Von der Macht der Kommunikation: Ein Sonderheft über Hannah Arendt.

Von der Macht der Kommunikation: Hannah Arendt. Eine Sonderausgabe des „Philosophie Magazin“.
Ein Hinweis von Christian Modehn

Wer Hannah Arendt liest, wird ins (selbst)kritische Denken geführt und ins Streiten für und über die Demokratie verbunden. Ist es diese Sehnsucht nach einem radikalen-tätigen, aber stets erhellenden Denken, die so viele LeserInnen heute zu Hannah Arendt führt?

Die neue Sonderausgabe über Hanna Arendt der Zeitschrift PHILOSOPHIE MAGAZIN bietet wichtige neue Erkenntnisse, die zum weiteren Forschen und Lesen einladen. Das Sonderheft wurde von Catherine Newmark redaktionell inspiriert und verantwortet. Und es ist nicht übertrieben: Damit ist ihr ein kleines Meisterwerk gelungen. Dieses Sonderheft wird weite Verbreitung finden, es wird einen sicheren Platz haben unter den schon zahlreichen Einführungen ins Denken und Handeln Hannah Arendts. Es ist diese Verbindung von wichtigen Arendt-Texten mit neuen Interpretation und kritischen Hinweisen, die dieses Heft so wertvoll macht.

Hannah Arendt war eine Meisterin der Freundschaft und der liebenden Beziehungen, dazu schreibt Michel Legros einen schönen Beitrag unter dem schon Wesentliches sagenden Titel „Zwischen zwei Menschen entsteht eine Welt“.

Als sie in den USA, zuerst viele Jahre als Staatenlose in rechtlicher Schutzlosigkeit lebend, dann doch Karriere machte, gab es viele, die ihr Denken und ihre Schriften als „Journalismus abgetan haben“, wie ihr einstiger Schüler, der Dirigent und Autor Leon Botstein im Interview mit Catherine Newmark berichtet. Wie das Exil und die von den Nazis erzwungene Flucht aus Deutschland Arendts Denken beeinflusste, zeigt die Philosophin Stefania Maffeis (FU). „Der philosophische Standpunkt des Exils ist jener der Lücke und des Bruchs. Er steht nicht auf dem sicheren Boden der unhinterfragten Wahrheiten der Vergangenheit und kann auch seine zukünftigen Ziele nicht vorhersehen“ (S.55).

Es sind die Interviews, die Catherine Newmark leitet, die in dem Heft in meiner Sicht besonders herausragen. Die Gründerin des Hannah Arendt Zentrums an der Uni Oldenburg, Antonia Grunenberg ist auch vertreten. Sie stellt sich auch der eher spekulativen Frage, wie denn etwa Hannah Arendt auf den IS reagiert hätte: „Sie hätte mehr darüber nachgedacht, wie sich die westlichen Gesellschaften verteidigen gegen diese Gefahr, ob sie einknicken oder ihre plurale Öffentlichkeit leben und öffentlich verteidigen“, so Antonia Grunenberg (S. 74). Erneut und sehr zurecht wird in dem Heft auf die eigenständige Leistung Arendts hingewiesen, dass sie eben als eine der wenigen „PhilosophInnen“ über die Geburt nachgedacht hat: Mit jedem neuen Menschsein wird jeweils ein Anfang gesetzt, und deswegen „können Menschen die Initiative ergreifen, Anfänger werden und Neues in Bewegung setzen“ (Arendt).

Besonders umstritten ist auch heute die viel zitierte Einschätzung Arendts, der Nazi-Verbrecher Adolf Eichmann sei eine typischer Vertreter für die Sichtbarkeit der „Banalität des Bösen“. Da finde ich die Hinweise der Philosophin Susan Neimann sehr erhellend: Hannah Arendt habe viele historische Details über Eichmann im Jahr 1961 eben gar nicht kennen können, als sie in Jerusalem den Eichmann-Prozess beobachtete. Noch wichtiger aber erscheint mir der Hinweis von Susan Neiman:. „Das Böse ist (für Hannah Arendt) nicht dämonisch und allumfassend, sondern nur die Summe von menschlichen Handlungen, oft gedankenlosen“ (S. 107). Neiman meint, Arendt habe in dieser „Relativität des Bösen“ eine Art philosophische Theodizee gesehen (S. 107). Praktisch heißt das: Mit besserem Denken und besserem Handeln können wir Menschen gegen das Böse vorgehen. „Die These von der Banalität des Bösen mag zwar historisch für Eichmann nicht zutreffend gewesen sein, aber für Millionen von anderen Menschen stimmt sie schon, Menschen , deren Absichten nicht dämonisch böse waren. Sondern irgendwo zwischen relativ niedrig und deutlich gut rangieren, aber ohne die es keinen Holocaust gegeben hätte“ (ebd.).

