Das Spiel mit dem Feuer. Zu einem Buch von Alain Finkielkraut

Wenn ein Philosoph mit dem Feuer spielt

Ein Hinweis zu Alain Finkielkraut „L` Identité malheureuse“ (Stock 2013), Paris. 240 Seiten, 19,50€

Von Christian Modehn

Wenn die äußerst rechtslastige, manche Kenner sagen „rechtsextreme Partei“ Front National (FN) unter der Führung von Marine Le Pen bei den Europawahlen 2014 in Frankreich als sehr starke, wenn nicht als stärkste Partei hervorgeht, dann hat das viele Ursachen: die (auch intellektuellen) Schwächen der anderen Parteien, die „ungelösten“ sozialen Differenzen, die Arbeitslosigkeit usw.. Man hört schon förmlich die übliche „Litanei“ der nach der Niederlage etwas betroffen blickenden Politiker der demokratischen Parteien.

Nicht ganz unbeachtet sollte dabei die geistige Stimmung, die kulturelle „Wetterlage“, bleiben, die bekanntlich von geistigen Impulsen, auch von philosophischen Büchern mit –  bestimmt wird. Förderlich, wenn auch im einzelnen naturgemäß nicht exakt nachweisbar, für die Zustimmung zur rechtsextremen Partei FN könnte auch das neue Buch des Philosophen Alain Finkielkraut (geb 1949 in Paris) „L Identité malheureuse“ (Die unglückliche Identität) sein. „Le Monde“ berichtet am 11. 4. 2014, dass bisher 80.000 Exemplare verkauft wurden. Dieses Buch bewegt in Frankreich seit seinem Erscheinen im Herbst 2013 die Gemüter äußerst heftig.

Finkielkraut ist ein extrem viel beschäftiger, damit ein „typisch“ Pariserischer „Intellektueller“. Er ist als Philosophieprofessor an der „Ecole Polytechnique Paris“ vor allem Buchautor … und jetzt wieder einmal Dauergast im Fernsehen. Zudem leitet er eine beachtliche Sendung auf Radio „France Culture“ (sie heißt „Repliques“). Er nennt sich selbst laizistischer und atheistischer Jude, verteidigt den Staat Israel absolut (siehe Le Figaro, 21. 11. 2011), er ist auch regelmäßiger Mitarbeiter bei dem Privatsender „Radio Communauté Juive“ (RCJ). Nun also hat er ein weiteres Buch geschrieben, das genau die Stichworte in den Mittelpunkt stellt, die auch die Getreuen der äußerst rechtslastigen (und explizit „europa-feindlichen“, bei Putin sehr beliebten) Partei FN propagieren: Es ist die Angst um die französische „Identität“. Ihm geht es auch in diesem Buch, das viele zurecht wohl ein Pamphlet nennen, um den Niedergang der alten französische Identität, verursacht durch den Zustrom von Immigranten. Nur ein paar Zitate aus dem Buch: „Europa ist zum Einwanderungskontinent verkommen“. Die Franzosen (welche ? CM) fühlen sich wegen der Einwanderer fremd auf ihrem eigenen Boden“. „Wir sind der Andere des Anderen (also des Immigranten CM), Und hat dieser Andere (also die Franzosen) nicht das Recht zu sein und sein Sein zu bewahren?“ „Der Franzose muss die Auslöschung seines eigenen Gesichts verhindern“.

Bemerkenswert ist hier, dass da jemand schreibt, der, so wörtlich, meint, „bis zum Jahr 1972 sei Frankreich noch eine homogene Nation“ gewesen. Dabei vergisst Finkielkraut, dass 1972 in diesem Frankreich bereits Italiener, Spanier, Polen und Russen usw. lebten, und eben auch Askenazim, zu denen sich Finkielkraut rechnet. Und es lebten auch Franzosen aus Algerien in diesem offenbar so homogenen Frankreich. Die Tendenz von Finkielkraut ist klar: Er will unter allen Umständen auf die angeblichen Gefahren aufmerksam machen, die von den muslimischen Einwanderern aus Afrika verursacht werden.  Er will die „Autochthonen“, also die irgendwie schon lange in Frankreich lebenden Franzosen, retten; er empört sich, dass man heute das Wort Rasse nicht mehr unschuldig verwenden kann, er sieht den Niedergang der (alten) von ihm wie in einer Nostalgie geliebten französischen Kultur der Nähe und Treue verursacht durch … je wen wohl? Durch die Einwanderer aus Afrika in den Vorstädten.

Der französische Philosoph sieht nicht die politischen Fehler, die mit der Ausgrenzung dieser oft in Frankreich geborenen muslimischen Franzosen, begangen wurden. Die (christlichen ?) Herrschaften in Paris wollten besser unter sich bleiben, und haben deswegen die Armen, die „Afrikaner“ und andere Muslims in die hässlichen Vorstädte transportiert. Sie sind eine Last in der Sicht der Herrschaften in Paris.

