Beschneidung in Finnland und Schweden, Beschneidung im „alten Ägypten“, „Fest der Beschneidung des Herrn“

Beschneidung in Finnland und Schweden; Beschneidung im „alten Ägypten“; „Fest der Beschneidung des Herrn“.

Bitte beachten Sie auch den neuen Beitrag des prot. Theologen Prof. Wilhelm Gräb, Berlin. (Publiziert am 20.7.2012) zum Thema Beschneidung.

In den Diskussionen über die religiös motivierte Beschneidung von Jungen wurden  im „religionsphilosophischen Salon“  erneut einige Fragen aufgeworfen und einige bislang wenig beachtete Aspekte genannt, die wir sozusagen als „Maginalien“ weitergeben möchten:

1 – Rechtliches

2 – Historisches

3 – Theologisches und Kunsthistorisches: Die Beschneidung Jesu in der katholisch geprägten Kunst.

Eintrag am 23 .Juli 2012:Abgeordnete im Bundestag handeln offenbar übereilt: „Nach der Bundestagsresolution zum Thema Beschneidung werden jetzt immer mehr Zweifel laut“: Tagesspiegel vom 23. 7. 2012, Seite 4

1 – In Finnland wurden Ende 1999 und in Schweden am 1. 10. Oktober 2001 über Beschneidungen bei Jungen, die ohne medizinische Notwendigkeit vorgenommen werden, neue gesetzliche Bestimmungen erlassen.

„Ombudsman Riitta-Leena Paunio bemerkte, dass diese Operation ohne medizinische Begründung nicht empfohlen ist, die betroffenen Kinder sollten dazu befragt werden und ihre Zustimmung dazu geben. Sie sagte, das Finnische Parlament müsse die religiösen Rechte der Eltern über ihre Kinder aufwiegen gegen die Verpflichtung der Gesellschaft, ihre Kinder vor rituellen Operationen ohne unmittelbaren Vorteil für sie zu schützen. Mit sofortiger Wirkung ist nun in solchen Fällen die Zustimmung beider Elternteile erforderlich“. (http://www.geburtskanal.de/index.html?mainFrame=http://www.geburtskanal.de/Wissen/B/Beschneidung_Geschichte.php&topFrame=http://www.geburtskanal.de/header.html)

– Die – übrigens vom Bundesministerium für Gesundheit empfohlene Website „geburtskanal.de   berichtet weiter auch über Schweden:  „Am 1.10.2001 trat in Schweden ein neues Gesetz in Kraft, das Beschneidungen ohne medizinische Begründung bei Jungen, die älter als 2 Monate sind, generell verbietet. Beschneidungen an jüngeren Babies dürfen nur noch unter Betäubung vorgenommen werden. Schweden ist damit das erste Land der Welt, das rituelle Beschneidungen, die ohne Zustimmung der Betroffenen vorgenommen werden, per Gesetz einschränkt“.

2 – Ist die jüdische Religion sozusagen die „Erfinderin der Beschneidung“?  Historisch gesehen sicher nicht. Es gibt Reliefs in Ägypten, die die Beschneidung etwa im Jahr 2420 v.Chr. zeigen. In einigen Hinweisen zur Geschichte der männlichen Beschneidung wird daran erinnert, dass die Priester im „alten Ägypten“ der Pharaonen von der Beschneidungspraxis nubischer Sklaven beeindruckt waren. „Daher führten sie die Beschneidung auch in Ägypten ein. Die Juden lernten dann dort diese Praktik“. (so eine Publikation von „geburtstkanal“)

3 – Es gab einmal in der römisch – katholischen Kirche einen weit verbreiteten Reliquienkult um die zu verehrende „Vorhaut Christi“. Und es gab sogar einen Festtag der Beschneidung Jesu am 1. Januar!  Warum hat die katholische Kirche das „Fest der Beschneidung Christi, des Herrn“  im Jahr 1969 abgeschafft und in das Hochfest der Gottesmutter Maria umbenannt?

Der katholische Theologe Prof. Christoph Dohmen schreibt:

„Man kann nur darüber spekulieren, was die Abschaffung dieses Festes bestimmt hat. Denn offizielle Erklärungen wurden dazu nicht abgegeben. Lediglich

pastorale Notwendigkeiten. Den Beginn des bürgerlichen Jahres auch kirchlich zu begehen, wurden hier und da ins Feld geführt.

Da erscheint es fast ein wenig als Ironie, wenn man bedenkt. dass die Kirche in früheren Jahrhunderten sich durch die Gestaltung

des 1. Januar gerade von den profanen Feiern des Jahresbcginns absetzen wollte. Und Martin Luther hat gegen die

kirchliche Neujahrsfeier geradezu gewettert und stattdessen eine Predigt zur Beschneidung Jesu oder zum Namen Jesu angeraten“.

(Prof. Christoph Dohmen, Alttestamentler in Regensburg, in der Zeitschrift Bibel und Liturgie 2007).

Im katholisch – jüdischen Dialog – so ist zu hören – wirkt die Abschaffung des Festes der Beschneidung des Herrn im Jahr 1969 (!)  heute eher peinlich. Denn, so wird vermutet, verbirgt sich dabei eine Form, Jesus von Nazareth aus seiner konkreten jüdischen Geschichte zu lösen?  Oder, so vermuten andere Beobachter, hatten die Kirchenführer allmählich Angst bekommen vor einem Fest, das ausdrücklich das sonst religiös und theologisch kaum besprochene „männliche Glied“ in den Mittelpunkt eines katholischen Festtages stellt?  Zu einer gewissen und allseits bekannten Leibfeindlichkeit der Kirchenführung würde diese These vielleicht passen.

Zur Darstellung der Beschneidung Jesu in der Kunst: Da geben wir die Frage eines Lesers gern weiter, der wissen möchte: Wie deuten Kunsthistoriker etwa die drei hier genannten Arbeiten? Ist die Größe des Messers besonders auffällig und viel sagend? Wie ist es zu deuten, dass Jesus bei der Beschneidung offenbar bei vollem Bewußtsein ist?   Es handelt sich um nur eine kleine Auswahl von Arbeiten zu dem Thema: aus einem Altar in Brabant, (jetzt in Berlin), einem Gemälde von Guido Reni und einem Gemälde von Friedrich Herlin. Bei Herlin erscheint das Messer in Übergröße.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Rainer M. Woelki und der Theologe Karl Rahner

Rainer M. Woelki und die Theologie Karl Rahners

Siehe auch den Beitrag: Das theologische Profil Kardinal Woelkis LINK

Die Auseinandersetzung über die theologische Doktorarbeit von Rainer M. Woelki, (Erzbischof und Kardinal),  eingereicht an der Opus Dei Universität „Santa Croce“ in Rom (2000), hat sehr viele Leser dieser website interessiert; auch die Tatsache, dass der erste Betreuer der Arbeit (der Spanier Antonio Miralles vom Opus Dei) kein Deutsch spricht; auch der zweite Betreuer (Klaus Limburg,) ist Mitglied des Opus Dei. Nebenbei: Man muss nicht explizit Mitglied im Opus Dei sein, um wie das Opus zu denken und zu handeln. Woelki sagt, er sei nicht Mitglied dieses „Werkes Gottes“…

Nun haben sich einige unserer Leser in die Doktorarbeit vertieft, die ja äußerst schwer zu erreichen und einzusehen ist.

