Europadämmerung: Ein neues Buch von Ivan Krastev (Suhrkamp)

Hinweise zu einem wichtigen Buch des Politologen Ivan Krastev

Von Christian Modehn

Über die Krise der EU und die Krise Europas im ganzen sind in den letzten Monaten etliche Studien von Politologen erschienen. Jetzt liegt ein wichtiges, weil zu weiteren Diskussionen inspirierendes Buch des Politologen Ivan Krastev vor: „Europadämmerung“ ist der deutsche Titel (aus dem Suhrkamp Verlag). „After Europe“ der Titel des kurz zuvor in Philadelphia, USA, 2017 erschienen Buches.

Ivan Krastev wurde 1965 in Bulgarien geboren, er ist als international geschätzter Politologe u.a. Fellow am Institut für die Wissenschaften vom Menschen in Wien, außerdem hat er am International Institute for Strategic Studies mit gearbeitet; er ist Vorsitzender des Centre for Liberal Strategies in Sofia usw… Er ist einer der führenden Politologen, von dessen Studien man sich weitere Übersetzungen wünscht!

Krastev trifft die Erfahrungen und die Gefühle sehr vieler Europäer, wenn er betont, dass die Desintegration der EU heute schon so weit fortgeschritten sei, „dass dies den Kontinent in Unordnung stürzen und zu globaler Bedeutungslosigkeit verdammen wird“ (17). „Der Traum eines freien und geeinten Europa dürfte ausgeträumt sein“ (ebd.). Selbst „das Überstehen“ (ebd.) dieser Krise wird nicht einfach sein. Die Gründe dafür zeigt er in seinem (leider zu knapp gehaltenen) Buch.

Krastev will allerdings nicht in die Ecke der oberflächlichen Euroskeptiker gestellt werden. Er „meditiert“ nur über etwas, was nun „wahrscheinlich bald geschehen wird“ (18). Seine entsprechenden Hinweise auf den Ersten Weltkrieg und auf dieses historische „déjà vu“ sind alles andere als ermutigend, gegenüber dem, „was denn bald geschehen wird“ …

Dabei sieht Krastev die wichtigste Ursache für den Zerfall der EU in „der Flüchtlingskrise“ (21). Und diese Krise, so führt er weiter aus, bedeutet: Die Bürger vertrauen nicht mehr ihren politischen Eliten, die Krastev „meritokratische Eliten“ (21) nennt, also solche, die aufgrund ihrer Kenntnisse und Kompetenzen und damit ihrer Verdienste (merito-kratisch) gewählt wurden, um als diese – auch intellektuellen Eliten – die Länder zu regieren und die EU zu prägen.

Die aktuelle Migration nach Europa nennt Krastev im Erleben der Europäer, aber sicher auch der Fliehenden, „eine Revolution“: Menschen aus den armen, einst kolonisierten Regionen der Welt, brechen auf wie in einem „Exodus“ nach Europa. „Für viele Verdammte dieser Erde ist es eine menschliche Notwendigkeit, die Grenzen zur Europäischen Union zu überqueren…“ (22) Es geht oft ums Überleben, und weil sich diese Elendssituation in Afrika nicht so schnell ändern wird, deswegen wird dieser Exodus auch dauern.

Wenn man diesen Aufbruch so vieler Menschen aus der Not eine neue und sicher so ungeahnte Revolution nennt, dann muss auch die alt vertraute europäische „Fähigkeit“ mitbedacht werden, dass die Revolution, wie so oft schon, „eine Gegenrevolution auslöst“ (22), eine Gegenrevolution derer, die um den Schutz ihres Besitzes bangen und sich national einschließen wollen. Und die über Macht, Medienmacht und Netzwerke verfügen.

Und Krastev ist so einfühlsam und voraus denkend, was diese ja zweifellos schon vorhandene Gegenrevolution betrifft, dass er zwei erschütternde “Träume“ nennt: „Heute träumt man von einer fernen Insel, auf die man unerwünschte Ausländer ohne die geringsten Gewissensbisse schicken könnte“ (21). Das heißt, der Traum der Nationalisten in Europa heute ist eigentlich eine gewisse Variante der früheren KZs der Nazis: Die Unerwünschten sind wegzubringen und abzuschließen und eines Tages auch abzuschießen… Krastev erinnert daran, dass schon 1994 treffend die Erkenntnis verbreitet wurde, dass der Turbokapitalismus „eine faschistische Neigung“ hervorbringt (47). Liberale und eigentlich sich tolerant nennende Gesellschaften „driften in die schlimmste Art von Identitätspolitik ab“ (48) Man will nur noch die gleichen, die „gebürtigen“ Deutschen bei sich haben. Anders gesagt: “Touristen anlocken und Migranten abweisen – das ist in Kurzfassung die von Europa erwünschte Weltordnung“ (24).

Im Exodus der Verarmten aus den alten Kolonialgebieten ist also in gewisser Weise eine „Wiederkehr der Dekolonisierung“ (33) gemeint: „Die Kolonisierten wandern aus und flüchten in die kolonialen Mutterländer“ (34). Leider wird der komplexe Niedergang der in die Selbständigkeit geratenen einstigen Kolonien nicht ausführlich genug beschrieben, nicht die Schuld und das Versagen Europas gegenüber diesen neuen Staaten, etwa in Afrika, benannt. Man könnte zeigen, wie in der (Wirtschafts-)Politik Europas gegenüber den selbständigen Staaten Afrikas immer noch ein rassistisch geprägtes Verhalten bestimmend war und ist. Was sich staatliche Entwicklungshilfe nennt, war und ist vorwiegend Wirtschaftshilfe für die Konzerne in Europa usw. All das fehlt in dem Buch von Krastev!

