Die Irrtümer des Manfred Lütz in seinem Buch „Skandal der Skandale“: „Auf hohem Ross reitend und besserwisserisch“…

Ein Beitrag des Historikers Dr. phil. Josef Breinbauer.

Das von einigen Stellen mit viel Lorbeeren bedachte Buch von Manfred Lütz, kann nicht unwidersprochen bleiben. Sein durch fromme Scheuklappen eingeengter Blick lässt ihn viel, was er mit seiner Argumentation nicht als kompatibel empfindet, unter den Teppich kehren.

Im Lob von Toleranz und Gewaltlosigkeit der Christen (S. 35 ff.) kann sich Lütz kaum eingrenzen. Doch nicht einmal untereinander kamen die Christen ohne Gewalt aus. Natürlich bleibt daher bei ihm unerwähnt, dass bei der Papstwahl im Jahre 366 die Leute des dann erfolgreichen Damasus eine Kirche stürmten und darin 137 Anhänger seines Rivalen Ursinus umbrachten. Auch die sog. „Räubersynode“ von Ephesos (449) kann nicht gerade als Muster des respektvollen Umgangs der Christen miteinander gewertet werden. Skandale gibt es für Lütz aber erst nach der Jahrtausendwende. „Und wenn das Ende der Welt damals gekommen wäre, müssten wir uns bei der Bilanz des Christentums nicht mit den klassischen Skandalen aufhalten, denn es gab sie nicht. Es gab in den ersten tausend Jahren des Christentums weder Kreuzzüge noch Inquisition oder Hexenverfolgungen, auch keine Pogrome und eben so wenig eine dauerhafte Kirchenspaltung mit der Ostkirche. Man erwarb sich Verdienste bei der Humanisierung der Barbarei…..“( S.63 f.). Allein schon das frevelhafte Handeln von Papst Stephan VI. gegen seinen Vorgänger Formosus auf der Leichensynode von 896/97 macht eine solche Behauptung unglaubwürdig. Fehlanzeige auch der kirchliche Rangstreit 1062/63, als sich in Goslar die Leute des Bischofs von Hildesheim und die des Abtes von Fulda in der Kirche gegenseitig die Köpfe einschlugen, bis feststand, wer neben dem Mainzer Erzbischof sitzen darf. Lampert von Hersfeld, Annalen a. 1063: …multi utrimque vulnerati, multi occisi sunt…Mit der Solidarität der Glaubensbrüder untereinander war es also noch nicht so gut bestellt wie es uns Lütz glaubhaft machen will. Und wenn es ums Geld geht, hört die Friedensliebe der Christen auch gegenüber anderen Christen rasch auf: Siehe Eroberung von Zara beim Kreuzzug (1202).

Auf Seite 44 unterstellt Lütz dem Kaiser Konstantin, der sich erst am Ende seines Lebens taufen ließ, dass dieser im Sinne der Gewaltlosigkeit des Christentums handeln wollte. Ob das Licinius, Fausta und Crispus, denen er zu einem vorzeitigen Tod verholfen hat, auch so sehen, dürfte fraglich sein. Nicht zu vergessen, dass der Christengott für Konstantin zunächst ein Schlachtenhelfer war. Bei der Regelung der Osterfrage hatte Konstantin auch ein paar „Streicheleinheiten“ für die Juden übrig: „Nichts sei uns gemein mit dem feindlichen Volk der Juden!“

Bei der Ketzer- und Hexenverfolgung (Kapitel IV bzw. VI) hält Lütz den Anteil der Päpste möglichst gering, obwohl diese den Inquisitoren die gewünschte Autorität verliehen. Konrad von Marburg (S. 109 f.) wütete demnach eigenmächtig gegen Ketzer und sei auf die geschlossene Gegenwehr der Bischöfe gestoßen. Nach Konrads Ermordung 1233 sei Papst Gregor entsetzt gewesen, auch über das Vorgehen des Inquisitors. Dass ihm der Papst zuvor am 11.10.1231 die volle Gewalt, ohne Zulassung einer Appellation mit Prozessen gegen die Häretiker in Deutschland vorzugehen, übertrug, fällt bei Lütz unter den Tisch. Vgl. NDB, Bd.12, S. 545. Auch die päpstlichen litterae „Vox in Rama audita est“ von 1233, in denen die „luziferianischen“ Initiationsriten geschildert werden, bleiben unerwähnt. Konrad hatte die Phantasiekonstruktionen dem Papst übermittelt. Dem Handeln nach muss Gregor IX. diese für wahr gehalten haben. Ähnlich sparsam mit Informationen geht Lütz (S. 153) beim Hexenhammer (1487) um. Heinrich Kramer, „ein windiger deutscher Dominikaner“ habe sich vorher geschickt bei der päpstlichen Bürokratie ein „routinemäßiges Dekret“ besorgt und dann sein Machwerk gebastelt. Jetzt darf der Leser raten. War das nicht die berüchtigte Bulle „Summis desiderantes affectibus“ des Papstes Innozenz VIII., der sich zum Eingreifen verpflichtet fühlte ? Die in diesem Dokument von 1484 aufgeführten Untaten erklärte Innozenz als Tatsachen, deren Realität man nicht bezweifeln durfte. Für Lütz ist all das keinen Federstrich wert.

Sicherlich ist de Las Casas ein rühmliches Beispiel für die kath. Kirche. Gerne habe ich schon als Schüler Reinhold Schneider, Las Casas vor Karl V. gelesen. Stolz schreibt Lütz auf S. 188: „Die Päpste blieben bei ihrer strikten Verurteilung der Sklaverei.“ Er nennt dabei Urban VIII. (1568-1644) als seinen ersten Gewährsmann. Kein Wort fällt allerdings zu Nikolaus V, der gut hundert Jahre früher dem König von Portugal in der Bulle „Dum diversas“ (leicht im Internet zugänglich) die Vollmacht verlieh, heidnische, ungläubige Reiche, Ländereien… anzugreifen, zu erobern oder zu unterjochen, die Personen für immer in Knechtschaft zu halten…“ Erwähnen können hätte man in diesem Zusammenhang auch den römischen, also nichtchristlichen Philosophen Seneca, der in seinen Epistolae morales 47 entgegen dem damaligen mainstream die Sklaven als Menschen ansah (servi sunt, immo homines).

Das Kapitel um die Unfehlbarkeit des Papstes wird ziemlich flach abgehandelt (S. 198-202). Lütz kommt dabei aus ohne Konstantinische Schenkung, ohne Honorius-Frage, ohne Sutri (1046) und ohne Konziliarismus, welcher 1417 mit Martin V. dem Papsttum einen Neustart ermöglichte. Dieses war dann bedacht, konziliare Fesseln alsbald abzustreifen. Nach katholischer Lehre könne ein Papst nicht eine neue Lehre, die ihm irgendwie gefällt, zum Dogma erheben (S. 200). Da wäre nun eine Erläuterung fällig zu Kapitel IV der dogmatischen Constitution „Pastor aeternus“, wo es heißt: „..ideoque ejusmodi Romani Pontificis definitiones ex sese, non autem ex consensu Ecclesiae, irreformabiles esse“. In diese Zeit von Pius IX. gehört auch dies hinein: Der Skandal um die Nonnen von Sant‘ Ambrogio. Was Hubert Wolf ausführlich beschrieben hat, kann natürlich bei Lütz keine Erwähnung finden. Der Gipfel von Heuchelei aber ist es, wenn Joseph Kleutgen, der sich als Beichtvater der Nonnen zu deren hübschesten ins Bett gelegt hatte, sich später in einer Predigt an die studierende Jugend wendet und die Unkeuschheit als Weg zur Hölle anprangert (Predigten von Joseph Kleutgen, Zweite Abtheilung, Pustet Verlag 1874, S. 99-117). Unbequemen Wahrheiten muss man einfach aus dem Weg gehen.

