10 Jahre “Homoehe” in Deutschland: Über Freunde Gottes, Feinde des Respekts und den Aufruf zur Ausgrenzung

10 Jahre so genannte Homoehe in Deutschland:
Über die Freunde Gottes, die Feinde des Respekts und den Aufruf zur Ausgrenzung.

Seit 10 Jahren, seit dem 1. August 2001, gibt es in Deutschland die so genannte Homoehe. Wir haben im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon schon mehrfach auf das Thema „Homosexualität und Religion/Katholizismus“ hingewiesen. Religionskritik ist nun einmal ein Schwerpunkt religionsphilosophischer Arbeit.
Wir haben in einem eigenen Beitrag etwa daran erinnert, dass die katholische Kirche gern und offenbar ohne theologische Probleme weltweit Autos segnet und Tiere segnet, selbstverständlich auch Wohnungen und Objekte, wie eine Orgel, von Waffensegnungen (einst?) ganz zu schweigen, nicht aber homosexuell lebende/liebende Menschen. Einmal abgesehen von der Frage, ob es überhaupt noch einige Katholiken geben sollte, die ihre Liebe in einem katholischen Rahmen segnen lassen wollen: Dieser Zustand: Autosegnung JA, Segnung von homosexuellen Paaren NEIN, ist eine Diskriminierung, damit werden de facto und ohne große Worte Homosexuelle zu Menschen zweiter Klasse gemacht, d.h. sie sind „nicht des Segens Gottes würdig“. Ein paar Hunde sind es durchaus in Tiersegnungen…
Wir haben schon früher aus der großen Fülle amtlicher Äußerungen der römischen Kirche gegen homosexuell Liebende/Lebende Menschen nur einige besonders merkwürdige (!) Äußerungen dokumentiert, etwa in unserem Beitrag im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon: „Homosexuelle kommen nicht in den Himmel“.

Nun also 10 Jahre so genannte Homoehe in Deutschland.
Nur ein paar Hinweise: Auf das Wort „so genannte“ Homoehe kommt alles an, denn tatsächlich haben heterosexuelle Eheleute immer noch mehr Rechte.

Tatsächlich hat das Gesetz zur „Lebenspartnerschaft registrierter Homosexueller“ einige Schritte in Richtung vollständiger Gleichberechtigung gebracht, etwa im Bereich von Finanzen und Erbrecht.

Es ist jedoch eindeutig, dass eine wirkliche Homo – Ehe, wie sie etwa in den Niederlanden oder in Spanien besteht, durch konservative Kräfte, der CDU und der katholischen Kirchenführung, verhindert wurde und verhindert wird. Indem man homosexuellen Menschen die Möglichkeit nimmt, Kinder in ihrer Homo Familie großzuziehen, werden sie, ohne dass man es noch ausdrücklich sagt, zu Menschen zweiter Klasse gemacht.
Dabei zeigen Studien eindeutig, dass Kinder in so genannten Homoehen nicht mehr “beeinträchtigt” aufwachsen als Kinder in Heteroehen. Aber diese Tatsachen wollen konservative Kreise nicht sehen.

10 Jahre so genannte Homoehe in Deutschland hat also den Respekt vor den „anderen“ nicht gerade gefördert. Bestenfalls kann von einer müden Toleranz, fast im Sinne von Gleichgültigkeit, die Rede sein. Die großen CSD Termine sind ja oft ins Karnevaleske abgedriftet, da werden Kostümierte beguckt und begafft wie wundersame Tierchen im Zoo…Schwieriger ist es, wenn sich Homosexuelle in ihrer Arbeitsstelle outen.
Interessant ist weiterhin, dass bisher nur ca. 20.000 homosexuelle Frauen und Männer die Registrierung ihrer Lebenspartnerschaft vollzogen haben. Offenbar sind viele Homosexuelle der Meinung, dass sie einem klassischen, nun einmal heterosexuell geprägten Ehe- Ideal nach außen hin nicht entsprechen wollen.

Mit der rechtlichen Verbesserung vor 10 Jahren wurden die Mentalitäten der heterosexuellen Mehrheit nicht besser. Vorurteile, Ablehnung und Hass gibt es immer noch. Die Gewalt gegen schwule Männer hat zugenommen, selbst in liberalen Städten wie in Berlin…

Was uns im religionsphilosophischen Salon besonders interessiert: Es gibt immer gesellschaftlich relevante und durchaus öffentlich noch respektierte Kräfte, die mit ihren Äußerungen dafür sorgen, dass Respekt gar nicht erst aufkommen kann. Wir denken an die immer wiederholten Sätze katholischer Bischöfe auch in jüngster Zeit, Homosexualitität sei abartig und der einzelne homosexuell lebende und deswegen auch selbstverständlich homosexuell liebende Mensch sei ein Sünder. Leitlinie auch der deutschen Bischöfe ist (darin sind sie treue Repetitoren vatikanischer Lehre) der Satz: „Homosexuelle Handlungen sind auf keinen Fall zu billigen“, so heißt es im immer noch gültigen Katechismus der Katholischen Kirche, veröffentlicht im Jahr 1993. Das Zitat steht im § 2357 dieses Katechismus. Was heißt „homosexuelle Handlungen sind in keinem Fall (!) zu billigen“? Sollen diese Handlungen und also diese so Handelnden verfolgt, bestraft, ausgegrenzt, attackiert werden? Werden vielleicht Menschen aufgerufen, ihre Nichtbilligung auch gewaltsam auszudrücken? Bestimmte katholische Kreise, etwa in Polen oder orthodoxe Kreise in Russland, tun das ja. Und in einigen lateinamerikanischen Ländern, wie der Dominikanischen Republik, haben Kirchenfürsten, wie der Kardinal Lopez Rodriguez, so viel Einfluss, etwa für die Schließung von gay bars in Santo Domingo zu sorgen oder kritische schwule Journalisten abzusetzen…(siehe etwa: Clave Digital, Lunes, 19 de junio 2006) „Für Kardinal Lopez Rodriguez ist Homosexualität eine Epidemie, die die moralische Basis der Gesellschaft zerstört“. Diese Beispiele könnten endlos verlängert werden, man müsste Afrika oder die Philippinen heranziehen usw. In 80 Ländern werden Homosexuelle heute noch beeinträchtigt, verfolgt, getötet (wie im Iran).

Wenn katholische Bischöfe im aufgeklärten (?) Deutschland sagen, wie Bischof Franz – Josef Overbeck, Essen, (in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung vom 30. 7. 2011, Seite 8): “Praktizierte Homosexualität ist nach Überzeugung der katholischen Kirche objektiv sündhaft“, dann steckt in dieser Aussage doch die Aufforderung, diese objektiv Sündigen wieder auf den angeblich richtigen Weg zu bringen, etwa durch „Umpolung“ oder durch physische und psychische Einschüchterung. Solche Äußerungen eines Bischofs bergen ein Gewaltpotential in sich, selbst wenn Bischof Overbeck in einem Nebensatz sagt: „auch wenn homosexuellen Menschen mit Achtung zu begegnen ist“.
Mit Achtung begegnen – solche pastoralen Formulierungen finden sich übrigens in katholisch – theologischen Büchern, die vom Umgang mit Schwerverbrechern handeln…
Tatsächlich muss man das ganze Umfeld dieser zumindest indirekt gewalttätigen Ideologie weiter ausleuchten, etwa wenn Sodomie (ein anderes Wort für Homosexualität im Katechismus) als „himmelschreiende Sünde“ (im § 1867) tituliert und im gleichen Paragraphen auf eine Stufe mit dem Mord Kains an Abel gestellt wird!
Man muss nur im Katechismus einmal hin und her, sozusagen quer lesen, um sehr befremdlich erscheinende Verbindungen zu sehen. Zum Beispiel: Inkonsequent ist es auch für gebildete Theologen, wenn im Katechismus in § 2358 gesagt wird: „Homosexuelle Menschen haben diese Veranlagung nicht selbst gewählt“. Wie kann aber etwas nicht selbst Gewähltes, also „Zugewiesenes, Verfügtes”, also eine nicht der Freiheit des einzelnen überlassene “Struktur“, wie kann es da noch Sünde geben? Wie kann jemand, der nicht anders leben und lieben kann (!), dann noch ein Sünder sein? Im klassischen katholischen Sündenbegriff gehört wesentlich FREIHEIT zur sündigen Tat. So ist der Katechismus selbst also inkonsequent und unsicher in der eigenen Einschätzung. Ist das etwa ein Lichtblick?
Man könnte natürlich fragen: Gibt es denn keine dringenderen Themen? Das Hungersterben jetzt am Horn von Afrika ist sicher aktuell dringender; von der „Bevölkerungsexplosion“ und der Geburtenregelung ganz abgesehen oder dem Waffenhandel oder der Gier der Finanzmärkte…
ABER: Beim Thema „Respekt und völlige Gleichberechtigung von Homosexuellen weltweit“ geht es um die menschliche Kultur, um die vollständige Achtung von Menschen, die nicht der herrschenden Mehrheit entsprechen, aber Anspruch auf volle Gleichberechtigung haben. Am Thema „Respekt für Homosexuelle“ zeigt sich auch das ethische Niveau einer Gesellschaft, zeigt sich auch das ethische Niveau einer Kirche.

copyright:christian modehn, berlin.