Der Autor bezieht sich auch auf die explizit reaktionären Ideologen, man denkt automatisch an Steve Bannon, USA, wenn er schreibt: “Für Reaktionäre sei die einzig gesunde Antwort auf die Apokalypse (in reaktionärer Sicht ist die Flüchtlingskrise eine Apokalypse), eben eine andere Apokalypse herbei zu führen und auf einen Neuanfang zu hoffen“ (22). Steve Bannon (er bestimmt nach wie vor das Denken von Mister Trump) hat ja bekanntlich die Idee eines großen reinigenden Krieges, einer großen Katastrophe mehrfach beschworen und gewünscht. Nebenbei: Solche destruktiven Nihilisten laufen vielfach bejubelt einfach so privilegiert herum…

Man sieht bei der Verwendung des Begriffs Apokalypse, wie aus dieser christlich-jüdischen Angst – Vorstellung religiös gefärbte politische Ziele weiterleben. Bis heute ist das äußerst schwierige und ohne kritischen, wissenschaftlichen Kommentar niemals als solches „so einfach mal“ zu lesende „Buch der Apokalypse des Johannes“ Bestand – Teil des offiziellen Neuen Testaments. Die Kirchen haben nicht den Mut, dieses verwirrende und verstörende Buch beiseite zu legen, eine offizielle Distanzierung täte gut, aber das ist ein anderes Thema. Die Kirchen sind zu feige sich von einem eigenen damals wie heute durchweg nur irritierenden Text zu lösen…

Jedenfalls stehen die sich liberal und demokratisch nennenden europäischen Staaten vor dem großen Widerspruch: Sie bekennen sich nach außen zu einer universalen Philosophie der Menschenrechte. Andererseits sollen die europäischen Bürger diese Rechte und ihren Wohlstand ungebrochen und unverändert, sondern eher noch wachsend (Wirtschaftswachstum!) genießen. Der Begriff Teilen und Verzichten und Gerechtigkeit sind in Europa Worte, die bestenfalls noch in einer spirituellen Sprache vorkommen. Nicht aber als Gestaltungsprinzipien für eine Welt, die noch ein Weilchen bestehen möchte. Das sagt Krastev so nicht, das ist mein ergänzender Kommentar. Aber der Autor sagt ganz klar: Entscheidend ist und bleibt für das Wohlergehen eines Menschen, WO er/sie geboren wird: Ob in Europa oder etwa in den Hungerländern Afrikas. Durch Google und Interet wissen fast alle Armen, d.h. die von Europa weithin arm Gemachten, wo sie noch halbwegs gut leben können: Eben in Europa.

Als Osteuropäer erklärt der auch in Bulgarien lebende Politologe Ivan Krastev, warum etwa Polen, Bulgarien, die Slowakei usw. keine (muslimischen) Flüchtlinge aufnehmen wollen. Die Fixierung aufs Nationale ist dort offenbar jetzt kaum zu überwinden. Polen war etwa vor dem 2. Weltkrieg eine multikulturelle Gesellschaft, aus Deutschen, Polen, Ukrainern, Juden usw. „Die Rückkehr zu ethnischer Vielfalt erscheint dort daher vielen als Rückfall in die schwierigen Zeiten zwischen den beiden Weltkriegen“ (59). Solche Hinweise sollen das Verstehen fördern, sicher gelten sie nicht als Entschuldigung für antieuropäisches und anti-humanes Agieren osteuropäischer Politiker. Aber auch westliche Staaten, etwa das wohlhabende und immer noch überwiegend katholische Österreich, sind ja auch heftig dabei, Flüchtlinge vom eigenen Land absolut fernzuhalten… Schließlich „kosten“ die Flüchtlinge auch einiges… Dabei muss doch der oberste Glaubenssatz des reichen Europa berücksichtigt werden: „Es gibt keine alternative Politik, es gibt keine Alternative zur Sparpolitik, dies ist „das Mantra Europas“ (83).

Das Buch von Ivan Krastev stärkt den kritischen Blick auf Europa heute. Gerade am Ende des leider nicht so umfangreichen Buches weist es Perspektiven auf, die doch etwas Mut machen, sich für Europa und die EU – auch in reformierter Gestalt – weiterhin einzusetzen. Die Kunst des Überlebens (auch der EU), so meint der Autor, ist die „Kunst der Improvisation“ (132).

Das besondere Interesse Krastevs gilt naheliegenderweise der Europa-Bindung der mittel- und osteuropäischen Staaten. Den meisten Menschen dort ist die eigene Nation jetzt wichtiger als die Verbundenheit mit der EU, dem Europa-Parlament, den universalen Menschenrechten usw. Der Autor will Verständnis wecken, nicht Entschuldigungen für den heftigen Nationalismus und Populismus dort vorbringen: Seit 1989 haben 2,5 Millionen Polen ihr Land verlassen; 3,5 Millionen Rumänien haben ihre Heimat verlassen, jeder zehnte Bulgare ist weggezogen. Diese Menschen wollen im Westen besser (materiell besser) leben, obwohl sie eigentlich westliche Werte („Menschenrechte zuerst !“) gar nicht so schätzen. Sie wollen zuerst Geld verdienen. Die Zurückgebliebenen, die Alten, in Polen, Rumänien, Polen usw. fühlen sich verlassen, um so stärker wollen sie ihre (zahlenmäßig) schwächer werdenden Nationen stützen….