Beim Thema „Frau“ ist der Autor voll des Lobes für die emanzipatorischen Leistungen der kath. Kirche. Zunächst heißt es auf S. 29 ganz allgemein : „Noch ein anderer Keim ist im Monotheismus angelegt. In den kosmologischen Religionen der Vorzeit entspricht der Mann gewöhnlich der Sonne und die Frau dem Mond, womit Letztere immer nur ein Abglanz ist und nie Gleichberechtigung erhält. Hingegen spricht ihr der Monotheismus dieselbe Menschenwürde zu.“  Gegen Frauen im Dienst am Altar schritten Papst Gelasius (ep. 14,26) und später das Konzil von Paris (829) vehement ein. Logischerweise übergeht Lütz bei seiner Zitation von Paulusstellen jene in 1Kor11,7, wonach der Mann Abglanz Gottes ist, die Frau aber nur Abglanz des Mannes. Dementsprechend heißt es im maßgebenden Decretum Gratiani C.XIII. …ideoque mulier non est facta ad Dei imaginem…Diese nachgeordnete Gottebenbildlichkeit begegnet auch noch beim Brautsegen im Schott/ Das vollständige Römische Meßbuch, mit imprimatur von 1958, [125]. Was der heilige Abt Odo von Cluny, gest. 942, in diffamierender Weise über das weibliche Geschlecht sagt, ist schon mehr als skandalös. Könnte man unter die Haut sehen, würde man sich ekeln, da man nur Schmutz und Schleim vorfände (PL 133, Sp. 556). Nach Lütz sei aber die Kirche keineswegs sexualfeindlich (S. 261) und habe immer wieder prüde Sexualitätsgegner bekämpft (S. 263). Ob für ihn Abt Odo und Petrus Damiani zu diesen gehörten, erfahren wir leider nicht. Letzteren vermisst der kundige Leser auf S. 259. Dieser Heilige und auch Kirchenlehrer war energischer Vertreter der Kirchenreform und gestrenger Verfechter einer restriktiven Sexualmoral, nicht nur im Sinne der Durchsetzung des Zölibats für Priester. Mit seinen putzigen, am Tierreich orientierten Vorstellungen von Sexualität ( PL 145, Sp.777:…admiremur fecundam in vulturibus virginitatem. Perhibentur enim vultures caeterum avium more concubitui nullatenus indulgere, sed absque ulla prorsus masculini sexus admistione concipere…) passt er nicht in die Behauptung von Lütz. Auf S. 266 gelangt der Autor zu der erstaunlichen Feststellung, der hl. Alphons von Liguori, der Patron der Beichtväter, habe dazu geraten, „dass die Priester bei der Beichte in sexuellen Dingen nicht weiter nachfragen sollten.“ Wozu aber hat dieser dann sein großes Werk, die „Theologia moralis“, geschrieben? 1748 erstmals erschienen und dann über 70mal wieder aufgelegt! Sein Ziel war es, gute Beichtväter heranzubilden, die den Grad der Sündhaftigkeit aller möglichen sexuellen Handlungen beurteilen können. Mit Details wird bei Liguori nicht gespart. Seine Einstellung zum Sextum wird schon im ersten Band deutlich: „Nur mit Widerwillen schreiten wir jetzt zur Behandlung jenes Gegenstandes, dessen Name schon die Geister der Menschen unangenehm berührt….Doch diese Sünde muss nur allzu häufig und allzu reichlich Gegenstand der Beichten werden. Gerade ihretwegen wird der größte Teil der Verdammten in die Hölle gestürzt.“(zitiert nach Karl-Heinz Kleber, De parvitate materiae in sexto, S. 275). Dass die Kirche keineswegs sexualfeindlich und prüde sei, lässt sich nach Lütz (S. 261) an Papst Johannes XXI. aus dem 13. Jahrhundert ablesen, der für das Edelste, was es in der Ehe gebe, den Geschlechtsverkehr, offen ins Detail geht. Etwa 400 Jahre später verurteilt aber Innozenz XI. folgenden Satz: Opus conjugii ob solam voluptetem exercitum omni penitus caret culpa ac defectu veniali.“ Inwieweit das nun eine lässliche oder schwere Sünde ist, auch darüber muss Alphons von Liguori Rat geben.

Was Lütz zum Nationalsozialismus schreibt, bleibt ebenfalls geschönt. Von Brückenbauern wie Karl Adam, Joseph Lortz oder Michael Schmaus nimmt er natürlich Abstand. Um sein Bild des Katholizismus in der NS-Zeit nicht trüben zu müssen, liest man bei ihm weder vom „Bekenntnis der Professoren an den deutschen Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler und dem nationalsozialistischen Staat“, welches die Philosophisch – Theologischen Hochschulen Bayerns 1933 unterzeichneten, noch vom „Handbuch der religiösen Gegenwartsfragen“, hrsg. mit Empfehlung des deutschen Gesamtepiskopats von Erzbischof Conrad Gröber (1937). Vom kath. Feldgesangbuch von 1939 und diversen Hirtenbriefen deutscher (Erz-)Bischöfe aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs hat Lütz offensichtlich keine Ahnung Am Erscheinungsort seines Buches hat 1940 der damalige Erzbischof ein Hirtenwort an die Soldaten im Feld gerichtet unter dem Motto: „Arbeite als ein guter Kriegsmann Christi“. Dessen Paderborner Amtskollege stellt zu Beginn der Fastenzeit 1942 in einem Hirtenwort die rhetorische Frage, ob nicht das arme, unglückliche Russland Tummelplatz von Menschen sei, „die durch ihre Gottfeindlichkeit und durch ihren Christenhaß fast zu Tieren entartet sind.“ Das liest sich konträr zu dem, was Lütz auf S. 213 hervorhebt: „Den Christen verbot die Überzeugung von der Gottebenbildlichkeit jedes Menschen den Gedanken „minderwertiger Rassen:“ “

Fazit: Manchmal fragt man sich schon, wie klar oder unklar der Kenntnisstand von Herrn Lütz ist. Es ist tröstlich, dass sich viele seiner Aussagen problemlos zurechtstutzen lassen. Von dem hohen Ross, auf dem er besserwisserisch durch die Kirchengeschichte reitet, kann man ihn leicht herunterholen.

Manfred Lütz, Der Skandal der Skandale Die geheime Geschichte des Christentums, Verlag Herder, Freiburg im Breisgau 2018, 286 S. , ISBN 978-3451-37915-4, gebundene Ausgabe 22 €.

COPYRIGHT: Dr. phil. Josef Breinbauer

Über Karl Marx hinausdenken … anläßlich seines Geburtstages

Zum Beispiel: Mit Max Horkheimer

Ein Hinweis von Christian Modehn.  Über die Bedeutung des Denkens von Karl Marx für HEUTE, besonders zu seinen Aussagen zur Religion und zur Gesellshaftsanalyse (Klassenkampf),  hat der Religionsphilosophische Salon Berlin schon einige Hinweise veröffentlicht. Jetzt ein Hinweis zur Marx Deutung von  Max Horkheimer.

Die Bedeutung von Karl Marx, jetzt, angesichts der Erinnerungen und der für die Zukunft inspirierenden Reflexionen zu seinem 200.Geburtstag, wird umfassender sichtbar, wenn man die weitere Entwicklung seines Denkens, etwa auch in der Kritischen Theorie, untersucht. Dazu nur einige Hinweise, sie gelten dem Denken Max Horkheimer. Im Zusammenhang einer kritischen Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie ist an die Interviews „Die Sehnsucht nach dem ganz Anderen“ (1970) und an die „Notizen“, 1974, zu erinnern.

In einer ersten, eher oberflächlichen Lektüre dieser Horkheimer Texte glaubten viele, Horkheimer sei im Alter völlig religiös geworden. Tatsächlich aber differenzierte er: Theologie kann für ihn nur als erneuerte Theologie existieren: D.h: Sie solle eine tiefe menschliche Sehnsucht, aber kein Dogma aussprechen. Es gibt für Horkheimer einen legitimen Wunsch im Menschen, dass das Faktische, das, was in der kapitalistischen Gesellschaft angerichtet wurde und wird, nicht alles ist und so nicht so bleiben darf, wie und was es ist. Marx wandte sich gegen eine reaktionäre Religion, die Opium ist und nur wirkungsloser Protest gegen das materielle Elend. Bei Horkheimer ist der Gegner eher die aktuelle positivistische Weltanschauung, die den Menschen in das Greifbare und Sichbare und Anaylsierbare und naturwissenschftlich Feststellbare einsperrt und begrenzt in seiner menschlichen Fülle. Zu der auch die Sehnsucht, eine Art Streben nach dem „ganz anderen“, gehört.

Horkheimer bleibt dabei in einer zwiespältigen Einschätzung der Kirche: Sie hat einerseits das Evangelium Jesu von Nazareth für die Nachwelt bewahrt; andererseits aber hat die Kirche als klerikale Institution das Evangelium im Sinne der Herrschaft dieser Kirchen – Institution verfälscht. Mit der Freiheit der Interpretation hat die Kirche förmlich das Evangelium als umfassende, auch gesellschaftliche Befreiungsbotschaft beschnitten und verkürzt. Aber das Evangelium ist ja noch da, es könnte seine ursprüngliche Kraft noch entfalten. Ich denke dabei an die Befreiungstheologie.

