Wenn Gott fehlt. Martin Walsers Klage über den abwesenden Gott.

Wenn Gott fehlt
Martin Walsers Klage über den abwesenden Gott
Von Christian Modehn

Über neue Arbeiten von Martin Walser wird jetzt auch theologisch debattiert. In „Muttersohn“ und „Über Rechtfertigung, eine Versuchung“ gesteht Walser seine eigene Ohnmacht, „nicht glauben zu können“.
Zum Hintergrund: Schon seit seinen frühen literarischen Äußerungen lässt ihn die Frage nach Gott und Religion nicht los (schon in „Halbzeit“, 1960).Jetzt wird der Ton deutlicher, fordernder. Walser möchte so dringend an Gott glauben, aber er kann es nicht. Ihm fehle die Gnade, sagte er. Ein erfolgreiches menschliches Bemühen, die Nähe des göttlichen Geheimnisses zu erreichen, schließt er aus. Denn Walser liebt Augustin, die Reformatoren Luther und Calvin, Kierkegaard und den frühen Karl Barth („er ist für mich eine Erweckung“) über alles. Diese Herren – immer noch sehr einflussreich in den Kirchen – erklärt er zu seinen ausschließlichen Meistern, nicht etwa Theologen, die die Freiheit des Menschen noch hochschätzen. Und die durchaus zeigen könnten, dass der Mensch von sich aus in seinem Geist, in seinem Leben und Lieben, Gott nahe ist: Man denke etwa an die Beiträge Karl Rahners oder Paul Tillichs. Die ganze furchtbare Last der Erbsünde, des völlig zerstörten und „gefallenen“ Menschen, schlägt bei Walser durch. Liberale Theologie könnte hilfreich sein, aber Paul Tillich nennt er „ein abschreckendes Beispiel“. So ist Walser also förmlich eingezwängt in die klassische Gnadentheologie (des frühen Barth zumal), da wird es eine Last, wenn nicht eine Qual, überhaupt die Nähe Gottes zu spüren.
In dem neu erschienen Buch „Was fehlt, wenn Gott fehlt“ setzen sich neun Theologen, darunter eine einzige Frau, die katholische Theologin Elke Pahud de Mortagnes (Freiburg i. Br.), mit Walsers neuestem religiösen Leiden auseinander. Zu Recht schreiben sie, dass die Fixierung auf den frühen Barth des Römerbriefes in gewisser Weise eine Begrenzung ist, hat doch der spätere Barth seine radikale Dialektik selbst aufgeben müssen. Da sind die Ausführungen des Wiener Theologen Ulrich H.J. Körtner aufschlussreich. Er weist zudem darauf hin, dass Walser offenbar die theologischen Werke nicht als Theologie, sondern „als Romane liest“ (S. 131).
Natürlich muss man Walsers Weg respektieren. Aber in meiner Sicht sollte der Leser gewarnt sein: Die dialektische Theologie ist keineswegs das non plus ultra, im Gegenteil. Walser selbst springt in meiner Sicht einmal aus seiner Bindung an den absolut gnadenvoll erwählenden Gott heraus, wenn er die Erfahrung der Schönheit über alles lobt: „Darin ist die Abwesenheit von Rechtfertigung weniger spürbar“. Walser schreibt aber weiter: „Etwas schön zu finden, ist mehr als ein Ersatz für das, was fehlt. Es ist eine mich übersteigende (!) Fähigkeit, dass ich etwas schön finden kann“. Also hat der Mensch diese ihn übersteigende Fähigkeit gar nicht von sich aus? Ist etwa jede ästhetische Erfahrung schon wieder ein Gnadengeschenk, das dem einen versagt, dem anderen erschlossen ist. Ist die ganze Kunst – und Kulturwelt dann etwa ein Gnadengeschehen? Wer würde im Ernst solches behaupten! Man spürt nur, dass Walser selbst unschlüssig ist und seine absolute Bindung an Gnade irgendwie nicht „durchhalten“ kann. Diese Bindung ist ohnehin – in meiner Sicht – ein kaum auszuhaltendes schweres und trauriges Schicksal. Walser sollte fragen: Will Gott, dass wir traurig und völlig unfähig sind „ihm“ gegenüber? Will er den Menschen wertlos machen, damit ER um so mehr glänzen kann? Wenn sich dagegen Atheisten auflehnen, haben sie wohl recht. Aber es gibt (liberale) christliche Positionen, die den Menschen als Menschen hochschätzen und ehren und von permanenter Trauer befreien.
Davon ist in dem Buch „Was fehlt, wenn Gott fehlt“ nicht so deutlich die Rede. Die Autoren folgen eng den Walserschen Gedanken, bis dahin, dass etwa der Wiener Theologe Jan – Heiner Tück (S. 8) fragt, ob nicht die Theologie neu bestimmen sei, nicht nur Rede von Gott, sondern auch Rede zu Gott und Rede mit Gott zu sein. Ich frage: Theologen können ja – privat – große Beter sein, wie gefordert wird. Aber falls Theologie in Deutschland und Österreich an den Universitäten bleiben möchte, ist sie doch wohl Wissenschaft, als distanzierende, um Objektivität bemühte Wissenschaft. Sie wird in der nötigen kritischen Distanz auch zur Kirche betrieben. Wie kann an diesem Ort der Universität Theologie noch kniend und betend betrieben werden? In privaten Klosterschulen wurde und wird vor den theologischen Vorlesungen gebetet, geht das an Universitäten?
Walser versteht sich – gerade als ein nicht Begnadeter – doch immer weiter als Suchender. Er kritisiert von da aus einen in sich verschlossenen Atheismus, der a priori meint, absolut recht zu haben und sozusagen auf der Spitze der Weltevolution sich zu bewegen. Walser hält dagegen: „Wer sagt, es gebe Gott nicht, und nicht dazu sagen kann, dass Gott fehlt, und wie er fehlt, der hat keine Ahnung. Einer Ahnung allerdings bedarf es“, schreibt er in „Über Rechtfertigung“.
Interessant auch wieder dieses Eingeständnis. Wenn er meint, diese „Ahnung“ gehöre offenbar zum Menschen als Menschen, dann sollte man doch meinen, dass diese Ahnung „wesentlich“ den (immer transzendierenden) Geist ausmacht. Walser möchte wohl fragen: Kann denn ein Atheist ernsthaft Gott ablehnen, wenn er nicht wenigstens ahnungsweise wüsste, wer oder was Gott ist. Aber genau da beginnen die Probleme: Welchen Gott haben dann die Atheisten“ ahnungsweise“ vor Augen? Den abweisenden Gott der dialektischen Theologie, den moralischen Gott der katholischen Ethik, den manchmal so lächerlichen, manipulierbaren Gott der (katholischen) Volksreligionen? Darüber wäre ein Disput sinnvoll. Es gibt bekanntlich in der christlichen Glaubenswelt (auch in den Theologien) viele verschiedene christliche „Götter“.
Im übrigen empfehle ich dringend den auch sprachlich schönen Text der Theologin Elke Pahud de Mortagnes „Einfach nur lieben. Briefe an Martin Walser“ (S. 39 – 45). Der Beitrag führt aus den rationalen Verklammerungen heraus. Darin heißt es u.a. in poetischen Formulierungen:
“Es gibt Menschen, die auf meinen Weg gestellt sind. Die sind keine Romanfiguren.
Die sind…
Die sind einfach. Was sie sind.
Diese Menschen auf meinem Weg sind mein Gericht. Und Gottes Rechtfertigung“ (S. 44).
Das sind Menschen, die „einfach nur lieben“.
Man würde sich gern weitere ähnliche Texte von dieser Theologin wünschen. Da kommen ein neuer Ton und eine neue Aussage in das ansonsten manchmal so ängstliche, deswegen oft auch langweilige theologische „Geschäft“.

Jan-Heiner Tück (Hg.): Was fehlt, wenn Gott fehlt? Martin Walser über Rechtfertigung –theologische Erwiderungen. Herder.144 Seiten. 16, 99 €

Copyright: Christian Modehn und Religionsphilosophischer Salon Berlin

Eine große Weite des Denkens: Liberale Theologie als Impuls, vernünftig zu glauben

Große Weite des Denkens
Die liberale Theologie ermutigt die Menschen, sich die eigene religiöse Erfahrung von niemandem nehmen zu lassen, auch nicht von den Kirchen. Den Abschied von alten Dogmen eingeschlossen
Von Christian Modehn

In der empfehlenswerten Zeitschrift „Publik – Forum“ erschien im Juli 2013 ein kleiner Essay, der auf die lange Zeit eher selten beachtete liberale Theologie aufmerksam machte. Dieser Beitrag ist keine theologiegeschichtliche Studie. Sondern der Versuch, angesichts der tief greifenden Umbrüche im religiösen Bewusstsein sehr vieler, vor allem nachdenklicher und kritischer Menschen darauf hinzuweisen: Es gibt eine Form der Spiritualität und des christlichen Glaubens, die sich von belastenden Vorgaben der Dogmatik, der rigiden Morallehre von Dogmatikern und Herren der Kirche befreien kann. Es gibt also eine christliche Spiritualität, die wieder das Elementare pflegt und den Glaubenden wirklich alle Freiheit zutraut, die je eigene Gestalt des Glaubens zu suchen und zu leben. Nur der je – eigene Glaube, kritsich reflektiert und verantwortet, kann „authentisch“ sein.
Dieser Beitrag hat unter dogmatisch orientierten (katholischen) Theologen etliche Kritik hervorgerufen, es wurde mir sogar „Beliebigkeit“ unterstellt, wobei dann der Beitrag selbst offenbar gar nicht gelesen wurde. Es gibt aber auch sehr viele ermunternde Stellungnahmen, sie machen deutlich: Die Sehnsucht nach einer liberalen Glaubensform ist auch in Deutschland da, die Glaubenden wollen nicht länger alte Formeln nachsprechen, sie wollen argumentativ verstehen, wie das Göttliche sich in ihnen selbst zeigt, sie wollen auch im Denken und Fühlen frei sein, wenn sie glauben.
Leider ist es so, dass dieser Sehnsucht nach liberal – theologischen Überzeugungen und liberal – christlichen Glaubensgemeinschaften und Kirchen in Deutschland keine kirchliche Realität entspricht. Die Kirchen sind hierzulande immer noch offiziell darauf bedacht, lieber die Dogmen von Chalzedon und Ephesus ( 4. bzw 5. Jh. ) hoch zu halten und einzuschärfen und einzupauken (nur Platoniker verstehen sie), als das Wesentliche des christlichen Glaubens freizulegen und es modern, in neuen Worten gewagt und experimentell und vielleicht auch in neuen Bekenntnissen zu formulieren. Dass diese rigide dogmatische Haltung Menschen aus den Kirchen treibt, hat sich inzwischen wohl etwas herumgesprochen.

