Die vernünftige Religion fördern – den dogmatischen Kirchenglauben überwinden.

Zur Aktualität eines Vorschlags des Philosophen Immanuel Kant.

Ein Hinweis von Christian Modehn.

(Die Zitate zum Kant-Buch beziehen sich auf die 2. Auflage von „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ , also mit dem Symbol B vor den Seitenzahlen…)

Diese zentrale These Kants wird hier erläutert:
Kant entwickelt in seinem Werk „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ (1793) eine Religion der Vernunft, sie soll den „dogmatischen Kirchenglauben“ und „das herrschende Pfaffentum“, wie er sagt, überwinden. Die Vernunftreligion soll zur Religion der Menschheit werden, denn sie ist in der Vernunft allen Menschen zugänglich. So wird also im Denken selbst eine allgemeine Vernunftreligion konstituiert. Sie hat das Ziel, in der Praxis die Menschen und ihre Welt besser, humaner zu machen. Schon jetzt können religiöse Menschen die Freiheit der Vernunftreligion erleben und sich in einer „unsichtbaren Kirche“ vereint wissen. So können kirchenkritische Menschen eine elementare, einfache Spiritualität der Gott-Verbundenheit bewahren. Diese Spiritualität sieht den wahren Gottesdienst nicht in frommen Liturgien und Andachten, sondern ausschließlich in einer humanen Lebenspraxis. Kant weiß genau, dass diese seine Position den Weisungen Jesu von Nazareth entspricht, man denke an Jesu Gleichnisse („Barmherziger Samariter“) oder an Jesu Rede vom Weltgericht, Matthäus 25,31-46), in der Jesus einzig die guten Taten des Menschen als „letztlich“ entscheidend bewertet…
Kant geht soweit, die Vernunftreligion als den „allein selig machenden Religionsglauben“ (B278) zu bezeichnen.

Warum ist der Hinweis auf Kants Buch heute wichtig?
Kant entwickelt in seinem Denken eine auch der heutigen Problematik (d.h. im Sommer 2022) angemessene Form eines einfachen vernünftigen Glaubens. Das geschieht über die nach wie vor aktuelle Kritik des „Pfaffentums“ (B 277): Für Kant eine zentrale Herausforderung! Er schreibt: “Das Pfaffentum ist also eine Verfassung einer Kirche, sofern in ihrer ein Fetischdienst regiert, welcher allemal da anzutreffen ist, wo nicht Prinzipien der Sittlichkeit, sondern Statuten und Gebete, Glaubensregeln und Observanzen die Grundlage und das Wesentliche dieser Kirche ausmachen“ (B 277). Wie auch immer die Verfassung bzw. die Organisation dieser Kirche sein mag, „sie ist und bleibt doch unter allen Formen immer despotisch. In dieser Kirche herrscht ein Klerus, der der Vernunft entbehren zu können glaubt, weil der Klerus sich als einzig autorisierter Bewahrer und Ausleger des Willens des unsichtbaren Gesetzgebers (Gott)“ versteht. (B 277). Dieser Klerus kann „nicht überzeugen, sondern nur über die Laien befehlen“ (B 278). Die aktuelle Kritik an der römisch-katholischen Kirche findet sich darin wieder.

Nach wie vor lehrt die katholische Theologie, dass der menschlichen Vernunft „eine Wirklichkeit, eine göttliche Offenbarung, gegenübersteht, der zu entsprechen die menschliche Freiheit erst zu sich selbst bringt“. So der Theologe und Bischof von Regensburg Rudolf Voderholzer in der katholischen Wochenzeitung „Die Tagespost“ am 22.9.2022, Seite 9. Die Aussage Voderholzers ignoriert: Auch die Texte, die als göttliche Offenbarung ausgeben werden, sind menschliche, historisch bedingte Texte, die also selbstverständlich der Deutung der allgemeinen Vernunft unterstellt sind. Nur der innere, herrschende Kreis der Offenbarungs-Anhänger (Klerus) behauptet, diese Offenbarungs-Texte der Bibel seien göttlich, also von absolut herausragender Qualität. Erst der Gehorsam diesen Texten gegenüber und dem deutenden Klerus könne den Menschen zu sich selbst bringen, d.h. als „heils-entscheidend“ sind. Gibt es wirklich so viel Herrschaftsanspruch einer bestimmten Gruppe, Klerus? Damit sind wir bei der aktuellen  Problematik, auf die Kant, in dem Punkt wie so oft aktuell und gegenwärtig, sich bezogen hat.

Die aktuelle Situation:

Von Epochenwende und Zeitenwende ist jetzt ständig die Rede – nicht nur anläßlich des Krieges Russlands gegen die Ukraine. Tiefgreifende Veränderungen sind längst auch in allen Religionen zu beobachten. (Dazu weitere Hinweise in Fußnote 1.)
Dieser Beitrag bezieht sich nur auf Entwicklungen im Christentum.
Was die Kirchen in Europa und Amerika betrifft: Viele tausend Kirchenmitglieder kündigen ihre Mitgliedschaft auf. In der römisch-katholischen Kirche wird mit aller Traditionsbesessenheit durch den herrschenden Klerus, nicht nur im Vatikan, das alte Gerüst der patriarchalen Kirchenverfassung verteidigt… (Dazu weitere Hinweise in Fußnote 2.)

Die „Entkirchlichung“

Religionssoziologen zeigen: In Europa distanzieren sich die Gebildeten, die Künstler, die Wissenschaftler, die Kritischen, die Frauen im allgemeinen, die Homosexuellen, die jungen skeptischen Menschen, die Armen, die zum Prekariat Verurteilten von den Kirchen. Es findet eine grundstürzende, sehr breite Entkirchlichung statt.
Wichtig ist dabei: Diese hat ihre Ursache nicht nur in der Kritik der klerikalen Institutionen, sondern vor allem in der Abweisung der dogmatischen und moralischen Lehren der meisten etablierten großen Kirchen. Das offizielle Glaubensbekenntnis versteht fast niemand mehr, der Sinn des klassischen Bittgebetes erschließt sich nicht mehr; der Inhalt der vielen alten, aber immer noch gesungenen Kirchenlieder führt in ferne, mysteriöse (Traum) Welten …und so weiter.
Die Krise der Kirchen ist also eine Krise der Kirchenlehren.
Und genau an dieser Stelle wird der Vorschlag des Philosophen Immanuel Kant interessant und wichtig!
So neu ist Kants Vorschlag ja nicht, man bedenke, dass Voltaire energisch eine vernünftige Religion anstelle des klerikalen Kirchenglaubens forderte, (Fußnote 3), dass schon im Umfeld der Reformationen des 16. Jahrhunderts anti-trinitarische Positionen vertreten wurden (etwa von den Sozzinianer), dass bis heute eine protestantische Kirche lebt, die die Bindung an traditionelle Dogmen mit gutem Grund auf ein Minimum reduziert hat (Remonstranten, Fußnote 4).

Kants Vorschlag heute wahrzunehmen, ist also die Entdeckung einer Alternative zu herrschenden Kirchenwelten.

1. Religion bedeutet: Ein moralisch guten Lebenswandel wissen und gestalten.

Immanuel Kant hat in seiner Publikation „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ eine bis heute bewegende Antwort gegeben auf die damals wie heute belastende Krise des Kirchenglaubens: Sein philosophisch begründeter Vorschlag ist radikal: „Alles, was außer dem guten Lebenswandel der Mensch noch tun zu können vermeint, um Gott wohlgefällig zu werden, ist bloßer Religionswahn“ (B 260 in der Ausgabe des Meiner Verlages, Hamburg, 2003). Und weiter: „Nur eine moralische (also dem Kategorischen Imperativ folgende) Herzensgesinnung kann Gott wohlgefällig machen“ (B 239). Und immer wieder diese These: „Die standhafte Beflissenheit zu einem moralisch guten Lebenswandel ist alles, was Gott von Menschen fordert (B 145). Und auch: „Diese Religion kann allen Menschen durch ihre eigene Vernunft fasslich und überzeugend vorgelegt werden“ (B 245). „Sie ist „in aller Menschen Herz geschrieben“ (B 239).

2. Die menschliche Vernunft entdeckt die allgemeine Religion

Kant hat das Buch, eine Aufsatzsammlung mit dem Titel „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ im Jahr 1793 veröffentlicht. Der Titel zeigt von vornherein: Hier wird Religion aus der allgemeinen menschlichen Vernunft entwickelt. Das Vorhaben ist ein geradezu revolutionärer Einschnitt innerhalb der Religionsgeschichte bzw. der Christentumsgeschichte, wobei es Beziehungen dieser Vernunftreligion zum Kirchenglauben gibt, dies wird später erläutert.
Man könnte den Titel von Kants Buch übersetzen: „Die Religion, die die Vernunft von sich aus mit ihren eigenen Möglichkeiten entwickelt“.

Dieses Buch macht einmal mehr deutlich: Kant ist alles andere als ein Feind der Religionen und der Gottesfrage, wie oft in populären Missverständnissen behauptet wird. Kant hat sich die mühevolle Freiheit genommen, in einem autoritär regierten Preußen unter Friedrich Wilhelm II., einem vielen spirituellen Absonderlichkeiten zuneigenden Herrscher, dieses besondere Buch zu veröffentlichen: Es weist mit Argumenten über die alte Welt der Kirchen als Institutionen hinaus. Die Aktualität haben schon viele Zeitgenossen Kants wahrgenommen. „Eine neue Auflage schon nach einem Jahr und zahlreiche Raubdrucke belegen das Interesse, das bis zum Tod Kants 1804 anhalten wird“, schreibt die Herausgeberin der genannten Ausgabe, die Philosophin Bettina Stangneth (Seite XI.)
Das Buch ist „ein ungemein vielschichtiges Werk und das auch gemessen an der ohnehin großen Komplexität Kantischer Schriften Überhaupt“, so Bettina Stangneth, (S. LIX.)

Der Kant-Text ist für heutige LeserInnen von der sprachlichen Konstruktion her oft nicht leicht zugänglich. Aber die Mühe der Lektüre wird belohnt durch neue Einsichten und Perspektiven, welche Auswege es gibt angesichts des aktuellen Niedergangs der Kirchen, der Klerusherrschaft und der Bindungen an viele Dogmen und Gesetze…
Hier wird nur ein kurz gefasster systematischer Durchblick durch das Buch geboten, dabei wird das „Dritte Stück“ (B 127 ff). und das „Vierte Stück“ (B 225 ff.) besonders beachtet.

3. Gegen den „Fronglauben“ (d.h. gegen einen Kirchenglauben, der sklavisch von den Laien nur Gehorsam verlangt).

Weil Kant die starke kontrollierende Macht der Kirchen, ihren Einfluss auf die Seelen der Menschen, kennt, kann er nur von einem „allmählichen Übergang“ vom Kirchenglauben zur allgemeinen Vernunftreligion sprechen (B 181).
Die umfassende „Errichtung dieser Vernunftreligion“ sieht Kant sogar noch in „unendlicher Weite von uns entfernt“ (ebd.) Das ist aber für Kant überhaupt kein Hindernis, diese Alternative dieser neuen „Weltreligion“, wie er sagt , im Denken zu fördern. Denn es steht allen Menschen jetzt sofort frei, die Vernunftreligion in sich selbst zu entdecken. Es sind in den Worten Kants vor allem die „natürlich-ehrlichen Menschen“, „welche die Religion nicht (wie die frommen Heuchler) zur Ersetzung, sondern zur Beförderung der Tugendgesinnung, die in einem guten Lebenswandel tätig erscheint, in sich aufnehmen“( B 313).
Diese „natürlich- ehrlichen Menschen“ bilden in ihrem moralischen Leben die unsichtbare Kirche, wie Kant sagt, auf das Thema wird noch einmal zurückzukommen sein.
Leider deutet Kant in seiner Kritik an faktischen Glaubensformen eine Art religiöser Ideologie nur an: Er spricht vom „Eigennutz, als dem Gott dieser Welt“ (B 243) … der Egoismus ist also der herrschende Götze dieser Welt.

Die Vernunftreligion soll die Menschen zu einem moralischen Leben inspirieren, ohne Moral (im Sinne des „Kategorischen Imperativs“) wird kein Frieden auf Dauer möglich sein. Erst wenn alle Menschen moralisch gut leben, also in ihrer Gott wohlgefälligen allgemeinen Vernunft-Religion leben, entsteht auch der „ethische Staat“, als ein Ziel der Weltgeschichte.

4. Der Inhalt des allgemeinen Vernunftglaubens.

Für Kant steht fest: Wer Gott als solcher ist, sozusagen in seinem eigenen, „inneren“ Leben, kann sich der Menschen im Denken nicht erschließen. Die Philosophen können nur sagen, „was Gott für uns als moralisches Wesen sei“, (B 211), also: wie der Mensch in der Beziehung zu Gott eher fragmentarisch Gott wahrnehmen kann. Aller Hochmut der klerikalen Dogmatiker ist damit gebrochen.

Diese drei Lehren gehören für Kant zu seinem allgemeinen Vernunftglauben, es sind Sätze, die sich in der Reflexion des Menschen auf sich selbst als endlichem geistigen Wesen zeigen:

„Erstens: Der allgemeine wahre (vernünftige) Religionsglaube ist der Glaube an Gott als den allmächtigen Schöpfer des Himmels und der Erde. Das heißt auch: Gott als moralisch heiligen Gesetzgeber wahrnehmen.
Zweitens der Glaube an Gott als den Erhalter des menschlichen Geschlechts, als gütigen Regierer und als moralischen Versorger der Menschheit.
Und drittens der Glaube an ihn als den gerechten Richter“ (B 211), ein Gedanke, der wichtig ist im Zusammenhang der Unsterblichkeit der Seele der Menschen.

Man könnte diese drei Grundsätze auch übersetzen, etwa in dem einen Satz:
Der Mensch sieht sich in seiner Vernunft von einer transzendenten, göttlich zu nennenden Wirklichkeit getragen; sie ruft zum humanen Handeln in dieser Welt auf, sie lässt dabei den Lebenssinn aufscheinen und die Grenze des endlichen Daseins im Denken überschreiten.

5. Was bleibt von den Traditionen des Kirchenglaubens?

Für Kant ist der Hinweis auf den allen Menschen immer zugänglichen Vernunftglaubens auch ein Akt der Befreiung. Er sieht den Kirchenglauben sehr kritisch, wenn er auch weiß, dass viele Menschen noch gar nicht in der Lage sind, sich aus den volkstümlichen kirchlichen Traditionen und Regeln und Weisungen zu befreien. Für die Verhinderung einer tiefgreifenden Reformation sieht Kant das„Pfaffentum“ (B 311) verantwortlich, am wichtigsten bleibt es, das Pfaffentum zu überwinden Pfaffentum ist die angepasste, „usurpierte“ Herrschaft der Geistlichkeit über die Gemüter, weil die Pfaffen meinen, „dass sie im ausschließlichen Besitz der Gnadenmittel“ sind (ebd.)

Kant lehnt also entschieden die „angemaßte alleinige Rechtgläubigkeit der Häupter einer Kirche“ (B 156) ab, weil sie behaupten, von Gott unmittelbar Befehle der Herrschaft empfangen zu haben (B 140). Der Klerus machte sich seine Wahrheiten selbst, sie führen ihn dazu, so genannte Ungläubige und Irrgläubige zu verfolgen (ebd.).
Aber die Vernunft zeigt: Die angeblich göttlichen Gesetze der Kirche sind nichts als Menschenwerk (B 150), sie beziehen sich etwa auf biblische Erzählungen angeblich historischer Geschichten. Diese Bindung an eine äußere Geschichtenerzählungen (angebliche „Fakten“) deutet Kant, modern gesprochen, als Entfremdung des religiösen Bewusstseins.. Der Kirchenglauben führt also , so Kant wörtlich, zu „Blödsinn des Aberglaubens und Wahnsinn der Schwärmerei“ ( B 143.)

Dieses deutliche Urteil heißt aber nicht, dass in dem allgemeinen Vernunftglauben nicht auch bestimmte Traditionen des Kirchenglaubens in neuer Interpretation (!) erhalten bleiben können. Das ist wichtig, weil sonst die Vernunftreligion als völlig abstrakte Erfahrung erscheinen mag. So wird etwa der „Kirchgang“, also die Teilnahme an Gottesdiensten in den Kirchen (B 308), neu gedeutet: Der Kirchgang ist für Kant kein „Gnadenmittel“, so, als könne sich der Mensch etwa durch häufigen Besuch der Messe die Gnade Gottes erwerben. Der Kirchgang dient hingegen lediglich der Erbauung des einzelnen, aber auch der „Darstellung einer Gemeinschaft der Gläubigen“.
Das Thema geistliche Erbauung führt wieder zur Frage, welchen Sinn hat noch das Beten? Kant betont: Mit seinen Gebeten macht der Mensch Gott keine Freunde; der Mensch soll bloß nicht glauben, Gott durchs Beten sympathisch zu stimmen. Beten ist menschlich gesehen nur der ausdrückliche Wunsch, „Gott in allem Tun und Lassen wohlgefällig zu sein“ (B 302), d.h.: Es geht also um den Erwerb einer menschlichen Gesinnung, sie will mit Gott verbunden leben, und das heißt: Den Weisungen der Vernunft, in der Gott spricht, zu entsprechen.
Jesus Christus wird als Lehrer des Evangeliums verstanden, das in sich auch moralische Weisungen enthält, die in einer allgemeinen Vernunftreligion wichtig sind. Für den Weisheitslehrer Jesus von Nazareth waren nicht Gesetze, Statuten („statutarische Religion“) wichtig, sondern allein die moralische Gesinnung der Frommen. Dafür bietet Kant viele Beispiele (B 240)

6.
Aus dem Kirchenglauben entsteht – langsam – die vernünftige Religion.

Es ist keineswegs so, dass Kant den Kirchenglauben und die Vernunftreligion als völlig getrennte Welten sieht. Der Kirchenglaube geht, die Geschichte betrachtend, der Vernunftreligion voraus. Aber schon im Kirchenglauben leben Fragmente der Vernunft: Sie wird gestaltet, weil jeder Mensch, auch der kirchlich Glaubende, eben doch immer auch ein Vernunftwesen ist, in unterschiedlichen Stufen der Reflexion freilich.
Es kann sich also langsam die Vernunftreligion im Auszug und Abschied vom Kirchenglauben bilden.

7. Worauf kommt es Kant an? Die „wahre unsichtbare Kirche“.

Dieses Projekt einer aus allen historischen Kirchen entstehenden Vernunft – Religion nennt Kant das Entstehen einer unsichtbaren Kirche (B 142), sie ist die „Vereinigung aller rechtschaffenen Menschen unter der moralischen Weltregierung“. Diese unsichtbare Kirche kennt keine leitenden Kirchenbeamten , sondern ein jedes Mitglied dieser unsichtbaren Kirche „empfängt unmittelbar von dem höchsten Gesetzgeber (Gott) seine Befehle (B 227). Alle wohldenkenden Menschen werden dann Diener dieser Vernunftreligion bzw. der unsichtbaren Kirche, „doch ohne dabei Beamte zu sein“, fügt Kant hinzu.
Die Idee einer unsichtbaren Kirche ist alles andere abwegig, wenn man bedenkt, wie viele Menschen, aus moralischer Gesinnung, wie Kant sagen würde, heute aus der Verpflichtung der Menschlichkeit, sich für die Menschenrechte einsetzen. Die Liste der authentisch – humanitären Organisationen, Gesellschaften und Gemeinschaften und NGOs ist lang: Warum sollte man nicht meinen, diese solidarischen Menschen aus vielen unterschiedlichen Kulturen, Sprache und Herkunftsreligionen bilden eine Art menschliche Gemeinschaft über alle Grenzen hinweg, verpflichtet den grundlegenden Weisungen der Humanität? Bilden sie also eine „unsichtbare Kirche“?
Leider haben die sichtbaren Kirchen es bisher versäumt, mit den Mitgliedern dieser unsichtbaren Kirche in ein theologisch explizites Verhältnis der Begegnung etc. zu kommen.

8. Kants Vorläufer! Vor-Denker!

Wenn Kant die Vernunftreligion als die Religion der einen Menschheit versteht, hat er durchaus Vorläufer. Man könnte an Voltaire denken, aber auch viel weiter bei Mystikern fündig werden, etwa bei Meister Eckart und seiner Lehre vom göttlichen Funken in der Seele der Menschen oder man denke an den großen modernen Mystiker Thomas Merton, er schreibt:“Was dem Christentum zugrunde liegt ist nicht einfach eine Anzahl von Glaubenssätzen von Gott…. Ganz im Gegenteil: Die Christen versäumen es nur allzu oft zu erkennen, dass der unendliche Gott in ihnen wohnt, so dass Er in ihnen ist und sie in Ihm sind“. (in Thomas Merton, „Sich für die Welt entscheiden“, Arbor Verlag, 2009, S 59).

9. Die Aktualität

Kants Schrift „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ ist eine Aufforderung, über das festgefahrene System der Kirchen hinauszudenken, und eben auch alternativ im Sinne der Vernunftreligion zu handeln. Kants Schrift, heute eher nur bloßes Studienobjekt einiger PhilosophInnen oder „Kantianer“, ist eine Einladung, weiterzudenken:Welche Spiritualität können spirituell interessierte leben in den Krisen der Kirchen.
Die Vorschläge Kants sind natürlich weiterzuentwickeln: Wie können etwa Gesprächskreise, kleine Haus/Salon-„Gemeinden“ entstehen von Menschen, die sich der einfachen Vernunftreligion verpflichtet wissen? Wie können vielfältige religiöse Texte, auch Bibeltexte, vernünftig interpretiert, einbezogen werden in diese einfache Vernunftreligion? Dass die FreundInnen dieser „einfachen Vernunftreligion“ auch politisch sich einbringen (sollen), steht ebenso fest, ihre besondere Solidarität gilt den vom Neoliberalismus und Kapitalismus ausgegrenzten und leidenden Menschen in der Nähe genauso wie in der Ferne. Sie wissen sich verpflichtet, es nicht zuzulassen, dass die Menschen in der Klimakatastrophe in den Abgrund stürzen und Gottes Schöpfung dem Nichts ausliefern…

10. Was fehlt?
Dieser Hinweis bietet keine umfassende Auseinandersetzung mit Kants Buch „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“. Es fehlt hier die Auseinandersetzung mit Kants Darstellung des Judentums (etwa B 190). Kant stellt zum Beispiel die problematische These auf, das Christentum habe das Judentum „verlassen“, also überwunden. Die Herausgeberin des Buches, Bettina Stangneth, hat sich in anderen Publikationen ausführlich mit der Frage befasst, ob Kant als ein Antisemit zu betrachten sei, ob er sogar für Auschwitz verantwortlich sein könnte, wie manche abwegig behaupten. In einer Rezension zu der Studie „Antisemitismus bei Kant…“, Würzburg 2001 heißt es: „Die Autorin (Bettina Stangneth) legt jedoch überzeugend dar, dass diese Annahme irrig ist, da Kants antisemitische Äußerungen weniger in seinem aufklärerischen Vernunftverständnis als in tiefsitzenden, sozialisatorisch erworbenen Vorurteilen begründet sind. Seine antisemitischen und antijudaistischen Motive seien nicht so sehr im Zentrum seines Aufklärungsdenkens zu verorten, sondern beruhten größtenteils auf Gedankenlosigkeit“ (Quelle: https://literaturkritik.de/id/4505).