Die Sehnsucht nach dem ganz Anderen: Diese will Max Horkheimer bewahren, dabei aber nicht auf die Kapitalismus Kritik von Marx verzichten. Große Hoffnungen auf ein Gelingen seines  Projekts hat Horkheimer nicht, dafür ist er zu deutlich wohl von Schopenhauer geprägt, den er, zeitlich gesehen, vor seiner Marx- Lektüre studiert und rezipiert hatte.

COPYRIGHT: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Das Kreuz in Bayern: Soll Jesus von Nazareth herrschen?

Das Kreuz in bayerischen Amtsstuben

Ein Hinweis von Christian Modehn

Nun also das Kreuz in allen staatlichen Behörden des Freistaates Bayern. Das ist nur die Fortsetzung der Behauptung der CSU Führer: „Der“ Islam gehöre nicht zu Deutschland. Und passend nun zum CSU Regieren unter dem Kreuz Christi der Spruch von Söder: Das Kreuz sei auch ein Symbol der abendländischen Kultur. Immer, wenn heute in politischen Kreisen Europas von Abendland die Rede ist, müssen die Leute eigentlich aufschrecken: Abendland ist das mißbrauchte Symbol für die angeblich gute alte christliche Kultur. Dass diese abendländische Kultur antisemitisch war und dass Muslime etwa in Spanien (16. Jahrhundert) nur als Konvertiten ertragen werden konnten, dass das christliche Abendland auch innerchristlich keine Einheit war, denn immer gab es so genannte Ketzer, dann die Reformationen, dann die konfessionellen Religionskriege etc., all das vergessen diese abendländischen Kreuz-Politiker völlig. Und sie vergessen, dass Europa wesentlich vom (antiklerikalen und damit freien) Geist der Aufklärung bestimmt ist. Sind diese Politiker so dumm oder tun sie aus taktischen Gründen bloß so, weil sie um alles in der Welt rechtsextreme Kreise in die eigene Partei eingliedern wollen?

Natürlich wäre es wichtig für die Menschheit, wenn im Zeichen des Kreuzes dieses armen Propheten Jesus von Nazareth Politik gestaltet würde, also Gerechtigkeit für alle, also Bevorzugung der Armen, also Bekehrung der Millionäre und Milliardäre, also Friedenspolitik, also Liebe zur Natur, die es unbedingt zu schätzen gilt usw.: All das sind zentrale Forderungen der Ethik Jesu, man kennt sie vielleicht noch vom Hörensagen, auch die „praktizierenden“ katholischen CSU Führer hören ja die Evangelien in der Messe: Aber all das sind für sie bloß fromme Geschichten, die natürlich politisch für sie irrelevant sind. Mit Jesus und seiner Bergpredigt lässt sich nicht im entferntesten Politik machen, behaupten die Realpolitiker, die nur den Kapitalismus als alternativlos verehren und „unser“ Wirtschaftswachstum. Vom jesuanischen Geist der Barmherzigkeit in der Politik keine Spur. Entsprechende Äußerungen von Söder sind ja bekannt. Wenn ein solcher Herr ein Kreuz in eine Amtstube hängt, ist das nicht nur ein Witz, sondern, sorry, Blasphemie.

Was soll in Bayerns Behörden das Kreuz? Es ist das Kreuz, dessen sich die Herrschenden immer bedient haben: Kreuzzüge etwa, Kreuzesverwendungen, um den Teufel zu vertreiben, das vorgehaltene Kreuz sollte die Ketzer noch in letzter Minute vor dem Verbrennen zum Eingeständnis der angeblichen Schuld bewegen: Da landet also nicht das Kreuz des Propheten und des durch die Kreuzigung ermordeten Rebellen Jesus von Nazareth in Bayerns Amtsstuben, sondern das Kreuz als abendländisches Herrschaftssymbol.

Da wird das Kreuz missbraucht als Kampfmittel gegen Muslime, Atheisten, Juden. Wie kommen bloß jüdische Leute dazu, ausgerechnet diese Kreuzesinitiative von Söder gut zu finden, wurden denn nicht Juden im Zeichen des Kreuzes verfolgt und im Zeichen des Hakenkreuzes in den KZs verbrannt? Versprechen sich jüdische Vorsteher taktisch bloß Vorteile, wenn sie die Kreuzesinitiative der CSU gut finden, fördern sie auf diese Weise den jüdisch – islamischen Dialog?

Zynisch könnte man sagen: Wenn das Kreuz tatsächlich in den bayerischen Behörden mehr ist als eine Variante des bayerischen Herrgottwinkels (siehe in oberbayerischen Kneipen: Das Kreuz neben dem „hochverehrten“ FJS….) dann müßen eigentlich die Bischöfe, ja letztlich der Papst als oberster Deuter des Kreuzes die Politik leiten und bestimmen. Denn die Herren der Kirche und des Kreuzes haben im Mittelalter immer gesagt: Wir Kleriker wissen mehr, was Politik, was Menschlichkeit etc.ist als ihr Fürsten und Könige und Ministerpräsidenten.

Also: Mögen in ökumenischer Vertrautheit die beiden Bischöfe in München die Politik von Herrn Söder mitbestimmen, etwa die Flüchtlingspolitik, die Politik des sozialen Waohnungsbaus in München etc…

Aber dazu wird es nicht kommen: Kardinal Marx von München widerspricht jetzt deutlich Herrn Söder. Der Kardinal sagt treffend: Kein Politiker darf  sich anmaßen, das Kreuz zu deuten und für seine Parteipolitik zu vereinnahmen. Man stelle sich: Das sagt ein Kardinal anno 2018 im angeblich so prächtigen katholischen CSU Staat Bayern….

Solche parteipolitischen Vereinnahmungen des Kreuzes  gab es schon oft, etwa um 1910 in Frankreich: Als Charles Maurras und seine rechtsextreme Action Francaise rechtsextremes Gedankengut in der Kierche verbreiten wollte. Auch Maurras glaubte an den kulturellen Wert, den“abendländischen Wert“, des Kreuzes. Söder und seine Partei befindet sich historisch gesehen in bester sehr rechtslastiger Gesellschaft. Auch Jean Marie Le Pen, Gründer des Front National,  feierte das Kreuz bei seinen Gottesdiensten zu Ehren der Jeanne  d Arc. Man wird prüfen, wie Herr Orban, der CSU Freund, das Kreuz politisch instrumentalisiert.

Man wird also klar sagen: Herr Söder setzt mit seinem abendländischen Kreuzeskult den Beginn eines Kampfes gegen alle, die nicht kreuzfromm im Sinne der CSU sind.

Ist dies der Beginn eines gewissen Kulturkampfes, der nur dazu dient, mit dem mißbrauchten Kreuz alle Fremden und Flüchtlinge, vor allem „die“ Muslime, von dem angeblich so prächtigen Abendland fernzuhalten. Das Thema Flüchtlinge in Deutschland wird also mißbraucht für eine scharfe politische Wende nach rechtsaußen. Diese Wende deutet sich auch in der CDU an. Wird die Große Koalition diesen bayerischen Kreuzzug überstehen?

copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Manfred Lütz und die Juden in seinem Buch „Skandal der Skandale“

Ein Hinweis von Christian Modehn am 16. 4. 2018

Einige LeserInnen meines Beitrags auf dieser website haben mich gefragt, was denn eigentlich der problematisch wirkende Satz von Lütz auf Seite 31 in seinem Buch „Skandal der Skandale“ bedeuten könnte.

Sie zitierten dann diesen Satz: „Der amerikanische Politologe Gary Remer ist sogar der Meinung, hätte im Mittelalter ein jüdischer Staat bestanden, dürften manche Heiden der Verfolgung ausgesetzt worden sein“. Nur das von mir kursiv Gesetzte stammt von Gary Remer. Der erste Teil des Satzes, der Hauptsatz, stammt von Herrn Lütz.

