Ja und Nein zu den Menschenrechten: Aktuelles zur katholischen Kirche in Brasilien

Ja und Nein zu den Menschenrechten: Ein aktuelles Lehrstück aus Brasilien

Unser Beitrag über die „Universalität der Menscherechte“ hat viel Interesse gefunden. Aus aktuellem Anklass weisen wir nun auf die Kämpfe um die Geltung der Menschenrechte in Brasilien jetzt, am 24. Juni 2013, hin:

Es sind Millionen Menschen, die im Juni 2013 für einen grundlegenden Wandel in Brasilien eintreten, hin zu mehr Gerechtigkeit, mehr Respekt vor den Armen und sehr viel weniger Korrruption; diese Menschen fordern ein Ende der allseitigen Bevorzugung der Reichen: Ein Aufbruch, wenn nicht eine Revolution findet statt. Diese Menschen wollen nicht länger die fest etablierte Koalition aus Feudalherren im Nordosten (mit der Duldung sklavenähnlicher Zustände, der ökologischen Katastrophen usw.) und der Politiker, Medienbosse und Gewerkschaftsführer im reichen Süden hinnehmen. Diese Menschen können sich mit der Rücknahme der Preiserhöhungen im öffentlichen Nahverkehr, einer unbeholfenen Geste der Regierung, nicht begnügen.
Die überwiegende Mehrheit der Demonstranten sind friedliche Bürger, die nichts anderes fordern als Gerechtigkeit. Sie fühlen sich betrogen, als neuer Mittelstand in einen Konsumrausch getrieben worden zu sein, der ihnen nur hohe Verschuldung brachte…Die Schwäche der brasilianischen Gesellschaft und des Staates wird jetzt vor aller Augen offen gelegt und als ein überwindbarer (!) Fehler des Systems dargestellt. Bisher hatten sich alle Beobachter, auch die Brasilianer in ihrer grenzenlosen Geduld, damit abgefunden, in Brasilien eine der am wenigsten egalitären Gesellschaften der Welt sehen zu müssen. Nur ein Beispiel: Das Mindestgehalt beträgt etwa 240 Euro im Monat. „Die Preise für die Transportmittel sind denen in Frankreich ähnlich“, betont Jean – Jacques Kourliandsky, Forscher am geopolitischen Forschungs – Institut „Iris“ in Frankreich.
Nun erreicht uns ein Hinweis eines brasilianischen Freundes: Inzwischen hat die Brasilianische Bischofskonferenz CNBB am 21. Juni 2013 erklärt, dass sie „Solidarität und Unterstützung“ den Demonstrierenden gewährt, „damit das Land mit weniger Ungleichheit lebt“. Ausdrücklich wird die Gewalt auf der Straße angeklagt; ebenfalls wird ausdrücklich die Korruption und die Intoleranz kritisiert zurückgewiesen.
Diese Worte werden von vielen Beobachtern jedoch als unglaubwürdig betrachtet, pflegt doch die katholische Kirche entgegen ihrer großen Worte nach außen, in die Gesellschaft hinein, keine Toleranz nach Innen, also innerhalb der Kirche: „Die katholische Kirche „tut immer so als ob“, schreibt unser Freund aus Sao Salvador Bahia, der lieber ungenannt bleiben möchte, sie „tut so als ob“ sie die Menschenrechte absolut und umfassend verteidigen würde. Unser Freund weist darauf hin: Ein bekannter brasilianischer Priester, der offen die Liebe homosexueller Menschen verteidigt und vernünftig und richtig findet, wurde noch am 29. April 2013 exkommunziert, also kurz vor den offiziellen Lobeshymnen der Bischöfe für die Menschenrechte. Nicht mehr katholisch sein soll also der Priester Roberto Francisco Daniel (48 Jahre) aus dem Bistum Bauru im Staat Sao Paulo. Für einen englischsprachigen background Artikel klicken Sie bitte hier. In vielen theologischen Zeitschriften der USA, Spaniens usw. wurde auf diese Exkommunikation hingewiesen, in Deutschland leider nur selten. Der Pfarrer hatte sich geweigert, seine theologische Position zurückzunehmen und öffentlich Abbitte zu leisten. Er hatte dringend gefordert, dass die Kirche ihre Haltung zur Homosexualität verändert. „Die Liebe kann in allen Formen aufbrechen“, betonte Pater Daniel, der in Bauru sehr beliebt ist und dort Padre Beto genannt wird. Seine Konsequenz: „Ich kann nicht mehr in einer Institution leben, die die Freiheit der Meinung nicht respektiert“. Der Bischof von Bauru sagte: “Pater Beto verstößt gegen die katholische Moral und die Dogmen“. Bischof Caetano Ferrari beruft sich dabei auf den § 1364 des Kirchenrechts.
Diese Entscheidung in Bauru gibt nun all denen Recht, die lesbische und schwule Menschen gern diskriminieren und verprügen und oft auch töten, gerade in der von Machismo geprägten Kultur Lateinanerikas: Das ist auch in Brasilien immer noch Realität. Die Feinde der Menschenrechte, also auch die verblendeten Feinde homosexuellen Lebens, können nun also auf ihre Art, darin den Bischöfen folgend, exkommunizieren, also wörtlich übersetzt, eben aus der Gemeinschaft, der Gesellschaft, ausstoßen.
Sind die brasilianischen Bischöfe wirklich so blind, dass sie diese Zusammenhänge nicht sehen? Die kirchliche Mitschuld an dem Verbrechen der gesellschaftlich hoch gepuschten Homophobie gilt keineswegs ja nur für Brasilien, sondern für Polen, Rußland, Griechenland, für die katholischen Diktatoren in Afrika (Der Diktator und bekennende Katholik Mugabe, Simbabwe, ist häufiger Gast im Vatikan) oder auf den „vorbildlich“ katholischen Philippinen.
Die FAZ meldet am 24.6. 2013, dass es Gesetzesvorhaben in Brasilien gibt, Homosexualität als Krankheit zu definieren und – wie früher schon in den USA – „weg- zu therapieren“. Kranke werden abgeschoben, ausgegrenzt, „exkommuniziert“. Damit wird an die Macht der Medien erinnert, die zu einem großen Teil in den Händen pfingstlerischer Millionäre und fundamentalistischer Prediger sind. Die „Universale Kirche vom Reich Gottes“ spielt da eine entscheidende Rolle. Manche naive Beobachter in Europa nennen diese Finanzunternehmern „Frei-Kirchen“. Sie haben einige Millionen Mitlieder, weil sie Reichtum als höchste Gnade verheißen und als erstrebensert darstellen. Und es wird berichtet, dass die katholische Kirche Brasiliens diese pfingstlerische Begeisterungsspiritualität mit den ewigen Alleluja Rufen in den katholischen Glauben integriert;die Katholiken sollen also auch jubeln und „lallen“ (Glossolalie). Und diese sogen. pfingstlerische Begeisterung geht so weit, dass ein ursprpünglicher Befreiungstheologe, Leonardo Boff, diese Pfingstkirchen jetzt ausdrücklich lobt. So weit geht die Verzweiflung darüber, dass das ursprüngliche Projekt ganzheitlicher Befreiung vom Vatikan verboten wurde. Jetzt jubilieren und lallen enthusiastisch die Armen und der Mittelstand… und die Befreiungstheologie ist am Verschwinden…
Ob Papst Franziskus, der Freund „der“ Armen, davon gehört hat? Wird er bei den katholischen Weltjugendtagen in Rio de Janeiro Mitte Juli 2013 davon sprechen? Wird er sich entschuldigen, für die vielen tödlichen Konsequenzen der Exkommunikationen von Minderheiten seiner Kirche?

copyright: Christian Modehn

Menschenrechte gelten universal

Menschenrechte gelten universal

Ein Hinweis anlässlich eines Beitrags von Prof. Heinrich August Winkler, em. der Humboldt Universität Berlin, erschienen in „Die Zeit“ am 20.6.2013. Wie der katholische Bischof von Chur, Vitus Huonder, die Menschenrechte theologisch – „fundamentalistisch“ relativiert, lesen Sie am Ende des Beitrags.

Von Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Vor 20 Jahren fand in Wien eine – von 171 Staaten mit Delegationen besuchte – Konferenz über die Menschenrechte statt, sie endete am 25. Juni 1993. Dabei handelt es sich um ein Ereignis, darin wurden die Menschenrechte zur Leitschnur staatlichen Handels offiziell erklärt. Das ist viel, auch wenn sich so wenige Politiker faktisch daran halten. Ohne solche Erklärungen („IDEALE“) wird Politik zum technokratischen Getue.
Ausnahmsweise sei der Kürze halber wikipedia zitiert werden: „Jeglichem Kulturrelativismus wird mit der Abschlusserklärung die Grundlage entzogen. Diese Weltmenschenrechtskonferenz brachte auch die erste internationale Erklärung hervor, die die Gewalt gegen Frauen thematisierte. Mehrere hundert Menschen- und Frauenrechtsorganisationen beobachteten diesen Menschenrechtsgipfel der UNO“.

