Huub Oosterhuis: Poet, Theologe, Prophet

Huub Oosterhuis: Poet, Theologe, Prophet und sein neues Zentrum in Amsterdam: Die neue Liebe

Von Christian Modehn
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Wir weisen ergänzend zum folgenden Beitrag darauf hin, dass Huub Oosterhuis beim Treffen der Remonstranten – Kirche in Amsterdam (im März 2012)  den Eröffnungsvortrag hielt, in seinem Zentrum “de nieuwe liefde”.
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In Amsterdam wurden in den letzten Jahren vierzig Kirchen abgerissen oder in Büros und Wohnungen umgewandelt. Wer in dieser „säkularisierten Stadt“ ein neues kirchliches Zentrum einrichtet, braucht viel Mut und einen reichen Sponsor: Huub Oosterhuis ist mit beidem gesegnet. Er ist als Theologe, Dichter und Initiator der ökumenischen „Studentenekklesia“ in ganz Holland bekannt. Der Unternehmer und Multimillionär Alex Mulder schenkte vor zwei Jahren der Gemeinde ein Haus mit dem verheißungsvollen Namen „Die neue Liebe“. Das repräsentative Gebäude an der „Da Costakade“ war früher ein katholischer Treffpunkt, es wurde „Die Liebe“ genannt. Jetzt wird „Die Liebe“ „neu“, und sie könnte „beinahe ewig währen“. Denn das Haus macht nach dem Umbau einen gediegenen Eindruck: Auf drei Etagen bietet es Raum für Theateraufführungen, Konferenzen und Gottesdienste. Es gibt eine Bibliothek, ein Café sowie Räume für die Redaktion der politisch – theologischen Hauszeitschrift „De nieuwe liefde . Magazine“ , sie erscheint 4 mal im Jahr. Die 14 festen MitarbeiterInnen werden das Haus zu einer Akademie gestalten, in der sich alles um die Kultur der Bibel dreht. In einer neoliberalen Gesellschaft, die „versucht unseren Verstand zu vernebeln und unser Gewissen zu betäuben“ (H. Oosterhuis) stellt der Amsterdamer Theologe die biblischen Weisungen in den Mittelpunkt. „Hab lieb den Fremden, denn er ist ein Mensch wie du“: Mit diesem Wort aus der Hebräischen Bibel bringt Oosterhuis seine polische Überzeugung auf den Punkt. Sie teilt er mit seinen Freunden in der Sozialistischen Partei (SP). „Hab lieb den Fremden“ ist zugleich das Motto für den Widerstand gegen rechtslastige Populisten, die lange Zeit die Stützen waren einer Christlich – Demokratisch – konservativ – liberalen Regierung. Oosterhuis hat zu dem Thema 2012 eine Art Pamphlet geschrieben mit dem Titel „Red hen die geen verweer hebben“ („Rette diejenigen, die keine Verteidigung haben“). Diese parteilich – solidarische Broschüre zugunsten der Fremden hat viel theologischen Streit verursacht, über den man in der „Neuen Liebe“ offen debattiert. Schon beim „kleinen Kirchentag“ der Freisinnigen protestantischen Kirche der Remonstranten im März 2012 betonte Oosterhuis, dass das Reich Gottes mehr sei als ein schöner frommer Traum. Das Reich Gottes sollte nicht in eine spirituelle Innenwelt eingeschlossen sein. Es wird vielmehr von den Menschen hier und jetzt „gebaut“, wann immer sie sich Gerechtigkeit und gegen die Ausgrenzung der Armen einsetzen. Im „Tun des Gerechten“ werde das Reich Gottes ansatzweise hier geschaffen.
Oosterhuis ist und bleibt eine weithin geachtete poetisch – theologische Autorität: Königin Beatrix ließ es sich nicht nehmen, bei der Eröffnung der „Neuen Liebe“ im Februar 2011 dabei zu sein. Mit ihrem Gatten, dem sozial engagierten Prinz Claus von Amsberg, war Oosterhuis freundschaftlich verbunden. Er hielt für ihn die Ansprache zur Bestattung.

Die Gemeinde, die sich in der „Neuen Liebe“ sonntags um 11 zum Gottesdienst trifft, ist auch als „Studentenecclesia“ bekannt. Es sind Menschen verschiedener Konfessionen, die sich als „Studierende“, als Lernbereite, verstehen. Huub Oosterhuis ist seit 1970 ihr geistlicher Leiter. In dem Jahr kam es zum Bruch zwischen der katholischen Studentengemeinde Amsterdams und der römischen Kirchenführung. Die Bischöfe wollten es nicht hinnehmen, dass die Studentenpfarrer auch nach ihrer Heirat Gottesdienste leiten. Papst Paul VI. wollte sogar die aufmüpfigen Holländer auf die römische Linie einschwören. Als Oosterhuis 1970 heiratete, war er fest entschlossen, die Gemeinde nicht im Stich zu lassen. Ohne Bindung an Rom ist sie seitdem auch ein inspirierendes Vorbild für Katholiken, eigene, rom – unabhängige Gemeinden zu bilden. Mindestens 20 sind es in Holland und Belgien. In anderen Ländern hat dieses „Modell“ unabhängiger, freier progressiver Gemeinden nicht gewirkt. In Deutschland etwa sammelte man lieber Unterschriften zugunsten eines Kirchenvolksbegehrens. Man bittet jetzt wieder („Pfarrerinitiative in Österreich“) die katholische Hierarchie um etwas mehr Reformen. Diese verbalen Auseinandersetzungen mit der letztlich unerreichbaren römischen Macht hält Oosterhuis für sinnlos verbrachte Zeit. „Als kritische Gemeinde stellen wir uns außerhalb des Machtbereichs der römisch – katholischen Kirche auf. Wir haben nicht die Illusion“, so Oosterhuis, „diese Kirche von Innen her verändern zu können. Wir investieren alle Energie in neue Beziehungen zur Bibel“.
Huub Oosterhuis, 1933 in Amsterdam geboren, ist in einem frommen katholischen Milieu groß geworden, schon als Jugendlicher schrieb er seine ersten Gebete als Poesie. 1964 wurde er als Jesuit zum Priester geweiht und bald zum Studentenpfarrer ernannt: Für ihn und seine Kollegen war das Zweite Vatikanische Konzil der Beginn radikaler, grundlegender Kirchenreformen. Die hierarchische Ordnung war genauso wenig akzeptabel wie die nun erlaubte „landessprachliche Liturgie“: Sie ist für Oosterhuis nichts anderes als wörtlich übersetztes Latein, sie bleibt kaum nachvollziehbar und sehr befremdlich – unverständlich.
Um sich gegen die Übermacht Roms all die Jahre zu behaupten, brauchte Oosterhuis „reformatorischen Mut“ und Durchhaltevermögen. Viermal musste die Gemeinde umziehen und eine Bleibe suchen. Die Gestalt der Gottesdienste in der „Nieuwe Liefde“ wie auch schon vorher erinnert von Ferne etwas an die römische Messe. Es gibt Lesungen aus der Bibel, Fürbitten und ausführliche Predigten. Aber es sind Theologinnen und Theologen unterschiedlicher konfessioneller Herkunft, die das Wort ergreifen. „Es gibt bei uns kein Weihrauch, keine sakralen Gewänder und keinen kirchlichen Hofknicks“, sagte Oosterhuis einmal. Die Liturgie ist bei aller Schlichtheit erhebend: Es sind die Gesänge, die Gemeinschaft stiften unter den TeilnehmerInnen und die die Einsicht fördern, „gemeinsam vor Gott zu stehen, fragend und zweifelnd“.
Für die musikalische Gestalt der Oosterhuis Gebete sind mehrere Komponisten verantwortlich, Antoine Oomen und Tom Löwenthal etwa. Man glaubt Anklänge an Kurt Weill zu vernehmen, gelegentlich auch romantische Motive, vor allem in den musikalischen Intermezzi auf dem – hier üblichen – Piano.
In jedem Gottesdienst werden die eucharistischen Gaben von Brot und Wein gereicht. „Das Teilen des einen Brotes und das Trinken aus dem einen Becher erinnert an den Auftrag, unser Leben zu teilen im Dienst an der Gerechtigkeit und dem Frieden“, betont Huub Oosterhuis. Alle Mitfeiernden sind selbstverständlich eingeladen, diese Gaben zu empfangen. Es ist der Chor, der das „Tafelgebet“ singt und dabei die besondere, die „verwandelnde Kraft“ von Brot und Wein hervorhebt. Die „Tafelgebete“ von Huub Oosterhuis bezeugen, dass Eucharistie hier nichts mit einem kultischen „Opfer“ zu tun hat. „Ich bin durch meine Studien in den Sprachraum der ersten Schriften von Jesus von Nazareth gelangt. Und das relativierte für mich die Autorität der späteren dogmatischen und liturgischen Texte“.
Kirchliche Traditionen sind für Oosterhuis zeitbedingte und deswegen auch relative Glaubensäußerungen. Sie können selbstverständlich – nach eingehender Prüfung -beiseite gestellt werden. Die Studentenekklesia verehrt Jesus von Nazareth nicht als allmächtigen „Gottmenschen“, sondern als Propheten und Vorbild für kirchliches und politisches Handeln.
Der katholische Theologieprofessor Alex Stock (Köln) studiert die Arbeiten von Oosterhuis seit vielen Jahren. Er stellt in seinem neuen Buch „Andacht“ die Leistungen des Niederländers „in die Reihe der großen christlichen Dichter, die auf der sprachlichen Höhe ihrer jeweiligen Zeit immer auch Neues aus Altem geschaffen haben“. Alex Stock meint, mit dieser Leistung habe sich diese „ecclesia“ wie „eine wirkliche Stadt auf dem Berge“ plaziert angesichts einer „theologisch etwas flachen Zeit“. Dabei bezieht sich Alex Stock auf die „Reimbemühungen“ deutscher Autoren. Er spricht ausdrücklich „von schwachsinnig zusammengereimten Texten“ etwa der Schriftstellerin Marie Luise Thurmair. Sie ist mit mehr als 30 ihrer frommen Produkte im katholischen Gesangbuch „Gotteslob“ vertreten.
In den Liedern von Huub Oosterhuis wird die „Kultur des poetischen Gebets“ gepflegt: Der einzelne klagt seinen Gott an, er ringt mit Ihm, will Ihn fallen lassen, findet aber doch wieder Zuversicht. „Beten ist viel mehr als Suchen. Beten ist eher Warten. Suchen ist immer noch Aktion und Ungeduld. Warten hingegen ist Aufmerksamkeit“, schreibt Oosterhuis. Seine Gebete erschließen ihre Tiefe erst als Lieder, vor allem beim Mitsingen: “Der da sagt, Gott zu sein, soll er doch zeigen, was wir an ihm haben…“. Man höre einmal Verse aus der „Großen Litanei“: „Du bis unfindbar, Du bist ein Fremder. Deine Torheit, Gott, ist stärker als die Menschen…Gott, komm zurück, und gib uns den Frieden. Wie lange müssen wir auf dich warten?“
Einer bürgerlichen Christenheit kann Oosterhuis nur die prophetische Tradition der hebräischen Bibel als Korrektiv empfehlen: „Wenn die Kirchen sich von der Tradition des lebendigen jüdischen Glaubens inspirieren lassen, werden sie vielleicht weniger schnell den religiösen Marktmechanismen erliegen und weniger Bedürfnisse entwickeln nach Engelerfahrungen, Esoterik und Jenseitsszenarien. Und mit mehr Geisteskraft sich einsetzen für die Zukunft dieser Erde“.

Das Zentrum „Die Neue Liebe“ macht diese Weisungen zum Programm: Es finden Studientage statt, etwa zum neuesten Buch von Oosterhuis, einer Übertragung der Psalmen in die moderne Lebenswelt. In der „Amsterdamer Nacht der Theologie“ am 21. Juni 2012 wurde er für sein umfangreiches Werk geehrt. Viele andere holländische Theologen müssen – vielleicht neidvoll – eingestehen: Es gibt in diesem Land keinen anderen ökumenischen Theologen, der so deutlich das religiöse „Klima“ bestimmt und die biblische Botschaft nachvollziehbar für moderne Menschen zur Sprache bringt – wie Huub Oosterhuis. Und ausgerechnet die Lieder dieses Meisters der Sprache wollen die katholischen Bischöfe Hollands und Deutschlands nicht mehr in ihren Gesangbüchern haben: „Oosterhuis darf nicht mehr gesungen werden“, heißt die Verordnung von Kirchenbürokraten, die in ihrem Getto die unverständlichen Dogmen in uralter Sprache weiterpflegen wollen – letztendlich dann ohne gläubige Menschen, die nicht länger mehr Gottesdienst mit Unverständlichkeit kombinieren wollen.

Informationen über die „Neue Liebe“, zum Teil auch auf Deutsch: http://www.denieuweliefde.com/

Die empfehlenswerte Studie von Alex Stock „Andacht. Zur poetischen Theologie von Huub Oosterhuis“ ist 2011 im EOS Verlag St. Ottilien erschienen.

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copyright: christian modehn, berlin

 

 

Philosophie des Osterfestes: Abschied von den Definitionen

Wesentliches lässt sich nicht definieren

Ein philosophische Meditation (nicht nur) zu Ostern

Von Christian Modehn

Lässt sich ein für alle mal definieren, was Leben / leben ist? Die äußerst anregende neue philosophische Zeitschrift HOHE LUFT (Hamburg) bietet in ihrer 2. Ausgabe (2012) auf Seite 8f. eine „Miniatur“  über das „Leben“. Diese „Miniatur“ von Tobias Hürter inspiriert zu großem/weiten  Denken: Der Autor schreibt: „Was also ist Leben? Die Frage ist ein Klassiker. Es gibt unüberschaubar viele Antworten. Der amerikanische Biologe Radu Popa begann vor einigen Jahren, die Definitionen von Leben zu sammeln und hörte bei 300 auf zu zählen…“

Natürlich spricht nichts dagegen, Leben immer wieder definieren zu wollen, also möglichst viel Klarheit zu finden und Grenzen zu ziehen, was Leben ist und Leben nicht ist. Aber das Thema, das Objekt der Abgrenzung, und das ist ja De – finieren, Abgrenzen, lässt sich niemals endgültig umgrenzen. Denn das setzte voraus, dass man sozusagen denkerisch das Leben umgreifen kann; in den Griff bekommen kann, Grenzen ziehen kann. Aber IM Leben sind wir schon immer, wir können nicht aus diesem Im  – Leben  – Sein heraustreten und es selbst, überschauend, in den Blick nehmen. So bleibt das Leben für uns selbst immer endgültig un – definierbar.

Das undefinierbare, hingegen durchaus annähernd immer neu umschreibbare Leben ist nicht das einzige Phänomen, das die menschliche Vernunft niemals endgültig „fassen“ , also definieren kann.

Wir erinnern an das Sein, IN dem wir uns immer schon bewegen, und das umfassender ist als wir selbst. Jeder, der nur einmal Martin Heidegger gelesen hat, weiß das.

Ähnlich ist es wohl mit Licht, mit Geist, mit Seele. Wissen wir definitiv, was LIEBE ist? Wissen wir, wer der / die Geliebte ist? Kämen wir auf den Gedanken, den / die Geliebten zu definieren?

Daraus folgt: Das Wesentliche, das menschliches Dasein und Welt überhaupt strukturiert, ist nicht definierbar, nicht endgültig greifbar. Es entzieht sich dem herrschenden Anspruch der Vernunft.

Ähnlich ist es wohl mit der Frage nach Gott. Wer Gott – in Dogmen – definieren will, hat nichts von Gott verstanden. Gott lässt sich immer nur annähernd und relativ umschreiben. Und immer neu annähernd aussagen. Die Krise der Kirchen kommt auch daher, dass sie zu viel (!) von Gott wissen wollen. Es immer eine Hierarchie, die dieses Sonderwissen beansprucht und ihr All – Wissen mit Macht durchsetzt.

Abschied nehmen vom endgültig – Überzeugtsein, vom Glauben, endgültige Definitionen zu haben: das ist auch mit Ostern der Fall. Da wird in christlichen Traditionen bezeugt, dass irgendwie der Tod überwunden wurde durch Jesus von Nazareth. Wie genau? Das wird in den biblischen Texten gerade nicht gesagt. Kann nicht gesagt werden, denn auch der Tod ist wohl nicht zu definieren, weil niemand den Tod überschaut. Wir stehen immer nur VOR dem Tod, nicht schon hinter ihm. Ist die Auferstehung Jesu Christi, so allgemein gesagt, also Blödsinn, bloß weil sie nicht zu definieren ist? Wohl kaum. Wenn bestimmte Menschen erleben, dass etwas Außergewöhnliches geschieht (vorausgesetzt diese Menschen sind nicht spinös und irre), dann kann man das Erlebte ruhig doch mal stehen lassen. In dem Bewusstsein: Wesentliches lässt sich nicht definieren. Unser Wissen und damit auch unser Leben bleibt immer im Offenen, Suchenden, in der Schwebe. Menschliches Leben ist wesentlich immer von vorläufigem Wissen geprägt. Dieses Vorläufige wird nie  durchschaut werden, darin irrt aller Wissenschafts – Optimismus.

Wir leben immer im Vorläufigen. Das wäre eine philosophische “Definition” des Osterfestes. Wer im Vorläufigen lebt, will nicht herrschen, kann nicht definitiv bestimmen. Und er zögert immer, wenn er einmal bestimmen muss…Er will hören auf das, was das Dasein ist.

copyright:christian modehn, berlin.

 

Einfach glauben. Wenn Menschen wieder Wesentliches spüren wollen

Im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon wird auch gelegentlich die Frage nach konkreten Glaubensvollzügen gestellt. Unser Vorschlag, der sich einer “liberalen theologischen Tradition” verpflichtet weiß und deswegen philosophisch nachvollziehbar, mindestens aber argumentativ “für alle” befragbar ist, plädiert für ein Konzept mit dem Titel: EINFACH GLAUBEN.

So hieß auch eine Ra­dio­sen­dung von Christian Modehn  am 2. Januar 2011 im NDR (Reihe Glaubenssachen). Oft wurden wir gefragt, ob dieser Text noch nachzulesen ist. Deswegen, ein gutes Jahr nach der Sendung, hier eine Möglichlichkeit anhand des Textes weiterzudenken und vielleich auch zu entdecken, dass Glauben – trotz aller dogmatischen Einsprüche – eigentlich “einfach”   ist. Die Form des Manuskripts entspricht der im Hörfunk üblichen Gestalt.

 

 

 

Glaubenssachen

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Sonntag, 2. Januar 2011, 08.40 Uhr

Einfach glauben
Wenn Menschen wieder Wesentliches spüren wollen
Von Christian Modehn

Redaktion: Bernward Kalbhenn, Norddeutscher Rundfunk, Religion und Gesellschaft

– Unkorrigiertes Manuskript –

Zur Verfügung gestellt vom NDR

Dieses Manuskript ist urheberrechtlich geschützt

und darf nur für private Zwecke des Empfängers benutzt werden. Jede andere Verwendung (z.B. Mitteilung, Vortrag oder Aufführung in der Öffentlichkeit, Vervielfältigung, Bearbeitung, Übersetzung) ist nur mit Zustimmung des Autors zulässig. Die Verwendung für Rundfunkzwecke bedarf der Genehmigung des NDR.

 

1. Sprecher:

Meinen Schulfreund Karl hatte ich einige Jahre aus den Augen verloren. In einem Café traf ich ihn kürzlich wieder. Mittlerweile ist er erfolgreicher Bauingenieur. Neben seinem Espresso hatte er ein dickes Buch ausgebreitet, dem seine ganze Aufmerksamkeit galt. Gleich nach der Begrüßung wollte Karl, typisch für ihn, das „Allerneueste“ mitteilen: „Ich bin vor einem halben Jahr katholisch geworden, habe mich taufen lassen“, berichtete er, „und nun lese ich ein Kompendium des ganzen Glaubens“. Er zeigte mir, nicht ohne Stolz, sein Buch – den „Katechismus der Katholischen Kirche“. Dies sei seine „Gebrauchsanweisung für den Glauben“; auf Seite 134 hatte er ein paar Zeilen unterstrichen:

2. Sprecher:

Die Erbsünde „ist eine Sünde, die durch Fortpflanzung an die ganze Menschheit weiter-geben wird. (…) Sie ist eine Sünde, die man ‚miterhalten‘, nicht aber begangen hat, (sie ist) ein Zustand, keine Tat“.

1. Sprecher:

Ich muss gestehen, dass mir diese Zeilen einen leichten Schock versetzten. So soll es also gewesen sein? Als sich meine Eltern liebten, „sich fortpflanzten“, wie es im katholischen Katechismus recht prosaisch heißt, haben sie also die Erbsünde an mich weitergegeben. Aber wurde uns denn nicht im Religionsunterricht eingeschärft: Sündigen kann man nur in einer freien Entscheidung? Und nun gibt es eine Sünde als Zustand? Ein Ungeborener soll bereits sündig sein? Ist ein Glaubenskompendium hilfreich, wenn der Leser irritiert wird oder an der Lehre zweifelt?

Karl nahm mein Erstaunen gar nicht wahr. Voller Begeisterung erzählte er gleich weiter, dass er bis zur Taufe ein ganzes Jahr lang an Glaubensunterweisungen teilgenommen habe, Konvertiten–Unterricht genannt. Die gesamte katholische Lehre hätte er noch gar nicht durchgearbeitet, wie er sagte. Aber mit diesem Katechismus könne er sich ja selbst in alle Einzelheiten vertiefen. Im Vorwort zu seinem „Glaubenskompendium“ hatte Papst Johannes Paul II. geschrieben:

2. Sprecher:

Dieser Katechismus „ist eine Darlegung des Glaubens der Kirche“ (…) Ich erkenne ihn als gültiges und legitimes Werkzeug (…) an, ferner als sichere Norm für die Lehre des Glaubens“.

1. Sprecher:

Und während mein Schulfreund Karl weiterplauderte, seine „Gebrauchsanweisung“ fest im Griff, fragte ich mich, wer denn eigentlich gern Gebrauchsanweisungen liest. Und: Ist Glauben so schwer zu lernen und mühsam zu verstehen? Kann man nicht auch „einfach glauben?“, ohne dickes Buch oder Lehrgebäude?

Alle christlichen Kirchen sind bestrebt, in umfangreichen Büchern den „ganzen Glauben“ darzustellen. Auch die Reformatoren Luther und Calvin hatten den Ehrgeiz, ihre protestan-tische Theologie einprägsam zu verbreiten, etwa im „Augsburger Bekenntnis“ oder im „Heidelberger Katechismus“. Der Titel dieser klassischen Glaubensbücher bezieht sich auf das altgriechische Verb katechein;  es bedeutet wörtlich übersetzt „von oben herab tönen, ergötzen, bezaubern“. Diese  ursprüngliche Bedeutung hatten die Menschen im 8. Jahrhundert wohl längst vergessen, als die ersten umfassenden Katechismen in den Klöstern geschrieben wurden. Dabei ist die ursprüngliche griechische Wortbedeutung durchaus treffend: Denn diese Lehrbücher wurden von oben herab, von Päpsten, Bischöfen und Theologen den Laien, dem Volk, vorgesetzt, als geistliche Nahrung, wie es hieß. Ob die Laien von diesen Büchern immer  bezaubert oder gar ergötzt wurden, ist fraglich angesichts der nüchternen, trockenen Theologensprache. Ich erinnere mich noch an den Katechismus aus den fünfziger Jahren, der mit einer abstrakten Frage begann:

2. Sprecher:

Wozu sind wir auf Erden?

1. Sprecher:

Die Antwort konnte man gleich darunter lesen:

2. Sprecher:

Wir sind auf Erden, um Gott zu erkennen, ihn zu lieben, ihm zu dienen und einst ewig bei ihm zu leben.

1. Sprecher:

Als Kinder mussten wir ganze Seiten dieses Frage- und Antwort- „Spiels“, wie wir damals sagten, auswendig lernen. Der Katechismus umfasste 248 Fragen. Die letzte Frage bewegte uns Kinder am meisten, denn sie erzeugte einen gewissen Schauer:

2. Sprecher:

Was wird am Jüngsten Tag mit der sichtbaren Welt geschehen?

1. Sprecher:

„Sie wird verwandelt und neu gestaltet werden“, riefen wir dann mutig dem Pfarrer zu. Wer zehn weitere Fragen korrekt  beantworten konnte, erhielt einen Bonbon. Dieser Katechis-mus wurde damals auch in der DDR verbreitet. Viele der dortigen Atheisten hat er wohl kaum zum Glauben bewegt. Denn dieses Buch setzte Gott schlicht und einfach als real existierend voraus. Heute bieten Katechismen wenigstens Hinweise, wo und wie denn die göttliche Wirklichkeit im Alltag des Lebens zu ahnen, zu spüren und möglicherweise zu finden sei. Über alle Zeiten hinweg aber ist den Katechismen eine Überzeugung gemein-sam:

2. Sprecher:

Der christliche Glaube ist ein Lehrsystem. Evangelische wie katholische Katechismen be-ginnen auch heute noch, systematisch gegliedert, bei Gott selbst, bei „Gott Vater“. Inner-halb der sogenannten Trinität, der Dreifaltigkeit, führen sie dann die Leser weiter zu Jesus Christus, dem ewigen Logos, „das menschgewordene Wort Gottes“, und schließlich zum Heiligen Geist; im Anschluss daran wird das Wesen der Kirche abgehandelt.

1. Sprecher:

Vom Himmel hoch kommend landet der Leser schließlich nach hunderten von Seiten bei den irdischen, auch den ethischen Fragen. Der Evangelische Erwachsenenkatechismus aus dem Jahre 1977 breitet diese Lehre auf 1.356 Seiten aus. Die aktuelle Ausgabe, noch keine zwei Monate auf dem Markt und als „Kursbuch des Glaubens“ angepriesen, umfasst nur noch 1.020 Seiten. Katholiken könnten da fast eifersüchtig werden; denn die römische Glaubensbehörde hat für ihren offiziellen Katechismus nur 816 Seiten zustande gebracht. Dabei erscheint doch der katholische Glaube schon aufgrund der Heiligenverehrung, des Papsttums und der sieben Sakramente sehr viel inhaltsreicher.

Wie auch immer: Diese Bücher hinterlassen den Eindruck: Ein Mensch ist erst dann ein wahrer Christ, wenn er die 800 oder 1000 Seiten studiert, also diese „Gebrauchsan-weisung“ durchgearbeitet hat, wie mein Schulfreund Karl betonte. Aber, wie gesagt, wer liest schon gern Gebrauchsanweisungen? Natürlich kann es gelegentlich reizvoll sein, bestimmte Phänomene der christlichen Lehre genauer kennenzulernen; etwa der Frage nachzugehen, welche Rolle Christus, der Sohn Gottes, „der ewige Logos“, wie es heißt, im Ganzen der himmlischen Dreifaltigkeit spielt. Im Katholischen Katechismus aus dem Jahr 1993 heißt es dazu im Paragraphen 254:

2. Sprecher:

„Die Trinität ist eine.  Die drei göttlichen Personen beziehen sich aufeinander. Weil die reale Verschiedenheit der Personen die göttliche Einheit nicht zerteilt, liegt sie einzig in den gegenseitigen Beziehungen“.

1. Sprecher:

Solche Sätze pflegte mein Vater gern mit einem lauten „Aha“ zu kommentieren, um dann sofort von etwas anderem zu sprechen, etwa von der Sozialpolitik. Ihn ärgerte zudem, dass ein modernes Glaubensbuch, der so genannte Holländische Katechismus aus dem Jahr 1966, verfasst in einer modernen Alltagssprache, von der offiziellen Kirche abgelehnt und bekämpft wurde.

Weil Katechismen immer den Eindruck erwecken, der christliche Glaube sei eine Art in sich geschlossener Weltanschauung, die auf alle grundlegenden, religiösen und ethischen Fragen eine endgültige Antwort weiß, haben auch Theologen zu allen Zeiten unter diesem „System–Christentum“ gelitten und Auswege aufgezeigt. Schon der große Augustinus, selbst Verfasser zahlreicher voluminöser Glaubensbücher, erkannte die Notwendigkeit, den Glauben „auf den Punkt“ zu bringen. Er schrieb den viel zitierten lateinischen Satz:

2. Sprecher:

„Dílige et quod vis fac“. Wörtlich übersetzt: Liebe und tu, was du willst.“

1. Sprecher:

Als Augustinus diese Worte im Jahr 407 niederschieb, hatte er seine von erotischen Liebes-abenteuern geprägte Jugendphase längst hinter sich gelassen. Als Bischof von Hippo in Nordafrika, bezog er sich in seinem Spruch nicht auf den Eros, sondern auf die Liebe als Caritas, auf die tätige Nächstenliebe. Ausführlich und ein wenig paraphrasierend müsste man übersetzen:

2. Sprecher:

Übe dich in der Nächstenliebe, erst dann kannst du frei dein Leben gestalten.

1. Sprecher:

Erstaunlich, dass dieser viel gerühmte „Kirchenvater“ den Kern des Glaubens in einer sehr praktischen Lebenshaltung sah. Darin folgte er den Weisungen der frühen Kirche. Für den Apostel Paulus ist die Nächstenliebe das Höchste und alles Entscheidende. Und der Ver-fasser des 1. Johannesbriefes schreibt:

2. Sprecher:

Wir Glaubende wissen, dass wir aus dem Tod in das Leben gekommen sind, weil wir die Geschwister lieben. Wer nicht liebt, der bleibt im Tod, hat also mit Gott keine Verbindung.

1. Sprecher:

Die frühe Kirche hatte auch Interesse, den inneren, den religiösen Kern des Glaubens, die Theorie, wenn man so will, in wenigen Worten zusammenzufassen. Dabei hat sie durchaus die unterschiedlich geprägten religiösen und kulturellen Milieus ernst genommen. Gegen-über gebildeten sogenannten Heiden-Christen, vor allem den Philosophen in Athen, betonte der Apostel Paulus:

2. Sprecher:

Gott ist nicht fern von einem jeden Menschen. Denn in Gott leben wir, in ihm bewegen wir uns und sind wir. Tatsächlich, wir sind von göttlichem Geschlecht.

1. Sprecher:

Einer der bedeutenden katholischen Theologen des 20. Jahrhunderts, Karl Rahner, war von den zahlreichen kurz gefassten Bekenntnissen der ersten Christen beeindruckt. Sein Plädoyer: Wenn heute viele Christen den Wald vor Bäumen nicht mehr sehen, also an-gesichts der Überfülle von Lehren und Dogmen das Wesentliche des Glaubens nicht mehr wahrnehmen, dann sollten „Kurzformeln des Glaubens“ geschrieben werden, prägnante Verse, die alles Entscheidende griffig sagen, ohne dabei zu oberflächlichen Werbeslogans zu verkommen. Bei dieser Suche nach dem Wesen des Christentums wusste sich Rahner verbunden mit einer breiten theologischen Tradition. So wollte zum Beispiel der protestantische Theologe Adolf von Harnack, Professor an der Berliner Humboldt Universität, das „Zentrum des Glaubens“ in den Mittelpunkt stellen. Sein Buch „Das Wesen des Christentums“ erschien im Jahr 1900 und fand sehr viel Aufmerksamkeit. Darin heißt es:

2. Sprecher:

Wesentlich ist der Glaube an Gott, den wir uns in etwa wie einen guten Vater vorstellen können; wesentlich ist der unendliche Wert eines jeden Menschen und damit zusammen-hängend die Nächstenliebe. Jesus lehrt uns, in diesem Geist die Welt gerecht zu gestalten.

1. Sprecher:

Diese Erkenntnis bewegt bis heute viele Menschen, Fromme und weniger Fromme. Und sie wissen sich dabei ganz eng mit dem Initiator des Christentums verbunden, mit Jesus von Nazareth. Eigentlich sollte die ständige Bindung an die Lehren und Weisungen Jesu für Christen selbstverständlich sein. Aber die hochkomplex gewordene Kirchenlehre hat die Gestalt Jesu oft eher verdeckt als lebendig erscheinen lassen. Wie viele Synodenbeschlüsse oder Enzykliken nehmen denn auf Jesus ausdrücklich Bezug, auf die Berg-predigt zum Beispiel oder auf seine Mahnungen, nicht zu herrschen und arm zu leben, sich nicht Meister nennen zu lassen, sondern der Diener aller zu sein? Bezeichnenderweise haben alle großen Reformatoren, wie Franziskus von Assisi oder Martin Luther, immer wieder Jesus als das kritische Gegenüber zu einer sich machtvoll gebärdenden Kirche eingeklagt. In diesem Sinne schreibt der Theologieprofessor Gottfried Bachl aus Salzburg in seinem Buch „Der schwierige Jesus“:

2. Sprecher:

Alle beachtenswerten Stimmen der Tradition laden mich ein, mich unmittelbar und haut-nah an Jesus zu halten, keine anderen Prinzipien gelten zu lassen. Woher sollte man denn sonst auch wissen, dass man angesichts der bunten religiösen Vielfalt im Christentum tatsächlich auf seinem, also auf Jesu Weg sich befindet?

1. Sprecher:

Allerdings: Eindeutige und historisch sichere Informationen über diesen Jesus von Nazareth sind eher mühsam zu haben. Die vier Evangelien aus dem Neuen Testament sind Predigten und Bekenntnisse, keine Lebensbeschreibungen; eine umfassende, objektiv korrekte Biographie Jesu kann es aufgrund der Quellenlage nicht geben. Dennoch gibt es keinen Zweifel, dass die entscheidende Mitte der Lehre Jesu, sozusagen das „Unverwechselbare“, genau festgelegt werden kann.

2. Sprecher:

In seiner Bergpredigt lobt Jesus die Friedfertigen sowie die Menschen, die nach Gerechtig-keit streben. Auch jene werden seliggepriesen, die barmherzig sind und authentisch leben wollen, also ein „reines Herz“ haben. In anderen Erzählungen empfiehlt Jesus nach-drücklich, niemals über andere Menschen zu richten, sondern auch „den Balken im eigenen Auge zu sehen“. Er wendet sich mit aller Liebe den Armen und Ausgestoßenen zu, integriert sie in die Gemeinschaft; er warnt vor aller Scheinheiligkeit und mahnt die religiösen Führer, niemals zu herrschen, sondern zu dienen. Allein auf das metanoein, das Umdenken komme es an, auf die Umstellung bisher üblicher Werte.

1. Sprecher:

Diese von Jesus inspirierte Lebensweisheit wird von Theologen heute gern der „einfache Glaube“ genannt. Mit dem Wort „einfach“ möchten sie sich abgrenzen von allen komplizierten Glaubenslehren. Auch Philosophen sprechen jetzt nachdrücklich davon, etwa der weltweit geschätzte Italiener Gianni Vattimo. Er setzt sich in seinem Buch mit dem Titel „Glauben–Philosophieren“ von den ausgefeilten, manchmal allwissend erscheinenden Traditionen des Christentums ab. Für ihn kommt es auf einen im guten Sinne „reduzierten“, also einen bescheidenen Basis-Glauben an. Es ist schon fast ein Trend, wenn Philosophen wie Theologen betonen:

2. Sprecher:

Menschen können authentisch und wahrhaftig glauben, wenn sie sich den Lebensweis-heiten Jesu anschließen.

1. Sprecher:

Einfach, im Sinne von „schlicht“ oder „leicht realisierbar“, ist dieser elementare Glaube nicht. Denn wer kann auf Dauer der Weisung folgen, immer wieder zu verzeihen? Wer kann seinen Geist so frei machen von Aggressionen, dass er selbst seinen Feind lieben kann? Wer kann von sich sagen, dass er sein Herz nicht doch an den schnöden Mammon, das Geld, bindet? Dieser einfache Glaube Jesu wirkt wie eine dauernde Einladung, nicht stehen zu bleiben, nicht existentiell zu stagnieren, sondern das Ziel menschlicher Reife anzustreben. Eine Herausforderung, die nur gelingen kann, wenn sich die Menschen von einem tragenden Grund, von einer unendlichen göttlichen Liebe, geborgen wissen. Der einfache Glaube kommt ohne Mystik nicht aus.

In der langen Geschichte der christlichen Mystik wurde dieser „bergende Lebensgrund“ auch „göttlicher Funke“ im Menschen genannt, Meister Eckart sprach im 13. Jahrhundert davon, später Angelus Silesius, auch Philosophen wie Johann Gottlieb Fichte. Dieser gött-liche Bereich im Menschen ist die lebendige Quelle  des elementaren, des einfachen Glaubens. Wer dieses „göttlichen Bereichs“ inne werde, der sei auf dem besten Weg, ein Glaubender zu werden, meinte z.B. Thomas Merton, ein katholischer spiritueller Autor aus Amerika. Er war von dieser Idee ganz begeistert:

2. Sprecher:

Im innersten Kern unseres Wesens gibt es einen Punkt, klein wie ein Nichts, an den Sünde und Illusion nicht zu rühren vermögen. Er ist der Punkt der lauteren Wahrheit. Nie können wir über diesen göttlichen „Funken“ verfügen, er ist der Punkt der Herrlichkeit Gottes in uns. Er ist in unser innerstes Wesen geschrieben. Er steckt in jedem Menschen. Deswegen gibt es Milliarden solcher Lichtpunkte. Sie können Dunkelheit und Grausamkeit des Lebens verscheuchen.

1. Sprecher:

Angesichts einer unübersichtlichen und vielfach bedrohten Welt suchen Menschen nach festen Eckpunkten, nach einer elementaren Weisheit, die im praktischen Leben wie auf der spirituellen Suche Orientierung zu geben vermag. Vor einigen Wochen erschien in den Niederlanden ein Buch, das diesen Interessen entgegenkommt. Es umfasst nur 140 Seiten. Kunstdrucke mit Werken von Caravaggio bis Chagall sollen zur Meditation anregen. Anstelle von Belehrungen wird von menschlichen Tugenden erzählt, etwa vom Mitgefühl, der Gerechtigkeit, der Annahme seiner selbst. „Katechismus des Mitgefühls“ heißt dieses Buch, das einige kleinere protestantische Kirchen gemeinsam herausgegeben haben. Es hat im säkularisierten Holland sehr viel Interesse gefunden. Die Autoren schreiben:

2. Sprecher:

Wer sich vom Mitgefühl für andere leiten lässt, erkennt auch sein eignes Leben. Wer sich in andere hineindenkt, wer die Unbekannten, die Fremden, lieben lernt: Erlebt die ganze Weite der Schöpfung Gottes und lernt sie lieben. Dann kann der Glaube beginnen, elementar und einfach. Dann kann Gott als eine mystische Kraft entdeckt werden.

Literaturhinweise:

Gottfried Bachl, Der schwierige Jesus. Tyrolia Verlag, Innsbruck – Wien. 1996, 112 Seiten.

Catechismus van de compassie (Katechismus des Mitgefühls). Von Christiane Berkvens –Stevelinck und Ad Alblas, Skandalon Verlag in Vught, Niederlande, mit einer DVD von Karen Amstrong. 140 Seiten, 2010.

Thomas Merton, Zeiten der Stille. Herder Verlag, 1992. 155 Seiten.

Albert Schweitzer, Das Christentum und die Weltreligionen. Becksche Reihe, München, 1992. 124 Seiten.

Gianni Vattimo, „Glauben, Philosophieren“. Reclam Verlag, Stuttgart, 1997. 121 Seiten.

 

 

Wie lebt Gott in den Mega – Städten?

 

Gottes Geist in Mega-Städten

Was macht die Religion mit der Stadt? Architekten, Geografen und Soziologen schauen bei einer Tagung in Berlin genau hin – und entdecken die Gestaltungsmacht der Pfingstkirchen

Von Christian Modehn

In Kiew, der Hauptstadt der Ukraine – sie hat drei Millionen Einwohner -, hat Gott eine eigene Botschaft: »Embassy of God« nennt sich dort die größte Pfingstkirche mit 25000 Mitgliedern. Ihr Gründer ist der aus Nigeria stammende Journalist Sunday Sunkanmi Adelaja. Inzwischen hat er für seine Embassy Church in 45 Ländern Filialen geschaffen. Sie widmen sich – neben dem inbrünstigen Gebet – der Betreuung von Alkoholkranken und Drogenabhängigen.

In Nairobi, der Hauptstadt Kenias – sie hat ebenfalls drei Millionen Einwohner -, haben mehr als tausend Missionare aus Südkorea ihr »Hauptquartier« bezogen: Allein die Manmin Church of Jaerock Lee verfügt in Kenia über 600 Gemeinden. Die Koreaner in Afrika nennen ihre Missionstätigkeit »Kreuzzüge«, sie wollen in ganz Afrika »die kosmische Macht Satans abwehren und die Individuen vom Teufel befreien«.

In Rio de Janeiro – einer der größten Städte der Welt mit zwölf Millionen Einwohnern – gehört eines der größten Gebäude der Universal-Kirche des Gottesreiches, 11000 Gläubige finden darin Platz. Diese Pfingstkirche, 1977 von dem Katholiken Edir Macedo gegründet, hat heute weltweit etwa zehn Millionen Mitglieder. Mit seiner Kirchengründung hat der ehemalige Lotterieverkäufer Macedo das Super-Los gezogen: Dank der Spenden seiner Gläubigen ist er inzwischen ein steinreicher Mann, er besitzt 62 Radiostationen und zwei nationale TV- Sender. Wegen Verwicklungen in den Drogenhandel wurde er verurteilt. Heute betreut er als Bischof seine wachsende Gemeinde in New York.

Drei Beispiele, die eine der wichtigsten Veränderungen in der religiösen Kultur der Gegenwart beschreiben: Die einst durch den Kolonialismus Missionierten treten jetzt weltweit als Missionare auf. Sie gehören fast ausschließlich zu neu gegründeten Pfingstkirchen. Ihr Missionseifer sorgt dafür, dass heute Soziologen und Philosophen nicht mehr umstandslos, wie noch vor zwanzig Jahren, vom Sieg der Säkularisierung mit einem langsamen Absterben der Religionen sprechen.

Es sind vor allem die Großstädte in Afrika, Asien und Lateinamerika, in denen sich die Renaissance des Religiösen durchsetzt. Mit offensiver Werbung und apokalyptisch gefärbten Heilsversprechen werden bibeltreue Evangelikale und geistbewegte Pfingstler, so die wissenschaftliche Prognose, den traditionellen Großkirchen – Katholiken, Lutheranern, Reformierten – zahlenmäßig bald ebenbürtig sein.

600 Millionen Menschen nennen sich »Pfingstler«, gehören also zu einer Bewegung mit vielen Tausend unabhängig agierenden Kirchen. Jeder vierte Christ versteht sich heute als »born again«, als neu geboren durch die (zweite) Taufe im Heiligen Geist. Ein Beispiel: 1960 nannten sich 91 Prozent der Brasilianer katholisch, vierzig Jahre später waren es nur noch 73 Prozent. Millionen Katholiken wenden sich den pfingstlerischen Freikirchen zu. Jeder fünfte Brasilianer gehört zu dieser Bewegung, in Guatemala schon fast jeder zweite.

Der aus Argentinien stammende, international geschätzte katholische Theologe und Philosoph Enrique Dussel studiert von Mexiko aus diese Entwicklung: »Die katholische Kirche hat sich vom Volk abgewandt. Der Vatikan hat hier Bischöfe ernannt mit niedrigem intellektuellen Niveau und keinerlei pastoraler Erfahrung. Es müsste längst verheiratete Priester geben. Mit ihrem Machismo hat die Kirche kein Verständnis für die Frauen. Das Volk trennt sich vom Katholizismus. Das ist eine gerechte Strafe für Rom.«

Professor Dussel hat sich dieser Tage zusammen mit Kulturwissenschaftlern und Künstlern im Berliner Haus der Kulturen der Welt mit der Rolle neuer Pfingstgemeinden in den Großstädten auseinandergesetzt. »Global Prayers« war der treffende Titel, um die Expansion der Pfingstkirchen – parallel dazu auch einiger islamischer und hinduistischer Bewegungen – zu untersuchen.

Das Projektbüro Metrozones in Berlin befasst sich seit drei Jahren mit diesem Thema. Es handelt sich um eine private Initiative von Kulturwissenschaftlern, die kirchenunabhängig und interdisziplinär arbeiten. »Seit drei Jahren haben wir Metrozones als eine Art Plattform der Forschung«, berichtet eine der Initiatorinnen, die Lateinamerikanistin Anne Huffschmid aus Berlin. »Wir wollen die eurozentrische, also immer auch besserwisserische Blickweise überwinden, also verständnisvoll, aber doch unparteiisch recherchieren. Wir entdecken die Bedeutung der Religion im Gesamtzusammenhang der Stadt, gegenüber der Theologie ist dies ein umfassenderer Ansatz.«

In den Slums von Rio, São Paulo oder Mexiko-Stadt haben die Pfingstkirchen meist nur bescheidene Häuser. Sie sind dafür aber an jeder Ecke präsent als Orte lautstarken Betens, Singens, Predigens … und das bis spät in die Nacht. Sie übertönen damit die beinahe ständigen ortsüblichen Schießereien zwischen Drogenbossen und der Polizei. Stadtforscher (Urbanologen) haben den Sound dieser Viertel längst dokumentiert. Fotografen und Künstler setzen sich mit diesen »geistvollen Orten inmitten des Elends« auseinander.

Religionen in den Megastädten: So heißt das neue Thema für Architekten, Geografen, Soziologen. Sie untersuchen, welche Auswirkungen die neuen kolossalen Pfingst-Tempel im Gesamt der Stadt haben.

In der elf Millionen Einwohner zählenden Mega-Stadt Lagos (Nigeria) bauen Pfingstkirchen ihre monumentalen Tempel entlang der Schnellstraße nach Ibadan. Nicht nur die vielen Tausend nigerianischen Frommen strömen dorthin. Aus aller Welt kommen Geistbewegte millionenfach und kurbeln damit den sonst eher schwach entwickelten Tourismus in Nigeria an. Dicht nebeneinander haben sich mehr als zwanzig Pfingstkirchen niedergelassen. Riesige Ländereien wurden gekauft, um Tempel und Wohnungen, Bildungseinrichtungen und Betriebe protzig und monumental aufzubauen.

Das größte Gelände gehört der Redeemed Christian Church of God (RCCG), der »Erlösten Christlichen Gemeinde Gottes«. Vor fünfzig Jahren von dem Nigerianer Pa Josiah Akindayomi gegründet, verfügt sie jetzt über eine Gottesdiensthalle mit einem Ausmaß von 1200 Metern Länge und 500 Metern Breite. Sie kann einige Hunderttausend Menschen fassen. Eine Großküche mit über 300 Feuerstellen sorgt für das leibliche Wohl der Massen. Die RCCG besitzt auf ihrem Gelände auch eine Privat-Universität, es gibt gepflegte Wohnanlagen für rund 18000 Gemeindemitglieder. Man hat eine eigene Stromversorgung und eigene Müllabfuhr, ein eigener Flughafen ist geplant. Diese »pfingstlerische« Stadt, die Redemption City mit einer Fläche von 48 Quadratkilometern, »ist das größte christliche Anwesen der Welt«, so der nigerianische Religionssoziologe Asonzeh Ukah. Auch er ist mit dem Projekt »Metrozones« verbunden. Die gepflegte und Sicherheit bietende Infrastruktur dieser Stadt der Frommen ist kaum zu vergleichen mit den Lebensbedingungen der Mega-Stadt Lagos, die jeder Besucher nur noch als »Moloch« bezeichnet. Die »Stadt der Erlösten«, also die RCCG-Church, ist aber keine hilfreiche Alternative: »Ungewöhnlich wohlhabende Personen aus Politik und Wirtschaft – Christen wie Muslime – fungieren als Finanziers des RCCG-Projekts«, so der Soziologe Asonzeh Ukah. Er betont: »In Redemption City genießt nur eine Minderheit Wohlstand und Anerkennung. Diese Minderheit setzt nun noch die Macht des Sakralen ein, um sich ihren Zugriff auf die knappen materiellen Ressourcen zu sichern. Die medizinischen Dienstleistungen der Pfingstkirchen bleiben für die den Kirchen zuströmenden Armen unbezahlbar, obgleich diese Kirchen maßgeblich von ebendiesen Armen mit aufgebaut worden sind.«

Diese sich machtvoll gebärdende RCCG, in gewisser Weise ein Geldbeschaffungsinstitut, steht an vorderster Missionsfront der »Global Prayers«: Sie ist inzwischen in vielen Ländern aktiv, auch in Indien und Birma. Von Hongkong aus ist sie auf dem Sprung nach China. In den USA expandiert sie genauso wie in Großbritannien, in London gibt es 150 RCCG-Gemeinden, in Deutschland sind es »erst« zwanzig. Die zentrale Botschaft dieser Kirche wird auch unter Bankern gern gehört: Begnadet ist, wer finanziell erfolgreich ist.

Diese protzige Form pfingstkirchlicher Selbstdarstellung durch die RCCG steht in scharfem Kontrast zu vielen Tausend anderen bescheidenen Pfingstkirchen. »Auf diese Differenzierung legen wir in unserer Forschergruppe allen Wert«, betont Anne Huffschmid. »Denn viele Pfingst-Pastoren etwa in Argentinien teilen mit den Verarmten in den nahezu endlosen Slums der Mega-Städte das erbärmliche Leben der Leute.« Tatsächlich leisten sie ohne institutionelle Barriere menschliche Hilfe, weil sie die immer erreichbaren Nachbarn sind. Sie leben mit den Ausgegrenzten im »kulturellen Gleichklang«, wie der argentinische Soziologe Pablo Semán betont, auch er ein Mitarbeiter der Studiengruppe Metrozones. Diese Gemeinden bieten einen letzten Halt für entwurzelte Menschen.

Die katholischen Pfarrgemeinden in den Megastädten Lateinamerikas zählen meist 20000 oder 30000 Mitglieder mit einem verantwortlichen Priester, in Nordostbrasilien sind katholische Gemeinden mit 100000 Mitgliedern beinahe üblich. Wie kann da ein Miteinander entstehen? Im Dickicht der stetig wachsenden Slums kann nur die kleine »Familien-Gemeinde« für eine gewisse seelische Stabilität sorgen. »Das ist fürs Zusammenleben in einer Stadt doch nicht wenig«, meint Anne Huffschmid.

Aber die Bindung an eine Pfingstgemeinde bleibt oft sehr locker und flexibel: »Manche lassen sich ihre katholische Prägung nicht nehmen, wenn sie Pfingstler werden; etliche gehören sozusagen beiden Konfessionen an«, so Anne Huffschmid. Auffällig ist aber auch, dass sich junge Leute in den Städten zunehmend Atheisten nennen. Zum Beispiel sind es in Brasilien sieben Prozent der Bevölkerung, in Chile acht Prozent und Costa Rica elf Prozent. Die Pfingstler werden also eine säkulare Gesellschaft nicht unbedingt verhindern können. Fördert ihr oft fundamentalistischer Glaube vielleicht sogar den Atheismus?

Auch in Europas Metropolen hat sich die Darstellung kirchlicher Präsenz längst verändert. Kirchengebäude werden verkauft, nicht nur in Holland, wo Gotteshäuser in Kaufhallen umgewandelt werden. In Berlin hat die katholische St. Agnes Kirche jetzt ein Galerist gekauft. Die Zwingli-Kirche in Friedrichshain wurde zu einem Kulturzentrum umgebaut. Gleichzeitig werden im selben Stadtteil neue freikirchliche Gemeinden gegründet. Die Kirche International Christian Fellowship mietet den Musik-Club Lovelite für ihre Gottesdienste am Sonntagnachmittag. Die kürzlich gegründete Freikirche Berlin Projekt feiert sonntags – nach einem ersten Kaffee im Foyer – ihren Gottesdienst im Kino Babylon Berlin Mitte mit 200 bis 300 vorwiegend jungen Leuten. Und die Jesus Freaks Berlin treffen sich in der alten Kindl Brauerei Neukölln zum Gebet.

Zeigt sich da ein neuer Trend? Wenn weltliche Gebäude als Orte sakraler Handlungen genutzt werden, wird auch neu über die Sakralität des Weltlichen zu diskutieren sein. Ein schöner Kinosaal hat ja auch eine »transzendierende Aura«.

Die Bewegung der Global Prayers aus dem pfingstkirchlichen Raum könnte die altehrwürdigen, etablierten Kirchen inspirieren, neu über das Verhältnis von Glaube und Mega-City nachzudenken. Die kleinliche Debatte über die Größen von Pfarreien zum Beispiel wird dem globalen Thema kaum gerecht. Etwas pfingstlerische Kreativität könnte belebend wirken.

Copyright:christian modehn.

Dieser Beitrag erschien in Heft 5/2012 von PUBLIK FORUM, diese Zeitschrift empfehlen wir ausdrücklich.

 

 

Taizé – ein katholischer Ort? Anmerkungen zum Begriff der Ökumene à la Taize

Aufgrund zahlreicher Anfragen nach meinem Artikel in PUBLIK – FORUM (1/2012) verdeutlichen wir noch einmal, was Ökumene in Taizé, dem berühmten Wallfahrtsort von Jugendlichen aus aller Welt, aus unserer Sicht, gut dokumentiert, bedeutet. Das ist zwar kein Schwerpunkt unseres religionsphilosophischen Salons ….  aber manchmal müssen wir aktuelle theologische Fragen aufgreifen:

Welche Kircheneinheit hat Taizé vor Augen?

Von Christian Modehn, im Februar 2012.

Ich beobachte als Journalist Religionen und Kirchen. Mich interessiert – in Form einer Prüfung von außen – die Frage: Welche Einheit der Kirchen, also welche konkrete und fest beschreibbare Vorstellung von Ökumene hat die Mönchs – Gemeinschaft von Taizé?  Mit dieser theologisch relevanten Frage wird die Tatsache nicht berührt, dass die Mönchsgemeinschaft von Taizé für viele (jugendliche) Menschen weltweit ein inspirierender Ort geworden ist. Sicher bin ich nicht der erste, dem die Formulierungen zur Ökumene von Frère Roger Schutz oder von Bruder Alois etwas „fließend“, um nicht zu sagen: unpräzise, erscheinen. Darf man sagen: Sie wirken eher poetisch und ins Mystische gehend? Es ist auch diese fromme Glaubenssprache der Insider, die in dem Beitrag von Bruder Alois, dem gegenwärtigen Prior (vom Gründer Roger Schutz vor vielen Jahren dazu bestimmt und ernannt !) in dem Beitrag für die Internationale Theologische Zeitschrift Concilium (2011) immer wieder durchbricht. Der Titel seines theologischen Aufsatzes: „Habe die Leidenschaft für die Einheit des Leibes Christi“. Dabei ist nicht nur der Appell im Titel bemerkenswert, interessant ist die Verwendung des Bildes „Leib Christi“ für die Kirche. Es wird also nicht der (alternative) Begriff „Volk Gottes“ gebraucht, der im 2. Vatikanischen Konzil durchaus als Konkurrenzbegriff galt, sondern der eher hierarchische Vorstellungen weckende „Leib Christ“ Begriff: Da gibt es ein herrschendes Haupt und gehorsame Glieder…

Frère Roger, der Gründer von Taizé, war überzeugt, die Kirche sei „in ihrer Tiefe“ ungeteilt. (S. 130 in Concilium). „An uns ist es daher, Orte zu schaffen, an denen diese Einheit hervortreten und greifbar werden kann“, schreibt Bruder Alois, diesen Gedanken weiter entwickelnd. Dabei erinnert er an den orthodoxen französischen Theologen Olivier Clément, der – seinerseits ziemlich kryptisch  – schreibt: „Es gibt nur eine einzige Kirche, verborgener Unterbau aller Kirchen…“ Also eine untergründige Einheit gibt es, und Taizé wäre dieser Ort, wo diese untergründige Einheit nach vorne tritt und offenbar wird. Aber was ist damit konkret gemeint? Handelt es sich um eine wirklich neue und bislang unbekannte Kirche, also eine aus verschiedenen Traditionen gespeiste bzw. zusammengefügte Kirche? Taizé schließt aber aus, dass diese – aus der Tiefe sozusagen hervorgeholte Einheit – tatsächlich eine grundlegende neue, eine bislang völlig unbekannte ökumenische Kirche sein sollte. Das wäre in römischer Sicht –und darauf nimmt Taizé alle Rücksicht  – ein Schisma, und das darf nicht sein.

Anders hingegen und nur nebenbei erwähnt als Alternative: Der niederländische Theologe und Poet Huub Oosterhuis fördert z. B. seit 1970 in Amsterdam eine neue selbständige ökumenische Gemeinde, die Studenten – Ecclesia, die über alle bestehenden Konfessionen hinausgewachsen ist. Sie präsentiert eine neue Ökumene, natürlich, auch eine neue Kirche. So etwas kommt für Taizé nicht in Frage.

Den Mönchen von Taizé geht es um die Überwindung aller Konfessions – Spaltungen, die nur in einer und in einer einzigen Kirche Gestalt finden kann. Welche konkrete Kirche dabei für die Mönche von Taizé entscheidend geworden ist, wird weiter unten gezeigt. Diese eine und einzige Kirche – im Sinne Taizés: Sie widerspricht der  ökumenischen theologischen Vorstellung von einer bleibenden und wichtigen und schönen Vielfalt der Kirchen, die sich aber untereinander respektieren und als unterschiedliche Kirchen anerkennen. Man spricht deswegen vom ökumenischen Zielbegriff der „versöhnten Verschiedenheit“. Von dieser Vorstellung einer Ökumene in bleibender Vielfalt ist in Taizé keine Rede. Es geht dort um die eine und einzige Kirche, in die sich alle anderen hinein begeben sollen.

Es gibt in Taizé einen zweites theologisches Problem: Die de facto Mitgliedschaft Frère Rogers in der katholischen Kirche seit 1972. Dabei wollte Roger Schutz, so immer wieder betont,  ausdrücklich seiner protestantischen Herkunft treu blieben. Etwas poetisch formulierte er seine Doppelmitgliedschaft: Er wolle den „Glauben meiner Ursprünge mit dem Geheimnis des katholischen Glaubens versöhnen“, so in dem Buch „Eine Ahnung von Glück“, S. 82. Der Theologie Professor Peter Zimmerling  (Leipzig) nennt diese Haltung treffend „eine Art Schwebezustand“ (in der Zeitschrift „Una Sancta“, 2007). Und Prof. Zimmerling meint, Roger Schutz wollte „beiden Kirchen gleichzeitig angehören“.

Aber hätten sich katholische Bischöfe im Ernst eine bi – konfessionelle Identität akzeptiert? Werden nicht sogar dem bloßen Anschein nach „bi – konfessionelle“ Christen von Rom her bestraft? Wie bewerten also katholische Bischöfe das Ereignis  in der Kapelle des Bischofshauses von Autun  (zu diesem Bistum „gehört“ Taizé)  im Jahr 1972? Bischof Le Bourgeois hatte dort das Glaubensbekenntnis Roger Schutz entgegen genommen und ihm anschließend die (katholische) Kommunion gereicht. Auch wenn danach kein Dokument einer Konversion zum Katholizismus unterschrieben wurde, wie immer wieder betont wird, nach den Regeln katholischer Theologie ist damit Roger Schutz de facto katholisch geworden. Bischof Séguy, der Nachfolger  von Bischof Le Bourgeois, der 1972 die Konversion entgegen nahm, schreibt: „Frère Roger hat dem Protestantismus nicht abgeschworen, aber er hat ausgedrückt, dass er vollständig („pleinement“) dem katholischen Glauben anhängt“. Ein außergewöhnliches Ereignis, weil Rom ja sonst immer das Entweder – Oder, die klare Entscheidung, durchsetzt. Diese Doppelmitgliedschaft Roger Schutz,` seine Bi – Konfessionalität, wurde von Rom nur akzeptiert, weil er als exklusive Ausnahme von den Päpsten seit Johannes XXIII. hoch geschätzt wurde. Darf man vermuten, weil Rom damals schon spürte, dass Frère Roger „eigentlich“ katholisch ist? Denn schon 1969 hat der „Bruderrat von Taizé“ seine Loyalität dem Papst gegenüber zum Ausdruck gebracht; schon damals bekannten die ganz überwiegend protestantischen Mönche, sie würden sich „in Gemeinschaft mit jenem Mann wissen, der das Dienstamt des Dieners der Diener Gottes (sic!) übertragen bekommen hat“ (in: Aufbruch zur Quelle, S 99). Diese Umschreibung des Titels des Papstes folgt bereits römischen Sprachregelungen. Seit 1971 gab es einen Vertreter des Priors von Taizé beim „Heiligen Stuhl“, also dem Papst, auch darauf weist Professor Peter Zimmerling hin. Papst Benedikt XVI. hat in einer Ansprache in Castel Gandolfo am 17.8. 2005 die Worte Frére Rogers übernommen und in seinem Sinne betont, dass die Mönchsgemeinschaft „ihren Weg in Gemeinschaft mit dem Heiligen Vater gehen möchte“.  Wer geht in Gemeinschaft mit dem Heiligen Vater? Doch wohl nur jener, der selber katholisch ist. Würde ein liberaler reformierter Christ oder ein progressiver Anglikaner oder ein frommer griechisch orthodoxer Pope von sich sagen, er möchte in „Gemeinschaft mit dem heiligen Vater seinen Weg gehen“?

Nur weil de facto die Mönchsgemeinschaft katholisch geworden ist, wird erklärbar, warum Roger Schutz betont hat, dass die Mönchsgemeinschaft ein der katholischen und orthodoxen Kirche vergleichbares Eucharistieverständnis hat (Aufbruch zur Quelle, 87). Darüber hinaus gibt Roger Schutz offen zu, dass er das katholische Sakrament der Buße hoch schätzt, auch die Marien – Verehrung sei für ihn selbstverständlich, manche Marien Erscheinungen (Lourdes ?) hielt er sogar für „echt“; auch empfahl er das Gebet zu Maria. Prof. Zimmeeling spricht in dem Zusammenhang von „starker Annäherung an die katholische Theologie und Spiritualität“. Auf dieser Linie ist es verständlich, dass Roger Schutz ganz normal die katholische Kommunion aus der Hand Kardinal Ratzingers anlässlich der Totenmesse für Papst Johannes Paul II. empfangen konnte und durfte. Nur so wird verständlich, warum die Trauerfeier für Roger Schutz in Taizé von Kardinal Walter Kasper geleitet wurde, während die anderen ökumenischen Gäste eher am Rande blieben. Nur so wird verständlich, warum an jedem Sonntag der Hauptgottesdienst in Taizé als katholische Messe gefeiert wird. „Am Sonntagmorgen findet im Hauptgottesdienst eine katholische Eucharistiefeier statt, wobei in der Mitte der Versöhnungskirche vor dem Altar beide Elemente an alle (!), die wollen, ausgeteilt werden. Während in den Seitenbauten der Kirche die Eucharistie in einerlei gestalt (also nur die Hostie, CM) empfangen werden kann“, so Peter Zimmerling. Und er fährt fort: „Allerdings dominiert eindeutig die katholische Eucharistiefeier das gottesdienstliche Geschehen, wobei auffällt, dass der Empfang der beiden eucharistischen Gaben auch für Nichtkatholiken offen ist“. Nebenbei: Der katholische Priester Professor Gotthold Hasenhüttl wurde als Priester suspendiert,  weil er bei einer Messe während des Ökumenischen (!) Kirchentages in Berlin im Jahr 2003 auch Protestanten die Katholische Kommunion reichte!  Die in Taizé gewährte ökumenische Gastfreundschaft darf offenbar nirgendwo anders gelten. Warum wohl? Drückt Rom alle dogmatischen Augen zu? Ist Taizé ein geheimer Liebling des Vatikans, ein geduldetes Experimentierfeld, um als Kirche viele Jugendliche „zu erreichen“?

In den jüngsten Äußerungen betont Bruder Alois – etwa in der Theologischen Zeitschrift Concilium – Taizé habe das Dienstamt des Papstes anerkannt. Mit dieser Anerkennung des Dienstamtes“  handle es sich NICHT, so wird betont,  um eine „Rückkehr Ökumene“, also um die Vorstellung, die nichtkatholischen Christen sollten zur römisch katholischen Kirche „zurückkehren“. Denn, so Bruder Alois, seit Johannes XXIII. und dem Zweiten Vatikanischen Konzil habe die katholische Kirche „ den wesentlichen Forderungen der Reformation nachgegeben“. (S. 131). Da wird also behauptet, die römisch – katholische Kirche heute erfülle die Forderungen der Reformation. Darauf hat Prof.. Zimmerling mehrfach hingewiesen: In der Sicht von Taizé sind die protestantischen Kirchen nur „Provisorien“. „Sie besitzen ihre Existenzberechtigung darin, Korrektiv, gelegentlich auch Ergänzung des Katholizismus, nicht jedoch eigenständige Kirche auf unbegrenzte Zeit zu sein“. Prof. Zimmerling weist darauf hin, dass diese merkwürdige Vorstellung von dem provisorischen Charakter der protestantischen Kirche schon 1965 von Roger Schutz formuliert wurde, und zwar in dem Buch „Die Dynamik des Vorläufigen“.

Die Protestanischen Kirchen als vorläufige, eines Tages verschwindende Kirchen: Korrespondiert diese Vorstellung  mit der Idee, verbreitet im päpstlichen Schreiben „Dominus Jesus“, dass die protestantischen Kirchen keine Kirchen im “eigentlichen Sinne”  sind, eine Behauptung, die Benedikt XVI. immer wiederholt.

Jedenfalls ist es verwunderlich zu lesen, dass Bruder Alois, der Prior von Taizé, ein katholischer Laien – Theologe,  im Ernst meint,  dieser Katholizismus , wie er sich heute zeigt, sei bereits ein reformierter Katholizismus, also ein solcher, der den Forderungen der Reformatoren bereits entspricht. Wie ist dann die über geordnete Stellung der Amtspriester gegenüber den Laien im heutigen Katholizismus zu beurteilen, wie der zögerliche Umgang mit dem allgemeinen Priestertum ALLER Gläubigen, wie die immer noch vorhandene Praxis des Ablasses, wie die Unterdrückung echter theologischer Pluralität, wie der Ausschluss von Frauen vom Priesteramt usw.??

Diese Einschätzung Bruder Alois`, der heutige Katholizismus sei bereits „reformiert“,  ist ein theologischer Irrtum. Natürlich gibt es Unterschiede in den Reden der Päpste des 16. und des 20. Jahrhunderts. Am Primat des Papstes hat sich aber nichts geändert, übrigens auch nicht in der klerikalen Mode der Päpste und Prälaten. Das barocke Denken dominiert. Das ist nur eine Tatsachenbeschreibung.

Aber dieses Argument („Die katholische Kirche ist bereits reformiert“) braucht Bruder Alois, um die innere Verbindung mit Rom zu verklären: Schließlich will Taizé, so wörtlich (S. 131), der Kirche von Rom von innen her (!) helfen, sich weiter zu entwickeln“. Aber wer kann von innen her helfen? Jemand der innen ist, also Teil der römisch –katholischen Kirche geworden ist. Typisch für die extrem positive Einschätzung der Verhältnisse in der römischen Kirche: „Das 20. Jahrhundert hat gezeigt, wie sehr das petrinische Dienstamt in der Lage ist, sich zu verändern. (PS: Hans Küng ist mit seinem Versuch in Rom gescheitert, die Unfehlbarkeit neu zu interpretieren CM)   Johannes Paul II. hat selbst die Nichtkatholiken dazu aufgerufen, bei ihm bei dieser Fortentwicklung zu helfen“.

Von Lernprozessen in Rom, angestoßen durch protestantische oder orthodoxe Theologen, war bis jetzt nichts zu hören. Im Gegenteil: Das harte Durchgreifen der Hierarchie gegenüber kritischen Theologen ist allseits seit Jahrzehnten bekannt. Die Bischofs – Synoden in Rom sind eben ausschließlich Bischofssynoden, ohne volle Partizipation des Volkes Gottes, d-h. auch der Laien usw.

Ist Taizé also de facto und entgegen vieler Behauptungen doch ein Teil der katholischen Kirche? Diese Frage wird jeder unde jede nach der Lektüre dieses Beitrags selbst beantworten. Unser Meinung nach kann bewiesen werden, dass Taizé eine katholische Gemeinschaft ist, allerdings mit Mitgliedern, die noch formell anderen Kirchen angehören; mit protestantischen oder orthodoxen Gottesdiensten am Rande. Das ist in meiner journalistischen und philosophischen Dicht überhaupt nicht schlimm. „Jeder nach seiner Fasson“. Und an der inspirierenden Begleitung suchender und fragender  Jugendlicher wird nicht gezweifelt, sie können dort spirituell intensive Tage erleben. Aber sie erfahren dort selten, wohin die ökumenische Reise im Sinne Taizés hingeht. Sie führt nach Rom. Auch das muss selbstverständlich respektiert werden. Aber manch einer wäre froh, mehr Klarheit über den immer schwebenden und bloß poetischen Begriff der Ökumene von Taizé selbst zu erfahren.

Copyright: christian modehn, berlin.

 

Ein “mystischer Agnostiker” – Erinnerung an Lucien Jerphagnon

„Ich bin ein mystischer Agnostiker“
Ein Hinweis auf den Philosophen und Historiker Lucien Jerphagnon
Von Christian Modehn

Ein merkwürdiges Phänomen: Der Austausch der Kulturen ist selbst bei den Nachbarn Deutschland – Frankreich sehr begrenzt. Bis jetzt gibt es z.B. noch immer keine Übersetzung eines Buches aus dem umfangreichen Werk des Philosophen und Histoikers Lucien Jerphagnon (1921 – 2011). Er ist ein Spezialist vor allem der antiken wie auch der mittelalterlichen Philosophie. Seine Bücher sind, wenn man so sagen kann, leicht zugänglich, er liebte das Gespräch, darum sind einige Bücher als – typisch französisch – Gespräche publiziert worden. Lucien Jerphagnon hat sich stets als Philosoph UND Historiker verstanden: „Das Ideal für einen Historiker der Philosophie ist es, zu versuchen den Geist der Zeit des bestimmten Philosophen zu erkunden. Man muss nicht nur wissen, was er dachte, sondern auch, was man tat und sagte, was man damals aß und trank, was man von der Liebe dachte und vom Haß, sowie von der Religion, der Politik, vom Glück“, so in einem Interview mit der Zeitschrift „LE Magazine Littéraire“, Dezember 2011, Seiten 92 – 96. .
Seine Aufgabe als Philosoph sah er darin, zum Staunen, zum Verwundern anzuregen, die Fraglichkeit als Dimension des Lebens zu begreifen. Lucien Jerphagnon nannte sich selbst einen mystischen Agnostiker, der vor allem durch die Werke Plotins zu einer philosophisch – spirituellen Haltung fand. „Plotin hat mich gehindert, in einigen Augenblicken meines Lebens als Atheist zu enden. Ich war immer ein Mann des Glaubens, denn bei Plotin habe ich das Prinzip einer Welt entdeckt, die mich immer in Erstaunen versetzte“.
Als mystischer Agnostiker setzte er sich von den bekennenden Atheisten ab. „Der Atheist glaubt, dass Gott nicht existiert. Aber wir haben keinen Beweis für die Nicht – Existenz Gottes. Der Agnostiker hingegen transzendiert jedes mögliche Wissen von Gott, Plotin sagte: „Gott ist jenseits von allem“.
„Aber wann bin ich „mystisch“, fragte sich Lucien Jerphagnon? „Mystisch bin ich in dem Augenblick, wenn ich bete oder wenn ich gern die Gewissheit hätte, dass dieses Gebet auch sein Ziel erreicht“. Und Glück bedeutet, im Augenblick zu leben. Carpe Diem, ist der ausdrückliche Aufruf des Philosophen. „Aber dieser Augenblick ist unsterblich. Was auch immer mit uns passiert: Es gibt eine Dimension in uns, die niemals ausgelöscht werden kann“.
Prof. Jerphagnon hat u.a. an den Universitäten von Besancon und Caen gearbeitet, er hat sich stets als Schüler des großen Vladmir Jankélevitch bezeichnet. Zu den Schülern Jerphagnons gehört etwa der heute sehr populäre wie auch wegen radikaler Zuspitzungen umstrittene Philosoph Michel Onfray (Caen). Jerphagnon hat sich gefreut, dass Onfray sein eigenes Thema gefunden hat, auch wenn er „zu einer anderen Seite gehört“. „Aber ich bin damit zufrieden, denn ich wollte ja keinen Clon als meinen Schüler, sondern selbständige Denker“, so Jerphagnon in „Le Magazine Littéraire“.
Allseits wird der Philosoph und Historiker wegen seiner leichten, zum Teil witzigen Schreibweise gelobt. Für ihn war Philosophie (noch) Liebe zur (Lebens) Weisheit: „Befasse dich nicht zu sehr mit dem Äußeren. Bewahre dich ein bisschen für dich selbst und die jenigen, die du liebst. Das Ideal des Glück ist l amour partagée, also die geteilte, die nicht egoistische Liebe“.

Wir nennen nur die letzten Bücher Lucien Jerphagnons, wobei wir darauf hinweisen, dass er selbst seine Studie über den vom Christentum zum Heidentum konvertierten römischen Kaiser Julian Apostata besonders schätzte. „Julien, dit l’Apostat“, 1986, Éd. du Seuil

2006, Augustin et la sagesse, Desclée de Brouwer
2007, Au bonheur des sages, Hachette Littératures
2007, La Louve et l’Agneau, Desclée de Brouwer
2008, Entrevoir et Vouloir : Vladimir Jankélévitch, La Transparence
2009, La tentation du christianisme avec Luc Ferry, Grasset
2010, La… sottise ? (Vingt-huit siècles qu’on en parle), Albin Michel
2011, De l’amour, de la mort, de Dieu et autres bagatelles, entretiens avec Christiane Rancé, Albin Michel
2012, Connais-toi toi-même…Et fais ce que tu veux, Albin Michel

copyright: christian modehn, berlin.

Friedrich der Große – Religionsphilosoph und Kirchenkritiker

Zur Aktualität der Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie „Friedrich des Großen“

Hinweise anlässlich seines 300. Geburtstages von Christian Modehn am 23.1.2012.

1.

Der Satz Friedrich II., als Weisheit populär, aber selten Realität: „Jeder soll nach seiner Fasson selig werden“ wurde wohl 1740 gesprochen.

Eine ähnliche Formel verwendet er: “Im übrigen mögen wir das Sprichwort: Leben und Lassen“. (Seite 490 in: „Der Briefwechsel Voltaire – Friedrich d.Gr.“ Hg., übersetzt und vorgestellt von Hans Pleschinski, Zürich 1992. Die Seitenangaben beziehen sich auf dieses Buch).

Weitere programmatische Worte Friedrich II: “Halten Sie (gemeint ist Voltaire) es für möglich, dass man mich gottlos schimpft, weil ich erkläre, dass die Menschen nicht auf die Welt gekommen sind, um sich gegenseitig zu vernichten?” (41).

“Es ist gewiss, dass man niemals zum Erkennen der letzten Ursachen vordingen wird.” (26).

Der König ist ein Meister der Sprache, ein Meister der Ironie und des Witzes. Er versteht sich in der Korrespondenz mit Voltaire selbst häufig als ein Philosoph (z.B. 491), auch wenn die Verwendung dieses Begriffs gegenüber dem Philosophen und „Patriarchen“ Voltaire eher leicht ironisch klingt.

Friedrich zeigt sich als universal gebildeter Mann. Er hat z.B. Pufendorf und Grotius gelesen ( 488), er kennt die Quäker, ist über das Leben der Jesuiten (er nennt sie Ignatianer“) und deren Unterdrückung durch den Papst informiert (490), er kennt Bossuet, Corneille usw. Nur die deutsche Literatur ist ihm fremd.

2.

Grundlegend ist: Friedrich betrachtete die Lehren der Kirchen insgesamt als Formen des Aberglaubens.
Er weiß, dass den französischen Herrschern der Aberglaube politisch nützlich ist (519).
Mit Bedauern spricht er vom französischen König Ludwig XV., „der von Priestern im dümmsten Aberglauben erzogen wurde“ (504). Die Salbung der französischen Könige in der Kathedrale von Reims empfindet Friedrich als „bizarre Zeremonie“. Tatsächlich wurden dem gesalbten König heilende Wunderkräfte zugesprochen, was das Volk glaubte. „Ein weiser und aufgeklärter Fürst könnte das Heilige Salbgefäß abschaffen und sogar die Salbung selbst“( 511).

Friedrich hat die christlichen Abendmahlsfeiern wohl nur in einer – damals durchaus verständlich – verzerrten Form von Theologie kennen gelernt. Er nennt das Abendmahl eine „widerwärtige und gotteslästerliche Absurdität, den eigenen Gott (im Abendmahl) zu verspeisen. Das ist die größte Beleidigung des Höchsten Wesens…“ (533).

3. DIE HEDWIGSKIRCHE in BERLIN

Friedrich bekämpft diesen Aberglauben nicht militant, er gestattet etwa den Bau der ersten katholischen Kirche in Berlin nach der Reformation, die heutige “St. Hedwigkathedrale.” Errichtet aber im Stil eines römischen Pantheons. Nur mit ein paar Worten berichtet Friedrich seinem hoch geschätzten Freund Voltaire am 9. Oktober 1773: “Die katholische Kirche von Berlin wird bald eingeweiht. Der Bischof von Ermland wird sie weihen. Diese für uns fremdartige Zeremonie lockt Neugierige in hellen Scharen an“ (486). Eigentlich ist der Bau dieser Kirche in der Korrespondenz kein wichtiges Thema.

4.

Friedrich hatte keinerlei Verständnis für die Verfolgung von Religionskritikern in Frankreich. Selbst die sogen. Blasphemie, etwa ein “Kruzifix zu zerbrechen und freche Lieder dabei zu singen”, ist für ihn in Preußen kein „wirkliches Verbrechen“. (498)

5.

Welche Religiosität war für Friedrich II. persönlich wichtig?
Trotz kriegerischen Auseinandersetzungen, die er führte mit der üblichen Grausamkeit der Kriege: Ihm war der aufgeklärte Humanismus als Leitidee auch eine praktische Verpflichtung: Am 24. Oktober 1773 schreibt er, von einer Reise zurückgekehrt: „Ich war in Preußen, um die Leibeigenschaft aufzuheben, barbarische Gesetze zu reformieren und vernünftigere zu verkünden“….Er spricht dann von seinem Einsatz, Kanäle zu bauen, Städte aufzubauen, Sümpfe trocken zu legen usw…

Interessant ist, dass er für seine im Jahr 1758 verstorbene „Lieblingsschwester“ Wilhelmine einen Gedenktempel im Park von Sanssouci bauen ließ, in Form eines griechischen Rundtempels (!) (Monopteros). „Diesen Tempel habe ich in einem Hain meines Gartens plaziert. Ich begebe mich häufig dorthin, um mich an Verlorenes und an einst genossenes Glück zu erinnern“ (489f). In der antiken Welt findet er offenbar meditative Inspirationen, nicht im christlichen Glauben.
Hier ist vielleicht ein Hinweis des inzwischen leider fast vergessenen –und in geschichtlichen Fragen kompetenten – Schriftstellers Reinhold Schneider wichtig: Schneider schreibt in seinem Buch „Die Hohenzollern“ (Fischer Taschenbuch 1958) über die für Friedrich so erfreulichen Jahre in Rheinsberg: „Aus der Fülle dieses müßig – tätigen Lebens wendet sich Friedrich dankend an das höchste Wesen. Er muss genießen können, um zu beten. Die Weisen Griechenlands und Roms wecken dieses Gefühl der Frömmigkeit in ihm auf, das den gütigen Beglücker verehrt“. Aber von der Kirche wendet sich Friedrich schon in Rheinsberg ab: “Für den Kronprinzen werden die bestellten Diener des Herrn für immer zum Gegenstand des Spottes“ (alle Zitate S. 114).

6. Die katholischen Bischöfe

An Voltaire schreibt Friedrich II. am 24. August 1743 sehr deutliche, wohl provozierende Worte: “Wir können hier mit mit einem Kardinal und ein paar Bischöfen aufwarten, von den die einen die Liebe von vorn, die übrigen von hinten betreiben, Bischöfe, die eher in der Theologie des Epikur als in der des heiligen Paulus bewandert sind…” (274).

Eher nebenbei wird in einem Brief erwähnt, dass Friedrich „den großen Julian“ schätzt, also Kaiser Julianus Apostata, den vom Christentum zum Heidentum rück – konvertierten römischen Kaiser. Er wurde in der christlichen Historiographie „der Abtrünnige“ genannt, dabei war er durchaus auch tolerant gegenüber den Christen. Julian, meint Friedrich, würde heute einen bedrohten Freigeist schützen, „die Kyrillos und Gregors von Nazianz hätten ihn vom Leben zum Tode befördert“. (503), beide sind berühmte Kirchenlehrer des 4. Jahrhunderts, Zeitgenossen Julians.

7.

Die Kirche – Staat –Politik möchte er am liebsten als König einseitig zugunsten des Staates gestalten, eine Konsequenz seiner Kritik am kirchlich verbreiteten Aberglauben. Man sollte, so meint Friedrich, „der Staatsgewalt erlauben, Bischöfe entsprechend dem Staatswohl einzusetzen. Nur so kann man vorgehen. Das leise und lautlose Unterminieren des Gebäudes der Unvernunft (der Kirchen) hat unweigerlich zur Folge, dass es ganz von selbst in sich zusammenbricht“. (519).

Friedrich II.  meinte, ein Staat könne nur lebendig sein, wenn sich alle Bürger an die Prinzipien der Humanität halten, konfessionelle Bindungen gehören an die zweite Stelle.

Immanuel Kant hat diesen preußischen König sehr respektiert.

8.

Friedrich wollte mit seiner  Vorrangstellung der allgemeinen Vernunft vor allen religiösen Dogmen  letztlich dem Fortschritt dienen, verstanden auch als Befreiung von Aberglauben: “Es steht fest, dass diejenigen, die Leute von Welt genannt werden, in allen Ländern mit dem Denken anfangen. Im abergläubischen Böhmen, in Österreich, ehedem die Bastion des Fanatismus, beginnen weltoffene Menschen die Augen zu öffnen… Wenngleich sich Fortschritte nicht gleich einstellen, so ist es doch ein gewaltiger Schritt nach vorn, wie bestimmte Menschen sich die Binde des Aberglaubens von den Augen reißen… In unseren protestantischen Ländern geht es schneller voran …Von diesem weiten Reich des Fanatismus bleiben kaum mehr als Polen, Portugal, Spanien und Bayern übrig, wo die schiere Ignoranz und der Winterschlaf des Geistes den Aberglauben noch am Leben erhalten.” (428 f).

9.

Das Glaubensbekenntnis des jungen Friedrich II: (am 8. Februar 1737 an Voltaire): ” Mein Glaubensbekenntnis besteht darin, das höchste Wesen zu verehren, das einzig gut, einzig barmherzig ist und schon daher meine Verehrung verdient; auch dies: Soweit ich vermag, den Menschen, um deren Elendiglichkeit ich weiß, Hilfe und Stütze zu sein; mich ansonsten auf den Willen meines Schölpfers zu verlassen, der über mich verfügt, wie ihm gutdünkt, und von dem ich, komme was mag, nichts zu fürchten habe. Ich schätze, dies ist so ungefähr mein Glaubensbekenntnis.” (35).

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