Selbstbestimmt leben – auch in meiner Religion

Beim nächsten Salon am 13.1. 2013 wollen wir das schon diskutierte Thema Selbstbestimmung von einer spezielleren Seite beleuchten:

“Selbstbestimmt leben – auch in meiner Religion”. Über das Recht und die Pflicht, sich seinen persönlichen Glauben, auch seinen persönlichen Unglauben, also seine eigene Spiritualität, selbst (mit anderen) zu gestalten. Also ein Salonabend auch über den Abschied von alten Göttern und überlieferten Traditionen und Konfessionen … sowie und von dem (unbewußten?) Gebundensein an “kulturelle Götter” (etwa des Kapitalismus, Konsumismus usw.) …Ein spannender Salon Abend, herzliche Einladung… mit der Bitte um Anmeldung per email: christian.modehn@berlin.de

ORT: Wieder in der Galerie Fantom in der Hektorstr. 9 in Berlin – Wilmersdorf, nahe Kurfürsten Damm um 19 Uhr!

Zum Thema des Januar Salons:  Im November und Dezember 2012  sprachen wir über Möglichkeiten und Formen der Selbstbestimmung, anläßlich des Buches von Peter Bieri. Im JANUAR Salon am Freitag, 11. Januar 2013 um 19 Uhr in der Galerie Fantom (Hektorstr. 9 in Wilmersdorf) wollen wir das Thema fortsetzen: Es wurde ja deutlich, dass wir bei der Selbstbestimmung immer schon von einem Bestimmtsein und Verfügtsein ausgehen (müssen). Das gilt auch für die religiösen, philosophischen und weltanschaulichen Tradtitionen, in die wir hinein gestellt wurden. Welche Bedeutung hat dann religiöse, philosophische und weltanschauliche Selbstbestimmung, also die Wahl, meines je eigenen “Glaubens”. Heute suchen sich immer mehr Menschen ihre je eigene Spiritalität: Das ist soziologisch erwiesen. Die Rede ist von multireligiösen Bindungen. Ist das wirklich so neu? Und welches sind die Kriterien der Wahl, welches Glück suchen wir dabei? Genauso wichtig: Wie stark sind die unbewusst bestimmenden “Dogmen” der Gesellschaft, die meist den Werten der herrschenden kapitalistischen Gesellschaft entsprechen? Sind wir uns bewußt, dass wir z.B. an die Allmacht des Geldes “glauben”, an die bestehenden Strukturen der Wirtschaft, der Politik? Können wir auch inmitten dieser zugewiesenen Glaubensformen zur Selbstbestimmung finden? Das spannende Fragen, über die eine Debatte lohnt zugunsten größerer Klarheit.

 

Der phantastische Jesus – über “apokryphe Weihnachtsgeschichten”

Eine Ra­dio­sen­dung am 2. Weihnachtsfeiertag: Im Kulturradio RBB von 9.04 bis 9.30 Uhr. Derselbe Beitrag wird am 26. 12. 2012 auch im Hessischen Rundfunk HR2 (Reihe Camino) von 11.30 bis 12.00 Uhr gesendet.

Der phantastische Jesus: Weihnachtsgeschichten der frühen Kirche

Von Christian Modehn

„Es begab sich aber zu der Zeit …“. So beginnt die bekannte Weihnachtsgeschichte im Lukas-Evangelium. Darüber hinaus finden sich über die Geburt Jesu und den Alltag in der heiligen Familie weder bei Lukas, noch beim Evangelisten Matthäus erschöpfende Hinweise. Mit so mageren Informationen wollten sich die ersten Christen aber nicht zufrieden geben. Sie verfassten, von frommer Phantasie geleitet, weitere Legenden und Erzählungen, so genannte „apokryphe“, verborgene Evangelien: Da wird von der Geburt in einer Höhle berichtet, von neugierigen Hebammen und den Eltern der „Gottesmutter“ Maria. Das wundertätige Baby entwickelt sich zum trotzigen, frechen Jungen. Die Kirchenführung ignoriert diese Texte; das fromme Volk sowie Künstler und Schriftsteller lassen sich von ihnen bis heute inspirieren. „Der Glaube braucht phantastische Bilder“, sagen Liebhaber dieser ersten „Jesus–Romane“.

 

Der Advent – philosophisch betrachtet.

Inspirationen im Advent.

Diese philosophische Meditation wurde am 30.11.2012 publiziert.

Von Christian Modehn.  Siehe auch “Advent in Kiew (Kyjiw)” : LINK.

1.

Der Beitrag wurde am 27.11.2022 aus dieser Website entnommen, angesichts der Hilflosigkeit, wenn nicht der Verzweiflung, für eine andere, spirituell und vor allem human angemessene Form des Lebens im Advent zu plädieren. Leben ALS Erwartung, als Hoffnung auf ein gerechtes Leben für alle, war eine Kernthese dieses Beitrags. Diese Hoffnung schwindet, sie wird systematisch zerstört von vielen Herrschenden: Sie sind Nationalisten, religiöse Fundamentalisten, Egomane, Psychopathen… Die Vernünftigen fühlen sich so hilflos… Die Anzahl der Demokratien, also der Staaten, die den Titel Demokratie wirklich verdienen, wird immer kleiner.

2.

Um nicht nur vom Krieg, von der Klimakatastrophe, der Spaltung der Menschheit in sehr wenige Super – Reiche und sehr viele Arme zu sprechen: Sind die Weihnachtsmärkte in Deutschland nicht ein populäres Symbol dafür, dass Weihnachten ein Markt-Ereignis, ein Markt-Geschehen, geworden ist? Kann auf diesen Weihnachts-Märkten die Hoffnung auf eine andere, gerechte Welt lebendig werden? Sind die Weihnachtsgottesdienste eine wirksame Hilfe, aus der genannten Depression und der Kommerzialisierung von Weihnachten herauszuführen? Sind die üblichen Weihnachtslieder der Kirchen nicht auch Ausdruck infantiler Regression?

3.

Advent – Adveniat – d.h. : Möge ER doch erscheinen, dasein, kommen  – endlich, der ersehnte Messias, verstanden als Inbegriff, als Symbol, einer geretten, weil reif gewordenen menschlichen Menschheit. Die Hoffnung heute als letzte Rettung im Dunklen bleibt diffus. Hoffnung findet keine Subjekte mehr … oder nur sehr wenige.

4.

Vielleicht aber ist der Messias, die “messianische Zeit” (Walter Benjamin), schon da und dort unbemerkt, aber  lebendig? Aber nur wenige geben Hinweise, wo ER oder die messianische Zeit, zu suchen seien. In den großen, dem kapitalistischen Markt-Geist ergebenen Kirchen doch wohl nicht? Oder an der Basis der Suchenden, Glaubenden, jenseits der Hierarchien!

Die ökologischen Bewegungen, die “Klima-Aktivisten”, die verzweifelten Kämpfe um die Geltung der Menschenrechte: Sie sind ein Hinweis in die richtige Richtung einer humaneren Welt. Advent wird zum politischen Handeln, ist nicht länger mehr frommes, nur religiöses Warten…

5.

Die Machthaber der alten Ordnung wehren sich gegen die Möglichkeit einer besseren, gerechteren Welt … weil diese ihnen die Privilegien entziehen könnte. Die Machthaber der alten Ordnung fixieren sich auf ihren Status-Quo bzw. ihre imperialen Wünsche. Mit Zukunft für die EINE Menschheit hat das nichts zu tun. Also auch gar nichts mit Advent als dem Beginn einer neuen humanen Epoche, human für alle.

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Fritz Roth, Bestatter: Inmitten der Trauer das Leben lieben… und über Sterbehilfe nachdenken

Wir bieten hier einige wichtige  Informationen zu Fritz Roth, einem der wegweisenden und prägenden, inspirierenden Bestatter in Bergisch – Gladbach.   Mit großer Trauer hören wir, dass Fritz Roth am 13. 12. 2012 verstorben ist. Seine Ideen, seine Kreativität, seine Menschenfreundlichkeit: sie leben weiter.

Weiter unten finden Sie zum Nachlesen eine Ra­dio­sen­dung.

Zuerst aber ein Statement von Fritz Roth, das er im Oktober 2012 unter seinen regelmässigen “Denkanstößen” publizierte, zum Thema Selbstbestimmung und Sterben, “Sterbehilfe”. Dieses Thema wurde leider in der Talkshow der ARD mit Günter Jauch am 18.11.2012 um 21. 45 nicht angesprochen;  es wäre aber wichtig gewesen, Fritz Roth danach zu befragen, da er sich selbst als einen gläubigen Katholiken versteht mit zahlreichen Verbindungen zu katholischen Organisationen!

Am 30.10. 2012 in “Denkanstoß Nr. 66” schrieb Fritz Roth:

Ich möchte auch noch einmal für ein Thema streiten, das wir wie Trauer und Tod aus dem öffentlichen Bewusstsein oft genug verdrängen.

Es geht um Sterbehilfe.

Die Liebe, Aufmerksamkeit und Wertschätzung, die ich von meiner Familie, von Freunden, Bekannten und auch von Seiten der Medien bekomme, seit bekannt wurde, dass ich unheilbar an Leberkrebs erkrankt bin, berührt mich tief. Ich danke allen, die mir in den letzten Wochen zugehört, mich in ihre Sendungen eingeladen und über mich geschrieben haben. Während der Gespräche gab es immer wieder bewegende Momente.

Bisher war mein Lebensthema Trauer. Menschen kamen immer dann zu mir, wenn sie einen Trauerfall in der Familie hatten, oder sich aus anderen Gründen für das Thema interessierten. Trauernden zu helfen und Menschen mit dem Tod vertraut zu machen, hat einen Großteil meines Lebensglückes ausgemacht. Ich liebe meinen Beruf. Eine neue Trauerkultur nicht nur zu fordern, sondern sie mit zu gestalten, ist für mich eine große Erfüllung.

Meinen eigenen Tod vor Augen würde ich der gesellschaftlichen Diskussion gerne noch einmal einen Impuls geben. Die Vorstellung an Schläuchen zu hängen und von der Funktionsfähigkeit einer Maschine abhängig zu sein, ist schlimm. Natürlich möchte ich schmerzfrei sterben. Das ist heutzutage kein Problem. Aber ich möchte auch bewusst sterben.

Es wäre eine große Erleichterung, über meinen eigenen Tod selbst entscheiden zu können. Ob ich die Entscheidung fälle, steht auf einem anderen Blatt. Ich möchte es nur dürfen. Wenn es ans Sterben geht, möchte ich meine Würde und meine Mündigkeit behalten. Ich finde es bedenklich, wie wir versuchen, alles per Gesetz zu regeln, den Anfang und das Ende des Lebens. Dass meine Frau aus dem Zimmer gehen muss, um sich nicht strafbar zu machen, wenn sie mir etwas gibt, damit ich mein Leben würdevoll beenden kann – ich halte das für menschenunwürdig.

Ich möchte mir nicht selber das Leben nehmen, aber ich möchte darüber wenigstens nachdenken können, und es müsste ermöglicht werden dürfen. Und dafür möchte ich nicht in die Schweiz fahren, sondern das möchte ich zu Hause tun können, vielleicht dabei aus dem Fenster schauen oder was immer mir noch möglich ist. Meine Lebenssituation kann sich sehr schnell ändern. Im Moment fühle ich mich gut und bin voller Tatendrang. Das kann in ein paar Wochen anders sein, dann macht mir der Krebs vielleicht wirklich Angst, weil ich mich vor Schmerzen krümme. Ich werde vorbereitet sein.  Herzlichst, Ihr Fritz Roth.

Die NDR Ra­dio­sen­dung aus der Reihe Lebenswelten (2006):

Inmitten der Trauer das Leben lieben

Fritz Roth – Bestatter, Philosoph, Seelsorger

Von Christian Modehn

Einige Freunde des Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salons baten darum, die Sendung über den Bestatter Fritz Roth, Bergisch – Gladbach, NDR 2006,  noch einmal nachlesen zu können. Wir bieten hier die für Rundfunkproduktionen übliche Form auch mit den abgeschriebenen O Tönen zur privaten Verwendung … und zur Hochschätzung der Leistungen von Fritz Roth in der Suche nach menschlicher Trauer und Begleitung. Dieser Beitrag dokumentiert  einige wichtige Aspekte der Arbeit von Fritz Roth.