Eine andere, schärfere, Vernunft-skeptische Position vertritt die Philosophin Bettina Stangneth, die kürzlich das Buch „Böses Denken“ (bei Rowohlt) veröffentlichte. Sie sagt: „Das Denken ist ein Werkzeug. Und mit Werkzeugen kann man bekanntlich alles Mögliche anstellen – so wie man mit einem Hammer einen Nagel einschlagen oder aber die Schwiegermutter erschlagen kann, deshalb versuche ich, mehr über das böse Denken zu lernen“. Aber darüber wäre viel zu diskutieren, ob Denken überhaupt ein Werkzeug ist und ob nicht auch derjenige, der Böses denkt und Böse tut, sich meistens, wenn nicht gehirngeschädigt, doch wohl frei für diese Tat entschieden hat.
Und der Böse erlebt dieses Böses-Tun dann doch als seine Form seines privaten egoistischen Ego-Glücks und des nur für ihn subjektiven „Guten“. Womit gesagt sein soll, dass auch der Böse letztlich an eine Priorität des Guten (formal) gebunden ist. Das Gute ist also in der Wahrnehmung selbst noch des Bösen vorhanden und als Gutes in der Hinsicht nicht „totzuschlagen“. Das könnte heißen: Menschen als Wesen des Geistes, der Vernunft, sind an die Idee des Guten irgendwie „gebunden“. Aber diese interessanten „spekulativen“ Fragen führen über das Heft hinaus.

Politisch sehr aktuell und sehr inspirierend ist das moderierte Gespräch Gesine Schwans mit Volker Gerhardt, die sich beide in den meisten Fragen zum Thema „Öffentlicher Streit in der Demokratie“ einig sind. Sie sind sich auch einig, wenn es um die These von Hannah Arendt geht „Macht gründet auf Kommunikation“. Da wird sehr zurecht von beiden Philosophen daran erinnert, dass die Kanzlerin Merkel – etwa auch in der Flüchtlingspolitik – „gerade nicht kommunikativ war“, so Gesine Schwan (S. 142). …“und unsere Kanzlerin ist ganz besonders avers gegen öffentliche Kommunikation und gegen die Kommunikation von Alternativen“ (ebd). Volker Gerhardt sagt: „Die Politiker (Deutschlands, Europas) konnten schon seit langem wissen, was auf Europa zukommt, aber sie haben die Bürger nicht auf den bevorstehenden Ansturm eingestimmt… Aus der Sicht Hannah Arendts haben die Offenheit und die immer auch visionäre Kraft des Arguments gefehlt“ (S, 142).

Insofern möchte man utopischerweise hoffen, dass dieses Heft über Hannah Arendt auch von Politikern gelesen und besprochen wird. Gibt es das eigentlich, dass PolitikerInnen über ihre gemeinsame philosophische Lektüre öffentlich sprechen? Oder sind sie nur im hektischen Geschäft des politischen Agierens und Tuns befasst?

Zum Heft selbst eine kleine kritische Anmerkung: Ich hätte mir einen eigenen Beitrag gewünscht zu der Tatsache, dass Hannah Arendt im Gespräch mit Günter Gaus von 1964 ausdrücklich darauf besteht, sie sei keine Philosophin mehr sei, sondern eine Theoretikerin der Politik (S. 17). Diese ausdrückliche Abwehr seit ihrer Zeit in den USA, eben nicht mehr als Philosophin zu gelten, hat sicher ihre Gründe: Erkenntnis der Abgehobenheit „der“ (klassischen) Philosophie? Arendt schrieb ja noch bei Heidegger eine Doktorarbeit über die „Liebe bei Augustin“. Ein hübsches Thema?! Spielt etwa auch das Erleben der Spätphilosophie Heideggers (nach 1945) eine Rolle, dieses angeblich so unpolitische Stammeln von Seins – Erfahrungen, so dass Hannah Arendt nicht mehr als Philosophin, zu diesem „Club“ gehördend, gelten wollte?

Die Sonderausgabe des „Philosophie Magazin“ über Hannah Arendt hat den Titel „Die Freiheit des Denkens“. Es ist im Juni 2016 erschienen, hat 146 Seiten, zahlreiche Fotos und Graphiken,Literaturhinweise usw. Es kostet nur 9,90 Euro.

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Berlin.

Welttag der Humanisten – Humanismus ist universal. Zum 21. Juni.