Vor allem die Rezeption des Denkens des weltweiten bekannten Konzilstheologen und Jesuiten Karl Rahner hat einige unserer Leser zu tieferen Nachforschungen ermuntert. Es fällt auf, dass die wirklich wichtigen Arbeiten Karl Rahners zum Promotionsthema „Die Pfarrei“ von Woelki nicht beachtet wurden. Gerade diese Arbeiten aber sind das, was man Ausdruck einer modernen Theologie nennt, in denen Zukunft eröffnet wird. Diese Arbeiten, noch einmal, wurden von Woelki nicht herangezogen. Es geht ja hier gar nicht um Rahner im engeren Sinne, sondern darum, wie man im Jahr 2000 eine theologische Doktorarbeit in dieser Begrenztheit schreiben kann. In den systematischen Überlegungen der Doktorarbeit überwiegen Zitate aus Konzilsdokumenten und Zitate von päpstlichen Erklärungen. Das zeugt von absoluter Treue zum Lehramt. Katholische Theologie wird so offenbar als fleißige Repetition offizieller Texte von Offiziellen und Herrschenden verstanden. Über diesen Begriff von Theologie ließe sich eigens diskutieren.

Es ist bezeichnend, dass in der Doktorarbeit Woelkis über „Die Pfarrei“ (nicht der theologisch naheliegende und treffendere Begriff „Gemeinde“ steht im Mittelpunkt, sondern sozusagen die amtliche Institution „Pfarrei“) etwas ausführlichere Diskussionen über bedeutendere (deutschsprachige) Theologen ausdrücklich auf „die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts“ begrenzt sind. Erwähnt werden dabei Franz X. Arnold, Pius Parsch oder ein gewisser Constantin Noppel, und eben Karl Rahner, den Woelki bei dieser zeitlichen Begrenzung seines Themas dann eben auch nicht weiter beachten muss. Man könnte also denken, die Arbeit Woelkis wäre eine historische Arbeit über die katholische Pfarrei vor dem 2. Vatikanischen Konzil. Tatsächlich aber will der Text als systematische Arbeit auf die Gegenwart bezogen sein. Von daher ist das Ausblenden und Verdrängen der wirklich neuen, wegweisenden Arbeiten Karl Rahners SJ zum Thema Pfarrei bzw. Gemeinde  eigentlich ein Skandal.. Hätte man diese Arbeit in der  benachbarten staatlichen Fakultät in Bonn (wo Woelki damals in unmittelbarer Nachbarschaft lebte) oder in Münster an der dortigen staatlichen theologischen Fakultät angenommen? Das müssen Fachtheologen  aus dem Bereich systematische und praktische Theologie beantworten, falls Sie sich die Mühe machen, diesen eigentlich unerreichbaren Text Woelkis zu finden. Der Text wird offenbar sehr gern „unzugänglich“ gehalten und wurde nicht in einem Verlag publiziert. Vielleicht kommt es nur auf den Dr. Theol. Titel an, ein solcher Titel macht sich besser für einen Kleriker mit Karrieremöglichkeiten. Interessanterweise wagt sich kein hochbezahlter Theologieprofessor an einer staatlichen Universität, also existentiell/finanziell relativ geschützt, an das Thema: Welche theologischen Doktorarbeiten werden an päpstlichen Universitäten in Rom geschrieben, und vor allem: Warum werden sie geschrieben? Wer wählt warum diese Themen aus?

Ein aktueller Hinweis: Interessant ist, dass Woelki, sozusagen nun Experte für die Notwendigkeit von „Pfarreien“ für das katholische Leben,  Ende 2012 im Erzbistum Berlin deklarierte: Von den bestehenden 105 Pfarreien im Erzbistum werden bis 2020, also in 5 Jahren, nur noch 30 (in Worten dreißig) übrigbleiben. Großpfarreien also müssen entstehen, weil der Klerus fehlt. Kirchliches Leben hat sich bitte schön einzig nach dem Klerus zu richten, das ist die klerikale Botschaft der Herren der Kirche. Bei dem zunehmenden Priestermangel wird es – bei diesem Denken – dann im Jahr 2040 vielleicht nur noch drei oder vier Pfarreien in Berlin geben…Die Gläubigen haben dann längst die spirituelle Weite gesucht; und die Bischöfe werden wieder klagen, wie böse und atheistisch doch die Welt geworden ist.

Zurück zur Reduzierung der Pfarreien im Erzbistum Berlin, das die Hauptstadt und das Land Brandenburg sowie Vorpommern umfasst. Der Grund für die Entscheidung Woelkis, der ja Pfarrei – Spezialist ist: Vor allem: Der Priestermangel. Denn in dem Opus Dei gemäßen Denken Woelkis kann es nur „Pfarreien“ geben, wenn zölibatäre Kleriker diesen Pfarreien vorstehen. In seiner Doktorarbeit aus der Santa Croce Universität heißt denn auch das entscheidende Kapitel: „Das Amt als Repräsentation Christi“ bzw als Unterkapitel „Die sakramentale Vergegenwärtigung Christi durch den Kleriker„. Weil im zölibatären Kleriker also Christus  sakramental (zeichenhaft) gegenwärtig wird, kann nur dieser  Christus darstellende  Priester Pfarreien leiten. Der Kleriker, also der zölibatäre Priester, ist für christliche Gemeinden absolut unersetzlich in dieser Sicht; so will es Gott selbst, könnte man sagen. Wohin diese Theologie genannte tatsächliche Ideologie führt, sieht man etwa in Lateinamerika, wo Katholiken mangels Priestern zu Tausenden zu anderen Konfessionen abwandern oder eben sich selbst ihre eigene private Spiritualität entwickeln. Papst Franziskus spricht oft davon. Bischof Erwin Kräutler, Xingu, Brasilien, fordert jetzt, dass endlich aus den brasilianischen Basis Gemeinden selbst Laien als priesterliche Leiter der Eucharistie zugelassen werden. In Rom wird man über ihn schmunzeln, Kräutler wird sicher mit 75 Jahren sicher sofort pensioniert und das alte Denken herrscht danach auch am Xingu weiter. Bischof Helder Camara forderte ähnliches, Kardinal Arns auch, alle wurden ausgelacht und ausgegrenzt und bestraft. Ähnliche Vorschläge der niederländischen Dominikaner wurden selbstverständlich von den Herren der Kirche sofort verboten (2005).

Viele Leserinnen dieser Berichte hier bitten dringend um Erklärungen dieser hochkomplexen Kleriker – Ideologie, die die Doktorarbeit ausdrückt. Sie fragen: Stammen diese Texte aus dem 16. Jahrhundert? Wir empfehlen in solchen Fragen eher Karl Rahner SJ zu lesen, etwa das Kapitel „Eine entklerikalisierte Kirche“ in seinem Buch „Strukturwandel der Kirche als Aufgabe und Chance“ (Freiburg 1972), Seite 61 ff.

Deutlich wird jedenfalls: Diese Doktorarbeit der Santa Croce Universität ist Ausdruck eines explizit klerikalen Denkens. Wer vor 15 Jahren solches klerikal Denken als das seinige offenbarte, solllte sich zumindest jetzt öffentlich davon distanzieren und sagen, was er wirklich unter einer Gemeinde versteht, die dem Evangelium des armen Jesus von Nazareth folgen will, der ja bekanntlich keine Kirche gründete und gründen wollte.

Für weitere Hinweise zu Rainer M. Woelki, aus aktuellem Anlaß und aus religionsphilosophischem bzw. religionskritische Denken publiziert, klicken Sie bitte hier.