Wir müssen uns vor allem fragen, meint Krastev, wie wir (Demokraten) mit der Gefährlichkeit des Populismus umgehen sollen. Um ein „Besiegen“ des Populismus geht es Krastev nicht, ihm ist die „Versöhnung Europas als der höchsten Priorität“ (ebd) wichtig; diese Versöhnung schließt für ihn die – in meinem Sinne jedoch gefährliche – Bereitschaft ein, „Teil ihrer (der Populisten-) Politik und sogar einige ihrer Einstellungen (freier Handel ist nicht immer ein Win-Win-Spiel)“ zu übernehmen (132). Da würde man sich eine breitere Erläuterung des Autors wünschen. Allgemein philosophisch ist jedenfalls Krastevs Satz ganz am Ende seiner Studie nicht falsch: „Linear ist der Fortschritt nur in schlechten Geschichtsbüchern“(ebd).

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Das Buch „Europadämmerung“ von Ivan Krastev, ein „Essay“, ist 2017 im Suhrkamp Verlag erschienen. Es hat 144 Seiten und kostet 14 Euro.

Wann endlich ist Trump nicht mehr Präsident der USA?

Eine dringende philosophische Frage von Christian Modehn

Es gab im antiken Rom einen Staatsmann, Cato den Älteren (234 – 149 vor Chr.), der alle seine Reden stets mit dem Spruch eingeleitet haben soll: „Im übrigen bin ich der Meinung, dass Karthago zerstört werden muss“. Tatsächlich wurde dann Karthago im 3. Punischen Krieg zerstört. Ausdauer und ständige Wiederholung eines Prinzips setzen sich also offenbar durch.

Wann beginnt die noch kritisch gebliebene us – amerikanische Bevölkerung, wann die Zeitungen und TV Sender, jegliche Stellungnahme mit den Worten zu beginnen: „Im übrigen bin ich, sind wir, der Meinung, dass Mister Trump nicht mehr Präsident sein darf“? Diese ersten Worte am Beginn einer jeden Rede und Stellungnahme sollten Menschen sprechen, wenn sie sich treffen, bei der Arbeit, beim Dinner und so weiter.

Solche permanenten und in allen Sprachen, Englisch, Spanisch, Chinesisch, Französisch usw. wiederholten Forderungen könnten doch vielleicht dazu beitragen, dem Trump Regime schnell ein Ende zu setzen. Dies ist eine Hoffnung. Sie ist Ausdruck der offensichtlichen Hilflosigkeit, diesen Herrn aus dem Capitol zu jagen. Aber welche Möglichkeiten haben die Bürger sonst?

Dabei ist unzweifelhaft allen halbwegs kritischen Menschen klar: Mister Trump hat als Präsident der USA in den wenigen Monaten seiner Herrschaft alle nur denkbaren negativen Bezeichnungen und Titel auf sich vereint, von der internationalen und der noch kritisch verbliebenen nationalen Presse unwidersprochen gesammelt: Von Anfang an wurde Trump extrem egozentrisch genannt, nur an den Finanzen seiner Familie interessiert, autokratisch im Umgang mit Medien, Erfinder falscher Tatsachen, Verleugner von Fakten, verlogen, hinterhältig; monomanisch; er wurde jetzt treffend Nihilist genannt (wie sein Berater Bannon auch), er wurde ein Kriegstreiber genannt, ein Mensch, der nicht weiß, was er tut; rassistische Denkmuster wurden bei ihm offenbar. Jeder kritische Beobachter kann die Liste der Negativ-Bewertungen erweitern. Sie ist lang. Selbst „ein Verrückter ist im Capitol“ sagten schon sehr früh kompetente Beobachter.

Es ist also ein unerträglicher Skandal, dass dieser Herr Trump noch weiter Präsident der USA ist. Er und sein Regime sind gefährlich auch für Europa, auch für Deutschland, man denke an das Klimaabkommen usw. Trump ist kein demokratisch denkender Politiker: Er will unabhängige Institutionen wie Gerichte und zivilgesellschaftiche Organisationen sowie maßgebliche Medien letztlich unter seine Kontrolle bringen. Trump will einen „echten Sieg“, der nachdrücklich alle weitere Zukunft im Land bestimmt. Über die Rolle von Steve Bannon als dem antidemokratischen Einpeitscher im Hintergrund der Trump Regierung wäre weiter nachzudenken.

Natürlich gibt es unter so genannten „Spitzen“ Politikern weltweit ähnliche durch geknallte Herrschaften, von Nord-Korea ganz zu schweigen. Nur hat etwa Mister Kim Jon Un nie behauptet, den Zielen einer Demokratie verpflichtet zu sein.

Die USA behaupten immer noch, eine Demokratie zu sein. Diesem Anspruch gilt es zu entsprechen. Sonst denken die Leute weltweit, dieses Land ist eigentlich ein kaputter, ein kranker und zum demokratischen Handeln unfähiger Verein. In dem nun auch noch rassistische Gruppen und Neo – Nazis sich austoben können.