11. Das große Projekt
Es ist dringend, über Alternativen zum herrschenden, aber langsam in die Minderheiten-Position abrutschenden Kirchenglauben intensiv nachzudenken. Die schönsten Kirchengebäude, Kathedralen, werden sehr oft von sehr vielen nur noch als Museen wahrgenommen. Was Gebet, human – vernünftig sein könnte, wissen die wenigsten. Der Klerus klammert sich an seine Privilegien, aber er stirbt aus, mindestens in Europa und so weiter.
Wenn man den Mut hätte, einmal Bilanz zu ziehen, was die Kirchen im Laufe ihrer Geschichte alles angerichtet haben, an Gutem und Schlechtem, wird man – ernüchtert angesichts der dunklen, teils grauenhaften Kirchengeschichte- mit allem Nachdruck sich der Frage stellen müssen: „Wie lässt sich die allgemeine Vernunftreligion“ beleben, als neue religiöse Form der Verbundenheit mit Gott und dem Weisheitslehrer Jesus von Nazareth.
Aber: Bei der noch faktischen Macht der sterbenden und immer unglaubwürdiger werdenden Kirchen werden diese hier genannten Fragen sicher noch ein paar Jahre von den kirchlich immer gebundenen Theologen ignoriert, indem man wider besseren Wissens nach wie vor behauptet: Kant sei doch ein Feind des Christentums gewesen. Ich bin vom Gegenteil überzeugt: Kants Vernunftreligion „rettet“ förmlich das Christentum für heute und morgen.

Fußnote 1:
Buddhisten sind längst nicht, wie viele mein(t)en, a priori friedlich und freundlich, siehe das häßliche Gesicht des Buddhismus in Myanmar. In den verschiedenen Traditionen des Islam ist ein schwacher Widerstand gegen das herrschende fundamentalistische, also menschenrechtsfeindliche Tendenzen nicht zu übersehen. Im Judentum korrigieren liberale und reformerische Organisationen das Bild einer allmächtigen jüdischen Orthodoxie in Israel.

Fußnote 2:
Kräfte, die grundlegende Reformen, also eine Reformation des Katholizismus dringend verlangen, werden eingeschüchtert und abgewiesen. Das Gemeindeleben ist in vielen katholischen Gemeinden nahe dem Nullpunkt, weil nach katholischer Dogmatik nur ein zölibatärer Priester die Messe in den Gemeinden feiern, aber dieser zölibatäre Klerus stirbt aus, das wissen die obersten Kleriker, inklusive Papst, aber sie lassen sehenden Auges zu, wie die Gemeinden, also Formen des sozialen Miteinanders, aufgrund dieser Klerus-Fixierung sterben.
Die Liebe des Klerus zu volkstümlicher Frömmigkeit ist bis heute ungebrochen, etwa Wallfahrten, Heiligenverehrung, Kulte um heilige Knochen, Reliquien genannt usw. An die Verbrechen vieler Priester, „sexueller Missbrauch“, soll nur erinnert werden. Die römisch-katholische Kirche ist insgesamt ungläubig geworden.
Die evangelischen Kirchen werden immer mehr vom Geist des Evangelikalen geprägt, der die wortwörtliche Deutung der Bibel bevorzugt und die Sexual-Moral des 19. Jahrhunderts für „typisch christlich“ hält. Man denke auch daran, das bis heute weite Kreise der Evangelikalen in den USA zu den heftigsten Verteidigern von Trump bzw. der reaktionären Republikanischen Partei gehören.
Was die Orthodoxen Kirchen angeht, so ist deren Bindung an die nationalen und nationalistischen Ideologien ihrer „Stammländer“ im Osten Europas nicht zu übersehen, der oberste Kleriker Russlands, Patriarch Kyrill I. von Moskau ist als theologischer Kriegstreiber ein Verteidiger der mörderischen Aktionen des sich orthodox nennenden Staatschefs Putin.
Diese Andeutungen zur aktuellen Situation des Christentums müssen genügen, von Afrikas Kirchen wäre zu sprechen, von der dort herrschenden Macht der bunten Fülle evangelikaler Kirchen und der Pfingstgemeinden.

Fußnote 3: zu Voltaire: LINK

Fußnote 4: Remonstranten, Link zum Glaubensbekenntnis.

Immanuel Kant, „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“. Felix Meiner Verlag Hamburg, 2003, mit einer Einleitung und Anmerkungen herausgegeben von Bettina Stangneth. 368 Seiten., 22,90 Euro.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Pfingsten – Fest der Philosophen? Ein auch politischer Vorschlag von Hegel!

Ein Hinweis von Christian Modehn.
 Dieser Beitrag wurde im Mai 2021, mitErgänzungen im Juni 2022 und erneut im Juni 2025 publiziert.

1.
Der Beitrag versucht, Pfingsten, das Fest des Geistes, des heiligen, vernünftig zu erklären: Das heißt: Pfingsten ist nicht das Fest, das dem charismatischen Trallala von Charismatikern und Pfingstlern überlassen werden darf. Pfingsten ist ein Fest der absoluten Bedeutung und Würde eines jeden Menschen und deswegen auch ein Impuls, politisch Gerechtigkeit zu gestalten: Im Sinne der wesentlichen Gleichheit und Würde aller Menschen.

2.
Für den Philosophen Hegel (1770 – 1831) ist Pfingsten als „Fest des Geistes“ von höchster Bedeutung. In die Gegenwart übersetzt: Pfingsten kann im philosophischen Sinn ein Tag des geistvollen Gesprächs sein, ein Tag der Debatte, der Feier (für Hegel niemals ohne Wein !) und der Reflexion darüber, wie eine geistvolle, also menschenwürdige Gesellschaft in einem Rechtsstaat gestaltet werden kann. Pfingsten also: Ein Fest der universell geltenden Vernunft.

3.
Wer philosophisch an die Gabe des „heiligen Geistes“ an die Gemeinde – nach dem Tod und der von der Gemeinde erfahrenen Auferstehung Jesu von Nazareth  – erinnert, sollte sich auch an den Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel erinnern.
 Er ist der Philosoph des Geistes: Seine Philosophie hat den Geist als ihr zentrales Thema. Diese Erfahrung der alles gründenden Bedeutung des Geistes könnte man auch „Voraussetzung“ des Denkens Hegels nennen. Dabei ist es selbstverständlich: Eine reflektierte und kritisch betrachtete Voraussetzung als Philosoph zu haben ist an und für sich jeder Philosophie eigen, auch für die „Materialisten“.

Die hier nur angedeutete Voraussetzung für Hegels Philosophie: Philosophische Erkenntnis verdankt sich der geschichtlichen Entwicklung; die Welt – Geschichte versteht Hegel als Fortschritt im „Bewusstsein (!) der Freiheit.“ Dieses Bewusstsein der Freiheit zeigt sich auch in der Weisheit der Religionen, vor allem in der – welthistorisch spät – erscheinenden Kirche der Reformation. Deren religiöses Freiheitsbewusstsin philosophisch in die Sprache der allgemeinen Vernunft zu übersetzen, war Hegels wichtiges philosophisches (und politisches) Programm. Insofern gilt für Hegel: Was sich im Laufe der Geschichte immer deutlicher als Bewusstsein der Freiheit artikuliert, ist sozusagen das vom Geist (er gestaltet die Geschichte!) vorgelegte Thema der Philosophie. Man möchte sagen: Hegel lässt sich seine Themen also von der Geschichte und ihrer Entwicklung (und ihres Fortschritts als Bewusstsein (!) der Freiheit) vorgeben. Es sind also nicht irgendwelche abstrakten Kategorien, die er philosophisch bearbeitet, sondern es die Weltgeschichte in ihrer durch den Geist bedingten Vielfalt. Das zeichnet  diese Philosophie so „besonders“ aus… 

4.
Um gleich den Kern der Hegelschen Geist – Philosophie anzudeuten: Die Philosophie hat im Hegelschen Selbstverständnis „keinen anderen Inhalt als die christliche Religion.“ Aber die Philosophie (Hegels) gestaltet den christlichen Inhalt in der FORM DES DENKENS. Die Philosophie stellt sich so nur über die Form des Glaubens, der Inhalt ist derselbe“ (vgl. „Vorlesungen über die Philosophie der Religion“, II., Suhrkamp, S. 341).
 Mit anderen Worten: In der Philosophie wird der christliche Glaube in die Klarheit und Systematik des Denkens und des Gedankens geführt, der Glaube wird in eine gedankliche, begriffliche Form verwandelt und so „aufgehoben“, also bewahrt und auf eine neue Ebene gehoben. Unter dieser Bedingung schaut Hegel die überlieferten Begriffe und Ereignisse der christlichen Religion an. Dabei wird der Begriff, das Denken, zum Kriterium in der „philosophischen Übersetzung“ christlicher Ereignisse: Hegel schreibt: „Das Denken ist der absolute Richter, vor dem der Inhalt (auch der Religionen) sich bewähren und beglaubigen soll“ (ebd., S. 341).

5.
In seiner „Philosophie der Religion“, in Berlin als Vorlesung mehrfach vorgetragen, spielt deswegen auch das philosophisch zu verstehende Pfingst–Ereignis eine zentrale Rolle. Hegel erörtert dieses Thema ausführlich im Kapitel „Die Idee im Element der Gemeinde: Das Reich des Geistes“, in dem es – theologisch formuliert – um die Wirklichkeit der Kirche, der Gemeinde, geht.

Das heißt: Nach der unmittelbaren Erfahrung der historischen Gestalt Jesu ereignet sich also mit dem Pfingstfest der Übergang des Verstehens, also weg vom äußeren, historischen Ereignis hin zu einem „geistigen Element“, wie Hegel schreibt (ebd., S. 301). Indem das Neue Testament lehrt, der Geist sei „ausgegossen“ in die Gemeinde und letztlich über alle Menschen, übersetzt der Philosoph diese Erfahrung in die Worte: „Die Subjektivität erfasst nun ihren unendlichen Wert: Vor Gott sind alle Menschen gleich“:

Damit werden auch politische Perspektiven der freien Gestaltung von Staat und Gesellschaft eröffnet, die Hegel ausführlich entwickelt. Die vernünftige Freiheit muss die Welt bestimmen, wahre Versöhnung, also „Erlösung“ im christlichen Sinne, „besteht in dem sittlichen und rechtlichen Staatsleben“ (S. 332).
Aber entscheidend bleibt: Pfingsten ist das Symbol dafür, dass Gott und Mensch, Gott und die Menschheit, sich nicht mehr als Fremde und Ferne entfremdet und unversöhnt gegenüberstehen. Pfingsten ist das Symbol für die innerste Einheit von Göttlichem und Menschlichen, von Gott und Welt. Dies allein könnte man sagen ist der Focus, auf den sich Hegels Philosophie ALS Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie konzentriert.