Welttag der Humanisten – Humanismus ist universal

Ein Hinweis von Christian Modehn zum Welt-Humanisten-Tag am 21. JUNI

Verschiedene humanistische Verbände und Vereinigungen haben den Begriff „Humanismus“ für die Öffentlichkeit, auch als politisches Stichwort, sozusagen gerettet. Es sind Gruppen, die von einem explizit säkularen (atheistischen) Konzept des Menschen und der Welt ausgehen. Wer würde bezweifeln, dass solch eine Glaubenshaltung ein gutes Recht hat? Humanismus ist ja niemals (Natur)-Wissenschaft, sondern Glaubens-Überzeugung.

Dennoch ist es bei allem Respekt vor dem humanistischen, auch praktischen, man möchte sagen „diakonischen Engagement“ (in Kindergärten, Hospizen etc), etwa des HVD, doch die Frage:
Sind diese säkularen, also agnostisch-atheistischen Verbände nicht deswegen auf den Titel Humanismus gekommen, weil er zwischendurch verloren ging, seit der Renaissance spätestens, weil die Christen diesen Titel nicht wollten, sondern sich in ihre Sonderwelt /“nur religiös“/ einschlossen? Aber: Wer denkt noch in humanistischen Kreisen an ERASMUS von Rotterdam, wer an Pico de la Mirandola, wer an Kant, einen Humanisten avant (ou après) la lettre?

Es ist jetzt an der Zeit, den Humanismus Begriff wieder in die tatsächliche Weite zu führen.

Warum sollten sich religiöse Menschen nicht zuerst wie alle anderen Menschen eben als Humanisten verstehen? Religiöse Bekenntnisse wären dann das zweite, sozusagen Ergänzende. Denn Religion kann und darf niemals oberste Priorität im Bewusstsein eines Menschen (!) sein, immer ist Religion die speziellere Auslegung des Menschseins. Das gilt für religiöse wie für nicht-religiöse Auslegungen, die beide auf einer Stufe der Sinndeutung stehen und eben beide keine Wissenschaften sind. Humanismus wäre dann die Basis, verstanden als explizite Lebensform im Geist der Menschenrechte.

Brauchen wir in dieser verrückten Welt nicht zuerst Humanisten überall? Sind nicht auch so viele NGOs Humanisten, Amnesty international Ärzte ohne Grenzen und viele viele andere, etwa: die jetzt im Mittelmeer Flüchtlinge retten oder dort aufgrund antihumanistischer Politik Leichen bergen. Sind sie eben doch zu allererst Humanisten, auch wenn sie sich so nicht nennen. Wie klein erscheinen demgegenüber humanistische Organisationen, wurde ich kürzlich gefragt…

Kurz und gut: Ich plädiere dringend für eine Weitung des Humanismus-Begriffes über die (kleinen) humanistischen Verbände hinaus. Die verlieren ja nichts, wenn nicht nur sie sich humanistisch nennen. Humanismus wäre in unterschiedlicher Auslegung, aber immer verpflichtet dem Respekt für die Menschenrechte, sozusagen die allgemeine, menschliche Haltung. So wie die sich christlich nennenden Kirchen nichts verlieren, wenn es überall Menschen gibt, die im Geist dieses Jesus von Nazareth, eben jesuanisch, wie man theologisch treffend sagt, leben und handeln, natürlich auch außerhalb der Kirchen.

Copyright: Christian Modehn

Das „goldene Zeitalter“: Realität und Utopie. Ein philosophischer Salon.

Einen ausführlichen Beitrag vom 16.7.2016 über das „siglo de oro“, das „Goldene Zeitalter in Spanien“ mit dem Titel „Das goldene Jahrhundert:Es war gar nicht so golden“ können Sie nachlesen, klicken Sie hier.

Dies ist die Einaldung zum salon am 15.7.2016:

Der Religionsphilosophische Salon im JULI findet am Freitag, den 15. Juli 2016 in der Galerie Fantom, Hektorstr. 9 in Berlin-Wilmersdorf statt. Anläßlich der großen Ausstellung „El siglo de Oro“ (Spanien im 17. Jahrhundert und die spanischen Künstler) in der Gemäldegalerie (ab 1.7. 2016) wollen wir die Hintergründe (künstlerisch, philosophisch, religiös) näher verstehen, vor allem, was denn wirklich das „Goldene Jahrhundert“ bedeutet. Denn „golden“ waren vor allem die Arbeiten der großen Maler, die sich allerdings sehr zurückhielten, wenn es um die Darstellung der elenden Lebensverhältnisse der Bevölkerung ging. Der Hof, vor allem der von Philipp IV., lebte am Rande des Bankrotts. Die Gesellschaft war gespalten in stolze „Altchristen“ und in Konvertiten aus dem Judentum, denen die „Altchristen“ nicht trauten, weil sie in antisemitischem Wahn eben Juden unter diesen Katholiken vermuteten. Das „goldene Jahrhundert Spaniens“ ist also ein ideologisches Konstrukt, wenn man auch die verheerenden Zustände (Verletzung der Menschenwürde der „Indianer“ usw.) in den südamerikanischen Kolonien betrachtet und an den aussichtslosen Kampf einiger Dominikanermönche, wie Bartholomé de la Casas, berücksichtigt.