Tatsächlich werden durch Trump jetzt für alle Beobachter Mentalitäten in der Bevölkerung der USA frei“gelegt“, die man vorher kaum für möglich gehalten hatte: Ntürlich muss man sich an das verheerenden Erbe in den USA Gründer Jahren erinnern. Heute sind so offensichtlich: Evidente Unbildung der Massen; politische Ignoranz, Rassismus nach wie vor, exzentrische Herrschaft der Ultra-Reichen, Bevorzugung der Milliardäre in jeder (steuerlichen) Hinsicht, Degradierung der Armen und der Flüchtlinge, zunehmender Gebrauch von Waffen innerhalb der USA; permanentes Herumschießen in den Städten, eine Sozialpolitik, die nicht den Namen verdient. Kulturelle Hegemonie durch die Macht der Holllywood Streifen usw. Die Kirchen werden gezwungen, fast ausschließlich soziale Hilfe zu leisten, die eigentlich Sache des Staates wäre. Dass der Staat sich ein bisschen um die Krankenkassen kümmern sollte, ist selbst dem letzten Cowboy in Texas und seiner kranken Tante irgendwie klar. Und die Kirchen übernehmen diese soziale Rolle anstelle des Staates zu handeln, wohl gern. Sonst überwiegt in den Kirchen, den Megachurches zumal, Jubel, Trubel und Halleluja, aber an kritische Bildung der Frommen denken nur wenige Kirchenführer. Die vom Staat aufgedrängte Sozialarbeit frisst die Kirchen auch intellektuell förmlich auf: Gemeinden sind keine Orte der kritischen Bewusstseinsbildung mehr (wie in Deutschland übrigens weithin auch).

Philosophie muss sich mit diesem Thema befassen. Muss immer wieder die ganz dringenden Fragen stellen, die als absolute Nummer Eins die politischen Debatten bestimmen sollten. Nur führt das angesichts dieser Welt wohl auch dazu, dass es mindestens noch zwei oder drei weitere absolut ganz dringende Themen gibt, wenn denn diese Welt noch halbwegs weiter bestehen soll.

Jetzt aber ist erstmal Mister Trump dran: „Im übrigen bin ich, sind wir, der Meinung, dass Mister Trump nicht mehr Präsident sein darf“. Wer finanziert entsprechende Werbung im TV? Nur so werden wohl die rechtlich ja durchaus immer möglichen Schritte zu einer Amtsenthebung von Trump eingeleitet.

Da sage man bitte nicht gleich, der Nachfolger Trumps sei genauso schlimm. Es wird doch wohl noch einen letzten Rest Vernunft gesteuerter politischer Debatten und Wahlen in den USA geben? Wenn nicht: Dann sollten die USA aufhören, sich eine Demokratie zu nennen.

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Jean Paul zum 250. Geburtstag: Gott ist tot… und lebt im Gefühl.

Jean Paul zum 250. Geburtstag: Gott ist tot … und lebt im Gefühl. Veröffentlicht am 11.3.2013

siehe den aktuellen Beitrag vom 17.10.2025: LINK 

 

Habermas und die Religion: „Weil so vieles zum Himmel schreit“

Warum der Philosoph Jürgen Habermas den Dilaog mit religiösen Menschen und Theologejn sucht
Von Christian Modehn

SIEHE AUCH DIE AKTUALISIERUNGEN 2019 ZUM THEMA. Sowie die Hinweise 2014.

Anläßlich des 80. Geburtstages von Jürgen Habermas habe ich für NDR, Redaktion Glaubenssachen, Sendung am 14. 6. 2009, einen Beitrag über diesen bedeutenden Philosophen geschrieben. Hier biete ich eine längere Fassung dieses Textes.

1.

Philosophen werden in der Öffentlichkeit häufig mit einem  einzigen Begriff oder einer Metapher identifiziert. Immanuel Kant steht für den „Kategorischen Imperativ“, Martin Heidegger für die „Seinsfrage“. Von Jürgen Habermas hat sich  – inzwischen weltweit – herumgesprochen, er sei „religiös unmusikalisch“. Es ist für Habermas durchaus ungewöhnlich, überhaupt Einblick in seine persönliche Weltanschauung zu geben, hat er sich doch immer gescheut, über Privates und Familiäres öffentlich zu sprechen. Vor 80 Jahren, am 18. Juni, wurde er in Düsseldorf geboren. Er beschreibt den Geist seines Elternhauses selbst mit „liberal – protestantisch“. Die biblische Botschaft war nur aus der Ferne, vom Hörensagen, bekannt. Mit einer Kirchen – Gemeinde war er nie eng verbunden. Seine fehlende Begabung für religiöse Fragen hat der international hoch geschätzte und vielfach ausgezeichnete Wissenschaftler mit einem umfangreichen Werk kompensiert. Darin diskutiert er die Grundlagen menschlicher Kommunikation und die Strukturen einer vernünftigen, nicht mehr religiös geprägten Ethik. Unermüdlich hat er als streitbarer Bürger zahllose kritische Kommentare zum Zeitgeschehen publiziert. In den großen Kreis der „religiös unmusikalischen Menschen“ hat sich Habermas im Jahr 2001 in aller Deutlichkeit eingereiht. Früher sprach man eher davon, mit der „Gnade des Glaubens“ von Gott nicht beschenkt zu sein. Aber heute sind die religiösen Begriffe in der Öffentlichkeit so weit verschwunden, dass sich die meisten „religiös Unmusikalischen“ mit den eher prosaischen Titeln „Atheist“ oder „weltlicher Humanist“ begnügen. Sie erklären ihren Unglauben zur bloßen Privatsache und kümmern sich eigentlich nicht weiter  um die „anderen“, die Religiösen,  genauso wie die Frommen wenig Neigung haben, neugierig und lernbereit mit Atheisten zu sprechen. Der Dialog der verschiedenen Religionen ist heute an vielen Orten eine Selbstverständlichkeit; an einem ausführlichen Gespräch zwischen Glaubenden und Nichtglaubenden hingegen haben nur wenige Interesse. Habermas will das ändern. Er erinnert sich offenbar daran, dass schon so manch ein Unmusikalischer durch eindringliche Schilderungen eines Musikbegeisterten wenigstens die „Zauberflöte“ schätzen gelernt hat. Und ein musikalisch völlig Ahnungsloser konnte einem Opernfreund klar machen: Ich bin auch ohne intime Kenntnisse über „Lohengrin“ und „Tannhäuser“ glücklich. Habermas hatte als junger Erwachsener entscheidende Begegnungen mit glaubenden Menschen. Sie zeigten ihm, wie viel Vitalität und Widerstandskraft dem Glauben entspringen kann: Als Student zu Beginn der fünfziger Jahre lernte er evangelische Theologieprofessoren kennen. Sie konnten ihm zwar nicht den Besuch von Gottesdiensten schmackhaft machen. Aber sie haben ihn als Menschen, als politischen Bürger, geprägt.