6.
Uns interessiert hier im Zusammenhang des Pfingstfestes Hegels deutlicher Hinweis auf die in den Menschen „gegenwärtige Göttlichkeit“ (durch den Heiligen Geist) (S. 305). In der Gemeinde (Kirche) sammeln sich diese nun mit dem göttlichen Geist beschenkten Menschen.
 Man muss als philosophischer Leser den anspruchsvollen philosophischen Aussagen tatsächlich standhalten, etwa wenn Hegel sagt: „Dies ist der Glaube der Gemeinde: Der einzelne Mensch wird gewusst als Gott und (d.h. präziser:, CM) mit der Bestimmung, dass er der Sohn Gottes sei, mit all dem Endlichen befasst, das der Subjektivität als solcher in ihrer Entwicklung angehört“ (S. 312). Der Mensch ist als endlicher Mensch zugleich Sohn Gottes, ein gewaltiger Anspruch, der schon im Neuen Testament grundgelegt ist. Und den Hegel nur philosophisch reflektiert.

7.
Im Gedenken an Pfingsten wird der Mensch, jeder Mensch, zu einem mit Gott verbundenen Wesen erhoben. So ist, wie Hegel schreibt, „die Versöhnung an und für sich vollbracht“ (S. 318). Gott und Mensch sind nicht länger einander fremd. Sie sind – in gewisser Hinsicht – eins.

8.
Aber Versöhnung ist für Hegel stets praktisch-politisch, es geht entschieden um die Gestaltung der Freiheit in der Welt (Staat, Gesellschaft). Pfingsten ist insofern ein politisches Fest der Freiheit. Dabei traut Hegel diese Leistung, den Rechtsstaat mit zu gestalten, der protestantischen der lutherischen Kirche  zu. Der römische Katholizismus ist für ihn nach wie vor zu stark in der mittelalterlichen Welt befangen und in seinem Glauben zu veräußerlicht (Wunderglauben, Reliquien…) und als klerikale Organisation auch korrupt. Das heißt nicht, dass Hegel nicht auch die Engstirnigkeit des zeitgenössischen Protestantismus kritisiert hätte oder gar am Katholizismus wichtige erfreuliche Elemente gesehen hätte, wie etwa eine gewisse Vorliebe fürs philosophische Denken im Mittelalter. Zu Hegel und der Katholizismus: LINK .

9.
Trotz der Erkenntnis, dass „an sich“ die Versöhnung, also die innere Einheit von Gott und Mensch, geschehen ist, bleibt doch die Tatsache: Dass in der weltlichen, der politischen Wirklichkeit (auch zur Zeit der Vorlesungen Hegels in Berlin) noch Verwirrung, Zwiespalt und Entfremdung fortbestehen. „Diese Versöhnung ist selbst nur eine partielle, ohne äußere Allgemeinheit“ (S. 343, Vorlesungen über die Philosophie der Religion II.). Dies muss Hegel am Ende seiner Vorlesungen mit Melancholie, wenn nicht Hilflosigkeit eingestehen. Mit anderen Worten: Der Geist von Pfingsten als Geist der Versöhnung und Freiheit muss sich noch umfassend durchsetzen und greifbare, soziale Gestalt werden!

10.
Uns interessiert noch ein Aspekt, der bisher in der Hegel-Forschung nicht so starke Berücksichtigung findet: Die eher versteckt, implizit anwesende mystische Dimension seines Denkens. 1830 sagte Hegel in einer Rede anlässlich der „Erinnerung an die Augsburgische Konfession von 1530“: „Gott wollte den Menschen zu seinem Ebenbild und seinen Geist, der ein Funke des ewiges Lichts ist, diesem (göttlichen) Licht zugänglich machen“. (S. 33, in den „Berliner Schriften“, Ausgabe Meiner, S 33).
 Der menschliche Geist als „Funke des ewigen Lichtes“: Diese Formulierung erinnert an den mittelalterlichen Philosophen und „Mystiker“ Meister Eckhart, für den sich die geistige Verbindung des Menschen mit Gott in dem Begriff “göttlicher Funke“ ausdrückt. In seinen „Vorlesungen über die Philosophie der Religion“ erwähnt Hegel Meister Eckart ausdrücklich als Vorbild im Verstehen der christlichen Religion als einer Lehre, die die Einheit von Göttlichem und Menschlichen entfaltet. Diese Einheit ist „das Innerste“ des Christentums. „Meister Eckart, ein Dominikanermönch, sagt unter anderem in einer seiner Predigten über dies Innerste: Das Auge, mit dem mich Gott sieht, ist das Auge, mit dem ich ihn sehe…“ (S. 209). Und Hegel legt allen Wert darauf zu betonen, dass diese Einheit von Gott und Mensch alles andere als „Pantheismus“ sei.
 In seinen Vorlesungen zur „Geschichte der Philosophie“ bietet Hegel nach der Darstellung der in seiner Sicht oberflächlichen und verstandesmäßig abstrakt argumentierenden mittelalterlichen Scholastik auch ein knappes Kapitel zur „Mystik“ (in der Suhrkamp Werkausgabe II, S. 583 ff.) Dabei nennt er Meister Eckart nicht, hingegen z.B. ausführlicher Raimundus Lullus. Im Unterschied zur Scholastik sieht Hegel in den Mystikern „edle Männer, die der scholastischen Sucht nach Verendlichung aller Begriffe „gegenüberstanden“ (S. 583). Er nennt Mystiker „fromme, geistreiche Männer“, die „echtes Philosophieren betrieben haben“.
Dieser „göttliche Funke“ führt, so Hegel in seinem Vortrag im Jahr 1830, nicht nur in eine höhere Erkenntnis, sondern vor allem in die Liebe zu Gott.
Die mystische Erfahrung bleibt für Hegel immer bedenkenswert.

11.
Eine Zusammenfassung: Hegel hat also zu Pfingsten einen vernünftigen Vorschlag zu unterbreiten: „Pfingsten ist das Fest der Anwesenheit des Göttlichen, des Ewigen, modern formuliert: der tragenden Sinnerfahrung, in jedem Menschen“.

Pfingsten ist das Fest des Ewigen, anwesend in einem jeden. Das Ewige als das Göttliche überdauert das Endliche, auch der Geist des endlichen Menschen hat dadurch „ewige Dauer“.
 Aber diese geisterfüllte Lebensform muss der Mensch sich „erarbeiten“: „Ich soll mich dem gemäß machen, dass der Geist in mir wohne, das ich geistig sei. Die ist meine, die menschliche Arbeit. Dieselbe ist Gottes von seiner Seite. Er bewegt sich zu dem Menschen und ist in ihm durch Aufhebung des Menschen. Was als mein Tun erscheint, ist alsdann Gottes Tun. Und ebenso auch umgekehrt“ (Vorlesungen über die Philosophie der Religion, I, Suhrkamp Verlag, S. 219).

12.
Nebenbei: Es ist bemerkenswert, dass Voltaire, wahrlich alles andere als ein Verteidiger der alten kirchlichen Dogmatik, in seinem „Philosophisches Wörterbuch“ (1764) schreibt: „Möglicherweise gibt es in uns etwas UNZERSTÖRBARES, das empfindet und denkt, ohne dass wir die geringste Vorstellung davon haben, wie dieses Etwas beschaffen ist“ (Reclam, Leipzig, 1967, S. 82). Hegel hat diese Vorstellung erklärt und auf den Begriff gebracht.

Wir haben vor einigen Jahren (2016) eine „politische Pfingstpredigt“, durchaus auch von Hegel inspiriert, veröffentlicht. LINK:

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Ein „Legionär Christi“ wird Kardinal.

Der Orden der Skandale, der Orden mit einem „zutiefst unmoralischen“ Ordensgründer, wird offiziell rehabilitiert und von Papst Franziskus belohnt.

Ein Hinweis von Christian Modehn.    Es gibt in diesen Kriegszeiten gewiss sehr viel dringendere Themen als schon wieder dieses leidige Thema „Legionäre Christi“.  Aber Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie ist als Religionskritik auch verpflichtet, problematische Entwicklungen in den Kirchen wahrzunehmen und darzustellen. Dazu gehören auch Entwicklungen, die sich hinter einer üblichen Kardinalsernennung verbergen. In der Form von Kardinalserennungen zeigt der Papst, zeigen die Päpste, immer ihre Allmacht: Sie können in absoluter Eigenmächtigkeit Kleriker zu Kardinälen ernennen, die später einmal den Pontifex MAXIMUS wählen, also den allerhöchsten und unfehlbaren Pontifex, den ersten aller Bischöfe.

1.
Der katholische Orden „Legionäre Christi“ und die von ihm geleitete Bewegung von Laien „Regnum Christi“ wurde begründet und Jahrzehnte lang geleitet von einem Priester, der in der kritischen Presse als „Verbrecher“ bezeichnet wird. Sein Name ist Marcial Maciel (1920-2008). Seine Untaten sind kaum aufzuzählen: Er war als pädosexueller Verbrecher zugleich auch ein Erbschleicher bei seinen sehr wohlhabenden Freundinnen. Der Ordengründer Maciel hat, so sagt der Orden jetzt selbst, mindestens 60 Kinder und Jugendliche mißbraucht, sogar seinen eigenen Sohn. Er hat aus seinem Orden ein mächtiges Finanzimperium gemacht, in dem er als „Generaldirektor“ (so der offizielle Titel in diesem Orden) schaltete und waltete wie ein Diktator. Er war nachgewiesen ein Freund von Papst Johannes Paul II. Denn er hatte die entscheidende Tugend: Nach außen treu und absolut die dogmatische Welt des Vatikans verteidigen. Diese Tatsachen sind bekannt und sie wurden, seit 2009 vom Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin, dokumentiert und kommentiert. LINK.

2.
Jetzt ist dieser Orden, der seinen verbrecherischen Gründer namentlich in der Öffentlichkeit nicht mehr nennt, rehabilitiert. Ihm werden jetzt sozusagen höchste Weihen verliehen: Papst Franziskus hat entschieden, den führenden Verwaltungschef des Staates „Vatikan-Stadt“, den 77 jährigen spanischen Legionär Christi, Bischof Fernando Vérgez Alzaga, zum Kardinal zu ernennen. Durch eine solche höchste Erhebung eines Mitglieds der Legionäre Christi wird der Orden selbst öffentlich geehrt, er kann sozusagen als normal, als respektiert gelten: Die Verbrechen des Gründers werden förmlich zugedeckt und ins allgemeine Vergessen geschoben. Vergez Alzaga ist ein der Verwaltung des Staates Vatikan schon seit vielen Jahren (seit 1972) dienender Technokrat und Finanzfachmann. Solche Leute brauchte Papst Franziskus, er hat den Legionär schon im August 2013 (als die Verbrechen des Ordensgründers noch weltweit dokumentiert wurden) zum Generalsekretär des „Governatorats der Vatikanstadt“ ernannt und somit zum stellvertretenden Regierungschef des Vatikanstaates.

