„Rave war meine Idee“. Jean-Michel Jarre über die Geschichte der elektronischen Musik. Ein Hinweis auf einen wichtigen Beitrag in: dasfilter.com

Jean Michel Jarre ist sicher einer der wichtigsten Komponisten heute. Die Website dasfilter.com  hat kürzlich ein ausführliches Interview mit Jarre veröffentlicht, protokolliert von den beiden Redakteuren Thaddeus HerrmannJi-Hun Kim.

Wir dokumentieren zwei Stellungnahmen Jarres, die vielleicht gerade im philosophischen Zusammenhang von Interesse sind und verweisen zur weiteren Lektüre auf http://dasfilter.com   Um das Interview in voller Länge zu lesen, klicken Sie bitte hier.

Die beiden hier ausgewählten Zitate von Jean Michel Jarre:

„Für mich hatte der Erstkontakt mit elektronischer Musik eine große emotionale Wirkung: Man muss sich das wie mit abstrakter Malerei vorstellen. Ich habe mich damals sehr intensiv mit abstrakter Kunst beschäftigt und dachte sogar daran, eine Karriere als Maler einzuschlagen. Ich mochte das Nonfigurative wie bei Jackson Pollock und Pierre Soulages. Mit 14 war ich auf einer Ausstellung der beiden in Paris. Das hat mein Leben nachhaltig verändert und beeinflusst. Wenn also Pierre Schaeffer von der Musique Concrète sprach, davon, Musik in einem organisch-sinnlichen Sinn zu mischen und zu schaffen, denke ich, dass er es analog zur abstrakten Malerei verstand. Vielleicht hätte man abstrakte Malerei besser konkrete Malerei, „Peinture concrète“ nennen sollen. Man arbeitet mit den Händen wie ein Koch. Während klassische Musik viel konzeptueller ist und ein klassischer Maler versucht, die Welt um sich herum zu visualisieren, setzt sich abstrakte Kunst und später auch Medienkunst mit Texturen, Farben und Pixeln im Allgemeinen auseinander. Und bei elektronischer Musik geht es um Wellenformen, Frequenzen und ebenfalls um Texturen. Ich finde beide Ansätze sehr ähnlich“.

„Ich mag Raves. Vielleicht habe ich sie sogar erfunden. Und die letzten Jahre über dachte ich mir: Endlich haben es die Leute verstanden, worum es geht. Einen Ort zu kidnappen und für eine Nacht eine ganz andere Umgebung zu schaffen. Früher hatte man die Wahl zwischen Theaterbühnen für klassische Musik, Jazzclubs und Rockclubs, wo es schon eine gute Akustik für verstärkte Musik gab, und schließlich großen Mehrzweckhallen, wo am Montag ein Kongress stattfindet, Donnerstag eine BMW-Mitgliederversammlung, Freitag ein Boxkampf und Samstag ein Konzert. Diese Arenen klangen schon immer schlecht. Elektronische Musik ist für mich immer„out of space“. Ich wollte schon von Beginn an Kontrolle über den Klang und die Größe des Aufführungsortes haben. Also habe ich mit unterschiedlichen Venues experimentiert. Damals war das noch Neuland. Heute sind Rockkonzerte durchformatiert und im Prinzip nichts anderes als klassische Konzerte für meine Elterngeneration. Es gibt viele Codes. In der elektronischen Musik gibt es die noch nicht“.

 

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Satt und übersättigt. 48 Stunden Neukölln. Ein philosophischer Salon in der „Sinnesfreude“

SATT ist das Thema des bekannten Kunst-Festivals „48 Stunden Neukölln 2016“. Der religionsphilosophische Salon Berlin ist am FREITAG, den 24. JUNI 2016, ab 19 Uhr wieder einmal von der Weinhandlung Sinnesfreude (Leitung: Wolfgang Baumeister) eingeladen, mit ihm und einigen seiner Gäste zusammen einen philosophischen Abend zu gestalten… und den dort immer wertvollen Wein zu probieren.

Natürlich geht auch unser Gespräch um das Thema SATTsein und Übersättigung und Hunger. Das Motto hat natürlich auch im materiellen (auch medizinischen) und politischen Sinne  seine Bedeutung. Aber es hat auch eine philosophische Dimension: Sind wir (in Europa) von Informationen bereits übersättigt? Können wir noch die Informationen auswählen, die ein selbstbestimmtes Leben und den Aufbau einer gerechteren Welt fördern? Sind wir wie so viele Hungrige im gastronomischen Bereich nur noch an die üblichen fast-food-Speisen gewöhnt? Also Talkshows, Schlagzeilen, Propaganda-Sprüche und versteckte Werbung? Wissen wir eigentlich noch, was gut – auch im geistigen Sinne – schmeckt, guttut, bekömmlich und schön ist? Was heißt eigentlich Diät im Sinne einer Philosophie der Lebenskunst? Was wäre Fasten im philosophischen Sinne?