„Es lehrten in Bonn die Theologen Helmut Gollwitzer und Hans Joachim Iwand, die sich während der Nazi Zeit nicht hatten korrumpieren lassen. Sie hatten in der frühen Bundesrepublik den Mut, gegen einen erdrückenden Konformismus mit ununterbrochen fortdauernden Nazi- Mentalitäten den Mund aufzumachen. Von solchen Theologen habe ich den aufrechten Gang gelernt“.

Opportunistische Anbiederei an die Herrschenden hat Habermas seit der Zeit als eine große Untugend gebrandmarkt. Die beiden authentischen Theologen haben aber noch einen anderen, nicht minder prägenden Eindruck hinterlassen:

„Ich konnte auch die spirituelle Tradition, aus der sie lebten, nicht einfach polemisch beiseite schieben“.

2.

Es ist genau diese biblische Tradition, die Habermas nicht einfach beiseite schiebt, auch wenn er sich bis heute „Agnostiker“ nennt. Er sieht sich als Philosoph zwar außerstande, die grundsätzlichen Fragen der Metaphysik, etwa nach der Existenz Gottes, definitiv zu beantworten. Aber er kann es nicht leugnen, dass die großen Ideale der Freiheit und Selbstbestimmung jüdisch – christliche Wurzeln haben. Dabei haben die Kirchen als Institutionen diese Emanzipation Europas hin zu Demokratie und allgemeiner Menschenwürde allerdings eher behindert.

„Aber die Idee des solidarischen Zusammenlebens, der Emanzipation und der individuellen Gewissensmoral ist ein Erbe der jüdischen Ethik der Gerechtigkeit und der christlichen Liebesethik“.

Der „religiös Unmusikalische“ hat den Dialog mit Glaubenden immer gepflegt: In den siebziger Jahre als Professor in Frankfurt und später am Max Planck Institut in Starnberg hat er Theologen zum Gespräch getroffen, zu seinen Gästen gehörten Dorothee Sölle, Johann Baptist Metz und Jürgen Moltmann. Er widersetzte sich damit den Üblichkeiten seiner Freunden und Kollegen aus linken, zum Teil marxistisch geprägten Kreisen. Sie sahen es als eine Selbstverständlichkeit an, dass bei zunehmendem ökonomischen Fortschritt und dem Ausbau des Sozialstaates die religiöse Frage im ganzen an Bedeutung verliere. Die Verweltlichung des Lebens, die Säkularisierung, verdränge letztlich die Religionen, meinten sie.
Hingegen hat Habermas zur Kenntnis genommen, dass sich in den letzten Jahren immer wieder neue religiöse Gruppierungen in den Mittelpunkt drängen, wie die Pfingstler und die Evangelikalen oder die extrem fundamentalistisch geprägten muslimischen Kreise. Andererseits gibt es eine große Bewegung sozial engagierter Basisgemeinden in Lateinamerika, Afrika und auf den Philippinen: Sie versuchen linke politische Impulse mit der Bibel zu versöhnen. Habermas zweifelt also an der beinahe üblichen Einschätzung, Gott sei tot. Darum müssen ganz neue Begriffe geschaffen werden, die dieser Entwicklung entsprechen. Er nennt unsere Gegenwart „post-säkular“. D.h.: Sie ist gleichzeitig  geprägt von  frommen wie auch von ungläubigen, „säkulären“ Menschen. Als Habermas seine Dankesrede zur Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels im Oktober 2001 hielt, waren die Terroranschläge in New York gerade fünf Wochen vergangen. Auf dieses Ereignis muss er als kritischer Kommentator des Zeitgeschehens eingehen.

„Im Terrorismus äußert sich auch der verhängnisvoll sprachlose Zusammenstoß unterschiedlicher religiöser Welten. Aber jenseits der Gewalt müssen sie eine gemeinsame Sprache entwickeln!“

3.