Leider fand diese Konferenz – bei der Fülle so vieler Gedenktage – diesmal, 2013, nicht die dem Rang des Ereignisses entsprechende Aufmerksamkeit. Darum weisen wir auf einen Beitrag des Historikers Heinrich August Winkler hin, der zwar nicht aus Anlass dieses 20 jährigen Jubiläums geschrieben wurde. Aber er zeigt in aller Deutlichkeit, diesmal vonseiten eines Historikers, dass die Menschenrechte universale Gültigkeit beanspruchen müssen. Der Artikel erschien in „Die Zeit“ vom 20.6. 2013 mit dem Titel „Das Beste vom Westen“

Wir folgen den Inspirationen Prof. Winklers und entwickeln seine Vorschläge weiter:
Sind die Menschenrechte relativ, so könnte man fragen? Ja, heißt die Antwort, wenn man mit dieser Frage daran erinnern will, dass sie in historisch „relativen“, also kulturell durchaus bedingten Umständen entstanden sind, eben in Europa und den USA. Aber sie sind entscheidend gerade NICHT relativ, weil erstens jede Erkenntnis in einem kulturell relativen Umfeld entsteht; im „Allgemeinen und Universalen“ kann keine menschliche Erkennntnis entstehen, weil es diese allgemeinen Ausgangsbedingungen nicht gibt. Der Satz des Thales ist in Griechenland „gefunden“ worden, aber er gilt, wie alle wissen, nicht nur in Griechenland. Er ist universal. So sind auch Menschenrechte formuliert worden in einer bestimmten Zeit und unter bestimmten Bedingungen. Wie sollte es auch anders sein? Aber gerade bei dieser nun einmal notgedrungen „relativen“ Herkunft sind sie universal und gelten also für alle Menschen, alle Wesen, die menschliches Antlitz tragen. Relative Herkunft und universale Gültigkeit schließen einander absolut nicht aus.
Das gilt auch, wenn diese Menschenrechte in den ersten Fassungen von 1776 (Amerika) und 1789 (Frankreich) durchaus aus heutiger Sicht unvollkommene Formulierungen sind. Es fehlt etwa im 19. Jahrhundert noch – fast verständlicherweise möchte man sagen, wegen der kulturellen Begrenzungen – das Menschenrecht der Frauen. Aber unter dem Anspruch, Menschen – Rechte formuliert zu haben, konnte dann eine kontinuierliche Weiterentwicklung dieser Menschenrechte stattfinden; diese Entwicklung ist bis heute nicht an ein Ende gekommen, gerade wenn man an die sozialen oder ökologischen Dimensionen denkt. So geschieht nun einmal Erkenntnis in relativen Bedingungen, in denen allgemeine Aussagen zustande kommen.
Aber die Verteidiger, um nicht zu sagen, die „Erfinder“ der Menschenrechte, haben sich doch selbst so selten an die Menschenrechte gehalten, könnte man berechtigterweise einwenden, man denke an den Kolonialismus. Das stimmt absolut, trotzdem konnten die Verbrecher unter den Politikern der westlichen Welt diese Menschenrechte niemals abschaffen. Die miserable politische Praxis spricht nicht gegen den bleibenden Sinn von Gesetzen.
Aber viele Kulturen sprechen doch gar nicht in den Worten der Menschenrechte, vielleicht die Chinesen, vielleicht einige Inder, vielleicht einige Inouit Völker im hohen Norden Kanadas oder bestimmte Völker indianischer Prägung am Amazonas, könnte man beanstanden. Auch wenn sie die Worte und Begriffe der Menschenrechtserklärung (noch) nicht in ihrer Sprache sprechen, in der Alltagspraxis hingegen, vor allem in der Leid- und Schmerz – Erfahrung, also in dem Erleben, dass etwas (oft sehr vieles) im privaten oder sozialen Leben NICHT sein sollte und sein dürfte, in dieser oft auch unausgesprochenen, aber praktizierten Ablehnung von Missständen, wird die „Idee“ der Menschenrechte als gültig und richtig und unaufgebbar gesetzt. Eltern in Indien haben „Gewissensbisse“, wenn sie ihr jung geborenen Mädchen töten. Chinesen wollen sich frei und unkontrolliert äußern, das muss man heute nicht mehr belegen. Demokraten in arabischen Ländern wollen doch lieber nicht niedergeknüppelt werden, Homosexuelle im Iran nicht geköpft werden: In allen diesen Negativ- Erfahrungen bricht sich der SCHREI nach der Gültigkeit der Menschenrechte durch.
Wir sind Prof. Winkler dankbar, dass er auf den Skandal hinweist, der leider viel zu wenig Empörung hervorruft, wohl aus Ehrfurcht vor dem als fast allwissend geltenden Ex – Kanzler Helmut Schmidt, dass also Prof. Winkler im Blick auf Schmidt darauf hinweist: „Es verbietet sich, die universelle Geltung der Menschenrechte mit dem kultur – relativistischen, besonders engagiert von Helmut Schmidt vertretenen Argument zu bestreiten: Weil die Menschenrechte ein Produkt des Westens seien, so der Ex Kanzler, hätten nur diejenigen Menschen Anspruch auf deren Einhaltung, die in westlichen Demokratien leben. Während andere Kulturkreise, darunter die chinesischen, gewissermaßen strukturell nicht auf die Menschenrechte angelegt seien“. Hinter dieser Meinung, die ja nicht nur Helmut Schmidt vertritt, verbirgt sich wohl eine Ideologie der „Realpolitik“, kann man sagen: D. h. um des Ökonomischen guten Verhältnisses willen werden Menschenrechtsfragen nicht nur heruntergespielt. Sondern es wird – im Blick auf die vielen Menschenrechtsaktivisten ein Schlag ins Gesicht !! – behauptet: „Diese lieben Chinesen legen doch selbst gar keinen Wert auf die Menschenrechte; ihre Führer haben die Freundlichkeit anzuerkennen, dass Menschenrechte eigentlich liberaler Quatsch der Westeuopäer sind“. Mit einer solchen Haltung, von Europäern vertreten, wird sozusagen das Gewissen der Herrscher, oft sind es Diktaturen, beruhigt. Die Wirtschaftsbeziehungen blühen dann vielleicht kurzzeitig und die Aktivisten der Menschenrechte bleiben in den Kerkern.
Diese Politiker, wie Helmut Schmidt, haben einen sehr engen Wirklichkeitssinn, auch darauf weist Prof. Winkler erfreulicherweise hin: „Der Wirklichkeitssinn hat sein notwendiges Gegenstück im Möglichkeitssinn“. Westliche Politiker sollten auch sehr stark die Möglichkeiten abklopfen, die ein deutliches Engagement für die Menschenrechte bewirken könnte. An die Solidarnosc hat kaum jemand geglaubt, auch nicht bestimmte Kreise der SPD, betont Prof. Winkler. Diese kleine Schar der polnischen Verteidiger der Menschenrechte hat letztlich die europäische Geschichte seit 1989 mit verändert.
Von daher müssen wir uns von der tätigen Hoffnung leiten lassen, dass auch die Verteidiger der Menschenrechte heute in der Türkei und in anderen (arabischen) Staaten letztlich der guten Sache der Demokratie (die auch ihre Mängel hat, aber eine bessere Ordnung gibt es wohl nicht) zum dauerhaften Durchbruch verhelfen … und weltweit Tyrannei und Willkür ein definitives Ende hat.
Unsere Freunde im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin weisen gern darauf hin, dass die Stimme der römischen Kirche, immer auch eine Stimme des Vatikans („Wir verteidigen die Menschenrechte“) viel mehr Respekt fände, wenn diese Kirche und der mit ihr verbundene Vatikan – Staat in sich selbst und in der eigenen Gesetzgebung die Menschenrechte als solche anerkennen und gelten lassen würden … und zwar als Kriterium: Welche willkürlich gesetzten Kirchengebote und welche Gesetze innerhalb des päpstlichen Staates Vatikan können Geltung haben und welche nicht. Menschenrechte sind also wie in allen anderen Staaten grundsätzlich positives Recht, in dem Falle gilt das auch für das „Kirchenrecht“. Jesus selbst und sein Evangelium hat kein Kirchenrecht hinterlassen. Weiter wird darauf hingewiesen, dass die Rede von den Armen, die Papst Franziskus so gern als Motto immer wiederholt, nicht davon ablenken darf, Menschenrechte in der Kirche zu verwirklichen. Und: Die Armen, also etwa zwei Milliarden arm gemachter Menschen, freuen sich nicht, wenn sie päpstlich wieder und wieder gerühmt und gelobt werden, sondern wenn für sie (und noch wichtiger: mit ihnen) die Menschenrechte politisch durchgesetzt werden.

