Wer zweifelt wird selig. Warum Skepsis dem Glauben hilft

Viele Interessierte, auch HörerInnen, fragen nach dem Manuskript einer Ra­dio­sen­dung mit dem Titel „Wer zweifelt wird selig“. Der Beitrag wurde im HR2 am 24. Februar 2013 und im Kulturradio des RBB am 11.August 2013 gesendet. Ich biete hier zum Nachlesen den noch ungekürzten Text; die für Hörfunkproduktionen übliche Form wurde beibehalten.

Wer zweifelt wird selig
Warum Skepsis dem Glauben hilft
Von Christian Modehn

1. musikal. Zusp., bleibt 0 07“ freistehen

1. O TON: Michael Braun, 0 20“
Fragen ist Bewegung, Antwort ist Stillstand. Das ist das ganz Entscheidende. Wenn wir aber die Antworten als Fragen verstehen, dann sind wir immer wieder auf dem Weg, Neues zu entdecken und damit auch neue Wege zu beschreiten.
1. SPR.:
Für Michael Braun kann menschliches Leben nur gelingen, wenn dem Fragen keine Grenzen gesetzt werden und zweifelnde Unruhe den Geist bestimmt. Als Philosoph meint er nicht das eher banale, alltägliche Fragen, etwa nach der Uhrzeit oder dem Wetter. Wer philosophisch fragt, geht in die Tiefe, immer auf der Suche nach seiner Wahrheit, die seinem Leben einen Sinn geben kann. Als praktischer Philosoph in Berlin begleitet Michael Braun Menschen, die sich aus ihrer alltäglichen Routine befreien wollen und eine neue, eine geistvolle Lebendigkeit wünschen. Der philosophische Fragen, der Zweifel, kann sie dorthin führen:
2. O TON, Michael Braun, 0 29“
Das Fragen selbst ist auch eine Form der Orientierung: zu wissen dass, der Boden, den man gewonnen hat, kein Boden ist, auf dem man sich immer absolut sicher sein kann, sondern den man auch neu hinterfragen muss. Denn wir sind nun einmal Menschen und es ist eine irrige Vorstellung, wenn wir glauben, wir könnten über das, was uns umgibt, wie wir leben, klare Antworten, unumstößliche Antworten finden.
2. SPR.:
Viele Menschen sind schon froh, wenn sie eine geistige Basis oder einen inneren Halt finden, der sie für ein paar Jahre glücklich leben lässt. Aber diese Antworten zeigen sich nicht „blitzartig“ und unmittelbar, sondern erst nach einem langen Prozess des beständigen Prüfens. Es ist das Pro und Contra, das Hin und Her, in dem sich die Gewissheiten zeigen, die das Leben ermöglichen und letztlich „tragen“. Diese existentielle Sicherheit muss vom einzelnen mit langem Atem und viel Geduld förmlich „erarbeitet“ werden, betont der Philosoph Michael Braun: ,
3. O TON, Michael Braun, 0 49“
Skepsis meint nichts anderes, wie das immer wieder neue Betrachten einer Sache von allen Seiten. Also ständig die Perspektiven auf etwas zu wechseln. Und das ist, glaube ich, etwas ganz Zentrales, was man sehen muss, dass wir immer in unserer Sicht auf die Dinge eine Richtung haben. Und
wenn wir diese eine Richtung immer verfolgen, dann lernen wir eine Sache niemals von einem anderen Standpunkt aus kennen. Also sind wir, wenn wir der Welt näher kommen wollen, eigentlich aufgerufen, eine Sache von so vielen wie möglichen Seiten zu betrachten und zu sehen, wie sie sich dort für uns darstellen, ohne sie festzustellen. Insofern würde ich sagen, dass die skeptische Haltung eine ganz zentrale Lebenshaltung ist.
1. musikal. Zusp., noch einmal 0 07“ freistehen lassen.
1.SPR.:
Erst seit dem 16. Jahrhundert wird Skepsis als eine individuelle Lebenshaltung weiterer Kreise betrachtet. Im antiken Griechenland bildeten Skeptiker nur eine kleine Gruppe radikaler Denker: Sie zweifelten an jeglicher Erkenntnis und fühlten sich deswegen auch von jeder Entscheidung befreit, weil ja „alles gleichgültig“ erscheint. Auf diese Weise glaubten sie, gleichsam über allen Erkenntnissen schwebend, ihre seelische Ruhe, die Ataraxía, zu erlangen.
2.SPR.:
In der Neuzeit mussten skeptische Denker um ihr Leben bangen, wenn sie öffentlich ihre Meinung äußerten. Descartes, der aus Frankreich stammende Philosoph, konnte erst im liberalen Holland seine Einsicht publizieren, dass erst der methodische Zweifel an allen Traditionen zur letzten Gewissheit führt. Immanuel Kant wollte Ende des 18. Jahrhunderts den Autoritäten in Staat und Religion nicht länger zugestehen, für alle bedeutsamen Fragen über die einzig mögliche Antwort zu verfügen. Als Philosoph der Aufklärung zweifelt Kant auch an der religiösen Begründung ethischer Gebote, berichtet der katholische Theologe und Philosoph Professor Michael Bongardt:
4. O TON, Michael Bongardt, 0 38“,
Für Kant ist es keine Begründung einer Regel zu sagen: Die hat Gott gesetzt. Ein göttliches Gebot können wir ohnehin nicht als solches erkennen. Wer kann uns mit Sicherheit sagen, dass ein Gebot von Gott kommt und nicht von Menschen erfunden ist, die dann halten sagen: Es kommt von Gott. Aber, so sagt Kant sehr selbst bewusst: Selbst wenn es ein göttliches Gebot wäre, wären wir verpflichtet, nur das zu tun, was wir selber kraft eigener Vernunft für gut halten.
1.SPR..
Kant hat die Menschen gelehrt, voller Stolz der eigenen Vernunft zu folgen. Denn sie zeigt im Fragen und Zweifeln ihre belebende und durchaus reinigende Kraft. Sie löst das naive Denken auf, befreit vom „Kinderglauben“. Prüfe die Dogmen und gehe dann deinen Weg, lehrte Kant. In dieser Haltung können heute skeptische Philosophen Jesus von Nazareth schätzen lernen und als ein Vorbild anerkennen, betont Michael Braun:
5. O TON, Michael Braun, 0 30“.
…weil Jesus eigentlich auch auf eine gewisse Art und Weise nichts anderes getan hat als skeptisch zu sein gegenüber dem, was ihm in seiner Welt begegnet ist; ob es für die Lebensvollzüge der Menschen Sinn macht. Und der dann seinen eigenen Stil gefunden hat. Aber eben nicht so gefunden hat, dass er absolut festgeschrieben ist, sondern dass er eine Möglichkeit des immer wieder neuen Betrachtens alter Gesetze eröffnet hat.
1. SPR.:
Aber Zweifel und Skepsis konnten und wollten die Kirchenführer nicht als Tugenden anerkennen. Sie forderten schon seit Jahrhunderten die Gläubigen auf, das „Opfer des Verstandes“ zu bringen, wenn sie fromm sein wollten. Alle Gestirne drehten sich um unsere Erde, behaupteten die religiösen Führer und verbrannten eher Wissenschaftler auf dem Scheiterhaufen als selber kritisch zu fragen und zu forschen. Die Bücher von Descartes wurden auf den Index verbotener Texte gesetzt.
2. SPR.:
Bis ins 18. Jahrhundert war es untersagt, die einzelnen Bücher der Bibel als literarische Zeugnisse einer vergangenen Kultur zu lesen und mit wissenschaftlichen Methoden kritisch zu befragen. Dabei hatte es sich längst herumgesprochen: Nicht alle so genannten Paulusbriefe des Neuen Testaments hat der Apostel Paulus selbst verfasst. Und wenn Maria, die Mutter Jesu, Jungfrau genannt wird, muss man nicht an eine biologische Jungfräulichkeit denken. Theologen wollten seit dem 19. Jahrhundert als Wissenschafter an den Universitäten respektiert werden. Deswegen mussten sie die stets fragende, die skeptische Haltung des Forschers übernehmen. Ein naives und wortwörtliches Ernstnehmen eines Bibelverses ist nicht mehr möglich, betont Jens Schröter von der evangelisch – theologischen Fakultät der Berliner Humboldt Universität:
6. O TON, Jens Schröter, 0 56“.
Ich denke, dass es fundamental ist für jede Art von Überzeugung philosophischer oder religiöser Überzeugung, dass sie sich selber hinterfragt, dass sie ihre Grundlagen auf den Prüfstand stellt, um eine wirklich fundierte intellektuell und ethisch auch belastbare Position zu gewinnen. Und das ist für die Theologie sehr wichtig. Deshalb ist auch die akademische Theologie für die Kirche so wichtig, weil sie genau dieses tut: Sie stellt immer wieder die entscheidenden Fragen, wie der christliche Glaube sich in einer bestimmten Zeit so äußern kann, dass es überzeugend ist und dazu muss er auch immer die Fragen nach seinem eigenen Fundament in uneingeschränkter Weise zulassen. Deswegen kommt der Frage und der Skepsis in der Theologie eine ganz grundlegende Funktion zu.
1. SPR.:
Was heute selbstverständlich klingt, ist tatsächlich eine Revolution des Denkens: Der Vernunft in ihrem Prüfen und Fragen wird zugetraut, die Bedeutung religiöser Texte verständlich zu machen. Aber es klingt bei vielen frommen Leuten doch noch immer wie eine unerträgliche Provokation, wenn Theologen sagen: Die menschliche Vernunft des Wissenschaftlers ist imstande, den religiösen Bereich erschließen. Heftige Vorbehalte dagegen gibt es vor allem in der Orthodoxie und im Katholizismus. Und evangelikale Kreise in Amerika lehren auch heute: „Die Welt wurde in 6 Tagen erschaffen“. Viele Gläubige fühlen sich in Gott nur geborgen, wenn sie sich fraglos an die amtlich vorgegebenen Lehren klammern, wie Bruno Caldera, ein „Laien – Missionar“ der katholischen „Neokatechumenalen Gemeinschaft“, freimütig bekennt:
7. O TON, Bruno Caldera., 0 14“
Unsere Theologie ist der Katechismus der katholischen Kirche. Gott ist derjenige, der uns lehrt, derjenige, der uns Antwort gibt. Ich bin der Meinung, dass Gott da ist, um uns Antworten zu geben.
2. SPR.:
Die Neokatechumenalen gehören zu den so genannten „neuen geistlichen Gemeinschaften“; sie sind stolz darauf, ihren Glauben von skeptischen Fragen möglichst freizuhalten. Darum binden sie ihr Denken gern an eine Institution, die ihnen unwiderruflich klar „die“ Wahrheit vorgibt, betont Pater Klaus Einsle vom Orden der „Legionäre Christi“:
8. O TON, Klaus Einsle, 0 30“.
Wir wissen, dass Christus die Kirche gegründet hat mit einer bestimmten Struktur, mit einer bestimmten Hierarchie und diese Hierarchie ihre Funktion hat. Und in dem Sinn haben wir ein ganz krampfloses und positives Verhältnis zum Papst, den Christus bewusst eingesetzt hat. Und die Kirche ist für uns das Lehramt und die Bischöfe, die in Einheit mit dem Lehramt sind. Da würde ich sagen, dass unsere Denkart sehr die des Lehramtes ist.
1. SPR.:
Die Kirchenführung ist stolz auf diese Gemeinschaften, hat der katholische Theologe Ferdinand Kerstiens beobachtet:
21. O TON, Ferdinand Kerstiens, 0 18“
Solche Gruppierungen sind immer bei der Hierarchie beliebt, weil sie keine Schwierigkeiten machen, weil sie keine kirchlichen Strukturen in Frage stellen, weil sie keine kirchlichen Gesetze in Frage stellen, weil Sachen wie Zölibat und Priestertum der Frau und solche Fragen bei ihnen nicht diskutiert werden.
2. musikal. Zusp., 0 07“ freistehen lassen.
1. SPR.:
Aber sind Zweifel und Gottesglaube einander tatsächlich so fremd? Kann es denn der Würde des Menschen entsprechen, die eigene Vernunft zu verabschieden, wenn man religiös sein will? Heute gehen weltweit glaubende Menschen ihren eigenen Weg: Sie fühlen sich dabei in guter Gesellschaft und berufen sich auf einzelne Aussagen der Tradition, etwa auf den Apostel Paulus. Er hat seine Gemeinde in Thessaloniki ausdrücklich ermahnt:
2. SPR.:
„Prüfet alles, das Gute behaltet“.
1.SPR.:
Und manche Theologen sehen sogar in dem Mönch und Wüstenbewohner Evagrius Ponticus aus dem 4. Jahrhundert einen Bundesgenossen, er lehrte:
2.SPR.:
„Sei ein Türhüter deines Herzens und lass keine Gedanken ohne eigene Befragung herein.“
1. SPR.:
Es ist ein Trend in der weiten christlichen Ökumene, wenn heute Gläubige den Zweifel und die Skepsis als spirituelle Tugenden entdecken. Diese Christen wissen: Nur konsequentes Fragen und Suchen führt zum Kern, zum Mittelpunkt, des religiösen Glaubens. Der katholische Theologe Paul Michael Zulehner aus Wien betont:
9. O TON, Paul Zulehner, 1 07“.
Wir müssen weg von unseren alten, bekannten abgedroschenen Aussagen und von dem, was wir für richtig gehalten haben, auch weg von der Macht versessenen Kirche, als wären wir diejenigen, die das Heil der Menschen in der Hand haben. Die Dogmen sind im Grund genommen wie die Laternen, die uns auf dem Weg durch die dunkle Nacht leuchten und nur Betrunkene halten sich daran fest, hat Karl Rahner mal ein bisschen salopp über die Dogmen gesagt. Also, sie sind gut, aber sie sind kein Ersatz des Glaubens und für das Leben.
Und Glaubenlernen heißt Fragen lernen, sich selber in Frage zu stellen. Ich hab einmal gesagt, wenn wir mal Zeit haben, machen wir einen Katechismus, der nur aus Fragen besteht. Und das Eigentliche der Evangelisierung heute ist nicht das Drucken von Weltkatechismen. Im Grunde genommen müsste es so sein, dass die Menschen wieder die richtigen Fragen zu stellen lernen. Und ich glaube: Das geht nur, wenn der Mensch radikal frei ist, also im Zustand des Risikos lebt, das ist der Akt des Zweifels.
1.SPR.:
Skeptiker stellen Fragen, die in die Tiefe gehen und dabei Wichtiges von Zweitrangigem trennen. Nur als Skeptiker können Gläubige prüfen, ob sie tatsächlich den Unendlichen und Ewigen meinen, wenn sie von ihrem „lieben Gott – Vater“ sprechen. Sie distanzieren sich also von ihren frommen Vorstellungen und bloß erbaulichen Bildern, die sie im Laufe des Lebens wie eine Selbstverständlichkeit herausgebildet haben. Darauf weist der evangelische Theologe und Psychotherapeut Günter Funke aus Berlin hin:
10. O TON, Günter Funke, 0 23
Ich glaube: Halte nicht zu sehr an deinen Vorstellungen fest, denn viele Menschen haben sehr viel Lebendigkeit ihren Vorstellungen geopfert. Und natürlich, wenn ich irgendwo mal beginne, Lebendigstes für Vorstellungen zu opfern: Dann werden die Vorstellungen damit überhöht, sie bekommen einen Stellenwert, den die biblische Tradition Götzen nennt.
2. SPR.:
Mit methodischem, konsequenten Fragen und Zweifeln können die „Götzen“ vertrieben werden: Die naive Überzeugung etwa, dass Gott immer auf meiner Seite steht und mir zu Diensten ist oder das Gefühl, dass er gerade mir Erfolg, Macht und Einfluss garantiert; dass Gott mich eigens erwählt hat, in diesem wohlhabenden Teil der Erde zu leben und so weiter: Im kritischen Zweifel kann „der liebe Gott“ nicht länger der „himmlische Garant“ aller meiner Wünsche bleiben:
11. O TON, Günter Funke, 0 35“
Eine Gotteserfahrung ist immer auch eine Erschütterung. Was wird erschüttert? Es wird zunächst einmal erschüttert mein bisheriges Wissen oder, wir können es auch so sagen, meine bisherigen Vorstellungen von etwas, was ich für Gott gehalten habe. D.h.: Eine elementare Gotteserfahrung führt immer zu einem Nullpunkt. Im Grunde wird mir ein Halt in der Welt genommen. Und eine Gotteserfahrung ist ein innerer Bildersturm. Also: Dieses nicht mehr wissen, wer Gott ist, ist Glaube.
2. musikal. Zusp., 0 07“ freistehend.
1. SPR.:
Erst wenn im Bildersturm die selbst gemachten Gottesvorstellungen verschwinden, kann der Glaube des einzelnen authentisch werden. Aber lässt sich in dieser skeptisch – frommen Haltung auch Gemeinde bilden? Können sich suchende Menschen mit ihren Zweifeln sonntags zum gemeinsamen Gottesdienst versammeln?
2. SPR.:
Eine protestantische Kirche in Holland hat sich für diesen Weg entschieden: Seit 400 Jahren treffen sich Zweifler und Skeptiker in der Kirche der Remonstranten, sie ist Mitglied im Ökumenischen Weltrat der Kirchen. Remonstrance bedeutet Einspruch, auch Widerspruch: Remonstrantische Protestanten widersprechen der Vorherrschaft uralter Dogmen! Sie wollen zuerst der Menschlichkeit Jesu von Nazareth entsprechen, betont der aus Deutschland stammende Pfarrer Reinhold Philipp von der Remonstranten – Gemeinde in Den Haag:
12. O TON, Reinhold Philipp, 0 49“
Jeder ist willkommen. Und ich denke, dass bei uns nicht einer sagt: So ist es! Ich denke, dass wir miteinander auf der Suche sind. So erfahre ich die Gottesdienste, die Gesprächsgruppen. Niemand weiß genau: Das ist der Weg, so müssen wir gehen. Sondern im Gespräch, im Austausch der Gedanken, lernen wir voneinander und gehen wir miteinander den Weg. Wir haben neulich noch ein neues Mitglied begrüßt. Inzwischen hat sie eine wichtige Funktion sogar im Kirchenrat, und sie hat ihr Glaubensbekenntnis in einem Gottesdienst ausgesprochen. Und fängt damit an: Ich glaube eigentlich nicht an Gott, aber: Jesus spielt mir eine wichtige Rolle als Vorbild. Aber es wurde akzeptiert, da ist viel Offenheit.
1. SPR.:
Auch im Katholizismus bilden sich Gemeinden der Skeptiker und Zweifler: Eine entsprechende Pfarrei leitet der Theologe Tomás Halík in Prag. Er ist auch in Deutschland als theologischer Autor hoch geschätzt, etwa wegen seines Buches „Nachtgedanken eines Beichtvaters“. Haliks Publikationen sind von seiner Gemeindepraxis in der Prager „Salvatorkirche“ inspiriert.
13. O TON, Tomas Halik, 0 31“.
Ich möchte diese Leute begleiten auch als ein Suchender; auch mein Glaube ist immer ein Weg. Und ich versuche, immer tiefer und tiefer zu gehen. Aber Christentum, das ist keine billige Sicherheitslehre. Das ist eine Herausforderung, mit dem Geheimnis zu leben, das ist nicht leicht. Und auch durch die Krisen und Nächte durchgehen, das ist immer ein Weg zur Reife.