Mein Hinweis: Die Interpretation dieses Satzes erschließt sich wie so oft nur aus dem Kontext: ENTSCHEIDEND ist der Gesamtzusammenhang, in dem das Zitat von Gary Remer steht:

Denn einige Zeilen vor dem Zitat von Gary Remer spricht Lütz von der politischen Rolle des Judentums in der Geschichte: Das Judentum war als Minderheit nirgendwo eine dominante Religion, schreibt Lütz. Dann schreibt er wörtlich „Wie aber die jüdische Existenz stets eine geschlagene war, so blieb sie doch lange vor einer Herausforderung bewahrt: Der Toleranz-Gewährung“. Das heißt also: Die Juden kamen historisch nie in die Lage, anderen Toleranz zu gewähren… Diesen Hauptgedanken variiert Lütz noch einmal wörtlich: „Nicht weniger absolut als die beiden anderen Monotheismen, musste das Judentum den Rahmen einer „Erlaubten Religion“ nie selbst aktiv bestimmen.“ Das Judentum hat in der Sicht von Lütz also keinen Beweis seiner eigenen Toleranzpolitik vorgelegt. Das schwache Judentum brauchte nie und konnte nicht als Minderheit politisch die Grenzen der Toleranz in den Staaten bestimmen. Das Judentum hat also keine Ahnung und keine praktische Vorstellung von Toleranz. Diese Behauptung will dann Lütz durch eine spekulative Frage verschärfen, indem er fragt: Hätten denn unter anderen Bedingungen die Juden etwa den Heiden gegenüber sich tolerant verhalten? Diese Frage verneint Lütz selbst, lässt aber diese Verneinung einen Juden sagen, den amerikanischen Juden Gary Remer.  Wo genau Herr Remer diesen Halbsatz in welchem Buch sagt, verrät uns der angeblich wissenschaftlich arbeitende Herr Lütz nicht. Ob Herr Remer und jüdische Freunde von Lütz über diese seine Inszenierung eines möglichen intoleranten Judentums froh sind, ist die Frage…

Noch einmal: ERST nachdem Lütz die mögliche Intoleranz der Juden freigelegt hat, schließt Lütz den ominösen halben (!) Satz an, der in dem Gesamtzusammenhang eindeutig als Fortführung des eigenen, Lützschen Denkens zu verstehen ist, also als spekulative Interpretion der These von Lütz: Dass Juden politisch keine Ahnung von Toleranzgesetzen haben können.

Und dann folgt der Halbsatz, als Bruchstück, von Gary Remer, in den Lützschen Gedanken eingebau. Er ist in der Funktion des Halbsatzes eindeutig eine Verdeutlichung des Lützschen Denkens. Den Nebensatz von Remer baut Lütz also evident in seine eigene Interpretation ein. Es ist also förmlich Lütz selbst, der das sagt, was Remer in den acht Worten sagen darf.

Lütz schreibt also: „Der amerikanische Politologe Gary Remer ist sogar der Meinung, hätte im Mittelalter ein jüdischer Staat bestanden…., UND JETZT erst beginnt das Remer Zitat: “dürften manche Heiden der Verfolgung ausgesetzt worden sein“.

Lütz hätte in einem anschließenden Satz diesen Halbsatz von Remer kritisch kommentieren können. Macht er aber nicht. Stattdessen springt er sofort in die Gegenwart. Er schreibt: „Erst heute steht der Staat Israel vor der Aufgabe der Regelung religiöser Vielfalt“. Ob der Staat Israel als Staat der Juden nun endlich mal politisch Toleranz lebt (etwa gegenüber den Palästinensern) oder nicht, lässt Lütz offen.

Im ganzen ist dieser Gedanke von Lütz eigentlich auch skandalträchtig: Mit dem ins eigene Argumentieren eingebauten halben Satz von Remer suggeriert Lütz: Juden wären auch intolerant gewesen, wenn sie denn politsch über andere hätten herrschen können.

Damit wird das intolerante Bild „der“ Christen relativiert. Das nennt man christliche Apologie, sogar noch mit den Mitteln einer spekulativen Frage nach der Gewalt durch Juden gegenüber Heiden. Auch dieses Beispiel zeigt: Lütz hat oberflächlich und polemisch gearbeitet. Einmal musste er sich schon, ebenfalls im jüdischen Zusammenhang, öffentlich einen gravierenden Fehler eingestehen: In der Frankfurter Rundschau vom 28.3. 2018, Seite 32. Der FR  Journalist zitiert Lütz aus seinem Buch zum Thema Holocaust: „Manches im christlichen Verhalten (im Holocaust) mag skandalös gewesen sein“. Joachim  Frank weist auf dieses unpräzise Gerede hin. Darauf Lütz: „So steht das? Oh! Da bin ich für Ihren Hinweis dankbar. Da muss –ist- stehen. Wird in der 2. Auflage nach gebessert“.

Ich bleibe dabei und bitte den Herder Verlag um öffentliche Auskunft, warum gerade er als doch etwas theologisch ambitionierter Verlag dieses Buch von Lütz herausgebracht hat. Und so viele Käufer fallen offenbar auf dieses „“Opus“  rein. Geht es wirklich nur ums Geld?

Vor allem: Haben die sechs im Buch genannten hochkarätigen Theologieprofessoren wirklich dieses Opus vorweg gelesen?  Falls Ja, wäre auch diese eine Blamage.

Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 

Mai 68 in West – Berlins katholischer Kirche: Anlässlich des Mordanschlags auf Rudi Dutschke

Eine Erinnerung von Christian Modehn, lebte damals in West- Berlin

Der „Mai 68“ fand in der katholischen Kirche West – Berlins überhaupt nicht statt. Diese Kirche lebte wie auf dem Mond, ängstlich und an die CDU und damit de facto an das Springer Imperium gebunden. Die Bistumszeitung „Petrusblatt“ verbreitete in diesem Jahr (wie auch sonst) keinerlei theologische Hilfen, „die Zeichen der Zeit“ (2. Vatikanum) zu verstehen. Unter Führung eines theologisch ungebildeten und konservativen Klerus wurden die West – Berliner wie dumme Schäfchen gehalten und kritische Stimmen wurden abgewürgt.

Dies ist der nüchterne historische Befund zur Frage: West – Berlins Katholiken und der Mai 68.

Anlässlich des Mordanschlags auf den wegweisenden Inspirator der Studentenbewegung Rudi Dutschke am 11.4. 1968 in West – Berlin mache ich den ersten Teil meines Beitrags zugänglich, der 2009, verspätetet, aber immer noch anlässlich des 40 jährigen Gedenkens an den Mai 68 erschienen war. Das Buch hatte den etwas merkwürdigen und nicht attraktiven Titel „Zwischen Medellin und Paris“ (im Verlag Edition Exodus). Das Buch, 260 Seiten, wurde von Kuno Füssel und Michael Ramminger herausgegeben. Es hat meines Wissens keinerlei öffentliche Beachtung oder Diskussion gefunden, es erschien wohl zu spät (2009) oder die Themen waren für den insgesamt betulichen deutschen Katholizismus zu „rebellisch“. Schade eigentlich, angesichts der Arbeit, die sich 16 Autoren für dieses Buch gemacht haben.

In einem zweiten Teil meines Beitrags habe ich als Mitglied eines katholischen Ordens ab Herbst 1968 und einige Jahre danach noch das ebenso völlig unbeachtete Thema „Das Kloster und der Mai 68“ geschrieben. Dazu folgen später einige Hinweise. Ich empfinde es als eine Schande, dass in der neueren (Kirchen)Geschichtsforschung das Thema „Klöster und Mai 68“ völlig vergessen ist. Da sind die Franzosen viel weiter. Man denke an das großartige Buch „à la Gauche du Christ“, ed. Du Seuil, Paris….. CM.

Mein folgender Bericht kann nicht darauf verzichten, auch persönliche Erfahrungen einzubeziehen.

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Ich habe als Berliner im Februar 1968 an einem staatlichen Gymnasium in Berlin – Wilmersdorf Abitur gemacht. Von der familiären Tradition her gab es immer eine starke Verbindung mit der katholischen Kirche, die hier als verängstigte Diaspora Kirche erlebt wurde. Weil zum Bistum Berlin auch weite Teile der DDR gehörten, wurde von offizieller Seite immer Wert darauf gelegt, die Kirche in West – Berlin als geschlossene, monolithische Einheit zu gestalten. „Die Reihen fest geschlossen“ war sozusagen oberstes katholisches Prinzip, um der verhassten DDR als geschlossene, unbesiegbare Formation gegenübertreten zu können. Von daher waren Kritik und Pluralismus Begriffe, die in der katholischen Kirche West – Berlins keine Bedeutung haben durften. Das ist der wichtige Ausgangspunkt.