Ich biete hier zum Nachlesen den TEXT Liberale Theologie als Glaubenshilfe:

Nicht Gehorsam, schon gar nicht Unterwürfigkeit, sondern Freiheit und Selbstbestimmung – das sind wichtige Tugenden heutiger Christen. Kein kirchenamtlicher Eingriff, keine inhaltlichen Vorgaben von oben werden diesen Wandel der Mentalität beseitigen können. Die Religiosität hat sich heute individualisiert. Damit verändert sich zugleich die gesamte religiöse Landschaft.

Wenn Christen heute ihren subjektiven Glauben absolut wichtig nehmen, dann verdanken sie diese Einsicht einer theologischen Grundhaltung, von der öffentlich bislang eher wenig die Rede ist: der liberalen Theologie. Sie inspiriert die Geister, ohne viel von sich zu reden. »Die liberale Theologie ist eine Emanzipationsbewegung, die sich gleichermaßen auf kirchliches Dogma wie auf kirchliche Institutionen bezieht. Beide werden als Machtinstrumente wahrgenommen, die die religiöse Autonomie des Einzelnen behindern«, schreibt Miriam Rose, evangelische Theologieprofessorin an der Universität Jena.

Im 19. Jahrhundert prägten dogmatisch-strenge Obrigkeiten und ihre Hof-Theologen den eher diffamierend gemeinten Titel »liberale Theologie«, um die religiöse Selbstbestimmung des Einzelnen anzuprangern. Für den unendlichen Wert der Religiosität eines jeden Menschen setzten sich im 19. Jahrhundert und zu Beginn des 20. Jahrhunderts die »Gründerväter« dieser theologischen Haltung ein: Friedrich Schleiermacher, Adolf von Harnack oder Ernst Troeltsch.

Heute ist liberale Theologie »ein offener Begriff«, wie Miriam Rose sagt, nicht etwa eine verbrämte Ideologie à la FDP oder sogenannter neoliberaler Bewegungen. Das theologische Projekt ist eindeutig: Jeder Mensch soll sich auf dem richtigen Weg wissen, wenn er seine eigene Spiritualität entwickelt und lebt. In dieser großen Weite des Denkens kommt es nicht infrage, auf festgefügten Identitäten zu bestehen und feste Grenzen zu ziehen; denn das führt letzten Endes nur zur Gewalttätigkeit.

Für den Durchbruch liberal-theologischen Denkens sorgte ein kleines Buch, es wurde vor genau fünfzig Jahren veröffentlicht: »Honest to God« (»Gott ist anders«), so sein Titel. Es wurde millionenfach verbreitet und – wie die Diskussionen zeigten – auch gelesen. Verfasst hat es der anglikanische Bischof John A. T. Robinson (1919-1983). Er löste damit eine Art religiöses Erdbeben aus. Traditionelle Gottesbilder brachen zusammen. Es wurde Raum frei für eine neue, eine ehrliche Sprache über den Unendlichen und Ewigen.
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John A. T. Robinson zeigte im Anschluss an die Theologen Paul Tillich und Rudolf Bultmann, dass Gott nicht im Jenseits zu suchen ist. Der Ewige sei vielmehr in uns Menschen als »die Tiefe der Existenz« lebendig. Viele Menschen waren davon in ihrem eigenen religiösen Gefühl längst überzeugt; sie hatten nur nicht den Mut, es auszusprechen.

In den vergangenen fünfzig Jahren hat sich immer mehr die Einsicht verbreitet: Das dogmatisch vorgestellte Gottesbild der Kirchen darf meinem eigenen nicht widersprechen. Die religionssoziologischen Untersuchungen sind deutlich: Selbst »treue« Kirchgänger können dem Dogma von der Dreifaltigkeit Gottes oder der Lehre, Jesus sei eine Person mit zwei Naturen, einer göttlichen und einer menschlichen, nicht mehr zustimmen. Nur im Falle einer Überprüfung ihres Glaubens durch kirchliche Behörden sprechen die Verdächtigten die offiziellen Bekenntnisformeln aus dem 4. Jahrhundert brav nach.

Führt die liberale Theologie zu einem Glaubensabbruch? Zu einem Zerfall kirchlicher Glaubensgemeinschaft? Nein. Die liberale Theologie kann den christlichen Glauben als elementare Religiosität sogar retten in einer Welt untergehender Kirchlichkeit. Denn an ein Ende der Kirchenaustritte ist in Deutschland wohl nicht zu denken. In Frankreich, Spanien und Portugal »vergreist« die katholische Kirche. In Skandinavien geht fast niemand mehr sonntags zum lutherischen Gottesdienst. Trotzdem gibt es die gemeinsame spirituelle Überzeugung, dass das Göttliche – wie es die Mystik aufzeigt – eine Art »Seelenfunke« in jedem Menschen ist. Der eine erlebt Gott als inspirierende Kraft, die andere fühlt, wie die Göttin ihr nahe ist; ein anderer mit Zen-Praxis bekennt: Eigentlich sei Gott namenlos, vielleicht sogar ein »Nichts«. Und alle haben recht.

Liberale Theologinnen und Theologen unterstützen die Menschen, wenn sie sagen: »Lasst euch diese Erfahrung von niemandem nehmen, aber sprecht gemeinsam darüber.« Darum bleiben Gemeinden wichtig: als »Orte des geselligen religiösen Austauschs«, wie es Friedrich Schleiermacher ausdrückte. »Liberale Theologie drängt immer darauf, dass sich die individuelle Freiheit weder mit Beliebigkeit noch mit egoistischer Selbstverwirklichung verwechseln darf. Die Freiheit kann, wo sie sich selbst richtig versteht, nur als verantwortliche und kommunikative Freiheit gelebt werden«, sagt der Berliner liberale evangelische Theologe Wilhelm Gräb. Aber in einer »liberalen Gemeinde« kann jeder und jede gleichberechtigt den eigenen Glauben darlegen in der Gewissheit, respektiert zu werden.

In einer Gemeinde der liberal-theologischen »Remonstranten-Kirche« in Holland sprach zum Beispiel kürzlich ein neues Mitglied sein persönliches Bekenntnis aus: »Ich glaube zwar nicht an Gott, aber Jesus von Nazareth ist sehr wichtig für mich.« Die Gemeinde applaudierte und erklärte: »So wie du bist, bist du willkommen.«

Natürlich können liberale Gemeinden nicht unkritisch jegliche Überzeugung gutheißen. Zurückgewiesen werden Ansichten, die die Menschenrechte verletzen. Gefordert wird Offenheit fürs (Streit-)Gespräch. Aber wenn es zum Konflikt kommt zwischen offizieller kirchlicher Lehre und persönlicher Glaubensüberzeugung, gibt die liberale Theologie der persönlichen Einsicht den Vorzug. Darin zeigt sich ihr rebellischer Geist. Die Menschenrechtserklärungen betonen, dass die Würde der Person »unantastbar und heilig« sei. Liberale Theologinnen und Theologen übertragen diese Sicht auch auf den einzelnen Glaubenden mit seiner persönlichen Religiosität.

Der liberale Theologe Wilhelm Gräb betont: »Wenn die Menschen der Gegenwart sich in den Lebensproblemen der Alten, also der Christen von einst, nicht mehr wiedererkennen, etwa in bestimmten altkirchlichen Dogmen wie der Trinitätslehre oder der Zweinaturenlehre über Jesus Christus, dann sollten Theologie und Kirche den Glauben an diese Dogmen auch nicht mehr lehren und predigen.«

Mit anderen Worten: Haben Dogmen und Lehrsätze nicht mehr die ursprüngliche Kraft, Lebensorientierung zu bieten und wirksam mit dem Göttlichen zu verbinden, dann lassen wir sie beiseite und vertrauen auf unsere eigene religiöse Erfahrung.

Diese liberale Haltung ist keine Arroganz »wild gewordener Subjektivisten«, wie die Hüter der alten Lehre polemisieren. Es wird lediglich ernst gemacht mit der Überzeugung, dass nur das, was ich vor meinem intellektuellen Gewissen vertreten kann, mir wirklich auch im Glauben weiterhilft. Alles andere wäre ideologische Indoktrinierung.
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In den offenen Gesellschaften Europas und Amerikas folgen viele Christen einer liberal-theologischen Haltung. Sie lassen sich nicht irritieren, wenn sich in Zeiten sogenannter pastoraler Neuorientierungen und »Strukturanpassungen« die Kirchen zu bürokratischen Organisationen entwickeln und mehr auf die Techniken der Managementberatung vertrauen als auf die Freiheit des Geistes. Als selbstständig Glaubende gehen sie ihren eigenen Weg.

Die Wirklichkeit Gottes können sie auch außerhalb der Gottesdienste erfahren, zumal, wenn die Liturgie sprachlich aus der mittelalterlichen Welt stammt und rituell erstarrt ist. Musik können sie als eine Sprache Gottes erleben; längst sind in vielen Gemeinden die Kantoreien beliebter als Bibelkreise. Genauso kann das Geschenk der Gnade sich auch in der achtsamen Betrachtung von Kunst ereignen. Ein Gespräch über ein Picasso-Gemälde oder eines von Casper David Friedrich kann spirituell hilfreicher sein als eine Sonntagspredigt.

Liberale Christen, die ihre eigene Glaubenserfahrung ernst nehmen, deuten die Institution Kirche mehr als eine offene Bewegung denn als eine starre Organisation. Christ kann man auf viele Weisen sein. Wer sich zum Beispiel für die Begleitung einsamer oder kranker Menschen entscheidet, aber nicht (mehr) »zur Kirche« geht, ist selbstverständlich ein vollwertiger Christ –, wobei liberale Theologinnen und Theologen freilich an solchen Wertungen keinerlei Interesse haben.