Aber der für solche Fragen blinde Finkielkraut fürchtet, wie Frankreich zu einer „auberge espagnole“ wird, also zu einem primitivem Schuppen ohne Kultur, was dieses Wort bedeutet. „In dieser Situation wissen die Franzosen (aber welche? CM) nicht mehr , wo sie sind“.

Besonders auffällig ist, dass Alain Finkielkraut sich ohne Skrupel dem Denken und dem Vokabular von Renaud Camus anpasst, „für den Finkliekraut eine vehemente Leidenschaft hat“, wie „Le Monde“ am 23. 10. 2013 schreibt. „Denn dieser Schlossherr und Schriftsteller aus dem Gers wird nicht nur von seinem Freund und Protektor zitiert, er tritt wortwörtlich als dessen Buchredner auf“, heißt es weiter in „Le Monde“. Renaud Camus hat bekanntlich sich klar und deutlich bei Wahlen für die Chefin des Front National ausgesprochen. All das stört offensichtlich Alain Finkielkraut nicht.

Die weltweit geschätzte Historikerin Elisabeth Badinter versucht dieses irritierende Verhalten und Denken ihres Mitbürgers zu verstehen: “Finkielkraut teilt mit einer gewissen Anzahl von Intellektuellen diese Charakteristik: Geboren in jüdischen Familien, eingewandert nach Zentraleuropa; sie widmen dann Frankreich dermaßen eine Liebe, die man sich kaum vorstellen kann, auch einen tiefen Respekt vor den Gesetzen Frankreichs“ (so in Le Monde 1. Nov. 2013).

Die Frage bleibt, bei allem Verständnis für diese psychologischen Hinweise: Wie kann sich ein so „kluger Philosoph“ auf diese Ebene mit einem offensichtlich reaktionären Schriftsteller wie Renaud Camus begeben? Vor allem, dies wäre eine weitere Frage. Welche Bindungen bleiben da noch bei Finkielkraut an einen seiner Lieblingsphilosophen, an  Emmanuel Lévinas. In dem Buch „Die Weisheit der Liebe“ (1984) hatte Finkielkraut z.B. noch geschwärmt, wie „der andere“, auch „der Fremde“,  mich zu meinem wahren Dasein ruft und förmlich „zwingt“. Man lese etwa in der deutschen Ausgabe von 1987 (Hanser Verlag) die Sätze Finkielkrauts: “Die Moral ist eine Konversion im eigentlichen Sinne. Etwas Fremdes – das Antlitz des anderen Menschen – kommt und zwingt mich, meine Gleichgültigkeit aufzugeben. Ich werde durch den anderen … zu einer Verantwortung gerufen“ (S. 154. Im übrigen ist Finkielkraut auch Mitbegründer des Levinas Studienzentrums in Jerusalem!  Wie passt das alles zusammen? Was bleibt von einer geistigen, vor allem radikal ethischen Präsenz von Lévinas in diesem Pamphlet? Vielleicht gar nichts?

Das Pamphlet, viel gelesen, viel besprochen, ist wirksame, wenn auch kulturell nur indirekte Werbung für Madame Le Pen; sie schämt sich vielleicht etwas, öffentlich zuzugeben, nun einen sehr rührigen jüdischen Unterstützer und Maitre à penser zu haben.

Das Buch ist von tiefem Pessimismus geprägt. Finkielkraut sieht Frankreich als ein riesiges Getto, die heutige französische Kultur ist für ihn ein riesiger Friedhof toter Texte… Die Philosophin Elisabeth de Fontenay schreibt auf der website JDD: „Finkielkraut hört nicht den Gesichtspunkt, der sich ihm entgegenstellt. Er hält keinen Dialog mit dem anderen, der sich in ihm selbst befindet und auch außerhalb, im anderen. Er hält nur einen Dialog so, um sich dann ein Stück wegzunehmen, aber nicht um sein eigenes Denken zu verändern“.

Mit (nur) 16 von 28 Stimmen wurde Alain Finkielkraut am 10.4. 2014 zum Mitglied der berühmten “Academie Francaise” gewählt, man nennt die Mitglieder aufgrund ihres Renommees „Die Unsterblichen“. Hoffentlich bleibt das Buch “Identité Francaise” nicht unsterblich.

 

Copyright: Christan Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

Recht und Moral. Einige Thesen zum Salon am 25. 4. 2014

Recht und Moral

Einige These, einige Fragen anlässlich des religionsphilosophischen Salons am 25. 4. 2014.

Von Christian Modehn

1. Recht und Moral sind zwei verschiedene Bereiche. Sie sind verschieden und eigenständig.

Aber sind sie immer getrennt oder gibt es Verbindungen? Dieser Frage wollen wir nachgehen. Tatsache ist:  Wenn in Demokratien Recht gesprochen wird, sollen ausschließlich die Gesetze beachtet werden. Die Moral der Richter sollte da keine Rolle spielen, auch sollte es keine Rücksichtnahme geben  auf herrschende Moralvorstellungen, etwa durch Religionsgemeinschaften verbreitet.