Zur Fülle des Wissens, mit der die Menschen heute ihren intellektuellen Hunger befriedigen können: „Die Informationsexplosion hält unvermindert an (was nicht unbedingt heißt, dass auch das Wissen explodiert). Digitale Daten werden heute in Gigabytes, Terabytes,  Petabytes und Exabytes (Trillion Bytes) gemessen… Kein Wunder, dass Rufe nach einem `Wissensmanagement`laut werden“, so Peter Burke, in „Die Explosion des Wissens“ , Berlin 2014, Seite 316. Peter Burke spricht von einer „Mcdonaldisierung des Wissens“ oder kurz „McKnowledge“, gekennzeichnet durch Massenprodktion, Effizienzsteigerung durch Messung, Standardisierung, Ersetzung der Menschen durch Maschinen…

Ein philosophischer Salon im Weinladen könnte – nun schon zum 3. Mal – wieder spannend werden, und bei maßvollem Genuss des guten Weines dort sowieso inspirierend sein. Zumal noch die Arbeiten der Malerin Hannah Bischof in der „Sinnesfreude“ zu sehen sind!

Weinhandlung Sinnesfreude in Neukölln, Jonasstr.32, Tel. 030 629 00 323 . Dicht am U Bahnhof Leinestraße. Beginn 19 Uhr. Teilnahmegebühr incl. eines Gläschens Wein: 5 EURO.

Bitte um Anmeldung an: christian.modehn@berlin.de

Informationen zum Kunstfestival: http://www.48-stunden-neukoelln.de/

 

 

Internationaler Tag der Museen: Sind die Kirchen schon Museen?

Sind die Kirchen schon Museen?

Eher zufällige, aber vielleicht gültige Impressionen in spanischen Städten

Ein Hinweis von Christian Modehn

Am Sonntag, den 22. Mai 2016, wird wieder einmal weltweit, in Deutschland sicher mit besonderem Nachdruck, der Internationale Museumstag „gefeiert“, mit Führungen auch der besonderen Art: In Berlin werden – etwa im Deutschen Historischen Museum – auch Führungen in arabischer Sprache kostenlos angeboten, eine wichtige und schon gut „angenommene“ Initiative zugunsten der Flüchtlinge aus arabischen Ländern.

Der „Internationale Tag der Museen“ gibt natürlich auch allen religionsphilosophisch (und theologisch) Interessierten zu denken. Und es wäre sicher wert, mehrere kulturwissenschaftliche Studien zu verfassen, die sich mit der Frage befassen, auch durch repräsentative Umfragen: Was erleben und was sehen Besucher und Touristen, die Kirchen, Kathedralen, Klostergebäude usw. betreten und „besichtigen“, wie der treffende Ausdruck heißt.

Man sollte theologisch und religionsphilosophisch gesehen das offensichtliche Interesse, Kirchen zu betreten, im allgemeinen nicht pauschal schlecht machen. Vielleicht erleben die BesucherInnen, wenn sie etwa 10 Sekunden vor einer Pieta verweilen, ohne einmal zu „knipsen“, tatsächlich eine ultra-kurze Einsicht oder gar „Mini-Erleuchtung“.

Aber das „vielleicht“ muss wohl in dem Zusammenhang ganz dick unterstrichen werden.

Meine Beobachtungen im April 2016 in drei spanischen Metropolen, in Madrid, Cordoba und Malaga, sind gewiss nicht repräsentativ, dennoch können Sie eine gewisse Nachdenklichkeit wecken.

Es sind in den drei Stadtzentren ständig Touristen unterwegs, auf der Suche nach „Besichtigungs-Objekten“, die sich „lohnen“. Und da sind Kirchen nun einmal bevorzugte Gebäude. Ist es touristische Langeweile, die die Menschen in die Kirchen treibt? Wenn man denn mit den Öffnungszeiten Glück hat: In Spanien sind die katholischen Kirchen, nur um die geht es in Spanien, im Unterschied zu Frankreich, nicht durchgehend 🡰 geöffnet. Sondern von 13 bis 18 Uhr sind die alten spanischen Barock-Kirchen geschlossen. Die neuen, aus dem 20. Jahrhundert gibt es in den Vorstädten, die als Betonkirchen als nicht sehenswert gelten. Dorthin, wo die armen Menschen leben und die politische Realität zuhause ist, geht sowieso kein Tourist…