“Wo war Gott in Norwegen am 22. Juli ?”

Gott und die Katastrophe in Norwegen am 22. 7.2011

Wir werden noch am 26.7. oft gefragt, “wo denn Gott gewesen sei” bei den Anschlägen am 22.7.2011 in Oslo und auf der Insel Utöya. Warum hat “Er” nicht eingegriffen und verhindert, dass 70 Menschen getötet und viele schwer verletzt wurden?
Voraussetzung für eine Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie ist: Gott ist ein Name, der wesentlich auf ein Unbedingtes, auf ein Geheimnis hinweist. Deswegen ist Gott nie “zu fassen” und “festzulegen”. Menschen können immer mit dem Unbedingten, diesem Geheimnis des Lebens, verbunden sein und sich in allen (!) Situationen darauf beziehen, denkend, vertrauend, “Zuflucht nehmend”, wie auch Buddhisten sagen, sich dem ungreifbaren Lebensgrund überlassen…
Aber dieses göttliches Lebensgeheimnis führt nicht zum völligen Verstummen.
Deutlich ist: Der Täter, hat aus ideologischen Gründen gehandelt, er ist ein Rechtsradikaler, voller Hass auf „den Islam“ und “den Marxismus”; er ist ein Mensch, der die Identität, die Abgrenzung von anderen, die Herabsetzung “der anderen”, fanatisch durchsetzen will.

– Warum hat Gott nicht eingegriffen und die Unschuldigen geschützt?. Eine Frage, die immer wieder bei Katastrophen gestellt wird.

Die entscheidende Frage ist aber: Kann man sich bei klarer Vernunft Gott vorstellen, als einen „Jemand“, der mal hier und mal dort eingreift? Also völlig willkürlich handelt, indem er beispielsweise die Jugendlichen auf Utöya schützt, aber aus welchen Gründen auch immer die jetzt in Somalia verhungernden Hunderttausend eben nicht himmlisch eingreifend versorgt. Sollte dieser Gott im Ernst ausnahmsweise mal dem fanatischen Mörder auf Utöya das Gewehr aus dem Arm schlagen? Aber nicht den fundamentalistischen Terroristen, die den Transport von Hilfsgütern zu den krepierenden Menschen in Somalia und den angrenzenden Ländern jetzt verweigern?
Mit anderen Worten: Die Vorstellung, Gottes starker Arm greift auf Erden mal hier, mal dort helfend ein, ist philosophisch nicht vertretbar. „Willkürlich“ und „göttlich“ lassen sich philosophisch nicht in Einklang bringen.
Hingegen wird in der katholischen theologischen Tradition behauptet, Gott könne die von ihm geschaffenen Naturgesetze auch wieder durchbrechen, etwa bei Heilungswundern in Lourdes. Da wird letztlich der willkürlich handelnde Gott verehrt: Der Herrn Schulz wird plötzlich geheilt, Frau Müller aber nicht. Wie „begrenzt“ dieser die Naturgesetze durchbrechende Gott dann aber doch handelt, sieht man daran: Abgetrennte Organe, etwa die fehlende Hand, der fehlende Arm, sind auch in Lourdes nicht nachgewachsen.

– Gibt es also nichts „Wunderbares“?

Das einzig Erstaunliche ist philosophisch betrachtet: „Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?“. Wer sich auf diese Frage denkend einlässt, erreicht das Wunderbare, das Geheimnis des Lebens, der Existenz. Er nimmt wahr, dass diese Welt endlich, begrenzt, ist, dass er Teil dieser endlichen Welt ist; dass er aber als Mensch denkend und meditierend das Unbedingte berühren kann, ohne es umgreifen zu können, ohne es manipulieren zu können. Der Philosoph Martin Heidegger nennt dieses “Gründende” etwa das “Sein”. Auch Heidegger spricht von “Geheimnis”, dem man eben nicht mit einem Wunderglauben begegnen kann.

– Welchen Gott verehrt ein mörderischer Täter?
Soweit man das jetzt auch schon im Blick auf Norwegen sagen kann: Der mutmaßliche Täter war tief überzeugt, Gott auf seiner Seite zu haben, absolut recht zu haben. Er handelte aus einem rechtsradikalen Wahn, der wie eine absolute, religiöse Überzeugung erscheint.
Aber: Dieser Wahn, “die Wahrheit zu haben”, entsteht nicht automatisch, er wird auch erzeugt, wird gemacht, gelehrt, verbreitet, auch gepredigt, z.B. wann immer eine Kirche oder Religionsgemeinschaft ihren Anhängern einredet und „einbläut“: Nur sie seien auf dem einzigen richtigen, gottgewollten Weg. Dann wird der Boden für Terrorismus vorbereitet: „Wir sind die Guten, auf der anderen Seite stehen die Falschen, die Bösen, die Irrenden, die Gottlosen“.
Worte wie „allein selig machend, allein wahr, die wahre Kirche“ usw. sind gefährlich. Das schließt aber nicht aus, dass ein einzelner Frommer seinen Glauben als den für ihn ganz persönlich einzig wahren Glauben pflegt. Sozusagen als seine subjektive Wahrheit. Aber diese Überzeugung ist völlig privat. Sie sollte nicht als die für einen Staat und eine Gesellschaft allein geltende Wahrheit durchgesetzt werden. Mission und Terror waren schon oft verbunden, man denke an den Völkermord, der im Namen des Evangeliums an den indianischen Völkern Amerikas begangen wurden. In der Wahnphantasie des Täters in Norwegen am 22.7. 2011 kommt bezeichnenderweise das Wort “Kreuzritter” vor…

– Darf also Gott im öffentlichen Leben keine Rolle spielen?
Der Philosoph Immanuel Kant hat Entscheidendes gesagt: Das Unbedingte, Gott, spricht im Gewissen; das Unbedingte, Gott, “spricht” im Kategorischen Imperativ. Darum: Jedes einzelne menschliche Handeln muss sich stets prüfen, ob es allgemeines Gesetz werden kann.
Das Unbedingte, Gott, spricht in der philosophischen Einsicht, den anderen Menschen niemals als Mittel für meine persönlichen Zwecke zu missbrauchen. Nicht nur Toleranz, sondern Respekt vor dem Leben jedes anderen ist die Basis. (Darum ist, nebenbei gesagt, das zugelassene Massensterben in Somalia jetzt auch Ausdruck für ein respektloses Umgehen der reichen Nationen mit diesen arm gemachten Menschen dort). Respekt als Maßstab gesellschaftlichen Miteinanders soll eingeübt und gelehrt werden, das ist die philosophische Haltung.
Gott ist also primär im Bereich der Ethik zu entdecken, so Kant, und nicht in Spekulationen, ob Gott denn hier oder besser dort himmlisch eingreifen sollte. Solchen „Wunderglauben“ hat Kant als spinös und unvernünftig zurückgewiesen. Philosophen tun das noch heute.

Darüber sollte man diskutieren:
Wir brauchen keine an Wundern orientierte Frömmigkeit; wir brauchen nicht den Glauben an einen Gott, der einige freundlicherweise rettet, viele andere aber unfreundlicherweise nicht rettet.
Wir brauchen Religionskritik, um den wahren Gott vor den weit verbreiteten und kirchlich gepflegten infantilen Gottes – Vorstellungen zu schützen.
Wie brauchen weniger Religionen, die die Wahrheit gepachtet haben und von Abgrenzungen und Ausgrenzungen leben.
Wir brauchen Bildung, Kritik und Selbstkritik, Einübung ins Mitgefühl…Und das rigorose gesetzliche Verbot, privat Waffen zu besitzen.
Das stellen wir zur Diskussion: Die tiefe, persönliche und intellektuelle Kenntnis der Menschenrechte ist in der heutigen Welt wichtiger als die Kenntnis religiöser Traditionen. Über die Menschenrechte erkennen sich Menschen als “Brüder und Schwestern” und werden angehalten, diese Erkenntnis politisch “umzusetzen”.