Warum haben Menschen immer Sehnsucht nach dem goldenen Jahrhundert, em Goldenen Zeitalter, was war golden in den goldenen Zwanziger Jahren in Berlin? Für wen waren sie goldig, für wen waren sie bleierne Zeiten?

Darüber hinaus sprechen wir über die Sehnsucht (unsere Sehnsucht ?) nach dem Goldenen Zeitalter als Mythos und Utopie.

Ein Abend, voller Perspektiven, die dann um so intensiver wahrgenommen werden, wenn die TeilnehmerInnen  zuvor die Ausstellung besuchen oder sich mit den Künstlern (Velázquez u.a.) und Theologen (z. B. den umstrittenen Jesuiten Balthasar Gracian) in dieser Zeit in Spanien intensiver beschäftigen. Der ungarische Philosoph Béla Hamvas nannte etwa die Zwerge des Velázquez Philosophen…

Herzliche Einladung! Für die Raummiete: 5 Euro. StudentInnen haben freien Eintritt.

Eine weitere inhaltliche Ergänzung am 7.7.2016:

Die große Ausstellung „El siglo de oro“, „Das goldene Jahrhundert“, zur Zeit in der Gemäldegalerie, ist der Anlass unseres Themas: Was ist das goldene Zeitalter? Unter welchen Bedingungen wird von wem eine bestimmte Epoche „golden“ genannt bzw. als golden verklärt?

Haben wir in unserem Leben auch die Tendenz, bestimmte eigene Lebenszeiten oder die erlebte politische Geschichte als golden oder gar goldig zu (v)erklären?

Über diese Fragen werden wir uns unterhalten. In jedem Fall geht es also um Ideologiekritik:

Die Werke des „Siglo de Oro“, Velazquez, Zurbaran und die vielen hierzulande noch unbekannten Meister im 17. Jahrh henswert, sehr individuell, berührend, zum Teil mit ganz sanfter Herrschaftskritik.

Aber in unserem Salon wird deutlich: Alle diese Gemälde waren bestellte Arbeiten, bestellt von den Königen und inhaltlich dirigiert von der allmächtigen katholischen Kirche. Gerade sie sorgte für die unendliche Wiederkehr immer desselben Themas: der gekreuzigte Christus… Als gäbe es nichts anderes in dieser (schönen, furchtbaren) Welt. Wird da die Gewöhnung ans Leiden versteckt sprituell propagiert?

Wir werden uns mit einem außergewöhnlichen Philosophen dieser Zeit befassen, mit Baltasar Gracián aus dem Jesuitenorden, besonders mit seinem viel gelesenen Werk „Handorakel und die Kunst der Weltklugheit“ (bei Fischer auf deutsch erschienen, übersetzt von Artur Schopenhauer (sic!). Gracián vertritt eine Weisheitslehre, die ganz auf das erfolgreiche Überleben des einzelnen in einer feindlichen Umgebung setzt. Aus Angst vor der allmächtigen Inquisition in diesem angeblich goldenen Zeitalter empfiehlt er u.a. die Kunst, sich richtig zu verstellen…Gracian wurde dann von seinem Orden bestraft…

Hilfreich ist auch für Spanien-Freunde die Lektüre des kritischen Buches des spanischen Philosophen Juan Goytisolo „Spanien und die Spanier“ bei Suhrkamp erschienen, auf den ersten Seiten wird die ganze machtvolle Tristesse Spaniens erläutert nach der Vertreibung der Muslime aus dem Land der erzwungenen Konversion der spanischen Juden. Nicht golden, sondern eisern war dieses 17. Jahrhundert. Und man fragt sich, warum ausgerechnet jetzt, mitten in der tiefen europäischen Krise, auch der politischen Krise Spaniens, der Flüchtlingsabwehr in ganz Europa usw., eine Ausstellung „Goldenes Zeitalter“ gemacht wird. Soll Kunst noch etwas Glanz in trübe Zeiten bringen?