22 O TON Zuspielungen

1. O TON, 0 25″.

In meinem Mittelpunkt steht nicht mehr der Tote, sondern der, der mit dem Tod leben muss.  Mascha Kalekko sagt so treffend: Den eigenen Tod, den stirbt man nur, doch mit dem Tod der anderen, den muss man leben. Und wenn ich wieder weiß, was Tod ist, dann bekomm ich eine neue Werteinstellung zu meinem Leben und auch zum Leben der anderen.

Fritz Roth sitzt in seinem Salon, umgeben von feinen Möbel und alten Teppichen, an den Wänden Gemälde zeitgenössischer Künstler. Die Fenster geben den Blick frei in die üppige Natur: Bäume in herbstlicher Farbenpracht, in der Ferne einige Skulpturen. Befinden wir uns in einem eleganten Land-Hotel? Der Besucher möchte es glauben, wenn er in Bergisch-Gladbach das Grundstück von Fritz Roth betritt und über verschlungene Wege auf der Anhöhe die alte Villa erreicht. In diesem Landhaus möchte man verweilen und ausruhen. Und genau dazu fordert Fritz Roth auf. Denn er meint: Seine Besucher und Gäste hätten einen Anspruch darauf, sich hier “wie zu Hause zu fühlen”. Denn sie durchleben schwere Stunden: Sie müssen sich von ihren Lieben verabschieden, hier erleben sie, wie der Sarg geschlossen wird. In wohltuender Atmosphäre fällt es leichter, sich dem Unabänderlichen vertraut zu machen. Angela Kirch hat vor einigen Jahren ihren Mann verloren. Zuerst kümmerte sich ein Bestatter aus der unmittelbaren Nachbarschaft um die Leiche. Einige Freunde hatten sie aber an Fritz Roth verwiesen:

2. O TON, 1 16″

Hier hab ich dann die Möglichkeit gehabt, wirklich von ihm auch Abschied zu nehmen. Der Herr Roth war dann dabei, hat mir geholfen, und zuerst mal die Berührung mit dem toten Körper vorgemacht. Dass ich mich auch traute, dass ich einfach das Ereignis realisieren konnte, dass ich ihn auch mit angezogen habe, ihm Kleidung ausgesucht habe zu Hause und dann beim Anziehen dabei. Er war ja dadurch, dass er tot gefunden wurde von dem anderen Bestattungsunternehmen eingesagt worden. Hatte dann ein Rüschenkissen, und eine Rüschendecke, da war der Sarg mit ausgestattet. Und das war so fremd für mich. Und dann wurde das direkt aufgenommen und er hat gesagt, dann sollte ich doch von zu Hause was mit bringen, was so besser passt. Und dann haben wir das umgeändert in seine Wolldecke, die immer und überall mit hin genommen wurde in den Urlaub oder so. Konnte ich ihm dann in den Sarg legen, Kopfkissen, wo er einfach vertrauter aussah, nicht.

Im Erdgeschoss seines Hauses hat Fritz Roth gemütliche Wohnzimmer eingerichtet, mit Sesselecken und Sofas, mit Schränken und einer kleinen Kochnische. Und in der Mitte steht der offene Sarg. Hier können die Hinterbliebenen bei ihrem Verstorbenen verweilen; sie können bleiben, solange sie wollen. Und sie dürfen kommen, wann immer sie möchten, selbst nachts. Ein Mitarbeiter ist immer in Rufbereitschaft. Bei einem Verkehrsunfall im Ruhrgebiet hat Herbert Arntz seine Frau und eine seiner Töchter verloren.

3. O TON, 1 23″

Dann hab ich den Herrn Roth angerufen, obwohl mein Bestatter schon gesagt hat, die sind so schlimm zugerichtet die Toten. Gucken sie die nicht mehr an, sehen sie, dass sie das schnell über die Bühne kriegen. Und der hat gesagt, der Herr Roth, das lassen wir mal so stehen, ich fahre nach Essen ins Krankenhaus, ich gucke mir die an. Das hat der dann auch gemacht. Rief mich am selben Tag noch an und sagte, das ist kein Problem, die Toten sind nicht so entstellt. Er holt die nach Bergisch Gladbach von Essen, die werden hier aufgebahrt und ich könnte Tag und Nacht kommen, um Abschied zu nehmen, das wäre ganz wichtig. Und ich fand ganz hilfreich, mit welchem Einfühlungsvermögen der Herr Roth mit mir umgegangen ist. Als hätte er das selber erlebt, das Gefühl hatte ich, ich hatte sofort einen Verbündeten. Und dann er hat mich an die Hand genommen und runtergeführt in den Raum, wo die beiden dann lagen, und stand dann erst mal mit mir schweigend. Er hat dann auch ermutigt, die Toten anzufassen,  um zu sehen, dass sie eben nicht mehr leben, dass sie kalt sind, und auch, dass sie sich verändern werden im Laufe der Zeit, dass man das auch mit sieht und wirklich sicher ist: Die sind tot, ihre Hülle ist tot, und davon kann man sich verabschieden.

Herbert Arntz hat hier unter Tränen langsam entdeckt: Trauer ist keine Krankheit. Du musst dich deswegen nicht schämen. Du darfst weinen, brauchst dich nicht zu verstecken. Aber dann beginnt tastend und suchend eine neue Lebensphase. Für die Hinterbliebenen bietet Fritz Roth in seinem Haus Gesprächsgruppen an. Trauernde treffen sich zweimal im Monat in kleinem Kreis. Sie wollen einander stützen und gemeinsam Auswege aus der Verzweiflung suchen. Herbert Arntz:

4. O TON, 0 38″.
Als die erste Trauergruppe dann zu ihrem Ende kam, die sich auflöste, da hatte man uns gefragt, ob man nicht Betroffene, die schon eine Trauergruppe erlebt haben, auch  als authentische Figuren, als Ko- Referat so dabei sitzen. Und das haben wir dann auch gemacht, wir haben dann nachfolgende Gruppen noch begleitet. Und das war noch mal hilfreich für mich zu sehen, dass ich schon ein Stück vorangekommen bin, dass ich schon ein Stück weiter war und sagen konnte: Mensch, das kenn ich, das ändert sich, und konnte das vielleicht authentisch sagen, weil ich ja selber ein Betroffener war und nicht ein Belehrender war.

Den Trauernden wieder Mut machen, das Leben zu lieben: Fritz Roth hat sich dieses anspruchsvolle Ziel gesetzt, und er verlangt dafür bloß die üblichen Honorare. Nicht gerade selbstverständlich in einer Branche, in der Konkurrenzkampf kein Fremdwort ist und Effektivität oder Profit als oberste Werte gelten. Fritz Roth wurde 1949 in einem kleinen Dorf im Bergischen geboren:

5. O TON, 0 38″.

Dass ich mich so dem Tod widme, hätte ich eigentlich an meiner Wiege nicht gedacht. Weil, ich war ja Bauernsohn und sollte Bauer werden. War der einzige Sohn. Auf dem Bauernhof war der Umgang mit Leben und Tod ein ganz natürlicher. Und das war mir nicht so bewusst, aber das war allgemeine Lebenserfahrung. So wie wir lachten, so weinten wir auch, wir begegneten dem Tod, wir wurden ihm nicht ferngehalten. Der Tote war zu Hause, er wurde von der Familie anzogen, er wurde betrauert; die Leute kamen in das Trauerhaus, dann setzten sie sich um den Toten herum. Er wurde aus der Gemeinschaft heraus beerdigt, und danach gab es auch immer etwas Tolles zu essen.

Aber lange hielt es ihn nicht in dieser so harmonischen, beinahe idyllisch erlebten Welt. Der jugendliche Traum von fernen Welten im Dienst der Mission war mächtiger:

6. O TON, 0 21″.

Dann bin ich mit 10 Jahren in ein Kloster gegangen, weil ich Missionar werden wollte. Bin immer sehr begeisterungsfähig: Ich kam aus der Schule, und da kamen zwei Patres, und die begeisterten mich dafür ins Kloster zu gehen, also habe ich sehr zum Leidwesen meines Vaters mein Ränzlein geschnürt, bin nach Holland gegangen, war neun Jahre bei den Steyler Missionaren und da war der Umgang auch immer mit Tod ein ganz natürlicher.

…weil die Ordensleute beim Tod ihres Mitbruders dabei waren, der Verstorbene in der Kirche für ein paar Stunden aufgebahrt und mit Liedern der Zuversicht, mit einem Halleluja, bestattet wurde.

Nach dem Abitur im Kloster-Gymnasium studiert Fritz Roth Volkswirtschaft, er wird Unternehmensberater, bricht seine Karriere aber ab, weil er etwas ganz anderes vorhat: Er will den Umgang mit Sterben und Tod menschlicher gestalten. Dieser berufliche Umbruch, dieser Neubeginn, ist vielleicht mit der Dynamik einer religiösen Berufung vergleichbar. Fritz Roth will ein besonderer Bestatter werden: Bei Spezialisten für Trauerbegleitung, den Psychologen Jorgos Canacakis und Verena Kast, macht er seine Studien. Seit der Gründung vor 23 Jahren ist das “Haus der menschlichen Begleitung” größer geworden, es zählt heute mehr als 20 Mitarbeiter. Fritz Roth kümmert sich auch um die alltäglichen Aufgaben eines Bestatters, aber er will mehr, möchte Neues schaffen, Modelle bieten für eine zeitgemäße Trauerkultur. Vor wenigen Monaten hat er auf seinem weiträumigen Waldgelände Deutschlands ersten Privat-Friedhof eröffnet. Einmal pro Woche führt er Gruppen über das Friedhofsgelände:

7. O TON, 0 27″. 

Natur ist für mich auch immer einer der besten Trauerbegleiter, ich vergleiche in meiner Arbeit Trauerzeit mit Winterzeit. Sogar die Bäume, die machen mir Mut: was machen die im Winter: Die werfen alles weg, was morsch und faul ist. Sie konzentrieren sich auf das Wesentliche, man könnte fast so sagen, wie Exerzitien. Und da kann der Schnee im Bergischen und dort, wo Sie leben noch so hoch sein: Der Baum hat das Vertrauen, ich werde wieder grün werden.

Der Friedhofsgarten ist voller Symbole: Sie fallen dem Besucher förmlich vor die Füße: Eine Mauer, zum Klagen bestimmt; Berge von Wurzeln, die das Gespür für die eigenen Erdverbundenheit wachrufen. Ein kleiner Garten voller heilsamer Kräuter, sanfte Mahnungen, gesünder zu leben. Und immer folgt der Weg durch den Park-Friedhof der in sich ruhenden Form einer liegenden 8, sie wirkt wie eine Schleife der Unendlichkeit:

8. O TON, 0 38″.

Hier kommt die liegende 8 zusammen. Und geht wieder auseinander. Und deshalb ist dieser Schnittpunkt für mich auch ein spiritueller Punkt. Und wir sehen hier die Pflasterung ist auf ein mal eine andere. Und wenn sie genau auf diese Pflaster schauen, dann sehen sie am äußeren Rand, dass diese Steine Namen tragen. Eigentlich müsste jeder Stein einen Namen tragen. Denn ich möchte mit diesen Steinen zum Ausdruck bringen die Entwicklung unserer Menschheit. Und es kommt auf jeden Stein an, es kommt auf jeden an. Wenn einer von Ihnen nicht leben würde, wäre die Welt anders.

Die Besucher halten inne, schauen in die weite Landschaft. Sie ahnen nicht, dass es heute noch sehr viel Durchsetzungsvermögen kostet, einen privaten Friedhof in Nordrhein-Westfalen  zu eröffnen. Immerhin: Auf dem Privaten Friedhof sind der Kreativität fast keine Grenze gesetzt:

9. O TON, 0 26″.

Hier gibt es nur eine Bedingung: Keiner wird namenlos bestattet. Eine junge Frau, die starb und die sollte eigentlich anonym beigesetzt werden. Aber bevor sie starb, hatte sie noch von diesem Konzept gehört, und hatte ihren Mann hier hin geschickt und hat gesagt, wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind, dann möchte ich nicht anonym bestattet werden. Und sie sagte: Dieser Stein aus dem Garten, die Pflanzen aus dem Garten, die müssen auf mein Grab. Und das machten wir. Und sie war die Frau, die eine Vorliebe zum Mond hatte. Wo ihr Mann sie dann  nachts um 12  Uhr in einer Mondnacht beigesetzt hat. Das ist alles möglich.

Fritz Roth hat sich den missionarischen Elan aus Jugendzeiten bewahrt: Er will eine Botschaft verbreiten. Und seine “Message” bezieht sch auf Grundsätzliches: Jeder Mensch soll die absolute Begrenztheit des Lebens anerkennen. Zur Verbreitung dieser Botschaft ist ihm beinahe jedes Mittel recht:

11. O TON,  0 41″.

Im Sommer haben wir immer ein Sommerkonzert, für alle, die traurig sind. Und für mich war das immer so eine Sache, im Sommer reden alle nur vom Wegfahren. von Urlaub, und ich sehe nicht die traurige Nachbarin, die ihr Kind verloren hat. Also habe ich seit 15 Jahren immer eingeladen zu einem Sommerkonzert: “Streicheleinheiten für die Seele”. Wo jeder hin kommen konnte, der traurig war, mittlerweile kommen auch sehr viele, die gar nicht traurig sind. Hab bekannte Musiker eingeladen, und ich konnte einen Abend die Seele baumeln lassen. Und hier haben die Bläck Fööss gesungen, Tommy Engel war hier, der bekannte Lied-Sänger von den Bläck Fööss, bei dem waren 1400 Teilnehmer.

Vor allem seine Kollegen, die Bestatter,  möchte Fritz Roth für eine neue Trauerkultur begeistern, das gelingt nicht immer. Es gibt viel Neid in der Branche, und manche sind schadenfroh, wenn “der Roth” sich in seinem Enthusiasmus förmlich überschlägt und vor vier Jahren sein eigenes, privates Krematorium einrichten wollte, ein Projekt, das an der Bürokratie scheiterte. Andererseits: Einige Kollegen haben Respekt vor seiner Leistung:

12. O TON, 0 21″,

Ich bin selbst Bestatter und kenne Herrn Roth schon seit Jahren, habe es miterlebt, wie die Anfänge waren, bin begeistert. Ich kann nur sagen, das müsste weit mehr möglich sein, es ist der richtige Weg. Bin eben mal so 10 Minuten durch den Wald gegangen und da fand ich die innere Ruhe, was jeder Mensch braucht, um zu sich zu finden.

Eine neue Bestattungskultur könnte die Lebensqualität verbessern, landauf landab verkündet Fritz Roth seine Philosophie, in Büchern und Talkshows, in der Presse und bei Vorträgen: Einige Pflegeheime für alte Menschen haben sich seinen Vorschlägen angeschlossen, berichtet Irmgard Pracht aus Wuppertal:

13. O TON, 0 41″.

Die Bewohner sterben in ihren Zimmern, in ihrem vertrauten Raum. Sie werden dort auch begleitet bis zum Ende und werden nach dem Tod auch dort verabschiedet, also mit der Familien, wenn das gewünscht wird, mit der Familie, mit dem Pflegepersonal, mit den Mitbewohnern, da wird eine kleine Aussegnungsfeier gemacht und dann kommt der Bestatter. Es erregt bei uns ein großes Aufsehen, dass der Bestatter mit dem Sarg durch den Haupteingang kommt. Die Menschen, die dort zu Besuch sind, die sehen, dass dort gestorben wird. Das ist nicht immer einfach auch für die Menschen, die dort leben, die sagen: Wir wollen das gar nicht, wir wollen gar nicht immer erinnert werden.

Den Tod in der Öffentlichkeit verdrängen, und die Toten möglichst unsichtbar machen: Noch immer ist dies traurige Wirklichkeit. Aber Fritz Roth lässt sich nicht entmutigen, er erläutert seinen Besuchern immer wieder neue, ungewöhnliche Projekte:

14. O TON,  1 08″.

Deshalb sehen sie hier die Villa Trauerbunt, das Haus des trauernden Kindes. Das ist nur für Kinder reserviert, dieses Haus, wo Kinder die einen Verlust hatten, über Malen, Spielen, Gestalten, Basteln, (mittwochs und donnerstag) ihre Gefühle ausdrücken können. Dann haben wir einen Wut?? Raum drin: Und jedes im Mai, Juni, beauftragte ich eine Theaterfrau ein Theaterspiel für Kinder über Staunen, Hinsehen, Phantasieren, aber auch über Tod zu entwickeln. Und das bieten wir allen Grundschulklassen, allen Kindergärten an, und in den letzten Jahren sind über 12.000 Kinder im Alter zwischen 5 und 9 Jahren hier gewesen. Und gleichzeitig spielen die draußen und drinnen ist vielleicht eine Trauerfeier oder eine Veranstaltung, und es passt alles unter ein Dach. Und meine Endvorstellung ist es ja, dass dieses Haus ein Geburtshaus wird, wenn hier Menschen Tränen der Freude weinen über Leben, das begonnen hat. Und daneben stehen Menschen, die Tränen der Trauer weinen über Leben, das sich vollendet hat. Aber das Geburtshaus dauert noch wahrscheinlich ein bisschen, ich will nicht noch Gynäkologe werden.

Fritz Roth will unter allen Umständen wieder den Tod mitten ins Leben stellen. Für ihn ist das eigentlich kein neuer, schon gar nicht ein revolutionärer Gedanke,  sondern eher ein konservatives Programm, voller Sehnsucht nach der alten behüteten Heimat:

10. O TON,  1 02″.

All das, was ich hier tue, das fordere ich auch für mich ein. Meine Mutter, die starb vor 5 Jahren. Und wir haben sie 8 Tage zu Hause gelassen. Und wir hatten wunderbare 8 Tage, hier war ich der Sohn, hier war ich nicht der Bestatter. Wir konnten die alten Fotoalben noch mal herausholen. Nachbarn kamen, setzten sich um den Sarg unserer Mutter, erzählten uns Geschichten. Wir hatten Zeit eine wunderbare Todesanzeige selber zu gestalten. Wir hatten Zeit, die Ansprache für die Mutter zu schreiben. Und dem Pastor haben wir gesagt, die Ansprache, die halte ich. Die Messe mit den Liedern, die suchen wir aus. Und das müssen nicht immer Kirchenlieder sein. Sondern das sollten Lieder des Lebens sein. Wir haben nach der Messe die Mutter rausgetragen aus der Kirche. Wir sind durch die Straßen wieder gezogen. (Aber) Ich möchte, dass man in einem Gemeinwesen wieder entdeckt, hier wird  nicht nur der Karnevalszug, nicht nur der Schützenzug nicht sonstige Umzüge gefeiert, hier wird auch gestorben.

Es ist die Begeisterung, die ihn leitet und wie einen Missionar in die Ferne treibt:

15. O TON, 0 23″. 

Ich hab bis zum Jahresende glaube ich noch 30, 40 Veranstaltungen laufen. /Es ändert sich/ Ich rase wie ein Rasselli durch die Lande, um überall Flächenbrände des Lebens zu entfachen. Und ich weiß, das kann ich auch. Ich kann Menschen dafür begeistern, ich kann sie zum Träumen und zum Spinnen bringen. Und ich bin sicher in 10 Jahren sieht die Welt wieder ganz anders aus.

….ob dann wirklich der Tod ins Leben integriert ist? So ganz sicher ist sich Fritz Roth manchmal doch nicht, wenn er sich zeitgenössische Trends beobachtet:

16. O TON, 0 50″.

Ich kann es eigentlich nicht verstehen, dass wir immer mehr unseren Namen aufgeben. Wir leben auf der anderen Seite in einer konsumorientierten, Marken-orientierten Welt, kaufen keine Artikel,  wenn es keine Markenartikel sind, geben aber den tollsten aller Markenartikel, und das ist mein Name, den geben wir auf. Meinen, im Tode, über den Tod hinaus namenlos zu verschwinden. Und dabei haben wir seit 2000 Jahren einen wunderbaren Gedanken mitbekommen: “Ich hab dir einen Namen gegeben, und ich werde dich bei deinem Namen rufen”. Und für mich es ist eigentlich klar, vom verkodeten Menschen, die immer mehr zur Nummer werden, kann ich nicht erwarten, dass sie die Herausforderungen unserer Zeit annehmen. Wir sind keine Massenware, wir sind jeder ein Unikat, und dafür kämpfe ich.

Aber Fritz Roth ist kein verbissener Kämpfer, kein sturer Ideologe. Eher könnte man ihn eine rheinische Frohnatur nennen, allerdings voller Charme und provozierender Ironie: Beides kann er einsetzen, selbst wenn er vor hochrangigen Politikern spricht, etwa im Landtag von Hannover: Dort wurde vor zwei Jahren ein neues Bestattungsgesetz diskutiert. Fritz Roth plädierte für menschlichere, liberalere Gesetze im Umgang mit den Verstorbenen:

17. O TON, 1 26″.

Ich habe ein großes Poster von Pietà gebracht. Und hab gesagt, wir nennt ihr das denn?  Da steht ihr bewundernd vor. Wie nennt ihr das denn nach eurem Gesetz, wenn eine Mutter in einem deutschen Krankenhaus das gleiche machen würde. da ist ihr Kind gestorben. Und sie nimmt es wie Maria aus dem Bett heraus und sagt: Schaut her, das ist mein Kind und ich möchte nicht, dass es verschwindet in die Pathologie. Wie nennt ihr das, wenn diese Mutter ihr Kind nicht in ein dichtverschlossenes Behältnis, was Flüssigkeit undurchlässig ist, das ist die juristische Definition für einen Sarg, hineintut. Und wie nennt ihr das, nach eurem Gesetz, wenn diese Mutter ihr Kind nicht in einen für Leichen Ort hineintut, sondern dort hintut, wo wir alle gesundet sind? Einen Ort, wo wir früher auf dem Sofa gelegen haben. das was ich euch gerade sage, das wäre nach eurem Gesetz gar nicht möglich, weil ihr es für pietätlos haltet. Und ich möchte euch noch einen Gedanken mitgeben: das, was ich gerade gesagt habe, habe ich nicht konstruiert für den Landtag hier in Hannover. Ich habe schon 100mal gemacht, aber ich schwöre hier in dem Landtag, dass mich kein Gesetz der Welt, auch euer Bestattungsgesetz für Hannover, davon abhält, das gleiche zu tun, wenn diese Hilfe notwendig ist.

Die Rede im Landtag hat die Abgeordneten zwar berührt, aber nicht zu weitreichenden Reformen bewegt. Mit großer Mehrheit wurde ein Gesetz beschlossen, das einen privaten Friedhof oder gar die Verwahrung einer Urne im häuslichen Rahmen untersagt. Fritz Roth tröstet sich über diese Niederlage in Hannover  hinweg. Er startet einfach weitere Aktionen in seinem Haus und lädt ungewöhnliche Gäste zu Tagungen ein:

19. O TON, 0 31″. 

Ich bin vor 30 Jahren Polizist geworden. Tod ist zum Glück nicht unser täglicher Begleiter, aber wir haben sehr oft damit zu tun. Aber uns hat nie einer ein Instrument an die Hand gegeben, wie gehen wir damit um. Wie gehen wir damit um, einem das zu sagen, wenn wir jemandem den Tod mitteilen müssen eines Angehörigen. Das ist eine sehr plötzliche Sache, da ist keine lange Krankheit vorangegangen. Aber auch: Wie gehen wir selber denn damit um? Wie werden wir damit fertig, wenn die Leute vor uns zusammenbrechen. Das war allerhöchste Zeit, dass ein solches Seminar angeboten wird.

Aber auch die Polizisten sollen nicht nur Kopfarbeit leisten, sie sollen, wie bei allen Kursen im Hause Roth, seelisch bewegt werden:

20. O TON, 0 32″.

Wir haben auch praktische Übungen gemacht, eine davon war zum Beispiel: Wir sind in einen Raum reingegangen, in dem normalerweise Tote aufbewahrt werden. Da stand ein offener Sarg als Symbol für den Toten, der normalerweise in dem Sarg liegt, da war ein Pullover, eine Kappe, eine Blume und eine leere Flasche hinterlegt. Und eine der Aufgaben war, sich vorzustellen: Da liegt der geliebte Mensch drin, den man hat. Welche Gefühle man dabei entwickelt, und das geht dann schon mal ins Eingemachte, an die Substanz, wenn man sich emotional darauf einlässt.