Wer sich in einer zentral gelegenen Kirche eine Stunde aufhält, etwa in San Sebastian im Zentrum von Madrid, erlebt: Die Leute laufen durch die Kirche, kreuz und quer, verweilen mal hier, mal dort, sie setzen sich auch nicht, bleiben nicht länger als 10 Sekunden irgendwo stehen, und sind nach einer Minute wieder auf der Straße. Auf den Gedanken, etliche Minuten still zu sitzen, kommen nach meinem Eindruck nur sehr wenige. Die meisten fühlen sich fremd in den Kirchen, so mein Eindruck. Etwas länger dauert der Aufenthalt, so meine Beobachtung, wenn man sich in der genannten Madrider Sebastians Kirche plötzlich wundert über die riesige Statue eines hübschen jungen Muskel-Mannes, der als der heilige Sebastian über dem gesamten Hochaltar „thront“, möchte man sagen. Und der Besucher fragt sich, ob durch diese fast nackte Männergestalt (einige tödlich Pfeile durchbohren seinen wohlgeformten Leib) damals mehr die frommen Frauen oder die sich notgedrungen versteckenden Schwulen religiös „bedient“ werden sollten. Ein anderes Gemälde, das die Heilige Anna zeigt mit Maria und dem Kind, erläuterte eine Frau ihrem Sohn als „Trinität“, Dreifaltigkeit.

Ähnliche Beobachtungen auch in Malaga, dort wird für die Kathedrale eine Eintrittsgebühr verlangt, genauso wie in der Kathedrale von Cordoba, die früher als Moschee genutzt wurde, also eigentlich „mezquita-catedral“ heißen müsste. Aber der Bischof dort will nicht, dass der Titel Moschee den Namen Kathedrale in den Schatten stellt, um es mal milde zu sagen. Die Kirche wird jedenfalls reich durch Eintrittsgebühren. Aber sie wird immer mehr geistig arm, weil durch diese Gebühren tatsächlich der Charakter des Museums unterstrichen wird: Für ein wertvolles altes Gemäuer muss man halt Eindruck zahlen, denken die Touristen. Was sich in einer Kirche zeigt, ist eben museal, wie ein el Greco Gemälde oder ein berühmter Goya. Das heißt: Die Kirche fördert geradezu den Gedanken: Lieber Tourist, wenn du die Kathedrale besuchst und ein bisschen knipst, dann bist du in einem Museum. Alles, was du siehst, ist vergangen, irgendwie wertvoll, aber so „hochaktuell“ wie ein Velazquez Gemälde. Das heißt: Die Kirche macht sich damit selbst zu einer musealen Anstalt, was ja so falsch nicht ist, wenn man die ewig selben Riten und die ewig selben alten Gebete und alten Floskeln hört, die eben seit Jahrtausenden in der Messe verwendet werden. Und die Gewänder, die Mitren, usw, all das unterstreicht den fatalen Eindruck: Religion und Bibel sind antik, sind von früher, passé, eben Museum.

Verweilen, stillewerden, meditieren, ja auch das: beten, ist völlig aus dem Blick geraten bei denen, die knipsend eine Kirche betreten. Sie haben schlicht keine Kenntnis der dargestellten Heiligen und Madonnen. Und sie sehen immer wieder einen Gekreuzigten, einen Blutenden, einen Gemarterten, diese Inflation der Kreuzesdarstellungen hat auch noch niemand besprochen: Da wird doch der Eindruck geweckt, Gott will Blut, Gott will Leiden, will Qual, selbst bei seinem Sohn. Von solch einem überall in den Barockkirchen propagierten Gottesbild (ER ist immer bärtig!) wenden sich die Menschen ab. Das ist nicht falsch. Aber ein neues Gottesbild, durchaus im Plural, kann bei diesen Ultra-Kurz-Aufenthalten nicht entstehen.

Die Summe: Die Kirche wird allein durch die Übermacht uralter Gebäude und alter Kunstwerke gerade in den fast ausschließlich einst katholisch geprägten Kulturen selbst immer mehr zum Museum. Und in Deutschland ist oft das Paradox zu beobachten: Es handelt sich um verschlossene und verriegelte Museen. Man schaue sich nur die vielen jungen Menschen an, die sich auf den Stufen vor den zugesperrten Kirchen aufhalten, dort in Gruppen sitzen, debattieren, Bier trinken, schlafen. Ich beobachte das etwa am Winterfeldt-Platz in Schöneberg (St. Matthias) oder an der alten St. Michaels Kirche am Engelbecken in Kreuzberg. Dieses Geschehen bewegt aber niemanden in der Kirchenbürokratie. Oder es suchen die vielen ärmeren, älteren Menschen Einlass in die verschlossenen Kirchen, die froh wären in einer Kirche (im Winter eher wärmend, im Sommer abkühlend) endlich einmal ohne Konsumzwang, ohne Eintrittsgebühr, in einem Raum der Öffentlichkeit auszuruhen und zu verweilen. So aber sind die Kirchen hierzulande verschlossene Museen, nur darauf bedacht, „unbefleckt“ sauber zu bleiben, Schmutz durch Besucher zu vermeiden.Und sie haben auch keine Mitglieder mehr, die die Kirchen täglich ein paar Stunden offenhalten und mögliche Diebe abwehren können…Aber wer klaut schon im Ernst ein Gemälde von Pater Pio oder eine kitschige Fatima-Madonna?