Bitte vormerken: Am Freitag, den 26. August 2016, machen wir wieder -am Ende der Berliner Schulferien- unseren kleinen „Ausflug im Sommer“. Diesmal fahren wir in den vielen sicher noch unbekannten schönen Stadtteil Karlshorst und treffen dort um 10 Uhr den Pfarrer der Gemeinde, Edgar Dusdal. Er spricht mit uns über die vielfältigen Formen des persönlichen und politischen Erinnerns. Zudem werden wir die ungewöhnlich wertvolle Orgel der Karlshorster Kirche kennen lernen, die Amalien-Orgel, die bedeutendste Barockorgel Berlins, geschaffen 1755 und original erhalten. Auch dies ein besonderes Ereignis.

Danach besuchen wir das „Deutsch-Russische Museum“ in Karlshorst, das sicher viele noch nicht kennengelernt haben. Das passt gut zum Thema: Was heißt politische Erinnerungheute? Selbstverständlich gibt es danach genug Zeit für ein gemeinsames Essen und weiteres Debattieren.

In den vergangenen Jahren haben wir als Sommer Ausflug Jüterbog und Kloster Chorin besucht.

 

 

 

Berlin-Babylon-Bagdad: Ein Festival in Berlin (bis 4. Juni 2016)

Ein Hinweis von Christian Modehn

In Berlin findet noch bis zum 4. Juni 2016 ein Festival, Kunst und Wissenschaft, zum Thema Babylon in thematischer Verbindung mit Berlin und Bagdad statt. Für weitere Informationen zu diesem internationalen Festival klicken Sie bitte hier.

Der Religionsphilosophische Salon Berlin hat auf ein wichtiges, sehr umfassendes und inspirierendes Buch zum Thema Babylon von Frank Kürschner Pelkmann schon vor einigen Monaten aufmerksam gemacht.

Allen, die sich für das weite Umfeld des Symbols wie der Realität „Babylon“ interessieren, wird dieses Buch dringend empfohlen. Zur Vertiefung: In einem Interview erläutert der Autor einige Hauptthemen, klicken Sie bitte hier.

An Michel Foucault erinnern: Von der Zerstörung der üblichen Evidenzen.

Ein Hinweis von Christian Modehn. Anläßlich von Michel Foucaults Todestag am 25.6.1984.

Michel Foucault (gestorben am 25.6. 1984in Paris , geboren am 15.10.1926 in Poitiers) ist einer der besonders anregenden Denker der Gegenwart. Er war und ist umstritten. Seine Thesen und grundlegenden Einsichten, etwa zum Humanismus und zur Frage nach dem „Wesen DES Menschen“, wurden heftig kritisiert. Oft hat man in der Polemik nicht genau hingeschaut, was er eigentlich meinte.

Foucault bleibt also ein Anreger, einer der aufweckt aus Selbstverständlichkeiten; er unterstützt subversive Formen des Lebens und Denkens. Er selbst sah sich als „Zerstörer der (üblich gewordenen) Evidenzen“, er suchte Formen der Lebenskunst in der „Nach-Moderne“. Dabei hat er sich als umfassend (historisch, psychologisch, philosophisch) gebildeter Denker selbst gewandelt, entwickelt, korrigiert.

Seine erste größere Arbeit erschien 1961. Sie bezog sich auf die Ausgegrenzten, Kranken, Unvernünftigen, für wahnsinnig gehaltenen Menschen:Wahnsinn und Gesellschaft: Eine Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft“ , „Folie et déraison“.

Die dort aufgeworfenen Fragen bleiben aktuell: Wer definiert den Wahnsinn, das Aus-dem-Rahmen-Fallen? Wer lässt es zu, dass diese Menschen eingesperrt werden? In Fez z.B gab es, so Foucault, schon im 7. Jahrhundert Hospize für Wahnsinnige. Ist die Mehrheit vernünftig und als „nichtwahnsinnige“ Mehrheit etwa auch gesund? Woher kommt dieser Anspruch? Ist die Mehrheit, etwa in der Politik, die heute wieder die Nation als absoluten Wert hochspielt, ist diese Mehrheit etwa gesund, d.h. rational auf der Höhe der Menschlichkeit? Angesichts der Kriege, die Nationalismus IMMER erzeugt, kann man da „im Ernst“ noch von gesunden und vernünftigen Politikern und Bürgern sprechen? Sind Politiker, die Kriege führen, etwa Assad in Syrien, die Mörderbanden in der arabischen Welt usw., sind die alle gesund, also nicht-wahnsinnig? Warum werden diese Kategorien in dem Zusammenhag nicht angewendet? Wer verbietet diese Anwendung? Ist die Ausgrenzung bestimmter, tatsächlich schwer belasteter seelisch Kranker, auch ein Alibi für die Mehrheit, sich selbst für vernünftig zu halten? In diesen störenden Fragen sah auch Michel Foucault die Notwendigkeit neuer Philosophie: “Philosophie ist jene Verschiebung und Transformation der Denkrahmen, die Modifizierung etablierter Werte und all die Arbeit, die gemacht wird, um anders zu denken, anders zu machen und anders zu werden als man ist“ (zit. in „Metzler Philosophen Lexikon“, Beitrag Foucault, Michel, von Thomas Schäfer, Seite 224). Und noch einmal zur Bedeutung der Philosophie: „Philosophie ist eine Bewegung, mit deren Hilfe man sich nicht ohne Anstrengung und Zögern, nicht ohne Träume und Illusionen von dem freimacht, was für wahr gilt und nach anderen Spielregeln sucht“ (ebd. 228).