Eine gemeinsame menschliche Sprache wieder finden: Habermas hat damit das Motto seines philosophischen Programms zusammengefasst. Den neuen religiösen Herausforderung möchte er noch entschiedener als zuvor mit der Kraft der Argumente begegnen. Für ihn ist es ein Weg ins Verderben, angesichts der Verbrechen fundamentalistisch geprägter Kreise in blindem Wahn neue Kreuzzüge zu beschwören und oder gar Religionskriege großen Ausmaßes für möglich halten. Die Grundlagen seiner Philosophie lauten ganz anders:

„Wenn sich die Menschen nur auf  das Gespräch einlassen und  wenn jeder Teilnehmer des Dialogs als gleichwertig gilt, dann kann aus Verständigung doch noch Versöhnung werden“.

Aber Versöhnung kann niemals die Vorherrschaft der einen Meinung über die andere bedeuten: Auf die Toleranz kommt es an, entscheidend ist die wechselseitige Anerkennung von Menschen unterschiedlicher Weltanschauungen und Bekenntnisse:

„Toleranz heißt, dass sich Gläubige, Andersgläubige und Ungläubige gegenseitig Überzeugungen und Lebensformen zugestehen, die sie für sich selbst ablehnen. Dieses Zugeständnis muss sich auf eine gemeinsame Basis gegenseitiger menschlicher Anerkennung stützen, nur so lassen sich Widersprüche überbrücken. Die Basis für die Anerkennung der anderen Positionen ist die Gemeinschaft gleichberechtigter Bürger“.

Für eine Kultur der Toleranz und des friedlichen Miteinanders zu plädieren, hat oft den beliebigen Ton einer „netten Sonntagsrede“. Habermas vermeidet solche Belanglosigkeiten. Er erinnert mit scharfen Worten an die bedrohliche Situation der Menschheit. Dabei benutzt er häufig eine Metapher, die aus Welt der hoch spezialisierten Technik stammt: Er befürchtet, dass die moderne Welt, so wörtlich,  „entgleisen“ könnte, also in einer Katastrophe ihr Ende findet. Das Unglück muss verhindert werden, denn der Zug  rast bereits auf die falsch gestellten Weichen zu. Als Philosoph präsentiert er in allgemeinen, aber nicht minder schockierenden  Worten „die Welt kurz vor der Entgleisung“:

„Es gibt dauernde Verstöße gegen allgemeine Gerechtigkeitsnormen. Die Lebenschancen in einzelnen Ländern, aber auch auf Weltebene sind völlig ungleichmäßig  verteilt. Das drastische Elend nimmt zu. Die Regierungen haben den entfesselten,  so genannten freien Märkten einfach freien Lauf gelassen. Die Europäische Union ist keine Gestaltungskraft mehr, sie wird zur bloßen Freihandelszone. Als Konsequenz dieses Vordringens ökonomischen Denkens werden auch die menschlichen Beziehungen nach Kosten und Nutzen beurteilt. Der moralische Auftrag, verantwortlich für andere und mit anderen zu handeln, verschwindet. Die Bürger in den wohlhabenden Ländern richten ihre egoistischen Vorhaben und ihre subjektiven Rechte wie Waffen gegeneinander. Die Entfremdung unter den Menschen ist so weit fortgeschritten, dass die meisten diese Entfremdung gar nicht mehr spüren. Sie wissen nicht mehr, dass ihr Leben falsch ist“.

4.

Wer diese Analysen von Habermas hört, fühlt sich manchmal  an den Protest alttestamentlicher Propheten erinnert. Aber das Jammern, Wehklagen und Weinen eines Jeremias oder Amos ist nicht Aufgabe des Philosophen. Er setzt darauf, die Stimme der Vernunft über alle ideologischen und religiösen Grenzen wirksam zu Gehör zu bringen:

„Die praktische Vernunft verfehlt ihre eigene Bestimmung, wenn sie nicht mehr die Kraft hat, bei den profanen Bürgern ein Bewusstsein für die weltweit verletzte Solidarität zu wecken und wach zu halten, und ein Bewusstsein von dem zu erzeugen, was zum Himmel schreit“.

So vieles schreit heute zum Himmel, meint Habermas, aber „hört“ der Himmel die Stimme der Verzweifelten? Für den „Agnostiker“  Habermas kommt der Himmel als Ort des Trostes nicht in Frage. Rettung angesichts der „Entgleisungen“ kann es für ihn nur in einer  gemeinsamen Anstrengung der Menschen geben. Als Philosoph setzt er darum wieder und wieder auf das Gespräch. Aber damit meint er  nicht das nette, kluge Plaudern ohne jede Verbindlichkeit. Er meint den Dialog, der von Lernbereitschaft bestimmt ist. Darum macht er weit reichende Vorschläge, wie religiöse und nichtreligiöse Menschen miteinander hier in Europa umgehen sollten. Den Atheisten und weltlichen Humanisten mutet er zu, von den Werten religiöser Menschen zu lernen.

„Schon in der heute gängigen Alltagssprache zeigen sich noch Verweise auf christlich fundierte Begriffe. Wenn wir „bitten“  sagen, klingt das „Beten“ noch mit. Wenn wir  das Wort „bezeugen“ verwenden, schwingt das „Zeugnis Ablegen“ noch mit. Wenn wir meinen, etwas sollte wieder „heil“ werden, klingt das „Heilige“ noch aus der Ferne“.

Habermas versucht, den religiös Unmusikalischen die unterschwellige Anwesenheit des Religiösen im scheinbar prosaischen „säkularen“ Alltag aufzuzeigen. Er plädiert bei den Atheisten für christliche Weisheitslehren, gerade weil sie menschlich wertvoll und unverzichtbar sind.

„Wir säkularen Bürger kennen nur das moralisch Falsche, haben aber den Sinn für das abgrundtief Böse verloren. Wir wollen verzeihen, wissen aber nicht, wie wir mit dem angetanen Leid umgehen können. Wir beklagen das Leid unschuldig misshandelter und getöteter Menschen, wissen aber nicht, was der Lebenssinn dieser sinnlos Ermordeten sein könnte“.

Kann die menschliche Vernunft darauf jemals eine Antwort finden? Habermas ist da skeptisch. Er sieht die Begrenztheit der weltlichen Moral. Aber er kann auf sie niemals verzichten. Denn nur die Ethik ist in ihrer von Vernunft geprägten Argumentation tatsächlich allen Menschen aller Religionen und Weltanschauungen zugänglich. Aber das schließt ja nicht aus, dass das Christentum den Atheisten und Humanisten neue Horizonte und weiterführende Perspektiven eröffnet. Nur muss dann eine Voraussetzung erfüllt sein: Die Christen müssen ihre religiösen Traditionen in einer vernünftigen Sprache und in allgemein nachvollziehbaren Begriffen darstellen. Sie müssen also bereit sein, ihre eigenen, spirituell bestimmten Wertvorstellungen zu übersetzen und möglicherweise Übersetzungshilfen vonseiten der Philosophen anzunehmen.. Habermas nennt ein Beispiel gelungener Übersetzungsarbeit:

„Die Bibel spricht davon, dass jeder einzelne Mensch Gottes Ebenbild ist. Weltlich übersetzt und deswegen plausibel für alle könnten wir sagen: Diese Ebenbildlichkeit gegenüber Gott meint die gleiche und unbedingt zu achtende Würde aller Menschen. Kein Mensch darf  als Zweck für anderes missbraucht werden. Durch diese Übersetzung einer religiösen Botschaft in die weltliche Sprache bleibt die Religion für die Menschheit im ganzen von Bedeutung. Die Religion wächst aus der kleinen Gemeinde der Frommen heraus“.

5.

Aber der spirituelle „Mehrwert“  dieser religiösen Bilder kann dabei nicht bewahrt werden. Denn vom Gott selbst als absolutem Wesen ist z.B. in der weltlichen Deutung der Gott- Ebenbildlichkeit des Menschen nicht mehr die Rede. Einzig die humane, die menschliche Bedeutung steht im Mittelpunkt. Darüber ist Habermas nicht unglücklich. Denn für ihn wäre es schon ein hoher Gewinn für die Staat und Gesellschaft, wenn alle unterschiedlichen Gruppen die  Würde eines jeden Menschen in der Praxis unbedingt achten.
Diese Argumente inspirieren, noch weiter zu denken: Gehören denn die Bilder aus den Gleichnis Erzählungen Jesu von Nazareth nur den Kirchen? Dürfen sich nur die Gemeindemitglieder an der Erzählung vom Verlorenen Sohn erfreuen? Also an jener Geschichte von dem liebenden Vater, der seinen Sohn wieder aufnimmt, als er nach Jahre langen Abenteuern und moralischen Irrwegen zurückkehrt: Ohne Vorwürfe heißt er ihn willkommen und bereitet sogar ein Festmahl. Diese Erzählung vom „verlorenen Sohn“ kann auch Atheisten zu einem „großherzigen“ Lebensstil verleiten, jenseits aller bürgerlichen Üblichkeiten.  Sollten die Christen nicht dankbar sein, wenn diese Gleichnisse Jesu auf neue Art an ungeahnten Orten weiterleben? Weil „so vieles zum Himmel schreit“, weil überall Gerechtigkeit und Toleranz mit den Füßen getreten werden, müssen alle Gruppen in der Gesellschaft ihre dogmatisch verfestigten Ideologien überwinden. Wenn die Religionen sich im Getto einschließen, kann nur Gewalt entstehen. Wer nur seine religiöse Tradition achtet, vergisst das Interesse an der Gestaltung der Welt. Darum lässt Habermas nicht locker: Christen sollen die Gestaltung einer gerechten Gesellschaft genauso ernst nehmen wie die Pflege ihrer Frömmigkeit. Mit anderen Worten: Die Religionen, in unseren Breiten vor allem die Kirchen, müssen sich verändern.

„Die Religionen sollten den Pluralismus der Weltanschauungen anerkennen. Keine Religion hat heute ein Monopol, keine religiöse Gruppe „hat“ die Wahrheit. Die Religionen müssen anerkennen, dass heute nur die Wissenschaften qualifiziert deuten. Religiöse Mythen haben ihren Platz einzig im Gottesdienst. Die Frommen müssen anerkennen, dass die Moral sich heute einzig in der vernünftigen Diskussion erschließt. Einzig die allen gemeinsame Vernunft hat das letzte Wort, wenn es um das Zusammenleben der Menschen geht“.

Die Zumutung verbindet Habermas mit einer dringenden Mahnung an die andere Seite, die Atheisten, Skeptiker und Agnostiker. Auch von ihnen verlangt er um der Rettung der Menschheit willen ein „neues Denken“ :

„Säkulare Mehrheiten dürfen keine Beschlüsse fassen, bevor sie nicht dem Einspruch von religiösen Opponenten
Gehör geschenkt haben. Sie müssen diesen Einspruch als eine Art aufschiebendes Veto betrachten, um zu prüfen, was sie selbst daraus lernen können“.