So sind die zahllosen verschlossenen Kirchen hierzulande zugleich Ausdruck der personellen Schwundstufen der Kirchen, die viele Milliarden Kirchensteuern jährlich einnehmen, aber nicht in der Lage sind, ihre zentralen Gebäude, diese  Kirchen-Museen, diese Orte des Protestes gegen den totalen Kommerz, offenzuhalten und dort zum Gespräch, zur Meditation, zur Stille, ja auch: zum Gebet, einzuladen oder dieses vielleicht nachvollziehbar von Theologen erklären zu lassen. Wenn die meisten evangelischen Kirchen verschlossen bleiben und als monumentale Gebäude nur für eine Stunde, sonntags um 10, öffnen, vielleicht für 25 Gottesdienstbesucher, wie in Berlin so oft, dann ist das schlicht ein Skandal: Ein Skandal deswegen, weil man die Kritik der Reformatoren aus dem 16. Jahrhundert an den damals offenen katholischen Kirchen unbesehen fortführt, die Reformatoren meinten, damals würden in diesen katholischen Kirchen Exzesse der Heiligenverehrung geschehen usw. Diese Zeiten sind vorbei, trotzdem bleiben die meisten evangelischen Kirchen verschlossen; in Schleswig-Holstein habe ich anderes erlebt, es geht also. Das Merkwürdige ist: Über diese Themen findet keine öffentliche, auch keine halb-öffentliche, d.h. kirchliche Debatte mehr statt. So sind die verschlossenen Kirchen bester Ausdruck für die Verschlossenheit und Ferne der Kirchen und ihrer Dogmen, Moral, heute… Oder nicht?

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon.

http://www.museumstag.de/museumstag/ueberuns/

 

Eric Satie hat Geburtstag: Ein „minimalistisch“ – spirituelles Gedenken am 17. Mai.

Der Komponist Eric Satie wurde am 17. Mai 1866 in Honfleur, Normandie, geboren. Er ist heute sicher ein immer wieder viel und begeistert gehörter Musiker, zudem in zahlreichen Filmen als Sound-Lieferant häufig vertreten, ein Komponist der „ganz anderen Art“. Seine „minimalistisch“ genannten Klänge haben mindestens für seine Fans eine Art bleibende Gültigkeit, des immer wieder Hörbaren und zu Hörenden!

Wir erinnern an diesen wahrscheinlich etwas sehr ungewöhnlichen, wenn nicht exzentrischen Komponisten, der 1925 in Paris starb. Satie hat übrigens als Einzelgänger sich für esoterische Lehren interessiert, anglikanisch aufgewachsen, dann katholisch geworden, widmete er sich der Lehre des Rose-Croix, schließlich gründete er sogar seine eigene Kirche. Leider blieb er dort das einzige Mitglied… Entscheidend war für ihn der Kampf gegen Konventionen und Hierarchien…Man darf sich auch heute keine Illusionen machen: Selbst wenn einige wenige Stücke von Satie oft zu hören sind (als immer „verwendbare“ Hintergrundgeräusche von Spielfilmen, etwa die Gnossiennes von Satie): Sein umfassendes Werk wird kaum geschätzt, kaum gehört und es wird in Konzerthallen fast nicht aufgeführt. Vielleicht, weil Satie ein großer Komponist ist, der sich über seine Hörer und über seine Interpreteten und über die offzielle Aufführungspraxis lustig machte? Dabei ist er mit der Einbeziehung von Alltagsgeräuschen, wie Schreibmaschinengeklapper und Trillerpfeifen als Klangquellen (in seinem 1917 uraufgeführten Ballett PARADE) sicher bleibend ein „Heutiger“. Man kann sich der Einschätzung des Philosophen Franz Josef Wetz (in seinem sehr lesenswerten Buch „Die Magie der Musik“, Klett-Cotta 2004) nur anschließen, wenn er schreibt: „Bis heute begegnen die meisten Menschen der Musik, die wir immer noch unterschiedslos die „Neue“ nennen, rat-und verständnislos, gewissermaßen mit feindseliger Gleichgültigkeit“ (S. 271).