Die Polizisten bedauern, dass sie erst so spät zur Auseinandersetzung mit dem Tod fanden. Fritz Roth hat diese Erkenntnis gleich aufgegriffen und Jugend- Gruppen in sein Haus geladen. Für sie nimmt er sich sonders gern Zeit:

21. O TON, 0 50″.

Mit diesen Jugendlichen gehe ich natürlich nicht sofort zu einem Toten hin. Ich nehme mir erst mal Zeit, mich mit ihnen auf den Weg zu machen. Nehme mir Zeit, so nachzuspüren, wo sie ihre Ängste haben, was sie für Erfahrungen haben, was sie für Vorstellungen haben. Und wenn ich dann mit ihnen zu einem Toten hingegangen bin, dann entdecken sie, dass das nichts mit einem Horrorszenarium zu tun hat. Sondern dass die Begegnung mit Tod eine Riesenchance auch für Ehrfurcht, für ein Mysterium um das Leben herum ist. Und ich kann immer nur wieder sagen, nach den Gesprächen auch, die wir danach dann auch führen: Da bin so begeistert, wenn diese Menschen das Haus verlassen, dass ich weiß, wir brauchen vor dem Morgen keine Angst zu haben, wenn wir heute im Hier und Jetzt auf unser Ende schauen.

Das “Haus der menschlichen Begleitung” mit seinem weitläufigen Friedhof nennen viele Menschen zurecht ein spirituelles Zentrum;  manche sprechen gar von einem neuen religiösen Ort. Konfessionen und Dogmen spielen hier allerdings keine Rolle mehr. Es gibt freilich die Ökumene derer, die dem Tod ins Auge gesehen haben. Herbert Arntz:

22. O TON,

Das hat mich erst mal nicht über den Tod nachdenken lassen, sondern über das Leben. Nämlich so zu leben, als könnte jeder Tag der letzte sein. Auch in der Beziehung so zu sein, dass man sich verabschiedet und das Gute sagt und nichts aufschiebt. Dass was gut zu tun ist, das auf keinen Fall aufschiebt, sondern das ständig zu erwähnen und zu sagen. Also auch authentischer zu leben und nicht mehr etwas zu verbergen, sondern wenn man fröhlich ist, die Fröhlichkeit zu zeigen. Und wenn man aber bedrückt ist, auch zu sagen: Ich bin jetzt bedrückt. Für die Toten ist gesorgt. Da muss ich nichts mehr unternehmen. Ich denke: Entscheidend ist, das eigene Wesen zu entwickeln, zu dem als der man gedacht war. Für mich  hier und heute bist.

copyright:christian modehn und NDR

 

150. Geburtstag von Gerhart Hauptmann: Ein spiritueller Dichter

Der selbstlose Jesus und der griechische Eros

Hinweise zur Spiritualität Gerhart Hauptmanns

Von Christian Modehn

Am 15. November 2012 wird der 150. Geburtstag des Dichters Gerhart Hauptmann gefeiert (15.11. 1862 – 6.6.1946). Zweifellos, er ist heute nicht vergessen, seine Stücke werden noch gespielt, seine Texte in den Schulen gelesen. „Naturalismus“ als künstlerisches Zeugnis sozialer Verhältnisse ist aktuell.

Wir wollen im „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin“ nicht versäumen, auf einige Aspekte der christlich geprägten Spiritualität Gerhart Hauptmanns aufmerksam zu machen, so sehr er auch lebendiges Interesse hatte an einer „dionysischen“, Eros betonten Form griechisch geprägter Religiosität. Dabei meint Spiritualität eine geistige Haltung, die prägend ist für das ganze Schaffen.

Gerhard Hauptmann verbrachte die entscheidenden Jahre, wie er selbst sagt, in unmittelbarer Nachbarschaft Berlins, in Erkner (1885 – 1888). Er hatte Kontakt mit den Literaten in dem nur wenige Kilometer entfernten Friedrichshagen am Müggelsee… Hauptmann ist sozusagen auch als ein Berliner Dichter zu verstehen. Und gerade in Erkner war er sehr befasst mit seinen „Jesus – Studien“. Sie haben sein Werk direkt oder stimmungsmäßig bestimmt, etwa auch den großen Roman „Der Narr in Christo Emanuel Quint“ (von 1910).

Diese damals viel beachtete Arbeit zeigt, wie dicht sich Hauptmann in seinen Protagonisten einfühlt, auch sprachlich voller Nuancen. Es handelt sich – so möchte man aus religionsphilosophischer Sicht sagen – um einen Roman, der, im Milieu der untersten Schichten angesiedelt, zeigt, wie religiöse Leidenschaften und Phantasien, ja religiöse Wahnvorstellungen im Elend oder wegen des Elends entstehen, wie dann „kleine Glaubensgemeinschaften“ sich um einen hoch verehrten, dann aber wieder verachteten „Propheten“ aus dem Volk bilden. „Der Narr in Christo“ ist also ein heute kaum beachtetes Stück literarischer Theologie und Religionskritik. Bisher, so scheint es, wurde dieser Text kaum einbezogen in eine Darstellung von „Volksreligion“…

Nur ein Hinweis: Es ist die Geschichte des „schlesischen Heilands aus Giersdorf“: Er ist, naiv und fromm, Sohn eines Tischlers; er fühlt sich von Gott mit besonderer Gnade ausgestattet und gerufen und gesandt. Eine Gemeinde der ganz Armen, etwa der Landstreicher, schart sich um ihn, bildet die „Gemeinde der Talbrüder“. Man verehrt „den Narren in Christo“, hält ihn für einen neuen Erlöser. In der Erniedrigung des Elends entsteht, so will Hauptmann sagen, religiöse Fantasie, wenn nicht religiöser Wahn… Ein Phänomen, das heute bekannt und sehr weit verbreitet ist: Man denke an volkstümlich – religiöse enthusiastische (charismatische) Bewegungen unter den Elenden in Afrika oder Lateinamerika… Aber die „Talbrüder“ lassen dann doch in ihrer Unbeständigkeit und ihrem Eigensinn ihren „Meister“ fallen…Hauptmann bietet in dem Roman auch kritische Hinweise zur etablierten Kirche in einem Staat, der ganz auf das Bündnis von Thron und Altar setzt. Der hoch verehrte und dann doch geschmähte Prophet bricht, so der Roman „in den Süden“ auf; nach Rom, möchte man fragen? Er scheitert: Er stirbt bei Schneesturm in den Alpen.

„Narr in Christo“ wurde auch Franz von Assisi genannt, eine Gestalt, die Gerhart Hauptmann sehr verehrte. Es ist doch  auffällig, dass er Requisiten und Gegenstände um sich sammelte und pflegte, die seine Nähe zum Christentum ausdrücken sollten, eben die (Franziskaner -)Kutte, die er – meditierend – häufig trug. In diesem Mönchsgewand wurde er schließlich auch bestattet, am 28. Juli 1946 auf der Ostsee Insel Hiddensee. Auch ein „Neues Testament“ wurde ihm – wunschgemäß – ins Grab gelegt, es war ein von ihm viel gelesenes, ja „zerlesenes“ Exemplar…

In seinen Jahren in Erkner wurde, wie gesagt,  die Gestalt Jesu für Hauptmann immer wichtiger. Das Interesse an den „rein menschlichen Zügen“ Jesu steht dabei im Mittelpunkt, die Selbstlosigkeit Jesu sowie seine Erkenntnis: „Gott ist Geist“.

1918 erschien Hauptmanns Erzählung „Der Ketzer von Soana”, sie ist trotz ihrer manchmal pathetischen Sprache durchaus aktuell. Beachtlich ist, mit welcher Freiheit schon damals Hauptmann das zentrale Problem der katholischen Kirche bzw. des katholischen Klerus thematisierte, vor allem die gesetzliche Verpflichtung, zölibatär zu leben. Erzählt wird die Geschichte des Priesters Francesco Vela, der bei einem Besuch einer Hirtenfamilie in der Welt der Berge erlebt, wie tief ihn die Natur innerlich, spirituell, berührt, viel stärker als die eher trockenen Texte der Buchreligion. In der als grandios erlebten Bergwelt spürt der Priester eine tiefe Lust am Dasein. Er verliebt sich in Agata, die Tochter des Hirtenpaares; der Priester wird förmlich überwältigt von Lebenslust, das „Dionysische“, wird immer drängender, die sexuelle Liebe bietet ihm höchste Erfüllung…

Die meisten Arbeiten Hauptmanns sind vom Geist der Solidarität, der Sympathie für die Armen und Ausgebeuteten bestimmt, obwohl Hauptmann selbst alles andere als ein „armer Dichter an der Seite der Armen“ lebte…

Es wäre zu zeigen, wie Hauptmanns „Soziale Dramen“ durchdrungen sind vom Geist Jesu und gleichzeitig von der Kritik an der etablierten Kirche. Das ließe sich schon an dem Stück „Die Weber“, Uraufführung 26. 2. 1893 im Neues Theater, erörtern. Es ist bezogen auf historische Ereignisse, den Aufstand in Kaschbach und anderen schlesischen Orten im Jahr 1844. Mit militärischer Gewalt wurde der Aufstand niedergeschlagen. Als eine Motivation, das Stück zu schreiben, nennt Hauptmann selbst „das Mitleid“ mit den Erniedrigten. Die Wilhelminischen Zensurbehörden wollten die Aufführung des Stückes unbedingt verhindern, erst nach einem Gerichtsurteil kam es in die Öffentlichkeit des Theaters. Auch in „Die Weber“ zeigt sich Hauptmann wieder als Religionskritiker: Der Pastor Kittelhaus tritt in dem Stück als Verfechter der bestehenden Bindung von Kirche und Staat auf. Auch der „alte Hilse“ ist aus religiösen Gründen gegen den Aufstand, er findet als Unbeteiligter den Tod am Ende des Stücks.

Gerhart Hauptmann hat zu seiner Zeit auch international viel Ehre und viel Ruhm erlebt, als Fünfzigjähriger erhielt er den Nobelpreis, er wurde in Skandinavien, in den USA und Frankreich hoch geschätzt.

Interessant wäre es, die mystischen Texte Hauptmanns, die schon 1922 in Portofino begonnen wurden, und im Alter von 75 Jahren abgeschlossen wurden, auch religionsphilosophisch näher zu untersuchen: Wieder geht es um die göttlichen „Kräfte und Mächte“, wobei dem Eros immer die besondere Liebe Hauptmanns gilt. Wie sich diese eher griechische Spiritualität mit der biblisch – jesuanischen vermitteln lässt, ist eine weitere Frage. Universal für alle Menschen gültig ist für Hauptmann jedenfalls der Geist. Darin zeigt sich bereits, wie „multi – spirituell“ ein Dichter zu Beginn des 20. Jahrhunderts leben wollte. Eine einzige Konfession war Hauptmann zu eng. Er lässt seinen „Narren in Christo“ Worte sagen, die auch sein eigenes Bekenntnis sein könnten: „Der Mensch wird nicht eigentlich geboren außer im Geist. Er wächst nur im Geist, und was er von Wahrheit weiß oder nicht weiß, ist ganz und gar beschlossen im Geist“. Aber: Auch den bösen Geist gibt es für Hauptmann, „und der spukt in allen Religionen“.

1912 verfasste Hauptmann einen Text (“Marginalie”) über Duldsamkeit. “Die Religion der Zukunft ist Duldsamkeit” (Toleranz). Dabei deutet Hauptmann die Kunst als den “vollkommenen Toleranzfaktor”, wobei die Dilettanten unter den Künstlern nicht Kunstwerke, sondern “Götzen” schaffen. In den Kirchen hingegen gab es “die schlimmsten Verfolgungen”, “Christen waren es, die die Christen in unzähliger Menge hinmordeten”. “Wahre Religion hat nichts mit Unterjochung zu tun”. Der TEXT: LINK

Copyright: christian modehn, berlin.

 

 

Poesie der Selbsterkenntnis: Ein Versuch über Bittgebete

Verschiedene Freundinnen und Freunde des Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salons haben anläßlich einer Ra­dio­sen­dung zum Thema Bittgebet  darum gebeten, das ungekürzte Manuskript zugänglich zu machen. Die Ra­dio­sen­dung im RBB war ja “nur” 24 Minuten lang. Das Thema Beten und besonders Bittgebete berührt ja auch manchen philosophisch interessierten Leser. Geht es doch darum, in welcher Weise sich Menschen äußern und äußern können im Angesicht des Unendlichen…Eher traditionell fromme Menschen werden das Bittgebet natürlich viel präziser fassen, auch davon ist in der Ra­dio­sen­dung die Rede.  Wir bieten den Text an – in einer für Hörfunk Produktionen üblichen Gestalt. copyright: christian modehn.

RBB Kulturradio, Gott und die Welt,

Worte in Gottes Ohr

Über das Bittgebet         Sendung am 23.9.2012 Kulturradio RBB

1. SPR.: Berichterstatter

2. SPR.: Zitator

3. SPR.: Übersetzer (overvoice)

22 O TÖNE, zus. 12 00“.

5 Musikal. Zusp.

——————————————-

1. musikal. Zusp., 0 08“ freistehend, dann leise im Hintergrund  (Das Adagio aus Sonate für Klavier und Violine F Dur von Beethoven)

1. O TON,  Göpfert, 0 16“

Ich glaube, es gibt so ein magisches Missverständnis des Beters, als könnte er die Erhörung herbeizwingen, herbei- beten. Durch noch so viele Gebete, die ich aufräufele, kann ich das nicht herbeizwingen! Das wäre, denke ich, ein magisches Missverständnis von Bittgebet.

1. musikal. Zusp., noch mal kurz freistehend

2. O TON, Plattig, 0 16“

Das entscheidende Wunder für mich wäre, dass Menschen durch das Gebet zu einem Umgang mit ihrem Leid finden. Dass einfach ein Prozess in Gang kommt, mit dem Menschen mit ihrem Leid entweder leben können oder sterben können.

1. musikal. Zusp., noch mal kurz freistehend

3. O TON, Alvisi, 0 14“

Das Bittgebet ist für mich wirklich ein Gespräch mit dem Geliebten, mit dem, der mir am nächsten ist und nach dessen Nähe ich mich sehne die ganze Zeit. Gott ist für mich das Allerliebste.

Titelsprecherin:

Worte in Gottes Ohr

Über das Bittgebet

Eine Sendung von Christian Modehn 1. musikal. Zusp., noch mal 0 06“ freistehend. Dann ausgeblendet.

1. SPR.:

Beten und Lieben sind für Marina Alvisi identisch. Mit Gott ist sie so verbunden wie mit ihrem Mann, dem sie auch alles sagen darf:

4. O TON, Alvisi, 0 22“

In der Liebesbeziehung spreche ich einfach mit dem anderen Partner. Also ich sage zu meinem Geliebten auch: Du, bitte komm, hilf mir doch. Ich schaffe es nicht allein, komm her, ich brauch dich jetzt, ja. Obwohl man beieinander ist, obwohl man sich kennt. Und trotzdem, bittet man sich gegenseitig um Unterstützung, um Hilfe. Und Gott ist quasi der Geliebte.

 

1. SPR.:

Und auch ihn spricht sie unmittelbar an:

5. O TON, 0 30“, Alvisi

Zum Beispiel: „O Du“, „O Du“. Also wirklich wie so ein tiefer Seufzer, der  aus der Seele oder aus dem Herzen kommt. Also diesem Seufzer einen Ausdruck geben, einen Namen geben. Die Seele braucht ein Ventil, um jetzt nicht zu platzen sozusagen vor lauter innerer Sehnsucht. Es ist wirklich diese Sehnsucht nach Gottes Nähe. Wenn ich danach schreie, dann spüre ich oft auch diese innere Antwort wirklich als tiefe Empfindung, also als Entlastung, dass man sich gereinigt fühlt, dass man sich mehr angekommen fühlt, dass man sich selber wieder besser spürt. Du spürst es im Herzen. Die Antwort ist da, der Ruf ist erhört. In Form von einer starken Liebe, von einer starken Ruhe. Das ist einfach was Intensives.

1.SPR.:

Marina Alvisi lebt in Berlin als Lehrerin für Spiritualität. Nur weil sie selbst in enger Verbundenheit mit Gott lebt, kann sie andere Menschen das Beten und Bitten lehren. Gemeinsam mit ihrem Mann, dem katholischen Theologen Anthony Lobo aus Indien, leitet sie auch eine Yoga – Schule und einen Gesprächskreis über Mystik.

6. O TON: 0 20“, Anthony Lobo
Wenn man ein Verlangen hat, dann ist es auch ein Bittgebet.

1. SPR.:

So beschreibt Anthony Lobo die Mitte seiner Spiritualität:

6. O TON Fortsetzung:

Die großen Mystiker sagen, man muss immer die Sehnsucht haben. Also man soll nicht Bittgebet eng darstellen. Also: vielleicht ist Bittgebet Sehnsucht nach diesem unaussprechlichen Leben. Denn Gott ist ein erfahrbarer Gott, nicht ein Gott, der im Himmel wohnt, er ist ein Gott, der direkt mit uns mitspielt.

1.SPR.:

„Gott spielt in unserem Leben mit“: Im hinduistisch geprägten Indien ist dieser Ausdruck sehr beliebt; er beschreibt, wie eng Gott und Mensch aufeinander bezogen sind. Auch im Alten Testament ist an vielen Stellen die Rede von einem Bund, den Gott mit den Menschen geschlossen hat, zunächst mit Noah und Abraham, später mit dem ganzen Volk Israel. Während die Menschen sich verpflichten, den göttlichen Geboten treu zu sein, können sie der Fürsorge Jahwes, ihres Gottes, vertrauen. Er wird seine Geschöpfe in ihrer Not nicht im Stich lassen: Im Psalm 94 betet das Volk Israel:

2. SPR.:

Der Herr, der das Ohr gepflanzt hat, sollte der uns nicht hören? Der das Auge gemacht hat, sollte der uns nicht sehen?

1.SPR.:

Von einer ähnlichen Gewissheit ist der Psalm 34 getragen:

2. SPR.:

Als ich den Herrn suchte, antwortete er mir.

Und er rettete mich aus all meiner Furcht.

Wenn die Gerechten schreien, so hört der Herr.

Und errettet sie aus all ihrer Not.

1. SPR.:

In den vier Evangelien des Neuen Testaments werden die Menschen von Jesus Christus selbst aufgefordert, ihre Anliegen vor Gott zu tragen. Sie sollen nicht nachlassen zu bitten und zu flehen, heißt es bei Matthäus und Lukas:

2. SPR.:

Bittet, so wird euch gegeben, suchet, so werdet ihr finden. Klopfet an, so wird euch aufgetan.

7. O TON, 0 30“, Plisch

Und das scheint tatsächlich auch der ursprüngliche Kern dieser Überlieferung zu sein.

1. SPR.:

berichtet der evangelische Theologe Uwe Karsten Plisch:

7. O TON Fortsetzung:

Ich glaube, den Sinn versteht am besten, wenn man ihn mal umdreht und negiert, ja: Also wer nicht anklopft, dem wird auch nicht aufgetan. Und wer nicht sucht, der wird auch nicht finden. Das bedeutet nicht: Wer sucht, wird immer finden und in jedem Falle. Und wer anklopft, dem wird immer aufgetan. Sondern: Man muss aktiv werden. Also auch hier wird im Grunde der mittuende Mensch eingefordert.

1. SPR.:

Die Jünger haben Jesus sogar bedrängt, sie das rechte Beten und Bitten zu lehren. So entstand einer der schönsten spirituellen Texte der Menschheit,  sagt der evangelische Theologe Wolfgang Bittner: Das  „Vater Unser“.

8. O Ton, 0 41“, Bittner,

Das Interessante ist, dass Jesus dann mit dem „Vater Unser“ ein Bittgebet formuliert hat. Das Charakteristische an diesem Bittgebet ist, dass man zunächst einmal um die Anliegen Gottes bittet: Dein Wille geschehe, dein Name werde geheiligt, Dein Reich komme…Da kommt der Mensch mit seiner Sorge zunächst nicht vor. Da tritt man zunächst einmal in das große Anliegen Gottes rein, in eine Dynamik, die Gott für diese Welt hat. Und dann kommen auch die eigenen Anliegen, das tägliche Brot, die Schuld, die um Vergebung bittet, die Versuchung, die an mich herantritt, und all die Dinge, die haben ihren Raum, um die darf man konkret bitten.

 

1. SPR.:

Nicht nur Christen, religiöse Menschen aller Zeiten haben durch das „Vater Unser“ Beten und Bitten gelernt. Manchmal begnügen sie sich damit, Gott in ihren schnell daher gesagten „Stoßgebeten“ anzusprechen. Andere nehmen sich Zeit für ausführliche  Litaneien oder Fürbittgebete. Selbst Stars der Rockmusik haben sich nicht gescheut, öffentlich Bittgebete vorzutragen.

2. musikal. Zusp., Elvis Presley, “Precious Lord, take my hand… bleibt

0 12“ freistehen, dann herunterziehen:

1.SPR:

Precious Lord, Du kostbarer Herr, nimm meine Hand, führe mich weiter“, so betet Elvis Presley in diesem Gospel Song.

Noch einmal: 2. musikal. Zusp., Precious Lord, take my hand… bleibt 0 08“ freistehen, dann Text rauflegen:

3. SPR.:

Ich bin müde, ich bin schwach,

Bin ich getragen

Durch den Sturm, durch die Nacht…

Nimm meine Hand Precious Lord

und führe mich nach Hause.1. SPR.:

Dieses Lied wurde 1932 von dem Gospel-Sänger Thomas Andrew Dorsey geschrieben, als er seine Frau und seinen neugeborenen Sohn verloren hatte. Es wurde von vielen Sängerinnen und Sängern interpretiert und berührt die Menschen noch heute. Auch Elvis Presley hatte viele Gospel-Songs in seinem Repertoire. Fred Omvlee (sprich Omfléh) z.B. kennt die meisten davon auswendig. Als protestantischer Pfarrer gestaltet er seit vielen Jahren in Amsterdam eigene Gottesdienste ausschließlich mit Elvis Songs. In seinen Predigten berichtet der Pastor,  wie er in tiefer seelischer Not wieder aufgerichtet wurde:

9. O TON, 0 24“,  Omvlee

Rund um das Sterben meines Vaters habe ich erfahren, wie großartig die Gospel von Elvis wirken. Das Lied: Precious Lord Take my hand, berührte mich damals so, dass ich mich zu gleicher Zeit sehr traurig und sehr erfreut fühlte: Wir fallen nicht aus Gottes Hand. Die Elvis Gospels von gestern sind, glaube ich, die Psalmen von morgen.

2. musikal. Zusp., Precious Lord, take my hand… bleibt noch einmal 0 08“ freistehen

1.SPR.
Keine Form des Gebetes ist so populär wie das Bittgebet; es wird in allen Religionen praktiziert. Selbst im Buddhismus, der eigentlich keinen Gottesbegriff kennt, bitten die Gläubigen:

2. SPR.:

Mögen mich zum Wohle aller Lebewesen

die Tugenden von Freigiebigkeit, Ethik, Geduld,

Fleiß, Meditation und Weisheit zur Buddhaschaft führen.

1. SPR.:

Selbst eher „weltlich- atheistisch“ gestimmte Menschen können nicht auf spontane Bittgebete verzichten, etwa wenn sie einer Freundin viel Glück bei einem Examen wünschen und dann versprechen: „Dafür drücke ich dir die Daumen“. Diese Geste wird zur stummen Bitte, dass alles gut gehen möge.

10. O TON, 0 55“, Göpfert

Ich glaube, dass man an dem Bittgebet überhaupt nicht vorbeikommt. Weil das Bittgebet streng genommen nichts anderes ist, als Ausdruck der menschlichen Existenz, wie sie in dieser Welt ist: Erlösungsbedürftig.

1. SPR.:

meint der evangelische Theologe Michael Göpfert.

2. SPR.: (Göpfert Fortsetzung)

Und so betrachtet, finde ich, ist Bittgebet nichts anderes wie der Schrei nach Erlösung. Ob man das nun so formuliert oder nicht. Das heißt, die menschliche Kreatur schreit, ob sie will oder nicht, danach, dass sie aus ihrer Angst, ihrer Not, ihrem Tod, erlöst wird. Das tut, glaube ich jeder, ob er sich nun selber als gläubig und religiös bezeichnet oder nicht. Auch einer, der nicht an Gott denkt, schreit gleichsam in den Himmel, einem unbekannten Adressaten entgegen und will befreit werden, auch wenn er weiß, dass er nicht befreit wird. Deswegen glaube, dass das Bittgebet genauso unausrottbar ist wie die Hoffnung, wie die Hoffnung des Menschen unausrottbar ist.