2. Unter Moral könnte man in einem weiten Sinne die “Welt der Werte” meinen, die in einer Kultur dem einzelnen Menschen und der Gesellschaft angeboten werden und die auch verinnerlicht werden, an die man sich hält in einer oft unbewussten Selbstverständlichkeit. Diese Welt der Überzeugungen, „Moral“, gibt es heute immer nur im Plural. Unser Thema muss im Rahmen einer pluralistischen Gesellschaft besprochen werden; da gibt es unterschiedliche religiöse Überzeugungen, etwa zu Fragen: Was ist Leben, was ist der Wert des Menschen usw.

Dazu bringen die religiösen Repräsentanten ihre religiösen Lehren vor, dabei handelt es sich um religiöse Interpretationen des Lebens aus vergangenen Zeiten. Diese Texte entstammen aus Kulturen mit einem vor – modernen Welt – und Menschenbild, sie können nicht ohne weiteres direkt als Weisungen in die Moderne hineingezogen und als automatisch gültig angesehen werden.

Ergänzung am 6. 5. 2014: In dem Zusammenhang weisen wir auf einen Beitrag hin, den Sabine Hark, Prof. für Soziologie an der TU Berlin, am 6. Mai 2014 in “Der Tagesspiegel” veröffentlicht hat: Zum Thema der immer noch heftigen Homophobie sogar in dem angeblich “aufgeklärten” Deutschland. Zur Lektüre dieses wichtigen Beitrags klicken Sie hier. Leider kommt in unserer Sicht die homophobe Propaganda weitester Kreise der christlichen Kirchen und anderen Religionen nicht ausreichend in dem Beitrag zum Ausdruck. Dass es eine explizit und uneingeschränkt “homofreundliche” und homosexuelles Lieben und Leben uneingeschränkt akzeptierende christliche Kirche gibt, die Remonstraten, darauf wurde mehrfach auf unserer zweiten website (klicken Sie hier)  hingewiesen.

3. Die unterschiedlichen Menschen mit unterschiedlichen Moralvorstellungen heute brauchen für ein friedliches und demokratisches Zusammenleben in der pluralistischen Gesellschaft sozusagen zu ihrem eigenen Schutz und um eines menschlichen Lebens willen rechtliche Regelungen. Im Recht und in den Gesetzen wird vom Staat unter Strafandrohnung die Befolgung bestimmter Gesetze verlangt. Moralauffassungen können natürlich nicht unter Strafe eingeklagt und befohlen werden. Beispiel: Ich muss nicht nett und freundlich sein zu bestimmten Menschen und Nachbarn, das gebietet mir meine Freiheit der Moral. Aber ich muss im Notfall aus rechtlichen Gründen helfen; ob mir diese Hilfe gefällt oder nicht. Ich muss sozusagen diese Hilfe äußerlich, auch ohne innere Anteilnahme, leisten. Das ist die Welt des Rechts. Sie kann allerdings bei bestimmten Menschen so absolut hoch bewertet und dauernd praktiziert werden, dass alle menschlichen Beziehungen, auch unter Nachbarn, nur noch unter der Kategorie von Gesetz und Recht und Prozessordung betrachtet werden. Jegliche geistige Lebendigkeit, jeglicher Sinn für Gemeinschaft,  geht dann – bei einem ausschließlichen Respekt vor den formalen und rigide angewendeten Gesetzen – verloren.

4. Deutlich ist jedenfalls: Auch die Gesetze (Beispiel Gebot der Hilfeleistung) enthalten implizit eine gewisse Moralvorstellung, einen bescheidenen Inbegriff an Humanität. Per Gesetz wird also doch eine bestimmte minimale Moralvorstellung eingeklagt und unter Strafe gefordert, die eigentlich alle Menschen einer demokratischen Gesellschaft teilen können und sollen. Hier sehen wir doch unseres Erachtens, dass eine absolute und abstrakte Trennung von Recht und Moral nicht existieren kann.

5. Zu Erinnerung: Die Gesetze werden in demokratischen Gesellschaften durch Beratungen im Parlament geschaffen, dabei gelten Mehrheiten. Dabei gilt es auch, die massive werbende Arbeit der Lobbygruppen zu beachten. Diese müssten öffentlich kontrolliert werden. Es gilt wohl auch zu beachten, dass in den Parlamenten Europas, auch Deutschlands, ganz überwiegend Menschen aus den oberen Klassen vertreten sind, Beamte, Juristen usw., die fraglos auch ihre eigenen (ökonomischen) Interessen in Gesetze fassen wollen. Arbeitslose und Hartz IV Empfänger sind etwa im Bundestag nicht sehr zahlreich vertreten, mit anderen Worten: Unseres Wissen gar nicht!  Aus dieser Konstellation geht hervor: Selbst die demokratisch beschlossenen Gesetze führen doch zur Vermutung, dass da gewisse Standpunkte gewisser Gruppen sich durchsetzen wollen.