6.

Jürgen Habermas ist inzwischen zu einem Moderator zwischen Atheisten und Glaubenden geworden. Als Brückenbauer geht er selbst mit gutem Beispiel voran: Er hat sich mit einem der religiös wohl hoch „Musikalischen“  unter allen Frommen in München zu einem viel beachteten Dialog getroffen, mit Joseph Ratzinger. Damals, im Januar 2004, war er noch als katholischer Chef – Theologe der Leiter der römischen Glaubensbehörde in Rom. Diese Begegnung in der Katholischen  Akademie München wurde von den Medien nachträglich zu einem kleinen Weltereignis hochgespielt, obwohl es unter strenger Geheimhaltung nur für ein kleines, handverlesenes Publikum stattfand. Schon die Kleiderordnung war bemerkenswert: Joseph Ratzinger hatte auf seinen sonst immer üblichen Kardinals- Talar mit dem goldenem Brustkreuz verzichtet. Er trug einen schwarzen Anzug mit dem eher unauffälligen weißen Kollar eines gewöhnlichen Klerikers. Dadurch wollte er schon vom Äußeren her als Wissenschaftler und weniger als römische Amtsperson erscheinen. Die Fotos zeigten zwei alte, ergraute Herren, die tief versunken im Gespräch einzig ihren Gedanken nachgingen. Der Atheist und der Glaubenswächter hatten sich ein hoch komplexes Thema ausgesucht. Es hieß: “Vorpolitische moralische Grundlagen eines freiheitlichen Staates“. Damit sollte angedeutet werden, dass die westliche Demokratie auf Werten beruht, die außerhalb des politischen Kalküls liegen. Zum Beispiel muss der Staat erwarten, dass die Bürger Zuverlässigkeit und Wahrhaftigkeit, Solidarität, Mitgefühl und Toleranz hoch halten. Aber diese Werte kann der Staat als solcher nicht schaffen, sie müssen sozusagen von außen, etwa von Philosophien oder Religionen,  vorgestellt und gefördert werden. Darin waren sich der Philosoph und der Kardinal einig. Und diese Übereinstimmung  wurde in den Medien oft hoch gepriesen; manch ein Journalist ließ sich später zu der Vermutung hinreißen: Dieses scheinbare Einvernehmen von Jürgen Habermas mit Joseph Ratzinger habe sogar noch bis in die Papstwahl 2005 hineingewirkt: Alle Kardinäle hätten einmal mehr die intellektuelle Brillanz Kardinal Ratzingers erlebt. Aber Habermas hat bei einem späteren Gespräch mit den Jesuiten in München eindeutig festgestellt:  Zwischen ihm, dem religiös Unmusikalischen und dem religiös hochbegabten Papst, liegen Welten. Denn der Führer aller Katholiken glaubt, einzig die religiösen Ideale des Christentums könnten die dringend erforderlichen Werte bereitstellen, um die Entgleisung der Welt zu verhindern. Die menschliche Vernunft sei hilflos, segensreich könne nur die christliche Religion sein. Joseph Ratzinger meint allen Ernstes: Nur das Christentum sei hilfreich, das „selbstverständlich“ einzig von Papst und Bischöfen authentisch interpretiert wird. Ohne die moralische Führung durch die Kirche gehe die Welt in die Irre. Habermas als Philosoph kann sich dieser Haltung nicht anschließen. Er empfindet es als Hochmut, wenn ein einzelner Gesprächspartner überhaupt auf die Idee kommt, zu behaupten: Ich besitze die Wahrheit. Darum hat Habermas für alle weiteren Religionsgespräche noch einmal die Prämisse unterstrichen:

Einzig mit den Mitteln der Vernunft können wir Werte formulieren, die dann für alle als Leitlinien empfohlen werden“.

Die höchsten Autoritäten der katholischen Kirche und viele Kreise der evangelikalen Protestanten stellen sich taub, sie können diese Position noch nicht annehmen. Sie wollen nicht die Offenbarung auf den Bereich der Gläubigen und die Gemeinden einschränken, sondern mit „Gottes Wort“ Gesellschaft und Staat unmittelbar gestalten. Habermas aber lässt sich als Brückenbauer und Moderator von solchen Irritationen nicht beirren: Er hält an seinem „Dialog – Programm“ fest und fordert, angesichts der Krise der Menschheit einzig auf vernünftige Argumente zu setzen. Habermas ermuntert,  an dieser Haltung trotz aller Rückschläge festzuhalten:

„Bei allem empirisch begründeten Pessimismus über die Aussichten eines weltweiten Zustandes von Recht und Gerechtigkeit sollten wir die Hoffnung nicht aufgeben. Das Engagement für eine Neue Weltordnung könnte sich doch noch lohnen. Dabei fühlen wir uns zu diesem Engagement moralisch verpflichtet“.

Eine beinahe gläubige Haltung haben einige Beobachter aus dieser Stellungnahme herausgehört und eine Stimme der Hoffnung vernommen, die fast in religiöse Dimensionen weist. Aber Habermas weist solche Interpretationen zurück: Er sei Philosoph und nichts anderes! Er müsse in aller Nüchternheit die Sache der Vernunft hochhalten, mehr nicht. Denn nur die Vernunft kann davor bewahren, dass „alles entgleist“.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin