Prof. Herbert Schnädelbach entgegnet Manfred Lütz

Herbert Schnädelbach: Die Anatomie eines Vorworts, oder: Wie lanciert man einen Bestseller ?

Bemerkungen zu: Manfred Lütz, Der Skandal der Skandale. Die geheime Geschichte des Christentums, Freiburg/Berlin (Herder) 2018.

[Der Text des Vorworts erschien unter dem Titel ‚Die Religion, die niemand kennt‘ am 25.2.2018 in der WELT AM SONNTAG]

Das Wichtigste für einen strategisch geplanten Bestseller ist der Buchtitel; er muss neugierig machen auf etwas Aufregendes und radikal Neues. „Der Skandal aller Skandale“ ist so ein Titel. ‚Skandal‘ hätte ja schon genügt, aber nein: es muss ein Superlativ her, also der Skandalöseste aller Skandale. Dieser Superskandal wird mit einem weiteren Superlativ beschworen, mit der Behauptung im Vorwort, das Christentum sei „die unbekannteste Religion der westlichen Welt“; da möchte man fragen, welche Religion hierzulande weniger unbekannt sein soll. Der nachdenkliche Leser wird sicher bezweifeln, dass es sich überhaupt um einen Skandal handelte, wäre das Christentum wirklich so wenig bekannt, wie der Verfasser behauptet; es gibt doch in unserer Zeit andere Skandale genug und darunter alternative Kandidaten für den Titel ‚Skandal aller Skandale‘. Der berühmte „Mann auf der Straße“ wird bestenfalls mit der Achsel zucken, wenn er gefragt wird, wie er es findet, dass das Christentum so wenig bekannt ist. Er wird es sicher bedauern, denn schließlich sei die Religion wichtig für die Moral und für die soziale Wohlfahrt, aber einen Skandal wird er dies sicher nicht nennen. Die Lützsche Skandalrhetorik jedoch entlarvt den Verfasser als einen höchst engagierten Religionspolitiker, der vor keiner Übertreibung zurückschreckt, und der sich erst zufrieden gibt, wenn er verbal das Skandalmaximum erreicht hat

Für Manfred Lütz ist das Christentum „die Religion, die niemand kennt“, wie es beim Zeitungsabdruck des Vorworts seines Buches heißt. Diese in einer Gesellschaft von Millionen Kirchenmitgliedern geradezu absurde These begründet er nicht mit einem „Mangel“, sondern mit einer „Überfülle an Informationen“, die aber „gewöhnlich eine merkwürdige Eigenart“ hätten, nämlich die, „grotesk falsch“ zu sein. Wie ein Verschwörungstheoretiker beschwört er die angeblich totale Unkenntnis des Publikums in religiösen Dingen und führt sie auf vorherrschende Desinformation zurück, ohne freilich hinzuzufügen, wer dafür verantwortlich sein könnte. Mit dieser Frage hält sich dieser Autor aber nicht auf, sondern er verspricht sofortige Abhilfe; wie ein Enthüllungsjournalist beansprucht er, „die geheime Geschichte des Christentums“ endlich aufzudecken und wahrheitsgemäß zu erzählen. Tatsächlich sei diese Geschichte nur als Skandalgeschichte präsent; die Gräuel der Kreuzzüge, der Inquisition, der Hexenprozesse und der Christianisierung der Kolonien dienten dabei als Grundlage für Auffassungen vom Christentum, die allgemein für wahr gehalten werden. Was hier tatsächlich für wahr gehalten wird, möge die Meinungsforschung klären, aber darum kümmert sich Manfred Lütz nicht; schließlich besitzt er dafür einen Kronzeugen, nämlich den „hochgebildeten Menschen…Herbert Schnädelbach“. Dieser „namhafte Philosoph“ habe mit seinem „aufsehenerregenden Text aus dem Jahr 2000 mit dem Titel ‚Der Fluch des Christentums‘ ein „Todesurteil“ über diese Religion gefällt. Dabei argumentierte er nicht theologisch, sondern „fast ausschließlich geschichtlich“. Er bezog sich dabei nicht auf „irgendwelche historische Studien, sondern er konnte sich auf einen breiten gesellschaftlichen Konsens über die skandalöse Christentumsgeschichte stützen“. Was er davon anführte, „präsentierte er unbefangen als genauso unbestreitbar“ wie unsere Überzeugungen über den Mond oder den Mount Everest, und so drückte jener Text nur „prägnant aus, was ohnehin alle dachten.“

Wie man einen Philosophen „hochgebildet“ nennen kann, der ohne eigene Recherche nur wiedergibt, was „ohnehin alle“ denken, ist das Geheimnis von Manfred Lütz. Tatsächlich ist der genannte Artikel ‚Der Fluch des Christentums‘ denkbar ungeeignet als Beleg für christentumsfeindliche Skandalgeschichte, die Lütz überall am Werke sieht; vielmehr distanzierte sich sein Verfasser damals gleich zu Beginn des Textes von einer solchen Sichtweise. Es ging ihm nicht um die Hinrichtung des Christentums durch ein „Todesurteil“, sondern um eine Analyse der verhängnisvollen kulturgeschichtlichen Wirkungen, die durch die Ablösung des entstehenden Christentums vom Judentum in die Welt gekommen sind. Diese „Geburtsfehler“ erzeugten schwere Hypotheken für unsere europäische Kultur – vor allem die Erbsündenlehre, die blutige Opfertheologie und die schreckliche Eschatologie – die durch die neuzeitliche Aufklärung in mühsamen Schritten abgetragen werden mussten. An diesem Prozess war die christliche Theologie selbst beteiligt, denn sie hatte seit ihren Anfängen immer auch Aufklärung betrieben. Weil es dabei immer auch um die Substanz des christlichen Glaubens ging, kann man an dieser Stelle von einer Selbstauflösung des Christentums durch Aufklärung sprechen. Die forderte einen hohen Preis – den der zunehmenden theologischen Entleerung des spezifisch Christlichen und seiner anwachsenden Bedeutungslosigkeit für den Alltag in der modernen Welt. Die Überlebenschancen des heutigen Christentums lassen sich sicher nicht durch skandalgeschichtliche Gegenrechnungen verbessern, sondern bestenfalls durch die nüchterne Einsicht, dass es auf dem besten Wege ist, sich selbst abzuschaffen. Der Text schließt mit der Vermutung, dass dieser Vorgang sich schließlich als segensreich erweisen könnte.

Manfred Lütz erzählt dann, wie Schnädelbach genötigt wurde, „sich zu korrigieren“, was er im Sinn seiner Skandalrhetorik als „spektakulär und völlig unerwartet“ bezeichnet.(Warum eigentlich ?) Es seien die Gründlichkeit und die Qualität des wissenschaftlichen Werkes ‚Toleranz und Gewalt‘ (2007) von Arnold Angenendt gewesen, die Schnädelbach nach seinem eigenen Zeugnis zum Umdenken gebracht hätten. Da jener Artikel gar keine Skandalgeschichte enthalten hatte, brauchte sich sein Autor freilich auch nicht davon zu distanzieren; die Bemerkung, die Lütz wörtlich zitiert, betrifft nur „einige optische Verzerrungen in meinem Rückblick“, und die bezogen sich im Zusammenhang des damaligen Briefes vor allem auf das Problem der gewalterzeugenden Intoleranz in der christlichen Tradition. Die übrigen Themen des Textes blieben davon fast unberührt.

Skandaltitel genügen freilich nicht, um einen Bestseller zu lancieren; das war auch nicht der Fall bei anderen Kandidaten von Manfred Lütz: „Irre. Wir behandeln die Falschen“ und von „Bluff! Die Fälschung der Welt“. Man benötigt den Nachweis von Seriosität und Reputation, von Autoritäten, auf die man sich berufen kann, vor allem aber die Sicherung der Wissenchaftlichkeit; kein Skandalautor kommt ohne dies aus. Lütz nennt nicht weniger als vier bekannte Historiker und einen Theologen, die er habe sein Werk „lesen lassen“, „damit alles stimmt“. (Man beachte: Manfred Lütz lässt lesen !) Er fährt fort: „Und wie üblich hat es mein Friseur kontrolliert, damit alles allgemeinverständlich, locker und lesbar bleibt.“ Dieses eindrucksvolle Kontrollgremium wird freilich in den Schatten gestellt durch die alles überragende Autorität des „international renommierten Historikers“ Arnold Angenendt, an der tatsächlich nicht zu zweifeln ist; sein großes Werk „Toleranz und Gewalt. Das Christentum zwischen Bibel und Schwert“ (2007, 6. Auflage 2012), dessen Entstehung nach eigenem Zeugnis durch Schnädelbachs ZEIT-Artikel angeregt wurde, ist die Grundlage alles dessen, was Manfred Lütz in seiner revidierten Christentumsgeschichte vorzubringen hat. Sein Buch enthält in der Tat nichts anderes als den in erzählende Prosa übersetzten Gehalt des Angenendtschen Buches; es soll dessen „entscheidende Ergebnisse…einer breiteren Öffentlichkeit in lesbarer Form zugänglich machen“. Dazu heißt es: „Ich habe den Text verfasst, aber die historisch wissenschaftliche Substanz dieses Buches verdankt sich zu einem guten Teil Prof. Dr. Dr. h.c. Arnold Angenendt und seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die dafür gesorgt haben, dass dieses Buch noch über „Toleranz und Gewalt“ hinaus den neuesten Stand historischer Forschung vermittelt.“

Es handelt sich somit nicht um eine Übersetzung, sondern um den Transfer eines Buches von einer Buchgattung in eine andere; trotz der eindrucksvollen Schrumpfung des ursprünglichen Umfangs von 800 auf 287 Druckseiten soll der Gehalt gleichgeblieben sein. Diesem Übergang ist der gesamte wissenschaftliche Apparat zum Opfer gefallen; abgesehen von einigen eignen Einzelnachweisen wird man stattdessen auf die Originalfassung verwiesen, wo alles im Einzelnen nachprüfbar sein soll. Der so nachdrücklich erhobene Wissenschaftlichkeitsanspruch ist somit für den durchschnittlichen Leser einer auf Treu und Glauben, es sei denn, er macht sich die Arbeit und legt, wenn ihn Zweifel plagen, das Original von Angenendt und die Lützsche Version wirklich nebeneinander. Diese entschlossene Auslagerung jeglicher Kontrollmöglichkeit soll das Buch zusätzlich unangreifbar machen – über die leere Beschwörung der wissenschaftlichen Reputation des ursprünglichen Autors hinaus. Und dann stellt sich die Frage nach der Autorschaft: Ist Manfred Lütz wirklich der Autor dieses Buches, sondern nicht vielmehr nur der Hersteller der Paraphrase eines anderen Buches, dessen Autor Arnold Angenendt heißt ? Man erfährt: „Gewisse Texte sind aus „Toleranz und Gewalt“ übernommen, aber völlig neu zusammengestellt“. Damit wird verschleiert, was es mit der tatsächlichen Autorschaft auf sich hat. (Der Verlagsprospekt des Herder-Verlags spricht deshalb an dieser Stelle auch nur von „wissenschaftlicher Mitarbeit“.) Man braucht nur wenige Seiten des Buchtextes zu lesen. um sicher zu sein, dass der kurzweilige und zuweilen flapsige Erzählton von Lütz nicht der wissenschaftliche Sprachgestus von Angenendt sein kann.

Skandalrhetorik, erborgtes Renommee und fremde Federn der Wissenschaftlichkeit – damit kann der Bestseller gestartet werden.

(Der Artikel ‚Der Fluch des Christentums‘ ist nach wie vor im Internet verfügbar.)

Erzbischof Koch will Merkel helfen

Ein Hinweis von Christian Modehn

….Endlich erhält die doch ein bisschen umstrittene Kanzlerin geistlichen Beistand….

Der Erzbischof von Berlin, Heiner Koch, hat jetzt der Kanzlerin (CDU) in einem „persönlichen Schreiben“ (wie die erzbischöfliche Pressestelle in einer kurzen Meldung vom 15.3. 2018 mitteilt) bischöfliche Hilfen angeboten.

In dem Schreiben des katholischen Bischofs an die Regierungschefin Deutschlands ist einiges sehr bemerkenswert und verdient theologische –politische – philosophische Beachtung:

Das bischöfliche Schreiben macht erneut deutlich: Wir leben in Deutschland in einer Republik, in der sich ein Kirchenführer der Kanzlerin als Helfer (Koch spricht, Paulus zitierend, von „geteilter Last“) anbietet. Der Bischof und die Kanzlerin sind also gemeinsam unterwegs mit ihrer Last… Und teilen sie… Unklar bleibt, ob denn auch Frau Merkel die zweifelsfrei anders geartete Last von Bischof Koch mittragen sollte… Entscheidend bleibt: Ist dieses Hilfsangebot des Bischofs Ausdruck der Kirche – Staat – Beziehung in Deutschland? Sicherlich! Von einer Kirche – Staat – Trennung also kann in der Bundesrepublik bekanntlich keine Rede sein! Beide, Kirche und Staat, helfen einander, arbeiten zusammen, teilen sich die Lasten! Etwa auch im Falle der Einziehung von Kirchensteuer etc…. Dabei ist Deutschland statistisch gesehen kein „christlicher Staat“ mehr, man lese bitte die Konfessionsstatistiken: Jeder Dritte nennt sich „konfessionsfrei“, aber sicher nicht automatisch „atheistisch“. Man hat nur „die Nase von dieser Kirche voll“, wie man so sagt..

Heute geschieht die Lasten – Mitträgerschaft der Kirchen vor allem, weil die Kirchen weite Bereiche der sozialen Solidarität übernehmen, Hilfen und Leistungen, die eigentlich der sich sozial nennende deutsche Staat übernehmen sollte und müsste! Das gilt vor allem im Bereich der Überlebenshilfe für die stetig wachsende Zahl der Millionen Armer und der vielen tausend Obdachlosen. Da verlässt sich der sich sozial nennende, tatsächlich aber den Reichen dienende und denen zuerst verpflichtete Staat auf die Hilfe der Kirchen. Das ist keine „klassenkämpferische“ Erkenntnis, sondern allgemeine Erkenntnis angesichts des Koalitionsvertrages 2018, etwa im Blick auf die Steuerpolitik.

Wichtiger ist: Erzbischof Koch betont, so wörtlich „Eine entchristlichte Gesellschaft (er denkt dabei wohl an den Wahlkreis von Frau Merkel Vorpommern – Rügen, sicher aber auch an das ganze „Ostdeutschland“, wohl auch an Berlin) bietet immer auch den Nährboden für radikale Thesen und eine gefährliche Politik, der wir uns in jedem Fall entgegenstellen müssen“.

Man fragt sich angesichts dieser Behauptung: Ist Erzbischof Koch tatsächlich auch Theologe? Hat er vergessen, wie viele „radikale Thesen und gefährliche Politik“ seit Jahrzehnten in überwiegend katholischen Ländern wie Italien Realität sind? Die Mafia Bosse nennen sich gern katholisch und finden im katholischen Milieu Unterstützung. Das Phänomen Mafia ist im Katholizismus entstanden. Keine Frage! Hat Koch vergessen, dass katholische Politiker in fast allen Staaten Lateinamerikas seit Jahrzehnten und immer wieder „gefährliche Politik“ (Korruption, Gewalt, Ausgrenzung der Armen) betreiben. Ist der Faschismus nicht vor allem in katholischen Ländern, wie Spanien, Portugal, Italien entstanden? Insofern ist die unterschwellige Behauptung, vor allem (nur ?) in kirchenfernen, also säkularisierten und damit wohl auch atheistischen Ländern passiere „Radikales und Gefährliches“, eine gewisse Ungeheuerlichkeit. Damit diffamiert man Atheisten, zu denen ich (katholischer Theologe) als Protestant explizit NICHT gehöre! Will der Bischof mit solchen dummen Abgrenzungen etwa eine neue Gesprächsgemeinschaft der ideologisch unterschiedlichen Bürger schaffen?

Die entscheidende Frage an den hilfsbereiten Erzbischof: Was tut denn die römische Kirche de facto und praktisch in den Gegenden Vorpommerns und Brandenburgs? Was tut die Kirche auf den Dörfern und in den kleinen Städten, um den jungen (arbeitslosen) Menschen beizustehen, Hilfen anzubieten, Treffpunkte für alle und nicht nur für die Katholiken anzubieten. Meines Wissens äußerst wenig, zumal ja sich die Kirche im Zusammenhang der Gemeindezusammenlegungen eher aus den Regionen dort zurückzieht, als dass sie dort die dringende soziale Hilfe gestaltet.  Aber man jammert kirchlich gern – zurecht – dass NPD und AFD auf den Dörfern der genannten Regionen die einzigen Freizeitangebote machen… Aber vielleicht würden sich diese säkularen Menschen kaum in katholische Häuser wagen, weil sie dort möglicherweise mit einer ohnehin problematischen Moral und Sexualmoral konfrontiert würden. Aber die Gemeinden als Gemeinden könnten schon praktisch ihre „Offenheit“ für alle zeigen, sie sollten sich nicht auf die ohnehin auch dort schwach vertreten Organisation „Caritas“ verlassen. Weil also in Vorpommern und Brandenburg so wenig passiert an kirchlicher und gemeindlicher Hilfe, Beratung, Unterstützung der säkularisierten Menschen dort, ist dieser Brief an Merkel eigentlich eine Irreführung. Er erzeugt Nebel.

Erzbischof Koch will vielleicht auch gute Stimmung machen bei der Kanzlerin, weil er sich dringend der vom Bund zugesagten Millionen Euro für den überflüssigen und hoch umstrittenen Umbau der Hedwigskathedrale noch einmal versichern will. Ob der Berliner Senat den Umbau der Kathedrale mit finanziert, ist ja noch ein bisschen umstritten. Vielleicht setzt sich dort die Erkenntnis durch: Es gibt Dringenderes für die Menschen dieser Stadt, als – sorry – ein Loch in der Kathedrale zu stopfen.