Was in jedem Fall außer Frage steht: Das Mitgefühl mit den Hinterbliebenen. Die geistige Hilfe, die Mitmenschen ihnen bieten, trotzdem weiter Ja zum Leben zu sagen.. auch angesichts der Katastrophe, darauf kommt es an.
copyright: christian modehn berlin. religionsphilosophischer-salon.

Eine lange Nacht der Theologie: Amsterdam kreativ

Kreatives Amsterdam:
Die erste Nacht der Theologie
Von Christian Modehn

Die Amsterdamer lieben die Nacht. Wer hätte das gedacht? Nun haben auch die Theologen aller Konfessionen (!) ihre Liebe zur späten Stunde entdeckt: Sie haben in Amsterdam die „Erste Nacht der Theologie“ Ende Juni gefeiert. Inspiriert wurden sie dabei von den sehr erfolgreichen und längst etablierten „Nächten der Philosophie“ (immer im April!) und den „Nächten der Poesie“. Spät am Abend haben auch die Theologen etwas Appetit, und so wurde ihnen in den prächtigen Räumen der Hermitage (einem Museum nahe am Waterlooplein) ein so genanntes Drei Gang Menu serviert. Aber die Liebe zum leiblichen Genuss war doch nicht so wichtig wie die Liebe zur Theologie: Mehr als zweihundert Theologinnen und Theologen aus dem ganzen Land und vor allem aus allen christlichen Konfessionen hatten sich versammelt, auch eher atheistische Gottesleugner waren vereinzelt dabei. Sie wollten in einem anderen Rahmen diskutieren, plaudern, neue Kontakte knüpfen. Viele Interessierte mussten abgewiesen werden, weil es einfach keinen Platz mehr gab. Das ist erstaunlich in einem Land, das gern als Symbol für die westeuropäische Säkularisierung („Entkirchlichung“) hingestellt wird. Tatsächlich, so wurde auch diesmal deutlich, spielt die Theologie nicht mehr die Rolle wie noch vor 50 Jahren. Theologen wagen heute selten den Schritt in de Öffentlichkeit, heißt es. Aber die versammelten TheologInnen beweisen doch: Die Kreativität ist noch da, man denke etwa an Manuela Kalsky, die Protestantin, die bei den Dominikanern vor allem die multireligiöse Bindung studiert oder an die Bemühungen, die Theologie als kirchenunabhängige Religionswissenschaften des Christentums zu etablieren. Es wurden in der Nacht auch besonders kreative theologische Werke eigens gepriesen und geehrt: Frank Bosmann etwa, der von Tilburg aus als „twitterender und bloggender Theologe“ geehrt wurde oder Marcel Barnard und Gerda van de Haar für ihr Buch „ Die Buch kulturell betrachtet“. Es wurde als das beste theologische Buch von der Jury ausgewählt. Ihre Arbeit bietet eine komplette Übersicht über den Einfluss der Bibel auf die Kunst des 20. Jahrhunderts. Wann erscheint eine deutsche Übersetzung?
Auf musikalische Intermezzi wollten die Theologen nicht verzichten, und sie entdeckten ein originelles Orchester, eine Gruppe von musikalisch hochbegabten Obdachlosen. „Echte Theologie liegt auf der Straße und nicht in einem Museum“, sagten sie, kritische Worte, in Holland willkommen, wie überhaupt die theologische Nacht in dieser Melange aus fröhlichem Speisen und leidenschaftlichem Diskutieren, aus Ernst und Ironie ein typisch holländisches Ereignis war. Man kann aus der Ferne nur neidisch fragen: Ob so etwas auch Theologen in Deutschland einmal organisieren?

Tom Mikkers, Allgemeiner Sekretär der freisinnigen Remonstranten Kirche, ist einer der Inspiratoren und Organisatoren der Nacht der Theologie, er schreibt uns:

„Unsere Nacht der Theologie kennt ähnliche Veranstaltungen, wie die Nacht der Philosophie. Wir haben abends begonnen und das Fest ging bis spät in die Nacht. Die Hermitage ist mehr als ein Museum, sie wird auch genutzt für Staatsbankette, zu dem Gebäude komplex gehört auch das Zentrum der Protestantischen Kirche Amsterdams mit seinen Einrichtungen zur Diakonie. Als Hauptthema hatten wir ausgewählt: „Theologie geht über alles“. Das war vielleicht auch eine Provokation. Wir wollen bald überlegen, wie wir im nächsten Jahr weitermachen, vielleicht sollten wir auch die nichtchristlichen Theologien beim nächsten Mal einbeziehen“.

Können Philosophen Revolutionen auslösen? Hinweise zu einem Salonabend.

Gibt es Revolutionen, die von Philosophen in Gang gesetzt werden?

Einige Hinweise zum Thema unseres Salons am 24. 6. 2011 um 19.00 in der Galerie Phantom, Hektorstr. 

Die Frage „Gibt es Revolutionen, die von Philosophen ausgelöst werden?“ mag weit her geholt erscheinen und im Streit der Historiker unterzugehen.

Dennoch hat diese Frage eine Bedeutung: Nicht nur anlässlich des neuen Buches von Philipp Blom „Böse Philosophen“. Ein Salon in Paris und das vergessene Erbe der Aufklärung, erschienen im Hanser Verlag 2011.

Die Frage lässt uns nicht los: Welche praktische Bedeutung, politische Wirkung, hat Philosophie? Hat kritisches Denken die Kraft, so viele geistige Energien zu mobilisieren, dass eine Revolution im Sinne einer grundlegenden Veränderung zugunsten der Menschenrechte möglich wäre?

Ein Hinweis zu dem Salon in Paris, in dem u.a. d Holbach und Diderot „Stammgäste“ waren: Das Buch von Blom bezieht sich tatsächlich auf das regelmäßige Diskutieren, Lesen, Essen und Trinken, im Hause Baron d Holbach in Paris um 1760. Einer der wichtigsten Gesprächspartner dort war der Philosoph Denis Diderot. Sie diskutierten die Entwürfe einer neuen Gesellschaft: Ohne Hierarchie, ohne die damals unerträgliche Allmacht und Gewalt der Katholischen Kirche; sie dachten an eine Welt der Solidarität, des Respekts, aber auch der Lust, der Befreiung des einzelnen zu seiner auch körperlich gelebten Lust. Bei aller Unterschiedlichkeit der Salon – Teilnehmer war deren Philosophie anti – metaphysisch, anti – kirchlich und stark gebunden an die Auffassung: Das materielle, auch das leibliche Leben ist die Basis für alles Erkennen überhaupt. Über den Streit mit Rousseau wäre eigens zu diskutieren.
Interessant wäre es, die Frage zu erörtern: Kann dies die philosophische Basis für eine Weltveränderung sein? Oder: Ist im menschlichen Bereich alles Materielle immer schon in geistige Strukturen „eingelassen“? Sind wir über den Körper – Geist Dualismus hinaus?

Interessant wäre es, die Frage zu erörtern: Hätte die Kirche damals auch nur einen Funken Offenheit gezeigt und Sinn für Vernunft, hätte dann zumindest die Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie Diderots anders ausgesehe? Freilich, solche Fragen sind eher müßig…

In jedem Fall hat der Salon um Baron Holbach und Diderot in größter persönlicher Bedrohtheit existiert, immer mussten diese Freigeister Angst vor Verhaftungen, letztlich vor der Todesstrafe haben. Trotzdem (oder gerade deswegen?) haben sie mit einer unglaublichen Intensität an dem umfangreichen Werk der ENZYKLOPÄDIE gearbeitet, die dann doch noch vor der Revolution erscheinen konnte, eine Art Lexikon, das deutlich genug kritische Hinweise zu Gesellschaft und Kritik bietet.
Dieser Salon war ein Ort der „radikalen Aufklärung“. Gleichheit ohne Hierarchie – hieß das Ideal.
Die Revolutionäre von 1789 bis 1795 hatten diesen Mut nicht. Robespierre z.B. förderte den Kult des höchsten Wesens, weil er nicht glaubte, dass die radikale Aufklärung auch als Atheismus politisch hilfreich sein kann.
Gilt diese Auffassung noch heute? Wie tief ist das Misstrauen in die ethische Qualität von Atheisten? In den USA haben Atheisten z.B. nicht die geringste Chance, Präsident zu werden…
Was bedeutet das ethische Prinzip der „radikalen Aufklärung“: „Tu, was für dich und die Allgemeinheit gut ist. Vermeide, was dir und anderen schadet“?
Zur Frage der praktischen Wirkung, der revolutionären Bedeutung, der Philosophie: Das ist aktueller denn je: Alle Zeichen deuten darauf hin, dass die gegenwärtige ökonomische (und damit auch eine erstarrte Form politischer) Ordnung in der gegebenen Verfasstheit keine Zukunft hat und haben darf, angesichts der tiefen Ungleichheit, die da erzeugt wird. Wo sind die Denker des Umbruchs, der Erneuerung von Demokratie? Diese „revolutionären Subjekte“ – gibt es die? Sind es die jungen Leute in Madrid (Occupy) und anderswo, die das gegenwärtige ökonomische System korrigieren wollen? Welche Rolle spielen dabei die Religionen?

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Ein Diskussionsbeitrag: Die Philosophie und die Revolution

Philosophen und die Revolution.

Zum Thema unseres Salons am 24. 6. 2011 erreicht uns von Wilhelm Lotze, Berlin, ein Diskussionsbeitrag. Wilhelm Lotze ist häufig Teilnehmer am Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon.

Natürlich können Philosophen oder das Philosophieren keine Revolution auslösen.
Marx sagt wohl so in etwa: Revolutionen entstehen aus einem sozialen Spannungsfeld, wo die Herrschenden nicht mehr können, wie bisher, und die Beherrschten nicht mehr wollen, wie bisher. Wie man sowohl an der Französischen wie an der Oktoberrevolution sieht, und sicher auch an allen anderen Revolutionen, spielen Philosophen und die Philosophie jedoch bei einer Revolution eine enorme Rolle: Schließlich muss die Revolution eine Richtung und ein bewusstes Ziel haben, wohin sie sich bewegen soll, wenn sie irgendeine Chance auf Erfolg haben will. Und dies Ziel zu definieren ist Aufgabe der Philosophie. Dabei spielen nicht allein bleibende und wegweisende Erkenntnisse von Philosophen eine enorme Rolle, sondern auch ihre natürlicherweise zahlreichen und gravierenden Irrtümer, Illusionen und Denkfehler. Aus letzteren sollten wir vor allem lernen.

Im Übrigen sind Revolutionen keineswegs prinzipiell erstrebenswerte Ziele. Wenn möglich, ist es allemal besser, den nötigen Strukturwandel evolutionär zu erreichen. Revolutionen sind auch in der Regel nicht in der Lage, den nötigen Wandlungsprozess auf einen Schlag zu verwirklichen, sondern sie können allenfalls Bedingungen herstellen, um die nötige Evolution zu ermöglichen.

Was unsere Kirchen angeht, so denke ich, hängt die Befreiung des revolutionären Potentials im christlichen Glauben davon ab, ob es den Gläubigen gelingt, sich von aller Kirchlichkeit zu befreien, also einfach den Weg Jesu zu gehen, und den Papst, die Bischöfe, Oberkirchenräte, Pastoren usw. einfach links bzw. rechts liegen zu lassen. Sollen doch die Toten ihre Toten begraben, wie Jesus sagt, oder die Totengräber des Glaubens, also die Kirchenführer, wie ich sage, ihre Kirchen.

Die Welt befindet sich derzeit in einer Situation, wo der Kapitalismus die Menschheit wie eine Schar von Lemmingen ihrer Selbstvernichtung zutreibt. Der Kapitalismus ist jedoch zunächst nicht das System der „anderen“, der Mächtigen, sondern er ist zuerst unser aller System, das innere System unseres eigenen Fühlens, Wollens, Denkens, und sozialen, gesellschaftlichen und politischen Handelns. Der Kapitalismus ist nicht durch eine äußere, sondern nur durch eine innere Revolution zu besiegen, indem wir umkehren auf den Weg Jesu. Unsere zahlreichen Revoluzzer sind also Traumtänzer, die sich durch ihren blinden Aktionismus ein Alibi beschaffen wollen, um sich vor der inneren Umkehr zu drücken. Diese innere Umkehr kann nicht geschehen, um dadurch die Welt zu retten, sondern nur, um dadurch unserem persönlichen Leben seinen wahren Sinn und Inhalt, seine Erfüllung zu geben, indem wir uns aus dem kapitalistischen Irrsinn befreien. Individuell kann dies niemand. Erst als innerlich Befreite werden wir in der Lage sein, den nötigen äußeren, politischen und ökonomischen Strukturwandel durchzuführen.

Freilich ist es durchaus fraglich, ob die Zeit noch reicht, um das riesige Schiff der Menschheit vom Kurs auf den Abgrund abzubringen. Mit dieser Frage sollten wir uns jedoch auch gar nicht erst beschäftigen, da sie unseren Horizont um mehrere Stufen übersteigt. Sicher ist jedoch, dass Gott uns Kräfte geben wird, die wir uns heute nicht vorstellen können, wenn wir den Weg gehen, den Jesus uns wies: täglich individuell und gemeinschaftlich und aus tiefstem Herzen Gott zu fragen, welchen Weg wir gehen sollen, und dann auch wirklich versuchen, diesen Weg zu gehen. Das ist das Einfache, was schwer zu machen ist. Schwer jedoch nur, wenn wir es aus eigner Kraft versuchen. Leicht und einfach, wenn wir auf Gottes Kraft vertrauen und bauen, die in uns wirksam ist. Und egal, ob die Welt untergeht: unser Leben wird darin Erfüllung finden.

Glauben ohne Wunder. Ein Salongespräch bei Rudolf Bultmann

Die Frage nach der Bedeutung der Wunder im christlichen Glauben ist sehr aktuell, weil die katholische Kirche nach wie vor daran festhält: Gott kann, sozusagen aus dem Himmel handelnd eingreifen und in Einzelfällen einmal die von ihm geschaffenen Naturgesetze durchbrechen, also “unnatürlich” handeln. (Sonst ist in römischer Sicht “Unnatürliches” absolut verboten, siehe die Verdammung der Homosexualität). In dieser Situation ist es interessant, sich einmal auch theologisch, warum nicht auch ein wenig unterhaltsam im Rahmen eines fiktiven Salon – Gesprächs, mit den Vorschlägen des protestantischen Theologen Rudolf Bultmann zu befassen. Im folgenden ist der Text einer RADIO Sendung von mir (im RBB) in der für Hörfunkzwecke üblichen Form zum Nachlesen abgedruckt. Dass meine Sympathien in dem Falle Bultmann gelten, brauche ich an dieser Stelle nicht zu verschweigen.

RBB, Gott und die Welt 1.5. 2011
Glauben ohne Wunder?
Ein theologischer Salon bei Rudolf Bultmann
Von Christian Modehn

1. Spr.: Erzähler Text: 175 Zeilen= 12 Min.
2. Spr.: Zitator

28 O TÖNE, zus.13 50“ (es entfallen die eingespielten 3., 24., 27. Zusp.)
3 musikal. Zusp., Mozart Klavier Sonaten, bitte die vorliegende verwenden!

1. musikal. Zuspielung, Mozart Sonate, 0 04 freistehend, dann bis Beginn der Titelsprecherin freistehend:

1. O TON, 015“, Pulsfort
Gott wirkt in der Geschichte. Und von daher wird auch damit gerechnet, dass Gott direkt in die Abläufe der Geschichte und des Menschenschicksals eingreifen kann und sich dabei über Naturgesetzmäßigkeiten hinwegsetzt.

1. musikal. Zuspielung, 0 03“ freistehend

3. O TON, Kürschner – Pelkmann, bitte aus dem 13. O TON diese Worte noch einfügen: (also die eingespielte Nr. 3 entfällt! „Für mich ist es..)
Eine Frau aus dieser Gemeinde erzählte, sie sei verstorben gewesen und sei wieder auferweckt worden durch Jesus. Und das wurde dann auch mit Begeisterung von den Gemeindemitgliedern aufgenommen.

1. musikal. Zuspielung, 0 03“ freistehend.

2. O TON , 0 17“, Kollmann
Man sollte natürlich mit dem Wunderglauben sehr vorsichtig sein, weil sehr vieles, was in der Geschichte der Menschheit für Wunder im Sinne von Durchbrechung physikalischer Gesetze betrachtet wurde, sich denn sehr schnell als etwas entpuppt hat, für das es eine vernünftige Erklärung gibt.

