Friedrich Wilhelm Graf und die römische Kirche

Im Juli 2009 veröffentlichte PUBLIK FORUM ein Interview von mir mit Prof. Friedrich Wilhelm Graf, dem bekannten protestantischen Theologen von der Universität München. Inzwischen hat Friedrich Wilhelm Graf das viel beachtete Buch „Kirchendämmerung“ (becksche Reihe 2011) veröffentlicht, ein anregendes theologisches Buch, in einer Deutlichkeit geschrieben, wie sie heute selten noch Theologen wagen. Auch wenn wir mit einzelnen Aussagen nicht einverstanden sind, etwa zur optimistischen Einschätzung des „freien Marktes“ oder der Prognose, die rechtlichen Rahmenbedingungen der Volkskirche würden sich nicht ändern, so können wir das Buch „Kirchendämmerung“ ausdrücklich allen empfehlen, die über die Zukunft der etablierten Kirche in Deutschland nachdenken. Grafs Plädoyer für eine von der Vernunft “kontrollierte” Theologie wird philosophisch Interessierte ohnehin erfreuen.
In dem Buch „Kirchendämmerung“ wird von der römischen Kirche eher am Rande gesprochen, deswegen bieten wir hier noch einmal das Interview vom Juli 2009, es hat unseres Erachtens nichts an Aktualität verloren.

»Jesus-Nachfolge ist nicht der Weg des Papstes«
Über den Papst wird der protestantische Theologe Friedrich Wilhelm Graf (München) befragt
Von Christian Modehn

Herr Graf, seit Beginn seines Pontifikats betont Benedikt XVI. die römisch-katholische Identität. Ist das eine Kampfansage an den Protestantismus?

Friedrich Wilhelm Graf: Man kann nur dankbar sein, dass der Papst das spezifisch Katholische – jedenfalls so, wie er es versteht – prägnant formuliert. Denn es ist immer besser, wenn man es mit Leuten zu tun hat, die genau wissen, wer sie sind und was sie wollen. Für Benedikt ist die Ökumene mit den Protestanten sehr viel weniger wichtig als die Verständigung mit den orthodoxen Kirchen. Denn er täuscht sich nicht darüber, dass die Situation in Deutschland, wo beide Kirchen jeweils ein Drittel der Bevölkerung ausmachen, im europäischen Vergleich die Ausnahme ist.

Warum ist dem Papst die Annäherung an die Orthodoxie so wichtig?

Graf: Wenn wir Benedikts Aussagen oder denen des zuständigen Kardinals, Walter Kasper, folgen, dann fällt auf, dass sie regelmäßig die große Nähe der jeweiligen Amtsverständnisse betonen. Wie der Katholizismus kennt die Orthodoxie eine steile Amtstheologie. Ebenso betonen beide die Autorität der Kirche als Institution. So weit die Gemeinsamkeiten. Doch dann muss man genauer hinschauen. Zum einen hat die Orthodoxie in sich große Unterschiede. Viele orthodoxe Kirchen sind so etwas wie Ethno-Religionen, die das Christentum in einem engen nationalen Kontext auslegen und deren Symbolsprachen den Anspruch dokumentieren, Trägerinnen der nationalen Seele zu sein. Zum anderen haben die orthodoxen Kirchen keine eigenen Aufklärungstraditionen. Das macht sie in Fragen von Menschenrechten, Menschenwürde, Demokratie zu äußerst heiklen Dialogpartnern.

Bei diesen Punkten gäbe es zum Protestantismus größere Nähe. Trotzdem zeigt der Papst den Protestanten die kalte Schulter. Warum?

Graf: Der Papst weiß, dass sich die Kernanliegen der Reformation nicht in den Katholizismus übertragen lassen: das Priestertum aller Gläubigen, die starke Betonung der Weltlichkeit des Glaubens, die Unterscheidung von Religion und Politik. Außerdem braucht der Protestantismus keinen Papst. Insofern kann man es Benedikt nicht übelnehmen, dass er am Gespräch mit den Protestanten kein großes Interesse hat.

Aber muss man deswegen den protestantischen Kirchen das Kirchesein absprechen?

Graf: Zum Glück muss ja niemand seine eigene Identität von der Bestätigung durch andere abhängig machen. Denn die Sache ist klar: Nach Maßgabe der römisch-katholischen Kirchenlehre sind protestantische Kirchen nicht im gleichen Sinne Kirche wie die katholische. Die katholische Kirche hat im Zuge der Modernisierung ihre Machtansprüche immer deutlicher betont, sie hat immer steilere Amtstheologien entwickelt und die Priester den Laien deutlich vorgeordnet. Das alles liegt dem Protestantismus fern. Mit dieser Differenz kann man aber konstruktiv umgehen. Es ist niemandem damit gedient, sie einfach zu leugnen.

Ist diese starke Betonung des Amtes und der Hierarchie der Versuch, die Kirche als eine Art Gegenwelt zur Moderne zu etablieren?

Graf: Man kann sagen, dass sich die römisch-katholische Kirche seit 200 Jahren als Gegeninstitution zum Prozess der Modernisierung versteht. Deshalb hat sie im 19. Jahrhundert die Autorität des Papstes gestärkt, deshalb hat sie zunehmend auf einen römischen Zentralismus gesetzt. Was wir bei Benedikt XVI. erleben, ist die logische Fortsetzung einer in sich konsequenten Kirchenpolitik: einer Politik, die man als Identitätspolitik beschreiben könnte, als Pflege der eigenen Corporate Identity. Unter den Bedingungen eines zunehmenden Pluralismus ist das plausibel.

