Advent – ein philosophisches Thema?

Advent – ein philosophisches Thema?

Von Christian Modehn, im Jahr 2011. Siehe auch die philosophische Meditation: Advent in Kiew 2022. LINK

1.

Der Philosophie, so der Ausgangspunkt, ist grundsätzlich kein Thema fremd. Alle Lebensfragen können im besinnlichen Denken, kritisch fragend, nach Gründen suchend, aber weiteres Fragen offen haltend, erhellt werden. Auch der Advent kann ein Thema sein; jene 4 Wochen vor Weihnachten, die, wie der Name sagt, der Ankunft eines besonderen Ereignisses gewidmet sind, dieses erwartete Ereignis wird heute populär Weihnachten genannt. Tatsächlich ist das große ersehnte und erhoffte Ereignis im religiösen Bewusstsein der informierten Christen die Geburt Jesu von Nazareth. Dass davon heute immer weniger Menschen selbst in Europa noch etwas wissen, ist ein anderes Thema.

2.

Die ersten Christen der frühen Kirche feierten eigentlich noch nicht diesen Advent. Sie warteten auf die alsbaldige machtvolle Wiederkunft Jesu Christi als des Weltenrichters. Als dieses Ereignis ausblieb – das stellten die ersten Christen wohl spätestens am Ende des 1. Jahrhunderts fest  – wurde für die Gottesdienste während des Jahres ein liturgischer Kalender etabliert, und da begann man „unseren“ Advent zu feiern. Die Christen versuchten also einige Wochen vor dem Geburtsfest Jesu von Nazareth sich noch einmal hineinzuversetzen in die frühere Situation, als „man“ auf ihn, den Erlöser, wartete. Wer ist dieses „man“? Die Christen deuten die hebräische Bibel so, dass sie alle dortigen Ankündigungen eines kommenden Retters und Erlösers auf diesen Jesus von Nazareth beziehen, was Juden nicht unterstützen können. Da also nur wenige Juden sich der christlichen Interpretation der Weissagungen der hebräischen Bibel anschließen konnten, d.h. Christen wurden, suchten die christlichen Theologen die Erwartungshaltung auch in philosophischen Kreisen der gebildeten griechischen („heidnischen“) Bevölkerung aufzudecken. Und hier beginnt eigentlich erst eine philosophische Besinnung auf den Advent.

3.

Für das besinnliche philosophische Nachdenken kann die für Christen zentrale Gestalt Jesu Christi als des Gott – Menschen bedeutsam sein. Dabei hängt alles davon ab, wie man den Gott – Menschen versteht. Die von der griechischen Philosophie inspirierte frühe Theologie (ab dem 2. Jahrhundert) hat dieses Symbol des Gott – Menschen immer wieder der frommen Betrachtung empfohlen. Dabei hat diese Theologie m.E. nie plausibel zeigen können, wie denn der einzelne Mensch diesem Gott – Menschen überhaupt nachfolgen kann, von Nachfolge Jesu Christi ist ja ständig – gerade auch als Aufforderung zum Tun – in kirchlichen Kreisen die Rede. Die irdischen Menschen kommen natürlich permanent an ihre Grenzen, wenn sie dem Gott – Menschen nachfolgen. Denn dieser wird als frei von Sünde beschrieben, d.h. er habe keinen Anteil am Bösen. Dieser Gott – Mensch Jesus von Nazareth hat seine Freiheit nur positiv gelebt, eine Fehlentscheidung aus Freiheit sei bei ihm ausgeschlossen, heißt es in der kirchlichen Spiritualität. So bleibt also die Verehrung dieses Gott – Menschen insofern problematisch, als der Mensch immer nur an seine Grenzen geführt wird; er kann seine Freiheit nie nur positiv leben, er hat Anteil am Bösen. So bleibt also nichts als der bewundernd – verzückte Blick auf diesen unerreichbaren Gott – Menschen. Insofern ist beim Feiern der Weihnacht, also der Geburt des göttlichen Kindes, auch religiös für den einzelnen und die Gemeinde immer schon „Frustration“ und Ungenügen angesagt.

Diese Form der Religion vermittelt offenbar  kein Gefühl von Erlöstsein und Befreitsein…

4.

Hat die Philosophie einen anderen Vorschlag? Ich denke ja, sie kann die Erwartung eines „besonderen“ Menschen, eines Gott – Menschen, unterstützen, indem sie allerdings deutlich macht: Menschliches und Göttliches stehen einander nicht fremd gegenüber; unter der Voraussetzung, philosophisch könnte der Aufweis gelingen, der Mensch sei in seinem Geist über das Endliche immer schon hinaus und tangiere so sehr das Göttliche, dass er die Möglichkeit dieses Transzendierens bereits als Kraft des Göttlichen IM Menschen erlebt. Darauf wurde früher schon hingewiesen in einer philosophischen Besinnung auf „Weihnachten“.

5.

Wäre also philosophisch der Advent das fragende Suchen und Warten nach dem, was im Symbol unbeholfen „Gott – Mensch“ genannt wird?  Also eine Erfahrung der Einheit des Weltlichen und des Nichtweltlichen, des absolut Gründenden, ein Verbundensein von Endlichem  und Unendlichem im Menschen, und zwar in jedem Menschen, nicht nur in den konfessionell Gebundenen, nicht nur unter denen, die sich Christen nennen. Vielmehr hat philosophisch gesehen jeder Mensch natürlich das gute Recht, auf seine individuelle Weise sein In – Gott – Sein oder sein mit der Transzendenz Verbundensein zu leben und zu gestalten. Das muss nicht im Rahmen einer (sich orthodox nennenden) Kirche geschehen, sondern überall im weiten Feld der Kultur. Wesentlich ist: In einer philosophischen Überlegung zum Advent hat jeder Mensch bereits Anteil am Göttlichen. Das macht die Würde des Menschen aus, er ist eigentlich – wie Jesus Christus – selbst schon auf seine Art Gott – Mensch, nicht als fertiger Zustand, sondern immer voller Gefährdungen und Irrwegen.

6.

Vielleicht sollte man philosophisch angesichts des Advents eher vom Warten und Suchen nach der Realisierung des „neuen Menschen“ sprechen; auch dieses Symbol ist belastet; jeglicher ideologischer Missbrauch in totalitären Systemen mit diesem Symbol muss zurückgewiesen werden. Aber sollte nicht – trotz des Missbrauchs – weiterhin vom „neuen Menschen“ gesprochen werden, einem Menschen, der Anteil hat an der gerechten und friedvollen Welt? Diese Worte formulieren ja nicht einen naiven, kindlichen Traum. Der „neue Mensch“ wäre als das Symbol weltweiter politischer demokratischer Bewegungen zu denken; diese Gruppen, meist spontan und nicht hierarchisiert, äußern sich im Protest gegen den alles zermalmenden Kapitalismus; sie äußern sich in der Anklage an das gewissenlose Ignorieren  ökologischer Erkenntnisse auf höchster politischer Ebene.

7.

Diesem neuen Menschen gilt die philosophische Aufmerksamkeit im Advent. Dabei ist das Philosophieren nicht nur von der Ungeduld erfüllt über das Fortdauern alter, überholter unmenschlicher Systeme. Das Philosophieren muss die Erkenntnis aushalten, dass diese Sehnsucht, dieses Warten, aufs schlimmste behindert wird vom Konsum-Rausch der Vorweihnachtszeit, von der Banalisierung des Erwarteten, dem totalen Kitsch der Weihnachtslieder – auch der kirchlichen. So erscheint der Advent heute vor allem als Zeit egozentrischer Wünsche.

8.

Die Sehnsucht nach dem „neuen Menschen“, dieser gelungenen Vereinigung von Endlichem und Unendlichem, Thema aller philosophischen Mystik, braucht die innere Erfahrung und das geduldiges Handeln in Gruppen und Gemeinden, auch in philosophischen.

copyright:christian modehn, berlin.

 

 

Adieu – zur Philosophie des Abschiednehmens

Adieu

Leben ist Abschiednehmen

Von Christian Modehn

Vor kurzem erhielt ich eine ungewöhnliche Einladung: „Herzlich willkommen zur Abschiedsparty! Viele Grüße von Anne und Richard“. Als ich dann, etwas verspätet, eintraf, plauderten die Gäste im Wohnzimmer, es war leer geräumt. Etwa 20 Bücherkartons standen in der Mitte, waren eine Art Buffet für Gläser und Tassen. Anne wandte sich an ihre Gäste: „Wir ziehen also um. Morgen geht’s los. Wir beide wollen nur noch halbtags arbeiten. Eine große Wohnung können wir uns nicht mehr leisten. Darum die Abschiedsparty, von euch … und von der Wohnung“.

Die beiden führten uns in die anderen Zimmer. „Hier, am Fenster, habe ich meine Magisterarbeit geschrieben“, sagte Anne. „Dort das Schlafzimmer “, meinte Richard schmunzelnd, „es war unser aller liebster Raum“. Zwischendurch berührten die beiden noch einmal die Wände und die Fenster, fast so, als streichelten sie ihre alte Wohnung. Dann machten sie jede Tür zu, fest entschlossen, diese Räume nicht mehr zu betreten. Wir Gäste schauten ein wenig verwundert. Aber Anne rief uns zu: „Seid ihr etwa traurig? Richard und ich freuen uns, wir sind glücklich über einen Neubeginn.“

Ein wenig irritiert verließ ich das Haus: Die beiden hatten sich von einem Abschnitt ihres Lebens mit einem kleinen Ritual verabschiedet. So wurde ihnen das Fortgehen erträglicher. Normalerweise überspielen wir das Abschiednehmen. Wie viele  „Tschüß“ und „Auf Wiedersehen“ sagen wir täglich. Meinen wir es ernst? Wir verdrängen gern, dass die herzliche Umarmung von einer guten Freundin oder einem lieben Kollegen vielleicht die letzte sein kann, für sie …oder auch für mich.

Ich hatte das Glück, in der Kindheit und Jugendzeit fast täglich ein kleines Abschiedsritual zu erleben. Meine Mutter war fest überzeugt: Ihren Kindern tue es gut, wenn sie uns vom Balkon aus nachwinkt. So drehte ich mich winkend um, auf dem Weg zur Schule oder auch nachmittags unterwegs zum Spielen oder Einkaufen. Das Winken war Tradition geworden, aber es war keine leere Geste, sondern Ausdruck der Verbundenheit. „Das Winken, diese sanfte Handbewegung, überwindet noch mal den Abstand“, sagte meine Mutter. „Wenn zwei Hände sich noch suchen und berühren wollen, entsteht eine Bewegtheit, etwas Lebendiges. Aber sofort müssen wir es akzeptieren, dass wir uns schließlich aus den Augen verlieren. Wir müssen unseren Weg weitergehen, allein oder mit anderen.“.

Seit einigen Jahren befassen sich Philosophen mit dem Abschiednehmen. Wilhelm Weischedel z.B. hat in seinem Buch „Skeptische Ethik“ den Begriff der „Abschiedlichkeit“ geprägt. „In dieser Haltung können wir uns von selbst distanzieren. Wir klammern uns nicht an einen Moment des Lebens. „Der abschiedlich lebende Mensch wird sein Herz und seine Vernunft nicht endgültig an das hängen, woran er sich bindet“, schreibt Wilhelm Weischedel.

Voraussetzung ist: Wir müssen denkend und meditierend einüben, dass das Leben ein Weg ist, und den kann es ohne Neubeginn gar nicht geben, sondern nur mit Brüchen und Umbrüchen, mit dem ständigen Weitergehen.

Mit dieser oft verdrängten Erkenntnis beginnt eine „abschiedliche“ Lebensphilosophie. Wer den Abschied in sein Leben integriert, hütet sich davor, allzu zu sehr zu „klammern“. Loslassen ist entscheidend, und diese Haltung können wir praktisch einüben: Volkshochschulen z.B. bieten spezielle Gesprächskreise zum Abschiednehmen an. In einer „Projektbeschreibung“ heißt es: „Mit dem Ausstieg aus dem Berufsleben beginnt eine neue Lebensphase. In einer ganz auf Aktivität und Arbeit fixierten Welt ist der Ruhestand oft verpönt. Wer abrupt aus der Arbeitswelt ins Rentnerdasein entlassen wird, ist oft in seinem seelischen Gleichgewicht erschüttert. Wer bewusst und langsam Abschied nimmt, erlebt nicht diese Erschütterungen“.  Ja Sagen zum Wandel, zu neuen Lebensphasen, zu Aufbrüchen, das spendet Energie.

Manchmal sind wir irritiert, wenn wir nach Jahren alte Bekannte unverhofft wieder treffen und feststellen müssen: Der Rolf oder die Ingrid sind immer noch so starrsinnig und festgefahren wie früher. Fast als Bonmot gilt inzwischen ein Satz aus den „Geschichten vom Herrn Keuner“ von Bertold Brecht: „Ein Mann, der Herrn K. lange nicht gesehen hatte, begrüßte ihn mit den Worten: „Sie haben sich gar nicht verändert.“ „Oh! sagte Herr K. und erbleichte“.

Bertold Brecht war überzeugt: Menschliches Leben gibt es nur als Veränderung. Wer sich an eine bestimmte Lebensphase klammert, hat Angst vor dem Unbekannten, im letzten auch Angst vor dem definitiven Abschied, dem eigenen Tod. Es ist die Ungewissheit: Werde ich definitiv verschwinden, in ein Nichts stürzen oder gibt es etwas Bleibendes, was die Tradition „Ewigkeit“ oder „bei Gott sein“ nennt.  Beweise für die eine oder andere Meinung gibt es nicht. Aber die Erfahrung könnte weiterhelfen, dass wir in unserem Alltag meist unbewusst von einem Grundvertrauen in die Wirklichkeit leben. Wir glauben, dass es besser ist, die Wahrheit zu sagen als zu lügen, dass es besser ist gut als böse zu sein. Trotz vieler Enttäuschungen und Katastrophen halten wir daran, dass wir der Wirklichkeit im ganzen vertrauensvoll begegnen können, trotz widriger Zustände in der Welt gibt es eine letzte Geborgenheit. In dem „trotz allem“ zeigt sich doch eine Stärke menschlichen Geistes. Trägt uns die geistige Wirklichkeit auch über den Tod hinaus? Wer kann das grundsätzlich ablehnen?

Philosophen der Abschiedlichkeit drängen allerdings darauf,  sich nicht in diese Spekulationen zu verlieren, sondern die vielen kleinen Abschiede bewusst und achtsam wahrzunehmen, zu bedenken und im eigenen Herzen zuzulassen. Kinder sind froh, wenn sie nach dem Abitur nicht mehr unter der Aufsicht der Eltern leben müssen und endlich eine eigene Wohnung haben. Wenn Verliebte zusammen leben wollen, erleben sie Abschied von zuhause als Befreiung in die Selbständigkeit. Selbst der Umzug in ein Haus betreuten Wohnens im Alter kann als Befreiung erlebt werden, vorausgesetzt, man entschließt sich noch als „jüngerer Rentner“ und nicht erst als Schwerkranker für diesen Neubeginn.

Religiöse Traditionen empfehlen zudem, den Abschied mitten im Alltag regelmäßig auch rituell zu gestalten. Im Sabbat, also am Freitagabend, verabschieden Juden ausdrücklich die vergangene Woche mit ihrer Mühe und Last. In der Sabbat Feier zu Hause zündet die Mutter Kerzen an und begrüßt mit diesem Ritus den Sabbat als einen neuen, einen „ganz anderen“ Tag. Auch in der Synagoge verabschieden sich die Gläubigen von der alten Arbeitszeit und  heißen den Tag der Ruhe wie eine „Braut“ willkommen:

„Auf, mein Freund, der Braut entgegen,

Das Angesicht des Sabbat wollen wir begrüßen.

Auf mein Freund, der Braut entgegen,

Die Königin Sabbat wollen wir begrüßen“.

Rabbi Shlomo Alkabez hat diese Worte im 17. Jahrhundert geschrieben, Worte, mit denen die Gläubigen am Sabbat für ein paar Stunden die alte Welt hinter sich lassen, die Arbeit und Plackerei, die Gier nach Erfolg und Geltung. Ist es  nur ein Traum, dass dieses Fest „der neuen Welt“  „auf ewig“ Bestand haben sollte?

Wer den Tod, den definitiven Abschied, mitten in sein eigenes Leben einbezieht, muss nicht in eine Angststarre geraten. Von Kurt Marti, dem weltweit geschätzten Dichter und Theologen in Bern, berichten seine Freunde: Kurt Marti habe jetzt als 90 Jähriger tatsächlich losgelassen und sich aus dem früheren Leben verabschiedet. Seine schöne Wohnung hat er aufgegeben und sich in einem Heim für alte Menschen sozusagen ein „leeres Zuhause“ geschaffen. Wer ihn besucht, findet tatsächlich neben dem Bett nur einen Sessel. In der Mitte steht ein Tisch mit zwei Stühlen, in einem Regal sind nur noch wenige Bücher. Kurt Marti, der Bücherliebhaber und Schriftsteller, nennt diese wenigen verbliebenen Gegenstände, sein „Gepäck“, von dem er sich leicht verabschieden kann, wenn das Leben zu Ende geht. In diesem Abschieds Zimmer hat er vor kurzem ein Buch geschrieben mit dem Titel: „Heilige Vergänglichkeit“. Darin heißt es:

„Erwünscht wäre im Alter wahrscheinlich: Heitere Resignation. Noch besser ist allerdings – womöglich dankbare – Bejahung unserer Vergänglichkeit. Sie ist vom Schöpfer gewollt und deshalb: Heilige Vergänglichkeit“.

Die Vergänglichkeit kann Kurt Marti, der Christ und Theologe, „heilig“ nennen, weil sie von Gott so gewollt ist: Wir sind als endliche Wesen mit einer begrenzten Lebensdauer für eine unvollkommene Welt von Gott geschaffen. Das ist eine Grundüberzeugung christlicher Spiritualität. Was wäre denn auch die Alternative? Die Vorstellung etwa, wir bräuchten als Unsterbliche uns niemals von unserer Existenz zu verabschieden, könnten also ewig leben auf Erden: Da würde man jede Entscheidung auf ewig verschieben, ohne Entscheidung aber gibt es keine Freiheit. Unsterblichkeit auf Erden: Das wäre zutiefst unmenschlich.

Darum bleibt die Frage entscheidend: In welcher Weise und in welcher Stimmung, können sich Menschen würdig verabschieden? Die christliche Religion hat darauf eine provozierende Antwort: Jesus von Nazareth hatte noch die Kraft, einen Tag vor seinem Leiden, den definitiven Abschied im Kreis seiner Freunde zu feiern, also in Ruhe zu speisen und Wein zu trinken. Die Bilder vom Letzten Abendmahl, etwa das Gemälde Leonardo da Vincis, sind weithin bekannt. Jesus hat sich hier die Gelassenheit bewahrt in tiefster Erschütterung, im Angesicht der bevorstehenden Verurteilung, nicht völlig verloren zu sein. Selbst sterbend am Kreuz betete er noch einen Psalm.

Aber wer kann heute seinen eigenen definitiven Abschied wirklich feiern? Sterben nicht die meisten abgeschoben, isoliert, verlassen?  Ich habe in Holland schwerstkranke Menschen erlebt, die im Kreis ihrer Familie und manchmal in Anwesenheit eines Pfarrers im Rahmen der frei gewählten Sterbehilfe würdig Abschied nehmen konnten. Letzte Küsse, letzte Worte, ein Lächeln. Ein „Adieu“. Wer das miterleben konnte, scheut sich vor übereilten Urteilen und Vorurteilen über die gelegentlich angewandte aktive Sterbehilfe…

Aber darüber hinaus gilt: Diese Gelassenheit, in schweren Stunden zuversichtlich „das endgültige Adieu“ zu sagen, verstehen viele Menschen als Geschenk göttlichen Energie. Der Briefwechsel zwischen James Graf Moltke mit seiner Frau Freya ist dafür ein Zeugnis. James Moltke, der Widersacher der Nazis, wartet im Gefängnis Berlin – Tegel auf sein Todesurteil. Beinahe täglich konnten die  Liebenden einander schreiben und so ihre Verbundenheit ein wenig spürbar werden lassen. Als dann das definitive Ende für ihren Gatten nahte, schrieb Freya Moltke: „Ich verlasse dich nicht, denn meine Gefühle und alles, was lieben kann in mir, gehört ja Dir“.

Eine Philosophie des Abschieds wird keine treffenderen Worte finden: Trotz der definitiven Trennung blieben wir im Geist verbunden, im Geist der Liebe. Denn „die Liebe währet ewiglich“, sagen die Weisen aller Religionen.

Dieser Beitrag erschien am 5. November 2011 in der empfehlenswerten Zeitschrift PUBLIK FORUM,

copyright: christian modehn

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Orte der Transzendenz – Charles Taylor wird 80

Orte der Transzendenz: Der Philosoph Charles Taylor (Montréal, Kanada)

Anläßlich seines 80. Geburstatags am 5. November

Er ist einer der vielseitigsten Philosophen der Gegenwart: Charles Taylor hat viele Jahre als Professor für Philosophie und Politologie an der Mc Gill University von Montreál gearbeitet. Hermeneutik, Anthropologie, Sprachphilosophie, Sozialphilosophie sind einige seiner Themen, abgesehen vom praktischen Engagement in der Provinz Québec, neu die Laizität des Staates und damit das Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen und Religionen vernünftig zu gestalten (siehe dazu auf Deutsch sein neues Buch „Laizität und Gewissensfreiheit“, Suhrkamp). Taylor hat den berühmten Hegelpreis 1997 erhalten, sowie den „japanischen Nobelpreis“, den Kyoto-Preis, im Jahr 2008. Wir weisen darauf hin, dass der beste Kenner der Taylorschen Philosophie der in Jena lehrende Soziologe Hartmut Rosa ist.

Das besondere Interesse Taylors gilt der Frage, wie Religion heute begründet werden kann, angesichts der Tatsache, dass die westliche Kultur von der Säkularität, also der Immanenz und der Weltlichkeit, bestimmt ist.

Für den Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon können nur einige Denkanstöße Taylors zur Diskussion weiter gegeben werden.

Taylor erinnert an grundlegende historische Entwicklungen:

1. Wir leben heute in einer “entzauberten Welt“. Der Glaube ist weithin verschwunden, dass etwa Naturgewalten mit kirchlich – religiösen Riten und Gesten besänftigt werden können (etwa das Läuten der Glocken bei Unwetter – zur Besänftigung Gottes – ist praktisch ganz verschwunden).

2. Es setzt sich immer mehr die Überzeugung durch, dass menschliche Existenz ausschließlich immanent verstanden werden soll. Bei der Bestimmung des Begriffes des Guten wird mit „auf jeden Transzendenzbezug verzichtet“.

3. Anstelle des Kosmos wird heute das unendliche Universum erlebt. Aber da passiert nach Taylor etwas Merkwürdiges: Auch Ungläubige „kommen nicht umhin, eine tiefe Demut und Verwunderung angesichts dessen zu empfinden, das uns so über alles Maß übersteigt“ (zit. in einem Beitrag Taylors für die Zeitschrift „Information Philosophie“, Juni 2003, S 12). Nur evangelikale Fundamentalisten und „eingefleischte Materialisten“, so Taylor, sehen in dem Universum nichts Geheimnisvolles; die einen, weil sie alles biblisch erklären, die anderen, weil sie alles naturwissenschaftlich in den Griff zu bekommen meinen.

4. Wir leben, so Taylor, in einer Kultur der Gottesfinsternis. „Die Transzendenz ist aus dem öffentlichen Feld geschlagen“ (ebd., S. 14). Aber es hat keinen Sinn, das „Rad der Zeit“ zurückzudrehen. Die alte „Christenheit“ als machtvolles System kann nicht wiederhergestellt werden, das gilt vor allem im Blick auf die katholischen Traditionalisten. Wir sollen sehen, was jenseits der Gottesfinsternis für Möglichkeiten des Denkens liegen.  Taylor verweist auf die radikale Liebe zum Nächsten, „eine Liebe, zu der wir nur durch Gottes Gnade fähig sind“.

5. Die Musik, die Poesie und die Malerei hat uns neue Möglichkeiten gezeigt, die Wege in die Transzendenzerfahrung weisen.

6. Es gibt offenbar eine strikte Kontinuität im Denken Taylors. Religionsphilosophisch ist diese Dimension in der Frage nach Orten der Transzendenz fundiert. Dabei sieht der Philosoph, der sich als Katholik bezeichnet, auch die vielen Fehler, die vonseiten der Kirchen und ihrer Institutionen begangen wurden und werden. Er prognostiziert einen weiteren Exodus aus der katholischen Kirche aufgrund des rigiden Lehramtes und der moralischen rigorosen Gebote, die der Klerus, der diese verordnet, selbst oft nicht respektiert. Dann werden die Menschen wohl frei, eine vernünftige Form von Spiritualität selbst zu suchen und zu leben,  an neuen Orten der Transzendenz.

7. Zur jüngsten Veröffentllichung Taylors in deutscher Sprache über die Laizität: Darin trtt er für eine offene Laizität ein, er unterstützt den kulturellen, also den nicht- konfessionellen Unterricht über Religionen an öffentlichen und privaten Schulen, wie er in Québec eingeführt wurde, für Kinder wie für Jugendliche. Außerhalb des verbindlichen und gemeinsamen Lehrplanes können nur Privatschulen weiterhin einen konfessionellen Religionsunterricht anbieten.

Entscheidend ist für den Philosophen, das Zusammenleben in einer pluralistischen Gesellschaft auf diese Weise zu fördern.

8. Zentral ist für Charles Taylor die Gleichbehandlung der Religionen, auch der nicht-religiösen Gemeinschaften, in einer pluralistischen Gesellschaft.

Das Thema: Neue Orte der Transzendenz wird das Motto unseres Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salons im Jahr 2012 sein.

Die wichtigsten Publikationen von Charles Taylor in deutscher Sprache:

– Ein säkulares Zeitalter, 2007, dt. Ausgabe 2009.

– Die Formen des Religiösen in der Gegenwart, 2001

– Wie viel Gemeinschaft braucht die Demokratie? Politische Aufsätze, 2001

– Quellen des Selbst. Die Entstehung der neuzeitlichen Identität, 1994, dt. 1996

– Das Unbehagen an der Moderne, 1995,

– Negative Freiheit? Zur Kritik des neuzeitlichen Individualismus, 1992,

– Multikulturalismus und die Politik der Anerkennung, 1992,

– Hegel, 1978 und 1983

– Erklärung und Interpretation in den Wissenschaften vom Menschen, 1976

 


 

 

 

 

 

Der Kampf um Befreiung – und die Theologie

Neue Herausforderungen und Perspektiven für die Befreiungstheologie

Von Alfons Vietmeier, Mexiko – Stadt, Mitte Oktober 2011

Alfons Vietmeier lebt seit vielen Jahren in Mexiko, er beobachtet als Theologe die religiöse, soziale und polische Entwicklung in Mexiko und Lateinamerika. Als Gastautor schreibt er in der Rubrik „Der andere Blick“ über Themen, die sich im Zusammenhang von Befreiung und Unterdrückung stellen. Der religionsphilosophische Salon ist der philosophischen Aufklärung – und der Kritik der Religionen – verplichtet, deswegen haben Alfons Vietmeiers kritische Berichte zur Gegenwart Lateinamerikas ihren wichtigen Platz.

“Befreiende Hoffnung und Theologie”, so stand es groß auf der Leinwand im Versammlungszelt der Veranstaltung  “Theologische Tage” in Mexiko. Über 200 engagierte Christinnen und Christen waren Anfang Oktober dreieinhalb Tage zusammengekommen, um – endlich, so sagte eine ältere Teilnehmerin – die Impulse der lateinamerikaischen Befreiungstheologie im heutigen Kontext noch einmal grundlegend neu zu buchstabieren und zu “dynamisieren”, wie es hieß.

Es war kein akademischer Kongress. Natürlich haben auch einige akademisch in Sozialwissenschaften und Religionswissenschaft Arbeitende teilgenommen, aber Mexiko hat fast keine universitäre Theologie, wegen der historisch gewachsenen scharfen Trennung von Kirche und Staat. Einstiegsreferate als persönliches Zeugnis haben eingebracht Enrique Dussel, seit vielen Jahren in Mexiko  lebender Historiker und Philosoph, und María Pilar Aquino, in den USA lehrende mexikanische Theologin. Es war auch kein Dialogforum mit Representanten  aus Kirche, Gesellschaft und Politik. Wohl gab es ein öffentliches Forum im überfüllten Auditorium der Menschrechtskommision über “Menschrechte und Friedensarbeit”, mit Zeugnissen des Koordinierungsteam der neuen mexikanischen Friedensbewegung, alle sind  engagierte Christinnen und Christen.  Das hatte Resonanz in den Medien, wobei man sehen muss: Das öffentliche, “mediale”  Kirchenbild ist fixiert auf amtskirchliche Äußerungen!

Es war ein seit Jahren immer erneut gefordertes und endlich gelungenes (Wieder-) Treffen der befreiungsttheologisch Motivierten im gesellschaflichen und kirchlichen Feld: sicher eine Minderheit, die sich jedoch bewegt. Wichtig war ein kreatives Miteinander dreier Generationen. Es brachten sich viele ältere “AktivistInnen” ein, insbesondere Ordensschwestern und Priester progressiver Provenienz, erfahren in ungezählten Auseinandersetzungen innerkirchlicher und außerkirchlicher Art, wenn sie sich bemühten die “Option für die Armen” und für eine gerechte Gesellschaft konkret, “vor Ort”, zu gestalten. Dann war dabei die Generation der 30- bis 50 Jährigen. Viele haben in den letzten 20 Jahren sogenannte “Zivilorganisationen” geschaffen, haben dort ihr Christsein gestaltet, weil das innerkirchliche Milieu zu erstickend für sie wurde. Und – das ist besonders erfreulich – war eine erstaunlich grosse Gruppe junger Leute unter 30 Jahren dabei, die  sich “frisch und munter”, möchte man sagen, in die Diskussionen einbrachten. Für Mexiko absolut neu war eine ökumenische Orientierung und zugleich ihre organisative Vernetzung mit einem progressiven Spektrum freikirchlicher Organisationen, insbesondere baptistischer, methodistischer und presbyterianischer Herkunft. Diese und andere prostestanische Kirchen haben in Mexiko – Stadt ein gemeinsames Aus- und Fortbildungsseminar; dort war auch der Tagungsort. Prägend war insbesondere die Teilnahme von Schlüsselleuten der mittlerer Führungsebene in Kirchen und Zivilgesellschaft, d.h. Multiplikadoren mit der Fähigkeit, sozialwissenschaflich und zugleich theologisch zu denken und zudem mit realem Einfluss in Prozessen vor Ort. Das brachte immer wieder frische Luft in den Erfahrungsaustausch und deren Vertiefung.

Das vitale, vieles umgreifende Thema war: “Gewalt und Spiritualität für den Frieden”. Befreiung geschieht immer im konkreten Kontext und dieser ist derzeit in Mexiko die schreckliche Realität von wachsender Gewalt und gleichzeitig ist der Schrei nach Gewaltlosigkeit, nach Frieden – Schalom, immer deutlicher zu vernehmen. Das Thema wurde vertieft in sechs Arbeitsforen: Ökonomie, Ökologie, Migration, Menschenrechte, Bürgerbeteiligung und kirchliche Praxis. Schon diese Auffächerung zeigt, wo es derzeit brennt und wo man sich bemüht um eine christlich befreiende Praxis und eine entsprechende theologische Vertiefung.

Die lateinamerikanische Befreiungstheologie hat ihre 40 – jährige Geschichte: Katholischerseits formulierte sie 1971 der Peruaner Gustavo Gutiérrez in seinem Buch “Theologie der Befreiung” , so wurde der Titel dieser neuen weltweiten theologischen Orientierung verbreitet. Seitens des Protestantismus hatte der Brasilianer Rubem Alves schon 1968 theologisch am Thema gearbeitet über “Theologie der menschlichen Hoffnung als Befreiung”.

Damals waren  autoritäre Regime, fast ausnahmslos von Militärdiktaturen, der gesellschaftliche Kontext in Lateinamerka. Davon galt es sich zu befreien. Das beinhaltete den Sturz der Diktaturen und das kostete auch ungezählte Opfer, Christen ließen ihr Leben, sie werden als Martyrer verehrt. Der kirchlich wohl bekannteste Martyrer ist Oscar Romero, Erzbischof von San Salvador in Zentralamerika.

Aber leben wir seit dem Ende dieser grausigen Miilitärdiktaturen etwa im “gelobten Land” der formalen Demokratien und deshalb in Gerechtigkeit und Frieden?

Im bewährten befreiungstheologisch  – methodischen Dreischritt “Sehen – Urteilen – Handeln” ging es zuerst um eine kritische Bestandsaufnahme und Analyse der derzeitigen und zu erwartenden und zu befürchtenden gesellschaftlichen Grundprobleme. Es gibt mehr Verarmte als vor 10 Jahren (siehe den neuen Welthungerbericht der UNO), diese Verarmten, arm gemachten Menschen, haben konkrete Gesichter und Leidensgeschichten. Das Ökosystem geht kaputt (grossflächige Abholzungen, zerstörerische Ausbeutung der Bodenschätze etc.). Die ländliche Räume bluten bevölkerungsmäßig weiter aus (Mais-, Kaffee- und andere Agrarrohstoffe werden an den Börsen hochspekuliert; die Gewinne bleiben im Agrobusiness). Das ist ein zentraler Grund für die Migration in die Megastädte (die chaotisch wachsen, sich mit Konsumtempeln füllen, wo alles mit immer mehr Pump finanziert wird und damit neue Elendsformen sich ergeben). Es gibt die Migration in den “Norden”, in die USA, dort sind die Latinos ohne Papiere wehrlos der Diskriminierung ausgesetzt. Aber auch dort ist Krise, z.B. in der Bauwirtschaft oder in der Hotelbranche: also Handlanger, Zimmermädchen und Kellner “raus”, heißt dort das Motto. Also zurück nach Mexiko! Und dort? Kanonenfutter der Drogenkartelle?! “Menschenrechte” verkommen dabei zu frommen Sprüchen und “Demokratie” wird zu einer leeren Worthülse, denn die wahre Macht haben einige Wenige , die minutenschnell mit Billionen “Wertpapiere” weltweit spekulieren, verzocken und vor allem ruinieren. Ein Teufelskreis wird sichtbar, zuerst einmal in konkreten Geschichten von Angehörigen und Bekannten in den eigenen Regionen.

Eine Systemkrise des “neoliberaler Spätkapitalismus” wird immer deutlicher: Ein sich immer schneller um Gewinnmaximierung drehendes Teufelsrad schmeisst immer mehr aus dem halbwegs menschlichen Leben “raus”: Riesige Bevölkerungsmehrheiten und nun auch ganze Länder. “Wir stecken im Sumpf.  Alle milliardenschwere Umschuldungen und Rettungsschirme sind wie der Versuch von Münchhausen, sich an den eigenen Haaren  aus dem Sumpf herauszuziehen!” merkte ein Teilnehmer an. Eine Teilnehmerin zitierte daraufhin Einstein: “Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind!” Und unter viel Zustimmung sagte sie energisch:  “Hier sind wir als Cristen eingefordert, Bekehrung voranzubringen in Gedanken, Worten und Werken! Schon Paulus ermahnte: Gleicht Euch nicht dieser Welt an, sondern wandelt Euch!” Die Reflexion konzentrierte sich auf das, was “Wandel” konkret beinhaltet: er beginnt im eigenen Leben und in den Nahbeziehungen (= In Basisgemeinden und solidarischen Kollektiven schon praktizieren, was wir “nach aussen” als Gesellschaftsveränderung fordern.)  Zudem und zugleich beinhaltet der Wandel auch Vernetzung mit gesellschaftsverändernden Initiativen und deren Agenda.

Christsein ist befreiende Botschaft und befreiende Praxis. Diese ist natürlich verwoben mit Ökologie und Ökonomie, mit Migration, Menschenrechte und Bürgerbeteiligung. Gott ist nicht ausserhalb der realen Lebens mit ihrer Nöten und Hoffnungen. Dies ist keine Kopfgeburt einiger Theologen, sondern vitale Notwendigkeit der unter Sklaverei, Ausbeutung und Willkürherrschaft Leidenden. Diese Menschen sind weiterhin in vielen Teilen der Welt die absolute Bevölkerungsmehrheit.

Deshalb ist es auch für alle Religionen notwendig, klar zu sagen,wo konkret ihr Gott beheimatet ist: bei den Mächtigen oder bei den Ohnmächtigen? Gott verkörpert im ägyptischen Pharao? Nein! Jahwe hörte den Schrei der Sklaven und begleitete sie auf dem Weg der Befreiung! Gott verkörpert im römischen Kaiser? Nein, sagten die Christinnen und Christen, auch wenn es ungezählte Martyrer kostete. Macht darf nicht vergöttlicht werden. Gott selbst ist ein armer Machtloser geworden In Jesus von Nazareth. Wegen seiner Parteilichkeit (vgl. die Bergpredigt und sein Durchbrechen von Systemregeln) ist er selbst Opfer geworden. Ostern ist das neue Leben, trotz allem…  Von unten, von und mit den Verarmten und Opfern, wächst die andere Art von Sinn und Zukunft als Gerechtigkeit für alle!

Das seit etwa 20 Jahren sich immer mehr verschärfende “Gesetz der totalen Gewinnmaximierung” als Systemregel und Grundstruktur wirtschaftlichen Handeln ist Götzendienst. “En god we truth” steht auf der Dollarnote: “Nein, an diesen Götzen glauben wir nicht, davon müssen wir uns befreien!”, war einhellige Meinung. Christsein ist in seiner Essenz antikapitalistisch: “Ihr könnt nicht zwei Herren dienen, Gott und dem Geld!”, sagte Jesus und praktizierte einen anderen, den solidarischen Weg. “Alle teilten untereinander was sie hatten und alle wurden satt”, so bei der Brotvermehrung., einer Geschichte aus dem Leben Jesu von Nazareth.

Die bei den “Theologische Tagen” Versammelten sahen genau hier die neuen Herausforderungen für “die befreiende Hoffnung und Theologie”. Ähnliche Treffen fanden in den letzten Monaten in anderen Regionen Lateinamerikas statt oder werden noch stattfinden. Das mündet im Oktober 2012 in einen lateinamerikanischen Kongress in Brasilien. “Die Befreiungstheologie ist nicht tot!”, unterstrich die Sprechergruppe  der Begegnungstage. “Die Herausforderungen sind heutzutage anders als vor 40 Jahren. Viele der damaligen Theologen sind alt geworden oder leben nicht mehr. Wir haben eine neue Generation, die befreiungstheologisch denkt und kämpft. Sie ist aktiv im solidarischen Teil unserer Kirchen, in Basisgemeinden und auch in  Bürgerinitiativen zugunsten der Zivillgeschaft, es gibt neue Vernetzungen, daraus erwächst eine neue Spiritualítät mit einer neuern  Agenda. Wir finden sie in fast allen Regionen Mexikos und über die Grenzen hinaus.”

Worum geht es in der neuen Agenda? Da ist zuerst und vor allem eine neue “Öko – Theologie”, die Ökologie, Ökonomie und Ökosysteme als integrales Ganze und göttliche Gabe begreift, daraus werden ökumenische Projekte: Befreiung von Ausbeutung der Natur und der Menschen, einfach Leben und gesund Leben und das in solidarischer Vernetzung (solidarische Wirtschaft). Das schließt ein, mit der Logik zu brechen von “Alles auf Pump” mittels Kreditkarten und dann mit lebenslanger Verschuldung. Deshalb gilt es, vor allem ein kritisches Konsumbewußstsein zu entwickeln, das sich emanzipert vom manipulierenden Marketing. So wie Drogenabhängige nicht mit gut gemeinten Ratschlägen, sondern nur einen Entziehungtherapie (“Entgiftung”) sich von dieser Abhängigkeit befreien können, benötigt auch ist unsere Konsum – (Kredit-, IPod-, Tabletten- etc.) Sucht viele Selbsterfahrungsgruppen, die diese “Entziehungskuren” einüben (“anders besser Leben”), wir brauchen therapeutische Begleitung. So wachsen und vernetzen sich immer mehr “Alternativ – Zellen”, die sich wiederum einsetzen für eine psycho – sozial gesundere Gesellschaft, die ihre plurikulturelle Vielfalt als Bereicherung annimmt und deshalb jegliche Diskriminierung  (aus sexuellen, rassischen, kulturellen, religiösen u.a. Gründen) überwindet. Das benötigt neue Sprach-, Aktions- und Organisationsformen, insbesondere in Vernetzung mit und inmitten der Vielfalt der Zivilgesellschaft.

Perspektiven und motivierte Leute sind da. Nun gilt es weiter machen.

 

 

Inspirierende „web“ Adressen

Inspirierende web Adressen zur Spiritualität
Zusammengestellt von Christian Modehn Sept. 2011

Im weltweiten web kann man Adressen finden, die eine Spiritualität fördern und leben, die die Grundsätze vernünftiger Kritik respektiert, also alles – im philosophischen Sinn „Spinöse“ – ausschließt: Vielleicht inspiriert das Berliner, die erleben, dass in anderen Teilen der Welt Neues versucht wird.

In den USA hat der berühmte Komponist und Cellist Felix
Wurman (1958 -2009) die „Beethoven Kirche“ (Church of Beethoven) gegründet, mit inzwischen mehreren Filialen u.a. in Albuquerque. Diese Kirche trifft sich sonntags zum gemeinsamen Hören von klassischer Musik, von Poesie, sie praktiziert die Stille, ist undogmatisch und tolerant.

http://www.churchofbeethoven.org/

… ..
In den Niederlanden beginnt Ende Oktober der traditionelle Monat der Spiritualität, mit einer breiten öffentlichen Aufmerksamkeit, und das in einem Land, in dem 30 Prozent der Bewohner Mitglieder christlicher Kirchen sind.

http://www.maandvandespiritualiteit.nl/

…….
In den Niederlanden gibt es seit 400 Jahren eine undogmatische „freisinnige“ christliche Kirche, die Remonstranten. Jedes Mitglied formuliert sein eigenes privates Glaubensbekenntnis. Seit 25 Jahren schon Segnung der Ehen Homosexueller, auch für Nicht – Mitglieder; das offene Abendmahl ist selbstverständlich.
Für Berlin siehe: www.remonstranten-berlin.de

…….
In den Niederlanden gibt es jetzt eine Filiale der internationalen Renaissence Kirche, sie verbindet verschiedene religiöse Traditionen auch im Gottesdienst, jetzt wurde in Holland ein eigenes Seminar geschaffen.

http://renaissensemovement.nl/

Die Hierarchie des lieben Gottes

Wir wurden von verschiedenen Seiten gebeten, unser Manuskript (2009) über das Wesen bzw. Unwesen der katholischen Hierarchie noch einmal zugänglich zu machen, es ist gerade angesichts des Papstbesuches in Deutschland interessant und angesichts der bevorstehenden Versöhnung mit den politisch wie theologisch reaktionären Pius – Brüdern.
Das Manuskript wird hier in einer Form präsentiert, wie es für Hörfunkzwecke üblich ist; ich hoffe, dass die Lektüre dennoch leicht möglich ist, die Vielfalt der O Töne unterstreicht den Wert der Arbeit. copyright: christian modehn

Lebenszeichen WDR
Die Pyramide des lieben Gottes
Über die Macht und das System in der römischen Kirche

Von Christian Modehn

Ein Motto, am 19. Juni 2024 von C.M. notiert:

Die Pyramide ist immer das Bild, um Diktaturen zu beschreiben. Der Faschismus Italiens z.B. war als Pyramide konzipiert und organisiert, an der Spitze konzentrierten sich alle Gewalten. So ähnlich ist auch der Vatikan, die Leitung der katholischen Kirchem bis heute organisiert. Alles dreht sich um den – bis jetzt noch – allmächtigen Papst. (vgl. den Aufsatz „Antithese des Faschismus“, von Roberto Scarpinato, in „Lettre International“, Nr. 145, S. 7).

1. Spr.: Berichterstatter
2. Spr.: Zitator

32 O TÖNE

1.O TON, 010“, Pesch
Egal, wie man das Wort Hierarchie versteht: Herrschaft kann und darf es nicht bedeuten. Wenn es das tut, ist es Missverständnis und Missbrauch.

1. SPR.:
Otto Hermann Pesch, katholischer Theologe in München, plädiert für menschenfreundliche Strukturen in der römischen Kirche:

2. O TON, 0 14“, Pesch
Dass die Fakten oft anders sind, muss in diesem Sinne also dann als Defekt bezeichnet werden, als ein Missbrauch, der geändert werden muss.

1.SPR.:
„Ändern“ wollten Papst und Bischöfe ihren Umgang mit der Macht tatsächlich schon einmal: Vor fast 50 Jahren, beim Zweiten Vatikanischen Konzil, verpflichteten sich die „Oberhirten“, ihre Vorherrschaft zu begrenzen.

3. O TON, 0 21“, Pesch
Wenn sich eins im Vergleich zur Zeit vor dem Konzil bleibend im Bewusstsein der katholischen Gläubigen festgesetzt hat, dann ist es das Bewusstsein: Wir sind die Kirche. Und nicht wie früher: Wir haben an ihr Teil, während die Kirche die Hierarchie eben ist. Wir sind die Kirche!

1.SPR.:
Worte, auf die sich Kirchenreformer bis heute wie auf eine göttliche Utopie berufen. Unmittelbar nach dem Konzil wurden zahlreiche Landessynoden und Beratungen in den Bistümern veranstaltet. Dort versammelte sich das „Volk Gottes“ im Geist der Gleichheit und Brüderlichkeit. Den Weg der Kirche mitzubestimmen, sollte kein frommer Wunschtraum der Laien bleiben.

4. O TON, 0 15“, Pesch
Auf der anderen Seite fällt auf, dass man aus Furcht vor Demokratisierung der Kirche mit dem Volk-Gottes-Begriff in den lehramtlichen Äußerungen nach dem Konzil sehr zurückhaltend geworden ist.

1. SPR.:
Das Prädikat „zurückhaltend“ findet Otto Hermann Pesch dann doch zu beschönigend. Er entschließt sich, deutlicher zu werden:

5. O TON, 0 17“, Pesch
Manche sprechen ja regelrecht schon von einer Art roll back hinter das Konzil zurück., Man fürchtet, dass doch wieder daran gearbeitet wird, faktisch doch wieder die alten Überordnungs- und Unterordnungsverhältnisse, oder wenn sie wollen, Herrschaftsverhältnisse wiederherzustellen.

1. SPR.:
Die Hoffnungen auf eine möglichst herrschaftsfreie Kirche ließen sich nicht verwirklichen. Kritische Theologen wissen spätestens seit dem Regierungsantritt Benedikts des XVI: Papst und Bischöfe bevorzugen wieder verstärkt uralte Modelle geistlicher Herrschaft. Professor Otto Hermann Pesch:

6. O TON, 0 37“ , Pesch
Der Ausdruck Hierarchie für die kirchliche Ämterverfassung kommt zum ersten Mal auf im 5. und 6. Jahrhundert im Zusammenhang mit einem berühmten Buch eines Verfassers namens Dionysius vom Areopag. Und der hat ein Buch geschrieben über die himmlische Hierarchie, und das bedeutet die Abstufung, der Stufenweg, von Gott zur Schöpfung und der Stufenweg von Gott zu den Menschen. Und dieser Hierarchie, der himmlischen Hierarchie, muss auch die kirchliche Hierarchie entsprechen. Das heißt, auch da muss es dann auch die Abstufungen geben.

1. SPR.:
So gibt es also auch seit dem 4. Jahrhundert eine regierende Spitze und eine gehorsame Basis. Dieses Modell ist nicht von Weisungen des Evangeliums inspiriert, sondern vom Meisterdenker Platon aus dem 3. Jahrhundert vor Christus. Der Kopf als „Ort“ des Geistes sei wichtiger als der übrige Körper, meinte der griechische Philosoph, und so seien auch die führenden Häupter wichtiger als der Leib mit seinen niederen Organen. Diese untergeordneten Glieder sind für die geweihten Amtsinhaber „natürlich“ das Volk, die „Laien“. Das griechische Wort laikós (Betonung hinten!) bedeutet ja: Zum Volk gehörig. Auch mit dem Urbild des altägyptischen Sakralbaus, der Pyramide, konnte sich das Papsttum anfreunden: An der obersten Spitze thront mit Gott Vater, Sohn und Heiligem Geist der Papst, der Stellvertreter Christi auf Erden. Mit diesem eher unbescheidenen Denken hat sich der katholische Theologieprofessor Josef Imbach aus Basel befasst:

7. O TON, 0 46, Imbach
Faktisch wird das so gehandhabt, dass man von diesem pyramidalen Denken ausgehen muss. Aber theologisch hat dieses pyramidale Denken eigentlich keinen Rückhalt. Wenn wir auch die Konzilstexte in Betracht ziehen, letztes Konzil, und natürlich auch die Anfänge der Christenheit, dann stellen wir da schon ein anderes Denken fest. Wenn wir dann zurückschauen auf die frühe Christenheit, die haben schon gestritten, aber das Communio prinzip, das war natürlich maßgebend, das Gemeinschaftsprinzip, Austausch usw. Von daher ist das pyramidale Denken theologisch gar nicht haltbar.

1. SPR.:
Zeitgemäße theologische Kritik hat für viele Kirchenführer in Rom keine Bedeutung, meinen etliche Beobachter. Und mit dem Kirchenmodell des Neuen Testaments, der „brüderlichen Gemeinschaft“, wollten sie auch nicht so viel zu tun haben. Statt dessen bestimmten autoritärer Umgang, Kontrollen, Überprüfungen, Treue – Eide, Zensurbestimmungen das kirchliche Leben.
Nur ein Beispiel: Der Minoritenpater Josef Imbach, Professor an der Päpstlichen Fakultät San Bonaventura, wurde vom vatikanischen Machtapparat gemaßregelt: Auf Betreiben der römischen Glaubenskongregation unter Kardinal Joseph Ratzinger musste er im Jahr 2002 seinen Lehrstuhl aufgeben. Der Grund: Er hatte die Lehre über die von Gott gewirkten Wunder modern interpretieren wollen. Ein fairer Prozess nach demokratischen Grundsätzen wurde ihm wie so vielen anderen „verdächtigten“ Theologen nicht zugestanden. Inzwischen arbeitet der Katholik Josef Imbach an der Evangelisch-theologischen Fakultät der Universität Basel. Aber viel schwerwiegender als die eigenen Erfahrungen sei die Personalpolitik des Papstes, meint der angebliche Irrlehrer.

8. O TON, 0 24“, Imbach
Da werden Bischöfe ernannt von Rom. Welche Personen kommen da in Frage? Personen, die von vornherein sich die römische Denkart voll und ganz zu eigen gemacht haben. Dann ist es klar, dass dann der Weltepiskopat einheitliche Positionen von vornherein vertritt, eben aufgrund dieser Auswahlkriterien.

1. SPR.:
Die Stromlinienförmigkeit der „Oberhirten“ weltweit spiegelt sich auch in den Synoden wieder, das hat der frühere Leiter des Karmeliterordens, Pater Camillo Macisse, beobachtet und aufgeschrieben:

2. SPR. (bitte deutlich machen als Zitierung):
Sogar die Bischofssynoden in Rom werden von der Kurie des Papstes kontrolliert und in den Diskussionen und in ihren Ergebnissen genau überwacht. Einige Bischöfe haben die Heftigkeit der Kontrollmaßnahmen beklagt, die von Neokonservativen mit einer anachronistischen Theologie ausgeübt werden. Wer es wagt, diese Autoritäten zu kritisieren, wird bedroht, angeklagt, verurteilt.

1.SPR.:
Auch die gesamte theologische Lehre und Forschung steht unter der Kontrolle der Ortsbischöfe oder des Vatikans selbst. In Deutschland dürfen nur Theologen an eine katholische Fakultät berufen werden, die die offizielle Genehmigung, das nihil obstat der Kirche haben; eine Politik des Verdachts, die Joseph Ratzinger schon als Kardinal offiziell verteidigt hat:

9. O Ton mit Applaus 0 21“, Ratzinger
Deswegen verursachen wir manchmal mit dem nihil obstat Ärger, es zieht sich hin usw., aber ich nehme diesen Ärger auf mich. Weil ich glaube, es ist wichtig, dass wir eben Ärger eben einkaufen müssen. Beifall.

1. SPR.:
Fröhlichen Beifall für eine harte Linie spenden hier Mitglieder des ultra konservativen „Linzer Priesterkreises“. Ganz anders ist dem katholischen Theologen Josef Imbach zumute:

10. O TON, 0 28“, Imbach
Das ist der Tod der theologischen Forschung. Denn wer irgendwie eine akademische Laufbahn einschlagen möchte, wird sich natürlich von vornherein hüten müssen, irgendwelche heißen Eisen auch nur anzurühren. Und so wird auch hier langfristig eben dirigiert. Und das ist natürlich katastrophal für die theologische Forschung. Es ist nicht so, dass alles gesagt wurde, was hätte gesagt werden sollen. Es ist so, dass sich niemand zu sagen traut, was zu sagen ist.

1.SPR.:
Theologen an katholischen Fakultäten wagen es nicht mehr, für das Priestertum der Frauen einzutreten. Ihnen kommt es nicht mehr in den Sinn, die buddhistische Meditation als einen Weg zur Erlösung offiziell anzuerkennen. Und sie haben den Mut verloren, z.B. eine authentisch –afrikanische Liturgie zu entwickeln…Über den Umgang mit den Theologen hat der amerikanische Dominikanerpater Matthew Fox dem Papst geschrieben:

2. SPR.
Ihre Behandlung von Gelehrten ist Bücherverbrennung faschistischer Regime nicht unähnlich. Auch Ihre Entscheidung, autoritäre Persönlichkeiten zu belohnen ist problematisch. Denn diese sind oft krank, gewalttätig, sexuell besessen.

1.SPR.:
Matthew Fox, der radikale Kritiker, wurde aus seinem Orden ausgeschlossen. Eine Diskussion führte der Vatikan nicht mit ihm. Im offiziellen Katechismus der Katholischen Kirche von 1993 wird die Herrschaft von Papst und Bischöfen bezeichnenderweise als „heilige Gewalt“ beschrieben. Rom setzt seine Linie mit allen Mitteln durch, zum Beispiel wenn Bischofskonferenzen einmal eigene Reformvorschläge veröffentlichen wollen. Als vor zwei Jahren im brasilianischen Aparecida (sprich: Appareßida mit Betonung auf dem i!) Bischöfe aus ganz Lateinamerika behutsam die Basisgemeinden unter Führung von Laien fördern wollten, korrigierte der Vatikan vor der Veröffentlichung kurzerhand das Papier. Der katholische Theologe und Lateinamerika Experte Gerhard Kruip hat diesen Vorgang unmittelbar beobachtet, wie ein progressives Reformpapier „gesäubert“ wurde:

11. O TON, 0 40“ Kruip
Die Änderungen sind erfolgt aus einem großen Misstrauen heraus gegenüber kritischen Kräften innerhalb der katholischen Kirche. Die Änderungen sind geprägt von einer Haltung der Ängstlichkeit. Man betont immer wieder den hierarchischen Aspekt der Kirche! Man betont immer wieder die Kontrolle, die die Bischöfe ausüben müssen über ihre Ortskirchen, man ist insgesamt skeptisch gegenüber allem, was ein Neuaufbruch sein könnte. Wenn es vorher hieß, die Basisgemeinden sind ein Zeichen der Vitalität der lateinamerikanischen Kirche: Dann ist das nachher unter die Bedingung gestellt worden, dass die Basisgemeinden treu zur katholischen Lehre und zum jeweiligen Ortsbischof stehen.

1. SPR.:
Pfarrer sind die Stellvertreter der Bischöfe in den Gemeinden und damit ebenfalls Glieder der Hierarchie. Weil aber der Mangel an Priestern auch in Europa immer größer wird, haben viele tausend Gemeinden keinen eigenen Pfarrer mehr. Aber anstatt kompetente Laien, Frauen und Männer, mit der Leitung der Gemeinden zu beauftragen, werden die wenigen verbliebenen Priester mit immer mehr Aufgaben belastet, berichtet der Baseler Theologe Xaver Pfister:

12. O TON, 0 30“ Pfister
…wobei bei uns jetzt Pfarreien zusammengelegt werden! Da muss immer ein leitender Priester dabei sein. Wenn ein Regionaldekan in 17 Pfarreien die Pfarreiverantwortung hat, dann ist dem Buchstaben Genüge getan, aber dem Leben überhaupt nicht. In dieser Zeit ist ganz klar die Tendenz, dass der Bischof Kirche repräsentiert und jede Pfarrei vom Bischof her ihre Form hat und nicht eine Vielfalt hat.

1. SPR.:
Diese Entwicklung ist in ganz Europa und auch in Amerika zu beobachten. Den autoritären Führungsstil der Kirchenführung erleben Betroffene als heftigen Widerspruch zur Kultur ihrer Länder:

13. O TON, 0 29“, Pfister
Man hat keine Mühe damit, dass etwas entschieden wird, wenn das einmal einsichtig ist. Aber man möchte eigentlich eine Einsicht haben und ernst genommen sein als Mensch, der handelt, weil er etwas einsieht. Und der nicht handeln muss, weil es ihm etwas aufoktroyiert ist oder befohlen ist. Das ist sicher ein sehr wichtiger Aspekt, dass man demokratisch verhandeln kann und aushandeln kann, dass das so gehandhabt wird.

1. SPR,;
Xaver Pfister sagt, er habe unter den so wenig demokratischen Maßnahmen der kirchlichen Hierarchie über viele Jahre schwer gelitten. Als langjähriger Leiter der Pressearbeit im Bistum Basel ist er schließlich an Depressionen erkrankt, darüber hat er später ein Buch geschrieben. Wie er freimütig bekennt, hat ihn auch das Erleben kirchen-amtlicher Autorität psychisch geschädigt.

14. O TON, Pfister, 0 32“
Ich hatte da zu wenig Rollendistanz gehabt, und ich hab mich von meinem Naturell her ganz reingegeben, und immer wieder was Neues probiert und noch mal probiert. Da kommt mal an eine Grenze. Es fehlt auch die nüchterne Bilanz: Was ist der Spielraum, was ist möglich, was ist erwartbar. Aber es gibt eine Grenze. Und jetzt beschränke ich mich darauf meine Überzeugung zu sagen.

1. SPR.:
Der stille Rückzug der Reformer stört die meisten „Hierarchen“ wenig. Gemeint sind mit dem Wort Machthaber in der Kirche, geweihte Männer, die die Herrschaft des Klerus über die Laien verteidigen. Wer noch katholisch sein will, soll gehorsam sein und dem „Mitarbeiter der Wahrheit“ Folge leisten! Diesen anspruchsvollen Wahlspruch hatte sich Joseph Ratzinger als Kardinal in München ausgesucht: An seinem Motto „Mitarbeiter der Wahrheit“ hält er auch als Papst unbeirrt fest, meint der katholische Theologe Herman Häring aus Tübingen.

15. O TON, 0 40“, Häring
Nach meinem Wissen gibt es keinen Fall, also keinen Kollegen, keine Kollegin, kein betroffenes Kirchenmitglied, das vorher Sanktionen erfahren hat und bei dem, bei der er sich mal entschuldigt hätte oder was revidiert hätte. Es wurde auch nichts zurück genommen. Für ihn war katholischer Glaube von Anfang an ein autoritätsgebundener Glaube. Mich hat er immer erinnert an ein Kirchenlied, das wir als Kinder gesungen haben: Fest soll mein Taufbund immer stehen, ist der erste Vers, und der zweite: Ich will die Kirche hören. Nicht: ich will die Bibel oder Christus, sondern die Kirche. Und das war für ihn dann schon immer der Rahmen.

1. SPR.:
Schon als Kardinal ermunterte Joseph Ratzinger besonders „rom-treue“ Theologiestudenten, ihre möglicherweise häretischen Theologieprofessoren aufzuspüren und zu benennen. Von „Spitzeln“ wollte er bei einem Vortrag im Jahr 1990 doch lieber nicht sprechen.

16. O TON, 0 34“, Ratzinger
Mir scheint, dass also ein erster Punkt der ist, dass solche Theologiestudenten in aller Offenheit dies dem Bischof offenbaren in einer Weise, die ihm auch verständlich macht, dass es hier nicht um Denunziation oder irgendetwas geht, sondern wirklich um die Not des Gewissens und um die Verpflichtung des Glaubens, den Dienst der Kirche und die Verkündigung ihres Glaubens rein zu halten.

1.SPR.:
Der „reine Glaube“ wird als ein wertvoller Schatz gedeutet, als „Glaubensdepositum“, wie man in Rom sagt, als ein dogmatisches System, das es zu hüten und pflegen gilt: Der katholische Theologe Hermann Häring:

17. O TON, 0 15“ , Häring
Für ihn ist der Glaube halt von Anfang an sozusagen das Glaubensdepositum gewesen. Man denkt automatisch an Fort Knox, mit Goldbarren, die drin liegen, und da ist alles, und das muss unberührt bleiben, und da kann man mal was abrufen.

1. SPR.:
Was einmal als Dogma formuliert wurde, behält nach amtlicher Lehre ewige Gültigkeit. Revisionen und Korrekturen sind unerwünscht. Eines von vielen Beispielen ist die Erbsündenlehre aus dem 4. Jahrhundert, der zufolge alle Menschen mit der Geburt als Sünder definiert werden, für den Philosophen Herbert Schnädelbach ein eher abstoßender Gedanke:

18. O TON, 0 34“, Schnädelbach
Das geht ja vollkommen gegen den Augenschein. Also, wir haben das Glück, drei sehr niedliche Enkel zu haben Und wenn ich mir jetzt vorstelle und gucke mir die an und sehe wie die aufwachsen. Und dann zu sagen: So sind das sind geborene Sünder und die müssen erst mal getauft werden. Das ist ja eine Geschichte, die hat die Menschen Jahrhunderte tyrannisiert. Da wurden Halb- und Totgeborene noch schnell getauft, dann gab es diese Lehre von der Vorhölle für die ungetauften Kinder alle sind. In dieser ganzen Debatte wird ja klar gemacht, sie sind unfähig zum Guten. Und das ist ja etwas, wo gegen man sich auflehnen kann.

1.SPR.:
Denn ohne Taufe, also ohne die entscheidende Mitwirkung der Kirche, bleibt jeder Mensch ein unwürdiger Sünder… Zwar lehnen sich auch Theologen gegen diese Lehre und andere Dogmen auf. Sie ganz abzuschaffen, dürfen sich Theologen nicht erlauben. Selbst bei vorsichtigen Interpretationen uralter Traditionen stoßen sie in Rom keineswegs auf offene Ohren, meint Otto Hermann Pesch:

19. O TON, 028“
Wenn da eine offenere Gesprächsatmosphäre wäre, auch mit dem Risiko, dass man einen Konfliktfall im Moment nicht beilegen kann, sondern darauf vertraut, dass in der öffentlichen Disputation innerhalb der Kirche sich dann die Wahrheit herausstellt, wenn solches Vertrauen mal wachsen und ein Papst auch mal sagen würde: Habt keine Angst vor dem streit in der Kirche bei einer so wichtigen Sache wie den Dingen, die christliche Glaube vertritt, ist doch natürlich, dass man darüber sich streitet, wie das richtig zu verstehen ist. Habt keine Angst, wenn es solchen Streit gibt, als ob dann der Untergang der Kirche bevorstünde, wenn so etwas mal von päpstlicher Seite aus gesagt würde, das würde Mut machen.

1.SPR.:
Aber das bleibt ein frommer Wunsch. Die meisten Oberhirten halten sich lieber an die Gruppen und Zirkel treu ergebener Schäfchen. Hubert Gindert vom sehr konservativen „Forum deutscher Katholiken“ hat diese Vorliebe Roms mit Kardinal Ratzinger besprechen können:

20. O TON, 0 14“
Er hat sich einmal geäußert, ihm kommt es nicht auf die große Zahl an. Nein, ihm kommt es drauf an: Gibt es innerhalb der Volkskirche, gibt es also hier missionarische Bewegungen, missionarische Zellen.

1. SPR.:
Die Kirche als kleine Herde der hundertprozentig treuen Seelen: das ist das Kirchenbild heutiger Hierarchen. Kritische Beobachter fürchten, die römische Kirche könnte sich bald dem intellektuellen Niveau einer großen Sekte nähern. Der Baseler katholische Theologe Xaver Pfister hat diese Mentalität der Behüter und Bewahrer genau beobachtet:

21. O TON 0 14“
Wir müssen die sammeln, die noch übrig sind. Und die sollen zusammenbleiben und die sollen eine Heimat finden. Und in dieser Einseitigkeit, denke ich, ist das wirklich der Selbstvollzug des Endes.

1. SPR.:
Aber selbst vom Schwund an Gläubigen lassen sich Bischöfe wie der Kölner Kardinal Joachim Meisner nicht irritieren. Sie sind eher stolz darauf, dass noch einige Kreise der offiziellen Lehre treu ergeben sind und dies auch lautstark bekennen, wie Pater Klaus Einsle vom Orden der Legionäre Christi:

22. O TON, 0 30“ Einsle
Wir wissen, dass Christus die Kirche gegründet hat mit einer bestimmten Struktur, einer bestimmten Hierarchie und diese Hierarchie ihre Funktion hat. Und in dem Sinn haben wir ein ganz krampfloses Verhältnis und positives Verhältnis zum Papst, den Christus bewusst eingesetzt hat. Die Kirche ist für uns das Lehramt und die Bischöfe, die in Einheit mit dem Lehramt sind. Da würde ich sagen, dass unsere Denkart sehr die des Lehramtes ist.

1. SPR.:
Wie das Lehramt denken und alle Glaubenssätze möglichst unverändert bewahren: Darin sieht auch die weltweite Gemeinschaft der konservativen Neokatechumenalen Gemeinschaften ihre Aufgabe, betont der Missionar Bruno Caldera:

23. O TON, 0 14“ Caldera
„Unsere Theologie ist das Katechismus der katholischen Kirche. Gott ist derjenige ist, der uns lehrt. der jenige, der uns lehrt, der uns die Antwort gibt. Ich bin der Meinung, dass Gott da ist, um uns Antworten zu geben“.

1. SPR.:
In den Kreisen der neuen geistlichen Gemeinschaften, also der Neokatechumenalen und Legionäre, der Charismatiker und Opus Dei Mitglieder, fühlten sich konservative Amtsträger sehr wohl, betont der katholische Theologe Pfarrer Ferdinand Kerstiens aus Marl. Er hat sich als Mitglied im „Freckenhorster Kreis“, einem Forum von Kirchenreformern, mit diesen „Bewegungen“ auseinander gesetzt.

24. O TON, 0 17″ Kerstiens
Solche Gruppierungen sind immer bei der Hierarchie beliebt, weil sie keine Schwierigkeiten machen, weil sie keine kirchlichen Strukturen in Frage stellen, weil sie keine kirchlichen Gesetze in Frage stellen, weil Sachen wie Zölibat und Priestertum der Frau und solche Fragen bei ihnen nicht diskutiert werden.

1. SPR.:
Angesichts der machtvollen Hierarchie ist die römische Kirche heute gespalten: Selbstbewusste, kritische Gläubige sehnen sich noch immer nach dem geschwisterlichen „Volk Gottes“. Ihnen steht die einflussreiche Gruppe derer gegenüber, die den Ruhm des Papsttums und der Hierarchie wie ein Glaubensbekenntnis verstehen:

25. O TON, 0 22“, Meisner
Der Petrus von heute heißt Benedikt XVI. Sein Verkündigungsdienst ist heilsnotwendig für Kirche und Welt. Mit hoher Authentizität verkündet der Papst die rettende Kraft des Evangeliums, um dann einen überzeugenden Weg zum Heil aufzuweisen.

1. SPR.:
Kardinal Joachim Meisner bei einer Messe zu Ehren des Papstes in der Berliner Sankt Hedwig – Kathedrale im April 2007:

26. O TON, 0 33“. Meisner
Papst Benedikt XVI ist es gegeben, die den Menschen heil machende Botschaft des Evangeliums in ihrer Schönheit, in ihrer Faszination und Harmonie aufzuzeigen, so dass man ihn Mozart unter den Theologen nennt.
Seine Worte klingen wie Musik in den Ohren und Herzen des Menschen. Ihm gelingt es wirklich meisterhaft, die Noten des Evangeliums in hinreißende Musik umzusetzen.

1. SPR.:
Diese „hinreißende Musik“ päpstlicher Stellungnahmen enthält aber auch kritische Töne, zum Beispiel den Vorwurf: In den Staaten der westlichen Welt herrsche „der Relativismus“.

27. O TON, 0 24“, Meisner
Als Diktatur des Relativismus bezeichnet der Papst das Grundübel unserer westlichen Gesellschaften, für die es keine oberste und unveräußerlichen Wahrheit und Werte mehr gibt, für sie ist alles gleichgültig, was die Menschen dann gegenüber der Frage nach gut und böse gleichgültig macht.

1. SPR.:
Relativismus bedeutet für die modernen demokratischen Gesellschaften das Ringen verschiedener, aber gleichberechtigter Positionen um die Wahrheit. Niemand „hat“ die Wahrheit, alle suchen sie. Relativismus und Demokratie sind untrennbar! Die Frage drängt sich auf: Ist die Zurückweisung des Relativismus durch den Papst zugleich eine Zurückweisung der Demokratie? Ein Jahr vor seiner Wahl zum Papst hat Kardinal Ratzinger mit dem damaligen italienischen Senatspräsidenten Marcello Pena über den Relativismus in den westlichen Gesellschaften diskutiert, dabei nannte er ein typisches Beispiel:

2. SPR.:(Zitat Ratzinger)
Dass Homosexualität, wie die Katholische Kirche lehrt, eine objektive Ordnungsstörung im Aufbau der menschlichen Existenz bedeutet, wird man bald nicht mehr sagen dürfen.

1. SPR.:
Ein wenig irritierend ist die Aussage Kardinal Ratzingers! Könnte denn für die Kirche eine Zeit kommen, in der eine freie kirchliche Stellungnahme nicht mehr möglich sei? Befürchtete der damalige Kardinal Ratzinger etwa eine „Diktatur“ der Demokraten? Eine Angst, die er übrigens mit vielen muslimischen Machthabern gemeinsam hat, wie kürzlich der Publizist Alan Posener zeigte, in seinem Buch „Benedikts Kreuzzug. Der Angriff des Vatikan auf die moderne Gesellschaft.“

2. SPR.:
Der Vatikan ist sich mit fundamentalistischen islamischen Staaten immer einig, wenn sie sich gemeinsam gegen kritische, angeblich blasphemische Karikaturen wehren. In diesen Fällen treten sie gemeinsam für die Einschränkung der freien Meinungsäußerung ein.

1. SPR.:
Die Entwicklung solcher Denkmodelle findet der protestantische Theologieprofessor Friedrich Wilhelm Graf aus München alles andere als erstaunlich:

28. O TON, 0 37“, Graf
Es gibt keine römisch-katholische Demokratie-Theorie, in der nicht die Zustimmung zur Demokratie von Vorbehalten abhängig gemacht worden ist. Es heißt immer: die wahre Demokratie, die rechte Demokratie, nie die Demokratie als solche. Und die eigentliche Demokratie ist die Demokratie, die sich den sittlichen Einsichten, den moralischen Vorschriften des Lehramtes öffnet. Es ist jedenfalls nicht eine parlamentarische, pluralistische Parteiendemokratie, in der die Kirche in ihren Mitbestimmungsansprüchen an den Rand gerückt wird.

1. SPR.:
Die römische Kirche kann zwar nicht mehr die Gesetze der Staaten bestimmen. Aber sie kann in der Gesellschaft versuchen, ihre traditionellen Moralvorstellungen durchzusetzen, etwa zu Fragen der Schwangerschaft. Die katholische Ethik gilt den Konservativen innerhalb der Hierarchie als die letzte Bastion, die es unbedingt zu verteidigen gilt. Der Theologe Friedrich Wilhelm Graf:

29. O TON, 0 40“. Graf.
Man kann sagen, dass die Römisch-Katholische Kirche seit 200 Jahren den Prozess der Modernisierung darin kritisch begleitet, dass sie sich als eine Gegeninstitution etabliert. Deshalb hat sie die Autorität des Papstes zunehmend verstärkt im 19. Jahrhundert, deshalb hat sie immer stärker auf römischen Zentralismus gesetzt. Was wir jetzt erleben ist im Grunde genommen eine innerlich stimmige, konsequente Kirchenpolitik: Je mehr religiösen Pluralismus es gibt, desto konsequenter stellt die Römisch katholische Kirche ihre spezifischen Merkmale in den Raum. Hier RAUS GEHEN

1. SPR.:
Hingegen meint der katholische Theologe Hermann Häring, Relativismus und Katholizismus seien durchaus zu versöhnen:

30. O TON, 1 03“. Häring
Ich bin Relativist, weil ich weiß, ich hab nicht die ganze Wahrheit. Und nicht, weil ich die andere Meinung als Bedrohung, sondern als Ergänzung, als Erweiterung, als eine andere Perspektivierung meiner eigenen erfahre. Deshalb verstehe ich nicht, dass manche Leute Relativismus so schlimm finden. Jeder, der die Wahrheit in einer Organisation sieht, der kann keine Abweichung dulden, für den ist die Wahrheit in der Sprachregelung. Das verstehe ich wohl. Aber das Problem, dass man eben meint, diese Organisation sei die Wahrheit. Ich halte bei Gott viel von der katholischen Kirche oder von den christlichen Kirchen, aber sie sind nicht die Wahrheit, sondern sie haben sie weiter zu tragen. Es gibt ein rabbinischen Spruch, der sagt: Ein Schriftwort, das nicht 99 Auslegungen zulässt, hat die Wahrheit Gottes nicht.

1. SPR.:
Aber von jüdischer Weisheit lässt sich der Vatikan nicht so häufig inspirieren: Vielfalt der Meinungen zuzulassen, könnte ja bedeuten, den demokratischen Staat nachzuahmen und demokratische Prinzipien für die Kirche selbst anzuerkennen. Tatsächlich gleicht der Vatikan eher einem spätantiken Feudalstaat. Dort vereinte der eine Herrscher alle Gewalten in seiner Person. Der Vatikan glaubt, diese Rolle habe der Papst von Anbeginn gehabt. Aber gibt es wirklich eine ungebrochene Linie vom ersten Papst, dem Fischer Petrus vom See Genezareth, hin zu Benedikt XVI. in seinem Palast? Der katholische Theologe Otto Hermann Pesch warnt vor einer allzu weitgehenden Interpretation:

31. O TON, 0 30“. Pesch
Wie kommt es dann, dass die Nachfolger des Petrus bis hin zu Clemens absolut legendarische Figuren sind. Auf festem Boden einer römischen Gemeinde mit ganz bestimmter Leitungsstruktur sind wir wieder erst mit dem ersten Clemens, der nach Corinth schreibt, aber nicht mit Weisungsbefugnis, sondern mit Ermahnung. Dieser Clemens ist nun mitnichten Papst Clemens der Erste, sondern Mitglied des römischen Presbyteriums.

1. SPR.:
Der Papst als der erste unter vielen anderen Bischöfen inmitten vieler Gemeinden: Ist diese frühchristliche Tradition wirklich nicht mehr gültig? Könnte sich der Stellvertreter Christi auf Erden nicht daran orientieren, fragt Otto Herman Pesch:

32. O TON, 0 43“.
Er sollte sein Amt verstehen und auch ausüben, wie es allein vom Neuen Testament her begründet werden kann, nämlich als Petrusdienst. Man sagt heute schon mal ganz gerne Petrusdienst und meint das Petrusamt, das ist aber in der Form dann etwas eine Schönfärberei. Petrusamt heißt Vollmacht des Papstes in jede einzelne Diözese hineinregieren zu können, nach gutem Ermessen, um nicht zu sagen nach Gutdünken. Petrusdienst heißt, dass der Papst als Bischof von Rom und eben Haupt des Bischofskollegiums einen Dienst tut, da, wo er helfen muss und helfen kann.

1. SPR.:
Der Papst als bescheidener Helfer, als Ratgeber, als Freund und Begleiter: Das ist keine Utopie, sondern biblischer Auftrag. Ein Zitat aus dem Markus Evangelium:

2. SPR.:
„Wer bei euch groß sein will, der sei der Diener aller“.

1. SPR.:
Joseph Ratzinger hat bei einem Vortrag im österreichischen Aigen vor 15 Jahren einmal angedeutet, dass es den Amtsträgern nicht in erster Linie auf Macht und Einfluss ankommen sollte:

33. O TON, 0 43“ Ratzinger,
Auch in der Kirche ist nicht das entscheidende, welche Funktion einer einnimmt. Sondern das Höchste, was wir erreichen können, ist nicht, dass man Kardinal wird oder ich weiß nicht sonst etwas wird, sondern das Höchste, was wir erreichen können, ist, dass wir Gott nahe und ihm ähnlich werden, dass wir heilig werden. Und wenn ein Bischof oder Kardinal es nicht wird, dann nützt ihm seine ganze Würde nichts, dann ist er wirklich eben bei den geringsten im Reich Gottes, wo wir immer noch hoffen, dass er wenigstens noch drinnen ist. Lachen und Beifall.

1. SPR.:
Kritische Äußerungen zum Umgang mit päpstlicher Macht hat man von Joseph Ratzinger als Papst Benedikt XVI. nicht gehört. Darum sind sich viele kritische katholische Theologen in aller Welt einig: Das vom Vatikan geförderte System kann nur zu einer in sich geschlossenen Herrschaftselite führen, zu Abwehr, Ausgrenzung und neurotischem Freund – Feind – Denken. Trotzdem: Mit dieser Vorherrschaft maßgeblicher kirchenamtlicher Kreise wollen sich Kirchenreformer nicht abfinden, falls ihnen nicht zuvor die so viel beschworene „Freude am Glauben“, also die positive Zustimmung, katholisch zu sein, verloren geht. Pater Josef Imbach:

34. O TON, 0 32“, Imbach
Wie können wir eigentlich froh unseren Glauben leben, wenn es in unserer Kirche so unfroh zu- und hergeht? Der französische Schriftsteller Paul Claudel hat einmal gesagt: Dort, wo die meiste Wahrheit ist, ist auch die meiste Freude. Ja, wenn sie sich dann so umschauen innerhalb unserer Kirche, dann muss ich mich ja fragen, wie viel Wahrheit ist eigentlich in unserer Kirche, in meiner Kirche?

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LITERATUR:
Graf, Friedrich-Wilhelm: Missbrauchte Götter. Zum Menschenbilderstreit in der Moderne. C. H. Beck, München 2009, ISBN 978-3-406-58478-7

Graf, Friedrich-Wilhelm: Die Wiederkehr der Götter. Religion in der modernen Kultur. C. H. Beck, München 2004, ISBN 3-406-51750-1

Häring, Hermann: Im Namen des Herrn. Wohin der Papst die Kirche führt. Gütersloher Verlagshaus. 2009, 192 Seiten.

Imbach, Josef: „Der Glaube an die Macht und die Macht des Glaubens.
Woran die Kirche heute krankt“. 248 Seiten, Patmos Verlag Düsseldorf, 2.
Aufl., 2005,

Modehn, Christian: „Alles, was rechts ist.. Politisch theologische Optionen Joseph Ratzingers“, S 143 – 162. in: Sommer, Norbert. und Seiterich, Thomas (Hg.): Rolle rückwärts mit Benedikt. Wie ein Papst die Zukunft der Kirche verbaut. Publik – Forum- Edition, Oberursel, 2009, 222 Seiten.

Pesch, Otto-Hermann: Katholische Dogmatik aus ökumenischer Erfahrung, Bd. 1/1: Die Geschichte der Menschen mit Gott, Ostfildern 2008

Posener, Alan: „Benedikts Kreuzzug. Der Kampf des Vatikans gegen die moderne Gesellschaft“ (Ullstein 2009)

Sommer, Norbert und Seiterich, Thomas (Hg.): Rolle rückwärts mit Benedikt. Wie ein Papst die Zukunft der Kirche verbaut. Publik – Forum- Edition, Oberursel, 2009, 222 Seiten.