Titelsprecherin:
Glauben ohne Wunder?
Ein theologischer Salon bei Rudolf Bultmann
Von Christian Modehn

1.musikal. Zusp., Mozart Sonate. Bleibt noch einmal ca. 0 07“ freistehen, dann wegblenden:

1. SPR.:
Mit Mozart, seinem liebsten Komponisten, begrüßt der protestantische Theologe Rudolf Bultmann seine Gäste, nicht nur Kollegen aus der evangelischen Kirche, sondern auch Katholiken und Philosophen. Die Gesprächsrunde kann also spannend werden. Er freut sich immer, wenn Menschen von weit her kommen, um mit ihm in seiner Wohnung, oben, auf den Hügeln von Marburg, zu diskutieren. Im Oldenburgischen geboren, ist er schon als Student in die hessische Universitätsstadt gekommen. Später übernahm er hier den Lehrstuhl für Bibelwissenschaften. Der Gastgeber ist alles andere als ein „verbissener Spezialist“ oder gar ein „Kirchenfunktionär“. Vielseitig gebildet, will er modernen Menschen den christlichen Glauben erklären und nahe bringen. Dichtung und Musik spielen dabei eine große Rolle. Sie inspirieren bei der Suche nach dem wahren, dem „eigentlichen“ Leben.

1.musikal. Zusp., Mozart Sonate. Bleibt noch einmal 0 06“ freistehen.
(alle 3 Takes sind von bis 1 bis 3 nummeriert…Und die Startzeiten angegeben).

1.SPR.:
Gleich zu Beginn möchte Rudolf Bultmann an seine theologische Grundüberzeugung erinnern. Er greift zu einer Mappe seiner Vorlesungen, darin hat er notiert:

2. SPR.:
Unsere Aufgabe ist es, die vielen mythischen Bilder der Bibel zu verstehen. Sie verwirren heute, weil sie Göttliches naiv in die Welt hineinziehen, also Gott zu einem greifbaren Objekt machen, etwa bei den Naturwundern, wo Jesus als der Herr der Meere dargestellt wird. Die biblischen Wundererzählungen sollte man als Märchen und Mythen lesen und versuchen, ihren menschlich wertvollen Inhalt aber in eine neue Sprache zu übersetzen.

1. musikal. Zuspielung, noch einmal 0 03“ einblenden, dann sehr leise als Hintergrund für Text.

1. SPR.:
Rudolf Bultmann reicht Tee und Kaffee. Ein Bier mit dem obligaten Schnäpschen, was er als alter Oldenburger besonders schätzt, gebe es erst später. Der leidenschaftliche Pfeifenraucher kann es gut verstehen, wenn seine Gäste zu Zigarren und Zigaretten greifen. Bultmann kommt nun zur Sache: Er erinnert die Teilnehmer an die entscheidende Basis des Christentums, den „einen“ Mittelpunkt des Glaubens:

4. O Ton, 0 30“, Bultmann,
Der christliche Glaube redet von einer Offenbarung. Und meint damit Gottes Handeln als ein Geschehen, das dem objektivierenden Denken der Vernunft nicht sichtbar ist. Ein Geschehen, das als Offenbarung nicht Lehre mitteilt, sondern die Existenz des Menschen trifft und ihn lehrt oder besser ermächtigt, sich zu verstehen als getragen von der transzendenten Macht Gottes.

1. SPR.:
Bultmann schaut in die Runde: Vor allem um dieses eine Wunder gehe es ihm, um die Offenbarung Gottes, die Zuwendung absoluter Liebe. Sie könne den Menschen grundlegende Geborgenheit schenken. Die vielen einzelnen Wundererzählungen seien demgegenüber zweitrangig. Der Gastgeber greift zu seinen Aufzeichnungen, und deutet auf eine Stelle, die einigen Gästen schon bekannt sein dürfte:

2. SPR.:
Bildhafte Jenseitsvorstellungen müssen überwunden werden, ebenso magische Erlösungsvorstellungen. Man kann nicht elektrisches Licht und Radioapparate benutzen, nicht in Krankheitsfällen moderne medizinische und klinische Mittel in Anspruch nehmen und gleichzeitig an die Geister – und weiterhin an die Wunderwelt des Neuen Testaments glauben.

1. SPR.:
Da meldet sich gleich der Bibelwissenschaftler Bernd Kollmann von der Universität in Siegen zu Wort:

6. O TON, 0 23“, Kollmannn
Bultmann verfolgt ein sehr wichtiges Anliegen, er möchte ja Glaubenshindernisse für den modernen Menschen beseitigen. Und die neutestamentlichen Wundergeschichten sind natürlich in ihrer Sperrigkeit auch ein Stückweit ein Glaubenshindernis. Von daher Anliegen grundsätzlich als sehr positiv zu betrachten.

1. SPR.:
Dem kann der katholische Theologe Gottfried Bachl aus Salzburg nur zustimmen:

25. O TON, 0 36“, Bachl.
Es ist ein grobes Missverständnis zu meinen, dass der Glaube als Glaube die Einladung zur Leichtgläubigkeit ist. Das ist nicht der Fall. Sondern im Sinn der biblischen Überlieferung ist dem Glauben an Gott ein sehr kritisches Moment eingestiftet, dass man Gott nicht mit irgendwelchen Dingen der Welt verwechselt, mit irgendwelchen Einfällen oder Träumen oder auch Wahnvorstellungen, die Bibel verwendet ja auch das Wort Wahn, wenn es um diese Leichtgläubigkeit geht.

1. SPR.:
Rudolf Bultmann wirft nun das entscheidende Stichwort in die Runde, den von ihm geprägten Begriff der „Entmythologisierung“ der biblischen Wunderberichte. Nach zahlreichen Debatten weiß er, wie wichtig es ist zu betonen: In den Mythen, also den bilderreichen Märchen und Erzählungen des Neuen Testaments, werden Vorschläge zur Lebensgestaltung gemacht.

5. O TON Bultmann ,
Das ist ja nun die Frage der so genannten Entmythologisierung, ob mit der Erledigung der mythologischen Vorstellungen das letzte Wort gesprochen ist oder ob in ihnen ein bleibender Sinn Ausdruck gefunden hat. Ob ihnen eine Anschauung, ja ein Wissen vom Wesen der menschlichen Existenz zugrunde liegt, das vielleicht nicht das einzig mögliche Verständnis menschlicher Existenz wäre, das aber eine Möglichkeit ist, die ihr Recht nie verlieren kann.

1. SPR.:
Die Frage nach der Bedeutung der mythischen Erzählungen und der Wunderberichte hat Bultmann in seinem umfangreichen Werk beantwortet: Die biblischen Geschichten, also die Mythen, können nur dann das Leben deuten, wenn die Menschen sich nicht unmittelbar an die Bilder klammern und nur dem Vordergründig – Mysteriösen verhaftet bleiben. Der Evangelist Markus stellt Jesus als Wundertäter vor; er berichtet, wie er eine schwerkranke Frau heilte. Pfarrerin Cornelia Machoni (sprich Makoni) aus Berlin will auf den tieferen Sinn dieser „mythischen Erzählung“ von der „blutflüssigen Frau“ hinweisen:

12. O TON, 0 35“. Machoni, Etwas später rein gehen bei:
Man kann sich vorstellen, welche Aussätzigkeit das bedeutete in jeglicher Hinsicht, also keine Teilhabe an Gesellschaft. Und diese Frau bringt trotzdem die Hoffnung auf, dass sie gesund wird. Und folgt diesem Jesus und berührt ihn. Jesus ist derjenige, der diese Frau letztlich auf diesen Weg ja gebracht hat, und zwar durch sein Menschsein. Er war ja da, er hat gewirkt, er hat gehandelt. Sie wusste davon, und daraufhin hat sie sich ja auf den Weg gemacht und ist zu ihm gegangen und ihn besucht. Und diese Frau fällt in den Staub nieder und legt ihm diese ganze Lebensgeschichte vor, und er entlässt sie mit den Worten. Dein Glaube hat dir geholfen.

1.SPR.:
Auf die innere Einstellung zur Krankheit kommt es an, davon ist die Pfarrerin überzeugt: Der Glaube kann eine Art heilsame Lebensenergie werden, die dem Leiden trotzt. Aber was sagen denn Historiker zu der Behauptung, Jesus von Nazareth sei ein Wundertäter gewesen? Die Blicke der Teilnehmer im Salon richten sich auf den Bibelwissenschaftler Bernd Kollmann:

11. O TON, 0 42, Kollmann
Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass Jesus insbesondere auf dem Gebiet der Krankenheilungen und der Dämonenaustreibungen einer der ganz charismatisch begabten Wundertäter seiner Zeit war. Das sind Wunderberichte auch in den Evangelien, die einen ganz festen historischen Kern haben. Bei den Heilungsgeschichten stehen Blindenheilungen und Gelähmtenheilungen im Mittelpunkt der Überlieferung, man hat sich die Krankheitsbilder wohl so vorzustellen, dass es sich hier um Krankheiten psychogener Natur handelt, wo ein charismatisch begabter Heiler nachweislich auch zu Erfolgen kommen kann.

1.SPR.:
Mit dieser Erklärung sind alle einverstanden: Jesus als charismatischen Wunderheiler zu verstehen, das sei noch nachvollziehbar. Aber hat er denn nicht auch so genannte Naturwunder vollbracht? Er soll doch der Herr über Meeresstürme gewesen sein…und einmal habe er sogar Wasser in Wein verwandelt.

7. O Ton, 0 52“, Kollmann
Hier wird aus der Perspektive des nachösterlichen Glaubens Jesus ganz Großes zugeschrieben. Dies sind Wundergeschichten, die keinen direkten historischen Anhalt haben, wo im Lichte des nachösterlichen Glaubens der Gemeinde Jesus solche Wunder zugeschrieben werden, auch um seine Messianität zu untermauern und zu dokumentieren. Um für ihn zu werben auch, also solche Wundergeschichten wurden ja auch von anderen Gestalten in der Umwelt des Neuen Testamentes erzählt, sowohl im Judentum als auch in der griechisch- römischen Welt. Und hier war das Christentum auch in einer Situation, wo es mit entsprechenden Jesuswundern aufwarten musste, um sozusagen im Wettkampf der Religionen konkurrenzfähig zu bleiben.

1. SPR.:
Im Laufe der Kirchengeschichte wurde also der charismatisch begabte Prophet und Heiler Jesus von Nazareth zum Gottmenschen Christus aufgewertet. Er wurde als eine Art überirdisches Wesen dargestellt, das auch die Naturgewalten beherrscht. Nur so konnte das Christentum auf dem „Markt der Religionen“ konkurrenzfähig bleiben. Diese Erkenntnis müssen die Salon-Teilnehmer erst einmal in Ruhe verarbeiten.

2. musikal. Zuspielung, bleibt 0 07“ freistehen, dann wegblenden.

1. SPR.:
Die protestantischen Gäste im Salon möchten gern Näheres über die klassische katholische Wunder – Theologie erfahren und wenden sich an Pfarrer Ernst Pulsfort aus Berlin. Seine Kirche hält schließlich daran fest, dass Wunder bis in unsere Zeit immer wieder geschehen. Diese Überzeugung könne sich auf alte biblische Traditionen berufen, meint der katholische Theologe:

8. O Ton, 0 33“, Pulsfort
Das Christentum und das Judentum auch, das sind ja beides Religionen, die damit rechnen, dass Gott die Geschicke der Welt lenkt. Also Gott wirkt in der Geschichte mit. Er hat Israel aus Ägypten geführt. Wir verstehen unsere Geschichte nicht nur als profane Geschichte, sondern auch als Heilsgeschichte. Gott wirkt in der Geschichte. Und von daher wird auch in diesen Religionen damit gerechnet, dass Gott direkt in die Abläufe der Geschichte und des Menschenschicksals eingreifen kann und sich dabei über Naturgesetzmäßigkeiten hinwegsetzt. Das ist eine Provokation.

1. SPR.:
Wohl wahr, meint der Protestant Bernd Kollmann:

9. O TON, insges. 0 44“. Kollmann
Man sollte natürlich mit dem Wunderglauben sehr vorsichtig sein, weil sehr vieles, was in der Geschichte der Menschheit für Wunder im Sinne von Durchbrechung physikalischer Gesetze betrachtet wurde, sich denn sehr schnell als etwas entpuppt hat, für das es eine vernünftige Erklärung gibt.
Aber auf der anderen Seite wird uns glaube ich, gerade auch in unserer technisierten Welt auch immer deutlicher, dass es doch viele Bereiche gibt, die wir mit naturwissenschaftlicher Gesetzmäßigkeit nicht erfassen können, und wo wir Dinge in unserem Leben spüren, die über das, was wir vernunftmäßig begreifen können, hinausgehen. Es ist natürlich dann Ansichtssache, ob man solche Dinge für Zufall hält oder für göttliches Einwirken. (ev. hier rausgehen)
Die Frage nach der Bedeutung der mythischen Erzählungen und der Wunderberichte hat Bultmann in seinem umfangreichen Werk beantwortet: Sehr viele Menschen, auch Menschen, die kirchenfern sind, sind aber doch der festen Überzeugung, dass sie hier etwas Wunderbares erfahren haben.

1. SPR.:
Ob ein unerklärliches Ereignis als Wunder zu werten ist oder nicht, liegt also vor allem im Auge des Betrachters. Eindeutige Urteile kann es da nicht geben. Darin sind sich die Salonteilnehmer einig. Aber die Protestanten wollen dann doch wissen: Wie geht die katholische Kirche heute mit so genannten Wunderberichten um, etwa mit den Heilungsberichten im französischen Marienwallfahrtsort Lourdes? Wieder wenden sie sich an Pfarrer Ernst Pulsfort:

10. O TON, 0 23“, Pulsfort
Die Kirche schätzt die Wunder hoch, allerdings geht sie sehr vorsichtig damit um, Dinge als Wunder anzuerkennen, die als solche von den Gläubigen bezeichnet werden. Also, man sieht das ganz deutlich in Lourdes, wo also monatlich Menschen sagen, es geschehen Wunder. Und in den 150 Jahren, in denen Lourdes existiert sind 67 oder 65 Vorgänge als Wunder anerkannt worden.

1. SPR.:
Bischöfe und Päpste achten also darauf, dass sich der Wunderglaube nicht unkontrolliert ausbreitet. Dabei wissen sie sehr gut, wie sehnsüchtig viele Menschen nach Wundern verlangen. In wie vielen Orten Italiens haben nicht schon Marienstatuen wunderbare blutige Tränen geweint? Der Theologe Gottfried Hierzenberger hat allein für Europa 1.128 so genannte Marien Erscheinungen gezählt, in Amerika soll die Gottesmutter 111 mal leibhaftig zu den Menschen gesprochen haben. Der Wunderglaube ist also eine Art „Urgestein“ des Katholizismus. Aktuelle Umfragen in Italien zeigen, dass dort der wundertätige Heilige Pater Pio der beliebteste aller Heiligen ist. Aber auch in der anglikanischen Kirche Afrikas breite sich der Wunderglaube aus, meint der Publizist Frank Kürschner – Pelkmann. Er berichtet von einem Sonntags – Gottesdienst in der Kathedrale von Kampala im ostafrikanischen Staat Uganda:

13. O TON, 0 33, Kürschner Pelkmann,
Eine Frau aus dieser Gemeinde erzählte, sie sei verstorben gewesen und sei wieder auferweckt worden durch Jesus. Und das wurde dann auch mit Begeisterung von den Gemeindemitgliedern aufgenommen. Das war der Wunder der Erweckung. Und vielleicht kann man sagen, dass ein Hintergrund eben ist, dass die meisten afrikanischen Christinnen und Christen die Bibel wortwörtlich verstehen. Also, die Wunder die vor 2000 Jahren passiert sind, können auch heute in Kampala passieren.

1. SPR.:
Und was denken Sie selbst als kritischer Protestant darüber, wollen nun die Katholiken wissen:

14. O TON, 0 29, Kürschner – Pelkmann.
Ich glaube eher, dass sie wirklich schwer krank gewesen war und im Grunde ihr Leben aufgegeben hatte. Und dann wieder gesund geworden ist und dies wirklich nicht naturwissenschaftlich medizinisch erklärte, wir würden vielleicht den Kreislauf prüfen und den Blutdruck feststellen. Aber dass sie überzeugt war, dass das eben ein göttliches Eingreifen in ihr Leben war. Und ich denke schon, dass der Genesungsprozess auch ganz objektiv also durch festen Glauben gefördert werden kann.

1. SPR.:
Bei allem einfühlenden Verstehen: Frank Kürschner – Pelkmann muss eingestehen, dass ihm dieser Gottesdienst noch aus anderen Gründen befremdlich vorkam:

15. O TON, 0 33“, Kürschner – Pelkmann
Während die Wiederbelebung dieser Frau von der Gemeinde positiv aufgenommen wurde, war es zufällig der erste Gottesdienst in der anglikanischen Kirche Ugandas, wo Frauen zu Pfarrerinnen geweiht wurden. Da gab es dann einen Aufstand von Gemeindemitgliedern dagegen. Weil, nach ihrem Verständnis der Bibel, sind Pfarrer Männer. Und da merkte eben auch die Grenze, wo einerseits also die Faszination des Wunderbaren eben auch umschlagen kann in eine fast dogmatische Vorstellung von dem, was christlicher Glaube ist.