Viele Katholiken in Deutschland sehen das anders. Unter Berufung auf das Zweite Vatikanische Konzil mahnen sie an, dass die römische Kirche sehr wohl lernfähig sein kann und dass es einen durchaus anderen Katholizismus gibt als denjenigen, den der Papst mit Macht in seiner Kirche durchzusetzen versucht.

Graf: Nun ja, er ist eben der Papst, und das müssen auch reformorientierte und liberale Katholiken in irgendeiner Weise akzeptieren. Aber wie dem auch sei: Über die Deutung des Zweiten Vatikanums kann man trefflich streiten. Die meisten Dokumente des Konzils sind Kompromisstexte, die man nach der einen wie nach der anderen Richtung hin lesen kann. Ich persönlich sehe nicht, dass der amtierende Papst die Ideale des Zweiten Vatikanums verraten hätte. Wenn man bei den Tatsachen bleiben will, muss man gestehen, dass viele seiner Aussagen durch das Konzil gedeckt sind. Das ist das eine. Und was die Lernfähigkeit der katholischen Kirche angeht, so muss man sehen, dass der Papst keineswegs lernunwillig ist. Denken Sie nur an seine Symbolpolitik: Da verzichtet er etwa auf den altehrwürdigen Titel »Patriarch des Abendlandes«. Das kann eine Demutsgeste, es kann aber auch eine Herrschaftsgeste sein. Tatsache aber ist: Es hat sich etwas geändert. Insofern würde ich bestreiten, dass die römische Kirche nicht lernbereit ist. Sie verändert sich permanent. Es ist nur nicht immer ganz leicht zu sagen, was die Zeichen, die sie dabei setzt, bedeuten.

Die katholische Kirche ist eine Weltkirche. Ist den Katholiken – sagen wir in Brasilien oder Korea – die von Benedikt XVI. propagierte katholische Identität überhaupt vermittelbar? Wie sollen die Menschen dort mit Ratzingers enger Verbindung von Griechentum und Evangelium klarkommen?

Graf: Da spielen Sie nun auf sein Lieblingsthema an: Glaube und Vernunft. Und Sie spielen an auf seine Regensburger Rede. Aber auch hier müssen wir genau hinschauen. In der Tat behauptet der Papst, die einzig legitime Form des Christentums sei diejenige, in der es sich mit dem griechischen Denken verbunden und darin seine Glaubenswahrheit formuliert hat. Das freilich ist eine radikale Absage an neue protestantische Christentümer, die überall auf der Welt enorme Erfolge erzielen und in Lateinamerika den traditionellen Volkskatholizismus aushöhlen. Benedikts Reaktion darauf ist: Wir müssen das Katholische schärfer profilieren, dann wissen die Leute, warum sie besser bei uns sind als bei den anderen.

Steckt dahinter aber nicht auch ein elitärer Machtanspruch: dass nämlich der Klerus durch seine philosophische Bildung als Führungselite der Kirche legitimiert ist?

Graf: Aber natürlich. Es wäre ganz naiv zu meinen, dass die Symbole der Religion nichts mit Macht zu tun hätten. Religiöse Symbole sind Kommunikationsmedien, in denen Ordnungsstrukturen thematisiert werden. Insofern hängen Macht und Religion eng zusammen, und es besteht überhaupt kein Zweifel, dass Benedikt XVI. einen extrem steilen normativen Machtanspruch erhebt: Er weiß besser als alle anderen, was die wahren Ordnungen des Zusammenlebens sind, er weiß besser, was Wahrheit ist. Denken Sie nur an seine Äußerungen zur Naturrechtslehre oder an seine Formulierung von der »Diktatur des Relativismus«. Was wäre denn der Gegenpol? Doch wohl ein Absolutismus. Man könnte das sicher auch differenzierter formulieren, aber im Kern läuft es auf eine starke Betonung der normativen Deutungskompetenzen des Papstes als Institution hinaus.

Gegen kirchliche Machtansprüche beriefen sich die Reformatoren auf das Evangelium als höchste Autorität. In der Theologie von Benedikt XVI. kommt die Heilige Schrift aber eher am Rande vor.

Graf: Fairerweise muss man sagen, dass der Heilige Vater ein Jesusbuch angekündigt hat, das in Kürze erscheinen soll. Vielleicht sollte man dieses Buch abwarten. Aber eines ist ganz klar: Eine tat- und herzbetonte Frömmigkeit der Jesus-Nachfolge ist ganz bestimmt nicht der Weg dieses Papstes.

Friedrich Wilhelm Graf geboren 1948, ist Ordinarius für Systematische Theologie und Ethik an der Universität München. Der Beitrag erschien in Publik Forum. Zeitschrift Kritischer Christen

Ludwig Wittgenstein – ein Mystiker?

Von den Tatsachen zur Mystik – Hinweise, von Ludwig Wittgenstein inspiriert, von Christian Modehn.

Ludwig Wittgenstein ist ein Philosoph, der „aus dem Rahmen“ üblicher Bilder vom Philosophen fällt. Aus reichem Hause stammend, verschenkt er sein Erbe. Er suchte vielfältige Lebens –und Arbeitswelten, er war u.a. Architekt und er arbeitete als Gärtner; er war Grundschullehrer und Professor, er lehrte in Cambridge und liebte die Einsamkeit in dem selbst entworfenen Haus in den Wäldern Norwegens… (Welche inhaltliche Beziehung gibt es zwischen der Hütte Wittgensteins in Norwegen und der Hütte Heideggers im Schwarzwald? Dies wäre eine spannende Frage).

Ludwig Wittgenstein legt allen Wert auf Klarheit und Eindeutigkeit der Sprache und damit des Denkens. Damit will er Wahnvorstellungen und Sinnloses als solches freilegen: „Alles, was der Philosoph tun kann, ist, Götzen zu zerstören. Und das heißt, keinen neuen Götzen, etwa in der = Abwesenheit eines Götzen = zu schaffen“.
In einem Brief an Bertrand Russell schreibt er: „Die Hauptsache für mich ist die Theorie über das, was durch Sätze gesagt (und gedacht) wird und was nicht durch Sätze ausgedrückt, sondern nur gezeigt werden kann“.
Sinnvoll sagbar ist für Wittgenstein nur, was sich als Tatsachen der Welt präsentiert.
In diesem Bemühen hat er kein philosophisches System geschaffen, sondern eher Essays, manche sagen Fragmente, hinterlassen, die klar Grenzen ziehen zwischen dem Sagbaren/ Denkbaren und dem Nicht Sagbaren/Denkbaren. Dieses kann die Philosophie nur „bedeuten“, also aufzeigen und sehen lassen, ohne es eindeutig besprechbar zu machen. Dieses ist das „Unaussprechbare“.
Für Wittgenstein wird das Mystische von der Einsicht vermittelt: Dass es die Welt gibt. Auf dieses nicht begründbare und nicht besprechbare DASS kommt es an. Wittgenstein hat dieses DASS in das Zentrum seines Denkens gestellt, wenn er etwa von den Grenzen der empirischen Wissenschaften spricht. Naturwissenschaft kann nur das Wie der Welt beschreiben, sie kann aber das Gegebensein der Welt, dieses DASS, nicht philosophisch erklären.
„Für Wittgenstein folgt das Mystische aus der Begrenztheit von Denk- – und Sagbarkeit…. Das Mystische ist das Andere des Logischen des Denkbaren, des Sagbaren“ , schreibt Chris Bezzel (in: Wittgenstein, Stuttgart 2007, S. 75) In seinem Tractatus (6.45) schreibt Wittgenstein: „Das Gefühl der Welt als begrenztes Ganzes ist das mystische“. Es geht um ein „gefühlvolles“ Sehen des Ganzen der Welt, dieses Ganze ist nicht mehr sagbar, sondern es kann nur „bedeutet“, also gezeigt werden, und dabei zeigt sich dieses Ganze als das Unaussprechliche.
Wenn man diese Erkenntnis auf die gelebte Form der Religion überträgt, kommt der Theologe Kurt Studhalter zu der Einsicht: „Philosophie hat zu beschreiben, wie religiöse Menschen in welchem Lebenskontext reden. Sie hat darauf zu achten, wie religiöse Ausdrücke gebraucht werden, in welchem „Sprachspiel“, in welcher „Lebensform“ (in: Ludwig Wittgensein, Junius Verlag, 2011, zur Wittgenstein Ausstellung im Schwules Museum Berlin , S. 134).
Kurt Studhalter erinnert auf Seite 135 an eine Tagebuch Notiz Wittgensteins: „An einen Gott glauben, heißt die Frage nach dem Sinn des Lebens verstehen. An einen Gott glauben, heißt sehen, dass es mit den Tatsachen der Welt noch nicht abgetan ist“.
PS: Diese Überlegungen beziehen sich auf unsere Gespräche im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon am 6. 5. 2011 in Berlin – Schöneberg.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer-salon.de

Das “Mystische” und das “Unaussprechliche” – Wittgensteins Einsichten

Von den Tatsachen zur Mystik
Hinweise von Christian Modehn
Anläßlich des 125. Geburtstages (26.4.) und des 60. Todestages (29.4.) von Ludwig Wittgenstein (1889-1951).

Ludwig Wittgenstein ist ein Philosoph, der „aus dem Rahmen“ üblicher Bilder vom Philosophen fällt. Aus reichem Hause stammend, verschenkt er sein Erbe. Er sucht vielfältige Lebens –und Arbeitswelten, er war u.a. Architekt und er arbeitete als Gärtner, er war Grundschullehrer und Professor, er lehrte in Cambridge und liebte die Einsamkeit in dem selbst entworfenen Haus in den Wäldern Norwegens… (Welche inhaltliche Beziehung gibt es zwischen der Hütte Wittgensteins in Norwegen und der Hütte Heideggers im Schwarzwald? Dies wäre eine spannende Frage).

Ludwig Wittgenstein legt allen Wert auf Klarheit und Eindeutigkeit der Sprache und damit des Denkens. Damit will er Wahnvorstellungen und Sinnloses als solches freilegen: „Alles, was der Philosoph tun kann, ist, Götzen zu zerstören. Und das heißt, keinen neuen Götzen, etwa in der = Abwesenheit eines Götzen =, zu schaffen“.
In einem Brief an Bertrand Russell schreibt er: „Die Hauptsache für mich ist die Theorie über das, was durch Sätze gesagt (und gedacht) wird und was nicht durch Sätze ausgedrückt, sondern nur gezeigt werden kann“.
Sinnvoll sagbar/denkbar ist für Wittgenstein nur, was sich als Tatsachen der Welt präsentiert.

