Gestaltung der Pluralität bleibt für Arendt: „Die Einsamkeit mit sich selbst, der Dialog des Zwei-in-Einem ist integraler Bestandteil des Zusammenseins und Zusammenlebens mit anderen“ (S. 81). Nur im Mit mit sich selbst allein sein kann diese Entdeckung der inneren, eigenen Pluralität denkend wahrgenommen werden.

Bedrängend, wenn nicht zerstörerisch ist die Erfahrung, wenn die Nicht-Übereinstimmung des Ich mit sich selbst erlebt und dann aber ignoriert bzw. überspielt wird. Dann wird die Daseinslüge zum Gesetz des Ich.

Jedenfalls ist die innere Pluralität im Selbstbewusstsein des einzelnen für Arendt so elementar, dass sie das große philosophische Wort thaumzein, sich verwundern, darauf bezieht: Im Thaumazein, Erstauntsein und Sich-Wundern, wird ja die Urerfahrung beschrieben, mit der Sokrates und Platon – zunächst über die Sprachlosigkeit im Thaumazein – ins weitere Philosophieren fanden.

Das Ur-Erstaunliche ist also das Selbstbewusstsein, das mit sich selbst übereinstimmen soll, das also die Differenz der Andersheit in seinem Selbst sozusagen positiv gestalten kann.

Diese Begründung der Erfahrung der menschlichen Pluralität, also die Erfahrung des anderen, erscheint für viele wahrscheinlich neu und sicher erstaunlich. Man könnte meinen, Hannah Arendt sei insofern doch klassische Philosophin geblieben, als sie für die Erfahrung des anderen als anderen eine Art apriorische Struktur im Ich entdeckt bzw. freilegt. Diese Denkhaltung könnte man wohl transzendentalphilosophisch nennen. Vielleicht ahnte dies Hannah Arendt, und vielleicht verwendet sie deswegen nicht den klassischen Begriff Selbstbewusstsein. Um eine apriorische Struktur handelt es bei Hannah Arendts Hinweis dann doch, wenn sie auf das in sich plurale „Selbstgespräch“, wie sie sagt, hinweist als Voraussetzung, über die andere Person als andere Person wahrzunehmen und zu respektieren.

Gewonnen ist die wichtige auch politisch so relevante Einsicht: Wir Menschen können und sollen Pluralität unter den Menschen anerkennen. Sie ist normal. Ich sage: Sie ist apriorisch und gehört zum „Wesen des Menschen“, könnte man auch klassisch sagen. Pluralität unter den Menschen ist also etwas allgemein Menschliches, noch einmal anders gesagt, Pluralität – in Gleichberechtigung – ist also zu hegen und zu pflegen.

Die weitere Frage bleibt, die Hanna Arendt nicht beantwortet, ob denn die Erfahrung des „anderen“ in mir selbst noch einmal eine andere Qualität hat, als jene Erfahrung im Ich-Du bzw. Ich-Wir, wenn ich dem anderen, leibhaftig vor mir stehenden Anderen, begegne. Ich denke, etwa Lévinas hätte dem zugestimmt. Der leibhaftige Andere ist für ihn wohl die Gründung erst meiner Ich-Erfahrung.

Hannah Arendt lag daran, in einer Zeit kurz nach dem Holocaust und in der Nachkriegsgeschichte entschieden für die unabweisbare Pluralität der Menschen zu plädieren. Und für den Respekt dieser Pluralität einzutreten.

Hannah Arendt, Sokrates. Apologie der Pluralität. Matthes und Seitz Verlag, Berlin. 2016, 109 Seiten. 12 Euro. Übersetzung: Joachim Kalka.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

„Märchen haben eine ungeheure Ressource“. Ein Interview mit Dr. Angelika B. Hirsch über „Jugra geht“

Sie sind als Religionswissenschaftlerin auch seit langem als Märchen-Forscherin und Märchen-Erzählerin (für Erwachsene) tätig. Nun haben Sie ein sibirisches Märchen unter dem Titel „Jugra geht“ aus dem Osjakischen übersetzen lassen und selbst in bewegender Sprache nacherzählt. Die Geschichte ist uralt, wie Sie schreiben, sie soll bis in die Altsteinzeit reichen. Warum ist dieses Märchen über das literarische Interesse hinaus wichtig für uns in Europa heute?

Ich beschäftige mich seit Jahren sehr viel mit mündlicher Überlieferung. Man kann für die Schublade schreiben, erzählen kann man nur, was im Augenblick gehört werden will, was behalten und weitergegeben wird. Diese Stoffe werden in der Weitergabe geschliffen und verallgemeinert, es bleibt nur das übrig, was alle, oder zumindest viele Menschen angeht. Ein paar Stoffe sind offenbar unverwüstlich, weil sie Themen, mit denen jeder Mensch irgendwann konfrontiert ist, auf den Punkt bringen. Ich vergleiche das mit dem „goldenen Schnitt“ bei Formen – man kommt immer wieder darauf zurück, weil es eine Idealform ist.