Foucault stellt die Frage nach der Ausgrenzung und Abschiebung der anderen, der Minderheiten, der Schwachen und Kranken aus dem großen Rahmen der sich vernünftig wähnenden Gesellschaften und Staaten. Die Frage der Ausgrenzung der Armen stellte er meines Wissens leider nicht. Dabei ist diese Ausgrenzung, Degradierung, Verachtung, Abschiebung der Armen auch in den reichen Gesellschaften des Westens und der Demo-kratien“, wo die Armen eben nicht herrschen, ein Skandal, an den sich die Mehrheit gewöhnt hat. Wahrscheinlich sind westliche „Demo-Kratien“ auf dem Weg zu Pluto-Kratien“… Die „Säuberung“ der Städte  in Deutschland von den Armen, besonders in den touristisch attraktiven und Geld bringenden Innenstädten, ist längst leider selbstverständlich. In Paris wohnt im Zentrum kein Armer mehr, in London nicht, in Manhattan nicht, in München nicht und in Berlin, wenn diese Politik sich fortsetzt, bald auch nicht mehr. Es sind längst Gettos entstanden. Zu diesen Hinweisen inspiriert die Lektüre von Michel Foucault.

Er stellt die Frage: Ist Vernunft vielleicht immer ausgrenzend und repressiv? Ist etwa die oft nur vorgebliche sorgende Haltung der Staaten für die Bürger nichts als eine pastorale Attitude? Bezogen auf die christliche Gemeinde hat er sich 1979 zur „pastoralen Macht“ geäußert, wo die selbst ernannten, nicht von den Gläubigen gewählten Führer und Herrscher sich als Hirten ausgeben und die Gläubigen eben zu Schäfchen machen, die sich unterdrücken lassen. Diese Arbeit Foucaults sollte theologisch endlich bearbeitet werden, zur Lektüre dieses Foucault Beitrages klicken Sie hier.

Foucault war ein Denker, der mit allem Nachdruck das Interesse auf den einzelnen, den singulären Menschen lenkte. Er wollte den einzelnen förmlich retten vor der Gewalt der (Denk) Systeme. “Das einzige was für ihn, Foucault, existiert, sind Singularitäten“, so Paul Veyne, Historiker und (explizit heterosexueller) Freund von Michel Foucault in dem Buch „Foucault. Der Philosoph als Samurai“ (Reclam, 2009, Seite 50). Auch wenn Foucault die metaphysischen und letzten und endgültigen Wahrheiten als Skeptiker entschieden zurückwies, so hat sicher Paul Veyne recht, wenn er Foucaults letztlich immer offene Haltung dann auf den Punkt bringt und damit meines Erachtens zugleich eine gültige Aussage zur Skepsis „insgesamt“ macht: “Ein Skeptiker hält es nicht für unmöglich, dass die Welt sehr anders ist, als wir sie wahrnehmen“(ebd. 51).

 

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

„Meine Verantwortung“ … und MEXIKO. Zum „Philosophie Magazin“, Ausgabe Juni 2016

Ein Hinweis von Christian Modehn am 27. Mai 2016

Das „Philosophie Magazin“ wurde vom Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin schon mehrfach empfohlen. Auch die Ausgabe Juni/Juli 2016 bietet wieder Impulse zum Weiterdenken und Weiterlesen.

Vor allem das Schwerpunktthema Verantwortung bringt mehr Klarheit in die jetzt heftigen, zum Teil politisch-polemischen Debatten. Wolfram Eilenberger, Chefredakteur der Zeitschrift, erinnert daran, dass Verantwortung als expliziter Begriff in der Ethik erst recht spät, vor 200 Jahren, ausführlicher dargestellt wurde. Eilenberger meint: Genaue Umgrenzungen von persönlicher Schuld und Mitschuld, Zuständigkeit für Fehler usw. sind in der komplexen Lage von Handlungszusammenhängen oft gar nicht zu definieren. Wenn keine absolut festen Grenzen gezogen werden können für die eigene Verantwortlichkeit oder auch Mitschuld, so ist das „nicht etwa als hemmende Einschränkung, sondern als bedingende Möglichkeit der eigenen Moralität zu sehen“ (S. 47). Zur Verantwortungs-Ethik (als Gegenbegriff zur „Gesinnungsethik“) gehören die drei, wohl nicht immer gleichzeitig zu realisierende Haltungen, die Max Weber formulierte: “Leidenschaft, Verantwortungsgefühl und Augenmaß“.