Ein Beispiel, aktuell pubiziert in “Der Tagesspiegel” vom 28. April 2014, Seite 14.  Dort berichtet  in einem Interviuew der Direktor des Deutschen Mieterbunds, Lukas Siebenkotten, zu der Frage, ob noch (?) die Vermieter “ordentlich zuschlagen , bevor die Mietpeisbremse (angeblich) kommt: “Paragraph 5 des Wirtschaftsstrafgesetzes untersagt Mieten, die 20 Prozent oder mehr über der ortsüblichen Vergleichmiete liegen. In der Praxis (aber) wird das nicht geahndet. Frage: Warum nicht? “Der Bundesgerichtshof hat entschieden, dass ein Mieter, der sich auf diesen Paragraphen beruft, selber (!!) nachweisen muss, dass er gezwungen war, das =unmoralische Angebot= des Vermieters anzunehme., weil er keine andere Wohnung finden konnte. In Großstädten ist so ein Nachweis aber unmöglich, es gibt doch immer irgendwo eine andere, billigere Wohnung… Dabei müßte man einfach die Beweislast umdrehen und hätte dann ein wirksames Mittel gegen Mietwucher”.   Aber solch ein Gesetz besteht nicht, hingegen das Gesetz des Bundesgerichtshofes, das man als kritischer Bürger eher und mindestens mit einem großen Nein kommentieren sollte…

Dieses kleine Beispiel zeigt nur, wie schwer es kritischen Bürgern heute fallen kann, in so genannten Demokratien den Staat rundherum und im ganzen oder gar immer zu respektieren. Aber mit diesen mehrheitlich beschlossenen demokratischen Gesetzen muss sich die Masse der Bürger eben erst einmal abfinden, muss sie notgedrungen akzeptieren. Selbst wenn es einigen Bürgern zurecht etwa überhaupt nicht gefällt, dass es nicht per Gesetz endlich bessere und in dem Sinne menschlichere, sagen wir ruhig „gerechtere“ Gesetze etwa zum Umweltschutz oder zur so genannten Entwicklungspolitik gibt. Da ist dann die manchmal äußerst mühsame Öffentlichkeitsarbeit und der praktische Einsatz von NGOs gefordert. Sie können die Gesellschaft und langfristig auch die Rechtsordnung verbessern. Man denke etwa an den Kampf ökologischer Basisgruppen und die Tatsache, dass nach jahrzehntelangen Kämpfen doch einige wenige bessere Gesetze durchgesetzt werden konnten.

Diese Kritik an einem so genannten demokratischen Staat, der offenkundig die Bürgerrechte nicht als obersten Wert ansieht, siehe die ganze Hilflosigkeit der herrschenden politischen Klasse Deutschlands am Beispiel des NSA Skandals, muss noch viel stärker besprochen werden. “Atemberaubend ist das Desinteresse unserer Regierenden (an diesem Thema)”, schreibt etwa Christian Schlüter zu recht in der “Berliner Zeitung” vom 3. Mai 2014, Seite 4. Es gibt einfach von staatlicher Seite keine umfassende Aufklärung, keine umfassende Stärkung des Datenschutzes, ein digitales Urheberrecht gibt es nicht…. usw… Christian Schlüter schreibt:”Deshalb der Appell an alle Nutzer des Internets: Wehrt euch!”   Die entscheidende Frage ist nur: Wie kann sich der Bürger wehren gegen einen Staat, der seine elementaren Pflichten zum Schutz der Bürgerrechte versäumt? Gibt es darüber (“Wehrt euch”) eine philosophische Debatte??  Appelle allein sind ja noch keine Philosophie, geschweige denn Politik…

6. Andererseits: Bis zum Beweis der “Rechtlosigkeit” eines Gesetzes bzw. seiner “Immoralität” müssen sich in einem demokratischen Staat auch diejenigen an die Gesetze halten, die eigentlich diese Gesetze nicht befürworten. Beispiel: Abtreibungsgesetze. Oder das Gesetz der Homo- Ehen Verträge, wenn es auch gerade da Widerstände gibt, etwa konservativer Bürgermeister in Frankreich.

7. Es gibt auch kein Zurück hinter moralische UND gesetzliche Standards: Die Wiedereinführung der Todesstrafe ist in Westeuropa ausgeschlossen oder die Folter als mögliches Instrument der Wahrheitsfindung in Strafprozessen. Es gibt also, das zeigt dieses Beispiel, einen gewissen Fortschritt im Bewusstsein hinsichtlich der Würde und Freiheit des Menschen (gegen Folter, gegen Todesstrage usw.). Damit wird erneut deutlich: Noch enmal: Das moralische Bewusstsein wirkt sich auf die Gesetzgebung aus, das sieht man etwa an der Entwicklung, die dann zur gesetzlichen Abschaffung der Sklaverei führten: Zuerst hielten einige Christen (in England) Sklaverei für eine Sünde, dann setzte sich diese Überzeugung durch und fand in Gesetzen einen Ausdruck.

8. Bei der Kritik an bestehenden Gesetzen werden Kriterien geltend gemacht, die logischerweise außerhalb der Gesetze liegen und auch Kriterien, die noch einmal oberhalb der jeweiligen einzelnen, historisch geprägten Moralvorstellungen liegen. Gesetze und Moralvorstellungen können noch einmal von einer höheren Warte der Vernunft kritisiert und verbessert werden. Es gibt also noch einmal etwas Höheres als Recht und Moral. Es ist die sich kritisch reflektierende Vernunft, die da aktiv wird. Ein zeitloses und ewiges und in ewiger gleicher Weise formuliertes Naturrecht kommt da nicht in Frage. Wer dafür plädiert, verschleiert nur bestimmte Machtansprüche. Man könnte modern eher an die sich immer weiter entwickelnden Vorstellungen der Menschenrechte denken.

9. Gesetze, so heißt es, regeln allein das äußere Zusammenleben, also die äußere, friedliche Gestalt einer Gesellschaft. Aber aus welchen Motiven und mit welcher inneren Abwehr ich vielleicht diesem Gesetz folge, interessiert den Gesetzgeber nicht.  Hauptsache ist, alle folgen äußerlich dem Gesetz und entsprechen damit dem Gesetz. Was die Menschen sich bei der praktizierten Gesetzes”treue” (innerlich)denken, ist dem Staat egal. Das äußere Tun allein zählt. Und so sollte es bleiben.

Man könnte diese Veräußerlichung des bloß formalen rechten und richtigen Tuns für problematisch halten. Denn wenn denn dieses Modell des Denkens und Handelns auch auf den Bereich des alltäglichen Lebens insgesamt, also auch der Moral, übergreift und Mentalitäten bestimmt: Und wenn man etwa in einem tugendhaften Handeln, um es mal klassisch auszudrücken, nur so tut, also nach außen hin den puren Eindruck erweckt, tugendhaft zu handeln, dann gibt es im ethischen Sinne eben Probleme in der Einschäzung dieses Handelns. Kant solches bloß veräußerlichte ethische Handeln abgelehnt. Andererseits ist es ein großer Gewinn, der bleiben muss, dass der Staat selbstverständlich nicht die Gesinnung prüft!!

10. Diese Gesinnung kann man auch gar nicht definitiv prüfen, der einzelne kann immer sich der Lüge bedienen in seinen Antworten zur Gesinnungsprüfung. Das offenbart auch den ganzen Wahnsinn der von der Inquisition geforderten öffentlichen Glaubensbekenntisse. Wer die Bekenntnisse korrekt nachspricht, ist nicht automatisch rechtgläubig. Die katholische Kirche setzt bis heute auf diese „Treue-Bekenntnisse“ etwa umstrittener Theologen. Wer Orthodoxes sagt, ist orthodox, denkt man dann in den für Kirchengesetze zuständigen Behörden im Vatikan und anderswo. Diese Ürpfung ist – inzwischen auch durch Umfragen empirisch erwiesener Maßen – falsch und “erfolglos”.

11. Die Gesetze eines demokratischen Staates, werden sie denn befolgt, befördern einen bestimmten demokratischen Geist, so dass von einer bloßen formalen Befolgung der Gesetze keine Rede sein sollte. Es gibt einen bestimmten Geist der Gesetze.

Bloß: Wie, wer und was  bringt man die Menschen dazu, diese Gesetze zu befolgen?  Die Religionen können dabei nicht hilfreich sein (weil sie ja selbst, wie der Katholizismus, eine undemokratische Organisation sind.) Kann es einen allen gemeinsame demokratische Gesinnung sein, eine Art weltliche Spiritualität, wie sie etwa von einigen Vertretern der “laicité” in Frankreich auch heute vertreten wird? Kann es der “Geist der Menschenrechte” sein?

12. Solange ein demokratisch beschlossenes Gesetz besteht, darf ich niemanden schädigen durch Rufmord, der sich an diese Gesetze hält. Etwa im Falle Edathys: Wer bestimmte problematische, aber per Gesetz erlaubte Bilder betrachtet, macht nichts Verbotenes; er darf also nicht mit den Mitteln meiner Moral vorweg und vorschnell abgeurteilt werden, das wäre Rufmord. Man tut also nichts Strafbares, wenn man sich innerhalb des Rahmens des gesetzlich Erlaubten bewegt. Es ist für den Einzelnen oft schwer zu verhindern, dass die eigene Moralvorstellung den Blick auf das gesetzlich Erlaubte verdunkelt.

13. Wir müssen also acht geben, wenn unsere persönlichen Moralvorstellungen die gesellschaftliche (und legale) Praxis bestimmter Menschen verurteilen. Es gilt immer das geltende Recht zu achten. Katholische Krankenhäuser haben Frauen in Not zu behandeln, und, etwa im Falle von Vergewaltigung auch Schwangerschaftsabbruch zu leisten, selbst wenn die katholischen Krankenhäuser, Ärzte, das moralisch nicht wollen.

14. Die besonders Frommen auch im christlichen Bereich haben besondere Mühe, sich mit den in einer Demokratie entstandenen Gesetzen abzufinden. Das Schlechtmachen der heute in einigen europäischen und amerikanischen Staaten doch noch bestehenden Demokratie gehört etwa auch zu den zentralen Polemiken der katholischen Kirche. Stichwort: Das seit Johannes Paul II. wiederholte Wort von der „Diktatur des Relativismus“ der westlichen Demokratie.  Dieser Papst hat bekanntlich die kommunistische Gewaltherrschaft und die moderne liberale Demokratie als Übel auf eine Stufe der Ablehnung gestellt. Ab dem 27.4. 2014 gilt er offiziell als heilig und weltweites Vorbild! Wir dürfen gespannt sein, wie diese päpstlichen und nun heiligen Statements sich auswirken, etwa in Afrika, wo es gegenwärtig selbst in christlich geprägten Diktaturen eine totale Abweisung der Menschenrechte gibt (siehe etwa die Verfolgung homosexueller Menschen in Uganda, Nigeria usw.) Wir wagen die These: Solange die katholische Kirche als religiöse Institution und damit zusammenhängend der Staat Vatikan als Staat des “Heiligen Stuhls” nicht die Menschenrechte an die oberste Stelle setzen noch vor aller dogmatischen Lehre und kirchlicher Moral, solange wird es in den katholisch geprägten Ländern, etwa Lateinamerikas, keine wirkliche praktische Respektierung der Würde eines jeden Menschen geben. Dann werden sich die Oligarchen und die Herrschenden immer damit herausreden können: “Auch der Papst, auch der Vatikan, setzen doch die Menschenrechte gar nicht an die oberste und erste Stelle des Respekts!” So ist es nur verständlich, dass die reiche Schicht Brasiliens es akzeptiert und ohne weiteres auch hinnimmt, dass heute 8 bis 10 Millionen KINDER in Brasiliens Städten aus der Straße leben (Siehe Berliner Zeitung, 3. Mai 2014, Seite 8).

In den USA, so berichtet Prof. Claus Leggewie, gab es wahren Terror auf Abtreibungskliniken vonseiten der so genannten Moral Majority. Es gab dort auch die Christian Identity Movement, die alles Staatliche im Sinne Christi regeln will, weil Christus alsbald als Richter auf der Erde erscheint. Viele fundamentalistische Christen dort halten Abtreibung für Genozid, man glaubt, sich in einem gerechten Bürgerkrieg zu befinden und deshalb auch den moralischen Feind töten zu dürfen.  Die Gesamtzahl der Anhänger wird auf ca. Viertelmillion gezählt. Die USA haben einen Feind, so meinen sie, der sich in den Gesetzen breit macht: Muslims, Juden, Feministen, Homosexuelle. Beispiele aus anderen Religionen, etwa in Kreisen eines sich fundamentalistisch präsentierenden Islam, sind bekannt.

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

Eine Philosophie der Philosophie. Rücklick auf einen Salonabend am 16.1.2014 als Vorblick

Eine Philosophie der Philosophie:
Vom Nutzen und Nachteil der Philosophie für das Leben
Ein „Religionsphilosophischer Salon“ am 16.1.2014.
Ein Rückblick als Vorblick
Von Christian Modehn

Das Thema unseres Salons ist: „Vom Nutzen und Nachteil der Philosophie für das Leben“. Dabei sind im Titel die Beziehungen zu einem Text Friedrich Nietzsches nicht zu übersehen: Er sprach von „Historie“ anstatt von Philosophie. Diese Nietzsche „Inspiration“ im Titel haben wir (noch) nicht weiter vertieft.
Besonders wichtig erscheinen uns dabei die Beiträge des „praktischen Philosophen“ Michael Braun, Berlin, der wieder einmal bei uns war. Seine Fragen, Ideen, Vorschläge wurden wieder als inspirierend wahrgenommen!
Einige Aspekte (eher aus der Sicht des Autors dieser Hinweise) wollen wir „festhalten“ für weiteres Nachdenken und Debatieren:
Das Thema „Vom Nutzen und Nachteil der Philosophie für das Leben“ gehört zu einer Frage nach der „Philosophie der Philosophie“. Sie wird nicht allzu oft erörtert, bestenfalls in eher populären Büchern „Was ist Philosophie?“ Es geht um ein philosophisches Begreifen des Philosophierens und der vom Philosophieren her geprägten (akademischen, universitären) Philosophie. Sie findet ihren Ausdruck in philosophischen Publikationen.
Es gab schon ein philosophisches Verstehen der Philosophiegeschichte, etwa Hegel ist da an prominenter Stelle zu nennen. Seine „Geschichte der Philosophie“ berücksichtigt das damals zugängliche „Material“. In der Auseinandersetzung mit den Schriften vergangener und lebender Philosophen entsteht dann für Hegel eine Philosophie der Philosophiegeschichte. Entscheidendes Stichwort ist dabei die Interpretationslinie: In der Geschichte des philosophischen Denkens drückt sich das zunehmend immer deutlicher verstehende Bewusstsein der Freiheit aus.
Deutlich wurde in unseren Gesprächen: Nur philosophisch lässt sich angemessen verstehen, was Philosophie ist. Wenn etwa ein Historiker von außen auf das philosophische Geschehen schaut, etwa auf die Institutionen, Publikationen, Biographien usw., sieht er die Außenseite des Philosophierens. Sobald man aber inhaltlich „einsteigt“ und kritisiert und debattiert, ist das bereits eine philosophische Leistung, und keine Sache mehr des außen betrachtenden Historikers.
Wichtig ist, sich beim Einstige in das Thema auf die vier Begriffe des Titels zu besinnen:
Philosophie sollte man in die beiden sprachlichen Elemente auflösen, um mehr zu sehen: „Philia“ meint eine freundschaftliche Haltung, vielleicht sogar eine liebende Faszination gegenüber der „Sophia,“ der Weisheit. Es geht also in der Philo-sophia um die sich selbst klar werdende, auch kritische Liebesbeziehung zur Sophia. Weisheit ist nicht mit Wissenschaft identisch, Weisheit ist umfassender auf das ganze Leben bezogen, hat einen stark praktischen Akzent, im Sinne von Lebensgestaltung und Lebensklugheit. Sophia im griechischen Philosophieren steht oft auch dem Logos nahe. Philosophie ist dann eine Liebe zum Logos, zum Sinn, zur Sprache, zum Dialog, zur Vernunft. Logos ist ein weiter Begriff, der auch ins Religiöse hineinreicht: Der Logos wird Mensch, noch schärfer im Johannes Evangelium formuliert: Er wird sinnliches (erotisches, sterbliches) Fleisch, greifbar als einzelne Person. In unserer „philosophischen Weihnachtsfeier“ am 27. 12. 2013 sprachen wir darüber.
Diese Liebe zur Weisheit, das wurde in Salon deutlich herausgestellt, ist jedem Menschen als Menschen möglich. D.h. Philosophieren ist grundsätzlich Sache aller Menschen. Auch wenn nicht jeder den Schritt (den Sprung?) wagt und vollzieht, sich auf das eigene Nach-Denken einzulassen. Vielleicht sind es Krisen und Erschütterungen, die den einzelnen ins eigene kritische grundsätzliche Nachdenken als Liebe zur (Lebens) Weisheit führen.
Zum Begriff Leben in unserem Titel: Wir sind überzeugt: Es gibt eine Gestalt des alltäglichen Daseinsvollzugs, in der in einer gewissen Selbstverständlichkeit gelebt („vor sich hin gelebt“) wird in einer scheinbar unerschütterlichen Selbstverständlichkeit, wo bestimmte Normen und Gebräuche selbstverständlich angenommen und oft auch praktisch respektiert werden. Viele Menschen haben schlicht keine Zeit, aus diesem alltäglichen Leben ohne große Erschütterungen im Denken herauszutreten.
Obwohl, philosophisch betrachtet, gerade in diesem alltäglichen Leben immer schon das Philosophieren lebendig ist und also Philosophie geschieht: Etwa in den banalen oder wichtigeren Entscheidungen wird angesichts mehrerer Möglichkeit eine Möglichkeit für das eigene Leben gewählt, etwa, weil diese eine Möglichkeit dem noch unbewussten eigenen Lebensentwurf am meisten entspricht.
D.h. auch in dem noch nicht vollständig selbst bewussten Leben des Alltags findet bereits Philosophie statt. Nur weil das so ist, kann dann überhaupt eine intensivere, kritisch fragende selbstbewusste Philosophie im eigenen Leben sich ereignen.
Vor diesem Übergang aus dem nur bewussten in ein selbstbewusstes Leben haben viele Menschen Angst. Sie weigern sich, in diese (offene) „Bewegung“ des Nachdenkens einzutreten, denn er stört, wenn nicht zerstört manche alltäglichen Gewissheiten. Etwa die Überzeugungen: „Mein Leben ist vollkommen richtig. So bin ich, so bleib ich“.

Diese Angst vor der Unsicherheit kann dann mit dem Begriff des Nachteils der Philosophie umschrieben werden. Dieser Nachteil, dieser dunkle, störende Schatten, wird nur in der Position ausgesprochen der Verklammerung an einen alltäglichen, noch nicht voll ausgebildeten selbst-bewussten Lebensentwurf. Wer einmal in die Philosophie eingetreten ist, kann in ihr keinen störenden Nachteil sehen, er wird sich mit der Ungewissheit denkerisch auseinandersetzen, mit der Frage: Warum hat jeder Mensch seine eigene Wahrheit und wie verhalten sich die vielen subjektiven Wahrheiten zu der Frage: Gibt es eine für alle jetzt lebenden Menschen gültige Wahrheit? Gibt es allen gemeinsame Überzeugungen (etwa „Gewalt und Grausamkeit soll unter keinen Umständen sein“, „dauerhafter Schmerz sollte nicht sein“, das „Hungersterben so vieler Ausgebeuteter“ sollte nicht sein usw.).
Als „Nachteil“ kann Philosophie erlebt werden, wenn sich der einzelne Denker ganz an einen bestimmten Philosophen klammert, von ihm nicht los kommt, ihn verehrt usw. Doch dies liegt dann wohl nicht an „der“ Philosophie, sondern an dem einzelnen, sich fixierenden Denker.
Auch die Vielfalt der Philosophien (es gibt ja nie „die“ Philosophie, wenn, dann nur in Diktaturen, die eine einzige Philosophie staatstragend wollen, dann aber handelt es sich um Ideologie).
Alle die vielen Philosophien haben aber doch wiederum gemeinsam, dass sie eben „Liebe zur Weisheit“ sein wollen, deswegen nennen sie sich ja „Philosophie“. Zur Philosophie der Philosophie in dem Sinne gehört also die Erkenntnis, dass es viele Philosophien „wesensmäßig“ geben muss: Denn jeder hat etwa seine eigene, subjektive Ausgangssituation im Denken. Philosophie als notwendig im Plural ist also kein Nachteil.

