Wie lebt Gott in den Mega – Städten?

 

Gottes Geist in Mega-Städten

Was macht die Religion mit der Stadt? Architekten, Geografen und Soziologen schauen bei einer Tagung in Berlin genau hin – und entdecken die Gestaltungsmacht der Pfingstkirchen

Von Christian Modehn

In Kiew, der Hauptstadt der Ukraine – sie hat drei Millionen Einwohner -, hat Gott eine eigene Botschaft: »Embassy of God« nennt sich dort die größte Pfingstkirche mit 25000 Mitgliedern. Ihr Gründer ist der aus Nigeria stammende Journalist Sunday Sunkanmi Adelaja. Inzwischen hat er für seine Embassy Church in 45 Ländern Filialen geschaffen. Sie widmen sich – neben dem inbrünstigen Gebet – der Betreuung von Alkoholkranken und Drogenabhängigen.

In Nairobi, der Hauptstadt Kenias – sie hat ebenfalls drei Millionen Einwohner -, haben mehr als tausend Missionare aus Südkorea ihr »Hauptquartier« bezogen: Allein die Manmin Church of Jaerock Lee verfügt in Kenia über 600 Gemeinden. Die Koreaner in Afrika nennen ihre Missionstätigkeit »Kreuzzüge«, sie wollen in ganz Afrika »die kosmische Macht Satans abwehren und die Individuen vom Teufel befreien«.

In Rio de Janeiro – einer der größten Städte der Welt mit zwölf Millionen Einwohnern – gehört eines der größten Gebäude der Universal-Kirche des Gottesreiches, 11000 Gläubige finden darin Platz. Diese Pfingstkirche, 1977 von dem Katholiken Edir Macedo gegründet, hat heute weltweit etwa zehn Millionen Mitglieder. Mit seiner Kirchengründung hat der ehemalige Lotterieverkäufer Macedo das Super-Los gezogen: Dank der Spenden seiner Gläubigen ist er inzwischen ein steinreicher Mann, er besitzt 62 Radiostationen und zwei nationale TV- Sender. Wegen Verwicklungen in den Drogenhandel wurde er verurteilt. Heute betreut er als Bischof seine wachsende Gemeinde in New York.

Drei Beispiele, die eine der wichtigsten Veränderungen in der religiösen Kultur der Gegenwart beschreiben: Die einst durch den Kolonialismus Missionierten treten jetzt weltweit als Missionare auf. Sie gehören fast ausschließlich zu neu gegründeten Pfingstkirchen. Ihr Missionseifer sorgt dafür, dass heute Soziologen und Philosophen nicht mehr umstandslos, wie noch vor zwanzig Jahren, vom Sieg der Säkularisierung mit einem langsamen Absterben der Religionen sprechen.

Es sind vor allem die Großstädte in Afrika, Asien und Lateinamerika, in denen sich die Renaissance des Religiösen durchsetzt. Mit offensiver Werbung und apokalyptisch gefärbten Heilsversprechen werden bibeltreue Evangelikale und geistbewegte Pfingstler, so die wissenschaftliche Prognose, den traditionellen Großkirchen – Katholiken, Lutheranern, Reformierten – zahlenmäßig bald ebenbürtig sein.

600 Millionen Menschen nennen sich »Pfingstler«, gehören also zu einer Bewegung mit vielen Tausend unabhängig agierenden Kirchen. Jeder vierte Christ versteht sich heute als »born again«, als neu geboren durch die (zweite) Taufe im Heiligen Geist. Ein Beispiel: 1960 nannten sich 91 Prozent der Brasilianer katholisch, vierzig Jahre später waren es nur noch 73 Prozent. Millionen Katholiken wenden sich den pfingstlerischen Freikirchen zu. Jeder fünfte Brasilianer gehört zu dieser Bewegung, in Guatemala schon fast jeder zweite.

Der aus Argentinien stammende, international geschätzte katholische Theologe und Philosoph Enrique Dussel studiert von Mexiko aus diese Entwicklung: »Die katholische Kirche hat sich vom Volk abgewandt. Der Vatikan hat hier Bischöfe ernannt mit niedrigem intellektuellen Niveau und keinerlei pastoraler Erfahrung. Es müsste längst verheiratete Priester geben. Mit ihrem Machismo hat die Kirche kein Verständnis für die Frauen. Das Volk trennt sich vom Katholizismus. Das ist eine gerechte Strafe für Rom.«

Professor Dussel hat sich dieser Tage zusammen mit Kulturwissenschaftlern und Künstlern im Berliner Haus der Kulturen der Welt mit der Rolle neuer Pfingstgemeinden in den Großstädten auseinandergesetzt. »Global Prayers« war der treffende Titel, um die Expansion der Pfingstkirchen – parallel dazu auch einiger islamischer und hinduistischer Bewegungen – zu untersuchen.

Das Projektbüro Metrozones in Berlin befasst sich seit drei Jahren mit diesem Thema. Es handelt sich um eine private Initiative von Kulturwissenschaftlern, die kirchenunabhängig und interdisziplinär arbeiten. »Seit drei Jahren haben wir Metrozones als eine Art Plattform der Forschung«, berichtet eine der Initiatorinnen, die Lateinamerikanistin Anne Huffschmid aus Berlin. »Wir wollen die eurozentrische, also immer auch besserwisserische Blickweise überwinden, also verständnisvoll, aber doch unparteiisch recherchieren. Wir entdecken die Bedeutung der Religion im Gesamtzusammenhang der Stadt, gegenüber der Theologie ist dies ein umfassenderer Ansatz.«

In den Slums von Rio, São Paulo oder Mexiko-Stadt haben die Pfingstkirchen meist nur bescheidene Häuser. Sie sind dafür aber an jeder Ecke präsent als Orte lautstarken Betens, Singens, Predigens … und das bis spät in die Nacht. Sie übertönen damit die beinahe ständigen ortsüblichen Schießereien zwischen Drogenbossen und der Polizei. Stadtforscher (Urbanologen) haben den Sound dieser Viertel längst dokumentiert. Fotografen und Künstler setzen sich mit diesen »geistvollen Orten inmitten des Elends« auseinander.

Religionen in den Megastädten: So heißt das neue Thema für Architekten, Geografen, Soziologen. Sie untersuchen, welche Auswirkungen die neuen kolossalen Pfingst-Tempel im Gesamt der Stadt haben.

In der elf Millionen Einwohner zählenden Mega-Stadt Lagos (Nigeria) bauen Pfingstkirchen ihre monumentalen Tempel entlang der Schnellstraße nach Ibadan. Nicht nur die vielen Tausend nigerianischen Frommen strömen dorthin. Aus aller Welt kommen Geistbewegte millionenfach und kurbeln damit den sonst eher schwach entwickelten Tourismus in Nigeria an. Dicht nebeneinander haben sich mehr als zwanzig Pfingstkirchen niedergelassen. Riesige Ländereien wurden gekauft, um Tempel und Wohnungen, Bildungseinrichtungen und Betriebe protzig und monumental aufzubauen.