Sehr wichtig ist das Interview, das Svenja Flaßpöhler mit dem Berliner Philosophen Stefan Gosepath (FU) führte unter dem treffenden Titel „Es gibt eine globale Hilfspflicht“ (S. 55 ff.) Stefan Gosepath widerlegt die immer wieder propagierte Behauptung, die Distanz zu Leidenden in weiter Ferne erzeuge hier für uns keine Verantwortung zu helfen. „Alle, die in der Lage sind, humanitäre Strukturen aufzubauen, haben die Pflicht dazu“. Ein Beispiel: „Egal , wie weit weg Sie von der Kreuzung wohnen, bei der z.B. ständig Unfälle passieren“. „Wir bräuchten eine Weltorganisation, die dafür sorgt, dass diese Hilfspflicht befolgt wird. Diese Organisation müsste besser aufgebaut sein als die UN. Wir haben eine globale Armut und einen globalen Reichtum. Der Ausgleich ist am besten durch Steuern zu realisieren“. „Wir bräuchten z.B. eine Flüchtlingssteuer als Teil dieser allgemeinen Hilfssteuer“ (S. 56). Das sind neue Vorschläge zu dem, was man auch „Fernsten-Liebe (Verantwortung) und nicht Nächsten-Liebe“ einst nannte, von philosophischer Seite; darüber sollte eine breite Diskussion beginnen. Stefan Gosepath weist am Beispiel der überschaubaren Hilfe hierzulande auf die weiterreichende Verantwortung hin: Kann eine arme Familie für ihre Kinder nicht mehr selber sorgen, dann ist hier die Gesellschaft – selbstverständlich – gefordert. Daraus folgt: „Wenn diese Selbstsorge bei den Armen dieser Welt nicht mehr funktioniert, und zwar im eklatanten Sinne nicht funktioniert, wenn Menschenleben gefährdet sind und Menschenrechte verletzt werden, dann ist die Weltgemeinschaft gefordert“ (57). Gegenüber den sehr rechtslastigen Populisten, die egozentrisch auf sich selbst und nur die eigene Nation starren und nicht den fernen Leidenden als Menschen anerkennen und umfassend helfen wollen, sagt Gosepath: „Was ist, wenn du selbst Pech haben wirst in Zukunft? Morgen stürzt du von der Leiter und hast dir das Bein gebrochen. Darf ich dann sagen: Pech gehabt, du bleibst da liegen?“ (ebd.)

Spannend ist auch das Gespräch des Schriftstellers und emerit. Rechtsphilosophen Bernhard Schlink mit dem Philosophen Ludger Heidbrink (Kiel) zum Thema „Macht uns das System verantwortungslos?“ Dabei wird an die zunehmende Übergabe aller Verantwortung für die eigene Lebensgestaltung auf den einzelnen durch den Staat heute gedacht. Der einzelne muss sich absolut, man möchte sagen total, um sich selbst kümmern. Warum soll er sich dann bei so vielen Belastungen noch um den Staat kümmern, der doch die Verantwortung auf ihn übertragen hat“, fragt Schlink (S. 62). „Der entfesselte Kapitalismus hat dazu geführt, dass das Interesse dafür, was über den eigenen Horizont hinausgeht, drastisch abnimmt“ (ebd.). Schlink meint weiter, der Staat und die Gesellschaft seien nur zum Respekt der Gerechtigkeit und der Einhaltung von Verträgen und Gesetzen verpflichtet. Barmherzigkeit sei Sache des einzelnen, etwa des religiösen Menschen. “Aber das (gemeint ist Barmherzigkeit CM) geht über das, wozu Staat und Gerechtigkeit verpflichtet sind, hinaus“ (S. 65). Die Frage ist, ob ein Leben gemäß den Menschenrechten nicht auch den Aspekt der Barmherzigkeit (als über alle gesetzlichen Vorschriften hinausgehende Zuwendung zu den Armen etwa) kennt.