Damit sind wir schon beim Nutzen der Philosophie:
Philosophie ist tatsächlich nützlich im Sinne der praktischen Hilfe, sagen wir ruhig der Lebenshilfe. Philosophieren ist keine Spielerei, sie ist kein Luxus gelangweilter Seelen, keine hoch bezahlte Beschäftigung von Universitätsprofessoren, kein Hobby von Leuten, die schon mal alles probiert haben usw… Philosophie ist eminent mit dem Dasein und den Lebensfragen selbst verbunden. Und man sollte philosophische Texte immer in dieser praktischen Herkunft aus der Fraglichkeit des Daseins lesen, auch wenn sie manchmal unnötigerweise hoch kompliziert geschrieben sind, weil Philosophen offenbar nicht unbedingt gute Stilisten sein wollen/können.
Daraus wird aber nicht geschlossen: dass Philosophierende solche Menschen verachten, die den Sprung ins eigene Denken nicht (noch nicht) konsequent gewagt haben.
Philosophie nützt insofern, als sie den Menschen in einen wachen Zustand führt. Philosophie ist waches Leben, ein Leben im Licht der Vernunft, die es – ein anderes Thema – trotz aller möglichen Verbundenheiten des Denkens im Naturgeschehen gibt… Erwachen zur Philosophie als dem selbstbewussten Leben wäre eigentlich ein schöner Titel. Da ist dann Philosophie nicht mehr eine bloße formale Klärung der Exaktheit von Begriffsverwendungen, keine bloße Logik, sondern eine Lebensform. Philosophie als Lebensform, als „Schule“, das ist ein Projekt, an dem alle Interesse haben, die etwa auf der Linie von Pierre Hadot im Geiste antiker Philosophie weiter denken und weiter leben wollen. Von Hadot sind Philosophen wie Michel Foucault oder Wilhelm Schmid grundlegende inspiriert.

Copyright:
Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Jean Paul zum 250. Geburtstag: Gott ist tot… und lebt im Gefühl.

Jean Paul zum 250. Geburtstag: Gott ist tot … und lebt im Gefühl. Veröffentlicht am 11.3.2013

siehe den aktuellen Beitrag vom 17.10.2025: LINK 

 

Die Last der Vergangenheit: Die Dominikanische Republik und die Trujillo Diktatur

Zwei Fragen an Dr. Stefanie Hanke, Repräsentantin der “Friedrich Ebert Stiftung” in Santo Domingo, Dominikanische Republik

Findet jetzt Ihrer Meinung nach in der Dominikanischen Republik  eine tiefere “Bearbeitung” der Trujillo Diktatur statt, also die Frage: Wie stark haben Familien, Gruppen, Kirchen den Diktator Trujillo unterstützt?

Nach wie vor findet weder auf gesellschaftlicher noch auf politischer Ebene eine Aufarbeitung des Trujillo – Regimes statt. Bezeichnend ist der Umstand, dass am Jahrestag der Trujillo – Ermordung nur eine kleine Privatinitiative eine Ehrenfeier begeht, zu der zwar auch ein offizieller Staatsvertreter kommt, aber nur ein rangniedriger. Der Präsident war am selben Tag damit beschäftigt, eine neue Strasse einzuweihen. Es gibt noch heute viele „Aktive“ des Trujillo Regimes und vor allem solche seines Nachfolgers Balaguers, die kein Interesse an einer öffentlichen Debatte haben. Die jungen Menschen interessieren sich kaum für das Thema. Insgesamt gibt es unter den jungen Menschen keine kritische „Masse“, die sich mit Trujillo beschäftigt. Das ist also etwa nicht zu vergleichen mit den familieninternen Auseinandersetzungen um Schuld und Täterschaft in den deutschen Familien nach dem zweiten Weltkrieg.

Die katholische Amtskirche spielt keine Rolle bei einer historischen Aufarbeitung und macht weiter wie bisher. Lediglich die Jesuiten haben nach Trujillo einen Kurswechsel vorgenommen und erklärt, nie mehr mit den Herrschenden zu paktieren, sondern nur noch für die Armen und Bedürftigen arbeiten zu wollen.

Welche Rolle spielt dabei jetzt das Museo de la resistencia, also das neue Museum des Widerstands?

Das Museo ist ja relativ neu. Es hat aber offenbar einen guten Ruf, das kann man immerhin in Erfahrung bringen. Ob es angenommen wird, kann ich nicht beurteilen, da ich nicht über Daten wie Besucherzahlen etc. verfüge. In der Presse findet es jedenfalls kaum Beachtung.