In dem chantischen Märchen „Die Mosfrau“, das „Jugra geht“ zugrunde liegt, sind solche elementaren Themen verdichtet, auf die wir bis heute Antworten suchen, zum Beispiel: Wie hängen Leben und Tod zusammen? Wie können Menschen damit leben, dass sie töten müssen, um zu leben? In welchem Verhältnis stehen Mensch, Tier und Kosmos zueinander?

Auch das sibirische Märchen „Jugra geht“ handelt von den immer wiederkehrenden Märchen-Motiven: „Etwas verlieren“, sterben, sich wandeln und in neues Leben eintreten. Ist es diese, offenbar allgemeine, Grundstruktur „der“ Märchen, die auch heute kritische Menschen zu Freunden der Märchen-Welt macht?

Ja, das Verlieren gehört wirklich zur Grundstruktur der Märchen. Selbst in dem harmlosestenKindermärchen geht es darum. Das ist so, weil wir von klein auf mit dem Tod konfrontiert sind. Es muss längst nicht immer der „große Tod“ sein, der ins Leben einbricht, es gibt viel „kleine Tode“: den Schlaf, den Abschied, ein Verbot, ein Nichtverstandenwerden, der Verlust einer Liebe…

Haben Märchen meist eine harmonisch wirkende Erzähl-Struktur am Ende?

Wie das Verlieren gehört auch das gute Ende zum Märchen! Ich finde das auch nicht naiv, sondern es steckt der fester Glaube dahinter, dass die Welt im Grund gut ist, auch wenn sehr viel Böses geschieht. Der Glaube an das gute Ende kann ein ganzes Leben lang tragen. Es gibt allerdings auch einige Märchen, die nicht gut enden, eines davon (ein besonders böses) erzähle ich sogar liebend gerne: „Frau Trude“. Ich empfinde diese Märchen als „Salz in der Suppe“. Märchen gehen davon aus, dass fast alles möglich ist, dass „Helden“ jeden nur erdenklichen Fehler machen dürfen – und dann gibt es da plötzlich eine Schwelle, die nicht ein einziges Mal übertreten werden darf, sonst ist tatsächlich alles verloren. Mir scheint, dass auch dies eine Lebenswahrheit ist, die in den Märchen abgebildet wird.

Ist es zu funktional gedacht, wenn ich frage: Sind Märchen sind Lebenshilfe, wenn ja, in welchem Sinne können sie es sein?

Märchen sind vielleicht die elementarste Form von Lebenshilfe. Aber das beste ist: Die Wirkung dieser „Medizin“ ist nicht wirklich zu steuern. Jeder, der mit Märchen arbeitet, macht die Erfahrung, dass man oft genug ein Märchen in einer bestimmten Absicht erzählt und beim Gegenüber etwas ankommt, an das man selbst gar nicht gedacht hat. Gott sei Dank entziehen sich Märchen immer wieder ihrer Verzweckung.

Märchen haben eine ungeheure Ressource, den Lebensmut zu stärken, auf Ideen zu bringen, Lösungswege aller Art kennenzulernen. Am besten ist es, wenn Menschen von Anfang an möglichst viele Märchen kennenlernen. Dann wächst die Phantasie, die Imagination, das Gerechtigkeitsgefühl, der Mut zum Guten, unorthodoxes und flexibles Denken und vieles mehr.
Kann das Märchen „Jugra geht“ auch zu philosophischen Reflexionen führen, etwa zur Frage: Wie kommt es, dass wir Menschen Natur und Tiere um unseres eigenen Überlebens willen verzehren und töten müssen? Sind wir dabei die Herren der Schöpfung oder gibt es auch die Erfahrung, dass wir Menschen füreinander zur (geistigen) Nahrung werden bzw. immer schon sind, wenn man an das ständige „Verzehren“ von Kulturgütern denkt?

Ja, Märchen führen zu Reflexionen. Aber sie haben einen anderen Ansatz als die Philosophie, sie geben uns Bilder, große Bilder, die wir beim Hören (oder Lesen) innerlich schauen und intuitiv wissen: „So ist es! Das ist wahr! So ist es mir auch schon ergangen! Genau so müsste es in der Welt zugehen!“

Diese Bilder erfassen zuerst die Seele, den Körper, das Herz, dann erst beginnen wir (manchmal) auch nachzudenken. Ich hoffe sehr, dass das bei „Jugra“ geschieht, weil ich genau die Themen unserer Zeit, die Sie ansprechen, in diesem archaischen Märchen finde: Wie gehen wir mit den Ressourcen unserer kleinen Erde um?

Aber ich wäre auch schon zufrieden, wenn jemand nach dem Lesen und Betrachten dieses Buches nur sagt: „Was für eine großartige Geschichte!“ Denn auch das wäre ja durchaus nicht wirkungslos…

Das Märchen „Jugra geht“, neu erzählt von Angelika B. Hirsch mit wunderbaren Gemälden des Künstlers Jorge Lopes (Berlin) ist im „Hospiz Verlag“ in Esslingen erschienen, mit einem Begleitheft von Angelika B. Hirsch. Zu empfehlen für Menschen ab 8 Jahren. Das Buch kostet 19, 90 Euro.

Hier kann man mehr zum Buch erfahren: www.jugra-geht.de

Copyright: Angelika B. Hirsch und Religionsphilosophischer Salon Berlin.