Ein Hinweis zu Begegnungen von Satie mit dem katholischen Pfarrer Abbé Mugnier in Paris:

Es gab in Paris einen sehr ungewöhnlichen, man möchte sagen einmaligen, katholischen Priester, der in den Salons der Künstler (und des Adels) immer und ständig willkommen war als intelligenter Gesprächspartner, so etwas gab es tatsächlich in einer Zeit, als die Trennung von Kirche und Staat gerade heftig per Gesetz (1905) vollzogen wurde: Abbé Mugnier  (1853-1944). Wir haben in einem eigenen Beitrag auf Mugnier als „Salon-Priester“ im Zusammenhang eines interessanten Buches von Charles Chauvin (Paris) hingewiesen; klicken Sie bitte zur Lektüre dieses Beitrags hier.

Mugnier hat von 1879 bis 1939 ausführlich Tagebuch geführt. Darin wird auch zweimal auf Begegnungen mit ERIK SATIE hingewiesen. Die Zitate sind dem Buch „Journal de l´ Abbe Mugnier“, Mercure de France, 1985, entnommen und von mir übersetzt worden. Am 17. April 1918 notiert Mugnier im Zusammenhang eines gemeinsamen Mittagessens bei Walter Berry, anwesend waren u.a. auch Picasso und Cocteau, sehr knapp, aber doch erhellend: „Satie ist 52 Jahre alt. Nachdem er über den Impressionismus sprechen wollte, wandte er sich anderem zu. Er hat die Gabe der Verjüngung (rajeunissement) und deswegen sammeln sich auch die jungen Leute um ihn. Cocteau erzählt uns, wie er Debussy empfohlen habe, Materlinck in Musik zu übertragen. Debussy sagte dann vor seinem Tod: Wie wollen Sie denn, dass aus diesem Krieg noch irgendeine Kunst hervorgeht ?“. Satie, im Gegenteil, er glaubt daran, dass nun eine Jugend hervorgeht, eine Kunst von all dem“. (Seite 334 f.).

Zum Aufenthalt Saties im Hospital Saint Joseph notiert Abbé Mugnier am 22. Februar 1925: „Gestern war ich im Hospital Saint-Joseph, wohin Erik Satie transprtiert wurde aufgrund der Hilfe des Comte de Beaumont, er bat mich auch, Satie zu besuchen. Ich habe mit ihm einige Augenblicke mich unterhalten. Und er wird auch den Krankenhauskaplan sehen. Als ich das Klinikgebäude verließ, habe ich Etienne de Beaumont und Picasso getroffen, die ihn besuchen wollten, Blumen in der Hand. Picasso machte einen sehr schlichten („modeste“) Eindruck“. (Seite 460).

copyright: Christian Modehn

Winfried Kretschmann hält sich an den Theologen Karl Rahner

Winfried Kretschmann hält sich an den Theologen Karl Rahner.

Ein Hinweis von Christian Modehn

Der in einigen nachdenklichen kritischen Kreisen immer noch geschätzte, um 1970 noch weltberühmte progressive katholische Theologe Karl Rahner aus dem Jesuitenorden (1904 bis 1984) bestimmt mit seinen theologisch-kritischen Aussagen offenbar jetzt (Mitte März 2016) den pragmatischen Umgang Winfried Kretschmanns (Die Grünen) mit dem neuen Koalitionspartner, der CDU. Ministerpräsident Kretschmann erinnerte schon wenige Stunden nach seiner Wahl, am 14. 3. 2016, an Karl Rahner, ein Zeichen für die theologische Kenntnis des katholischen Politikers.

Karl Rahner sagte: „Dogmen sind wie Straßenlaternen. Sie wollen den Weg beleuchten, aber nur Betrunkene halten sich daran fest“.

Offenbar ist Kretschmann nüchtern genug, relativ dogmenfrei eben auch mit der CDU eine Koalition einzugehen. Wir würden uns wünschen, diesen Spruch Karl Rahners auch aus dem Munde vieler führender SPD Politiker zu hören, bezogen auf eine gemeinsame Koalition mit der Partei Die Linke und den Grünen auf Bundesebene. Vielleicht wird dies angesichts der AFD auch not-wendig, sich von Dogmen zu trennen, die Koalitionen bisher verhindern…

Und wir wünschen uns auch – allerdings völlig illusorisch – dass sich die obersten dogmatischen Glaubenswächter in Rom, etwa Kardinal Müller von der so genannten Glaubenskongregation, an die Weisheit Karl Rahners halten. Rahner folgend, wären dann eigentlich alle Kardinäle und Bischöfe, alle Beamten der Glaubenskongregation irgendwie leicht oder heftig betrunken. Sie klammern sich ja förmlich an die Dogmen wie Rettungsanker und kommen kaum die Beine, im Sinne des fortschreitenden Unterwegsseins… Ja, selbst die Päpste und die bischöflichen Teilnehmer der dogmatisch-ängstlich geprägten Welt-Bischofs-Synoden wären dann eigentlich betrunken, weil sie sich an Dogmen klammern, und deswegen, beschwipst, kaum ernst zu nehmen sind in ihrer Erstarrung.

Dieses Zitat von Karl Rahner geistert jetzt förmlich durch das gesamte www.

Mir hat dieses Zitat Rahners der Wiener katholische Theologe Prof. Paul Michael Zulehner in einem Interview 2013 in Berlin mitgeteilt. Das Zitat Zulehners wurde dann von mir in einer Sendung für den HR 2013 verwendet (für die Reihe Camino):

9.O TON in der HR Sendung vom 26.5.2013:

Paul M.Zulehner: „Wir müssen weg von unseren alten, bekannten abgedroschenen Aussagen und von dem, was wir für richtig gehalten haben, auch weg von der Macht versessenen Kirche, als wären wir diejenigen, die das Heil der Menschen in der Hand haben. Die Dogmen sind im Grund genommen wie die Laternen, die uns auf dem Weg durch die dunkle Nacht leuchten und nur Betrunkene halten sich daran fest, hat Karl Rahner mal ein bisschen salopp über die Dogmen gesagt….“    Soweit Prof. Paul M. Zulehner.

Es wäre eigentlich wichtig, wenn das hoch geschätzte Rahner Archiv in Freiburg die exakte Belegstelle des Rahner Wortes mitteilen könnte.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon

 

„Mit Platon in Palästina“. Das neue Buch von Carlos Fraenkel.

„Mit Platon in Palästina“.

Das neue Buch von Carlos Fraenkel hat den Untertitel: „Vom Nutzen der Philosophie in einer zerrissenen Welt“

Von Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Dieses Buch liest man mit Begeisterung, weil man entdeckt: Philosophie ist tatsächlich mehr als die allzu oft „abgehobene“ Forschung und die elitäre Debatte in den notwendigerweise begrenzten Räumen der Universitäten. Der Philosoph Carlos Fraenkel (geb. 1971), aufgewachsen in Brasilien und Deutschland, jetzt Professor an der McGill University in Montreal, hat Philosophie an der Basis erprobt, unter benachteiligten arabischen Studenten der al-Quds Universität in der Nähe von Jerusalem oder mit Studenten (der Alauddin state Islamic University) auf der eher entlegenen Insel Sulawesi, Indonesien, aber auch mit philosophischen „Laien“, wie Fraenkel sagt, hat er philosophiert, etwa in Brooklyn mit ultra-Orthodoxen Juden, mit Mitgliedern des Mohawk-Volkes oder in Brasilien mit Oberschülern. Es ist schon erstaunlich, wenn nicht vorbildlich, wenn ein junger Philosoph sich „in die Fremde“ begibt, weil er zurecht vermutet, dass er fragend und suchend dort vielleicht mehr lernt als in ein paar Monaten in einer kanadischen Bibliothek. Diesen „Ortswechsel“ der Philosophie sollte man viel breiter diskutieren … Das Thema „Philosophie in Brasilien“ (S. 91- 111) könnte wenigstens am Rande noch einmal aktuell werden, wenn in 2016 dort die Olympiade stattfinden soll. Es wird sich doch nicht jeder und jede hoffentlich nur für den Sport in Brasilien interssiere…

Der Anfang einer Basis-Beziehung der Philosophie ist gemacht, durch Carlos Fraenkel! In Deutschland, so mein Eindruck, sicher auch in Frankreich, überlässt man das Philosophieren an der Basis bisher den freien, d.h. frei- beruflichen Philosophen. Bestens bezahlte Universitätsprofessoren lassen sich an der Basis äußerst selten „blicken“, verachten gar diese elementare Form der Philosophie, und das ist das Philosophieren. Hoffentlich lesen die etablierten deutschen Professoren das Buch von Fraenkel und lassen sich zu neuem Denken bewegen! Sie sollten doch mal nach Holland schauen: Dort gibt es seit vielen Jahren, immer im April, den „Monat der Philosophie“ („Maand van de filosofie“) unter reger Beteiligung der denkenden „Laien“, begleitet von Universitätsprofessoren; eine leider weithin unbekannte Erfolgsgeschichte. In diesem Jahr 2016 ist das Thema in Holland, klug gewählt, „Grenzen“. Ich habe vor einigen Jahren über diesen „maand van de filosofie“ berichtet, ohne sichtbare Wirkungen. Leider! Zur Lektüre dieses Beitrags von 2011 klicken Sie bitte hier.

Was Carlos Fraenkel in den mehrwöchigen Workshops erlebt hat, welche Themen debattiert wurden, beschreibt er im ersten Teil des Buches in sehr lebendiger, gut nachvollziehbarer Sprache. Man nimmt förmlich teil an der leidenschaftlichen Abwägung der Argumente, sieht aber auch, wie schwer oft kulturelle oder religiöse Traditionen das kritische Denken „bremsen“. Carlos Fraenkel hat das große Glück, sehr gut die muslimischen Philosophen des 10. Jahrhunderts – natürlich auf Arabisch – interpretieren zu können, genauso wie die jüdischen Philosophen aus der Zeit, als etwa in al andalus (Anadalusien) ein tolerantes Miteinander von Muslims, Juden und Christen möglich war. Dass er die europäischen und amerikanischen Philosophen kennt, ist sowieso klar. Erfreulich in unserer Sicht ist, dass die lateinamerikanische Theologie der Befreiung wenigstens erwähnt wird. Da hätte man sich „mehr“ gewünscht, zumal es auch die „Philosophie der Befreiung“ gibt… In seinen Workshops ist Fraenkel nicht als Besserwisser aufgetreten, sondern als Gesprächspartner. Er wollte das gemeinsame Suchen und Fragen einüben, eine Kultur fördern und pflegen, die das Debattieren als einen der höchsten Werte schätzt: Nur wer in der Debatte seine eigenen Überzeugungen kritisch betrachtet, stagniert nicht, er wächst und nähert sich der je größeren Wahrheit.

Im zweiten Teil seines Buches plädiert Fraenkel, die „Basis-Erfahrungen“ im Hinterkopf, dafür dass die Förderung einer Debattenkultur weltweit so wichtig ist. Und er sieht zurecht, dass da die Philosophen eine riesige Aufgabe hätten, wenn sie denn diese Debattenkultur an der Basis fördern und begleiten würden. Fraenkel zeigt, wie jeder Mensch naturgemäß seine festen Überzeugungen hat, ja diese durchaus braucht zur Orientierung im alltäglichen Leben. Aber das Festklammern an den überlieferten Überzeugungen ist gefährlich, weil das geistige Leben im sturen Nachsprechen traditioneller (Glaubens)-Formeln erstarrt. Auf die Debattenkultur kommt es an, durchaus auch auf Streit, als Austausch von Argumenten. Fraenkel schreibt, bei allem Respekt vor der Relativität der je eigenen Meinungen, dass man nur in der Streitkultur „der Wahrheit näher kommen kann“ (S. 194).

Man würde sich wünschen, wenn Fraenkel in einem nächsten Buch die Frage aufgreifen könnte: Was aber tun wir mit Menschen, die sich jeder Debatten-Kultur entziehen? Die sich selber aussperren aus der Öffentlichkeit? Man muss ja nicht nur an IS denken, sondern an die vielen anderen ideologisch und/oder religiös-fundamentalistisch Verblendeten. Wird man diese Menschen erst dann wieder in eine Debattenkultur einbeziehen können, wenn sich die materiellen/sozialen Verhältnisse so weit verbessert haben, dass sie sich ökonomisch gerecht behandelt fühlen? Welche Fehler werden gemacht, wenn man rechtslastige Kreise von öffentlichen Debatten bewusst ausgrenzt? Verstärkt man dadurch das sektiererische Sich- Abgrenzen dieser Leute?

Aber abgesehen von diesen „schweren“ Debatten-Projekten: Es wäre viel gewonnen, wenn die liberalen, gebildeten Schichten überhaupt viele freie (natürlich angenehm gestaltete) Räume vorfänden für die Pflege der Debatten, gerade in Großstädten wäre das so geboten! Warum kann es nicht „Häuser der Philosophie“ geben, wo sich doch mit großer Selbstverständlichkeit „Literaturhäuser“ längst etabliert haben? Warum könnten da nicht erfolgreiche Verlage als Initiatoren auftreten? Es muss ja nicht gleich ein Haus sein, eine hübsche Etage wäre schon prima….

Diese Fragen werden zurecht angestoßen durch die Lektüre des wichtigen Buches von Carlos Fraenkel, das ja den Untertitel hat: “Vom Nutzen der Philosophie in einer zerrissenen Welt“. Über den Begriff „Nutzen“ könnte man in diesem philosophischen Zusammenhang natürlich weiter diskutieren: Ist Philosophie einsetzbar in gewisse „Nützlichkeits-Erwägungen“, oder ist sie eher hilfreich, inspirierend, erschütternd? In der englischen Ausgabe kommt das Wort „Nutzen“ auch nicht vor. Gut so.

Carlos Fraenkel, „Mit Platon in Palästina. Vom Nutzen der Philosophie in einer zerrissenen Welt“. Aus dem Englischen übersetzt von Matthias Fienbork. Carl Hanser Verlag, 2016, 240 Seiten, 19,90 €.

copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

DADA lebt

DADA lebt. Der 5. Februar gilt als 100. Geburtstag der DADA-Bewegung.

Ein Hinweis von Christian Modehn, Berlin

Hans Küng ist meines Wissens einer der wenigen heutigen (katholischen) Theologen, die DADA ausdrücklich verteidigen. Vielleicht liegt das daran, dass Küng Schweizer ist (der erste Treffpunkt der Dadaisten befand sich bekanntlich in Zürich)…? Oder weil er eben ein universal gebildeter Theologe ist?

Jedenfalls betont Küng ausdrücklich, dass keine Institution, kein Staat und keine Kirche das Recht haben, sich „aufgrund einer künstlerischen Darstellung ein moralisches Urteil über die Grundeinstellung eines Künstlers anzumaßen und sich als Richter auf Nihilismus, Dekadenz, Amoralität oder Lüge zu befinden. Vordergründig Absurdes kann einen hintergründigen Sinn haben“ (in: Hans Küng, „Musik und Religion“, München 2006, Seite 216f.)

Küng nennt zunächst Giorgio de Chirico, Hans Bellmer, Francis Bacon… Und er sagt weiter, dass selbst hinter dem – so wörtlich – „Unsinn einer dadaistischen Collage aus sinnentleerten Papierschnitzeln noch Sinn stecken kann“, also „Protest gegen die Unsinnigkeit des Krieges, den Rationalismus des technischen Zeitalters, die Verlogenheit der bürgerlichen Kultur, die falschen Götter“. Und Küng zitiert den großen DADA Inspirator Hugo Ball: „Was wir Dada nennen, ist ein Narrenspiel aus dem Nichts, in das alle höheren Fragen verwickelt sind“. (S. 217).

Man könnte natürlich einwenden, dass mit Küng eben ein Theologe spricht, der in allem noch so Entlegenen einen Sinn noch entdeckt. Aber was ist falsch an dieser Haltung? Selbst wer von sich paradoxerweise behauptet, etwas Sinnloses zu schaffen, meint doch: Sinnlos ist dies für die alle anderen, nicht sinnlos hingegen für mich als den schaffenden kreativen Künstler. Diese Haltung gilt sicher nicht für die DADA-Bewegung. Die wollte mitten im Ersten Weltkrieg die Gesellschaft provozieren, wach machen für die humanen Werte, indem sie das nach außen, auf den ersten Blick der Alltagsvernunft hin Sinnlose zeigte und aussprach. Dabei macht DADA deutlich, dass die übliche logische Welt – damals, 1916, als sinnlos-kriegerische Welt alles andere als rational – eben nur eine mögliche, ein schlimme Variante des Denkbaren ist. Verrückt war nicht DADA, möchte man sagen, sondern verrückt waren die in sich verkrampften kriegerischen National-Staaten… DADA öffnete so den Geist für Mögliches, für Alternativen. ABER:

Eine in sich verkrampfte, selbstsichere, kriegerisch, brutale bürgerliche Welt konnte und wollte über DADA bestenfalls schmunzeln. Diese Welt war (und ist) schlicht zu blöd, um DADA zu verstehen. Wo ist DADA heute? DADA lebt auf andere Weise: Sicher nicht nur in der Kunst und Literatur im expliziten Sinne. DADA ist dort, wo Ungeahntes dargestellt wird als Möglichkeit, als Ausweg, als Befreiung aus Denkzwängen. Als Widerstand gegen alle Stumpfsinnigen, die da uns belehren wollen mit ihrem neoliberalen Herrschafts-Credo: „Es gibt keine Alternative“. Oder jetzt: „Das Boot ist voll“. Oder: „ Die ewige Tradition lässt keine Revolution zu, etwa in den Kirchen“. Es gibt also eine neues DADA heute, nicht als Spaß der Wortspieler, sondern als Lebensform jener, die die Hoffnung und den Lebenssinn bewahrt haben und sagen: Es gibt Alternativen. Denken wir nur mal nach.Und handeln dann gemeinsam.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon.

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