In jedem Fall wird auch anlässlich dieses Hilfsangebotes des Erzbischofs an die Regierungschefin Deutschlands klar: Es sollte eigentlich mal wieder gründlich über die Trennung von Kirche und Staat in Deutschland diskutiert werden. Davor haben die meisten Politiker Angst! Die katholischen Bischöfe Frankreichs, wie auch die Leitungen der Protestanten und Juden und Muslims dort, sind jedenfalls sehr zufrieden mit der dortigen laicité, also der seit 1905 bestehenden TRENNUNG von Kirche und Staat. Diese Tatsachen in Frankreich sind evident. Auch wenn sie aus Unkenntnis und Polemik ständig katholischerseits in Deutschland bestritten werden und man sie hier nicht wahrhaben will. Der Klerus in Deutschland fürchtet eben auch um seine dicken Gehälter. Ein Beispiel und ein Vergleich: Der Kardinal Erzbischof von Köln hat monatlich ein (staatliches) Gehalt von ca. 12.000 Euro (A). Der Kardinal von Paris erhält nach eigener Auskunft 2018 in „Paris Match“: 1.400 Euro Monatsgehalt (B). Ein anderes Beispiel: Alle Priester im Bistum Tours (Loire) verdienen monatlich 962 Euro.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Quellenangaben:

(A)Über die Gehälter des Klerus in Deutschland, auch der Bischöfe gibt es einige zuverlässige Informationen, etwa: https://www.steuerklassen.com/gehalt/kardinal/

(B): Zu Paris: Interview vom 15.1.2018:

http://www.parismatch.com/Actu/International/Monseigneur-Aupetit-au-chevet-de-Paris-1436759

Zum Gehalt der französischen Bischöfen, da liegen umfassende neueste Zahlen nicht vor, aber es hat sich gegenüber der 2013 von „le Parisien“ veröffentlichten Info sicher wenig geändert: http://www.leparisien.fr/espace-premium/air-du-temps/combien-gagnent-nos-eveques-27-10-2013-3262135.php

Zum Bistum Tours: https://fr.aleteia.org/2017/08/01/comment-les-pretres-sont-ils-payes/

Was für Tours gilt, das gilt für alle anderen Bistümer, abgesehen vom Elsass und dem Département Moselle wegen des dort noch geltenden Konkordates aus Napoleons Zeiten.

Kardinal Lehmann: Der Gehorsam hat gesiegt.

Hinweise von Christian Modehn. Anlässlich der Lobeshymnen auf Karl Lehmann.

Ergänzung am 19.3.2018: Wie habe ich den 90. Geburtstag von Hans Küng gefeiert? Indem ich einige Sachen von ihm erneut gelesen habe. Da fällt mir auf, etwa bei der Lektüre von Küngs Buch „Umstrittene Wahrheit“ (2009): In welcher Weise sich der jetzt so hoch gelobte, beinahe heiligmäßig genannte Kardinal Karl Lehmann dem eigentlich befreundeten Theologen Hans Küng gegenüber in dem einen entscheidenden Moment (und vorher) verhalten hat. Also im Umfeld dessen, als Hans Küng 1979 der Titel „Katholischer Theologe“ vom Vatikan und den deutschen Bischöfen entzogen wurde. Es ist bezeichnend, dass Küng keine Angst hat, Fakten zu nennen. Zur Diffamierung von Küng durch den Vatikan im Jahr 1979 heißt es in „Umstrittene Wahrheit“ auf Seite 598: „Wer ist für die komplexe theologische Logistik der kompetente Komplize (also für die Aberkennung des Titels Katholischer Theologe CM): Zu meiner großen Betrübnis nach seinem eigenen Zeugnis Karl Lehmann. Nach seiner Wende von der (progressiven theologischen Zeitschrift) CONCILIUM zu der (eher konservativen theologischen Zeitschrift) Communio (mit Joseph Ratzinger) war Lehmann immer mehr auf die amtskirchliche Linie eingeschwenkt. Er strebt offensichtlich das Bischofsamt an….“ Das ist Karl Lehmann ja dann auch mal gelungen.  Noch einmal bewegt mich nur als kritisch beobachtender Journalist die Frage: Was hat Kardinal Lehmann denn nun wirklich an Wirkungen seines angeblich so progressiven Handelns und Denkens hinterlassen? Oder erinnert man sich heute an ein moderates progressives Phantom, das nur bedeutsam ist, wenn man an Dyba, Meisner und die anderen Konservativen denkt.

Es ist keine Frage: Karl Lehmann war ein bedeutender Theologe. Und ein Bischof, dem der Intellekt offenbar genauso soviel bedeutete wie die Frömmigkeit. Das ist bekanntlich eher selten unter Hierarchen in Deutschland. Darum ist eine gewisse Hochachtung vor der intellektuellen Leistung und der –zweifelsfrei – menschlichen Freundlichkeit von Karl Lehmann klar.

Ich will dennoch eine Frage stellen: In allen Gedenk – Kommentaren und Berichten, die an Lobeshymnen grenzen, wird eine Frage nicht gestellt: Warum eigentlich hat der hoch intelligente Bischof und sehr späte Kardinal Lehmann nicht auch gegenüber dem Vatikan und seinen sehr konservativen, „Mitbrüder“ genannten Gegnern (Meisner, Dyba….) im Bischofsamt, wirksam und ohne Wankelmut Nein gesagt? Also betont: Ich bleibe bei meiner Meinung, ich bleibe dabei, was die Beratung der Schwangeren angeht? Ich bleibe dabei, was die, de facto, in globo betrachtet, lächerliche Frage der Zulassung Wiederverheiratet Geschiedener zur Kommunion angeht usw. Er hätte doch sagen können: „Da sage ich gegenüber den Verboten durch den Papst: Nein. Ende, Aus, Basta! Ich sage Nein“.

Luther war noch solch ein Geist, auch Müntzer, auch Arminius. Sie haben etwas (sich selbst !) riskiert und viel gewonnen: Freiheit und Freiheit der Kirche. Das heißt: Reformer (wie möglicherweise Lehmann) sind etwas sehr anders als Reformatoren! In der römischen Kirche gibt es einige verzagte und ängstliche Reformer, aber keine Reformatoren. Das ist das „großartige“ Ergebnis nach dem Reformationsjubiläum 2017.

Man sehe doch nur in den TV Dokumenten genau hin, wie Lehmann sich glücklich freute, endlich den Kardinalshut aus der Hand des gar nicht so geliebten Johannes Paul II. zu erhalten! Sehr hübsch, wie Lehmann sich dazu überwindet (?), den päpstlichen Ring („anulus piscatoris“) zu küssen. Was für eine devote Geste. Eigentlich sehr komisch.