Das „Philosophie Magazin“ hat, in Kooperation mit der französischen Ausgabe, keinen sehr engen Philosophie-Begriff! Das zeigt sich erfreulicherweise diesmal wieder in einer ausführlichen kritischen Reportage über die verheerenden politischen und moralischen Zustände in dem mehrheitlich katholischen Mexiko: Wofür kämpften die verschwundenen 43 Studenten, die Ende 2014 entführt und hingerichtet wurden von Verbrechern aus dem Umfeld der Drogenmafia in Zusammenarbeit mit der ebenso korrupten Polizei im Bundesstaat Guerrero? Dieser Frage geht der Reporter Michel Eltchaninoff nach und zeigt dabei die desolaten und verheerenden Zustände in Mexiko selbst. Der grausige Mord an den 43 jungen Rebellen bzw. Revolutionären alter kommunistischer Prägung „hat das Land Mexiko letztlich nicht verändert“, sagt der Soziologe und Anthropologe Roger Barta von der Uni UNAM, Mexiko-Stadt. „Er bedauert, dass bislang noch keine glaubhafte Alternative zu diesem politisch-mafiösen System des Staates Mexiko zutage getreten ist“ (S. 40).

Was ist also in Mexiko heute bestimmend? Vor allem „Gewalt (22.000 Menschen sind mindestens seit 2006 `verschwunden`, also wohl umgebracht worden, S. 35) und „Migration von Massen in die USA, Ressourcenplünderung, korrupter Staat und zuckersüßer TV Eskapismus“ (S. 41). Man möchte hinzufügen: Und eine katholische Kirche prägt Mexiko, die in ihren Bischöfen weithin aufseiten der Mächtigen steht. Und die nach wie vor behauptet, mit volkstümlichen Festen (dia de los muertos, Prozessionen und Heiligenkulte sowie ausufernde Marien-Verehrung usw.) das moralische Gewissen der Bevölkerung UND der Herrschenden zu formen. Volksreligion ist aber doch oft Folklore und Tralala und, sagen wir, Saufgelage; das sollte man doch endlich auch theologisch zugeben, selbst wenn Papst Franziskus anstelle der kritischen Befreiungstheologie die alte Volksreligion so liebt. Oder es ist bei den Ingenas, etwa in Peru, der Bezug zur alten, vor-kolonialen Volks-Religion, eine Art Flucht ins Uralte (in die katholische Messe gehen sie trotzdem, parallel zu den Quetschua-Kulten).

Dass dieses Projekt einer die Gewissen bildenden Volksreligion offenbar gescheitert ist, sollte einmal dargestellt werden. Die der Volksreligion nahe stehenden Mörderbanden in Staat, Polizei, Gesellschaft und vor allem in den Verbrecher-Banden (Drogen) haben sich – als selbstverständliche Teilnehmer volksreligiöser Zeremonien – durch diese Religion jedenfalls nicht moralisch prägen lassen. Ich meine: Anstelle dieser ganzen Kulte sollte die Kirche bei ihren immer noch gut besuchten Veranstaltungen die Menschenrechte lehren und „einpauken“ und als Kirche selbst vorbildlich leben.

Man wünscht sich, bei diesen sehr sinnvollen politisch-soziologischen Reportagen im „Philosophie Magazin“, dass  auch gezeigt wird: Was ist eigentlich philosophisch in Mexiko los? Lesen die Philosophen (an der Uni) dort auch nur Platon und Kant, oder gibt es eigenständiges mexikanisches Philosophieren? Immerhin hätte doch der weltbekannte, in Mexiko lebende argentinische Philosoph Enrique Dussel vorgestellt werden können. Aber da kann ja in einer nächsten Ausgabe noch geschehen zum Thema Enrique Dussels: „Philosophie der Befreiung“.

Für weitere Informationen zum neuen Heft des Philosophie Magazin klicken Sie bitte hier.

Wir empfehlen dringend zur Vertiefung das Heft „Mittelamerika“ der Edition „Le Monde Díplomatique“, (auf Deutsch erschienen 2016), besonders zu Mexiko: Seiten 84 bis 112. Im Zeitschriftenhandel ist das wertvolle Heft für 8,50 zu haben!!

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin

Michel Foucault: Was ist eigentlich „normal“? Erinnerungen zum Todestag 25. Juni 1984

Michel Foucault (geb. am 15. Oktober 1926, gestorben in Paris am 25. Juni 1984) ist aufgrund seiner vielseitigen Begabungen und Interessen zweifellos einer der inspirierenden Philosophen der Gegenwart, von dem so viele Lebenskunst-Philosophen heute „zehren“. Unser Religionsphilosophische Salon wird besonders der Frage nachgehen, die Foucault von Anfang an bewegte: „Was ist normal ?“

Lesen Sie bitte den ausführlichen Beitrag zu Foucault, klicken Sie hier.