1. SPR.:

Wer sich der biblischen Weisheit völlig anvertraut und die Bilder der Evangelien für sein eigenes Leben absolut hilfreich findet, wird sich von Zweifeln kaum beirren lassen, glaubt der Theologe Wolfgang Bittner. Fromme Menschen beten und bitten, selbst wenn sie keine unmittelbare Antwort erhalten:

11. O TON, 0 46“. Bittner

Mit einem Gott der biblischen Texte, da weiß ich auch sehr oft nicht, warum Gott nicht erhört. Ich kann mir nur so sagen, wie das Martin Luther gesagt hat: Es gefällt Gott manchmal auf seinem Weg, sich bis in sein Gegenteil hinein zu verbergen. Was mache ich dann, wenn Gott mir so vorkommt, dass er

mir schier unheimlich wird. Luther sagt dann: Dann fliehe ich vor Gott zu Gott. Ich fliehe in das hinein, was ich aus den Evangelien weiß, dass Gott nur Liebe ist. Auch wenn ich von dieser Liebe im Moment nichts sehe. Und bis in die letzte Dunkelheit will ich nicht glauben, dass Dunkelheit das Letzte ist. Weil es im Evangelium steht!

1.SPR.:

Tatsächlich lassen viele religiöse Menschen rationale Argumente kaum gelten, wenn es ums Bittgebet geht. Sie wollen ihrem Überschwang keinen Einhalt gebieten, wenn sie ihre Wünsche und Anliegen an den Himmel richten. Dabei spielen auch magische Vorstellungen eine Rolle. So wird in den Wallfahrtsorten ganz unverblümt um Wunder gebetet, wenn nicht gebettelt: Jesus oder die Jungfrau Maria mögen doch eingreifen und die kaputte Ehe retten oder bei schweren Operationen helfen:

12. O TON, Plattig.

Ich kann natürlich verstehen, dass jemand, der leidet, der vielleicht auch unheilbar krank ist, nach jedem Strohhalm greift, und dann unter Umständen auch zu so einem Wallfahrtsort geht.

1. SPR.

Sagt der katholische Theologe Wolfgang Plattig.

12. O-Ton, Plattig  Fortsetzung.

Solange es die Bitte um Heilung ist, sehe ich darin kein Problem. Es kippt natürlich an der Stelle, wo es magisch wird, also, wo ich glaube, dass ich durch bestimmte Handlungen oder durch bestimmtes Tun oder auch durch das Gehen an einen bestimmten Ort quasi etwas erreiche. Also meine Bitte wertvoller mache vor Gott.

1. SPR.

Die Basilika der „Jungfrau von Guadeloupe“ in Mexiko – Stadt ist einer der beliebtesten Wallfahrtsorte der Welt mit mehr als 20 Millionen Pilgern jährlich. Sie bitten im Angesicht des wundertätigen Marienbildes um ein Haus, um Erfolg beim Betteln, um Schutz vor den Drogen – Bossen. Der katholische Theologe Alfons Vietmeier studiert diese Volksfrömmigkeit in seiner mexikanischen Heimat:

13. O TON, 0 50“, Vietmeier

Ich sehe schon einen wahren Kern in der religiösen Grundhaltung ganz vieler Menschen, die letztlich Lebensängste und Lebensnöte ausdrücken wollen oder müssen. Und wenn sie nicht können, was gibt es da an Ausweg? Der Alkohol, Missbrauch, Gewalt in Familien. In dem Sinne, ist, glaube ich, die religiöse Ausdrucksform ein Versuch, mit der inneren Traurigkeit, mit der inneren Besorgnis, so umzugehen, dass es nicht in Extreme schlägt, sondern dass es eine Form ist, positiv zu gestalten, dass letztlich auch mein Leben bei allen Nöten doch in Gottes Händen ist.

1.SPR.:

Das Bittgebet hat in den letzten Jahren nicht nur bei Theologen viel Aufmerksamkeit gefunden. Auch Philosophen und Soziologen befassen sich mit jenen Worten, die das Unendliche berühren und bewegen wollen. Der Soziologe Stefan Blankertz will dabei auf religionskritische Aspekte nicht verzichten

14. O TON, 0 38“, Blankertz

Die klassische Form des Bittgebetes hat ja irgendwie die Struktur des Feudalismus: Also ich als armer Knecht, so wurde ja auch gesagt, so wurden ja auch die Gläubigen genannt, ich als armer Knecht, bitte den Herrn, der mit mir machen kann, was er will. Und den muss ich bitten darum, dass er mir wohl gesonnen ist. Und das ist eben interessant, dass im 14. Jahrhundert Meister Eckart, während Feudalismus noch da ist, auch schon daran arbeitet, ihn zu überwinden und diese Form von Verhältnis zwischen Gläubigen und Gott nicht mehr als das richtige Verhältnis zu bezeichnen.

1.SPR.:

Meister Eckart, ein Dominikanermönch aus Erfurt im 13. Jahrhundert, hatte als Prediger und Theologieprofessor einen weit über Deutschland hinausreichenden Einfluss. Heute werden seine philosophisch – theologischen Meditationen weltweit gelesen:

15. O TON, 0 33“, Blankertz

Meister Eckart hat in einer Predigt auf diese Frage: Wie soll ich beten, gesagt: Man soll still werden. Also Gott spricht ein Wort in mir, und dafür muss ich zuhören, und dafür muss ich dem Raum geben. Das ist also auch meine eigene spirituelle Erfahrung und meine eigene spirituelle Praxis: Gerade nicht sprechen, nicht bedrängen. Sondern zuhören, was mir zukommt, und was ich jetzt nicht einfach produziere.

1. SPR.:

Wer Bittgebete sprechen will, sollte sich von Meister Eckart maßgeblich beeinflussen, wenn nicht provozieren lassen, betont einer seiner Übersetzer aus dem mittelalterlichen Deutsch, Professor Alois M. Haas:

2.SPR.:

Meister Eckart lehrt: Wer da um etwas anderes als nur um Gott bittet, der bittet unrecht. Wer immer um irgendetwas anderes bittet, der betet einen Abgott an. Und man könnte sagen, dieses Verhalten sei reine Ketzerei. Die wahren Beter, die beten Gott in der Wahrheit und im Geiste an, das heißt: Im Heiligen Geist.

1.SPR.:

Schon im streng kirchlich geprägten Mittelalter hat Meister Eckart davor gewarnt, Gott einfach nur als Person zu verstehen und ihm alle Attribute zuzuschreiben, die für ein menschliches Individuum gelten. Er empfahl sogar, den Begriff der „namenlosen Gottheit“ zu gebrauchen. In diese Höhen muss eine Theologie des Bittgebets tatsächlich führen: Warum sollte es nicht möglich sein, auch in den Kirchen heute von Gott als der „unergründlichen Gottheit“ zu sprechen? Viele spirituelle Menschen folgen heute längst dieser Überzeugung, sagt der Theologe Wilhelm Gräb:

16. O TON, 0 26“, GRÄB

Viele religionsempirische Untersuchungen zeigen, dass die Zahl der Menschen, die zwar durchaus mit einem Gottesgedanken sehr viel anfangen können und den auch bei sich tragen, aber mit einer Vorstellung von Gott als Person die allergrößten Schwierigkeiten haben. Und ich meine: Theologisch müssten wir einfach hingehen und sagen: Das ist auch vollkommen in Ordnung! Ihr müsst euch gar nicht Gott als Person vorstellen.

1.SPR.:

Denn Gott ist für die Menschen wesentlich das unergründliche Geheimnis. Die Geschichten und Verse der Bibel behalten ihr begrenztes Recht, wenn sie in Bildern schöner Poesie Gott als den Helfer und väterlichen Freund der Menschen darstellen. Aber es handelt sich eben um Bilder, mehr nicht. Sie dürfen nicht zu maßlosen Erwartungen verführen. Denn Gott, der Ewige, ist für die Menschen kein Gesprächspartner „auf Augenhöhe“, betont der katholische Theologe Otto Herrmann Pesch in seinem grundlegenden Buch mit dem Titel „Das Gebet“:

2. SPR.:

Der christliche Glaube hat es mit einem Unsichtbaren zu tun. Und deshalb gehört es zum Gebet, dass es einen Unsichtbaren anredet und keineswegs eine unmittelbare Antwort zu hören bekommt.

1.SPR.:

Viele Theologen führen diesen Gedanken weiter, wie der Spanier André Torres Queiruga (sprich Keirúga). Er schreibt in der internationalen theologischen Zeitschrift Concilium:

2. SPR.:

Die Bittgebete schüren Missverständnisse, wenn sie darauf bestehen, die Vergebung von Gott zu erflehen, wo er doch bereits vergeben hat und nur auf unsere Umkehr wartet. Sie erzeugen das Fantasiegebilde eines Gottes, der erst mitleidvoll wird, wenn wir ihn darum bitten und mit uns Erbarmen an ihn wenden. Gott als Vater umhegt uns aber bereits mit seiner grenzenlosen Liebe. Wenn wir auf das populäre Bittgebet verzichten, dann tun wir das nicht aus menschlicher Arroganz, sondern aus Demut, Dankbarkeit und Respekt gegenüber dem grenzenlosen Überschwang der göttlichen Großzügigkeit.

1. SPR.:

Dank dieser unendlichen Großzügigkeit kann sich der Gläubige von Gott geborgen wissen und in ihm den letzten Lebenssinn sehen: Diese Überzeugung hat einen zentralen Platz im Neuen Testament. Der Evangelist Johannes und die Autoren der „Johannesbriefe“ lehren die alles gründende Einheit der Menschen mit Gott. Im Ersten Johannesbrief heißt es:

2. SPR.:

Ihr seid als Glaubende bereits im Heiligen Geist mit Gott verbunden. Wer glaubt, der hat bereits das ewige Leben. Und nur deswegen können wir Gott um etwas nach seinem Willen bitten. Dann hört er uns.

1. SPR.:

Diese Erkenntnis sollte die Basis sein für ein neues, ein reifes Verständnis des Bittgebetes, fordert der katholische Theologe John Main aus Montréal:

2. SPR.:

Darum bemühen wir uns auch gar nicht darum, dass beim Beten und Meditieren etwas für uns geschieht! Das Grundlegende ist bereits geschehen, nämlich das Einssein mit Christus. Wer das verstanden hat, lässt sich nicht länger in die Fixierung auf sich selbst und die eigenen Wünsche einsperren. Wir sind bereits eins mit Gott.

1. SPR.:

Trotzdem bleibt das Sprechen zu Gott, das Beten und Bitten, sinnvoll. Es ist sogar heilsam, sagt der katholische Theologe Wolfgang Plattig:

17. O TON,, Plattig.

Das entscheidende Wunder für mich wäre, dass Menschen durch das Gebet zu einem Umgang mit ihrem Leid finden. Dass einfach ein Prozess in Gang kommt, mit dem Menschen mit ihrem Leid entweder leben können oder sterben können. Und jetzt nicht so sehr, dass jetzt das Leid abgeschafft wird. oder sie in dem Sinne jetzt gesund werden. Das kann schon auch sein, das ist natürlich auch der Inhalt der Bitte. Nur die Wirkung ist oft genau die andere, dass nämlich Menschen einen anderen Zugang oder ein anderes Verhältnis zu ihrer Krankheit oder ihrem Leid finden.

1.SPR.:

Das menschliche Leben ist in dieser Welt vom Tod begrenzt. Eine ständige  Bedrohung, der wir ängstlich gegenüberstehen: Diese Situation in Worte zu fassen, bedeutet für den protestantischen Theologen Wilhelm Gräb letztlich bitten und beten:

18. O TON, 0 37“, Gräb

Es ist zunächst ein Sich – Selbst – Aussprechen, ein Sich – Beziehen auf das eigene Leben, die eigene Lebenssituation.

Es ist immer auch schon dieses Gefühl dabei, dass wir uns auf einem ungeheuer brüchigen Lebensgelände bewegen.

Ich weiß genau, dass ich meines Daseins nicht mächtig bin, dass ich nicht die alles bestimmende Wirklichkeit bin. Also dieses Bewusstsein, dass alles auch ganz sein oder morgen schon werden könnte, das ist mir tief eingestiftet, und deswegen empfinde ich mich als einen religiösen Menschen.

1.SPR.:

Der Amsterdamer Theologe und Poet Huub Oosterhuis (sprich: Hühb Ohsterheus) ist da noch radikaler: Für ihn ist das Sprechen von persönlichen Bittgebeten, schon menschlich gesehen, eine elementare Notwendigkeit, um sich seiner selbst zu vergewissern:

19. O TON, 0 33“. Oosterhuis

Worte sind Lebensrettung. Ich würde mich selber verlieren, ich würde verwelken, und chaotisch werden, verschüttet unter der schweigenden Mehrheit und der wortlosen Gewalt, wenn ich nicht mehr aussagen kann, wer ich bin. Wer darauf verzichtet, sich selbst und andere auszusagen, kommt niemals mehr zu Wort, ist verloren, ist namenlos, ist selber schweigende Mehrheit.

3. Musikal. Zusp. Mendelssohn – Bartholdy, Klavier, Adagio. Bleibt ca. 0 12“ freistehen.

1.SPR.:

Als Poesie bringen Bittgebete Licht in das Leben der Menschen. Für die Dichterin Rose Ausländer ist Beten und Bitten vor allem Fragen und Suchen. „Die Auferstandenen“ heißt eines ihrer vielen Gedichte:

2. SPR.:

Wo sind

Die Auferstanden

Die ihren Tod

Überwunden haben

Das Leben liebkosen

Sich anvertrauen

Dem Wind.

Kein Engel

Verrät

Ihre Spur.

1. SPR:

Der Schriftsteller und Dominikaner Pater Jean Pierre Jossua (sprich Jossüá)  sucht in Paris das Gespräch mit Literaten, vor allem mit Lyrikern. Mit ihnen hat er entdeckt, wie Gedichte in ihrer unverbrauchten, lebendigen Sprache zu Gebeten werden können:

20. O TON, 0 33“, Jossua

3. SPR.: Overvoice

Die Poesie ist für unglaublich viele Menschen, und darunter sicher die besten, eine Form spiritueller Bewegung geworden. Sie könnte für sie gar die Religion ersetzen, die ihnen sonst wie tot vorkommt. Poesie könnte als ein Weg zu Gott, zum Absoluten, erscheinen. Tatsächlich könnte man sagen: Die Poesie hat die Funktion des Gebets angenommen. Und das Gebet kann nur gewinnen, wenn es die Form poetischer Qualität wieder findet.

1. SPR.:

Auch wenn Gott kein himmlischer Übervater ist, der seinen Kindern jeden noch so egozentrischen Wunsch erfüllt, brauchen die Glaubenden nicht zu verstummen. Auf das göttliche Geheimnis können sie sich weiter beziehen, sprechend und singend: Denn Gott ist innerster Teil ihrer eigenen Wirklichkeit. Für ein banales, oberflächliches Verständnis von Mensch und Welt ist dann kein Platz mehr, meint der niederländische Poet und Theologe Huub Oosterhuis. Seine Gebete, klagend und bittend, beziehen sich immer auf den  Zustand unserer Welt.

 

4. Musikal. Zusp., Lied Oosterhuis, „Wir, die mit eigen Augen…“ bis zu den Worten einschließlich: „dass wir es selber sind“. Dann weggeblendet.

1. SPR.:

Beten und Bitten weckt den Geist, gibt wieder Lust am Leben, inspiriert zum Handeln: Diese Erkenntnis setzt sich in der weiten Christenheit immer mehr durch, betont James Woody (sprich Wudí). Er ist Pastor der Reformierten Gemeinde „L Oratoire“ in Paris.

21. O TON, 1 01“. Woody, Auf Deutsch kürzer.

3. SPR.:Overvoice

Tatsächlich ist es doch so: Im Gebet hören wir uns wohl eher uns selbst als dass Gott uns hört. Oft sagt man, im Bitten und Beten würden wir von Gott etwas verlangen. Aber das Gegenteil ist der Fall. Wir sind aufgefordert zu hören, was Gott uns vorschlägt. Ein Beispiel: Anstatt zu sagen: Herr lass doch Frieden werden im Nahen Osten, schenke doch Versöhnung zwischen Israel und Palästina, sollten wir beim Bitten lernen, dass wir besser die Situation dort verstehen. Damit wir nicht bloß Gerüchten folgen und Sprüchen und dadurch die Menschen verletzen, die dort politisch handeln.

4. Musikal. Zusp., Lied Oosterhuis, Wieder reingehen bei: „Dass wir doch nie vergessen, woraufhin wir gemacht bis Ende: „doch nicht verloren sei“.

1.SPR.:

Wie kann es gelingen, dass unsere „liebe Erde doch nicht verloren sei“? Gibt es Hoffnung? Schauen wir doch aufs „Vater Unser“, meint der Theologe Wolfgang Bittner. Da gibt es genug Anregungen. So sei zum Beispiel die Bitte um „das tägliche Brot“ alles andere als eine naive Floskel aus alten Zeiten:

22. O TON,  0 51“, Bittner

Wer ist denn Schuld, dass die Menschen kein Brot, kein Reis, kein Maniok oder was auch immer haben. Die Not liegt doch bei uns bei uns Menschen, dass wir es sind, die eine Wirtschaft aufgebaut haben und die Länder und das Land ausbeuten und die Lebensmittel auf eine undenkbare Weise vernichten statt sie zu verteilen. Das ist Problem mit uns Menschen. Wenn Christus uns beten lehrt: Dein Reich komme, dann meint das ja, dass seine Herrschaft, seine Gerechtigkeit, hier in unseren Bezügen sich Bahn bricht. Ich glaube, wer nicht mehr ausrasten kann und nicht mehr zornig werden kann, der kann auch nicht wirklich beten. Wer das Gebet dazu benützt, dass man blind wird vor den Ungerechtigkeiten, da muss ich fragen, ob der wirklich schon gebet hat. Das Beten und das Glauben öffnet die Augen und verschließt sie nicht.

5. musikal. Zusp., Mendelssohn Bartholdy, Klavier, Andante,

Titelsprecherin:

Worte in Gottes Ohr

Über das Bittgebet

Sie hörten eine Sendung von Christian Modehn

Literaturhinweise:

1)

Otto Hermann Pesch, „Das Gebet“

Topos Taschenbuch,

124 Seiten, 1980.

2)

Theologische Reflexionen, manchmal schwierig:

„Hilft beten?“ Hg. von Magnus Striet, 2010, 133 Seiten, Herder Verlag, 2010,

3)

Anregend, inzwischen ein Standardwerk:

„Der Sprung in den Brunnen“ von Hubertus Halbfas,

Patmos Verlag, 210 Seiten

18. Auflage, 2011.

4)

Lieder und Gebete von Huub Oosterhuis (mit Noten)

„Du Atem meiner Lieder“, Herder Verlag 2009, 219 Seiten.

5) John Maine, Das Herz der Stille. Anleitung zum Meditieren. 2000, Herder Verlag, 142 Seiten.

6)

Meister Eckart. Heilende Texte. Ausgewählt und kommentiert von Stefan Blankertz. Peter Hammer Verlag 2011, 171 Seiten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mit Kant heute philosophieren

In der empfehlenswerten Zeitschrift PUBLIK FORUM erschien am 21. 9. 2012 ein Beitrag zur Aktualität Immanuel Kants, der Artikel ist ein Versuch, mit erzählerischen, fiktiven Formen das Interesse an seiner Philosophie zu beleben. Von der Form her ähnliche Beiträge habe ich zu Montaigne, Hegel, Schleiermacher und Heidegger verfasst.

Die Zitate der genannten Gäste im Haus Kants sind selbstverständlich authentisch. Christian Modehn

„Lass dich nicht bevormunden“

Tischgespräche im Hause Immanuel Kant

Von Christian Modehn

Fast ein Idyll, das Haus Immanuel Kants in Königsberg, am Prinzessinplatz, mitten in der Stadt, gelegen und doch von Gärten umgeben. Die Gäste erwarten den Hausherrn im „Besucherzimmer“. Immanuel Kant betritt den Raum, klein von Gestalt und wie immer fein gekleidet. Trotz seiner 70 Jahre ist er gesundheitlich auf der Höhe. Er begrüßt die Gäste seiner heutigen Tischrunde: die Philosophen Michael Bongardt, Jean Greisch und Herbert Schnädelbach. Mehrmals in der Woche nimmt sich Kant drei Stunden Zeit, mit einer kleinen Gesellschaft zu speisen und geistvoll zu plaudern. „Ist meine Philosophie aktuell?“, mit der Frage hatte Kant die Gäste eingeladen – zu einer Art Denk -Essen, „aber bitte, wie immer gemächlich, ich bin ein Anhänger der slow –food- Bewegung“.

„Es lohnt sich, ein Vergnügen zu kultivieren, das täglich genossen werden kann“. Mit diesen Worten bittet nun Kant seine Gäste in den Speiseraum im ersten Stock Es gibt sein Lieblingsgericht, Kabeljau in Senfsauce. Wie alle anderen Räume ist auch der Speisesaal von schlichter Einfachheit, ein großer Spiegel ist die einzige Zierde. Die Wände sind weiß gestrichen; nüchterne Klarheit schätzt Kant über alles. „Natürlich ist das Essen auch eine Pflicht. Aber auch unsere Lust der Sinne wird beim Essen angesprochen. Ich interessiere mich immer für neue Rezepte. Meinen geliebten Senf rühre ich ja bekanntlich selbst an. Mein Freund Theodor von Hippel hat kürzlich vorgeschlagen, ich sollte eine =Kritik der Koch -Kunst= schreiben, aber dazu fehlt mir die Zeit. Wichtiger ist: Philosophie kann niemals Rezepte verteilen. Sie bietet Orientierung, sie zeigt, wie mit der Anstrengung von Verstand und Vernunft ethisch wertvolles Leben möglich ist“.

Aber Philosophieren sollte nicht in Stress ausarten, entgegnet Jean Greisch, er ist eigens vom „Institut Catholique“ aus Paris angereist: „Für mich ist das Denken keine Arbeit. Es ist auch eine Lust zu denken, mehr noch: Philosophie kann Lebenslust sein“. Jean Greisch ist ein katholischer Philosoph, während ein anderer Gast, der Philosoph Herbert Schnädelbach, dem Atheismus zuneigt. Er führt den Gedanken gleich weiter: „Ich verstehe die Philosophie immer als eine Kultur der Nachdenklichkeit. Das bedeutet: Seinen Gedanken noch einmal nachzudenken, zu reflektieren. Und das können alle Menschen bei Kant wirklich lernen“.

Der Gastgeber hebt sein Glas, eine Aufforderung, den Sylvaner zu probieren. Der alt bewährte Diener Lampe, stets im Hintergrund, reicht das Gemüse. Seit vielen Jahren kümmert sich der ehemalige Soldat Martin Lampe um das Wohlbefinden des berühmten Königsberger Professors. Er weckt ihn morgens um 5 immer energisch, denn die Vorlesungen beginnen immer schon um 7 Uhr früh. Bei bester Laune kommt jetzt Kant ins Plaudern. Auf eine oft gestellte Frage will er lieber gleich selbst eingehen: „Warum bin ich Junggeselle geblieben? Als ich eine Frau habe brauchen können, habe ich als junger Mann keine Frau ernähren können. Und als ich sie später ernähren konnte, da habe ich keine Frau mehr gebraucht“. Mit leichtem Witz kann Kant über seine eigenen Begrenztheiten sprechen. Ihn habe halt die Liebe zur Philosophie völlig in Anspruch genommen, denken die Gäste und schmunzeln. Und gleich ist Kant wieder bei seiner Sache: „Ein Mensch ist erst dann erwachsen, wenn er einer Maxime, einer Art Regel fürs Leben, folgt“, sagt er, während die Gäste den Kabeljau probieren. „Diese Maxime heißt: Bemühe dich, jederzeit selbständig zu denken. Das ist der Sinn philosophischer Aufklärung. Luther und die Reformatoren haben das Selber – Lesen der Bibel propagiert. Ich sehe im Selber – Denken die Voraussetzung für menschliches Leben. Das Kriterium für gut und böse liegt in unserer Vernunft selbst. Was wahr und falsch ist, darf uns niemand einreden“.

Die Gäste haben es schon geahnt: Das gemeinsame Essen wird tatsächlich zu einer Art Arbeitssitzung. Oft verbietet sich ja Kant allerdings das Philosophieren bei Tisch, dann hört er sich lieber von Weltenbummlern die Berichte aus fernen Ländern an, will wissen, wie Menschen etwa in London oder Rom leben. Schließlich hat er ja seine Heimatstadt nie verlassen. Durch ausführliche Korrespondenz ist er bestens auf dem Laufenden, leidenschaftlich verteidigt er die Französische Revolution, Willkürherrschaft in Staat und Kirche ist ihm ein Graus. Er denkt demokratisch.

Aus einem Regal holt sich Kant sein Buch „Grundlegung der Metaphysik der Sitten“. „Nur eine Zeile möchte ich vorlesen: Es soll nicht sein, dass Menschen ihre Ziele nach eigener Laune auf Kosten anderer durchsetzen. Ethische Imperative sollen unbedingt für alle Menschen gelten“.

Michael Bongardt, Professor für Ethik an der Freien Universität Berlin, findet dieses Thema gerade in der multikulturellen Gesellschaft sehr wichtig: „Im Sinne Kants kann man nicht behaupten: Diese moralische Regel hat Gott gesetzt. Denn ein göttliches Gebot können wir Menschen ohnehin nicht „als göttlich“ erkennen. Wer kann uns mit Sicherheit sagen, dass ein Gebot von Gott kommt und nicht von Menschen erfunden wurde, die dann nur behaupten: Es stamme von Gott. Aber Kant lehrt sehr selbstbewusst: Auch wenn es ein göttliches Gebot wäre, so wären wir doch immer verpflichtet, nur das zu tun, was wir selber kraft eigener Vernunft für gut halten“. Kant blickt in die Runde, seine Augen strahlen: „Treffender hätte ich es auch nicht sagen können. Jeder einzelne kann in sich selbst entdecken, was gut ist und was es bedeutet, frei zu handeln. Dabei bleibt es“.

Die Gäste gönnen sich ein Schluck Weißwein. Aus dem fernen Frankreich lässt sich Kant den Wein liefern, Königsberg liegt zwar am Rande, ist aber doch eine kleine Metropole.

Nach einer Pause sagt Herbert Schnädelbach: „Aber wie gehen Menschen mit ihrer Freiheit um? Haben sie in ihrer Vernunft selbst ein Kriterium für das, was gut oder böse ist? Ich will an die wohl berühmteste Formulierung Kants erinnern, den „Kategorischen Imperativ“, der ja in mehreren Formulierungen vorliegt. „Handle so, dass die Maxime deines Willens, also dein persönlicher Lebensentwurf, jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne. Das bedeutet auch: Niemals darf ein anderer Mensch für mich bloß ein Mittel, bloß ein Gegenstand meiner Interessen sein. Jeder Mensch ist absolut wertvoll. Er ist „Selbstzweck“. Kant fällt ihm ins Wort: „Jeder Mensch hat also immer ein Kriterium zur Verfügung, um die ethische Qualität seiner Handlungen beurteilen zu können. Kein Mensch darf wie eine Sache behandelt werden, Menschen als eine Ware zu betrachten, hat keinerlei ethische Rechtfertigung. Welche Wirtschaftsordnung ist dann noch gerechtfertigt? In meiner Philosophie steckt kritisches Potential“, betont Kant.

Dann wird der Gastgeber beinahe wütend: Die ethische Ausbildung in den Schulen sollte an erster Stelle stehen, erst dann kommt alles andere, auch die Religion. Aber wer der Vernunft in seinem Denken und Handeln folgt, muss sich auch auf rigoros erscheinende Einsichten einlassen. Er muss z.B. anerkennen: Niemals darf ein Mensch getötet werden. “Denn vernünftige Wesen wünschen sich immer, dass ihre Vernunft lebendig und aktiv ist. Wer sich und andere tötet, tötet die Vernunft. Zudem darf ich nicht über andere verfügen und sie töten. Jedes Vernunftwesen hat ein Recht darauf, zu leben“. Schwieriger ist eine andere Frage: Kann es ethisch erlaubt sein, gelegentlich zu lügen? „Ich denke: Wenn das so wäre, dann zerstört man letztlich die menschliche Gesellschaft“, sagt Kant sehr bestimmt, „niemand weiß dann noch, was grundsätzlich für alle gilt. Die Lüge vergiftet das Miteinander. Darum bin ich für das absolute Verbot zu lügen“.

„Aber kann dieses Verbot immer und überall gelten?“, wirft Herbert Schnädelbach in die Runde. „Man stelle sich die Situation vor: Ich verstecke jemanden in einer Diktatur vor der Geheimpolizei und ich werde gefragt: Ist der bei dir? Dann darf ich nach Kant nicht lügen. Sage ich die Wahrheit, gefährde ich das Leben des Oppositionellen und mein eigenes. Also es bleibt gar nichts übrig, dass ich in diesem Dilemma die Urteilskraft brauche. Ich muss dann fragen: Was ist der höhere Wert, was ist die größere Schuld. Das muss man abwägen. Und dafür gibt es keine Regeln“. Gelegentlich sollte man sich doch zugunsten des kleineren Übels entscheiden, Kant muss stillschweigend hier eine Grenze seines Denkens anerkennen.

Der Diener Lampe unterbricht die Debatte, die Gäste sollten doch bitte den nächsten Wein, einen Riesling, nicht vergessen. Aber die kleine Pause dauert nicht lange: „Liebe Gäste“, sagt nun Kant, „vergessen sie nicht: Der kategorische Imperativ hat auch eine politische Bedeutung: Meine Freiheit darf die Freiheit des anderen also nicht beschädigen, ich muss denjenigen Menschen in seiner Freiheit behindern, wenn er seine eigene Freiheit nur dazu benutzt, die Freiheit anderer einzuschränken“.

Kant hat sich erhoben. Er greift zu einem Buch, auf das er besonders stolz ist, es heißt: „Zum ewigen Frieden“. „Darin schreibe ich: In unserer politischen Arbeit sollen wir den universalen Frieden, den Weltfrieden, als Projekt anstreben. Denn was nützt es, wenn nur ein friedlicher Staat von lauter Kriegstreibern umgeben ist. Es ist ein langer Weg zum Weltfrieden, aber er ist ethisch geboten. Ich kritisiere die räuberische Außenpolitik, früher sprach man von Kolonialpolitik. Es gibt Staaten, die herrschsüchtig und für den Frieden verderblich sind. Es darf kein stehendes Heer mehr geben, denn das führt nur zum Wettrüsten“. Ob man Kant einen Friedensaktivisten nennen könne, fragen die Gäste. Kant antwortet lapidar: „Na klar“! „ Diese Vorstellung, Frieden für alle zu schaffen, wird übrigens auch von der Bibel unterstützt“, meint Michael Bongardt.

Die Gäste lassen sich gleich von dem Stichwort inspirieren und wollen ausführlicher über die Bedeutung der Religionen sprechen. Kant ist als Philosoph ein entschiedener Kirchenkritiker. Wie viele Feindseligkeiten der Rechtgläubigen musste er schon deswegen ertragen. „Aber es ist einfach falsch, wenn so viele Dummköpfe behaupten, ich sei ein „Zerstörer des Glaubens“, meint er. „Ich finde es von meiner Moralphilosophie her sogar notwendig, im Denken das Dasein Gottes anzunehmen. Gottes Existenz können wir aber nicht wissenschaftlich demonstrieren, weil ja Gott nicht als ein greifbarer Gegenstand erfahren werden kann“.

Jean Greisch will diese Aussage noch vertiefen: „Gott ist für Kant kein Erfahrungsgegenstand. Aber das bedeutet keinesfalls, dass der Gottesbegriff selbst sinnlos wäre. Man kann sagen: Das Unbedingte ist unbegreiflich. Wenn du Gott begreifen könntest, dann kannst du sicher sein, das kann nicht Gott sein, das sagt doch auch der heilige Augustinus“.

Die Runde ist von einer Stimmung erfasst, die man im Hause Kants manchmal „philosophische Begeisterung“ genannt hat. Der Gastgeber ruft dazwischen: „Wer sagt, dass Gott sicher existiere, der sagt mehr, als er wirklich weiß. Und wer das Gegenteil sagt, Gott existiere sicher nicht, der sagt ebenso mehr als er weiß. Niemand weiß genau und exakt, ob Gott existiert. Wir erreichen nur das göttliche Geheimnis“.

Herbert Schnädelbach greift diese Erkenntnis noch einmal auf: „Was die gelebte Religion betrifft, da hat Kant ja in seiner Religionsschrift gezeigt: Alles, was wir tun können, um gottgefällig zu sein, ist nur eines: Moralisch zu leben. Alles andere ist Abgötterei und Aberglaube“.

„Ist meine Überzeugung nicht modern, hilfreich im Kampf gegen den Fundamentalismus?“, fragt Kant durchaus rhetorisch. „Religiöse Praxis bedeutet für den einzelnen nichts anderes als die Anerkennung vernünftiger moralischer Pflichten. Nur dies will Gott von uns. So werden dogmatische Ansprüche begrenzt. Darum habe ich kein Verständnis für Konfessionen und Kirchen, wenn sie die Menschenrechte nicht respektieren und nur halbherzig die Demokratie unterstützen…“

Jean Greisch findet Kants Verständnis von Religion doch zu eng: „Religion ist nicht nur ethisch gutes Handeln, sie hat auch noch andere Komponenten, wie das Fest, die Feier, den Kult. Ich meine: Religion ist eine eigenständige Provinz im menschlichen Gemüt“. Dennoch bleibe Kants Religionskritik auch für Katholiken wertvoll, meint der Professor aus Paris. „Aberglaube, Fanatismus, Wundergläubigkeit: Die muss man tatsächlich unter Kontrolle halten. Ich glaube, da hat er recht. Und ich glaube, in dieser Beziehung müssen wir auch als Philosophen einen kritischen Blick für die institutionellen Organisationsformen der einzelnen Religionsgemeinschaften haben“.

Kant freut sich, dass die Grundidee seiner Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie immer noch respektiert wird. Und mit einem Seufzer fügt er hinzu: Genauso wichtig sei noch etwas ganz anderes: „Das Reich Gottes auf Erden ist die letzte Bestimmung des Menschen. Christus hat das Reich Gottes verkündet. Aber man hat ihn nicht verstanden und statt dessen das Reich der Priester und der Kirche errichtet und nicht das Reich Gottes, das in uns selbst, in Seele und Vernunft, zu finden ist“.

Von Ferne sind Stimmen zu hören, Studenten eilen zur Universität. Hier hat Kant viele Jahre bis zu 20 Vorlesungen wöchentlich gehalten, meist am Vormittag. Auch noch mit 70 Jahren, gönnt er sich täglich pünktlich um 4 Uhr seinen Spaziergang. Die Leute in Königsberg warten förmlich darauf, dass er seine „Runden zieht“.

Die Gäste müssen also aufbrechen. Herbert Schnädelbach wendet sich an Kant: „Ihre Philosophie ist ein inständiges Nachforschen mit dem Versuch, alle möglichen Argumente, die da mit im Spiel sind, zu berücksichtigen. Das ist irgendwie doch faszinierend, muss ich sagen“.

Der Gastgeber will noch ein gutes Wort mit auf den Weg geben: „Was mir am wichtigsten ist: Pflegen wir einen gesunden Verstand, bewahren wir uns ein fröhliches Herz und einen freien, selbst bestimmten Willen“. Und mit einem leichten Seufzer fügt er hinzu: „Nur mit kleinen Schritten folgt die Menschheit den Weisungen der Vernunft. Schließlich leben wir noch nicht in einer vernünftigen Welt, es gibt noch viel zu kritisieren und vernünftiger zu machen…“

…..Ganz kurz zur Person:

Immanuel Kant wurde 1724 in Königsberg geboren. Seine Hauptschriften sind „Kritik der reinen Vernunft“, Kritik der praktischen Vernunft“ und „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen vernunft“. In seinem Haus trafen sich regelmäßig Menschen aus ganz Europa. Der Meisterdenker hat seine Heimatstadt bis zu seinem Tod 1804 nur einmal – für einen kleinen Ausflug – verlassen. Darüber gibt es keine Zweifel: Kant lebt (mit seinem Denken) weiter. Die Geschichte der Philosophie lässt sich in „vor Kant“ und „nach Kant einteilen.

copyright: Christian Modehn