3.
Vielleicht wird also in absehbarer Zeit ein Mitglied dieses hoch belasteten Orden sogar Papst? Prinzipell wäre das möglich. Dann würde die ganze Kirche, auch der Vatikan, vielleicht noch reicher und wohlhabender…Die Ernennung eines Legionärs Christi jetzt (Mai 2022) zum Kardinal ist ein weiterer Hinweis auf die theologische Unentschlossenheit und Unausgeglichenheit von Papst Franziskus. Er kann nicht oder er will nicht konsequent einen Kurs der Kirchenreform steuern und dabei etwa auch einen Orden, wie die Legionäre Christi mit ihrem verbrecherischen Gründer Pater Marcial Maciel „rechts liegen und einschlafen lassen“. Eigentlich hätte dieser Orden schon 2005 aufgelöst werden müssen, sagten viele mißbrauchte Ex-Legionäre Christi damals, aber … die Legionäre Christi hatten (und haben) im Vatikan zu viele Freunde. Nebenbei: Nach den Pädophilen-Skandal im Orden der Schulpriester (Piaristen),  wurde diese Gemeinschaft,kurz nach der Gründung,  für einige Zeit aufgelöst. LINK.

4.
Die Ernennung eines Legionärs zum Kardinal ist, milde gesagt, ein heftiger Einschnitt, manche Beobachter nennen diese Ernennung einen Skandal.
Ist erst mal ein Legionär Christi ein Kardinal, dann genießt der Orden wieder eine Reputation. Er ist förmlich „normalisiert“. Dann können die vielen jungen konservativen Legionäre in die Bistümer (warum nicht auch Deutschlands?) strömen und hier ihre konservative Theologie verbreiten, die letztlich darauf hinausläuft: Mehr Mitglieder für den Orden zu finden und neue Geldquellen für den Orden ausfindig zu machen … sagen einige kritische Beobachter.

5.
Und der Papst ignoriert auch zentrale Entwicklungen der politischen Gegenwart: Angesichts des Krieges Putins gegen die Ukraine wäre die Ernennung eines der vielen katholischen Bischöfe der Ukraine zum Kardinal ein Zeichen gewesen, auch gegen den Kriegs-Verbrecher Putin. Aber nein, Papst Franziskus ernennt, prinzipiell sehr originell und sehr löblich, den Apostolischen Vikar (so der bescheidene Titel, er ist kein „Bischof“) ausgerechnet der Mongolei zum Kardinal. In der Mongolei leben ca. 1.300 (eintausenddreihundert) Katholiken. Die Mongolei ist „nur“ 5.300 km von der Ukraine entfernt, so können sich die verzweifelten Menschen in der Ukraine ein bißchen mit-freuen … über den Kardinal im mongolischen Ulan Bator.

Weitere Informationen über die Legionäre Christi und ihren kriminellen Ordensgründer und Freund des heiligen Papstes Johannes Paul II, Pater Marcial Maciel: Siehe LINK:

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Vatican news schreibt am 29.Mai 2022:
Fernando Vérgez Alzaga L.C.: Der Legionär Christi wurde am 1. März 1945 in Salamanca (Spanien) geboren. Er war bereits seit 1972 in verschiedenen Funktionen an der Kurie tätig, darunter Büroleiter an der vatikanischen Güterverwaltung und Telekommunikations-Chef des Vatikans. Seit 2013 war er zunächst Sekretär des vatikanischen Governatorates, also der Behörde, die für die Verwaltung des Vatikanstaats verantwortlich ist. Im Oktober 2021 wurde er dann Nachfolger von Kardinal Giuseppe Bertello an der Spitze des Governatorates.

Maria Maienkönigin… und religiöse Illusionen.

Pseudo-Romantik in einer entzauberten Welt.
Ein Hinweis von Christian Modehn am 2.5.2020, am 2.5.2022 noch einmal bearbeitet. Und noch einmal ergänzt am 26.4.2024.

1. Der Maien-Marien-Monat

Die Zeit der Maienkönigin hat begonnen: Denn der Mai hat auch einen katholischen Titel: Marienmonat! Im Mai verehren Katholiken ihre Königin. Sie heißt Maria und ist eigentlich nur die Mutter des armen Jesus von Nazareth, der am Kreuz hingerichtet wurde. Aber diese Mutter wurde post mortem sehr schnell von der „Schmerzensmutter“ zur glorreichen Gestalt umgewidmet. Der „Wonnemonat Mai“ ist ihre Hoch-Zeit.

2. Irrationale Spiritualität

So war es in den Zeiten der Corona-Pandemie: Viele katholische Kirchenführer nahmen diese Krise der Menschheit als ihre Chance wahr, – in der Sicht der Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie und der kritischen Theologie –  abergläubig erscheinende Praktiken wie Ablass und Reliquienverehrung und „Maria als himmlische Fürsprecherin an Gottes Thron“ zu empfehlen. Es ist diese Rückkehr des Irrationalen, die einige Theologen eigentlich „auf die Barrikaden“ hätte bringen sollen, wenn sie denn am Wert einer vernünftigen christlichen Religion Interesse haben. Zu diesen populären Glaubenshaltungen gehört auch die Maiandacht. Sie ist förmlich der Inbegriff einer ganz auf mysteriöse Inhalte fixierten, manchmal sich „poetisch“  gebenden katholischen (Volks-)Frömmigkeit. Da singen Leute Marien- Lieder, die – wieder in religionsphilosophischer Sicht – eher grenzwertig sind, also nicht nachvollziehbar, hinsichtlich der Inhalte. Traditionell religiöse Menschen können natürlich singen und sagen, was ihnen so alles in ihre Phantasie  kommt. Sie müssen nur wissen, in welch ein geistiges Getto sie sich begeben, wie sehr sie heute Barrieren bauen, die Menschen den Weg in eine vernünftige Religion versperren.

3. Maria:“Es blüht der Blumen eine…“

Ich habe als Kind und Jugendlicher viele Maiandachten erlebt und „mitgemacht“. Wer sie in Kirchen mitfeierte, die von der Natur umgeben waren und dabei die Blumen und Bäume sah, die Sonnenstrahlen oder einen plötzlichen Regen erlebte, der fühlte sich in eine Naturmystik entrückt, in der Welt und Umwelt so fantastisch schön, so „entzückend“ und entrückend durchstrahlt war. Was war die Welt und die Kirche doch – dem Scheine nach – friedlich. Und die Leute fühlten sich geborgen in einem Dunst und Weihrauch-Duft des Mysteriösen und Unbegreifbaren, die Lieder sorgten für diese Entrückung ins „Vorgeburtliche“. Aber schön, war es doch, sagen manche. Romantisch sagen sie auch, in einem eher populären Verständnis der Romantik…

Und Maria war die mütterliche Herrscherin, ganz anders als der strafende Gott: „Maria, wir rufen zu dir, Mutter Gottes, wir rufen zu dir“, wurde förmlich gegrölt. „Dich loben die Chöre der Engel“ usw… Dann wurde nach dem „Ave Maria“ sanft das Lied „Es blüht der Blumen eine“ gesungen und zum Schluss „Maria breit den Mantel aus“. Alles voller Inbrunst gesungen. Es war auch der Schrei der leidenden, vielleicht sogar geknechteten Kreaturen… Ich hatte –als Jugendlicher – das undeutliche Gefühl, dass sich da aber auch eine große Gruppe eigentlich sonst doch verständiger Menschen in einen Rausch hinein begeben hatte. Dieser Rausch wurde exzessiv, wenn spezielle „schlesische Maiandachten“ gefeiert wurden, bei denen Lieder wie „Über die Berge schallt, lieblich durch Flur und Wald, Glöcklein dein Ruf“ geschmettert wurden. In der Zeit meiner Jugend waren die Kirchen noch voll, selbst in Berlin-Ost und – West! Und den Teilnehmern – auch den Priestern – war es schlichtweg egal, ob diese Gottesmutter bereits von den Frommen als Göttin verehrt wurde oder nicht. Hauptsache, die Stimmung stimmte.

Und die meisten TeilnehmerInnen der Mai-Andachten waren gerührt, fühlten erhoben, geborgen, hatten Tränen in den Augen, etwa, wenn sie zum Schluss das Lied sangen „Sei Mutter der Barmherzigkeit, sei Königin gegrüßet…“ Ich sehe die Frauen, offenbar leidend, noch vor mir, als Kind, in der St. Martin-Kirche in Kaulsdorf -Mahlsdorf in Berlin-Ost, auch die alte Dame, Reihe 13, in einer Bank, die fast kaputt war, ganz hinten, da wurde geschluchzt und gefleht, da wurde die Königin angerufen, ausgerechnet in der DDR, dass dies auch ein frommer Protest war, dies war den meisten wohl nicht bewusst? Eine Himmelskönigin in der DDR, was hätte Ulbricht dazu gesagt? Der hatte doch nur seine Partei und seine Lotte.

4. Das wichtige Buch „MYTHOS MARIA“

Man könnte sich natürlich auf den Standpunkt stellen: Jeder und jede soll glauben, was er und sie will, selbst wenn die Inhalte hochgradig esoterisch sind. Das kann solange richtig sein, als dieser esoterische Inhalt nicht allgemein ins Politische und damit „Allgemeine“ hineingezogen wird. Aber das ist auch mit dem Marien/Maien-Lied „Es blüht der Blumen eine“ (gemeint als Blume ist natürlich Maria) passiert. Diese Zusammenhänge hat das wichtige, kritische Buch des Literaturwissenschaftlers Hermann Kurzke (Prof.em. Uni Mainz) und der Historikerin Christiane Schäfer freigelegt, „Mythos Maria“ ist der Titel ihrer grundlegenden, wichtigen Studie. Der Untertitel „Berühmte Marienlieder und ihre Geschichte“ (C.H. Beck Verlag, 2014). Das Buch hat meines Erachtens leider nicht die gebührende große Aufmerksamkeit gefunden.

5. Marien-Lieder an der Front: „Es blüht der Blumen eine…“

Zum Lied “Es blüht der Blumen eine...“: Das Lied wurde  im 1. Weltkrieg an der Front als Trost präsentiert, denn in der 3. Strophe heißt es: “Und wer vom Feind verwundet, zum Tode niedersinkt. Von Ihrem Duft gesundet, wenn er ihn gläubig trinkt“. Abgesehen von den miserablen Reimen und dem Irrsinn, als könne der Soldat Marias Duft trinken: Dieses Lied war Bestandteil des „Feldgesangbuches“ im Ersten Weltkrieg, betonen die Autoren (Seite 80). „Maria wird zur Sterbehelferin… das unschuldige Lied macht nun das Unaushaltbare aushaltbar. Oppositionelle Regungen werden besänftigt, diszipliniert, abgelenkt und eingeschläfert“ (83f.).

Aber auch das Marienlied „Geleite durch die Welle…“ wurde für den Kampfgeist der deutschen Soldaten instrumentalisiert. In der 7. Strophe heißt es: „Beschirme unsere Krieger, du mächtigste der Frauen, führ bald sie heim als Sieger, in ihrer Heimat Auen. Und lass alle Wunden an Leib und Seel gesunden, Maria, o Maria hilf“. (ebd. 79). Der Marienkult als nationalistisches Opium, auch als geistiges Versagen der Kirche! Denn etwas anderes als diesen Singsang, „Schmarrn“ sagen die Bayern, oder kluge, tausendmal hin und her gedrehte diplomatische Worte zum Kriegswahn und dem Nationalsozialismus hatte sie doch nicht entgegenzusetzen, oder? Diese Kirchenführer und mit ihnen viele Gläubige meinten allen Ernstes, dass da im Himmel eine Jungfrau sitzt, Maria genannt, die ihren Sohn und den lieben Gott-Vater bettelt, doch die Gebete der Soldaten an der Front zu erhören. Oder besonders diesen frommen Fritz, warum nicht auch einen Walter? Aber sollte aus deutscher Sicht auxch Pierre aus Frankreich beschützt werden oder später dann auch der Sowjetsoldat Wladimir? Da gab es sicher heftige himmlische Debatten! Dieses himmlische Helfer-System, selbst wenn es mütterlich gefärbt ist, den armen Menschen einzureden schon vor dem Krieg, ist in meiner Sicht ein theologisches Vergehen, selbst wenn diese Dosierung Opium in letzter Minute an der Front vielleicht beruhigt.

Was haben diese Kirchenführer und ihre hörigen Theologen -„Poeten“ nur aus dem christlichen Glauben gemacht, fragt sich der theologische Beobachter: Mit diesen Liedern hat man die nachdenklichen Menschen aus der Kirche getrieben, die jungen besonders. Man sieht heute die Ergebnisse dieses Festhaltens an einem irrationalen Wahn im Katholizismus. Maiandachten sind, abgesehen von touristischen oder folkloristischen Veranstaltungen in Oberbayern nicht mehr en vogue. Die Königin wird vielleicht noch gesucht, aber nicht mehr in der Gestalt der Mutter Jesu, sondern eher in der Figur der Schönheitskönigin…

6. Der Nebel der Marien-Lieder

Die Autoren, von der Kirche und ihrer Theologie unabhängig, analysieren in diesem Kapitel ihres Buches noch jede einzelne Strophe dieses Songs „Maria, Maienkönigun…“. In der 3. Strophe geht es um die Stellung der Frauen: “Behüte uns mit treuem Fleiß, o Königin der Frauen! Die Herzensblüten lilienweiß, auf grünen Maies-Auen“.
Die Frauen sollen „mit treuem Fleiß“ behütet werden, von der im Himmel agierenden Maienkönigin. Warum nur die Frauen? Aber diese Frauen sind die „Herzensblüten lilienweiß auf grünen Maies-Auen“. Die lilienweißen (unschuldigen) Frauen werden förmlich in den Himmel erhoben. Und Maria möge sich dann bitte auch um „die kalten und glaubensarmen Seelen“ kümmern, wie es dann in der 6. Strophe heißt…. Die Autoren von „Mythos Maria“ schreiben: “Die Textanalyse hat Nebel zum Ergebnis, die Stimmungen bedient …. dieser Nebel ist überall dort einsetzbar, wo man Nebel braucht – im Interesse von Majestäten und Autoritäten, im Interesse von Desinformation und Aufklärungsverhinderung, im Interesse von Fortschrittsverweigerung zugunsten nostalgisch aufgeladener Vergangenheitsbeschwörung“, schreiben die beiden Autoren sehr treffend. Kein Inhalt eines Marienliedes fällt wohl katastrophaler aus als dieses, „Maria Maienkönigi, dich will der Mai begrüßen…“

7.

Dieses Lied  war noch in dem Gesangbuch fürs Bistum Berlin „Ehre sei Gott“ (auch Ost-Berlin, 1958) als Nr. 218 vertreten! Das Lied ist auch in einigen Ausgaben des neuen Gesangbuches „Gotteslob“ in einigen Bistümern zu finden, über You Tube ist es noch erreichbar, als letztes Zeichen einer hoffentlich vergangenen Welt?

8. Die rebellische Maria von Solentiname

Warum hat die katholische Kirche eigentlich nie das wunderbare Lied der jungen Frau Maria weit verbreitet und nicht nur auf Latein singen lassen, das Lied, das sich „Magnificat“ nennt und im Neuen Testament einen wunderbaren Platz (Lukas Evangelium, 1. Kapitel) hat. Ich denke, es liegt daran, dass die Gläubigen auch an die mächtigen Herren der Kirche hätten denken müssen, wenn sie den Text auf Deutschen hätten singen dürften: „Gott stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen“. Die Laien, die kleinen Leute… vor allem die armen Frauen werden erhöht, welch eine Utopie. Auch für eine herrschaftsfreie römische Kirche…Niemals wurde dieses Lied in Europa gesungen, in Lateinamerika eher, etwa auf der Insel Solentiname, mit Ernesto Cardenal, dem Mystiker und Poeten in Nikaragua…

9. Maria gehört zur Gegenaufklärung

Ich möchte diesen Hinweis beenden mit einem Hinweis der Autoren: „Die Maienkönigin ist keine pralle Naturgottheit aus dem Geist eines sinnlichen Heidentums. Sondern nur ein dürftiges Nachtschattengewächs der Gegenaufklärung“: Clemens Brentano, der romantische Erbauungsschriftsteller, gehörte zu dieser Gegenaufklärung sowie Eichendorff, Friedrich Schlegel, Joseph Görres, später sein Sohn Guido Görres, der große Propagandist der Maiandachten…

10.Der katholische Nazi-Bischof Rarkowski und seine Maria

Im Jahr 1940 erschien im „Wehrverlag Joseph Bercker“ ein katholisches „Militär – und Gesangbuch. Es wurde herausgegeben von dem Feldbischof der Wehrmacht Franz Justus Rarkowski, er ist interessanter Weise Mitglied der katholischen Ordensgemeinschaft „Gesellschaft Mariens, Maristen“ mit der offiziellen Abkürzung des Ordens „SM“! Von diesem Marienverehrer und Militärbischof heißt es bei wikipedia:: „Bischof Rarkowski hatte eine mangelnde Distanz zum nationalsozialistischen Regime …So schrieb er in einem so genannten „Hirtenbrief“ vom „bolschewistischen Untermenschentum“ und wünschte den verwundeten Soldaten, dass jeder von Euch recht bald genese und sich auf dem Platz, den er einnimmt, weiterhin im Dienste des Führers, Volk und Vaterland bewähre. Dazu verhelfe Euch der allmächtige Gott …“). Hitler bezeichnete der Bischof als „Vorbild eines wahrhaften Kämpfers...“

Dieser Nazi-Freund und Militärbischof hatte also in dem von ihm herausgegeben Gesangbuch für die Soldaten auch Marienlieder (leider ohne Noten, diese fehlten doch wohl auch an der Front?! aufnehmen lassen. Nr. 96 ist das schon genannte „Es blüht der Blumen eine…“, Nr 98 ist „Geleite durch die Welle…“ Nr. 107 ist das Lied „Mutter dich rufen wir…“.

Dort wird es skandalös: Es heißt in Strophe 3: „Schirme im Feuer den kämpfenden Schwarm, stähle den Helden zur Abwehr den Arm, stärke die Herzen mit flammenden Mut freudig zu opfern das Leben, das Blut“ , ein Lied, das schon im 1. Weltkrieg gesungen wurde.
Ich betone: Dieses Lied ist eine Gotteslästerung. Und wenn man den Begriff noch will: Dieses Lied ist auch eine Häresie. Aber es galt offiziell selbstverständlich als gut-katholisch. Als häretisch galten für die Hierarchie die wenigen „anderen“, die katholischen Friedensfreunde etwa, wie der Dominikaner-Pater Franziskus Stratmann vom „Friedensbund der deutschen Katholiken“. Was für eine Schande, diese Verteufleung eines vernünftigen Pazifisten in der Weimarer Republik und unter Hitler.

11. Die katholische Maien-Maria ist eine Göttin

Wie tief ist die Kirche mit diesem ganzen Marien-Kult bis heute gesunken? In den Barock-Kirchen werden wir von Marien-Bildern förmlich erschlagen. Gab es denn keine anderen Themen? Maria ist zur Religion der Beliebigkeit geworden, des Göttinnen-Glaubens im Christentums. Das muss ja nicht falsch sein, aber das Thema sollte als solches debattiert wertden. Maria als Göttin, warum sollte man das nicht kritisch prüfen?

12. Brauchen wir eine weibliche katholische Gottheit?

Wahrscheinlich brauchen viele Menschen, auch viele Christen, eine weibliche Gottheit. Das wissen viele Theologen, aber sie sagen es nicht öffentlich. Wie zwiespältig ist auch der klassische Marien- Titel „Gottes-Mutter“? Denn wenn, diesem Bild folgend, Maria als Gottes – Mutter eben einen Gott zur Welt bringt, dann kann sie doch selbst auch schon vor der Gottes-Geburt Göttin gewesen sein. Oder? Wenn das nicht so ist, sollte man bitte auf den uralten, aber falschen Titel „Gottesmutter“ verzichten. Genauso, wie man aufhören sollte, Jesus von Nazareth, theologisch oberflächlich gedacht, „Gott“ zu nennen. Aber das ist ein anderes Thema.

Das empfehlenswerte Buch „Mythos Maria“ umfasst 303 Seiten, es kostet 24,95 EURO. Erschienen im Verlag C.H.Beck. Es enthält hoch interessante Studien zu 12 Marienliedern, darunter „Maria durch ein Dornwald ging“, „Mein Zuflucht alleine, Maria die reine“, „Segne du Maria, segne mich dein Kind“. Dies ist übrigens das „Lieblingslied des Marienkindes“ und verständnisvollen Vertuschers pädosexueller Verbrechen des Klerus :Kardinal Joachim Meisner von KÖLN. Er heftete als guter Bürokrat die Namen der als sexuelle Straftäter überführten Priester unter dem Titel ab: „Mitbrüder im Nebel“. Von Nebel war ja auch schon in unserer Kritk der Marien-Lieder die Rede. Meisner, das „Marienkind“, war wohl zu oft im „Marien-Nebel“ versunken.

13. Maria lieben: Sie stürzt Mächtige vom Thron – so die Hoffnung der Bibel.

Wer möchte nicht bei dem Thema mit dem Marienlied enden: „Maria zu lieben ist allzeit mein Sinn“? Fragt sich nur welche Maria wollen wir lieben. Natürlich die Maria des biblischen Magnificat, die Gott preist, weil er die Mächtigen vom Thron stürzt. Hat er leider nur selten gemacht, es waren wohl viel zu viele Päpste, Bischöfe, Kirchenfürsten und Politiker, Diktatoren  und Milliardäre, die er da hätte vom Thron stürzen müssen…

Falls man noch eine Bibel zur Hand hat, bitte nachlesen: Lukas, 1,46-55.

14. Sinn der Kritik

Diese kritischen Hinweise machen darauf aufmerksam, wie sehr die katholische Volksfrömmigkeit als populäre Marienfrömmigkeit eine reife, vernünftige Spiritualität reifer, vernünftiger Menschen behindert/verhindert hat über alle die Jahrhunderte. Tatsächlich wurde Maria als Himmelköngin und „letzte Zuflucht“ ins Göttliche erhoben. Diese Entwicklung hätte theologisch-kritisch weiter begleitet werden müssen, in dem Sinne: Das Göttliche ist auch weiblich, wenn man schon diese Prädikate fürs Göttliche will. Gott als Vater UND als Mutter wäre wohl eine vernünftige theologische Bezeichnung. Es könnte vernünftig übersetzt bedeuten: Der letzte Lebenssinn, in dem wir Menschen uns bewegen, hat personale Qualitätäten eines „guten Vaters“ und einer „guten Mutter“.