Leider sind liberale Theologinnen und Theologen sowie liberal-theologische Gemeinden eher bescheiden organisiert. Neben den Remonstranten sind in Holland auch die Mennoniten eine ausdrücklich »freisinnige« Kirche. In Frankreich hat der liberale Protestantismus eine lange Tradition, die Gemeinde L’Oratoire du Louvre in Paris ist eines seiner Zentren. In Deutschland haben es Gemeinden schwer, sich angesichts starker Kirchenbehörden ausdrücklich zur liberalen Theologie zu bekennen. Die Remberti-Gemeinde in Bremen ist eine der wenigen.

In der römisch-katholischen Kirche ist es nahezu unmöglich, offiziell und öffentlich liberaltheologische Positionen zu vertreten. Dem Theologen Karl Rahner und seiner »transzendentalen Theologie« waren liberale Gedanken nicht fremd, etwa wenn er immer wieder betonte, die Dogmen sollten als Äußerungen der subjektiven Glaubenswelt verstanden werden. Die Chancen, als Katholik zugleich liberal zu sein, steigen, je weiter die geografische Entfernung zum Vatikan ist. Die lateinamerikanische Befreiungstheologie und ihre Spiritualität etwa kann man durchaus als Ausdruck einer liberalen Theologie bezeichnen. Denn dort sind subjektive oder regionale Äußerungsformen des Glaubens akzeptiert. So ließ der Dichterpriester Ernesto Cardenal in den 1980er-Jahren die Bauern von Solentiname in Nicaragua frei aussprechen, wie sie ihren eigenen Glauben erleben: Ostern als »Aufstand« oder die Geburt des göttlichen Kindes als Erfahrung im Heute.

Die liberale Theologie und ihre Spiritualität wird an Bedeutung gewinnen. Einfach deshalb, weil sich die Kirchen in ihren angeblich ewigen Wahrheiten immer mehr einschließen und den Glauben zu einer Frage von Moral, Macht und Herrschaft verformen. Demgegenüber, sagt der Theologe Wilhelm Gräb, atmeten die Menschen auf, wenn sie hörten: »Allein schon dein Grundvertrauen, deine Lebenszuversicht ist ein Zeichen deiner Verbundenheit mit Gott.«
Copyright:christian modehn und publik – forum.

Wer zweifelt wird selig. Warum Skepsis dem Glauben hilft

Viele Interessierte, auch HörerInnen, fragen nach dem Manuskript einer Ra­dio­sen­dung mit dem Titel „Wer zweifelt wird selig“. Der Beitrag wurde im HR2 am 24. Februar 2013 und im Kulturradio des RBB am 11.August 2013 gesendet. Ich biete hier zum Nachlesen den noch ungekürzten Text; die für Hörfunkproduktionen übliche Form wurde beibehalten.