Ich hatte mich schon als Schüler trotz dieser bedrückenden Verhältnisse intensiv für Fragen der Religionen und der Philosophie interessiert, so dass ich es kaum erwarten konnte, im Sommersemester 1968 an der Freien Universität Berlin (FU) zu studieren. Die Vorlesungen von Helmut Gollwitzer waren meine erste intensive Begegnung mit einem Theologen. Der Protestant Gollwitzer las im Audi Max der FU über „Revolution und Reich Gottes“, er hatte damit genau das einzig treffende Thema gewählt, das die jungen Menschen damals leidenschaftlich interessierte: Wie ist es möglich eine gerechtere Gesellschaft und einen humaneren Staat zu gestalten? Wie kann die Dominanz des allen (heiligen) Geist tötenden Kapitals überwunden werden? Wie kann die seelische und sexuelle Repression in den Familien und den Gemeinschaften (auch den Kirchen) gebremst werden? Was hat dieser Kampf um Befreiung mit dem Glauben an das absolut zentrale Symbol „Reich Gottes“ zu tun? Ich sehe noch genau, wie sich Helmut Gollwitzer oft im Audi Max den Weg bahnen musste, um überhaupt aufs Podium und ans Mikro zu kommen. Es herrschte eine unglaubliche Spannung, eine Art Energie des Interesses, der leidenschaftlichen Anteilnahme an diesem theologischen Denker. Der Saal war überfüllt, Unterbrechungen des Vortrags waren von Gollwitzer ausdrücklich erwünscht, Diskussionen danach selbstverständlich. Seine hektographierten Thesen zur jeweiligen Vorlesung waren schnell vergriffen. Für mich, katholisch sozialisiert, waren diese Vorlesungen eine „Offenbarung“, weil deutlich wurde: Wichtig ist nicht die Kirche, wie von katholischer Seite immer wieder eingeredet wurde (und wird). Entscheidend ist vielmehr der aktive Einsatz auf der Linie der biblischen Reich Gottes Botschaft. Herbert Marcuse, wohl der wichtigste und einflussreichste philosophische Denker des Studentenaufbruchs, war damals häufig Gast in der FU. Er zeigte, dass sich in den Befreiungsbewegungen der dritten Welt und unter den rebellischen Gettobewohnern der USA sowie innerhalb der Studentenopposition die „Große Weigerung“ ankündigt, die dann zu einer Begrenzung des Kapitalistischen Systems führen kann. Helmut Gollwitzer suchte das Gespräch mit Marcuse. In diesen Diskussionen erlebte ich auch zum ersten Mal eine freie Aussprache über die verschiedenen gleichberechtigten Formen der Sexualität. Abgesehen von den bis heute prägenden Verbindungen mit dem Denken des FU Philosophen Wilhelm Weischedel waren diese Wochen im Frühling und Sommer 68 in West – Berlin für mich bestimmend. Gleichzeitig erlebte ich, wie sich in diesen Wochen voller Lebendigkeit und voller Suchen nach Alternativen gerade der Berliner Getto – Katholizismus weiter versteinerte. Bei einem Empfang katholischer Abiturienten durch Erzbischof Bengsch im Februar 1968 sagte dieser den jungen Leuten: „Christsein bedeutet nicht die Einstellung, gesellschaftlichen Fortschritt durchzusetzen, sondern eine persönliche Verbindung mit Christus“. Soll man diese Äußerung eines Bischofs etwa fromm nennen, eines Bischofs, der sich bekanntermaßen beim 2. Vatikanischen Konzil gegen den Dialog mit der Welt (im berühmten Dokument „Über die Kirche in der Welt von heute“) ausgesprochen hatte und damit zum reaktionären Flügel des Konzils gehörte.

Ich habe vor wenigen Wochen noch einmal den Jahrgang 1968 der offiziellen katholischen Kirchenzeitung West – Berlins, des wöchentlich erscheinenden „Petrusblattes“, durchgesehen: Die Studentenrevolte, die ja ein entscheidendes Zentrum in West – Berlin hatte, fand dort eigentlich nicht statt. Die Ausgabe vom 12. Mai 68 (als alle Welt von der Studentenrevolte sprach) berichtet das Petrus – Blatt weltfremd wie immer auf der ersten Seite über den „Weltkongress der katholischen Presse“! Die Ausgabe vom 26. Mai bringt auf Seite 1 eine „spannende“ Reportage über Radio Vatican, selbstverständlich wird in Fortsetzung der Roman „Begegnung mit einem seltsamen Priester“ (von I. Silone) weiter abgedruckt. Man glaubt zu träumen, wenn man die sich dort dokumentierende Abgehobenheit und Ignoranz betrachtet. Über den evangelischen Theologen Helmut Gollwitzer oder Bischof Kurt Scharf ist natürlich niemals ein Wort gefallen. Die Konzilserklärung zur Ökumenischen Interessiertheit und Zusammenarbeit war offenbar unbekannt. Von den bewegenden Ereignissen in Paris in diesen Tagen im „Petrusblatt“ kein Wort. Da hätten dann die Berliner Katholiken erfahren, dass der Dominikanerpater Jean Cardonnel schon im März 1968 Fastpredigten in dem Konferenz – Saal „Mutualité“ gehalten hat über „Evangelium und Revolution“. Darin sagte er: “Erfolgreiches Fasten könnte ein Generalstreik sein, der die Mechanismen eines unterdrückerischen Systems beendet“. Der Generalstreik kam zwar, aber nicht das gewünschte Ende des Kapitalismus…Die katholische Wochenzeitung „Témoignage Chrétien“ kritisierte zwar die Gewalt einiger studentischer Kreise, verurteilt aber gleichzeitig aufs Schärfste die brutalen Polizeimaßnahmen“. Der Pariser Erzbischof Francois Marty gab die Parole aus: „Gott ist nicht konservativ“.

Im Berliner Katholizismus konnte man und wolle man sich dieser Position nicht anschließen: Als der Studentenführer Rudi Dutschke am 11.4. 1968 am Kurfürsten Damm 141 Opfer eines Attentates wurde, das er nur schwerstkrank überlebte, berichtete das Petrusblatt recht knapp über „Osterzwischenfälle“ (dieser Titel erinnerte mich an die Sprachregelungen des „Neuen Deutschland“ der SED). Weil einige Demonstranten auf dem Kurfürsten Damm ein Kreuz in der Hand hatten und es hoch hinaus wie eine Mahnung in die Öffentlichkeit streckten, schrieb Prälat Erich Klausener: „Junge Leute nehmen das Kreuz für sich in Anspruch. In ihrem Sendungsbewusstsein fühlen sie sich als Vollstrecker der Geschichte“. Das Kreuz, so der Prälat, gehöre in die Hände der Kirche, nicht der Aufständischen! Und der Prälat kritisierte dann die Demonstranten weiter, „weil sie einen moralischen Absolutheitsanspruch haben, der nur von wenigen erhoben wird“. Das Petrusblatt, darüber freuten sich die allermeisten Leser, war nicht nur aufseiten der damaligen Kirchenpartei, der CDU, sie stand auch den Ideologien des Springer Konzerns nahe. Als einige katholische Studenten Flugblätter über den Mai 68 in der Sankt Canisius Kirche (Charlottenburg) verteilten, wurden sie sofort rausgeworfen. Das Petrusblatt berichtete stolz, dass Erzbischof Alfred Bengsch ausdrücklich die Annahme dieses Flugblattes verweigert hätte, weil er sich ja auf die Feier des Pontifikal – Amtes in dieser Kirche vorbereiten musste…In der Katholische Studentengemeinde versuchten einige Unentwegte, Formen der Mitbestimmung der Studenten durchzusetzen, aber darüber wurde nicht objektiv berichtet. Wichtigster Kämpfer in diesen Monaten war der Politologie Student Manfred Krämer, er versuchte vergeblich die Diskussionen rund um den Mai 68 auch in das „Katholisch-theologische Seminar“ an der FU zu tragen. Der dortige Lehrstuhlinhaber Prof. Marcel Reding hatte sich zwar mit Karl Marx beschäftigt, aber eine Konkretisierung marxscher Ideen war ihm dann doch ein bisschen zu viel…. Später wurde von Manfred Krämer ein katholisch-demokratischer Arbeitskreis gegründet, eine kritische Kirchenzeitung mit dem Namen „Dialogikus“ erschien, aber von Dauer waren diese Bemühungen um kritische Gegeninformation nicht. Mit dem hoch gebildeten damaligen Studentenführer Manfred Krämer hat das Petrusblatt 1968 kein Interview veröffentlicht. Kritiker hatten in der Berliner Kirche nichts zu sagen. Erst als die römische Jesuitenzeitung Civilita Cattolica Ende Mai „die“ Jugend in ihrem Wunsch nach Veränderung sanft verteidigte, wurde diese Meldung als Meldung unkommentiert abgedruckt. „Journalismus“ war so nichts anderes als Gehorsam gegenüber Rom.

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

„wo der eigene Wille im Klima strengen Gehorsams ausgelöscht wird“: Das Kloster Le Barroux und „Christ und Welt“ (Die ZEIT)

Wenn Frömmigkeit mit Unterwerfung sich verbindet: Das Kloster le Barroux

Ein zweiter Hinweis auf Tobias Haberls zweiten Beitrag über seinen Klosteraufenthalt

Von Christian Modehn. Meinen ersten Beitrag (28.3.2018) lesen Sie hier.

1.

Es ist bemerkenswert, dass Herr Haberl trotz meiner kritischen Hinweise für sein Lieblingskloster Le Barroux nach wie vor, so wörtlich auch am 5.4. 2018, eine „Faszination“ hat…

2.

Mich freut es, dass in „Christ und Welt“ (5.4.2018), Beilage der „ZEIT“, Tobias Haberl auf meine kritischen Hinweise zum Kloster Le Barroux (bei Avignon) und seinen Aufenthalt dort reagiert. Das zeigt, dass Beiträge im Internet (www.religionsphilosophischer-salon.de)  ernst genommen werden in den Printmedien. Von der journalistischen Sorgfalt her wäre es aber m. E. geboten gewesen, meinen Internet Beitrag auch nun gedruckt den LeserInnen zugänglich zu machen. Daran hatte die Redaktion wohl kein Interesse. So sind viele LeserInnen darauf angewiesen, meine kritischen Hinweise durch die Brille von Herrn Haberl zu lesen. Dabei entgeht ihnen vieles. Darum noch einmal eine weiter führende Stellungnahme.

3.

Warum also noch einmal über Le Barroux reden? Warum ist es – bei aller Freiheit und Religionsfreiheit – bedenklich und der Kritik wert, auf die Gottsuche in Le Barroux zurückzukommen? Weil von dem Besucher dort nun über „Christ und Welt“ eine Ideologie verbreitet wird, die ich gelinde gesagt für sehr problematisch halte in einer demokratischen Gesellschaft. Denn es wird eine Überzeugung verbreitet, die über die Frömmigkeit hinausgeht und die Gesellschaft, also auch das demokratische Miteinander, betrifft. Da wird sehr deutlich, am Schluss des Beitrags, eine Ideologie verbreitet, die man aus rechtsextremen Kreisen gewöhnt ist: Es geht um die Sympathie, wenn nicht das Plädoyer Haberls für „strengen Gehorsam“, für die „Aufgabe des eigenen Willens“, für die „Auslöschung“ des Ichs, alles wörtliche Zitate. Diese Haltungen werden von Haberl im Kloster Le Barroux erlebt und sie werden förmlich als Heilmittel beschrieben gegen die moderne Gesellschaft, die von „Ich – Verherrlichung, Gereiztheit, Neurosen“ usw. bestimmt sein soll. Die Weisungen im Kloster, etwa die Aufgabe des eigenen Willens, geschehen, so der Autor, „in einem heiligen Bezirk“ „außerhalb des Alltags“. Die gute Welt des Gehorsams und der Unterwerfung werden der modernen (bösen) Gesellschaft   abstrakt gegenüber gestellt.

4.

Diese Form des Denkens ist von den rechten und rechtsextremen Meisterdenkern bekannt. Sie wird jetzt wieder auch in christlichen Medien propagiert, im Rahmen des Populismus, des Entstehens neuer rechter Parteien etc. Wer selbst in einem strengen Kloster für die Auslöschung des eigenen Willens plädiert und diese Auslösung bei strengem Gehorsam angemessen findet, hat mit Demokratie, Autonomie, Selbstbestimmung, Menschenrechte usw. meines Erachtens nicht allzu viel im Sinn. Diese Art von Frömmigkeit ist Gift für die Entwicklung einer demokratischen Gesellschaft. Darum also geht es mir bei der Kritik an dem Gott, den man in Le Barroux finden will. Es ist der Gott des ancien régime, der Herrscher, der Unterwerfung liebt und der den französischen wie deutschen Freunden rechtsextremen Denkens entspricht, die ja, wie ich nachgewiesen habe, zum engen Sympathisantenkreis des Klosters Le Barroux gehören. Über die intimen und liebevollen Beziehungen etwa des rechtsextremen Bürgermeisters von Orange, Jacques Bompard, zum Kloster Le Barroux und zu den Äbten, wäre zu reden. Solche Informationen sind im Internet jederzeit zu haben. Jacques Bompard ist bekannt dafür, dass er etwa die Stadtbibliotheken säuberte und nur noch Werke rechter und rechtsextremer Autoren anschaffen lässt. Solche Informationen hätte Herr Haberl mit Leichtigkeit gefunden… Haberl suggeriert, dieses Kloster Le Barroux sei ein ganz normales Benediktinerkloster: Das ist eindeutig falsch: Es wurde umworben vom Vatikan, vom damaligen Kardinal Ratzinger, doch „bitte bitte“ bloß den Papst Johannes Paul II. wieder anzuerkennen und aus dem Netz der Lefèbvre Leute formal herauszutreten: Das haben die Mönche dann formal gemacht. Ratzinger war happy, die uralte Messe, die er selbst als Ultrakonservativer so liebt, dort wieder zelebrieren zu dürfen. Aber nichts hatte sich theologisch in Le Barroux geändert: Nicht nur die Messe des 16. Jahrhundert besteht dort fort, der alte antidemokratische Geist ebenso. Nur ein weiteres Beispiel: Nachweislich haben etwa Mönche von le Barrox die heftigen Massendemonstrationen „gegen die Ehe für alle“ unterstützt. Sie mischen auch auf nationaler Ebene gegen alle gesellschaftlichen Erneuerungen politisch mit!

5.

Kann man dann noch, wie Haberl schreibt, „diese reaktionäre und weltabgewandte Aura als wohltuendes Geschenk“ erleben? Als moderner Mensch, wie er sich selbst nennt, ohne dabei eine totale Spaltung von Spiritualität und demokratischem Alltagsleben zu betreiben?

6.

Schade finde ich es, dass Haberl auf seine Klosterlektüre in Le Barroux nicht noch einmal eingeht: Dort befasste er sich mit Kardinal Sarah, dem wohl heftigsten Feind von Papst Franziskus im Vatikan heute. Das Erleben so wunderschöner alter lateinischer Gesänge von Mönchen mit Tonsur und totalem Gehorsam läss sich gut ergänzen von theologischen Schriften, die eine moderne katholische Kirche mit allen Mitteln bekämpfen.

7.

Mich freut es jedenfalls, dass nun durch den 2. Artikel von Tobias Haberls in „Christ und Welt“ auch das theologisch – politische Profil des mit Haberl offenbar befreundeten Schriftstellers Martin Mosebach noch deutlicher wird. Haberl berichtet, dass Mosebach voller Zustimmung das Benediktinerkloster Fontgombault besucht hat, dort werde „eine ins Zeitlose gesteigerte Individualität“ erfahrbar, was immer das bedeuten mag. Das ebenfalls sehr traditionelle Kloster Fontgombault bewegt sich in derselben Grau(-Braun) Zone wie Le Barroux: Die Mönche denken theologisch antimodern, sind aber mit dem Papst versöhnt, weil dieser kein dringenderes Anliegen hat, als diese Abteien aus dem System der Lefèbvre Traditionalisten bloß formal und bloß rechtlich zu lösen. Mosebach liebt diese antimoderne fromme Welt, das ahnten viele, nun wird es von Tobias Haberl noch mal bestätigt. Nebenbei: Da sitzen viele junge Priester in ihrem Kloster, während in den Gemeinden in der Nachbarschaft kein Priester mehr vorhanden ist und kaum noch Messen stattfinden. Aber kann wohl froh sein, dass die Gemeinden von diesen Benediktiner Mönchen verschont bleiben…

8.

Übrigens und das ist bezeichnend für Fontgombault: Der Chef der Milice von Lyon, der Nazi Paul Touvier, der gesuchte Verbrecher gegen die Menschlichkeit, wurde von den Mönchen des Klosters Fontgombault noch in den siebziger Jahren vor dem Zugriff der Justiz versteckt. Willkommen also, Martin Mosebach, in diesem „Milieu“, das so sehr mit dem von le Barroux verwandt ist! Im Juni 1990 bot der Abt von Fontgombault noch seine Garantie an im Falle einer Freilassung des Verbrechers Touvier. Er wurde 1994 zu lebenslanger Haft verurteilt und starb 1996 im Gefängnis Fresnes. (Siehe auch „Paul Touvier et l église, Edition Fayard, Paris, 1992, Seite 300f. Das Buch wurde u.a. herausgegeben von René Rémond).

9.

Für alle, die Französisch lesen können, ein Hinweis auf das Zusammenleben der Bürger im Ort Fontgombault, Dép. Indre, mit dem traditionalistisch agierenden Kloster.

Der Beitrag des Journalisten Hugo Perrier vom 11.3.2014:

Aujourd’hui, je vous emmène à Fontgombault dans l’Indre. Dans ce bourg de 271 habitants, c’est Christine Boutin qui est arrivé en tête lors de la dernière élection présidentielle. Et pour cause, plus d’un tiers des électeurs sont des moines.

Depuis le 15e siècle, ils occupent une magnifique abbaye bénédictine située au cœur du village et cela fait bientôt 40 ans qu’ils votent pour la même personne, Jacques Tissier. Il faut dire que le Maire, fervent catholique, sait se faire apprécier des moines. Seulement, depuis plus d’un an, un vent de révolte s’est levé sur la commune… Des habitants de Fontgombault, une cinquantaine, ont décidé de mener la fronde contre les moines et leur représentant à la mairie, Jacques Tissier. Ils se nomment eux-mêmes „les indignés“ et présenteront une liste du jamais-vu depuis 40 ans. Ils reprochent au Maire de ne pas appliquer les lois de la République et de bafouer la laïcité.

# Les Moines

A Fontgombault, ils sont au nombre de 72. Ils sont issus de l’un des courants les plus traditionalistes du catholicisme : le lefebvrisme. Ils vivent cloîtrés dans leur abbaye où ils célèbrent des messes en latin. A chaque élection, ce sont eux qui tiennent le bureau de vote. Ils sont deux au sein du Conseil municipal. Mais récemment, une décision de justice (appel en cours) a mené à la radiation d’une dizaine d’entre-eux des listes électorales. Motif : ils n’habitent plus Fontgombault.

# People

Christine Boutin et Philippe de Villiers sont deux habitués de l’abbaye de Fontgombault. Plusieurs fois, ils ont été aperçus se rendant aux messes données par les moines. Dans les années 70, le chef de la milice lyonnaise sous le régime de Vichy, Paul Touvier, avait trouvé refuge dans cette magnifique abbaye bénédictine.

Wer Christine Boutin und Philippe de Villiers nicht kennt: Beide gehören zum Rechtsaußen in der französischen Parteienlandschaft.

Quelle: Gelesen am 6.4.2018 http://www.bfmtv.com/politique/fontgombault-ville-tenue-moines-729474.html

Ähnliche objektive Informationen bietet auch die Pariser Tageszeitung Libération am 5.3. 2014:

http://www.liberation.fr/societe/2014/03/05/fontgombault-sous-la-coupe-de-la-droite-bure_984831

10.

Zum Schluss: Leider gibt sich Herr Haberl nicht die Mühe, den Autor der Kritik an Le Barroux, also mich, beim Namen zu nennen. Ich bin kein anonymer „Vertreter des Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salons Berlin“, wie Haberl schreibt. „Vertreter“ hat mich bis jetzt noch niemand genannt…. Ich finde diese Art der Entpersonalisierung („ein Vertreter“) ist nicht nur journalistisch nicht korrekt, sie entspricht zudem nicht der angeblich so tiefen und hohen frommen Spiritualität des Herrn Haberl, die er ja in le Barroux gefunden hat, wie er behauptet. Schade, dass die Redaktion auch in dem Falle der Namensnennung ihre Sorgfalts – Pflicht nicht erfüllte.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

Gott finden im Kloster der Rechtsradikalen von Le Barroux. Die Zeitung „Christ und Welt“ (Die ZEIT) riskiert eine Blamage

Ein Hinweis auf einen verstörenden Artikel in der Wochenzeitung „Christ und Welt“

Von Christian Modehn. Einen zweiten, weiterführenden Beitrag (6.4.2018) finden Sie hier.

Dieser Artikel von Tobias Haberl ist eine theologische Verführung: Er will zeigen, welch ein ästhetischer religiöser Genuss entstehen kann in einer Benediktiner Abtei, die man als Zentrum rechtsextremen Denkens bezeichnet. Nur wird diese rechtsextreme Position des Klosters in „Christ und Welt“  absolut verschwiegen. 

1.

Prinzipiell gilt: Jeder und jede kann seinen/ihren Gott oder das Göttliche oder das „Nichts“ suchen und vielleicht „finden“, wo immer man will. Das gilt selbst für den Gott, den man in einem Benediktiner Kloster rechtsextremer Franzosen findet. Nur soll man den Ort der Gottesbegegnung bitte als Journalist dann auch als solchen benennen und sagen, was in diesem Kloster sonst alles so „los ist“. Dies verlangt die journalistische Sorgfalt und verhindert den Anschein, fake news oder Verschwiegenes und Halbwahrheiten zu verbreiten.

2.

So viel Unkenntnis oder Dummheit eines Journalisten, möchte man fast sagen, wurde selten in einem angesehenen Blatt publiziert: Unter dem Titel „Auf Reisen ins Innere“ schreibt der Autor Tobias Haberl einen Bericht über seinen Klosteraufenthalt, publiziert in der – nur für einen kleinen Kreis von Abonnenten erreichbaren – Beilage „Christ und Welt“ innerhalb der Wochenzeitung DIE ZEIT, veröffentlicht am 28. März 2018. Es handelt sich um einen auf zwei großen Zeitungs – Seiten gedruckten Artikel. Also etwas von vermutlich großem Gewicht.

3.

Tobias Haberl folgte, wie er schreibt, der Empfehlung eines katholischen Freundes: Er solle doch einmal als Gast eine Woche in dem wunderschön, in Einsamkeit gelegenen Benediktinerkloster „Sainte Madelaine du Barroux“ bei Avignon verbringen. Im Laufe des Textes wird der nicht genannte, „mein einziger katholischer Freund“, wie Haberl sagt, dann doch deutlich: Es ist kein Geringerer als der katholische Ästhet und Liebhaber der uralten lateinischen Messe Martin Mosebach. Dessen Buch „Häresie der Formlosigkeit“ hat Haberl tatsächlich in seinem Gepäck und er liest im Kloster der „authentischen Mönche“ dieses Mosebach Buch. Wenn das so ist, und alles spricht für Mosebach als den katholischen Freund: Bloß warum wird dieser Mosebach dann schamhaft namentlich verschwiegen, hat Herr Haberl Angst, Mosebach öffentlich zu nennen ? Eher ist es wohl umgekehrt: Mosebach weiß längst, welche theologische und rechtsextrem –  politische Haltung (man denke an die Verbindung des Abtes Dom Calvet mit Jean Marie Le Pen und an des Abtes Abneigung gegen „den“ Islam) die Mönche von Le Barroux haben. Deswegen will er klugerweise doch lieber im Hintergrund bleiben. Jedenfalls ist die Liebe zum Lateinischen in alter prächtiger Form, wie sie in Le Barroux zelebriert wird, „haargenau“ Mosebachs Liebhaberei genannte Spiritualität. Hier jedenfalls wird deutlich, in welchen Klöstern mit einer expliziten politischen Färbung sich Mosebach wohlfühlt. Liturgisch reaktionär und politisch reaktionär verbinden sich gern.

4.

Der Autor Tobias Haberl notiert also, fast in Mosebachschen Schwärmereien, was er in diesen Tagen dort in Le Barroux an spirituellen und alltäglichen Erfahrungen machen konnte: Er schreibt über den Rückzug in eine geschlossene Welt ohne Fernsehen, über die Stille dort, das eher bescheidene Essen, die kleine Klosterzelle für Gäste, das Verweilen in der Kirche, die Begegnungen mit Gott im ästhetischen Erleben der Kunstwerke dort und so weiter. Alles Dinge, die man als Gast in jedem anderen Benediktinerkloster oder Trappistenkloster oder Zisterzienserkloster erleben kann.

5.

Nur: Das Erstaunliche und in dem Falle das Skandalöse ist: Es wird vom Autor völlig ausgeblendet in den spirituellen Tagesnotizen jegliche Information über dieses Kloster Le Barroux. Das besondere politische und theologische Profil wird verweigert bzw. verschwiegen, ob bewusst oder unbewusst aus Uninformiertheit, ist eine Frage.

Denn, das weiß, mit Verlaub gesagt, jeder, der sich mit Benediktiner Klöstern in Frankreich befasst und sich dann auch in einem solchen aufhält: Le Barroux ist ein Nest theologisch reaktionärer Mönche und zudem ein Zentrum rechtsradikaler Mönche, die der Partei Front National nicht nur nahe stehen, sondern auch diese Partei mit größter Wahrscheinlichkeit wählen. Das haben seit Jahren demokratisch besorgte Bürgerinitiativen in der Umgebung dokumentiert, die genau die Wahlen in Le Barroux beobachteten und immer feststellten: Diese Mönche, es sind dort etwa 50, wählen laut Wahlergebnissen in diesem kleinen Ort Front National.

6.

Die unbezweifelbaren Tatsachen sind bekannt und können sogar auf der website der Mönche von Le Barroux nachgelesen werden. Warum verschweigt Tobias Haberl, der sonst so viel emails und websites liest, dass er auch die website vom Kloster gelesen hat, diese gibt es ja auch auf Englisch, falls man kein Französisch versteht. Auf der offiziellen Website des Klosters kann man etwa die jungen Mönche bewundern mit welcher prächtigen Tonsur sie ihr asketisches Gesicht zeigen. Sieht man ja eher selten…

Erstaunlich ist die Aussage des Autors: „In dieser Abtei hat das Satanische keine Macht. Alles ist streng und sanft zugleich. Endlich, endlich Authentizität, die wir alle suchen…“

7.

Natürlich hatte der Gründer der Abtei, Abt Gérard Calvet, nichts Satanisches, jedenfalls würde es niemand wagen, solches zu sagen. Um es kurz zu machen: Calvet (1927 bis 2008) hatte sich und sein Kloster den Traditionalisten rund um Erzbischof Lefèbvre angeschlossen. Leute aus dem politischen Umfeld von Lefèbvre gehör(t)en zu den Freunden und Dauergästen im Kloster: Etwa Jean Madiran oder Bernard Antony, beide führende Mitglieder des rechtsradikalen Front National. Wenn der „Christ und Welt“ Autor einmal in die Buchhandlung des Klosters gegangen wäre, die jeden Tage einige Stunden geöffnet ist, hätte er die Bücher der genannten Rechtsextremen (etwa die Polemiken von Jean Madiran über das Abendland und gegen „den“ Islam“) dort gefunden oder die Biographie von Dom Calvet. Auf der website des Klosters, Stichwort boutiques, werden zahlreiche Bücher aus dem rechtsextremen Milieu zum Kauf angeboten. Theologisch werden uralte, aber neu (!) aufgelegte Sachen angepriesen, etwa der Katechismus von Papst Pius X. (gestorben 1914) oder vom Trientiner Konzil im 16. Jahrhundert.

8.

Das Kloster findet bei jungen Mönchen offenbar aus einschlägigen rechtslastigen Kreisen so viel Zuspruch, (denn kein anders Denkender hält es in einem solchen Milieu aus…), so dass tatsächlich ein weites Netz von Klosterneugründungen erwähnt wird. Viele dieser Neugründungen gehören explizit zu den Lefèbvre Traditionalisten, wie etwa das Kloster Reichenstein bei Monschau, Eifel.

9.

Tatsache ist: Dom Calvet stand als Lefèbvre Freund in enger Verbindung mit dem damaligen Chef der obersten vatikanischen Glaubensbehörde, mit Kardinal Ratzinger. Dieser sah es als sein dringendstes Anliegen, darin treu folgend dem polnischen Papst, dass die schismatischen Traditionalisten wieder in den Schoß der römischen Papst Kirche zurückkehren, also den schismatischen Club der Traditionalisten und Lefèbvre Leute verlassen. Und diese „Versöhnung“ mit Rom ist dem Kardinal Ratzinger auch gelungen: Nur mit dem Ergebnis: die reaktionären Mönche und FN Freunde von le Barroux erkennen den Papst zwar an. Aber das ist alles. Sonst folgen sie ihrer alten Liturgie, der alten Theologie, kurz, allem was den Traditionalisten wichtig ist. Le Barroux ist also eine Art „trojanisches Pferd“: nach außen hin römisch, päpstlich; de facto reaktionär. Darum sind auch alle reaktionären Medien in Frankreich förmliche Liebhaber des Klosters. Man lese etwa „Le salon beige“ oder „Riposte catholique“, das sind heftigste Websites aus der rechtsextremen katholischen Ecke, die, wie alle wissen, in Frankreich sehr zahlreich und sehr einflussreich sind, jedenfalls mehr als in Deutschland bisher. Diese Kreise haben etwa die Massen – Demonstrationen gegen die Ehe für alle in Frankreich mit organisiert.

Dass der neue Abt, er stammt aus altem Adel, Père Louis Marie de Geyer d Orth, ebenfalls rechtslastige Vorlieben hat, zeigt etwa seine Ansprache anlässlich der Bestattung des Klosterfreundes und Rechtsextremen Jean Madiran (man lese: http://www.nd-chretiente.com/dotclear/public/documents/2013_Documents/2013.08.08_Jean_Madiran_obseques_Dom_Louis-Marie.pdf). Dort ist der jetzige Abt de Geyer d Orth so offen, die tiefe Verbundenheit des Klosterfreundes Madiran mit dem rechtsextremen Vordenker und Schriftstellers Charles Maurras (1868 – 1952) zu betonen.

10.

Ich breche hier die Hinweise zum Kloster der Rechtsextremen Mönche Le Barroux ab, ich habe darüber vielfach publiziert, etwa auch in dem empfehlenswerten Buch „Rolle rückwärts mit Benedikt“ (hg Norbert Sommer und Thomas Seiterich, 2009, dort S 143 ff, besonders S.156 f)

Nur zum Schuss: Der ungenannte bayerische Freund, der den „Christ und Welt“ Autor, also indirekt dann auch „ZEIT“ Autor, ins schöne le Barroux lockte, hatte ihm auch noch einen Buchtipp gegeben: Er solle das Buch des im Vatikan tätigen Kardinals Robert Sarah „Kraft der Stille“ lesen. Jeder kann lesen, was er will: man sollte nur wissen, dass dieser Autor und Kardinal ebenfalls theologisch rechtsaußen steht und einer der definitiven Feinde von Papst Franziskus ist. Ich habe über die Äußerungen Sarahs kürzlich einen Kommentar publiziert: Nur ein Zitat dieses Vatikan – Kardinals: „Die Gender-Ideologie und der islamische Staat teilen beide denselben dämonischen Ursprung. Was der Nazismus und der Kommunismus im 20. Jahrhundert waren, das ist heute die westliche Homosexualität, die Abtreibungs-Ideologie und der islamische (!) Fanatismus“.

http://religionsphilosophischer-salon.de/?s=Kardinal+Sarah

Ob unser Autor auch diese Zeilen gelesen hat und dann Gott fand??

11.

Und noch etwas sehr Wichtiges zum Schluss: Was ist in der Redaktion von „Christ und Welt“ bloß los bei so viel theologischer Unkenntnis? Recherchiert man die Texte der Autoren nicht? Oder will man Rechtslastiges sanft unters Volk bringen? Schaut man da gar nicht mehr hin, wo die Autoren ihren Gott suchen und finden? Natürlich, kann man möglicherweise überall finden. Aber wenn man schon Gott in aller Schönheit und Stille ausgerechnet in Le Barroux findet, sollte man auch sagen: Ich habe den lieben Gott in einem Kloster gefunden, in dem sich theologisch wie politisch Mönche von der rechtsextremsten Seite treffen. Wahrscheinlich könnte dies dann zu einem Pilgerort für fromme AFD Anhänger und Pegida Seelen werden. Da könnte die deutsch – französische Freundschaft im Schatten von Pétain, Maurras und Madiran ganz neue Aspekte bekommen. Es sind gefährliche Aspekte.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.