Wir weisen darauf hin, dass das Thema Menschenrechte schon oft den „religionsphilosophischen salon berlin“ beschäftigt hat. Der Theologe Prof. Wilhelm Gräb hat die Menschenrechte als Grundlage einer universalen Religion gedeutet, zur Lektüre klicken Sie hier.
Wir haben in dem Zusammenhang auf die Sakralität der Person verwiesen, zur Lektüre klicken Sie hier.
Wir haben im Rahmen unserer Studien zur Dominikanischen Republik darauf hingewiesen, wie unsäglich schwer es dort Haitianer haben, würdevoll zu leben, zur Lektüre klicken Sie hier.

Bischof Vitus Huonder, von Chur in der Schweiz, hat zum Tag der Menschenrechte eine Erklärung aus seiner theologischen Sicht veröffentlicht, der unseres Wissens kein anderer Bischof widersprochen hat. Huonders Beitrag ist ein Beispiel, wie in der katholischen Kirche die Gültigkeit der Menschenrechte gegenüber den religiös, dogmatischen Lehren der Kirche an die zweite, die untergeordnete Stelle rückt. „Religiöse Lehren, also etwa die sogenannten Gottesrechte, zuerst, dann folgen erst die Menschenrechte, also die aktuelle Vernunft“: Dies ist das Motto, dem diese Kirche immer noch folgt, sie beansprucht „die Gottesrechte“ authentisch interpretieren zu dürfen. Solche Überzeugungen werden ja bekanntlich viel exzessiver und brutaler als im Katholizismus auch in anderen Religionen ausgelebt.

Hier die Stellungnahme Bischof Huonders:

Das Wort zum Tag der Menschenrechte (10. Dezember 2011) von Vitus Huonder, Bischof von Chur:
„Brüder und Schwestern im Herrn, die moderne Gesellschaft findet in der Erklärung der Vereinigten Nationen zu den Menschenrechten von 1948 eine Grundlage für ein geordnetes Zusammenleben der Völker und Nationen.1 Für viele staatliche Gemeinschaften ist sie sozusagen die Leitlinie für die eigene Gesetzgebung geworden. Auch in den vielfältigen Beziehungen auf nationaler und internationaler Ebene berufen sie sich darauf.

Die Kirche nimmt die Menschenrechtserklärung zur Kenntnis. Sie misst die Aussagen und Forderungen der Konvention an der Wahrheit der göttlichen Offenbarung. Sie hebt hervor, dass die Menschenrechte mit Blick auf die Würde anzuwenden und zu interpretieren sind, welche der Mensch als Gottes Schöpfung, aber ebenso als Gottes Ebenbild hat. Den Menschenrechten voraus geht daher immer das göttliche Recht. Die Menschenrechte stehen und fallen letztendlich mit dem Respekt vor dem Gottesrecht“. Quelle: kath.net

COPYRIGHT: Christian Modehn Berlin.

Ein katholischer Bischof für Homoehe und Adoption: Bischof Jacques Gaillot, Paris

Für die Homoehe und die Adoption
Stellungnahme des katholischen Bischofs Jacques Gaillot, Paris
Von Christian Modehn

Der Religionsphilosophische Salon hat schon mehrfach auf den französischen Bischof Jacques Gaillot hingewiesen, auch auf Buchpublikationen, wie den – relativ – neuen Titel: “Die Freiheit wird euch wahr machen“, Reimund Meier Verlag 2010. Diese Aufmerksamkeit für Bischof Jacques Gaillot geschieht nicht nur aus theologischen Gründen, weil er als eine absolute Ausnahmegestalt unter katholischen Bischöfen ungeschützt und öffentlich (!) vernünftige und moderne Positionen vertritt. Vor allem auch, weil er im Rahmen unseres Interesses an Religionskritik deutlich macht, wie sich etwa die römische Kirche von der Last uralter, vernünftig nicht mehr nachvollziehbarer Lehren und Vorurteilen befreien könnte. Die Betonung liegt auf dem „Konditionalen“…
Bischof Jacques Gaillot, geboren am 11. 9. 1935, war von 1982 bis 1995 Bischof von Evreux in der Normandie. Dann wurde er auf Druck (ultra-) konservativer Kreise in Politik und Kirche vom Papst abgesetzt; er wurde mit dem Titel des imaginären Wüstenbistums Partenia ausgestattet. Seit 1995 lebt Bischof Jacques Gaillot in einem Zimmer des Hauses der Ordensleute „Väter vom Heiligen Geist“, auch „Spiritaner“ genannt, in Paris, 5. Arrondissement. Er ist immer noch aktiv, vor allem als Referent bei internationalen Konferenzen und als engagiertes Mitglied von Vereinen, die Obdachlose und Flüchtlinge („Les Sans-Papiers“) unterstützen.
Wir haben auf unserer website mehrfach darauf hingewiesen, dass Bischof Gaillot öffentlich und angstfrei als katholischer Bischof für den Respekt gegenüber homosexuellen Menschen eintritt. So hat er als Bischof von Evreux der damals viel gelesenen Schwulen Zeitung „gai pied“ im Jahr 1989 ein Interview gegeben und die völlige Gleichberechtigung der Schwulen und Lesben auch in der Kirche eingefordert. Neben vielen entsprechenden Äußerungen in seinen zahlreichen Büchern hat Bischof Gaillot auf seiner website www.partenia.org auf die Dringlichkeit des Welttages gegen die Homophobie hingewiesen: Er schrieb am 17. Mai 2009: „In mehr als 80 Ländern (oft in solchen, wo der Islam die offizielle Religion ist) geht die Repression gegen Homosexuelle weiter. Auf Homosexualität steht die Todesstrafe in Saudi Arabien, im Iran, in Mauretanien, Nigeria…In dieser Beziehung ist auch die abendländische Geschichte nicht minder niederschmetternd. Homosexuelle wurden als Sünder betrachtet, als Kranke, als Verbrecher. Während der Inquisition mussten sie einen hohen Tribut zahlen. Unter dem nationalsozialistischen Regime wurden Zehntausende von Homosexuellen deportiert. In der heutigen französischen Gesetzgebung bleibt vor allem noch die Diskriminierung gleichgeschlechtlicher Eltern und die Nichtzulassung der Ehe unter Personen desselben Geschlechtes bestehen.
Der Kampf um Freiheit und Gleichheit wird noch lange dauern“.
Inzwischen hat Bischof Gaillot erneut eindeutig Stellung bezogen in dem „Kampf um Freiheit und Gleichheit“: Am 18. April 2013, also in der Zeit, als es in ganz Frankreich Massen – Proteste und Randale gegen die gesetztliche Einführung der Homoehe gab und katholische Kreise an vorderster Front für die ausschließliche Ehe von Heterosexuellen kämpften, genau in diesen Tagen erklärte Bischof Jacques Gaillot: „Die französische Gesellschaft bereitet sich darauf vor, mit der Annahme des Gesetzes über die Ehe von Homosexuellen eine Schwelle zu überschreiten. Wenn das der Fall wird (inzwischen ist es der „Fall“, CM), wird es ein Ereignis sein, das eine große Rolle spielt in der Geschichte unseres Landes, es handelt sich um einen beträchtlichen demokratischen Fortschritt, und der ist vergleichbar mit der Abschaffung der Todesstrafe im vergangenen Jahrhundert. Die Anerkennung der Ehe zwischen Personen des gleichen Geschlechts sowie auch ihr Recht, eine Familie mit Kindern zu gründen, wird immer mehr in Frankreich wie anderswo eine Realität. Man wird erleben: Diese Ehe, sooft diffamiert, lässt niemand (also die Heterosexuellen, CM) sein Recht verlieren; diese Ehe ist in keiner Weise eine Bedrohung für die so genannten normalen Familien; sie ist auch kein Rückschritt für die Gesellschaft und noch viel weniger stellt diese Ehe das Ende der Kultur und Zivilisation dar“.
Damit nimmt Bischof Gaillot Bezug auf die heftige verbale Unterstützung der oppositionellen, konservativen Kreise durch die katholischen Bischöfe Frankreichs. Gaillot ist wieder einmal der einzige katholische Bischof, der öffentlich den Mut hat, für die Sache der Vernunft und das ist die Sache des Respektes einzutreten. Angesichts der heftigen, von offizieller katholischer Seite sicher indirekt mit befeuerten Auseinandersetzungen, die zu Gewalttätigkeiten gegenüber Schwulen führten, erklärt Bischof Gaillot: „Aber man kann diese Entwicklung nicht mehr stoppen. Die Anerkennung der Homo – Ehe gehört fest zu einer mächtigen Bewegung der Moderne, die im Laufe der Jahre, die unantastbaren Rechte des Individuums und seiner Autonomie für wertvoll und wichtig erachtet. Das Individuum steht für uns im Mittelpunkt. Von daher auch die Bedeutung, die den Liebes – Beziehungen zwischen Individuen zuerkannt werden. Das Recht des Staates folgt endlich der Entwicklung unserer moralischen Vorstellungen. Die Liebe zwischen zwei Personen des gleichen Geschlechts ist ein fundamentales Menschenrecht!… Was die Adoption von Kindern angeht: Das neue Recht öffnet sicher einen Weg in die Zukunft. Denn die Adoption von Kindern ist eine freie Wahl, sie geschieht aus Liebe. Endlich kommen wir raus aus bloß biologischen Vorstellungen der Ehe… Wir alle sind von diesen positiven Entwicklungen betroffen. Besteht unsere Verantwortung (als Bischöfe) nicht darin, die Freiheit wieder zum Leben zu erwecken? Dies ist die Freiheit zu lieben“.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon.

Walter Jens – Für die Freiheit im Katholizismus

Walter Jens – Für die journalistische Freiheit im Katholizismus
Erinnerungen an den Berliner Katholikentag 1980
Von Christian Modehn

1.

Die Erinnerungen an die Beiträge von Walter Jens auch für ein Neuverständnis des christlichen Glaubens und für eine Reform der Kirchen – im Sinne der Aufklärung und der Vernunft ! – sind vielfältig. Sie bleiben anregend, etwa sein Wort über den Prediger, das der „Tagesspiegel“ am 11. Juni 2013 noch einmal zitiert. Walter Jens sagt: “Ein Prediger, der von Gott sprechen will, muss von der Welt reden, von der Lebenswirklichkeit und dem Hier und Heute des Menschen: Hat Jesus von Nazareth anders geredet?“

2.

Wenn der Religionsphilosophische Salon auch an den Religionskritiker Walter Jens (geboren am 8. Mai 1923, gestorben am 9. Juni 2013) erinnert, dann denken wir vor allem an einen – innerhalb des umfangreichen Lebenswerks gesehen – doch eher bescheidenen Artikel von ihm. Dieser Beitrag sorgte aber im Jahr 1980 im katholischen Milieu Deutschlands für viel Beachtung. Auch an diesem Beispiel wird die Kraft des engagierten Aufklärers deutlich: Der Artikel, den Walter Jens unter seinem (schon damals bekannten) Pseudonym „Momos“ am 13. Juni 1980 in der Wochenzeitung „Die Zeit“ veröffentlichte, ist also im Rückblick dann doch alles andere als marginal.

3.

Zur Erinnerung: West – Berlin, in der ersten Juniwoche 1980: Der 86. Deutsche Katholikentag (vom 4. bis 8. Juni) ist ein außergewöhnliches Ereignis: Zum ersten Mal laden kritische Katholiken, vor allem junge Menschen von der Basis, zu einem „Katholikentag von unten“ ein. Die Veranstaltungen dürfen nicht in den Räumen des offiziellen Katholikentages stattfinden, so wollen es die Bischöfe und das Zentralkomitee „der“ deutschen Katholiken. Die „Basis – Katholiken“ finden Zuflucht bei einigen protestantischen Gemeinden. Für den Sender Freies Berlin (SFB) realisiere ich zusammen mit den beiden anderen Filmemachern Wolfgang Fietkau und Wolfgang Tumler einen Film von 30 Minuten Länge: er wird gleich am Sonntag, den 8. Juni, um 17.30 Uhr ausgestrahlt. In dem Film wird aus dem Blickwinkel von Teilnehmern einer Gemeinde (Eschborn bei Frankfurt a.M.) berichtet. Dabei wird selbstverständlich auch über den auch sonst von den Medien stark beachteten „Katholikentag von unten“ berichtet. Vor allem dieser journalistische Respekt in der ARD vor dieser neuen Initiative löst eine wahre Welle der Empörung im offiziellen deutschen Katholizismus aus. Heute würde man das bösartig – polemische Phänomen wohl „shitstorm“ nennen, unter dem besonders der verantwortliche Redakteur Johannes Huthmann zu leiden hatte. Bei ihm sammelten sich hunderte von üblen Beschimpfungen streng konservativer Katholiken. Dies war wohl auch eine Form der Zurückweisung der Pressefreiheit im Katholizismus, sie wurde offensichtlich angefeuert durch den für das Bistum Berlin verantwortlichen Bischof Joachim Meisner und seine Umgebung; Meisner war erst am 17. Mai 1980 offiziell als Bischof von Berlin eingeführt worden, ernannt von Papst Johannes Paul II, arbeitete er zuvor im DDR Bistum Erfurt. Er „residierte“ nun in Ost- Berlin.

4.

Diese etwas ausführliche Vorrede ist nötig, um die Bedeutung des Beitrags von Walter Jens in „Die Zeit“ vom 13. Juni 1980 richtig einschätzen zu können. Jens lobte ausdrücklich, dass die ARD (SFB) die Bilanz des Katholikentages nicht „von den Kardinälen und Funktionären des Zentralkomitees, den großen Meistern jener zugleich ein- und vieldeutigen Kommuniqués, sondern von Teilnehmern ohne großen Rang und glanzvolle Namen gezogen wurde. Eine Bilanz von unten, ein Bilanz im Zeichen der Religion Christi, nicht der christlichen Religion“. Dann weist Walter Jens auf einen Zwiespalt im Katholikentag hin: „Wurde auf der einen Seite (im Film, CM) die Praktik der Oberen getadelt, sich nach außen hin offen zu geben, um nach innen rigoros abzuschotten- nur nicht zu viel Ökumene usw. – so sah sich auf der anderen Seite der gemachte, geplante professionell inszenierte Jugend Rummel attackiert…“. Walter Jens weist außerdem eindringlich darauf hin, wie vom offiziellen Katholikentag jegliches Gespräch mit Homosexuellen zurückgewiesen wurde, während es entsprechende Gespräche und Veranstaltungen auf dem „Katholikentag von unten“ selbstverständlich gab: Dank der evangelischen Freiheit protestantischer Gemeinden.

5.

Der Beitrag von Walter Jens in „Die Zeit“ hat die Herren der offiziellen Kirche zwar nicht zu einer Meinungsänderung bewegen können in Richtung Pressefreiheit. Aber Walter Jens hat mit seiem Beitrag auch mit dafür gesorgt, dass eine von den Kirchenoberen nicht allzu sehr kontrollierte journalistische Arbeit – etwa in der ARD – weiter gestärkt wurde und kritische Journalisten und Redakteure ihre Arbeit weiter machen konnten.

Walter Jens hat vor allem den Christen an der Basis zweifellos Mut gemacht, den Weg „von unten“ weiterzugehen. Und es hat lange gedauert, bis zur Jahrtausendwende, als sich die offiziellen Katholikentagsveranstalter mit den Organisatoren des Katholikentags von unten zu einem friedlichen Nebeneinander und gelegentlichen Miteinander durchringen konnten. Heute haben sogar Homosexuelle einen offiziellen Platz auf dem offiziellen Katholikentag, „aber nur, wenn sie für ihre Lebensform keine Reklame machen“, wie mir der ZDK Pressesprecher Theodor Bolzenius im Interview im Jahr 2006 sagte.
Der Versuch, vor allem durch das konservative Umfeld von Bischof Meisner (seit 1989 Erzbischof von Köln), die Pressefreiheit in der Kirche einzuschränken, hat sich nicht ausgezahlt, wenn man nur auf die Attraktivität der Katholikentage schaut. Gab es 1980 in Berlin ca. 75.000 Dauerteilnehmer, so waren es im Jahr 2000 nur noch 40. 000, im Jahr 2006 nur noch ca. 23. 000. (Quelle: http://fowid.de/fileadmin/datenarchiv/Katholikentage_1968_2008.pdf, gelesen am 11. Juni 2013, 12. 15 Uhr). Was kann daraus geschlossen werden: Ohne umfassende Meinungsfreiheit, ohne gelebte Pluralität, ohne den Mut, dogmatische Fixierungen zu überschreiten, haben Katholikentage wohl keine große Zukunft mehr. Sie werden zu marginalen Ereignissen in der Provinz.

6.

Man muss sich im Rahmen unseres Forschungsprojekts „Philosophische Religionskritik“ an solche Ereignisse erinnern, vor allem an solche Menschen von den Dimensionen eines Lessing, also an Walter Jens, um den Wandel des Religionen und Konfessionen in den letzten 30 Jahren in Deutschland tiefer verstehen zu können und um einige der vielfältigen Ursachen zu begreifen, die zur (Selbst-) Marginalisierung des Katholizismus führen.

Copyright: Religionsphilosophischer Salon Berlin

Liberale Theologie – Theologische Sommerschule am 20. Juli 2013

Am Samstag, den 20.Juli, starten wir die Erste Theologische Sommerschule mit dem Berliner Theologen Prof. Wilhelm Gräb, Humboldt Universität. Genauere inhaltliche Informationen folgen. Es geht um die Diskussion einiger grundlegender Themen der liberal – theologischen Orientierung. Wir beginnen und 14 Uhr, Ende gegen 18 Uhr in der Galerie FANTOM, Hektorstr. 9 in Berlin-Wilmersdorf. Als Beitrag denken wir an 10 Euro.

Zum ersten Mal gibt es nun auch für “theologische Laien”, die es in der liberal – theologischen Tradition eigentlich nicht gibt, die Chance, sich näher vertraut zu machen mit einer Lebenshaltung bzw. Theologie, die die Moderne voll respektiert, die das eigene Denken, die eigene religiöse Erfahrung hochschätzt und Gemeinde als Form des “geselligen Miteinanders unterschiedlicher religiöser Menschen” (Schleiermacher) begreift.

Diese Veranstaltung geschieht in Zusammenarbeit dem Forum der freisinnig – liberalen Remonstranten Kirche,
www.remonstranten-berlin.de

Wer sich ein Bild machen möchte über die Aktualität liberal – theologischen Denkens heute, den/die verweisen wir gern auf unsere website www.religionsphilosophischer-salon.de dort die Kategorie “Fundamental vernünftig”: Dabei handelt es sich um Interviews mit Wilhelm Gräb.

Eine Anmeldung ist Bedingung und erforderlich an, bitte an:christian.modehn@berlin.de, nach der Anmeldung werden weitere Infos zur Vorbereitung zugesandt.

Die liberale Theologie wird in Berlin durch Prof. Wilhelm Gräb, Humboldt Universität, vertreten; er hat dazu zahlreiche Veröffentlichungen vorgelegt, leicht zugänglich etwa in dem Buch „Liberales Christentum“, herausgegeben von Werner Zager, erschienen im Neukirchener Verlag 2009. Prof. Gräb hat auch über Friedrich Schleiermacher gearbeitet; der ist sozusagen der Gründervater der liberalen Theologie: Sie geht vom religiösen Subjekt aus und eben nicht von den vorgegeben Dogmen und kirchlichen Lehren. In der website „religionsphilosophischer-salon“ hat Prof. Gräb bis Anfang Juli 2014 14 Interviews gegeben, die das breite Spektrum liberal – theologischen Denkens deutlich machen, etwa auch Beziehungen zur Theologie der Befreiung. Wir sind überzeugt, dass diese Form des theologischen Denkens nicht nur der Philosophie nahe steht; vor allem: Sie kann dem modernen, dem mündigen Menschen Inspiration und Orientierung bieten … für ein freies religiöses Leben.

Esoterische Unvernunft. Anläßlich eines neuen Buches von Bernd Kramer

Wenn die Vernunft nichts mehr gilt
Ein Hinweis auf ein Buch von Bernd Kramer
Von Christian Modehn

Die spirituellen Angebote unter dem weiten Dach der Esoterik sind kaum noch zu überblicken: Wer von „Fremdenergien, etwa von astralen Wesen besetzt“ ist,findet genauso Hilfe wie jemand, der das Hula – Training sucht „nach alten Prinzipien aus Hawaii“. Das „Kartenlegen mit Zukunftsdeutung“ wirkt da schon wie ein leicht angestaubter Klassiker. Die Esoterik – Szene boomt weltweit: 25 Milliarden Euro, so der Trendforscher Eike Wenzel, bezahlen viele tausend Menschen jährlich allein in Deutschland, um geheimes Wissen zu erlangen. Sie wollen in ihre eigene Zukunft schauen oder ihr vorgeburtliches Leben vor etlichen Jahrhunderten erkunden. Diese befremdlich wirkenden, von vielen irrational genannte Welt der Esoterik ist heute selbstverständlicher Teil des Alltags, meint der Journalist Bernd Kramer. Die Welt ist offenbar so so öde, so hoffnungslos, dass man sich in abstruse Sonderwelten flüchtet. Um so dringender sei es, genauer hinzuschauen und sich in diese Welt zu begeben, um sozusagen den Blick von Innen zu gewinnen. Deswegen hat sich Bernd Kramer „under cover“, wie ein Spion, in die Welt der Aura -Vitalisierung und Hellseherei begeben. Seine Erfahrungen hat er jetzt unter dem Titel „Erleuchtung gefällig?“ publiziert.

Mit künstlichen Tannenzapfen, diesem preiswerten Weihnachtsschmuck, wolle er die Energie bündeln und weitervermitteln, so redete er seinen erstaunten Klienten ein, während er sie auch mit einem schlichten Kamm von negativen Kräften befreite. Bernd Kramer hat sich als Heiler in die bunte Welt der Esoterik –Helfer und Berater begeben: Bei einer so genannten Fachmesse bot er an seinem Stand die von ihm erfundene „Aura – Revitalisierung“ an. Die Veranstalter hatten bei der Anmeldung gar nicht genau wissen wollen, was damit eigentlich gemeint sei, Gott sei Dank: Er selbst wußte es auch nicht. Die Klienten waren froh, neben all den Schamanen und Reinkarnationstherapeuten auch noch dieses Angebot im Programm zu haben. Und die Leute kamen tatsächlich, suchten Hilfe von Stress und seelischer Qual und erzählten einem fremden Mann ihr Leid. Als Teilnehmer einer Aura – Revitalisierung glaubten sie, sich selbst aufzuwerten und dadurch zur himmlischen Welt des Wunderbaren zu gehören. Es war so toll für sie, dass jemand sie ansprach und ernst nahm. Wie auf sich allein gestellt sind diese Menschen, die da einfach bei deiner „Esoterik – Messe“ ernstgenommen werden und der Wirkkraft von umgewidmeten Tannenzapfen glauben.
Bernd Kramer ist es gelungen, mit allerhand Tricks für ein paar Monate angesehenes Mitglied der Esoterik – Szene zu werden. Er hat sich sogar als hell sehender Telefonberater angeboten, über das Internet fanden die Hilfesuchenden ihren Meister. Sie hielten die sanften Worte Bernd Kramers, der nun als „Osiris“ auftrat, geradewegs „vortrefflich“, obwohl er nur standardisierte Floskeln von sich gab und letztlich immer nur mahnte, bei aller Sehnsucht nach himmlischen Antworten doch bitte Geduld zu bewahren. Mit diesen Worten schützen sich alle Esoterikberater vor ausbleibenden Erfolgen: Die Klienten sind schuld, wenn „es nicht klappt“. 19 Frauen, nur Frauen, keine Männer, suchten bei Kramer während eines Monats Hilfe und Beratung. Sie wollten genau wissen, welche Prognosen die Himmlischen bereithalten hinsichtlich neuer Liebesbeziehungen oder der dringend gesuchten Arbeitsstelle.
In seinem „Erleuchtung gefällig?“ beschreibt Bernd Kramer sein Erstaunen, wie schnell er ohne jegliche Kenntnis in der esoterischer Sonderwelt mit ihren eigenen Begriffen und Symbolen Fuß fassen konnte. Vor allem, wie tief verunsichert und hilflos seine Kundschaft war, die offenbar noch die mysteriösesten Sprüche wie Heilslehren und Alltags – Tipps aufnahm. So werden Abhängigkeiten zwischen Guru und Hilfesuchenden gestiftet, und diese bezahlen zum Schluss etliche tausend Euro bloß dafür, dass ihnen jemand zuhört und außerirdische, also in der Sicht der Klienten „richtige, geltende“ Tipps für den Alltag gibt. Diese Menschen, so Kramer, kommen offenbar nicht auf den Gedanken, kompetente Hilfe etwa bei Sozialberatungen oder Psychotherapeuten zu suchen. Sie erwarten letztlich Wunder von einem diffusen Himmel aus Göttern, Elfen und Feen.
Bernd Kramers Buch „Erleuchtung gefällig?“ könnte eine breite Diskussion auslösen, vor allem bei denen, die in den Geheimlehren der Esoterik tatsächlich Orientierung und Hilfe empfangen. Bei Menschen etwa, die sich nach ihrem Kirchenaustritt individuell ihre eigene Spiritualität zusammenbastelten.
Der Autor will bewusst provozieren, wenn er, so wörtlich, die esoterischen Lehren ausdrücklich unecht und lügnerisch nennt oder wenn er behauptet, Esoteriker würden seelischen Wunden wie „mit Watte aus Eisenspänen“ heilen. Bernd Kramer schreibt: „Vor dieser esoterischen Welt graut mir“. Er hält sich hingegen an die viel besprochene Säkularisierung, also die grundlegende Verweltlichung des Bewusstseins. Wie der Philosoph Kant will er gültige wissenschaftliche Erkenntnisse nur für die irdische Wirklichkeit gelten lassen. Überirdisches, esoterisches Wissen kann es deswegen gar nicht geben. Ausdrücklich betont er im Blick auf den „Esoterik – Wahn“: „Lieber glaube ich dann an gar nichts“.
Die Kirchen können sich angesichts dieser journalistisch sozusagen „flott“ und philosophisch und religionswissenschaftlich durchaus noch „ausbaufähigen“ Esoterik Kritik nicht voller Gewissheiten und Freude zurücklehnen. Sie müssen vielmehr erkennen: Auch ihre kirchlichen Lehren und viele christliche Riten und Gottesdienste sind esoterisch: Die Hostie als Leib Christi, der Wein als Blut Christi, die Hostie in der Monstranz, die Wunder, die in Lourdes und Fatima geschehen, die Heilkraft eines Pater Pio, der Papst als Nachfolger Christi usw… Das sind, bei Lichte und von außen (= eben exoterisch) besehen, tatsächlich nun einmal esoterische Lehren. Auch sie verstehen heute viele Menschen nicht mehr, siehe die Statistiken der Kirchenaustritte. Der Unterschied zu vielen heute expliziten esoterischen Praktiken, wie Wünschelruten, Rückführungen, Astrologie usw. ist vielleicht nur der, und dies zu sagen ist für viele sicher eine (heilsame) Provokation: Diese esoterischen Riten und esoterischen Glaubensformen haben sich nicht wie das Christentum als herrschende Mehrheitsreligion durchgesetzt.
Es tut dem Christentum und den Kirchen gut, angesichts des Buches von Bernd Kramer die eigene, tief verwurzelte Esoterik anzuerkennen und, wenn möglich, zu erklären: Welche Rolle die Vernunft im Christentum spielt. Andererseits: Ist unser Alltagsleben nicht immer schon esoterisch geprägt, etwa in den Liebensbeziehungen und der Bewältigung des Alltags.Kommt es vielleicht nur auf das vernünftige, also Vernunft gesteuerte Maß der Esoterik an?

Literaturhinweis:
Bernd Kramer, Erleuchtung gefällig? Ein esoterischer Selbstversuch. Christian Links Verlag Berlin, Mai 2013, 208 Seiten; 16,90 Euro.

Welcher Geist regiert den Staat? Über die Laizität.

Welcher Geist regiert den Staat?
Die Laizität: Plädoyer für ein tolerantes Miteinander
Von Christian Modehn

Etliche LeserInnen dieser website wollten noch einmal einen Text über die „Laizität“ nachlesen, der sich auf eine Ra­dio­sen­dung in NDR – Kultur am 12. 8. 2102 bezieht. Im Folgenden wird die ausführliche, ungekürzte Fassung zur Lektüre angeboten.

Der Pressetext:
Politische Macht darf die Kirche nicht ausüben, „geistlich“ und „weltlich“ müssen im Staat getrennt sein. Diese Überzeugung prägt das europäische Denken seit der Französischen Revolution. „Laizität“, also religiöse Neutralität des Staates, bietet Raum für die freie Entfaltung unterschiedlicher Religionen. Aber wie sollen Staat und Gesellschaft reagieren, wenn Fundamentalisten religiöse Gebote als allgemeine Gesetze durchsetzen? Warum darf die Kirche widersprechen, wenn die Menschenwürde verletzt wird? Braucht der laizistische Staat eine eigene Philosophie oder eine überkonfessionelle „civil religion“, wenn er das friedliche Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen garantieren soll? Der Bibelspruch „Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gebührt und Gott, was Gott gebührt“, muss immer wieder neu interpretiert werden.

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Haben die unterschiedlichen Staaten und Gesellschaften in Europa und Amerika ein gemeinsames Kennzeichen? Soziologen, Politologen und Religionswissenschaftler sind sich in diesem Falle einig: Es ist die Vielfalt der Religionen und Weltanschauungen auf dem Territorium eines Landes. Heute wohnen Buddhisten neben Muslimen, Atheisten arbeiten mit Christen als Kollegen freundschaftlich zusammen. Aber oft ist die religiöse und weltanschauliche Pluralität noch von einem Gegeneinander und nicht vom Miteinander geprägt. Religiös und weltanschaulich gebundene Menschen haben Mühe anzuerkennen, dass ihre Gemeinschaft nur eine von vielen auf der politischen Bühne ist.

Besonderes Erstaunen weckte kürzlich die Äußerung des populären Fernsehpredigers John Hagee in den USA. Er forderte die Atheisten unter seinen amerikanischen Mitbürgern auf, das Land zu verlassen. „Wir wollen euch nicht und werden euch nicht vermissen, sagte er zu den Menschen, die glauben, dass es keinen Gott gibt.

In weiten Teilen der Welt bleibt es nicht bei Polemik und verbalem Schlagabtausch. In Indien kommt es immer wieder zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen Hindus und Muslimen. Im Norden Nigerias töten radikale muslimische Gruppen Mitglieder christlicher Gemeinden. Der Krieg in Syrien beruht auch auf tief sitzenden Feindbildern unter den verschiedenen muslimischen Traditionen.

Immer wenn sich einzelne Religionen absolut wichtig nehmen und ihre Wahrheit unbedingt für alle auch politisch durchsetzen wollen, fließt Blut: Diese Erkenntnis haben Philosophen der Aufklärung vor 300 Jahren verbreitet. Sie betonten schon damals: Nur in republikanischen Staatsformen, in Demokratien, gibt es den angemessenen Rahmen, die Auseinandersetzungen unter den Religionen und Konfessionen friedlich und für alle konstruktiv zu gestalten. Denn nur eine Staatsform, die grundsätzlich das Volk, und nicht einen Diktator, zum Souverän hat, entwickelt ein hohes Ethos in der Gesetzgebung. Nur eine Demokratie will die unantastbare Würde eines jeden Menschen auch politisch durchsetzen.

Zu den Grundrechten gehört auch die Religionsfreiheit: Jeder Bürger soll frei seinen Glauben auch öffentlich bekennen dürfen. Aber dieser Glaube darf wiederum nicht in Widerspruch stehen zu den Menschenrechten, die der Staat zu verteidigen hat. Die jüngsten Diskussionen über die Rechtmäßigkeit der Beschneidung von Jungen sind nur ein Beispiel dafür, dass in Demokratien immer darum gerungen werden muss, ob ein Menschenrecht, etwa die körperliche Unversehrtheit, Vorrang hat vor der Religionsfreiheit, etwa der Gültigkeit uralter religiöser Traditionen. Dieser Streit, so mühsam er ist, gehört zum Wesen der Demokratie. Sie duldet niemals den Stillstand und drängt auf Weiterentwicklung ihrer Gesetze. Nur so kann der Staat Rücksicht nehmen auf die ständigen Wandlungen unterschiedlicher Wertvorstellungen in der Gesellschaft. Gegenüber der Beschneidungsdebatte gibt es noch viel tiefer greifende Probleme:

In Deutschland fordern einige Parteien, vor allem aber Organisationen von Lesben und Schwulen, die Anerkennung der homosexuellen Partnerschaft als einer gleichberechtigten Form von Ehe mit der Möglichkeit der Adoption von Kindern. Während andere Parteien vereint mit der Katholischen Kirche und evangelikalen Protestanten die Ehe ausschließlich zwischen Mann und Frau gelten lassen wollen. Bisher konnte sich diese Position auch in der Gesetzgebung durchsetzen. In Holland und Spanien fand die so genannte Homo – Ehe hingegen die Mehrheit im Parlament, selbst im katholischen Argentinien ist das der Fall. Auch in Deutschland treten Gruppen aus der Zivilgesellschaft für die rechtlich begrenzte Freigabe der aktiven Sterbehilfe ein; während einzelne Verbände von Ärzten und auch Kirchenführer ausschließlich auf palliative Hilfe am Ende des Lebens setzen. Diese Überzeugungen bestimmen bisher die Gesetzgebung in Deutschland. In Holland und Belgien ist hingegen ein Gesetz zur aktiven Sterbehilfe nach langen Debatten im Parlament von der Mehrheit beschlossen worden.

Mit diesen Mehrheitsentscheidungen können sich viele religiös gebundene Menschen oft nicht abfinden. Im Vatikan lehren die päpstlichen Glaubensbehörden, Mehrheitsentscheidungen können nicht nur falsch, sondern ethisch auch verwerflich sein. Darin äußert sich ein tiefes Misstrauen des Vatikans gegenüber der liberalen Demokratie mit ihrer selbstverständlichen Überzeugung, Mehrheitsentscheidungen zu respektieren.

Voller Begeisterung hat Papst Johannes Paul II. den Zusammenbruch kommunistischer Regime gewürdigt. Schließlich hatte er selbst die oppositionelle Bewegung Solidarnosc unterstützt. Aber gleichzeitig klagte der polnische Papst, so wörtlich, über die jetzt herein brechende Diktatur der liberalen Demokratien mit ihrem angeblichen Relativismus. Sie seien darum genauso gefährlich wie der Kommunismus.

Deswegen ermahnen Papst und Bischöfe auch heute immer wieder katholische Politiker, sich für die katholische Moral einzusetzen und gegen Gesetzesvorlagen zu stimmen, die etwa eine Liberalisierung der Abtreibung vorsehen. Im Falle einer Zustimmung wurde den katholischen Abgeordneten in den Vereinigten Staaten von Amerika mit der Exkommunikation gedroht. Diese Auseinandersetzungen erzeugen bei den Politikern eine gewisse Form psychischen Drucks; es wird der Zweifel genährt, ob demokratische Mehrheitsentscheidungen vielleicht doch nur ein versteckter Ausdruck für ein Unrechtssystem sind.

Die kirchlich motivierte Kritik an der Volkssouveränität, also der Demokratie, bleibt im Vergleich zu etlichen Staaten der arabischen Welt eher auf der Ebene der Theorie, vor allem: Sie bleibt gewaltfrei. In einigen muslimisch geprägten Regimen werden die rechtlichen Bestimmungen des Korans aus dem 7. Jahrhundert als oberste politische Norm angesehen. Die Scharia schließt es aus, Ungläubigen die gleichen Rechte zu gewähren wie den Muslimen. In manchen Ländern werden Menschen mit dem Tode bestraft, wenn sie sich als Konvertiten anderen Religionen zuwenden. Demgegenüber erscheint das Verbot, etwa in Saudi – Arabien christliche Gotteshäuser zu bauen, als eine eher geringere Form der Ausgrenzung.

Diese aktuellen Probleme erinnern an die großen Debatten, die seit Mitte des 18. Jahrhunderts das intellektuelle Leben in ganz Europa bestimmten: Wie stark dürfen Religionen den Staat prägen, fragten Schriftsteller und Philosophen. Sie wehrten sich gegen die Behauptung, es sei ein Verbrechen, das Königtum von Gottes Gnaden in Zweifel zu ziehen. Sie lehrten öffentlich: Eine vernünftige politische Ordnung bedarf keiner religiösen Legitimation. Wer dem zustimmte, wurde von den Despoten verfolgt und verbannt. Juden und Protestanten hatten in Frankreich keine Rechte, Atheisten landeten im Gefängnis. Eine einzige Religion, der Katholizismus, herrschte allmächtig im Bündnis mit dem Feudalsystem.

Die Revolution von 1789 beendete dieses Regime. Diesen Moment hatten die Unterdrückten und Rechtlosen in vielen Jahrhunderten ersehnt. Von nun an konnten sich religiöse Minderheiten frei entwickeln, die Erklärung der Menschenrechte fand schließlich weltweit Aufsehen. Die katholische Kirche galt nur noch als eine Religion neben anderen. Die tief sitzende Empörung über die frühere Allmacht der Kirche äußerte das katholisch getaufte Volk sehr zum Erstaunen der Bischöfe gewaltsam: Zentren kirchlichen Lebens, reiche Klöster und üppige Kathedralen wurden in blinder Wut geplündert und demoliert. Schließlich wollte sich die Republik auch spirituell stärken durch neue, kurzfristig erfundene Religionen, etwa den atheistischen Kult der Vernunft.

Der Kampf gegen die Republik wurde sofort zu einem festen Bestandteil katholischer Identität. Historiker betonen, „zwei Frankreich“ stehen sich seit der Revolution feindlich gegenüber: Die republikanisch gesinnten Bürger wollten keiner Konfession irgendein Privileg gestatten. Auf der anderen Seite kämpften die mit Rom verbundenen Katholiken um einen Staat, der kirchliche Vorschriften an die erste Stelle setzt. Nach heftigen Auseinandersetzungen wurde im Jahr 1905 vom Parlament in Paris die Trennung aller Religionen vom Staat beschlossen. Seit der Zeit herrscht in Frankreich die laicité; ein Wort, das schwer zu übersetzen ist. Deutlich ist die Verbindung von laicité mit dem griechischen Wort laós, es bedeutet das normale Volk. Und dieses Volk hat sich nach langen parlamentarischen Debatten durchgesetzt – in der laizistischen Demokratie. Ein Spezialist für diese Fragen ist der Philosoph Charles Taylor, er betont: „Der Staat im Sinne der laicité hat auf Weisung des Volkes zu handeln, vermittelt durch dessen gewählte Repräsentanten. Der Staat hat nicht auf Weisung religiöser Gemeinschaften zu handeln“.

Der demokratische Rechtstaat hat das Gewaltmonopol, als Gegenleistung garantiert er den Religionsgemeinschaften freie Entfaltung. Viele unterschiedliche Religionsgemeinschaften können sich in einem Staat aber nur dann friedlich entfalten, wenn vor dem recht gleichwertig sind und keine Konfession den Anspruch auf Herrschaft erhebt.

Dagegen hat sich die katholische Kirche in Frankreich – im Unterschied zum Protestantismus und dem Judentum – lange Zeit gewehrt. Es war für Katholiken unvorstellbar, dass der Klerus ausschließlich von den Spenden der Gläubigen leben musste. Immerhin setzten sich eher liberale Laizisten in der weiteren Gesetzgebung durch. Sie hatten erkannt: Die Bürger können davon profitieren, wenn sich auch gesellschaftliche Gruppen, wie die Kirchen, um Erziehung und Sozialfürsorge kümmern. Deswegen gibt es im laizistischen Frankreich heute viele katholische Schulen oder Altersheime, sie erhalten beträchtliche staatliche Zuschüsse. Auch am Erhalt der Kirchengebäude beteiligt sich der Staat: Für die Innenausstattung sind die Bistümer zuständig, für die äußeren Mauerwerke die Kommunen.

Die Laizität in Frankreich ist heute zu einem friedlichen Gegenüber von Kirchen und Staat geworden. Die katholische Kirche kann – wie alle anderen Glaubensgemeinschaften auch – öffentlich wirken, etwa durch katholische Rundfunksender und zahlreiche große, angesehene Verlagshäuser.

Aber die französische Republik will unter allen Umständen den Einfluss extremer religiöser Gruppen auf den Staat verhindern. So gab es gerichtliche Auseinandersetzungen mit der so genannten Scientology Church. Sie wurde im Oktober 2009 wegen betrügerischer Aktivitäten zu einer Strafe von 600.000 Euro verurteilt. Ihr so genannter Direktor wurde zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt. Die „Sekte“ selbst aber wurde in Frankreich nicht verboten.

1996 gründete der Staat ein Forschungszentrum, um die Aktivitäten der zahlreichen neuen religiösen Gemeinschaften, Sekten genannt, hinsichtlich ihrer sozialen Praxis und politischen Orientierung kritisch zu beobachten. Das Institut steht auch Menschen zur Seite, die sich gegen die totale Kontrolle des persönlichen Lebens in diesen Gruppen wehren und „aussteigen“ wollen.

Der Gesetzgeber meint die laicité zu schützen, wenn er bestimmte religiöse Symbole in der Öffentlichkeit verbietet. Kreuze haben z.B. in den Räumen des Bürgermeisters nichts zu suchen, unvorstellbar wären sie in Gerichtssälen. Selbst den bayerischen „Herrgottswinkel“, gut platziert in einer Gastwirtschaft, sucht man in den Bistrots vergeblich.

Seit einigen Jahren bemühen sich französische Politiker, die öffentliche Rolle des Islam neu zu bestimmen. Mindestens 3 Millionen Muslime leben in Frankreich. Seit dem 11. September 2001 herrscht – ziemlich pauschal – ein tiefes Misstrauen gegenüber islamischen Gruppen. Inzwischen wurde es muslimischen Frauen verboten, die typischen Kopftücher in den staatlichen Schulen zu tragen. Burkas, „Vollschleier“, sind in der Öffentlichkeit nicht gestattet. Mit diesen Kleidungsvorschriften wollte der Staat jegliche Form muslimischer Werbung im staatlichen Raum ausschließen.

Dabei ist es völlig offen, ob Kopftücher tatsächlich missionarische Wirkungen erzielen können und überhaupt wollen. Aber der französische Staat will nur machtvoll demonstrieren, dass sich Muslime den Gepflogenheiten der französischen Republik auch äußerlich anpassen müssen. Er besteht darauf, dass auch Muslime in Frankreich die Werte der laicité erkennen und verteidigen. Viele Imame haben dem zugestimmt, aber längst nicht alle. Deswegen hat sich der Staat entschlossen, sich selbst um die Gestaltung eines repräsentativen islamischen Dachverbandes zu kümmern, er soll als zentraler Ansprechpartner in Staat und Gesellschaft dienen. Diese Initiative ist für eine Republik schon erstaunlich, die sich eigentlich per Gesetz gar nicht um religiöse Belange kümmern darf.

Um den islamischen Gemeinschaften entgegen zu kommen, will die Regierung unter Francois Hollande Grund und Boden zu erschwinglichen Preisen für den Bau von Moscheen zur Verfügung stellen. Bisher mussten sich viele Gemeinden mit bescheidenen Fabrikhallen für ihre Gottesdienste begnügen. Innenminister Manuel Valls sagte Ende Juni 2012: „Es gilt, das Gesetz über die Laicité aufzuräumen, um so die staatliche Finanzierung neuer Kultstätten vor allem für Muslime zu ermöglichen. So könnte es auch zu einem Ende des Einflusses von fundamentalistischen Gruppen und ausländischen Regierungen zu kommen. Denn diese finanzieren bisher stark den Bau von Moscheen“.

Tatsächlich haben viele Franzosen Angst vor „dem Islam“; rechtsextreme Parteien, wie der Front National, schüren bewusst diese Stimmungen. Ein offener Umgang mit dieser vielschichtigen, keineswegs nur fundamentalistischen Religion kann anders aussehen, etwa in der kanadischen Provinz Québec. Dort verhält sich die Regierung differenzierter gegenüber dem Islam, nach langen und umfassenden Debatten wurde dort den religiösen Minderheiten, etwa auch den Sikhs, Hindus und Buddhisten, Sonderrechte gewährt, das Tragen von Kopftüchern und religiösen Symbolen ist auch in staatlichen Räumen gestattet. Hingegen wurden im Bundesstaat Ontario Versuche zurückgewiesen, einige Gesetze der muslimischen Scharia, etwa im familiären Rechtsstreit, neben der kanadischen Gesetzgebung zuzulassen.

Damit sich die zukünftigen Bürger im Geist des Respekts vor allen Religionen bilden, hat sich der Philosoph Charles Taylor mit Erfolg dafür eingesetzt, dass in allen Schulen der Provinz Québec allgemeine Religionskunde als Pflichtfach unterrichtet wird. Dadurch wurde der bisher übliche konfessionelle Religionsunterricht aufgehoben, er bezog sich auf den stets kleiner werdenden Kreis katholischer Schüler. In Québec wurde diese Entscheidung zugunsten der Religionskunde begrüßt. Dort sind die Bürger überzeugt: Der heutige Staat mit seiner Vielfalt der Religionen braucht einen neuen laizistischen Geist, eine offene laizistische Spiritualität.

Gilt das auch für Deutschland? Können hier die Kirchen noch das Ethos in Gesellschaft und Staat prägen? Sollte dafür nicht die biblische Botschaft herangezogen werden, etwa die Weisung Jesu von Nazareth: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist. Und gebt Gott, was Gottes ist“.

Jesus beantwortet damit die Frage, ob der römische Kaiser Steuern auch von den jüdischen Bewohnern in Judäa verlangen dürfe. Später wurde dieses Wort Jesu als Aufforderung verstanden, die weltliche Macht mit der gleichen Bedeutung zu respektieren wie Gott. Aber sind Kaiser und Gott tatsächlich von gleicher Bedeutung? Dazu der Theologe Wolfgang Huber, der viele Jahre Ratsvorsitzender der EKD war: „Mit diesem Satz Jesu ist nicht eine Gleichrangigkeit der beiden angesprochenen Sphären Weltlich und Geistlich gemeint und erst recht nicht eine beziehungslose Trennung. Vielmehr ist die Unterscheidung dieser beiden Sphären durch einen klaren Vorrang des Göttlichen geprägt“.

Regierungen können die Menschenwürde verachten und mit den Füßen treten, etwa im Faschismus und Kommunismus. Deswegen darf ein Staat niemals als oberster Wert gelten. Alle Bürger müssen sich an „etwas Höheres“ binden: Wer aber Gott als ein Symbol absoluter Menschlichkeit über alles stellt, will damit gerade nicht die Vorherrschaft der Kirchen fördern. Vielmehr soll das Göttliche im Menschen ausschlaggebend sein, und dies ist die göttliche Stimme im Gewissen, sie gilt absolut. Das Gewissen erschließt, was unbedingt in Staat und Gesellschaft zu gelten hat, Wahrheit und Gerechtigkeit.

Von dieser Basis aus kann eine laizistische Spiritualität entwickelt werden. Sie stellt heraus, dass jeder Mensch an sein Gewissen gebunden ist. Darin zeigt sich die vernünftige Autonomie eines jeden Menschen, seine Fähigkeit, selber frei zu entscheiden. Die Menschenrechte haben keinen anderen Sinn, als diesen absoluten Wert zu erklären und zu schützen. Diese von vielen Philosophen geteilte Erkenntnis wird jetzt vertieft durch eine Studie des weltweit geschätzten Sozialphilosophen Hans Joas. Sein neuestes Buch hat den durchaus provozierenden Titel „Die Sakralität der Person“. Alle Staaten und Gesellschaften, so Hans Joas, sollten sich an die Menschenrechte wie an etwas Heiliges gebunden wissen. Jeder Bürger sollte den Menschenrechten mit tiefer Hochachtung und emotional geprägtem Respekt begegnen. Denn in den Menschenrechten wird die absolute Unantastbarkeit aller Menschen unterstrichen, es wird für den absoluten Wert eines jeden plädiert, also für die Sakralität der Person.

Diese ungewöhnliche Qualifizierung der Person befreit die Bedeutung des Sakralen aus den exklusiv religiösen Zusammenhängen. Sakral, heilig, ist der absolut zu respektierende Wert der Menschseins.

Damit hat die laizistische Spiritualität eine innere Mitte gefunden. Sie kann die gemeinsame Basis sein für Glaubende aller Religionen wie auch für Skeptiker und Atheisten. Aber diese Spiritualität muss alle Bemühungen stärken, auf politischer und vor allem rechtlicher Ebene voran zu kommen.

Diese Aufgabe kann heute in Europa nicht mehr allein auf nationaler Ebene gelöst werden. Darauf hat der Europarat in Straßburg mehrfach hingewiesen. Vor vier Jahren hat er ein Dokument zur religiösen Vielfalt Europas publiziert.
Die Laizität, so wird im Europarat betont, hat zwar französische Wurzeln, aber sie ist und bleibt von weltweiter Bedeutung. Der französische Soziologe und protestantische Theologe Jean – Paul Willaime hat an dem wichtigen Dokument des Europarates mitgearbeitet, er betont: „Über alle nationalen Besonderheiten hinaus ist diese Laizität auf europäischer Ebene weder antireligiös noch proreligiös. Sie erlaubt vielmehr den Mitgliedern aller Religionen und Weltanschauungen, sich ohne exklusive Ansprüche am öffentlichen Leben zu beteiligen. Unverzichtbar sind Gewissensfreiheit, moralische Gleichheit aller Bürger und Trennung von Kirche und Staat“.

Nur der demokratische Rechtsstaat kann den Respekt vor der Würde jedes Menschen garantiert. Er garantiert auch die freie Ausübung jeglicher Religion – unter der Voraussetzung, dass jede einzelne Religion aus Überzeugung und nicht bloß aus Taktik den demokratischen Staat als einzigen Gesetzgeber hochschätzt. So einfach also ist die Laizität im 21. Jahrhundert zu beschreiben. Mühsam ist der Weg, sie auch weltweit durchzusetzen.

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Literaturhinweise:
Jean Baubérot, Laicité 1905- 2005. Entre passion et raison. Editions du Seuil, Paris, 2004, 281 Seiten.

Jean Baubérot, La laicité à l épreuve. Religions et lobertés dans le monde. Universalis edition, Paris, 2004, 188 Seiten.

Jean Paul Willaime Le retour du religieux dans la sphère publique. Editions Olivétan, Lyon, 2008. 110 Seiten.

Jocelyn Maclure und Charles Taylor, Laizität und Gewissensfreiheit, Suhrkamp Verlag 2011, 146 Seiten.

Hans Joas, Die Sakralität der Person. Eine Genealogie der Menschenrechte. Suhrkamp Verlag, 2011, 303 Seiten.

Wolfgang Huber, Staat und Religion. Vortrag im Berliner Kammergericht am 16. 9.2010. erreichbar unter: 100916.Staat-Religion.Kammergericht.doc