Das größte Gelände gehört der Redeemed Christian Church of God (RCCG), der »Erlösten Christlichen Gemeinde Gottes«. Vor fünfzig Jahren von dem Nigerianer Pa Josiah Akindayomi gegründet, verfügt sie jetzt über eine Gottesdiensthalle mit einem Ausmaß von 1200 Metern Länge und 500 Metern Breite. Sie kann einige Hunderttausend Menschen fassen. Eine Großküche mit über 300 Feuerstellen sorgt für das leibliche Wohl der Massen. Die RCCG besitzt auf ihrem Gelände auch eine Privat-Universität, es gibt gepflegte Wohnanlagen für rund 18000 Gemeindemitglieder. Man hat eine eigene Stromversorgung und eigene Müllabfuhr, ein eigener Flughafen ist geplant. Diese »pfingstlerische« Stadt, die Redemption City mit einer Fläche von 48 Quadratkilometern, »ist das größte christliche Anwesen der Welt«, so der nigerianische Religionssoziologe Asonzeh Ukah. Auch er ist mit dem Projekt »Metrozones« verbunden. Die gepflegte und Sicherheit bietende Infrastruktur dieser Stadt der Frommen ist kaum zu vergleichen mit den Lebensbedingungen der Mega-Stadt Lagos, die jeder Besucher nur noch als »Moloch« bezeichnet. Die »Stadt der Erlösten«, also die RCCG-Church, ist aber keine hilfreiche Alternative: »Ungewöhnlich wohlhabende Personen aus Politik und Wirtschaft – Christen wie Muslime – fungieren als Finanziers des RCCG-Projekts«, so der Soziologe Asonzeh Ukah. Er betont: »In Redemption City genießt nur eine Minderheit Wohlstand und Anerkennung. Diese Minderheit setzt nun noch die Macht des Sakralen ein, um sich ihren Zugriff auf die knappen materiellen Ressourcen zu sichern. Die medizinischen Dienstleistungen der Pfingstkirchen bleiben für die den Kirchen zuströmenden Armen unbezahlbar, obgleich diese Kirchen maßgeblich von ebendiesen Armen mit aufgebaut worden sind.«

Diese sich machtvoll gebärdende RCCG, in gewisser Weise ein Geldbeschaffungsinstitut, steht an vorderster Missionsfront der »Global Prayers«: Sie ist inzwischen in vielen Ländern aktiv, auch in Indien und Birma. Von Hongkong aus ist sie auf dem Sprung nach China. In den USA expandiert sie genauso wie in Großbritannien, in London gibt es 150 RCCG-Gemeinden, in Deutschland sind es »erst« zwanzig. Die zentrale Botschaft dieser Kirche wird auch unter Bankern gern gehört: Begnadet ist, wer finanziell erfolgreich ist.

Diese protzige Form pfingstkirchlicher Selbstdarstellung durch die RCCG steht in scharfem Kontrast zu vielen Tausend anderen bescheidenen Pfingstkirchen. »Auf diese Differenzierung legen wir in unserer Forschergruppe allen Wert«, betont Anne Huffschmid. »Denn viele Pfingst-Pastoren etwa in Argentinien teilen mit den Verarmten in den nahezu endlosen Slums der Mega-Städte das erbärmliche Leben der Leute.« Tatsächlich leisten sie ohne institutionelle Barriere menschliche Hilfe, weil sie die immer erreichbaren Nachbarn sind. Sie leben mit den Ausgegrenzten im »kulturellen Gleichklang«, wie der argentinische Soziologe Pablo Semán betont, auch er ein Mitarbeiter der Studiengruppe Metrozones. Diese Gemeinden bieten einen letzten Halt für entwurzelte Menschen.

Die katholischen Pfarrgemeinden in den Megastädten Lateinamerikas zählen meist 20000 oder 30000 Mitglieder mit einem verantwortlichen Priester, in Nordostbrasilien sind katholische Gemeinden mit 100000 Mitgliedern beinahe üblich. Wie kann da ein Miteinander entstehen? Im Dickicht der stetig wachsenden Slums kann nur die kleine »Familien-Gemeinde« für eine gewisse seelische Stabilität sorgen. »Das ist fürs Zusammenleben in einer Stadt doch nicht wenig«, meint Anne Huffschmid.

Aber die Bindung an eine Pfingstgemeinde bleibt oft sehr locker und flexibel: »Manche lassen sich ihre katholische Prägung nicht nehmen, wenn sie Pfingstler werden; etliche gehören sozusagen beiden Konfessionen an«, so Anne Huffschmid. Auffällig ist aber auch, dass sich junge Leute in den Städten zunehmend Atheisten nennen. Zum Beispiel sind es in Brasilien sieben Prozent der Bevölkerung, in Chile acht Prozent und Costa Rica elf Prozent. Die Pfingstler werden also eine säkulare Gesellschaft nicht unbedingt verhindern können. Fördert ihr oft fundamentalistischer Glaube vielleicht sogar den Atheismus?

Auch in Europas Metropolen hat sich die Darstellung kirchlicher Präsenz längst verändert. Kirchengebäude werden verkauft, nicht nur in Holland, wo Gotteshäuser in Kaufhallen umgewandelt werden. In Berlin hat die katholische St. Agnes Kirche jetzt ein Galerist gekauft. Die Zwingli-Kirche in Friedrichshain wurde zu einem Kulturzentrum umgebaut. Gleichzeitig werden im selben Stadtteil neue freikirchliche Gemeinden gegründet. Die Kirche International Christian Fellowship mietet den Musik-Club Lovelite für ihre Gottesdienste am Sonntagnachmittag. Die kürzlich gegründete Freikirche Berlin Projekt feiert sonntags – nach einem ersten Kaffee im Foyer – ihren Gottesdienst im Kino Babylon Berlin Mitte mit 200 bis 300 vorwiegend jungen Leuten. Und die Jesus Freaks Berlin treffen sich in der alten Kindl Brauerei Neukölln zum Gebet.

Zeigt sich da ein neuer Trend? Wenn weltliche Gebäude als Orte sakraler Handlungen genutzt werden, wird auch neu über die Sakralität des Weltlichen zu diskutieren sein. Ein schöner Kinosaal hat ja auch eine »transzendierende Aura«.

Die Bewegung der Global Prayers aus dem pfingstkirchlichen Raum könnte die altehrwürdigen, etablierten Kirchen inspirieren, neu über das Verhältnis von Glaube und Mega-City nachzudenken. Die kleinliche Debatte über die Größen von Pfarreien zum Beispiel wird dem globalen Thema kaum gerecht. Etwas pfingstlerische Kreativität könnte belebend wirken.

Copyright:christian modehn.

Dieser Beitrag erschien in Heft 5/2012 von PUBLIK FORUM, diese Zeitschrift empfehlen wir ausdrücklich.

 

 

Taizé – ein katholischer Ort? Anmerkungen zum Begriff der Ökumene à la Taize

Aufgrund zahlreicher Anfragen nach meinem Artikel in PUBLIK – FORUM (1/2012) verdeutlichen wir noch einmal, was Ökumene in Taizé, dem berühmten Wallfahrtsort von Jugendlichen aus aller Welt, aus unserer Sicht, gut dokumentiert, bedeutet. Das ist zwar kein Schwerpunkt unseres religionsphilosophischen Salons ….  aber manchmal müssen wir aktuelle theologische Fragen aufgreifen:

Welche Kircheneinheit hat Taizé vor Augen?

Von Christian Modehn, im Februar 2012.