1. SPR.:
Rudolf Bultmann ist fast amüsiert über diesen Bericht. Er sieht sich in seiner Forderung nur bestätigt, die Vernunft unter den Frommen zu fördern. Er blickt in die Runde und fragt: Warum denn die katholische Kirche immer noch die Wunder so wichtig nehme, etwa, wenn Menschen selig oder heilig gesprochen werden? Die Teilnehmer denken an die Seligsprechung des polnischen Papstes Johannes Paul des Zweiten. Zuvor mussten alle Wunder geprüft werden, die nach seinem Tod unter Anrufung seines Namens geschehen sein sollen. Zum Schluß konnte der Vatikan nur ein einziges Wunder als echt anerkennen: Die französische Ordensschwester Marie Simon-Pierre wurde im Juni 2005 in Aix –en – Provence plötzlich von der Parkinson-Krankheit geheilt, als sie sich im Bittgebet an den verstorbenen Papst wandte. Ernst Pulsfort will das erklären:

17. O TON, 0 56“, Pulsfort
Wir brauchen Kriterien unabhängig der Verehrung des Volkes, um dieser Verehrung des Volkes Legitimität zu geben. Und da stellt man ganz scharfe Kriterien auf: Ohne Wunder wird keiner selig gesprochen. Also die Akzeptierung für ein Wunder ist: Es muss von einem Moment auf den anderen passieren. Also, dass das Krebsgeschwulst von einem Moment auf den anderen verschwunden ist. Und deswegen werden während der Selig – und Heiligsprechungsverfahren Zeugen gebeten, sich zu melden, die eine Gebetserhörung erfahren haben. Dann wird dieses Zeugnis kontrolliert, geprüft. Dieses Wunder muss physiologisch nachweisbar sein, im Röntgenbild, hätte ich fast gesagt. Wenn das eindeutig ist, dann kann man ernsthaft diese Seligsprechung betreiben, weil man sagt: Das Wunder ist ein Hinweis darauf zumindest, dass diese Person verehrungswürdig ist, dass sie hilfreich ist, dass sie Fürsprecher ist.

1. SPR.:
Aber so einfach sei es doch nicht, ruft der katholische Theologe Gottfried Bachl aus Salzburg in die Runde. Denn andere ebenso höchst verehrungswürdige Frauen und Männer würden eben nicht so schnell selig oder heilig gesprochen werden wie Papst Johannes Paul II.. Man denke etwa an den beliebten Erzbischof Oscar Romero aus El Salvador, den Beschützer der Armen, den Freund der lateinamerikanischen Befreiungstheologen. Seit 30 Jahren gebe es Bemühungen, diesen vorbildlichen Erzbischof heilig zu sprechen, bisher ohne Erfolg. Professor Bachl fährt fort:

18. O Ton, 0 37“, Prof. Bachl
Man muss auch zu diesen Heiligsprechungen sagen, dass sie ja auch kein absoluter Vorgang sind, in der Bedeutung, dass man nun den Maßstab der Heiligkeit genau definiert hätte. Das richtet sich auch gewissermaßen auch nach dem Geschmack des jeweiligen Papstes, nach der kirchenpolitischen Richtung, in der man sich bewegt, nach den Vorlieben, die man hat. Wäre es nicht so, dann gäbe es eine ganze Reihe von Leuten, die längst hätten heilig gesprochen werden müssen und andere wieder, hätten vielleicht kaum eine Chance gehabt.

1. SPR.:
Dass nun katholische Theologen die Heiligsprechungsverfahren kritisieren, erstaunt die protestantischen Gäste im Hause Bultmann. Denn auch der Kapuziner Pater Karl Kleiner aus München distanziert sich vom naiven Wunderglauben:

19. O TON,0 40“ Pater Karl Kleiner
Es gibt Leute, auch meinetwegen fromme Leute, die immer etwas erleben wollen. Also Glauben bedeutet für die schon Schauen. Und nicht Angewiesensein auf eine Botschaft, die ich annehme. Und diese Leute wollen immer, dass sich der Himmel rührt, dass sich die Hölle rührt. Da muss sich immer etwas bewegen, irgendetwas Wunderbares tun. Das sind sehr einfache Leute. Und ohne Zeichen läuft nichts bei denen. Und ich würde sagen, das ist eine Sache, die von den Priestern der Kirche nicht gepflegt werden soll. Sondern Jesus verlangt schon, dass wir glauben, dass wir auf seine Worte setzen, dass wir ihn akzeptieren.

3. musikal. Zuspielung, bleibt ca. 0 07“ freistehen, dann wegziehen.

1.SPR.:
Rudolf Bultmann greift nun wieder zu den Manuskripten seiner Vorlesungen, darin steht mit dickem Ausrufungszeichen der Satz:

2. SPR.:
Wir müssen beim Thema Wunder unseren Blick über die Bibel hinaus weiten. Sicher, das eine und einzige Wunder bleibt, dass sich Gott offenbart und dass Jesus Christus uns Lebensorientierung bietet. Aber das verstehen wir um so eher, wenn wir auch bereit sind, Gottes Wunder in unserem menschlichen Leben zu erfahren, sozusagen auch im Alltag.

1. SPR.:
Auf diesen Satz habe ich die ganze Zeit gewartet, sagt die Augsburger Philosophin Katharina Ceming:

20. O TON, 0 49“, Ceming
Die Option Mensch an sich ist das Wunderbare. Also, er ist ja in alle Richtungen auch offen, und ich denke, dass dieser Mensch das Potential zum größten Schurkentum hat, aber eben auch genau zum größten Heiligen. Und ich denke jetzt wirklich an diese Geschichte von Viktor Frankl, der also diese entsetzliche KZ Zeit überlebt hat, und der eben gesagt hat: Genau dort hat sich auch menschliche Freiheit gezeigt. Also, dass es Menschen gegeben hat, die in der extremsten schrecklichsten Situation ihres Lebens bereit waren, trotzdem mit anderen noch etwas zu teilen. Das ist das wahrhaft Wunderbare. Und ich denke, das Wunderbare steckt in der Liebe, das ist auch nicht erklärbar, warum Menschen Dinge tun. Und das ist genau das Element des Wunderbaren, das sie jetzt niemals im Sinne einer mechanistisch, materialistischen Welterklärung erklären werden.

(Kürzungsvorschlag Anfang.Als Notlösung käme in Frage: NUR den 21. O TON zu entnehmen! CM. )

1. SPR.:
Die menschliche Freiheit ist für viele Philosophen das allerhöchste, fast etwas Göttliches, Wunderbares. Immanuel Kant sprach z.B. von dem geheimnisvollen „Faktum“ der Freiheit, das man nicht beweisen kann… Ja, es gibt das Geheimnis im Leben, ruft der Münchner Philosoph Günter Schiwy in die Runde! Es gibt das Wunderbare in der Welt. Die Schöpfung sei doch nichts Plattes, nichts Banales. Schiwy denkt dabei an sein großes Vorbild, den berühmten Naturforscher und Theologen Teilhard de Chardin; Er studierte zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Evolution der Welt in ihrem Auf und Ab und konnte dabei natürlich nicht die Katastrophen ignorieren.

21 O TON, 0 28“, Schiwy
Gegen diese Erfahrung hat er die Grunderfahrung des Menschen gesetzt: Er hat gesagt: Gäbe es nicht die Lust am Leben, gäbe es auch nicht die Erfahrung des Unlustigseins. So hat er immer dialektisch gedacht. Aber das Primäre und das Stärkere, ist für ihn letztlich diese positive Energie. Und weil es die gibt, gibt es auch für jeden Menschen die Möglichkeit, die Krisen durchzustehen.

1. SPR.:
Und dieses Potential ,,trotz aller Verzweiflung weiterzuleben“ und für das Wohl der Menschen, besonders der Leidenden, zu arbeiten, diese Kraft habe doch der Mensch nicht aus sich heraus, meint der Philosoph Günter Schiwy. Im Menschen wirke vielmehr eine göttliche Kraft, etwas Wunderbares:

22. O TON, 0 28“, Schiwy
Man muss wissen, dass wir als Geschöpfe nicht allein jetzt auf diesen Weg gesetzt sind. Sondern da ist jemand, der geht nicht nur neben uns her. Sondern der ist unser innerstes Kraftzentrum, es ist etwas, was von Innen her da ist. Und dafür gibt es nun immens viele Zeugnisse, man muss nur in sich selbst hineinhorchen. Das geht über die Kunst, das geht über die großen Forscher, das geht über die vielen Menschen, die sich für andere hinopfern. Das sind doch Energien, die haben wir doch nicht aus uns selbst.

( Kürzungsmögl. Ende).

1. SPR.:
Pfarrerin Cordula Machoni möchte diesen Gedanken aus persönlicher Erfahrung gleich ergänzen:

23. O TON, 0 40“. Machoni:
Zu der Hoffnung, dass Wunder geschehen, gehört: dass ich selbst für eins sorge. Ich kann eben nicht darauf hoffen, dass irgendwas Großes passiert. Sondern Wunder, die ich tun kann, geschehen auch im Kleinen. Der Dienst am Nächsten, also alles, was mit Diakonie zu tun hat oder mit kleinen Handlungen am Nächsten. Und was ist das für ein Wunder, dass Menschen, die hoch belastet sind, hoch engagiert sind in ihrem beruflichen Umfeld, die flexibel, mobil sind, Familie haben, mehrere Tätigkeiten und die dann noch Zeit finden bzw. ihre Zeit erübrigen, Menschen zu helfen! Finden Sie das normal, ist das alltäglich? Da denke ich, das sind schon kleine Wunder, die da passieren.

1. SPR.:
Rudolf Bultmann nickt zustimmend, er blättert in seinen Manuskripten, dort hat er notiert:

2. SPR.:
Ein Mensch, dessen Wesen und Tun von heiterer Liebe getragen ist, wird für andere Menschen zu einem Wunder. Und in solchem Sinne sind wir alle aufgerufen, nicht nur Gottes Wunder zu schauen, sondern auch daran zu wirken, Wunder zu vollbringen. Die Menschen sollten erkennen, dass das menschliche, freie und authentische Leben ein kleines Wunder ist! Wahres menschliches Leben ist kein fernes, kein „eschatologisches“ Zukunftsprojekt irgendwann im Himmel.

1.Spr.:
Dabei beruft sich Bultmann auf die biblischen Lehren des ersten Johannes Briefes; er empfiehlt den Christen, in großer Gelassenheit und Ruhe ihr Leben zu gestalten:

28. O TON, 0 23“, Bultmann
Weil er, der Glaubende, im Grunde schon den Tod hinter sich gelassen hat, und wie Johannes es ausdrückt, aus dem Tode in das Leben hinüber geschritten ist. Das echte, eigentliche Leben ist schon Gegenwart für den, der in Christus neues Geschöpf ist. Die eschatologische Vollendung ist für ihn schon angebrochen.

3. musikal. Zusp., noch einmal 006“ freistehend lassen.

1. SPR.:
Der Gastgeber schaut auf die Uhr. Jetzt sei es doch langsam Zeit, an das versprochene Bier zu denken… Als ökumenisch gesinnter Protestant, bittet Bultmann einen Katholiken um das Schlusswort. Ernst Pulsfort ist dazu gern bereit:

26. O TON, 0 34“, Pulsfort.
Das Wunder ist noch keine Garantie dafür, dass ein Mensch zum Glauben kommt. Wir finden in den Evangelien ja zahlreiche Wundergeschichten. Und diese Wundergeschichten erregen bei Betrachtern eher eine Ablehnung der Person Jesu. Also Wunder garantiert noch nicht die Annahme des Glaubens. Sondern das Wunder ist eigentlich nur verstehbar als eine Verstärkung des Glaubens oder Bestätigung des Glaubens für den, der bereits glaubt. Also der, der nicht glaubt, der nicht an Gott glaubt, der wird niemals eine Sache als Wunder anerkennen.

3. musikal. Zusp. 005“ freistehend:

1. SPR:
Post Scriptum: Rudolf Bultmann wurde 1884 geboren, er ist im Jahr 1976, drei Wochen vor seinem 92. Geburtstag, in Marburg gestorben.

3. Musik wieder hoch, darauf Absage:

Titelsprecherin: Glauben ohne Wunder? Ein theologischer Salon bei Rudolf Bultmann

Sie hörten eine Sendung von Christian Modehn
Redaktion: Anne Winter

Buchempfehlungen:

Eine umfassende historische und kulturwissenschaftliche Einführung zum Thema Wunder bietet das sehr empfehlenswerte Buch „Wunder, Poetik und Politik des Staunens im 20. Jahrhundert“. Hg. von Alexander C.T. Geppert und Till Kössler, Suhrkamp Taschenbuch, 2010, 475 Seiten.

Das Standardwerk zu Bultmann:
Konrad Hammann, Rudolf Bultmann. Eine Biographie. Mohr Siebeck Verlag, Tübingen, 2009, 582 Seiten.

Bernd Kollmann, Neutestamentliche Wundergeschichten.
Biblisch-theologische Zugänge und Impulse für die Praxis
Kohlhammer Urban Taschenbücher, 2010, 224 Seiten.

Gottfried Bachl, Der schwierige Jesus. Tyrolia Verlag, Innsbruck-Wien. 1994, 112 Seiten.

Katharina Ceming, Mystik im interkulturellen Vergleich, Bautz Verlag, Nordhausen, 2005, m133 Seiten,

Josef Imbach, Wunder. Eine existentielle Auslegung. Topos Taschenbuch, 2002. 240 Seiten.

“Schwebende Gläubige”. Neues aus Holland

„Schwebende Gläubige“
Neue Untersuchung zu Religion und Kirchen in den Niederlanden

Ein neuer Titel wurde in Holland „geboren“, ein Name für jene Menschen, die nicht mehr kirchlich gebunden, aber doch religiös/spirituell interessiert sind: Es sind die „schwebenden Gläubigen“, so auch der Titel einer gerade jetzt erschienen Studie von Joep de Hart, er ist Professor für Religionssoziologe an der Universität Leiden. Erneut wird faktenreich dargestellt: Die niederländische Gesellschaft wird zunehmend unkirchlich, aber nicht unreligiös. „Nur 14 Prozent der Bewohner betrachten sich selbst als Atheisten“. Kirchenmitglied ist (nur noch) jeder dritte, wobei in den Kirchen eher die älteren Bewohner versammelt sind. Die meisten Holländer seien „Ietsisten“, also Menschen, die an „etwas Höheres“, eine göttliche Kraft, einen transzendenten Mittelpunkt im Leben glauben. Ietsisten bedeutet „an etwas Gläubige“, Menschen, die ihre Individualität ernst nehmen, auch ihre Selbstbestimmung in religiösen Fragen. Nebenbei: Ich habe zu dem Thema 2010 im WDR, Reihe Lebenszeichen, ein Radiofeature gemacht. Kriterium für die individuelle Annahme religiöser Traditionen seien, so Joep de Hart, „das gute Gefühl“, die Emotion, die wach wird, wenn man sich mit einer Tradition befasst und sie ins eigene Leben integriert. Die ersten Kritiker dieses Buches weisen zu recht darauf hin, dass die radikale Säkularisierungsthese nicht mehr gültig ist. Viele Jahre wurde betont: Die Entkirchlichung führe automatisch zu einem säkularisierten, also „nur“ weltlichen Denken. Ob die neue „Verzauberung“ der Welt immer harmlos und gesellschaftlich „ungefährlich“ ist, bleibt eine ganz andere Frage. Dringend wünschenswert wäre es unserer Meinung nach, wenn nach dem Abschied von den dogmatisch – rigiden Konfessionskirchen tatsächlich vernünftige, aber doch wenigstens stets vernünftig überprüfte Spiritualitäten entständen.
Joep de Hart bietet als Soziologe nur Fakten; in einem Interview konnte er sich dann aber doch nicht der Prognose enthalten: „Im Jahre 2050 wird das letzte Mitglied der Protestantischen Kirche der Niederlande die letzte Kirchentür schließen. Bei den Katholiken kann das noch etwas länger dauern“, so in einem Interview für Radio 1 Nederland am 29. Mai 2011. Wenn also in 40 Jahren fast alle Holländer „Ietsisten“ sein werden, ist denn der Gedanken so abwegig, dass doch offene und freie, undogmatische Gemeinden entstehen, denn ohne einen sanften Bezug zu anderen spirituell Interessierten hat es ein „Ietsist“ auf Dauer nicht ganz leicht.
Nebenbei: Die Kirche der Remonstranten ist bereits ein solcher Ort, in dem undogmatisch die christliche Tradition interpretiert und gelebt wird, eben „freisinnig“.

Joep de Hart, Zwevende Gelovigen, Oude religie en nieuwe spiritualiteit. Ben Bakker Verlag, Amsterdam, 2001, 326 seiten, 229, 50 Euro.