Nun hat der katholische Magdeburger Bischof Gerhard Feige sehr behutsam den Mut gefunden, sanft Kardinal Woelki zu kritisieren. Dieses Ereignis eines bescheidenden Mutes unter Bischofskollegen verdient sicher Aufmerksamkeit, zur Lektüre klicken Sie bitte hier.  Gelesen am 13. 7. 2014 sogar in dem ultrakonservativen kath.net

Die Wochenzeitung „Christ und Welt“ berichtet in der Ausgabe 30/2014 auf Seite 3 von der Pressekonferenz des neu ernannten Erzbischofs von Köln am Samstag 19.Juli 2014. Da fragt, so wird berichtet, ein Journalist nach dem Opus Dei. Christ und Welt schreibt: „Beim Opus Dei wird er (Woelki) unwirsch. Dazu habe er schon so viel gesagt (so viel??, wo? CM), die Frage nach dem Opus Dei (gemeint sind die Sympathien Woelkis für diese Geheimorganisation CM) könne man streichen. Es stimmt, Woelki hat seine Mitgliedschaft ausdauernd bestritten….aber das gilt für viele Themen, die an diesem Morgen zu Sprache kommen. Im Raum sitzen einige Opus-Dei-Leute, das mag die Antwortfreude mindern“, so Christ und Welt.  Und unsere Freude wird gemindert: Wenn die Redakteure schon Opus Dei Leute im Saal als solche erkennen, warum werden sie nicht namentlich genannt? Wieder einmal beherrscht die Angst einen Journalismus, der sich christlich nennt. Immerhin heißt es auf der selben Seite in Christ und Welt über die Opus Dei Uni Santa Croce in Rom, wo Woelki sein Doktorarbeit einreichte: „Unter Theologen an staatlichen Universitäten gilt sie als päpstliche Schmalspurhochschule“. Und weiter fast wörtlich das, was wir seit Jahren schreiben:“Dissertation werden (dort) so sparsam veröffentlicht, als müßte man sie verstecken“.

Für den religionsphilosophischen Salon: Christian Modehn.

Ich habe Ende der neunzehnhundertsiebziger Jahre mit Karl Rahner in München zusammengearbeitet und mit ihm die Bücher „Theologie der Befreiung“ und „Volksreligion“, beide bei Kohlhammer, herausgegeben. Außerdem ist in der Gesamtausgabe der Werke Rahners in Band 31, Seite 194 – 200, ein Interview von mir mit Rahner abgedruckt. Der Titel, an dem uns beiden lag: „Zu einer offenen Kirche“.

Wir bieten im folgenden einige Zitate von Lesern der Website zur mangehalften Rahner Rezeption durch Rainer M. Woelki, mitgeteilt Ende 2011:

„Rainer M. Woelki ist nicht entfernt imstande, das komplexe Denken Karl Rahners auch nur darzustellen. Er hätte sicher die zwei Aufsätze „Friedliche Erwägungen…“ und „Zur Theologie der Pfarrei“, die er ja beide zitiert,  genauer vergleichen müssen, dann hätte er es vermieden, eine so theologisch äußerst schlichte und exklusive Festlegung auf das „Ortsprinzip“ der Pfarrei zu betreiben. Karl Rahner hat sich ja bekanntlich auch nach 1966 sehr viel zum Thema Pfarrei und Gemeinde geäußert und auch publiziert…“

„Offensichtlich benutzt Rainer M. Woelki in seiner Darstellung nicht die wichtigen Texte Karl Rahner insgesamt. Schließlich fehlen völlig die späteren wichtigen Texte Rahners zu den Basisgemeinden, zum „Strukturwandel der Kirche“ usw. Woelki schließt seine Auseinandersetzung mit den Rahner-Texten Mitte der sechziger Jahre ab. Autoren, wie Joseph Ratzinger, zitiert er hingegen bis zum Jahr 2000, also dem Jahr seiner Promotion. Ist das bezeichnend?  All die wichtigen späten Texte Rahners zur Gemeinde und Basisgemeinde hätte der Doktorand Woelki leicht finden können, aber offenbar interessierten ihn die Texte über den „Strukturwandel der Kirche“ nicht. Dabei wären gerade diese Vorschläge Rahners angesichts der tiefen Krise der römischen Kirchen (Priestermangel, Zusammenlegung von Pfarrgemeinden, einfach deswegen, weil es so wenige zölibatäre Priester gibt usw.) sehr inspirierend. Aber eine Opus Dei Universität (und ein dort offenbar freiwillig promovierender Theologe)  können es sich vielleicht nicht leisten, den von Rahner und anderen vernünftigen Theologen vorgeschlagenen Strukturwandel der Kirche (Überwindung der Zölibatsverpflichtung, Basisgemeinden, die von qualifitierten Laien geleitet werden usw). auch nur leise zu denken“. Ein Leser schreibt: „Diese Arbeit Woelkis ist völlig überflüssig, sie ist veraltet, und wurde wohl nur geschrieben, um einen Doktortitel zu erhalten.“

copyright: religionsphilosophischer salon berlin.

 

 

300 Jahre Jean – Jacques Rousseau

300 Jahre Jean – Jacques Rousseau

Von Christian Modehn

Zum 300. Geburtstag des vielseitigen Philosophen am 28. 6. möchten wir noch einmal kurz auf die Aktualität seiner Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie hinweisen. Dabei ist entscheidend:

Rousseau nimmt teil am Kampf der Aufklärung gegen die „betrügerischen Priester“  und den Aberglauben (in) der Kirche.  Die Gestalt Jesu sieht er als Vorbild eines Erziehers der Menschlichkeit, seine Worte erreichen direkt das Herz des Menschen. Jesu brutaler Tod am Kreuz ist der Tod eines Einzelgängers, von allen Seiten verleumdet. Irgendwie „erlösend“, sozusagen automatisch für alle Menschen aller Zeiten, ist dieser Tod aber nicht. Wer Jesus nachfolgen will, muss einzig auf die Stimme seines Gewissens hören. Das Gewissen ist die Quelle der Wahrheit. „Darin zeigt sich die göttliche Dimension, die unsterbliche und himmlische Stimme“, so Rousseau im „Emile“. Für Rousseau haben die christlichen Kirchen den wahren Geist des Christentums verloren. „Die Herrschaft, die die Theologen ausüben, geschieht über einen priesterlichen Despotismus in der Auslegung der Heiligen Schrift. Dabei wird das Wesentliche vergessen, das Hören auf das Wort Gottes und die die Praxis seiner Gebote“, schreibt Dominique Julia in dem Buch „Histoire de la France religieuse“, Band 3, Seite 153. Für Rousseau ist die bestehende Kirche nicht in der Lage, humanistische Ethik in der Welt zu verbreiten und zu fördern, weil ihre Prinzipien auf Willkür und Macht beruhen. „Die Kirche und ihre Lehre dient nur dazu, unter den Menschen Spannungen zu erzeugen, Kriege aller Art“, so Rousseau in einem Brief an Christophe de Beaumont, Erzbischof von Paris. Von daher wird der Wunsch Rousseaus immer stärker, das „Glaubensbekenntnis des Vikars aus Savoyen“ zu fördern, für den sich Gott in der Vernunft zeigt und im Gewissen. „Und wenn Gott sich für Rousseau zeigt, dann nicht über kirchliche Vermittler. =Jean Jacques=, wie er von sich selbst schreibt, versteht sich so nicht als Schüler der Priester, sondern als Schüler Jesu Christi“.  (ebd. S. 154.) In der Kritik der bestehenden Religion in Frankreich damals stimmt Rousseau weithin mit – seinem Gegner –  Voltaire überein. Diese Philosophen waren die ersten, die für die Freiheit und Selbständigkeit der Glaubenden gegenüber den – als willkürllich – autoritär erscheinenden – kirchlichen Institutionen eintraten; deren Überzeugung, so bestätigen Religionssoziologen heute aus Umfragen, setzt sich jetzt immer mehr durch. Wir leben also in einer Gesellschaft, in der die Menschen mit ihrer Vernunft und ihrem Gewissen entscheiden, was sie selbst religiös für wirklich entscheidend halten. Ist das Ende der Institutionen also absehbar, selbst wenn sie faktisch und äußerlich noch bestehen, fragt Rousseau. In jedem Fall: Rousseau lebt, auch sein Denken über Religionen… und lädt ein zum Disput.

Rousseau zum 300. Geburtstag: Wo sind die wahren Menschen?

Jean Jacques Rousseau, Gemälde von Allan Ramsay

Wo sind die wahren Menschen?

Erinnerung an den Philosophen Jean Jacques Rousseau

Von Christian Modehn

Wie lebt ein Mensch, der die Üblichkeiten und Moden seiner Zeit zurückweist und die „angesagten“ Meister – Denker ablehnt? Jean Jacques Rousseau, Dichter, Komponist, Philosoph, hat sich im 18. Jahrhundert, in Zeiten politischer Rechtlosigkeit, für diesen Weg individueller Freiheit entschieden. Kein Wunder, dass er sich auch anders kleidet, auf die üblichen Kniestrümpfe und Perücken verzichtet; erst recht auf die zur Schau gestellten Accessoires, etwa den Degen. Er will nur eins: Authentisch leben und niemandem untertan sein. Dabei entdeckt er, dass er gerade in der alternativen Lebensform zum kreativen Denken findet. Die feinen Salons der Pariser Philosophen lernt er zwar kennen, die Aufklärer, Holbach, Diderot, Voltaire. Aber er zieht es vor, seine eigenen Ideen zu entwickeln. Selbstbewusst lehnt Rousseau sogar eine großzügige Rente des Königs ab. Er will lieber arm als abhängig leben. Einen freien Geist finden die Despoten unerträglich: Sie zensieren seine Bücher, lassen sie verbrennen, verfolgen den Autor.

Vor 300 Jahren, am 28. Juni 1712 in Genf geboren, wird er von seinem Vater, einem Uhrmacher, privat unterrichtet. Eine Schule besucht er nicht. Alle erreichbaren Bücher studiert er leidenschaftlich, etwa den antiken Schriftsteller Plutarch oder die gängigen philosophischen und theologischen Autoren, wie Bayle oder Fénélon. In lebt in der Gewissheit: Den Menschen zeichnet die „Sprache des Herzens“ mehr aus als der rechnende Verstand. Mit 16 Jahren verlässt er seine Heimatstadt. Sein unstetes Leben beginnt, das Wandern zwischen Frankreich, Italien und der Schweiz. Selbst nach England verschlägt es ihn. Es ist die Suche nach einer dauerhaften Bleibe. Nie wird er sie finden. 1778 stirbt er in Ermenonville (bei Paris). Calvinistisch getauft, konvertiert er im Alter von 16 Jahren zum Katholizismus, später (1754) wendet er sich wieder dem  Protestantismus zu. Vielseitig begabt, verdient er zuerst sein Geld als Hauslehrer, Notenkopist, Sekretär. „Autodidakt“ ist für ihn kein Schimpfwort.

Ungewöhnlich und vielschichtig sind die Anregungen seiner Bücher  bis heute. Etwa die Frage: Wie kann ich meine Privatsphäre schützen, meine Eigenheit als Individuum entwickeln und bewahren? Angesichts allgegenwärtiger öffentlicher Video – Kontrollen oder der Selbstpreisgabe vieler Menschen im Facebook ist die Antwort Rousseaus radikal: Nur in dauernder Distanz zur Gesellschaft ist authentisches Leben möglich. „Es wäre aber zu einfach, die hochmütige Einsamkeit Rousseaus als Beweis für eine Neurose zu deuten. Man muss in ihr die Glorifizierung des Privaten als Grundlage der philosophischen Wahrheitsfindung sehen“, schreibt der Historiker Jean Marie Goulemot. Rousseau hat den Anspruch, alle Erkenntnisse mit dem eigenen Gewissen zu konfrontieren. Nur in der engen Verbundenheit mit dem echten Gefühl des eigenen Herzens entsteht die eigene, unvertretbare Identität. Sein „eigenes“ Leben offenbart er in Briefen und Bekenntnissen, in Gesprächen und den „Träumereien eines einsamen Spaziergängers“. „Ich will vor meinesgleichen einen Menschen in aller Wahrheit zeigen“, schreibt er in seinen „Bekenntnissen“, „und dieser Mensch werde ich sein“. Nicht mehr Gott ist der Adressat der „Confessiones“, der Bekenntnisse, wie im gleichnamigen Buch des Heiligen Augustinus (5.Jahrhundert). Rousseau „beichtet“ sozusagen bei seinem besseren Ich … und den anderen.  Der Philosoph Jürgen Habermas hat darauf hingewiesen, dass sich „Rousseaus Bekenntnisse nicht an der Wahrheit historischer Aussagen bemessen, sondern an der Authentizität der Selbstdarstellung. Sie setzen sich, was Rousseau weiß, dem Vorwurf der Doppelzüngigkeit und der Selbsttäuschung aus, nicht aber dem Vorwurf der Unwahrheit“.

Diese ungewöhnliche „Selbstdarstellung“ ist ein Wagnis, aber sie wird Schule machen: „Rousseau will die Transparenz der Herzen fördern, die das Merkmal nicht – korrumpierter Gesellschaften ist“, so der Historiker Jean Marie Goulemot. „Darum gesteht er öffentlich seine masochistische Lust an Züchtigungen in der Jugend, seine Liebesaffären, seine vielfältigen Versuchungen. Er will den tiefsten Grund seines Ichs verstehen, er begibt sich auf die Suche nach Schlüsselerlebnissen, die seine Persönlichkeit erklären“. Dazu gehört auch das Eingeständnis von Schuld: Seine Kinder, fünf insgesamt, hat er gleich nach der Geburt (in den Jahren 1747 bis 1752) in ein Heim für Findelkinder gegeben, aus Angst, wie er später bekennt. Er fürchtet nämlich, für die Kinder angesichts seiner eigenen Krankheiten und des alsbald bevorstehenden Todes nicht mehr sorgen zu können. Zudem lebte er mit seiner Partnerin, der Wäscherin Thérèse Levasseur, unverheiratet zusammen. Sie wäre, im Falle seines Todes, nicht imstande gewesen, sich um die Kinder zu kümmern. Mit „starken Gewissensbissen“ erinnert sich der alte Rousseau an die Fortgabe der eigenen Kinder. Der Philosoph Bernhard H.F. Taureck weist immer wieder darauf hin, dass Rousseaus Leben von „Dissonanz“ geprägt sei, also von „Missklängen“ und fehlender Harmonie. Ein „Heiliger“ war er nicht, wie manche seiner Verehrer im 19. Jahrhundert meinten, als sie „ihren“ Rousseau auf Amuletten stets bei sich hatten oder mit  Büsten des „Verewigten“ ihr Zimmer schmückten.

Viele seiner Erkenntnisse bestimmen das geistige Leben bis heute.

Mit der schonungslosen Offenlegung des eigenen Ich gerät Rousseau in Opposition zu den viel beachteten Philosophen Holbach oder d  ` Alembert. Sie halten sich, so meint er,  an „den kalten und objektiven Verstand“. Sie sprechen nur von anderen oder von dem „Abstrakt – Allgemeinen“, nicht aber von sich selbst. Mit diesen Philosophen kann Rousseau auf Dauer keine Freundschaft schließen.

Zum eigenständigen Denker wird er im Jahr 1749. Unterwegs in Vincennes bei Paris „empfängt“ er, so sein Bericht, „wie im Rausch Inspirationen und wird von tausend Lichtern geblendet“. Rousseau entschließt sich, auf die aktuelle Preisfrage der Akademie von Dijon zu antworten: „Hat die Wiederherstellung der Wissenschaften und der Künste zur Verfeinerung der Sitten beigetragen“? Seine Antwort, ein klares Nein, überrascht die tonangebenden Meisterdenker: Denn Rousseau findet den zur Schau gestellten Optimismus der Intellektuellen unerträglich. Er zeigt, wie die viel beschworenen Tugenden nur leere Floskeln sind. „Tatsächlich reden unsere Staatsmänner von nichts als von Handel und Geld“. Die Geschichte insgesamt erscheint ihm als Abkehr von dem, was die Menschen auszeichnet: Respekt vor dem Gewissen, Respekt vor der Würde. Fortschritt bedeutet also nicht „Verbesserung des Menschlichen“.

Rousseau ist überrascht, dass seine Thesen tatsächlich von der Akademie angenommen und prämiert werden. Mit einem Schlag ist er berühmt … und von vielen angegriffen, die meinen, technischer Fortschritt sei insgesamt heilsam für die Menschheit. Schuld am Niedergang der Humanität sei aber der exklusiv und heilig gehaltene Privatbesitz, meint Rousseau. Auch darin ist er inspirierend bis heute. „Die herrschende politische Ordnung sichert das Eigentum weniger. Der Besitzlose wird diesem System unterworfen. Der Dämon des Eigentums infiziert alles, was er berührt“, schreibt er. Und weist dann darauf hin, wie die Reichen beim Raffen sich selbst fremd werden. „Ein Reicher will eben überall der Herr sein. Deswegen will er immer dort hin, wo er gerade nicht ist. So ist er gezwungen, auch sich selbst stets zu fliehen“. Aber schaffen diese entfremdet lebenden Reichen nicht doch auch Wohlstand für viele, wie schon damals behauptet wird. Rousseau meint: „Der Luxus mag nützlich sein, um den Armen Brot zu geben. Doch wenn es keinen Luxus gäbe, dann gäbe es auch keinen Armen. Denn der Luxus nährt vielleicht 1000 Arme in unseren Städten, aber er bewirkt den Tod von 100.000 auf dem Lande“.

Darum muss die feudalistische Ordnung verschwinden, meint Rousseau, nur eine Republik kann die Gleichheit aller Menschen respektieren. In seiner viel beachteten Schrift „Vom Gesellschaftsvertrag“ hat sich Rousseau dazu ausführlich geäußert. Seitdem wird leidenschaftlich die Frage diskutiert: Wie kann der einzelne Mensch erkennen, dass es gut für ihn ist, mit anderen gerechte Gesetze zu schaffen. Von dieser republikanischen Ordnung kann der einzelne in seiner Freiheit geschützt werden und die vielen anderen auch, die von einem gerechten System profitieren. Wahre Freiheit besteht in der freiwilligen Bindung an die Gesetze, die sich alle gegeben haben. Zu Zeiten Rousseaus war das noch ein Traum. Aber mit diesen Thesen wird der Feudalismus ins Wanken gebracht und die Französische Revolution vorbereitet. Robespierre hat sich später auf Rousseau berufen. Aber von der Guillotine hat der  Philosoph nichts geschrieben.

Die Überzeugung, dass Gleichheit aller Menschen gut und wertvoll ist, braucht für Rousseau eine religiöse Fundierung. Auch darin ist er aktuell: Ohne eine allen gemeinsame Spiritualität, so Rousseau, fällt die Gesellschaft aus Menschen unterschiedlicher Überzeugungen auseinander. Feindseligkeiten entstehen, wenn jede Religion sich für die wahre hält. Darum plädiert Rousseau für eine neue, allen gemeinsame überkonfessionelle „Zivil – Religion“. Sie folgt den Einsichten der Vernunft, nicht den Weisungen heiliger Bücher. Ohne den Glauben an einen vernünftig handelnden transzendenten Gott kann es keine guten Bürger geben, meint Rousseau. Am wichtigsten bleibt für ihn die absolute Verpflichtung aller zur Toleranz und zum Kampf gegen die Intoleranten: „Ich bezeichne als intolerant einen Menschen, der glaubt: Man könne kein wahrer Mensch sein, ohne auch das zu glauben, was er selber glaubt. Und der alle verdammt, die nicht denken wie er“.

Was hat Rousseau selbst geglaubt? Obwohl er für eine allgemein menschliche Vernunftreligion eintrat, „fühlte er sich als ein Jünger Jesu Christi“, wie Pater André Ravier SJ betont. Er hat allerdings die Lehren des Evangeliums seiner eigenen Prüfung unterworfen. Er kann  nur die christlichen Lehren beibehalten, die seinem inneren Gefühl und der Vernunft entsprechen. Auch darin ist er aktuell.

Entscheidend bleibt für ihn am Lebensende die enge Verbindung mit der Natur. Sie schenkt ihm Gefühle unendlicher Geborgenheit: „Das Hin – und Herfließen des Wassers, sein gleichmäßiges Geräusch, zugleich in Intervallen anschwellend und mein Ohr und meine Augen ohne Unterlass erreichend, ersetzte meine inneren Bewegungen, so dass die =Träumerei=  in mir erlosch, also die Unordnung meiner Gedanken“. Jean Jacques Rousseau erinnert sich an einen Abend am Bieler See, am Rande des schweizerischen Jura. Es sind Augenblicke, die ihm Lebensenergie schenken. Das überraschende Einswerden mit der Natur, so schreibt Rousseau in seinen „Träumereien eines einsamen Spaziergängers“, „genügte, um mich mit Lust meine Existenz fühlen zu lassen“. Es gibt also doch etwas Glück und ein bisschen Trost, auch in Zeiten der Selbstzerstörung der Menschheit.

Copyright:; christian modehn. Dieser Beitrag erschien in der empfehlenswerten Zeitschrift PUBLIK FORUM, dort aucn Probeabonnements bestellen!

Wir empfehlen als ersten „Einstieg“  die RoRoRo Monographie „Jean Jacques Rousseau“ von Bernhard H.F.Taureckt, Reinbek bei Hamburg 2009.

 

 

 

„Zivilreligion“: Ein Vorschlag von Jean – Jacques Rousseau

Portrait von Jean-Jacques Rousseau, gemalt von Allan Ramsay, nach 1766

Civil religion – ein Vorschlag von Jean Jacques Rousseau

Hinweise anlässlich seines 300. Geburtstages am 28. Juni 2012

Von Christian Modehn

1.

Unter den zahlreichen Vorschlägen Jean Jacques Rousseaus (1712 – 1778)  zur Pädagogik, Literatur, Musik und Philosophie ist sein Beitrag zur „religion civile“, zur überkonfessionellen „Religion aller Bürger“ in der Republik,  immer noch interessant und der Diskussion wert. Dabei ist es keine Frage: Seine Vorschläge von damals können heute nicht als solche übernommen werden. Aber seine Frage bleibt dringend: Was eint die Bürger unterschiedlicher Ideologien, Weltanschauungen und Religion in einem Staat, der die Fürsten vertrieben hat? Ausgangspunkt für Rousseau war, dass die überlieferte Offenbarungsreligion, also für ihn vor allem das Christentum, vor den Ansprüchen der Vernunft keinen Bestand hat und deswegen als „religion civile“ nicht in Frage kommt. Diese christliche Religion wird wegen ihrer ungeklärten diffusen Vorstellungen von Gott („unfassbare Mysterien“, „sinnlose Widersprüche“) und dem Menschen zurückgewiesen; vor allem aber, weil sie aufgrund ihres absoluten Wahrheitsanspruchs zur Intoleranz aufruft und kein friedvolles Miteinander fördert. „Anstatt den Frieden auf Erden einzuführen, bringen die (kirchlichen) Dogmen Eisen und Feuer dorthin“. Darum konzipierte Rousseau – wie andere Kollegen aus dem Kreis philosophischer Aufklärung in Frankreich – zunächst auf seine Weise eine „natürliche Religion“. Darum ist ein oberster Grundsatz: „Die Intoleranz der fanatischen Religionen muss überwunden werden“.

2.

Das Besondere ist: Rousseau will die „natürliche“, also die vor der Vernunft beständige Religion, ausweiten auf das politische Feld. Aus seiner natürlichen Religion wird die „religion civile“.  Sie soll die Volkssouverenität in der Republik verbindlich machen.  Alle Bürger sollen dieser religion civile anhängen und sich einfachen Einsichten, Dogmen genannt, bekennen, wer dazu nicht bereit ist, hat im Sinne Rousseaus mit Strafen zu rechnen. Dabei spielt die Existenz eines mächtigen und wohltätigen und voraussehenden Gottes eine zentrale Rolle. Es wird die göttliche Bestrafung der Bösen gedacht; es ist von der „Heiligkeit des Sozialvertrags und der Gesetze“ die Rede. Ausgeschlossen ist in dieser Religion die Intoleranz. Dabei ist die Tendenz problematisch, faktische Gesetze als heilig zu betrachten….

3.

Rousseau wollte angesichts der intellektuellen Schwäche und Verderbtheit des Christentums zu seiner Zeit einen Ausweg aufzeigen, sozusagen eine nach  – christliche Religion konzipieren, die der Republik Dauer und Bestand verleiht. Für Atheisten ist in dieser Republik, die der religion civile folgt, kaum ein Platz. Rousseau unterstellt, Atheismus impliziere Formen des Egoismus und eine Nachlässigkeit gegenüber dem Guten, eine Position, die noch gegenüber der von Voltaire milde ausfällt: Voltaire meinte, „der Atheismus führe zu allen Arten von Verbrechen“.

4.

Praktisch hat sich diese religion civile von Rousseau kaum durchgesetzt, am ehesten finden sich Anklänge in der Religion der Theophilanthropen, die während der Französischen Revolution entstanden bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts ihre Kulte gestalteten, oft in katholischen Kirchen, wo man sich, wie in St Merri in Paris, den Kirchenraum teilte. Unter Napoleon wurden die Theophilanthropen verboten. Sie waren eine humanistisch – deistische Konfession mit starkem Akzent auf der Pflege ethischen Bewusstseins.

In Frankreich wurde 1905 die Trennung von Kirche und Staat per Gesetz vollzogen. Der Staat definiert sich weltlich und ohne jeden Bezug auf Gott und ohne Bevorzugung einer Religion. In dieser Situation kam eine „religion civile“ nicht in Frage: Man musste auf die faktische Konfessionsvielfalt Rücksicht nehmen, auch auf den Atheismus und konnte keinen deistischen Gott als oberste Einheit propagieren. Als das einende Band der Republik wurde die Moral angesehen, die republikanische Moral, die in den Schulen gelehrt wird und den Geist der Laizität verbreitet; also den Geist der völligen rechtlichen Gleichberechtigung aller Religionen in der Republik und der Neutralität des Staates gegenüber diesen Religionen. Diese Laizität, immer weiter entwickelt, ist die (auch moralische) Basis Frankreichs (oder sollte es zumindest sein).

5.

In den USA hingegen spielt die „civil religion“ als nicht – konfessioneller Überbau über allen Religionen immer noch eine entscheidende Rolle. „Gott“ wird dort ständig beschworen (von ihm ist auf Dollarnoten die Rede), es ist nicht der Gott der Bibel, sondern ein abstraktes transzendentes Wesen, eine Art absoluter Schutzschirm für die Nation. Deswegen haben dort auch Atheisten keinen leichten Stand, obwohl sie immer zahlreicher werden….

Durch Rousseau wird die Frage wieder aufgeworfen: Welche Ideen, welcher „Glaube“,  bindet die Menschen in der zunehmenden Vielfalt an die Republik? Sind es die Menschenrechte? Können sie fundamentalistischem Wahn Einhalt gebieten? Können Fundamentalisten zur Republik, zur Demokratie, den Menschenrechten „erzogen“ werden? Wie kann das gelingen?

copyright: christian modehn, berlin.

Als Lektüre empfehlen wr:

La Laicité à l épreuve. Dirigé par Jean Baubérot. Edition Universalis, Paris 2004.

Karlfriedrich und Bernard H.F.Taureck, Rousseau Brevier, Wilhelm Fink Berlag, München 2012.

Der heilige Geist wird noch skeptischer angesichts der „Vatileaks“. Ein Brief aus Rom

Der heilige Geist wird noch skeptischer angesichts der „Vatileaks“: Ein Brief aus Rom

Von Christian Modehn

Unser kleiner Hinweis auf dieser website kürzlich auf den heiligen Geist, der als Geist eben auch skeptisch ist, prüfend und immer fragend, hat selbst in Rom, der Papststadt,  Aufmerksamkeit gefunden.

Wir freuen uns, dass ein Leser – angesichts der ersten bescheidenen Freilegungen etlicher älterer und jüngerer Skandale – uns aus Rom schreibt: „Der heilige Geist wird wohl noch skeptischer“.

In dem Text heißt es, und das ist neu in der Debatte: Es werde immer fraglicher, wie von diesem Staat aus, dem so genannten Heiligen Stuhl, die absolute Bestimmung zufallen kann, für alle Katholiken weltweit zu definieren, was zu glauben ist und wie „man“ moralisch zu leben hat.  Kurz: Ein offenbar korruptes, absolutistisches System, das an die „Glanzzeiten“ der Renaissance erinnert,  maßt sich an, zu definieren, was Evangelium ist, was Jesus von Nazareth tatsächlich wollte, was die große humanistisch- universale Vision Reich Gottes bedeutet.

Die Freilegung struktureller Korruptheit des römischen Systems heute ist vielleicht eine noch größere Erschütterung als die Freilegung des sexuellen Missbrauchs durch Priester weltweit über viele Jahre.

Da ist, so wird von unserem Leser betont, eine absolute Monarchie, so versteht sich der Vatikan auf seiner offiziellen Website selbst.

(„Die Regierungsform ist die absolute Monarchie. Staatsoberhaupt ist der Papst, der die absolute gesetzgebende, ausführende und richterliche Gewalt inne hat“.

Gewaltenteilung gibt es also nicht, siehe: http://www.vaticanstate.va/DE/Staat_und_Regierung/Geschichte/Die_Vatikanstadt_heute.htm

Und diese absolute Monarchie, wo alles in den Händen – eines (nun 85 jährigen) Papstes liegt – kennt keine Gewaltentrennung, also keine demokratische Kontrolle und vom Wesen her keine Transparenz. Indem Benedikt XVI. jetzt beteuert, trotz allem weiterhin auf dem Felsen Petri zu stehen, betont er auch die Unveränderlichkeit des absolutistischen Regimes, also des Fehlens jeglicher Transparenz. „Man sollte für die Freilegung einer Dokumente sehr dankbar sein“, schreibt unser römischer Leser. Das römische System, bestehend aus älteren Herren und Höflingen (Curia ist ja der „Hof“) maßt sich an, in göttlichem Auftrag, Werte und Tugenden, Glauben, Lieben, Hoffen verbindlich für alle Katholiken zu lehren. Der Widerspruch zu einem demokratischen Leben heute könnte – einmal mehr jetzt  – dokumentiert, kaum größer sein.

Der Brief des Lesers aus Rom fragt weiter: Hat dann noch die These der heutigen  kritischen Reformer recht, man könne von Innen her dieses Renaissance – System reformieren? Unter welchen Bedingungen sind Renaissance – Systeme verschwunden, wird diese Frage diskutiert?, fragt der Leser.

Werden da nicht von Reformern Illusionen geweckt und gutwillige Leute in die Irre geführt, wird ihnen in DIESEM Engagement für Reformen kostbare Lebenszeit geraubt?

Wir geben die Fragen aus Rom gern weiter zur Diskussion.

Weiter schreibt der Leser aus Rom: Warum schweigen zu dem Thema die einst etwas mutigeren Ordensgemeinschaften?

Warum schweigen die protestantischen Kirchen zu den aktuellen „Freilegungen“ im Vatikan?

Wir erlauben uns, unabhängig  von dem „Brief aus Rom“, ein Zitat aus dem neuen Buch des international geschätzten katholischen Theologen und Philosophen Prof. Dr. Tomás Halik (Prag),  „Nachtgedanken eines Beichtvaters“ (geschrieben 2005, auf Deutsch 2012, Herder) , wieder zu geben. Auf Seite 293 schreibt Tomás Halik:

„Unsere Zeit ist eine Zeit der Erschütterungen…So ist eines der großen Paradoxa, die wir derzeit durchleben … wohl darin begründet, dass gerade derjenige Bereich der (römischen) Kirche, der diese weiterhin für eine =feste Burg= hält, meiner Meinung nach wie ein auf Sand errichtetes Gebäude zusammenstürzen wird“.

Copyright: religionsphilosophischer-salon.de

 

Tomas Halik: Nachtgedanken eines Beichtvaters

Die Nacktheit des Glaubens: Tomas Halik und die Nachtgedanken eines Beichtvaters

Er sagt, dass junge Menschen heute in einer postoptimistischen Zeit leben. Und hofft, dass aus Glaubenden Suchende werden. Fragen an den Prager Theologen, Philosophen, Soziologen … und Skeptiker Tomás Halík

Von Christian Modehn

Aus aktuellem Anlass wurde am 4.8. 2015 ein weiterer Beitrag über Tomas Halik hier publiziert über sein Nein zu Veranstaltungen anläßlich der „Gay Pride“ in seiner Prager St. Salvator Kirche. Lesen Sie den aktuellen Beitrag und klicken Sie hier.

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Hier das Interview von 2012:

Herr Halík, Ihr neuestes Buch heißt »Nachtgedanken eines Beichtvaters«. Hat ein Beichtvater besondere Erkenntnisse?

Tomás Halík: Einmal in der Woche, meist mehrere Stunden lang, kommen Menschen zu mir zum Beichtgespräch oder zur geistlichen Beratung. Wenn ich dann spätabends zu Hause bin, bedenke ich noch einmal, was diese Menschen spüren. Dabei zeigt sich eine Art Trend: Vor allem junge Menschen haben nur sehr wenig Vertrauen in das Leben, auch wenig Vertrauen in Institutionen wie die Kirchen. Die meisten leben in einer »postoptimistischen Zeit«. Die großen Versprechen der Moderne, etwa »immer mehr Fortschritt«, gelten für sie nicht mehr. Sie können sich nicht mehr auf einen Fundus von Vertrauen beziehen. Es herrscht eine tiefe geistige Krise. Die Unterhaltungsindustrie bestimmt und verändert fast alle Lebensbereiche, selbst die Politik und die Religion. Kommerzielle Unterhaltung ist eine Droge! Diese Welt habe ich in meiner Perspektive als Beichtvater vor Augen, der die Seele der Menschen kennenlernt. Mein neues Buch ist also alles andere als ein dogmatischer Traktat übers Beichten.

Wenn der Optimismus vorbei ist – wofür treten Sie persönlich dann ein?

Halík:Ich wehre mich gegen den religiösen Optimismus, der da meint: Der liebe Gott wird schon alles zum Guten wenden; wir müssen nur fleißig beten, dann gibt es das, was wir bei Gott »bestellen«. Das ist Magie! In Tschechien gibt es den Satz: »Optimistisch ist nur ein Mensch, dem die Informationen fehlen.« Für mich ist entscheidend, die Krise, etwa den Mangel an authentischem Glauben, wirklich auszuhalten und nicht in Illusionen zu fliehen. Wir sollten das biblische Paradox annehmen: Nur durch das Kreuz und den Tod ergibt sich Neues, ein Sieg der Hoffnung.

Auch im Blick auf die Entwicklung der katholischen Kirche und der Theologie gibt es wenig Grund, optimistisch zu sein?

Halík: Meines Erachtens liegt das Christentum in Europa auf dem Sterbebett. Ich frage Pfarrer in meiner Heimat manchmal: »Welche Kirche haben wir in fünfzig Jahren?« Höre ich die Antworten, dann habe ich oft das Gefühl, dass ich mich in der Familie eines Schwerkranken befinde, wo eine stille Übereinkunft gilt, dass über diese Krankheit nicht gesprochen werden darf. In diversen kirchlichen Milieus hatte ich sogar das Gefühl, als sei ich in das Theaterstück »Geschlossene Gesellschaft« von Jean-Paul Sartre geraten. Im Theater versteht der Zuschauer ja nach einer gewissen Zeit, dass alle Akteure tot sind, obwohl sie so tun, als ob nichts geschehen sei. Ein tschechischer Priester hat die katholische Kirche einmal mit einer Mühle verglichen, die zwar noch klappert, jedoch nicht mehr mahlt.

Gilt das auch über Tschechien hinaus?

Halík: Es gibt in Europa eine große Müdigkeit unter den Christen, ich spreche gern von der »Müdigkeit am Mittag«: Der Morgen – im Bild gesprochen: die frühe Geschichte des Christentums – liegt hinter uns; die »Zeit der Reife«, also der Nachmittag, wie der Psychiater Carl Gustav Jung einmal sagte, steht bevor. Jetzt aber herrscht die Müdigkeit des Mittags. Diese Krisenzeit gilt es anzunehmen. Nur so kann die neue Zeit religiöser, mystischer Tiefe kommen.

Was bedeutet für Sie der Glaube?

Halík: Der Glaube ist keine Ideologie, keine billige Lehre, durch die wir irgendwie Sicherheit finden. Glauben ist das Ausgesetztsein dem Geheimnis Gottes gegenüber, ist – anspruchsvoll – Teilhabe am Leben Gottes. Mit dem Geheimnis zu leben, das schlage ich zum Beispiel auch »Atheisten« als Lebensmaxime vor.

Welche praktischen Konsequenzen ergeben sich daraus?

Halík: Für mich gibt es heute nicht mehr die alte Grenzziehung zwischen den Glaubenden und den Nichtglaubenden. Beide können sehr selbstzufrieden in ihrer Position erstarren. Wichtiger ist, dass Gläubige wie Atheisten ihre Selbstzufriedenheit aufgeben und Suchende werden. Und mit den Suchenden Geduld haben! Ich selbst bin ein Suchender, ein geborener Skeptiker. Zum Glauben fand ich, weil ich konsequent skeptisch sein wollte und eben auch an meinem Zweifeln zweifelte. Ich will immer mehr die Tiefe des Glaubens erfahren, sozusagen »zum Grunde gehen«, und dann meine Erfahrungen mit anderen teilen – im gemeinsamen Suchen. Für mich ist entscheidend der von Paulus stammende Begriff der »Kenosis«, der Entäußerung und des Leerwerdens. Das ist das Gegenteil von Hochmut, Macht und Gewalt.

Hat diese Entäußerung auch eine aktuelle Bedeutung?

Halík: Ja. Gerade fand die Wallfahrt zum Heiligen Rock nach Trier statt. Dort habe ich kürzlich gesagt: Kann denn der Heilige Rock, bei aller Hochachtung vor dieser Reliquie, heute noch ein Symbol der Kirche sein? Der Rock blieb doch in den Händen der Soldaten. Jesus ist nackt gestorben. Ist also nicht die Nacktheit Christi als Bild der Kirche viel treffender? Der nackte Christus – das ist Ausdruck der Entäußerung. Manchmal scheint es mir, dass Gott die katholische Kirche – angesichts der Missbrauchsfälle etwa – der Schmach vor den Augen der Welt preisgegeben hat auch als Strafe für all ihren Triumphalismus in der vergangenen wie jüngsten Geschichte. Es ist die Strafe für den Mangel an Bereitwilligkeit oder auch für die Unfähigkeit, mit allen Konsequenzen demütig zuzugeben, dass die Kirche eine »Gemeinschaft von Pilgern« ist, dass sie unterwegs ist und nicht am Ziel und sie keine »triumphierende Kirche« spielen darf.

Sie sprechen in Ihrem Buch von dem »bescheidenen, dem kleinen Glauben«. Gibt es von hier eine Verbindung zu den Atheisten?

Halík: Durchaus, denn wenn jemand praktisch zeigt, dass er die anderen als Brüder und Schwestern behandelt, dann folgt er – unbewusst – der Überzeugung, dass alle Menschen Kinder eines göttlichen »Vaters« sind. Wer die Lebensqualität dieser Erde bewahren will, der nimmt indirekt auch den Schöpfer an. Im Handeln zeigt sich also ein verschwiegener Glaube. Er ist schon in der Person verwurzelt, er ist nur noch nicht auf der bewussten Ebene formuliert. Darum verstehe ich mich mit diesen »Ungläubigen« gut und weniger gut mit einigen Christen, die nur viele Worte machen. Es gibt also eine neue Grenze zwischen Suchenden und Festgefahrenen. Eine bestimmte Art atheistischer Kritik kann eine Verbündete des Glaubens sein. Sie kann den Glauben von infantilen religiösen Vorstellungen befreien.

In Ihrem Buch kritisieren Sie ausdrücklich den enthusiastischen Glauben charismatischer Kreise.

Halík:Der Glaube sollte nicht zu einer schlichten Emotion werden. Glauben ist ein ernsthaftes Ringen mit dem Geheimnis, vor dem man oft sprachlos bleibt. Gott wohnt im unzugänglichen Licht! Wir sind immer mit dem Schweigen Gottes konfrontiert. Diese »Nacht des Glaubens« möchte ich respektieren. In unserer Universitätskirche in Prag versuchen wir dem zu entsprechen. Hier kommen sehr unterschiedliche Menschen zusammen. Mein Motto ist: »Alle sind eingeladen, niemand wird gezwungen.« Wir freuen uns, dass in den zwanzig Jahren meiner Tätigkeit dort rund tausend Menschen getauft wurden. Diese offene Gemeinde ist für viele eine Art Zuhause, weil wir auch anspruchsvolle Meditationen oder Kunstausstellungen anbieten.

Wie dringend sind Reformen in der katholischen Kirche?

Halík: Die katholische Kirche muss sich immer reformieren. Sie sollte zudem Pluralität in den eigenen Reihen zulassen. Die frühe Kirche war ja in ihrer Organisationsstruktur, Theologie und Liturgie weit bunter als das heutige Christentum. Eine völlige Einheit der Kirche war niemals und wird wohl nie eine historische Tatsache sein. Über all die Themen, die die Kirchenvolksbewegung Wir sind Kirche vorbringt, sollte ruhig und sachlich diskutiert werden. Das schreibe ich auch in meinem Buch. Ich denke, dass diese Gruppen in mancherlei Hinsicht schließlich doch recht haben. Aber ich wende mich entschieden gegen die Vorstellung, die ich allerdings nicht allen Vertretern dieser Bewegung unterstelle, dass sich durch eine Demokratisierung und Liberalisierung der Strukturen, der Disziplin und etlicher Punkte der Moraldoktrin der katholischen Kirche ein neuer Frühling des Christentums einstellen könnte. Aber auch den Traditionalisten gegenüber habe ich meine Vorbehalte: Sie wollen in eine vormoderne Zeit zurück und suchen sich aus dem Ganzen des Glaubens aus, was ihnen gefällt. Damit sind sie häretisch. Glauben aber ist keine bequeme Gewissheit.

Sind das Perspektiven, die aus Ihrer Sicht angesichts des 50. Jahrestages des Zweiten Vatikanischen Konzils im Herbst bedeutsam sein können?

Halík: Durchaus, man denke an die festlichen Worte, mit denen das Konzilsdokument »Über die Kirche in der Welt von heute« beginnt: dass eben »Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen unserer Zeit auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Kirche« sind. Diese Worte klingen fast wie ein Ehe-Gelöbnis: Die katholische Kirche gelobt dem modernen Menschen Liebe, Achtung und Treue in guten wie in schlechten Zeiten. Ist sie ihrem Versprechen jedoch treu geblieben? Kann sie heute mit gutem Gewissen eine »Goldene Hochzeit« mit der modernen Gesellschaft feiern? Auf der anderen Seite muss man allerdings auch nüchtern fragen: War für den modernen Menschen eine solche »Ehe« überhaupt je begehrenswert? COPYRIGHT: PUBLIK – FORUM. Wir weisen ausdrücklich empfehlend auf diese Zeitschrift hin. www.publik-forum.de

Lesetipp: Tomás Halík: Nachtgedanken eines Beichtvaters – Glaube in Zeiten der Ungewissheit. Herder Verlag. 320 Seiten. 16,99 €

PS. am 6.6.2012:  Wir erlauben uns, aus aktuellem Anlaß im Vatikan,  ein Zitat aus dem neuen Buch von  Prof. Dr. Tomás Halik (Prag),  „Nachtgedanken eines Beichtvaters“ (geschrieben 2005, auf Deutsch 2012, Herder) , wieder zu geben. Auf Seite 293 schreibt Tomás Halik:  „Unsere Zeit ist eine Zeit der Erschütterungen…So ist eines der großen Paradoxa, die wir derzeit durchleben … wohl darin begründet, dass gerade derjenige Bereich der (römischen) Kirche, der diese weiterhin für eine =feste Burg= hält, meiner Meinung nach wie ein auf Sand errichtetes Gebäude zusammenstürzen wird“.