Ich beobachte als Journalist Religionen und Kirchen. Mich interessiert – in Form einer Prüfung von außen – die Frage: Welche Einheit der Kirchen, also welche konkrete und fest beschreibbare Vorstellung von Ökumene hat die Mönchs – Gemeinschaft von Taizé?  Mit dieser theologisch relevanten Frage wird die Tatsache nicht berührt, dass die Mönchsgemeinschaft von Taizé für viele (jugendliche) Menschen weltweit ein inspirierender Ort geworden ist. Sicher bin ich nicht der erste, dem die Formulierungen zur Ökumene von Frère Roger Schutz oder von Bruder Alois etwas „fließend“, um nicht zu sagen: unpräzise, erscheinen. Darf man sagen: Sie wirken eher poetisch und ins Mystische gehend? Es ist auch diese fromme Glaubenssprache der Insider, die in dem Beitrag von Bruder Alois, dem gegenwärtigen Prior (vom Gründer Roger Schutz vor vielen Jahren dazu bestimmt und ernannt !) in dem Beitrag für die Internationale Theologische Zeitschrift Concilium (2011) immer wieder durchbricht. Der Titel seines theologischen Aufsatzes: „Habe die Leidenschaft für die Einheit des Leibes Christi“. Dabei ist nicht nur der Appell im Titel bemerkenswert, interessant ist die Verwendung des Bildes „Leib Christi“ für die Kirche. Es wird also nicht der (alternative) Begriff „Volk Gottes“ gebraucht, der im 2. Vatikanischen Konzil durchaus als Konkurrenzbegriff galt, sondern der eher hierarchische Vorstellungen weckende „Leib Christ“ Begriff: Da gibt es ein herrschendes Haupt und gehorsame Glieder…

Frère Roger, der Gründer von Taizé, war überzeugt, die Kirche sei „in ihrer Tiefe“ ungeteilt. (S. 130 in Concilium). „An uns ist es daher, Orte zu schaffen, an denen diese Einheit hervortreten und greifbar werden kann“, schreibt Bruder Alois, diesen Gedanken weiter entwickelnd. Dabei erinnert er an den orthodoxen französischen Theologen Olivier Clément, der – seinerseits ziemlich kryptisch  – schreibt: „Es gibt nur eine einzige Kirche, verborgener Unterbau aller Kirchen…“ Also eine untergründige Einheit gibt es, und Taizé wäre dieser Ort, wo diese untergründige Einheit nach vorne tritt und offenbar wird. Aber was ist damit konkret gemeint? Handelt es sich um eine wirklich neue und bislang unbekannte Kirche, also eine aus verschiedenen Traditionen gespeiste bzw. zusammengefügte Kirche? Taizé schließt aber aus, dass diese – aus der Tiefe sozusagen hervorgeholte Einheit – tatsächlich eine grundlegende neue, eine bislang völlig unbekannte ökumenische Kirche sein sollte. Das wäre in römischer Sicht –und darauf nimmt Taizé alle Rücksicht  – ein Schisma, und das darf nicht sein.

Anders hingegen und nur nebenbei erwähnt als Alternative: Der niederländische Theologe und Poet Huub Oosterhuis fördert z. B. seit 1970 in Amsterdam eine neue selbständige ökumenische Gemeinde, die Studenten – Ecclesia, die über alle bestehenden Konfessionen hinausgewachsen ist. Sie präsentiert eine neue Ökumene, natürlich, auch eine neue Kirche. So etwas kommt für Taizé nicht in Frage.

Den Mönchen von Taizé geht es um die Überwindung aller Konfessions – Spaltungen, die nur in einer und in einer einzigen Kirche Gestalt finden kann. Welche konkrete Kirche dabei für die Mönche von Taizé entscheidend geworden ist, wird weiter unten gezeigt. Diese eine und einzige Kirche – im Sinne Taizés: Sie widerspricht der  ökumenischen theologischen Vorstellung von einer bleibenden und wichtigen und schönen Vielfalt der Kirchen, die sich aber untereinander respektieren und als unterschiedliche Kirchen anerkennen. Man spricht deswegen vom ökumenischen Zielbegriff der „versöhnten Verschiedenheit“. Von dieser Vorstellung einer Ökumene in bleibender Vielfalt ist in Taizé keine Rede. Es geht dort um die eine und einzige Kirche, in die sich alle anderen hinein begeben sollen.

Es gibt in Taizé einen zweites theologisches Problem: Die de facto Mitgliedschaft Frère Rogers in der katholischen Kirche seit 1972. Dabei wollte Roger Schutz, so immer wieder betont,  ausdrücklich seiner protestantischen Herkunft treu blieben. Etwas poetisch formulierte er seine Doppelmitgliedschaft: Er wolle den „Glauben meiner Ursprünge mit dem Geheimnis des katholischen Glaubens versöhnen“, so in dem Buch „Eine Ahnung von Glück“, S. 82. Der Theologie Professor Peter Zimmerling  (Leipzig) nennt diese Haltung treffend „eine Art Schwebezustand“ (in der Zeitschrift „Una Sancta“, 2007). Und Prof. Zimmerling meint, Roger Schutz wollte „beiden Kirchen gleichzeitig angehören“.

Aber hätten sich katholische Bischöfe im Ernst eine bi – konfessionelle Identität akzeptiert? Werden nicht sogar dem bloßen Anschein nach „bi – konfessionelle“ Christen von Rom her bestraft? Wie bewerten also katholische Bischöfe das Ereignis  in der Kapelle des Bischofshauses von Autun  (zu diesem Bistum „gehört“ Taizé)  im Jahr 1972? Bischof Le Bourgeois hatte dort das Glaubensbekenntnis Roger Schutz entgegen genommen und ihm anschließend die (katholische) Kommunion gereicht. Auch wenn danach kein Dokument einer Konversion zum Katholizismus unterschrieben wurde, wie immer wieder betont wird, nach den Regeln katholischer Theologie ist damit Roger Schutz de facto katholisch geworden. Bischof Séguy, der Nachfolger  von Bischof Le Bourgeois, der 1972 die Konversion entgegen nahm, schreibt: „Frère Roger hat dem Protestantismus nicht abgeschworen, aber er hat ausgedrückt, dass er vollständig („pleinement“) dem katholischen Glauben anhängt“. Ein außergewöhnliches Ereignis, weil Rom ja sonst immer das Entweder – Oder, die klare Entscheidung, durchsetzt. Diese Doppelmitgliedschaft Roger Schutz,` seine Bi – Konfessionalität, wurde von Rom nur akzeptiert, weil er als exklusive Ausnahme von den Päpsten seit Johannes XXIII. hoch geschätzt wurde. Darf man vermuten, weil Rom damals schon spürte, dass Frère Roger „eigentlich“ katholisch ist? Denn schon 1969 hat der „Bruderrat von Taizé“ seine Loyalität dem Papst gegenüber zum Ausdruck gebracht; schon damals bekannten die ganz überwiegend protestantischen Mönche, sie würden sich „in Gemeinschaft mit jenem Mann wissen, der das Dienstamt des Dieners der Diener Gottes (sic!) übertragen bekommen hat“ (in: Aufbruch zur Quelle, S 99). Diese Umschreibung des Titels des Papstes folgt bereits römischen Sprachregelungen. Seit 1971 gab es einen Vertreter des Priors von Taizé beim „Heiligen Stuhl“, also dem Papst, auch darauf weist Professor Peter Zimmerling hin. Papst Benedikt XVI. hat in einer Ansprache in Castel Gandolfo am 17.8. 2005 die Worte Frére Rogers übernommen und in seinem Sinne betont, dass die Mönchsgemeinschaft „ihren Weg in Gemeinschaft mit dem Heiligen Vater gehen möchte“.  Wer geht in Gemeinschaft mit dem Heiligen Vater? Doch wohl nur jener, der selber katholisch ist. Würde ein liberaler reformierter Christ oder ein progressiver Anglikaner oder ein frommer griechisch orthodoxer Pope von sich sagen, er möchte in „Gemeinschaft mit dem heiligen Vater seinen Weg gehen“?

