Das reaktionäre Christentum der AFD: Hinweise zu Beatrix von Storch

Das reaktionäre Christentum der AFD: Einige Hinweise zu Beatrix von Storch und ihrem katholischen Netzwerk

Von Christian Modehn, veröffentlicht am 28.4.2016.

1.
Die „Alternative für Deutschland“ will eine heftige und undifferenzierte Kritik an „dem“ Islam zu einem Schwerpunkt ihres Parteiprogramms machen. AFD Vizechefin Beatrix von Storch sagte der „FAS“: „Der Islam gehört nicht zu Deutschland, der Islam ist mit dem Grundgesetz nicht vereinbar“ . Symbole des Islams sollten deswegen aus der Öffentlichkeit verschwinden usw.

Damit werden einige Millionen Menschen islamischen Glaubens, viele von ihnen sind deutsche Staatsbürger (!), zu unerwünschten (eigentlich wertlosen ?) Menschen erklärt. Das erzeugt verständlicherweise Zorn unter Muslims. Genau das will der „IS“ bewirken, dass Europa in einer Art Bürgerkrieg Islam contra Christentum, zerfällt. Die AFD handelt also im Sinne des IS. Die AFD stiftet Unfrieden, schafft Feindbilder mit Sprüchen, die am Stammtisch willkommen sind in der drögen, unreflektierten Sprüchemacherei.

Über die pauschale Islam-Feindlichkeit der AFD und ihrer Gönner und Freunde (auch in der FPÖ, mit der die AFD sich freundschaftlich gut versteht und FPÖ Leute einlädt) wird noch viel diskutiert, hoffentlich im Sinne der Aufklärung.

2.
Wir finden es wichtig darauf hinzuweisen, dass diese Feindbilder-Produktion, diese pauschale Abweisung „des“ Islams eine (von mehreren) Ursachen hat: In dem extrem konservativen christlichen Weltbild der Frau von Storch und ihres ebenso reaktionären christlichen, oft katholischen Netzwerkes, in dem sie lebt.

Es handelt sich um Hinweise, die einer weiteren Recherche bedürfen. Leider wird dieses reaktionäre Bild vom Christentum bei Frau von Storch und anderen AFD Leuten zu selten öffentlich gemacht.

Die „Alternative für Deutschland“ (AFD) sammelt auch jene Menschen, die sich von der philosophischen Aufklärung und den universal für alle Menschen geltenden Menschenrechten verabschieden oder nie davon auch nur gehört haben; denen ein autoritäres Weltbild heilig ist und eben auch ein System von Werten heilig ist, die auf die „wesentliche“ Ungleichheit unter den Menschen setzen. Das Christentum und die humane Botschaft des Neuen Testaments werden zwar zitiert, aber ideologisch missbraucht. Es wird eine inhumane Stimmung erzeugt, die den Respekt lächerlich macht vor der Befreiung der Frauen, den Respekt vor der Gleichstellung homosexueller Menschen, den Flüchtlingen als Menschen, die hier zu einer offenen, humaneren Gesellschaft beitragen. Der AFD-Geist des so genannten Patriotismus liebt die engen Grenzen und die eigene intellektuelle Begrenztheit.

Für diesen Trend, sich aus der europäischen Aufklärung und den Werten der universal geltenden Menschenrechte zu verabschieden, stehen natürlich einige sich intellektuell gebende Führer-Gestalten, die dem Volk die Stichworte und Brüllworte (Pegida) liefern. Dabei sind sie selbst nicht zimperlich. Beatrix von Storch sagte angesichts der damals noch offenen Grenzen für Flüchtlinge und Asylsuchende: Im Fall eines verbotenen Grenzübertritts dieser Menschen, trotz des „Halte-Signals“, sei es erlaubt, auf diese Menschen zu schießen. Später bewies Frau von Storch freundlicherweise so viel Humanität, dass sie sagte: Auf Kinder dürfe man von Europa oder Deutschland/Österreich aus nicht schießen, hingegen auf die Mütter dürfe man durchaus schießen. Es ist merkwürdig, dass diese Aussagen in der Öffentlichkeit schnell in Vergessenheit geraten sind und nicht bei jeder Gelegenheit dieser Frau in Talkshows etc. zunächst einmal, als Opening, vorgehalten werden. Sie ist ja wohl immer noch Abgeordnete im Europa-Parlament, da sind Erinnerungen an faschistoid klingende Äußerungen durchaus wichtig…Nebenbei: Eine Freundin von mir meinte in dem Zusammenhang: Für Frau von Storch hätte es doch reichen müssen, wenn bei unerlaubtem Grenzübertritt nur auf Störche nicht geschossen wird. Aber das ist ein anderes Thema.

3.
Interessant ist, dass die gedankliche und öffentlich formulierte Möglichkeit des Schießens auf Menschen von einer Person gefordert wird, die leidenschaftlich für den Schutz des ungeborenen Lebens eintritt und bei entsprechenden PRO-Life Demonstrationen dabei ist. Man sieht darin die völlig wahnhafte Bedeutung dessen, was Schutz des ungeborenen Lebens und eben konsequenterweise Nicht-Schutz des geborenen Lebens (vor allem der Fremden, Flüchtlinge usw.) bedeutet. Wie überhaupt, etwa in den USA, Pro-Life-Aktivistinnen zu heftigsten körperlichen Attacken greifen, wenn sie etwa Ärzte strafen und misshandeln, die Abtreibungen vornehmen. Diese auch kirchlich geförderte und immer wieder als Vorbild hingestellte „Pro Life Bewegung“ ist also nichts als eine christlich kaschierte Variante eines gewalttätigen Denkens, siehe die Schießempfehlung der pro-life-Aktivistin von Storch. Über Parallelen dieses Denkens zu fundamentalistischen, sich muslimisch nennenden Kreisen der Islamisten, wäre weiter nachzudenken…

Über Frau von Storchs Biografie kann man einige Informationen im Netz lesen. Wir beschränken uns nur auf den Aspekt, dass diese Dame mit ihrem angeblich christlichen Gerede die Botschaft des Christentums verfälscht. Dies ist eine Meinungsäußerung. Ich trete normalerweise nicht für absolute dogmatische Korrektheit ein, ich schätze die große Vielfalt von Glaubensformen im Christlichen. Aber im Falle des AFD – Christentums, so denke ich, sollte rechtzeitig öffentlich ein Nein gesagt werden, bevor noch mehr eher ungebildete Leute in ihrer autoritären Haltung denken: Was die 2. Vorsitzende und 2. Führerin der AFD da sagt über das Christentum, ist doch eigentlich richtig. Darum sollten aufgeklärte Leute diese AFD Christen im öffentlichen Gespräch bloß stellen. Ignorieren bzw. Gesprächsverweigerung – wie jetzt beim Leipziger Katholikentag – nützt nichts.

4.
Einige Hinweise zur Person: In der ultrakonservativen website kath.net wurde schon am 28. Mai 2014 Frau von Storch als, so wörtlich, „engagierte evangelische Christin“ vorgestellt.

Frau von Storch ist mit vollen Namen Beatrix Amelie Ehrengard Eilika von Storch, geborene Herzogin von Oldenburg. Sie entstammt also dem Hochadelsgeschlecht Oldenburg und ist die älteste Tochter des Ingenieurs Huno Herzog von Oldenburg (geb. 1940) und seiner Frau Felicitas (geb.1941), geb. Gräfin Schwerin von Krosigk. Die adlige Dame ist mit dem chilenischen Kaufmann Sven von Storch verheiratet.

Und ab hier wird deutlich, dass die Bedeutung der 2. AFD Vorsitzenden sich nur aus ihrem Eingebundensein in ein weites Netzwerk äußerst konservativer Leute verstehen lässt. Ihr Mann Sven von Storch wurde Direktor des Instituts für Strategische Studien Berlin (ISSB). Er ist Mitgründer der Internet- & Blogzeitung „Die FreieWelt.net“ und seit Dezember 2008 ihr Herausgeber. Herr von Storch ist zudem Mitgründer und Vorsitzender von AbgeordnetenCheck.de und EUCheck.org, sowie seit Dezember 2013 Präsident der NGO, Coalición Ciudadana, in Santiago de Chile. Dies berichtet die Selbstdarstellung in der rechtslastigen „Freie Welt“, einer Art AFD-Organ, das selbstverständlich auch Beiträge von der Gattin Beatrix veröffentlicht (1). Über die Chile-Connection des Herrn von Storch wäre weiter zu forschen, zumal in Chile heute bezeichnenderweise das allerstrengste Abtreibungs-Verbot Lateinamerikas gilt, nicht nur ein Erfolg rigider zölibatärer Prälaten, sondern ein Erfolg dortiger NGOS und Pro Life Leuten…

Wie stark dieses Medium „Freie Welt“ mit ultrakonservativen Kreisen im deutschen Katholizismus verbunden ist, zeigen etwa Interviews mit dem konservativen katholischen Publizisten Manfred Spieker (2). Er ist immer wieder Gastredner des reaktionären „Forum deutscher Katholiken“, einer Gegenveranstaltung zu den Katholikentagen. An diesem Forum deutscher Katholiken hat übrigens früher Kardinal Joseph Ratzinger teilgenommen…

Noch heftiger sind die Äußerungen (in dem blog des Herrn von Storch) von Mathias von Gersdorff, der aus dem Adelsgeschlecht derer von Gersdorff stammt und auch, wie der Gatte von Storch, in Chile geboren wurde. Er äußert sich sehr polemisch und rabiat über den Zustand des deutschen Katholizismus, etwa zum Leipziger Katholikentag 2016: „Das Bild, das die katholische Kirche in Deutschland damit gibt, ist desolat. Eine Kirche, die völlig dabei ist, ihre katholische Identität zu verlieren. Es zeigt sich einmal wieder: Das „Zentralkomitee der deutschen Katholiken“, der Veranstalter des Katholikentages, trägt dazu bei, den katholischen Glauben in Deutschland zu vernichten“. (3) Typisch ist, dass der deutsche Hochadel in Ablehnung des eher progressiven „Zentralkomitees der deutschen Katholiken“ und seiner Katholikentage ganz auf die reaktionäre Alternativveranstaltung „Forum deutscher Katholiken“ setzt und dort wiederum auf reaktionäre Gruppen wie die „Legionäre Christi“ oder das „Regnum Christi“: Hubert Gindert, der Organisator dieser alternativen „Katholikentage“, sagte mir schon 2006 in einem Interview für den Deutschlandfunk: „Ich würde sagen, nach meiner Beobachtung, dass es eine über proportionale Zahl von katholischen Adeligen in den neuen geistlichen Gemeinschaften sich findet, zum Beispiel also bei Regnum Christi: Fürst Löwenstein, der also immer durch unsere Kongresse führt, der ist also eng verbunden mit Regnum Christi. Christiana von Habsburg Löwenstein, das ist die Schwester von Fürst Löwenstein, die ist also auch Mitglied in Regnum Christi, ja. Ich hab den Eindruck, dass bei diesen Gemeinschaften der Adel verhältnissmäßig stark repräsentiert ist“. Nebenbei: Inzwischen ist der Priester Paul Habsburg aus dem Orden der Legionäre Christi mit dem exakten Namen: Paul Rudolph Joseph Michael Antal Petrus Maria von Habsburg-Lothringen, offizieller Titel ist Paul, Erzherzog von Österreich, geboren 1968, für die Neuevangelisierung Deutschlands tätig. Ein anderer Legionär Christi aus dem Hochadel ist der ehemalige Provinzial für Deutschland und jetzige Generalvikar des Legionärs Ordens in Rom, Pater Sylvester Heeremann, er entstammt dem alten niederländischen Adelsgeschlecht Heereman von Zuydtwyck, sein Vater ist Chef von „Malteser international“…

5.
Der oben erwähnte Mathias von Gersdorff gehört auch insofern zum Netzwerk derer von Storch/Oldenburg, als er das deutsche Büro der sehr extrem traditionalistischen internationalen katholischen Bewegung „Gesellschaft zum Schutz von Tradition, Familie und Privateigentum“, in Deutschland mit Sitz in Bad Homburg, leitet, zugleich ist er “selbstverständlich“ Aktivist zum Schutz des ungeborenen Lebens. Damit hat er erst mal alle Sympathien vieler katholischer Prälaten und Kardinäle und evangelikaler Führer. Man kann als Reaktionär eben nichts Besseres und diplomatisch/finanziell Wirkungsvolleres tun, als „pro life“ zu sein… Diese Haltung muss man nicht einmal in reaktionären Kreisen begründen. So einfach ist das. Und es ist bezeichnend, dass von Gersdorff sein Buch über den Gründer der weltweiten reaktionären Bewegung für Tradition, Familie und Privateigentum Plinio Correa de Oliveira in der ebenfalls reaktionären Trappistenabtei Mariawald in der Eifel vorstellte, zahlreiche Kardinäle haben sich für dieses Buch über Plinio Correa de Oliveira ausdrücklich bedankt, wie Kardinal Raymond Burke, Walter Brandmüller, Paul Josef Cordes usw… Diesen Plinio Correa de Oliveira folgten zahlreiche Bischöfe, die sich als reaktionäre Gruppe („Coetus internationalis“) auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-65) sammelten, zu ihnen gehörte der Brasilianer Bischof Geraldo de Proenca Sigaud svd, ein militanter Gegner von Erzbischof Helder Camara, und erwartungsgemäß eben Erzbischof Marcel Lefèbvre gehörte zu diesem reaktionären Club, der den Reformern das Leben sehr schwer machte. Die Österreichische Gesellschaft zum Schutz von Traition, Familie und Privateigentum“ hat etliche Bücher auch über den Gründer dieser reaktionöären Bewegung veröffentlicht: https://tfp.at/shop/

Zum weiten Netzwerk von Beatrix von Storch gehört auch Paul von Oldenburg, auch er ein alter Adliger: Ich zitiere aus wikipedia: „Paul von Oldenburg ist Sohn von Friedrich August von Oldenburg und Marie Cäcilie von Preußen. Die Häuser Oldenburg und Hohenzollern sind protestantisch, aber Paul von Oldenburg ist konvertiert und verheiratet mit María del Pilar Méndez de Vigo y Löwenstein-Wertheim-Rosenberg, mit der er fünf Kinder hat“.

Die Cousine Paul von Oldenburgs ist Beatrix von Storch. Und mit ihr ist er in Brüssel am Kämpfen: Sie für die AFD und er, Paul von Oldenburg, als Lobbyist für die „Bewegung für Tradition, Familie und Privateigentum“. Diese drei Begriffe sind raffiniert gewählt: Der Tradition entsprechend soll die klassische (Hetero)-Familie mit der üblichen Rolle der Frau-Mutter gepflegt werden und dabei das Privateigentum durch den fleißigen Mann vermehrt werden. Wer die Familie pflegt und das Privateigentum als göttliche Gabe der Fleißigen und Adligen sieht, der will auch sicher sein, dass die Erbschaftsgesetze zugunsten der Reichen so erhalten werden müssen, dass der alte Adel durch Heirat/Familiengründung niemals verarmt. Paul von Oldenburg ist auch aktiv für das „Herz-Jesu-Apostolat – für die Zukunft der Familie“. Diese Kreise finden volle Unterstützung katholischer Hierarchen. Man denke etwa, mit welcher Begeisterung viele französische Bischöfe an Massendemonstrationen gegen die „Homoehe“ teilnahmen und dabei genau dieselben Argumente vertraten wie diese Herz-Jesu-Fanatiker und Freunde von „Tradition, Familie und privateigentum“, die auch in Frankreich vertreten ist.

Der politische Mittelpunkt dieser Bewegung ist die Ablehnung der wesentlichen Gleichheit der Menschen. Natürlich ist jeder einzelne Mensch in seinem Aussehen usw. vom anderen verschieden und eben nicht gleich. Diese Banalität meinen diese Herrschaften natürlich nicht: Sie behaupten, es gibt wesentliche Unterschiede unter den Menschen, sozusagen Abstufungen von Wertvollen und weniger Wertvollen. Darin entsprechen sie ganz der Logik der „Neuen Rechten“, also einer weit verzweigten präfaschistischen Philosophie, die in den 1980 Jahren von Frankreich aus sich weit verbreitete. Das künftige Parteiprogramm der AFD, das die Rechercheplattform www. Correctv.org publiziert hat, ist wohl von diesem Geist der Ungleichheit der Menschen bestimmt. Und das ist der entscheidende Punkt, an dem alle, denen Menschenrechte und Demokratie noch etwas bedeuten, aufwachen und handeln sollten.

Der reaktionäre Papst Gregor XVI. (1831-1846 als Papst) wird in diesen Kreisen gern erwähnt, er sagte im Sinne der „Bewegung für Tradition, Familie und Privateigentum“: „Es gibt eine von Gott gewollte Ungleichheit im Recht, Besitz, in der Macht“. Wer für die absolute und heilige Bedeutung des Privateigentums (contra Gemeinwohl) eintritt, will eine hierarchische Gesellschaft der Ungleichen.

In welchen Kreisen also bewegen sich Frau von Storch und ihr Cousin? Gustavo A. Solimeo zum Beispiel ist Mitglied der us-amerikanischen „Bewegung für Tradition, Familie und Privateigentum“, er sagt: „Ungleichheit der Menschen ist ein Naturgesetz. Gott erschuf alles mit Ungleichheit. In allen Bereichen der Schöpfung gibt es Ungleichheit. Nur soziale Ungleichheit erlaubt sozialen Fortschritt: Je mehr Abstufungen es auf einer Gesellschaftsstufe gibt, desto leichter ist es, voranzukommen und gesellschaftlich aufzusteigen“.

Die bestens vernetzte Clique um Beatrix von Storch will ein anderes, nicht mehr so menschenrechtsfreundliches  Deutschland (dies ist meine begründete Meinungsäußerung!), und auch ein anderes, eben ein autoritäres Europa, und das wird nach außen hin taktisch geschickt, im Namen des Christentums gefordert. Deswegen auch die freundschaftliche Verbindung mit der FPÖ. Die europäische Flüchtlingspolitik heute ist bereits eine Angst-Reaktion auch der deutschen Regierung auf die „Macht“ der rechtslastigen und rechtsextremen Populisten, auch von der AFD. Sie bestimmen bereits indirekt die Politik.

Wir sollten nicht zulassen, dass diese Kreise mit ihrer umfassenden Lobby und ihrem Geld auch das Gesicht des Christlichen immer weiter prägen. Und das Christliche förmlich vergiften, weil sie es von universaler Menschenfreundlichkeit „befreien“. Dass es de facto AFD nahe Positionen in den Kirchen gibt, und seit langem schon gibt, ist eine Tatsache, siehe eben die Höherschätzung des ungeborenen Lebens vor dem geborenen Leben etwa der Flüchtlinge, die aufgrund heftigster unmenschlicher Politik Europa etwa in Ideomeni, an der Grenze zum abgeriegelten Mazedonien, jetzt krepieren. Es wird eine kalte Politik des alten europäischen Egoismus betrieben, weil viele Politiker vor dieser AFD Partei Angst haben bzw. auch Angst haben, wegen der Erfolge dieser AFD Partei den eigenen Job zu verlieren. Es geht um die Angst, die Angst vor dem Verlust des „Eigenen“, des Besitzes, der angeblich eigenen Kultur, wenn man sie denn überhaupt hat. Nur deswegen sind ja auch die „Wahlerfolge der AFD oder der Le Pen Partei oder der FPÖ oder des Katholiken Wilders (PVV) in Holland zu erklären.

Die Kirchen sollten beginnen, sich von dem AFD – Geist in ihren eigenen Reihen zu befreien. Nur dieser enge, theologisch auch dumme Ungeist in den Kirchen selbst hat ja die AFD-Erfolge mit möglich gemacht.

(1) http://www.freiewelt.net/autor/?tx_ttnews[swords]=sven%20von%20storch

(2) http://www.freiewelt.net/interview/ehe-und-familie-sind-fuer-politik-ein-blinder-fleck-10065130/

(3) Dieser Beitrag ist erschienen auf mathias-von-gersdorff.blogspot.de

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

Camilo Torres lebt: Seine Bedeutung 50 Jahre nach seinem Tod.

Camilo Torres lebt: 50 Jahre nach seinem Tod.  Siehe auch den einführenden Beitrag von Christian Modehn, Camilo Torres tot und lebendig. LINK 

Ein Interview mit Juan Camilo Biermann López. Er ist Wissenschaftler am „Centro de Pensamiento Camilo Torres Restrepo de la Universidad Nacional de Columbia“.

Ein Vorwort von Christian Modehn am 29.3. 2016: Angesichts der schwierigen und immer wieder scheiternden Friedensverhandlungen zwischen der kolumbianischen Regierung und der Guerilla dort ist es wichtig, an einen Priester, Theologen und Soziologen zu erinnern, der in Kolumbien 1966 als Mitglied einer damals noch ganz anderen „Befreiungsbewegung“ von Regierungstruppen erschossen wurde. Camilo Torres Restrepo gilt heute bei denen, die sich um eine objektive Sicht bemühen, als wichtiger Soziologe und als Befreiungstheologe, der mit der Allmacht eines konservativen Systems in Kirche und Staat zu kämpfen hatte. Camilo Torres war ein Intellektueller, der dem Evangelium gemäß die Armen über alles liebte und sich deswegen den Zorn einer reaktionären Kirchenführung zuzog. Dass er sich einst auch in Berlin aufhielt, darauf haben wir – danke der Hinweise von Juan Camilo Biermann Lopez – schon hingewiesen. Wir sind dankbar für das Exklusiv-Interview mit dem jungen kolumbianischen Historiker Juan Camilo Biermann Lopez.

Die Fragen stellte Christian Modehn, Berlin.

Anlässlich des 50. Todestages von Camilo Torres gibt es jetzt ein breites Interesse unter den KolumbianerInnen an seiner Person und seinem Denken? Gibt es möglicherweise eine neue, nicht-polemische Einschätzung seiner Person?

Jede Dekade der Erinnerung an den Tod von Camilo Torres Restrepo (im folgenden wird der Name der Einfachheit halber oft mit den Buchstaben CTR abgekürzt) führt zu einer Zunahme des Interesses an seinem Leben und Werk. (In der Fußnote wird eine Übersicht geboten, mit der man gut einschätzen kann, wie viele Zeitschriften-Beiträge außerhalb und innerhalb Kolumbiens über CTR geschrieben wurden. In dieser Übersicht kann auch man erkennen, dass sich in den Gedenk-Jahren 1976, 1986, 1996 und 2006 die Zahl der Publikationen über ihn ständig vermehrt hat. Diese Daten entnehme ich einem Buch, das kürzlich unter dem Titel „ Bibliografía general sobre Camilo Torres Restrepo“, veröffentlicht wurde, verfasst von Professor Alberto Parra Higuera von der Universität Hamburg). Aber in dieser Geschichte der Erinnerungen ist das Gedenken an den Tod von CTR vor 50 Jahren durchaus größer als zuvor. Der erste, eher oberflächliche Grund für das große Interesse an CTR ist, dass es jetzt nun einmal um die Erinnerung an den Tod vor genau 50 (!) Jahren geht. Jetzt sind die Menschen, die ihn kannten und seiner Generation angehörten, schon gestorben oder eben sehr alt. Diese Tatsache erleichtert es, dass man jetzt Themen behandeln kann, die vorher noch Groll erweckten oder von einigen Bereichen der kolumbianischen Gesellschaft als Störung empfunden wurden. Ein noch wichtigerer Grund für die Erinnerung an CTR jetzt ist die Tatsache, dass die kolumbianische Regierung und die Guerilla der FARC (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Columbia) einen Ausweg suchen, indem man über den bewaffneten Konflikt verhandelt. Obwohl die FARC und der ELN (Ejército de Liberación Nacional; zum ELN gehörte CTR am Ende seines Lebens, der Übers.) zwei verschiedene Guerilla-Organisationen sind. So haben diese Friedensdialoge die Frage nach einem möglichen Dialog zwischen der Regierung und dem ELN aufgeworfen. So kommt der Gestalt von CTR von neuem eine Bedeutung zu, da er ja die intellektuell bedeutendste Figur des ELN war. Und sein politisches Projekt, das reflektiert wurde in „Plataforma del Frente Unido del Pueblo“ kann die Basis sein, um die Verhandlung zu beginnen. Einen dritten Grund für das starke Interesse an CTR ist darin zu sehen, dass seine sterblichen Überreste noch immer verschwunden sind. Das aber ist ein Verbrechen der Menschlichkeit und es gibt einen Gerichtsprozess, der international gültig ist. Und der hat die kolumbianische Regierung verpflichtet, nach den sterblichen Überresten von CTR zu suchen, um diese dann den Verwandten zu übergeben. Jedoch haben die Kommunikationsmedien ein wenig diese Tatsche verdreht, sie haben behauptet, dass der kolumbianische Präsident Juan Manuel Santos die Überreste von CTR suchen lässt wie in einer Art freundschaftlichen Geste gegenüber dem ELN.

Jede neue Erinnerung bringt neue Interpretationen und Forschungen über Leben und Werk von CTR mit sich. Es ist sehr schwierig, dass in eine Land, das mehr als 50 Jahre den Krieg erlebt, nun mit Leichtigkeit erkannt wird: Camilo Torres Restropo war mehr als ein Guerillero. Es gibt viele Sektoren, auf der Linken wie auf der Rechten, die das Bild von Camilo Torres als einem Guerilla-Priester aufrechterhalten wollen, obwohl klar ist: Priester sein und Guerillerosein bedeuten heute etwas anderes als vor 50 Jahren, als CTR sich der ELN anschloss. Vonseiten verschiedener Universitäten und religiöser und akademischer Kollektive haben wir versucht, neue Erkenntnisse anzubieten, damit CTR nicht nur als Guerilla-Priester gesehen wird. Vielmehr soll man auch anerkennen, dass er Beiträge geliefert hat etwa zu Themen der Stadt-Soziologie. Wichtig ist seine christliche Solidarität mit den Ärmsten der Armen, seine akademische Arbeit mit dem Ziel, die Gesellschaft zu verändern usw. Trotzdem, das wiederhole ich, haben es diese Erkenntnisse schwer, anerkannt zu werden. Denn die Gesellschaft ist sehr polarisiert. Und wenn man dann anerkennt, dass Camilo Torres mehr ein sozialer und politischer Führer war denn ein Guerillero: Dann kann man seinen Tod nicht mehr als einen Sieg des kolumbianischen Militärs über „die Guerillas“ betrachten. Dann kann man Camilo Torres Tod eher interpretieren als ein Beispiel mehr für die Tatsache, dass sich der kolumbianische Staat der bewaffneten Gewalt zuwandte als einer Antwort auf die Gruppen, die politische Veränderungen herbeiführen wollten zugunsten der marginalisierten Gruppen.

Haben die Führer der Katholischen Kirche in Kolumbien die theologische und hohe menschliche Qualität von Camilo Torres inzwischen anerkannt?

Bevor ich diese Frage direkt beantworte, ist es wichtig sich daran zu erinnern, dass CTR sein Priesteramt aufgab, weil die hohe Hierarchie zu der Zeit (damals geleitet von Kardinal Luis Concha Cordoba) ihn verpflichtete, zwischen der priesterlichen Tätigkeit und der politischen Aktivität zu wählen. Es ist schon komisch: Eine Figur wie Monsignore Angel Builes Gomez hat in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts versichert: „Liberale zu töten ist keine Sünde“, er hat vonseiten der Kirche konservative gewalttätige Gruppen unterstützt. Und jetzt ist dieser Prälat ein Kandidat für die Kanonisierung, also die Heiligsprechung im Vatikan. Hingegen gilt CTR nach wie vor als eine Art „outsider“ der katholischen Kirche in Kolumbien. Mehr Informationen über Builes und seine Heiligsprechung bietet: http://www.las2orillas.co/el-obispo-mas-violento-de-colombia-puede-terminar-de-santo/ )

Das zeigt, dass die katholische Kirche in Kolumbien verbunden war mit den Gruppen, die an der politischen Macht waren und die nicht interessiert waren, auf ihre Privilegien zu verzichten.

Trotzdem und über diese Tatsachen hinaus, gibt es doch einige Gestalten in der kolumbianischen Kirche von heute, die versuchen, das Vermächtnis von CTR zu befreien, neu zu lesen, und neu zu sehen, indem man ihn als einen engagierten Christen präsentiert, engagiert für die ganz armen Menschen. Das beste Beispiel dafür ist Bischof Jesus Dario Monsalve aus der Stadt Cali. Er hat nicht nur von der Regierung verlangt, dass sie sich um die sterblichen Überreste von CTR kümmert und diese ausliefert, er hat auch zahlreiche Termine gestaltet um dessen Andenken zu ehren. Das hat dazu geführt, dass Bischof Monsalve Drohungen erhalten hat und dass er von der Rechten als ein Freund der Guerilla qualifiziert wurde, was in Kolumbien schon etwas sehr Schwerwiegendes bedeutet.

Dann beantworte ich also die Frage: Es fehlt noch ziemlich viel an Einsicht, dass die hohe Hierarchie in Kolumbien die Leistungen und die hohen menschlichen Qualitäten von Camilo Torres anerkennt. Sie tut das deswegen nicht, weil dies bedeuten würde: Dass die Kirche eben auch Fehler und Fehleinschätzungen begangen hat und dass sie nicht verstanden hat, was CTR damals als Thema aufwarf, das noch immer gültg ist, nämlich die Solidarität der Kirche mit den Ärmsten der Armen. Hingegen ist das Bild von CTR anerkannt von den Basisgemeinden, das sind Gruppen von Christen, die ihn verehren und in ihm einen „Martyrer“ sehen.

Ist der Gedanke der Hingabe für das leidende Volk DAS Lebensmotiv von Camilo Torres? Ist sein Eintreten für die ELN ein Akt der Verzweiflung gewesen?

Ich glaube das Lebensmotiv bzw. die zentrale Idee seines Lebens war die „amor eficaz“, also die wirksame Liebe. Und die ist sehr viel umfassender als nur die Sorge um die Menschen, die leiden. Diese wirksame Liebe ist die Basis seiner Haltung als Christ, als Akademiker, als Priester, als politischer Führer und … endlich auch als Mensch! Das ist sehr wichtig, da nur dieses Verständnis es erlaubt, in CTR nicht einen Marxisten zu sehen. Sondern er hat begriffen, dass der Marxismus helfen kann, die christliche Liebe eben als eine wirksame Liebe zu gestalten, und zwar dank einer wissenschaftlichen Methode, die das Verständnis und die Umformung der Gesellschaft garantiert zugunsten der breiten Mehrheit.

Wenn man von der wirksamen Liebe ausgeht, dann bietet CTR drei große Aufrufe bzw. Appelle.

Es ist der Aufruf zur Einheit der Volksklasse (clase popular), also der armen Bevölkerung. Es ist der Aufruf zur Solidarität mit dieser Klasse. Und der Aufruf, diese Klasse zu organisieren. Wenn CTR von dieser clase popular sprach, bezog er sich auf die Armen auf dem Land und in den Städten. Es handelt sich um einen sehr weiten Begriff, er ist ein bisschen zwiespältig, denn CTR benutzte zu seiner Zeit diesen Begriff, um von der großen Mehrheit der Leute damals verstanden zu werden. Und dann wollte er damit auch den Unterschied zwischen der Volksklasse und der herrschenden Klasse etablieren, diese herrschende Klasse wurde auch die Oligarchie genannt.

Diese drei Aspekte und Aufrufe fassen sehr gut zusammen, was seine politische Arbeit in den letzten 2 oder 3 Jahren seines Lebens betrifft. Im übrigen suchte er mit diesen drei Appellen alle Parteien, die nicht so mächtig waren und alle Menschen innerhalb der herrschenden Macht-Parteien (also der liberalen und der konservativen Partei) zu vereinen. Er wollte diese Menschen vereinigen ringsum eine „Frente Unido del Pueblo“, eine vereinte Front des Volkes. Aus verschiedenen Gründen fand diese Koalition von Parteien keinen großen Erfolg, vor allem deswegen, weil die Idee verteidigt wurde, nicht an den Wahlen teilzunehmen (man nennt das Absentismus). Und das in einem Moment, als die Präsidentschaftswahlen näher rückten und es Parteien gab (wie die Kommunisten oder die Christlichen Demokarten), die sehr interessiert waren, an diesen Wahlen teilzunehmen.

Ich glaube nicht, dass Camilo Torres Entscheidung dem ELN beizutreten aus Verzweiflung geschah. Ich glaube, es war eine Entscheidung, die er unter großem Druck getan hat, da es ja bekannt ist, dass er im Jahr 1965 zahlreiche Todes-Drohungen erhalten hat. Es ist wichtig, um besser seine Entscheidung zu verstehen, im ELN mitzumachen: Zu dieser Zeit damals war die sozialistische Revolution als nahe bevorstehend erwartet worden. Der Triumph der Revolution in Cuba überzeugte viele, dass sie glaubten: Der bewaffnete Weg sei tauglich, um an die Macht zu kommen, besonders in Ländern wie Kolumbien, wo die Oligarchie überhaupt nicht bereit war, irgendetwas von der eigenen Macht anderen Gruppen der Gesellschaft zu überlassen.

Woran man sich immer erinnern muss ist: Die Idee der Guerilla in den 1960 Jahren ist sehr verschieden von der aktuellen Guerilla!! In der Dekade der 1960 Jahre hatte die Guerilla überhaupt keine Verbindung mit dem Drogenhandel. Zudem, auch wenn der sowjetische sozialistische Block existierte, gab es keine ideologische Rechtfertigung, um die bewaffnete Revolution zu verteidigen. Aber alle diese Zusammenhänge haben sich geändert. Das Problem heute ist: Viele Forscher und vor allem viele Massenmedien präsentieren die Guerilla der 1960 Jahre so, als wäre sie identisch mit der Guerilla von heute. So wird die Gestalt von Camilo Torres falsch verstanden und stigmatisiert!

Ist der ELN, der sich Camilo Torres angeschlossen hatte, überhaupt vergleichbar mit heutigen „Guerilla-Bewegungen“ in Kolumbien?

Es sind wenige Dinge, die noch heute mit dem ELN zur Zeit von CTR gemeinsam sind. Ich glaube, ein Element, das sich durchgehalten hat, ist die Verachtung für den Geistige (la intelectual). Die Guerilla des ELN ist eine solche, die vor allem von Campesinos geformt ist, die ohne große ideologische Bildung sind. Sie entscheiden sich, beim ELN mitzumachen, nicht nur, um „die Revolution zu machen“, sondern um etwas zum Leben zu haben. Ich beziehe mich nicht darauf, dass der ELN ein irreguläres Söldner Heer ist. Ich beziehe mich auf eine ideologische Schwäche, sie hält sich im ELN. Wenn der ELN noch Personen anzieht, dann wegen der Möglichkeit, sich vor den Misständen der Regierung zu verteidigen und um die Territorien zu kontrollieren, zu denen das Militär der Regierung nicht viel Zugang hat.

Kann die Beschäftigung mit der „ganzen“ Person von Camilo Torres ein Beitrag sein, dass Kolumbien zum inneren Frieden und zur Gerechtigkeit findet?

Es wäre geradezu ideal , wenn die Gestalt des Camilo Torres mehr Berücksichtigung fände in der aktuellen politischen Debatte in Kolumbien. Trotzdem: Es ist schwierig. Denn die großen Massenmedien und die katholische Kirche Kolumbiens stellen ihn nicht so dar, dass er mehr ist als einn „Guerilla-Pfarrer“. Man darf auch nicht vergessen, dass CTR in einer reichen kolumbianischen Familie geboren wurde und dass er in seinem Leben nicht nur ein großes Interesse und eine Sorge für die Armen hatte, sondern dass er auch die die Oligarchie attackiert hat. Deswegen wird er von vielen wie ein Verräter betrachtet.

Ich glaube, dass Camilo Torres eine Persönlichkeit ist aus der Generation der 1960 Jahre. Diese Generation suchte die Veränderung Kolumbiens. Es gibt mehrere andere auch, die wie CTR dachten. In diesem Sinne glaube ich, dass man damit beginnen muss, sich nicht nur auf Camilo Torres zu konzentrieren. Man sollte ihn hingegen als Mitglied einer Generation sehen (einer Generation, die für viele als gescheitere Generation gilt)… Diese Generation suchte die Veränderung, die Gerechtigkeit, die Gleichheit. Und noch heute sind seine Ideen gültig, weil er zeigte: Der Konflikt in Kolumbien wird von strukturellen Ursachen bestimmt, und diese Ursachen verpflichten uns auch …zu strukturellen Veränderungen.

Copyright: Juan Camilo Biermann López und Religionsphilosophischer Salon Berlin

Siehe auch das Dokument: Publicaciones sobre CTR 1957-2015.doc

 

Spotlight – der Film. Und über das Fehlen des investigativen Journalismus zu Kirchenthemen in Deutschland

SPOTLIGHT: Der Film.

Über die gute Macht der kritischen Presse und das Fehlen des Recherche-Journalismus in Deutschland….

Ein Hinweis von Christian Modehn

Der große Spielfilm SPOTLIGHT (eigentlich auch ein „gespielter Dokumentarfilm“) beweist: Wenn der politische, der demokratische Wille bei Journalisten geweckt und dann tatsächlich auch gelebt wird, kann durch journalistische Recherche unglaublich Wichtiges und Wertvolles geleistet werden. Das Investigativ-Team der Zeitung „Boston Globe“ (USA) hat allen Einschüchterungen und Angstmachereien der „großen Herren“ ,vor allem in der römischen Kirche von Boston, widerstanden; die Journalisten haben in diesem Umfang sicher als die ersten (2002) der Welt gezeigt: Es gibt einen weit verbreiteten Missbrauch von Kindern durch Priester im Erzbistum Boston. So wurde die Wahrheit frei gelegt, die mit aller Macht zugedeckt und verschwiegen wurde von den Vorgesetzten, also den kirchlichen Bürokraten an der Spitze. Sie werden ja oft „Verantwortliche“ und „Elite“ genannt, ein seltsamer Titel angesichts ihrer Kumpanei, die eigenen Leute, die Kleriker, unter allen Umständen zu schützen. Diese Tatsache erschüttert genauso wie das Leiden der Opfer Mitgefühl weckt und Schmerz. Dass in der Kirche zuerst der Schutz des Klerus gilt, selbst im Falle von Vergehen, Verbrechen oder Mitwisserschaft, trifft noch immer zu, ist eine Tatsache: Allein die Anwesenheit des damals (2001) alles vertuschenden Kardinals Law aus Boston nun in Rom spricht Bände:

„Im Dezember 2002 verließ Law Boston nach Rom und entging somit einer bereits erlassenen Vorladung des Staatsanwalts zum Vorwurf der Beihilfe zum sexuellen Missbrauch von Kindern.(Wikipedia). Der Spotlight Artikel erschien in „The Boston Globe“ Anfang Januar 2002. Von 2004 bis 2011 war Law verantwortlicher Priester in berühmten Kirche Santa Maria Maggiore in Rom.

Man denke auch daran, dass der Nuntius der Dominikanischen Republik, Erzbischof Wesolowski, Kinder in Santo Domingo missbrauchte, nach der Aufdeckung seiner Taten (2013) aber nicht den Behörden der Dominikanischen Republik übergeben wurde, sondern eben schnell nach Rom flog und sich dann im Vatikan versteckte bzw. dort im Hausarrest festgehalten wurde. Er soll, so wird behauptet, eines normalen Todes, Herzstillstand, vor seinem Prozess im Vatikan am 27.8.2015 gestorben sein…Auch dem australischen Kardinal George Pell wird Vertuschung von pädophilen Untaten der dortigen Priester mit vielen Gründen vorgeworfen. Er lebt jetzt im Vatikan, kein Geringerer als Papst Franziskus ernannte ihn am 24.2.2014 zum Leiter der päpstlichen Wirtschaftsbehörden. Das kirchliche Motto des Kardinal heißt bezeichnenderweise: „Nolite timere, fürchtet euch nicht!“

Über den Film SPOTLIGHT ist mit gutem Grund sehr vieles Lob geschrieben worden; wunderbar, dass er einen Oscar in der Kategorie Bester Film erhielt. Selbst die Tageszeitung des Papstes, der Osservatore Romano, empfiehlt den Film oder auch der Erzbischof von La Valetta, Malta, Charles Scicluna. Er fordert sogar, alle Klerikern, sie sollten sich unbedingt den Film anzusehen. (siehe La Croix, Paris, 1.3.2016).

Im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon wollen wir nur aus unserer religionskritischen Perspektive (und der journalistischen auch !) einige weiterführende Fragen stellen:

Gibt es heute überhaupt Recherche-Teams unter Journalistinnen und Journalisten, die für kirchliche Medien arbeiten? Gehört unabhängige Recherche zum Profil eines Journalisten, der in einem der kirchlichen Blätter arbeitet? Wollen die Herausgeber, also die Kirchenleitungen, überhaupt investigativen Journalismus? Wir kennen die Szene als Journalisten auch von Innen her recht gut, und geben uns selbst die Antwort: Nein, investigativen Journalismus gibt es in kirchen-abhängigen Medien nicht, zumindest nicht in Deutschland. Wie ist das zu deuten? Ist Kirchenpresse eine milde Form von Propaganda? Sicher spielt das eine Rolle, und auch die Angst vor der Freiheit des Wortes.

Gibt es investigativen Journalismus in Deutschland zum Thema Religionen und Kirchen in der übrigen, der nicht kirchlich bestimmten Presse? Da könnte sicher mehr geschehen, viele große Zeitungen bearbeiten das Thema Religionen und Kirchen eher nebenbei, abgesehen jetzt von den Reportagen zum Islam… Aber welches Blatt wagt sich an das Thema „Trennung von Kirche und Staat in Deutschland“ wirklich mit einer großen Stoy? Welches Blatt wagt sich mit einer großen Story also über mehrere Seiten an die Frage: Welches Niveau haben heute eigentlich die zahlreichen katholisch-theologischen Fakultäten und Hochschulen? Darf man nach der (gesellschaftlichen und praktisch-kirchlichen) Relevanz vieler der dort geschriebenen Doktorarbeiten fragen? Ist das Kirchliche Gesetzbuch, der Codex, jetzt nicht endgültig vorwärts und rückwärts für den Dr. Theol. durchgebetet, Verzeihung, durchgeackert worden? Oder ein anderes tolles Recherche-Thema: Wie viel Geld verdienen tatsächlich Erzbischöfe und Bischöfe in Deutschland? Und wie viel Grundbesitz und wie viel Vermögen haben die sich arm nennenden katholischen Ordensgemeinschaften in Deutschland?

Darüber sagen die „armen Ordensleute“ naturgemäß nichts. Sie erläutern auch nicht, warum die frommen Leute angesichts des Reichtums der Orden immer noch weiter brav für sie spenden sollen.

Wann werden sich investigative Journalisten an dieses Themen wagen: Den – vielfach so zurecht bezeichneten – Orden der Milliardäre, also den Orden der Legionäre Christi? Wann wird als Fortsetzung zu SPOTLIGHT ein Film, ein dokumentarischer Spielfilm, über den Gründer der Legionäre Christi, Pater Marcial Maciel gedreht, den sogar Papst Benedikt XVI. einen Verbrecher nannte.

Tatsache ist: Von sich aus leistet die katholische Kirche keine umfassende Aufklärung zu den drängenden Fragen, die gesellschaftlich relevant sind. Fehlt es an investigativem Journalismus, dann gibt es auch keine Aufdeckung verdrängter Wahrheiten. Das ist die traurige Wahrheit. So kann, um ein Wort Jesu zu zitieren, die Wahrheit gar nicht freimachen, weil es keinen unabhängigen, ausdauernden und Widerstands-bereiten investigative Journalismus gibt.

Heute sind fähige und tatsächlich auch vom Fach her qualifizierte Journalisten (also Theologen und Religionswissenschaftler oder Philosophen) in Festanstellung (nur die haben die Zeit und das Geld, sich um diese Themen zu kümmern) offenbar kaum noch zu finden … oder sie sind mit Arbeit überlastet.

Wir finden es traurig, dass der verdienstvolle Dominikaner Pater Thomas P. Doyle, der in den USA seit langer Zeit für die Missbrauchsopfer eintritt, in Deutschland nahezu unbekannt ist bzw. unbekannt „gehalten“ wird.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon

Sineb El Masrar: „Emanzipation im Islam“. Ein Gastbeitrag von Monika Herrmann

Probleme benennen statt zu verschweigen. Über das neue Buch von Sineb El Masrar: „Emanzipation im Islam“.

Ein Gespräch mit der Autorin.

Die Fragen stellte Monika Herrmann.

Eine junge Muslima schreibt ein Buch und kritisiert darin ihre eigene Community, ihre Glaubenschwestern ganz besonders. Grund: „Weil sie das unterdrückerische System der Männer im Islam einfach übernehmen und akzeptieren“. Sineb El Masrar fordert Muslimas auf, mal nachzudenken, sich zu wehren. Schonungslos benennt sie die Gewaltstrukturen im Islam, die immer mehr Frauen akzeptieren. Die Folge: Viele von ihnen schließen sich radikalen Gruppen an.

Frage: In Ihrem Buch reden Sie Klartext und kritisieren nicht nur die Männer im Islam, sondern auch das Verhalten der Frauen. Haben Sie nicht Angst, dass Sie sich damit viele Feinde machen?

Sineb El Masrar: Nein, überhaupt nicht, ich stelle ja keine Behauptungen auf, sondern belege im Buch die Tatsachen ganz offen. Also das, was wirklich passiert. Punkt. Wie die Akteure das dann wahrnehmen, wird man sehen.

Trotzdem: Es geht im Buch knallhart gegen muslimische Männer, die keine Scheu haben, Gewalt gegen Frauen auszuüben. Und viele lassen sich das auch gefallen. Was läuft da eigentlich?

Ja, das frag ich mich natürlich auch. Aber es gibt bei vielen Muslimas eben diese sozialen Zwänge, Abhängigkeiten, wenig Selbstbewusstsein. Anders sind diese teilweise debilen und unterwürfigen Positionen der Frauen nicht zu erklären. Ich sage deshalb: irgendwo müssen diese Frauen, die das alles erdulden, wohl auch psychische Traumata erlebt haben, wenn sie sagen: Ja, ich erdulde alles und befolge das, was die Männer mir vorgeben.

Es gibt Muslimas, die diese Unterdrückung nicht mitmachen, die sich wehren. Haben sie gar keinen Einfluss auf ihre Schwestern, die anders ticken?

Das Problem: Es gibt wenig Solidarität unter diesen Frauen. Aber das ist wie in der Frauenbewegung oder in der Familie überhaupt. Selbst unter Feministinnen ist frau sich nicht immer einig. Bei muslimischen Frauen ist das nicht anders. Ihr sozialer Hintergrund spielt oft eine große Rolle.

Im Buch heißt es, dass viele muslimische Männer der Meinung sind: Gewalt gehöre zum Islam, eben auch Gewalt gegen Frauen. Die Männer begründen das mit Inhalten im Koran.

Diesen Schwachsinn geben die Herren tatsächlich von sich. Wir sollten allerdings fragen, warum sie den Koran so interpretieren. Was liegt da vielleicht auch psychisch bei ihnen im argen, in der Erziehung, in der Sozialisation? Wie war die Beziehung zur Mutter, in der eigenen Community? Da liegt, glaube ich, der Hund begraben. In diese Richtung müssen die Fragen gestellt werden, warum diese Männer so sind wie sie sind und warum bestimmte junge Frauen ihren Verhaltensweisen folgen.

Sie sagen, dass selbst gebildete Frauen, oft nicht den Mut haben, sich zu wehren. Auch jene, die in Westeuropa, in Deutschland aufgewachsen sind, übernehmen vielfach die Vorgaben der Männer.

Genau. So ist es. Viele Frauen wünschen sich Anerkennung von Männern. Aber: Wenn ihnen ein Mann sagt, sie sollen das und das machen, weil Allah sie bei Verweigerung verfluchen würde, dann frag ich mich schon, warum diese Frauen nicht mal an die Urquellen ihrer Religion gehen. Dort würden sie nämlich diese Drohung nicht finden. Aber die meisten Frauen forschen eben nicht nach und vertrauen der falschen Sicht der Männer, die sich als Tradition durchgesetzt hat, aber deshalb nicht unhinterfragt bleiben muss.

Es gibt eine Stelle im Koran, die das Schlagen der Frauen erlaubt.

Ja, aber Koranverse sind manchmal auch widersprüchlich und interpretierbar. Im Koran wird auch dazu aufgefordert, den Verstand, den wir von Gott bekommen haben, zu benutzen. Interessant ist nun, dass bestimmte Männer und Gelehrte im Islam zu den Schlussfolgerungen kommen, Frauen zu kontrollieren, zu unterdrücken. Interessant auch, dass andere Gelehrte, die viel frauenfreundlicher waren und sind, gerne mal ignoriert oder gar angegriffen werden.

Die Ereignisse in Köln haben dazu geführt, von einem sehr radikalen Islamverständnis im arabischen Raum zu sprechen. Männer mit diesen Wurzeln stehen mit ihrem frauenfeindlichen Verhalten besonders in der Kritik.

Frauenrechte sind nicht in allen arabischen Staaten selbstverständlich. Besonders schwierig ist es in Afghanistan, Pakistan oder in Saudi Arabien. In Marokko gab es vor vielen Jahren eine Reform des Familienstands-Gesetzes. Im Moment wird dort das Erbrecht reformiert. Hintergrund: Frauen sollen mehr Rechte bekommen. Das zeigt, dass in einigen arabischen Staaten auch eine kritische Auseinandersetzung mit der Situation der Frauen stattfindet. Aber bis dieses Denken auch in jede Ecke der Länder durchdringt, das braucht Zeit. Die sozialpolitischen und gesellschaftlichen Zustände in diesen Ländern sind einfach nicht mit europäischen Verhältnissen zu vergleichen.

Stimmt mein Eindruck, dass nach den Silvesterereignissen in Köln über Männergewalt, Frauenunterdrückung auch in der muslimischen Welt mehr und kritischer geredet wird, vielleicht auch mutiger?

Viele Muslime haben immer schon die religiös begründete Gewalt innerhalb des Islam kritisiert. Was in Köln passierte, hängt jetzt nicht unbedingt mit der Religion der Männer zusammen. Diese Männer haben das getan, weil sie ohnehin mit Frauen respektlos umgehen, vielleicht unter Drogen- und Alkoholeinfluss standen. Das war einfach eine sehr aggressive Truppe von Männern, die keinerlei Respekt vor Frauen haben. Man kann dann natürlich fragen, ob es eine Legitimation für solches Verhalten im Islam gibt.

Und – gibt es die?

Natürlich nicht. Doch es gibt auch Prediger oder Gelehrte, die sagen: Wenn eine Frau zu später Stunde rausgeht und sich nicht verhüllt, darf sie sich nicht wundern, dass sie angegriffen und belästigt wird. Ich sage da: Stopp, selbst eine Frau, die nackt rausgehen würde , ist nicht einfach verfügbar.

Auch in Flüchtlingsunterkünften gibt es Übergriffe. Frauen werden von Männern angemacht, sexuell belästigt. Es heißt, die vielen allein reisenden jungen Männer toben sich jetzt aus.

Ich behaupte, dass diese Männer auch in ihren Herkunftsländern Frauen belästigen und erniedrigen. Das gibt es dort überall und zu jeder Stunde. Hierzulande ebenso, nur oftmals nicht so plump. Man muss jetzt mit solchen Männern ernsthaft sprechen, ihr Verhalten verurteilen. Auch die muslimische Gemeinschaft muss sich damit auseinandersetzen. Wichtig ist mir zu sagen: Ja, es gibt diese Männer. Die tun das, weil sie keinen Respekt vor Frauen haben. Aber es gibt eben auch eine sehr große Zahl von muslimischen Männern, die das verurteilen und sich sofort dagegen positionieren, wenn sie so etwas mitbekommen. Also ich differenziere da, was nicht bedeutet, über die Schieflage nicht zu reden. Deshalb habe ich auch das Buch geschrieben. Und mir war auch wichtig, im Buch Namen zu nennen, damit nicht wieder alle Muslime über einen Kamm geschert werden.

Was können und sollten die Islamverbände tun, die es in Deutschland gibt?

Ehrlich gesagt, von ihnen erwarte ich momentan nicht viel. Ich finde, die Verbände stecken Muslime eher in einem zwanghaften Korsett, das sie an der Integration hindert. Sie wollen nicht das verbindende, sondern eher das trennende. Es ist aus meiner Sicht auch nicht hilfreich sie in die Integrationsarbeit mit Flüchtlingen einzubinden. Ich bin der Meinung, dass die Islamverbände sich selbst erst finden und integrieren müssen, bevor sie andere integrieren. Sie verbreiten ein Islamverständnis, das genau das Gegenteil von Versöhnung, Pluralismus, Integration und Demokratie ist. Sie verbreiten einen Islam, der zum großen Teil nicht nur konservativ, sondern auch islamistisch und salafistisch ist.

Sie informieren im Buch auch über die Muslim-Schwestern, die mit den radikalen Muslim-Brüdern zusammenarbeiten. Was passiert da?

Sie verbreiten gemeinsam mit den Männern ein radikales Islamverständnis. In Deutschland sympathisieren viele von ihnen oft unbewusst mit dieser Ideologie, weil sie auf der Suche nach Identität sind. Frauen verhüllen sich mit der so genannten Niqab. Problematisch ist aber, dass ihre islamistischen Positionen nicht immer offen gelegt werden und deshalb oft unkritisiert bleiben. In unserer deutschen Gesellschaft gibt es da viel Aufklärungsbedarf. Denn inzwischen konvertieren ja auch Nicht-Muslime zum Salafismus und sympathisieren auch mit den Rechtspopulisten.

Deshalb vergleichen sie im Buch den Nationalsozialismus mit dem Salafismus und dem Dschihadismus. Ziemlich gewagt. Welche Parallelen sehen Sie?

Es gibt im Salafismus und Dschihadismus einen sehr starken Antisemitismus, übrigens auch bei der Muslimbruderschaft. also eine Erscheinung, die es auch bei den Nazis gab und bei den heutigen Rechten. Ihr gemeinsames Motto: Man muss Feindbilder aufbauen, um sich über andere zu erhöhen und um Menschen zu mobilisieren. Ein faschistoides Gedankengut – eindeutig. Aber man muss das benennen. Wir leben in einer Demokratie, wo Pluralismus und Religionsfreiheit, aber auch die Freiheit nicht religiös zu sein, gewährleistet sein muss. Wenn man das als ein Problem nicht darstellt, dann hat unsere Gesamtgesellschaft ein Problem.

Bedeutet das, dass Pegida-Anhänger und AFD-Mitglieder den Salafisten sehr nahe stehen?

Gewissermaßen ja. Es gibt viele Muslime, die die AFD Positionen zu Familie, Medien und Erziehung eigentlich gut finden und sie auch wählen und unterstützen würden, wenn sie nicht so Anti-Islam wären. Sie finden ihr Familienmodell gut, aber auch den Aufruf zur Schließung der Grenzen. Sie sind gemeinsam gegen Homosexualität und bevorzugen alte konservative Rollenmodelle. Der Salafismus ist ja an sich rassistisch, weil er sagt, wir haben das einzig richtige Islamverständnis und alle anderen Rechtsschulen im Islam lehnen Salafisten ab. Also ein Salafist ist bereits ausgrenzend innerhalb der eigenen muslimischen Vielfalt.

Ein ziemliches Horrorbild. Wie wird die Zukunft aussehen? Droht ein Religionskrieg?

Ich will keine Panik verbreiten. Aber die Dinge, die im Buch nachzulesen sind, müssen einfach mal offengelegt werden, um die Menschen zum Nachdenken zu bringen. Auch die Muslime. Die meisten von ihnen wollen ja einfach nur gute Gläubige sein. Aber viele Akteure missbrauchen das. Ich will deutlich machen: Hier gibt es ein Problem und darüber müssen wir reden. Wenn wir uns alle damit auseinander setzen, wird es auch keinen Religionskrieg geben. Wir dürfen einfach keine Angst davor haben, alles zu hinterfragen. Wenn wir das nicht tun, nehmen wir allerdings diejenigen in Schutz, die nichts Gutes wollen.

Sineb El Masrar, Emanzipation im Islam – Eine Abrechnung mit ihren Feinden, Herder, 320 Seiten, 24,99 €

Sineb El Masrar (34) wurde als Tochter marokkanischer Einwanderer in Hannover geboren. Sie lebt und arbeitet heute in Berlin, ist Journalistin und Autorin und leitet das Online-Magazin Gazelle.

Mexiko: Das Land der Legionäre … Christi

Mexiko: Das Land der Legionäre … Christi

Ein Hinweis von Christian Modehn

Eine Lektürempfehlung für alle, die Spanisch lesen können: Ein Beitrag (2014 publiziert)  von dem berühmten Recherche-Journalisten Raul Olmos (Mexiko)  über das Finanzimperium der Legionäre Christi, klicken Sie hier, auch mit hübschen Fotos.

Papst Franziskus besucht vom 12. bis 18. Februar 2016 Mexiko, sicher mit wichtigen Begegnungen in der Drogen-Stadt Ciudad Juarez oder in Chiapas, wo die Indigenas heftigsten Verfolgungen der Regierungen ausgesetzt waren. Und der „Indio-Bischof“ Ruiz vom Vatikan bedrängt, wenn nicht verfolgt wurde. Aber Papst Franziskus besucht auch das Land, das die Opfer des sexuellen Mißbrauchs in der römischen Kirchewelt stets im Kopf und in der verwundeten, zerstörten Seele haben, das Land, in dem der immer noch existierende Orden „Legionäre Christi“ von dem mexikanischen jungen Mann Marcial Maciel vor 60 Jahren gegründet wurde. Fehlt nur noch, dass der Papst an Legionärs-Geburtstagsparties in Mexiko-Stadt, etwa an der edlen Privatuni des Ordens, teilnimmt.

Der Ordensgründer Marcial Maciel wurde selbst von dem eher feinsinnigen und moderaten Papst Benedikt XVI. als unwürdiges Geschöpf und gar als Verbrecher bezeichnet, zu lang ist die Liste seiner Jahrzehnte langen Verbrechen an Knaben, zu lang die Liste seiner Betrügereien, seiner grenzenlosesten Habgier .. und die Liste seiner dem Anschein nach frommen Bücher usw. Der Religionsphilosophische Salon Berlin hat über die Gestalt Pater Maciels, eines ganz dicken Freundes von Papst Johannes Paul II. und etlicher Kurien-Kardinäle, seit 10 Jahren berichtet.

Wir weisen anläßlich der Reise des Papstes nach Mexiko, förmlich DAS Legionärsland immer noch, auf ein wichtiges Buch über den Milliarden Dollar-reichen Orden eines mexikanischen TOP-Journalisten hin…. und fragen uns, warum denn eigentlich kein Verlag deutscher Sprache, kein ARD Sender, kein kompetenter Regisseur wie etwa Ulrich Seidl sich dieses Themas annimmt. Nirgendwo ist die Korruption im römischen System deutlicher mit Händen zu greifen als bei den Legionären Christi. Der mexikanische Recherche-Journalist Raul Olmos hat inzwischen (2015) eine umfangreiche Studie als e book über das Finanzimperium der Legionäre Christi publiziert. Bisher hat sich kein Verlag in Deutschland für diese Studie interessiert…Wir erinnern noch einmal daran, dass schon 2001 der spanische Journalist Alfonso Robles Torres in seiner Studie („La prodgiosa aventura de los Legionarios de Cristo, Madrid FOCA) darauf hinwies, dass der mexikanische (aus dem Libanon stammende) MultiMILLIARDÄR Carlos Slim und seine Familie mit dem korrupten Ordensgründer Marcial Maciel eng freundschaftlich verbunden war, „como el sacerdote de cámara de la familia Slim“, Seite 51, also „wie ein Hausgeistlicher der Familie Slim“. Das Vermögen der mexikanischen Familie Slim wird auf 60 Milliarden Dollar (2008) geschätzt, so die Pariser Zeitschrift aus dem Haus Le Monde, „Manière de voir“, Juin 2008, Seite 45).

Für weitere Informationen klicken Sie bitte hier.

Der Moskauer Patriarch Kyrill, Profil eines Putin-Theologen

Der Moskauer Patriarch Kyrill, Profil eines Putin-Theologen

Ein Hinweis von Christian Modehn

Am 12. Februar 2016 treffen sich Papst Franziskus und das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche, Patriarch Kyrill, in Havanna. Der Papst macht eine Zwischenlandung auf dem Weg nach Mexiko, der Patriarch hält sich zu  einer Art Freundschaftsbesuch bei den Brüdern Castro auf. Für Rom ist seit Jahren das sehr dringende Verlangen bekannt, Weiterlesen ⇘

Der Leichnam Pater Pios im Petersdom ausgestellt: Eine Scharlatanerie?

Der Leichnam Pater Pios (1887-1968) wird im Petersdom ausgestellt: Eine Scharlatanerie?

Ein Hinweis von Christian Modehn, im Februar 2016.

1.

Es ist ein merkwürdiges und bedenkenswertes Zusammentreffen zweier Ereignisse: Beide dokumentieren auf verschiedenen Ebenen die unvernünftig erscheinende Glaubenspraxis im Vatikan: Am 30.1. 2016 gibt es Massendemontrationen in Italien gegen das Vorhaben der Regierung, auch in diesem Land endlich – sozusagen als Schlußlicht in Europa bei diesem Thema – die eingetragene Partnerschaft von Homosexuellen gesetzlich zu ermöglichen. Der Vatikan ist mit üblichen Argumenten sozusagen der Lieferant ideologischer, religiöser Weisheiten. Aus der schlichten Beschreibung im Alten Testament „Als Mann und Frau schuf Gott die Menschen“ (Genesis, 1,27) wird wie üblich und dumm gefolgert: Also kann es deswegen nur eine Ehe von Frau und Mann geben. Von der damals einzig möglichen Heteroehe ist in diesem Bibel-Vers(verfasst ca. 500 vor Christus) keine Rede. Aber der Vatikan entnimmt der Bibel seine Weisheiten, wie es ihm, demVatikan, gefällt.

2.

An dieses Thema traut sich kein katholischer Theologe „ran“: Die merkwürdige angeblich wundertätige Gestalt des süditalienischen Kapuziner-Paters Pio ist für katholische Theologen tabu. Wovor haben diese gut bezahlten Uni-Professoren Angst? Mit diesem angeblich stigmatisierten Kapuziner, der, empirisch erwiesen, in Italien auch heute noch mehr Verehrung findet als Christus oder Maria,  befassen sich „nur“  Soziologen, Historiker oder Kunsthistoriker, wie etwa Urte Krass, Stigmata und yellow press. Die Wunder des Pater Pio“. Bibliographische Hinweise am Ende dieses Beitrags. Wichtig ist das Buch des Historikers Sergio Luzzatto, das nun nach der italienischen Erstausgabe auch in Frankreich publiziert wurde: „Padre Pio. Miracles et politique à l`age laic“, erschienen bei Gallimard , 528 Seiten, 30 €. Das Buch setzt die Gestalt dieses Kapuziners in den historischen Kontext, in dem es das Bedürfnis gab, einen Heiligen zu „schaffen“; es beschreibt auch die Anstrengungen derer, die Pater Pio – sicher aus finanziellen Gründen – in die Gestalt eines zweiten Christus erhöhen wollten.  Der Autor zeigt, wie die Faschisten sich der Gestalt Pater Pios bemächtigten.

3.

Der Religionsphilosophische Salon als Ort der Religionskritik hat sich mit Pater Pio schon seit Jahren mehrfach befasst. Diesmal ein aktueller Hinweis:

Man glaubt es kaum, schon gar nicht bei dem angeblich progressiven Papst Franziskus: Da wird der Leichnam (im Glaskasten) Padre Pios, des Volksheiligen aus Süditalien und Idols u.a. aller Taxifahrer und Mafia-Bosse, aus Süditalien in den Petersdom transportiert und vom 8. bis 14. Februar 2016 ausgestellt, anläßlich des so genannten Heiligen Jahres der Barmherzigkeit. Reliquien, eine einbalsamierte Leiche,  soll also den Gedanken der Barmherzigkeit befördern. Auf welchem theologischen Niveau bewegen sich die Herren des Vatikans eigentlich? Oder geht es nur um Werbung für die Kunstschätze des Vatikans und Roms im Heiligen Jahr? Um mehr Geld in den Kassen des Vatikans und der römischen Hotelbetriebe, zu denen bekanntermaßen heute sicher hundert Klöster gehören. Die Klöster stehen fast leer, und werden in komfortable 4 bis 5 Sterne „Herbergen“ verwandelt, die Augustiner, die Nachbarn des Papstes, taten es in Rom, die römischen Franziskaner (die bei dem Projekt pleitegingen) und viele andere…Mit Pater Pio, bei vielen sehr schlichten und weniger schlichten, frommen Gemütern, lässt sich Geld machen…

4.

Religionsphilosophen fragen sich, hat mit dieser Darbietung eines Leichnams in der katholischen Hauptkirche die Vernunft nun endgültig den Vatikan verlassen? Muss der Papst sich so populistisch geben und vielleicht dabei noch konservativere Leute dort versöhnen, dass er den Leichnam Padre Pios, sichtbar und zentral im Petersdom ausstellt? Um was zu bewirken? Dass die naiv gemachten und von ihren Pfarrern ungebildet gehaltenen Frommen dort vor der Leiche beten, den Heiligen bitten und anflehen, seine jetzt nicht mehr blutenden Wunden betrachten und vergessen… dass dieser Mann ein Scharlatan war? Davon sprechen viele Studien, selbst einst die Päpste.

5.

Manche Beobachter fragen: Wie lange will der Vatikan heute eigentlich noch die Nerven der Protestanten strapazieren mit solchen irrigen Kulten um einen heilige Scharlatan? Ist alles Reden von Ökumene im Vatikan nichts als Gerede, indem man genau die Dinge heute ausdrücklich wieder tut, die Martin Luther zurecht verurteilte, wie das Ablasswesen (die „heilige Pforte durchschreiten“ usw)., denn auch der Ablass ist bekanntlich wieder so beliebt und eben den Kult um angeblich heilige Leichname bzw. Skelette fördert. De facto sind sich die getrennten Kirchen offenbar bis heute nicht näher gekommen. Das sagt auch jetzt Kardinal Müller, der oberste Glaubenshüter in Rom, wenn er sich die Einheit der Christen nur als Rückkehr zum Papst vorstellen kann. Kurz und gut, warum wagt es kaum jemand zu sagen: Die Ökumene ist nichts als ein schöner, frommer „Schein“? Vielleicht eine Art theologischer Zeitvertreib? Hübsch, wenn man sich zu Konferenzen mit den ewig selben Themen trifft usw. Es geht letztlich unausgesprochen, aber sichtbar im Handeln im Vatikan, nur um die pure Vorherrschaft Roms, eines Roms, som, wie es eben „immer schon war“.

6.

Wir haben schon vor einigen Jahren auf diesen merkwürdigen „Volksheiligen“, der als Priester kaum ein vernünftiges Wort predigen konnte, angeblich mit den Wunden Christi ausgestattet,  aufmerksam gemacht. Zur Lektüre klicken Sie bitte hier.   

Interessante Hinweise, etwa zur Kritik der Päpste an diesem Scharlatan, bietet auch ein Beitrag aus Stuttgarter Zeitungvon 2015, klicken Sie hier.

Wir empfehlen die Lektüre des Beitrags von Urte Krass, „Stigmata und yellow press. Die Wunder des Pater Pio“  in dem Sammelband aus dem Suhrkamp Verlag (2011), hg von Alexander C.T.Geppert und Till Kössler, dort Seite 383-394. Diese Studie von Urte Krass (München) sollte jedem Besucher der wundertätigen Leiche Pater Pios im Petersdom als Pflicht-Lektüre überreicht werden. Geld genug dafür haben ja die Kapuziner mit ihrem „Wunderpriester“, der auch über seinen Tod hinaus für eine wunderbare Geldvermehrung der völlig naiven Frommen seit Jahrzehnten sorgt.

7.

Die Protestanten sollten im Umfeld des Reformationsgedenken 2017 (und des „Ökumenischen Kirchentages“ 2017) diese Studie lesen, um sich einen Eindruck zu machen, was heute so alles wichtiggefunden wird in der katholischen Volksspiritualität, mitten im Petersdom, mitten in Italien… Diese total irrationale Volksfrömmgkeit wird amtlich, päpstlich,  gefördert …. weil sie soviel Geld-Segen bringt. Bekanntlich hat ja das riesige Krankenhaus in San Giovanni Rotondo und die dortige „wunderbar-große“ Kirche des Stararchitekten Renzo Piano viele Millionen verschlungen…

Ergänzungen am 6.2.2016:  Was sagt der (angeblich progressive) Papst Franziskus von Pater Pio: Ein Zitat aus kath.net: „Nachdem am gestrigen Freitag (5.2.2016) die Reliquien von Pater Pio und Leopold Mandic in Prozession in die Petersbasilika gebracht wurden, wo sie bis zum 11. Februar bleiben werden, begrüßte Papst Franziskus die Gebetsgruppen des heiligen Pio in einer Audienz auf dem Petersplatz. In seiner Ansprache an die Zehntausenden von Pilgern unterstrich der Papst, dass Pater Pio ein „Diener der Barmherzigkeit gewesen sei. Durch das „Apostolat des Hörens, den Dienst der Beichte, sei Pater Pio eine „lebendige Liebkosung des Vaters“ gewesen, der die Wunde der Sünde heile und das Herz mit seinem Frieden aufrichte. Der heilige Pio habe dies tun können, da er immer mit der Quelle verbunden gewesen sei. Er habe ständig seinen Durst am gekreuzigten Jesus gestillt und sei so zu einem „Kanal der Barmherzigkeit“ geworden“. Er habe das Geheimnis des Schmerzes gelebt, den er aus Liebe aufgeopfert habe. So sei sein kleiner Tropfen zu einem großen Fluss der Barmherzigkeit geworden“.

8.

Und der „Fluss der Barmherzigkeit“ strömt nach Rom zur Leiche Pater Pio, berichtet ebenfalls kath.net am 6.2.2016: „Pilgeransturm zur Reliquie übertrifft Erwartungen. Fünf Stunden Schlangestehen für fünf Sekunden bei der Pater-Pio-Reliquie. Zehntausende nehmen dies auf sich. Von Stefanie Stahlhofen (KNA). 450 Kilometer hat Filomena für diesen Augenblick hinter sich gebracht. Aus Lagonegro in der Basilikata ist die 65-jährige nach Rom gekommen, um die Reliquie des Heiligen Pater Pio (1887-1968) zu sehen. Dreieinhalb Stunden lang stand sie in der Schlange, andere sollen fünf Stunden gewartet haben. Egal. Filomenas Augen strahlen. «Seelenruhe» habe Pater Pio ihr gegeben, sagt sie. Der Glassarg ist kaum zu sehen vor lauter Menschen. Sie hinterlassen Blumenschmuck und kleine Zettel, pressen einen Schal, eine Hand mit oder ohne Rosenkranz, ein Heiligenbild gegen den Schrein. Sie knipsen Fotos mit dem Handy, murmeln ein Gebet. Vor ihnen der Anblick von Pios Leichnam in der typischen Kutte, die schwarz gewordene Hand über der Brust gefaltet. Eine Silikonmaske verdeckt das Gesicht. Sie verleiht dem Heiligen mit dem grauen Bart einen friedlichen Gesichtsausdruck“.

Für Philosophen: Wie der Philosoph G.W.F. HEGEL den Reliquienkult deutet, lesen Sie hier.

Siehe auch die große Studie „Contestation d un culte“, von Christopher McKevitt, in: „La fabrication des saints“, Mars 1995, herausgegeben von Ministère Culture, Maison deu Patrimonie, Paris.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin