Sicherheit contra Freiheit? Ein Vortrag von Edgar Dusdal, Berlin

Sicherheit contra Freiheit?  Von Edgar Dusdal, ev. Pfarrer und Theologe in Berlin-Karlshorst

Dieser Beitrag wurde im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon am 22.1. 2016 vorgetragen.

Ein Mann steht unter einer Laterne und sucht verzweifelt nach etwas. Ein Polizist, der soeben vorbeikommt, fragt ihn, was er denn suche. „Meinen Schlüssel“, antwortet dieser. Auf die Frage, ob er ganz sicher sei, dass er den Schlüssel hier verloren habe, antwortet er „nein, aber hier im Licht könne er besser suchen.“ Wir alle kennen diese, vielleicht nun schon banal klingende Geschichte. Aber sie verdeutlicht auf einfach Weise das Problem, mit dem wir uns heute beschäftigen wollen. Worauf richten Medien und Politik heute ihre Scheinwerfer bei der Beantwortung der scheinbaren Alternative Sicherheit contra Freiheit? Dorthin, wo der Schlüssel zur Lösung noch ruht, im Dunkeln? Oder folgt die  Suchbewegung der vertrackten Logik, bei der der Lösungsansatz nur  zur Verschärfung des Problems beiträgt, das zu lösen er behauptet.

Wo suchen wir den Schlüssel, der uns die Tür für die Antwort auf die Frage öffnet, wie wir Freiheit und Sicherheit zu einander in Beziehung setzen können?
Das Meinungsbild, wenn man auf die lauten schrillen Töne, oder auf die Apokalyptiker hört, die lauthals auf die Straße gehen, wird von denen dominiert, die auf Sicherheit setzen um Freiheit bewahren zu können.
Sicherheit contra Freiheit ersetzt heute so bekannte Gegensatzpaare wie Freiheit statt Sozialismus wie die CDU ihn propagierte, woraus die CSU Freiheit oder Sozialismus machte oder die alte liberal gedachte Alternative Freiheit oder Gleichheit. (Philip Pettit hat zur Neujustierung dieses Problems ein Buch geschrieben mit dem Titel: „Gerechte Freiheit – Ein moralischer Kompass für eine komplexe Welt“.)

Das Interessante daran: Immer geht es um Freiheit. Ging es bisher nur um ihre Bewahrung vor anderen Geltungsansprüchen, soll sie diesmal, wenn nicht eingehegt, für manche gleich ganz dem Anspruch der Sicherheit geopfert werden.
Ohne die polemische Zuspitzung, die uns suggerieren möchte, dass immer nur das Eine möglich ist, Freiheit oder Sicherheit, will ich den Schlüssel dort suchen, wo Freiheit und Sicherheit in einer sinnvollen Beziehung zueinander gedacht werden können.
Denn, davon gehe ich aus, wo es nur noch um Sicherheit geht, geraten wir in einen Zustand des totalitären Überwachungsstaates, der in die Bewegungslosigkeit und damit in die Todesstarre führt. Wir würden selbst den Zustand vorwegnehmen, den der Terror erzeugen möchte. Übrig bliebe die Starrheit vor dem Schrecken.  (Übrigens bedeutet Terra soviel wie das Trockene. Sowohl der Schrecken, also der Terror, wie das Trockene führen zur Erstarrung und Leblosigkeit. Liegt das Leben also jenseits des Territorialstaates?)

Da, wo es um die Durchsetzung absoluter Freiheit ginge,  würde m.E. ein Zustand von Willkür, Regellosigkeit und Anarchie die Konsequenz sein.
Wohingegen Sicherheit auf Freiheit verzichten kann, ist der Umkehrschluss m.E. nicht vollziehbar. Freiheit braucht Sicherheit. Die Frage ist nur, aus welchen Quellen generiert sich die Sicherheit, die für den Erhalt der Freiheit notwendig ist.

Welche Sicherheit garantiert, ja bringt ein Leben in Freiheit erst hervor und welche Sicherheitskonzepte bringen Freiheit und Leben zum Ersticken?

Ich bin von Herrn Modehn gebeten worden, biographisch bedingt, bei dem Thema Sicherheit contra  Freiheit etwas auf das Thema DDR /Staatssicherheit einzugehen. Das sei an dieser Stelle getan.

Wer bei dem Erhalt seiner Macht auf das Konzept Sicherheit setzt, so die historische Konsequenz der DDR-Geschichte und des Ostblocks sowie m.E. aller totalitären Systeme, also wer hier auf das Konzept Sicherheit setzt, setzt in der Konsequenz auf seine Selbstabschaffung.

Totale Sicherheit ist nur denkbar bei Abschaffung des Lebens selbst. Leben und totale Sicherheit schließen einander aus. Es gibt immer nur relative Sicherheit. Dem Prinzip Leben inhärent ist Selbstentfaltung. Es sucht sich seinen evolutionären Weg. Ich würde dem entsprechend auch nicht wie Sartre formulieren, dass  der Mensch zur Freiheit verurteilt sei, sondern dass der Mensch die Gnade der Freiheit erhielt, zu der er bestimmt ist, und dass die Verfehlung der Freiheit im Preis inbegriffen ist.  Schon der biblische Schöpfungsmythos setzt Entscheidungsfreiheit voraus. Noch vor dem Sündenfall wird dem Mensch in vorausgesetzter Freiheit eine Alternative vorgelegt, zu der er sich verhalten muss.  Da der Mensch, um einen Formulierung Arnold Gehlens aufzugreifen, ein „instinktentbundenes, antriebsüberschüssiges und weltoffenes Wesen“ ist,  wird sich der Mensch immer allen Zwangs- und Unterdrückungsversuchen widersetzen.

Während in der Ära Ulbricht die DDR noch auf offene Repression setzte, kam es unter Honecker zu einem gewissen Paradigmenwechsel. Die kontrollierte Öffnung zum Westen, die Unterzeichnung des Grundlagenvertrages 1972 sowie der  Schlussakte von Helsinki 1975, verlagerten die Sicherung des Systems weg von der offenen Repression hin zu dem Ansatz, jegliche oppositionelle Regung bereits im Ansatz zu ersticken. Zu diesem Zweck kam es in den siebziger Jahren zum massiven Ausbau des Staatssicherheitsapparates. Das betraf sowohl den hauptamtlichen Apparat wie die umfangreiche Anwerbung Inoffizieller Mitarbeiter.
Im Ergebnis führte das zur Etablierung von Negativkreisläufen, die ich hier kurz skizzieren möchte,  an deren Ende die Abschaffung des Systems stand.

1. Negativkreislauf: Das Sicherheitssystem entzieht der Wirtschaft die Mittel, die für die Zufriedenstellung der Bevölkerung fehlen. Die Möglichkeit, mangelnde Freiheit durch ein Mehr an Konsum zu kompensieren, ist nicht mehr vorhanden. Die Konsequenz: Die Unzufriedenheit wächst, der Sicherheitsapparat muss parallel zur wachsenden Unzufriedenheit weiter ausgebaut werden. Dementsprechend schrumpft die Konsumindustrie noch mehr, die Unzufriedenheit verstärkt sich und so weiter.

2. Negativkreislauf: Um die sich bildenden Oppositionsgruppen zu kontrollieren, müssen die in ihnen platzierten Inoffiziellen Mitarbeiter um nicht aufzufallen, die Ziele der Opposition vorantreiben. Das, was verhindert werden soll, wird gleichzeitig vorangetrieben. Sowohl die SDP als auch der Demokratische Aufbruch wurden durch Ibrahim Böhme und Wolfgang Schnur von IM`s als Parteivorsitzenden geführt. Nimmt man, was bis zuletzt umstritten blieb, Lothar de Maizière als Vorsitzenden der CDU hinzu (IM „Cerni“), dann zeigt das zwar den Erfolg der Staatssicherheit bei der Platzierung von IM`s, aber auch, wohin dieser Erfolg führte. Das gleiche Dilemma erlebt der Rechtsstaat heute bei der Nutzung von V-Männern bei der Kontrolle rechtsradikaler Gruppierungen.
Am Ende war auch das gesammelte Datenmaterial nicht mehr beherrschbar.

3.Negativkreislauf
Bei der versuchten Ausgrenzung der Opposition und ihrer Zurückdrängung aus dem öffentlichen Raum wurde selbst die Öffentlichkeit hergestellt, die zu verhindern man beabsichtigte. Als Beispiel sollen die Ereignisse dienen, die sich ab dem 8. Mai 1989 ritualisiert in der Leipziger Innenstadt abspielten. Nach der Kommunalwahl vom 7.Mai 1989 riegelte der SED-Staat regelmäßig Montags nach dem Friedensgebet durch Bereitschaftspolizei das Gelände um die Nicolaikirche ab. Man wollte verhindern, dass im Anschluss an das Friedensgebet von diesem öffentlichkeitswirksame Aktionen ausgehen. Dadurch schuf die Polizei die Öffentlichkeit, die sie verhindern wollte. Gottesdienstbesucher konnten nicht ungehindert den Kirchplatz verlassen, vorbeigehende Passanten wurden neugierig und erkundigten sich nach dem Geschehen, äußerten ihren Unmut etc.

Am Ende waren die Bindungskräfte an das System so gering, dass der Erosionsprozess bis in die Parteispitze zur Implosion des Systems führte.
Man hatte sich zu Tode gespitzelt.

An dieser Stelle möchte ich noch drei Textbeispiele  anführen, die innerhalb der Opposition entstanden sind, bzw. auf die sich die Opposition in der DDR von ihrem  Selbstverständnis  bezog und die zur weiteren Erhellung des Themas beitragen mögen.

Das erste entstammt dem Buch „Freunde und Feinde“ . Am 6.März 1982 fand in Leipzig ein Friedensgebet unter dem Thema. „Was macht uns sicher“ statt. In Kurzbeiträgen wurden Aspekte des Lebens geäußert, die Sicherheit vermitteln, wie Bildung, Freunde, attraktives Aussehen etc. Das beanspruchte Sicherheitsmonopol des Staates wurde dahingehend problematisiert, dass genau dieser Staat mit seinem Sicherheitskonzept eine Unsicherheit erzeugt, die nur individuell kompensiert werden kann.

Das zweite Beispiel ist ein ein Text von Dietrich Bonhoeffer. Er entstammt einer Rede, die er am 28.8.1934 in Fanö auf einer ökumenischen Konferenz hielt.

„Friede auf Erden, das ist kein Problem, sondern ein mit der Erscheinung Christi selbst gegebenes Gebot. Zum Gebot gibt es ein doppeltes Verhalten: den unbedingten, blinden Gehorsam der Tat oder die scheinheilige Frage der Schlange: Sollte Gott gesagt haben? Diese Frage ist der Todfeind des Gehorsams, ist darum der Todfeind jeden echten Friedens. Sollte Gott nicht die menschliche Natur besser gekannt haben und wissen, dass Kriege in dieser Welt kommen müssen wie Naturgesetze? Sollte Gott nicht gemeint haben, wir sollten wohl von Frieden reden, aber so wörtlich sei das nicht in die Tat umzusetzen? Sollte Gott nicht doch gesagt haben, wir sollten wohl für den Frieden arbeiten, aber zur Sicherung sollten wir doch Tanks und Giftgase bereitstellen? Und dann das scheinbar Ernsteste: Sollte Gott gesagt haben, Du sollst dein Volk nicht schützen? Sollte Gott gesagt haben, Du sollst Deinen Nächsten dem Feind preisgeben? Nein, das alles hat Gott nicht gesagt, sondern gesagt hat er, daß Friede sein soll unter den Menschen, daß wir ihm vor allen weiteren Fragen gehorchen sollen, das hat er gemeint. Wer Gottes Gebot in Frage zieht, bevor er gehorcht, der hat ihn schon verleugnet. Wie wird Friede? Durch ein System von politischen Verträgen? Durch Investierung internationalen Kapitals in den verschiedenen Ländern? d. h. durch die Großbanken, durch das Geld? Oder gar durch eine allseitige friedliche Aufrüstung zum Zweck der Sicherstellung des Friedens? Nein, durch dieses alles aus dem einen Grunde nicht, weil hier Friede und Sicherheit verwechselt wird. Es gibt keinen Weg zum Frieden auf dem Weg der Sicherheit. Denn Friede muß gewagt werden, ist das eine große Wagnis, und läßt sich nie und nimmer sichern. Friede ist das Gegenteil von Sicherung. Sicherheiten fordern heißt Misstrauen haben, und dieses Mißtrauen gebiert wiederum Krieg“.

Ging es im ersten Textbeispiel um die Gewinnung innerer, also personaler Sicherheit, die gegen den totalitären Sicherheitsanspruch des Staates steht, und die ich zu meiner Identität als Mensch benötige, bezieht sich der zweite Text auf das Sicherheitskonzept gegenseitiger Abschreckung, wie es die Blockkonfrontation besonders in den 80iger Jahren mit dem Nato-Doppelbeschluss und der Stationierung von SS 20 durch den Warschauer Pakt hervorbrachte.

Der dritte Text kann auch auf den heutigen Kontext bezogen werden, wo wir Sicherheit und Freiheit im Kontext von Einzeltätern oder kleinen Gruppen, die terroristische Aktionen ausführen, denken müssen.
Das Zitat stammt von Vaclav Havel, der als Mitbegründer der Charta 77 auch in der DDR intensiv rezipiert wurde: „Hoffnung ist eben nicht Optimismus, ist nicht Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat – ohne Rücksicht darauf, wie es ausgeht.“

Und hiermit komme ich zu einer Quelle, die eine Sicherheit ermöglicht, die mit der Bewahrung von Freiheit kompatibel ist.

Vorangestellt sei die Frage:
Bin ich von der offenen Gesellschaft überzeugt, um an dieser Stelle auch noch einmal auf Karl Popper zu verweisen?
Bin ich davon überzeugt, dass der Erhalt dieser offenen Gesellschaft Sinn macht, ohne Rücksicht darauf, wie das Festhalten an ihr ausgeht?

Die Geschichte ist immer offen, auch wenn das Ende der Geschichte immer wieder ausgerufen wurde. Ich muss ihrer Selbstabschaffung durch den Überwachungsstaat nicht vorgreifen.
Sondern ich kann trotz aller Risiken und Gefährdungen an der Aufrechterhaltung der offenen Gesellschaft festhalten, da es mich mit Sinn erfüllt. Weil Leben und Freiheit nicht in einen Gegensatz gebracht werden können, da die Abschaffung des einen die Abschaffung des anderen nach sich zieht, ist die offene Gesellschaft vom Gedanken des Lebens her alternativlos.

Die Bürgerbewegung in der DDR wusste nicht, wie der 9. Oktober 1989 ausgeht. Nach der Begrüßung der Vorgänge auf dem Platz des himmlischen Friedens durch die DDR Führung, wo man in China wehrlose Studenten niederschoss und nach einer Vorankündigung in der Leipziger Presse, man werde die Errungenschaften der DDR zu verteidigen wissen und wenn es sein muss mit der Waffe in der Hand, nach der Verbreitung der Information, dass sämtliche Blutkonserven des Bezirkes nach Leipzig gebracht wurden, der öffentliche Nahverkehr eingestellt wurde, der Bahnhof gesperrt worden ist und nach dem Aufmarsch von Hunderten Kampfgruppenmitgliedern mit Hundestaffeln und voller Ausrüstung, die sich bereits in den Mittagsstunden in der Innenstadt in Stellung gebracht hatten,  versammelten sich trotzdem über

70 000 Menschen des Abends zur Demonstration. Ich kann mich daran erinnern, es fuhr kein Auto, keine Straßenbahn, es lag eine gespenstische Stille über dem Opernplatz bevor sich der Zug nach Beendigung des Friedensgebetes in Bewegung setzte, gemäß dem Ausspruch Vaclav Havels ,
„Hoffnung ist eben nicht Optimismus, ist nicht Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat – ohne Rücksicht darauf, wie es ausgeht.“

Die heutige Debatte „ Sicherheit contra Freiheit“, wird heute leider mit der Debatte über Flüchtlinge und die Gefahr des Terrorismus verknüpft und das eine gegen das andere ausgespielt.
Auch hier gilt, vor allem für die Menschen, die vor Terror und unwürdigen Verhältnissen fliehen. Man kann sie nicht in Geiselhaft  nehmen, weil es auch Terroristen gibt. Auch gilt es an der Sinnhaftigkeit, an den Mehrwert eines Lebens in Freiheit festzuhalten.

Ich lese den Ausspruch Angela Merkels: „Wir schaffen das“ im Kontext des Havelzitates. Ich weiß nicht, wie es ausgeht, wenn wir mehr und mehr Flüchtlinge aufnehmen. Aber angesichts der Alternative, Abschottung, Mauern hoch und Grenzzäune her oder Festhalten an einer offenen Gesellschaft, dann doch letzteres, weil das Sinn ergibt. Wer Mauern will, muss auch bereit sein, notfalls die Konsequenz zum Schießen aufzubringen. Sonst braucht er keine Mauer bauen. Doch wie sinnlos wäre das.

Die Philosophie und Religionsgeschichte hält eine ganze Reihe an Antworten bereit, wie Sicherheit jenseits von Gewalt und Überwachung zu gewinnen ist, die es mir ermöglicht, den Unwägbarkeiten des Daseins sinnvoll zu trotzen. Ich möchte nur an eine Epoche erinnern. Nach dem Ende der Autonomie der griechischen Polis in der Phase hellenistischer Globalisierung orientierte sich die hellenistische Philosophie im Ringen um die Gewinnung von Sicherheit jenseits der einst gesicherten Grenzen der überschaubaren Polis in der Stoa am Konzept der apathia, im Epikureismus an der ataraxia und im Kynismus an der Bedürfnislosigkeit. Und auch die Jesusbewegung hielt eine Antwort parat, wie Sicherheit und Freiheit lebbar sind.
Vielleicht wäre es  sinnvoll, diese Quellen personaler Sicherheit wieder zum Fließen zu bringen.

Im Deutschen ist Freiheit etymologisch mit Freund verwandt. Das heißt: Freiheit ist nicht durch Abgrenzung oder Abschottung erreichbar, sondern gründet im Vertrauen. Freiheit ist nicht gegen den Anderen, sondern nur unter Einbeziehung des Anderen möglich.
Etymologisch verweist der Zusammenhang also auch darauf, das die wichtigste Quelle der Sicherheit das Vertrauen bleibt. Wenn diese Ressource verbraucht ist, geraten wir in einen sich selbst verstärkenden Strudel, der immer nur noch auf Sicherheitslücken blickt, die es zu schließen gilt.

Lassen Sie mich noch eine letzte Bemerkung machen.  Nächstes Jahr begehen wir den 500. Jahrestag der Reformation. Martin Luder, wie er korrekt heißt, veröffentlichte damals seine Thesen. Dem vorausgegangen war sein so genanntes Turm-, oder besser gesagt, sein Erweckungserlebnis. Seine existenzielle Frage zuvor lautete: Wie bekomme ich einen gnädigen Gott. Das war nicht nur seine Frage. Der spätmittelalterliche Mensch war auf der Suche nach Sicherheit, nach Sicherheit vor einem allmächtigen, allstrafenden Gott, einem Schrecken erzeugenden, also terroristischen Gott. All die Schutzmantelmadonnen, Heiligenverehrungen, der Annenkult, der schwunghafte Reliquien- sowie Ablasshandel legen Zeugnis von diesem dinohaften Gottesbild ab. Als Martin Luder plötzlich begreift, dass der Gott des Terrors, dem niemand entfliehen kann, dem vertrauensvoll Gläubigen ein gnädiger Gott ist, war das für ihn ein Akt der Befreiung, die Gewinnung einer neuen Freiheit. Um dies namhaft zu machen, tauschte er das „d“ seines Namens Luder in ein „t“ um. Entnommen hat er dies keinem sächsischen Lautwechsel sondern dem griechischen Wort für Freiheit- eleutheria. Die Leute sind seitdem die Freien. Lasst uns also nicht nur Menschen, sondern auch Leute sein.

copyright: Edgar Dusdal, ev. Pfarrer und Theologe in Berlin-Karlshorst

Sicherheit contra Freiheit? Hinweise zu einem aktuellen Thema der Philosophie … und der Politik.

Sicherheit contra Freiheit?

Hinweise zu einem aktuellen Thema der Philosophie … und des politischen Zusammenhalts

Von Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon am 22.1.2015

Wir haben ein Thema für unser Gespräch gewählt, das unmittelbar mit der aktuellen politischen Situation, nicht nur in Deutschland, verbunden ist. Diese politische Situation ist – wie alles Politische – nichts Äußerliches, Fernes, gegenüber dem Lebensgefühl der Menschen. Dies gilt für die Menschen, die in Deutschland seit langem „ansässig“ sind, wie für jene, die Zuflucht suchen als Flüchtlinge in Deutschland.

In Frankreich herrscht seit Mitte November 2015 der Ausnahmezustand, d.h. die private Freiheit ist stark eingeschränkt, die Polizei hat gegenüber den Richtern viel mehr Macht. Und laut Umfragen ist die Bevölkerung mit dieser eingeschränkten Freiheit durchaus zufrieden. Nachtrag am 26. 1. 2016: Ende Januar 2016 wird der Ausnahmezustand verlängert. Wie Premierminister Valls sagt, bleibt der Ausnahmezustand in Frankreich wohl dauerhaft gelten, „bis man die Terrormilizen des IS vernichtet hat“. Das wird sehr lange dauern….Nur noch wenige französische Wissenschaftler und Intellektuelle melden sich kritisch zu diesem offenbar üblich werdenden Ausnahmezustand zu Wort… Der Ausnahmezustand kann de facto eher wenig Sicherheit bringen, wenn man bedenkt, dass die Terroranschläge in Paris im Jahr 2015 von Belgien aus geplant wurden. Offenbar sollte dann Belgien auch den dauerhaften Ausnahmezustand haben! Warum nicht auch gleich die Nachbarn Belgiens, aber bitte schön, warum nicht dann gleich am besten ganz Europa: Das Motto: „Der Polizeistaat kümmert sich um alles…“ Bei den bisher 3189 (selbstverständlich ohne richterlichen Beschluss) vorgenommenen Hausdurchsuchungen in Frankreich wurde kein Terrroist gefasst, hingegen wurden wohl „bloß“ einige gewöhnliche Verbrecher festgenommen, schreibt die BERLINER ZEITUNG, 26.1.2016, Seite 5….Man darf glauben, dass der Ausnahmezustand von der Sozialistischen Partei und dem Sozialisten (?) Hollande vor allem beschlossen wurden, um die sehr stark gewordene rechtsextreme Partei Front National (FN) zu schwächen, der FN und seine Fans lieben förmlich die Ausnahmegesetze. Ob demokratische Parteien mit dieser Taktik gewinnen und sich an dem allerwichtigsten Ziel, dem Machterhalt der eigenen Partei, tatsächlich nähern, indem sie das Wahlprogramm der Rechtsextremen übernehmen, ist empirisch bewiesen falsch. Nebenbei: Würden sich denn die Sozialisten freuen, wenn nun Rechtsextreme die Sozialistische Partei wählen, vielleicht PS – Parteimitgleider werden? Die Mentalität dieser rechtsextremen Wähler bleibt doch wohl identisch. Nachtrag am 27. 1. 2016: Präsident Hollande ist fest entschlossen,verurteilten Terroristen die französische Staatsbürgerschaft abzuerkennen, dies gilt für solche Franzosen, die auch noch einen zweiten Pass, in dem Fall etwa Algeriens oder Marokkos, haben. Diese Länder werden die Terroristen nicht aufnehmen. Ein unwirksame, bloß populistische, FN-freundliche „Maßnahme“. Weil die Justizministerin Christiane Taubira darin keinen erkennbaren Sinn sieht, ist sie heute zurückgetreten.

In Polen werden elementare Grundrechte von der Regierung trotz aller Widersprüche durch die Opposition (und etlicher vernünftiger Bürger) und der EU weiter eingeschränkt. Die Türkei reiht sich ein in die lange Liste der Länder, die den Ausnahmezustand praktizieren. In Deutschland gewöhnen sich offenbar immer mehr Menschen an die Vorstellung: Dass die Grenzkontrollen so umfassend in Europa wieder gelten sollen, dass möglichst kein Flüchtling mehr aus Afrika, Syrien, Irak usw. Europa betreten kann. Bezeichnend ist, angesichts dieser eng gezogenen, kontrollierten, mit Stacheldraht umgebenen europäischen Grenzen, das populistische Wort OBERGRENZE, von führenden Vertretern der Regierung (Seehofer, aber auch einige Minister) permanent einhämmernd wiederholt wird. Das Wort Obergrenzen meint ja nicht nur eine Anzahl willkommener „echter“ Flüchtlinge, sondern ist eben der weiteren Bedeutung nach eine Steigerung der realen Stacheldraht-Grenzen etwa in Südwesteuropa. Diese scharf geschützten europäischen „Ober-Grenzen“ sollen wieder Sicherheit den „eingemauerten Europaäern“ geben, sie sollen wie eine Art heiliger „Kranz“ das schöne Europa von den hässlichen (meist) armen Flüchtlingen abschotten. „Wer Flüchtlinge stoppen will, müsste Krieg gegen sie führen“, so der griechische Außenminister Nikos Kotzias in die „TAZ“ vom 22. Januar 2016 (Seite 1) aus griechischer Sicht. Er sagt weiter: „Wir müssten die Flüchtlinge bombardieren, ihre Boote versenken und die Menschen ertrinken lassen“.

Wenn man noch die heftigen Kommentare im Umfeld der Silvester-Ereignisse in Köln betrachtet, wo ohne jeden notwendigen kritischen und selbstkritischen ABSTAND sofort, wie auf Bestellung, wildeste allgemeine Behauptungen pauschaler und diffamierender Art von „den“ Flüchtlingen“ verbreitet wurde, sieht man: Sicherheit und Sicherheitsbedürfnisse, d.h. die eigene Sicherheit als Fortsetzung des bisherigen, weithin behüteten Wohlstandslebens mit allen Mitteln, muss das zentrale Thema auch philosophischer Reflexion heute sein. Diese muss aber das Thema Freiheit als Inbegriff menschlichen, geistvollen Lebens, immer wieder dem offenbaren Sicherheitswahn gegenüberstellen.

Bevor dazu einige Hinweise mitgeteilt werden: Zunächst eine Erinnerung daran, dass Sicherheit und Gewissheit ein Hauptthema der neuzeitlichen Philosophie Europas ist.

Die unbewusste wie bewusste Anerkennung der Sicherheit, der eigenen, „meiner“ Sicherheit gegenüber dem Abwertung der Unsicherheit des anderen, des Fremden, hat eine lange Mentalitätsgeschichte:

Diese Mentalität hat u.a. der bekannte französische Historiker Prof. Jean Delumeau in verschiedenen Büchern, etwa „Angst im Abendland“, Rowohlt-Verlag, dargestellt: Die Kernaussage: Seit der Neuzeit breitete sich die Angst als eine Grundstruktur des Bewusstseins aus, die Angst vor Naturgewalten, Epidemien, Hungersnöten, Kriegen der Konfessionen, Bedrohungen durch „die Türken“, Angst vor Ketzern, Hexen, Juden, Homosexuellen… Die „belagerte Stadt“ wurde zum Bild und zum Symbol für diese Mentalität, die sich in den Kirchen auch als Modell ausbreitete, vor allem im Katholizismus, etwa in der Etablierung der „heiligen Inquisition“: Feinde glaubten die Christen überall zu sehen, Ketzer, Irrlehrer usw., die von der Kirchenführung vertrieben und ausgelöscht werden mussten. Wichtig war schon damals, betont Delumeau, die Angst vor dem Fremden: In Band I, Seite 66 beschreibt er diese Angst vor dem Fremden als Angst vor allen, die zu einer anderen, unbekannten Welt gehörten. Wer aus der Ferne kommt, galt als bedrohlich. Zentral wurde mentalitäsmäßig – bis heute ? – der Spruch aus dem 11. Jahrhundert, in Byzanz formuliert: „Wenn ein Fremder in deine Stadt kommt, Freundschaft mit dir schließt, dann traue ihm nicht. Gerade dann solltest du im Gegenteil auf der Hut sein“.

Zur Philosophie

Die auch seelisch verheerenden Katastrophen der Religionskriege im 16. und 17. Jahrhundert, vor allem der „Dreißigjährige Krieg“, förderten den dringenden Wunsch wenigstens nach einer inneren Sicherheit, nach einer geistigen Selbstgewissheit und Geborgenheit, die dem einzelnen Menschen niemand, auch kein Krieg, nehmen kann. Angesichts der vielen widersprüchlichen kriegerischen ideologischen und religiösen, konfessionellen Lehren will der Mensch im Denken eine unerschütterliche Gewissheit für sich selbst und in sich selbst, in seinem Ich, finden. Es wird also in der Philosophie durch die konsequente Reflexion des Ich auf sich selbst ein unerschütterlicher Halt gesucht. Ich verweise hier auf die grundlegenden Studien des Tübinger Philosophen Walter Schulz und sein Buch „Philosophie in der veränderten Welt“.

Zu Descartes (1596 -1650)

Die letzte Gewissheit findet der Mensch, wenn er in sich selbst reflektierend schaut und diese Reflexion möglichst abgelöst von der Welt und den Beziehungen zur Welt vollzieht. „Ich bin es selbst in meinem Denken, der die Sicherheit gewinnt. Mein Denken bringt mich in Sicherheit“. In meinem eigenen fragenden, skeptischen Denkvollzug, weiß ich, dass ich bin. Es ergibt sich für mich dann eine Art innere Kenntnisnahme (S.349 in Schulz, „Philosophie in der veränderten Welt“): Ich gewinne die Sicherheit meiner Existenz durch mich selbst durch mein fragendes und zweifelndes Denken. Aber dafür brauche ich eigentlich keinen Weltbezug. Alles Sicherheit Gewährende steckt n mir. Ich muss mich eigentlich gar nicht auf die Außenwelt einlassen. Ich bin sozusagen der Mittelpunkt der Welt. Ich bin letztlich „losgelöst“ von anderen, so meint dann konsequenterweise Descartes. Und noch zugespitzter: Ich kann mich nicht verstehen als ein von vornherein gegebenes „In der Welt-Sein“, wie Martin Heidegger treffend und bahnbrechend in „Sein und Zeit“ schreibt. Der neuzeitliche Menschen im Sinne Descartes braucht „die anderen“ nicht. Walter Schulz betont: “Dass der Mensch sich vom Äußeren abzukehren habe, um wahrhaft Mensch zu sein, bleibt die leitende Überzeugung“ (S. 256, Philosophie in der veränderten Welt).

Dieses Denken als selbstverständlicher Rahmen herrscht auch heute ganz offensichtlich vor: Es ist die Unwichtigkeit des anderen; die anderen, zumal die Fremden, sind letztlich überflüssig für mich selbst.

Die europäische – amerikanische Abwehr der Fremden heute, die Abwehr, mit den anderen, mit den Fremden und Befremdlichen nun eine gemeinsame Welt aufzubauen (die Abwehr des anderen fand im Kolonialismus und Rassismus einen Höhepunkt) hat tiefe seelische „Wurzeln“ in uns. Die Fixierung „Ich will meine Sicherheit für mich allein und durch meine eigene Kraft allein“ hat in philosophischen EGO-Konzeptionen sozusagen ihre Stütze. Wie die anderen, also etwa die muslimisch geprägten Menschen, ihrerseits den „anderen“ also die Europäer wahrnehmen, ist eine andere Frage.

Ich will, wenigstens kurz, auf Johann Gottlieb Fichte (1762-1814) hinweisen. Abgesehen von seinen großen Schriften wie etwa den „Wissenschaftslehren“ und der „Bestimmung des Menschen“ hat er doch ein merkwürdiges, meine Erachtens heute wenig beachtetes Buch hinterlassen über den „Geschlossenen Handelsstaat“ (Tübingen, 1800). Es geht um die Abweisung der (handels)offenen Staaten, sie werden offen genannt, weil sie mit internationalen Wirtschaftsbeziehungen ausgestattet sind. Es ist ein Buch, modern gesagt, gegen die Globalisierung. Darin sind viele weit reichende Themen angesprochen. Uns interessiert hier nur: Fichte befürwortetet unbedingt im „geschlossenen Nationalstaat“ staatliche Aufsicht und Kontrollen: Er will die soziale Absicherung aller Bürger, er fordert wenigstens ein Minimum an Lebensqualität, die jedem Bürger zusteht, denn „es sollen erst alle (in diesem „ihrem“ Staate) satt werden und fest wohnen“. Dabei plädiert er für einen Überwachungsapparat des Staates, der dort eingreift, wo sich der Bürger zu viele persönliche Freiheiten nimmt, die mit den „übergeordneten“ Interessen des Staates im Widerspruch stehen.

Wenn ein Staat seine bisherige Offenheit, etwa die internationalen Beziehungen, aufhebt zugunsten des geschlossenen Staates, sollte er noch vorher, im eigenen (!) Interesse, fremde Arbeitskräfte ins Land holen, Industriezweige in sein eigenes Land verlagern, der Staat darf sogar Kriege führen, um fruchtbare Landstriche und Bodenschätze sich anzueignen. Das empfiehlt Fichte direkt. Und das klingt nicht nur modern, sondern ist „aktuell“. Es ist nach Fichte erlaubt, unrechte Maßnahmen zu ergreifen, bloß um einen starken Staat, den eigenen, zu erzeugen. Der Staat kann also durchaus zum Aggressor werden, wenn es denn der angeblich guten Sache dient, einen starken geschlossenen Staat zu erzeugen. Manche Beobachter nennen Fichte in dem Zusammenhang einen „sozialen Stalinisten“. Die anderen Staaten, das Ausland, kann sich Fichte nur als Störfaktor vorstellen. Da ist eine Beziehung zur Konzeption des bei Fichte stark vertretenen „absoluten Ichs“ sichtbar. In wieweit dieses Buch (Geschlossener Handelsstaat) im Detail mit der Ich-Konzeption in den grundlegenden „Wissenschaftslehren“ Fichtes zu sehen, wäre also eigens zu untersuchen. Es wurde jedenfalls zeitgleich mit den Wissenschaftslehren geschrieben.

Eine Alternative zu Descartes und seinem Versuch, die letztlich die alles gründende Sicherheit durch das eigene Denken, durch das eigene grundlegende Zweifeln zu schaffen: Da muss an den Mystiker (und vielseitig begabten Mathematiker) Blaise Pascal (1623 – 1662) erinnert werden. Auch er hatte, von der absoluten Eindeutigkeit der Mathematik angesteckt, das dringende Bedürfnis, absolute eindeutige Sicherheit in seinem Leben zu finden. Bei ihm geht es ausdrücklich um die Abwehr philosophischer Reflexionen und philosophisch vermittelter Zweifel im Denken. Pascal sieht als treuer Schüler des heiligen Augustinus den Menschen und damit auch den Geist/die Vernunft für so verdorben an, dass Sicherheit allein im Glauben als Gnadenerweis Gottes möglich ist. Mit Pascal wird der Pietismus (im weitesten Sinne) eröffnet und als Möglichkeit propagiert: Absolute Sicherheit ist für ihn nur und ausschließlich im Glauben bzw. im Wagnis-Sprung in den Glauben, zu finden. Der Basistext dafür ist das so genannte Memorial, ein Text, den Pascal in der Nacht des 23. November 1654 notierte: Dieser Text ist unmittelbar eng verbunden mit einer gnadenhaften Einsicht, wie Pascal betont. Er soll eine Nachschrift oder besser noch Mitschrift eines „mystischen Erlebnisses“ sein. Darin wird gleich am Anfang der im philosophischen Denken vermittelte Gott zurückgewiesen, es ist lebendig für Pascal allein der biblische Gott des Glaubens, im Bekenntnis zu diesem Gott notiert Pascal diese Sätze: „Gewissheit, Gewissheit, Empfinden, Freude, Frieden. Der Gott Jesu Christi…“(Den ganzen text kann man in den „Pensées“ von Pascal nachlesen, unter dem Stichwort „Memorial“. Diese Gewissheit ist ein Geschenk des „Herzens“, das Herz gilt als wichtiges Organ (Gemüt, Seele) der Erkenntnis, die sich NICHT auf die Wissenschaften richtet. Das Herz meint die Mitte der Person. Die Gottesfrage soll nicht mehr länger Thema der Philosophie sein. Gott ist einzig Thema des Glaubens, nur als Sprung in die göttliche Gnade, gibt es für Pascal existentielle Sicherheit. Dieses Denken ist bis heute en vogue, in charismatischen Kreisen und fundamentalistischen Gruppen verschiedener Religionen. Und sie gilt als die Religion der Zukunft, weil sie sich dem vernünftigen Gespräch miteinander entzieht: Der eine behauptet jenes fromme Überkommnis, der andere ein anderes Überkommnis, alles bleibt unvermittelt im Raum stehen, bis dann doch Streit entsteht und sich die Frommen die Köpfe einschlagen. Ohne Vernunft kann es und darf es keine human ernstzunehmnde Religion, keine Kirche, keinen Islam usw. geben. Das ist kein autoritärer Beschluss von Philosophen, sondern eine Denknotwendigkeit um des gemeinsamen Friedens willen.

Sicherheit contra Freiheit?

Ich will nur kurz einige philosophische Hinweise geben: Sicherheit ist ein richtiges elementares Bedürfnis und Recht eines jeden Menschen (aber auch eines jeden!, also auch des sich hier aufhaltenden Flüchtlings). In geschützter Sicherheit zu leben, etwa vor Verbrechern bewahrt zu werden, in einer demokratischen Rechtsordnung zu leben…, all das ist hierzulande selbstverständlich. Zu Recht.

Nur kann das Sicherheits-Denken und die Sicherheitspolitik schnell entarten … und zum Sicherheitswahn werden: Das beginnt im persönlichen Bereich. Jeder hat da seine Erfahrungen, es führt zu Kontrollen, Verdächtigungen, Vorbehalten usw.

Nebenbei: Ein wahrer Boom an Versicherungen verschiedener Art begann im 17. Jahrhundert, auch wenn es unter Babylons König Hamurabi (1750 v. Chr.) erste Formen von Versicherungen gegeben haben soll. Die Moderne (in den reichen Ländern) zeichnet sich durch eine totale Vorliebe für alle nur denkbaren Versicherungen aus.

Wenn ultrareiche Milliardäre in den USA oder Brasilien ihre Luxusvillen in abgegrenzten elitären Siedlungen mit hohen Mauern schützen, mit eigenem Wachpersonal, mit Selbstschussanlagen usw.: Dann sind diese Wohnungen als Sicherheitsbunker nicht nur Ausdruck von fundamentaler Angst, die Armen könnten zu den Waffen greifen und den Luxus zerstören usw. Entscheidend ist: Sicherheit und Angst ist immer in einer Einheit zu sehen! Sicherheit und Grenzziehungen ebenso.

ABER: Alle Bestimmungen, die einer größeren Sicherheit dienen, müssen vernünftig, eben aus dem reflektierten Abstand, geschehen. Nach Beratungen mit einem breiten Spektrum von Spezialisten. Auch wenn Politik manchmal schnell handeln muss, darf sie niemals übereilt, d.h. unreflektiert handeln und übereilt um der Erfolge der eigenen Partei und der eigenen (lukrativen) Wiederwahl willen populären Parolen nachplappern. Politiker, die noch diesen Namen verdienen, müssen eine reflektierte Perspektive haben, sie dürfen nicht ihren Launen nachgeben, sie müssen diese Perspektive für ihr Land wie für Europa erklären und zur sachlichen Diskussion stellen. Das geschieht heute so nicht. Das ist falsch mit verheerenden Folgen als einem Sieg des dummen Populismus.

Freiheit ist Vernunft

Noch einmal: Man muss immer vor Augen haben: Sicherheitsdenken kann sehr schnell zum Sicherheitswahn auch von Regierungen werden. Stichwort Notstandsgesetze in der Bundesrepublik vom 30. Mai 1968. „Die Gesetze enthalten Regelungen für den Verteidigungsfall, den inneren Notstand und Katastrophenfall. Dann werden die Grundrechte eingeschränkt“ (zit. aus Wikipedia, „Deutsche Notstandsgesetze“.) Diese BRD Notstandsgesetze wurden nicht „abgeschafft“, sie sind jederzeit wieder abrufbereit.

Philosophisch ist zweifelsfrei klar: Persönliche Freiheit (als öffentlichen Ausdruck der kontroversen Meinung) ist mit Vernunft identisch. Wer die Freiheit verteidigt, verteidigt das, was den Menschen als Menschen auszeichnet, seine Vernunft.

In der klassischen Philosophie sind Freiheit und Vernunft identisch.

In der Vernunft bezieht sich der Mensch auf sich selbst im Denken. Er kann sich distanzieren von seinen Gedanken, er kann in Wahlsituationen sich für das eine und gegen das andere entscheiden, vor der Entscheidung überlegen, welcher Position er mit guten Gründen zuneigt.

Was aber ist Vernunft? Ganz elementar: Diese Form der Lebendigkeit des Geistes, die den Menschen als Menschen hervorhebt und auszeichnet. Die schlichte Definition: Der Mensch versteht sich selbst als „animal rationale“, also als ein vernünftiges Lebewesen (Tier), dies ist als Basisaussage richtig.

Das heißt: Der Sicherheitswahn, der schnell entsteht durch extreme Vorliebe für Sicherheit ist in sich un-menschlich, d.h. er zerstört das, was den Menschen als Menschen ausmacht. Er zerstört den Geist und die Seele.

Nur mit lebendiger Vernunft, also mit Diskussionen, mit Argumenten, mit Abstandnehmen vom unmittelbaren Ereignis, kann man Krisenzeiten human gestalten. Nicht durch Sprüche und Propaganda, Vorurteile, Pauschalurteile usw. Was heute fehlt, ist der Schwur, sich niemals auf schnelle Sprüche einzulassen.

Ist Sicherheit wichtiger als Freiheit? Allein, dass wir diese Frage stellen können, zeigt sich die Lebendigkeit unseres Geistes, unserer Vernunft, also unserer Freiheit. Also NUR im Medium des Geistes lässt sich über Sicherheit sprechen. Sicherheit existiert ja nicht als Ding an sich, als ein objektiver und unveränderlicher Klotz; sondern Sicherheit als Konzept existiert immer nur IN unserem GEIST, unserer Vernunft. Insofern ist Freiheit/ Vernunft immer wichtiger als Sicherheit. Tiere, die bekanntlich nicht vernünftig denken und artikuliert sprechen, kennen keine reflektierte Sicherheit. Sie haben nur Weglauf-Ängste, die genetisch bedingt sind, also nicht frei verfügbar sind, wenn sie stärkere Tiere sehen: Also ein Rehkitz läuft eben immer automatisch vor dem Löwen weg. Es rettet sich vielleicht dabei. Reflektierte Sicherheitsmaßnahmen sind etwas anderes, sie sind menschlich, geistige/vernünftig/frei gestaltet.

Also: Sicherheit ALS gewusste Sicherheit hat Freiheit/Vernunft/Denken/begrifflichkeit… zur Voraussetzung. Insofern ist Freiheit/Vernunft wichtiger.

Sie ist es auch, weil sie die Gestaltung der projektierten Sicherheit innerlich bestimmen muss, als Form der kritischen Besinnung, in Ruhe, im Abstand, in der Abwehr, immer und sofort alles zu kommentieren ohne auf Differenzierungen zu achten. Bei einem zunehmenden Sicherheitswahn brauchen wir nichts dringender als die behutsame, kritische und selbstkritische Vernunft, sie ist das Leben der Freiheit.

Diese Überlegungen zu Sicherheit contra Freiheit? bleiben fragmentarisch, weil die heftige Bedrohung der individuellen Freiheit durch die absolute Kontrolle der Privatsphäre (Emails, facebook, Internet-Nutzung) durch staatliche Sicherheitsbehörden mit ihrer Vorratsdatenspeicherung längst Realität ist. Der durchsichtige Bewohner (ist er noch ein Bürger?, ein citoyen?) eines Landes wird alsbald total den „Behörden“ bekannt sein. Werden alsbald nur noch „DIE GEDANKEN frei“ sein, um ein altes Volkslied zu zitieren?

Hinzukommt, als weiterer Beleg für das Fragmentarische dieser Hinweise hier, dass nicht erörtert wurde, wie viele Kenntnisse zu möglichen Terroristen die vielen, national und international nebeneinander her agierenden Sicherheits/Polizeibehörden tatsächlich übersehen haben. Das wurde gerade im Umfeld der Attacken und Morde in Paris am 13. 11. 2015 deutlich. Da hätte viel Schlimmes verhindert werden können, wenn die Behörden aufmerksamer mit der (Über)-Fülle ihrer Informationen umgegangen wären. Der Autor Sascha Lobo schreibt in diesem Zusammenhang in „Spiegel Online“ am 25.11. 2015: „Wenn also diese Daten (über mögliche Terroristen) offensichtlich nicht ausreichen, um einen Anschlag zu verhindern – welche Daten um alles in der Welt hofft man dann per Generalüberwachung zu bekommen? Die rationale Herangehensweise wäre das Eingeständnis, dass es nicht darum geht, neue Daten zu bekommen, sondern die längst vorhandenen besser auszuwerten. Die scheinrationale Herangehensweise aber wird sich durchsetzen: mehr Überwachung. Mehr Daten. Die Irrationalität dahinter lautet: Wir finden die Nadel im Heuhaufen nicht, also brauchen wir mehr Heu“…

Das Thema „Sicherheit contra Freiheit“ wird den Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin noch weiter beschäftigen, es wird auch um die Frage gehen: Welche Sicherheit kann und soll ein religiöser Glaube geben?

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

An Friedrich Wilhelm Joseph Schelling denken.

An Friedrich Wilhelm Joseph Schelling denken.

Am 27. JANUAR 1775 wurde der große (Religions-) Philosoph Friedrich Wilhelm Joseph Schelling in Leonberg geboren, er starb am 20.August 1854 in Bad Ragaz (CH). Er lebte auch in Berlin.

Wir wollen in unserem Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon jetzt regelmäßig an Geburtstage oder Todestage von PhilosophInnen oder philosophierenden Literaten, Künstlern, Musikern, Widerstandskämpfern und (religiösen) Dissidenten  erinnern, gerade wenn und weil sie nicht die üblichen, medial überschütteten „runden Gedenktage“ haben. Sondern, sagen wir, die eckigen. Und die eckigen Gedenktage sind vielleicht viel inspirierender. CM.

Zur Aktualität des Philosophen Friedrich Wilhelm Joseph Schelling (1775-1854):

„Schelling: Die menschliche Freiheit in der Entstehungsgeschichte der Zeiten“.

Ein Beitrag von Wolfram Chemnitz

Schelling unterscheidet zwischen einer negativen und einer positiven Philosophie, somit zwischen einer bloß betrachtenden und einer den Menschen existentiell erfassenden Philosophie.
Vor Schelling wurde der Gegensatz von Natur und Geist betrachtet. Dabei wurden „der geistigen Natur die Eigenschaften der Vernunft, des Denkens und Erkennens“ zugerechnet. Der eigentliche Gegensatz in der Philosophie soll nun, wie Schelling in seiner Schrift „Über das Wesen der menschlichen Freiheit“ erörtert, der zwischen Notwendigkeit und Freiheit sein.

Zunächst: Freiheit als ein lebendiges Vermögen ist eigentlich auf die Überwindung von Schranken angelegt, bedarf aber, um da zu sein, wie alles Existierende, der Form. Des weiteren: „Durch die Freiheit wird eine Macht außer und neben der Göttlichen behauptet. Dies steht zunächst im Gegensatz zu dem Begriff der Allmacht Gottes.“ Für Schelling ist der Mensch nicht außer, sondern in Gott. Die Tätigkeit des Menschen gehört selbst mit zum Leben Gottes. Wenn es im Prolog des Johannesevangeliums heißt: „Am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott“, dann ist das Wort oder das menschliche Bewusstsein eine Offenbarung Gottes. „ Gott aber kann nur offenbar werden in dem, was ihm ähnlich ist: in einem freien, aus sich selbst handelnden Wesen.“

Der Begriff einer abgeleiteten Absolutheit oder Göttlichkeit ist nicht widersprechend; vielmehr ist er für Schelling der Mittelpunkt der ganzen Philosophie. Es gibt keine Unvereinbarkeit zwischen einer Immanenz in Gott und der menschlichen Freiheit. Anschaulich wir dies am Beispiel der Zeugung. So sind wir in unserer Existenz abhängig vom Zeugungsakt unserer Eltern zugleich aber selbständige und freie Persönlichkeiten.

Der seiner selbst bewusste Mensch bedarf, um sich zu erhalten und zu empfinden, einer gegenüberstehenden Welt. Frei ist der Mensch da, wo er sich in der Welt wiederzuentdecken vermag – im Anderen bei sich selbst ist. Was ist nun das Selbige im Verhältnis von Mensch und Welt? Es ist die Gott-Ebenbildlichkeit.

Gott bliebe ohne seine Offenbarung in sich verschlossen. Er offenbart sich nach Schelling in der Natur und in besonderer Weise in dem seiner selbst bewussten Menschen. Als existierender Gott kann er nicht nur rein ausfließende Liebe sein; um da zu sein, muss auch in Gott eine der ausfließenden Liebe gegenläufige Kraft wirksam sein, mithin eine auf Konzentration und Selbsterhalt gerichtete Kraft. Der Schellingsche Gott ist nicht der rein „Liebe Gott“ gemäß einer populären religiösen Vorstellung.

Ein Gott, in dem entgegen gesetzte Kräfte wirksam sind, kann nicht die höchste Spitze sein. Diese ist nach Schelling „Der Glanz des unzugänglichen Lichts, in dem Gott wohnt.“ (vgl. „Die Weltalter“).

Gott ist nach Schelling Leben, welches – wie alles Leben – in dem Zusammenspiel von Kontraktion und Extension bewegt ist.

Bereits Aristoteles hatte die Bewegtheit beseelter Kreaturen erörtert und als vorzüglichste Bewegung die Kreisbewegung genannt, zumal hier Anfang und Schluss im Vollzug mitanwesend sind. Augustinus hatte in seinen „Confessiones“, „Bekenntnissen“ – um das Verhältnis von Zeit und Ewigkeit anschaulich darzustellen – das Beispiel des Liedes angeführt. Das Lied, obwohl eine Zeitstrecke durchlaufend, ist in sich so gestimmt, dass Anfang, Verlauf und Schluss eine Einheit bilden.

Der Schellingsche Gott geht aus einer anfänglichen, bewusstlosen Alleinheit, der Vergangenheit, über in die Sphäre der Differenz, der Gegenwart, in der sich zunächst verhalten das Selbstbewusstsein bildet. Die wiederhergestellte Einheit steht als Zukunft bevor. Die religiöse Vorstellung schaut den Schellingschen Gedanken der Weltalter, in dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eine Dreieinigkeit bilden, in dem natürlichen Verhältnis von Vater, Sohn und Geist an. Im Sohn kommt die dunkle, unbewusste Einheit des Vaters in das Licht der Erkenntnis. In der Sphäre der Differenz, also der Gegenwart, wird der Widerstreit zwischen Licht und Finsternis ausgetragen. Die je einzelne Persönlichkeit ist in dem Verhältnis gebildet, wie es gelingt, das Unbewusste in das erkennende Bewusstsein zu erheben. Die vollkommene Auflösung dieses Widerstreits ist der Zukunft vorbehalten. Der Geist ist so die Einheit der unbewussten Einheit und des Widerspruchs.

Wie im Makrokosmos so im Mikrokosmos: Der vorgeburtliche Embryo ist selig im Zustand einer unbewussten Alleinheit. Gleichwohl aber treibt „die Lust, sich selbst zu haben“ („Weltalter“) die Geburt der besonderen Existenz hervor, in der sich allmählich ein Selbstbewusstsein entwickelt.

Schellings „Weltalter“ sind weit entfernt von dem aktuell herrschenden linearen Zeitverständnis, in dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft als berechenbare Zeitgrößen behandelt und dem planendem Kalkül ausgeliefert werden. Bereits der Gesang der Sirenen auf der Vorbeifahrt des Odysseus kündet von einer Abkehr vom linearen Zeitverständnis. Adorno erörtete in seiner „Dialektik der Aufklärung“ eine entsprechende Deutung. Parmenides hatte im Anfang der abendländischen Philosophie ausgeführt, dass die Meinung (doxa), Vergangenheit sei abgeschlossen und Zukunft jeweils angestückt, zu Irrtum und Verzweiflung führe. Sinngemäß sind in der Einheit des Seins bei Parmenides das Gewesene als das Wesen und die Zukunft als das Zukommende da.

Was Irrtum und Verzweiflung in der Folge eines verkehrten Zeitverständnisses konkret heißt, hatte Marx in den „Ökonomisch- philosophischen Manuskripten“ erörtert: „Die Arbeit des Proletariers hat zum Ergebnis, dass er sich in seiner Arbeit nicht bejaht, sondern verneint, nicht wohl, sondern unglücklich fühlt, keine physische und geistige Energie entwickelt, sondern seine Physis abkasteit und seinen Geist ruiniert. Der Arbeiter fühlt sich daher erst außer der Arbeit bei sich und in der Arbeit außer sich. Zu Hause ist er, wenn er nicht arbeitet, und wenn er arbeitet, ist er nicht zu Hause.“
Der Marxsche Begriff von der „schöpferischen Arbeit“ verwandelte die christliche Idee vom Schöpfergott, der Welt und Mensch nach seinem Ebenbild geschaffen hatte, in eine diesseitige Forderung. So wie die Werktätigkeit Gottes keine entfremdete war, so sollte auch der Mensch die Möglichkeit zu einer schöpferischen Arbeit erhalten, mithin sich in seiner Arbeit wiederentdecken können.

In der „mundus dei“ der mittleren Epoche war die Einheit von Arbeit und Wesen im „ora et labora“ ausgesprochen. Der Mensch sollte im „tugendhaften Handeln“ auf seinen Schöpfergott gerichtet bleiben. Der göttliche Wille war als Dogma vorgegeben.

Schelling hatte in seinen Schriften „Über das Wesen der menschlichen Freiheit“ und in „Die Weltalter“ den Zusammenhang von Freiheit und Notwendigkeit auseinandergesetzt, welcher sich nach dem oben Gesagten auch auffassen lässt als der Zusammenhang von Freiheit und Zeit. Dies nicht nach seinem eigenen Bekunden „in einer streng wissenschaftlichen, sondern in einer leicht mitteilenden Form.“

Zusammenfassung: Der Mensch findet sich zu Beginn seines Daseins gleichsam in einen Strom geworfen, dessen Bewegung eine von ihm unabhängige zu sein scheint, die er zunächst bloß leidet. Dennoch ist er nicht dazu bestimmt, sich von diesem Strom wie ein totes Objekt bloß fortziehen zu lassen: Werde, was Du bist!

Wolfram Chemnitz, M.A. Philosophie.

 

 

 

 

Ist Sicherheit wichtiger als Freiheit? Philosophische Hinweise zu einer aktuellen Debatte

Ist Sicherheit wichtiger als Freiheit? Philosophische Hinweise zu einer aktuellen Debatte

Von Christian Modehn, veröffentlicht am Montag, 23. November 2015 um 14.30 Uhr.

Lesen Sie den Beitrag: https://religionsphilosophischer-salon.de/12557_sicherheit-oder-freiheit-was-ist-wichtiger_denkbar

Den Terrorismus in Frankreich philosophisch begreifen

Den Terrorismus in Frankreich philosophisch begreifen

Hinweise von Christian Modehn veröffentlicht am 18. November 2015.

Nachtrag am 30. November 2015:  Nun hat ein weiterer kompetenter Autor unsere Darstellung unterstützt: „Der Tagesspiegel“ veröffentlicht am 27. 11. 2015 ein Interview mit dem französischen Künstler Kader Attia, klicken Sie zur Lektüre dieses sehr wichtigen Beitrags hier. (Das Interview führte Fabian Federl). Die Äußerungen Kader Attias sind schlicht erschütternd: Die meisten französischen Banlieues, in denen er selbst groß wurde, sind eigentlich „Anti-Städte“, Orte der Verzweiflung, des Todes, der Kriminalität. Kader Attia im „Tagesspiegel“:“ In Frankreich herrscht seit Jahrzehnten eine Art soziale Kolonisierung. Der Riss zwischen den ärmer werdenden Armen und den reicher werdenden Reichen sorgt dafür, dass die Armen (Einwanderer aus Nordafrika vor allem C.M.) sich dominiert fühlen“.  Und weiter folgen Beurteilungen, die wir schon in unserem Beitrag erwähnt haben.“Die weißen, wohlhabenden Männer, die in Frankreich in Machtpositionen sind, sind meist so von diesen Problemzonen entfernt, geografisch und mental, dass es ihnen egal ist, wenn sich dort junge Männer zu Kämpfern rekrutieren lassen“. Soweit  „Der Tagesspiegel“.

Dies ist mein Beitrag vom 18. November 2015. Grundsätzliches vorweg: Der Terror – Attacken in Paris am 13. 11. 2015 sind wie alle terroristischen Gewalttaten abscheulich. Das ist überhaupt keine Frage. Die Terroristen haben das Leben in Paris vieler unschuldiger Menschen ausgelöscht. Das ist ein Verbrechen! Und Verbrecher müssen zur Rechenschaft gezogen werden. Zu dem Punkt gibt es keine Debatte.

Und eine weitere Erkenntnis vorweg, die heute von einigen kritischen Beobachtern, auch in Frankreich, geteilt wird: Mit dem 13. November 2015 hat in Frankreich eine neue Epoche begonnen, eine neue Epoche, die von Krieg bzw. ständigen Kriegs-Reden, die schon jetzt der „Feldherr Hollande“ praktiziert, bestimmt sein wird, so eine Einschätzung von des Pariser Soziologen Prof. Michel Wieviorka. Eine neue Epoche, die sich mit zunehmender Macht bzw. Herrschaft der Rechtsradikalen (FN von Marine Le Pen) auseinander setzen muss; eine neue Epoche, in der in Frankreich der „rassistisch-xenophobe Diskurs schon jetzt kaum zu ertragen ist“ (Michel Wieviorka); eine neue Epoche, die wegen der zuvor genannten Entwicklungen ein Ende Europas, der Idee eines vereinten Europas, bedeuten kann. Und damit zu einem neuen, alten rigiden und dummen kriegerischen Nationalismus in Europa wieder führt. Einem Nationalismus, der die eigenen Bürger in einem Getto der Angst leben lässt und die individuellen Freiheiten weiter einschränkt. (Die Zitate von Prof. Michel Wieviorka, Soziologe, Paris,  stammen aus einem sehr wichtigen Interview der „SZ“, 19. November 2015, Seite 11).

Aber es muss eine weiterführende Debatte geben aus philosophischer Sicht, die bekanntlich niemals nur abstrakt auf ein einzelnes Phänomen blickt, in dem Fall ausschließlich auf den „absolut bösen“ Terror oder die „absolut bösen“ Terroristen. In dieser Haltung entstehen in Westeuropa nur abstrakte Positionen, etwa: Dass sich die attackierte Seite (Europa) als die absolut gute Seite sieht, die nun an Krieg und an Auslöschung der Täterseite denkt. Dabei aber offenbar übersieht, wie unberechenbar vielfältig die Täterseite ist und wie diese europäische Antwort kriegerischer Gewalt nur die Aktionen der Täterseite wiederholt. Und diese Täterseite wird dann bei dieser europäischen Gewalt zweifelsfrei noch heftiger und unberechenbarer agieren. In dieser Verklammerung eines verengten Denkens wird es nur weitere Gewalt geben, weiteren Hass, weitere Degradierungen usw. Das heißt: Der schnelle und stolze und hoch beleidigte Ruf in Paris und anderswo nach Krieg fördert alles andere als den Frieden. Die angeblich so Wohlwollenden und Reinen und Guten, also die Europäer, wollen „die Bösen“ auslöschen, morden, zerreißen, wie auch immer. In Zeiten, die eigentlich der Vernunft und Aufklärung entgegenstreben sollten, ist dieser Kriegsruf der Europäer ein Skandal. Darin steckt eine maßlose Überschätzung der eigenen „Reinheit“. Als fällt den Gebildeten und Aufgeklärten nichts anderes mehr ein, als die Schlachtrufe der „Bösen“ ihrerseits zu wiederholen und zu verschärfen. Und so wird die Spirale der Gewalt weiter in immer schlimmere Dimensionen ausgebaut. Kein Ende ist dann absehbar.

Philosophische Betrachtungen sind also immer auch dialektisch, d.h. sie sehen immer Zusammenhänge, sehen die Täter, sehen aber auch die Opfer, sehen aber auch die Verantwortung der Opfer dafür, dass die Täter so wurden wie sie wurden. Philosophie fragt nach der Verklammerung (und der möglichen friedlichen Auflösung) der Täter-Opfer-Beziehung. Dann aber wird zweifelsfrei klar: Die Täter sind AUCH zu Tätern geworden durch die Art und Weise, wie sie und die meisten ihrer Familien in Europa, etwa in Frankreich, Belgien oder Deutschland aufgenommen und behandelt wurden. Natürlich gibt es keinen automatischen Übergang von den miserablen Lebensbedingungen der meisten aus Nordafrika stammenden Menschen zur Gewalt. Aber schon die neunziger Jahre waren von Krawallen geprägt, es gab die „Rituale“ der brennenden Autos dort seit 2005.

Es gilt also, so schmerzlich die Erkenntnis auch für Franzosen und Europäe ist, eine gewisse Mitschuld Europas anzuerkennen, ein Mitschuld der Staaten, der Sozialpolitik hier, der so genannten „Integrationspolitik“ usw. Über die Jahre lange Diskriminierung der Ausländer, der Muslime zumal, ist viel Vernünftiges geschrieben worden von Soziologen und Politologen und Sozialarbeitern usw. Nur: Deren gemeinsame Grundthese, vereinfacht gesagt: „Europa tut viel zu wenig für die Integration der Ausländer“ wurde von den Politikern kaum gehört und selten umfassend genug respektiert. Man hat den Eindruck, viele Politiker ignorieren und ignorierten einfach wissenschaftliche Grunderkenntnisse und stolpern so in Kriege hinein. „Es macht mich fassungslos, dass nichts gegen den Ausschluss in den Banlieues getan wird. Wieso wird es vom Staat so lax gesehen, dass ihm eine komplette Bevölkerungsgruppe verloren geht“, sagt der oben schon genannte französische Künstler Kader Attia im „Tagesspiegel“… „Wohin“ ihm, dem Staat, der Republik!,  etliche Menschen dieser ausgeschlossenen Bevölkerungsgruppe hin „verloren“ gehen, ist nun bekannt.

Philosophie als „die Zeit in Gedanken fassend“ (Hegel) erinnert an Fakten, um dann die eigenen Evidenzen zu illustrieren:

Nehmen wir die Situation der nordafrikanischen, oft muslimischen Einwohner in Frankreich, etwa im Umfeld von Paris: In den meist miserablen Neubauvierteln der Banlieues aufgewachsen, erleben sich auch heute viele junge Leute als Ausgegrenzte. Sie verstehen sich als Opfer in der herrschenden (westlichen, christlichen, atheistischen wie auch immer) europäischen Gesellschaft. Sie sehen sich als Benachteiligte, in vielerlei Hinsicht, nicht nur im Bildungsbereich. Sie fühlen sich benachteiligt, weil sie etwa aufgrund der Immobilien-Spekulation aus ihren Wohnungen in Paris-Zentrum in die Ferne hässlicher Satellitenstädte vertrieben wurden, in denen man von der freiheitlichen Kultur der Reichen und Schönen in Paris nur noch träumen kann. Viele dieser Unterbringungen für Tausende in den Hochhäusern der Banlieues sind von Paris, also der lebendigen Metropole, abgekoppelt, etwa vom Netz der öffentlichen Verkehrsbetriebe. Die kulturellen Angebote sind in den Banlieues minimal, Restaurants, die den Namen verdienen, sind kaum vorhanden. Wer sich mit seinem Namen, notgedrungen, als Araber outen muss, wenn er sich bei einer Firma bewirbt und dann noch als Wohnadresse das Departement Postleitzahl 93 für das Département Saint-Denis angeben muss, hat überhaupt keine Chance, in die engere Auswahl zu kommen. Das wird immer wieder belegt. Der weltbekannte französische Soziologe Michel Wieviorka betont, die Banlieues seien ein „katastrophal gescheitertes Projekt“. Zuerst lebte dort auch noch eine aufstrebende Arbeiter- und Mittelklasse französischer Herkunft. „Die zogen dort weg, sobald sie es sich leisten konnten. Nur die Verlierer (also die Menschen mit arabischen, muslimischen Wurzeln) sind geblieben“…. „Sie haben in der französischen Gesellschaft keinen Platz gefunden“.

Wenn Anerkennung und soziale Akzeptanz fehlen, neigen Menschen grundsätzlich zu Aggression und Gewalt. Der Freiburger Neurowissenschaftler und Psychiater, Prof. Joachim Bauer, weist auf ein wissenschaftlich gut gesichertes Faktum hin: „Als stärkste menschliche Triebkraft identifizierte die moderne Hirnforschung das Streben des Menschen nach sozialer Akzeptanz, Anerkennung und Zugehörigkeit“. Es werden Schmerzzentren aktiv, wenn sich eine Person sozial ausgegrenzt fühlt. „Das menschliche Gehirn reagiert auf soziale Diskriminierung also ähnlich wie auf einen körperlichen Angriff … und so wird die Aggressionsbereitschaft erhöht“. Wenn aber große soziale Ungleichheit besteht und sich Millionen Menschen unterlegen, mißachtet und ausgegrenzt wissen, wächst das Leiden derer, die nicht dazugehören dürfen … aufgrund der Politik der Herrschenden. Man bräuchte also auch aus psychiatrischer Sicht eine Veränderung der europäischen Gesellschaften, man bräuchte vor allem Zugangsmöglichkeiten für ausgegrenzte junge Leute zu Bildung und Arbeit. Das ist zumindest genau so wichtig wie der Einsatz modernster tötender Waffen gegen den IS. Und diese Erkenntnis gilt weltweit: „Darum brauchen wir – im Kampf gegen die Terroristen –  globale Gerechtigkeit und ein Ende all dessen, was in vielen Ländern als Ausbeutung und Demütigung erlebt wird“. Aber offenbar ist das Kriegführen einfacher als die langandauernde, konsequente Gestaltung einer gerechen Gesellschaft! Die Zitate von Prof. Joachim Bauer stammen aus „TAZ“ vom 21./22. November Seite 11.

Das zumeist erniedrigende Leben der arabischen/muslimischen Mehrheit in den Banlieues ist vom französischen Staat zugelassen und wahrscheinlich auch gewollt. Man möchte „diese Leute“ bitte nicht in den Zentren der Stadt Paris oder Lyon oder Marseille oder Toulouse wohnen lassen. So fühlen sich Menschen arabischer Herkunft förmlich als Menschen zweiter bzw. dritter Klasse. Sie sind bestenfalls als Putzkolonnen oder als unterbezahlte Tellerwäscher in den Luxus-Restaurants willkommen. Wenn in der Pariser Metro Kontrollen geschehen, gilt das Hauptinteresse den Schwarzen. Und über die Rechtslastigkeit der französischen Polizei (Nähe zur Front National) wurde schon oft berichtet.

Der aus einer nördlichen Vorstadt bei Paris stammende Fotograf und Künstler Kader Attia (Kind algerischer Eltern) hat in Algier Jugendliche beobachtet und fotografiert, wie sie Stundenlang ins Mittelmeer starren und träumen … vom besseren Leben im gegenüberliegenden Frankreich. Kader Attia schreibt: „Ich frage mich, ob die jungen Menschen auf meinen Fotos aus Algier, die den Horizont in der Hoffnung nach einem Ausweg absuchen, wissen, in welch trostloser Umgebung sie letztlich in Frankreich landen werden. Da wie dort die gleiche Hoffnungslosigkeit, die gleiche sexuelle Frustration, der gleiche Mangel an Anerkennung, das gleiche Gefühl des Versagens und des Leidens“ (aus „Zeit Magazin“, 13. November 2015). Zu ähnlichen Einschätzungen kommt der in Paris lebende Politiker Daniel Cohn-Bendit, er spricht sogar, so wörtlich, von einem „System der Apartheid in den französischen Vorstädten“: „Manche Jugendliche in den Banlieues wachsen in mehreren Generationen der Arbeitslosigkeit in weitgehend abgehängten Stadtvierteln heran. Die begreifen das als eine Art sozialer Stadtviertel Apartheid…Man muss die soziale Apartheid, die ungleichen Chancen, die man hat, je nachdem aus welchem Viertel du stammst, in Frankeich überwinden“. (So Daniel Cohn-Bendit in einem Interview mit der „TAZ“ vom 21./22.November 2015, Seite 13). Diese Apartheid ist staatlich gewollt oder zumindest über Jahre und Jahrzehnte zugelassen!

Dabei ist die seit Jahrzehnten dauernde Ausgrenzung „der“ Ausländer, „der“ Muslime, in Frankreich leider nur ein Beispiel. Etliche Attentäter vom 13. November 2015 haben in Molenbeek, einem vernachlässigten und von Armut geprägten Viertel im Zentrum einer der reichsten Städte Europas, in Brüssel, gelebt. Johan Leman, ein erfahrener Sozialarbeiter in Molenbeek, berichtet z.B., er habe bereits in den neunziger Jahren Polizei und Justiz auf eine extremistische Moschee in Molenbeek aufmerksam gemacht. Die Reaktion der Behörden, so Leman: „Wir wissen jetzt, wo diese Leute sind, das ist gut. Wir sollen nicht eingreifen, sonst tauchen sie ab“. Von dieser Mentalität waren also die staatlichen Behörden bestimmt. Prof. Dirk Jacobs von der „Université libre de Bruxelles, ein Spezialist für marokkanische Einwanderung in Belgien, betont: „Unsere Einwanderer sind nicht anders als die in Deutschland oder Frankreich. Aber sie fühlen sich von den radikalen Botschaften der salafistischen Prediger angezogen, weil sie hier abgelehnt werden. Wir (Belgier) sind nicht schuld an den Verbrechen der Salafisten aus Molenbeek, aber wir haben den fruchtbaren Boden bereitet“, will heißen: Wir Belgier haben durch unsere offizielle und staatlich betriebene Ausgrenzung den Boden bereitet für den Radikalismus, den Salafismus, in den diese orientierungslosen jungen Männer dann geraten sind. Diese Zitate zu Molenbeek stammen aus einer empfehlenswerten Reportage des „Tagesspiegel“ vom 18.November 2015, Seite 3. Das ist nur ein Hinweis auf die Realität des Milieus, aus dem auch die jungen Terroristen des IS stammen. Es ist deprimierend, aber es ist wohl wahr: Die westliche Gesellschaft hat sich die Terroristen zu einem guten Teil selbst erzeugt, über Jahre und Jahrzehnte, in denen der Ausschluss dieser „Ausländer“, dieser „Fremden“, dieser „Anderen“ förmlich eine kulturelle Tradition wurde, in der es bessere, wertvolle Menschen gibt und eben solche, die nicht besser und nicht so wertvoll sind. Dieses Phänomen ist international zu beobachten, in Lateinamerika sprechen Soziologen und Philosophen von den „Herren-Menschen“, die sich in ihren Luxusvillen verbarrikadieren. Zu Frankreich: Man lese bitte kritische soziologische Studien schon aus den 1980 Jahren, in denen bereits die ganze Misere der Ausgrenzung dieser Menschen zweiter Klasse beschrieben wurde. Soziologen haben das dokumentiert, aber kein Politiker hat das offenbar gelesen oder man wollte diese Erkenntnisse ignorieren, weil man mit den Augen der reichen Clientèle in Paris, der Luxus-Metropole, die Wirklichkeit betrachtet.

Zu sprechen wäre auch von der Unmöglichkeit, dass muslimische Gemeinden würdevolle Moscheen bauen dürfen in den Städten. Baugenehmigungen ziehen sich normalerweise 15 Jahre hin. Jetzt ist viel von den Hinterhof – Moscheen in Paris und den Banlieues die Rede: Aber diese Hinterhof-Moscheen, diese alten Lagerhallen und Quasi-Ruinen,  waren ja offiziell von der Regierung gewollt! Muslime sollten eben im Hinterhof beten oder manchmal noch auf den Straßen im 18. Pariser Arrondissement.

Wer den Kontext, auch den sozialen, auch den historischen Kontext, betrachtet, kann sich kaum der Überzeugung enthalten: Dieser Terror ist in einem über Jahrzehnte gewachsenen feindseligen Milieu (der Vertreibung in die Banlieues) entstanden, in dem die Muslime bzw. Araber/Türken förmlich das Gefühl entwickeln mussten, zweitrangig und minderwertig zu sein. Und jetzt der große „Umschlag“: Diese sich degradiert fühlenden Menschen, junge Männer, können plötzlich im Rahmen der Terrororganisation IS allmächtig werden, sie können sich enorm stark fühlen, als Herren über Leben und Tod im wörtlichen Sinne, sie können sich an ihrer „Allmacht“ förmlich berauschen.

Diese Erkenntnis soll diese schrecklichen Taten vom 13. November in keiner Weise entschuldigen, aber sie fördert das Verstehen: Diese Menschen sehen sich als ungerecht behandelte Opfer des demokratischen Systems. Diese Menschen erleben westliche Politiker, die ständig von Menschenrechten im allgemeinen sprechen, aber gern mit Verbrecher-Regimen, wie Saudi-Arabien, Waffenhandel betreiben, um die eigene europäische Wirtschaft boomen zu lassen. Thomas Assheuer, Redakteur in der Wochenzeitung „DIE ZEIT“ schreibt in einem Beitrag über den kürzlich verstorbenen Kulturanthropologen René Girard (am 12. November 2015, Seite 46) treffend: „Wer sich als Opfer fühlt (oder es tatsächlich ist), der verfällt leicht einem mörderischen Unschuldswahn und glaubt, seine Rache sei moralisch gerechtfertigt“.

Was sollte getan werden? Prävention wäre das erste. Also: Schützt die jungen ausgegrenzten und oft verzweifelten jungen Muslims vor den Salafisten. Bietet ihnen neutrale Räume zur Bildung, fördert das Gespräch mit der Gesellschaft, gebt ihnen Arbeit. Habt den Willen dazu, das auch zu tun. Fördert den Dialog mit anderen Gruppen der Gesellschaft, den Kirchen, den NGOs, den Gewerkschaften …

Zeigt den jungen ausgegrenzten Leuten, dass der einzige Bezugspunkt zur Ausbildung einer eigenen Identität niemals nur die Moscheen-Gemeinde sein kann, niemals allein der Glaube an Allah, niemals allein die Verehrung des Koran. Deutlich muss werden: Religion ist ein kleiner Teil im Leben eines Menschen. Wichtiger ist die zivile, die bürgerliche, die laizistische Ausbildung. Also die lebenspraktische Kenntnis, das Wissen, was Demokratie eigentlich sein könnte. Dieser Erkenntnis sollten sich selbstverständlich auch christliche und jüdische Menschen anschließen!

Solche Bildungsprogramme als Präventiv-Projekte sollten sofort starten, sollten sofort mit vielem Geld gefördert werden. Solche Präventiv-Projekte sind „billiger“ als die Kriege.

Und die Kirchen in Europa? Sie könnten endlich begreifen, dass Gebete um den Frieden recht nett sind, aber faktisch nicht ausreichend sein können. Es geht jetzt nicht nur um die Beruhigung der Seele im Gebet, sondern um solidarisches Handeln. Und was soll das Bittgebet? Europäer bitten (ihren) Gott um Hilfe für ihre eigene Sache. Muslime und Salafisten bitten (den angeblich) selben Gott um Hilfe für ihre eigene, etwa die salafistische Sache. Wie soll sich Gott da bloß entscheiden? Besser als Gebetszeiten wären wohl Gespräche, Informationen, Dispute, auch mit Politikern. Aufklärung tut not (und private innere „Einkehr“ und friedliche Meditation).

Also neues Handeln, Tun des Neuen, wäre wichtig: Warum nicht auch von kirchlicher Seite, bei den Milliarden-Euro-Haushalten aus Kirchensteuern in Deutschland. Warum also nicht von kirchlicher Seite allgemein-bildende, nicht konfessionelle Schulen bauen, Sprachkurse einrichten? Die während der Woche ständig leer stehenden Kirchengebäude so umgestalten, dass dort Kurse und Feiern und Begegnungen stattfinden? Damit diese Menschen die so genannte freiheitliche Ordnung europäischen Lebens kennen und schätzen lernen. Und auch berufliche Perspektiven finden.

Der bekannte und anerkannte Islamismus Experte Ahmad Mansour wirft der hiesigen Politik Versagen auf der ganzen Linie vor, also Mitschuld am Entstehen des Terrorismus. Mansour schreibt (in „Der Tagesspiegel“ vom 18.11. 2015) sehr treffend: „Wird jetzt in Europa nicht umgedacht, gehandelt, investiert, dann werden manche Entwicklungen irreversibel sein. Dann könnten dem Land Deutschland Pariser Verhältnisse bevorstehen“

Es geht also darum, Evidenzen der Vernunft zu akzptieren und ihnen praktisch zu folgen:

Evident ist, d.h. zweifelsfrei zutreffend: Kriege werden den Terrorismus der Islamisten nicht beenden, bestenfalls kurzfristig eingrenzen.

Evident ist: Europa ist aufgrund einer Jahrzehnte langen falschen Sozialpolitik gegenüber den „Ausländern“ mitschuldig (also AUCH, aber nicht allein, schuldig) geworden am Entstehen des Terrorismus. Wer bereit ist, eigene Schuld einzugestehen, kann sich eher entschließen, einen neuen, einen besseren Weg zu gehen. Gilt das auch für Politiker?

Evident ist: Allein sofortige Projekte der Gewalt-Prävention und vor allem intensive Bildungsarbeit können das weitere Entstehen terroristischer Mentalitäten und Praktiken verhindern.

Evident ist: Für Menschen aus islamischen Kulturen kann die Moschee unmöglich der einzige Bezugspunkt sein in der Suche nach Lebenssinn. Der Koran sollte niemals das einzige Buch sein, das diese Menschen lesen.

Evident ist: Mit verbrecherischen Regierungen im arabischen Raum muss Europa ganz anders umgehen. Diese Oligarchien/Diktaturen müssen auch ökonomisch, im Waffenhandel etwa, isoliert werden, selbst wenn dadurch vielen Europäern eine gewisse Umstellung hinsichtlich ihres Reichtums zugemutet wird.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Was sind unsere Mythen des Alltags? Zur Aktualität von Roland Barthes, anlässlich seines 100. Geburtstages

Was sind unsere Mythen des Alltags? Zur Aktualität von Roland Barthes, anlässlich seines 100. Geburtstages (am 12. November 2015)

Ein Hinweis von Christian Modehn

Roland Barthes ist ein Philosoph der besonderen Art, er wählt fürs Philosophieren auch eher seltene Themen, man denke an die „Mythen des Alltags“. Sein 100. Geburtstag am 12. November 2015 ist ein Anlass, sich auf seine Arbeiten (wieder) einzulassen. Barthes ist, man verzeihe den Ausdruck, ein „typisch“ französischer Denker: Er fühlte sich eher den Essayisten zugehörig als den „Systemdenkern“, die – vor allem in Deutschland – häufig an den Universitäten als verbeamtete Philosophie-Professoren anzutreffen sind. Schon Michel Foucault hat in einem Radio Interview 1975 von dieser philosophischen Begabung Barthes „am Rande“ des/der Etablierten gesprochen. Foucault meint, Barthes hätte das Etablierte „erschüttert“.

Barthes, am 12. 11. 1915 in Cherbourg geboren, hat etliche Jahre als Gymnasiallehrer, Lektor und Redakteur gearbeitet, ehe er an der „Ecole Pratique des Hautes Etudes“ in Paris arbeitete und später noch, bis zu seinem plötzlichen Tod am 26.3.1980, am Collège de France Vorlesungen hielt. Die Berufung ins „Collège“ ist sicher eine der höchsten Auszeichnungen für diesen Denker „am Rande“ der Etabliertheiten.

Seine Arbeiten sind sehr vielschichtig, manche sagen, wie Professor Eric Marty, ein Freund und Interpret, sie seien manchmal zweideutig und im Grunde oft nicht sehr leicht lesbar. In den letzten Jahren erschienen posthum einige Werke von Barthes, erstaunlich etwa sein „Journal de deuil“, erschienen bei Seuil 1999. Durchaus ein Buch der Melancholie, sehr persönlich, manchmal intim. Im Herbst erscheinen ebenfalls bei Seuil Vorlesungen, die Barthes am Collège de France gehalten hat (1978-1980).

Eric Marty hat im Barthes Gedenkjahr 2015 einen Band herausgegeben über Barthes als Briefschreiber, so wird die biographische Entwicklung noch deutlicher, auch der Umgang mit der Krankheit, die sein Leben bestimmte. Eine sehr differenzierte, leicht nachvollziehbare Biographie hat Thiphaine Samoyault vorgelegt, (Editions du Seuil, 720 Seiten nur 28 €, jetzt auch auf Deutsch bei Suhrkamp für 39,95 €), sie erinnert natürlich auch an seine Kindheit in Südwestfrankreich, spricht von seiner Liebe zum Licht, sein Verschmähen des Konformismus, seiner Leidenschaft für das Reale, Wirkliche…

Eher traurig macht das Urteil von Eric Marty (Le Monde, 23. Januar 2015), dass die (französischen) Philosophen überhaupt nicht (mehr) Barthes lesen. Er werde stärker „auf dem literarischen Feld“ beachtet. Tatsächlich hatte Barthes kein Interesse am Einsortiertwerden in Schubfächer und an Aufteilungen des intellektuellen Lebens in fixe Kategorien. Darum lebt der philosophische Gedanke in vielen seiner Werke. Diese implizite und explizite Anwesenheit des Philosophischen in den Werken der Kunst, der Literatur, der Soziologie ist unseres Erachtens das eigentlich Spannende am philosophischen Denken.

Nur auf einige Ansätze im Denken Barthes kann hier hingewiesen werden. Bekannt und weit verbreitet auch in Deutschland sind „Die Mythologien des Alltags“ und „Fragmente einer Sprache der Liebe“.

Besonders aktuell, so scheint uns,  sind die „Mythen des Alltags“, das Buch geht auf Texte aus den Jahren 1954 bis 1956 zurück, 1957 erschien die erste Buchausgabe der Mythologies bei Seuil. Seit 5 Jahren liegt übrigens eine neue, eine vollständige Ausgabe dieses Textes zu den Zeichen des Alltags auch auf Deutsch vor, sie ist bei Suhrkamp erschienen, hat 325 Seiten und kostet 28€. Gegenüber der knappen Textauswahl als Taschenbuch (seit 1964 auf Deutsch) ein enormer Gewinn!

Wir empfehlen dringend diese vollständige Ausgabe der „Mythen des Alltags“. Darin wird der falsche Schein der Wirklichkeit enthüllt, nämlich die Behauptung, Phänomene des Alltags seien bloß natürliche, sozusagen „normale“;  dabei wird das geschichtliche Gewordensein dieser Phänomene unterschlagen. Man lese etwa das Kapitel  „Stumme und blinde Kritik“ in den „Mythen des Alltags“: Dort wird die Arroganz der Kritiker gegenüber Themen/Autoren freigelegt, von denen sie, die Kritiker, dann stolz ihren Lesern bekennen: „Dies verstehen wir nicht“. Damit rücken sie sich in die Position der Herrschenden, die den Autor, den angeblich unverstehbaren, schlecht machen. Hinter dieser Arroganz der Kritiker, die nichts als Dummheit ist, sieht Barthes die Macht des „gesunden Menschenverstandes“, dessen vorausgesetzte Gesundheit die Kritiker selbstverständlich nicht prüfen. Die Kritiker glauben sich absolut auf der Seite des vorausgesetzten gesunden Menschenverstandes zu befinden. Deswegen können sie den Autor, sein Werk, niedermachen. Aber Barthes tröstet sich und die Leser damit, dass die Philosophie den angeblich „gesund-vernünftigen“ Kritikern überlegen ist. Denn der Philosoph erkennt und begreift beide, den Kritiker und das Werk. Während der Kritiker in seiner kleinen Welt befangen bleibt.

Ich meine, das Inspirierende des Buches „Mythen des Alltags“ liegt ja gerade darin, diesen Text immer weiter fortzuschreiben, aktuell, über die konkreten Beispiele von Barthes hinaus. Denn die „Barthes-Mythen“ werfen beim Lesen dringend die Frage auf: Wo sind heute unsere „Alltagsmythen“? Wer kann von ihnen so nüchtern – distanziert schreiben, wie Barthes? Wer hat den Mut der Entdeckerfreude, wer wagt es,  heutige Alltags-Themen tatsächlich als einflussreiche Mythen, die das Bewusstsein prägen, zu beschreiben? Ist Fußball etwa der größte und allmächtigste Mythos der Gegenwart, ist die fast religiös anmutende Lust am Fußball so stark, dass selbst heftigste Verfehlungen korrupter Fußball-Manager von den Fussball-Gläubigen verziehen und „überspielt“ werden? Das klingt dann fast wie in der Kirche: Der Klerus ist korrupt, aber das stört die Frommen nicht so sehr, denn der vom Klerus gepredigte Gott bleibt offenbar unanstastbar! Ist auch die Lust an der Tätowierung des eigenen Körpers ein Mythos? Oder ist der so häufige Ortswechsel der nicht ganz Armen in Form des häufigen Reisens, der Seefahrten usw. ein Mythos? Gibt es Alltags-Mythen, die nach einer längeren Zeit, den Charakter des Mythos wieder verlieren, etwa der Mythos einer vegetarischen Lebensweise oder jetzt die Form veganen Lebens? Ist unsere ständige Fixierung auf Gedenktage im kulturellen Leben ein Mythos, weil man sich vor der Utopie und dem Blick nach vorn, der Zukunftsgestaltung,  scheut? Ist die gelegentliche Abgabe von Stimmzetteln bei Wahlen ein Mythos, weil uns eingeredet wird, das „Kreuzchenmachen“ auf Wahlzetteln sei schon das Wichtigste am „demokratischen Bekenntnis“? Aber sind wir nur von Mythen umgeben? Ist im Alltag alles Mythos und möglicherweise so vieles Mystifizierung? Wohl kaum, es gibt noch den Blick der klaren Vernunft auf die Realität der Welt. Wer Mythen als solche entdeckt, will ja gerade Raum schaffen für die Erfahrung der unverstellten Wirklichkeit.

Der Begriff vom Mythos ist bei Barthes verbunden mit dem Begriff der Mystifizierung, der bewusst eingesetzten Positionierung ins Außergewöhnliche, man möchte fast sagen der Heiligsprechung.  Die Aufgabe heißt: Entschleierung, Aufklärung, Licht (lumière), umfassende Kritik.

copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Buddhismus und säkulare Ethik. Ein Beitrag von Michael Peterssen

Buddhismus und säkulare Ethik. Ein Beitrag von Michael Peterssen Berlin

Es geht um die Frage: Was bedeutet für mich eine säkulare Ethik?

Säkulare Ethik ist eine Ethik, die erstens nicht begründet wird mit Rückgriff auf eine überweltliche Instanz wie Gott oder ein anderes religiös-philosophisches Prinzip, wie z.B. Karma und Wiedergeburt, sondern auf innerweltliche Instanzen, wie z.B. Natur, Vernunft, berechtigte Interessen, Glück, Tugend, Wohlleben, Zwecke usw.

Zweitens ist es eine Ethik, die sich in ihren konkreten moralischen Normen ganz auf den Menschen oder andere fühlende Wesen konzentriert und nicht auf einen (Schöpfer-)Gott, neben dem man keinen anderen Gott haben dürfe, dessen Namen man nicht missbrauchen soll, der erwartet, dass man den Sabbat heilig halte usw.

Eine säkulare buddhistisch inspirierte Ethik wäre meines Erachtens eine Ethik, die sich in ihrer Begründung nicht auf das Karma-Gesetz beruft, sondern auf die Goldene Regel: „Was du nicht willst das man dir tu, das füg´ auch keinem andern zu“. Die goldene Regel ist in den traditionellen Schriften ebenfalls zu finden:

– die Grundprinzipien buddhistischer Ethik wie z.B. andere nicht töten oder ihnen sonst irgendwie schaden, nicht stehlen, nicht lügen, andere nicht sexuell missbrauchen usw., ebenso wie grundlegende Tugenden wie liebevolle Güte, Mitgefühl, Mitfreude und Gleichmut sind eigentlich nicht spezifisch buddhistisch und können daher auch Nicht-Buddhisten als Leitlinien im Leben dienen – was sie zum Teil ja auch tun.

Damit unsere Welt wahrhaft friedlicher werden kann, bedarf es

  • nicht nur der Veränderung der äußeren Verhältnisse
  • sondern auch einer tief greifenden Transformation des Individuums, denn der menschliche Geist ist mit Gier, Hass und Verblendung in allen Stärkegraden behaftet
  • nötig dazu ist eine umfassende Schulung; sie besteht aus einem dreifachen Weg:
  1. der Entwicklung von Weisheit
  2. ethischem Verhalten
  3. der Sammlung des Geistes.

 Die Entwicklung von Weisheit beinhaltet die Einsicht in grundlegende Merkmale unseres Lebens wie z.B. dass dieses Dasein letztlich unbefriedigend ist, dass wir alle miteinander verbunden sind, und darüber hinaus die Kultivierung einer friedfertigen inneren Haltung, was z.B. auch Bescheidenheit und Großzügigkeit mit einschließt.

Das ethische Verhalten betont neben den erwähnten moralischen Prinzipien besonders die Menschen verbindende Rede und einen Lebenserwerb, der so moralisch wie nur möglich ist.

Die Sammlung des Geistes umfasst die Schulung von Achtsamkeit und Konzentration sowie das Bemühen darum, den Geist möglichst immer in eine ethische Richtung zu lenken.

Besonders in diesem letzten Punkt kommt die Meditation als einer speziellen Methode der Geistesschulung ins Spiel.

Fazit:

Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Meditation allein reicht aus buddhistischer Sicht nicht, um den Frieden zu fördern – genauso wenig wie gute Vorsätze sich ethisch zu verhalten.

Es braucht neben sozialen und politischen Maßnahmen nach buddhistischer Ansicht vor allem eines umfassenden spirituellen Trainings, das

  1. auf der Grundlage von wirklichkeitsgerechten Einsichten als Ergebnis gründlichen Nachdenkens,
  2. zu einem vertiefenden Verständnis durch Kontemplation und Meditation führt,
  3. und schließlich in die praktische Umsetzung ethischer Ideale in die Tat mündet,

Wenn wir die Arbeit am eigenen Geist in der Stille und aktives, mitfühlendes Engagement nicht mehr trennen. kann dies helfen, einen nachhaltigen Frieden in unserer so zerstrittenen Welt zu fördern.

Michael Peterssen ist Lehrer für Buddhismus und Mitarbeiter der Buddhistischen Akademie Berlin

Copyright: Michael Peterssen.