Nur weil de facto die Mönchsgemeinschaft katholisch geworden ist, wird erklärbar, warum Roger Schutz betont hat, dass die Mönchsgemeinschaft ein der katholischen und orthodoxen Kirche vergleichbares Eucharistieverständnis hat (Aufbruch zur Quelle, 87). Darüber hinaus gibt Roger Schutz offen zu, dass er das katholische Sakrament der Buße hoch schätzt, auch die Marien – Verehrung sei für ihn selbstverständlich, manche Marien Erscheinungen (Lourdes ?) hielt er sogar für „echt“; auch empfahl er das Gebet zu Maria. Prof. Zimmeeling spricht in dem Zusammenhang von „starker Annäherung an die katholische Theologie und Spiritualität“. Auf dieser Linie ist es verständlich, dass Roger Schutz ganz normal die katholische Kommunion aus der Hand Kardinal Ratzingers anlässlich der Totenmesse für Papst Johannes Paul II. empfangen konnte und durfte. Nur so wird verständlich, warum die Trauerfeier für Roger Schutz in Taizé von Kardinal Walter Kasper geleitet wurde, während die anderen ökumenischen Gäste eher am Rande blieben. Nur so wird verständlich, warum an jedem Sonntag der Hauptgottesdienst in Taizé als katholische Messe gefeiert wird. „Am Sonntagmorgen findet im Hauptgottesdienst eine katholische Eucharistiefeier statt, wobei in der Mitte der Versöhnungskirche vor dem Altar beide Elemente an alle (!), die wollen, ausgeteilt werden. Während in den Seitenbauten der Kirche die Eucharistie in einerlei gestalt (also nur die Hostie, CM) empfangen werden kann“, so Peter Zimmerling. Und er fährt fort: „Allerdings dominiert eindeutig die katholische Eucharistiefeier das gottesdienstliche Geschehen, wobei auffällt, dass der Empfang der beiden eucharistischen Gaben auch für Nichtkatholiken offen ist“. Nebenbei: Der katholische Priester Professor Gotthold Hasenhüttl wurde als Priester suspendiert,  weil er bei einer Messe während des Ökumenischen (!) Kirchentages in Berlin im Jahr 2003 auch Protestanten die Katholische Kommunion reichte!  Die in Taizé gewährte ökumenische Gastfreundschaft darf offenbar nirgendwo anders gelten. Warum wohl? Drückt Rom alle dogmatischen Augen zu? Ist Taizé ein geheimer Liebling des Vatikans, ein geduldetes Experimentierfeld, um als Kirche viele Jugendliche „zu erreichen“?

In den jüngsten Äußerungen betont Bruder Alois – etwa in der Theologischen Zeitschrift Concilium – Taizé habe das Dienstamt des Papstes anerkannt. Mit dieser Anerkennung des Dienstamtes“  handle es sich NICHT, so wird betont,  um eine „Rückkehr Ökumene“, also um die Vorstellung, die nichtkatholischen Christen sollten zur römisch katholischen Kirche „zurückkehren“. Denn, so Bruder Alois, seit Johannes XXIII. und dem Zweiten Vatikanischen Konzil habe die katholische Kirche „ den wesentlichen Forderungen der Reformation nachgegeben“. (S. 131). Da wird also behauptet, die römisch – katholische Kirche heute erfülle die Forderungen der Reformation. Darauf hat Prof.. Zimmerling mehrfach hingewiesen: In der Sicht von Taizé sind die protestantischen Kirchen nur „Provisorien“. „Sie besitzen ihre Existenzberechtigung darin, Korrektiv, gelegentlich auch Ergänzung des Katholizismus, nicht jedoch eigenständige Kirche auf unbegrenzte Zeit zu sein“. Prof. Zimmerling weist darauf hin, dass diese merkwürdige Vorstellung von dem provisorischen Charakter der protestantischen Kirche schon 1965 von Roger Schutz formuliert wurde, und zwar in dem Buch „Die Dynamik des Vorläufigen“.

Die Protestanischen Kirchen als vorläufige, eines Tages verschwindende Kirchen: Korrespondiert diese Vorstellung  mit der Idee, verbreitet im päpstlichen Schreiben „Dominus Jesus“, dass die protestantischen Kirchen keine Kirchen im „eigentlichen Sinne“  sind, eine Behauptung, die Benedikt XVI. immer wiederholt.

Jedenfalls ist es verwunderlich zu lesen, dass Bruder Alois, der Prior von Taizé, ein katholischer Laien – Theologe,  im Ernst meint,  dieser Katholizismus , wie er sich heute zeigt, sei bereits ein reformierter Katholizismus, also ein solcher, der den Forderungen der Reformatoren bereits entspricht. Wie ist dann die über geordnete Stellung der Amtspriester gegenüber den Laien im heutigen Katholizismus zu beurteilen, wie der zögerliche Umgang mit dem allgemeinen Priestertum ALLER Gläubigen, wie die immer noch vorhandene Praxis des Ablasses, wie die Unterdrückung echter theologischer Pluralität, wie der Ausschluss von Frauen vom Priesteramt usw.??

Diese Einschätzung Bruder Alois`, der heutige Katholizismus sei bereits „reformiert“,  ist ein theologischer Irrtum. Natürlich gibt es Unterschiede in den Reden der Päpste des 16. und des 20. Jahrhunderts. Am Primat des Papstes hat sich aber nichts geändert, übrigens auch nicht in der klerikalen Mode der Päpste und Prälaten. Das barocke Denken dominiert. Das ist nur eine Tatsachenbeschreibung.

Aber dieses Argument („Die katholische Kirche ist bereits reformiert“) braucht Bruder Alois, um die innere Verbindung mit Rom zu verklären: Schließlich will Taizé, so wörtlich (S. 131), der Kirche von Rom von innen her (!) helfen, sich weiter zu entwickeln“. Aber wer kann von innen her helfen? Jemand der innen ist, also Teil der römisch –katholischen Kirche geworden ist. Typisch für die extrem positive Einschätzung der Verhältnisse in der römischen Kirche: „Das 20. Jahrhundert hat gezeigt, wie sehr das petrinische Dienstamt in der Lage ist, sich zu verändern. (PS: Hans Küng ist mit seinem Versuch in Rom gescheitert, die Unfehlbarkeit neu zu interpretieren CM)   Johannes Paul II. hat selbst die Nichtkatholiken dazu aufgerufen, bei ihm bei dieser Fortentwicklung zu helfen“.

Von Lernprozessen in Rom, angestoßen durch protestantische oder orthodoxe Theologen, war bis jetzt nichts zu hören. Im Gegenteil: Das harte Durchgreifen der Hierarchie gegenüber kritischen Theologen ist allseits seit Jahrzehnten bekannt. Die Bischofs – Synoden in Rom sind eben ausschließlich Bischofssynoden, ohne volle Partizipation des Volkes Gottes, d-h. auch der Laien usw.

Ist Taizé also de facto und entgegen vieler Behauptungen doch ein Teil der katholischen Kirche? Diese Frage wird jeder unde jede nach der Lektüre dieses Beitrags selbst beantworten. Unser Meinung nach kann bewiesen werden, dass Taizé eine katholische Gemeinschaft ist, allerdings mit Mitgliedern, die noch formell anderen Kirchen angehören; mit protestantischen oder orthodoxen Gottesdiensten am Rande. Das ist in meiner journalistischen und philosophischen Dicht überhaupt nicht schlimm. „Jeder nach seiner Fasson“. Und an der inspirierenden Begleitung suchender und fragender  Jugendlicher wird nicht gezweifelt, sie können dort spirituell intensive Tage erleben. Aber sie erfahren dort selten, wohin die ökumenische Reise im Sinne Taizés hingeht. Sie führt nach Rom. Auch das muss selbstverständlich respektiert werden. Aber manch einer wäre froh, mehr Klarheit über den immer schwebenden und bloß poetischen Begriff der Ökumene von Taizé selbst zu erfahren.

Copyright: christian modehn, berlin.

 

Ein „mystischer Agnostiker“ – Erinnerung an Lucien Jerphagnon

„Ich bin ein mystischer Agnostiker“
Ein Hinweis auf den Philosophen und Historiker Lucien Jerphagnon
Von Christian Modehn

Ein merkwürdiges Phänomen: Der Austausch der Kulturen ist selbst bei den Nachbarn Deutschland – Frankreich sehr begrenzt. Bis jetzt gibt es z.B. noch immer keine Übersetzung eines Buches aus dem umfangreichen Werk des Philosophen und Histoikers Lucien Jerphagnon (1921 – 2011). Er ist ein Spezialist vor allem der antiken wie auch der mittelalterlichen Philosophie. Seine Bücher sind, wenn man so sagen kann, leicht zugänglich, er liebte das Gespräch, darum sind einige Bücher als – typisch französisch – Gespräche publiziert worden. Lucien Jerphagnon hat sich stets als Philosoph UND Historiker verstanden: „Das Ideal für einen Historiker der Philosophie ist es, zu versuchen den Geist der Zeit des bestimmten Philosophen zu erkunden. Man muss nicht nur wissen, was er dachte, sondern auch, was man tat und sagte, was man damals aß und trank, was man von der Liebe dachte und vom Haß, sowie von der Religion, der Politik, vom Glück“, so in einem Interview mit der Zeitschrift „LE Magazine Littéraire“, Dezember 2011, Seiten 92 – 96. .
Seine Aufgabe als Philosoph sah er darin, zum Staunen, zum Verwundern anzuregen, die Fraglichkeit als Dimension des Lebens zu begreifen. Lucien Jerphagnon nannte sich selbst einen mystischen Agnostiker, der vor allem durch die Werke Plotins zu einer philosophisch – spirituellen Haltung fand. „Plotin hat mich gehindert, in einigen Augenblicken meines Lebens als Atheist zu enden. Ich war immer ein Mann des Glaubens, denn bei Plotin habe ich das Prinzip einer Welt entdeckt, die mich immer in Erstaunen versetzte“.
Als mystischer Agnostiker setzte er sich von den bekennenden Atheisten ab. „Der Atheist glaubt, dass Gott nicht existiert. Aber wir haben keinen Beweis für die Nicht – Existenz Gottes. Der Agnostiker hingegen transzendiert jedes mögliche Wissen von Gott, Plotin sagte: „Gott ist jenseits von allem“.
„Aber wann bin ich „mystisch“, fragte sich Lucien Jerphagnon? „Mystisch bin ich in dem Augenblick, wenn ich bete oder wenn ich gern die Gewissheit hätte, dass dieses Gebet auch sein Ziel erreicht“. Und Glück bedeutet, im Augenblick zu leben. Carpe Diem, ist der ausdrückliche Aufruf des Philosophen. „Aber dieser Augenblick ist unsterblich. Was auch immer mit uns passiert: Es gibt eine Dimension in uns, die niemals ausgelöscht werden kann“.
Prof. Jerphagnon hat u.a. an den Universitäten von Besancon und Caen gearbeitet, er hat sich stets als Schüler des großen Vladmir Jankélevitch bezeichnet. Zu den Schülern Jerphagnons gehört etwa der heute sehr populäre wie auch wegen radikaler Zuspitzungen umstrittene Philosoph Michel Onfray (Caen). Jerphagnon hat sich gefreut, dass Onfray sein eigenes Thema gefunden hat, auch wenn er „zu einer anderen Seite gehört“. „Aber ich bin damit zufrieden, denn ich wollte ja keinen Clon als meinen Schüler, sondern selbständige Denker“, so Jerphagnon in „Le Magazine Littéraire“.
Allseits wird der Philosoph und Historiker wegen seiner leichten, zum Teil witzigen Schreibweise gelobt. Für ihn war Philosophie (noch) Liebe zur (Lebens) Weisheit: „Befasse dich nicht zu sehr mit dem Äußeren. Bewahre dich ein bisschen für dich selbst und die jenigen, die du liebst. Das Ideal des Glück ist l amour partagée, also die geteilte, die nicht egoistische Liebe“.

Wir nennen nur die letzten Bücher Lucien Jerphagnons, wobei wir darauf hinweisen, dass er selbst seine Studie über den vom Christentum zum Heidentum konvertierten römischen Kaiser Julian Apostata besonders schätzte. „Julien, dit l’Apostat“, 1986, Éd. du Seuil

2006, Augustin et la sagesse, Desclée de Brouwer
2007, Au bonheur des sages, Hachette Littératures
2007, La Louve et l’Agneau, Desclée de Brouwer
2008, Entrevoir et Vouloir : Vladimir Jankélévitch, La Transparence
2009, La tentation du christianisme avec Luc Ferry, Grasset
2010, La… sottise ? (Vingt-huit siècles qu’on en parle), Albin Michel
2011, De l’amour, de la mort, de Dieu et autres bagatelles, entretiens avec Christiane Rancé, Albin Michel
2012, Connais-toi toi-même…Et fais ce que tu veux, Albin Michel

copyright: christian modehn, berlin.

Friedrich der Große – Religionsphilosoph und Kirchenkritiker

Zur Aktualität der Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie „Friedrich des Großen“

Hinweise anlässlich seines 300. Geburtstages von Christian Modehn am 23.1.2012.

1.

Der Satz Friedrich II., als Weisheit populär, aber selten Realität: „Jeder soll nach seiner Fasson selig werden“ wurde wohl 1740 gesprochen.

Eine ähnliche Formel verwendet er: “Im übrigen mögen wir das Sprichwort: Leben und Lassen“. (Seite 490 in: „Der Briefwechsel Voltaire – Friedrich d.Gr.“ Hg., übersetzt und vorgestellt von Hans Pleschinski, Zürich 1992. Die Seitenangaben beziehen sich auf dieses Buch).

Weitere programmatische Worte Friedrich II: „Halten Sie (gemeint ist Voltaire) es für möglich, dass man mich gottlos schimpft, weil ich erkläre, dass die Menschen nicht auf die Welt gekommen sind, um sich gegenseitig zu vernichten?“ (41).

„Es ist gewiss, dass man niemals zum Erkennen der letzten Ursachen vordingen wird.“ (26).

Der König ist ein Meister der Sprache, ein Meister der Ironie und des Witzes. Er versteht sich in der Korrespondenz mit Voltaire selbst häufig als ein Philosoph (z.B. 491), auch wenn die Verwendung dieses Begriffs gegenüber dem Philosophen und „Patriarchen“ Voltaire eher leicht ironisch klingt.

Friedrich zeigt sich als universal gebildeter Mann. Er hat z.B. Pufendorf und Grotius gelesen ( 488), er kennt die Quäker, ist über das Leben der Jesuiten (er nennt sie Ignatianer“) und deren Unterdrückung durch den Papst informiert (490), er kennt Bossuet, Corneille usw. Nur die deutsche Literatur ist ihm fremd.

2.

Grundlegend ist: Friedrich betrachtete die Lehren der Kirchen insgesamt als Formen des Aberglaubens.
Er weiß, dass den französischen Herrschern der Aberglaube politisch nützlich ist (519).
Mit Bedauern spricht er vom französischen König Ludwig XV., „der von Priestern im dümmsten Aberglauben erzogen wurde“ (504). Die Salbung der französischen Könige in der Kathedrale von Reims empfindet Friedrich als „bizarre Zeremonie“. Tatsächlich wurden dem gesalbten König heilende Wunderkräfte zugesprochen, was das Volk glaubte. „Ein weiser und aufgeklärter Fürst könnte das Heilige Salbgefäß abschaffen und sogar die Salbung selbst“( 511).

Friedrich hat die christlichen Abendmahlsfeiern wohl nur in einer – damals durchaus verständlich – verzerrten Form von Theologie kennen gelernt. Er nennt das Abendmahl eine „widerwärtige und gotteslästerliche Absurdität, den eigenen Gott (im Abendmahl) zu verspeisen. Das ist die größte Beleidigung des Höchsten Wesens…“ (533).

3. DIE HEDWIGSKIRCHE in BERLIN

Friedrich bekämpft diesen Aberglauben nicht militant, er gestattet etwa den Bau der ersten katholischen Kirche in Berlin nach der Reformation, die heutige „St. Hedwigkathedrale.“ Errichtet aber im Stil eines römischen Pantheons. Nur mit ein paar Worten berichtet Friedrich seinem hoch geschätzten Freund Voltaire am 9. Oktober 1773: “Die katholische Kirche von Berlin wird bald eingeweiht. Der Bischof von Ermland wird sie weihen. Diese für uns fremdartige Zeremonie lockt Neugierige in hellen Scharen an“ (486). Eigentlich ist der Bau dieser Kirche in der Korrespondenz kein wichtiges Thema.

4.

Friedrich hatte keinerlei Verständnis für die Verfolgung von Religionskritikern in Frankreich. Selbst die sogen. Blasphemie, etwa ein „Kruzifix zu zerbrechen und freche Lieder dabei zu singen“, ist für ihn in Preußen kein „wirkliches Verbrechen“. (498)

5.

Welche Religiosität war für Friedrich II. persönlich wichtig?
Trotz kriegerischen Auseinandersetzungen, die er führte mit der üblichen Grausamkeit der Kriege: Ihm war der aufgeklärte Humanismus als Leitidee auch eine praktische Verpflichtung: Am 24. Oktober 1773 schreibt er, von einer Reise zurückgekehrt: „Ich war in Preußen, um die Leibeigenschaft aufzuheben, barbarische Gesetze zu reformieren und vernünftigere zu verkünden“….Er spricht dann von seinem Einsatz, Kanäle zu bauen, Städte aufzubauen, Sümpfe trocken zu legen usw…

Interessant ist, dass er für seine im Jahr 1758 verstorbene „Lieblingsschwester“ Wilhelmine einen Gedenktempel im Park von Sanssouci bauen ließ, in Form eines griechischen Rundtempels (!) (Monopteros). „Diesen Tempel habe ich in einem Hain meines Gartens plaziert. Ich begebe mich häufig dorthin, um mich an Verlorenes und an einst genossenes Glück zu erinnern“ (489f). In der antiken Welt findet er offenbar meditative Inspirationen, nicht im christlichen Glauben.
Hier ist vielleicht ein Hinweis des inzwischen leider fast vergessenen –und in geschichtlichen Fragen kompetenten – Schriftstellers Reinhold Schneider wichtig: Schneider schreibt in seinem Buch „Die Hohenzollern“ (Fischer Taschenbuch 1958) über die für Friedrich so erfreulichen Jahre in Rheinsberg: „Aus der Fülle dieses müßig – tätigen Lebens wendet sich Friedrich dankend an das höchste Wesen. Er muss genießen können, um zu beten. Die Weisen Griechenlands und Roms wecken dieses Gefühl der Frömmigkeit in ihm auf, das den gütigen Beglücker verehrt“. Aber von der Kirche wendet sich Friedrich schon in Rheinsberg ab: “Für den Kronprinzen werden die bestellten Diener des Herrn für immer zum Gegenstand des Spottes“ (alle Zitate S. 114).

6. Die katholischen Bischöfe

An Voltaire schreibt Friedrich II. am 24. August 1743 sehr deutliche, wohl provozierende Worte: „Wir können hier mit mit einem Kardinal und ein paar Bischöfen aufwarten, von den die einen die Liebe von vorn, die übrigen von hinten betreiben, Bischöfe, die eher in der Theologie des Epikur als in der des heiligen Paulus bewandert sind…“ (274).

Eher nebenbei wird in einem Brief erwähnt, dass Friedrich „den großen Julian“ schätzt, also Kaiser Julianus Apostata, den vom Christentum zum Heidentum rück – konvertierten römischen Kaiser. Er wurde in der christlichen Historiographie „der Abtrünnige“ genannt, dabei war er durchaus auch tolerant gegenüber den Christen. Julian, meint Friedrich, würde heute einen bedrohten Freigeist schützen, „die Kyrillos und Gregors von Nazianz hätten ihn vom Leben zum Tode befördert“. (503), beide sind berühmte Kirchenlehrer des 4. Jahrhunderts, Zeitgenossen Julians.

7.

Die Kirche – Staat –Politik möchte er am liebsten als König einseitig zugunsten des Staates gestalten, eine Konsequenz seiner Kritik am kirchlich verbreiteten Aberglauben. Man sollte, so meint Friedrich, „der Staatsgewalt erlauben, Bischöfe entsprechend dem Staatswohl einzusetzen. Nur so kann man vorgehen. Das leise und lautlose Unterminieren des Gebäudes der Unvernunft (der Kirchen) hat unweigerlich zur Folge, dass es ganz von selbst in sich zusammenbricht“. (519).

Friedrich II.  meinte, ein Staat könne nur lebendig sein, wenn sich alle Bürger an die Prinzipien der Humanität halten, konfessionelle Bindungen gehören an die zweite Stelle.

Immanuel Kant hat diesen preußischen König sehr respektiert.

8.

Friedrich wollte mit seiner  Vorrangstellung der allgemeinen Vernunft vor allen religiösen Dogmen  letztlich dem Fortschritt dienen, verstanden auch als Befreiung von Aberglauben: „Es steht fest, dass diejenigen, die Leute von Welt genannt werden, in allen Ländern mit dem Denken anfangen. Im abergläubischen Böhmen, in Österreich, ehedem die Bastion des Fanatismus, beginnen weltoffene Menschen die Augen zu öffnen… Wenngleich sich Fortschritte nicht gleich einstellen, so ist es doch ein gewaltiger Schritt nach vorn, wie bestimmte Menschen sich die Binde des Aberglaubens von den Augen reißen… In unseren protestantischen Ländern geht es schneller voran …Von diesem weiten Reich des Fanatismus bleiben kaum mehr als Polen, Portugal, Spanien und Bayern übrig, wo die schiere Ignoranz und der Winterschlaf des Geistes den Aberglauben noch am Leben erhalten.“ (428 f).

9.

Das Glaubensbekenntnis des jungen Friedrich II: (am 8. Februar 1737 an Voltaire): “ Mein Glaubensbekenntnis besteht darin, das höchste Wesen zu verehren, das einzig gut, einzig barmherzig ist und schon daher meine Verehrung verdient; auch dies: Soweit ich vermag, den Menschen, um deren Elendiglichkeit ich weiß, Hilfe und Stütze zu sein; mich ansonsten auf den Willen meines Schölpfers zu verlassen, der über mich verfügt, wie ihm gutdünkt, und von dem ich, komme was mag, nichts zu fürchten habe. Ich schätze, dies ist so ungefähr mein Glaubensbekenntnis.“ (35).

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer-Salon.de

Ökumene in Taizé – Hinweise und Fragen

Ökumene in Taizé

In den Debatten des „religionsphilosophischen Salons“ spielen immer auch die Auseinandersetzungen mit den bestehenden Religionen und Kirchen eine Rolle.  Wer sich heute für Spiritualität aus christlichem Ursprung interessiert,  gelangt, zumal in Europa, schnell zum „ökumenischen Kloster“ Taizé in Burgund, Frankreich. Ich weise hier auf einen Beitrag hin, der am Freitag, 13. 1. 2012, in der empfehlenswerten Zeitschrift PUBLIK FORUM (Oberursel) erschienen ist.

 

Kaspar, Melchior und Balthasar und andere „apokryphe“ Gestalten

Wie die Apokryphen wirken

Sehr viele Erzählungen der frühen Kirche, verbreitet in zahllosen unterschiedlichen Abschriften von Ägypten über Syrien bis nach Georgien, werden „Apokryphen“ genannt, ein Titel, der von der sich ausbildenden machtvollen Kirchenführung verwendet wurde, um fromme Erzählungen als „verborgene“ oder „geheime“ Lehren zu qualifizieren.

Wenn am Tag der Erscheinung des Herrn (6. Januar) die heiligen drei Könige auch mit den Namen Kaspar, Melchior und Balthasar gefeiert werden, dann greifen die orthodoxen und katholischen Kirchen auf einen apokryphen, also in der offiziellen Sicht eher minderwertigen Text zurück,  nämlich auf das „armenische Kindheitsevangelium“, das diese Namen der drei Weisen nennt.

Auch andere, wichtigere offizielle katholische Traditionen verdanken sich den apokryphen, also offiziell abgelehnten Schriften: Etwa die Namen der Eltern Marias, der Mutter Jesu: Anna und Joachim erwähnt das Neue Testament nicht, hingegen das „Protoevaneglium des Jakobus“.  Dieser in offizieller Sicht theologisch problematische Text wurde auch für die Formulierung des katholischen Dogmas von der Unbefleckten Empfängnis  Marias (Maria also ohne Erbsünde -in Anna- empfangen) entscheidend.  Im „Protevangelium des Jakobus“ wird ausführlich davon berichtet. Auch der vor allem in der Bretagne immer noch lebendige Kult um die Heilige Anna nährt sich von apokryphen Traditionen. Weltweit sind in katholischen Kirchen die Darstellungen der heiligen Anna zusammen mit Maria und dem Jesuskind  zu finden, diese Darstellungen heißen „Anna selbdritt“. In der offiziellen website der protestantischen St. Jacobi in Lübeck findet sich der erhellende und sicher theologisch korrekte Hinweis:  „In St. Jakobi  in Lübeck ist die heilige Anna als Anna Selbdritt wiedergegeben. Das heißt: Sie hält auf ihren Armen (in anderen Darstellungen auch auf den Knien) in verkleinerter Ausführung einerseits Maria und andererseits das Jesuskind. Das ist die andere Dreieinigkeit, die weibliche Gegentrinität zu Gott Vater, Sohn und Heiligem Geist. In der Darstellung auf dem Jakobi-Pfeiler hält nun Anna rechts ein Buch, auf dem linken Arm trägt sie Maria, die wiederum Jesus auf dem Arm hält“.

Die Heiligenverehrung, etwa Anna selbdritt als apokryphe Figur, war und ist katholischerseits sehr willkommen, sie ist etwas „fürs Volk“, das nach solcher weiblichen Gottheit sucht;  daran hält man fest, auch wenn man da offenbar dogmatisch ziemlich ins Schleudern kommen könnte. Uns freut so viel dogmatische Freiheit im Katholizismus, endlich, wenigstens bei diesen Geschichten.

Schließlich ist auch die populäre Vorstellung von der Jungfrau Maria im biologischen Sinne der Jungfräulichkeit vom „Protoevangelium des Jakobus“  massiv unterstützt. Der Autor dieser sehr populären und in viele Sprachen übersetzten apokryphen Erzählung beschreibt sogar, wie eine Hebamme die biologische einwandfreie Jungfräulichkeit Marias NACH der Geburt Jesu feststellt.

Diese Zusammenhänge sind religionswissenschaftlich interessant, weil sie die tiefe Verbundenheit sogenannter orthodoxer bzw. katholischer Lehren mit volkstümlichen Texten zeigen, die als Apokryphen hoch feierlich abgelehnt werden. copyright: christian modehn berlin.

 

Die „liberale Theologie“ ist aktuell. Perspektiven von Prof. Wilhelm Gräb

Über die „liberale Theologie“

Einige Perspektiven anlässlich einer Begegnung mit Remonstranten in Berlin am 5. 11.2011

Von Prof. Wilhelm Gräb, Theologe an der Humboldt Universtität zu Berlin

Bedeutung und Aktualität der „liberalen Theologie“ sind für mich deutlich auf die säkulare Situation einer Stadt wie Berlin oder anderer Großstädte in Europa und Amerika bezogen. Dort haben die  Kirchen Mühe, ihre Mitglieder an die Kirche zu binden.

Andererseits bekommen die Menschen von heute die Religion nicht aus dem Blick. Es ist ein Bedürfnis da nach letzter Vergewisserung des Lebenssinns, auch an den Bruchstellen des Lebens, in Krisensituationen z.B.  Aber nicht nur dort. Es ist vielmehr ein Verlangen da, das Leben gesteigert zu erfahren, etwa in der so genannten Eventkultur. Aber auch die Präsenz religiöser Themen in den Medien ist deutlich, etwa in den Talkshows. Also, dass es mit der Religion bergab ginge, so lautet ja eine Interpretation unserer säkularen Gesellschaft, das ist für mich nicht zutreffend. Es gibt sicher einen Resonanzverlust des kirchlichen Christentums, vor allem in der Reformierten Kirche oder der Lutherischen Kirche, und derer, die man in den USA „main line churches“ nennt.

Aber dieser Resonanzverlust der Kirchen liegt daran, dass dort eine Sprache gesprochen wird, die die Menschen nicht mehr verstehen.

Da ist der Glaube in Formeln eingepackt, die nur Insidern noch zugänglich sind. Der große Sozialphilosoph Niklas Luhmann hat das einmal „Gruppensemantik“ genannt, die in den Kirchen gesprochen wird.

Für „liberale Theologie“ ist also eine Unterscheidung wichtig: Es gibt  einerseits das religiöse Interesse bzw. es gibt Religion im christlichen Gesamtkontext. Und andererseits gibt es die Art, wie in Predigten, Theologien, kirchlichen Texten usw. darüber gesprochen wird. Dort wird der Glaube immer noch mit der Anerkennung bestimmter Glaubenslehren und Bekenntnissätzen gleichgesetzt.

Die „liberale Theologie“ meint: Dieser Glaubensausdruck ist nicht vorgeschrieben, er ist nicht durch Bibel und Bekenntnis vorgeschrieben, sondern der Glaubensausdruck muss in einer bestimmten Zeit und im Blick auf die eigene Person immer wieder neu gefunden werden. Jeder hat die Freiheit, wie er seinen Glauben ausdrückt und welche Konsequenzen er daraus in seiner Lebenspraxis zieht. Nicht auf das autoritativ Vorgegebene kommt es an, sondern auf die persönliche Entscheidungsfreiheit des einzelnen.

Ich muss als liberaler Theologie nicht glauben, was die Kirche zu glauben von mir verlangt, sondern das jenige, wovon ich selber persönlich überzeugt bin. Das ist der Grundsatz liberaler Theologie.

Glaube ist eine persönliche Angelegenheit eines jeden Menschen.

Und die Kirche? Sie ist  im Grunde nur dazu da, dass wir über diesen Glauben miteinander ins Gespräch kommen, dass wir ihn nicht allein leben, dass wir andere als Gesprächspartner haben über das, was uns allen persönlich wichtig ist, wenn es um Gott geht, wenn es darum geht, woran wir uns in letzter Instanz orientieren. Die Kirche ist eine Kommunikationsgemeinschaft des Glaubens. Sie ist dem Glauben der einzelnen nicht vor geordnet, sondern die Kirche folgt aus der Tatsache, dass der Glaube den einzelnen so wichtig ist, dass sie mit den anderen darüber sprechen möchten und ihn feiern wollen. Da wird nichts von oben und anderswoher vorgeschrieben.

Wenn Diskussionen entstehen und nach Kriterien gefragt wird, dann sind die Kriterien nicht dogmatischer Natur, sondern es sind eher ethische Kriterien des Umgangs mit einander; es sind Kriterien, wo die Frage aufbricht: Gibt es auch destruktive Glaubensüberzeugungen, solche, die den Menschen menschlich nicht gut tun, etwa, wenn sie an den Teufel glauben oder an böse Mächte, von denen sie dann befallen sein können.

Für liberale Theologie ist auch die Kultur ganz wichtig: Denn persönlicher Glaube kann überall dort entstehen, wo ich Erfahrungen mache, die eine tiefe Resonanz in mir auslösen, wo ich mich angesprochen finde gegenüber dem, was in meinem Leben wichtig ist, wo Sinn – Perspektiven erschlossen werden. Das kann die Erfahrung in einem Konzert sein, so, dass ich merke: Ich bin Teil eines größeren Ganzen, da entstehen Resonanzen in mir, die mich sehr tief mein Dasein in dieser Welt spüren lassen; da erfahre ich das, was der Theologe  Friedrich Schleiermacher das Universum genannt hat, also die alles bestimmenden Wirklichkeit, die wir dann Gott nennen, die Erfahrung also, dass wir uns aufgehoben fühlen in einem großen Ganzen.

Diese Erfahrung kann sich auch beim Hören einer Symphonie von Mahler ereignen, die ein solches Empfinden in mir weckt, dass die Wirklichkeit im Vorhandenen nicht aufgeht, dass es eine Dimension der Transzendenz gibt, von der wir uns getragen wissen können. Diese Erfahrung kann in der bildenden Kunst geschehen oder auch im Kino, wo ich spüre: Diese Geschichte geht auch mich an.

Darum noch einmal: Alle Lehren über Glaubenssätze sind sekundär gegenüber dem – eben nur angedeuteten – Erlebten, das ist Kern liberaler Theologie. Mit der religiösen Erfahrung fängt die Religion an, also mit der Erfahrung, dass ich einer umfassenden Wirklichkeit zugehöre, einem größeren Ganzen, das mich im Leben trägt. Da spüre ich mich lebendig, wenn ich schwierige Erfahrungen zu verarbeiten habe usw. Also diese Dimension einer inneren Gewissheit, ist zentral.

Das religiöse Erleben ist immer das primäre, welche Sprache dann gefunden wird, ist sekundär. Allerdings meine ich, dass liberale Kirchen in ihren Gottesdiensten nicht so berücksichtigen, was andere Glaubensgemeinschaften praktizieren, nämlich eine Form der Emotionalität. Es geht nicht nur darum, über den Glauben zu „räsonieren“. Wir sollten auch in gewisser Weise „Erlebnis“ bieten im Gottesdienst, wenn wir das nicht schaffen, dann müssen wir bereit sein anzuerkennen, dass junge Leute heute im Pop Konzert das finden, was früher in der Religion oder in der Kirche gefunden wurde.

Für liberale Theologie kommt es nicht in Frage, den Religionsbegriff zu verengen, man neigt ja oft dazu, den Religionsbegriff abhängig zu machen von bestimmten Glaubensinhalten. So dass man sagt: Jemand ist gläubig, wenn er zur Kirche geht und bestimmte Dogmen glaubt. Wir vertreten ein weites Verständnis von Religion: Es ist das Berührtwerden von einer Dimension des Unbedingten in der Kultur. Liberale Kirchen nehmen deswegen Abstand von eher fundamentalistischen Theologien und Kirchen, die ja noch stark am Paradigma der Mission festhalten, also der Bekehrung der Menschen hin zur vorgegebenen Überzeugung der eigenen Kirche.  Wir als liberale Theologen gehen hingegen nicht davon aus, dass die Menschen erst zum Glauben kommen müssen, wie es das Missionsparadigma vorsieht. Als liberale Theologen setzen wir voraus: Da ist immer schon eine religiöse Erfahrung in den Menschen, da ist immer schon eine Erfahrung mit dem Unendlichen, diese haben die Leute längst gemacht. Jeder hat seine eigenen religiösen Gedanken, im religionsleeren Raum lebt keiner hier zulande, in den Gebieten der ehemaligen DDR ist das vielleicht anders, das ist ein eigenes Thema.

Liberale Theologie unterstreicht: Die Menschen haben bereits ihren Glauben. Die Kirche wird aber deswegen nicht überflüssig, wir brauchen Orte, wo man das Erlebte miteinander gestalten kann, wo man etwa an den großen Stationen des Lebens religiöse Feiern gestaltet, etwa bei der Geburt oder bei der Trauung. Wer sich den Menschen religiös zuwendet, redet so, dass die Menschen auf ihre Art Glaubende sind. Ich mache ihnen bewusst, was sie glauben, biete ihnen Vorschläge an, das Erfahrene sprachlich auszudrücken.

Ich bin sozusagen die „Hebamme“ für die anderen, den eigenen Glauben auszudrücken. Auch das Beten kann dann neu verstanden werden: Beten heißt, dass ich mich ausspreche, sage, was mich zutiefst bewegt, und zwar in letzter Hinsicht, bezogen auf die Transzendenz, auf Gott. Im Beten geschieht eine gesteigerte Form der Selbstreflexion, ich verstehe mich dann im Horizont des Unbedingten, spreche mich aus. Ich brauche das als religiöser Mensch.

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