Und irritierend bei einen Mann wie Lehmann, den man kritisch nannte… Aber Katholiken lieben wohl diesen halben Mut bei einem Bischof, weil Mut für Katholiken keine Tugend ist. Es gibt unter den Amtsträgern und vielen Laien keinen Mut, tatsächlich öffentlich und mit praktischen Konsequenzen NEIN zu Rom zu sagen: „Rom ist nicht der liebe Gott“. Das haben sie vergessen. Und die Protestanten sagen es ihnen auch nicht mehr. Nein Sagen: Nicht aus Willkür oder einer Laune heraus, sondern weil Katholiken ihre Spiritualität in diesem Nein retten wollen … und ihr Gewissen. Diese als Individuen sicher hoch respektablen, aber ewig Ja sagenden Katholiken sind einfach eingeschüchtert, sie haben alle absoluten Gehorsam gegen die Obrigkeit gelobt. Und biegen sich und verbiegen sich, um selbst in größter Gewissensnot dann doch den Herrschern und Autoritäten zu folgen. Priester und Bischöfe werden ja im Moment der „Weihe“ ohnehin zum Gelübde des Gehorsams verpflichtet. Ohne Gehorsam gegen die Autoritäten (Papst etc.) gibt es eben keinen katholischen Klerus. Alles gehorsame Leute. Im letzten glauben sie: Mutter Kirche, d.h. der Papst, wird schon immer und ewig recht haben, weil diese Kirche, die römische, so wie sie ist, vom lieben Gott im Himmel gewollt ist. Das glauben Sie, wider alle Vernunft. Kann man ja machen, muss sich aber fragen, wie „reif“ und auf der Höhe der Intelligenz eine solche Denk – Haltung ist…

Aber dieser Gehorsam bricht vielen auch „das moralische Genick“. So haben die Laien auch keine Vorbilder von Priestern und Bischöfen, die explizit NEIN sagen. So bleibt eben alles beim alten oder bei den Alten, verstanden als den tatsächlich sehr alten Herren, die in Rom und anderswo das absolute Sagen haben. Und den Ruhestand dort genießen und herum giften, etwa gegen Papst Franziskus. Das ist infantiles Theater.

Kein Kommentar zum Tod von Kardinal Lehmann stellt die Frage: Was hat denn Kardinal Lehmann nachweisbar erreicht durch seinen Gehorsam? Was hätte er erreicht, hätte er Nein gesagt zum Vatikan in den genannten Themen? Eine schwierige Frage. Vielleicht wäre er als Bestrafter, also als Laie, Dozent an einer Volkshochschule oder staatlichen oder in den hilfsbereiten evangelischen (!) Akademien geworden. Oder auch nicht? Vielleicht hätte sich eine katholische Reformkirche gegründet? Freie Gemeinden in freier Eigen-Verantwortung! Oder Rom hätte wider Erwarten auch mal eingelenkt? Und den Dialog gewünscht und Deutschland eigene Rechte zugestanden. Alles das wurde und wird nie ausprobiert in dieser devoten Gehorsams-Haltung, die endet damit, dass reife Männer vor dem anderen, dem Greis, knieend, diesendann begeistert den „anulus“ küssen! Gibt es etwas, was in den Religionen lachhafter ist?

Jedenfalls gilt unter Demokraten: Das Nein sagen ist die wichtigste Tugend in einer offenen Gesellschaft. Natürlich das reflektierte Nein Sagen. Autoritäre Systeme verbieten das öffentliche Neinsagen: Russland, China, Nordkorea, Weissrussland und so weiter und so weiter. In diesen Kreisen bewegt sich leider politisch die vatikanische Kirche. Wer kann das leugnen?

Wird es eine demokratisch katholische Kirche einmal geben? Hans Küng hatte recht, als er die römische Kirche eine Diktatur nannte. Zu der Frage: Wie werden Diktaturen gestürzt, äußerte er sich bis jetzt nicht. Die DDR jedenfalls implodierte..Und bei Psychologen, kann man lesen, was diese (infantile) Gehorsamsbindung und Autoritätsfixierung bedeutet für ein reifes, selbstkritisches Leben als Mensch…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

„In Polen stirbt jetzt auch der christliche Glaube“

Über das Verschwinden des authentischen Christentums in Polen

Ein Hinweis von Christian Modehn

Über die aktuellen politisch – kulturellen Zustände in Polen, über den offensichtlichen empörenden Abbau demokratischer Grundwerte, wird in Deutschland relativ viel berichtet. Eher sehr selten wird in diesem Zusammenhang auch ausführlich die Rolle der katholischen Kirche (insbesondere des katholischen Klerus) vorgestellt und kritisch gewürdigt. Die bekannten „Polen Analysen“ des „Deutschen Polen Instituts in Darmstadt“ haben jetzt (am 22. 2. 2018) zwei aktuelle Beiträge veröffentlicht: Eine Übersicht, verfasst vom dem seit vielen Jahren das katholische Polen beobachtenden Theo Mechtenberg und einen Beitrag des überaus mutigen und allein auf weiter Flur stehenden kritischen Theologen Ludwik Wisniewski (Lublin) aus dem Dominikaner Orden. Beide Beiträge sind sehr zur Lektüre empfohle:  http://www.laender-analysen.de/polen/pdf/PolenAnalysen213.pdf.

Es bleibt abzuwarten, wie beide Beiträge auch in der sich katholisch nennenden Presse in Deutschland beachtet werden, etwa auch in Kreisen des deutschen Dominikaner Ordens…Wird es Solidaität mit Pater Wisniewski im internationalen Dominikaner Orden geben?

Ich zitiere aus dem Text, den die „Polen Analysen“ veröffentlicht haben, nur zwei typische Sätze von Pater Wisnieswski, die deutlich zeigen mit welcher berechtigten Bravour er seine Argumente veröffentlicht (in der immehin immer noch bestehenden demokratisch gesinnten Wochenzeitung „Tygodnik Powszechny“ vom 21.1. 2018):

„Das Christentum rotten wir selbst aus, (durch unser rechtsextrem – ideologisch verseuchtes Denken), wir, die Geistlichen und die eifrigsten Mitglieder der katholischen Kirche“.

„Ich klage Radio Maryja sowie die mit diesem Presseimperpium verbundenen Zeitschriften an, dass sie das Christentum und die Kirche in Polen vernichten“. (Radio Maryja ist ein sich katholisch nennendes rechtsextremes Radio des Redemptoristen  Paters Tadeuz Rydzyk, der ein engster Freund des PIS Regimes ist).

Eine regelmäßige Besucherin und Freundin unseres „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salons Berlin“ hat ergänzend zwei Beiträge zum Thema für uns aus dem Polnischen übersetzt: Einen Beitrag von Pater Wisniewski und einen Beitrag des international bekannten polnischen Autors Andrzej Stasiuk.

Die acht Krankheiten des polnischen Katholizismus

Von Ludwik Wisniewski, Theologie im Dominikanerorden, Lublin, verfasst im Jahr 2017.

Die Krankheiten des polnischen Katholizismus

  1. Wir ertrinken im Manichäismus (radikale Gegenüberstellung von Gutem von Bösen, CM)
  2. Wir haben den Dialog vergessen
  3. Es wuchert das Sektierertum
  4. Wir sind in äußersten Klerikalismus verfallen
  5. Wir haben die Kirchen politisiert
  6. Wir haben die Kirche nationalisiert
  7. Wir akzeptieren intellektuelle Sterilität
  8. Wir haben uns am Triumphalismus berauscht.

Unser polnischer und katholischer Triumphalismus besteht darin, dass wir uns verhalten, als wir Besitzer der Wahrheit, Besitzer der Religion, die Besitzer Gottes und der Kirche.

Das Evangelium ist für uns Science-Fiction“:

Eine Kritik des Autors Andrzej Stasiuk (2015)

„Polnische Bischöfe lehren immer noch, dass Onanie eine Sünde ist und die Muttergottes die Königin von Polen. Mit der unterschwelligen Drohung, dass, wenn du nicht an den polnischen Gott glaubst, du deine Identität verleugnest. So, als wäre polnische Identität irgendein Superideal der Menschheit. Und wenn sie es nicht ist, was dann? Der Schöpfer bietet uns größere und wichtigere Dinge an als Polnischsein. Aber es stellt sich heraus, dass wir, sobald wir etwas anderes denken, schlicht und einfach Ungläubige sind. Wir stecken immer noch in so einem nationalen Stammestotemkult. Das ist natürlich interessant, weil sehr archaisch, heidnisch. Aber sie sollen uns nicht einreden, dass das Christentum ist. Das ist der Kult der Vorfahren. Anstelle von Kommunion aus dem Leib und Blut Christi ist es das Essen von Leichen. Das Evangelium ist für uns Science-Fiction“.

Copyright: Religionsphilosophischer Salon Berlin

Bischof Laun: Segen für Homosexuelle ist wie Segen für KZs.

Ein Freund von Papst Benedikt XVI. dreht durch

Ein Hinweis von Christian Modehn

… Und wieder einmal zeigt sich: Religions/Kirchenkritik ist eine Hauptaufgabe der Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie…

Der Segen für katholische Homosexuelle –Paare „ist ein Segen für die Sünde. So, wie man auch kein KZ segnen darf“: Mit diesen Worten hat der seit Oktober 2017 im altersbedingten Ruhestand (also mit 75 Jahren) lebende Weihbischof Andreas Laun von Salzburg sich gegen jegliches Ansinnen gewehrt, Bischöfe, wie Kardinal Marx, könnten in Ausnahmefällen den Segen für homosexuelle Paare zulassen, weitere Details hier lesen.

Dieser Vergleich des Theologen Laun: „Segen für Homosexuelle ist wie Segen für KZs oder Bordelle“ ist ein Riesen – Skandal für die Kirche insgesamt. Laun zeigt, welche Typen in der Hierarchie sitzen! Eine Schande für die römische Kirche, denn Bischof Laun, geboren 1942, hatte zahlreiche hohe Funktionen im Vatikan und in Salzburg (dort für die Arbeitsgruppe Familie !) inne. Er wurde 1995 vom polnischen Papst zum Weihbischof von Salzburg ernannt und war seither über Österreich hinaus tätig in Sachen „Verteidigung der uralten Moral und Dogmatik“. Schon früher hat er mit heftigen Verurteilungen um sich geschlagen, so noch 2017, als er öffentlich betonte, Homosexuelle seien gestörte und kranke Menschen. Gegen die katholische Konfliktberatung für Schwangere hat er polemisiert; er konnte förmlich tun und lassen und sagen, was er in seinem Hass von sich geben wollte: Niemand in der römischen Kirche hat ihn gebremst und abgesetzt und in ein Altersheim versetzt. Auch im deutschen Fernsehen war er Gast bei Talk Shows. Aufgrund dieser infamen Äußerungen werden ihm wieder die Talk-Show-Türen offen stehen?

Zweierlei zeigt sich, typisch, für den geistigen Zustand der römischen Kirche:

1. Solch ein Mann wie Laun kann Jahre lang Bischof sein. Er hatte also Freunde und Unterstützer im klerikalen Milieu bis in den Vatikan.

2. Es ist weiter hoch interessant, dass sich Kardinal Ratzinger als Chef der obersten Glaubenskongregation noch kurz vor seiner Wahl zum Papst 2015 lobend über das reaktionäre Kirchenblatt „Kirche heute“ aus Altötting geäußert hat, dort ist Laun als maßgeblihcer Herausgeber tätig. Darin lobt Kardinal Ratzinger nicht nur einen der Finanziers, Albert Graf von Brandenstein-Zeppelin, der durch ein Buch unter dem aktuellen Titel „Die Stellung der Gottesmutter in der Welt – und Heilsgeschichte“ hervorgetreten ist (ein Buch aus der auch Joseph Ratzinger freundlichen reaktionären Gustav Siewerth – Akademie). Mit dieser Siewerth Akademie war der Theologe Ratzinger auch verbunden, aber das ist ein anderes Thema…

Kardinal Ratzinger lobt also im Januar 2005 dieses Blatt „Kirche heute“ , auch den dort als Herausgeber wirkenden Weihbischof Laun, dessen theologisches Profil Ratzinger zweifellos gut kannte: Der oberste Glaubenswächter sagte also: „KIRCHE heute erhebt zu brennenden und unbequemen Themen die Stimme. Dies gilt etwa für Fragen des Lebensschutzes und der Förderung von Ehe und Familie. Hier hat sich vor allem Weihbischof Dr. Andreas Laun aus Salzburg mit seinen Beiträgen große Verdienste erworben“. Quelle: http://www.kath.net/news/mobile/10634

Bischof Laun war als Lebensschützer auch bei den Pro – Life Demos in Berlin dabei, in freundlicher Gesellschaft mit AFD Leuten! Später hat dann Erzbischof Koch von Berlin den Pro Life Leuten mit einem Grußwort beigestanden. Für weitere Infos zur bischöflichen Leidenschaft fürs UNgeborene Leben, hier klicken.Über die Beziehungen Launs zur FPÖ wäre weiter zu sprechen….

Man sieht also: Das ungeborene Leben ist „absoluter“ Mittelpunkt dieser Theologen, das geborene Leben, etwa der Homosexuellen darf aber nicht eigens gesegnet werden, es ist ja Sünde. Wie kann nur Gott so viel Sünde schaffen auf dieser Welt, dürfte man fragen. Nebenbei: Gesegnet werden von Priestern selbstverständlich Autos,  Handys, Pferde und allerhand Getier. Selbstverständlich macht man das! Tiergottesgottesdienste füllen die Kirchen…Der Hamburger Erzbischof hat vor kurzem das Walross Raissa im Zoo gesegtnet.

Später hat dann Bischof Laun Papst Benedikt – wie einen Freund – verteidigt, als Benedikt XVI. sich in Regensburg (am 12.9.2006) inhaltlich und formal völlig vergriffen hatte in der Einschätzung (Verurteilung) des Islams. Der ORF berichtete von der sturen, man möchte sagen auch dort schon offensichtlichen verkalkten Denkhaltung Launs:

„Bischof Laun zu Papstrede in Regensburg über bzw. gegen Muslime:
Der Salzburger Weihbischof Andreas Laun reagiert auf den jüngsten Konflikt mit einer Maßregelung des Islam. Dieser müsse als Dialogpartner „noch lernen, ruhig und sachlich zu reagieren und genau hinzuhören“, so Laun im Interview mit der Zeitung „Österreich“ (Sonntag-Ausgabe). Die Reaktionen aus der islamischen Welt nach den Äußerungen des Papstes sind für Laun „unangemessen“. Er verstehe nicht, warum „der Islam mit Aggression auf einen interessanten Vortrag antwortet“. „In Kenntnis der Geschichte“ seien die nunmehrigen „Behauptungen“ der Muslime „merkwürdig“. Man müsse auch über manche Stellen im Koran diskutieren dürfen, so Laun. Und weiter: „Den Kreuzzügen vorausgegangen ist eine gewaltige militärische Expansion des Islam auf Kosten der Christenheit. In diesem Sinne waren die Kreuzzüge eine Reaktion und nicht ein Willkürakt.“ Quelle ORF .

Der Skandal ist: Es wird deutlich und freigelegt, welche Männer die römische Kirche prägen. Es ist dieser unkontrollierte Klerikalismus, der die römische Kirche kaputt gemacht hat und kaputt macht. Es gab Proteste gegen Bischof Laun, aber es waren mutige Laien, auf die der Klerus selbstverständlich nicht hört. Das ist der Zustand der römischen Kirchen 2018! Ein Skandal folgt dem nächsten. Aber der Klerikalismus (also auch die Abwehr von Demokratie in dieser Kirche) ist und bleibt oberste, unverzichtbare Herrschaftsform.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Marx ohne Marxismus. Und Jesus ohne Kirchen?

Ein Hinweis von Christian Modehn im „Marx Jahr 2018“: .

Es ist nicht nur eine Art philosophischer Spekulation, Jesus von Nazareth als den (angeblichen) Begründer etwa der katholischen Kirche bzw. des Christentums zu deuten im Vergleich mit der üblichen Vorstellung: Karl Marx sei der Begründer “des“ Marxismus bzw. der Marxismen: Leninismus, Trotzkismus, Stalinismus mit Ulbricht, dann Honecker, Mielke und Co: Sie alle beriefen sich ja „irgendwie“ (notgedrungen) auf Marx. Am 5.2.2018 wurde unten noch ein Hinweis auf die Forschungen des Marx – Spezialisten Gerd Koenen zum selben Thema publiziert.

Jesus von Nazareth hat nichts Schriftliches hinterlassen. Es ist bekanntermaßen nicht einfach, aus den vier Evangelien – Texten (verfasst etwa 40 Jahre nach Jesu Tod) einen historischen Jesus zu rekonstrieren. Aber ein Profil und eine Sammlung ursprünglicher Worte und Taten Jesu zeigen sich doch. Auch das ist klar für eine historisch – kritische Bibelwissenschaft! Aber: Das ist der Unterschied zu Karl Marx, dessen Schriften einer unmittelbaren Lektüre eines jeden zur Verfügung stehen, ohne Rücksichtnahme auf entstellende Deutungen der Marxisten, Stalinisten etc. Meine These ist also – hermeneutisch etwas ungewöhnlich – den unmittelbaren Blick zu üben, also ohne die übliche „Brille“ der dogmatischen Marxisten und dogmatischen Kirchen – Deuter Marx und Jesus zu sehen. Um so wieder einen frischen, lebendigen Blick auf das Originelle im Denken wiederzuerlangen. Dogmatische katholische Theologie auch an den Universitäten vollzieht sich ja immer mit der „Brille“ des Verstehens, die die Kirchenführung den Theologen aufsetzt. Wer sich von dieser „Brille“ befreit, wird bestraft, siehe Küng, Boff, Schillebeeckx usw…

Zur Erinnerung: Jesus von Nazareth wurde von der Gemeinde post mortem zum gott-menschlichen Christus erklärt. Allen voran und zuerst publizistisch wirksam geschah dies in den „Paulus – Briefen“ seit dem Jahre 50, verfasst von dem Apostel Paulus, der ja bekanntlich den historischen Jesus von Nazareth gar nicht erlebt hatte. Paulus ist insofern einer der wichtigsten Begründer des kirchlichen Christentums als einer eigenständigen Religion. Andere Theologien der frühen Kirche, etwa die Evangelisten, kamen später hinzu, in dem Bemühen, aus Jesus von Nazareth den Kirchengründer mit einer dogmatischen und hierarchischen Kirchenstruktur zu machen.

Dieses Phänomen ist wichtig und bedenkenswert: Wie aus Jesus von Nazareth als einer radikalen, prophetischen Gestalt, die noch eine, wie sich später herausstellte, irrtümliche Annahme zum Weltende hatte, wie also aus einer nur schwer greifbaren, schon gar nicht kirchen-gründerfreundlichen Gestalt eine überragende welthistorische religiöse Figur wurde. Aus bestimmten religionspolitischen und machtpolitischen Prämissen wurde Jesus also zur „Gründergestalt“ von Institutionen. Diese Gestalt wurde dann im Laufe von 2000 Jahren zu einer gottmenschlichen Gestalt der vielfältigsten Interpretationen in mehreren hundert christlichen Kirchen.

Warum sage ich das alles? Ähnlich ist es auch Karl Marx ergangen. Auch er dachte gar nicht so systematisch und auch er dachte nicht an eine Weltordnung „Marxismus“ genannt unter Führung einer autoritären, also nicht-demokratischen Partei, wie dies jetzt Gareth Stedman Jones in seiner großen Marx-Studie zeigt. Auch er wurde als „göttliche“ Figur in den kommunistischen Staaten ausgestellt und aufgestellt. Von ihm durfte man nicht zu viel wissen, als braver Sozialist, siehe etwa die Unterdrückung der Frühschriften von Marx im Kommunismus…Auch der historische Jesus von Nazareth wurde als Herausforderung an die Kirchen-Führer erlebt. Die „Ketzer – Geschichte“ ist ein Beweis für die Unfähigkeit, den historischen Jesus als Anspruch und Kritik zuzulassen.

Und hier könnte auch an einen Vergleich von Paulus mit Friedrich Engels erinnert werden: Er formte nach dem Tode seines Freundes Karl Marx aus dessen vielen Texten und Fragmenten eine relativ geschlossene Ideologie. Also kann man wohl sagen: Ohne Engels hätte es wohl keinen Marxismus gegeben, so wie es ohne Paulus keine Kirche gäbe.

Und dann haben alle die vielen Marx Nachfolger sich ihren Marx geformt. So wie alle Jesus-Nachfolger sich ihren Jesus formten. Was hat etwa der Jesus des Franz von Assisi mit dem Jesus des Papstes Innozens III. oder des Papstes Bonifaz VIII. zu tun? Gar nichts. Was haben die Mormonen oder die Zeugen Jehovas mit Jesus von Nazareth zu tun? Was hat der nordkoreanische Diktator mit Marx zu tun? Oder Ceausescu mit Marx? Was haben der heilig gesprochene Franco – Freund José de Balaguer und sein Opus Dei mit Jesus von Nazareth zu tun? Sie berufen sich auf ihn. Sie bekennen sich verbal zu ihm. So, wie es der Orden der Legionäre Christi praktiziert, der als superreicher „Millionärs-Orden“ mit dem armen Jesus von Nazareth nicht so viel zu tun hat.

So werden im Laufe der Geschichte eigentlich respektable Gestalten wie Jesus oder Marx verfälscht. Man macht aus ihnen, was „man“ will, d.h. was die jeweiligen Herrscher und ihre Ideologen wollen.

Und die Frage ist: Kann es heute noch eine Rückkehr geben zu dem armen Propheten Jesus von Nazareth und dem leidenschaftlich an der Befreiung der Unterrückten interessierten Denker Karl Marx? Wenn das möglich wäre: Was wäre dann ein Bekenntnis zu diesem Marx ohne den meist verbrecherischen Marxismus/Stalinismus usw. Und was wäre ein Bekenntnis zu dem armen Propheten Jesus von Nazareth jenseits der machtvollen Konfessionen und ihren Dogmen, Klerikern, Palästen, Bürokratien, Kirchensteuern usw.? Und: Wie würde also ein Marx-Gedenken 2018 aussehen? Wie würde ein frischer Marx ohne Marxismus 2018 aussehen?

Früher, etwa ab 1965, gab es große Debatten (in der so genannten „Paulus – Gesellschaft“) von mehr oder weniger dogmatischen Theologen mit mehr oder weniger dogmatischen Marxisten, also etwa Rahner, Metz, Moltmann auf der einen Seite gegen Garaudy, Gardavsky, Lombardo Radice, Ernst Fischer usw. auf der kommunistischen Seite. Diese Gegenüberstellung zweier machtvoller Weltanschauungen ist total überholt.

Heute könnte man etwa einen Jesus ohne Kirche mit einem Marx ohne Marxisten/Marxismus (Leninismus etc.) konfrontieren. Das würde eine gewisse, nicht nur intellektuelle Bewegung wach – rufen. Und Neues im Denken (und Handeln ?) bescheren.

Ergänzung am 5.2.2018: Im Zusammenhag unserer durchaus spekulativen Parallele „Jesus – Marx“, bzw. „Kirche – Marxismus“ (Kommunismus im Plural), ist es interessant, dass der Historiker und Marx – Spezialist Gerd Koenen in einem Interview mit der Beilage der ZEIT, genannt „Christ und Welt“, in einem Interview, publiziert am 1.2.2018, betont: Aus den Schriften von Marx wurden nach seinem Tod „Gründungsdokumente einer neuen politischen Bewegung“ gemacht; dabei arbeitete Engels als eine Art Nachlassverwalter von Marx. Karl Marx wäre nie auf die Idee gekommen, eine Art unfehlbarer Lehrer zu sein, als der er dann in den kommunistischen Staaten galt. Er hatte etwas dagegen, wenn sich Menschen „Marxisten“ nannten. Marx schätzte die ständige (Selbst-) Kritik über alles. Er war gegen Dogmen. „Er bekämpfte alle Versuche, seine Lehren katechetisch auszumünzen“, so Koenen.

Es ist im MARX- JAHR 2018 eine große Chance, den undogmatischen, man möchte sagen: kommunismuskritischen Karl Marx herauszustellen. Er ist ein origineller, leidenschaftlicher humanistischer Denker, der für die Armen eintritt und Gerechtigkeit durchsetzen will. Über die Verwandtschaft dieses ethischen Denkens mit dem Denken und der Praxis des authentischen historischen Jesus von Nazareth ist weiter zu forschen. Die Parallelen jedenfalls können kaum geleugnet werden.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

Beatrix von Storch und ihr Christentum.

Aus aktuellem Anlass: Wir weisen noch einmal auf einen viel beachteten, schon vor einigen Monaten von uns publizierten Hinweis auf den „christlichen Hintergrund“ der führenden AFD Politikerin Beatrix von Storch hin. Klicken Sie hier.