1. SPR.:
Wer im Einklang mit seiner Vernunft, also „reif“, glauben will, entwickelt die Kraft der Unterscheidung. Für Tomas Halik ist einzig und allein entscheidend das göttliche Geheimnis, das alles Gründende, die letzte Dimension, die von den Menschen nur berührt, niemals aber gefasst oder definiert werden kann. Von diesem „abgründigen Grund“ allen Lebens sind viele Menschen bewegt, selbst wenn sie sich ungläubig oder atheistisch nennen, hat Tomas Halik beobachtet:
14. O TON: Tomas Halik, 0 38“
Ich kann mit einigen so genannten Ungläubigen sehr gut verstehen und mit einigen Gläubigen nicht. Also Glaube ist etwas tiefer als eine Überzeugung, eine Ideologie. Und es mag so sein, dass für einige ihr Glaube sitzt nur in diesem Bewusstsein! Wenn sie Menschen besser kennen, sie spüren, dass sie haben ein verschlossenes Herz und ihr Glaube ist nur oberflächlich.
1. SPR.:
Tomas Halík liebt deutliche Worte: Suchen und Zweifeln ist für ihn nichts Geringeres als ein göttliches Gebot! Er beruft sich dabei auf eine Weisung des Apostels Paulus. Von ihm überliefert die Apostelgeschichte diese Worte:
2. SPR.:
Gott ist derjenige, der allen Menschen das Leben und den Atem und alles gibt. Er, der Schöpfer, will, dass die Menschen Gott suchen, ob sie ihn ertasten oder finden könnten.
1.SPR.:
Für Tomas Halik ist dieser Text so entscheidend, dass er in seinem Buch „Geduld mit Gott“ mit einem dicken Ausrufezeichen noch hinzufügt:
2. SPR.
Das ist eine starke Behauptung: Der Sinn der Schöpfung ist das religiöse Suchen!
1. SPR.:
Fragen, Suchen und Zweifeln werden heute als ein göttliches Geschenk, ein „Charisma“, erlebt. Denn sie halten den Geist lebendig halten und damit dem Menschen die nötige Vitalität schenken. Diesen bewegenden, Unruhe stiftenden Geist entdeckt Halik auch außerhalb der christlichen Konfessionen:
15. O TON, Tomas Halik, 0 33“
Ich bin überzeugt, dass heute die Grenze ist nicht zwischen den Gläubigen und Nichtgläubigen. Aber zwischen Suchenden und Verbleibenden. Es gibt die Gläubigen, die sind ganz zufrieden mit ihrer Situation und Weg. Es gibt auch die Atheisten, die sind ganz zufrieden. Es gibt auch die Zweifelnden, die sind mit den Zweifeln zufrieden, und die sind nicht imstande, über ihre Zweifel zu zweifeln.
1. SPR.:
Am Zweifel zweifeln können: In diesem merk –würdigen Satz hat die skeptische Spiritualität ihren Mittelpunkt. Denn die Einsicht drängt sich auf: Mit dem Zweifeln wird das Denken gerade nicht beendet! Zweifeln führt gerade nicht in die Verzweiflung! Der Zweifel ist nicht der Schlusspunkt geistigen Lebens, weil sich die Menschen ihre Skepsis noch einmal gedanklich beziehen können und dabei entdecken: Es ist ja der Geist selbst, der unseren Zweifel trägt und erst ermöglicht. Es wird erlebt, dass der Geist größer und umfassender ist als Zweifel und Skepsis. Fragen, Suchen und Zweifeln sind also nichts als die Lebensformen des Geistes. Auf diese Erkenntnis bezieht sich der Berliner protestantische Theologe Professor Wilhelm Gräb:
16. O TON, Wilhelm Gräb, 1 05“
Der Zweifel, der in Wahrheit auf den Glauben geht, das sind diese Erfahrungen, in denen mein Lebenssinn sich mir verdunkelt, wo ich unsicher darüber werde, ob ich auf dem richtigen Weg bin, wo sich mir Erfahrungen der Verlorenheit und eben einer tiefen Selbstverunsicherung einstellen, wo ich revoltiere: Das sind die Situationen also existentiellen Zweifels. Das sind die Kämpfe, in die es einzutreten gilt, gewissermaßen zu einer Erneuerung derjenigen Lebensgewissheit zu finden, die mich ja nicht gänzlich verlassen hat. Also ich mich dessen zu erinnern beginne, was doch auch gut war in meinem Leben und auch jetzt noch mir Freude zu machen in der Lage ist. Also das Positive dann auch wieder zu sehen. Da kann auch die biblische Tradition wichtig werden als ermutigende Ansprache, als Zusage.
1. SPR.:
Denn Christus hat seiner Gemeinde zugesagt, dass der heilige Geist alle in die Wahrheit einführt, wobei einführen oder einweisen als ein Prozess, als ein Geschehen zu begreifen sind:
17. O TON, Wilhelm Gräb, 0 45“.
Die Rede vom Hl. Geist legt sich theologisch immer genau dann nahe, wenn wir eben in die Beschreibung solcher Erfahrung einzutreten versuchen, die an uns geschehen; für die wir uns zwar vorbereiten, auf die wir uns einstellen können, aber deren Gelingen wir nicht in der Hand haben.
Das alles sind alles Auslegungen, dieses uns tragenden dieses Grundvertrauens, dieser Gewissheit, aus Quellen unserer Lebenskraft zu schöpfen, die uns ohne all unser Zutun und Leisten immer schon zu fließen. das ist das selige Leben.
3. musikal. Zusp., 0 07“ freistehend.
1. SPR.:
Im Zweifel wird also eine letzte, unverfügbare geistige Basis erreicht: Unser menschliches Dasein verdankt sich einer absoluten schöpferischen Wirklichkeit, dem alles gründenden Geheimnis des Lebens. Das ist durchaus ein Konsens unter skeptischen Theologen. Günter Funke, Theologe und Therapeut, betont:
18. O TON, Günter Funke, 0 36“.
Dieses Leben, das uns in diesem Augenblick in sich selbst hält, haben wir uns selber nicht gegeben und nicht gemacht. Das ist doch jedem vernünftigen Menschen irgendwo zu vermitteln: Das Leben habe ich nicht gemacht. Wir können nicht einmal Leben im Reagenzleben machen, weil das Leben immer schon da ist. D.H. Wir können im Reagenzglas, so sage ich es immer, dem Leben eine Chance geben, auch dort noch zu erscheinen. Aber der Mensch kann kein Leben schaffen. Weil er in allem Leben – Schaffen immer schon wieder schon auf dieses Leben zurückgreifen muss, um etwas zu schaffen.
1. SPR.:
Gläubige Menschen fühlen sich gerade wegen des Zweifels oder auch durch den Zweifel in Gott, dem Geheimnis, geborgen. Sie haben erfahren: Gott und nur Er ist größer als alles Denken. Kann dann noch ein einzelner Mensch meinen, persönlich im Besitz endgültiger und für alle geltender Wahrheiten zu sein? Der glaubende Mensch, zum Skeptiker geworden, lernt die Grenzen seines Daseins zu akzeptieren und auch die Begrenztheiten seines Erkennens. Er wird also genötigt, seine eigene Position immer zu relativieren. Aber gerade das sei doch eine enorme Chance, meint der Tübinger Theologe Hermann Haering:
19. O TON, Hermann Häring, 1 03“.
Ich bin Relativist, man so will, weil ich weiß, ich hab nicht die ganze Wahrheit. Und nicht, weil ich die andere Meinung als Bedrohung, sondern als Ergänzung, als Erweiterung, als eine andere Perspektivierung meiner eigenen erfahre. Deshalb verstehe ich nicht, dass manche Leute Relativismus so schlimm finden. Jeder, der die Wahrheit in einer Organisation sieht, der kann keine Abweichung dulden, für den ist die Wahrheit in der Sprachregelung. Aber das Problem, dass man eben meint, diese Organisation sei die Wahrheit. Ich halte bei Gott viel von der katholischen Kirche oder von den christlichen Kirchen. Aber sie sind nicht die Wahrheit, sondern sie haben sie weiter zu tragen. Es gibt ein rabbinischen Spruch, der sagt: Ein Schriftwort, das nicht 99 Auslegungen zulässt, hat die Wahrheit Gottes nicht.
1. SPR.:
Und alle verschiedenen Auslegungen haben ihr gutes Recht. Erst sie zusammen genommen spiegeln in etwa die Fülle göttlicher Wahrheit; und die drückt sich in einem vielstimmigen Chor aus! Das Erleben von vielen individuellen Stimmen belebt das kirchliche Miteinander. So wächst aus dem Geist des Fragens und Suchens, des Zweifelns und der Skepsis, eine neue, eine ökumenische Bewegung, vielleicht auch eine neue Kirche, betont der Wiener Theologe Paul Michael Zulehner:
20. O TON, Paul Zulehner, 0 35“.
Und wir müssten öffentlich sagen, was wird da aus dem Alten neu geboren in diese neue Zeit, in die Gott uns hinweggeführt hat. Da braucht es so etwas wie einen ekklesialen Ultraschall. Was kommt da auf uns zu? Es kommt sicher auf uns zu eine Kirche, die ganz nahe an den Fragen der Menschen ist. Ich glaube, das ist der Beginn dessen. Wenn nicht die Urfragen der Menschheit, wie eben auch jene, ob der Tod stärker ist als die Liebe, auf der Tagesordnung der Kirche stehen, dann werden wir, auch wenn wir uns noch so modernisieren, strukturell aus sein.
3. musikal. Zusp., zum Ausklang noch einmal freistehend.

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Buchhinweise:
Tomas Halik, Nachtgedanken eines Beichtvaters. Glauben in Zeiten der Ungewissheit. Herder Verlag, 2012, 320 Seiten.

Wilhelm Gräb, Religion als Deutung des Lebens. Gütersloher Verlagshaus, 2006, 208 Seiten.

Paul Michael Zulehner, Eine Antwort des Glaubens. Martin Kolosz im Gespräch mit Paul M. Zulehner und Petra Steinmair-Pösel, Studien Verlag, Innsbruck, 2011, 108 Seiten

Warum brauchen wir eine vernünftige Religion? Zur Aktualität der „liberalen Theologie“ im Rahmen einer Sommerschule

Warum brauchen wir eine vernünftige Religion?
Zur Aktualität der „liberalen Theologie“

Die erste „Kleine theologische Sommerschule“ am 20. Juli 2013.

Von Christian Modehn

Eine „Sommerschule“ bei wahrlich sommerlicher Hitze: 23 TeilnehmerInnen waren dabei und folgten der Einladung des „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin“ und des „Forum der Remonstranten Berlin, um entspannt nachzudenken, zu diskutieren über religionsphilosophische und theologische Themen. „Kleine theologische Sommerschule“ war der Titel, wir trafen uns in der „Kunstgalerie Fantom“ in der Hektorstr. 9, also gerade nicht in einem kirchlichen (Gemeinde-)Haus, sondern an einem der vielen Orte, wo kreatives Leben sich künstlerisch Ausdruck verschafft. Ein offener Raum für offene Diskussionen…
Als Referent und Gesprächspartner war Prof. Wilhelm Gräb, praktischer Theologe an der Humboldt Universität zu Berlin, dabei. Er vertritt explizit die „liberale Theologie“ und steht dadurch auch religionsphilosophischen Ansätzen und Interessen sehr nahe. Die TeilnehmerInnen waren sehr dankbar, dass Herr Gräb dabei war!

Warum brauchen wir eine vernünftige Religion? war das Thema. Leitend ist die Erkenntnis: Ohne vernünftige Argumente kann heute kein nachdenklicher Mensch mehr zu der Dimension geführt werden, die mit Gott bzw. dem göttlichen Geheimnis gemeint ist und dem Bezogensein auf dieses Geheimnis, eben dem Glauben. Religiöse Sprache und damit auch religiöse Texte (wie die Bibel) sind Ausdruck dieser Bezogenheit des Menschen auf das Göttliche IN ihm, dem Menschen selbst.

Es ist hier in der Kürze nicht möglich, sozusagen ein Resumée der vier Stunden unserer Sommerschule zu bieten. Wichtig war schon die Methode, die Gesprächsform: Prof. Gräb erläuterte in einem Interview von 15 Minuten seine Sicht zum jeweiligen Thema. Danach äußerten sich die TeilnehmerInnen mit Fragen und eigenen Beiträgen. „Auch ich habe dabei wie alle anderen gelernt“, sagte Wilhelm Gräb am Ende der Veranstaltung. Eine theologische Sommerschule als Ort des gemeinsamen Lernens, dieser Perspektive werden wir weiter folgen.
Wir können hier nur einige Einsichten mitteilen, sie können zur weiteren Reflexion und Forschung anregen.

Zum Thema der ersten Stunde: „Zur Frage nach dem Sinn des Lebens“: Wichtig ist die Erkenntnis, dass wir Menschen immer schon (meist unthematisch, ohne den Sinn schon benennen zu können) in einem Sinnzusammenhang leben. Jedes alltägliche Leben geschieht im Horizont eines Sinns, der, tief genug reflektiert, auf einen grundlegenden und umfassenden Lebenssinn für mich verweisen kann. Gerade in den sich immer wieder einstellenden Erfahrungen der Sinnlosigkeit, der tiefen existentiellen Irritation, spüren wir eigentlich einen Mangel des zuvor erlebten Sinnes. Und wir wollen über das Nachdenken und emotionale Spüren diesen Zustand wieder neu erlangen und beziehen uns so auf den eigentlich positiv erfahrenen Sinn. Die Bindung an einen positiven Sinn in meinem Leben kann ich eigentlich nicht „los werden“. Wir sind offenbar in den Sinnhorizont (unabwerfbar) hineingestellt.

Zum Thema der zweiten Stunde: „Was heißt religiös sein?“:
Wer im Denken und im intensiven Spüren und Erleben seines Lebens inmitten der Sinnbezüge das Geheimnis berührt, das „alles letztlich Gründende“, aber niemals Zudefinierende, kann erkennen: Dieses Geheimnis kann das alles Leben und alles Geistige Belebende sein. Ich kann mich frei darauf beziehen, etwa poetisch im Gedicht, nicht immer nur positiv gestimmt, oft eher fragend und zweifelnd. Ich kann diese Bezogenheit auch künstlerisch ausdrücken, in der Malerei, in der Musik. Ich kann vor diesem Geheimnis auch schweigend verweilen oder tanzend oder in der erotischen Ekstase. Wenn ich mich frei auf das „berührte Lebensgeheimnis“ beziehe, es bejahe und akzeptiere, dann beginnt mit dieser Entscheidung der Glaube.

Zum Thema der dritten Stunde: „Mein Glaube und die Lehren der Kirchen“. Für die liberale Theologie, als einer Theologie der Freiheit und Befreiung, wie der Name sagt, steht immer der individuell geprägte Glaube des einzelnen im Mittelpunkt. Nur das, was ich wirklich als meine religiöse Lebenshaltung gestalte und auslege, ist orientierend für mich. Anregungen können mir durchaus offizielle „kanonische“ Texte der Kirchen geben, aber sie sind eben auch Ausdruck der religiösen Überzeigungen früherer Glaubender, nicht Wort eines Gottes, der aus Himmelshöhen auf Menschen einredet. Inspirierend und „öffnend“ in der Selbstwahrnehmung und Selbstkritik ist das Gespräch in der Gemeinde /Gemeinschaft/ im “Salon“ über „je meinen“ Glauben, der vielleicht „unser gemeinsame Glaube“ wird, wenn er das nicht schon ist.
In jedem Fall wird in der liberalen Theologie die dogmatische Indoktrination oder die moralische Bestimmung von autoritären Strukturen zurückgewiesen bzw. im historischen Kontext gedeutet und relativiert. Das ist kein banaler „Relativismus“, sondern die Anerkennung des Umstandes, dass für mich eben nur das orientierend sein kann und hilfreich, das mit meiner eigenen Selbsterfahrung verbunden ist.

Zum Thema der vierten Stunde: „Was ist vernünftige Spiritualität?“ Jeder Mensch lebt als Mensch (als Leib – Seele – Geist (= spiritus!)- Einheit „immer schon“ seine je eigene Spiritualität. Dies ist eine Lebenshaltung, ein sich auf eine bestimmte Art im Leben „Halten“. Insofern leben wir in einer spirituellen Welt, weil jeder irgendwie immer schon spirituell ist und lebt. Auch der Fußball, der Sport usw. kann zum Mittelpunkt des Lebens werden. Jeder hat also immer schon irgendwo seinen „absoluten Mittelpunkt“ im Leben. Darüber könnten also alle spirituellen Menschen ins Gespräch kommen und sich dabei auch (selbst) kritisch austauschen.
Eine christliche Spiritualität in der Sicht liberaler Theologie ermuntert den oder die einzelne(n) den je eigenen spirituellen Weg zu gehen, die je eigene „religiöse Methode und Ausdrucksform“ zu finden, sich auf das göttliche Geheimnis zu beziehen: Z.B.: Für den einen sind Gottesdienste wichtig, für die andere musikalische Erfahrungen, für den anderen der diakonische ehrenamtliche Einsatz hier oder in der sogen. Dritten Welt oder die Zen-Meditation usw… Entscheidend ist nicht, ob meine Spiritualität in der Sicht irgendwelcher Kirchenoberer korrekt und richtig ist; entscheidend ist, ob es wirklich meine eigene Form des Lebens, des geistigen, d.h. spirituellen Lebens, ist.

Sich darüber herrschaftsfrei und in gegenseitiger Wertschätzung auszutauschen, wäre eigentlich Sache der christlichen Gemeinden. In unserem Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon und dem Forum der Remonstranten Berlin versuchen wir das.

PS:
Die Sommerschule wurde durch die finanzielle Hilfe der RemonstrantenKirche (NL) mit ermöglicht. Dafür herzlichen Dank!

Luis Bunuel vor 30 Jahren gestorben: „Nur auf das Geheimnis kommt es an“

Luis Bunuel vor 30 Jahren gestorben: Nur auf das „Geheimnis“ kommt es an.
Ein Hinweis von Christian Modehn

Am 29. Juli 1983 ist der spanische Filmemacher Luis Bunuel in Mexiko – Stadt gestorben, geboren wurde er am 22. Februar 1900 in Calanda, Spanien.
Warum ist es heute wichtig, an Bunuel zu erinnern? Einige Hinweise:
Unvergessen bleibt in Bunuels Film „Die Milchstraße“ eine Szene, die wie ein Gemälde sich im Gedächtnis festsetzen kann, sie wird als eine Art Schlüssel verstanden fürs Begreifen einer dogmatisch erstarrten Religion: Die Kellner eines sehr feinen französischen Restaurants streiten sich beim Eindecken der Tische über die Zweinaturenlehre: Ist Christus wahrer Gott und wahrer Mensch in einer Person? Kann es Atheismus überhaupt geben? Der Oberkellner, bestens informiert über alle Dogmen der römischen Kirche, bestreitet das. Dann klopfen zwei Clochards an, sie sind auf dem Pilgerweg nach Santiago de Compostela, haben Hunger, bitten um Brot: Der dogmatisch versierte Oberkellner schickt sie wütend weg, natürlich finden die beiden Clochards keine Liebe, kein Erbarmen in ihrer Not. Dann geht der Streit um die Dogmen des 4. Jahrhunderts unter den Kellnern ungestört weiter.
Unvergessen in demselben Film auch die Szene bei einem Schulfest einer katholischen Privatschule, auch dort landen die beiden armen Pilger, werden allerdings freundlich bewirtet: Stolz führt die Direktorin auf einer Bühne ihre Schülerinnen vor, sie sind vielleicht 8 Jahre alt: Der Reihe nach zitieren sie absolut korrekt die amtlich formulierten Verfluchungen der römischen Kirche gegenüber den Irrlehrern und Abweichlern… Indoktrination statt Bildung: Wo passiert das heute? In konfessionellen Schulen aller Couleur, in Hochschule, in Medien usw.
Bunuel selbst hat ein Jesuitengymnasium besucht, als Jugendlicher fügte er sich den Normen der explizit leibfeindlichen Erziehung, sein Betragen dort wurde gelobt; er war auch Messdiener. Der Bruch mit der engen Welt des Katholizismus begann mit dem Umzug nach Madrid, seine entscheidende Prägung erlebte er in Paris.
Religionskritik, verstanden als Kritik am Katholizismus, ist eine entscheidende Dimension im Werk Luis Bunuels. Viele Aussagen erscheinen heute, 60 oder 50 Jahre später, als wenig provokativ, so sehr ist seine damalige Religionskritik heute Allgemeingut geworden: Aber wer würde leugnen, dass auch Bunuel mit seinen Arbeiten einen entscheidenden Anteil hat an der Bildung eines religionskritischen Bewusstseins so vieler Europäer? Dabei hat Bunuel keineswegs pauschal alle Repräsentanten der Kirche kritisiert und der Doppelmoral beschuldigt. Bei den Dreharbeiten seines Dokumentarfilmes „Las Hurdes“ (1932) zeigt er das miserable, menschenunwürdige Leben so vieler Bewohner einer entlegenen Region: Einige Pfarrer dort, so sieht es Bunuel, stehen aber aufseiten der Armen, Bunuel hat dies ausdrücklich geschätzt. Auch wenn er klarmacht: Die Kirchen verraten ihren Auftrag, wenn sie den Armen nicht den Weg zum sozialen Aufstand zeigen. „Befreiungstheologische Ansätze“ sind bei dem Katholiken Bunuel nicht zu übersehen.

Weitere Biographische Hinweise und detaillierte Würdigungen zu den zahlreichen großen Filmen Bunuels sind anderweitig verfügbar.
Unser Interesse im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin führt uns zu einigen Hinweisen zur spirituellen Dimension von Bunuels Arbeiten. Schon der „Andalusische Hund“ (1929), später „Nazarin“ (1959) oder Viridiana (1961) zeigen die Scheinheiligkeit der Kirche. Viridiana durfte viele Jahre in Spanien nicht aufgeführt werden, das sehr katholische Regime von General Franco folgte selbstverständlich den Weisungen der Bischöfe. Auch „Der Würgeengel“ (1962) ist ein Meisterwerk, selten wurde so bedrückend das Erleben des Eingeschlossenseins, des Nicht aus dem Raum Treten Könnens, gezeigt. Die Menschen haben nur eine sehr begrenzte Kapazität, human zu bleiben, zeigt Bunuel, die meisten werden Bestien in Extremsituationen.
Über die surrealistische Dimension seiner (vor allem früheren) Filme ist viel geschrieben worden, in „Die Milchstraße“ (1968/1969) (La voie lactée) wird diese Weise des Erzählens noch einmal in einem „Spätwerk“ deutlich.
Uns erscheint vor allem ein Aspekt wichtig und heute überaus aktuell:
Die menschliche Wirklichkeit in ihrer Tiefe wie in ihrer Unentwirrbarkeit deutet Bunuel wesentlich als „Geheimnis“, als das „Nicht – Auflösbare“, „Niemals Zu – Erklärende“. „Ich habe nicht die Gnade, die den Glauben ermöglicht, empfangen. Was mich interessiert, das ist das Leben mit seinen Unklarheiten und Widersprüchen. Dieses Geheimnis ist schön“, so in einem Interview in Toulouse im Jahr 1964.
Die katholische Welt als Atmosphäre und (Un) Kultur hat Bunuel sein ganzes Leben begleitet, manche Kritiker meinen, die katholische Religion sei gar eine Art „Obsession“ gewesen. Was er der Kirche als Institution vorwirft: Sie erklärt mit ihren Lehren und Dogmen viel zu viel (sie weiß zu viele „Theoretisches“). „Die Leute wollen immer eine Erklärung für alles. Das ist das Ergebnis einer Erziehung während vieler Jahrhunderte. Bei allem, was die Menschen nicht verstehen, laufen sie dann zu Gott“. (ebd).
Bunuel Haltung ist deutlich: Die Menschen sollten lieber staunen und fragen, sie sollten ihre Phantasie lebendig halten und in der Bewegung des Suchens bleiben und ahnen, dass das Leben eigentlich immer Geheimnis ist und bleiben muss.
Man sollte daher in der Religion, in den Kirchen, das Wunderbare, das Geheimnis des Lebens, nicht mit der banalen Griffigkeit historisch datierbarerer, einzelner Wunder verwechseln! Mit der Banalisierung und „Vermassung“ von Wunderorten und wundertätigen Heiligen wird das nie auslotbare, nie umfassbare Geheimnis geradewegs ins Endliche hineingezogen; das göttliche Geheimnis ist „ganz woanders“. Man darf (eher schaurig) „Mysteriöse“s nicht mit „dem Geheimnis“ (dem „Mysterium“) verwechseln.
Das Wunder als Mysterium ist ein Erlebnis, ein Widerfahrnis, im Alltäglichen,. Dort lebt es als solches ohne weitere Erklärungen und Auflösungen. Das Geheimnis macht das menschliche Dasein erst wertvoll. Die Filme Bunuels sind eine Art Einweisung, die Tiefe des Lebens wahrzunehmen, der Surrealismus kann die Realität in der Tiefe ahnbar machen.

Copyright: christian modehn, religionsphilosophischer-salon.de

Für eine vernünftige Religion: Kleine Theologische Sommerschule mit Prof. Wilhelm Gräb

Kleine Theologische Sommerschule
mit Prof. Wilhelm Gräb, Humboldt Universität …. ist AUSGEBUCHT (19.7.2013)

Am Samstag, 20.Juli 2013, von 14 Uhr bis ca. 18 Uhr in der Kunstgalerie „Fantom“ in der Hektorstr. 9 in Berlin – Wilmersdorf, nahe Kurfürsten Damm.
(auch S Bhf Charlottenburg)

Warum brauchen wir eine vernünftige Religion?
Die Aktualität der liberalen Theologie“

Die Themen: – Zur Frage nach dem Sinn des Lebens. – Was heißt religiös sein? – Mein Glaube und die Lehren der Kirche. – Was ist vernünftige christliche Spiritualität?

Anmeldung bitte an: christian.modehn@berlin.de

Der Beitrag: Für Studenten gratis, sonst 10 Euro. Wir freuen uns über das große Interesse und die Anmeldungen; nun ist die „Klasse“ unserer „Sommerschule“ vollzählig und die Veranstaltung ausgebucht (19.7.2013).

Die Kleine theologische Sommerschule ist eine Veranstaltung besonderer Art: Theologische, philosophische und spirituelle Reflexionen werden in Form von Gesprächen mit Prof. Gräb erschlossen. Sie will ein Impuls sein, selbständig –oder in kleinen Gruppen – weiter diese Fragen zu studieren. Für Getränke ist gesorgt.

In Holland wird auf unsere Veranstatung aufmerksam gemacht:

Remonstrantenforum in Berlijn organiseert zomerschool

Voor het eerst wordt door het ‚Remonstrantenforum‘ in Berlijn op 20 juli van 14.00 uur 18.00 uur een kleine theologische zomerschool gehouden. Thema is: ‚Warum brauchen wir eine vernünftige Religion? Liberal – theologische Perspektiven‘ met Prof. Wilhelm Gräb, als theoloog werkzaam bij de Humboldt Universität Berlin. Lokatie: Galerie Fantom, Hektor Str. 9, Berlin Wilmersdorf, nahe Kurfürsten Damm. Kosten 10 Euro. Na afloop is er mogelijkheid voor verder gesprek en een gemeenschappelijke maaltijd. Aanmelden bij Christian.Modehn@berlin.de

Kijk ook eens op www.remonstranten-berlin.de In Berlijn timmert Christian Modehn alweer enkele jaren aan de weg voor de Remonstranten en op deze website kun je er meer over lezen. Dit voorjaar was er onder andere een groep remonstranten uit Amsterdam bij hem te gast. In het juninummer 2013 van AdRem schreef Christian Modehm nog een uitgebreid artikel over het ‚Remonstrantenforum‘ in Berlijn. En voor wie binnenkort naar Berlijn wil? De theologische zomerschool is het misschien het overwegen waard.

Homoehe ist selbstverständlich: Positionen der Kirche der Remonstranten

„Homoehe“ ist für Remonstranten selbstverständlich
Ein Hinweis zur aktuellen Diskussion, oder: Von der „Gnade der theologischen Neuinterpretation“
Von Christian Modehn

Eine aktuelle Meldung zuerst: Innerhalb der vielfältigen „Gay Pride 2013“ Veranstaltungen in Amsterdam findet am Freitag, den 2. August 2013, um 19 Uhr auf dem Rembrandtsplein ein Konzert statt, „Strijders vorr liefde“ ist der Titel. Bei diesem „event“ stehen zwei Menschen im Mittelpunkt, die es gewagt haben, sich offen zu ihrer Homosexualität zu bekennen: Sam Opia, auch Leticia genannt, ist eine der ersten Personen im afrikanischen Uganda, die sich als „transgender Frau“ bekennt, in dem christlich geprägten Uganda bedeutet diese „Untat“: lebenlänglich ins Gefängnis! Auch Robbie Rogers wird in Amsterdam dabei sein, der erfolgreiche Fußballer hat sich in einem noch immer homophoben Milieu (auch der Fans!) geoutet. Bei der Amsterdamer Gaypride 2013 wird an die Verletzung von Menschenrechten nachdrücklich erinnert; die Remonstranten – Kirche unterstützt dieses Projekt auch finanziell. (verfasst am 18.7.2013).

……

Welche Position hat die protestantische Kirche der Remonstranten zur sogen. „Homoehe“ ? Diese Frage wurde uns in den vergangenen Tagen häufig gestellt; offenbar hat die neueste „Orientierungshilfe“ des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland“ (EKD) breite Irritationen verursacht: Der Rat der EKD hat im Juni 2013 unter dem Titel “Zwischen Autonomie und Angewiesenheit. Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken“ Vorschläge unterbreitet, die Ehe neu zu verstehen, ohne dabei die umfassende und gerechte Gleichberechtigung homosexueller Menschen zu vernachlässigen. Diese Schrift hat nicht nur unter konservativen Kreisen innerhalb der EKD Widerspruch gefunden, vor allem in der römisch katholischen Kirche wird aufs heftigste gegen diese Orientierungshilfe polemisiert; es wird von bischöflicher Seite aus mit dem Abbruch der angeblich guten ökumenischen Beziehungen zwischen Protestanten und Katholiken gedroht. Auf diese Weise will man die freie theologische Debatte offenbar machtvoll unterbinden und den römischen Kurs für alle christlichen Kirchen durchsetzen. Interessante Perspektiven jedenfalls zum bevorstehenden Luther – Jubiläum… Selbst die sonst eher noch vernünftig erscheinende Wochenzeitschrift „Christ in der Gegenwart“ aus dem katholischen Herder Verlag redet jetzt, in der Ausgabe vom 7. Juli 2013, in wilder und unvernünftiger Wut, möchte man sagen. Das Blatt unterstellt der EKD, blind „Zeittrends“ hinterherzulaufen. Ein paar Zeilen vor dieser Anklage wurde den um volle Gleichberechtigung der Homosexuellen bemühten Organisationen gar „subtile, kollektive Gehirnwäsche“ unterstellt. Uns scheint, wieder einmal in religionskritischem Zusammenhang unseres Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salons: Diejenigen, die sich auf „das“ biblische Eheverständnis berufen, haben kein Verständnis für eine kritische –historische Lektüre der Bibel; sie klammern sich an die wenigen biblischen Verse in AT und NT, die sich mit der Verbindung von Mann und Frau befassen. Aus dem -sehr offen formulierenden – biblischen Spruch „Gott schuf die Menschen als Mann und Frau“ leiten sie gar die Ausschließlichkeit der heterosexuellen Ehe ab. Diese Texte sind bekanntlich nicht nur vor mindestens 2000 Jahren geschrieben, in einer Welt, die noch keine Sexualwissenschaft und Psychologie usw. kannte. Darüber sind in diesen Erzählungen frommer Menschen vor 2000 Jahren und früher vor allem jedoch mit götttlicher Vollmacht ausgestattete Plädoyers enthalten, die Liebe als das Höchste hochzuschätzen…Die Bibel ist also kein Ehekompendium für heterosexuelle Eheleute, sondern eine Aufforderung zu Liebe und Gerechtigkeit. Das vergessen alle, die heute die Hetero Ehe für das höchste Gut halten.
Wir wollen uns auf diese Polemik konservativer und ach so biblischer Kreise nicht weiter einlassen, diese Polemik wirkt sehr parteiisch, wird wohl auch mit parteipolitischen Optionen etwa für die CDU (Wahl im September 2013!) gefüttert.
Die protestantische und freisinnige Kirche der Remonstranten hat im Jahr 1986 ihre Kirchenordnung nach einer etwa zehnjährigen Diskussion verändert, um dem gewandelten Verständnis von Homosexualität endlich auch theologisch – kirchlich Rechnung zutragen und um Gerechtigkeit für Menschen unterschiedlicher sexueller Orientierung zu realisieren: Seit 1986 also ist es für die Remonstranten selbstverständlich, dass homosexuelle Paare den kirchlichen Segen in den Remonstranten Kirchen erhalten können, auch in einem Sonntagsgottesdienst, ganz offiziell als normale Feier.Homopaare können also ihre „Ehe“ kirchlich feiern. Noch einmal: Diese kirchliche Feier ist selbstverständlich und wird als solche nicht in Frage gestellt. Die Homosexualität ist für Remonstranten normal, wie es auch Sexualwissenschaftler und Psychologen betonen, Homosexualität ist nur eine seltener vorkommende Form von Sexualität.
Die Remonstranten waren 1986 also die erste Kirche weltweit, die sich für diese offizielle Segnung entschieden hatte, sie bietet diese kirchliche Feier auch homosexuellen Paaren an, die nicht der Remonstranten Kirche angehören.
Entscheidend ist, dass die neue Kirchenordnung der Remonstranten jetzt alle Beziehungen zwischen Menschen, ob nun hetero – oder homosexuell, einfach nur „Levensverbintenis“ nennt, also, wörtlich übersetzt:„Lebenskontrakt“ bzw. „Lebensvertrag“ nennt. Auf den Begriff „Ehe“ wird verzichtet, weil er zu exklusiv noch an die Verbindung zwischen Heterosexuellen erinnert. „Der Grundgedanke dabei war, dass alle Theologie eben auch von der Gnade der Neuinterpretation (etwa der Bibel) lebt“, so in dem empfehlenswerten Buch „Coming Out Churches“, Meinema Verlag, 2011, Seite 68). „Gnade der Neuinterpretation“ dieses Wort mögen sich etwa die Gegner der EKD Studie einmal „auf dem Mund zergehen lassen“.
Dieser Schritt der Remonstranten, homosexuelle Menschen als absolut gleichwertig in jeder Hinsicht zu sehen, wurde damals – wie nicht anders zu erwarten bei Christen, die Bibelsprüche immer dann wörtlich nehmen, wenn es ihnen ideologisch passt – heftig kritisiert. Aber es gab auch vereinzelte katholische Stimmen, die der Veränderung der Kirchenordnung der Remonstranten zustimmten, wie etwa vonseiten des damaligen Studentenpfarrers in Amsterdam, des Jesuiten Pater Jan van Kilsdonk. Er bezeichnete die Homosexualität ausdrücklich als „eine Erfindung des Schöpfers“,
Der niederländische Gesetzgeber hat dann im Jahr 2001 als erstes Land der Welt überhaupt die bürgerliche Ehe auch für homosexuelle Menschen geöffnet, das war 15 Jahre nach dem Beschluss der Remonstranten. Nebenbei: Die Remonstranten gehören selbstverständlich zum „Ökumenischen Rat der Kirchen in Holland“, sie sind Mitglied im „Weltrat der Kirchen in Genf“…
Inzwischen hat der Allgemeine Sekretär der Remonstranten, der Theologe Tom Mikkers, zusammen mit dem Reformierten Pastor Wiellie Elhorst, ein Buch publiziert, das einen landesweiten Überblick bietet zur Möglichkeit der Segnung von Lesben und Schwulen: „Coming out churches“ ist der Titel, (siehe oben). Denn inzwischen sind neben den Remonstranten auch etliche Gemeinden der offiziellen Protestantischen Kirche der Niederlande (PKN) „zum Segen bereit“, sowie grundsätzlich die Kirche der Mennoniten (Doopgezinde in NL), die „Apostolisch Genootschap“ und die „Vrijzinnige Geloofsgemeenscap NPB“. Hinzukommen auch die „Basisgemeiden“ wie „Dominikus“ , „de Duif“ oder die „Studentenecclesia“ (gegründet von Huub Oosterhuis) in Amsterdam.
Die Remonstranten haben sich jedenfalls gefreut, als sie im Jahr 2010 von dem landesweit hochgeschätzten (und gar nicht immer kirchlch gesinnten) Verein zur homosexuellen Emanzipation (COC) einen Preis der Anerkennung erhielten. Aber die Remonstranten wissen auch, dass sich die Verfolgung und Unterdrückung von Homosexuellen, etwa in christlich geprägten Staaten Afrikas, wie Uganda, Nigeria oder Simbabwe, auf offizielle Texte der Kirchen in Europa berufen kann. Denn in diesen Texten wird noch immer – direkt oder indirekt – ein minderer Status, eine größere Wertlosigkeit, homosexuellen Lebens hoch tönend fortgeschrieben. Diese verheerende, weil oft genug – indirekt -tödliche Wirkung angeblich so frommer und bibeltreuer Texte aus europäischen Kirchen, vor allem aus Rom, sollte man nicht vergessen.
In Holland waren es die Eltern homosexueller Kinder, die endlich kirchlichen Respekt für ihre Töchter und Söhne forderten. Bei den Remonstranten haben sie offene Ohren gefunden, eine Kirche, die zu tiefgreifenden Reformen in der Lage ist. Schließlich geht es ausschließlich darum, die Liebe zwischen zwei Menschen allseitig zu fördern und zu unterstützen.

Die Hetero (Ehe) Paare verlieren gar nichts, schon gar nicht werden sie diskriminiert oder gar verfolgt und ins Elend getrieben, wenn es auch Homo (Ehe) Paare gleichberechtigt gibt und diese heiraten und Kinder adoptieren und erziehen.

Copyright: Christian Modehn, religionsphilosophischer salon berlin.

Ja und Nein zu den Menschenrechten: Aktuelles zur katholischen Kirche in Brasilien

Ja und Nein zu den Menschenrechten: Ein aktuelles Lehrstück aus Brasilien

Unser Beitrag über die „Universalität der Menscherechte“ hat viel Interesse gefunden. Aus aktuellem Anklass weisen wir nun auf die Kämpfe um die Geltung der Menschenrechte in Brasilien jetzt, am 24. Juni 2013, hin:

Es sind Millionen Menschen, die im Juni 2013 für einen grundlegenden Wandel in Brasilien eintreten, hin zu mehr Gerechtigkeit, mehr Respekt vor den Armen und sehr viel weniger Korrruption; diese Menschen fordern ein Ende der allseitigen Bevorzugung der Reichen: Ein Aufbruch, wenn nicht eine Revolution findet statt. Diese Menschen wollen nicht länger die fest etablierte Koalition aus Feudalherren im Nordosten (mit der Duldung sklavenähnlicher Zustände, der ökologischen Katastrophen usw.) und der Politiker, Medienbosse und Gewerkschaftsführer im reichen Süden hinnehmen. Diese Menschen können sich mit der Rücknahme der Preiserhöhungen im öffentlichen Nahverkehr, einer unbeholfenen Geste der Regierung, nicht begnügen.
Die überwiegende Mehrheit der Demonstranten sind friedliche Bürger, die nichts anderes fordern als Gerechtigkeit. Sie fühlen sich betrogen, als neuer Mittelstand in einen Konsumrausch getrieben worden zu sein, der ihnen nur hohe Verschuldung brachte…Die Schwäche der brasilianischen Gesellschaft und des Staates wird jetzt vor aller Augen offen gelegt und als ein überwindbarer (!) Fehler des Systems dargestellt. Bisher hatten sich alle Beobachter, auch die Brasilianer in ihrer grenzenlosen Geduld, damit abgefunden, in Brasilien eine der am wenigsten egalitären Gesellschaften der Welt sehen zu müssen. Nur ein Beispiel: Das Mindestgehalt beträgt etwa 240 Euro im Monat. „Die Preise für die Transportmittel sind denen in Frankreich ähnlich“, betont Jean – Jacques Kourliandsky, Forscher am geopolitischen Forschungs – Institut „Iris“ in Frankreich.
Nun erreicht uns ein Hinweis eines brasilianischen Freundes: Inzwischen hat die Brasilianische Bischofskonferenz CNBB am 21. Juni 2013 erklärt, dass sie „Solidarität und Unterstützung“ den Demonstrierenden gewährt, „damit das Land mit weniger Ungleichheit lebt“. Ausdrücklich wird die Gewalt auf der Straße angeklagt; ebenfalls wird ausdrücklich die Korruption und die Intoleranz kritisiert zurückgewiesen.
Diese Worte werden von vielen Beobachtern jedoch als unglaubwürdig betrachtet, pflegt doch die katholische Kirche entgegen ihrer großen Worte nach außen, in die Gesellschaft hinein, keine Toleranz nach Innen, also innerhalb der Kirche: „Die katholische Kirche „tut immer so als ob“, schreibt unser Freund aus Sao Salvador Bahia, der lieber ungenannt bleiben möchte, sie „tut so als ob“ sie die Menschenrechte absolut und umfassend verteidigen würde. Unser Freund weist darauf hin: Ein bekannter brasilianischer Priester, der offen die Liebe homosexueller Menschen verteidigt und vernünftig und richtig findet, wurde noch am 29. April 2013 exkommunziert, also kurz vor den offiziellen Lobeshymnen der Bischöfe für die Menschenrechte. Nicht mehr katholisch sein soll also der Priester Roberto Francisco Daniel (48 Jahre) aus dem Bistum Bauru im Staat Sao Paulo. Für einen englischsprachigen background Artikel klicken Sie bitte hier. In vielen theologischen Zeitschriften der USA, Spaniens usw. wurde auf diese Exkommunikation hingewiesen, in Deutschland leider nur selten. Der Pfarrer hatte sich geweigert, seine theologische Position zurückzunehmen und öffentlich Abbitte zu leisten. Er hatte dringend gefordert, dass die Kirche ihre Haltung zur Homosexualität verändert. „Die Liebe kann in allen Formen aufbrechen“, betonte Pater Daniel, der in Bauru sehr beliebt ist und dort Padre Beto genannt wird. Seine Konsequenz: „Ich kann nicht mehr in einer Institution leben, die die Freiheit der Meinung nicht respektiert“. Der Bischof von Bauru sagte: “Pater Beto verstößt gegen die katholische Moral und die Dogmen“. Bischof Caetano Ferrari beruft sich dabei auf den § 1364 des Kirchenrechts.
Diese Entscheidung in Bauru gibt nun all denen Recht, die lesbische und schwule Menschen gern diskriminieren und verprügen und oft auch töten, gerade in der von Machismo geprägten Kultur Lateinanerikas: Das ist auch in Brasilien immer noch Realität. Die Feinde der Menschenrechte, also auch die verblendeten Feinde homosexuellen Lebens, können nun also auf ihre Art, darin den Bischöfen folgend, exkommunizieren, also wörtlich übersetzt, eben aus der Gemeinschaft, der Gesellschaft, ausstoßen.
Sind die brasilianischen Bischöfe wirklich so blind, dass sie diese Zusammenhänge nicht sehen? Die kirchliche Mitschuld an dem Verbrechen der gesellschaftlich hoch gepuschten Homophobie gilt keineswegs ja nur für Brasilien, sondern für Polen, Rußland, Griechenland, für die katholischen Diktatoren in Afrika (Der Diktator und bekennende Katholik Mugabe, Simbabwe, ist häufiger Gast im Vatikan) oder auf den „vorbildlich“ katholischen Philippinen.
Die FAZ meldet am 24.6. 2013, dass es Gesetzesvorhaben in Brasilien gibt, Homosexualität als Krankheit zu definieren und – wie früher schon in den USA – „weg- zu therapieren“. Kranke werden abgeschoben, ausgegrenzt, „exkommuniziert“. Damit wird an die Macht der Medien erinnert, die zu einem großen Teil in den Händen pfingstlerischer Millionäre und fundamentalistischer Prediger sind. Die „Universale Kirche vom Reich Gottes“ spielt da eine entscheidende Rolle. Manche naive Beobachter in Europa nennen diese Finanzunternehmern „Frei-Kirchen“. Sie haben einige Millionen Mitlieder, weil sie Reichtum als höchste Gnade verheißen und als erstrebensert darstellen. Und es wird berichtet, dass die katholische Kirche Brasiliens diese pfingstlerische Begeisterungsspiritualität mit den ewigen Alleluja Rufen in den katholischen Glauben integriert;die Katholiken sollen also auch jubeln und „lallen“ (Glossolalie). Und diese sogen. pfingstlerische Begeisterung geht so weit, dass ein ursprpünglicher Befreiungstheologe, Leonardo Boff, diese Pfingstkirchen jetzt ausdrücklich lobt. So weit geht die Verzweiflung darüber, dass das ursprüngliche Projekt ganzheitlicher Befreiung vom Vatikan verboten wurde. Jetzt jubilieren und lallen enthusiastisch die Armen und der Mittelstand… und die Befreiungstheologie ist am Verschwinden…
Ob Papst Franziskus, der Freund „der“ Armen, davon gehört hat? Wird er bei den katholischen Weltjugendtagen in Rio de Janeiro Mitte Juli 2013 davon sprechen? Wird er sich entschuldigen, für die vielen tödlichen Konsequenzen der Exkommunikationen von Minderheiten seiner Kirche?

copyright: Christian Modehn

Menschenrechte gelten universal

Menschenrechte gelten universal

Ein Hinweis anlässlich eines Beitrags von Prof. Heinrich August Winkler, em. der Humboldt Universität Berlin, erschienen in „Die Zeit“ am 20.6.2013. Wie der katholische Bischof von Chur, Vitus Huonder, die Menschenrechte theologisch – „fundamentalistisch“ relativiert, lesen Sie am Ende des Beitrags.

Von Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Vor 20 Jahren fand in Wien eine – von 171 Staaten mit Delegationen besuchte – Konferenz über die Menschenrechte statt, sie endete am 25. Juni 1993. Dabei handelt es sich um ein Ereignis, darin wurden die Menschenrechte zur Leitschnur staatlichen Handels offiziell erklärt. Das ist viel, auch wenn sich so wenige Politiker faktisch daran halten. Ohne solche Erklärungen („IDEALE“) wird Politik zum technokratischen Getue.
Ausnahmsweise sei der Kürze halber wikipedia zitiert werden: „Jeglichem Kulturrelativismus wird mit der Abschlusserklärung die Grundlage entzogen. Diese Weltmenschenrechtskonferenz brachte auch die erste internationale Erklärung hervor, die die Gewalt gegen Frauen thematisierte. Mehrere hundert Menschen- und Frauenrechtsorganisationen beobachteten diesen Menschenrechtsgipfel der UNO“.

Leider fand diese Konferenz – bei der Fülle so vieler Gedenktage – diesmal, 2013, nicht die dem Rang des Ereignisses entsprechende Aufmerksamkeit. Darum weisen wir auf einen Beitrag des Historikers Heinrich August Winkler hin, der zwar nicht aus Anlass dieses 20 jährigen Jubiläums geschrieben wurde. Aber er zeigt in aller Deutlichkeit, diesmal vonseiten eines Historikers, dass die Menschenrechte universale Gültigkeit beanspruchen müssen. Der Artikel erschien in „Die Zeit“ vom 20.6. 2013 mit dem Titel „Das Beste vom Westen“

Wir folgen den Inspirationen Prof. Winklers und entwickeln seine Vorschläge weiter:
Sind die Menschenrechte relativ, so könnte man fragen? Ja, heißt die Antwort, wenn man mit dieser Frage daran erinnern will, dass sie in historisch „relativen“, also kulturell durchaus bedingten Umständen entstanden sind, eben in Europa und den USA. Aber sie sind entscheidend gerade NICHT relativ, weil erstens jede Erkenntnis in einem kulturell relativen Umfeld entsteht; im „Allgemeinen und Universalen“ kann keine menschliche Erkennntnis entstehen, weil es diese allgemeinen Ausgangsbedingungen nicht gibt. Der Satz des Thales ist in Griechenland „gefunden“ worden, aber er gilt, wie alle wissen, nicht nur in Griechenland. Er ist universal. So sind auch Menschenrechte formuliert worden in einer bestimmten Zeit und unter bestimmten Bedingungen. Wie sollte es auch anders sein? Aber gerade bei dieser nun einmal notgedrungen „relativen“ Herkunft sind sie universal und gelten also für alle Menschen, alle Wesen, die menschliches Antlitz tragen. Relative Herkunft und universale Gültigkeit schließen einander absolut nicht aus.
Das gilt auch, wenn diese Menschenrechte in den ersten Fassungen von 1776 (Amerika) und 1789 (Frankreich) durchaus aus heutiger Sicht unvollkommene Formulierungen sind. Es fehlt etwa im 19. Jahrhundert noch – fast verständlicherweise möchte man sagen, wegen der kulturellen Begrenzungen – das Menschenrecht der Frauen. Aber unter dem Anspruch, Menschen – Rechte formuliert zu haben, konnte dann eine kontinuierliche Weiterentwicklung dieser Menschenrechte stattfinden; diese Entwicklung ist bis heute nicht an ein Ende gekommen, gerade wenn man an die sozialen oder ökologischen Dimensionen denkt. So geschieht nun einmal Erkenntnis in relativen Bedingungen, in denen allgemeine Aussagen zustande kommen.
Aber die Verteidiger, um nicht zu sagen, die „Erfinder“ der Menschenrechte, haben sich doch selbst so selten an die Menschenrechte gehalten, könnte man berechtigterweise einwenden, man denke an den Kolonialismus. Das stimmt absolut, trotzdem konnten die Verbrecher unter den Politikern der westlichen Welt diese Menschenrechte niemals abschaffen. Die miserable politische Praxis spricht nicht gegen den bleibenden Sinn von Gesetzen.
Aber viele Kulturen sprechen doch gar nicht in den Worten der Menschenrechte, vielleicht die Chinesen, vielleicht einige Inder, vielleicht einige Inouit Völker im hohen Norden Kanadas oder bestimmte Völker indianischer Prägung am Amazonas, könnte man beanstanden. Auch wenn sie die Worte und Begriffe der Menschenrechtserklärung (noch) nicht in ihrer Sprache sprechen, in der Alltagspraxis hingegen, vor allem in der Leid- und Schmerz – Erfahrung, also in dem Erleben, dass etwas (oft sehr vieles) im privaten oder sozialen Leben NICHT sein sollte und sein dürfte, in dieser oft auch unausgesprochenen, aber praktizierten Ablehnung von Missständen, wird die „Idee“ der Menschenrechte als gültig und richtig und unaufgebbar gesetzt. Eltern in Indien haben „Gewissensbisse“, wenn sie ihr jung geborenen Mädchen töten. Chinesen wollen sich frei und unkontrolliert äußern, das muss man heute nicht mehr belegen. Demokraten in arabischen Ländern wollen doch lieber nicht niedergeknüppelt werden, Homosexuelle im Iran nicht geköpft werden: In allen diesen Negativ- Erfahrungen bricht sich der SCHREI nach der Gültigkeit der Menschenrechte durch.
Wir sind Prof. Winkler dankbar, dass er auf den Skandal hinweist, der leider viel zu wenig Empörung hervorruft, wohl aus Ehrfurcht vor dem als fast allwissend geltenden Ex – Kanzler Helmut Schmidt, dass also Prof. Winkler im Blick auf Schmidt darauf hinweist: „Es verbietet sich, die universelle Geltung der Menschenrechte mit dem kultur – relativistischen, besonders engagiert von Helmut Schmidt vertretenen Argument zu bestreiten: Weil die Menschenrechte ein Produkt des Westens seien, so der Ex Kanzler, hätten nur diejenigen Menschen Anspruch auf deren Einhaltung, die in westlichen Demokratien leben. Während andere Kulturkreise, darunter die chinesischen, gewissermaßen strukturell nicht auf die Menschenrechte angelegt seien“. Hinter dieser Meinung, die ja nicht nur Helmut Schmidt vertritt, verbirgt sich wohl eine Ideologie der „Realpolitik“, kann man sagen: D. h. um des Ökonomischen guten Verhältnisses willen werden Menschenrechtsfragen nicht nur heruntergespielt. Sondern es wird – im Blick auf die vielen Menschenrechtsaktivisten ein Schlag ins Gesicht !! – behauptet: „Diese lieben Chinesen legen doch selbst gar keinen Wert auf die Menschenrechte; ihre Führer haben die Freundlichkeit anzuerkennen, dass Menschenrechte eigentlich liberaler Quatsch der Westeuopäer sind“. Mit einer solchen Haltung, von Europäern vertreten, wird sozusagen das Gewissen der Herrscher, oft sind es Diktaturen, beruhigt. Die Wirtschaftsbeziehungen blühen dann vielleicht kurzzeitig und die Aktivisten der Menschenrechte bleiben in den Kerkern.
Diese Politiker, wie Helmut Schmidt, haben einen sehr engen Wirklichkeitssinn, auch darauf weist Prof. Winkler erfreulicherweise hin: „Der Wirklichkeitssinn hat sein notwendiges Gegenstück im Möglichkeitssinn“. Westliche Politiker sollten auch sehr stark die Möglichkeiten abklopfen, die ein deutliches Engagement für die Menschenrechte bewirken könnte. An die Solidarnosc hat kaum jemand geglaubt, auch nicht bestimmte Kreise der SPD, betont Prof. Winkler. Diese kleine Schar der polnischen Verteidiger der Menschenrechte hat letztlich die europäische Geschichte seit 1989 mit verändert.
Von daher müssen wir uns von der tätigen Hoffnung leiten lassen, dass auch die Verteidiger der Menschenrechte heute in der Türkei und in anderen (arabischen) Staaten letztlich der guten Sache der Demokratie (die auch ihre Mängel hat, aber eine bessere Ordnung gibt es wohl nicht) zum dauerhaften Durchbruch verhelfen … und weltweit Tyrannei und Willkür ein definitives Ende hat.
Unsere Freunde im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin weisen gern darauf hin, dass die Stimme der römischen Kirche, immer auch eine Stimme des Vatikans („Wir verteidigen die Menschenrechte“) viel mehr Respekt fände, wenn diese Kirche und der mit ihr verbundene Vatikan – Staat in sich selbst und in der eigenen Gesetzgebung die Menschenrechte als solche anerkennen und gelten lassen würden … und zwar als Kriterium: Welche willkürlich gesetzten Kirchengebote und welche Gesetze innerhalb des päpstlichen Staates Vatikan können Geltung haben und welche nicht. Menschenrechte sind also wie in allen anderen Staaten grundsätzlich positives Recht, in dem Falle gilt das auch für das „Kirchenrecht“. Jesus selbst und sein Evangelium hat kein Kirchenrecht hinterlassen. Weiter wird darauf hingewiesen, dass die Rede von den Armen, die Papst Franziskus so gern als Motto immer wiederholt, nicht davon ablenken darf, Menschenrechte in der Kirche zu verwirklichen. Und: Die Armen, also etwa zwei Milliarden arm gemachter Menschen, freuen sich nicht, wenn sie päpstlich wieder und wieder gerühmt und gelobt werden, sondern wenn für sie (und noch wichtiger: mit ihnen) die Menschenrechte politisch durchgesetzt werden.

Wir weisen darauf hin, dass das Thema Menschenrechte schon oft den „religionsphilosophischen salon berlin“ beschäftigt hat. Der Theologe Prof. Wilhelm Gräb hat die Menschenrechte als Grundlage einer universalen Religion gedeutet, zur Lektüre klicken Sie hier.
Wir haben in dem Zusammenhang auf die Sakralität der Person verwiesen, zur Lektüre klicken Sie hier.
Wir haben im Rahmen unserer Studien zur Dominikanischen Republik darauf hingewiesen, wie unsäglich schwer es dort Haitianer haben, würdevoll zu leben, zur Lektüre klicken Sie hier.

Bischof Vitus Huonder, von Chur in der Schweiz, hat zum Tag der Menschenrechte eine Erklärung aus seiner theologischen Sicht veröffentlicht, der unseres Wissens kein anderer Bischof widersprochen hat. Huonders Beitrag ist ein Beispiel, wie in der katholischen Kirche die Gültigkeit der Menschenrechte gegenüber den religiös, dogmatischen Lehren der Kirche an die zweite, die untergeordnete Stelle rückt. „Religiöse Lehren, also etwa die sogenannten Gottesrechte, zuerst, dann folgen erst die Menschenrechte, also die aktuelle Vernunft“: Dies ist das Motto, dem diese Kirche immer noch folgt, sie beansprucht „die Gottesrechte“ authentisch interpretieren zu dürfen. Solche Überzeugungen werden ja bekanntlich viel exzessiver und brutaler als im Katholizismus auch in anderen Religionen ausgelebt.

Hier die Stellungnahme Bischof Huonders:

Das Wort zum Tag der Menschenrechte (10. Dezember 2011) von Vitus Huonder, Bischof von Chur:
„Brüder und Schwestern im Herrn, die moderne Gesellschaft findet in der Erklärung der Vereinigten Nationen zu den Menschenrechten von 1948 eine Grundlage für ein geordnetes Zusammenleben der Völker und Nationen.1 Für viele staatliche Gemeinschaften ist sie sozusagen die Leitlinie für die eigene Gesetzgebung geworden. Auch in den vielfältigen Beziehungen auf nationaler und internationaler Ebene berufen sie sich darauf.

Die Kirche nimmt die Menschenrechtserklärung zur Kenntnis. Sie misst die Aussagen und Forderungen der Konvention an der Wahrheit der göttlichen Offenbarung. Sie hebt hervor, dass die Menschenrechte mit Blick auf die Würde anzuwenden und zu interpretieren sind, welche der Mensch als Gottes Schöpfung, aber ebenso als Gottes Ebenbild hat. Den Menschenrechten voraus geht daher immer das göttliche Recht. Die Menschenrechte stehen und fallen letztendlich mit dem Respekt vor dem Gottesrecht“. Quelle: kath.net

COPYRIGHT: Christian Modehn Berlin.