Wer zweifelt wird selig
Warum Skepsis dem Glauben hilft
Von Christian Modehn

1. musikal. Zusp., bleibt 0 07“ freistehen

1. O TON: Michael Braun, 0 20“
Fragen ist Bewegung, Antwort ist Stillstand. Das ist das ganz Entscheidende. Wenn wir aber die Antworten als Fragen verstehen, dann sind wir immer wieder auf dem Weg, Neues zu entdecken und damit auch neue Wege zu beschreiten.
1. SPR.:
Für Michael Braun kann menschliches Leben nur gelingen, wenn dem Fragen keine Grenzen gesetzt werden und zweifelnde Unruhe den Geist bestimmt. Als Philosoph meint er nicht das eher banale, alltägliche Fragen, etwa nach der Uhrzeit oder dem Wetter. Wer philosophisch fragt, geht in die Tiefe, immer auf der Suche nach seiner Wahrheit, die seinem Leben einen Sinn geben kann. Als praktischer Philosoph in Berlin begleitet Michael Braun Menschen, die sich aus ihrer alltäglichen Routine befreien wollen und eine neue, eine geistvolle Lebendigkeit wünschen. Der philosophische Fragen, der Zweifel, kann sie dorthin führen:
2. O TON, Michael Braun, 0 29“
Das Fragen selbst ist auch eine Form der Orientierung: zu wissen dass, der Boden, den man gewonnen hat, kein Boden ist, auf dem man sich immer absolut sicher sein kann, sondern den man auch neu hinterfragen muss. Denn wir sind nun einmal Menschen und es ist eine irrige Vorstellung, wenn wir glauben, wir könnten über das, was uns umgibt, wie wir leben, klare Antworten, unumstößliche Antworten finden.
2. SPR.:
Viele Menschen sind schon froh, wenn sie eine geistige Basis oder einen inneren Halt finden, der sie für ein paar Jahre glücklich leben lässt. Aber diese Antworten zeigen sich nicht „blitzartig“ und unmittelbar, sondern erst nach einem langen Prozess des beständigen Prüfens. Es ist das Pro und Contra, das Hin und Her, in dem sich die Gewissheiten zeigen, die das Leben ermöglichen und letztlich „tragen“. Diese existentielle Sicherheit muss vom einzelnen mit langem Atem und viel Geduld förmlich „erarbeitet“ werden, betont der Philosoph Michael Braun: ,
3. O TON, Michael Braun, 0 49“
Skepsis meint nichts anderes, wie das immer wieder neue Betrachten einer Sache von allen Seiten. Also ständig die Perspektiven auf etwas zu wechseln. Und das ist, glaube ich, etwas ganz Zentrales, was man sehen muss, dass wir immer in unserer Sicht auf die Dinge eine Richtung haben. Und
wenn wir diese eine Richtung immer verfolgen, dann lernen wir eine Sache niemals von einem anderen Standpunkt aus kennen. Also sind wir, wenn wir der Welt näher kommen wollen, eigentlich aufgerufen, eine Sache von so vielen wie möglichen Seiten zu betrachten und zu sehen, wie sie sich dort für uns darstellen, ohne sie festzustellen. Insofern würde ich sagen, dass die skeptische Haltung eine ganz zentrale Lebenshaltung ist.
1. musikal. Zusp., noch einmal 0 07“ freistehen lassen.
1.SPR.:
Erst seit dem 16. Jahrhundert wird Skepsis als eine individuelle Lebenshaltung weiterer Kreise betrachtet. Im antiken Griechenland bildeten Skeptiker nur eine kleine Gruppe radikaler Denker: Sie zweifelten an jeglicher Erkenntnis und fühlten sich deswegen auch von jeder Entscheidung befreit, weil ja „alles gleichgültig“ erscheint. Auf diese Weise glaubten sie, gleichsam über allen Erkenntnissen schwebend, ihre seelische Ruhe, die Ataraxía, zu erlangen.
2.SPR.:
In der Neuzeit mussten skeptische Denker um ihr Leben bangen, wenn sie öffentlich ihre Meinung äußerten. Descartes, der aus Frankreich stammende Philosoph, konnte erst im liberalen Holland seine Einsicht publizieren, dass erst der methodische Zweifel an allen Traditionen zur letzten Gewissheit führt. Immanuel Kant wollte Ende des 18. Jahrhunderts den Autoritäten in Staat und Religion nicht länger zugestehen, für alle bedeutsamen Fragen über die einzig mögliche Antwort zu verfügen. Als Philosoph der Aufklärung zweifelt Kant auch an der religiösen Begründung ethischer Gebote, berichtet der katholische Theologe und Philosoph Professor Michael Bongardt:
4. O TON, Michael Bongardt, 0 38“,
Für Kant ist es keine Begründung einer Regel zu sagen: Die hat Gott gesetzt. Ein göttliches Gebot können wir ohnehin nicht als solches erkennen. Wer kann uns mit Sicherheit sagen, dass ein Gebot von Gott kommt und nicht von Menschen erfunden ist, die dann halten sagen: Es kommt von Gott. Aber, so sagt Kant sehr selbst bewusst: Selbst wenn es ein göttliches Gebot wäre, wären wir verpflichtet, nur das zu tun, was wir selber kraft eigener Vernunft für gut halten.
1.SPR..
Kant hat die Menschen gelehrt, voller Stolz der eigenen Vernunft zu folgen. Denn sie zeigt im Fragen und Zweifeln ihre belebende und durchaus reinigende Kraft. Sie löst das naive Denken auf, befreit vom „Kinderglauben“. Prüfe die Dogmen und gehe dann deinen Weg, lehrte Kant. In dieser Haltung können heute skeptische Philosophen Jesus von Nazareth schätzen lernen und als ein Vorbild anerkennen, betont Michael Braun:
5. O TON, Michael Braun, 0 30“.
…weil Jesus eigentlich auch auf eine gewisse Art und Weise nichts anderes getan hat als skeptisch zu sein gegenüber dem, was ihm in seiner Welt begegnet ist; ob es für die Lebensvollzüge der Menschen Sinn macht. Und der dann seinen eigenen Stil gefunden hat. Aber eben nicht so gefunden hat, dass er absolut festgeschrieben ist, sondern dass er eine Möglichkeit des immer wieder neuen Betrachtens alter Gesetze eröffnet hat.
1. SPR.:
Aber Zweifel und Skepsis konnten und wollten die Kirchenführer nicht als Tugenden anerkennen. Sie forderten schon seit Jahrhunderten die Gläubigen auf, das „Opfer des Verstandes“ zu bringen, wenn sie fromm sein wollten. Alle Gestirne drehten sich um unsere Erde, behaupteten die religiösen Führer und verbrannten eher Wissenschaftler auf dem Scheiterhaufen als selber kritisch zu fragen und zu forschen. Die Bücher von Descartes wurden auf den Index verbotener Texte gesetzt.
2. SPR.:
Bis ins 18. Jahrhundert war es untersagt, die einzelnen Bücher der Bibel als literarische Zeugnisse einer vergangenen Kultur zu lesen und mit wissenschaftlichen Methoden kritisch zu befragen. Dabei hatte es sich längst herumgesprochen: Nicht alle so genannten Paulusbriefe des Neuen Testaments hat der Apostel Paulus selbst verfasst. Und wenn Maria, die Mutter Jesu, Jungfrau genannt wird, muss man nicht an eine biologische Jungfräulichkeit denken. Theologen wollten seit dem 19. Jahrhundert als Wissenschafter an den Universitäten respektiert werden. Deswegen mussten sie die stets fragende, die skeptische Haltung des Forschers übernehmen. Ein naives und wortwörtliches Ernstnehmen eines Bibelverses ist nicht mehr möglich, betont Jens Schröter von der evangelisch – theologischen Fakultät der Berliner Humboldt Universität:
6. O TON, Jens Schröter, 0 56“.
Ich denke, dass es fundamental ist für jede Art von Überzeugung philosophischer oder religiöser Überzeugung, dass sie sich selber hinterfragt, dass sie ihre Grundlagen auf den Prüfstand stellt, um eine wirklich fundierte intellektuell und ethisch auch belastbare Position zu gewinnen. Und das ist für die Theologie sehr wichtig. Deshalb ist auch die akademische Theologie für die Kirche so wichtig, weil sie genau dieses tut: Sie stellt immer wieder die entscheidenden Fragen, wie der christliche Glaube sich in einer bestimmten Zeit so äußern kann, dass es überzeugend ist und dazu muss er auch immer die Fragen nach seinem eigenen Fundament in uneingeschränkter Weise zulassen. Deswegen kommt der Frage und der Skepsis in der Theologie eine ganz grundlegende Funktion zu.
1. SPR.:
Was heute selbstverständlich klingt, ist tatsächlich eine Revolution des Denkens: Der Vernunft in ihrem Prüfen und Fragen wird zugetraut, die Bedeutung religiöser Texte verständlich zu machen. Aber es klingt bei vielen frommen Leuten doch noch immer wie eine unerträgliche Provokation, wenn Theologen sagen: Die menschliche Vernunft des Wissenschaftlers ist imstande, den religiösen Bereich erschließen. Heftige Vorbehalte dagegen gibt es vor allem in der Orthodoxie und im Katholizismus. Und evangelikale Kreise in Amerika lehren auch heute: „Die Welt wurde in 6 Tagen erschaffen“. Viele Gläubige fühlen sich in Gott nur geborgen, wenn sie sich fraglos an die amtlich vorgegebenen Lehren klammern, wie Bruno Caldera, ein „Laien – Missionar“ der katholischen „Neokatechumenalen Gemeinschaft“, freimütig bekennt:
7. O TON, Bruno Caldera., 0 14“
Unsere Theologie ist der Katechismus der katholischen Kirche. Gott ist derjenige, der uns lehrt, derjenige, der uns Antwort gibt. Ich bin der Meinung, dass Gott da ist, um uns Antworten zu geben.
2. SPR.:
Die Neokatechumenalen gehören zu den so genannten „neuen geistlichen Gemeinschaften“; sie sind stolz darauf, ihren Glauben von skeptischen Fragen möglichst freizuhalten. Darum binden sie ihr Denken gern an eine Institution, die ihnen unwiderruflich klar „die“ Wahrheit vorgibt, betont Pater Klaus Einsle vom Orden der „Legionäre Christi“:
8. O TON, Klaus Einsle, 0 30“.
Wir wissen, dass Christus die Kirche gegründet hat mit einer bestimmten Struktur, mit einer bestimmten Hierarchie und diese Hierarchie ihre Funktion hat. Und in dem Sinn haben wir ein ganz krampfloses und positives Verhältnis zum Papst, den Christus bewusst eingesetzt hat. Und die Kirche ist für uns das Lehramt und die Bischöfe, die in Einheit mit dem Lehramt sind. Da würde ich sagen, dass unsere Denkart sehr die des Lehramtes ist.
1. SPR.:
Die Kirchenführung ist stolz auf diese Gemeinschaften, hat der katholische Theologe Ferdinand Kerstiens beobachtet:
21. O TON, Ferdinand Kerstiens, 0 18“
Solche Gruppierungen sind immer bei der Hierarchie beliebt, weil sie keine Schwierigkeiten machen, weil sie keine kirchlichen Strukturen in Frage stellen, weil sie keine kirchlichen Gesetze in Frage stellen, weil Sachen wie Zölibat und Priestertum der Frau und solche Fragen bei ihnen nicht diskutiert werden.
2. musikal. Zusp., 0 07“ freistehen lassen.
1. SPR.:
Aber sind Zweifel und Gottesglaube einander tatsächlich so fremd? Kann es denn der Würde des Menschen entsprechen, die eigene Vernunft zu verabschieden, wenn man religiös sein will? Heute gehen weltweit glaubende Menschen ihren eigenen Weg: Sie fühlen sich dabei in guter Gesellschaft und berufen sich auf einzelne Aussagen der Tradition, etwa auf den Apostel Paulus. Er hat seine Gemeinde in Thessaloniki ausdrücklich ermahnt:
2. SPR.:
„Prüfet alles, das Gute behaltet“.
1.SPR.:
Und manche Theologen sehen sogar in dem Mönch und Wüstenbewohner Evagrius Ponticus aus dem 4. Jahrhundert einen Bundesgenossen, er lehrte:
2.SPR.:
„Sei ein Türhüter deines Herzens und lass keine Gedanken ohne eigene Befragung herein.“
1. SPR.:
Es ist ein Trend in der weiten christlichen Ökumene, wenn heute Gläubige den Zweifel und die Skepsis als spirituelle Tugenden entdecken. Diese Christen wissen: Nur konsequentes Fragen und Suchen führt zum Kern, zum Mittelpunkt, des religiösen Glaubens. Der katholische Theologe Paul Michael Zulehner aus Wien betont:
9. O TON, Paul Zulehner, 1 07“.
Wir müssen weg von unseren alten, bekannten abgedroschenen Aussagen und von dem, was wir für richtig gehalten haben, auch weg von der Macht versessenen Kirche, als wären wir diejenigen, die das Heil der Menschen in der Hand haben. Die Dogmen sind im Grund genommen wie die Laternen, die uns auf dem Weg durch die dunkle Nacht leuchten und nur Betrunkene halten sich daran fest, hat Karl Rahner mal ein bisschen salopp über die Dogmen gesagt. Also, sie sind gut, aber sie sind kein Ersatz des Glaubens und für das Leben.
Und Glaubenlernen heißt Fragen lernen, sich selber in Frage zu stellen. Ich hab einmal gesagt, wenn wir mal Zeit haben, machen wir einen Katechismus, der nur aus Fragen besteht. Und das Eigentliche der Evangelisierung heute ist nicht das Drucken von Weltkatechismen. Im Grunde genommen müsste es so sein, dass die Menschen wieder die richtigen Fragen zu stellen lernen. Und ich glaube: Das geht nur, wenn der Mensch radikal frei ist, also im Zustand des Risikos lebt, das ist der Akt des Zweifels.
1.SPR.:
Skeptiker stellen Fragen, die in die Tiefe gehen und dabei Wichtiges von Zweitrangigem trennen. Nur als Skeptiker können Gläubige prüfen, ob sie tatsächlich den Unendlichen und Ewigen meinen, wenn sie von ihrem „lieben Gott – Vater“ sprechen. Sie distanzieren sich also von ihren frommen Vorstellungen und bloß erbaulichen Bildern, die sie im Laufe des Lebens wie eine Selbstverständlichkeit herausgebildet haben. Darauf weist der evangelische Theologe und Psychotherapeut Günter Funke aus Berlin hin:
10. O TON, Günter Funke, 0 23
Ich glaube: Halte nicht zu sehr an deinen Vorstellungen fest, denn viele Menschen haben sehr viel Lebendigkeit ihren Vorstellungen geopfert. Und natürlich, wenn ich irgendwo mal beginne, Lebendigstes für Vorstellungen zu opfern: Dann werden die Vorstellungen damit überhöht, sie bekommen einen Stellenwert, den die biblische Tradition Götzen nennt.
2. SPR.:
Mit methodischem, konsequenten Fragen und Zweifeln können die „Götzen“ vertrieben werden: Die naive Überzeugung etwa, dass Gott immer auf meiner Seite steht und mir zu Diensten ist oder das Gefühl, dass er gerade mir Erfolg, Macht und Einfluss garantiert; dass Gott mich eigens erwählt hat, in diesem wohlhabenden Teil der Erde zu leben und so weiter: Im kritischen Zweifel kann „der liebe Gott“ nicht länger der „himmlische Garant“ aller meiner Wünsche bleiben:
11. O TON, Günter Funke, 0 35“
Eine Gotteserfahrung ist immer auch eine Erschütterung. Was wird erschüttert? Es wird zunächst einmal erschüttert mein bisheriges Wissen oder, wir können es auch so sagen, meine bisherigen Vorstellungen von etwas, was ich für Gott gehalten habe. D.h.: Eine elementare Gotteserfahrung führt immer zu einem Nullpunkt. Im Grunde wird mir ein Halt in der Welt genommen. Und eine Gotteserfahrung ist ein innerer Bildersturm. Also: Dieses nicht mehr wissen, wer Gott ist, ist Glaube.
2. musikal. Zusp., 0 07“ freistehend.
1. SPR.:
Erst wenn im Bildersturm die selbst gemachten Gottesvorstellungen verschwinden, kann der Glaube des einzelnen authentisch werden. Aber lässt sich in dieser skeptisch – frommen Haltung auch Gemeinde bilden? Können sich suchende Menschen mit ihren Zweifeln sonntags zum gemeinsamen Gottesdienst versammeln?
2. SPR.:
Eine protestantische Kirche in Holland hat sich für diesen Weg entschieden: Seit 400 Jahren treffen sich Zweifler und Skeptiker in der Kirche der Remonstranten, sie ist Mitglied im Ökumenischen Weltrat der Kirchen. Remonstrance bedeutet Einspruch, auch Widerspruch: Remonstrantische Protestanten widersprechen der Vorherrschaft uralter Dogmen! Sie wollen zuerst der Menschlichkeit Jesu von Nazareth entsprechen, betont der aus Deutschland stammende Pfarrer Reinhold Philipp von der Remonstranten – Gemeinde in Den Haag:
12. O TON, Reinhold Philipp, 0 49“
Jeder ist willkommen. Und ich denke, dass bei uns nicht einer sagt: So ist es! Ich denke, dass wir miteinander auf der Suche sind. So erfahre ich die Gottesdienste, die Gesprächsgruppen. Niemand weiß genau: Das ist der Weg, so müssen wir gehen. Sondern im Gespräch, im Austausch der Gedanken, lernen wir voneinander und gehen wir miteinander den Weg. Wir haben neulich noch ein neues Mitglied begrüßt. Inzwischen hat sie eine wichtige Funktion sogar im Kirchenrat, und sie hat ihr Glaubensbekenntnis in einem Gottesdienst ausgesprochen. Und fängt damit an: Ich glaube eigentlich nicht an Gott, aber: Jesus spielt mir eine wichtige Rolle als Vorbild. Aber es wurde akzeptiert, da ist viel Offenheit.
1. SPR.:
Auch im Katholizismus bilden sich Gemeinden der Skeptiker und Zweifler: Eine entsprechende Pfarrei leitet der Theologe Tomás Halík in Prag. Er ist auch in Deutschland als theologischer Autor hoch geschätzt, etwa wegen seines Buches „Nachtgedanken eines Beichtvaters“. Haliks Publikationen sind von seiner Gemeindepraxis in der Prager „Salvatorkirche“ inspiriert.
13. O TON, Tomas Halik, 0 31“.
Ich möchte diese Leute begleiten auch als ein Suchender; auch mein Glaube ist immer ein Weg. Und ich versuche, immer tiefer und tiefer zu gehen. Aber Christentum, das ist keine billige Sicherheitslehre. Das ist eine Herausforderung, mit dem Geheimnis zu leben, das ist nicht leicht. Und auch durch die Krisen und Nächte durchgehen, das ist immer ein Weg zur Reife.
1. SPR.:
Wer im Einklang mit seiner Vernunft, also „reif“, glauben will, entwickelt die Kraft der Unterscheidung. Für Tomas Halik ist einzig und allein entscheidend das göttliche Geheimnis, das alles Gründende, die letzte Dimension, die von den Menschen nur berührt, niemals aber gefasst oder definiert werden kann. Von diesem „abgründigen Grund“ allen Lebens sind viele Menschen bewegt, selbst wenn sie sich ungläubig oder atheistisch nennen, hat Tomas Halik beobachtet:
14. O TON: Tomas Halik, 0 38“
Ich kann mit einigen so genannten Ungläubigen sehr gut verstehen und mit einigen Gläubigen nicht. Also Glaube ist etwas tiefer als eine Überzeugung, eine Ideologie. Und es mag so sein, dass für einige ihr Glaube sitzt nur in diesem Bewusstsein! Wenn sie Menschen besser kennen, sie spüren, dass sie haben ein verschlossenes Herz und ihr Glaube ist nur oberflächlich.
1. SPR.:
Tomas Halík liebt deutliche Worte: Suchen und Zweifeln ist für ihn nichts Geringeres als ein göttliches Gebot! Er beruft sich dabei auf eine Weisung des Apostels Paulus. Von ihm überliefert die Apostelgeschichte diese Worte:
2. SPR.:
Gott ist derjenige, der allen Menschen das Leben und den Atem und alles gibt. Er, der Schöpfer, will, dass die Menschen Gott suchen, ob sie ihn ertasten oder finden könnten.
1.SPR.:
Für Tomas Halik ist dieser Text so entscheidend, dass er in seinem Buch „Geduld mit Gott“ mit einem dicken Ausrufezeichen noch hinzufügt:
2. SPR.
Das ist eine starke Behauptung: Der Sinn der Schöpfung ist das religiöse Suchen!
1. SPR.:
Fragen, Suchen und Zweifeln werden heute als ein göttliches Geschenk, ein „Charisma“, erlebt. Denn sie halten den Geist lebendig halten und damit dem Menschen die nötige Vitalität schenken. Diesen bewegenden, Unruhe stiftenden Geist entdeckt Halik auch außerhalb der christlichen Konfessionen:
15. O TON, Tomas Halik, 0 33“
Ich bin überzeugt, dass heute die Grenze ist nicht zwischen den Gläubigen und Nichtgläubigen. Aber zwischen Suchenden und Verbleibenden. Es gibt die Gläubigen, die sind ganz zufrieden mit ihrer Situation und Weg. Es gibt auch die Atheisten, die sind ganz zufrieden. Es gibt auch die Zweifelnden, die sind mit den Zweifeln zufrieden, und die sind nicht imstande, über ihre Zweifel zu zweifeln.
1. SPR.:
Am Zweifel zweifeln können: In diesem merk –würdigen Satz hat die skeptische Spiritualität ihren Mittelpunkt. Denn die Einsicht drängt sich auf: Mit dem Zweifeln wird das Denken gerade nicht beendet! Zweifeln führt gerade nicht in die Verzweiflung! Der Zweifel ist nicht der Schlusspunkt geistigen Lebens, weil sich die Menschen ihre Skepsis noch einmal gedanklich beziehen können und dabei entdecken: Es ist ja der Geist selbst, der unseren Zweifel trägt und erst ermöglicht. Es wird erlebt, dass der Geist größer und umfassender ist als Zweifel und Skepsis. Fragen, Suchen und Zweifeln sind also nichts als die Lebensformen des Geistes. Auf diese Erkenntnis bezieht sich der Berliner protestantische Theologe Professor Wilhelm Gräb:
16. O TON, Wilhelm Gräb, 1 05“
Der Zweifel, der in Wahrheit auf den Glauben geht, das sind diese Erfahrungen, in denen mein Lebenssinn sich mir verdunkelt, wo ich unsicher darüber werde, ob ich auf dem richtigen Weg bin, wo sich mir Erfahrungen der Verlorenheit und eben einer tiefen Selbstverunsicherung einstellen, wo ich revoltiere: Das sind die Situationen also existentiellen Zweifels. Das sind die Kämpfe, in die es einzutreten gilt, gewissermaßen zu einer Erneuerung derjenigen Lebensgewissheit zu finden, die mich ja nicht gänzlich verlassen hat. Also ich mich dessen zu erinnern beginne, was doch auch gut war in meinem Leben und auch jetzt noch mir Freude zu machen in der Lage ist. Also das Positive dann auch wieder zu sehen. Da kann auch die biblische Tradition wichtig werden als ermutigende Ansprache, als Zusage.
1. SPR.:
Denn Christus hat seiner Gemeinde zugesagt, dass der heilige Geist alle in die Wahrheit einführt, wobei einführen oder einweisen als ein Prozess, als ein Geschehen zu begreifen sind:
17. O TON, Wilhelm Gräb, 0 45“.
Die Rede vom Hl. Geist legt sich theologisch immer genau dann nahe, wenn wir eben in die Beschreibung solcher Erfahrung einzutreten versuchen, die an uns geschehen; für die wir uns zwar vorbereiten, auf die wir uns einstellen können, aber deren Gelingen wir nicht in der Hand haben.
Das alles sind alles Auslegungen, dieses uns tragenden dieses Grundvertrauens, dieser Gewissheit, aus Quellen unserer Lebenskraft zu schöpfen, die uns ohne all unser Zutun und Leisten immer schon zu fließen. das ist das selige Leben.
3. musikal. Zusp., 0 07“ freistehend.
1. SPR.:
Im Zweifel wird also eine letzte, unverfügbare geistige Basis erreicht: Unser menschliches Dasein verdankt sich einer absoluten schöpferischen Wirklichkeit, dem alles gründenden Geheimnis des Lebens. Das ist durchaus ein Konsens unter skeptischen Theologen. Günter Funke, Theologe und Therapeut, betont:
18. O TON, Günter Funke, 0 36“.
Dieses Leben, das uns in diesem Augenblick in sich selbst hält, haben wir uns selber nicht gegeben und nicht gemacht. Das ist doch jedem vernünftigen Menschen irgendwo zu vermitteln: Das Leben habe ich nicht gemacht. Wir können nicht einmal Leben im Reagenzleben machen, weil das Leben immer schon da ist. D.H. Wir können im Reagenzglas, so sage ich es immer, dem Leben eine Chance geben, auch dort noch zu erscheinen. Aber der Mensch kann kein Leben schaffen. Weil er in allem Leben – Schaffen immer schon wieder schon auf dieses Leben zurückgreifen muss, um etwas zu schaffen.
1. SPR.:
Gläubige Menschen fühlen sich gerade wegen des Zweifels oder auch durch den Zweifel in Gott, dem Geheimnis, geborgen. Sie haben erfahren: Gott und nur Er ist größer als alles Denken. Kann dann noch ein einzelner Mensch meinen, persönlich im Besitz endgültiger und für alle geltender Wahrheiten zu sein? Der glaubende Mensch, zum Skeptiker geworden, lernt die Grenzen seines Daseins zu akzeptieren und auch die Begrenztheiten seines Erkennens. Er wird also genötigt, seine eigene Position immer zu relativieren. Aber gerade das sei doch eine enorme Chance, meint der Tübinger Theologe Hermann Haering:
19. O TON, Hermann Häring, 1 03“.
Ich bin Relativist, man so will, weil ich weiß, ich hab nicht die ganze Wahrheit. Und nicht, weil ich die andere Meinung als Bedrohung, sondern als Ergänzung, als Erweiterung, als eine andere Perspektivierung meiner eigenen erfahre. Deshalb verstehe ich nicht, dass manche Leute Relativismus so schlimm finden. Jeder, der die Wahrheit in einer Organisation sieht, der kann keine Abweichung dulden, für den ist die Wahrheit in der Sprachregelung. Aber das Problem, dass man eben meint, diese Organisation sei die Wahrheit. Ich halte bei Gott viel von der katholischen Kirche oder von den christlichen Kirchen. Aber sie sind nicht die Wahrheit, sondern sie haben sie weiter zu tragen. Es gibt ein rabbinischen Spruch, der sagt: Ein Schriftwort, das nicht 99 Auslegungen zulässt, hat die Wahrheit Gottes nicht.
1. SPR.:
Und alle verschiedenen Auslegungen haben ihr gutes Recht. Erst sie zusammen genommen spiegeln in etwa die Fülle göttlicher Wahrheit; und die drückt sich in einem vielstimmigen Chor aus! Das Erleben von vielen individuellen Stimmen belebt das kirchliche Miteinander. So wächst aus dem Geist des Fragens und Suchens, des Zweifelns und der Skepsis, eine neue, eine ökumenische Bewegung, vielleicht auch eine neue Kirche, betont der Wiener Theologe Paul Michael Zulehner:
20. O TON, Paul Zulehner, 0 35“.
Und wir müssten öffentlich sagen, was wird da aus dem Alten neu geboren in diese neue Zeit, in die Gott uns hinweggeführt hat. Da braucht es so etwas wie einen ekklesialen Ultraschall. Was kommt da auf uns zu? Es kommt sicher auf uns zu eine Kirche, die ganz nahe an den Fragen der Menschen ist. Ich glaube, das ist der Beginn dessen. Wenn nicht die Urfragen der Menschheit, wie eben auch jene, ob der Tod stärker ist als die Liebe, auf der Tagesordnung der Kirche stehen, dann werden wir, auch wenn wir uns noch so modernisieren, strukturell aus sein.
3. musikal. Zusp., zum Ausklang noch einmal freistehend.

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Buchhinweise:
Tomas Halik, Nachtgedanken eines Beichtvaters. Glauben in Zeiten der Ungewissheit. Herder Verlag, 2012, 320 Seiten.

Wilhelm Gräb, Religion als Deutung des Lebens. Gütersloher Verlagshaus, 2006, 208 Seiten.

Paul Michael Zulehner, Eine Antwort des Glaubens. Martin Kolosz im Gespräch mit Paul M. Zulehner und Petra Steinmair-Pösel, Studien Verlag, Innsbruck, 2011, 108 Seiten

Warum brauchen wir eine vernünftige Religion? Zur Aktualität der „liberalen Theologie“ im Rahmen einer Sommerschule

Warum brauchen wir eine vernünftige Religion?
Zur Aktualität der „liberalen Theologie“

Die erste „Kleine theologische Sommerschule“ am 20. Juli 2013.

Von Christian Modehn

Eine „Sommerschule“ bei wahrlich sommerlicher Hitze: 23 TeilnehmerInnen waren dabei und folgten der Einladung des „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin“ und des „Forum der Remonstranten Berlin, um entspannt nachzudenken, zu diskutieren über religionsphilosophische und theologische Themen. „Kleine theologische Sommerschule“ war der Titel, wir trafen uns in der „Kunstgalerie Fantom“ in der Hektorstr. 9, also gerade nicht in einem kirchlichen (Gemeinde-)Haus, sondern an einem der vielen Orte, wo kreatives Leben sich künstlerisch Ausdruck verschafft. Ein offener Raum für offene Diskussionen…
Als Referent und Gesprächspartner war Prof. Wilhelm Gräb, praktischer Theologe an der Humboldt Universität zu Berlin, dabei. Er vertritt explizit die „liberale Theologie“ und steht dadurch auch religionsphilosophischen Ansätzen und Interessen sehr nahe. Die TeilnehmerInnen waren sehr dankbar, dass Herr Gräb dabei war!

Warum brauchen wir eine vernünftige Religion? war das Thema. Leitend ist die Erkenntnis: Ohne vernünftige Argumente kann heute kein nachdenklicher Mensch mehr zu der Dimension geführt werden, die mit Gott bzw. dem göttlichen Geheimnis gemeint ist und dem Bezogensein auf dieses Geheimnis, eben dem Glauben. Religiöse Sprache und damit auch religiöse Texte (wie die Bibel) sind Ausdruck dieser Bezogenheit des Menschen auf das Göttliche IN ihm, dem Menschen selbst.

Es ist hier in der Kürze nicht möglich, sozusagen ein Resumée der vier Stunden unserer Sommerschule zu bieten. Wichtig war schon die Methode, die Gesprächsform: Prof. Gräb erläuterte in einem Interview von 15 Minuten seine Sicht zum jeweiligen Thema. Danach äußerten sich die TeilnehmerInnen mit Fragen und eigenen Beiträgen. „Auch ich habe dabei wie alle anderen gelernt“, sagte Wilhelm Gräb am Ende der Veranstaltung. Eine theologische Sommerschule als Ort des gemeinsamen Lernens, dieser Perspektive werden wir weiter folgen.
Wir können hier nur einige Einsichten mitteilen, sie können zur weiteren Reflexion und Forschung anregen.

Zum Thema der ersten Stunde: „Zur Frage nach dem Sinn des Lebens“: Wichtig ist die Erkenntnis, dass wir Menschen immer schon (meist unthematisch, ohne den Sinn schon benennen zu können) in einem Sinnzusammenhang leben. Jedes alltägliche Leben geschieht im Horizont eines Sinns, der, tief genug reflektiert, auf einen grundlegenden und umfassenden Lebenssinn für mich verweisen kann. Gerade in den sich immer wieder einstellenden Erfahrungen der Sinnlosigkeit, der tiefen existentiellen Irritation, spüren wir eigentlich einen Mangel des zuvor erlebten Sinnes. Und wir wollen über das Nachdenken und emotionale Spüren diesen Zustand wieder neu erlangen und beziehen uns so auf den eigentlich positiv erfahrenen Sinn. Die Bindung an einen positiven Sinn in meinem Leben kann ich eigentlich nicht „los werden“. Wir sind offenbar in den Sinnhorizont (unabwerfbar) hineingestellt.

Zum Thema der zweiten Stunde: „Was heißt religiös sein?“:
Wer im Denken und im intensiven Spüren und Erleben seines Lebens inmitten der Sinnbezüge das Geheimnis berührt, das „alles letztlich Gründende“, aber niemals Zudefinierende, kann erkennen: Dieses Geheimnis kann das alles Leben und alles Geistige Belebende sein. Ich kann mich frei darauf beziehen, etwa poetisch im Gedicht, nicht immer nur positiv gestimmt, oft eher fragend und zweifelnd. Ich kann diese Bezogenheit auch künstlerisch ausdrücken, in der Malerei, in der Musik. Ich kann vor diesem Geheimnis auch schweigend verweilen oder tanzend oder in der erotischen Ekstase. Wenn ich mich frei auf das „berührte Lebensgeheimnis“ beziehe, es bejahe und akzeptiere, dann beginnt mit dieser Entscheidung der Glaube.

Zum Thema der dritten Stunde: „Mein Glaube und die Lehren der Kirchen“. Für die liberale Theologie, als einer Theologie der Freiheit und Befreiung, wie der Name sagt, steht immer der individuell geprägte Glaube des einzelnen im Mittelpunkt. Nur das, was ich wirklich als meine religiöse Lebenshaltung gestalte und auslege, ist orientierend für mich. Anregungen können mir durchaus offizielle „kanonische“ Texte der Kirchen geben, aber sie sind eben auch Ausdruck der religiösen Überzeigungen früherer Glaubender, nicht Wort eines Gottes, der aus Himmelshöhen auf Menschen einredet. Inspirierend und „öffnend“ in der Selbstwahrnehmung und Selbstkritik ist das Gespräch in der Gemeinde /Gemeinschaft/ im “Salon“ über „je meinen“ Glauben, der vielleicht „unser gemeinsame Glaube“ wird, wenn er das nicht schon ist.
In jedem Fall wird in der liberalen Theologie die dogmatische Indoktrination oder die moralische Bestimmung von autoritären Strukturen zurückgewiesen bzw. im historischen Kontext gedeutet und relativiert. Das ist kein banaler „Relativismus“, sondern die Anerkennung des Umstandes, dass für mich eben nur das orientierend sein kann und hilfreich, das mit meiner eigenen Selbsterfahrung verbunden ist.

Zum Thema der vierten Stunde: „Was ist vernünftige Spiritualität?“ Jeder Mensch lebt als Mensch (als Leib – Seele – Geist (= spiritus!)- Einheit „immer schon“ seine je eigene Spiritualität. Dies ist eine Lebenshaltung, ein sich auf eine bestimmte Art im Leben „Halten“. Insofern leben wir in einer spirituellen Welt, weil jeder irgendwie immer schon spirituell ist und lebt. Auch der Fußball, der Sport usw. kann zum Mittelpunkt des Lebens werden. Jeder hat also immer schon irgendwo seinen „absoluten Mittelpunkt“ im Leben. Darüber könnten also alle spirituellen Menschen ins Gespräch kommen und sich dabei auch (selbst) kritisch austauschen.
Eine christliche Spiritualität in der Sicht liberaler Theologie ermuntert den oder die einzelne(n) den je eigenen spirituellen Weg zu gehen, die je eigene „religiöse Methode und Ausdrucksform“ zu finden, sich auf das göttliche Geheimnis zu beziehen: Z.B.: Für den einen sind Gottesdienste wichtig, für die andere musikalische Erfahrungen, für den anderen der diakonische ehrenamtliche Einsatz hier oder in der sogen. Dritten Welt oder die Zen-Meditation usw… Entscheidend ist nicht, ob meine Spiritualität in der Sicht irgendwelcher Kirchenoberer korrekt und richtig ist; entscheidend ist, ob es wirklich meine eigene Form des Lebens, des geistigen, d.h. spirituellen Lebens, ist.

Sich darüber herrschaftsfrei und in gegenseitiger Wertschätzung auszutauschen, wäre eigentlich Sache der christlichen Gemeinden. In unserem Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon und dem Forum der Remonstranten Berlin versuchen wir das.

PS:
Die Sommerschule wurde durch die finanzielle Hilfe der RemonstrantenKirche (NL) mit ermöglicht. Dafür herzlichen Dank!

Luis Bunuel vor 30 Jahren gestorben: „Nur auf das Geheimnis kommt es an“

Luis Bunuel vor 30 Jahren gestorben: Nur auf das „Geheimnis“ kommt es an.
Ein Hinweis von Christian Modehn

Am 29. Juli 1983 ist der spanische Filmemacher Luis Bunuel in Mexiko – Stadt gestorben, geboren wurde er am 22. Februar 1900 in Calanda, Spanien.
Warum ist es heute wichtig, an Bunuel zu erinnern? Einige Hinweise:
Unvergessen bleibt in Bunuels Film „Die Milchstraße“ eine Szene, die wie ein Gemälde sich im Gedächtnis festsetzen kann, sie wird als eine Art Schlüssel verstanden fürs Begreifen einer dogmatisch erstarrten Religion: Die Kellner eines sehr feinen französischen Restaurants streiten sich beim Eindecken der Tische über die Zweinaturenlehre: Ist Christus wahrer Gott und wahrer Mensch in einer Person? Kann es Atheismus überhaupt geben? Der Oberkellner, bestens informiert über alle Dogmen der römischen Kirche, bestreitet das. Dann klopfen zwei Clochards an, sie sind auf dem Pilgerweg nach Santiago de Compostela, haben Hunger, bitten um Brot: Der dogmatisch versierte Oberkellner schickt sie wütend weg, natürlich finden die beiden Clochards keine Liebe, kein Erbarmen in ihrer Not. Dann geht der Streit um die Dogmen des 4. Jahrhunderts unter den Kellnern ungestört weiter.
Unvergessen in demselben Film auch die Szene bei einem Schulfest einer katholischen Privatschule, auch dort landen die beiden armen Pilger, werden allerdings freundlich bewirtet: Stolz führt die Direktorin auf einer Bühne ihre Schülerinnen vor, sie sind vielleicht 8 Jahre alt: Der Reihe nach zitieren sie absolut korrekt die amtlich formulierten Verfluchungen der römischen Kirche gegenüber den Irrlehrern und Abweichlern… Indoktrination statt Bildung: Wo passiert das heute? In konfessionellen Schulen aller Couleur, in Hochschule, in Medien usw.
Bunuel selbst hat ein Jesuitengymnasium besucht, als Jugendlicher fügte er sich den Normen der explizit leibfeindlichen Erziehung, sein Betragen dort wurde gelobt; er war auch Messdiener. Der Bruch mit der engen Welt des Katholizismus begann mit dem Umzug nach Madrid, seine entscheidende Prägung erlebte er in Paris.
Religionskritik, verstanden als Kritik am Katholizismus, ist eine entscheidende Dimension im Werk Luis Bunuels. Viele Aussagen erscheinen heute, 60 oder 50 Jahre später, als wenig provokativ, so sehr ist seine damalige Religionskritik heute Allgemeingut geworden: Aber wer würde leugnen, dass auch Bunuel mit seinen Arbeiten einen entscheidenden Anteil hat an der Bildung eines religionskritischen Bewusstseins so vieler Europäer? Dabei hat Bunuel keineswegs pauschal alle Repräsentanten der Kirche kritisiert und der Doppelmoral beschuldigt. Bei den Dreharbeiten seines Dokumentarfilmes „Las Hurdes“ (1932) zeigt er das miserable, menschenunwürdige Leben so vieler Bewohner einer entlegenen Region: Einige Pfarrer dort, so sieht es Bunuel, stehen aber aufseiten der Armen, Bunuel hat dies ausdrücklich geschätzt. Auch wenn er klarmacht: Die Kirchen verraten ihren Auftrag, wenn sie den Armen nicht den Weg zum sozialen Aufstand zeigen. „Befreiungstheologische Ansätze“ sind bei dem Katholiken Bunuel nicht zu übersehen.

Weitere Biographische Hinweise und detaillierte Würdigungen zu den zahlreichen großen Filmen Bunuels sind anderweitig verfügbar.
Unser Interesse im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin führt uns zu einigen Hinweisen zur spirituellen Dimension von Bunuels Arbeiten. Schon der „Andalusische Hund“ (1929), später „Nazarin“ (1959) oder Viridiana (1961) zeigen die Scheinheiligkeit der Kirche. Viridiana durfte viele Jahre in Spanien nicht aufgeführt werden, das sehr katholische Regime von General Franco folgte selbstverständlich den Weisungen der Bischöfe. Auch „Der Würgeengel“ (1962) ist ein Meisterwerk, selten wurde so bedrückend das Erleben des Eingeschlossenseins, des Nicht aus dem Raum Treten Könnens, gezeigt. Die Menschen haben nur eine sehr begrenzte Kapazität, human zu bleiben, zeigt Bunuel, die meisten werden Bestien in Extremsituationen.
Über die surrealistische Dimension seiner (vor allem früheren) Filme ist viel geschrieben worden, in „Die Milchstraße“ (1968/1969) (La voie lactée) wird diese Weise des Erzählens noch einmal in einem „Spätwerk“ deutlich.
Uns erscheint vor allem ein Aspekt wichtig und heute überaus aktuell:
Die menschliche Wirklichkeit in ihrer Tiefe wie in ihrer Unentwirrbarkeit deutet Bunuel wesentlich als „Geheimnis“, als das „Nicht – Auflösbare“, „Niemals Zu – Erklärende“. „Ich habe nicht die Gnade, die den Glauben ermöglicht, empfangen. Was mich interessiert, das ist das Leben mit seinen Unklarheiten und Widersprüchen. Dieses Geheimnis ist schön“, so in einem Interview in Toulouse im Jahr 1964.
Die katholische Welt als Atmosphäre und (Un) Kultur hat Bunuel sein ganzes Leben begleitet, manche Kritiker meinen, die katholische Religion sei gar eine Art „Obsession“ gewesen. Was er der Kirche als Institution vorwirft: Sie erklärt mit ihren Lehren und Dogmen viel zu viel (sie weiß zu viele „Theoretisches“). „Die Leute wollen immer eine Erklärung für alles. Das ist das Ergebnis einer Erziehung während vieler Jahrhunderte. Bei allem, was die Menschen nicht verstehen, laufen sie dann zu Gott“. (ebd).
Bunuel Haltung ist deutlich: Die Menschen sollten lieber staunen und fragen, sie sollten ihre Phantasie lebendig halten und in der Bewegung des Suchens bleiben und ahnen, dass das Leben eigentlich immer Geheimnis ist und bleiben muss.
Man sollte daher in der Religion, in den Kirchen, das Wunderbare, das Geheimnis des Lebens, nicht mit der banalen Griffigkeit historisch datierbarerer, einzelner Wunder verwechseln! Mit der Banalisierung und „Vermassung“ von Wunderorten und wundertätigen Heiligen wird das nie auslotbare, nie umfassbare Geheimnis geradewegs ins Endliche hineingezogen; das göttliche Geheimnis ist „ganz woanders“. Man darf (eher schaurig) „Mysteriöse“s nicht mit „dem Geheimnis“ (dem „Mysterium“) verwechseln.
Das Wunder als Mysterium ist ein Erlebnis, ein Widerfahrnis, im Alltäglichen,. Dort lebt es als solches ohne weitere Erklärungen und Auflösungen. Das Geheimnis macht das menschliche Dasein erst wertvoll. Die Filme Bunuels sind eine Art Einweisung, die Tiefe des Lebens wahrzunehmen, der Surrealismus kann die Realität in der Tiefe ahnbar machen.

Copyright: christian modehn, religionsphilosophischer-salon.de

Für eine vernünftige Religion: Kleine Theologische Sommerschule mit Prof. Wilhelm Gräb

Kleine Theologische Sommerschule
mit Prof. Wilhelm Gräb, Humboldt Universität …. ist AUSGEBUCHT (19.7.2013)

Am Samstag, 20.Juli 2013, von 14 Uhr bis ca. 18 Uhr in der Kunstgalerie „Fantom“ in der Hektorstr. 9 in Berlin – Wilmersdorf, nahe Kurfürsten Damm.
(auch S Bhf Charlottenburg)

Warum brauchen wir eine vernünftige Religion?
Die Aktualität der liberalen Theologie“

Die Themen: – Zur Frage nach dem Sinn des Lebens. – Was heißt religiös sein? – Mein Glaube und die Lehren der Kirche. – Was ist vernünftige christliche Spiritualität?

Anmeldung bitte an: christian.modehn@berlin.de

Der Beitrag: Für Studenten gratis, sonst 10 Euro. Wir freuen uns über das große Interesse und die Anmeldungen; nun ist die „Klasse“ unserer „Sommerschule“ vollzählig und die Veranstaltung ausgebucht (19.7.2013).

Die Kleine theologische Sommerschule ist eine Veranstaltung besonderer Art: Theologische, philosophische und spirituelle Reflexionen werden in Form von Gesprächen mit Prof. Gräb erschlossen. Sie will ein Impuls sein, selbständig –oder in kleinen Gruppen – weiter diese Fragen zu studieren. Für Getränke ist gesorgt.

In Holland wird auf unsere Veranstatung aufmerksam gemacht:

Remonstrantenforum in Berlijn organiseert zomerschool

Voor het eerst wordt door het ‚Remonstrantenforum‘ in Berlijn op 20 juli van 14.00 uur 18.00 uur een kleine theologische zomerschool gehouden. Thema is: ‚Warum brauchen wir eine vernünftige Religion? Liberal – theologische Perspektiven‘ met Prof. Wilhelm Gräb, als theoloog werkzaam bij de Humboldt Universität Berlin. Lokatie: Galerie Fantom, Hektor Str. 9, Berlin Wilmersdorf, nahe Kurfürsten Damm. Kosten 10 Euro. Na afloop is er mogelijkheid voor verder gesprek en een gemeenschappelijke maaltijd. Aanmelden bij Christian.Modehn@berlin.de

Kijk ook eens op www.remonstranten-berlin.de In Berlijn timmert Christian Modehn alweer enkele jaren aan de weg voor de Remonstranten en op deze website kun je er meer over lezen. Dit voorjaar was er onder andere een groep remonstranten uit Amsterdam bij hem te gast. In het juninummer 2013 van AdRem schreef Christian Modehm nog een uitgebreid artikel over het ‚Remonstrantenforum‘ in Berlijn. En voor wie binnenkort naar Berlijn wil? De theologische zomerschool is het misschien het overwegen waard.

Homoehe ist selbstverständlich: Positionen der Kirche der Remonstranten

„Homoehe“ ist für Remonstranten selbstverständlich
Ein Hinweis zur aktuellen Diskussion, oder: Von der „Gnade der theologischen Neuinterpretation“
Von Christian Modehn

Eine aktuelle Meldung zuerst: Innerhalb der vielfältigen „Gay Pride 2013“ Veranstaltungen in Amsterdam findet am Freitag, den 2. August 2013, um 19 Uhr auf dem Rembrandtsplein ein Konzert statt, „Strijders vorr liefde“ ist der Titel. Bei diesem „event“ stehen zwei Menschen im Mittelpunkt, die es gewagt haben, sich offen zu ihrer Homosexualität zu bekennen: Sam Opia, auch Leticia genannt, ist eine der ersten Personen im afrikanischen Uganda, die sich als „transgender Frau“ bekennt, in dem christlich geprägten Uganda bedeutet diese „Untat“: lebenlänglich ins Gefängnis! Auch Robbie Rogers wird in Amsterdam dabei sein, der erfolgreiche Fußballer hat sich in einem noch immer homophoben Milieu (auch der Fans!) geoutet. Bei der Amsterdamer Gaypride 2013 wird an die Verletzung von Menschenrechten nachdrücklich erinnert; die Remonstranten – Kirche unterstützt dieses Projekt auch finanziell. (verfasst am 18.7.2013).

……

Welche Position hat die protestantische Kirche der Remonstranten zur sogen. „Homoehe“ ? Diese Frage wurde uns in den vergangenen Tagen häufig gestellt; offenbar hat die neueste „Orientierungshilfe“ des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland“ (EKD) breite Irritationen verursacht: Der Rat der EKD hat im Juni 2013 unter dem Titel “Zwischen Autonomie und Angewiesenheit. Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken“ Vorschläge unterbreitet, die Ehe neu zu verstehen, ohne dabei die umfassende und gerechte Gleichberechtigung homosexueller Menschen zu vernachlässigen. Diese Schrift hat nicht nur unter konservativen Kreisen innerhalb der EKD Widerspruch gefunden, vor allem in der römisch katholischen Kirche wird aufs heftigste gegen diese Orientierungshilfe polemisiert; es wird von bischöflicher Seite aus mit dem Abbruch der angeblich guten ökumenischen Beziehungen zwischen Protestanten und Katholiken gedroht. Auf diese Weise will man die freie theologische Debatte offenbar machtvoll unterbinden und den römischen Kurs für alle christlichen Kirchen durchsetzen. Interessante Perspektiven jedenfalls zum bevorstehenden Luther – Jubiläum… Selbst die sonst eher noch vernünftig erscheinende Wochenzeitschrift „Christ in der Gegenwart“ aus dem katholischen Herder Verlag redet jetzt, in der Ausgabe vom 7. Juli 2013, in wilder und unvernünftiger Wut, möchte man sagen. Das Blatt unterstellt der EKD, blind „Zeittrends“ hinterherzulaufen. Ein paar Zeilen vor dieser Anklage wurde den um volle Gleichberechtigung der Homosexuellen bemühten Organisationen gar „subtile, kollektive Gehirnwäsche“ unterstellt. Uns scheint, wieder einmal in religionskritischem Zusammenhang unseres Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salons: Diejenigen, die sich auf „das“ biblische Eheverständnis berufen, haben kein Verständnis für eine kritische –historische Lektüre der Bibel; sie klammern sich an die wenigen biblischen Verse in AT und NT, die sich mit der Verbindung von Mann und Frau befassen. Aus dem -sehr offen formulierenden – biblischen Spruch „Gott schuf die Menschen als Mann und Frau“ leiten sie gar die Ausschließlichkeit der heterosexuellen Ehe ab. Diese Texte sind bekanntlich nicht nur vor mindestens 2000 Jahren geschrieben, in einer Welt, die noch keine Sexualwissenschaft und Psychologie usw. kannte. Darüber sind in diesen Erzählungen frommer Menschen vor 2000 Jahren und früher vor allem jedoch mit götttlicher Vollmacht ausgestattete Plädoyers enthalten, die Liebe als das Höchste hochzuschätzen…Die Bibel ist also kein Ehekompendium für heterosexuelle Eheleute, sondern eine Aufforderung zu Liebe und Gerechtigkeit. Das vergessen alle, die heute die Hetero Ehe für das höchste Gut halten.
Wir wollen uns auf diese Polemik konservativer und ach so biblischer Kreise nicht weiter einlassen, diese Polemik wirkt sehr parteiisch, wird wohl auch mit parteipolitischen Optionen etwa für die CDU (Wahl im September 2013!) gefüttert.
Die protestantische und freisinnige Kirche der Remonstranten hat im Jahr 1986 ihre Kirchenordnung nach einer etwa zehnjährigen Diskussion verändert, um dem gewandelten Verständnis von Homosexualität endlich auch theologisch – kirchlich Rechnung zutragen und um Gerechtigkeit für Menschen unterschiedlicher sexueller Orientierung zu realisieren: Seit 1986 also ist es für die Remonstranten selbstverständlich, dass homosexuelle Paare den kirchlichen Segen in den Remonstranten Kirchen erhalten können, auch in einem Sonntagsgottesdienst, ganz offiziell als normale Feier.Homopaare können also ihre „Ehe“ kirchlich feiern. Noch einmal: Diese kirchliche Feier ist selbstverständlich und wird als solche nicht in Frage gestellt. Die Homosexualität ist für Remonstranten normal, wie es auch Sexualwissenschaftler und Psychologen betonen, Homosexualität ist nur eine seltener vorkommende Form von Sexualität.
Die Remonstranten waren 1986 also die erste Kirche weltweit, die sich für diese offizielle Segnung entschieden hatte, sie bietet diese kirchliche Feier auch homosexuellen Paaren an, die nicht der Remonstranten Kirche angehören.
Entscheidend ist, dass die neue Kirchenordnung der Remonstranten jetzt alle Beziehungen zwischen Menschen, ob nun hetero – oder homosexuell, einfach nur „Levensverbintenis“ nennt, also, wörtlich übersetzt:„Lebenskontrakt“ bzw. „Lebensvertrag“ nennt. Auf den Begriff „Ehe“ wird verzichtet, weil er zu exklusiv noch an die Verbindung zwischen Heterosexuellen erinnert. „Der Grundgedanke dabei war, dass alle Theologie eben auch von der Gnade der Neuinterpretation (etwa der Bibel) lebt“, so in dem empfehlenswerten Buch „Coming Out Churches“, Meinema Verlag, 2011, Seite 68). „Gnade der Neuinterpretation“ dieses Wort mögen sich etwa die Gegner der EKD Studie einmal „auf dem Mund zergehen lassen“.
Dieser Schritt der Remonstranten, homosexuelle Menschen als absolut gleichwertig in jeder Hinsicht zu sehen, wurde damals – wie nicht anders zu erwarten bei Christen, die Bibelsprüche immer dann wörtlich nehmen, wenn es ihnen ideologisch passt – heftig kritisiert. Aber es gab auch vereinzelte katholische Stimmen, die der Veränderung der Kirchenordnung der Remonstranten zustimmten, wie etwa vonseiten des damaligen Studentenpfarrers in Amsterdam, des Jesuiten Pater Jan van Kilsdonk. Er bezeichnete die Homosexualität ausdrücklich als „eine Erfindung des Schöpfers“,
Der niederländische Gesetzgeber hat dann im Jahr 2001 als erstes Land der Welt überhaupt die bürgerliche Ehe auch für homosexuelle Menschen geöffnet, das war 15 Jahre nach dem Beschluss der Remonstranten. Nebenbei: Die Remonstranten gehören selbstverständlich zum „Ökumenischen Rat der Kirchen in Holland“, sie sind Mitglied im „Weltrat der Kirchen in Genf“…
Inzwischen hat der Allgemeine Sekretär der Remonstranten, der Theologe Tom Mikkers, zusammen mit dem Reformierten Pastor Wiellie Elhorst, ein Buch publiziert, das einen landesweiten Überblick bietet zur Möglichkeit der Segnung von Lesben und Schwulen: „Coming out churches“ ist der Titel, (siehe oben). Denn inzwischen sind neben den Remonstranten auch etliche Gemeinden der offiziellen Protestantischen Kirche der Niederlande (PKN) „zum Segen bereit“, sowie grundsätzlich die Kirche der Mennoniten (Doopgezinde in NL), die „Apostolisch Genootschap“ und die „Vrijzinnige Geloofsgemeenscap NPB“. Hinzukommen auch die „Basisgemeiden“ wie „Dominikus“ , „de Duif“ oder die „Studentenecclesia“ (gegründet von Huub Oosterhuis) in Amsterdam.
Die Remonstranten haben sich jedenfalls gefreut, als sie im Jahr 2010 von dem landesweit hochgeschätzten (und gar nicht immer kirchlch gesinnten) Verein zur homosexuellen Emanzipation (COC) einen Preis der Anerkennung erhielten. Aber die Remonstranten wissen auch, dass sich die Verfolgung und Unterdrückung von Homosexuellen, etwa in christlich geprägten Staaten Afrikas, wie Uganda, Nigeria oder Simbabwe, auf offizielle Texte der Kirchen in Europa berufen kann. Denn in diesen Texten wird noch immer – direkt oder indirekt – ein minderer Status, eine größere Wertlosigkeit, homosexuellen Lebens hoch tönend fortgeschrieben. Diese verheerende, weil oft genug – indirekt -tödliche Wirkung angeblich so frommer und bibeltreuer Texte aus europäischen Kirchen, vor allem aus Rom, sollte man nicht vergessen.
In Holland waren es die Eltern homosexueller Kinder, die endlich kirchlichen Respekt für ihre Töchter und Söhne forderten. Bei den Remonstranten haben sie offene Ohren gefunden, eine Kirche, die zu tiefgreifenden Reformen in der Lage ist. Schließlich geht es ausschließlich darum, die Liebe zwischen zwei Menschen allseitig zu fördern und zu unterstützen.

Die Hetero (Ehe) Paare verlieren gar nichts, schon gar nicht werden sie diskriminiert oder gar verfolgt und ins Elend getrieben, wenn es auch Homo (Ehe) Paare gleichberechtigt gibt und diese heiraten und Kinder adoptieren und erziehen.

Copyright: Christian Modehn, religionsphilosophischer salon berlin.