In diesem Bemühen hat er kein philosophisches System geschaffen, sondern eher Essays, manche sagen Fragmente, hinterlassen, die klar Grenzen ziehen zwischen dem Sagbaren/ Denkbaren und dem Nicht Sagbaren/Denkbaren. Dieses kann die Philosophie nur „bedeuten“, also aufzeigen und sehen lassen, ohne es eindeutig besprechbar zu machen. Dieses ist das „Unaussprechbare“.

Für Wittgenstein ist das Mystische die Einsicht: Dass es die Welt gibt. Auf dieses nicht begründbare und besprechbare DASS kommt es an. Wittgenstein hat dieses DASS in das Zentrum seines Denkens gestellt, wenn er etwa von den Grenzen der empirischen Wissenschaften spricht. Naturwissenschaft kann nur das Wie der Welt beschreiben, sie kann aber das Gegebensein der Welt, dieses DASS, nicht philosophisch erklären.

„Für Wittgenstein folgt das Mystische aus der Begrenztheit von Denk- – und Sagbarkeit…. Das Mystische ist das Andere des Logischen des Denkbaren, des Sagbaren“ , schreibt Chris Bezzel, in: Wittgenstein, Stuttgart 2007, S. 75. In seinem Tractatus (6.45) schreibt Wittgenstein: „Das Gefühl der Welt als begrenztes Ganzes ist das mystische“. Es geht also um ein „gefühlvolles“ Sehen des Ganzen der Welt, dieses Ganze ist nicht mehr sagbar, sondern es kann nur „bedeutet“, also gezeigt werden, und dabei zeigt sich dieses Ganze als das Unaussprechliche.

Wenn man diese Erkenntnis auf die gelebte Form der Religion überträgt, kommt der Theologe Kurt Studhalter zu der Einsicht: „Philosophie hat zu beschreiben, wie religiöse Menschen in welchem Lebenskontext reden. Sie hat darauf zu achten, wie religiöse Ausdrücke gebraucht werden, in welchem „Sprachspiel“, in welcher „Lebensform“ (in: Ludwig Wittgensein, Junius Verlag, 2011, zur Wittgenstein Ausstellung im Schwules Museum Berlin , S. 134).
Kurt Studhalter erinnert auf Seite 135 an eine Tagebuch Notiz Wittgensteins: „An einen Gott glauben, heißt die Frage nach dem Sinn des Lebens verstehen. An einen Gott glauben, heißt sehen, dass es mit den Tatsachen der Welt noch nicht abgetan ist“.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

“Atheisten contra Theisten” ist überholt

Gott, Götter, Gotteswahn

Die »neuen Atheisten« wenden sich aggressiv gegen die Religion. Doch die klassischen Fronten sind längst von gestern

Von Christian Modehn (Dieser Beitrag erschien in der empfehlenswerten Zeitschrift PUBLIK – Forum am 22. April 2011)

Viele Menschen können der Erkenntnis des Philosophen Friedrich Nietzsche, dass Gott »tot« sei, aus eigenem Erleben nicht zustimmen. In einer Art Kontrapunkt zu Nietzsche wird vor allem in Kreisen der christlichen Evangelikalen und Charismatiker mit fundamentalistischer Bravour an der wörtlichen Auslegung der Bibel festgehalten: Gott ist dann für diese immer zahlreicher werdenden Kreise »allüberall wunderbar sichtbar«. Er wird wie ein selbstverständlicher Gegenstand dieser Welt gepriesen.

Gegen diesen naiven Glauben wenden sich die »neuen Atheisten«. Viele von ihnen wissen genau, dass es auch kritische Christen und moderne Theologen gibt, die ihren Gottesglauben differenziert und keineswegs naiv begründen. Doch halten die Atheisten diese »liberalen« Kreise für »Religion light«, die nach ihrer Überzeugung alsbald verschwinden wird und deswegen nicht der Auseinandersetzung bedarf.

Mit diesem engen Blickwinkel verbreitet zum Beispiel der philosophierende Biologe Richard Dawkins seit 2006 seine antireligiösen Slogans. Einer seiner Sprüche heißt: »Der Glaube an Gott ist eine entsetzliche Krankheit, die ausgerottet werden muss.« Mit seinem Buch »Der Gotteswahn« will er suggerieren, eine Welt ohne Religion sei die beste aller Welten. In mehr als dreißig Sprachen ist dieses Pamphlet erschienen, es hat viele Millionen Käufer gefunden. Die Wirkungen seiner »Gotteswahn«-Kampagne sind weltweit zu spüren: So schreibt The Cambridge Companion to Atheism, ein Handbuch zum Atheismus aus dem Jahr 2008: »Es gibt heute weltweit mindestens 505 Millionen, höchstens 749 Millionen bekennende Atheisten.«

Dieser neue Atheismus will sich in seiner Kritik nicht – wie der radikale Unglaube des 18. Jahrhunderts (Helvetius, Lamettrie, Diderot) – auf die gebildeten Kreise beschränken. Er will auch nicht primär die politische Unterdrückung aufheben. Vielmehr soll eine antireligiöse Mobilisierung der sich selbst als »vernünftig« bezeichnenden Ungläubigen stattfinden. »Es geht um eine säkulare Alternative zur Religion, also um eine Weltanschauung«, sagt der Philosoph und Schriftsteller Michael Schmidt-Salomon, Vorstandssprecher der Giordano Bruno Stiftung und führender »neuer Atheist« in Deutschland.

Auch wenn wahrscheinlich nur wenige die Bücher von Dawkins zu Ende gelesen haben: Seine polemischen Sprüche gegen jede Religion haben sich in vielen Köpfen festgesetzt. So starteten am 12. April zum Beispiel in Luxemburg erneut missionarisch werbende Info-Busse. Sie fahren durchs Land mit dem Motto: »Nichtreligiöse sollen stolz sein auf ein rationales und vernunftorientiertes Weltbild.« Ähnlich wie Papst Benedikt XVI. beanspruchen diese atheistischen Zeitgenossen, »die Vernunft« zu vertreten und definieren zu können, was »normal« sei. Wie sehr sich doch fundamentalistische Argumente aus unterschiedlichsten weltanschaulichen Kreisen ähneln können …

Die neue atheistische Bewegung hat zahlreiche Kritiker auf den Plan gerufen. Doch sie fanden nicht jene mediale Aufmerksamkeit, wie sie die Kontrahenten bekamen. Der britische Theologe Alister McGrath zielt ins Zentrum der Debatte, wenn er sagt: Dawkins folge einem wissenschaftlich überholten naturwissenschaftlichen Weltbild. Denn für den Zoologen seien die Naturwissenschaften »der« einzige Schlüssel zum Verständnis »der« gesamten Wirklichkeit. »In der Naturwissenschaft geht es aber gar nicht um Gott«, hält ihm McGrath entgegen, »und kann es methodisch auch nicht gehen.«

Diesen Denkfehler hätten die neuen Atheisten genauso wenig eingesehen »wie ihre Hauptfeinde, die frommen Vertreter des Intelligent Designs eines göttlichen Schöpfers«, betont ein anderer Theologe, der US-Amerikaner Philip Clayton. Die Naturwissenschaften könnten und wollten niemals »alles erklären« – auch wenn Intelligent Designer dies behaupten.

Der nicht gerade religionsfreundliche deutsche Philosoph Peter Sloterdijk kann Dawkins’ Buch nur als »Seichtheit« zur Seite legen und deswegen ignorieren. Die Philosophin Susan Neiman, Direktorin des Einstein-Forums in Potsdam, meint: »Ich finde, Religion nicht ernst zu nehmen ist eine Verachtung der Welt, in der die meisten Menschen heute leben und denken. Die Ansicht Dawkins’, religiöse Menschen seien allesamt irrationale Idioten, ist einfach selber Ausdruck reiner Ignoranz.« Der international geschätzte italienische Philosoph Gianni Vattimo geht noch weiter: »Heute gibt es keine überzeugenden philosophischen Gründe mehr dafür, Atheist zu sein oder die Religion abzulehnen.«

Ungeachtet dieser Kritik gibt es in vielen Ländern Propagandazentren für Dawkins’ philosophierende Biologie. In Deutschland ist es vor allem die Giordano Bruno Stiftung. Sie hat den »Gotteswahn« »als das beste religionskritische Buch« hoch gelobt. Ihr medial allgegenwärtiger Haus-Philosoph Michael Schmidt-Salomon propagiert unbeirrt den Naturalismus als »das Prinzip schlechthin«.

Die Dachorganisation der Atheisten und Konfessionslosen, der Humanistische Verband Deutschlands (HVD), steht den Thesen Schmidt-Salomons zwiespältig gegenüber. Einerseits ist die Giordano Bruno Stiftung mit dem viel beachteten Humanistischen Pressedienst eng verbunden. »Auf der anderen Seite ist für Humanisten der Atheismus kein ausschließlicher Bezugspunkt«, sagt Horst Groschopp von der Humanistischen Akademie in Berlin. Er weist »einen Krawall-Atheismus« zurück. Groschopp und der HVD wollen sich lediglich um die rund dreißig Prozent konfessionsfreien Bürger in Deutschland kümmern und deren Rechte vertreten; neuerdings vor allem mit der Forderung, endlich auch in Deutschland einen »Universitätslehrstuhl für Humanistik« einzurichten.

Die Kirchen haben noch kaum Konsequenzen aus der Tatsache gezogen, dass viele Argumente aus neuatheistischen Kreisen vor allem kirchenkritisch, man möchte sagen: »antiklerikal« gemeint sind. Klar ist: Nur eine authentische, materiell bescheidene, aber geistig hoch sensible kritische Kirche kann den neuen Atheisten konstruktiv begegnen. Die uralten naiven Gottesbilder sind definitiv zerbrochen. Gott kann nur als Geheimnis, nicht aber als irgendwie greifbare Tatsache ins Gespräch gebracht werden.

Doch es gibt in der Gesellschaft längst einen neuen, fest etablierten Theismus – und der heißt: Verehrung von Göttern mit unterschiedlichsten Namen: ständiges Wirtschaftswachstum, Geld, Profit, Abgrenzung, Krieg gegen die Armen. Angesichts dieser neuen Götter werden Christen selbst zu »A-Theisten«. So können sie ins Gespräch mit den »neuen Atheisten« treten. Die klassische Feindschaft zwischen »Atheisten« und »Theisten« wirkt im Blick auf diese neuen Götter veraltet.

Wenn das Kreuz politisch missbraucht wird

Das „philosophische Wort“ zur Woche
Das Kreuz – nur schöne Garnitur und eine kulturelle Kulisse

Im religionsphilosophischen Salon wird über das Urteil der Großen Kammer des Europäischen Gerichtshofes in Straßburg vom 18. März 2011 diskutiert. Das Thema ist schwerwiegend, weil es das Zusammenleben verschiedener Religionen und Weltanschauungen in Europa betrifft. Das Gericht hatte entschieden, dass ein Kruzifix im Klassenzimmer in Italien kein Verstoß gegen die Religionsfreiheit der Europäischen Menschenrechtskonvention sei. Ein Kreuz, als eine Art passiver Gegenstand, könne, so hieß es, keine direkte, aktive religiöse Werbung darstellen.
Uns irritiert der Jubel aus politischen Kreisen zu diesem Urteil:
Das „europäische Volksgefühl“ habe gesiegt, sagte z.B. der italienische Außenminister Franco Frattini, nach dem Urteil. Frattini gehört zur Partei Berlusconis „popolo della liberta“, dieser Fusion mehrerer Parteien, zu denen auch die Neofaschisten gehören. Diese Partei Berlusconis ist unter Katholiken und bis jetzt auch im Vatikan beliebt…
Aber was ist das „europäische Volksgefühl“? Der Name klingt merkwürdig: Erinnert er nicht an die 1930 Jahre, an das „gesunde Volksgefühl“, das bekanntlich höchst ungesund und für die Juden und Sintis und Homosexuellen höchst tödlich war? Dieser Begriff Frattinis ist heute obsolet, ja unrealistisch, weil in Europa heute auch mindestens jeder Dritte konfessionslos ist oder sich von der römischen Kirche distanziert. Die Konfessionsstatistiker sprechen eine deutliche Sprache. Der Islam ist Teil Europas und das Judentum auch, das ja bekanntlich auch nicht so viel Wert legt auf Kreuzesdarstellungen.
Wir haben den Eindruck: Das Urteil aus Straßburg wird instrumentalisiert, um eine bestimmte „weiße“ und kirchlich – vatikanisch gebundene Kultur zu verteidigen. Die Kreuzes – Liebe des Berlusconi Freundes ist pure politische Taktik. Das Kreuz als Symbol des erniedrigten, leidenden Jesus von Nazareth, des Freundes aller Armen und Ausgegrenzten, wird sozusagen seines Inhaltes beraubt. Es wird zur Kulisse, es wird ein belangloses Schmuckstück, wie man es auch aus bayerschen Kneipen (und christlichen Parteibüros) kennt. In den Kneipen am Stammtisch, im Schatten des Gekreuzigten, geht es ja bekanntlich oft nicht sehr „jesuanisch“ zu, im Sinne eines Eintretens für die Geschundenen dieser Welt, etwa Obdachlose, Flüchtlinge, sogen. Randgruppen. Religiöse und spirituelle Symbole sind aufgrund ihrer All – Präsenz in der Öffentlichkeit zu Verbrauchsgegenständen geworden. Wenn in Cafés, Frisörsalons oder Buchhandlungen als „Zierde“ eine Buddha Statue steht, bedeutet das ja auch nicht: Dass all diese Menschen den Weisungen des Erleuchteten folgen (wollen). Buddha ist wie das Kreuz Massenware geworden. Wer die Kruzifixe in öffentlichen Räumen heute verteidigt, verteidigt also ein Stück Folklore, ein Stück Schnitzkunst, das keinen religiösen Inhalt vermittelt.
Diese Meinung wird weiter unterstrichen durch frühere Urteile in Italien: Das Kreuz sei Ausdruck nationaler Identität, das Kreuz habe einen quasi weltlichen Gehalt, heißt es da. Das höchste Verwaltungsgericht des Landes, der Consiglio di Stato, hatte erklärt: Das Kreuz symbolisiere zivile Werte, die typisch für Italien seien, genannt wurden: Toleranz, Grundrechtsgewähr, Abkehr von Diskriminierung usw… All das wird ja sozusagen im Schatten des Kreuzes von der Berlusconi Regierung bekanntlich in ihrer völligen Lauterkeit, Wahrhaftigkeit und moralischen Strenge im Geiste der Bergpredigt realisiert, das wissen ja inzwischen alle. Deswegen steht Berlusconi ab April vor Gericht.
Das Merkwürdige, ja Skandalöse ist, dass viele Kirchenführer mit diesem Urteil aus Straßburg höchst zufrieden sind. Sie lassen es offiziell zu, dass das Kreuz zu einem harmlosen zivilen Gegenstand weiterhin benutzt wird, als Symbol für Regierungen, die alles andere als menschenrechtsfreundlich sind, die auch nichts wissen, von der Bergpredigt Jesu, denen das Evangelium völlig egal ist, siehe Asylpolitik usw… Für Kardinal Peter Erdö, Budapest, Opus Dei Mitglied, und Präsident der europäischen Bischofskonferenzen CCEE, gehört die Präsenz religiöser Symbole an allen (!) öffentlichen Orten zur kulturellen Identität. Noch weiter geht Erzbischof Rino Fisichella, Präsident des päpstlichen Rates für die Neuevangelisierung Europas! Er deutet das Straßburger Urteil als das “vielleicht schönste Geschenk zum 150. Geburtstag Italiens“. Und weiter: Die Zulassung der Kreuze in den Schulen habe das Verhältnis zwischen den Institutionen und dem Volksempfinden (!) wieder in Ordnung gebracht, sagte Fisichella in einem Interview mit der Mailänder Tageszeitung “Corriere della Sera” vom Samstag. Der päpstliche „Neuevangelisierer“ glaubt: Die Bedeutung des Richterspruchs gehe weit über Italien und Europa hinaus.
Im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon wurde weiter diskutiert, ob es denkbar wäre, wenn die Kirchen darauf dringen, das Kreuz nur noch in christlichen, kirchlichen Räumen zu zeigen. Ganz verzichten können die Kirchen wohl nicht mehr auf dieses Symbol. Die ersten Christen hatten ja bekanntlich andere Symbole, etwa den Fisch als Symbol für Christus. Und die reformierten Kirchen sind sehr sparsam mit der Verwendung des Kreuzes, die Remonstranten Kirche in Holland verwendet es fast gar nicht! Und zwar zu recht, weil das Kreuz als Symbol eben auch negativ –auch historisch – belastet ist! Kann denn das treffende Symbol für einen lebendigen Christus der Leichnam am Kreuz sein? Das Kreuz (mit Korpus) ist längst kein befreiendes Symbol mehr. Darüber kann man doch diskutieren und neue Möglichkeiten auszutesten, meinen Mitglieder des Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salons. Wann wird es ein Symbol geben für eine Menschheit, aus allen Religionen und Weltanschauungen, ein Symbol, in dem sich alle als Menschen wiederfinden. Klassische religiöse Symbole, auch das Kreuz, grenzen aus und schaffen oft Unfriede.
Eine weitere Frage: Wenn man sich schon Symbole in Schulen und Kneipen und Parteibüros hängen will: Da gibt es heute sicher wertvollere Symbole, in denen sich die ganze Menschheit wieder findet, denn auf das Verbindende, nicht auf das Ausgrenzende kommt es doch wohl an. Es wären Symbole, die die Sehnsucht nach einer friedlichen und gerechten Welt darstellen, etwa der Regenbogen. Darüber wäre jetzt zu reden. Warum tun das so wenige? Wovor hat man Angst?

Eine lebendige Welt weitergeben – Herausforderungen nach dem “11.9”.

Eine lebendige Welt weitergeben
Perspektiven von Herman Verbeek (Gestorben am 1. Februar 2013 in seiner Heimatstadt Groningen, dort geboren 1936). Bitte beachten Sie auch einen weiteren Beitrag zu Herman Verbeek, klicken Sie hier.

Dieser Text von Christian Modehn wurde 2011 veröffentlicht:

Verschiedene Leser unserer Website fragten, ob es Neuigkeiten über den niederländischen Dichter, Priester – Theologen und (ehem.) Politiker der Grünen Herman Verbeek  gibt.
Er ist ein Mystiker, der direkt bezogen ist auf die politischen – ökologischen Verhältnisse und Katastrophen. Über Herman Verbeek wurde früher schon in www.religionsphilosophischer-salon.de (Rubrik Denken und Glauben) berichtet. Weiter unten finden Sie ein Gedicht von Herman Verbeek in der Übersetzung von Arnold Dörr, Berlin.
Seine jüngsten Äußerungen können ein philosophisch-spiritueller Impuls sein angesichts der Katastrophe in Japan.

Herman Verbeek nennt sich selbst „ein Mönch“. Kürzlich sagte er in der ökumenischen Zeitschrift „VOLZIN“ (Utrecht):
„Der Mönch ist eine Art Metapher für den Menschen, der allein sein möchte. Dieses Allein- Sein hat eine positive Seite: Es geht um das EINS SEIN mit der Erde. Der Mönch hat sich von sich vom Himmel zur Erde gewendet. Er betet nicht länger den Himmel an, denn der ist leer. Er hat Ehrfurcht vor der Erde und lebt mit ihr. Die Erde ist das einzige, was wir haben, alles Leben geht darauf hervor und kehrt dahin zurück. Wer das leugnet und die Welt als eine lebendige Welt nicht weitergibt an die kommenden Generationen, der begehrt die Erbsünde. Der Mönch sieht den Menschen nicht länger als die “Krone der Schöpfung“, sondern eher als die gefährlichste Gattung auf dieser Erde. .. Der Mönch zeigt an, was die Menschen der Erde antun, er löst sich davon, er ist ratlos. Aber die Erde sagt: Wehr dich, steht auf. Und jemand, der jetzt sagt: Die Erde spreche nicht, der hat keine Ohren.“

„Der Mönch und die Erde“ ist auch der Titel eines neuen Lieder – Zyklus von Hermann Verbeek. Auf drei CDs sind jetzt 51 Lieder von ihm versammelt: „De monnik en de aarde“. Dieses Werk wurde am 27. Februar 2011 in der Pepergasthuiskerk in Groningen präsentiert. Auch diese Kirchgemeinde verdient viel Aufmerksamkeit: Sie ist eine freie überkonfessionelle ökumenische Basisgemeinde, (siehe: www.ovg-web.nl )

Mit dieser ökumenischen Gemeinde ist Herman Verbeek als katholischer Priester seit Jahren eng als Prediger verbunden. Sie ist eine von mehreren ökumenischen Basisgemeinden in den Niederlanden. Diese Gemeinden haben sich entschieden, ihren eigenen Weg zu gehen und nicht mehr zu hoffen, dass etwa Rom gnädigerweise – etwa nach Unterschriftensammlungen – Reformen erlaubt. Wahre Kreativität kann man in diesen Gemeinden in Holland finden (von denen in Deutschland niemand etwas wissen will)

Herman Verbeek:
Der Mönch und die Erde

Er kniete auf der Erde,
Tränen fielen auf den Boden,
er kniete sieben Mal,
worauf er täglich stand.

Jahreszeiten, Jahre und Jahrhunderte,
die der Mensch um die Erde ging.
Das Wissen ist Gewissen,
Mensch, wo bist du, Erdenbürger?

In roten, gelben, schwarzen Farben
sah er Feuer von Menschenhand,
sah Stürme über Wüsten,
sah Flutwellen über Land.

Er keuchte schweren Atems,
die Lungengeschwulst schmerzte,
er wusste, dass er ersticken würde
und kein Mensch sollte Schuld daran sein.

Er sah die Reichen lügen,
die Fortschritt predigten,
das Schneller, Höher, Weiter,
blind gesprochenes Wort, das bricht.

Er kniete auf der Erde,
bat um Vergebung, küsste sie.
Steh auf, sprach sie und wehre dich,
ratlos sah er sie an.

Übersetzung: Arnold Dörr, Berlin

Humor – Leichtsinn der Schwermut

Im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon am 25. 2. 2011 war Prof. Dr. Michael Bongardt (Philosoph und Theologe) bei uns. Aus dem weiten Umfeld des Themas HUMOR hatte Michael Bongardt ein Motto des bedeutenden Aphoristikers Elazar Benyoetz gewählt: Humor – Leichtsinn der Schwermut. Für den in Israel lebenden Denker ist Humor sozusagen die menschliche Grundhaltung überhaupt, die auch in den religiösen Bindungen, auch gegenüber Gott, Gültigkeit hat. Klar ist, dass Humor hier nicht in einem banalen Sinne eines irgendwie witzigen Verhaltens zu verstehen ist, sondern als Grundhaltung, sozusagen lächelnd dem begrenzten Dasein und damit der oft gegebenen Schwermut zu begegnen. Prof. Bongardt konfrontierte diese “Lebensform Humor” mit dem klassischen Philosophen des Humors, mit Sören Kierkegaard.
Wir bieten hier einige Aussagen Kierkegaards und Benyoetz, wie sie Michel Bongardt den 25 TeilnehemerInnen zur Verfügung gestellt hatte. In dem Beitrag über Kierkegaard wird deutlich, wie Ironie und Humor eine Art dynamische Kraft sind, zu einer umfassenden Gestalt des Menschlich zu kommen.
Wir empfehlen zu dem das von Michael Bongardt herausgegebene Buch “Humor – Leichtsinn der Schwermut”, erschienen im Universitätsverlag Dr. N. Brockmeyer, Bochum 2010, 174 Seiten. Die Kiekegaard Texte haben Verweise auf die entsprechenden Publikationen.

Humor –
Leichtsinn
der Schwermut
(E. Benyoëtz, Finden macht das Suchen leichter, S.77)

Von Ernst und Heiterkeit der Glaubenden
Religionsphilosophisches Gespräch am 25. Februar 2011

I. Glaubensernst

II. Sören Kierkegaard: Der Humor als Weg zum Glauben

Ästhetische Existenz

„Wer aber sagt, er wolle das Leben genießen, der setzt stets eine Bedin-gung, welche entweder außerhalb des Individuums liegt oder auf eine Art im Individuum ist, daß sie nicht in dessen eigener Macht steht.“
(Entweder/Oder II, S. 191)
Grenzbereich Ironie

„Ebenso wie die Philosophie mit dem Zweifel, ebenso beginnt ein Leben, das menschenwürdig genannt werden kann, mit der Ironie.“
(Der Begriff Ironie, S. 4)

Ethische Existenz

„Indes, was denn dies, mein Selbst? Wollte ich von einem ersten Augen-blick, einem ersten Ausdruck dafür sprechen, so ist meine Antwort: es ist das Abstrakteste von allem, welches doch in sich zugleich das Konkre-teste von allem ist – es ist die Freiheit.“
(Entweder/Oder II, S. 229)
Grenzbereich Humor

Der Humor ist „die Einheit des Komischen und des Tragischen.“
(Unwissenschaftliche Nachschrift I, S. 287).
„Der Humor schließt die Immanenz innerhalb der Immanenz ab und liegt noch wesentlich im Sich-Zurücknehmen durch die Erinnerung aus der Existenz in das Ewige hinein.“
(ebd.)

Religiöse Existenz

„Humor ist nicht der Glaube, sondern liegt vor dem Glauben; er kommt weder nach dem Glauben noch ist er eine Entfaltung des Glaubens.“
(ebd.)
„Der Humorist […] begreift die Bedeutung des Leidens in Beziehung auf das Existieren, aber er begreift nicht die Bedeutung des Leidens.“
(Unwissenschaftliche Nachschrift II, S. 155))

III. Elazar Benyoëtz: Der Humor der Glaubenden

In Zweifel gezogen, dehnt sich der Glaube aus
(Variationen über ein verlorenes Thema, S. 46)

Eine Theodizee kann nur der Witz erfinden
oder ergründen,
weil nur der Witz sich Humorlosigkeit leisten kann
(Die Eselin Bileams und Kohelets Hund, S. 82)

Ohne Humor läßt sich weder glauben noch zweifeln
(Variationen über ein verlorenes Thema, S. 47)

Quellenangaben: Sören Kierkegaard, Gesammelte Werke, hgg. v. H. Gerdes und E. Hirsch, Köln 1950-1969, Nachdruck Gütersloh 1979ff. Hier zitierte Bände: Entweder/Oder, GW 1+2; Unwissenschaftliche Nachschrift zu den philosophischen Bro-cken, GW 16; Über den Begriff der Ironie in ständiger Rücksicht auf Sokrates, GW 31.
Elazar Benyoëtz, zahlreiche Werke in verschiedenen Werken. Hier zitiert: Variationen über ein verlorenes Thema, Wien 1997; Finden macht das Suchen leichter, München/Wien 2004; Die Eselin Bileams und Kohelets Hund, München 2007.

Prof. Dr. Michael Bongardt, Freie Universität Berlin, mbongard@zedat.fu-berlin.de