Ergänzung am 26.4.2024: Es sollte ein Forschungsprojekt der katholischen Theologie eigentlich sein:

Welche Marien – Lieder wurden aus den alten, vor dem Konzil üblichen katholischen Gesangbüchern im Text verändert oder unverändert in das neue katholische Gesangbuch „Gotteslob“ übernommen;  1975 wurde „Gotteslob“ für alle Bistümer in je eigenen Ausgaben zum ersten Mal publiziert.

Wir können und wollen diese umfangreiche Arbeit hier nicht leisten, die enthüllen sollte: Wo wurden kaum noch theologisch erträgliche Inhalte von alten Marienliedern 1975 neu geschrieben, wo wurden die Marienlieder aus den alten Gesangbüchern in die neuen unverändert (man möchte sagen ungeniert) übernommen – trotz aller theologisch problematischen Aussagen, mit all den theologisch sehr diskutablen Inhalten, die Maria in eine göttliche Position rücken. Man lese doch bitte diese Texte! Sie sind fromme Phantasien, Illusionen, in allen Ehren, sie haben aber nichts mit der Jesus – Botschaft zu tun. Sie sind in gewisser Weise Opium…

Nur einige Beispiele für unsere Recherchen: Im alten Berliner katholischen Gesangbuch „Ehre sei Gott“ (1957 mit Vorwort von Kardinal Döpfner!) wurde das Lied Nr. 202 „Mein Zuflucht allein, Maria die reine… dass sie mich regiere“  unverändert ins neue Gesangbuch Gotteslob übernommen (Berliner Ausgabe Nr.862). Das selbe gilt für das Lied „Die Schönste von allen, von fürstlichem Stand..“, einst Nr. 206, jetzt Nr. 864. Und das selbe gilt für „Wunderschön prächtige… der ich mich ewiglich weihe..“ Einst Nr. 210, jetzt unverändert Nr. 866. Und das selbe gilt für „Glorreiche Königin, himmlische Frau… weiseste Führerin!“…Einst Nr. 214 jetzt Nr. 868.  Die LeserÎnnen sollten die Text lesen, die eins deutlich machen: Maria wird als Jungfrau in himmlische Welten an Gottes Seite gestellt und als gütigste Frau dann doch um Hilfe im irdischen Leben angefleht. Dies kann man allen Ernstes als eine Form der Verehrung einer weiblischen Gottheit deuten. Davor schreckt natürlich die Männer – dominierte offizielle Lehre des Papstes und seiner Mitarbeiter zurück. Maria als reine Frau, unerreichbar, weil göttlich, wird den Männern als Vorbild empfohlen: Die anderen Frauen sind unrein und können der Männerwelt gehorchen. Die drangsalierten Frauen suchen Schutz bei ihrer himmlischen Göttin… Man deute bitte  die Marienfrömmigkeit im Zusammenhang der aktuellen grausamsten Verachtung von Frauen im katholischen (auch von Maria bestimmten Milieu) Lateinamerika, Mexiko, Kolumbien usw…

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Die französischen Bischöfe sind nicht gegen Marine Le Pen. Die Schande.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 20.4.2022. Wieder ist Religionskritik und Kirchenkritik eine aktuelle Hauptaufgabe der Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie…

Die angesehene katholische Tageszeitung „La Croix“, Paris, publiziert am 20.4.2022 ein Interview mit dem katholischen Soziologen und Theologen Jean-Marie Donegani, Paris, über die immer größere Bereitschaft der Katholiken, der so genannten praktizierenden Katholiken besonders,  für die rechtsextreme Präsidentschaftskandidatin Marine Le Pen am 24.4.2022 zu stimmen.

Die Nerven in Frankreich liegen blank, einige Tage vor der entscheidenden Präsidentschaftswahl. Wird die rechtsextreme Marine le Pen Präsidentin? Dann hätte auch Europa riesige Probleme, zusätzlich zum Krieg Putins gegen die Ukraine und der Covid-Pandemie usw…

Und das Unglaubliche, aber Faktische ist: Etwa 40 % der praktizierenden Katholiken haben im ersten Wahlgang bereits rechtsextrem gewählt. Sie folgen damit der Mutlosigkeit, Ignoranz und Demokratiefeindlichkeit (?) der französischen Bichöfe, die offiell in ihren Verlautbarungen nicht vor den Rechtsextremen warnten und damit alle Prinzipien der katholischen Soziallehren ignorierten. Sind diese Herren Bischöfe selbst etwas sehr rechtslastig? Bei einigen, wie dem Bischof von Fréjus oder von Bayonne, ist diese Tendenz allgemein bekannt!

Professor Donegani sagt in dem Interview u.a.:

„Eine Sache erstaunt mich, nämlich, dass die Bischöfe meinen, den Katholiken bloß zu sagen: „Tut, was ihr richtig findet“ anstelle von „Gebt acht bei dieser Wahl“. Die Stellungnahme der Bischöfe scheint mir nicht sehr intelligent zu sein. An der Banalisierung der extremen Rechten teilzunehmen, ist nicht sehr hilfreich, das wird sogar kontraproduktiv sein. Die Kirche beansprucht immer, die Gewissen der Menschen zu prägen, dann hätte sie in ihrer Stellungnahme zur Wahl sehr viel weiter gehen müssen. … Man kann der extremen Rechten nicht seine Stimme geben, wenn diese Partei etwas Böses und Übles banalisiert. Das Übel und das Böse, das ist für diese Partei die Feier und Bejahung der Ungleichheit, der Kultur des Hasses und der Spaltung der Gesellschaft“.

Am 24.4.2022 werden im Fall eines Wahlsieges von Le Pen die Bischöfe scheinheilig sagen: „Wir haben doch unser Bestes getan. Wir sind wie immer ohne Schuld“.

Das ist aber falsch: Diese denkfaulen Bischöfe haben dann den Wahlsieg der Rechtsextremen zugelassen, wenn nicht befördert. Das ist die Wahrheit, die dann wie üblich kein Kleriker hören und akzeptieren wird. Die geistig noch wachen Katholiken werden weiter in Scharen dieser Kleriker-Kirchen fern bleiben. Und ihren christlichen Glauben auf eigene Art leben.

copyright: Christian Modehn, Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin.

 

 

Fromme Worte und Floskeln zum Ukraine – Krieg. Die Osteransprache von Papst Franziskus am 17.4.2022.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 17.4.2022.

Siehe auch diesen Hinweis „Die Osteransprache des Papstes, die nicht gesprochen wurde: LINK:

Es ist die Mühe wert, die Osteransprache von Papst Franziskus am 19.4.2022 genauer anzuschauen.

Vorweg zur Einstimmung diese Frage:

Warum um Himmels willen sagt der Papst in seiner Ostersprache nicht diese wenigen Worte: „Präsident Putin, beenden Sie sofort diesen Krieg!“

Dies ist der Traum: Der Papst wiederholt dann immer wieder diese Worte in allen ihm zur Verfügung stehenden Sprachen, sogar auf Russisch sagt er sie,  selbst die alten Kardinäle an seiner Seite sprechen dann mit, solange, bis die ganze Menge auf dem Petersplatz ebenfalls brüllt und schreit und weint: „Putin, beenden Sie dieses Ihr Morden, beenden Sie sofort diesen Ihren Krieg“. Und dieses Brüllen und Schreien zusammen mit dem Papst wird zu einem großen Spektakel in ganz Rom, nun wirklich „urbi et orbi“. Auf dem Petersplatz dauert es eine ganze halbe Stunde lange, pünktlich bis 12.20 Uhr am Ostersonntag, ein Spektakel, das in die ganze Welt übertragen wird und die Welt erschüttert…Und sehr viele sagen auf einmal: Dieses Spektakel ist doch wirksamer als diese ewig selben frommen Worte und Floskeln und spirituellen Vertröstungen der üblichen Osteransprachen….Aber leider ist dies nur ein Traum!   (Siehe auch eine Kuzfassung dieser nicht gesprochenen Osteransprache des Papstes: LINK).

1.
Der Papst betont zu Beginn im Blick auf den Krieg in der Ukraine: „Wir haben zu viel Blutvergießen, zu viel Gewalt gesehen.“
Wer ist „wir“? Der Papst meint offensichtlich auch sich selbst. Denn es folgt die erstaunliche, nur angedeutete theologische Erkenntnis: „Es fällt uns (deswegen) schwer zu glauben, dass Jesus wirklich auferstanden ist, dass er den Tod wirklich besiegt hat. Ist es vielleicht eine Illusion? Das Ergebnis unserer Einbildungskraft?“
Diese bewegende und für einen Papst außergewöhnliche Frage wird von Franziskus nicht weiter vertieft. Sonst käme er zu der Erkenntnis, dass wahrscheinlich die Gottesfrage der Christen und die Deutung der „Auferstehung Jesu von Nazareth“ ganz anders als bisher dogmatisch üblich besprochen werden sollte.
2.
Davor aber schrickt der Papst zurück. Er beantwortet unmittelbar danach seine provozierende Frage in der Weise der alten, traditionellen Bibeldeutung (im Sinne der ziemlich gedankenlosen, aber so einfachen Wiederholung der biblischen Sprüche) und sagt rigoros und unvermittelt: „Nein, es ist keine Illusion! Heute erklingt mehr denn je die Osterbotschaft, die dem christlichen Osten so teuer ist: Christus ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden!“
Schon zuvor hatte der Papst nach alter Art betont: “Jesus zeigt den Jüngern die Wunden an seinen Händen und Füßen, die Wunde an seiner Seite: Es ist kein Gespenst, es ist er, derselbe Jesus, der am Kreuz starb und im Grab war. Unter den ungläubigen Blicken der Jünger wiederholt er: „Friede sei mit euch!“ (Joh 20,V. 21). Wie bitte? Jesus am Kreuz ist derselbe wie der Auferstandene? Bei der Frage sind die Evangelisten ganz anderer Meinung, fundamentalistisch verstanden wandelt da der Auferstandene durch die Türen, kommt und verschwindet wie ein Geist, wann er sich der Gemeinde zeigen will. Hat der Papst Exegese studiert?
3.
Nach dieser traditionellen Predigt findet der Papst den Bogen zum Krieg in der Ukraine. Dabei fällt auf, dass er den Verursacher des Krieges, und das ist absolut eindeutig und von allen Demokraten geteilt, der russische Staatschef Wladimir Putin, mit keinem Wort erwähnt. Sondern der Papst gleitet in der Reflexion der Schuldfrage in die uralten biblischen Mythen ab und beginnt unvermittelt auch noch von Kain und Abel zu sprechen: Wir, sagt der Papst, „tragen den Geist Kains in uns, der Abel nicht als Bruder, sondern als Rivalen ansieht und darüber nachsinnt, wie er ihn beseitigen kann.“ Schwadronieren über Kain und Abel also, kein Wort zu Putin als Putin!
4.
Wer ist das „Wir“? Auch der „heilige Vater“ ? Oder bloß die auf dem Petersplatz versammelte Gemeinde, oder sogar die Welt der Menschen und damit, ungenannt, eben auch Putin?

Das „Wir“ bleibt aber unklar, eine typische nebulöse Floskel könnte man meinen. Natürlich haben alle Menschen als endliche Menschen Böses getan. Aber hier geht es um Kain, den Brudermörder, und der ist angesichts des Krieges Russland in der Ukraine klar mit einem Namen zu benennen. Davor hat der Diplomat Papst Franziskus noch Angst…
Der Papst weicht wieder ins unverbindliche Spirituelle aus, wenn er fortfährt: „Wir brauchen den auferstandenen Gekreuzigten, um an den Sieg der Liebe zu glauben, um auf Versöhnung zu hoffen. Heute brauchen wir ihn mehr denn je, der zu uns kommt und uns erneut sagt: „Friede sei mit euch!“
5.
Wieder das Übliche, Erwartbare, was schon 10 Päpste vor ihm auch hätten genauso sagen können: Jesus stiftet Frieden, er führt zum Sieg der Liebe etc.. Wie diese himmlische Hilfe Jesu im Verbund mit den Menschen hier geschehen kann, wird noch nicht einmal angedeutet. Und dann folgen sehr merkwürdige Überlegungen: Dass die Wunden Jesu eigentlich unsere (?) Wunden seien. Daraus zieht der Papst einen Schluss, der nicht anders als esoterisch genannt werden kann: „Die Wunden am Leib des auferstandenen Jesus sind das Zeichen des Kampfes, den er für uns mit den Waffen der Liebe geführt und gewonnen hat, auf dass wir Frieden haben, in Frieden sein und in Frieden leben können.“
Also müsste eigentlich angesichts der überwundenen Wunden Jesu allüberall Frieden herrschen … oder was?
6.
Nun wendet sich der Papst wieder der „leidgeprüften“ (wie sanft formuliert, CM) Ukraine zu und sagt: „Gehe bald eine neue Morgendämmerung der Hoffnung über dieser schrecklichen Nacht des Leidens und des Todes auf! Möge man sich für den Frieden entscheiden“.
Anstelle vom Kriegsverbrecher Putin spricht der Papst nur von einem neutralen MAN, das (der) sich zum Frieden bekehre. Noch einmal: Wer ist dieses Man? Doch wohl im demokratischen Verständnis eindeutig Putin und seine Kriegstreiber, wie auch der ehemalige KGB Agent Patriarch Kyrill I.von Moskau. In seiner anonymen Rede von einem „Man“ fährt Papst Franziskus er fort: „Möge man sich für den Frieden entscheiden. Man höre auf, die Muskeln spielen zu lassen, während die Menschen leiden“.
Was soll das denn nun? Wer spielt denn da mit den Muskeln, Krieg als Muskelspiel, welch ein Wahn!
7.
Zum Schluss seiner offenbar von diplomatischen Erwägungen bestimmtenRede (im Hintergrund das Übliche:. „Der Papst muss die katholische Kirche in Russland schützen“) folgt wie erwartbar die spirituelle Zusage, dass der Papst „in seinem Herzen“ (so wörtlich) all die vielen ukrainischen Opfer und die Millionen Flüchtlinge in seinem Herzen trägt… Die Ansprache endet: „Brüder und Schwestern, lassen wir uns vom Frieden Christi überwältigen! Der Frieden ist möglich, der Frieden ist eine Pflicht, der Frieden ist die vorrangige Verantwortung aller!
8.
Der Friede ist also die vorrangige Verantwortung aller, also auch der Kirchen, auch des Papstes. Das klingt gut, ist aber zu allgemein und unverbindlich. Danach hätte es interessant werden können, welchen konkreten politischen Friedensbeitrag denn der Papst, zugleich Chef des Staates Vatikanstadt, denn aktuell zu tun gedenkt. Oder auch: Wie er Friedenserziehung nicht als Blabla einer Spiritualität des Blutes Christi, sondern als politische- ethische Ausbildung aller Katholiken in den Mittelpunkt zu stellen gedenkt. Nichts davon.
9.
Es folgt zum Ende dieser vielleicht weltweit beachteten Rede die übliche Zusage des Ablasses durch einen Kardinal auf der Loggia und dann der übliche Segen des Papstes „Urbi et Orbi“. Wie oft haben Päpste die Stadt und den Erdkreis gesegnet … wurde durch den päpstlichen Segen die Stadt und der Erdkreis (urbi et orbi) nachweislich, empirisch spürbar, friedlicher, berechter? Ich fürchte nein. Diese Segen waren nur etwas sehr Spirituelles“….

10.
Die entscheidende Frage ist noch einmal formuliert:
Warum sagt der Papst nicht in seiner Oster-Ansprache vom 17.4. 2022? Hat er denn keinen politischen Mut mehr? Er hätte doch laut und deutlich sagen können:

„Lieber Patriarch Kyrill, auch du darfst dich, wie ich auch, „Heiligkeit“ nennen.
Sage doch als „Heiligkeit“ bitte deinem angeblich rechtgläubigen, orthodoxen, Weihrauchschwaden und Kerzen liebenden Mitchristen Wladimir Putin: Er solle in Gottes Namen SOFORT diesen Krieg beenden. Wenn nicht, wird er immer mehr zum Völkermörder. Zum Nihilisten, zum Zerstörer. Er stellt sich außerhalb der Humanität.

Und falls du, Kyrill, du Heiligkeit, das nicht willst, weil du aus KGB- Zeiten mit Putin bekanntlich eng verbunden bist:

Dann wende ich mich jetzt eben direkt an den rechtgläubigen Christen, Präsident Wladimir Putin: „Herr Putin, beenden Sie diesen von Ihnen inszenierten Krieg gegen die Ukraine und gegen die Demokratie SOFORT. Beenden Sie in Gottes Namen diesen Krieg!
Wir Katholiken beten ab jetzt nicht nur für den Frieden. Sondern auch: Immer wenn wir einander sehen und begegnen, rufen wir uns zu: „Putin ist ein Kriegsverbrecher. Putin, beende den Krieg.“

Quelle: https://www.vaticannews.va/de/papst/news/2022-04/vatikan-wortlaut-segen-ostern-papst-franziskus.html
Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Patriarch Kyrill muss endlich verurteilt werden.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 11.4.2022

Sind Europas Christen auch ohnmächtig gegenüber dem Putin-Ideologen Kyrill?

Patriarch Kyrill, Chef der Russisch-Orthodoxen Kirche und wie Putin KGB Mitglied,  ist der  große Unterstützer des russischen Präsidenten Wladimir Putin und dessen Angriffskrieges..

 

Allmählich wächst die Distanz: Einige orthodoxe Gemeinden in Europa, mit dem russischen Patriarchen verbunden, trennen sich von ihren Bindungen an diesen Kriegstreiber Kyrill., er nennt sich „seine Heiligkeit“.

Seit dem 23.2.2022 haben wir auf dieser Website sieben Beiträge über den Kriegstreiber und Putin-Freund, Patriarch Kyrill, veröffentlicht. Der Inhalt dieser Hinweise ist deutlich: Kyrill ist als Putin-Ideologe und ehemaliges KGB Mitglied ein wichtiger Kriegstreiber.

Wer gegen Putins Krieg kämpft, muss gegen Kyrill kämpfen. Das heißt: Er muss von der Ökumene angeklagt und aus der ökumenischen Gemeinschaft ausgeschlossen werden. Kyrill hat nicht im entferntesten Verständnis oder oder gar Sympathien für die demokratische Welt und die Menschenrechte. Er ist, so möchte man meinen, völlig benebelt, auch von den Weihrauchschwaden die durch seine Kathedralen schweben…

In den obersten Gremien der Kirchen, im Vatikan mit Papst Franziskus, in katholischen Bischofskonferenzen, in protestantisch geprägten ökumenischen Räten (wie dem ÖRK in Genf) herrscht hingegen vornehme Sanftheit gegen ein hartes Vorgehen gegen Kyrill. Papst Franziskus will sehnsüchtig diese andere Heiligkeit (Kyrill) alsbald treffen, er träumt noch immer davon, wie wichtig eine theologischer Versöhnung mit dieser nationalistischen orthodoxen Kirche ist…

Offenbar kann man noch immer (am 11.4.2022) davon ausgehen, dass es sogar eine große russisch-orthodoxe Delegation beim Welttreffen/bei der Vollversammlung des ÖRK in Karlsruhe, Anfang September 2022, geben soll. Wahrscheinlich wollen die Ökumeniker bei dieser Tagung ganz sanft, wie üblich, die frommen Putin – Ideologen aus Moskau von ihrem Weg ein bißchen abbringen…Aber dann wird es schon zu spät sein; dann wird die halbe Ukraine von Putin zerstört sein, mit Unterstützung des Patriarchen und seiner Untergebenen.  Kyrill muss jetzt, sichtbar für die Welt, vor allem die leidende Ukraine, von den Christen weltweit angeklagt und isoliert werden. Er ist alles andere als eine Heiligkeit…

Nebenbei, aber nicht unwichtig: Die Russisch-orthodoxe Kirche zahlte 2020 und 2021 als ihren freiwlligen Beitrag dem „Ökumenischen Weltrat der Kirchen“ in Genf (ÖRK) eher einen sehr bescheidenen Betrag (in Schweizer Franken umgerechnet); der finanzielle Beitrag ist bescheiden, wenn man etwa das Luxusleben des Millionärs Patriarch Kyrill betrachtet: 2020 wurden 10.229CHF an den ÖRK überwiesen ; 2021 waren es 10.618CHF. Mit anderen Worten: Wenn die Russisch.orthodoxe Kirche aus dem ÖRK ausgeschlossen wird, wäre dies für diese ökumenische Weltorganisation kein finanzieller Verlust. Quelle: LINK

Inzwischen muss am 11.4.2022 von weiteren Ungeheuerlichkeiten des Putin-Ideologen Patriarch Kyrill berichtet werden:

1.
Den kürzlich verstorbenen sehr rechtsextremen Politiker, Antisemiten und Rassisten Wladimir Schirinowski würdigte der Patriarch als „talentierten und leidenschaftlichen russischen Patrioten“. Kyrill gibt sogar zu, „gute und persönliche Beziehungen zu Schirinowski seit vielen Jahren gehabt zum haben.“ Kyrill attestierte dem Verstorbenen „Gelehrsamkeit, Kenntnisse der Weltgeschichte wie der nationalen Geschichte und der internationalen Beziehungen“. (Quelle: Tagespost, 7.4.2022).
Man lese Beiträge über Schirnowski in der kritischen, demokratischen Presse, um sich von den Lügen des Patriarchen zu überzeugen.

2.
In seiner Sonntagspredigt vom 10.4.2022 sagte der Patriarch u.a.:
„Möge der Herrgott uns allen in dieser schweren Zeit für unser Vaterland helfen, uns zu vereinen, auch um die Staatsorgane herum“, sagte das Kirchenoberhaupt .Und er fuhr fort: “Dann wird unser Volk echte Solidarität und die Fähigkeit haben, äußere und innere Feinde abzuwehren und unser Leben so zu gestalten, dass in diesem Leben so viel Gutes, Wahrheit und Liebe wie möglich gibt“, so Kyrills Predigt. (Quelle: KNA und DOM RADIO, 10.4.2022)

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.